5. Fazit und Ausblick in:

Pia Lütkebomert

Herbert Marcuse in der Theoriediskussion um die sexuelle Befreiung der Frau, page 65 - 74

Eine Spurensuche in heutigen feministisch-utopischen Theorien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4362-2, ISBN online: 978-3-8288-7319-3, https://doi.org/10.5771/9783828873193-65

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
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Fazit und Ausblick „Let me be your ruler (ruler) You can call me Queen Bee And baby I'll rule, I'll rule, I'll rule, I'll rule Let me live that fantasy“ [eigene Hervorhebung] (Lorde 2013) Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Mehrwert Marcuses für eine feministische Utopie darin besteht, dass er die gegenwärtige Gesellschaft analysiert, wonach diese totalitär, böse und menschenfeindlich ist, stets neue Verhältnisse der Abhängigkeit (vom Arbeitgeber) und Konsumbedürfnisse, und somit auch immer neue Zwänge, erzeugt. Dies hat zur Folge, dass die Menschen die fehlende Freiheit gar nicht wahrnehmen. Diese Arbeit zugunsten des Systemerhalts hat auch Auswirkungen auf Sexualität, Liebe und Partnerschaft: So ist die Sexualität ausschließlich genital, dient somit ausschließlich der Reproduktion (die Sexualität hat somit nicht mehr ihren vorindustriellen Zweck, als Menschen in Herden lebten und ein Matriarchat bestand (vgl. Marks 1970: 44–45)). Daneben ist es die einzige Funktion von Frauen in der modernen Industriegesellschaft, sexy und für den Mann sexuell verfügbar zu sein. Da dies den Menschen nicht die notwendige (emotionale) Erfüllung bringt, entsteht Aggression, die zwar Marcuse vorrangig im Aufkommen militärischer Gewalt sieht, aber in Rahmen von Beziehungen nicht a priori ausschließt. Zuletzt ist es in Anbetracht der täglichen Arbeitszeit den (heterosexuellen) Paaren nicht möglich, Zeit ‚füreinander‘ zu finden, worunter die Beziehungen der Menschen untereinander in Neid oder auch in Gewalt ausarten können. Neben der sexuellen hat die moderne Industriegesellschaft Marcuse zufolge auch eine politische Dimension in Gestalt von mangelnder Opposition und ‚Homogenisierung‘ der Gesellschaft. Ausgehend von dieser Analyse erkennt Marcuse ein Fluchtbedürfnis der Menschen aus den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umständen, um die 5. 65 Menschheit (und nicht bloß die Individuen) zu retten. Zwar hatten bisherige Revolutionen Marcuse zufolge auch schon eine Rettung beabsichtigt, sind allerdings gescheitert. Um eine neue Gesellschaft, die Great Society, durchsetzen zu können, bedarf es neuartiger Menschen, die zum einen die alte Gesellschaft negieren und zum anderen die besonderen Fähigkeiten von Frauen, die feministischen Qualitäten, als Heilmittel für eine bessere Gesellschaft erkennen und wertschätzen, welche durch die monotone und libidofeindliche Arbeit frei geworden sind. Hieraus erwächst in der Folge die Große Weigerung gegen das alte System per se, sowie eine (nicht näher von Marcuse beschriebene) Radikalität und eine Implementierung der sensibility, die vom Individuum ausgehende Bestimmung des eigenen Lebens. Ein weiterer Mehrwert der Great Society für die sexuelle Befreiung der Frau ist, dass hier die Menschen frei von Fremdbestimmung sind, frei mit ihrer Lust experimentieren können und nicht mehr zugunsten der modernen Industriegesellschaft aufopfern müssen (sondern nur gemäß ihrer eigenen Fähigkeiten arbeiten), wodurch sich auch die Lebensqualität erhöht. Zwar weisen die beiden zur Analyse herangezogenen zeitgenössischen feministischen Utopie-Entwürfe für eine sexuelle Befreiung der Frauen Ähnlichkeiten zu Marcuses Überlegungen auf, jedoch überwiegen hier die Unterschiede. Die größten inhaltlichen Übereinstimmungen gibt es mit Blick auf die Gesellschaftsanalyse, wobei Marcuse hier konkreter ist und seine Analyse sich auf mehrere Dimensionen erstreckt. So geht Preciado von der von ihm abzuschaffenden heterozentristischen Weltordnung aus, nach welcher weibliche Körper in Lustzonen unterteilt sind und zur sexuellen Stimulation und Befriedigung des weißen, reichen und heterosexuellen Playboys dienen und Frauen wirtschaftlich und gesellschaftlich das Nachsehen haben. Demgegen- über gibt es in Allens Darstellung des Status‘ quo vielerlei Leerstellen, wenngleich sie die gegenwärtige Gesellschaft als ungerecht charakterisiert. Da sie aus dem Studium bisheriger Konzeptionen von Macht und Herrschaft gegenüber Frauen eine Einseitigkeit folgert, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, eine Anleitung zu entwickeln, mit deren Hilfe Frauen gesellschaftliche Macht erlangen und inne halten können. Nichtsdestotrotz besteht der von ihr vorgesehene erste Schritt darin, den Staus quo zu verstehen, um, darauf aufbauend, Kritik zu äußern, 5. Fazit und Ausblick 66 sodass am Ende das System dekonstruiert werden kann. Für den Übergang gibt es bei Preciado und Marcuse Einigkeit über den Grund für die Transformation, allerdings nicht hinsichtlich der gesellschaftlichen und kognitiven Prozesse und in der praktischen Durchführung. Die Einigkeit bezieht Preciado darauf, dass eine „Gleichwertigkeit“ (Preciado 2003: 11) (im Unterschied zur Gleichartigkeit) aller gestiftet werden soll. Der größte Unterschied von Marcuse und Preciado liegt aber auf der Präferenz von Kognition und Praxis: Bei Marcuse überwiegt in Gestalt der Großen Weigerung die Kognition, während bei Preciado, in Form des Dildos und der Resexualisierung des Anus‘, der Kern auf der Praxis liegt. Den größten Unterschied von Marcuse und Allen gibt es im Hinblick auf den Übergang gen Utopie: So sieht Allen auf Basis der Kritik und als Grundlage der Dekonstruktion ein Tool-Kit vor, welches erstens die gruppenspezifischen Interaktionen (Vordergrundperpektive), zweitens die individuellen Aspekte (Hintergrundperspektive, welche in sich noch fünf Unterkategorien hat) und drittens explizit für Frauen solidarisierend befreiende, aber unklar gefasste, Tools an die Hand reicht (power-over; power-to; power-with). Große Unterschiede gibt es auch mit Blick auf die ausgestaltete Sexualität in den konkreten Utopien (gesamtgesellschaftlich wie bei Marcuse der Fall sind Preciados und Allens Entwürfe nicht angelegt): So hat Preciado eine zeitaufwändige und schmerzvolle Sexualität vor Augen (und insofern die ehemalige Gesellschaft negiert), während es Allen bei den oben beschriebenen Tool-Kit belässt und auf Selbsttransformation vertraut. Kurzum: Preciado sieht in der von ihm gestalteten Kontra-Sexualität einerseits im Sinne Marcuses eine Resexualisierung vor, andererseits zwingt er die Mitglieder zur Ausübung. Demgegenüber setzt Allen auf eine Rückbesinnung auf Solidarität unter Frauen und gibt ihnen einen reichen Instrumentenkasten mit auf den Weg, gegen patriarchale Strukturen zu kämpfen. Anstatt eine Utopie aufzuzeigen, leitet Allen vielmehr an, wie sich die Vorarbeit gen einer für Frauen herrschaftsfreien Zeit gestalten soll. In der Summe besteht der feministisch Mehrwert Marcuses Utopie darin, dass er konkrete Verbesserungen in Gestalt einer Utopie aufzeigt, den Individuen persönliche und sexuelle Freiheiten zugesteht und Frauen verstärkt in die Gesellschaft integriert. Demnach bestün- 5. Fazit und Ausblick 67 de für Frauen auch heutzutage die Hoffnung, sich der männlichen Dominanz zu entsagen und ihre eigenen (sexuellen) Bedürfnisse auszuleben: „As womyn [sic!] begin to experiment with power, learn methods to unite and exchange, to give and take, we are a danger to the status quo. […]. Since our personal power is more evolved than men‘s (probably as a result of oppression, mothering, double-triple culturing) and our sexual power less numbered (while we weren‘t being educated to run the fuck and horde feelings)“ (Gowens 1993: 10). In der Folge soll es Frauen möglich sein, die innehabende Macht zu akzeptieren: „During traditional sex and masturbation, fantasies of power and powerlessness are often important props. They help persuade our bodies to give up power or take it. The fantasies are based on patriarchal definition of power i.e. to have power is to dominate/use; to be powerless is to be humiliated/used“ (Gowens 1993: 11). Falls das Verständnis von weiblicher Sexualität im Stile Fifty Shades of Greys aufrecht erhalten bleibt, hat dies zur Folge, dass es „keine Liebes-, Erregungs- und Sexualkultur [mehr gibt], die den Namen verdient. […]. Wir entscheiden uns, Vernunft, Arbeit und Besitz zu unseren Helden zu machen. Sie sind die Kontrahenten erotischer Sinnlichkeit und sexueller Triebhaftigkeit“ (Sigusch; Weber 2017). Die vorliegende Arbeit ist bedeutsam für weitere Forschung, weil hier erstmals ein auf Basis von Primär- und Sekundärliteratur entwickelter Begriff der sexuellen Befreiung der Frau nach Marcuse vorliegt, welcher zudem seine wichtigsten Werke auf einen Begriff hin vereint und auch anschlussfähig für einen neuen Forschungsstrang sein kann: Feministische Utopie-Theorie. Bisherige Utopie-Entwürfe der Sozialwissenschaft haben die feministische Dimension konsequent verkannt: So argumentieren Popper und Talmon, Tower Sargent zufolge, dass Utopien „depictions of perfect, unchanging societies [seien] based on reason and that, therefore, they were impossible and inhuman and that to put them into efect would require violence“ (Tower Sargent 2012: 19). Darüber hinaus sehen Utopien in den meisten Fällen eine bessere, keine perfekte Gesellschaft vor (vgl. Tower Sargent 2012: 20). Aus marxistischer Sicht ist das Problem, wie Sławeks aufzeigt, dass „the predicament of utopia lies in its freezing the ‚better‘ which loses its dynamic character of the open-ended process“ (Sławek 2012: 49). So erlauben ihm zufolge Utopien, die Gegenwart zu kritisieren, „which is construc- 5. Fazit und Ausblick 68 ted ideologically so that we accept as unchangeable things that benefit specific groups. Utopia suggests that change for the better is always possible, and we need to believe in that possibility“ (Tower Sargent 2012: 22). Diese Kritik an Werten und Vorschriften ist, wie eingangs verdeutlicht, derzeit aus feministischer Sicht, in Anbetracht männlicher Vormachtstellung auf sexueller, politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene notwendiger denn je. So besteht die Absicht von Utopien darin, den Unterdrückten Hoffnung zu geben „and does not wish to abandon the belief in the centrality of politics in the life of human society“ (Sławek 2012: 51). Zwar gibt es derzeit utopische Momente mit Blick auf Anti-Sexismus-Kampagnen, Body Positive-Aktionen und ähnliches, „and they are certainly better than nothing, but if that is all there, we may be in real trouble“ (Tower Sargent 2012: 22). Das Problem von Utopien ist allerdings, dass sie beabsichtigen, über „happiness and truth [zu bestimmen] as well as produce an adequate legal and political system to secure the implementation of these definitions“ (Sławek 2012: 41). Zwar mag Marcuses Verständnis von Frauen auf den ersten Blick einem traditionell konservativen Verständnis entsprechen, weil er emotional orientierte weibliche Stigmata reproduziert, allerdings sind diese Qualitäten der Inbegriff des Widerstandes gegen eine traditionelle Gesellschaftsordnung: So bereitet Rezeptivität den Boden für etwas (radikal) Neues und richtet sich gegen ein menschenfeindliches Produktionsverständnis. Frauen bringen Ruhe in die Gesellschaft, die zuvor von Aggression, Brutalität und Ausbeutung geprägt war. Dies ist für sich genommen nicht nur für die Beziehungen der Menschen untereinander von Vorteil, wenn dies durch die erhöhte Wertschätzung von Frauen der gesamten Gesellschaft zugute kommt, sondern auch der Natur, ohne welche eine Befreiung der Menschen nicht möglich ist (vgl. Farr 2009: 108; auch: vgl. Marcuse 1971: 227; zitiert nach Jansen 2002). Diesem (radikalem) Verständnis folgend meint Ruhe eine allgemeine Entschleunigung, wenn sich alle Menschen gemäß ihrer Fähigkeiten einbringen, aber auch die Zeit, mit der eigenen sexuellen Lust zu experimentieren und sich von dem Zwang der Reproduktion zu entsagen. Reimut Reiches Verständnis von Sensibilität hierauf angepasst, hieße dies, dass mittels Frauen die Erkenntnis kam, gemeinschaftlich in der Gesellschaft zu leben (und nicht jeder nur um sich 5. Fazit und Ausblick 69 selbst bedacht ist) und eine „Beziehung zur Umwelt“13 (Reiche 1968: 438; zitiert nach Kraushaar 1998a) zu entwickeln. Zwar sieht Marcuse darüber hinaus in der Great Society eine Bestrafung der Männer für das gegenüber Frauen in der modernen Industriegesellschaft erlittene Unrecht, Ausbeutung und Unterdrückung vor, allerdings beabsichtigt er keine Rückkehr in ein Matriarchat (die zu vorindustriellen Zeiten bestand), sondern vielmehr ‚das Beste aus allen Welten‘ (keine Feudalordnung, aber Beibehaltung kapitalistischer Errungenschaften), das insbesondere Frauen in der gesamten Gesellschaft zuzuführen. Wie eingangs aufgezeigt, besteht Anschlussfähigkeit zu weiteren Forschungsthemen: Derzeit beschränkt sich der Diskurs um die sexuell befreiende Wirkung von safe spaces auf die LGBTQI-Community, die sich hier frei von Anfeindungen und Dominanz wissen können (vgl. Fox; Ore 2010: 630). Dabei sind auch, wie in der Einleitung aufgezeigt, heterosexuelle Frauen Belästigung, sexueller Gewalt, Sexismus und Diskriminierung ausgesetzt. Daher sind an allen Orten sozialer Interaktion, etwa Clubs, Universitäten und öffentlichen Einrichtungen, safe spaces unverzichtbar, um Betroffenen Sicherheit und Schutz garantieren zu können. In der Folge kann es, mittels diesem künstlich geschaffenen Zufluchtsort „for all of us who are considered outcasts“ (Fox; Ore 2010: 632), zu einem veränderten Bewusstsein und zu einer Sichtbarmachung von Problemen kommen (vgl. Fox; Ore 2010: 630). Diese Notwendigkeit täuscht aber nicht darüber hinweg, dass mit safe spaces die heteronormative Ordnung aufrecht erhalten wird: „safe space discourse continues to operate within a normalizing gaze of a white, masculinist, middle-class subject, rendering queer subjectivity in a most simplistic and reductive manner and producing an illusionary ‚safety‘“ (Fox; Ore 2010: 631). Eine Alternative zu den klassischen safe spaces, wie sie mitunter schon in Clubs zu finden sind, stellt die Party-Reihe hoe_mies dar, wenngleich sich diese primär an die LGBTQI-Community richtet. Die Idee des Veranstalters ist es, „einen Raum innerhalb von Hip-Hop zu schaffen, der sich Frauen* und genderqueeren Personen of Color widmet. […]. […], wir buchen nur unsere eigene Community“ (Brülls 13 Wie oben betont, bezieht sich Umwelt sowohl auf die Interaktion der Menschen untereinander, als auch im ökologischen Sinne. 5. Fazit und Ausblick 70 2018). Hinter dem Namen steht die Überlegung, „sich Begriffe anzueignen, die uns kontrollieren oder schaden. […]. Wir dachten uns: Schluss damit, wir dürfen uns nicht diktieren lassen, wie wir zu leben haben, wie wir uns sexuell auszudrücken haben“ (Brülls 2018). Sicherheit sollen hier safe guards vermitteln, die bei Übergriffen eingreifen (vgl. Brülls 2018). Die gesellschaftliche Problemlösungskompetenz des klitoralen Orgasmus‘ besteht darin, dass hierbei die Lust der Frau im Mittelpunkt steht und mittels dieser Wiederentdeckung der weiblichen Libido (vgl. Sherfey 1974: 220) die Widerstandsqualitäten, von denen bereits Marcuse sprach, der gesamten Gesellschaft nützen. Ferner können die von Marcuse ausgezählten Qualitäten um Selbstbewusstsein ergänzt werden. Von diesen verbesserten Umständen profitieren in der Folge auch Männer, die Frauen zuliebe auf die für den männlichen Orgasmus notwendige vaginale Reibung (vgl. Nolte 2004), stattdessen drückt sich im klitoralen Orgasmus die emotionale (intimisierte) Wertschätzung der Frau aus. Wie bereits Koedt betont, ist die Vagina zu einem eigenständigen Orgasmus nicht in der Lage: „Das sensitive Körperorgan ist vielmehr die Clitoris, sie ist die weibliche Entsprechung zum Penis des Mannes“ (Koedt 1968; zitiert nach Frauenzentrum Berlin 1974: 1). Da dies lange vernachlässigt wurde, manifestierte sich Sexualität dahingehend, dass es männlichen Vorstellungen entspricht: „Anstatt unsere eigene Biologie zu untersuchen, werden wir mit dem Mythos von der ‚befreiten Frau und ihrem vaginalen Orgasmus‘ gefüttert; einem Orgasmus, der in Wirklichkeit gar nicht existiert“ (Koedt 1968; zitiert nach Frauenzentrum Berlin 1974: 2). Gut zehn Jahre zuvor entdeckten der Gynäkologe William H. Masters und die Wissenschaftlerin Virginia Johnson, dass die Klitoris für die sexuelle Lust der Frau verantwortlich ist, nichtsdestotrotz ist es wichtig, beim Koitus, den gesamten weiblichen Körper einzubeziehen (vgl. Moeller-Gambaroff 1977: 22): „This emphasis on anatomy and function worked to establish a notion of natural female sexuality“ (Musser 2012: 6). Anne Koedt argumentiert, dass der vaginale Orgasmus das männliche Ego und die Vormachtstellung gegenüber Frauen symbolisiert (vgl. Musser 2012: 12–13). Demgegenüber haben Frauen im Rahmen der klitoralen Stitumation die Möglichkeit, Kontrolle „of our lives and our bodies [zu übernehmen] that men – through the laws, customs, 5. Fazit und Ausblick 71 and other institutions of a male-ruled society – had appropriated“ (Shulman 1980: 596–597). Daneben betont sie „the potential of the clitoris to undermine the century-long story experts had told about women‘s essential dependency on men and the penis for sexual and emotional fulfillment“ (Gerhard 2000: 466). Hieraus folgert Koedt unter anderem, dass sich Frauen gegen bestimmte, vaginal-zentrierte Sexstellungen (vgl. Koedt 1968; zitiert nach Frauenzentrum Berlin 1974: 2) genauso wehren müssen, wie gegen das Vorspiel, das lediglich den Männern dient „und das zum Nachteil der Frauen arbeitet, da der Mann, sobald die Frau erregt ist, zur vaginalen Stimulation über geht, und er somit sie erregt und unbefriedigt zurückläßt“ (Koedt 1968; zitiert nach Frauenzentrum Berlin 1974: 5), aber auch gegen die Aufrechterhaltung traditioneller Rollenbilder (vgl. Koedt 1968; zitiert nach Frauenzentrum Berlin 1974: 5). Vielmehr ist es aus Koedts Sicht wichtig, dass Frauen eigenständig in ihrer Sexualität und auch in der Lage sind, sexuelle Wünsche und Vorlieben zu äußern: „Koedt argues for radical sexual reform that would prioritize women‘s true sexual fulfillment (clitoral orgasm) instead of defining female sexuality in terms of male pleasure and autonomy“ (Greenspan 2015: 120). Weiter gedacht, erwächst hieraus sexuelle Befreiung im Sinne Marcuses (wenngleich hier keine Great Society am Ende steht, so doch die von Marcuse vorgesehene Bestrafung von Männern für das erlebte Unrecht der Frauen). Koedt selbst sieht allerdings, dass aus dieser sexuellen Praktik folgt, Frauen als vollwertige Personen wahrzunehmen (vgl. Koedt 1968; zitiert nach Frauenzentrum Berlin 1974: 11) und nun Frauen echten sexuellen Genuss erleben können, anstatt Orgasmen vorzutäuschen: „Koedt‘s defense of clitoral orgasm is in the service of mutuality and egalitarian access to sexual enjoyment within the heterosexual couple“ (Greenspan 2015: 120). In der Folge haben es Frauen nicht mehr nötig, sich Vorgaben der Männer zu unterwerfen und weder sich selbst noch ihrem (heterosexuellen) Partner etwas vormachen müssen, und sie stattdessen zu ihren eigenen Gefühlen stehen können (vgl. Sherfey 1974: 55). Sexuell befreiend ist abschließend auch Polyamorie, weil Frauen dieser Lebenseinstellung zufolge autonom über ihre Bedürfnisse bestimmen können und davon ausgehen, dass eine Person nicht allein die Mannigfaltigkeit der Gelüste und Bedürfnisse bedienen kann (vgl. 5. Fazit und Ausblick 72 Fischer 2004: 60), welche nicht allein auf Sexualität begrenzt sein müssen (vgl. Nobel 2016). Der Vorteil gegenüber traditionell monogamen Beziehungen ist, dass diese Regeln unterstehen (vgl. Nobel 2016). Bei polyamorösen Beziehungen wissen die Beteiligten, dass es im Leben des jeweils anderen noch weitere Beziehungsbeteiligte gibt, die allerdings andere Bedürfnisse zu erfüllen wissen (vgl. Nobel 2016). Weitere Unterschiede zu traditionellen monogamen Beziehungen sind, dass polyamoröse Beziehungen stark auf Offenheit „about her sexual behavior, desires, and identity, without apologies“ (Fischer 2004: 60) setzen. Diese Beziehungen sind auf eigene Art romantisch, emotional und sexuell und es bestehen ernstgemeinte und emotionale Übereinkommen, wie sich die Beziehung gestalten soll (vgl. Nobel 2016). Daneben gibt es in der Polyamorie kein besser, nur ein anders, was die Bedürfniserfüllung eines anderen Menschen angeht; Beziehungen werden Nobel zufolge vielfach aus dem Grund aufgekündigt, weil diese Person nicht mehr im Leben gewünscht ist (vgl. Nobel 2016). Leitgedanke ist zudem die stetige Austauschbarkeit von Personen und die spezifische Bedürfnisorientierung, für welche keine Verpflichtungen bestehen. 5. Fazit und Ausblick 73

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References

Zusammenfassung

Pia Lütkebomert bietet eine neue Sicht auf den weitgehend in Vergessenheit geratenen Philosophen, Politologen und Soziologen Herbert Marcuse (1898–1979). Seine Wertschätzung der Frauen stellt in den aktuell misogynen Zeiten einen Gegenpol dar, und gegenwärtige Theoriedebatten profitieren von seiner Sicht auf das gesellschaftliche Miteinander.

Die Arbeit zeichnet zuerst den Begriff der sexuellen Befreiung der Frauen nach Marcuse nach. Dies folgt der Trias bestehend aus Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft, der Phase des Übergangs und der Utopie, welche die Grundlage für die Analyse der herangezogenen zeitgenössischen Ansätze nach Preciado und Allen bildet.

Im Schlussteil gibt die Arbeit einen Ausblick auf weitere Forschungsfragen zur Bedeutung von safe spaces aus heterosexueller Perspektive, dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Praktik des klitoralen Orgasmus, um gesellschaftliche Probleme zu lösen, sowie zu Polyamorie, welche die Individualität weiblicher Bedürfnisse widerspiegelt. Das übergeordnete Ziel der Arbeit ist es, die Leserschaft für feministische Utopie-Theorie zu sensibilisieren.