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Joachim Szidat

Herrschaft und Gehorsam

Historisches und Aktuelles

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4337-0, ISBN online: 978-3-8288-7317-9, https://doi.org/10.5771/9783828873179

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Geschichtswissenschaft Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Geschichtswissenschaft Band 43 Joachim Szidat Herrschaft und Gehorsam Historisches und Aktuelles Tectum Verlag Joachim Szidat Herrschaft und Gehorsam Historisches und Aktuelles Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Geschichtswissenschaft; Bd. 43 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 ePDF 978-3-8288-7317-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4337-0 im Tectum Verlag erschienen.) Gefördert durch den Lotteriefonds des Kantons Solothurn Umschlagabbildungen: Capitol, Washington: José R. Martinez [jrm-photoworks.com] Kapitol, Rom: Ada Foschi, Rom Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Vorwort Bei der Publikation dieses Buches und bei seinen Anfängen spielte Herr Ekkart Zimmermann eine wichtige Rolle. Die Idee dazu entstand aus einem Vortrag, den ich im Juni 2012 vor dem Rotary Club in München (Rotary International Munich) gehalten hatte. Er trug den Titel: „Röm. Republik und Spätantike. Wie gelangt man zur Herrschaft? Eine historische Betrachtung und ihre aktuellen Bezüge.“ Herr Zimmermann hatte mich eingeladen und mich gebeten, zu einem Thema dieser Art zu sprechen. Herr Zimmermann war zuletzt Prof. für Makrosoziologie an der TU Dresden und ist jetzt Emeritus. Herr Zimmermann hat mich nun nach mehreren Jahren auf den Nomos Verlag als Publikationsmöglichkeit für ein Buch verwiesen, das mehr ein Sachbuch als ein Fachbuch sein soll. Der Tectum Verlag, in dem dieses Buch jetzt erscheint, ist ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. Ich hatte Herrn Zimmermann 1996 zu einem Kolloquium eingeladen, das ich zusammen mit Herrn Prof. F.Paschoud zu Usurpationen in der Spätantike veranstaltete (vgl. die Bibliographie). Er nahm damals die Zusammenarbeit zwischen zwei Disziplinen, die in ihrem Inhalt recht weit voneinander entfernt sind, bereitwillig an. Mein Lebensweg, der mich von Deutschland in die Schweiz führte, und meine längeren Aufenthalte in den USA und besonders in Italien öffneten mir den Blick für sehr unterschiedliche politische und gesellschaftliche Systeme. Es handelt sich bei allen um Demokratien. Sie unterscheiden sich aber deutlich in ihren Institutionen und ihrer gesellschaftlichen Struktur. Sie funktionieren auf ganz unterschiedliche Weise. Bei der Arbeit an diesem Buch konnte ich die Erleichterungen wahrnehmen, die mir das Historische Institut der Universität Bern, besonders die Abteilung für Alte Geschichte unter der Leitung von Herrn Prof. Stefan Rebenich, und das Institut für Antike und Byzantinistik der Universität Freiburg i.Ue. gewährten. Einzelnen Mitgliedern davon bin ich immer noch sehr verbunden, weil ich sie schon seit ihrer Studi- I. V enzeit kenne. Ohne das Entgegenkommen dieser Institutionen wäre das Buch zu keinem guten Ende gelangt. Für die Durchsicht einzelner Teile des Buches bin ich Herrn Prof. K. S. Freyberger zu Dank verpflichtet. Zu einzelnen Fragen, die die Zeit nach der Französischen Revolution und die Geschichte der Schweiz betreffen, verdanke ich wertvolle Hinweise dem Staatsarchivar des Kantons Solothurn, Herrn Andreas Fankhauser, ebenso Herrn Prof. A. Holenstein. Meinen Fachkollegen verdanke ich viele Einsichten. Besonders der Versuch von M.H.Hansen, antike politische Theorien und moderne Probleme in Beziehung zueinander zu setzen (vgl. die Bibliographie) ermutigten mich, weiter in der Abfassung dieses Buches voranzuschreiten. Hansens Darlegungen sind natürlich weit fundierter und mit wissenschaftlicher Fachliteratur begründet als mein kurzer Abriß. Meine Frau Elisabeth Szidat hat mir beim Lesen der Korrekturen geholfen. Deshalb und auch ihres Verständnisses wegen bei der Abfassung des Buches sei dieses ihr gewidmet. Ich hoffe, daß das Buch auch meinem Fach, der Alten Geschichte, dienen kann. Die Wirkung der Antike ist zwar überall spür- und faßbar, aber immer weniger im Bewußtsein der Gegenwart vorhanden. Ein kurzes Gedächtnis scheint ein Merkmal unserer Zeit zu sein. Riedholz, im April 2019 Joachim Szidat I. Vorwort VI Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .I. V Zu diesem Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .II. 1 Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III. 9 Allgemeine Überlegungen zu Herrschaft und Gehorsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Herrschaft, Gesetzgebung und Rechtsprechung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Herrschaft und Verwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Herrschaft, ihre Wahrnehmung und Gehorsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Herrschaft, Legitimität und Gehorsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Formen, Gründe und Absichten des Ungehorsams . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Allgemeine Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 Politische Kultur und Teilhabe an der Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Demonstrationen und anderes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 Staatsstreiche und Revolutionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV. 47 Einleitende Bemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Die politische Kultur, die Institutionen und der soziale Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Mariusʼ Heeresreform und ihre Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 VII Sullas und Caesars Usurpationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 Das zweite Triumvirat. Die Usurpation der Herrschaft durch Octavian, Antonius und Lepidus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Der versuchte Staatsstreich Catilinas. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Die Staatsstreiche der späten Republik und ihre Charakteristika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Herrschaft in der Kaiserzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .V. 77 Die Übernahme und Neugestaltung der Herrschaft durch Augustus . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Herrschaft und Vermögen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Die Entwicklung vom Prinzipat zur Monarchie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Die Übernahme der Herrschaft. Der dies imperii (Der Tag der Übernahme der Herrschaft) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 Die Wahrnehmung der Herrschaft des Kaisers durch die Bevölkerung . . . . . . . . . . . . . . 92 Die Teilhabe der Bürger an der Politik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Der Staatsstreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Abschließende Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung. Die Gesellschaft. Das Christentum. Die Auflösung des röm. Reiches . . . . . . . VI. 103 Periodisierung, Tetrarchie und Mehrkaiserherrschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Institutionelle und gesellschaftliche Besonderheiten der Spätantike . . . . . . . . . . . . . . . 105 Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Die Verwaltung, die Neugliederung des Territoriums und die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Die neue Stellung des Christentums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Die Wahrnehmung des Staates durch die Reichsbewohner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 Teilhabe der Reichsbewohner an der Politik und Gehorsamsverweigerung . . . . . . . . . 119 Inhaltsverzeichnis VIII Die Usurpation in der Spätantike. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Rom und die Geschichte danach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .VII. 133 Allgemeine Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Rom und seine Nachwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 Bibliographische Hinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .VIII. 161 Inhaltsverzeichnis IX Zu diesem Buch Herrschaft betrifft alle, die nicht wie Robinson alleine auf einer einsamen Insel leben, sondern mit anderen zusammen, sei es im Rahmen einer staatlichen oder anderen Struktur wie etwa in einer Familie oder einem Stamm. Herrschaft gibt den Rahmen vor, innerhalb dessen wir handeln können. Neben ihr sind es gesellschaftliche Regelungen und Zwänge, die unser Verhalten und unsere Möglichkeiten zu handeln bestimmen. Sie stehen aber in enger Verbindung mit Herrschaft und können von ihr mitgesteuert und zu ihren Zwecken verwendet werden. Die jeweilige historische Form, die Herrschaft im Rahmen einer staatlichen Organisation hat, und deren Vertreter bestimmen neben unserer familiären Herkunft und unseren Anlagen entscheidend die Möglichkeiten, über die wir verfügen. Sie kann der Verwirklichung unserer individuellen Vorstellungen und Möglichkeiten enge Grenzen setzen oder sie fördern. Werden z.B. keine Bildungsmöglichkeiten geschaffen, so bleibt uns wenig Raum für eine eigene Entwicklung, wenn wir nicht über ein hinreichendes Vermögen verfügen. Die politische und gesellschaftliche Ordnung, in der wir leben, ist daher in der Regel für unseren Lebensweg entscheidend. Herrschaft verlangt Zustimmung oder wenigstens Duldung und Gehorsam. Ohne sie gibt es keine Herrschaft. Gemeinsame Aufgaben können ohne sie nicht gelöst werden. Für diese sind Entscheidungen nötig, denen der einzelne Folge leisten muß. In unserer alltäglichen Wahrnehmung wird staatliche Herrschaft vor allem dann spürbar, wenn wir ihren Forderungen, die sie stellt, und den Regeln, die sie setzt, nicht zustimmen können, also Schwierigkeiten mit dem Gehorsam haben. Wir stellen aber dann normalerweise nicht die jeweilige Form der Herrschaft oder die Art ihrer Aus- übung in Frage, machen nicht sie verantwortlich für unsere Schwierigkeiten, versuchen nicht, sie zu verändern, sondern suchen einen Ausweg für ein konkretes Problem. Sind die Steuern oder Abgaben, die ein sehr wichtiges Element von Herrschaft sind, zu hoch, versuchen wir II. 1 nicht, die Steuersätze oder gar das politische System zu ändern, sondern hinterziehen sie, wenn es Möglichkeiten dazu gibt. Das ist schneller zu verwirklichen. Alles andere benötigt viel zu viel Zeit. Herrschaft an sich als Problem ist daher kaum von allgemeinem Interesse, nur ihre Auswirkungen. Ihnen versucht man zu entgehen. Vorschriften wie unnötig scheinende Geschwindigkeitsbeschränkungen, zu hohe Steuern, dem Staat zu leistende Dienste wie der Militärdienst, zu hohe Preise der staatlichen Abgaben oder der Spekulation wegen wie z.B. ein zu hoher Benzinpreis können für uns Herrschaft unangenehm machen. Zu solcher Einschätzung von Herrschaft kann auch Mißwirtschaft führen, die z.B. Versorgungsmängel zur Folge haben kann. Solche sind meistens mit steigenden Preisen verbunden. Auch dort ist der kritische Blick in der Regel nicht auf die Herrschaft an sich, sondern das konkrete Problem gerichtet. Wie kann man es für sich lösen und um welchen Preis? In Staaten, die ihre Aufgaben wie etwa die Wahrung der öffentlichen Ordnung oder die Wasserversorgung erfüllen, führt ein Problem wie die Erhebung oder die Höhe der Steuern eher selten zur grundsätzlichen Infragestellung des jeweiligen Herrschers oder gar der Legitimierung der Herrschaft. Wie oft dies geschieht, ist allerdings je nach der historischen Epoche und dem kulturellen Umfeld sehr unterschiedlich. Besonders die Phase von praktisch keinen Abgaben zur Einführung solcher ist kritisch. Ein Beispiel dafür kann die Erhebung von Abgaben durch die britische Krone in den amerikanischen Kolonien sein, die zur Erhebung gegen die britische Herrschaft und zur Bildung der USA führten. In modernen demokratischen Staaten, in denen Steuern selbstverständlich sind und es etwa um die Einführung neuer oder um die Höhe des Steuersatzes geht, ist eine Reaktion, die die Herrschaft gefährdet, kaum greifbar. Sehr selten, obwohl auch abhängig vom historischen Umfeld, ist ein Aufbegehren gegen eine bestimmte Form und Rechtfertigung der Herrschaft wie sie etwa eine Revolution, die diesen Namen wirklich verdient, darstellt. Die Französische Revolution stellte die Herrschaft Ludwigs XVI. und die Monarchie mit Erfolg in Frage. Diese Art der Wahrnehmung und des Umganges mit Herrschaft, nämlich den Blick auf konkrete Probleme zu richten, hat auch in modernen demokratischen Staaten zur Folge, daß das Interesse an ihr an II. Zu diesem Buch 2 sich gering ist, wenn man von Juristen, besonders Staats- und Verwaltungsrechtlern, oder Vertretern anderer akademischer Disziplinen absieht. Grundlegende Übel, die Herrschaft mit sich bringt, sind aber nur zu beheben, wenn man sich stärker mit ihrer Legitimation und Funktionsweise sowie deren Folgen beschäftigt. Die vielschichtigen Fragen und Probleme, die mit Herrschaft verbunden sind, sollen nicht in ihrer Gesamtheit Gegenstand dieses Buches sein, sondern vor allem die Fragen, wie man zur Herrschaft gelangt, wie man sie rechtfertigt, wie weit diese Rechtfertigung Anerkennung findet, wie Herrschaft wahrgenommen und wie sie ausgeübt wird. Davon hängt zu einem guten Teil ab, ob und in welchem Ausmaß Herrschaft Zustimmung und Gehorsam findet oder wann sie grundsätzlich in Frage gestellt wird und nicht nur einzelne Entscheidungen kritisiert und soweit möglich umgangen werden. Es geht dabei um die politisch bedeutsamen Formen des Ungehorsams. Steuerhinterziehung ist ein privater Akt, auch wenn es viele tun, Steuerstreik aber ein politischer. Selbstverständlich kann privater Ungehorsam oder Protest zu einem politischen werden. Das hängt von den Umständen und den Absichten ab. Die Art und Weise, wie Herrschaft gerechtfertigt wird, verändert sich nur sehr langsam. In der Geschichte Nordamerikas sowie Europas, soweit es auf Westrom zurückgeht, ist die moderne Entwicklung, Herrschaft mit der Wahl durch das Volk zu begründen, eine recht junge Entwicklung, die mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten beginnt und in West- und Mitteleuropa erst mit dem Ende der Diktaturen in Spanien und Portugal ihren Abschluß fand. Diesem Prozeß der Demokratisierung voraus ging eine weit über tausendjährige Tradition monarchischer Herrschaft. Sie begann mit der Umgestaltung der röm. Republik in eine Monarchie im 1.Jhd. v.Chr. Die Monarchie, die seit dem 1.Jhd. v.Chr. sich entwickelte, war keine Rückkehr zur Zeit der Könige in Rom, die nach der röm. Überlieferung von 753 bis 510 v.Chr. gedauert haben soll, sondern unterschied sich deutlich davon. So war ihre gesellschaftliche Grundlage eine ganz andere. Bei Demokratien stellt sich die Frage, wie der Wille des Volkes institutionell erfaßt und in praktische Politik umgesetzt wird. Vereinfachungen wie der Hinweis darauf, dass die Abgeordneten das Volk repräsentieren, führen kaum weiter. Paines (Th. Paine 1736/37–1809) II. Zu diesem Buch 3 Begeisterung dafür ist schwer nachvollziehbar und vor allem durch die Neuartigkeit des repräsentativen Systems erklärbar. Wenn man von Demokratie spricht, darf man daher nicht vergessen, dass ihre institutionelle Ausgestaltung von entscheidender Bedeutung ist, und zwar bis in jedes Detail hinein. Wie, um ein Beispiel zu nennen, werden die Kandidaten ausgewählt, unter denen der Wähler seine Wahl treffen kann? Für die Rechtfertigung von Herrschaft, ihre institutionelle Ausgestaltung und für ihre Weitergabe ist Rom von besonderer Bedeutung für West- und Mitteleuropa und Osteuropa, soweit es katholisch ist wie z.B. Polen oder einer der Konfessionen anhängt, die in der Folge der Reformation entstanden. Das oströmische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel war viel weniger prägend für die Staaten, die ihm auf seinem Boden in Osteuropa nachfolgten, weil sie im osmanischen Reich aufgingen, viel weniger auch für die, die nur in seinem Einflußbereich lagen, wie die russischen Fürstentümer, die nie unter osmanische Herrschaft kamen. Zudem entwickelte sich das Patriarchat von Konstantinopel niemals zu einer so zentralen religiösen Instanz wie das Papsttum in Rom. Die Hinwendung der Völker im westlichen Teil des oströmischen Reiches wie der Slawen und Bulgaren und der russischen Fürstentümer zur griechisch- orthodoxen Kirche war wichtig für die Legitimation der jeweiligen Herrscher, verlor aber durch die Unterwerfung des Balkans unter die osmanische Herrschaft jede Bedeutung dafür, aber natürlich nicht für die dort lebenden Völker, die durch das vorherrschende griechisch-orthodoxe Bekenntnis ihre Identität bewahren konnten. In der Welt des 1.Jhd. v.Chr. war die röm. Republik in den letzten Jahren ihres Bestehens die alles beherrschende und unbestrittene Macht im Mittelmeerraum und in Teilen Europas nördlich der Alpen. Der Übergang zur monarchischen Herrschaftsform in Rom war daher von besonderer Bedeutung für die Reiche, die dem weströmischen folgten, denn sie übernahmen die Monarchie und ebenso zu einem großen Teil die institutionellen Einrichtungen Roms, die Ordnung der Gesellschaft und die Organisation der Kirche mit dem Papst an der Spitze. II. Zu diesem Buch 4 Eine der entscheidenden Fragen, denen sich dieses Buch widmen möchte, ist die, auf welche Art und Weise Herrschaft in der röm. Republik übertragen und gerechtfertigt wurde und warum dieses Verfahren schließlich in Frage gestellt werden konnte und sich die monarchische Form in Rom entwickelte und legitimierte. Sie hatte in den Nachfolgereichen Roms fast 1500 Jahre Bestand und verschwand dann recht schnell. Ihr folgten mehrheitlich repräsentative Demokratien. Deren Staatsform war und ist überwiegend republikanisch. Die überlebenden Monarchien bekamen konstitutionellen Charakter. Monarchen regierten nicht mehr, sondern repräsentierten und stifteten Identität. Wie Herrschaft gerechtfertigt wird, entscheidet aber keineswegs allein darüber, in welchem Ausmaß Gehorsam erreicht wird, sondern wichtig ist auch, was Politik und Gesellschaft tun, um ihn zu bewirken und zu erhalten. Hier stehen z.B. Erziehung, Gewohnheit, Repräsentation und die Ausnutzung schwieriger politischer Situationen im Vordergrund. Ein äußerer oder innerer Feind oder gar ein Krieg sind immer geeignet, um uneingeschränkten Gehorsam zu fordern. Dies gilt für Monarchien, die keinen konstitutionellen Charakter hatten, wie für Republiken. Gehorsam hängt aber auch davon ab, wie Herrschaft ausgeübt und von den Bürgern wahrgenommen wird und wie man an der Politik teilhaben kann. Was gilt die Meinung eines Bürgers, und wie kann sie bei politischen Entscheidungen Beachtung finden? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Teilhabe an politischen Entscheidungen und Gehorsam? Das Buch möchte gewisse Vorstellungen der Soziologie und Politologie über das Verhältnis von Herrschaft, Legitimation und Gehorsam als Voraussetzung regieren zu können, auf die römische Geschichte seit der klassischen Republik, d.h. seit der Mitte des 3.Jhd. v.Chr., anwenden. Von dieser Zeit an ist deren politische, institutionelle und gesellschaftliche Ordnung der relativ guten Quellenlage wegen hinreichend bekannt Diese aristokratisch geprägte Republik geriet seit dem letzten Viertel des 2.Jhd. v.Chr. in eine schwere innere Krise, die am Ende des 1Jhd. v.Chr. dazu führte, daß sich eine Monarchie entwickelte und damit eine grundlegend andere Rechtfertigung der Herrschaft. An die Stelle der Wahl republikanischer Organe durch das Volk trat eine monarchische Ordnung. Sie war wie schon erwähnt von besonderer II. Zu diesem Buch 5 Bedeutung für die Reiche, die dem weströmischen folgten. Diese übernahmen die institutionellen Einrichtungen Roms weitgehend oder orientierten sich mindestens an ihnen. Erst am Ende des 18.Jhd. beginnt mit der Verfassung der USA wieder die Wahl durch das Volk entscheidend zu werden. Das allgemeine Wahlrecht der Männer wurde eingeführt. Dieses hatte sich bis zum Ende des ersten Weltkrieges auch in Europa weitgehend durchgesetzt. 1918 kam es dann zur Ablösung der monarchischen Ordnungen in den im Krieg unterlegenen Staaten. Die neue Ordnung nach dem ersten Weltkrieg war allerdings gefährdet durch Regime mit diktatorischem Charakter, wie z.B. Italien, Deutschland oder Spanien zeigen. Dennoch lebt die Monarchie, soweit sie nicht lediglich repräsentativen und identitätsstiftenden Charakter hat wie z.B. in den skandinavischen Staaten, in direkter oder indirekter Fortsetzung der römischen in Europa als Form der Herrschaft noch durchaus weiter, so etwa im Papsttum oder in sehr begrenztem Rahmen im Fürstentum Lichtenstein. Im Zusammenhang mit der Legitimierung von Herrschaft und den großen Strategien der Politik finden sich auch immer wieder Rückgriffe auf die römische Geschichte. So wird in der französischen Revolution Cato Uticensis als Kämpfer gegen den Tyrannen Caesar, der als Vorbereiter der Monarchie gesehen wird, gefeiert. Man muß den König als Tyrannen stürzen und die Monarchie beseitigen, und Mussolini z.B. begründete und legitimierte seine expansive Politik mit der Vorstellung des Mittelmeeres als mare nostrum, als Einflußsphäre Italiens, das wie einst Rom für Ordnung im Mittelmeerraum sorgen müsse. Die Legitimierung von Herrschaft durch das Volk findet sich natürlich schon in der griechischen Geschichte. Sie war dort im wesentlichen auf das griechische Mutterland beschränkt und ist vor allem für Athen in allen Einzelheiten gut erkennbar. Die Athener hatten aber keine republikanisch-aristokratische Ordnung wie Rom, und die demokratischen Ordnungen in Griechenland wirkten nicht direkt weiter. Sie fanden keine direkte Fortsetzung. Auf sie wurde erst in der Moderne als Idee zurückgegriffen, aber nicht auf ihre Institutionen. Die Bestimmung eines Teiles der Amtsträger in Athen durch das Los etwa findet sich in keiner modernen Verfassung, und das moderne reprä- II. Zu diesem Buch 6 sentative System war den griechischen Stadtstaaten des 5. und 4.Jhd. v.Chr. fremd. Im Unterschied zur griechischen Geschichte gilt die Entwicklung in Rom, die zur Monarchie führte, für den gesamten europäischen Raum, soweit er von den politischen Vorstellungen Roms geprägt ist, also vor allem für die Länder, deren Geschichte am west- und mitteleuropäischen Mittelalter teilhat. Die historische Bedeutung der Rückkehr zur Monarchie in Rom wird aber erst deutlich bei einem Vergleich mit modernen Erscheinungen. Diese stehen vielfach in einer direkten Tradition mit der röm. Geschichte oder sind vergleichbar und lassen moderne Entwicklungen in einem größeren zeitlichen Rahmen erkennen und machen Konstanten sichtbar, die bei einem kurzen historischen Horizont nicht faßbar sind. Dabei spielt es keine Rolle, daß Rom ein vormoderner Staat war, Seine Bevölkerung war zum größten Teil in der Landwirtschaft tätig, und seine Wirtschaft beruhte vorwiegend auf landwirtschaftlicher Produktion. Zudem war die Verwaltung natürlich weitaus weniger entwickelt als die eines modernen Staates. Es war aber ein Staat, der funktionierte und auf keinen Fall ein failed state war. In einem solchen funktionieren nämlich die staatlichen Institutionen nicht. Es gibt daher z.B. keine Regierung, die auf dem gesamten Staatsgebiet hinreichend Anerkennung findet, so daß man ihren Anweisungen gehorcht. Die Herrschaft wird in einem failed State in der Regel von verschiedenen Gruppen beansprucht, ohne daß es zu einer Klärung der Machtverhältnisse kommt und sich eine minimale Herrschaftsstruktur herausbildet, die staatliche Aufgaben wahrnehmen kann. In der Moderne kommt es häufig zur Entwicklung von failed states in Gebieten, in denen vorhandene Strukturen, meistens verschiedene Ethnien, künstlich zu Staaten zusammengefaßt wurden, ohne daß ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen konnte oder daß föderale Strukturen entwickelt wurden. Die historischen Prozesse, die Herrschaft betreffen, sollen präziser und als politische und gesellschaftliche Vorgänge erfaßt werden, weniger unter staatsrechtlichen Kategorien. Damit werden sie vergleichbar mit modernen Erscheinungen und können auch in eine Tradition eingeordnet werden, sofern eine solche greifbar ist. Bezugnahmen auf die Moderne werden also integraler Bestandteil dieses Buches sein. II. Zu diesem Buch 7 Bei diesen historischen Prozessen geht es vor allem darum, wie Herrschaft gerechtfertigt und wie sie übertragen wird. Beides ist nicht zu trennen von ihrer Wahrnehmung durch die, die von ihr betroffen sind, und der Art, wie sie ausgeübt wird. Es ist dabei nicht nötig, historische Details zu erörtern, sondern ausreichend, mögliche Grundformen zu diskutieren. Moderne wissenschaftliche Forschung und ihre Ergebnisse stehen hinter diesem Buch, sollen aber nicht im einzelnen belegt werden. Anmerkungen wird es daher nicht geben, sondern nur Verweise in den bibliographischen Hinweisen am Ende des Buches auf die wissenschaftliche Literatur, in der die Dokumentation enthalten ist. II. Zu diesem Buch 8 Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht Allgemeine Überlegungen zu Herrschaft und Gehorsam Herrschaft, ihre Rechtfertigung, ihre Übertragung, ihre institutionelle Ausgestaltung, ihre Wahrnehmung und Ausübung und die Auseinandersetzung mit ihr im Allgemeinen darzustellen, indem man die Geschichte seit der klassischen röm. Republik als Ausgangspunkt nimmt, setzt die Erörterung einiger grundlegender Fragen allgemeiner Natur voraus, auf die schon in den Bemerkungen „Zu diesem Buch“ verwiesen worden ist. Sie werden hier erneut aufgegriffen und eingehender behandelt werden. Diese Darlegungen sollen als Rahmen dienen, in den sich die entsprechenden Phänomene der röm. Geschichte einordnen lassen. So können sie mit modernen Erscheinungen verglichen und bewertet werden, und man kann die modernen Entwicklungen erkennen, die an Rom anschließen oder neu entstanden sind. Herrschaft, oder sanfter formuliert, die Politik, die die Exekutive durchsetzen kann, betrifft alle, die nicht gezwungenermaßen wie Robinson alleine auf einer einsamen Insel leben, sondern mit anderen zusammen, sei es im Rahmen einer staatlichen oder anderen Struktur wie etwa in einer Familie oder einem Stamm. Zusammen mit anderen leben gilt auch für Einsiedler und Eremiten, denn sie haben ihre Lebensform gewählt, um sich von anderen abzugrenzen. Ihre Art zu leben ist daher eng mit der der anderen verbunden. Neben gesellschaftlichen Regelungen oder Zwängen, die in einem engen Verhältnis zu Herrschaft stehen und die Herrschenden wie die Beherrschten binden, aber auch von den Herrschenden zu ihrem Nutzen eingesetzt werden können, und neben unseren Anlagen gibt Herrschaft den Rahmen vor, innerhalb dessen wir handeln können. Ihre jeweilige historische Form und die Folgen für die praktische Politik bestimmen die Möglichkeiten, über die wir verfügen. Sie kann der Ver- III. 9 wirklichung unserer individuellen Vorstellungen und Möglichkeiten enge Grenzen setzen oder sie fördern. Sie bestimmt unseren Lebensweg. Wer z.B. in der ersten Hälfte des 20.Jhd. in Europa, den USA oder vielen anderen Ländern lebte, mußte damit rechnen, an einem der beiden Weltkriege oder sogar an beiden teilnehmen zu müssen oder deren direkten Folgen ausgesetzt zu sein. Dabei umzukommen hatte eine große Wahrscheinlichkeit. Einem solchen Schicksal auszuweichen war nur für wenige möglich. Herrschaft kann am einfachsten ausgeübt werden, wenn sie Zustimmung oder wenigstens Duldung findet und ihr gehorcht wird. Ohne Zustimmung und Gehorsam gibt es keine Herrschaft. Durch beide wird die jeweilige Legitimation der Herrschaft und ihre institutionelle Gestaltung durch die Beherrschten anerkannt. Gehorsam kann auf verschiedene Weise geübt werden. Er kann freiwillig oder erzwungen sein. Für die, die herrschen, ist es um so einfacher zu regieren, je weniger sie Gehorsam erzwingen müssen. Wie man diesen ohne Zwang erreichen kann, wollen wir später bedenken. Herrschaft soll in diesen allgemeinen Überlegungen nicht in ihren einzelnen historischen Erscheinungsformen und institutionellen Ausprägungen beschrieben werden, etwa als Monarchie, Aristokratie, Republik oder Diktatur, sondern vorwiegend mit Blick auf die Art und Weise, wie sie gerechtfertigt wird, d.h. auf die Form ihrer Legitimation. Dabei sollen vor allem zwei Legitimationsprinzipien eingehender betrachtet werden, nämlich die Wahl durch das Volk oder durch eine andere Regelung, die z.B. einen Monarchen, einen Diktator oder eine Junta an die Herrschaft bringt, d.h. etwa durch Erbfolge, Wahl durch einen ausgewählten kleinen Wählerkreis oder durch bloßes Ergreifen einer Stellung, die zur Herrschaft berechtigt, etwa durch einen Staatsstreich. Die gewählte Regelung sorgt dann dafür, daß sich z.B. der Wille einer höheren Macht manifestieren kann wie etwa der Wille Gottes. Beide Legitimationsprinzipien spielen in unserem historischen Raum und dem Bereich, der von ihm beeinflußt wird, eine entscheidende Rolle. Dabei wird das Prinzip der Wahl durch die Bürger, das mit der Demokratie verbunden wird, durch die Vorherrschaft der entwickelten Länder, die weitgehend demokratische Verfassungen haben, zu einer Messlatte, die zu einer negativen Bewertung anderer Formen führt wie z.B. der Monarchie in Saudi-Arabien. III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 10 Die jeweiligen Wähler sind selbstverständlich nicht identisch mit der Bevölkerung oder den Bürgern. So war das Wahlrecht bis in die jüngste Zeit in der Regel nur den Männern unter den Bürgern vorbehalten. Die Losung, die z.B. in der athenischen Demokratie eine wichtige Rolle spielte, ist eine Variante zur Wahl, die politisch institutionell nicht weitergelebt hat, obwohl sie immer wieder diskutiert wird. Beide Legitimationsprinzipien bilden selbstverständlich nur eine Basis für die Ausübung der Herrschaft und für hinreichende Zustimmung und Gehorsam durch die Bevölkerung. Sie müssen immer wieder bewußt gemacht werden, können erweitert und verstärkt werden durch die Gestaltung der aktuellen Politik. Ein gemeinsamer äußerer Feind z.B. stärkt die Legitimation. Wird Herrschaft durch die Wahl durch das Volk übertragen und legitimiert, spricht man in der Regel von Demokratie, die als Republik oder konstitutionelle Monarchie konstituiert sein kann. Der Begriff Demokratie sagt wenig über die institutionelle Ordnung aus und ist sehr allgemein. Entscheidend ist, wie der Wille des Volkes sich ausdrücken kann, wie er institutionell erfaßt und in der Politik seinen Ausdruck findet. Wie hängen z.B. Wählerwille und Steuersatz zusammen? Schon die Gestaltung der Wahl ist sehr bedeutsam. Wer an der Wahl teilnehmen kann und wie viel seine Stimme zählt, hängt von der jeweiligen Ausgestaltung des Wahlrechtes ab, aber auch von den sozialen und wirtschaftlichen Umständen. Lange Reisen zum Wahlort z.B. begünstigen eindeutig die Wähler, die über größere finanzielle Mittel verfügen, um die Reise bezahlen und längere Zeit abwesend sein zu können. Ebenso bedeutsam ist es, wer wählen darf und wer sich als Kandidat zur Wahl stellen kann, wen man also wählen darf. Hier spielten soziale und wirtschaftliche Beschränkungen eine sehr wesentliche Rolle. So kann das Stimmrecht oder die Wertung der Stimme an ein gewisses Vermögen gebunden sein oder das Wahlrecht nur den Männern zugestanden werden, wie es seit der Antike bis weit ins 20.Jhd. üblich war, wenn auch seit dem Ende des 18.Jhd. und besonders nach dem 1. Weltkrieg immer weniger verbreitet. In der Moderne sind für die Ausgestaltung des Wahlrechts die Parteien von großer Bedeutung. Wenn es ihnen z.B. gelingt, ein Wahlrecht durchzusetzen, in dem nur Partei- Allgemeine Überlegungen zu Herrschaft und Gehorsam 11 listen gewählt werden können, ist die Entstehung einer Politikerkaste sicher. Wer sich nicht den Regeln und dem Willen der Parteileitung fügt, kommt nicht auf die Liste oder an ihr Ende. Legitimierung durch Wahl und Wahlbeteiligung hängen nicht unbedingt zusammen, so lange die politisch und sozial führenden Gruppen sich an der Wahl beteiligen. In diesem Fall ist die Legitimation gesichert. Nur sie könnten sie politisch in Frage stellen und mit ihrem Ungehorsam politisch etwas bewirken. Wahlbeteiligung und Legitimation in Beziehung zu setzen ist eher ein Prinzip der politischen Wissenschaft als ein Fall politischer Realität. Wie Herrschaft legitimiert und übertragen wird, ist auch in Systemen, wo es nicht durch Wahl durch das Volk geschieht, institutionell unterschiedlich geregelt. Auch hier werden einzelne historische Möglichkeiten nur exemplarisch vorgestellt werden. Es bleibt lediglich besonders zu beachten, wie viel Wirkung die jeweilige Legitimation von Herrschaft entfaltet und mit welchen Aussichten auf Erfolg sie in Frage gestellt werden kann, weil davon der Grad des Gehorsams abhängt. Je geringer ihre Verbindlichkeit ist, um so eher wird nicht gehorcht. Dürfen die sozial und politisch entscheidenden Gruppen wählen, also etwa in der röm. Republik diejenigen, die als Schwerbewaffnete Kriegsdienst leisten, kann von einer größeren Bereitschaft zu gehorchen ausgegangen werden. Ebenso ist bei einer Erbmonarchie, wie sie sich im französischen Absolutismus fand, mit strikten Regeln für die Übernahme der Herrschaft von einer größeren Bereitschaft zum Gehorsam auszugehen. Es gibt nämlich keine Möglichkeit, auf die Herrschaft zuzugreifen, ohne die geltenden Regeln zu verändern, oder gar die Form der Legitimation an sich in Frage zu stellen, wie es dann z.B. die Französische Revolution tat. Sie stellte die Monarchie und ihr Recht zu herrschen in Frage. Herrschaft, Zustimmung zu ihr oder ihre Ablehnung sind auf Kommunikation angewiesen. Ohne sie können die Herrschenden ihre Vorstellungen nicht mitteilen und die, die zustimmen und gehorchen sollen, nicht davon erfahren. Sie ist ein wesentliches Instrument, um herrschen zu können. Sie, ihre Mittel und ihre Gestaltung werden aber nicht im Zentrum dieses Buches stehen. III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 12 Herrschaft, Gesetzgebung und Rechtsprechung Herrschaft kann nicht beliebig ausgeübt werden, wenn sie sich nicht auf bloße Gewalt stützt und ihre Duldung erzwingt, sondern immer nur im Rahmen von Regeln, seien es geschriebene oder ungeschriebene, und in einem vorgegebenen sozialen Kontext. Dieser bestimmt auch weitgehend die sogenannte politische Kultur. Zu ihr gehört ganz wesentlich der Umgang mit denen, die eine andere Meinung zu politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Fragen haben als die, die die vorherrschende Auffassung vertreten und gerade an der Macht sind. Wichtig ist dabei z.B. die Frage, wie man solche Menschen behandelt. Herrschaft in einer aristokratisch oder ständisch strukturierten Gesellschaft sieht in dieser Beziehung anders aus als in einer modernen pluralistischen. Gegenüber aristokratischen Standesgenossen z.B. ist große Zurückhaltung und Rücksichtnahme angebracht. Dies gilt sowohl für einen Monarchen, der den Adel zu respektieren hat, wie für eine aristokratisch aufgebaute Republik, wie sie die röm. war. Die aristokratischen Standesgenossen mußten anders behandelt werden als gewöhnliche Bürger. Sie waren privilegiert. Ihre Meinung galt mehr, und die Strafen z.B. waren für sie weniger hart. Sie durften in Rom nicht gekreuzigt werden, und es war untersagt, sie zu foltern, um zu Geständnissen zu gelangen. In modernen pluralistischen Gesellschaften gilt die Gleichheit aller. Selbstverständlich ist dies nur ein Ideal. Allein schon die verschiedenen ökonomischen Möglichkeiten haben beachtliche Unterschiede zur Folge. Wer über genügend Geld verfügt, kann etwa weitaus leichter seine Anliegen vor Gericht verteidigen. In modernen entwickelten Staaten sind die Herrschenden weitgehend durch schriftlich fixierte rechtliche Regelungen gebunden und nicht nur durch ungeschriebene. Viele Entscheidungen der Exekutive oder von ihr veranlaßte Gesetze können vom Parlament in Frage gestellt werden oder vor Gerichte gebracht und überprüft werden, so z.B. in Deutschland vor das Bundesverfassungsgericht. Dabei sind solche Regelungen in unterschiedlichem Ausmaß für verschiedene Bereiche vorhanden. Bei außenpolitischen Entscheidungen, sofern es sich nicht um Verträge handelt, ist der Handlungsspielraum der Regierenden im Allgemeinen recht groß. Erinnert sei hier an den Ausbruch des Irak- Herrschaft, Gesetzgebung und Rechtsprechung 13 krieges 2003, bei dem weitgehend die Exekutiven über dessen Beginn und die Teilnahme an ihm entschieden. Auch in älteren Epochen sind solche Beschränkungen institutioneller Art vorhanden, so z.B. in Athen im 5.Jhd. v.Chr., nachdem sich die Demokratie durchgesetzt hatte, oder im Rom der Republik. Häufig sind es Finanzentscheidungen, die die Exekutiven binden. Sie sind auf jeden Fall immer durch die jeweilige politische Kultur gegeben, die auch gewisse Vorgehensweisen tabuisiert. Wer diese Regelungen aufstellt und wie die Gerichte organisiert sind und bestellt werden, ist sowohl in vergangenen Zeiten wie in der Moderne sehr unterschiedlich geregelt. Repräsentative Vertretungen der Wähler, wie moderne Parlamente, um Gesetze zu beschließen, und von den Mitgliedern der Exekutive, den Parlamenten und den Wählern unabhängige Gerichte sind weitgehend moderne Erscheinungen. Sie sind deutlich faßbar erst nach der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Herrschaft und Verwaltung In vielen Staaten wird Herrschaft weitgehend mit Hilfe eines staatlichen Verwaltungsapparates ausgeübt, in modernen entwickelten immer. Dieser dient den Herrschenden dazu, ihre Beschlüsse und getroffenen Entscheidungen in die Tat umzusetzen. Verwaltung vollzieht die Anweisungen der Herrschenden. Je nach der historischen Situation sind die Herrschenden in unterschiedlicher Weise frei, allein Beschlüsse zu fassen und umsetzen zu lassen. Sie müssen dazu oft mit anderen Institutionen zusammenarbeiten. Ein in der athenischen Volksversammlung gebilligter Antrag band die Archonten, die höchsten Amtsträger, oder die Strategen, die Feldherren. Gewisse Entscheidungen der Volksversammlung oder des Senates in Rom banden die Konsuln. Regierungen in Staaten mit einem funktionierenden repräsentativen System bedürfen der Mehrheiten in Parlamenten, wenn sie zur Durchführung eines Beschlusses eine gesetzliche Grundlage benötigen. Eine ausgebildete staatliche Verwaltung wird in der Moderne als selbstverständlich betrachtet. Historisch ist dies nicht so. Sie war etwa III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 14 der röm. Republik fremd. Das Verwaltungspersonal brachte in der Republik überwiegend der Amtsträger mit. Es bestand aus seinen Sklaven und Freigelassenen. Erst mit der Kaiserzeit entwickelt sich eine vom Amtsträger unabhängige Struktur mit eigenem Personal, die in der Spätantike ihre höchste Ausbildung erfährt und mit frühmodernen Zuständen vergleichbar ist. Umfang und Effizienz des Verwaltungsapparates unterscheiden sich sehr, und zwar nicht nur aus historischer Perspektive. In derselben historischen Epoche und in demselben historischen Raum können die vorhandenen Verwaltungsstrukturen ganz unterschiedlich umfangreich und effizient sein. Man denke nur an die zu großen öffentlichen Verwaltungen in Südeuropa. Ist der Verwaltungsapparat entwickelt genug, folgt er aber nicht nur den Anweisungen der Herrschenden, sondern eigenen Gesetzmä- ßigkeiten, die vom jeweiligen historischen Kontext abhängen. Nicht jede Anordnung, die von der Verwaltung erlassen wird, geht auf eine ausdrückliche Anweisung der Herrschenden zurück, sondern kann von gesetzlichen Regelungen oder auch von sachlichen Gesichtspunkten her notwendig sein. Gerade in der Moderne ist der Handlungsspielraum der Verwaltung weitgehend durch gesetzliche Regelungen bestimmt, und ihre Entscheidungsfreiheit und Beweglichkeit sind dadurch beschränkt. Diese Beschränkung wirkt auch auf die Herrschenden zurück. Sie können diese Regelungen nicht unbeachtet lassen oder nach Belieben ändern. Entscheidungen können sie nur in deren Rahmen treffen, oder sie müssen diese Regelungen ändern, was bei modernen Staaten meistens nur in komplizierten Verfahren auf legislativem Weg möglich ist. Das Vorgehen der Verwaltung kann durchaus auch als Behinderung wahrgenommen werden, wenn Abläufe zu kompliziert und ineffizient sind. Sie können bewußt so gestaltet sein, um die eigene Bedeutung und Macht zu schützen. Man darf nicht vergessen, daß gerade in der Moderne die Verwaltung die Gesetzesvorschläge ausarbeitet und die Verfahren bei der Umsetzung vorgibt. Moderne Verwaltung wird daher oft als Bürokratie wahrgenommen mit eigenen Machtansprüchen. Herrschaft und Verwaltung 15 Über die Organisation des Verwaltungsapparates und die Besetzung der führenden Positionen entscheiden die Herrschenden, wenn sie auch gesellschaftliche Bedingungen und in modernen Staaten zum Teil die Entscheidungen der Legislative berücksichtigen müssen. So stimmt in den USA der Senat über Personen ab, die der Präsident als Minister (Staatssekretäre) vorschlägt. Er kann die Zustimmung verweigern. In einer aristokratisch geprägten Gesellschaft z.B. dürfen die Interessen dieser Schicht nicht unberücksichtigt bleiben. Sie dürfen bei der Vergabe der wichtigen Posten nicht übergangen werden. Ein Botschafter des französischen Königs in der Zeit des Absolutismus war z.B. immer ein Mitglied des Hochadels. Die Struktur des Verwaltungsapparates ist aber nicht in jedem Fall davon abhängig, wie Herrschaft legitimiert ist. Dies gilt nur bei einer sehr idealtypischen Betrachtungsweise, bei der historische Unterschiede weniger beachtet werden. Auch in einem monarchischen Staat können wichtige Ämter der Verwaltung nach professionellen Gesichtspunkten besetzt werden. Dies gilt für aufgeklärte monarchische Systeme in der frühen Neuzeit, weniger für die römische Kaiserzeit, wo die soziale Stellung und der damit verbundene Einfluß bei der Vergabe wichtiger Posten sehr entscheidend waren. Ein Kaiser, der wichtige Persönlichkeiten unberücksichtigt ließ, riskierte seinen Sturz. In der Regel war aber ein Studium der Rhetorik (Redekunst), das auch zur Fähigkeit führte, einen Text auf hohem Niveau schreiben zu können, für einen Amtsinhaber aus gehobenen sozialen Schichten selbstverständlich. In der Spätantike gab es zudem Versuche, zusätzlich Kenntnisse in Kurzschrift zu fordern oder gar ein Studium der Rechtswissenschaft, das in der Regel der rhetorischen Ausbildung folgte. Der Verwaltungsapparat kann stärker an die Herrschenden gebunden sein und von ihnen abhängen, wenn z.B. die wichtigen Posten in der Verwaltung in demokratischen Staaten jeweils nach Wahlen, die eine neue Gruppe an die Herrschaft bringen, neu besetzt werden, wie es in den Vereinigten Staaten geschieht, oder er kann mehr Eigendynamik und Selbständigkeit haben, wenn entscheidende Personen über einen Machtwechsel hinaus im Amt bleiben. Die Voraussetzungen, um in der Verwaltung tätig sein zu können, haben im Laufe der Zeit eine immer stärkere Professionalisierung erfahren, die nur zum Teil mit der jeweiligen Form der Rechtfertigung III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 16 der Herrschaft zusammenhängt. Der Eintritt in die Verwaltung zur Zeit frühmoderner monarchischer Herrschaft beruhte durchaus nicht nur auf ständischen Voraussetzungen, sondern auch auf einer bestimmten Vorbildung. So war im frühmodernen preußischen Staat der Zugang zu höheren Verwaltungsposten an eine entsprechende, meist juristische Ausbildung gebunden. Der König setzte nicht einfach jemanden auf einen Posten. In den Vereinigten Staaten ist es dagegen in der Diplomatie noch immer recht üblich, z.B. einer Person einen Botschafterposten zuzuhalten, die keine diplomatische Ausbildung und Karriere gemacht hat. Meistens geht es um weniger wichtige Posten, und die ernannten sind häufig Personen, die sich im Wahlkampf um den siegreichen Präsidentschaftskandidaten besonders verdient gemacht haben. Das gilt z.B. für den Botschafterposten in der Schweiz. Der Verwaltungsapparat kann gleichsam einen Puffer zwischen Herrschenden und Beherrschten bilden und für manchen Mißstand oder für manche ungeliebte Anordnung verantwortlich gemacht werden. So werden zuerst einmal die Herrschenden entlastet. Sie können ganz unbeliebte Entscheidungen zurücknehmen, und sich so sogar noch als Wohltäter profilieren. In Konstantinopel z.B. machte sich der Stadtpräfekt zuweilen mit strengen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung unbeliebt. Man entließ ihn dann, und der Kaiser konnte so vermeiden, beim Volk unbeliebt zu werden. Das passierte etwa 492 n.Chr., als der Präfekt ersetzt wurde. In einzelnen Ländern wie etwa in England werden aber die politischen Vorgesetzten des Verwaltungsapparates für dessen Entscheidungen verantwortlich gemacht und müssen bei großen Fehlern der Verwaltung zurücktreten. Ein Monarch tut das selbstverständlich normalerweise nicht. Die Verwaltung als Instanz, die zwischen Herrschenden und Beherrschten steht und eine gewisse Eigendynamik entwickeln kann, ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung in modernen Staaten. Entscheidungen der Verwaltung genereller Natur können gerade in der Moderne als politische oder lediglich als technische wahrgenommen werden. Dabei ist diese Wahrnehmung von subjektiven Faktoren bedingt. So kann ein neu eingeführtes Formular, auch wenn es Probleme bereitet, als reiner Verwaltungsakt betrachtet werden oder als ein Schritt zu weiterer Bürokratisierung. In der Geldpolitik z.B Herrschaft und Verwaltung 17 scheint es sich um weitgehend technische Regelungen zu handeln. In der Moderne setzt die Politik in entwickelten Staaten nur die Ziele für die Geldpolitik fest, so etwa die Gewährleistung der Preisstabilität. Die Notenbank richtet danach ihr Vorgehen aus. Ihre Entscheidungen können aber durchaus politischen Charakter haben und auf die Dauer soziale Veränderungen bewirken. Eine leicht erhöhte Inflation z.B. kann zur Entwertung von Barvermögen führen, wenn die Zinsen ungenügend sind, und die Flucht in die Sachwerte fördern. Die Entscheidungen der Notenbanken sind daher auch politisch umstritten, und die Politik hat durchaus die Tendenz, sie zu beeinflussen und die Notenbanken in ihre Abhängigkeit zu bringen. Herrschaft, ihre Wahrnehmung und Gehorsam In unserem Alltag, dem Alltag moderner entwickelter Staaten, müssen wir uns ständig mit Herrschaft und den Regeln und Vorschriften auseinandersetzen, die von der Politik beschlossen werden. Sie können uns dienen, unseren Wünschen und Vorstellungen entsprechen oder uns einschränken. Sie ersetzen im Rahmen pluralistischer Ordnungen häufig Forderungen, die früher zu einem großen Teil durch die Gesellschaft aufgestellt wurden. Wir empfinden Herrschaft nur dann als solche, wenn es um Regelungen und Vorschriften geht, die uns mißfallen oder einschneidende Folgen haben. So können erhöhte Steuern uns in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Viele Regelungen können individuellen Wünschen oder Vorstellungen entgegenstehen wie Alkohol- oder Drogenverbote, Impfzwang oder sogar lebensbedrohend sein wie Aufgebote für den Militärdienst in Kriegszeiten. Herrschaft wird auch dann negativ wahrgenommen, wenn sie keine Lösungen für Probleme trifft, die uns betreffen oder die wir aus welchen Gründen auch immer für wichtig halten, so etwa, wenn Arbeitslosigkeit nicht bekämpft wird oder zu hohe Preise Probleme schaffen. In der Regel sind es ungelöste Fragen des täglichen Lebens, wichtige und weniger wichtige. Es können aber auch Fragen religiöser oder weltanschaulicher Art sein, die wir anders gelöst sehen wollen, als sie es gerade sind. So war und ist die Frage der Ab- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 18 treibung und ihre Zulassung ein heftig diskutiertes Problem in vielen modernen Staaten. Wo unsere eigenen Vorstellungen und Überzeugungen den getroffenen Lösungen, Regelungen oder Forderungen entsprechen, haben wir keine Mühe, der Herrschaft zuzustimmen. Wir nehmen sie in diesem Moment gar nicht als Ausdruck solcher wahr. Der jeweiligen Form von Herrschaft wird weitgehend aus Gewohnheit zugestimmt. Wir wachsen mit ihr auf, und ihre Rechtfertigung spielt keine besondere Rolle. Einen großen Teil der jeweiligen Regelungen empfinden wir gar nicht als Herrschaft oder nicht mehr als Ausdruck solcher wie z.B. Steuern, wenn sie ein erträgliches Maß zu haben scheinen, weil wir damit aufgewachsen und an sie gewöhnt sind. Herrschaft wird deshalb oft als etwas Natürliches empfunden so wie die Landschaft, in der wir leben, wie Naturgesetze oder wie der Tod, der zwar nicht als erwünscht betrachtet wird, aber als gegeben gesehen wird und daher hinzunehmen ist. Die jeweilige Form der Herrschaft und ihre Organisation werden in der Regel nicht mit der in anderen Staaten oder Epochen verglichen, auch wenn moderne Medien solche Vergleiche nahelegen und erleichtern. Eher führen Ungleichgewichte im wirtschaftlichen Bereich oder unterschiedliche Mentalitäten auf dem gleichen Staatsgebiet dazu, daß man eine Änderung oder Neuorganisation fordert. So erlangte das Südtirol als Gebiet einer sprachlichen Minderheit in Italien eine größere Autonomie, als sie die zentralistische Organisation Italiens vorsieht, oder die Lega Nord forderte mindestens mehr Autonomie und Mitsprache. Mit ihrem Schlagwort von Padanien, einem gesonderten Gebiet in der Poebene, galt sie als Feind der Einheit Italiens, die sich besonders in der zentralstaatlichen Organisation ausdrückt. Herrschaft und Gehorsam werden daher nicht unbedingt als zusammengehörig empfunden. Nur zwei Gruppen ist dieser Zusammenhang in hohem Maße bewußt, und sie interessieren sich für ihn besonders, die Herrschenden und die, die Herrschaft nicht nur unter ihrer individuellen Optik oder der ihrer Gruppe sehen. Die ersteren wollen ihre Herrschaft bewahren und brauchen daher die Zustimmung zu ihr. Sie müssen immer wieder danach trachten, ihre Herrschaft als gerechtfertigt erscheinen zu lassen, damit ihr gehorcht wird. Die letzteren messen Herrschaft nicht nur an der Lösung praktischer Probleme oder Herrschaft, ihre Wahrnehmung und Gehorsam 19 der Vorteile, die ihnen daraus erwachsen, sondern auch an übergeordneten Maßstäben wie Meinungsfreiheit, Rechtssicherheit oder vergleichbaren Vorstellungen. Mit Ausnahme dieser Minderheiten wird also Herrschaft nur zum politischen Problem, wenn wir ihren Forderungen nicht nachkommen wollen oder können, also Probleme mit dem Gehorsam haben. Politisch aktive Gruppen können dann solche Probleme aufgreifen, um die Herrschaft in Frage zu stellen oder eigene Machtansprüche zu rechtfertigen. Herrschaft wird daher nur in bestimmten Situationen mit Gehorsam verbunden, nämlich dann, wenn sie Dinge fordert, die uns mißfallen oder uns Schwierigkeiten bereiten. Politisch von Bedeutung wird eine solche Situation nur dann, wenn eine größere organisierte Gruppe Anstoß an einzelnen Schwierigkeiten des täglichen Lebens nimmt, so z.B. an einer zu starken Erhöhung der Lebensmittelpreise oder, wie gerade in modernen Staaten häufig, der Treibstoffpreise. In Herrschaftssystemen, die gut funktionieren, wird eine solche Frage von der Politik aufgegriffen, und man versucht, sie auf institutionell vorgesehene Weise zu lösen. Gelingt dies nicht, kann es zu Protesten kommen, die schließlich auch gewalttätig werden können. Vorhersehbar sind solche Entwicklungen nur für sehr wenige Lebensbereiche. Neben den schon erwähnten Lebensmittelpreisen sind es in der modernen Welt vor allen Dingen spürbare Erhöhungen der Treibstoffpreise. In vormodernen Staaten war Herrschaft in Form staatlicher Regelungen selbstverständlich sehr viel weniger spürbar. Der Staat war nicht so allgegenwärtig wie der moderne. Das meiste war durch gesellschaftliche Regeln festgelegt, und nach ihnen hatte man sich zu richten. Aufbegehren gegen diese war kein Ungehorsam gegen den Staat, sondern gegen gesellschaftliche Normen. Der Staat war nur auf wenigen Gebieten spürbar, so im militärischen Bereich, der öffentlichen Bautätigkeit, dem Gerichtswesen, dem Steuerwesen und dem Münzwesen. In der Antike regelte er auch das Verhältnis zu den Göttern, soweit diese für den jeweiligen Staat als wichtig angesehen wurden. So forderte er von den hinreichend Begüterten den Militärdienst, wenn er nicht Fremde für den Krieg in den Dienst nahm, also eine Art Berufsarmee vorzog. Er forderte die Respektierung gerichtlicher Entscheidungen, zog Steuern ein, was immer unbeliebt war, errichtete notwendige öf- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 20 fentliche Bauten und prägte Münzen. In der röm. Antike bilden etwa die für die Münzprägung zuständigen Ämter Teil der politischen Karriere. Das Schlagen von Münzen war besonders für die Finanzierung öffentlicher Bauten oder von Kriegen von großer Bedeutung, diente aber auch der Wirtschaft, wenn auch nicht vorrangig. Der Staat erwartete und kümmerte sich um die Verehrung der Götter, die für den Staat wichtig waren. So schützte die kapitolinische Trias, nämlich Jupiter, Juno und Minerva, mit ihrem Tempel auf dem Kapitol die Stadt Rom und ihr Gebiet, und Athene war Schutzgöttin Athens und seines Gebietes. Privaten religiösen Überzeugungen konnte jeder nachleben, sofern dies nicht die öffentliche Ordnung gefährdete und wider die guten Sitten verstieß, wie man es von den Christen annahm. Sie erwiesen dem Kaiser keine Loyalität, weil sie ihm nicht opferten, und wurden deshalb noch anderer Dinge verdächtigt, um sie zu kriminalisieren. Den Gott Mithras dagegen, eine besonders von Soldaten verehrte Gottheit in der röm.. Kaiserzeit, konnte man verehren, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Wie der Staat diese verschiedenen Aufgaben in früheren Zeiten wahrnahm, hing von der jeweiligen historischen Situation ab. Auf welchen Gebieten und aus welchen Gründen Herrschaft und der damit verbundene Gehorsam als unangenehm empfunden werden, hängt weitgehend von den Fragen ab, die jeweils besondere Bedeutung in einer historischen Epoche haben und für die Menschen ein existenzielles Problem bilden. Treibstoffpreiserhöhungen werden erst seit der großen Verbreitung des Autos als wichtigstes Verkehrs- und Transportmittel als bedeutsam empfunden. Militärische Dienstleistung und die damit verbundenen wirtschaftlichen Konsequenzen im negativen wie im positiven Sinn waren in der Antike von entscheidender Bedeutung. So konnte man sein Leben verlieren, aber auch Beute machen. Weil das Leben auch durch Infektionskrankheiten wie Tuberkulose sehr bedroht war und die Verluste im Krieg in der Regel weniger hoch waren als in der Moderne, waren militärische Auseinandersetzungen keineswegs allein eine herausragende Gefahr für das Leben. Der Krieg war ein wichtiges Instrument der Politik. Er war in gewisser Weise alltäglich und bestimmte das Leben. Das änderte sich erst in der röm. Kaiserzeit für die Gebiete des Reiches, die weit genug von den Grenzen entfernt waren wie Italien oder Spanien. Hier war der Herrschaft, ihre Wahrnehmung und Gehorsam 21 Krieg in den ersten beiden Jahrhunderten der Kaiserzeit weit weg. Nur bei Staatsstreichen und den häufig mit ihnen verbundenen bürgerkriegsähnlichen Zuständen konnte er lokal spürbar werden. Nicht zufällig hatte daher auch eine Stadt wie Rom keine Stadtmauern. In Rom stehen die wirtschaftlichen Folgen des Krieges am Anfang des Niedergangs der Republik. Der lange dauernde Kriegsdienst in weit entfernten Gebieten wie in Kleinasien oder Spanien zerstörte die bäuerliche Mittelschicht, die diesen Dienst leisten mußte. Auch in der Moderne gibt es ähnliche Phänomene. So spielte in der Schweiz im ersten Weltkrieg die nicht geregelte Frage einer hinreichenden finanziellen Entschädigung für Personen, die Militärdienst leisten mußten, um die Grenze gegen mögliche Verletzungen der Neutralität zu sichern, eine wichtige innenpolitische Rolle. Es kam zu sehr starken inneren Spannungen. Herrschaft, Legitimität und Gehorsam Um Gehorsam zu erreichen, gibt es sehr verschiedene Möglichkeiten. Eine sehr naheliegende und politisch sehr wirksame ist die Berufung auf die Legitimation der Herrschaft. Wer vom Volk gewählt ist, wird darauf immer wieder hinweisen und auf diese Weise seine Stellung und gefaßte Beschlüsse rechtfertigen. Die Art des Wahlverfahrens spielt dabei kaum eine Rolle. Wahl rechtfertigt Herrschaft. Es ist unerheblich, ob der Herrscher wie der französische Präsident in der fünften Republik direkt gewählt wird oder indirekt wie der deutsche Bundeskanzler. Die näheren Umstände und Besonderheiten der Wahl sind nicht entscheidend, auch wenn sie in der politischen Diskussion eine Rolle spielen. So werden der große finanzielle Aufwand, der für eine Wahl zum amerikanischen Präsidenten notwendig ist, immer wieder diskutiert oder das Elektorensystem in den USA (Wahlmännersystem). Dieses führt bisweilen dazu, daß das Stimmenmehr und das Mehr der Wahlmänner verschieden sein können, jemand also mit dem Mehr der Wahlmänner Präsident werden kann. Ein vormoderner Monarch wird sich auf die ihm übertragene Stellung berufen, wie auch immer sie legitimiert ist. Sie gilt seit dem 6.Jhd. n.Chr. in unserem Kulturkreis immer als von Gott übertragen und III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 22 wird dem Herrscher auf verschiedene Weise zuteil, so etwa auf Grund einer Nachfolgeordnung, die z.B. in Frankreich in der Zeit des Absolutismus alles so genau regelte, so daß für jede Situation vorgesorgt war, oder durch ein Wahlgremium wie z.B. beim Papsttum oder dem Kaiser im Heiligen Römischen Reich durch das Kurfürstenkollegium. In jedem Fall muß die Rechtfertigung der Herrschaft von denen, die von ihr betroffen sind, anerkannt werden, denn sonst gibt es ohne Zwang oder Gewaltanwendung keinen Gehorsam und keine Duldung der Herrschaft. Ob man freiwillig gehorcht, ist keinesfalls eine formaljuristische Frage, über die von Staatsrechtlern oder Verfassungsrechtlern entschieden wird, sondern von denen, die gehorchen sollen. Sie stimmen mit ihrem Verhalten der Herrschaft zu oder lehnen sie ab. Die Flucht aus der DDR ist ein Beispiel dafür, wie man der Ablehnung der Herrschenden Ausdruck geben konnte. Die Abstimmung mit den Füßen gefährdete die Existenz des Staates. Wenn auch die Motive der Ablehnung des Staates in der DDR sehr unterschiedlich waren, so spielten doch die verfehlte Wirtschaftspolitik, die ständig zu Versorgungsmängeln führte, und die fehlenden Möglichkeiten, eigene Vorstellungen zu verwirklichen, eine wichtige Rolle. Für die Mehrheit der Menschen, die den Staat verlassen wollten, war dies wichtiger als die unglaubwürdige Legitimation der Herrschenden, die auf manipulierten Wahlen beruhte. Diese Situation hätte man weitgehend akzeptiert, wenn die ökonomischen Bedingungen sehr gut gewesen wären. Daß einem Herrschaft gerechtfertigter Weise übertragen worden und ihr daher zu gehorchen ist, läßt sich auf verschiedene Weise dem Volk zeigen. Das ist besonders notwendig für die, die nicht durch eine Wahl, sei sie nun direkt oder indirekt, durch das Volk legitimiert sind. In diesem Fall ist nämlich die Berufung zur Herrschaft noch nicht durch die Beherrschten gebilligt. Die Wahl vollzieht sich nämlich in einem kleinen Zirkel, dem Wahlgremium wie im Konklave bei der Papstwahl, oder man wird automatisch Herrscher wie bei der Erbfolge. Das Volk nimmt dann dazu in einer formlosen Versammlung zustimmend Stellung. Es drückt seine Zustimmung, seinen Konsensus, aus. Der neue König wird von der Volksmenge jubelnd begrüßt. Nicht zufällig sprechen viele Quellen des Mittelalters von der Wahl des Papstes durch das Volk, obwohl es sich um eine bloße Bestätigung durch eine Herrschaft, Legitimität und Gehorsam 23 Volksmenge handelt, deren Zusammensetzung in keiner Weise bestimmt war. Die Amtseinsetzung wird in der Regel feierlich ausgestaltet. Das gilt aber nicht nur für den Monarchen, sondern mehrheitlich auch für vom Volk direkt oder indirekt bestimmte Amtsträger. Je nach kulturellem und historischem Hintergrund kann sie an den Pomp monarchischer Krönungen heranreichen. Dies gilt z.B. für die Amtseinsetzung des italienischen Staatspräsidenten. Er hat zwar vorwiegend repräsentative Aufgaben, spielt aber daneben z.B. bei Regierungswechseln eine wichtige politische Rolle und verleiht so den jeweiligen Regierungen einen guten Teil ihrer Autorität. Seine Bedeutung wird durch eine feierliche Amtseinsetzung von vornherein erkennbar. Auch nach der Amtsübernahme unterstreichen Monarchen wie auch gewählte Amtsträger immer erneut ihre herausgehobene Position. In welchem Ausmaß hängt ebenfalls vom kulturellen und historischen Hintergrund des jeweiligen Landes ab. So kann ein Monarch durch Feste und Bauten seine besondere Stellung unterstreichen. Aber nicht nur der Monarch kann repräsentieren und auf diese Weise seinen Anspruch auf Herrschaft erkennen lassen, so daß er leichter Gehorsam einfordern kann, auch die vom Volk gewählten Amtsträger wissen diese Möglichkeiten zu schätzen, um Distanz und Respekt herzustellen, der zum Gehorsam führt. So läßt sich mit Großbauten wie der Wiederherstellung des Reichstagsgebäudes in Berlin die Bedeutung der gewählten Abgeordneten unterstreichen, oder Dienstwagen mit Begleiteskorten auf Motorrädern können als Symbole der jeweiligen Herrschaftsform und der Herrschenden dienen, Respekt einflößen und Gehorsam fördern. Feste und Bauten haben nicht nur die Aufgabe, die Bedeutung der Herrschenden erkennen zu lassen, sondern auch eine identitätsstiftende Funktion. Sie lassen die Zugehörigkeit zu einem Staat erleben und symbolisieren sie. In der Antike gehörte dazu etwa der Bau großer Tempel, der Stadtmauern oder großer gemeinsamer Feste zu Ehren der Götter, die die Stadt schützten. Diese Zugehörigkeit kann auch in anderen Projekten erfahren werden. In der Moderne sind die Möglichkeiten noch zahlreicher. Man denke etwa an die Vorbereitung einer neuen Verfassung, große Ausstellungen, die das Land und den Staat vorstellen, oder andere Aufgaben, die als gemeinsame dargestellt wer- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 24 den können. So wird der Einzelne eingebunden und ist bereiter, den Anordnungen der Regierenden Folge zu leisten. Ein Abseitsstehen führt zu gesellschaftlicher Isolierung. Herrschaft wird auch dadurch gefestigt, daß man materielle oder andere Privilegien wichtigen Gruppen zukommen läßt. So kann man z.B. Lebensmittel- oder Treibstoffpreise subventionieren, Staatsstellen über das notwendige Maß hinaus schaffen, um eigene Anhänger materiell sichern zu können, oder die Interessen wichtiger Persönlichkeiten, die wirtschaftlich oder politisch einflußreich sind, besonders berücksichtigen. Nicht zufällig wird häufig in repräsentativen Demokratien die Zahl der Minister erhöht, um verschiedenen politischen Strömungen oder Interessengruppen entgegenzukommen. Gehorsam und Respekt hängen auch nicht selten vom Charisma dessen ab, der die Herrschaft verkörpert, sei es nun ein Monarch, ein gewählter Präsident wie in Amerika oder Frankreich oder der Chef der Regierung, der Bundeskanzler, wie in der Bundesrepublik Deutschland. Das Charisma führt nicht selten dazu, daß Amtsträger mehr Macht anstreben, als ihnen eigentlich zugestanden ist. Man denke etwa an Hitler, der nur so den Staat gleichsam in seine Verfügungsgewalt bringen konnte. Bei De Gaulle können wir ein ähnliches Vorgehen feststellen. Nur hatte dieser ein anderes moralisches und intellektuelles Niveau. Gehorsam kann unabhängig von der Legitimation auch durch eine Politik erreicht werden, die eine aktuelle schwierige Situation nutzt oder sogar herbeiführt wie z.B. durch vom Staat bzw. vom Geheimdienst gesteuerte Attentate. Dieses Vorgehen ist recht häufig und hängt nicht von der jeweiligen Form der Rechtfertigung der Herrschaft ab. Wie man aber eine schwierige Situation nutzt, hängt von der Art der Herrschaft und ihrer Begründung ab. In einer Monarchie, in der der Monarch nicht nur repräsentative und identitätsstiftende Funktionen hat, geschieht dies auf andere Weise als in einer Demokratie. Der Festigung des Gehorsams können innenpolitische Gegner oder äußere Feinde dienen, deren Bekämpfung als sehr wichtiges Ziel dargestellt wird. Dafür wird dann Gehorsam über das übliche Maß hinaus gefordert, und so kann von anderen Problemen abgelenkt werden. Einen Feind des Landes zu bekämpfen ist wichtiger als einen Versorgungsengpass zu beheben. Für diesen Gehorsam wird in der Moderne in der Herrschaft, Legitimität und Gehorsam 25 Regel die Einheit der Nation beschworen. Wilhelm II. sprach zu Beginn des Ersten Weltkrieges davon, daß er nur noch Deutsche kenne, und suchte damit die Kluft zwischen der Monarchie und der Linken zu schließen. Auch in Demokratien wird die Einheit der Nation oder etwa ihre Sicherheit beschworen, um Einschränkungen der individuellen Rechte zu begründen oder besondere Opfer zu fordern. Die Legitimierung der Herrschaft und der Rückgriff auf sie in der praktischen Politik, um Gehorsam zu erreichen, hängen von der Staatsform, institutionellen Regelungen und den politischen Verfahrensweisen ab. Häufig wird gar nicht auf die Form der Legitimation direkt zurückgegriffen. Wenn man in einer repräsentativen Demokratie eine militärische Intervention plant wie z.B. der Eintritt der USA in den ersten und in den zweiten Weltkrieg, muß die öffentliche Meinung zuerst auf sie eingestimmt werden, wenn man sich nicht auf einen offensichtlichen Notstand berufen kann. Erst dann ist es möglich, den Weg zum Beschluß zu beschreiten. Ihm wird ohne Probleme Folge geleistet werden, unabhängig von der Form der Legitimation. Bei allen Verfahren, Gehorsam oder Zustimmung zu bewirken, spielt die jeweils mögliche Form der Kommunikation eine wichtige Rolle. In der Antike oder im Mittelalter war sie anders als heute. Sie konnte sich auf soziale Strukturen stützen, die sich weniger schnell änderten. Ihr Inhalt und ihre Gestaltung sind aber immer von entscheidender Bedeutung, um Zustimmung und Gehorsam zu erreichen. Was teilen die Herrschenden mit und wie? Kann man überprüfen, in welchem Ausmaß sie informieren? Halten sie Informationen zurück? Vor der Aufklärung hatten die, die herrschten, weitgehend ein Informationsmonopol, das nur durch frei zirkulierende Nachrichten mit informellem Charakter begrenzt war. In modernen Demokratien spielten zuerst die Presse und dann auch zunehmend andere Medien wie Fernsehen, Radio und Internet eine Rolle, in der Antike etwa die öffentliche Verlesung amtlicher Mitteilungen oder die Aufstellung der Statuen des neuen Herrschers auf dem Forum eine entscheidende Rolle. Kommunikationsmittel, die gleichsam institutionellen Charakter haben wie bekannte Zeitungen, die von den Herrschenden unabhängig sind, wenn es das jeweilige System erlaubt, sind eine moderne Erscheinung und werden als Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie betrachtet. Sie können III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 26 ein unabhängiges Forum für die Diskussion politischer Probleme bilden. Reichen die üblichen Mittel nicht, um Zustimmung und Gehorsam herzustellen, so gilt als sehr erfolgversprechend die Androhung oder der Einsatz von Gewalt, der auch bei gut gerechtfertigter Herrschaft auf Grund des staatlichen Gewaltmonopols möglich ist, so z.B. bei der Auflösung von unbewilligten Demonstrationen. Gewalt anzuwenden wird von Staaten generell als erlaubt betrachtet. Sie haben das Gewaltmonopol. In entwickelten Staaten gibt es zwar dafür strenge Regeln, die aber interpretierbar sind und nicht selten unbeachtet bleiben. Man denke etwa an den Einsatz der Polizei gegen Demonstranten beim Treffen der G 8 in Genua 2001, die viele Jahre später zur Verurteilung einzelner Verantwortlicher führte, oder den im Rahmen der Proteste gegen den neuen Stuttgarter Bahnhof (Stuttgart 21). Die Anwendung der Gewalt über den zugestandenen Rahmen hinaus hängt, wenn man vom persönlichen Fehlverhalten einzelner absieht, davon ab, ob man glaubt, damit Gehorsam zu erreichen, ohne die eigene Stellung zu gefährden. Der Einsatz von Gewalt wird häufig als sehr wichtig oder sogar als entscheidend angesehen und empfohlen, wenn andere Mittel versagen. Die mögliche Anwendung von Gewalt kann sogar als wichtiger als jegliche Form der Legitimierung betrachtet und gleichsam als Ersatz für diese angesehen werden, obwohl das in modernen Staaten nie gesagt wird. In einem solchen Fall wird im Grunde auf jede politische Form der Legitimierung verzichtet, wenn auch vordergründig oft eine solche vorgetäuscht wird, so etwa durch manipulierte Wahlen. Die von der Gewalt Betroffenen können z.B. auch als Kriminelle eingestuft werden. So kann dann zu Recht gewaltsam gegen sie vorgegangen werden. Beruft man sich letztlich nur auf Gewalt, um Gehorsam zu erreichen, so bleibt dabei unbedacht, daß die Erzwingung von Gehorsam mit Gewalt nur beschränkt möglich ist und in einer entwickelten Gesellschafts- und Staatsstruktur zu beider Zerstörung und zur Rückbildung auf primitivere Formen führt, wenn man über längere Zeit auf diese Weise das Ziel erreichen will. Das mag den Herrschenden egal sein, bringt aber ihr eigenes Herrschaftsgebiet bzw. Land in Rückstand, der sich ständig vergrößert, und kann zum Zerfall jeder staatlichen Ordnung führen. Anwendung von Gewalt ist daher der schlechteste Herrschaft, Legitimität und Gehorsam 27 Weg, Gehorsam zu erreichen. Nicht zufällig wird selbst bei der Erzwingung von Gehorsam durch Gewalt noch versucht, den Anschein einer Legitimierung von Herrschaft aufrechtzuerhalten. Bei der Bewertung der Anwendung von Gewalt, um Gehorsam zu erzwingen, wird sie oft als letzte Möglichkeit betrachtet, ohne zu bedenken, daß ihr Gebrauch langfristig verderbliche Folgen für alle hat. Formen, Gründe und Absichten des Ungehorsams Allgemeine Überlegungen Um Ungehorsam den Herrschenden gegenüber Ausdruck zu geben, gibt es eine fast grenzenlose Vielfalt an Möglichkeiten in der Geschichte. Es soll hier nur über einzelne Grundformen gesprochen werden. Dabei ist zu beachten, daß sich die Auseinandersetzung immer im politischen Bereich abspielt und nicht im Privaten. Es muß immer eine politische Absicht dahinterstehen, es darf sich nicht um eine private Aktion handeln. Wenn z.B. ein einzelner seine Steuern nicht bezahlen will, ist das kein Ungehorsam, der politische Auswirkungen hat, der Steuerstreik einer größeren Gruppe dagegen schon. Ebenso hat die Ermordung eines Amtsträgers, z.B. eines Polizisten, der Nebenbuhler in einer privaten Beziehung ist, nichts mit der Verweigerung von Gehorsam dem Staat gegenüber zu tun. Sie kann allerdings so gedeutet werden, um aus ihr einen politischen motivierten Akt des Ungehorsams zu machen. Ungehorsam gegenüber Herrschaft äußert sich im Wesentlichen in drei Formen. Man akzeptiert einzelne Entscheidungen nicht und leistet ihnen keine Folge, man unterstützt die aktuellen Träger der Herrschaft nicht mehr und sucht sie aus ihrer Stellung zu entfernen oder man stellt das geltende Prinzip, mit dem die Herrschaft begründet wird, generell in Frage. So kann man sich z.B. gegen die monarchische Form der Herrschaft und ihre Rechtfertigung auflehnen. Die verschiedenen Formen können auch ineinander übergehen oder können aufeinander folgen. Aus der Verweigerung, einer Entscheidung zu gehorchen, kann eine Kettenreaktion werden, die mit der Ablösung der Herrschenden oder gar der Delegitimierung ihrer Herrschaft endet. III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 28 Ebenso vielfältig sind auch die Gründe und Absichten, aus denen heraus Ungehorsam und Verweigerung der Zustimmung im politischen Bereich entstehen. Gründe, um die Herrschaft und deren Träger in Frage zu stellen, finden sich immer, denn politische Systeme funktionieren niemals in vollkommener Weise. Es müssen sich ein geeigneter Anlass bieten, eine ungerechtfertigte Preiserhöhung zum Beispiel, Personen, die ihn ergreifen, und eine politische Situation, die einen fruchtbaren Boden dafür bietet. Die Absichten derer, die einen solchen Anlass ergreifen, sind oft wandelbar und bleiben in der Regel selten über einen längeren Zeitraum konstant. Häufig ist der Wille zur Macht, der Wille zum Ergreifen der Herrschaft, von einem bestimmten Punkt an die einzige Konstante, und das Problem, um dessen willen man aufbegehrt hat, wird zum bloßen Vorwand. Herrschaft, ihre Rechtfertigung und der Gehorsam, der erwiesen wird, beruhen in einem Staat auf institutionellen Regelungen, geschriebenen oder ungeschriebenen. Deren Funktionieren hängt weitgehend von gesellschaftlichen Grundlagen ab, die nur begrenzt steuerbar sind, wie große und kleine Versuche dazu zeigen. Die Umformung von Gesellschaften in so genannt sozialistische gelang nicht, und die oft versuchte Steuerung von Berufsgruppen, die die Gesellschaft benötigt wie z.B. Ärzte, erweist sich als recht schwierig. Die Umgestaltung der Mentalität einer Gesellschaft vollzieht sich in Generationen. Wo institutionelle Regelungen nicht zulassen, daß wichtige Gruppen hinreichenden politischen Einfluß haben und bei Entscheidungen berücksichtigt werden, kann es zu unvorhersehbaren Entwicklungen kommen. Wahlergebnisse, die wichtige Gruppen nicht hinreichend präsentieren, können z. B. durch Wahlgesetze verursacht werden, die einen zu großen Zuschlag, d.h. häufig die Mehrheit der Abgeordneten, an die Partei mit den meisten, aber nicht der Mehrheit der Stimmen geben. In diesem Fall kann man mit einer Minderheit der Stimmen über eine Mehrheit derer, die andere Parteien gewählt haben, regieren. Das erweckt vordergründig den Eindruck von Stabilität, kann aber rasch zu Demonstrationen führen, die nicht zu kontrollieren sind. Die gesellschaftlichen Grundlagen von Staaten lassen sehr unterschiedliche Entwicklungen des Gehorsams und seiner Verweigerung zu. Moderne Nationalstaaten, die auf einem Staatsvolk beruhen, das eine einheitliche Sprache, eine einheitliche Kultur, eine einheitliche re- Allgemeine Überlegungen 29 ligiöse Ausrichtung z. B. auf christlicher Basis und demokratische Institutionen hat, sind immer in Gefahr, bei großen Problemen in die Hand charismatischer Persönlichkeiten zu fallen, die ihre Macht zu sichern wissen, wenn sie erst einmal in den Besitz eines entscheidenden Amtes gelangt sind. Länder, in denen verschiedene Sprachen gesprochen werden, mit föderaler Struktur wie die Schweiz sind davor weitgehend gefeit. Dazu kommt bei der Schweiz die kollegiale Form der Regierung, die die Dominanz einer Person unmöglich macht. Die Exekutive besteht aus sieben Bundesräten, die vom Parlament für eine vierjährige Amtsperiode unter Berücksichtigung sprachlicher und regionaler Zugehörigkeit gewählt werden. Sie sind nicht abwählbar. Sie fassen ihre Beschlüsse durch Abstimmung und keiner von ihnen hat eine Weisungsbefugnis. Die Beschlüsse gelten als solche des Gremiums und werden so auch nach außen vertreten. Das Stimmverhalten der einzelnen Bundesräte wird nicht mitgeteilt. Die Herkunft der kollegialen Regierungsform ist unsicher. Man vermutet, daß man sich den Kleinen Rat der Städte in der Schweiz zum Vorbild nahm. Er entstand im Spätmittelalter. Die Träger des Ungehorsams sind durch die jeweilige historische Situation gegeben. Institutionelle und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sind entscheidend. Sie müssen erst verändert werden, wenn andere Gruppen wichtig werden sollen. Im deutschen Kaiserreich von 1871 war die Zahl der möglichen Anwärter auf das Amt des Reichskanzlers sehr beschränkt, und damit auch das Streben danach auf einen kleinen Personenkreis begrenzt. Diese Situation veränderte sich grundlegend erst mit dem Ende des ersten Weltkrieges und dem Sturz der Monarchie. Vorher war es unmöglich, über den Posten des Reichskanzlers nach der Macht zu greifen Die Herrschaft lag im wesentlichen beim Monarchen. Er konnte den Reichskanzler jederzeit entlassen. In der Republik von Weimar veränderte sich die Situation grundlegend. Jeder konnte Reichskanzler werden, auch der ehemalige Bewohner eines Männerheimes, Hitler. In der römischen Republik war die Bekleidung des Konsulates im Wesentlichen an die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Personenkreis gebunden. Es waren die amtsfähigen Familien, die die Kandidaten stellten, die Nobilität. Andere waren die große Ausnahme wie z.B. Cicero im ersten Jahrhundert v.Chr. Ein entsprechendes Vermögen war zudem die Grundlage jeder politischen Tätig- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 30 keit in Rom. Wer seinen Lebensunterhalt verdienen mußte, hatte in der Politik nichts zu suchen und war auch ohne Einfluß. Erfolgreich sich gegen Herrschaft aufzulehnen, war nur Personen möglich, die zu dieser Schicht gehörten wie z.B. Catilina. Ungehorsam kann zum völligen Zerfall staatlicher Herrschaftsstruktur führen und in einem failed State enden. In einem solchen funktionieren die staatlichen Institutionen nicht oder es gibt sie gar nicht mehr. Es fehlt daher eine Regierung, die auf dem gesamten Staatsgebiet hinreichend Anerkennung findet, so daß man ihren Anweisungen gehorcht. Im historischen Raum, der hier zur Diskussion steht, kann eine solche Entwicklung lokal oder als vorübergehende Erscheinung nicht ausgeschlossen werden, sie führte aber nicht zu dauerhaft weißen Flecken auf der politischen Landkarte und soll daher au- ßer Betracht bleiben. Zu welchen Formen des Ungehorsam gegriffen wird, hängt von der historischen Situation und den Regeln ab, die in der Politik gelten. Hier sollen nur zwei Elemente beispielhaft erwähnt werden, die eine wichtige Rolle spielen können, um eine gewaltsame Auflehnung gegen Herrschaft zu vermeiden, nämlich die politische Kultur und die institutionell vorhandenen Möglichkeiten, auf politische Entscheidungen Einfluß nehmen zu können. Es geht um die Frage, an der Politik teilhaben zu können. Beides sind nicht nur Probleme moderner staatlicher Strukturen, sondern gehen viel weiter zurück. Politische Kultur und Teilhabe an der Politik Die Formen des Ungehorsams sind nicht zu trennen von der politischen Kultur. Wie geht man miteinander in der politischen Auseinandersetzung um? Spricht man miteinander, sucht Lösungen zu erreichen, die für alle tragbar sind, oder suchen beide Seiten, die die herrschen, und die, die von ihnen abhängen, ihre Überzeugungen durchzusetzen und die Herrschaft zu behalten oder zu erlangen. Ist dabei jedes Mittel recht, auch die physische Beseitigung des politischen Gegners? Politische Kultur und Teilhabe an der Politik 31 Der Begriff politische Kultur hat einen positiven Inhalt. Ist sie hinreichend entwickelt, tabuisiert sie auf diese Weise physische Gewalt und Drohungen in der politischen Auseinandersetzung. Die politische Kultur ist nur begrenzt durch rechtliche Vorkehrungen zu sichern. Zwar kann man sich gegen Beleidigungen oder Drohungen vor Gericht wehren, wenn die Rechtsprechung unabhängig ist, aber ein Urteil kommt immer zu spät, und der, der beleidigt oder droht, hat in der Regel sein Ziel schon längst erreicht, wenn das Urteil vorliegt. Politische Kultur beruht vor allem auf gesellschaftlichem Konsens. Durch ihn ist festgelegt, ob man beleidigen, drohen oder sogar töten darf. Er verändert sich nur sehr langsam. Hat er sich einmal in positiver Richtung entwickelt, ist allerdings auch dann die Einhaltung der Wertvorstellungen nicht garantiert. Erweist sich vom Konsens abweichendes Verhalten als erfolgreich, werden Regeln und Tabus nicht mehr beachtet. Wenn eine Gruppe auf die bewußte Verletzung der Regeln setzt und damit politischen Erfolg hat, also im besten Fall Wahlen gewinnt und im schlechtesten eine Diktatur errichten kann, bricht der Konsens zusammen. Ihn erneut zu erreichen, benötigt viel Zeit und glückliche Umstände. Politische Kultur mit Verzicht auf Gewalt ist keineswegs nur auf moderne und sehr entwickelte Gesellschaften beschränkt. Auch in traditionellen Gesellschaften gibt es ihn, in der Regel innerhalb der Gruppen, deren Mitglieder für die Übernahme der Herrschaft in Frage kommen. So brachten sich in der klassischen röm. Republik im 3.Jhd. die Mitglieder der führenden Schicht nicht gegenseitig um, und die Tötung eines Bürgers war im Normalfall an ein kompliziertes Vorgehen gebunden. Die Versammlung der Bürger war dafür zuständig. In Systemen, in denen die Herrschaft durch Wahl der dazu berechtigten Bürger übertragen wird, hängt das Ausmaß, wie oft und wie heftig man sich gegen die Regierung stellt und dem Ausdruck gibt, auch davon ab, ob andere Möglichkeiten bestehen, mit denen man auf Probleme aufmerksam machen kann, die die, die Herrschaft innehaben, nicht wahrnehmen oder nicht wahrnehmen wollen. Hierbei ist an basisdemokratische Elemente zu denken. In der Antike bildeten Volksversammlungen solche. Hier war der direkte Kontakt zwischen Bürgern und den Herrschenden gegeben. In welchem Ausmaß solche Ver- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 32 sammlungen wirksam waren, um über wichtige anstehende Probleme zu entscheiden und damit z.B. Demonstrationen unnötig zu machen, hing von ihren Befugnissen ab. Die athenische Volksversammlung in der entwickelten Demokratie des 5.Jhd. v.Chr. konnte über fast alles beschließen, Demonstrationen waren unnötig. Gefiel den Bürgern etwas nicht, konnte man die Frage vor die Volksversammlung bringen. In Rom dagegen war das System sehr viel komplizierter. So gab es beschließende Versammlungen (comitia n.pl.), in denen nur vorgegebene Kandidaten zur Wahl standen oder über Fragen, die der Wahlleiter vorlegte, entschieden wurde, und solche, in denen nur diskutiert, aber nicht abgestimmt wurde (contio, pl.: contiones). Die Volksversammlung als basisdemokratisches Element gab es in allen Staaten der griechisch-römischen Antike wenigstens auf der Ebene der Gemeinden, in denen nicht ein einzelner als absoluter Herrscher oder Tyrann oder bestimmte Gruppen alleine die Macht in den Händen hielten. Ihre Kompetenzen waren unterschiedlich. Stimmberechtigt waren immer nur die männlichen Bürger. Bei modernen Staaten denkt man bei basisdemokratischen Elementen vor allen Dingen an Referenden oder Initiativen, mit denen Sachfragen durch Abstimmung entschieden werden können. Solche Instrumente sind besonders in der Schweiz auf allen Ebenen des Staates vorhanden, aber auch in vielen Gliedstaaten der USA oder in Italien. Wo sie vorhanden sind, sind sie häufig unwirksam, um politische Unzufriedenheit zu kanalisieren, weil sie z.B. an eine gewisse Stimmbeteiligung, ein Quorum, gebunden sind, das in der Regel nicht erreicht wird. Mit antiken Volksversammlungen vergleichbar und damit ein sonst nicht vorhandenes Element basisdemokratischen Charakters sind die sogenannten Landsgemeinden in der Schweiz, die es in einzelnen Kantonen gab. Heute gibt es sie auf kantonaler Ebene nur noch in Appenzell Innerrhoden und in Glarus. Es sind Versammlungen der stimmberechtigten Bürger, die die Regierung wählen und über Sachfragen entscheiden. Basisdemokratische Elemente ermöglichen auf institutionelle Weise Teilhabe an politischen Entscheidungen. Damit sie wirksam genutzt werden, müssen sie auch in eine entsprechende politische Kultur eingebettet sein, in der z.B. auch langfristige Auswirkungen einer Ent- Politische Kultur und Teilhabe an der Politik 33 scheidung von den Stimmenden bedacht werden und nicht nur auf Grund kurzfristiger Vorteile entschieden wird. Die politische Kultur hängt von der historischen Entwicklung eines jeden Landes ab. In den meisten Ländern und Epochen ist der Wunsch, an politischen Entscheidungen teilzunehmen, keine selbstverständliche Haltung eines hinreichend großen Teiles der Bürger. Man wird davon ausgehen können, daß Teilhabe an der Politik und an politischen Entscheidungen mehrheitlich gar nicht gesucht wird. Sie wird auch von den Regierenden gar nicht gewollt. Für sie ist viel wichtiger, daß ihre Entscheidungen nicht durch eine Abstimmung darüber in Frage gestellt werden und damit ihre Legitimation zu herrschen und zu entscheiden in Zweifel gezogen werden kann. Teilhabe der Bürger an der Herrschaft ist weltgeschichtlich eher eine Ausnahme. Ihre ideellen Wurzeln liegen in der Antike, vorwiegend in der griechischen, aber ihre modernen Ausformungen gehen mindestens in der Schweiz auf spätmittelalterliche Ordnungen genossenschaftlichen Charakters zurück, die gemeinsame Aufgaben übernahmen wie z.B. den Bau der Wasserleitungen zur Bewässerung der Felder im Wallis. In Ägypten hätte das der Pharao besorgt. Seine Leute hätten befohlen, und die anderen hätten ausgeführt. Von Teilhabe an der Entscheidung konnte dabei keine Rede sein. Auch in modernen repräsentativen Demokratien genügt den meisten das Wahlrecht. Eine lange monarchische Tradition etwa und eine gewisse Größe eines Landes sind einem Wunsch nach Teilhabe nicht förderlich. Die schiere Ausdehnung der Vereinigten Staaten z.B. macht Teilhabe der Bürger auf der Ebene des Bundes fast unmöglich oder mindestens sehr schwierig. Es gibt aber durchaus Abstimmungen zu Sachfragen in recht vielen Staaten der USA. Teilhabe an den politischen Entscheidungen bedeutet nicht mehr Gehorsam, aber zwingt die Herrschenden dazu, Zustimmung zu ihrer Politik zu suchen, besonders auch für die Entscheidungen, die nicht populär sind, um den nötigen Gehorsam zu erreichen. Durch diesen Prozeß lassen sich viele offene Konflikte, die mit Demonstrationen und Unruhen verbunden sein können, vermeiden. Teilhabe im generellen, nicht nur mit basisdemokratischen Mitteln erstreckt sich selbstverständlich nicht auf alle Gebiete der Politik in gleicher Weise. Diese sind durch Verfassung, Gesetze oder Gewohn- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 34 heit festgelegt, aber hängen auch mit dem Aufbau des Staates zusammen. So kann in föderalistisch aufgebauten Staaten die Teilhabe an der Politik in den Gliedstaaten größer sein als auf der Ebene des Gesamtstaates. So gibt es, wie schon erwähnt, in einzelnen Bundesstaaten der USA Abstimmungen zu Sachfragen. Besonders außenpolitische Fragen werden dagegen auch in modernen demokratischen Staaten häufig von sehr wenigen entschieden. Die Amerikaner entschieden nie über den Krieg in Vietnam. Er wurde beendet, als der Druck der Demonstrationen gegen ihn zu groß wurde und man mit seiner Fortsetzung keine Wahl mehr gewinnen konnte. Weil damals noch die allgemeine Wehrpflicht galt, waren viele Wähler direkt betroffen oder kannten Freunde und Verwandte, die mit einer Einberufung rechnen mußten. Demonstrationen und anderes Betrachten wir die einzelnen Formen des Ungehorsams näher. Nicht zu ihnen gehören eindeutig kriminelle Akte wie Diebstahl, Betrug oder Mord, soweit sie auf mangelndes Unrechtsbewußtsein zurückgehen, zwar gesellschaftliche und staatliche Regeln nicht respektieren, aber privaten Charakter haben. Sie haben aber als Ausdruck des Ungehorsam zu gelten, wenn sie von einem hinreichend großen Teil der Bevölkerung als politische Kampfmittel betrachtet werden. Ihr gezielter Einsatz z.B. gegen Polizisten einer verhaßten Regierung kann daher durchaus Zustimmung finden, sofern ihr Einsatz nicht unverhältnismässig ist und Unschuldige trifft. Darf man einen Amtsträger umbringen, weil er auf dem Weg zur Tyrannei ist? Die Beurteilung solchen Verhaltens unter moralischen Gesichtspunkten ist umstritten. Ist der Polizistenmord oder der Tyrannenmord zu rechtfertigen? Wer hat als Tyrann zu gelten? Gibt es Kriterien dafür? Die Tötung unschuldiger Menschen durch Terror, eine moderne Erscheinung, gilt dagegen für die große Mehrheit als unentschuldbar und wird nicht als Mittel der politischen Auseinandersetzung akzeptiert. Terror gegen die Vertreter des Staates kann dagegen durchaus von größeren Teilen der Bevölkerung als erlaubt betrachtet werden. Hier ist insbesondere an die Diskriminierung oder Unterdrückung von Demonstrationen und anderes 35 Minderheiten zu denken wie z.B. an den Kampf der Kurden gegen die türkische Regierung für mehr kulturelle und politische Rechte. Politischer Witz oder die Nichterfüllung einzelner Vorgaben eines Staates, die Loyalität ausdrücken sollen, werden in der Regel nicht als Ungehorsam betrachtet, sondern als eine private Angelegenheit. Es gibt aber Ausnahmen. So waren politischer Witz in der NS-Zeit oder die Verweigerung des Hitlergrußes schwere Vergehen, und in der römischen Kaiserzeit waren dem Herrscher kultische Verehrung und Opfer geschuldet. Man brachte ihm in der Regel ein Trankopfer dar. Erwies man sie ihm nicht, wurde dies als Zeichen fehlender Loyalität aufgefaßt, eine Einschätzung, die besonders die Christen betraf und die rechtliche Grundlage für ihre Verfolgung bildete. Diese war aber in der Regel nicht systematisch. Nicht zur Verweigerung des Gehorsams gehören daher auch die häufigen Versuche als Individuum, lediglich gewissen unangenehmen Forderungen auszuweichen wie z.B. der Notwendigkeit, Steuern zu bezahlen oder Höchstgeschwindigkeiten einzuhalten, sofern sie keine politischen Zwecke verfolgen, also wie Streiks eingesetzt werden. Ein Steuerstreik ist dagegen Ausdruck des Ungehorsams, so z. B. die Weigerung in den amerikanischen Kolonien, die von der britischen Krone zusätzlich geforderten Steuern zu bezahlen. Forderungen, denen keine grundlegende Bedeutung in der jeweiligen Epoche zugemessen wird, stellen die Rechtfertigung von Herrschaft grundsätzlich nicht in Frage. Sie lösen in der Regel keinen politischen Prozeß des Ungehorsams aus, der die Ausübung von Herrschaft gefährden könnte. Probleme aus dem Bereich der staatlichen Kultur- und Bildungspolitik, die keinen offensichtlichen Bezug zum wirtschaftlichen Wohlergehen, der Versorgung oder dem sozialen Aufstieg haben wie etwa das Problem des Unterhaltes von Museen, können in interessierten Kreisen umstritten sein und als ungenügend empfunden werden, lösen aber niemals einen politisch wirksamen Prozeß des Ungehorsams aus. Versorgungsprobleme aller Art dagegen schon. Sie nicht einer Lösung zuzuführen kann direkt die Herrschenden bedrängen, oder sie können sogar Vorboten eines größeren Unbehagens sein. Wenn sie ein gewisses Ausmaß erreichen, werden sie für das politische System bedrohlich. III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 36 Politisch relevante Formen des Ungehorsams sind vor allem Demonstrationen, die einzelne Fragen wie Preiserhöhungen oder Versorgungsmängel betreffen, also einzelne Entscheidungen, oder gegen einzelne Amtsträger gerichtet sind. Sie sind in allen Epochen zu beobachten. In modernen demokratischen Staaten geben sie normalerweise lediglich politische Signale. Man möchte etwas geändert sehen. Sie weisen auf das Unverständnis für einzelne Maßnahmen hin oder drücken den Unmut über einzelne Personen aus. Im besten Fall haben sie Auswirkungen für einzelne Amtsträger, deren falsches Verhalten als Grund für Probleme gesehen werden kann. Die modernen rechtlichen Regelungen erschweren Ungehorsam gegenüber den Anordnungen der Herrschenden erheblich und machen deren Entscheidungen, soweit sie formal korrekt getroffen wurden, weitgehend unangreifbar, wenn sie nicht eindeutig als widerrechtlich interpretiert werden können. Bei einer entsprechenden politischen Kultur gilt die Nichtbeachtung von Entscheidungen, die formal korrekt getroffen wurden, weitgehend als Tabubruch. Sie wird als Gefährdung des Rechtsstaates betrachtet. Sie ist aber durchaus möglich, wie etwa die Proteste gegen Stuttgart 21 in Deutschland und gegen das geplante Atomkraftwerk Kaiseraugst in der Schweiz deutlich zeigen. Hier wurden rechtlich verbindliche Beschlüsse mit Erfolg in Frage gestellt. Das Projekt, in Kaiseraugst ein Kernkraftwerk zu errichten, scheiterte vor allem aus politischen Gründen, obwohl alle notwendigen Beschlüsse und Bewilligungen vorlagen. Die Opposition gegen dieses Kraftwerk vermochte 1975 eine mehrwöchige Besetzung des Geländes, das für den Bau vorgesehen war, durchzuführen. In deren Folge verschoben die Behörden den Baubeginn. Es kam dann zu weiteren Protesten, und weil auch die Planungskosten dadurch ständig stiegen, gab man schließlich das Projekt auf. Politische Überlegungen siegten am Schluß über rechtliche. Man verzichtete auf die Durchsetzung rechtlich verbindlicher Beschlüsse. Die Neugestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofs und seiner Zufahrten (Stuttgart 21) ist seit Ende der 1990 Jahre in Diskussion und wird seit Baubeginn von Demonstrationen und politischen Auseinandersetzungen begleitet, obwohl die gefaßten Beschlüsse zum Bau formal korrekt sind. Sie werden aber von hinreichend großen Teilen der Bevölkerung nicht akzeptiert. Auch hier zeigen sich die Grenzen der Demonstrationen und anderes 37 Wirksamkeit solcher Beschlüsse, aber auch des Einsatzes staatlicher Gewalt bei den Auseinandersetzungen mit den Demonstranten. Sie ist bisher im Gegensatz zu Kaiseraugst sehr viel stärker eingesetzt worden, besonders nach dem offiziellen Beginn der Bauarbeiten 2010, ohne daß aber die Situation völlig kontrolliert werden konnte. Die Demonstrationen dauerten auch 2015 an, wenn auch mit sehr viel weniger Teilnehmern und viel weniger Polizeieinsatz. Die Demonstrationen gegen Kaiseraugst oder Stuttgart 21 stellten und stellen aber die Herrschaftsordnung oder die Legitimation nicht generell in Frage. Sie haben keinen allgemeinen Ungehorsam zur Folge, der den Staat erschüttert. Um dies zu bewirken sind größere Krisen notwendig wie z.B. die Krise Italiens nach dem ersten Weltkrieg. Hier gab es eine gewählte Regierung, die aber die zahlreichen Probleme nicht in den Griff bekam. So konnte Mussolinis geplanter Marsch auf Rom 1922 eine wesentliche Voraussetzung dafür werden, daß ihm der König das Amt des Ministerpräsidenten übertrug. Von dieser institutionellen Stellung aus ließ sich die Übernahme der Herrschaft auf die Dauer bewerkstelligen. Man darf dabei aber nicht vergessen, daß der rechte Block, zu dem die Bewegung Mussolini gehörte, drittstärkste Partei wurde und Mussolini dank der Vorzugsstimmen einer der am besten gewählten Abgeordneten war. Formal blieb die Legitimierung durch das Volk während der Zeit des Faschismus bestehen. Man konnte wählen. Herrschaft kann selbstverständlich auch von außen in Frage gestellt werden, indem man etwa Gruppen in einem anderen Staat, die sich ungerecht behandelt fühlen oder Unruhe schaffen wollen, unterstützt. Dies gilt etwa für separatistische Bewegungen. Man denke z.B. an die Unterstützung Russlands für die Gebiete in der Ostukraine bei ihrer Auseinandersetzung mit der Zentralregierung in Kiew. Dieses Problem gilt nicht für das röm. Reich, in dem es keinen wirklichen Separatismus gab. Um Demonstrationen oder andere Aktionen, die Ungehorsam ausdrücken, zu planen, auszulösen, zu steuern oder ein ihnen günstiges Klima zu erzeugen, gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Sie hängen von der jeweiligen Zeit, ihrer politischen Kultur, wie geht man in der politischen Auseinandersetzung miteinander um, und ihrem zivilisatorischen Entwicklungsstand ab. Der Gebrauch des Internets, um III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 38 Demonstrationen zu organisieren oder die Verantwortung für Anschläge zu übernehmen, ist nur der letzte Schritt. Zu solchen Protesten wird gegriffen, wenn keine anderen Instrumente vorhanden sind, eine Änderung der Politik zu bewirken. Im kaiserzeitlichen Rom konnte man kaum anders seinem Unmut über zu hohe Getreidepreise Ausdruck verleihen, und in rein repräsentativen Demokratien sind getroffene Entscheidungen, die Mißfallen erregen, auch kaum anders öffentlich anzuprangern. Wenn solche Demonstrationen andauern, stellen sie den Gehorsam generell in Frage. Sie können dann zum Sturz der Inhaber der Herrschaft ermuntern. Demonstrationen gegen einzelne Entscheidungen oder um Probleme aufzuzeigen, die als ungelöst betrachtet werden, können aber institutionell folgenlos bleiben wie im Fall von Kaiseraugst oder zu Veränderungen führen, die die institutionelle Ordnung vorsieht. So hatte Stuttgart 21 zur Folge, daß die CDU in Baden-Württemberg ab 2011 nicht mehr den Ministerpräsidenten stellte. Sie können aber auch dazu führen oder dazu genutzt werden, die jeweilige Herrschaft in Frage zu stellen. Es gibt dann vor allem zwei Möglichkeiten. Ungehorsam kann sich gegen die Personen oder gegen die Gruppe richten, die die Herrschaft gerade ausüben, oder gegen die aktuelle Organisation der Herrschaft, so z.B. gegen die geltende Einteilung des Staatsgebietes und den damit verbundenen Rechten, die oft als ungenügend betrachtet werden. Ungehorsam kann aber auch das geltende Prinzip, Herrschaft zu legitimieren, generell in Frage stellen, also z.B. sich gegen die monarchische Form von Herrschaft und ihre Form von Legitimation wenden wie es in der Französischen Revolution der Fall war oder bei den Unabhängigkeitsbestrebungen der nordamerikanischen Kolonien. Der erste Fall ist bei weitem häufiger und als der normale zu betrachten. Man will die Herrschenden austauschen oder einzelne institutionelle Änderungen vornehmen. Dazu gehört z.B., daß man die Regierenden nicht anerkennt, wenn die Wahlen, durch die sie an die Macht gekommen sind, als gefälscht betrachtet werden oder wenn sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Bei beiden Möglichkeiten bietet die politische Interpretation viel Spielraum. Der zweite Fall ist nur in den bisher sehr seltenen Zeiten des Überganges von einer Form der Legitimation von Herrschaft zu einer anderen zu fassen, so als die röm. Repu- Demonstrationen und anderes 39 blik sich unter großen inneren Wirren zu einer Monarchie wandelte, und im modernen Europa, als seit dem Ende des 18.Jhd. das monarchische dem demokratischen Legitimationsprinzip, der Übertragung der Herrschaft durch Wahl, weichen mußte. In solchen Zeiten des Überganges tritt der zweite Fall natürlich gehäuft auf. Die dauerhafte Änderung des Legitimationsprinzips ist häufig ein langwieriger und mit großer politischer und sozialer Unruhe verbundener Vorgang. In der Regel verläuft er auch nicht gradlinig, so etwa in der französischen Revolution. Ihr folgte erst einmal die monarchische Herrschaft Napoleons und eine Rückkehr zum alten Herrscherhaus. Im ersten Fall muß der Ungehorsam nicht zu einer grundlegenden Veränderung des Legitimationsprinzips führen. Er kann aber dessen Aushöhlung zur Folge haben und es zur Fiktion werden lassen. In der Bundesrepublik oder den Vereinigten Staaten z.B. wäre es im Augenblick unmöglich, daß das Legitimationsprinzip ausgehöhlt und zur Fiktion wird, so lange das Prinzip der Wahl mit einem Wahlgesetz, das die Ergebnisse nicht grundsätzlich verfälscht, zur Legitimierung der Herrschaft gilt und die föderalistische Ordnung anerkannt bleibt. Bei ihr gilt in den Gliedstaaten dasselbe Prinzip, um die Herrschaft zu legitimieren, wie für die Zentralregierung, So wird es gestärkt. Die föderalistische Ordnung ist auch ein wichtiges Element der Machtbalance, indem sie z.B. Parteien, die nicht an der Zentralregierung beteiligt sind, eine eigene Machtbasis bieten kann. Sie bringt zugleich den Staat näher an die Bürger. Sie sind sich dann in der Regel seiner Werte bewußter. Dies alles schließt aber nicht grundsätzlich aus, daß sich die Verhältnisse ändern können, daß es dennoch zu einer Form der Übernahme der Macht kommen kann, obwohl das Ergebnis einer Wahl respektiert wird, wie die Errichtung der NS-Diktatur zeigt. Hitlers Partei konnte einen wesentlichen Wähleranteil gewinnen, was letztlich seine Ernennung zum Reichskanzler zur Folge hatte. Aus dieser Position heraus konnte er seine Einsetzung als Kanzler unumkehrbar machen und die Diktatur errichten. Seine Stellung stellte er dann nicht mehr zur Disposition. Die errungene Macht wurde nicht grundlegend neu legitimiert, sondern auf verschiedene Weise gestärkt, und es wurde dafür gesorgt, daß sie nicht mehr in Frage gestellt werden konnte, so unter anderem durch die Anwendung von Gewalt oder der Drohung mit ihr und durch einen Personenkult, der sich immer weiter verstärkte. Die III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 40 später durchgeführten Wahlen wurden zur Fiktion. Die Reichstagswahl vom 5. März 1933 war die letzte, an der mehr als eine Partei teilnahm. Danach gab es nur noch eine Einheitsliste. Die Möglichkeiten, die Herrschaft selbst zu übernehmen, indem man den Herrschenden den Gehorsam verweigert, sind aber weniger in eindeutigen Kategorien zu fassen, wenn man vom Legitimationsprinzip ausgeht. In der historischen Realität zeigen sie sich in Bezug darauf oft erst im Ergebnis. So war die amerikanische Unabhängigkeit im Anfang sicher kaum ein Aufbegehren gegen die Legitimation der englischen Herrschaft, sondern eine Entscheidung gegen deren neu eingeführte Steuern. Sie führte dann zu einem neuen Staat mit einer ganz anderen Rechtfertigung der Herrschaft. Die Wahl durch das Volk wurde entscheidend. Daß Hitler Reichskanzler wurde, kann kaum als Staatsstreich bezeichnet werden. Die Kanzlerschaft war aber, wie erst die weitere Entwicklung zeigte, die Voraussetzung für die Übernahme der Macht in dem Sinn, daß sie nicht mehr in Frage zu stellen war. Wenn daher im folgenden Usurpationen und Revolutionen als besondere Formen erörtert werden, um die Ablehnung des Gehorsams zu erfassen, handelt es sich um eine Auswahl unter vielen Zwischenund besonderen Formen. Staatsstreiche und Revolutionen Auf Demonstrationen und Unruhen können Staatsstreiche oder Revolutionen folgen. Staatsstreiche können sich aber auch ohne voraufgehende Unruhen ereignen, um die politische Führung auszutauschen. Sie werden von kleinen Gruppen getragen, die zur Herrschaft drängen. Revolutionen treten dagegen immer in der Folge von Unruhen auf. Sie sind ein Massenphänomen. Um sie auszulösen, ist eine aufgebrachte Menge notwendig, die sich weiter radikalisieren läßt. Man verfolgt die Absicht, die staatlichen Institutionen und die politischen Eliten neu zu gestalten. Sie sind auch mit einem Wechsel des Legitimationsprinzips verbunden. Eine Usurpation zielt nicht notwendigerweise auf die Veränderung des institutionellen, politischen und gesellschaftlichen Systems ab. Sie Staatsstreiche und Revolutionen 41 ist auch nicht notwendigerweise mit einem Wechsel des Legitimationsprinzips verbunden. Usurpationen in der röm. Kaiserzeit ändern nichts am herrschenden Legitimationsprinzip, das einen Monarchen vorsah, der regierte und nicht nur repräsentierte. In der Moderne sind sie bisweilen mit Änderungen des Legitimationsprinzips verbunden oder mit seiner Aushöhlung, die es zur Fiktion werden lassen können wie z.B. nach dem Staatsstreich Nassers in Ägypten oder Gaddafis in Libyen. Sie gründeten Einheitsparteien und ließen so die Wahl durch das Volk zur Fiktion werden. Die Usurpation ist auch nicht durch Unzulänglichkeit und Fehler der menschlichen Natur bedingt, wie etwa durch Ehrgeiz, Hab- oder Machtgier, denn diese sind nur individuelle Voraussetzungen, die ein Usurpator und die ihn tragende Gruppe mitbringen müssen, sondern der Staatsstreich ist durch die Art des politischen und gesellschaftlichen Systems möglich. Er ist an bestimmte historische Bedingungen gebunden. In einem politischen und gesellschaftlichen System, das die Usurpation nicht kennt, wird sie niemals ernsthaft in Erwägung gezogen. In einem solchen kann sie erst stattfinden, wenn es sich gewandelt hat. Ebenso ist auch der umgekehrte Weg denkbar, nämlich daß ein System sich zu einem entwickelt, in dem keine Usurpationen mehr auftreten. Die Usurpation ist daher ein Problem vieler, aber keineswegs aller staatlichen Ordnungen. So kannte die athenische Demokratie zu Perikles’ Zeit im 5.Jhd. v.Chr. den Staatsstreich nicht. Er trat aber dann gegen Ende des Peloponnesischen Krieges erstmals auf, als die Demokratie erfolglos schien. Die USA kennt den Staatsstreich seit ihrer Gründung nicht, ebenso fehlt er in der Geschichte der Bundesrepublik bis jetzt. Das Auftreten einer Usurpation oder ihr Ausbleiben läßt sich rückblickend bei genügender Breite der Überlieferung relativ leicht feststellen und in einzelnen Fällen auch oft hinreichend erklären, aber niemals voraussehen, weil Änderungen des Systems nicht vorhersehbar sind. Unvorhersehbar sind nicht nur einzelne Usurpationen, sondern auch ihr erstes Auftreten in einem System, das vorher keinen Staatsstreich kannte. Die Übernahme der Herrschaft muß bei einem Staatsstreich nicht unter Anwendung oder Androhung von Gewalt erfolgen. Dieses Ele- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 42 ment, das sich sehr oft in modernen Betrachtungen findet, ist besonders aus Erfahrungen der jüngeren Geschichte abgeleitet. Er wird in diesem Fall mit dem Militärputsch gleichgesetzt, eine zwar sehr häufige, aber nicht die einzig mögliche Form einer Usurpation. Die Anwendung von militärischer Gewalt ist aber kein notwendiger Bestandteil von ihr. Es kann zuweilen genügen, dem Inhaber der Herrschaft Loyalität und Gehorsam aufzusagen und seine Rechte zu mißachten. So wurden in der Spätantike im Westen des Reiches mehrmals Kaiser eingesetzt, ohne den Herrscher im Osten zu konsultieren. Ihm wurde dabei das Recht genommen, bei einer Vakanz einen Kollegen vorzuschlagen. Ein schönes Beispiel für eine solche Usurpation bildet die des Petronius Maximus. Als Valentinian III. am 16. März 455 in Rom ermordet wurde und kein Nachfolger vorhanden war, wurde tagsdarauf der hoch angesehene Senator Petronius Maximus zum Kaiser erhoben. Das Recht Marcians, des Kaisers im Osten, einen Nachfolger zu bestimmen, wurde dabei mißachtet. In der Moderne sei an die Rolle Saddam Husseins und der Ba’ath Partei im Irak erinnert. So putschte die Ba’ath Partei 1968 gewaltlos, aber erfolgreich gegen die Regierung, und Saddam Hussein festigte 1978 seine gerade übernommene Stellung als Staats- und Regierungschef mit blutigen Säuberungen der Ba’ath Partei. Saddam Hussein spielte bei diesen Ereignissen nie eine Rolle als Militär, sondern als Politiker. Auf welches Vorgehen bei Usurpationen zurückgegriffen wird, hängt von der jeweiligen Epoche, den institutionellen Gegebenheiten und den in ihr herrschenden gesellschaftlichen Zuständen und Vorstellungen ab. Mehrheitlich spielen die militärischen Führer eine entscheidende Rolle, so etwa in der Moderne bei den Putschen in der dritten Welt, aber auch Zivilisten mit entsprechendem Einfluß können erfolgreich die Macht mittels einer Usurpation übernehmen. Die Usurpation tritt als historische Erscheinung allerdings häufig in Verbindung mit anderen Phänomenen auf, so kann sie Züge einer Revolution annehmen oder mit anderen Formen der Empörung wie etwa Aufständen gegen die Inhaber der Herrschaft verbunden sein. Diese Erscheinungen, die in ihrem Gefolge auftreten können, oder von Beginn an zusammen mit ihr beobachtet werden können, gehören aber nicht notwendigerweise zu ihrem Wesen und charakterisieren sie Staatsstreiche und Revolutionen 43 nicht. Wenn der Staatsstreich mit Ideen verbunden ist, die revolutionären Charakter haben oder anderen Formen des Aufstandes, die konkrete Ziele haben, geht es nicht nur mehr um die Übernahme der Herrschaft im Staat, sondern um eine grundlegende Änderung der staatlichen Ordnung, meist verbunden mit einer Umgestaltung der Gesellschaft. So kann aus einem Königtum eine Diktatur werden, wie bei der Machtübernahme Nassers in Ägypten oder Gaddafis in Libyen. Ebenso bilden sich häufig neue politische Eliten. Solche Veränderungen können einer Usurpation folgen oder direkt mit ihr verbunden sein. Oft dienen sie auch zu ihrer Rechtfertigung. Sie bilden aber keinen notwendigen Bestandteil von ihr. Die Usurpation vollzieht sich nicht selten in kleinen Schritten, und es ist oft nicht klar erkennbar, von welchem Punkt an die geltenden Regeln außer Kraft gesetzt werden. Ungehorsam denen gegenüber, die die Herrschaft innehaben, und ihre Entmachtung mit Mitteln, die institutionell nicht vorgesehen sind, wie es z.B. eine Abwahl in einer Demokratie ist, sondern durch einen Staatsstreich, finden sich häufig. Der Staatsstreich kann dabei in direkter oder verhüllter Form auftreten. In der letzteren Form ist seine Bestimmung oft schwierig. Hitlers Machtergreifung, die in ihrem Ergebnis als Staatsstreich zu betrachten ist, bietet dafür ein sehr gutes Beispiel. Seine Ernennung zum Reichskanzler war keine Usurpation. Sie ermöglichte ihm aber dann, seine Herrschaft durch den Einsatz illegaler Mitteln wie Drohungen oder Anwendung von Gewalt gegen politische Gegner zu festigen und zu sichern. Unter anderem war mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 der Weg frei, um die nationalsozialistische Herrschafts- übernahme durch Hitler als Reichskanzler unumkehrbar zu machen. Ohne diese Akte wäre seine Kanzlerschaft vorübergehend gewesen. Staatsstreiche erfahren in der Regel eine nachträgliche Rechtfertigung. Sie hat meistens politischen Charakter wie Hinweise auf das allgemeine Wohl, greift aber auch auf rechtliche Elemente zurück. Die nachträgliche Rechtfertigung eines Putsches ist an die Vorstellungen der jeweiligen Zeit gebunden. Weil die Wahl durch das Volk heute eine weltweit verbreitete Idee ist, wird derjenige, der die Herrschaft wider die Regeln an sich reißt, ihre Übernahme nachträglich fast immer durch manipulierte Wahlen rechtfertigen. Man kann nur darauf verzichten, wenn man sich bewußt davon absetzen will. Der islamische Staat führ- III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 44 te in den von ihm beherrschten Gebieten nie Wahlen durch. Im Rom der Kaiserzeit war die Usurpation Teil der politischen Ordnung, weil die Übergabe der Herrschaft nicht geregelt war. Jeder konnte sie beanspruchen, wenn er hinreichend Gefolgsleute fand und sich gegen den Amtsinhaber oder Konkurrenten durchsetzen konnte. Kaiser wie Usurpator beanspruchen die Herrschaft. Wer zuerst kam oder den anderen besiegte, galt als legitim. An Usurpationen offenbart sich die Gefährdung jeglicher Form der Herrschaft. An ihrem Anfang stehen sehr oft Interessenkonflikte, für deren Ausgleich die institutionellen Regelungen nicht genügen und auch die entsprechende politische Kultur fehlt. Hier müßte ein Umgang miteinander die Norm sein, der eine Lösung politischer Fragen anstrebt. Er läßt sich aber nicht verordnen oder erzwingen, sondern ist ein seltenes Geschenk in der Geschichte. Die Revolution in ihrer reinen Form als Ausdruck des Ungehorsams und der Absicht, tiefgreifende soziale Veränderungen vorzunehmen, nicht als zusätzliches Element einer Usurpation, tritt viel weniger häufig auf als Usurpationen. Oft werden innere Machtkämpfe nur als Revolutionen bezeichnet, um sie als Auseinandersetzungen im Interesse des Volkes, auf das man sich dann gerne beruft, erscheinen zu lassen. Sie sind dann nichts anderes als Usurpationen, die mit revolutionären Elementen ergänzt werden wie z.B. der Umgestaltung der politisch führenden Schichten. Die Revolution ist von Beginn an eine Massenbewegung. Sie dient der Umgestaltung der Gesellschaft, vorwiegend der politischen Elite, eine Umgestaltung, die auf gewaltsame Weise vorgenommen wird, und sich nicht als langsamer politischer Prozeß darbietet, wie er etwa durch Besteuerung eingeleitet werden kann, die langsame soziale Veränderungen zur Folge hat. Die Revolution führt in der Regel auch zur Ver- änderung des Prinzips, mit dem Herrschaft gerechtfertigt wird, und zu einer der institutionellen Struktur. Der Weg dahin muß aber nicht gradlinig verlaufen, wie die französische Revolution zeigt, die zuerst in einer neuen Monarchie, dem Kaisertum Napoleons, endete und erst über Umwege nach langer Zeit zu einer Republik führte, die Bestand hatte. Revolution ist ein oft zu schnell verwendeter Begriff sowohl in der Politik als auch in der Forschung. Staatsstreiche und Revolutionen 45 Die Revolution ist der römischen Geschichte fremd. Dies gilt auch für die ausgehende römische Republik, auch wenn der Begriff für die Übergangsphase zur Monarchie, d.h. besonders für die Zeit vom Tode Caesars 44 v.Chr. bis zur Übernahme der Herrschaft als princeps durch Augustus 27 v.Chr., bisweilen verwendet wird. Damals erfuhren die führenden Schichten, Senatoren und Ritter, eine große Umgestaltung in personeller Hinsicht. Sie führte aber keineswegs dazu, daß man alle ihre Mitglieder austauschte. Jedoch fanden viele ihrer bedeutenden Persönlichkeiten den Tod in den gewaltsamen inneren Auseinandersetzungen und machten neuen Leuten Platz, die stärker von den rivalisierenden politischen Führern abhingen und den politischen und gesellschaftlichen Umgestaltungen weniger Widerstand entgegensetzten. Die soziale Gliederung in Senatoren und Ritter blieb aber erhalten. Usurpationen und Revolutionen sind sehr häufig mit Bürgerkriegen oder bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen verbunden, Revolutionen immer. Bürgerkriege sind an sich eine mögliche Form innenpolitischer Auseinandersetzungen wie alle Kriege auch im zwischenstaatlichen Bereich. Anstatt sich des Dialogs zu bedienen oder durch Verhandlungen Lösungen zu finden greift man zu den Waffen. Auch der Bürgerkrieg, nicht nur der Krieg gegen den äußeren Feind, kann so eine ultima ratio sein. III. Betrachtungen zu Herrschaft und Gehorsam aus historischer und politischer Sicht 46 Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang Einleitende Bemerkungen Bei der römischen Republik handelt es sich um einen von Aristokraten geführten und bestimmten republikanischen Staat. Seine soziale Gliederung beruhte vorwiegend auf Besitz und dem damit verbundenen Prestige, das aber durch politische Leistung erlangt und bestätigt werden mußte so z.B. als Heerführer. Je mehr Besitz man hatte und je grö- ßer das soziale Prestige war, um so mehr Einfluß auf das politische Geschehen konnte man ausüben. Die Institutionen dieser Republik und ihr politisches System sind um die Mitte des 3.Jhd. v.Chr. voll ausgebildet und bleiben bis zum Ende der republikanischen Ordnung am Ausgang des 1.Jhd. v.Chr. etwa gleich. Allerdings ändern sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ab dem Ende des 2.Jhd. v.Chr. Dies führte dazu, daß die politische Kultur, d.h. besonders der Umgang der Politiker miteinander, und das Zusammenspiel der Institutionen sich grundlegend änderten. An der Spitze des Staates standen zwei Konsuln (consul, pl. consules), die immer für ein Jahr gewählt wurden. Sie leiteten den Staat und hatten den Oberbefehl über das Heer. Unter ihnen amteten eine Reihe ebenfalls für ein Jahr gewählter Amtsträger. Als beratendes und teilweise auch beschließendes Organ gab es den Senat, in dem die politische Führungselite versammelt war. Im wesentlichen waren es die Personen, die schon einmal in ein hohes Amt gewählt worden waren. Politische Rechte hatten nur die erwachsenen Männer, die Frauen nicht. Auch Sklaven und Freigelassene, ehemalige Sklaven, waren politisch bedeutungslos. Sie waren zwar unerläßlich für das Funktionieren der Gesellschaft und der Wirtschaft, aber konnten beide z.B. durch ihren Ungehorsam niemals lahmlegen. Ihre Stellung war viel zu differenziert, um einheitlich handeln zu können. Ein Sklave etwa, der auf IV. 47 dem Lande arbeitete, und einer, der im Haus einer Familie tätig war, hatten ganz unterschiedliche Lebensbedingungen und Interessen. Der letztere lebte oft wesentlich bequemer und komfortabler als ein röm. Bürger mit seinen politischen Rechten. Diese gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundstrukturen änderten sich auch in der Kaiserzeit und der Spätantike nicht. Sie änderten sich zwar im Mittelalter und der Neuzeit, aber es entstanden neue Formen der Abhängigkeit wie die Leibeigenschaft, die diese Gruppen von vornherein von jeder politischen Bedeutung, ja schon dem Streben danach, ausschlossen. Erst die Moderne gab diesen Gruppen und den Frauen politische Rechte, schuf aber neue Abhängigkeiten. So haben sich z.B. neue Formen der Sklaverei entwickelt. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen Das Volk wählte in Versammlungen die Amtsträger. Es beschloß über grundlegende Fragen wie die Erklärung eines Krieges und über Gesetze. Die römische Republik kannte kein repräsentatives System wie moderne demokratische Staaten. Repräsentative Systeme waren in der Antike sehr selten. In Stadtstaaten wie der römischen Republik oder in Athen gab es sie niemals. Wie abgestimmt oder Amtsträger in Rom gewählt wurden, unterschied sich aber grundlegend von modernen Verfahren. In den Einzelheiten hinreichend faßbar sind uns die Regelungen für Wahlen und Abstimmungen ab der Mitte des 3.Jhd. Ihre Entwicklung und ihr grundlegendes Prinzip gehen aber in die Anfänge des röm. Staates zurück. Für Abstimmungen und Wahlen waren die Männer in Stimmabteilungen eingeteilt, innerhalb derer sie ihre Stimme abgaben. Für das Schlußresultat zählte dann die Stimme der Abteilung. Die Stimme des einzelnen hatte also nur indirekt eine Wirkung. Wurde in einer Stimmabteilung z.B. eine Frage von 60% der Stimmenden mit ja beantwortet, zählte die Stimme dieser Abteilung in deren Sinn. Die 40% Neinstimmen blieben unbeachtet. Dazu kam eine unterschiedliche Größe der Stimmabteilungen. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 48 Die Mehrheit der Stimmen der Stimmabteilungen entsprach häufig nicht der der Stimmenden. Dieses Phänomen ist auch bei den amerikanischen Präsidentenwahlen faßbar, wenn auch viel weniger ausgeprägt. Dort vertreten die Wahlmänner die einzelnen Gliedstaaten, aber nicht unbedingt die Mehrheit der Stimmenden. Der Präsident kann also durch die Mehrheit der Wahlmänner gewählt werden, ohne daß er die Mehrheit der Stimmen bekommen hat. In der röm. Republik gab es drei Formen von Stimmabteilungen. Die curiae, die tribus und die centuriae, die Hundertschaften. Sie bildeten die Grundlage für die jeweils verschiedenen Formen der Volksversammlung, in denen abgestimmt wurde. Ihre Namen bezeichnen jeweils Unterabteilungen des Volkes und geben zum Teil das Prinzip wieder, nach dem man die Bürger einteilte. Nach curiae wurde in den comitia curiata, nach tribus in den in den comitia tributa und concilia plebis, die sich am Ende der klassischen Republik von den comitia tributa kaum unterschieden, sowie nach centuriae in den comitia centuriata abgestimmt. Die nach curiae gegliederte Versammlung (comitia curiata), war in der klassischen Republik praktisch für die Politik bedeutungslos. Sie wählte keine Amtsträger und faßte keine Beschlüsse mehr von politischer Bedeutung. So billigte sie z.B. Adoptionen und Testamente. Das Verfahren der Abstimmung war rein formal, und die Stimmabteilungen wurden von 30 Liktoren vertreten. Zur Zeit Ciceros im 1.Jhd. v.Chr. wußte offensichtlich niemand mehr, zu welcher curia er gehörte. Von großer Bedeutung waren die Stimmabteilungen, die tribus, die die comitia tributa bildeten, aber zugleich auch als Grundlage der concilia plebis, der Zusammenkünfte des Volkes, dienten. An ihnen durften die Mitglieder der patrizischen Familien nicht teilnehmen. Das waren die ursprünglich allein als regierungsfähig betrachteten Familien. Die comitia tributa wählten die quaestores, die für die Staatskasse und die Finanzverwaltung in Italien und in den Provinzen zuständig waren. Sie wählten auch zwei der vier aediles, nämlich die aediles curules, die unter anderem für die Marktaufsicht zuständig waren und weitere Amtsträger, die auf der Karriereleiter unter den aediles standen wie die tribuni militum. Die comitia tributa konnten auch gesetzgeberisch tätig werden. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 49 Die concilia plebis wählten die zehn Volkstribunen, die tribuni plebis. Durch ihr Interzessionsrecht, das Recht, dazwischen zu treten im wörtlichen oder übertragenen Sinn, konnten diese jede Amtshandlung eines anderen Amtsträgers, auch eines Konsuls, oder eines Kollegen, verhindern, und konnten sich gegen Senatsbeschlüsse und Gesetzesanträge stellen. Ebenso wählten die concilia plebis zwei der vier aediles, nämlich die aediles plebei. Die concilia plebis konnten seit 287 Beschlüsse mit Gesetzeskraft (plebiscita) fassen. Die tribus beruhten ursprünglich auf rein lokaler Grundlage. Die Männer eines bestimmten Bezirkes wurden zu einer tribus zusammengefasst. So gab es z.B. vier stadtrömische tribus, nämlich die tribus Collina, die tribus Esquilina, die tribus Palatina und die tribus Suburana. Die meisten tribus trugen Namen der Geschlechter, die im jeweiligen Gebiet große Besitzungen hatten wie z.B. die tribus Maenia, die das Gebiet der pontischen Ebene umfaßte, aber auch nach Norden und Süden ausgriff. 241 gab es 35 tribus. Danach schuf man keine neuen tribus mehr und wies Neubürger den schon existierenden tribus zu. Die tribus verloren dadurch ihren lokalen Charakter. Sie umfaßten nicht mehr nur die Bewohner eines bestimmten Gebietes. Die Neubürger konnten verschiedenen tribus nach Belieben zugeteilt werden. In der Regel wurden sie nur bestimmten zugewiesen. So ließ sich vermeiden, daß sie das Endresultat einer Abstimmung bestimmen konnten. Ihre Stimmkraft blieb nämlich auf wenige tribus beschränkt. Das Vorgehen der Zuteilung zu den existierenden tribus war aus politischen Gründen nicht einheitlich. Es ging aber immer um die Beeinflussung der Abstimmungsergebnisse. Die Stimmabteilungen unterschieden sich dadurch immer stärker durch die Zahl der Bürger, die in ihnen eingeschrieben waren. So wurde z.B. alle Freigelassenen seit dem 3.Jhd. in die vier städtischen tribus (tribus urbanae) eingeschrieben, was das politische Gewicht der Stimmen der Freigelassenen erheblich verminderte. Die vier tribus, in die die Stadt Rom eingeteilt war, hatten so die meisten Mitglieder, die 31 ländlichen dagegen deutlich mehr Stimmen. Von den ländlichen tribus konnten zudem nur die Mitglieder zu Abstimmungen nach Rom reisen, die einen oder mehrere Tage abkömmlich waren, also nicht selbst auf ihrem Anwesen arbeiten IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 50 mußten. So entschieden bei den ländlichen tribus nur wenige über die Stimme der jeweiligen Abteilung. Die Stimmen der Besitzenden waren also entscheidend. Das System der tribus als lokale Einheiten sah dies gar nicht vor, entwickelte sich aber in diese Richtung. Die Unterschiede in der Zahl der Bürger, die zu einer tribus gehörten, verstärkten sich in gravierendem Ausmaß, als die Bewohner ganz Italiens bis zum Apennin nach dem Bundesgenossenkrieg 88 v.Chr. und später auch die der Poebene 49 v.Chr. das röm. Bürgerrecht erhielten. Die Zahl der Neubürger war schon 88 etwa drei mal größer als die derer, die schon das Bürgerrecht hatten. Die Eintragung der Neubürger in die tribus vollzog sich nach 88 nur sehr schleppend. Die Bundesgenossen, die nicht von den Römern abgefallen waren, wurden wahrscheinlich in etwa die Hälfte der tribus eingeschrieben, die anderen nur in wenige. Dadurch kamen ihre Stimmen kaum zur Geltung, und das Abstimmungsergebnis spiegelte immer weniger das politische Gewicht der einzelnen Gruppen wieder. Die Politik war sich dieser Entwicklung schon vor dem Bundesgenossenkrieg, als die Unterschiede zwischen den tribus noch wesentlich geringer waren, wohl bewußt. So gab es mehrmals Vorschläge, Neubürger gleichmäßig auf die tribus zu verteilen. Sie wurden aber von den tonangebenden Politikern immer erfolgreich bekämpft. Die Idee der Gleichstellung fehlte weitgehend. Dazu kam, daß auch immer mehr Bürger sich in größerer Entfernung von Rom befanden und mit immer größeren Schwierigkeiten zu den Abstimmungen nach Rom kommen konnten. Von Tarent im tiefen Süden oder Como im Norden dauerte es bedeutend länger nach Rom zu reisen als etwa von Terracina. Selbst dieses war schon etwa 100 km von Rom entfernt, eine Distanz, die mehr als zwei Tagesreisen benötigte. Ganze Gruppen waren so weit entfernt, daß sie nie nach Rom kommen konnten. Dies gilt besonders für die Kolonien (colonia, pl. coloniae) röm. Bürger, die in immer stärkeren Maße auch außerhalb Italiens seit der späten Republik gegründet wurden, darunter Narbo, Narbonne in Südfrankreich, und Karthago. Karthago als Kolonie hatte ein wechselvolles Schicksal und entwickelte sich erst wirklich unter Augustus. Unter Caesar begann dann die Gründung solcher Kolonien ein größeres Ausmaß anzunehmen. Ihre Bewohner konnten an einer Abstimmung nur teilnehmen, wenn sie sich zufällig in Rom befanden oder nach Rom übersiedelten. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 51 Wieweit in entfernteren Orten die politischen Ereignisse in Rom wahrgenommen und erörtert wurden, ist schwierig zu beurteilen. Die Graffiti im Theaterzugang in Terracina, die Clodius’ Tod erwähnen und einen Caesarkopf darstellen, sind sicher keine offizielle Verlautbarung, sondern Zeichen einer Auseinandersetzung um stadtrömische Ereignisse. Den Stimmabteilungen der comitia centuriata, den centuriae, den sogenannten Hundertschaften, lag der Dienst und die Einteilung im Heer zugrunde. Es hing vom Vermögen ab, ob man als Reiter, als Fußsoldat oder in einer besonderen Einheit wie z.B. in der der Pioniere diente oder gar nicht aufgeboten wurde. Bei den Fußsoldaten, die in den Legionen dienten, wurden fünf verschiedene Gruppen der centuriae (classes, sing. classis) unterschieden. Vermögen und Art des militärischen Dienstes hingen deshalb zusammen, weil die Bürger für den Kauf und den Unterhalt ihrer Ausrüstung ursprünglich selbst verantwortlich waren. Später wurde diese finanzielle Belastung durch staatliche Unterstützung verringert, blieb aber als Prinzip bestehen. Die Stimmabteilungen der comitia centuriata kamen also auf der Grundlage des Vermögens zustande. Männer ähnlichen Vermögens wurden in denselben Stimmabteilungen zusammengefaßt, den centuriae. Vor der Mitte des 3.Jhd. gab es 193 centuriae, eine Zahl, die immer unverändert blieb. Davon waren 18 Hundertschaften den Bürgern vorbehalten, die als Reiter dienten, d.h. der Oberschicht. Die schwerbewaffneten Fußsoldaten, die in den Legionen dienten, waren in fünf classes (Klassen) mit insgesamt 170 centuriae eingeteilt. Die erste classis umfaßte ursprünglich 80 centuriae, eingeteilt in 40 seniores (Ältere), die keinen Militärdienst mehr leisteten, und 40 iuniores (Jüngere), die dienstpflichtig waren. Der ersten classis folgten die classes 2 bis 4 zu je 20 centuriae, und die classis 5 zu je 30, auch immer eingeteilt in seniores und iuniores. Danach kamen 5 centuriae infra classem. Die Mitglieder von jeweils zwei dieser centuriae dienten als Genietruppen und als Musiker. Die letzte Hundertschaft umfaßte alle die, die über gar kein Vermögen verfügten (capite censi). Diese centuria hatte zweifellos die höchste Mitgliederzahl, besonders als sich Rom immer mehr zu einer Großstadt entwickelte. Auch die Stimmabteilungen der comitia centuriata umfassten also unterschiedlich viele Wähler. Die Vermögenden waren auf wesentlich IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 52 mehr centuriae aufgeteilt als die Besitzlosen. Die centuriae der Vermögenden hatten nur wenige Mitglieder, die der weniger Besitzenden schon wesentlich mehr und die, die über kein Vermögen verfügten, wurden alle in eine centuria eingeteilt. Sie hatten nur eine Stimme. Zwischen 241 und 218 wurden die Tribus- und die Zenturienordnung fest miteinander verbunden. Die Bürger derselben tribus, die derselben Klasse der Zenturienordnung angehörten, bildeten zusammen eine Stimmabteilung (centuria) in den comitia centuriata. Sie trug den Namen der tribus. So sprach man etwa von der centuria Aniensis iuniorum, d.h. die iuniores der centuria aus der tribus Aniensis. Die centuria gehörte zur prima classis. Die tribus, eine ländliche, ist im Tal des Flußes Anio, dem heutigen Aniene, der durch Tivoli fließt, zu lokalisieren. Weil es 35 tribus gab, hätte es in jeder Klasse der comitia centuriata je 70 Stimmabteilungen geben müssen, und zwar je 35 der Jüngeren (iuniores) und je 35 der Älteren (seniores). Für die erste Gruppe (classis) ließ sich das relativ leicht erreichen, indem man die 80 Stimmabteilungen auf 70 reduzierte. Ein Problem bildeten die weiteren classes. Die Zahl von 193 durfte auf keinen Fall überschritten werden, denn das hätte zu einer Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse geführt. Man erhöhte die Zahl der centuriae einzelner classis. Man hatte ja durch die Reduzierung der ersten classis von 80 auf 70 10 centuriae mehr zur Verfügung. Es ist unsicher, wie ihre Verteilung im einzelnen geschah. Anscheinend faßte man mehrere tribus zu einer centuria zusammen. Welche tribus dabei in welcher centuria stimmten, wurde vor jeder Abstimmung ausgelost. Durch diese Neuerung, die Verbindung der Tribus- mit der Zenturienordnung, verfügten die Stimmbürger, die in den vier städtischen tribus eingeschrieben waren, in der ersten Klasse nur noch über acht Stimmen (vier iuniores, vier seniores) und waren gegenüber dem Land deutlich benachteiligt. Die unterschiedliche Stimmkraft der einzelnen sozialen Gruppen, die sich schon in der Einteilung der centuriae ausdrückte, wurde also noch einmal verstärkt. Sicher war die Verbindung der Tribus- und Zenturienordnung ein wesentlicher Grund dafür, daß die Zahl der tribus nach 241 nicht mehr erhöht wurde. Bei Abstimmungen hatten die Stimmabteilungen (centuriae) der Vermögenden und Älteren (seniores) ein deutliches Übergewicht. Weil Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 53 die Abstimmungen abgebrochen wurden, wenn eine Mehrheit der Stimmabteilungen sich zu Gunsten einer Person oder eines Sachgeschäftes wie z.B. einer Kriegserklärung entschieden hatte, kam die Abteilung der Vermögenslosen (capite censi) eigentlich nie dazu, ihr Stimmrecht auszuüben. Bei der Wahl eines Konsuls wurde besonders der Tatsache Rechnung getragen, daß die schwerbewaffneten Fußsoldaten in den großen militärischen Auseinandersetzungen entscheidend waren. So stimmte bald nach 241, sicher aber vor 218 oder 179 nicht mehr die erste centuria der Ritter bei der Wahl der consules zuerst ab, sondern eine centuria der prima classis, die ausgelost wurde. Sie galt als centuria praerogativa, und ihr Ergebnis war entscheidend für den Ausgang der Wahl. Die Stimmabteilungen der Ritter richteten sich nach ihr und die anderen Hundertschaften der ersten und zweiten Klasse, so daß das nötige Mehr für einen Kandidaten bald erreicht war. Dann wurde die Abstimmung abgebrochen. Die comitia centuriata stimmten in der Regel bis zur späten Republik nicht über Gesetze ab, sondern über Kriegserklärungen und Verträge mit fremden Staaten ab und wählten die wichtigen Amtsträger, nämlich die zwei consules, die den Staat leiteten und die Politik im einzelnen bestimmten, und die praetores. Ursprünglich war es wohl nur einer, ab 242 zwei, ungefähr ab 230 vier. Zwei waren für die Rechtsprechung zuständig, nämlich der praetor urbanus und der praetor peregrinus, die anderen waren für die Gebiete zuständig, die von Rom unterworfen worden waren, die Provinzen, und gingen als Statthalter in diese. Die Zahl der Prätoren stieg dann immer weiter an und erreichte am Ende von Caesars Leben, also um 45/44, sechzehn. Dazu wählten die comitia centuriata alle fünf Jahre die zwei Zensoren (censores). Sie waren 18 Monate im Amt, schätzten das Vermögen der Bürger ein und teilten sie dementsprechend den centuriae zu. Ebenso wiesen sie Neubürger den verschiedenen tribus zu. Sie nahmen neue Mitglieder in den Senat auf und konnten unwürdige Mitglieder aus diesem entfernen. Auch für die comitia centuriata gilt, daß mit der Ausdehnung des Gebietes Roms aus entfernteren Orten kaum jemand oder niemand zu den Abstimmungen kommen konnte. Die comitia centuriata waren eine Versammlung der Besitzenden. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 54 Vor den Abstimmungen in den comitia wurde keine Diskussion geführt, sondern nur über die vom Wahlleiter eingebrachten Vorschläge abgestimmt, wie etwa über die Kandidaten für ein Amt. Die jeweiligen Wahlleiter hatten eine sehr starke Stellung. Sie entschieden über die Kandidaten, die zur Abstimmung zugelassen wurden, auch wenn der Ausschluß eines Kandidaten begründet werden mußte, was aber nicht schwierig war. Sie sagten, über welche Anträge abgestimmt wurde, auch wenn auch hier Regeln galten, die aber flexibel waren. Diskutiert werden konnte in den sogenannten contiones, Versammlungen, in denen kein Beschluß gefaßt wurde und keine Wahl stattfand. Bei Themen, die die Leute bewegten, besonders die in Rom, die an diesen Versammlungen leichter anwesend sein konnten und in der Überzahl waren, konnte die Stimmung angeheizt und der Keim zu Unruhen gelegt werden. Für die Abstimmungen versammelten sich die Stimmbürger in sogenannten Gehegen (saepta), Einfriedungen, die in der Republik aus Holz errichtet waren, und verließen diese nacheinander, indem sie am Vorsteher der centuria oder der tribus vorbeigingen und ihm mitteilten, wie sie stimmen wollten. Diese Art der Stimmabgabe, die den Vorsteher wissen ließ, wie jeder gestimmt hatte, ließ sich natürlich leicht beeinflussen. Eine geheime Stimmabgabe wurde erst Schritt für Schritt etwa ab der Zeit der Gracchen (ab 131 v.Chr.) eingeführt. Die Einfriedungen befanden sich für die comitia centuriata auf dem Marsfeld östlich vom Pantheon bis hin zur Via del Plebiscito zwischen der Piazza Venezia und der Torre Argentina. Sie boten Platz für etwa 55000 Abstimmende. Die comitia tributa wurden anfänglich auf dem alten comitium, dem Versammlungsplatz für die Volksversammlungen, etwa im Bereich der jetzigen Curia Julia, dem unter Caesar begonnene Neubau des Senatsgebäudes, abgehalten, und seit 145 auf dem Forum vor dem Castortempel, wo sich etwa 15000–20000 Personen versammeln konnten. Für die Wahl der Magistrate, die von den comitia tributa oder den concilia plebis gewählt wurden, wich man auf das Marsfeld aus und wählte am Platz der comitia centuriata. Gemessen an der Zahl der stimmberechtigten männlichen Bürger, die z.B. 179 v.Chr. 258794 und 131/130 v.Chr. 318823 betrug, kommt man dabei höchstens auf eine Stimmbeteiligung von rund 20% bei den Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 55 comitia centuriata und unter 10% bei den comitia tributa und den concilia plebis. Daß man die jeweiligen Versammlungsplätze mehrmals auffüllte, wird man nicht annehmen können. Es gibt keinen Hinweis darauf. Tatsächlich dürfte die Stimmbeteiligung des Wahlverfahrens wegen bei den comitia centuriata deutlich weniger betragen haben, denn die Abstimmung wurde ja abgebrochen, wenn die Entscheidung gefallen war. Auch bei den comitia tributa ist mit weniger Beteiligung zu rechnen, weil die ländlichen tribus, wie schon gesagt, mit wenigen Personen vertreten waren. Die Beteiligung dürfte etwa der schweizerischer Gemeindeversammlungen entsprochen haben, bei denen 10% Beteiligung schon ein sehr gutes Ergebnis ist, wenn es sich nicht um eine Gemeinde mit ganz geringer Einwohnerzahl handelt, also deutlich unter 1000 Einwohnern. Auch vom Verfahren der Abstimmung her wird also nur die Meinung einer Minderheit der Bürger berücksichtigt. Abstimmungen waren also nicht der Ort, wo man seiner Unzufriedenheit wirklich Ausdruck geben konnte und wollte. Man wird bei der Mehrheit der Römer, besonders in der Stadt, von einem weitgehenden politischen Desinteresse auszugehen haben. Sie reagierte mit Protesten und Unruhen, die ihren Anfang in den contiones nehmen konnten, wenn ihre vitalen Interessen gefährdet schienen. Diese waren Unterhaltung und Ernährung. Bei der Wahl der Amtsträger kamen als Kandidaten in der Regel nur die Mitglieder weniger führender Familien in Betracht, besonders für den Konsulat. Für diesen wurden meistens die Mitglieder der sogenannten nobilitas gewählt. Sie wurde von Familien gebildet, die schon einmal irgendwann einen consul gestellt hatten. Eine der bekanntesten Ausnahmen bildet im 1.Jhd. v.Chr. Cicero, der aus einer ritterlichen Familie stammte, die noch niemals einen consul gestellt hatte. Eine soziale Schranke gegenüber Aufsteigern war auch dadurch gegeben, daß die Amtsträger nicht bezahlt waren. Wer einer täglichen Arbeit für seinen Lebensunterhalt nachgehen mußte, kam für ein Amt niemals in Frage. Bei Sachgeschäften waren die finanziellen Auswirkungen entscheidend. Beschloß man einen Krieg, so waren die schwerbewaffneten Fußkämpfer betroffen. Sie konnten auf Beute hoffen, aber trugen auch alle Risiken. Sie mußten nicht nur damit rechnen, im Krieg umzukom- IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 56 men, sondern auch mit wirtschaftlichen Folgen für ihre Bauernhöfe, wenn der Krieg zu lange dauerte. Für solche Beschlüsse war aber auch die Meinung der Oberschicht, der politischen Elite also, entscheidend. Ihre Meinung wurde nicht einfach übergangen. Die römische Gesellschaft war vorwiegend vertikal verbunden. Von wem viele Leute abhingen, der übte auch einen entsprechenden Einfluß aus. Er konnte auch die Abgabe der Stimmen steuern. Wahlverfahren und Wertung der Stimmen bevorzugten die Besitzenden in den comitia centuriata ganz offensichtlich. Diese waren es auch, die die Politik der politischen Elite mittrugen und erst ermöglichten. Sie waren durch das Wahlverfahren in den comitia centuriata eingebunden. Aber auch bei den comitia tributa und den concilia plebis spielten die Besitzenden eine bedeutende Rolle, wenn auch verdeckter. Hier war es vor allem die Zuweisung von Neubürgern nur an wenige tribus, vorwiegend an die städtischen, mit deren Hilfe sich die Ergebnisse steuern ließen, wie schon erwähnt. Die Stimmkraft der Neubürger war so wirkungslos für das Gesamtergebnis. Sie wurde immer nur wirksam in denselben tribus. Dazu kam die Tatsache, daß aus den ländlichen tribus, die 31 Stimmen gegenüber vier städtischen hatten, nur die Besitzenden genug Zeit hatten, um für die Abstimmungen nach Rom zu kommen. Im römischen Wahlverfahren zählte also nicht die Zahl der einzelnen Stimmen und damit die Mehrheit der Stimmenden. Die Ergebnisse spiegelten vielmehr den politischen Einfluß und die soziale Stellung der einzelnen Gruppen und Personen wider. Die Gruppierungen mit dem größten Einfluß, der auf ihrem Besitz und ihrem sozialen Prestige beruhte, bestimmten über die Stimmabteilungen die führenden Personen und die Politik. Es war das extremste Klassenwahlrecht, das aus unserem historischen Raum bekannt ist. Es garantierte aber die Teilhabe der wichtigen Gruppen an entscheidenden Fragen der Politik und damit deren Stabilität. Es ging um Krieg und Frieden, Verträge und die Wahl der höchsten Beamten. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 57 Die politische Kultur, die Institutionen und der soziale Wandel Dieses System blieb solange unbestritten in Geltung und funktionierte im gewünschten Sinn, so lange keine Änderungen im sozialen Gefüge auftraten. Als sie sich einstellten, widerspiegelte die Verteilung der Gewichte in den comitia nicht mehr die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der sie entstanden waren. Dies führte aber nicht zu einer Infragestellung oder Aufgabe bzw. Änderung des Systems der Stimmabteilungen, sondern zu einem anderen Gebrauch desselben und zu Manipulationen. Die Magistrate, die die Versammlungen leiteten, die Wahlen durchführten oder Gesetze beschlossen, gewannen gerade dadurch eine stärkere Stellung, und die Teilhabe der Bürger im ursprünglich vorgesehenen Rahmen verschwand. Die Ergebnisse der Abstimmungen verloren so offensichtlich an Verbindlichkeit. Sie wurden nicht mehr respektiert, wenn die Machtverhältnisse es erlaubten. Einzelne der Unterlegenen setzten sich darüber hinweg wie Sulla 88 oder Catilina, der seine Nichtwahl zum consul nicht akzeptierte. Die Legitimierung, die die Beschlüsse der comitia den Amtsträgern, ihrer Politik und den Gesetzen gab, war so lange wirksam, wie der Konsens unter den führenden Vertretern der Politik erhalten blieb. Als einzelne sich der sozialen Kontrolle ihrer Standesgenossen entzogen, begann die Manipulierung der comitia. Sie wurden zur formalen Bestätigung eigener politischer Vorstellungen eingesetzt, und ihre Beschlüsse verloren die allgemeine Verbindlichkeit. Es kam zu einem anderen Gebrauch derselben in der politischen Auseinandersetzung und zu Manipulationen, die den Absichten und politischen Zielen der beiden unterschiedlichen Gruppen dienten, die sich gegen Ende des 2.Jhd. in Rom entwickelten, nämlich der Optimaten, die für eine führende Rolle des Senats eintraten, und der Popularen, die behaupteten, die Interessen des Volkes zu berücksichtigen und auf eine stärkere Rolle einzelner Amtsträger setzten. Hier spielten die Volkstribunen eine wichtige Rolle oder den Popularen gewogene Konsuln wie Caesar 59 v.Chr. Die Änderungen des sozialen Gefüges und seiner Repräsentation in den beschließenden Versammlungen (comitia) wurden fast ausschließlich durch die außenpolitische Entwicklung hervorgerufen. Sie führte zuerst zur Eingliederung neuer Gebiete in Italien in das röm. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 58 Territorium. So wurde das Gebiet von Veji 396 und das der Latiner 338 fast ganz zum römischen geschlagen. Weitere Erweiterungen des römischen Gebietes folgten. Kurz vor der Mitte des 3.Jhd. herrschte Rom über das ganze italische Festland südlich des Apennin. Die Staaten, deren Gebiet nicht in das römische eingegliedert worden war, waren durch ein System von Bündnisverträgen an Rom gebunden, das auf diese Weise die Außen- und Militärpolitik seiner Verbündeten bestimmte. So mußten sie z.B. für Kriege Truppen stellen, ohne über einen Krieg entscheiden zu können. Mit dem ersten punischen Krieg (264–241) griff Rom über das italische Festland hinaus und wurde mit dem Sieg über Karthago zur Vormacht zuerst im westlichen und später nach 200 auch im östlichen Mittelmeer. Die besiegten Gebiete außerhalb Italiens wurden mehrheitlich als Provinzen organisiert und von römischen Statthaltern verwaltet. Ihnen und ihrer Politik waren deren Bewohner weitgehend ausgeliefert. Unter dem Einfluß der ständigen Kriege, besonders auf fernen Kriegsschauplätzen, entwickelte sich eine neue Verteilung der röm. Bevölkerung. Es zogen immer mehr Römer vom Land nach Rom, und die ländlichen tribus stimmten daher anders als vorher. Die Zahl der freien Bauern, die hinreichend vermögend waren, hatte sich vermindert, und zwar deshalb, weil sich immer größere Güter entwickelten, die billiger produzieren konnten als die Bauern. Dieser Großgrundbesitz entstand durch den Reichtum und den damit wachsenden Einfluß der politischen Elite, die den größten finanziellen Gewinn aus den Kriegen zog. Die Beute und die Möglichkeit, die unterworfenen Gebiete, die als Provinzen organisiert worden waren, zu verwalten und auszuplündern, führten zur Anhäufung immer größeren Reichtums. Dieser ließ sich auch politisch nutzen. So konnte man etwa durch kostenlose Verteilung von Lebensmitteln oder prächtige Spiele seinen politischen Einfluß vergrößern und sein Ansehen steigern. Dazu kam die Einfuhr billigen Getreides besonders aus Africa, die die freien Bauern konkurrenzierte. Diese zogen nach ihrem sozialen Abstieg und dem Verkauf ihres Besitzes nach Rom. So waren im 1.Jhd. v.Chr. anders als vorher genug Personen in Rom, die in den ländlichen tribus in anderem Sinn stimmen konnten, als es von den Optimaten Die politische Kultur, die Institutionen und der soziale Wandel 59 gewünscht war. Die Optimaten waren der Teil der politischen Elite, der die Vorherrschaft des Senates und nicht die einzelner einflußreicher Persönlichkeiten vertrat. Es gab jetzt also bei den Abstimmungen auch hinreichend Personen aus den ländlichen tribus in Rom, die nicht nur mehr zu den reichsten der jeweiligen tribus gehörten. Sie mußten nicht mehr abkömmlich sein, weil sie ständig in Rom lebten. Ihnen waren nur ihre politischen Rechte geblieben, die sie dem Meistbietenden zur Verfügung stellen konnten. Im ersten Jahrhundert v.Chr. gab es schon Klubs, die Stimmen verkauften und bereits mit wenigen Mitgliedern einer tribus Abstimmungen entscheiden konnten. Stimmen wurden käuflich. Diese Entwicklung zeigt sich schon seit dem Ende des 2.Jhd. v.Chr. Die comitia tributa und die concilia plebis waren damit in höherem Maße manipulierbar als die comitia centuriata. Damit konnten ihre Beschlüsse in Zweifel gezogen werden, und sie konnten keinen Gehorsam mehr bewirken. Alle Seiten wußten, daß man mit geschicktem Vorgehen jedes gewünschte Ergebnis erreichen konnte. Es entwickelte sich dadurch ein Unterschied im Stimmverhalten der comitia centuriata und dem der tributa bzw. der concilia plebis. Die comitia centuriata, die die höchsten Amtsträger wie consules und praetores wählten, blieben stärker von den Optimaten beherrscht, die keine Änderung der Rolle des Senates wollten, während die comitia tributa und concilia plebis stärker mit populistischen Thesen manipulierbar wurden. Die letzteren wählten auch die Volkstribunen. Sie stellten sich als Vertreter des Volkes dar. Die außenpolitische Entwicklung hatte aber auch Auswirkungen auf die comitia centuriata. Auch sie blieben nicht von den gesellschaftlichen Veränderungen unberührt. Weil sich die Zahl der freien Bauern ständig verminderte, mußte man den census, das nachzuweisende Vermögen, für die Bürger, die in den Legionen dienten, herabsetzen. Zugleich wurden eine geringe Besoldung gewährt und Waffen und Rüstung ganz oder teilweise gestellt, um weiter Soldaten ausheben zu können. Anfangs war nämlich der Militärdienst unbezahlt, und die Waffen gingen zu Lasten derer, die ausgehoben wurden. Umstritten in der röm. Republik war vor allem die Frage der militärischen Dienstleistung und die mit ihr verbundenen Probleme. Für die freien Bauern, die ihren Hof selber bewirtschafteten, wurde der IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 60 Militärdienst zu einer untragbaren Last, wenn die Abwesenheit zu lange dauerte. Die militärische Dienstleistung hatte durch die ständige Erweiterung des röm. Gebietes und durch die Kriege in immer ferneren Gebieten auch außerhalb Italiens ein bedeutend größeres Gewicht, als sie es schon normalerweise in antiken Gemeinwesen hatte. Sie griff am stärksten in die Rechte und das Leben der Bürger ein. Mit dem Militärdienst verbunden waren wirtschaftliche Fragen, bei denen die politischen Eliten in Rom und die Schichten, die den Dienst leisten mußten, in unterschiedlicher Weise profitierten. Auf die Dauer konnte die wirtschaftlich und politisch führenden Schichten immer größere Gewinne erzielen, während die freien Bauern in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Diese begannen in ersten Anzeichen von Ungehorsam wie vereinzelte Meutereien oder Befehlsverweigerungen sichtbar zu werden. Sie sind für uns schon gegen Ende des 2. punischen Krieges (218– 201 v.Chr.) greifbar. Sie stellten am Anfang das politische System nicht an sich in Frage, sondern nur seine Auswirkungen. Sie richteten sich vor allem gegen die langdauernden Kriege in fernen Gebieten, die die freien Bauern immer stärker belasteten. Sie hinderten sie daran, ihre Äcker bestellen zu können, brachte sie in wirtschaftliche Schwierigkeiten und konnten sie in eine Situation bringen, in der sie ihren Hof verkaufen mußten. Der Rückgang der freien Bauern führte zu Reformversuchen, die darauf abzielten, ihre Zahl wieder zu erhöhen und ihnen wieder Land zu verschaffen und so die Folgen der langen Kriege in entfernten Gebieten auszugleichen. Hierfür kam besonders Staatsland (ager publicus) in Frage, an dessen Nutzung auch die politischen Oberschichten interessiert waren. Diese angestrebten Reformen sind besonders mit den Brüdern Tiberius und Gaius Gracchus verbunden, die 133 und 123/22 Volkstribunen waren. Sie wurden aber auch später immer wieder aufgegriffen. Sie führten zu großen inneren Spannungen, zum Mißbrauch und zur Manipulation besonders der comitia tributa und der concilia plebis und zeigen das schwindende Vertrauen in das politische System und die zunehmende Verachtung der eingespielten politischen Verfahren. Rom hatte wie antike Staaten generell keine Verfassung, sondern das meiste beruhte auf Gewohnheitsrecht, das solange funktionierte, wie es von allen politischen Akteuren respektiert wurde. Die politische Kultur, die Institutionen und der soziale Wandel 61 Bei den inneren Auseinandersetzungen spielten die Volkstribunen (tribuni plebis) auch nach den Gracchen eine wichtige Rolle. Sie und die hohen Amtsträger wie die Konsuln, soweit sie auf ihrer Seite standen, vertraten die Interessen der plebs oder gaben vor, es zu tun. Grundlegend in Frage gestellt wurde das politische und soziale System erst, als sich soziale Bindungen, die außerhalb der politischen Legitimationsverfahren standen, verstärkten. Sie wurden durch das Legitimationsverfahren nicht mehr erfaßt. Mariusʼ Heeresreform und ihre Folgen Die entscheidende Wende wird in der Regel mit Marius verbunden, der bei seinen Aushebungen für den Feldzug in Numidien 107 v.Chr. den Grundsatz mißachtete, die ärmsten Bürger, die capite censi, normalerweise nicht zum Dienst in den Legionen heranzuziehen. Man darf aber nicht annehmen, daß er ein förmliches Werbesystem einführte, sondern er hielt wohl eine Aushebung (dilectus) ab, bei der er keine Rücksicht auf die Zensusklassen (classes) nahm und keinen Zwang auf die ausübte, die nicht dienen wollten. Die Aussicht auf Beute und auf eine mögliche Landzuweisung machten den Dienst für die ärmeren Bevölkerungsschichten interessant. Der Grundsatz, keine ärmeren Bürger (capite censi) zum Dienst heranzuziehen, wurde in Ausnahmefällen schon früher in Notsituationen mißachtet. Dieses Vorgehen wurde aber offensichtlich nach dem dilectus von 107 zur Regel, so etwa als der Krieg gegen die Kimbern und der Aufstand der italischen Bundesgenossen eine außergewöhnliche Anspannung der militärischen Kräfte Roms erforderten. Keinesfalls wurde aber das System der Zwangsaushebungen aufgehoben. Es bestand weiterhin. So setzte sich die röm. Armee am Ende von Augustus' Regierungszeit, also um 14 n.Chr., etwa zur Hälfte aus Soldaten zusammen, die ausgehoben worden waren und sich nicht freiwillig gemeldet hatten. Marius' Vorgehen brachte es mit sich, daß man für die Soldaten nach ihrer Entlassung sorgen mußte und ihnen nach ihrer Entlassung nachträglich das Land zur Verfügung stellen mußte, das ihnen vorher gefehlt hatte, um in einer höheren Zensusklasse zu sein, und das ihnen IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 62 ein Auskommen garantierte. Dafür war in den Augen der Soldaten der Feldherr zuständig, dessen Rolle damit gestärkt wurde. Er war schon vorher durch die langen Kriege auf fernen Kriegsschauplätzen für die Soldaten wichtiger geworden als die Konsuln zuhause, die jedes Jahr wechselten. Natürlich mußte er auch mit dem Unmut der Soldaten der langen Dienstdauer wegen rechnen, konnte aber dafür die Regierenden zu Hause verantwortlich machen und die Soldaten durch Beute bei Laune halten. Die Bedeutung der Stellung des Feldherrn wuchs in der späten Republik nicht nur durch die engere Bindung der Soldaten an ihn durch die Art der Aushebung, indem man sich freiwillig für einen bestimmten Feldherrn entschied, sondern auch durch die Übertragung immer größerer Kommandobereiche auf längere Zeit mit au- ßerordentlichen Befugnissen an einzelne Führer. Hier bietet Pompeius das herausragende Beispiel. Ihm wurde 67 v.Chr. durch die lex Gabinia, beschlossen von den comitia tributa, der Kampf gegen die Seeräuber auf drei Jahre übertragen. Dazu bekam er die Kompetenz, in allen röm. Gebieten, die ans Meer grenzten, bis zu 50 röm. Meilen (=75 km) landeinwärts eingreifen zu können. In diesem Bereich stand seine Kompetenz über der der Statthalter in den Provinzen. Er durfte bis zu 20 Legionen ausheben, 500 Kriegsschiffe ausrüsten und 15 Unterfeldherrn benennen. Pompeius setzte später 24 durch. 66 v.Chr. wurden ihm durch die lex Manilia, ebenfalls von den comitia tributa beschlossen, mehrere Provinzen im Osten für den Krieg gegen Mithridates VI. zugesprochen. Er durfte weitere Kriegserklärungen aussprechen und selbständig Bündnisse bzw. Friedensverträge abschließen, die sonst den comitia centuriata zur Genehmigung vorzulegen waren. Pompeius' Beispiel eiferte dann Caesar nach, der in seinem Konsulatsjahr 59 v.Chr. sich für seine Provinzen, nämlich die Gallia citerior (Oberitalien) und die Gallia Narbonnensis, die heutige Provence, Sondervollmachten übertragen ließ. Die außerordentlichen Kommandos wurden nur wenigen Personen zuteil. Dazu gehört neben Caesar und Pompeius auch Crassus, der seines Reichtums wegen besonders bekannt war. Die lange Dauer der außerordentlichen Kommandos festigten die Bindung der Soldaten an ihren Feldherrn. Es handelte sich dabei um eine große Anzahl von Legionen. Ebenso wurden die Unterfeldherrn an ihn gebunden, weil sie ihm ihre Ernennung verdankten und sie auf Mariusʼ Heeresreform und ihre Folgen 63 weiteres Entgegenkommen hoffen konnten. Sie kamen aber auch in immer größere Abhängigkeit von ihm. Die außerordentlichen Kommandos erlaubten ihren Inhabern auch großen Reichtum zu erwerben. So gewann Caesar etwa durch den Verkauf der Bewohner unterworfener Städte in Gallien in die Sklaverei viel Geld. Dazu konnten die Inhaber der außerordentlichen Kommandos durch Forderungen verschiedenster Art an Unterworfene und Abhängige wie z.B. Verbündete ihren Besitz weiter vermehren. Der erworbene Reichtum ließ sich dazu verwenden, die Loyalität der Soldaten und Unterfeldherrn durch großzügige Zuwendungen zu festigen. Der Einfluß der consules und ihre Wahl durch die begüterten Bürger wurden durch diese Entwicklung konkurrenziert. Der jeweilige General fand seinen Anhang auch außerhalb dieser Schicht. Er erwarb sich die Loyalität seiner Soldaten. Sie wurde wichtiger als die zu den gewählten Magistraten. Sie standen in schwierigen Situationen zu ihm. Damit waren die politischen Gewichte verschoben, und das bisherige Wahlverfahren entsprach ihnen nicht mehr. In diesem Moment konnte man auf die neue Gruppe zurückgreifen, und das bisherige Verfahren beliebig manipulieren. Dabei bewahrte man weiterhin den formalen Weg, konnte aber institutionelle Änderungen durchsetzen und neue Ämter mit besonderen Vollmachten schaffen. Sullas und Caesars Usurpationen Eine etwas andere neue Stufe der inneren Auseinandersetzung wurde 88 v.Chr. erreicht. Sulla, der damals consul war, belagerte mit einem Heer Nola in Kampanien, das sich im Rahmen des Krieges zwischen Rom und seinen Bundesgenossen noch nicht ergeben hatte. Er hatte den Krieg gegen Mithridates von Pontus im Osten des Reiches übertragen bekommen. Seinen innenpolitischen Gegnern gelang es, bei den concilia plebis einen Antrag durchzusetzen, der ihm das Kommando für den Krieg gegen Mithridates, das er noch gar nicht angetreten hatte, entzog. Für einen solchen Gesetzesantrag (rogatio) gab es keinen Präzedenzfall. Als man Sulla den Beschluß überbrachte, verweigerte er den Gehorsam und zog mit dem Heer gegen Rom. Dabei IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 64 hatte er nur einen der senatorischen Offiziere auf seiner Seite, nämlich den quaestor L.Lucullus, Er ist bekannt durch seinen Reichtum und seine opulenten Gastmähler. Die anderen sensorischen Offiziere verließen vor Sullas Aufbruch gegen Rom das Lager und kehrten nach Rom zurück. Die Soldaten dagegen folgten Sulla. Sie fürchteten, daß sie an einem beutereichen Zug nicht würden teilnehmen können, wenn ein neuer Kommandant andere Truppen einsetzen würde. So hatte sie Sulla informiert. In Rom ließ dieser die consules für 87 in seinem Sinne wählen und zog dann mit seinem Heer in den Osten gegen Mithridates. Sullas Ungehorsam kann man nicht als Staatsstreich werten, denn er war ja 88 consul und schuf kein neues Amt. Er verweigerte nur einem beschlossenen Gesetz, das außerhalb des Gewohnheitsrechtes stand, den Gehorsam. Während Sulla gegen Mithridates kämpfte, übernahmen seine Gegner die Macht in Rom. Bei seiner Rückkehr blieb ihm nur die gewaltsame Auseinandersetzung mit seinen Gegnern. Eine andere Lösung hätte seinen politischen Untergang und seinen Tod bedeutet. Als er 83 v.Chr. in Italien gelandet war, zog er gegen Rom und nahm es gewaltsam ein. Weil beide Konsuln umgekommen waren, wurde L.Valerius Flaccus auf Betreiben Sullas von den patrizischen Senatsmitgliedern zum Interrex gewählt. Er sollte ein Gesetz bei bei den comitia centuriata, der Volksversammlung der Hundertschaften, beantragen, das ihn ermächtigte, Sulla zum dictator für die Neuordnung des Staates zu ernennen (rei publicae constituendae). Als Sulla nach Billigung der lex Valeria zum dictator ernannt worden war, konnte er die ins Wanken geratene Senatsherrschaft durch verschiedene Maßnahmen wiederherstellen. Ein Interrex wurde normalerweise gewählt, um Konsulwahlen durchzuführen, wenn beide Konsuln tot waren. Sullas Vorgehen war eindeutig eine Usurpation der höchsten Macht im Staate. Er griff dazu auf die Wiederherstellung der dictatura zurück. In der Form, in der Sulla sie verwendete, war sie ursprünglich als Amt für außenpolitische Notsituationen gedacht und letztmalig mit dieser Aufgabe 216 v.Chr. besetzt worden. Zudem hatte es eine dictatura mit dem Zweck, wie es Sulla vorsah, vorher nie gegeben. Es gab nämlich verschiedene Formen der dictatura. Sullas und Caesars Usurpationen 65 Sullas Übernahme der Herrschaft in dieser Art und Weise, nämlich gewaltsamer Sturz der Regierenden und Übertragung eines Amtes, das für Sullas politische Zwecke neu ausgerichtet wurde, blieb typisch für Usurpationen in der späten röm. Republik. Man schuf eine außerordentliche Gewalt mit der Aufgabe, die Ordnung des Staates neu zu gestalten. Verbunden mit der Übernahme der Herrschaft durch Sulla war eine personelle Umgestaltung der führenden Schichten durch die Proskriptionen, d.h. die physische Beseitigung seiner politischen Gegner verbunden mit der Einziehung von deren Vermögen. Die Gliederung der röm. Gesellschaft an sich blieb bestehen. Senatoren und Ritter blieben die führenden Schichten. Sulla entschied persönlich darüber, wer proskribiert wurde. Die Namen der Proskribierten wurden öffentlich angeschlagen. Sie durften von jedermann getötet werden. Dafür erhielt man eine Belohnung. Hilfeleistung an sie wurde bestraft. Ihre Güter wurden verkauft. Ihre Söhne und Enkel verloren das Recht, sich um Ämter zu bewerben. Ein später sehr berühmter Mann aus bester Familie stand unter anderem auf dieser Liste. Es war der damals 18jährige Caesar. Er soll seine Häscher, die ihn schon ergriffen hatten, bestochen haben. Sie ließen ihn laufen. Legalisiert wurden die Proskriptionen durch eine Ermächtigung dazu schon in der lex Valeria und durch die lex Cornelia de proscriptione, die wie die lex Valeria auch durch die comitia centuriata gebilligt wurde. Die innenpolitische Auseinandersetzung erreichte damit einen neuen Höhepunkt. Als Sulla den Staat in seinem Sinn reformiert und die Vormachtstellung des Senats gefestigt hatte, konnte er von seinem Amt zurücktreten. Er brauchte es nicht mehr, um sein Überleben zu sichern. Er legte die dictatura 79 v.Chr. nieder und starb ein Jahr später. Mit dem Jahr 83 v.Chr. war der Staatsstreich in das politische Instrumentarium aufgenommen. Er bleibt von nun an ein Mittel der Politik, und es wurde noch mehrmals auf ihn zurückgegriffen. Berühmtestes Beispiel nach Sulla ist Caesar. Er zog 49 v.Chr. nach dem Ende seiner Amtszeit in Gallien mit seinem Heer gegen Rom und übernahm die Herrschaft. Er fürchtete, daß seine politischen Gegner ihm den Prozeß machen würden und daß seine politische Karriere beendet werden würde. Wie Sulla wählte er als rechtliche Form seiner besonde- IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 66 ren Stellung die dictatura. Er ging dabei aber in anderer Weise als Sulla vor. Als er im Januar 49 v.Chr. den Rubikon überschritt und damit den Bürgerkrieg eröffnete, war er wie Sulla lediglich proconsul. Seine Stellung in Rom war also nicht legitimiert. Seine Gegner hatten Spanien und den Osten in ihrer Gewalt. Er wandte sich zuerst nach Spanien. Von dort, so glaubte er, sei seine Position bedrohter. Während des erfolgreichen Feldzug in Spanien ließ er sich erstmals im August 49 vom praetor M. Aemilius Lepidus zum dictator ernennen. Dieser hatte ein Gesetz eingebracht, das ihn dazu ermächtigte (lex Aemilia). Die Legitimität dieser Ernennung stand auf schwachen Füßen. Die Ernennung zum dictator durch einen praetor war unzulässig, und die rechtmäßigen Konsuln waren geflohen. Caesars dictatura war keine für die Neuordnung des Staates. Als er gegen Ende 49 aus Spanien nach Rom für elf Tage zurückkehrte, ließ er sich unter anderem auf ihrer Grundlage zum consul von 48 wählen und auch einige Gesetze durchbringen. Er brach dann nach Brindisi auf, um mit seinem Heer nach Griechenland überzusetzen, wo sich der größte Teil des Senates mit den Konsuln und Pompeius befanden. Die dictatura legte er noch vor Ende 49 nieder. 48 beruhte seine Legitimität auf dem Konsulat. Im Herbst 48 ließ sich Caesar nach dem Sieg bei Pharsalus in Thessalien über seine innenpolitischen Gegner für ein Jahr vom consul P. Servilius Isauricus zum dictator ernennen. M. Antonius wurde magister equitum, Gehilfe des dictators, und damit Stellvertreter Caesars in Rom und Italien. Caesar war damals im Reichsosten, und zwar in Ägypten. Caesar stellte seine Milde heraus, die clementia Caesaris, und verzichtete nach der Übernahme der Macht auf Proskriptionen und damit auf eine systemattische personelle Umgestaltung der politisch führenden Schichten, der Senatoren und der Ritter. Diese wurden aber dennoch durch die Bürgerkriege, die Caesars Übernahme der Herrschaft in Italien folgten, dezimiert. So verübte 46 v.Chr. Cato, ein Urenkel Catos des Älteren, in Utica bei Karthago im heutigen Tunesien Selbstmord. Er erhielt vom Ort seines Todes posthum den Beinamen Uticensis, um ihn von seinem berühmten Vorfahren zu unterscheiden. Er starb als Gegner des Tyrannen und wurde als solcher durch die Jahrhunderte verehrt. Sullas und Caesars Usurpationen 67 Weniger bekannt sind viele andere Senatsmitglieder, die ebenfalls in den Kämpfen umkamen, wie etwa L.Domitius Ahenobarbus. Er entstammte einer berühmten stadtrömischen Familie, war 54 v.Chr. Konsul und ein erbitterter Gegner Caesars schon zu Zeiten von dessen Konsulat 59 v.Chr. Er kam in der Schlacht von Pharsalus um. Andererseits ermöglichte gerade Caesar, vielen Mitgliedern des Großbürgertums aus Italien und den Provinzen in die führenden Schichten aufzusteigen. Caesar brachte etwa 400 neue Mitglieder in den Senat. Caesars Aufgabe als dictator war die Fortführung des Krieges gegen seine Gegner. Er war also dictator, um einen Krieg zu führen (rei gerundae causa). Noch im Rahmen dieser dictatura führte er im Herbst 47 nach seiner Rückkehr aus dem Osten die Konsulwahlen für 46 durch, ließ sich zum consul wählen und legte dann vermutlich die dictatura nieder. Nach dem Sieg bei Thapsus rund 200 km südlich von Tunis am Meer im Frühjahr 46 wurde Caesar durch Senatsbeschluß die dictatura erneut, diesmal aber auf zehn Jahre, übertragen. Sie wurde dabei wie ein Jahresamt jährlich erneuert und auch so gezählt. So wurde sie gleich wie ein Konsulat behandelt. Man erkennt dies deutlich an der Art, wie auf sie verwiesen wird. Man vergleiche z.B. die Formulierung in der Schrift über den spanischen Krieg (bell. Hisp. 1,2: Caesar dictator tertio, designatus dictator quarto: als Caesar zum dritten Mal dictator war und für ein viertes Mal designiert war). Die dictaturae (Diktaturen) Caesars dienten überwiegend nicht dazu, um den Staat neu zu ordnen wie bei Sulla, sondern um seine Gegner besiegen zu können. Wahrscheinlich zwischen dem 26.1. und dem 14.2.44 erfolgte die Übertragung der dictatura auf Lebenszeit. Ob sie auf Caesars Initiative zurückging, ist nicht bekannt, er nahm sie aber an. Mit der lebenslänglichen Diktatur wurde die Angleichung an ein Jahresamt hinfällig, statt dessen wurde der Anspruch auf Alleinherrschaft deutlich. Caesars Streben nach Legitimität im Rahmen der bisherigen Ordnung, sein Eintreten für die populare Sache, d.h. für die Anliegen des Volkes, nicht des Senates, als Hauptziel seiner Politik und die Abgrenzung gegenüber Sulla wurden mit der Annahme der Diktatur auf Lebenszeit gegenstandslos. Sie entsprach nicht der bisherigen Politik Caesars. Caesar verwendete die dictatura nicht im Sinne Sullas, um den Staat neu zu ordnen und dann zurückzutreten, sondern um eine Stellung zu haben, die ihm die Herrschaft auf die Dauer sicherte IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 68 und ihn von den Wahlen zum consul unabhängig machte. Die dictatura auf Lebenszeit war der letzte Schritt dazu. Nachdem er die Herrschaft 49 mit Gewalt übernommen hatte, sah er offensichtlich keinen anderen Weg, um sein politisches und wohl auch physisches Überleben zu sichern. Anders als Sulla konnte er nicht zu Gunsten des Senates auf die dictatura und damit seine Macht verzichten und die Vorherrschaft des Senates wiederherstellen. Er war bei der Nobilität im höchsten Maße unbeliebt, die den Senat kontrollierte. So mußte er seine Herrschaft auf Lebenszeit sichern. Eine politische Alternative zur dauerhaften Übernahme der dictatura gab es für ihn nicht, die ihm die Gewähr hinreichender Sicherheit geboten hätte. Die Diktatur als Amt schützte Caesar auch in der Stadt Rom politisch. Er konnte dank ihr auch in der Stadt sein militärisches Kommando (imperium) beibehalten. Das Provokationsrecht galt gegen ihn nicht, d.h. ein Bürger konnte sich nicht gegen Auspeitschung und Hinrichtung an die Volksversammlung wenden und auch nicht das Interzessionsrecht der Volkstribunen in Anspruch nehmen. Diese konnten die Strafmaßnahmen eines Beamten gegen einen Bürger nicht mehr durch ihr Dazwischentreten verhindern. Ob Caesar neben der dictatura auf Lebenszeit auch eine monarchische Stellung anstrebte, ist nicht ganz zu sichern. Die dictatura auf Lebenszeit gab ihm aber quasi alle Vollmachten, die auch ein Monarch hatte. Er führte sich auch wie ein solcher auf, wie aus seinem Verhalten in einzelnen Situationen zu schließen ist. Am 15. Februar 44 v.Chr. nahm Antonius im Rahmen des Lupercalienfestes am traditionellen Rundlauf in Rom teil und überreichte dem der Zeremonie zusehenden Diktator ein Diadem, das die Königswürde symbolisierte. Als jedoch das anwesende Volk durch Murren seine Ablehnung zum Ausdruck brachte, wies Caesar die angebotene Krone mehrmals zurück. Cicero behauptete später, daß Antonius durch diesen Auftritt das Schicksal des Diktators besiegelte, also offenbar den Caesarmördern den letzten Anstoß zur Ausführung ihrer Tat gegeben habe. Die Motive für Antonius’ Handlungsweise sind sehr unklar und umstritten, etwa, ob er in vorheriger Verabredung mit Caesar oder aus eigenem Antrieb handelte. Die Reaktion des Senates auf diese Politik ist wohl bekannt. Caesar wurde an den Iden des März 44 v.Chr. von der konservativen Gruppe Sullas und Caesars Usurpationen 69 im Senat ermordet, die dessen führende Rolle bewahren wollte. Man beseitigte den Tyrannen, der Caesar in ihren Augen war. Eine Rückkehr zur Republik erwies sich aber sehr bald als unmöglich. Was sollte mit Marcus Lepidus, dem magister equitum des toten Diktators, was mit Antonius, dem Mitconsul Caesars im Jahre 44 v.Chr., geschehen, was mit Octavian, dem 19jährigen Erben von Caesars ungeheurem Vermögen, und was mit der Klientel Caesars, deren wichtigsten Teil in der damaligen Situation seine Soldaten bildeten? Von Antonius und Octavian konnte man nicht erwarten, dass sie auf ihre Machtpositionen verzichteten und sich damit unüberschaubaren Risiken aussetzten. Poltisch konnten sie sich zugleich als Erben und Rächer Caesars in Szene setzen, auch wenn sie sich anfänglich spinnefeind waren. Das zweite Triumvirat. Die Usurpation der Herrschaft durch Octavian, Antonius und Lepidus Eine Usurpation stellt auch die Übernahme des zweiten Triumvirates durch Octavian, Antonius und Lepidus nach den Auseinandersetzungen des Jahres 43 dar, die ihren Ursprung in der Ermordung Caesars hatten. Es wurde mit der lex Titia vom 27.12.43 eingerichtet und war zunächst auf fünf Jahre begrenzt (31.12.38), wurde aber dann um weitere fünf Jahre verlängert. Eingebracht hatte das Gesetz der Volkstribun Publius Titius, ein Anhänger der ehemaligen Gefolgsleute Caesars. Der Antragsteller machte schon deutlich, daß die Politik der drei dem Volk dienen sollte. Natürlich war das reine Augenwischerei. Durch die lex Titia ließen sich nämlich Octavian, Antonius und Lepidus, die nach den Auseinandersetzungen von 43 zueinander gefunden hatten, als tresviri rei publicae constituendae einsetzen, als ein Dreimännerkollegium, um den Staat neu zu ordnen. Verbunden mit der Übernahme dieses Amtes waren wiederum Proskriptionen, die der Beseitigung der politischen Gegner, aber auch der Rache an persönlichen Feinden und der Beschaffung von Geldmitteln dienten. Berühmtestes Opfer dieser Proskriptionen war der bekannte Redner und Politiker Cicero. Man schlug ihm Kopf und Hände IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 70 ab, die auf der Rednertribüne auf dem Forum in Rom auf Marcus Antonius’ Weisung ausgestellt wurden. Die Proskriptionen führten zum Tod von rund 300 Senatoren und 2000 Rittern. Sie waren ein weiterer Schritt auf dem Weg zur völligen Umgestaltung der beiden führenden Schichten. Auch die triumviri waren aber darauf angewiesen, ihren Anhängern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen und nicht nur zu töten. Die Herrschaft der tresviri, die über den gewählten consules standen und diese zur Wahl vorschlugen, war eine Epoche ständiger Kämpfe dieser drei um die Macht, die letztlich mit dem Sieg Octavians über Marcus Antonius und die ägyptische Königin Kleopatra in der Seeschlacht bei Actium am 2.9.31 endete. Actium, ein Vorgebirge, liegt gegenüber der Insel Leukas an der Westküste Griechenlands. Die teils gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den Triumvirn ergaben sich schon daher, daß ihr Verhältnis untereinander nicht geregelt war. Es gab keine hierarchische Ordnung oder eine Möglichkeit, die Entscheidung eines der drei in einer konkreten Frage zu verhindern. Man mußte immer zu einer Übereinkunft gelangen, was bei den verschiedenen Interessen oft unmöglich war. Lepidus schied schon 36 von Octavian gezwungen aus dem Triumvirat aus und wurde in die Verbannung nach Circei geschickt, wo er 12 v.Chr. verstarb. Er behielt nur die Würde des pontifex maximus, die auf Lebenszeit übertragen wurde. Octavian übernahm sie nach dessen Tod. Das Triumvirat lief 33 v.Chr. aus. Die staatsrechtliche Stellung der beiden übrigen war ab 32 v.Chr. umstritten, aber die Machtverhältnisse waren eindeutig, jedoch auch von Unsicherheit geprägt. Octavian beherrschte den Westen, Antonius den Osten. 32, vor der entscheidenden Auseinandersetzung, flohen aber beide consules dieses Jahres und 300 Senatoren zu Antonius in den Osten. Der versuchte Staatsstreich Catilinas Eindeutige Staatsstreiche in der späten Republik waren der Sullas von 83, der Caesars 49 und die Einrichtung des 2. Triumvirates im Jahre 43 v.Chr. Der versuchte Staatsstreich Catilinas 71 Der bekannteste versuchte Staatsstreich war der Catilinas von 63 v.Chr. L.Sergius Catilina, der für 68 v.Chr. zum praetor gewählt worden war, versuchte für das Jahr 65 ohne Erfolg, zum consul gewählt zu werden. Seine Kandidatur wurde wegen eines gegen ihn laufenden Repetundenprozesses abgelehnt. Er kandidierte im Sommer 64 erneut, diesmal für den Konsulat von 63 v.Chr. Seine Mitbewerber waren der Redner Cicero und ein gewisser L.Antonius. Diese beiden wurden gewählt. Catilina versuchte im Sommer 63 erneut, für 62 gewählt zu werden, was ebenfalls mißlang. Daraufhin entschied sich Catilina zu einem Staatsstreich und verhehlte seine Absicht in keiner Weise. Er rechtfertigte ihn mit dem Hinweis darauf, daß seine dignitas, seine erworbene Ehre, und damit auch seine soziale Stellung in keiner Weise gebührend in Rechnung gestellt worden seien, ein Argument, das Caesar später vor dem Beginn des Bürgerkrieges ebenfalls verwendete, aber mit viel größerer Berechtigung. Catilina begann im Sommer 63 mit den Vorbereitungen für seinen Staatsstreich, nachdem er mit seiner Kandidatur für den Konsulat von 62 v.Chr. gescheitert war. Die Verschwörer planten einen bewaffneten Aufstand in Rom für den 28.10.63 und gleichzeitig Erhebungen in Nordetrurien, Kampanien und Apulien. Dafür war die Aufstellung von Truppen vorgesehen. Sie hatte in Nordetrurien schon begonnen. Als der Aufstand in Rom wegen der Gegenmaßnahmen des Senates nicht durchgeführt werden konnte und die Mitverschwörer Catilinas verhaftet und hingerichtet wurden, floh dieser nach Etrurien zu den Truppen, die dort von C.Manlius, einem ehemaligen Zenturio, dem Kommandanten einer Hundertschaft, aufgestellt worden waren. Er unterlag mit diesen im Januar 62 bei Pistoria den Truppen des Senates und kam ums Leben. Es wird nicht überliefert, welches Amt Catilina im Fall des Gelingens seiner Verschwörung bekleiden wollte. Ihm wäre kaum eine andere Lösung geblieben, als sie Caesar traf, nämlich eine außerordentliche Gewalt wie die dictatura zu übernehmen, denn der Konsulat konnte ihm keinen Schutz für die Zukunft bieten. Im Unterschied zu Sulla und Caesar verfügte Catilina nicht über ordentlich ausgehobene, normal bewaffnete und trainierte Einheiten, sondern nur über Truppen, die sich mehr oder weniger spontan aus IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 72 Unzufriedenen gebildet hatten, zu denen auch Veteranen gehörten. Sie wurden auch wohl von solchen befehligt, wie C.Manlius zeigt. Catilinas Truppen waren dadurch von vornherein militärisch unterlegen. Die Staatsstreiche der späten Republik und ihre Charakteristika Die Übernahme der Herrschaft durch einen Usurpator erfolgte in allen Fällen nach einer militärischen Auseinandersetzung mit den mindestens formal zur Herrschaft legitimierten Personen, d.h. den Konsuln. Die enge Bindung zwischen Feldherrn und Soldaten, die sich seit Marius entwickelt hatte, machte es möglich, sich über politische Beschlüsse hinwegzusetzen. Die Soldaten machten mit, weil sie dadurch ihre Interessen verteidigt sahen. Catilina war erfolglos, weil er keine altgedienten Soldaten hinter sich hatte. Schwierigkeiten mit der Loyalität der Truppen hatten die Usurpatoren, in diesem Fall die triumviri, erst in den Machtkämpfen nach Caesars Tod, dagegen aber von Anfang an mit der einzelner Offiziere. Sulla versagten 88 v.Chr. die senatorischen Legionskommandanten fast vollständig die Gefolgschaft, als er seinen Oberbefehl im Osten durch einen Marsch auf Rom sichern wollte, und einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kommandanten Caesars, nämlich Titus Labienus, wechselte zu Beginn des Bürgerkrieges 49 v.Chr. auf die Seite seiner Gegner. Er war für sie eine wichtige Stütze und kam erst am 17. März 45 v.Chr. in der Schlacht bei Munda in Spanien um. In den Auseinandersetzungen nach Caesars Tod galt es, die Soldaten an sich zu binden, die durch die verschiedenen Akteure und durch die von ihnen verkündeten unterschiedlichen Rechtfertigungen ihrer Politik und durch Bestechungen wie Versprechungen für die Zukunft verunsichert waren. Die gewaltsam im Staat übernommene Macht wurde in die Form eines Amtes gekleidet, nämlich der dictatura oder des Triumvirates, das über den bisherigen höchsten Amtsträgern, den Konsuln, stand. Dieses wurde in einem formal ordnungsgemäßen Verfahren durch die Volksversammlung übertragen. Es handelte sich in beiden Fällen immer um eine außerordentliche Gewalt, die dictatura oder das Triumvirat. Sie war im Fall Sullas und des 2. Triumvirates mit der Aufgabe ver- Die Staatsstreiche der späten Republik und ihre Charakteristika 73 bunden, den Staat neu zu ordnen und wurde mit dieser Aufgabe gerechtfertigt. Sulla unterzog sich dieser Aufgabe, während die triumviri sich in endlosen Kämpfen aufrieben und Octavian als Sieger übrig blieb. Die außerordentliche Gewalt der triumviri diente so ausschließlich als Machtgrundlage für die politische Auseinandersetzung unter diesen drei. Caesar dagegen übernahm die dictatura als außerordentliche Gewalt, um seine politische Zukunft zu sichern. Ohne sie wäre er sofort seiner Macht beraubt worden. Jeder, der in der späten Republik einen Staatsstreich unternahm, mußte seine Zukunft langfristig sichern, also über die einmalige Bekleidung des Konsulats hinaus. Das war im Rahmen der republikanischen Ordnung nicht möglich. Man konnte den Konsulat nicht auf unbestimmte Zeit hinaus jedes Jahr erneut bekleiden. Er mußte zu einer außerordentlichen Gewalt greifen und diese solange innehaben, bis ihm niemand mehr gefährlich werden konnte. Lediglich Sulla konnte bald auf diese verzichten, weil er den Staat so ordnete, daß er der einflußreichen konservativen Gruppe gefiel. Dies waren die sogenannten Optimaten, die die Vorherrschaft des Senates zu verteidigen vorgaben. Sie gingen nach seinem Rücktritt nicht gegen ihn vor. Er war einer von ihnen. Die Staatsstreiche der späten Republik sind daher das letzte Mittel, um die persönliche oder die Macht einer Gruppe wie der triumviri zu bewahren. Es ging um den Fortbestand der alten Ordnung oder um deren Veränderung, ohne daß dabei sichtbar wird, wie man die Probleme der Republik lösen wollte, die durch die Expansion entstanden waren. Die Staatsstreiche der späten Republik bildeten also wie viele moderne einen Teil der inneren Auseinandersetzung um den richtigen Weg und die Stellung der entscheidenden Gruppen und Personen dabei. Sie dienten zugleich dazu, auch das physische Überleben ihrer Hauptakteure zu sichern. Bei allen gelungenen Staatsstreichen versuchte man mit Ausnahme Caesars, die führenden Schichten, besonders die Gruppe der Senatoren, personell, nicht strukturell umzugestalten. Man ließ die bestehende soziale Gliederung bestehen, beseitigte aber viele ihrer Mitglieder oder nahm ihnen die finanzielle Grundlage ihrer Existenz. Sulla und die Mitglieder des zweiten Triumvirates griffen dabei zum Mittel der IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 74 Proskriptionen. Andererseits ermöglichte man neuen Personen den Eintritt in diese Gruppe. Generell führen die mit den Staatsstreichen verbundenen bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zu einer starken Veränderung der führenden Schichten. Besonders die aus der Stadt Rom stammenden führenden Mitglieder des Senates, die aus Familien mit langer politischer Tradition stammten, wurden stark dezimiert. Innere Kämpfe mit bürgerkriegsähnlichem Charakter begannen schon vor Sulla. Sie sind seit Tiberius und Gaius Gracchus deutlich faßbar, die 133 und 123/22 v.Chr. Volkstribunen waren. Sie führten aber nicht dazu, daß die Herrschaft widerrechtlich ergriffen wurde. Sulla schritt dann als erster zur gewaltsamen Übernahme der Macht. Die inneren gewaltsamen Auseinandersetzungen dauerten aber an. Mit Caesars gewaltsamer Übernahme der Herrschaft begann ein Bürgerkrieg, der mit nur geringen Unterbrechungen von 49–31 v.Chr. dauerte. Auch die Teilhabe der Begüterten, die nicht zur führenden Schicht gehörten wie etwa der Bauern, die vom Ertrag ihrer Höfe leben konnten, an der Politik ging durch die Staatsstreiche und die inneren Kämpfe verloren. Es waren nicht mehr die von ihnen gewählten Beamten, besonders die consules und praetores, die den Staat leiteten, sondern einzelne Personen mit außerordentlicher Macht und mit sehr großen finanziellen Mitteln, die sich außerordentliche Gewalten wie die dictatura oder als Gruppe das Triumvirat hatten übertragen lassen, um sie unkontrolliert gebrauchen oder mißbrauchen zu können. Ausblick Die republikanisch-aristokratische Ordnung des Staates ging in den inneren Kämpfen der späten Republik unter. Die militärische Macht bestimmte die Politik und nach seinem endgültigen Sieg in der Auseinandersetzung mit Antonius blieb Octavian als alleiniger Herrscher übrig. Gegen Ende der Republik verloren die beiden wichtigen Wahlversammlungen, die comitia centuriata und tributa ihre Bedeutung. Sie wurden zu Versammlungen, die nur noch die Vorschläge der Mächtigen bestätigten, am Schluß nur noch die Octavians. Ausblick 75 Caesars Schicksal war eine Warnung für Octavian und legte ihm nahe, nicht auf dessen Weg eine Lösung zu suchen und nicht in der Form einer außerordentlichen Gewalt wie der dictatura die Herrschaft zu übernehmen und auf die Dauer zu sichern. Eine Rückkehr zur Republik in ihrer früheren Form war ebenfalls ausgeschlossen. Octavian konnte nicht davon ausgehen, auf diese Weise sein politisches und physisches Überleben zu sichern. Er hätte sich z.B. jedes Jahr zum consul wählen lassen müssen, um einen Schutz vor Prozessen zu haben. Eine solche ständige Bekleidung des Konsulates hätte aber aller republikanischen Tradition widersprochen. Es wäre daher nur für einige Jahre möglich gewesen, und die Frage der Sicherung seiner Herrschaft, seiner sozialen Stellung und seines Lebens hätte sich danach erneut gestellt. Octavian mußte einen neuen Weg finden, und er fand ihn. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 76 Herrschaft in der Kaiserzeit Die Übernahme und Neugestaltung der Herrschaft durch Augustus Als Beginn der römischen Kaiserzeit gilt der Januar 27 v.Chr., als Augustus in zwei oder drei Senatssitzungen die Herrschaft in neuer Form übertragen bekam. Seitdem spricht man von ihm und seinen Nachfolgern als princeps und von der Kaiserzeit als Prinzipat. In der üblichen Periodisierung der röm. Geschichte dauerte die Kaiserzeit bis 235 n.Chr. Ihr schloß sich eine Übergangsphase an, eine Zeit der Krise, ehe 284 die Spätantike begann. Augustus stützte sich auf kein vorhandenes republikanisches Amt als institutionelle Grundlage seiner Herrschaft. So bekleidete er den Konsulat nur bis 23 v.Chr. ständig. Er hatte ihn schon vor 27 v.Chr., 43 v.Chr. und 33 v.Chr. (nur einen Tag am 1.1.) und dann jedes Jahr von 31 v.Chr. an innegehabt. Nach 23 v.Chr. war er nur noch zweimal consul, nämlich 5 v.Chr. und 2 v.Chr. Er schuf auch kein neues Amt mit umfassenderer Macht, als sie der Konsulat gab, oder gestaltete eine vorhandene außerordentliche Gewalt um, wie es Sulla oder Caesar mit der dictatura gemacht hatten. Sie hatten aus ihr, zu der man in besonderen außenpolitischen Notlagen griff, eine außerordentliche Gewalt zur Lösung innerer Probleme gemacht, deren Bekleidung sich beliebig verlängern ließ. Wäre Augustus so vorgegangen, hätte er die republikanische Ordnung aufgehoben, die wiederhergestellt zu haben und zu erhalten er vorgab. Er bediente sich stattdessen der Stellung des princeps. Der Prinzipat war keine Institution, kein Amt, das zu den vorhandenen Magistraturen trat und über ihnen stand. Diese blieben erhalten. Der princeps zeichnete sich vor den republikanischen Amtsträgern wie den Konsuln oder Prätoren durch eine Reihe von besonderen Rechten, Aufgaben und Ehrungen sowie durch seine größere auctoritas, sein höheres Ansehen, verbunden mit größerem politischem Gewicht, aus. Seine auctoritas gab seinen Meinungsäußerungen eine zentrale Bedeutung. Ihnen nicht zu folgen war ein Bruch der allgemeinen Zustim- V. 77 mung zu seiner Herrschaft und konnte als Anfang eines Aufruhrs betrachtet und entsprechend bestraft werden. Die Herrschaft des princeps war zwar institutionell durch besondere Rechte, Aufgaben und Ehrungen gesichert, bedurfte aber immer wieder der Zustimmung (consensus) der entscheidenden Gruppen, nämlich der Armee, des Senates und der stadtrömischen Bevölkerung, der plebs urbana. Die besondere Stellung des princeps und das besondere Gewicht seiner Meinung mußten immer wieder von neuem durch eine geschickte Politik errungen werden und konnten in Frage gestellt werden. Eine institutionell gesicherte Legitimierung seiner Stellung etwa durch Wahl oder Erbfolge gab es nicht. Die Übertragung der besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen war ein längerer Prozeß, in dem der Januar 27 v.Chr. den Beginn und zugleich eine der wichtigsten Etappen darstellt. Damals fanden zwei oder drei Senatssitzungen statt, die die Entwicklung des Prinzipats einleiteten. Eine weitere wichtige Etappe bildet das Jahr 23 v.Chr. Unter den Rechten und Aufgaben, die der princeps übertragen bekam, waren zwei von besonderer Bedeutung, nämlich der Befehl über fast alle römischen Legionen, den er 27 v.Chr. erhielt, und die tribunicia potestas, die er 23 v.Chr. bekam. Der Befehl über die meisten Legionen wurde ihm durch die Zuweisung der Provinzen zuteil, in denen diese stationiert waren. Bei diesen Provinzen handelte es sich um die, die als noch nicht befriedet galten und in denen fast alle Legionen, die das Rückgrat der Armee bildeten, stationiert waren. Bei der Aufteilung der damals 17 Provinzen erhielt Augustus acht für eine Dauer von zehn Jahren zugewiesen. Dieses Kommando wurde dann immer wieder verlängert. Die zeitliche Beschränkung sollte den Eindruck erwecken, daß die Zuteilung der Provinzen an Augustus nur vorübergehenden Charakter habe und ihre Rückgabe erfolgen werde, sobald sie befriedet seien. Unter den Provinzen, die Augustus erhielt, war etwa der von Caesar eroberte Teil Galliens und das Gebiet der heutigen Provence, die Gallia Narbonnensis. Er gab die letztere schon im Jahre 22 v.Chr. wieder an den Senat zurück. Der Senat übernahm die übrigen neun Provinzen. In ihnen waren nur noch in der Provinz Africa proconsularis, die etwa das Gebiet des heutigen Tunesien umfaßte, eine Legion und in der Provinz Macedonia vier oder fünf Legionen stationiert. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 78 Augustus nahm die Verwaltung seiner Provinzen durch Statthalter wahr, die er ernannte und die mehrheitlich aus dem Senatorenstand stammten, in Ägypten amtete ein ritterlicher Statthalter, ein praefectus. Die senatorischen Statthalter der kaiserlichen Provinzen nannten sich legati Augusti pro praetore, Beauftragte des Kaisers im Range eines propraetors. Es gab aber auch schon bald mehr Statthalter ritterlicher Herkunft. Der bekannteste ist Pontius Pilatus, der praefectus Iudaeae, unter Tiberius. Unter ihm wurde Christus gekreuzigt. 23 v.Chr. bekam Augustus die tribunicia potestas übertragen. Sie war die Amtsgewalt eines Tribunen, nicht das Amt. Sie wurde dahingehend erweitert, daß Augustus das Recht erhielt, jederzeit eine Senatssitzung einberufen zu können und jede Angelegenheit, die er für wichtig hielt, zur Sprache zu bringen. Durch diese Amtsgewalt konnte der princeps die Innenpolitik entscheidend beeinflussen. Zu diesen beiden Sonderrechten traten andere, die weniger entscheidend oder auch umstritten sind. Soweit es nötig war, wurden diese Beschlüsse des Senates von 27 und 23 v.Chr. durch die Volksversammlung bestätigt. Von besonderer Bedeutung war auch der ihm 27 v.Chr. vom Senat verliehene Ehrentitel Augustus, der ihn weit über alle anderen heraushob. Die Beschlüsse von 23 v.Chr. ergaben sich aus der Notwendigkeit, an Stelle der ständigen Bekleidung des Konsulates, die Unwillen hervorgerufen hatte, andere Regelungen zu setzen, die Augustus erlaubten, die Innenpolitik in seinem Sinn zu steuern. Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps Eine wesentliche Grundlage seiner Macht waren die Soldaten, vor allem die, die in Einheiten dienten, die sich aus römischen Bürgern rekrutierten oder deren Mitglieder wenigstens als Römer galten. Es handelt sich dabei um die Prätorianer, die in Rom ihr Lager hatten, und die kaiserliche Garde bildeten, sowie die Legionen, die wie erwähnt weitgehend in den Provinzen, für die der Kaiser zuständig war, stationiert waren und ihm unterstanden. Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps 79 Um den Rückhalt bei den Soldaten zu erhalten, mußte er die Bedingungen für den Dienst und die Versorgung danach so gestalten, daß er ihre Loyalität nicht verspielte. Verlor er die Kontrolle über die Legionen, konnte seine Stellung durch einen Usurpator in Frage gestellt werden. Der Statthalter einer Provinz, der sich auf unzufriedene Legionäre stützen konnte, mußte ihm nur den Gehorsam aufkündigen. Erstmals geschah dies 68 n.Chr., als sich zu Anfang des Jahres der Statthalter der Provinz Gallia Lugdunensis C.Iulius Vindex gegen Nero erhob. Sein Aufstand wurde zwar niedergeschlagen, aber die unklare Situation danach führte dazu, daß sich C. Sulpicius Galba, der Statthalter der Provinz Hispania Terraconensis, von Nero abwandte. Andererseits war allein mit einem loyalen Heer in den Provinzen die Herrschaft nicht zu sichern, sondern die Politik des princeps mußte sich auch immer um das Wohlwollen der Prätorianer in Rom, um die kaiserliche Garde, bemühen. Neben den Legionen in den Provinzen und den Prätorianern in Rom galt es für den princeps, bei den politisch führenden Schichten, den Senatoren und Rittern, und in Rom bei der plebs urbana, der stadtrömischen Bevölkerung, Zustimmung zu finden. Ob die stadtrömische Bevölkerung mit der Politik des princeps einverstanden war. hing weitgehend von den Maßnahmen ab, die er zu ihren Gunsten traf. Vor allen Dingen die Versorgung mit preisgünstigen Lebensmitteln und ihre Unterhaltung mußten gewährleistet sein, daher das berühmte Wort von Brot und Spielen (panem et circenses). Politische Mitbestimmung und Teilnahme an Entscheidungen interessierten die plebs urbana nicht. Wenn sie ein Anliegen hatte, konnte sie durch Rufe bei den Wagenrennen im Zirkus, dem Circus Maximus am Fuß des Palatins, darauf verweisen. Der Kaiser zeigte sich bei den Wagenrennen häufig dem Volk in seiner Loge, die er von seinem Palast auf dem Palatin direkt erreichen konnte. Erst wenn der princeps auf die Wünsche der plebs urbana nicht reagierte, bestand die Gefahr, daß es zu Demonstrationen kam und die Situation außer Kontrolle geriet. Die Stimme der plebs urbana ersetzte in gewisser Weise die Entscheidungen der comitia und die Diskussionen in den contiones, den Versammlungen, in denen man diskutieren konnte. Die comitia dauerten zwar fort, um Gesetze zu beschließen, und zwar möglicherweise bis an das Ende des 2.Jhd. oder sogar noch darüber hinaus. Die Mög- V. Herrschaft in der Kaiserzeit 80 lichkeit zur Ablehnung der eingebrachten Gesetzesanträge wurde aber immer geringer. Die Wahlen der Magistrate gingen schon unter Tiberius (14–37 n.Chr.) an den Senat über. Die comitia nahmen nur noch zustimmend von ihnen Kenntnis. Der princeps und seine Vorschläge waren also entscheidend, und die Zustimmung der comitia scheinen einem modernen Betrachter eine reine Formsache. Dahinter verbirgt sich aber eine vom princeps gewollte politische Aussage. Herrscher und Beherrschte bilden eine Einheit. Das römische Volk außerhalb Roms hatte überhaupt keine Stimme mehr von Gewicht und konnte seinen Willen noch nicht einmal im Zirkus oder mit anderen Formen des Protestes ausdrücken. Die Bürger, die in den Legionen dienen mußten, bestimmten die Politik nicht mehr mit, waren aber durch die immer noch vorhandene Möglichkeit ausgehoben zu werden, zum Dienst verpflichtet. Lediglich ihre Entschädigung nach der Dienstzeit bildete kein politisches Problem mehr. Sie war durch den princeps garantiert. Daß die comitia bedeutungslos wurden, war eine Entwicklung, die in der späten Republik begonnen hatte, und in der Kaiserzeit zum Abschluss gelangte. Solange Rom der Sitz des Kaisers war, was bis zu Severus Alexanders Tod 235 n.Chr. die Regel war, konnte Unzufriedenheit der plebs urbana, die zu Unruhen führten, die kaiserliche Herrschaft gefährden. Demonstrationen der stadtrömischen Bevölkerung, der plebs urbana, konnten die Lage in Rom schnell außer Kontrolle geraten lassen. Zwar konnte der Kaiser gegen die Unruhestifter die Praetorianer, die kaiserliche Garde, oder andere Ordnungskäfte wie die cohortes urbanae, eine Art Polizeitruppe, oder die cohortes vigilum, die Feuerwehrleute, einsetzen, mußte aber damit rechnen, daß deren Loyalität bei einem längeren Einsatz zu wanken begann und damit die Herrschaft des princeps in Gefahr geriet. Daß sich die Prätorianer vom regierenden Kaiser abwandten, geschah erstmals beim Sturz Neros 68 n.Chr., als dessen Lage aussichtslos geworden war. Die Truppen im Norden und Westen waren alle von ihm abgefallen. Von sich aus aktiv wurde die Garde beim Sturz Galbas 69 n.Chr. Sie erhoben gegen ihn Otho und ermordeten Galba. Caligulas Ermordung am 24.1.41 n.Chr. wurde zwar auch schon von Tribunen der Garde vorgenommen, gehört aber in den Rahmen einer größeren Verschwörung. 97 n.Chr. zwangen die Prätorianer den Kaiser Nerva zur Hinrichtung der Mörder Domitians. Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps 81 Er war 96 ermordet worden. Dies hatte indirekt zur Folge, daß Nerva Trajan, den damaligen Statthalter der Provinz Obergermanien, adoptieren mußte, um seine Herrschaft zu sichern. 193 stürzten die Prätorianer Commodus und erhoben Pertinax, den sie aber nach drei Monaten ermordeten (31.12.192–28.3.193). Ihm folgte für wenige Monate Didius Julianus. Auch ihn erhoben die Prätorianer. In anderen Städten, auch in den großen und wichtigen wie z.B. in Antiochia am Orontes in Syrien, dem heutigen Antakya in der Türkei, oder Alexandria in Ägypten, war das Verhalten der Bevölkerung kaum von Bedeutung für die Herrschaft des princeps. Es wurde es erst dann, wenn die kaiserliche Herrschaft durch einen Usurpator auf die Probe gestellt wurde. Als sich Pescennius Niger 193 zum Kaiser ausrufen ließ, war Antiochia für diesen ein wichtiges Zentrum seiner Macht. Ohne die Zustimmung oder wenigstens Duldung der dortigen Bevölkerung wäre dies nicht möglich gewesen. Niger mußte also um das Wohlergehen der Bevölkerung in Antiochia besorgt sein. Die Loyalität der Bevölkerung insgesamt wurde erwartet. Hierbei spielte es bis 212, als alle Freien das röm. Bürgerrecht erhielten, keine Rolle, ob es sich um Römer oder andere freie Reichsbewohner handelte. Man erwartete ihre Zustimmung zur Form der Herrschaft, zum Prinzipat, und zum jeweiligen Herrscher. Sie wurde gefordert und auf jede Weise gefördert. Sie war von großer Bedeutung, denn nur so konnte das Reich Bestand haben. Die militärischen Möglichkeiten hätten niemals ausgereicht, um die Herrschaft des princeps zu sichern. Neben der politischen Beeinflussung der Bevölkerung, die den Prinzipat generell und den jeweiligen princeps als Garanten des Wohlergehens und des Friedens pries, war es die Politik gegenüber den Bewohner der Provinzen, die die Zustimmung förderte. Sie wandelte sich im Prinzipat deutlich. Die Provinzbewohner waren jetzt nicht mehr in erster Linie Objekte, an denen sich die Statthalter bereichern konnten. Die Statthalter mußten sich um Ordnung und Wohlergehen in den Provinzen kümmern. Auch die führenden Schichten mußte der princeps an sich binden und ihre Loyalität sichern. Fast ausschließlich Senatoren waren in den ersten zwei Jahrhunderten die Statthalter der Provinzen, und sie durften in ihrer Loyalität nicht wankend werden. Die Senatoren wurden vom princeps mit Prestige und Sonderrechten bedacht. So mußten sie V. Herrschaft in der Kaiserzeit 82 sich nicht vor normalen Gerichten verantworten, sondern vor einem, das aus Mitgliedern ihres Standes bestand. Die Senatoren wurden zu einem Stand mit festen Kriterien. So war etwa ein bestimmtes Vermögen verlangt, um zu diesem Stand zu gehören. Zugleich wurde die Zugehörigkeit zum Senatorenstand im Lauf des frühen Prinzipates erblich. Die hohe soziale Stellung einer Familie war so für Generationen gesichert. Die Zahl der Mitglieder des Senates, der Körperschaft, die sich zu den Beratungen versammelte, nicht die des Standes, wurde auf etwa 600 Personen beschränkt, nachdem sie in den letzten Jahren der Republik erheblich größer gewesen war. Sie betrug damals mehr als 1000 Personen. Die Beschränkung der Zahl der Mitglieder der Körperschaft steigerte das Prestige natürlich zusätzlich. In die Gegenrichtung entwickelte sich der politische Einfluß des Senates. Er ging deutlich zurück. Mit der Vorstellung, daß der einflußreichste Senator als princeps die politische Führung übernehmen sollte, war der Wettstreit unter den Senatoren um politischen Einfluß begrenzt. Man durfte untereinander in Konkurrenz treten, aber niemals mit dem princeps. Damit war gesichert, daß die Zustände der späten Republik nicht wiederkehrten, als die einflußreichen Personen um die Vorherrschaft im Staat rangen wie etwa Caesar mit Pompeius. Die Zusammensetzung des Senates konnte auf die Dauer vom Kaiser beeinflußt werden. Dieser konnte seine Gefolgsleute in ihn aufnehmen lassen, indem er in seiner Funktion als Zensor jemanden in den Senat aufnahm oder von seinem Vorschlagsrecht bei Beamtenwahlen Gebrauch machte und einen Kandidaten vorschlug, der noch nicht dem Senatorenstand angehörte, aber durch die Bekleidung des Amtes, das ihm übertragen wurde, in ihn aufstieg. Die neuen Mitglieder des Senates entstammten vorwiegend aus der Oberschicht der Städte und dem Ritterstand. Zugleich wurde auch den vornehmen und reichen Familien aus den Provinzen der Zugang zum Senatorenstand geöffnet. Berühmt ist der Entscheid des Kaisers Claudius 48 n.Chr., die einflußreichen und vermögenden Gallier aus dem von Caesar eroberten Teil Galliens, der Gallia comata, später tres Galliae, zur Bewerbung für senatorische Ämter zuzulassen (ius honorum). Diese Entwicklung führte dazu, daß die Senatoren, die nicht aus Italien stammten, unter Mark Aurel (161–180) in den Führungspositionen erstmals die Mehrheit er- Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps 83 langten. Die senatorische Führungsschicht vertrat so die Interessen des gesamten Reiches. Die Ritter profitierten auf die Dauer politisch stärker vom Prinzipat als die Senatoren. Für sie entstanden je länger je mehr neue Posten in der kaiserlichen Verwaltung und im Heer, die für viele ungeahnte Karrieremöglichkeiten boten und den sozialen Aufstieg garantierten. Auch die Ritter wurden neu als Stand organisiert, aber die Zugehörigkeit dazu war nicht erblich, sondern mußte von Generation zu Generation vom princeps erneuert werden, was jede kritische Haltung gegenüber ihm ausschloß. Sie waren also weitaus stärker als die Senatoren vom princeps abhängig. Der Ritterstand umfaßte am Ende von Augustus’ Regierungszeit rund 20000 Mitglieder, eine Zahl, die im Laufe der Kaiserzeit weiter anstieg. Der princeps konnte also die Zusammensetzung der beiden politisch führenden Stände steuern, den der Ritter vollständig, den der Senatoren nur bedingt. Durch Neuaufnahmen konnte er dessen Zusammensetzung langsam verändern. Für den princeps gefährliche Persönlichkeiten des Senatorenstandes ließen sich nur mit der Beschuldigung, ein Komplott zu planen oder sich unbotmäßig zu verhalten, entfernen. Sie mußten ins Exil gehen oder wurden zum Selbstmord gedrängt wie z.B. der Philosoph Seneca, Er wurde 65 n.Chr. beschuldigt, sich an der Verschwörung des Piso beteiligt zu haben. L.Calpurnius Piso stand an der Spitze einer senatorischen Verschwörung gegen Nero im April 65 n.Chr., die aufgedeckt wurde. Seneca wurde der Teilnahme an ihr verdächtigt. Der Prinzipat kann sicher nicht ohne weiteres als Militärdiktatur bezeichnet werden. Der Kaiser mußte die Struktur der Gesellschaft und den politischen Einfluß der beiden führenden Schichten, insbesondere den der Senatoren, respektieren. Bloße Anwendung von Gewalt konnte daher keine Lösung für politische Probleme sein. Der Umgestaltung der führenden Schichten in personeller Hinsicht waren relativ enge Grenzen gesetzt. Es kam auch niemals mehr zu Proskriptionen wie in der späten Republik. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 84 Herrschaft und Vermögen Eine große Rolle für den politischen Einfluß des princeps spielte sein Vermögen. Vermögen war immer schon die Voraussetzung, um in Rom politisch tätig sein zu können. Die einflußreichen Persönlichkeiten der späten Republik wie Pompeius, Crassus oder Caesar verfügten über außergewöhnlich große Vermögen, wodurch sie sich von ihren senatorischen Standesgenossen unterschieden. Sie setzten ihr Vermögen für ihre außergewöhnlichen politischen Karrieren ein und vermehrten es andererseits durch diese. So wurde Caesar durch die Eroberung Galliens zum reichsten Mann in Rom, und Crassus’ Reichtum wurde sprichwörtlich. Ohne ihr Vermögen hätten sie nie den Einfluß erringen können, den sie hatten. Das Vermögen diente dabei dazu, ihre Anhänger finanziell zu unterstützen und zu belohnen. So wuchs die Zahl der von ihnen abhängigen Personen ständig. Zu ihren Anhängern gehörten selbstverständlich auch ihre Soldaten. Octavian erbte als Adoptivsohn Caesars dessen Vermögen und konnte es für seine Zwecke einsetzen. Er konnte Caesars Anhänger und dessen Soldaten so auf seine Seite ziehen. Den Soldaten zahlte er bald nach Caesars Ermordung den Betrag aus, den jeder auf Grund von Caesars Testament zugute hatte. Der Kaiser bleibt auch später immer der reichste Mann im Reich, auch wenn das private Vermögen bald zum Krongut wurde und vom privaten Vermögen getrennt wurde, das dann seine politische Bedeutung verlor. Das Krongut, über das der jeweilige princeps frei verfügen konnte und über das er niemandem Rechenschaft ablegen mußte, trat an die Stelle der großen Privatvermögen der ersten Kaiser. Der Kaiser hatte verschiedene Möglichkeiten, sein Vermögen zu mehren. Er erwartete, testamentarische Zuwendungen zu erhalten, er zog das Vermögen derer ein, die des Verrates oder der Majestätsbeleidigung beschuldigt worden waren, oder bereicherte sich durch ungeheure Kriegsbeute. So gewannen Vespasian und sein Sohn Titus große Reichtümer durch den Krieg gegen die Juden und die Eroberung Jerusalems 70 n.Chr. Das Vermögen der Mitglieder der führenden Schichten, der Senatoren und Ritter, blieb weiterhin von großer politischer Bedeutung und weckte bisweilen die Begehrlichkeit des Kaisers oder ihm nahestehen- Herrschaft und Vermögen 85 der Personen. Es konnte dabei zu tödlichen Konflikten mit dem Kaiser kommen. So ließ Agrippina, die Mutter Neros, den Senator Statilius Taurus 53 n.Chr. wegen Magie anklagen und zwang ihn dadurch zum Selbstmord, um einer Verurteilung zu entgehen. Auf diese Weise gelangte sie in den Besitz seiner Gärten vor den Toren Roms. Nero ließ sechs Großgrundbesitzer, die umfangreiche Domänen in der Provinz Africa Nova hatten, töten und bemächtigte sich ihrer Güter. Man muß vermuten, daß es sich um einflußreiche Personen aus seiner näheren Umgebung handelte. Commodus eignete sich 182 die Villa der Quintilier an. Sie lag an der via Appia ein wenig außerhalb von Rom. Die Brüder Sextus Quintilius Valerius Maximus und Sextus Quintilius Condianus hatten sie errichtet, die im Jahr 151 Konsuln waren. Sie waren Suffektkonsuln, also nachgewählte Konsuln, nach denen nicht datiert wurde. Commodus beschuldigte die Brüder einer Verschwörung und ließ sie hinrichten. Danach wurde die Villa von ihm eingezogen und zu seiner Residenz erweitert. Die Entwicklung vom Prinzipat zur Monarchie Augustus unterließ es nicht, seine Bedeutung für den Staat und die Bürger auf verschiedene Weise zu unterstreichen. So gewann seine Herrschaft immer größere Rechtfertigung. Seine Nachfolger schritten auf diesem Weg weiter. Schon Augustus sorgte dafür, daß nur noch der princeps oder ein Mitglied seiner Familie einen Triumph feiern durfte. Die Sieghaftigkeit der römischen Waffen wurde auf diese Weise ein Zeichen des princeps. Der Triumph konnte nicht mehr dazu dienen, die Bedeutung einer anderen Familie zu feiern und zu unterstreichen. Eine besondere Rolle für die Selbstdarstellung des princeps spielte die Baupolitik. Sie konnte auch mit direktem Nutzen für die Bevölkerung verbunden sein wie der Bau des Kolosseums oder die Anlage der großen Sonnenuhr auf dem Marsfeld. Durch die immer stärkere Betonung der eigenen Rolle und der eigenen Bedeutung entwickelte sich der princeps, der erste unter seinesgleichen, immer stärker zu einem Monarchen, eine Entwicklung, die unter der Herrschaft des Kaisers Septimius Severus (193–211) zu V. Herrschaft in der Kaiserzeit 86 einem gewissen Abschluß kam. Was noch fehlte, fügten die spätantiken Kaiser hinzu. Augustus konnte die neue Ordnung vor allem deshalb schaffen und sichern, weil er lange genug lebte (63 v.Chr.–14 n.Chr.) und regierte. Wenn man die letzten Jahre nach dem Ende des Triumvirates, das Ende 33 v.Chr. auslief, und nach dem Sieg über Antonius bei Actium (31–27 v.Chr.) nicht dazu rechnet, waren es immerhin 41 Jahre (27 v.Chr.–14 n.Chr.), eine Dauer, die kein Herrscher später mehr erreichte. Dazu kam, daß die beiden führenden Schichten, die Ritter und die Senatoren, wobei die letzteren politisch entscheidend waren, in ihrer personellen Zusammensetzung durch die Proskriptionen Sullas und der Triumvirn sowie durch die Verluste in den Bürgerkriegen, die mit geringen Unterbrechungen von 49–31 v.Chr. andauerten, grundlegende Veränderungen erfahren hatten. Viele Mitglieder führender Familien waren umgekommen, und so war die republikanische Tradition geschwächt. Andererseits ermöglichte gerade Caesar vielen Mitgliedern des Großbürgertums aus Italien und den Provinzen, in die führenden Schichten aufzusteigen. Caesar brachte etwa 400 neue Mitglieder in den Senat, den er dadurch erheblich vergrößerte. Auch die triumviri waren darauf angewiesen, ihren Anhängern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Octavians neue Politik beruhte zu einem guten Teil auch auf diesen sozialen Veränderungen und wäre ohne sie kaum durchführbar gewesen. Das 3.Jhd. bildet von etwa 235 an bis 284, dem Jahr des Regierungsantrittes Diokletians, eine Zeit des Überganges, in der der Prinzipat sich stärker als vorher in eine Militärmonarchie verwandelte und die Bedeutung des Senates und der plebs urbana deutlich zurückgingen. Diese Entwicklung wurde durch den erhöhten Druck barbarischer Stämme auf die Grenzen des römischen Reiches in Gang gesetzt. Er führte dazu, daß der Kaiser nicht mehr ständig in Rom residierte, sondern sich an den Grenzen aufhielt, um diese zu verteidigen. Die Reaktionen der plebs urbana waren so nicht mehr von gleicher Bedeutung wie früher. Sie konnten die Stellung des Kaisers nicht mehr gefährden. Auch der Senat verlor an Gewicht. Die Führung der Armee wurde immer stärker professionalisiert, militärische Fähigkeiten wurden wichtiger als Standeszugehörigkeit, und die Senatoren hatten von Die Entwicklung vom Prinzipat zur Monarchie 87 der Mitte des 3.Jhd. an kaum noch militärische Kommandoposten inne. Über das Schicksal des Kaisers entschied sein Glück als Feldherr. Fehlte ihm dieses, beeinflußte dies die Haltung des Heeres entscheidend und die Reaktionen der Bevölkerung in den Gebieten, die vom Krieg betroffen waren. Sein Anspruch zu herrschen wurde in Frage gestellt. Nicht umsonst gab es zwischen 235–284 die meisten Staatsstreiche. Unter etwa 25 sogenannt legitimen Herrschern, was allein schon eine ungewöhnlich große Zahl für rund 50 Jahre ist, ereigneten sich rund 40 Staatsstreiche. Die Übernahme der Herrschaft. Der dies imperii (Der Tag der Übernahme der Herrschaft) Das Zeremoniell, durch das der princeps die Herrschaft antrat, war keine formelle Amtseinsetzung mit festen Regeln wie die eines modernen Amtsträgers oder wie die eines consuls in der röm. Republik. Im frühen Prinzipat gab es kein eigentliches Erhebungszeremoniell. Es entwickelte sich erst langsam eine feste Form. Dies ist nicht zufällig. Der Prinzipat war ja kein Amt, sondern eine soziale Stellung. Es bildeten sich aber im Lauf der Kaiserzeit eine übliche Vorgehensweise und ein recht fester Ablauf heraus. Dadurch wurde aber niemals eine institutionelle Hürde errichtet, deren Übertretung einen Tabubruch bedeutete. Stellte jemand das Herrschaftsrecht des Erhobenen in Frage, konnte er mit dem gleichen Zeremoniell seinen Anspruch deutlich machen. Dennoch bedeutete dessen vorgegebene Form eine Schwelle für den, der nach dem Thron greifen will. Der Prinzipat wurde von dem beansprucht, der sich für den princeps hielt. Er trat in der Regel vor eine Heeresversammlung, und sein Anspruch wurde durch die Akklamation zum imperator von dieser bestätigt. Weil die Versammlung in keiner Weise in ihrer Zusammensetzung bestimmt war, konnte jede militärische Einheit als solche auftreten. Es mußte sich lediglich um eine handeln, die aus römischen Bürgern bestand oder bestehen sollte. Hierfür kommen vor allem die Legionen oder die Prätorianer in Frage. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 88 Eine geregelte Nachfolge gab es in der Kaiserzeit nicht. Die Zugehörigkeit zur Familie, aus der gerade der princeps stammte, spielte aber eine wichtige Rolle. Bis zur Erhebung Neros 54 n.Chr. ereigneten sich alle Erhebungen zum Kaiser in Rom, und als Heeresversammlung dienten die Prätorianer. Eine Ausnahme bildet lediglich Caligulas Erhebung in Misenum. Am 16.3.37 n.Chr. verstarb Tiberius in Misenum. Die anwesenden Prätorianer und die Flottensoldaten begrüßten Caligula, einen Urenkel des Kaisers Augustus und gleichzeitig auch der Livia, als Kaiser. Schon am 18.3. anerkannte der Senat in Rom den noch abwesenden Caligula als Kaiser und übertrug ihm die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen. Neros Erhebung wurde von Agrippina, seiner Mutter, und Burrus, dem Praetorianerpräfekten, arrangiert. Nach dem Tod des Kaisers Claudius 54 n.Chr. hielt seine Frau Agrippina, die Mutter Neros, Britannicus, den Sohn des gerade verstorbenen Kaisers aus der Ehe mit Messalina, im Palast zurück und ließ ihren Sohn ins Lager der Prätorianer in Rom bringen, wie mit Burrus vereinbart. Nero hielt eine kurze Rede, versprach ein Antrittsgeschenk, ein Donativ, und wurde als imperator begrüßt. Der Senat folgte der Meinung der Prätorianer und faßte die üblichen Beschlüsse für Nero, die ihm die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen übertrugen. Bei Augustus fand keine Ausrufung zum imperator zu Beginn seines Prinzipates im Jahre 27 v.Chr. statt. Er hatte diesen Titel schon. Das gleiche gilt für Tiberius, als er 14 n.Chr. Augustus’ Nachfolge antrat. Zudem verfügte er schon über einige Rechte, so die tribunicia potestas, die Amtsgewalt eines Tribunen, die ihn zum Nachfolger bestimmten. Nach Neros Tod waren es überwiegend die Legionen, die als Heeresversammlung auftraten. So wurde z.B. Septimius Severus 193 von seinen Legionen in Carnuntum erhoben. An die Stelle der Akklamation, der Ausrufung als Imperator, konnte auch ein anderer Akt treten. Sie konnte gleichsam übersprungen werden. So wurde von Vespasian die Vereidigung der Truppen auf ihn in Ägypten am 1. Juli 69 durch den praefectus Aegypti Tiberius Alexander, ohne daß er persönlich anwesend war, als dies imperii, als Tag der Übernahme der Herrschaft, betrachtet und nicht seine Ausru- Die Übernahme der Herrschaft. Der dies imperii (Der Tag der Übernahme der Herrschaft) 89 fung durch die Truppen zum imperator in Iudaea am 3. Juli. Bei ihr handelt es sich nur noch um seine Anerkennung als Augustus, die Truppen bestätigten seine Stellung. Die Akklamation mußte von den anderen Einheiten der Armee auch als für sie gültig betrachtet werden. Dies war ein informeller Akt. Ob der Anspruch auch von diesen als gerechtfertigt betrachtet wurde, hing von verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Faktoren ab. Ein Kandidat, der schon wichtige Rechte besaß wie Mark Aurel, der schon früh die tribunicia potestas erhalten hatte, galt als designierter Nachfolger. Ebenso sicherte die Zugehörigkeit zur Familie, von der ein Mitglied den Prinzipat innehatte, wie die Julier bis 68 n.Chr., die Anerkennung durch die Truppen. So geschah es etwa bei Claudius 41 n.Chr., den die Prätorianer nach der Ermordung Caligulas zu ihrem Kandidaten machten und erhoben. Die Zugehörigkeit zur Familie konnte auch durch eine Adoption hergestellt werden. War beides nicht gegeben, konnten eine besondere politische oder militärische Stellung, die als Leistungsausweis galt, dazu führen, daß ein Kandidat die Zustimmung der Armee insgesamt ohne Schwierigkeiten erlangte. In der Regel war es das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, die jemand zum eindeutigen Kandidaten machte. Hierfür bietet Trajan ein gutes Beispiel. 97 n.Chr. wurde er von Nerva adoptiert und erhielt die tribunicia potestas. Seine Stellung als Statthalter Obergermaniens mit einem Kommando über einen großen Heeresverband sicherte ihm entscheidenden militärischen und politischen Einfluß. Von Bedeutung war natürlich immer die politische Gesamtsituation und die Zustimmung wichtiger Persönlichkeiten. Wenn mehrere Personen zu gleicher Zeit mit dem Anspruch auftraten, princeps zu sein, was sich nur in Situationen mit ungeklärten politischen Machtverhältnissen ereignen konnte, so etwa nach Neros Sturz 68 n.Chr., wurde meistens gewaltsam entschieden, wessen Anspruch gelten sollte. Der Unterlegene galt als Usurpator. Sehr selten entschied man ohne Blutvergießen und ließ den ehemaligen Usurpator seine Karriere fortsetzen. So legte Tetricus (271–73), der sich unter Aurelian zum Kaiser aufgeschwungen hatte, seine Herrschaft nieder und setzte seine Karriere als Provinzstatthalter fort. Bis zur Entscheidung galt der als Usurpator, der seinen Anspruch vor einer Heeresversammlung später öffentlich machte. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 90 War der Anspruch eines Kandidaten, princeps zu sein, auch in Rom vom Senat anerkannt, so erhielt der von den Soldaten erhobene in der frühen Kaiserzeit die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen übertragen, und zwar durch Senatsbeschlüsse, die bald in einer lex de imperio, einem Gesetz, das die Übertragung der Herrschaft regelte, zusammengefaßt wurden, wahrscheinlich erstmalig, als Caligula die Herrschaft 37 n.Chr. übernahm. Aber auch später konnten die Kompetenzen noch als einzelne übertragen werden. So geschah es etwa bei Otho, der am 15.1.69 n.Chr. erhoben wurde. Sein Vorgänger Galba war von ihm gestürzt und von den Prätorianern ermordet worden. Die Übertragung der besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen durch den Senat erfolgte nur, wenn dieser den neu erhobenen als princeps betrachtete, d.h. seinen Anspruch aufgrund der informellen Zustimmung der Armee oder der Prätorianer als gerechtfertigt ansah. Das war eine politische Entscheidung des Senates, die die Grundlage für den Senatsbeschluß bildete. Sie wurde auf Grund der Machtverhältnisse getroffen. Der Senat gab mit diesem formellen Beschluß dem princeps die rechtlichen Instrumente zum Handeln und verlieh damit dessen Handlungen Legitimität. Er gab aber dem princeps nicht seine eigentliche Macht. Sie beruhte auf dessen Anerkennung als princeps durch die Armee und danach durch die Gruppen, die von seinem Handeln in erster Linie betroffen waren, nämlich die Senatoren und die stadtrömischen Bevölkerung, die plebs urbana. Der Senatsbeschluß wurde aber durchaus gesucht und galt als unverzichtbar. So ließ sich Vespasian seine acta (Beschlüsse) zwischen seiner Ausrufung zum Kaiser am 1.7.69 im Osten des Reiches und der Einnahme Roms durch Truppen seiner Partei durch einen Senatsbeschluß vom 21.(22.?)12.69 nachträglich für legitim erklären und sich die Herrschaft durch eine lex de imperio übertragen. Seit dem Ende des 3.Jhd. wurde der Senatsbeschluß unnötig. Greifbar ist dies bei Carus’ Erhebung 282. Die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen wurden unmittelbar nach der Investitur des Kaisers als ihm zur Verfügung stehend betrachtet. Sie wurden nicht mehr gesondert durch einen Senatsbeschluß übertragen. Damit sind wir am Beginn der Spätantike. Die Übernahme der Herrschaft. Der dies imperii (Der Tag der Übernahme der Herrschaft) 91 Die Wahrnehmung der Herrschaft des Kaisers durch die Bevölkerung Die Reichsverwaltung hatte als Grundlage überwiegend die Territorien der Städte, die sich selbst verwalteten. Die Bewohner des Reiches nahmen die Herrschaft des Kaisers in normalen Zeiten kaum wahr. Sie spürten sie nur in besonderen Situationen, und es entwickelte sich auch kein Bestreben, davon befreit zu werden. Sie sahen die Statuen des Herrschers, seiner Vorgänger und seiner Familie auf dem Forum oder in anderen öffentlichen Gebäuden wie dem Theater oder in den Thermen. Sie sahen die für den Kult des Kaisers errichteten Tempel und nahmen an den religiösen Feiern für ihn teil. Damit drückten sie ihre Loyalität und die Zustimmung zu seiner Herrschaft aus. Wechselte der Kaiser, wurde dies feierlich in der Volksversammlung mitgeteilt, wobei die Oberschicht der jeweiligen Stadt daran teilnehmen mußte. Seine Statuen wurden aufgestellt, und früher oder später zog sein Bild in feierlicher Prozession in die Stadt ein und wurde freudig begrüßt. Sehr bald zirkulierten auch Münzen, die sein Porträt trugen. Wenn er gestürzt worden war und der damnativ memoriae, dem Auslöschen der Erinnerung an ihn, verfallen war. sahen sie, wie seine Statuen entfernt wurden oder umgearbeitet, So wurde z.B. eine Reiterstatue Domitians, die in Misenum aufgestellt war, in eine Nervas umgewandelt. Man veränderte die Gesichtszüge. Selten waren die Reichsbewohner von seinen Entscheidungen direkt betroffen, wenn sie nicht zu den Senatoren, den Rittern oder der Oberschicht der Städte gehörten, die die Verantwortung für die Stadt trugen und kaiserliche Anordnungen oder solche des Provinzstatthalters durchführen mußten. Die Bewohner des städtischen Territoriums nahmen die Herrschaft des Kaisers nur in besonderen Situationen wahr, so wenn er als Wohltäter auftrat und etwas stiftete oder wenn er in die inneren Angelegenheiten der Stadt eingreifen mußte. Seine Stiftungen betrafen nicht nur Rom, wo zahlreiche Bauten die Freigebigkeit des Kaisers bezeugen wie z.B. das Stadion Domitians, die heutige Piazza Navona, oder das Kolosseum, sondern auch die Städte der Provinzen. So stiftete Hadrian im Jahr 132 die Hadriansbibliothek in Athen. Bei Eingriffen des Kaisers in das Leben der Städte ging es um verschiedene Probleme, vor allem aber um solche der öffentlichen Ordnung, wie z.B. 59 n.Chr. nach der Auseinandersetzung zwischen den V. Herrschaft in der Kaiserzeit 92 Bewohnern von Pompeji und denen von Nuceria im Amphitheater von Pompeji. Es gab dabei Tote und Verletzte. Die Angelegenheit wurde vor den Kaiser gebracht, der den Senat entscheiden ließ. Den Einwohnern von Pompeji wurde der Besuch von Spielen für 10 Jahre untersagt. Sie mußten illegale Vereine auflösen, und der Spielgeber, ein ehemaliger Senator, der aus dem Senatorenstand ausgestoßen worden war, wurde verbannt. Mit solchen Eingriffen wollte der Kaiser vor allen Dingen die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. War sie in einer Stadt oder in einem Gebiet gefährdet, war auch die Herrschaft des Kaisers in Gefahr. Solche Unruhen konnten sich ausbreiten und mußten daher von vornherein unterbunden werden. Der Kaiser hatte auch kaum Mittel, um sie niederzuschlagen. Die Truppen wurden für die Verteidigung der Grenzen benötigt und reichten niemals aus, um eine große innere Revolte niederzuschlagen. Auch Verschuldung der Städte konnte zum Problem werden, so daß der Kaiser bzw. sein Statthalter eingriffen. In der Korrespondenz zwischen dem Kaiser Trajan und dem Statthalter der Provinz Bithynia et Pontus, dem jüngeren Plinius (um 62–ca.114), wird dieses Problem häufig erörtert. Der jüngere Plinius war von 111 an Statthalter. Es trat besonders bei Prestigebauten auf, die die städtische Oberschicht in Angriff genommen hatte wie z.B. ein Theater und die dann aus Geldmangel nicht vollendet werden konnten. Solche Situationen konnten zu politischer Instabilität führen, die Rom nicht wollte. Die Bevölkerung der Städte konnte sich verraten fühlen, wenn ein versprochener Prestigebau nicht vollendet wurde, und unruhig werden. Das Eingreifen des Kaisers spürten auch einzelne Gruppen stärker als andere wie z.B. die Christen, die als gefährlich für die öffentliche Ordnung betrachtet wurden. Sie weigerten sich, am Kaiserkult teilzunehmen. Dies galt als Ausdruck der Illoyalität. Zu Beginn der Kaiserzeit spielte für die Wahrnehmung der Herrschaft des Kaisers auch noch die rechtliche Stellung der Stadt und ihre geographische Lage eine gewisse Rolle. Eine Stadt an der Grenze des Reiches spürte mehr die Herrschaft. Ihr wirtschaftliches Wohlergehen hing zu einem guten Teil vom Militär ab. Ebenso war sie bei falschen Entscheidungen der Zentrale von kriegerischen Auseinandersetzungen stark betroffen. Die Wahrnehmung der Herrschaft des Kaisers durch die Bevölkerung 93 Römische Bürger wurden im Westen des Reiches seit der späten Republik und besonders seit Beginn der Kaiserzeit immer häufiger in Kolonien (colonia, pl. coloniae) genannten Städten angesiedelt. So gab es überall Gruppen röm. Bürger. Später konnte der Titel colonia auch ohne eine solche Ansiedelung verliehen werden. Die coloniae römischer Bürger genossen anfangs noch einige Privilegien. Beides, Grenzstädte und Bürgerkolonien, und deren etwas anderes Verhältnis zur Politik des Kaisers soll hier in den Einzelheiten außer Betracht bleiben. Die freien Bewohner des Reiches, auch die, die nicht zu den Führungsschichten gehörten, waren vor allem von lokalen Problemen betroffen wie der Wasserversorgung. Sie mußte funktionieren, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Ein Unterschied bestand zwischen denen, die römische Bürger waren, und denen, die ein anderes Bürgerrecht besaßen, z.B. das von Athen. Im Reich lebten viele, die nicht das römische Bürgerrecht hatten. Dieser Zustand dauerte bis 212, als alle freien Reichsbewohner das röm. Bürgerrecht erhielten. Römische Bürger besaßen mehr Rechte und waren vor Willkür der örtlichen Behörden, auch des jeweiligen Statthalters, besser geschützt. So konnte der Apostel Paulus nicht vom Statthalter zum Tode verurteilt werden, sondern erwirkte eine Entscheidung in Rom. Die Teilhabe der Bürger an der Politik Die Teilhabe an der großen Politik im Rahmen von Institutionen wie z.B. den Volksversammlungen der röm. Republik, hörte spätestens mit dem Ende dieser auf. Sie war auch auf lokaler Ebene in der Regel nicht vorhanden oder gering. Sie blieb in unterschiedlichem Ausmaß nur den politischen Führungsschichten, Senatoren, Rittern und städtischen Oberschichten, erhalten. Die letzteren trugen die Verantwortung in den städtischen Territorien und beherrschten deren Selbstverwaltung. Die Zugehörigkeit zur städtischen Oberschicht hing vom Vermögen ab. Die Höhe des notwendigen Vermögens, um zur städtischen Oberschicht zu gehören, war aber von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Die Einwohner in den Städten wählten in der Volksversammlung die städtischen Beamten und diskutierten und beschlossen Fragen von V. Herrschaft in der Kaiserzeit 94 minderer oder nur lokaler Bedeutung. So wurde in Ephesus die Volksversammlung ins Spiel gebracht, als nach der Ankunft des Apostels Paulus gegen Ende der fünfziger Jahre des 1.Jhd. Unruhen darüber entstanden, welche wirtschaftlichen Folgen für die Silberschmiede drohten, die Statuen der Diana von Ephesus herstellten, wenn das Christentum sich ausbreite. Auch die Rechtsprechung lag in den Händen der städtischen Organe. Strafen wie die Todesstrafe konnten diese aber nicht verhängen. Sie behielt sich die römische Obrigkeit vor, um Urteile politischen Charakters zu verhindern und innerstädtischen Unruhen vorzubeugen. So mußte Pontius Pilatus über das Todesurteil gegen Jesus entscheiden. Über Krieg und Frieden etwa, was in antiken Gesellschaften von besonderer Bedeutung war, entschieden nicht mehr die, die davon betroffen waren, nämlich die Bürger, die in den Legionen dienen mußten. Allerdings wurde im Laufe der röm. Kaiserzeit und dann besonders nach 212, als alle Reichsbewohner das Bürgerrecht erlangten, kaum noch generell auf sie für den Kriegsdienst zurückgegriffen. Die Aushebung betraf immer mehr nur die Bewohner der Grenzregionen. Zudem warb man immer mehr Fremde an. Der Ausschluß der Bürger, die nicht den politisch führenden Schichten angehörten, von der Teilhabe an der großen Politik im Rahmen der Institutionen blieb ein Kennzeichen der Monarchien bis an das Ende des 18.Jhd. Teilhabe war im unterschiedlichen Ausmaß auf lokaler Ebene möglich, solange die Interessen des Herrschers nicht davon berührt wurden, insbesondere sein Recht auf Herrschaft nicht in Frage gestellt wurde. Teilhabe an großen politischen Entscheidungen konnte nur auf anderem Wege eingefordert werden, nämlich durch illegale Aktionen wie Demonstrationen oder Unruhen, die sich gegen einzelne Mißstände richteten wie etwa überhöhte Preise für Lebensmittel. Zum Aufstand gegen die römische Herrschaft an sich kam es fast nie. Eher eine Ausnahme bildeten die jüdischen Aufstände im ersten und zweiten Jahrhundert. Sie gehen auf die Schwierigkeiten der Juden mit dem Kaiserkult zurück. Die Teilhabe der Bürger an der Politik 95 Der Staatsstreich Der princeps konnte nicht abgesetzt werden und auch nicht abdanken. Seine Nachfolge war nicht fest geregelt, und seine Politik konnte auf institutionellem Weg nicht geändert werden. Sie mußte von niemandem gebilligt werden, wie es z.B. durch den Senat in der Republik mindestens teilweise möglich gewesen war. So mußte der Senat z.B. Verträge mit auswärtigen Mächten billigen. Um eine Änderung der Politik des Kaisers herbeizuführen, blieben nur Palastintrigen oder der Staatsstreich, d.h. die Entfernung des Kaisers aus seiner Stellung. Weil es keine verbindlichen Regeln und formalen Kriterien für die Übernahme kaiserlicher Herrschaft gab, mußte ein Usurpator sie auch nicht übertreten, wie es etwa Sulla 83 v.Chr. zu tun gezwungen war, der sich gegen die gewählten höchsten Beamten, die Konsuln, zu wenden hatte, oder moderne Usurpatoren, die z.B. einen Präsidenten absetzen, der durch eine Wahl für eine bestimmte Zeit in sein Amt gekommen ist. In einem System mit formalen Kriterien für die Übernahme der Herrschaft wie der röm. Republik oder in modernen Staatswesen muß daher der Usurpator sein besonderes Vorgehen rechtfertigen oder es nachträglich legitimieren wie z.B. durch manipulierte Wahlen. Ein Usurpator in der Kaiserzeit ließ sich wie ein Kaiser von einer römischen Heereseinheit, einer Legion oder einer Einheit der Prätorianer, nicht einer Einheit der Hilfstruppen, zum Kaiser ausrufen und mußte danach versuchen, die Zustimmung der anderen Truppen und schließlich des Senats zu finden. Auf diesem Weg geriet er selbstverständlich mit dem regierenden Kaiser in Konflikt. Setzte er sich durch, galt er als rechtmäßiger Kaiser. Um den Kampf mit dem Kaiser aufnehmen zu können, mußte er die Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet erringen und in diesem Zustimmung und Gehorsam finden. Sehr selten spielte sich die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Usurpator nur innerhalb der Stadt Rom ab. Im 1.Jhd. betraf es nur den Sturz Galbas am 15.1.69, gegen den Otho die Prätorianer aufbringen und dessen Platz einnehmen konnte. Um die Herrschaft über ein Gebiet zu erringen, war es außerhalb Italiens vor allem notwendig, die Statthalter auf die Seite des Usurpators zu ziehen, wenn nicht sogar einer von ihnen selbst usurpierte. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 96 Dies wurde noch wichtiger, wenn jener zugleich über viele Truppen verfügte wie etwa am Rhein. In Italien und den Provinzen, die sich nicht geschlossen für oder gegen einen Usurpator entschieden, mußte man neben den dort stationierten Truppen die wichtigen Städte und ihre Territorien gewinnen. Hierfür waren die städtische Bevölkerung und die Kurialen, die städtische Oberschicht, von Bedeutung. Diese entschieden letztlich darüber, auf wessen Seite die Stadt sich stellen sollte, auf die des regierenden Kaisers oder auf die des Usurpators. Wurde der Usurpator besiegt, wurden deshalb vor allem sie für einen solchen Entscheid verantwortlich gemacht. Die Stadt insgesamt erfuhr dagegen bisweilen eine Rückstufung ihrer rechtlichen Stellung. Daß der Kaiser vor allem die städtischen Oberschichten für eine solche Entscheidung gegen ihn verantwortlich machte, zeigt, daß Ungehorsam der kaiserlichen Herrschaft gegenüber, der von Bedeutung war, sich immer in Form einer Usurpation äußerte und niemals den Charakter einer Massenbewegung oder gar Revolution annahm. Die Bevölkerung selbst spielte nur in Zusammenarbeit mit den Oberschichten eine Rolle. Die Zahl der Staatsstreiche in der Kaiserzeit bis zum Beginn der Herrschaft Elagabals 218 n.Chr. ist sehr gering. Sie konzentrieren sich vorwiegend auf einzelne Jahre, nämlich 68/69 n.Chr., als sich Galba, Otho, Vitellius und Vespasian als Usurpatoren aufeinander folgten. Vespasian konnte sich schließlich an der Macht halten. Ebenso waren die Jahre 192/193 von Usurpationen erfüllt, als sich Pertinax, Didius Iulianus, Septimius Severus, Clodius Albinus und Pescennius Niger nacheinander oder gleichzeitig erhoben. Septimius Severus setzte sich schließlich durch. Daneben gab es nur noch die Erhebung von Antonius Saturninus 89 n.Chr. und die von Avidius Cassius 175 n.Chr. Staatsstreiche in der röm. Kaiserzeit erstreben nie grundlegende Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur oder eine weitgehende personelle Umgestaltung der politischen Elite. Das erstere haben sie mit denen der Republik gemeinsam, das zweite nicht. Proskriptionen oder Verwandtes war der Kaiserzeit fremd, der späten Republik nicht. Diese Ausgangslage bewirkt, daß die Usurpationen in der römischen Kaiserzeit sich grundlegend von denen in der späten Republik, aber auch von denen in vielen anderen Epochen der Geschichte, so besonders auch von denen in der Gegenwart, unterscheiden. Sie streben Der Staatsstreich 97 nicht die regelwidrige Besetzung eines Amtes an, suchen nicht die Schaffung eines neuen und gehen nicht auf eine strukturelle oder personelle Umgestaltung der politisch führenden Schicht aus. Die Usurpation greift immer in das Herrschaftsrecht eines Kaisers ein. Wenn keiner im Amt ist, kann es keine Usurpation geben. Wer in diesem Moment nach der Krone greift, ist kein Usurpator. Er beansprucht keinen Platz, der schon besetzt ist. Die Usurpation mißachtet keine anerkannten formalen Kriterien und setzt sich über sie hinweg. Sie braucht deshalb zwar im konkreten Fall eine politische Rechtfertigung, ist aber an und für sich gestattet. Die Übertragung der Herrschaft ist nicht hinreichend formalisiert und institutionell festgelegt. Dies unterscheidet die Usurpation in der römischen Kaiserzeit von Usurpationen in vielen anderen Epochen der Geschichte, so besonders auch in der Gegenwart, aber auch in der Antike. Sullas Usurpation von 83 v.Chr. z.B. verletzte eindeutig institutionelle Kriterien. Ein Usurpator, der sich auf die Dauer auf dem Thron halten kann, gilt in der antiken Tradition als rechtmäßiger Kaiser. Das klassische Beispiel bietet Vespasian, der durch eine Usurpation an die Macht kam, aber als legitimer Augustus betrachtet wird. Weil die dauerhaft errungene Herrschaft in der historischen Betrachtung nicht mehr als usurpierte galt, kann der Gedanke daher auch umgekehrt formuliert werden, nämlich daß die Niederlage jemand zum Usurpator, in spätantikem Sprachgebrauch zum tyrannus, macht. Die Rechtfertigung, die jede Usurpation durch den Erfolg erfährt, schließt nicht aus, daß in der Überlieferung darauf verwiesen werden kann, daß ein Kaiser nach einen Staatsstreich dauerhaft die Herrschaft übernahm, weil er seinen Gegner besiegte, aber ursprünglich ein Usurpator war. Der Makel, sich durch eine Usurpation des Thrones bemächtigt zu haben, konnte also für den, der sich später hatte erheben lassen, dann aber gesiegt hatte, in einem kleinen Teil der Überlieferung durchaus bestehen bleiben. In der allgemein verbreiteten Auffassung selbstverständlich nicht, denn der Sieger hatte natürlich kein Interesse daran. Für ihn war die Übernahme der Herrschaft von Anfang an gerechtfertigt. Er bestimmte die Überlieferung. Die Hinweise, daß jemand durch eine Usurpation auf den Thron kam, der später als legitimer Kaiser galt, weil er siegte, sind deshalb wenig zahlreich und nicht zu einer eigenen Kategorie entwickelt. Sie V. Herrschaft in der Kaiserzeit 98 finden sich in Ansätzen etwa bei Orosius (um 385–um 418) in seiner Weltgeschichte. Er stellt Vespasian mit Otho und Vitellius auf eine Stufe und sagt von ihnen allen (Oros.hist.7,8,3): imperia simul atque arma rapuerunt. Sie griffen nach der Herrschaft und gleichzeitig zu den Waffen. Orosius sagt leider wenig später nicht deutlich, ob er Vespasian zum Sturm der Tyrannen (tyrannorum tempestas), wie er die Ereignisse des Vierkaiserjahres 68/69 nennt, hinzurechnet. Es ist aber anzunehmen. Die politischen Probleme, die die Herrschaft eines Kaisers gefährden und zu Unruhen und Staatsstreichen führen konnten, waren in den einzelnen Epochen der Kaiserzeit recht unterschiedlich. Im 1.Jhd. und gegen Ende des 2.Jhd. spielte noch der andauernde Gegensatz zwischen Senat und Kaiser eine Rolle. In ihm hatten die Ermordung Caligulas 41 n.Chr., der Aufstand gegen Nero 68 n.Chr. und die Ermordung Domitians am 18.9.96 seine Ursache. Aber auch Commodus’ Ermordung und Sturz am 31.12.192 hängen damit zusammen. In der Folge kam es zu einer Reihe von Staatsstreichen, ehe wieder Ruhe einkehrte, nachdem Septimius Severus sich durchgesetzt hatte. Auch die plebs urbana und ihre Bedürfnisse haben zu Beginn der Kaiserzeit besondere Bedeutung. Ihrer Versorgung und Unterhaltung wandten die Herrscher große Aufmerksamkeit zu, um von Unruhen verschont zu bleiben. In Rom versuchte man gerade zu Beginn des Prinzipates, den Kaiser herauszufordern, indem sich einzelne seiner Widersacher mehr um die Bedürfnisse der plebs urbana kümmerten als er. Ein Marcus Egnatius Rufus suchte durch die Gründung einer Feuerwehr 22 v.Chr. Augustus’ Herrschaft in Frage zu stellen. Augustus sah offensichtlich in Egnatius einen politischen Konkurrenten, der ihm wegen seiner Beliebtheit beim Volk hätte gefährlich werden können. Egnatius wurde 19 v.Chr. einer Verschwörung beschuldigt und mit einem Teil seiner Anhänger hingerichtet. Augustus sah sich gezwungen, Sklaven als Feuerwehrleute zur Verfügung zu stellen und später 7 oder 6 v.Chr. mit einer generellen Neuorganisation der Feuerwehr den Wünschen des Volkes zu entsprechen. Unzufriedenheit der Truppen am Oberrhein (Germania superior) ist greifbar bei Antonius Saturninus’ Erhebung 89 n.Chr. in Mainz. Sie fühlten sich gegenüber denen an der Donau zurückgesetzt. Der Staatsstreich 99 Bei den Staatsstreichen von 192/93 spielte der Gegensatz zwischen Prätorianern und Legionen eine wichtige Rolle. Militärische Erfolglosigkeit gefährdete die Stellung des Kaisers besonders nach 235, als die Barbaren erfolgreich die Grenzen des Reiches bedrängten und die Armeen einen Herrscher nach dem anderen deswegen stürzten. Politisch war dies möglich, weil die Städte, die im Kampfgebiet oder dessen Nähe lagen, unter dem Einfall der Feinde litten, und einen erfolglosen Kaiser politisch nicht unterstützten. Abschließende Überlegungen Bald nach Beginn der Kaiserzeit umfaßte das röm. Reich den gesamten Mittelmeerraum und Westeuropa. Damit war der Grundstein für eine lange Zeit des Friedens und der politischen Stabilität gelegt, die fast bis an das Ende des weströmischen Reiches in der Spätantike andauerte, nur unterbrochen durch die Krise des 3.Jhd., die aber in den einzelnen Reichsteilen sehr unterschiedlich wahrgenommen wurde. Die Kaiserzeit brachte die Vollendung des monarchischen Herrschaftssystems allerdings ohne feste Regelung der Nachfolge. Dies entsprach der Legitimation der kaiserlichen Herrschaft. Der Herrscher war princeps, eine Stellung, die auf der Zustimmung (consensus) der wichtigen Gruppen, nämlich Armee, Senat und plebs urbana, beruhte und daher nicht formal geregelt werden konnte wie z.B. durch Erbfolge, sondern immer wieder politisch errungen werden mußte, auch wenn dies weitgehend eine Fiktion war und der princeps wenn möglich diesen Prozeß zu steuern versuchte. Niemand dachte deshalb mehr an eine Rückkehr zur Republik. Die republikanischen Ämter bestanden zwar weiterhin, und die Bekleidung des Jahreskonsulates blieb die höchste erreichbare Ehre. Herrschaft übten die republikanischen Amtsträger aber keine mehr aus, lediglich in Rom behielten sie noch einige Kompetenzen. Die comitia behielten ihr Recht, Gesetze zu verabschieden noch lange. Es war aber in unseren Augen eine bloße Formalität. Ein Gesetz ablehnen konnten sie nicht. Die Möglichkeit unter verschiedenen Kandidaten für die Ämter auszuwählen verloren sie schon zu Beginn des Prinzipates. Sie konnten die vorgeschlagenen nur noch bestätigen. Die V. Herrschaft in der Kaiserzeit 100 Beschlüsse der comitia gaben aber der Zustimmung (consensus) zur Herrschaft des Kaisers Ausdruck. Deshalb handelt es sich nicht nur um eine juristische Formalität, sondern auch um eine politische Aussage. Herrscher und Beherrschte bilden eine Einheit. Die Kaiserzeit führte zu einer Festigung der ständischen Ordnung. Die Bedingungen der Zugehörigkeit zum Senatoren- und Ritterstand sowie zu den städtischen Oberschichten wurden genau umschrieben. Lediglich die Bedingungen für die Zugehörigkeit zu den städtischen Oberschichten unterschieden sich von Stadt zu Stadt. In kleinen Städten wurde weniger Besitz gefordert. Entscheidendes Merkmal für die Zugehörigkeit zu den einzelnen Ständen war ein gewisses Vermögen. Der Besitz war die Grundlage jeder gehobenen sozialen Position. Die Kaiserzeit führte zu einer fortschreitenden Gleichstellung der verschiedenen Gebiete des Reiches und ihrer Bewohner. Diese fand einen sehr sichtbaren Ausdruck in der Verleihung des Bürgerechtes an alle freien Reichsbewohner 212 n.Chr. Bei aller Tendenz zur Gleichstellung blieb aber besonders das Problem der ungleichmäßigen Verteilung der Lasten für die Verteidigung der Grenzen ungelöst. Die Grenzregionen litten nicht nur unter den Einfällen der Widersacher des Reiches, sondern mußten auch den größten Teil der Kosten für deren Abwehr tragen. Abschließende Überlegungen 101 Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung. Die Gesellschaft. Das Christentum. Die Auflösung des röm. Reiches Periodisierung, Tetrarchie und Mehrkaiserherrschaft Als Beginn der Spätantike wird in der Regel im deutschsprachigen Raum das Jahr 284 n.Chr. betrachtet (Amtsantritt des Kaisers Diokletian). Ihr Ende ist nicht nur wesentlich umstrittener, sondern auch unter sachlichen Gesichtspunkten uneinheitlich. Es unterscheidet sich je nach Region und Reichsteil, d.h. nach dem östlichen oder westlichen Teil des Reiches. Häufig betrachtet man 476 als das Ende der Spätantike im Westen, als der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt wurde. In Britannien ist aber die röm. Herrschaft schon zu Beginn des 5.Jhd. zu Ende, in Italien dagegen erst nach der Mitte des 6.Jhd., als die Langobarden in Italien einfielen (568 n.Chr.). Im Osten dauerte die Spätantike bis zur Herrschaft Iustinians (527–565 n.Chr.). Mit ihm läßt man spätestens die byzantinische Geschichte beginnen. Mit guten Gründen kann man allerdings ihr Ende im südlichen Teil des Osten auch auf das 7.Jhd. datieren. Damals ging das neupersische Reich, das Reich der Sassaniden, unter, und die Araber besetzten Syrien, Ägypten und Nordafrika. Damit begann die Ausbreitung des Islam. Der Spätantike voraus ging eine Übergangsphase, eine Zeit der Krise, die man gemeinhin zwischen 235–284 ansetzt. In ihr geriet das röm. Reich durch die Angriffe der Barbaren, besonders an Rhein und Donau, aber auch der Perser im Osten des Reiches in eine schwere Krise, die es aber ohne große territoriale Verluste überstand. Verloren gingen nur das Dekumatenland, das Gebiet östlich des Oberrheines und nördlich der oberen Donau, zudem etwa der Schwarzwald gehört, und das Gebiet des heutigen Rumäniens. Die Einordnung dieses Jahr- VI. 103 hunderts in den historischen Prozeß ist umstritten. Ungelöst ist z.B. die Frage, inwieweit dieses Jahrhundert die spätantike Entwicklung vorbereitete. Die ersten rund 20 Jahre der Spätantike (284–306) werden als Tetrarchie, die gemeinsame Herrschaft von vier Kaisern, bezeichnet. In dieser Zeit regierten zwei Oberkaiser (Augusti) und zwei Unterkaiser (Caesares), und es war ein koordiniertes Nachrücken vorgesehen. Beim Rücktritt der zwei Oberkaiser sollten die Unterkaiser nachrücken und zwei neue Unterkaiser eingesetzt werden. Die Augusti der Tetrarchie waren Diokletian und Maximian, die Caesares Constantius Chlorus, der Vater des späteren Kaisers Konstantin, und Galerius. Das System funktionierte nur einmal, nämlich 305, und auch damals nur noch für ein Jahr. Die Augusti der Tetrarchie, Diokletian und Maximian, zogen sich 305 ins Privatleben zurück. Die Caesares Constantius Chlorus, der Vater Konstantins, und Galerius rückten als Augusti nach. Als Caesares wurden Severus im Westen und Maximinus Daia im Osten erhoben. Als Constantius Chlorus am 28.7.306 starb, erhob sich dessen Sohn Konstantin am selben Tag von sich aus zum Augustus. Die Soldaten seines Vaters standen dabei auf seiner Seite. Konstantin stellte damit das Nachrücken von Severus als Augustus im Westen in Frage. Wenig später, am 28. Oktober 306, erhob sich auch Maxentius, der Sohn Maximians in Rom zum Kaiser. Damit war das System der Tetrarchie gescheitert. Man hatte keine angemessene Lösung für die erwachsenen Söhne Konstantins und Maximians gefunden. Sie hatten politische Bedeutung, Konstantin hatte sicher militärische Erfahrung, und beide trachteten danach, Kaiser zu werden. Unberücksichtigt zu bleiben bedeutete für sie auch die Gefährdung des eigenen Lebens, denn sie mußten als mögliche Usurpatoren gelten. Im Anschluß an Konstantins und Maxentius’ Erhebungen kam es zu zahllosen inneren Kämpfen unter den Nachfolgern der Tetrarchen, die 324 mit der Erringung der Alleinherrschaft durch Konstantin endeten. Aus ihr entwickelte sich dann nach Konstantins Tod 337 die Mehrkaiserherrschaft der Spätantike. Während der Tetrarchie entwickelte sich eine Aufteilung des Reiches unter den vier Herrschern. Diese verfügten zu Beginn nicht über VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 104 ein ihnen zugeordnetes Territorium, sondern wurden überall im Reich in Absprache mit Diokletian tätig. Diese Aufteilung blieb ein wesentliches Element in der Zeit der Mehrkaiserherrschaft und bildete schließlich die Grundlage für die Zweiteilung des Reiches, die ab 395 Gestalt annahm. Der Tetrarchie gelang die Stabilisierung der außenpolitischen Situation des Reiches, indem man eine schlagkräftige Armee schaffen konnte und innenpolitische Stabilität erreichte. Daß die vier Herrscher über eine solange Zeit an der Macht blieben, bedeutete gegenüber dem unruhigen 3.Jhd. einen großen Fortschritt. Sicher spielte dabei der historische Zufall eine Rolle, aber man darf die starke Persönlichkeit Diokletians nicht unterschätzen, der die Tetrarchie dominierte. Sehr wichtig für die Stabilität war auch die festgesetzte Vierzahl der Herrscher sowie die Ordnung der Nachfolge. Man rückte nach, obwohl gerade diese Regelung sich als schwer durchführbar und letztlich als verhängnisvoll für die Tetrarchie erwies. Die Bedeutung der Dynastie wurde dabei unterschätzt. Die Herkunft eines Herrschers war nämlich schon seit Beginn der Kaiserzeit immer von Bedeutung. Institutionelle und gesellschaftliche Besonderheiten der Spätantike In der Spätantike entwickelten sich gegenüber der Zeit davor einige institutionelle Besonderheiten. Es sind dies die Mehrkaiserherrschaft, eine verfeinerte Gliederung des Reiches durch die Teilung vieler Provinzen, die Neugliederung Italiens in solche und die Bildung von Zwischeninstanzen, sowie die Schaffung einer durchgebildeten zentralen Verwaltung. Insgesamt wurde die Verwaltung intensiviert. Zugleich wurden die zivilen und militärischen Laufbahnen voneinander getrennt. Das Heer wurde in das Bewegungsheer und das Grenzheer aufgeteilt. Die kampfkräftigeren Truppen wurden je nach Bedarf verlegt und eingesetzt, während die übrigen an den Grenzen fest stationiert waren. Der größte Teil des Bewegungsheeres zog mit dem jeweiligen Kaiser und sicherte infolgedessen auch dessen politische und militärische Stellung innerhalb seines Reichsteiles. Ein Usurpator hatte es schwer gegen ihn. Institutionelle und gesellschaftliche Besonderheiten der Spätantike 105 Eine neue Rolle spielten die angeworbenen Barbaren in der Armee. Sie bildeten von nun an die Eliteeinheiten, so etwa die sogenannten auxilia. Daneben dienten sie selbstverständlich weiter auch in anderen Einheiten. Die Führer barbarischer Einheiten konnten seit Konstantin in die höchsten militärischen Ränge aufsteigen. Sie konnten Heerführer werden. Ihre politische Rolle und Integration stellte vielfache Probleme, führte aber in der Regel nicht zu Erscheinungen der Illoyalität gegenüber dem Reich. Besonders vom Ende des 4.Jhd. an gab es immer mehr Einheiten der sogenannten Foederaten, Truppen von Barbaren, die unter dem Kommando ihrer einheimischen Führer dienten, und nicht offiziell Bestandteil der Armee waren und in sie integriert. Sie ersetzten immer mehr die römische Armee, besonders im Westen, und führten zur Auflösung der militärischen Strukturen. Dazu kamen im gesellschaftlichen Bereich die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht, indem man den Ritterstand im Senatorenstand aufgehen ließ, und die Christianisierung des Reiches. Sie ließ mit der reichsweiten kirchlichen Organisation eine gewisse parallele Einrichtung zum Staat entstehen. Die staatlichen Strukturen dienten nämlich als Grundlage ihrer Organisation. Die civitates, die politischen Gemeinden, wurden die Grundlage der kirchlichen Organisation. An ihrer Spitze stand jeweils ein Bischof. Von besonderer Bedeutung, die allerdings erst im Lauf des 4.Jhd. sichtbar wurde, war die Gründung von Konstantinopel durch Konstantin. Die Stadt wurde 330 eingeweiht. Sie lag am Ort der griechischen Stadt Byzanz, deren Gebiet um das Drei- oder Vierfache vergrö- ßert wurde. So entstand aus dieser eine Residenzstadt. Konstantinopel war als neues oder zweites Rom gedacht. So wurde schon bald ein zweiter Senat in ihr eingerichtet. Ohne sie wäre die besondere Entwicklung des östlichen Teiles des röm. Reiches nicht möglich gewesen. Sie verkörperte das oström. Reich. Es ist häufig nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob eine Reform in der Spätantike auf Diokletian oder Konstantin zurückgeht. Ohne die lange Regierungszeit beider sind die Reformen auf jeden Fall undenkbar. Diokletian regierte 21 Jahre (284–305). Er bestimmte im wesentlichen, was seine Mitherrscher zu tun hatten. Konstantin herrschte im Westen unangefochten seit 312 nach seinem Sieg über VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 106 Maxentius an der Milvischen Brücke und von 324–337 im gesamten röm. Reich. Länger als er regierte in der röm. Geschichte nur Augustus. Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft Die kaiserliche Stellung wurde nach Konstantins Tod 337 fast immer von zwei Kaisern (Augusti) gleichzeitig wahrgenommen, von denen einer den Westteil des Reiches und der andere den Ostteil beherrschte. Die Grenze zwischen beiden Teilen war etwa die heutige zwischen dem katholischen und dem griechisch-orthodoxen Bekenntnis von der südlichen Adria bis an die Donau. Im Westen war Mailand bevorzugte Residenz, aber auch Trier, Rom und Ravenna, im Osten in der 2. Hälfte des 4.Jhd. vorwiegend Konstantinopel, später fast ausschließlich. Seltener dienten im Osten auch Sirmium, Antiochia oder Thessaloniki als Residenzstädte. Unterkaiser (Caesares) gab es nur noch selten, und ihre Funktion als Nachfolger ist weniger bedeutsam als früher. Das Kaisertum wurde formal als Einheit betrachtet, auch wenn es von zwei Personen zugleich innegehalten wurde. Deren Anteil an der Herrschaft fiel bei ihrem Ausscheiden an den verbleibenden Amtskollegen zurück, der ihn neu vergeben konnte. Die Quelle der kaiserlichen Herrschaft war während der Mehrkaiserherrschaft wie schon in der Tetrarchie jeder Augustus, der sie durch die Erhebung von Mitherrschern weitergeben konnte. Deren Stellung leitete sich dadurch von seiner ab. Der Kaiser wurde so zum auctor, Urheber, neuer Herrscher. Die Erhebung durch einen Augustus gab also das Recht zur Herrschaft. Sie legitimierte. Dem, der nicht von einem Augustus erhoben worden war, mangelte es an einer hinreichenden Legitimation. Sein Anspruch galt als nicht gerechtfertigt. Dies bedeutete eine hohe Schranke für jeden Usurpator. Die Erhebung eines neuen Kaisers in der Mehrkaiserherrschaft war also eine Form der Kooptation, der Zuwahl. Das Mehrkaisertum hatte zur Folge, daß so eine Instanz vorhanden war, die einen Kandidaten zur Erhebung vorschlagen und Gehorsam und Loyalität gegenüber diesem bewirken konnte. Eine solche gab es in der Kaiserzeit nicht. Es war nicht geregelt, wie ein neuer Kaiser zu seinem Amt kam. Die Situation, daß es keinen Kaiser im Reich gab, Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft 107 der seinen Nachfolger ins Amt bringen konnte, trat zudem nicht mehr so häufig auf. Im 4.Jhd. z.B. schieden nach 324, dem Beginn der Alleinherrschaft Konstantins, nur Iulian 363 und Iovian 364 aus dem Leben, ohne daß noch ein anderer Kaiser im Amt war. Die Erhebung zum Kaiser fand vor einer Versammlung von Soldaten statt. Zwischen 474, dem Jahr der Erhebung Leos II., bis einschließlich der Erhebung Justinus’ I. 518 nahm im östlichen Teil des Reiches auch das Volk in Konstantinopel daran teil. Man versammelte sich zusammen im Hippodrom. Der Augustus stellte den Kandidaten vor. Die Soldaten und im erwähnten Zeitraum auch das Volk stimmten dem Vorgeschlagenen jubelnd zu, und der Kandidat wurde mit den kaiserlichen Insignien bekleidet. Man durfte nicht nein sagen, denn das hätte Ungehorsam bedeutet, und wäre als Beginn einer Revolte betrachtet worden. Für die Übertragung der kaiserlichen Macht entwickelte sich in der Spätantike gegenüber der Kaiserzeit also eine festere Form. Schon seit dem Ende des 3.Jhd. wurde der Senatsbeschluß unnötig, mit dem dem Kaiser bisher die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen übertragen wurden. Greifbar ist dies erstmals bei Carus’ Erhebung 282. Die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen wurden unmittelbar nach der Investitur des Kaisers als ihm zur Verfügung stehend betrachtet. Von anderen Gruppen wurde auch erwartet, ihrer Zustimmung zur Wahl eines neuen princeps Ausdruck zu geben und Beschlüsse zu dessen Gunsten zu fassen. Dies taten z.B. die Städte. Dabei waren die des Senates in Rom von besonderer Bedeutung seines hohen politischen und sozialen Ansehens wegen, das der Senat auch im 3.Jhd. und in der Spätantike hatte. Sie erscheinen daher in den Quellen oft wie Wahlakte. Es handelte sich aber lediglich um Bestätigungsakte für den neuen princeps. Die rechtliche Grundlage für die Herrschaft des Kaisers war also kein Bündel von besonderen Rechten, Aufgaben und Ehrungen mehr wie im frühen Prinzipat, das durch einen Senatsbeschluß und ein Gesetz übertragen werden mußte. Zugleich mit seiner Investitur, dem Anlegen der Insignien, gelangte der Kaiser auch in den Besitz aller Instrumente zum Handeln. Er bedurfte keines zusätzlichen Entscheides mehr, mit dem ihm diese verliehen wurden. Seine Investitur wurde als VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 108 hinreichende Grundlage zur Wahrnehmung der Herrschaft angesehen. Er konnte diese sofort ausüben. Dies wird daran deutlich, daß seine Maßnahmen keiner späteren Bestätigung bedürfen, wie es etwa bei Vespasian noch nötig war. Seine acta, seine getroffenen Entscheidungen, mußten ausdrücklich für legitim erklärt werden, und zwar die zwischen seiner Ausrufung zum Kaiser am 1.7.69 im Osten des Reiches und dem Senatsbeschluß am 21.(22.?)12.69 in Rom zu seinen Gunsten, nachdem er sich auch im Westen des Reiches durchgesetzt hatte. Der Anspruch, die Herrschaft zu übernehmen, mußte jetzt nur von den entscheidenden politischen und militärischen Kräften akzeptiert werden, was sich in deren Gehorsam ausdrückte. Weitere Verfahren waren nicht mehr nötig. Daß die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen nicht mehr in einem gesonderten Akt verliehen wurden, schloß eine Form der Nachfolgeregelung aus, bei der einzelne Kompetenzen schon vor dem Eintreten des Nachfolgefalles übertragen wurden, um eine reibungslose Weitergabe der Herrschaft zu sichern. So erhielt etwa Trajan im Oktober 97 n.Chr. zugleich mit seiner Adoption durch Nerva und seiner Erhebung zum Caesar die tribunicia potestas. Auf diese Weise war seine Nachfolge nicht mehr in Zweifel zu ziehen. Es war möglich, nicht nur einen Augustus für den anderen Reichsteil zu erheben, sondern schon im eigenen Reichsteil einen sozusagen auf Vorrat einzusetzen. Dieser war dann ein nomineller. Er regierte solange nicht, bis er nachrücken konnte, genoß aber alle Privilegien der kaiserlichen Stellung. So hatte er einen eigenen Hofstaat. Zur Kooptation durch einen Augustus mußte noch die Anerkennung durch den Mitherrscher im anderen Reichsteil kommen, wenn es dort einen gab. Die Anerkennung durch die Kaiser, die schon im Amt waren, war sehr wichtig, um gegenüber den eigenen Untertanen und im übrigen Reich legitimiert zu sein und als Herrscher zu gelten. In der Regel wurde in der Mehrkaiserherrschaft die Herrschaft von Mitgliedern derselben Familie wahrgenommen und auch an diese weitergegeben. Es war aber nicht festgelegt, an welche. Es herrschte ein dynastisches Prinzip, keine Erbfolgeordnung, bei der genau geregelt ist, wer welchen Platz in der Nachfolge einnimmt. Direkte männliche Nachkommen waren aber kaum hintanzusetzen, und der Erstgeborene hatte eindeutig den Vorrang. Dies ergab sich häufig auch daraus, daß Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft 109 er schon über militärische Erfahrung verfügte und den Truppen bekannt war. So erhoben 306 die Soldaten Konstantin nach dem Tod seines Vaters Constantius Chlorus zum Kaiser. Seine jüngeren Halbgeschwister wurden gar nicht in Erwägung gezogen. Sein Halbbruder Julius Constantius war damals immerhin schon 17 Jahre alt. Konstantin ließ dagegen seinen ältesten Sohn Crispus, dessen Mutter Minervina war, 326 umbringen. Er hatte ihn schon 317 zum Caesar erhoben und ihn 318, 321 und 324 zum consul gemacht. Möglicherweise fürchtete er ihn als Konkurrenten, oder Konstantins zweite Frau Fausta wollte ihn zu Gunsten ihrer Kinder aus dem Weg schaffen und klagte ihn daher an, sich ihr genähert zu haben. Konstantin ließ sie nach einer Untersuchung der Angelegenheit im Bad ersticken. Die Thronfolge im Rahmen der Dynastie blieb durch Crispus' Beseitigung für Jahre in Gefahr, weil die Kinder Faustas noch zu jung waren, um die Herrschaft übernehmen zu können. Das dynastische Prinzip schränkte die Zahl der Anwärter auf den Thron ein. Es schuf zugleich Schwierigkeiten für jeden Prätendenten, der nicht zur Dynastie gehörte. Die bloße Zugehörigkeit zur kaiserlichen Familie gab also keinen Anspruch auf den Thron. Dieser Grundsatz galt schon seit Augustus' Zeiten. Zur Zugehörigkeit zur Familie mußte aber jetzt eine Erhebung zum Mitherrscher durch einen Augustus treten. Dadurch daß jeweils ein Augustus über die Beteiligung an der Herrschaft entschied, behielt er die Anwendung des dynastischen Prinzips in seiner Hand. Er bestimmte über seine Geltung. Er setzte nämlich fest, wer ihm nachfolgen sollte. Wenn im ganzen Reich kein Kaiser mehr im Amt war wie nach Iulians oder Iovians Tod 363 bzw. 364, wählte eine Gruppe führender Persönlichkeiten den neuen Herrscher. Wer zu ihr gehörte, war nicht festgelegt. Es sind vor allem die höchsten Repräsentanten der zentralen Verwaltung, im Amt befindliche und ehemalige, einzelne Vertreter der persönlichen Dienerschaft des Kaisers, so etwa der Oberkämmerer, der praepositus sacri cubiculi, der immer zu dieser Zeit ein Eunuch war, sowie die höchsten militärischen Kommandanten. Diese waren aber deutlich in der Minderzahl. Der Umfang dieser Gruppe schwankte etwa zwischen zehn und fünfzig bis sechzig Personen. VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 110 Die Gruppe trat also an die Stelle eines Kaisers wie ein auctor, ohne es aber formal zu sein, denn sie hatte nicht die Herrschaft inne und konnte daher nicht über sie verfügen. Für den Vorschlag eines Kandidaten und die Sicherung des notwendigen Gehorsams für diesen gab es damit aber eine Instanz. Es gab auch Vorstellungen dazu, wie repräsentativ diese zu sein hatte, wer also in ihr vertreten sein sollte, und wie sie ihre Entscheidung zu finden hatte. Diese Vorstellungen hatten aber keinen zwingenden Charakter. Der Vorschlag eines Kandidaten durch diese Gruppe war keine allgemein anerkannte oder sogar niedergeschriebene Regel, sondern wurde von der jeweiligen Mehrheit in ihr beansprucht und durchgesetzt. Es war nicht ausgeschlossen, daß sich andere Kandidaten um eine Erhebung bemühten, wie es etwa nach Iustins Wahl 518 allerdings erfolglos geschah. Im Unterschied zum Vorschlag durch führende Persönlichkeiten wurde der Vorschlag eines Kandidaten durch einen Augustus für einen vakanten Platz als bindend betrachtet und von keiner Seite jemals in Frage gestellt. Dies hätte als Versuch eines Staatsstreiches gegolten. Die Kooptation durch den Kaiser oder der Vorschlag durch die einflußreichsten Personen wurde je länger je mehr als durch Gott bewirkt betrachtet. Daraus entstand die Vorstellung, daß letztlich dieser das Kaisertum gibt. Die Vorstellung, Kaiser von Gottes Gnaden zu sein, wurde dann von Justinian (527–65) besonders betont, und blieb ein entscheidender Gedanke für die Rechtfertigung monarchischer Herrschaft bis zu deren Ende in vielen Ländern Europas. Mehrkaisertum und die Intervention einer Gruppe der einflußreichsten Persönlichkeiten bei der Besetzung des Thrones führten zu einer Stabilisierung der kaiserlichen Stellung. Herrscherwechsel waren geregelt, wenn auch nicht in einer institutionell festgelegten Form. Damit war gegenüber der hohen Kaiserzeit eine Gruppe, die weitgehende Kontrolle ausübte, für die Weitergabe und Sicherung der Herrschaft entscheidend, wenn keine Kooptation erfolgte. Dies erschwerte eine Usurpation erheblich. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zur Zeit des Prinzipats, in der sich niemals ein Usus für die Bestimmung des Kandidaten herausgebildet hatte. Eine der führenden Gruppe ähnliche Formation, die regelmäßig den Vorschlag des Kandidaten vornimmt, wenn keiner vorhanden ist, ist im Prinzipat nicht vorhanden. Es sind Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft 111 Gruppierungen, die sich ad hoc bilden. So wurde Neros Erhebung 54 n.Chr. von seiner Mutter Agrippina, der Frau des verstorbenen Kaisers Claudius, und dem Prätorianerpräfekten Burrus in Szene gesetzt. Sie sorgten dafür, daß die Prätorianer Nero zum Kaiser ausriefen. Übergangen wurde dabei Britannicus, der ein Sohn des verstorbenen Kaisers Claudius und der Messalina, der Vorgängerin Agrippinas, war. Man beseitigte ihn dann bald mit Gift bei einem Gastmahl, damit er nicht bei einem Staatsstreich als Gallionsfigur dienen konnte. Der spätantike Kaiser erscheint durch ein sehr ausgebildetes Zeremoniell entrückter von seinen Untertanen als seine Vorgänger im Prinzipat. Dadurch sollte Distanz und Respekt geschaffen werden. Er war prachtvoll gekleidet und gleichsam in eine höhere Sphäre gerückt. Jeder Ausdruck eines Gefühles wie ein freundlicher Blick wurde unterdrückt. Wer zu ihm vorgelassen wurde, mußte einen Kniefall machen und bekam den Saum des Purpurgewandes zum Kuß gereicht. Auch die Kontakte zu den Senatoren waren vom Zeremoniell her streng geregelt und verloren weitgehend jegliche Spontaneität. Wo sie sich doch zeigte, wurde sie kritisiert. Der Kaiser gab nicht mehr vor, einer der ihren zu sein. Der Kaiser mußte sich bemühen, durch Geschenke (Donative) die Loyalität seiner Soldaten und Beamten zu sichern. Diesen wurden sie bei der Übernahme der Herrschaft, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten wie z.B. Regierungsjubiläen gewährt. Im Gegensatz zur Kaiserzeit, in der die Höhe der Vergabungen nicht geregelt war, gab es in der Spätantike z.B. beim Antritt der Herrschaft eine feste Summe für einfache Soldaten. Sie betrug 6 solidi (Goldmünzen) und ein Pfund Silber, offensichtlich in Form von Barren. Selbstverständlich gab es für höhere Kommandanten und hohe zivile Amtsträger Geschenke von größerem Wert, auch in Form von bearbeitetem Metall, wie z.B. die Silberplatten von Kaiseraugst zeigen. Die Loyalität hoher Amtsträger war noch viel wichtiger als die einfacher Soldaten. Die Regelung der Vergabungen, besonders der Geschenke beim Regierungsantritt, schützte den Kaiser davor, mit Forderungen nach mehr erpreßt zu werden, wie es bei ungeregelter Übernahme des Amtes oder Staatsstreichen üblich war. Es kam dabei zur Versteigerung des Kaisertums. Der, der am meisten bot, erhielt es. Berühmtestes Beispiel dafür ist der Wettstreit um das Amt zwischen dem Stadtpräfekten VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 112 Sulpicianus, Pertinax Schwiegervater, und Didius Iulianus Ende März 193. Dieser bot den Prätorianern mehr und wurde dafür zum Kaiser erhoben. Zuständig in der Spätantike für die Bereitstellung dieser Zuwendungen war der comes sacrarum largitionum, der comes, der sich um die kaiserlichen Geschenke kümmerte. Sein Titel zeigt schon eine seiner wichtigsten Aufgaben, nämlich die Bereitstellung der Geschenke. Die Verwaltung, die Neugliederung des Territoriums und die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht Das Territorium des Reiches, das in Provinzen gegliedert war, die vorwiegend aus den Gebieten der Städte bestanden, wurde stärker untergliedert, und es wurden weitere Ebenen der Verwaltung neben Provinzen und Städten geschaffen. Durch Teilungen erhöhte der Kaiser die Zahl der Provinzen beträchtlich, um die Verwaltung, d.h. besonders die Steuereinziehung und damit verbunden die Rechtsprechung, effektiver gestalten zu können. Zu diesem Zweck teilte man die in der Spätantike vorhandenen Provinzen. Zu Beginn des 5.Jhd. gab es etwa 114 Provinzen, während deren Zahl im Jahre 27 v.Chr. 17 umfaßte und danach erst vorwiegend durch Eroberungen oder die Umwandlung abhängiger Gebiete in Provinzen, aber auch durch Teilungen weiter anstieg. In severischer Zeit, also zu Beginn des 3.Jhd., gab es wenig mehr als 30 Provinzen. Ihre Zahl vergrößerte sich dann in der Spätantike deutlich. Italien verlor ebenfalls seine Sonderstellung und wurde in Provinzen aufgeteilt. Eine Reihe von Provinzen wurde jeweils zu einer Diözese zusammengefaßt. Es gab um die Mitte des 4.Jhd. davon 15. So waren z.B. die Provinzen in England zur doecesis Britanniarum zusammengefaßt. An ihrer Spitze stand ein vicarius. Die Diözesen wiederum wurden in Präfekturen zusammengefaßt. Davon gab es in der Mitte des 4.Jhd. drei oder vier. So wurden z.B. die Diözesen, in die das heutige England, Frankreich, die Beneluxstaaten, die Provinzen am Rhein, der westliche Teil der Schweiz, Spanien und der Teil Marokkos, der an der Strasse von Gibraltar liegt, eingeteilt waren, zur praefectura Galliarum zusammengefaßt. An der Spitze einer Präfektur stand jeweils ein praefectus praetorio, ein Prätorianerpräfekt. Die Verwaltung, die Neugliederung des Territoriums und die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht 113 Dieser hatte seit dem Anfang des 4.Jhd. aber keine militärischen Aufgaben mehr, sondern ausschließlich zivile. Er war ein ziviler Amtsträger. Trotz dieser deutlichen Hierarchisierung kam es aber nicht zu einem System, das ganz klare Instanzenzüge kannte. Die Vertreter einer Stadt z.B. konnten sich weiterhin direkt an den Kaiser wenden. Sie mußten ihre Gesuche und Schreiben nicht beim Provinzstatthalter einreichen, damit dieser sie dann über den vicarius und den praefectus an den Kaiser weitergab. Der Kaiser wandelte die einzelnen Ämter am Hof, die reichsweit tätig waren, in eine eigentliche zentrale Verwaltung um. Damit war eine neue Ebene geschaffen. Ihre Vorsteher konnten über ihre Beamten, die überall im Reich stationiert waren, jederzeit eingreifen. So konnte z.B. der comes sacrarum largitionum, der unter anderem auch für die Münzprägung zuständig war, die verschiedenen Prägestätten im Reich zentral lenken. Im Unterschied zur hohen Kaiserzeit waren die Beamten in dieser zentralen Verwaltung, auch die unteren Chargen, freie römische Bürger. Auch die persönliche Dienerschaft, die unmittelbare Umgebung des Kaisers, wurde vermehrt. In ihr spielten jetzt Eunuchen eine wichtige Rolle. Es gab aber auch freie Bürger in ihr, wie die Leibärzte oder die Ruhebieter (silentarii), die während der Audienzen für Ruhe und Ordnung zu sorgen hatten. Auch das militärische Kommando wurde neu gestaltet. Zwei Heermeister waren ständig am Hof und begleiteten den Kaiser mit ihren Truppen. Diese bildeten den Kern der kaiserlichen Streitmacht. Es waren alles Truppen des Bewegungsheeres. Die anderen im Reich stationierten Truppenteile, auch die verbliebenen Teile des Bewegungsheeres, hingen von ihnen ab, soweit sie nicht regionalen Heermeistern unterstanden. Unter ihnen war der von Gallien einer der bedeutendsten. Die Vergrößerung der Zahl der Provinzen und die Schaffung neuer Verwaltungsebenen führten dazu, daß man immer mehr Amtsträger für die höheren Posten benötigte. Konstantin (306–337) entschloß sich, dafür vor allen Dingen Senatoren heranzuziehen. Weil der Senatorenstand nicht genug Mitglieder umfaßte, machte der Kaiser immer mehr Personen zu Senatoren. Dabei griff er auf Leute ritterlicher Her- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 114 kunft zurück. Der Ritterstand ging auf diese Weise bis zum Ende des 4.Jhd. n.Chr. ganz im Senatorenstand auf und verschwand. Der Senatorenstand vergrößerte sich dagegen. Zu ihm gehörten um die Mitte des 4.Jhd. etwa 2000 Senatoren im westlichen Teil des Reiches und etwa die gleiche Zahl im Reichsosten, die als Mittelpunkt den Senat in Konstantinopel hatten. Dadurch ging der Einfluß der traditionell bedeutenden Familien im Senatorenstand auch im Westen des Reiches zurück. Sie gerieten in die Minderheit. Im Senat in Konstantinopel gab es ohnehin kaum alte senatorische Familien. Es entstand so eine neue Führungsschicht. Der Aufstieg erfolgte jetzt weitgehend durch den Dienst beim Kaiser, früher war auch die Herkunft wichtig. Die Neugliederung der Verwaltung und der steigende Bedarf an Führungspersonal führten zur Bildung eigener ziviler Karrieren. In der Republik brachten die Ämter zivile und militärische Aufgaben mit sich. So war Caesar als consul 59 v.Chr. ausschließlich in Rom tätig und dann für mehrere Jahre als Feldherr (proconsul) in Gallien (58–50 v.Chr.) und in der Kaiserzeit wurden im Lauf einer Karriere abwechselnd zivile und militärische Ämter bekleidet. Jetzt dagegen konnte man auch ausschließlich zivile Karrieren machen. Beide Wege führten zu Stellungen, die ein gleich hohes soziales Prestige und gleichen politischen Einfluß zur Folge hatten. Eine zivile Laufbahn führte also nicht zu einer minderen Stellung. Diese Neuerung wurde nicht auf dem Reisbrett entworfen, sondern hatte sich schon vor der Zeit der Tetrarchie vorbereitet. So hatte der Kaiser Gallienus (253–268, ab 260 alleiniger Herrscher) den Senatoren das militärische Kommando entzogen, indem er sie nicht mehr an die Spitze von Legionen als Legionslegaten (legatus legionis) stellte, sondern dafür Ritter heranzog, die militärische Erfahrung hatten. Er griff dabei auf eine Entwicklung zurück, die sich schon seit Septimius Severus angebahnt hatte. Konstantin griff diese Entwicklung aus innenpolitischen Überlegungen auf und führte sie zu Ende. Durch die Trennung der Karrieren und damit der Kompetenzen wurde es deutlich schwieriger, sich gegen den Kaiser zu erheben. So war z.B. für die Verpflegung der Truppen der praefectus praetorio zuständig. Er war jetzt nicht mehr militärischer Kommandant, sondern der höchste zivile Beamte. Kein General konnte erfolgreich gegen den Kaiser putschen, Die Verwaltung, die Neugliederung des Territoriums und die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht 115 wenn der für ihn zuständige praefectus praetorio nicht zur Mitwirkung bereit war. So wurde z.B. der Usurpator Magnentius 350 von Titianus, dem Präfekten Galliens, bei seiner Usurpation gegen den Kaiser Constans unterstützt, was für das Gelingen der Erhebung entscheidend war. Die Trennung von ziviler und militärischer Laufbahn bedeutet eine Abkehr von einem sehr alten antiken Prinzip. In der Regel war man immer Politiker und militärischer Kommandant zugleich. Ein Konsul leitete die Politik und führte im Krieg das Heer. Jetzt war man entweder im zivilen oder militärischen Bereich tätig, und zwar für die gesamte Laufbahn. Personen mit ziviler Laufbahn können daher auch Kaiser werden oder als Usurpator nach der Herrschaft greifen. Man vgl. z.B. den Kaiser Anastasius (491–518). Er war vor seiner Erhebung zum Augustus silentiarius, Ruhebieter, ein hoher ziviler Beamter am Hof in Konstantinopel. Die silentiarii waren für die kaiserlichen Audienzen zuständig. Sie sorgten für Ruhe und Ordnung bei diesen und für deren geordneten Ablauf. Möglicherweise war Anastasius einer der drei Vorsteher der silentiarii (decurio silentiariorum). Ihre Nähe zum Kaiser machte die silentiarii einflußreich. Die zivilen Amtsträger trugen aber eine Art Uniform, die daran erinnerte, daß sich ihre Ämter aus Verwaltungsstellungen entwickelt hatten, die auch für das Militär zuständig waren wie z.B. die Prätorianerpräfekten (praefecti praetorio). Die neue Stellung des Christentums Die Anerkennung des Christentums durch Galerius als erlaubte Religion (religio licita) 311 n.Chr. im Edikt von Serdica und dann dessen Gleichstellung mit den heidnischen Kulten 312/313 durch Konstantin und Licinius im sogenannten Edikt von Mailand sowie die besondere Förderung, die es durch den ersteren erfuhr, führten zur Festigung und Ausbildung der kirchlichen Strukturen in jeder Beziehung. Die Gemeinden mußten nicht mehr im Verborgenen tätig sein, sondern konnten offen ihren Angelegenheiten nachgehen. Land kaufen und Bauten errichten war jetzt selbstverständlich. Sie konnten wie andere juristische Personen jetzt frei handeln. Der Kirchenbau wurde in grö- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 116 ßeren Gemeinden durch kaiserliche Stiftungen gefördert. Einige der großen Kirchen Roms wie S.Giovanni in Laterano und der Vorgängerbau der jetzigen Peterskirche entstanden als Stiftungen Konstantins. Er stiftete auch die Grabeskirche in Jerusalem. Hohe christliche Amtsträger eiferten ihm nach. Christ sein bedeutete keine soziale Benachteiligung mehr, sondern führte seit Konstantin mehr und mehr zu einer Bevorzugung, wenn man in den Dienst des Kaisers treten wollte. In den gestärkten christlichen Gemeinden wurde besonders das Amt des Bischofs sehr erstrebenswert. Ein Bischof war ein kleiner König und normalerweise niemandem Rechenschaft schuldig. In den größeren Gemeinden machten Prestige und Einfluß das Bischofsamt mehr als erstrebenswert. So zog, um eines der bekanntesten Beispiele zu nennen, Ambrosius 374 das Amt des Bischofs von Mailand einer weiteren Karriere im kaiserlichen Dienst vor. Ambrosius war Sohn eines praefectus praetorio Galliarum und hatte schon eine Karriere im kaiserlichen Dienst begonnen. Er war 370 Statthalter der Provinz Aemilia et Liguria geworden und hätte auf eine Fortsetzung seiner Laufbahn im kaiserlichen Dienst hoffen können. Mit der neu errungenen Stellung der Kirche wurde sie wichtiger als die heidnischen Kulte. Die Religion verlor dadurch ihre Bedeutung als staatliche Tätigkeit. Heidnische Priester der Kulte, die das Wohl der jeweiligen Gemeinde betrafen, waren staatliche Amtsträger. Der Kult der Vesta in Rom z.B. war ein staatlicher Kult. Um die Religion kümmerte sich nun die Kirche, nicht mehr der Staat. Sie bestimmte jetzt die Politik mit, denn das Gemeinwesen brauchte den Schutz eines Gottes. Herrschaft zu erlangen und zu bewahren ohne die Zustimmung der Kirche wurde im Verlauf des 4.Jhd. zu einer Unmöglichkeit. Iulians (361–363) Zuwendung zum Heidentum war nur ein kurzes Zwischenspiel und stärkte seine Herrschaft nicht. Weil das Christentum für sich beanspruchte, allein über die Wahrheit zu verfügen und nur die Verehrung seines Gottes zuließ, ließ es sich nicht als eine weitere Religion in den Kreis der heidnischen Götter einreihen. Es konnte deren Verehrung auf die Dauer nicht tolerieren. Selbstverständlich dauerte dieser Prozeß lange. Er wurde niemals völlig abgeschlossen. Heidnische Formen der Gottesverehrung überlebten oder wurden integriert. Die neue Stellung des Christentums 117 Einfluß konnte das Christentum stärker als jede heidnische Religion auch deshalb ausüben, weil es in Gemeinden organisiert war und mit der Predigt über ein Instrument verfügte, um bis in die untersten sozialen Schichten die Meinungen zu steuern. So erklärte z.B. der Kirchenvater Augustinus, damals Bischof von Hippo Regius, einer Küstenstadt im östlichen Algerien, dem heutigen Annaba bzw. Bône während der französischen Herrschaft, nach 410 die Einnahme Roms durch die Goten Alarichs und die mit ihr verbundenen Probleme seinen Zuhörern. Kein heidnischer Kult bot diese Möglichkeit. Die Aufführung etwa von Theaterstücken etc. bei einzelnen Festen ist mit den Möglichkeiten der Predigt nicht vergleichbar. Die Wahrnehmung des Staates durch die Reichsbewohner Steuerlast und Rekrutenstellung, die Teil der Steuern waren, sowie die Einfälle der Barbaren und der Sassaniden im Osten waren die Phänomene, die auch die Schichten unterhalb der städtischen Eliten den Staat besonders fühlen ließen. Steuerlast und Rekrutenstellung betrafen alle, die Einfälle der Barbaren und der Sassaniden vor allem die Gebiete in Grenznähe. In der Spätantike war die Steuereinziehung und die Stellung von Rekruten gegenüber der Kaiserzeit reichsweit geregelt. Damit war der Staat stärker präsent als jemals vorher. Vor der Spätantike spürten ihn vor allen Dingen die Gebiete, in denen die militärischen Einheiten stationiert waren und Kämpfe stattfanden. Die geschuldeten Steuerbeträge wurden rücksichtslos eingetrieben, und man schreckte auch nicht davor zurück, mit gewaltsamen Mitteln die Leute zur Zahlung der Steuern zu zwingen. So griff man zur Peitsche, wenn jemand nicht zahlen wollte. Die geforderten Rekruten mußten nicht nur für kurze Zeit dienen wie in modernen Wehrpflichtarmeen, sondern wurden zwangsweise Berufssoldaten. Die Bedeutung der Barbareneinfälle und die Einfälle der Sassaniden verringerte sich zu Beginn der Spätantike, nachdem die Armee verstärkt worden war und Diokletian und seine Amtskollegen erfolgreich die Grenzen gesichert hatten. Sie wurden aber in der zweiten Hälfte des 4.Jhd. immer bedrängender und für weite Teile der Bevölke- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 118 rung vor allem in Gallien und im Donauraum, aber auch im Reichsosten an der Grenze gegen die Sassaniden spürbar. Im 5.Jhd. wurden auch andere Reichsteile wie Nordafrika, Italien und der Balkanraum von ihnen betroffen. Teilhabe der Reichsbewohner an der Politik und Gehorsamsverweigerung Die Möglichkeiten der Bevölkerung, die nicht zu den Führungsschichten, d.h. den Senatoren und der städtischen Oberschicht, gehörten, zu politischer Teilhabe waren in der Spätantike noch begrenzter als in der Kaiserzeit, auch auf lokaler Ebene. Hier war es die städtische Bevölkerung, für die noch immer das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung galt, wenn auch die Macht der übergeordneten Instanzen zu deren Rückbildung führte. Die städtische Bevölkerung konnte aber z.B. zur Tätigkeit der Provinzstatthalter Stellung nehmen und diese durch rhythmisierte Zurufe (acclamationes) loben oder tadeln, was nicht unbedingt folgenlos für diese blieb. Zur Höhe der Steuerlast und zum Umfang der Rekrutenstellung hatte die normale Bevölkerung, aber auch die städtische Oberschicht nichts zu sagen. Man konnte nur versuchen, den Belastungen auszuweichen oder bei einer Usurpation sich dem neuen Herrscher anzuschließen. Dies war besonders für die städtischen Oberschichten eine Option, wenn auch eine gefährliche, wenn der bevorzugte Machtträger, der Kaiser oder der Usurpator, scheiterte. Man mußte mit der Rache des Siegers rechnen, wenn eine Entscheidung gegen ihn von Bedeutung für ihn war. So ließ Iulian z.B. in Aquileia, das sich 361 auf die Seite Constantius’ II. gestellt hatte und seine Usurpation nicht mehr unterstützte, nicht nur den Anführer der Einheit, die von ihm abgefallen war, einen Mann namens Nigrinus, bei lebendigem Leib verbrennen, sondern auch zwei Angehörige der städtischen Oberschicht mit dem Schwert hinrichten. Der reichsweit tätige Senatorenstand verfügte über mehr Druckmittel, ging bei einer falschen Entscheidung bei einer inneren Auseinandersetzung aber keine geringeren Risiken ein. Teilhabe der Reichsbewohner an der Politik und Gehorsamsverweigerung 119 Der Mehrkaiserherrschaft wegen konnten die Reaktionen des Volkes jetzt an mehr Orten auch für Probleme des Reiches Bedeutung erlangen. Dabei waren die kaiserlichen Residenzstädte von besonderer Bedeutung. Wurde im Westen des Reiches in Mailand, Rom, Ravenna oder Trier protestiert, war nicht selten die Stellung des Kaisers davon betroffen. Im Jahre 386 z.B. setzte der Bischof Ambrosius durch, daß Valentinian II. eine Verfügung zurückziehen mußte, die den arianischen Gottesdienst in Mailand gestattete und eine der Kirchen den Arianern zugestehen wollte. Ambrosius hatte dazu das Volk mobilisiert und die Truppen, die Valentinian II. einsetzen wollte, verweigerten ihm den Gehorsam. Im Osten konnte das Volk besonders in Konstantinopel Einfluß auf die Politik nehmen. Dort hielt sich der Kaiser vorwiegend auf. Es konnte etwa im Hippodrom, dem Zirkus, der unmittelbar an den Palast grenzte, Forderungen stellen. So verlangte es nach dem Tod Zenons 491 von Ariadne, der Witwe Zenons, die Ablösung des praefectus urbi, und setzte sie auch durch. Um den Forderungen des Volkes bei Bedarf sich auch erfolgreich widersetzen zu können, war der Palast in Konstantinopel zu einer Art Festung ausgebaut, und der Kaiser konnte sich im Notfall von seiner Loge im Zirkus direkt in den Palast zurückziehen, wenn die Situation zu gefährlich wurde. Der Zugang zum Palast war nur mit Belagerungsmaschinen aufzubrechen, die dem Volk nicht zur Verfügung standen. Berühmt ist der Aufstand der Bevölkerung von Konstantinopel im Hippodrom gegen Iustinian, vom Januar 532, der sogenannte Nika- Aufstand, der dessen Herrschaft ernsthaft in Frage stellte. Man erhob als Gegenkaiser den General Hypatius, der ein Neffe des 518 verstorbenen Kaisers Anastasius war. Hypatius war allerdings nur etwa eine Woche an der Macht und gelangte nie in den Besitz des Palastes. Justinian ließ den Aufstand niederschlagen. Aber nicht nur in den Residenzstädten, wo sich der Kaiser häufig aufhielt, sondern auch in anderen größeren Zentren konnten Unruhen reichsweite Bedeutung erlangen. So forderten in Alexandria die Bewohner den Usurpator Maximus, der im Westen des Reiches regierte, bei Demonstrationen öffentlich auf, nach Ägypten zu kommen, als während antiheidnischer Maßnahmen des Kaisers Theodosius, der damals im Osten regierte, 385/86 Unruhen entstanden, und suchten da- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 120 durch dessen Stellung zu schwächen. Man kündigte ihm in gewisser Weise den Gehorsam auf. Vergleichbares ereignete sich in Antiochia 387. Theodosius reagierte auf Unruhen in Antiochia, die im Februar dieses Jahres ausbrachen und zum Sturz seiner Statuen führten, sehr ungehalten. Er faßte diese Ereignisse zu Recht als Bedrohung seiner Herrschaft auf. Sie waren ein Signal, daß Gegner des Kaisers gute Chancen für die Gewinnung eines wichtigen städtischen Territoriums hatten. Der Kaiser machte in solchen Situationen die städtische Oberschicht dafür verantwortlich, daß die Loyalität ihm gegenüber gewahrt blieb. So wurden in Antiochia von Theodosius die Kurialen für die Unruhen verantwortlich gemacht. Proteste und Unruhen, die sich gegen den Kaiser richteten, waren Zeichen der Gefährdung seiner Stellung und endeten nicht selten in der Unterstützung eines Staatsstreiches. Die Loyalität der freien Bewohner des Reiches insgesamt, ihre Zustimmung zur Monarchie, blieb aber auch in der Spätantike bestehen und wurde wie in der Kaiserzeit gefördert. Separatistische Tendenzen in begrenztem Umfang entwickelten sich erst, als im 5.Jhd. die Barbaren vom weströmischen Reich nicht mehr hinreichend abgewehrt werden konnten und im östlichen Reichsteil sich große Spannungen aus dogmatischen Gründen zwischen Konstantinopel und Alexandria entwickelten. Sie werden zum Teil dafür verantwortlich gemacht, daß dem Vordringen des Islam im 7.Jhd. wenig Widerstand entgegengesetzt wurde. Die Usurpation in der Spätantike Mit der Mehrkaiserherrschaft bot sich für einen Usurpator in der Spätantike die Möglichkeit, sich in einem Teilgebiet des Reiches erheben zu lassen und dann eine Legitimation zu suchen, die der eines Kaisers entsprach. Er mußte dazu die Anerkennung seiner Stellung durch seinen oder seine Kollegen im Amt finden, die auf diese Weise seine Rebellion nachträglich legitimieren konnten, und damit die Urheber, auctores, seiner Stellung wurden. In der Kaiserzeit war dies unmöglich. Hier blieb nur die Legitimation durch den militärischen Sieg und die Die Usurpation in der Spätantike 121 nachträgliche Zustimmung (consensus) der entscheidenden Gruppen, nämlich der Armee, des Senates und der plebs urbana. Im Fall einer dauerhaften Anerkennung durch seine Amtskollegen war seine Herrschaft gesichert, und er galt nicht mehr als Usurpator. Im Rahmen der Mehrkaiserherrschaft bedeutete daher usurpieren nicht mehr notwendigerweise, die Herrschaft im gesamten Reich von Anfang an anzustreben, an die Stelle eines regierenden Kaisers zu treten, ihn aus seiner Stellung zu entfernen, sondern erst einmal Teilhabe an der Herrschaft zu suchen, die Herrschaft in einem Teilgebiet ohne vorherige Zustimmung dessen, der über sie verfügt, zu übernehmen und dann reichsweit als Kollege anerkannt zu werden. Diese Form der Usurpation wird die Regel. Sie eröffnete für einen Prätendenten und für die im Amt befindlichen Kaiser eine politische Lösung. Diese Möglichkeit unterscheidet die Spätantike wesentlich von der voraufgehenden Zeit. Sie wurde fast immer gesucht, auch wenn sie fast nie zum Erfolg führte. Der Versuch, gleich die Herrschaft im gesamten Reich zu übernehmen, wird zur Ausnahme. Eindeutig nachzuweisen ist ein solcher Versuch nur für Procopius, der sich im Herbst 365 gegen Valens in Konstantinopel erhob, als sich dieser auf dem Marsch nach Antiochia befand. Procopius bemühte sich niemals um eine Anerkennung durch Valentinian I., der im Westen des Reiches Kaiser war. Eine gutes Beispiel für ein erfolgreiches Bemühen um Anerkennung, auch wenn sie nur vorübergehend war, bildet die Usurpation, die Magnus Maximus durchführte. Er stürzte 383 Gratian, den Augustus im Westen des Reiches, und konnte das Gebiet der gallischen Präfektur unter seine Herrschaft bringen. Die Herrschaft in Italien blieb ihm verwehrt, weil dort der nominelle Augustus Valentinian II. sofort die Regierung nach Gratians Sturz übernommen hatte. Anfang 384 anerkannte Theodosius, der Augustus im Osten, Magnus Maximus als Kollegen im Amt. Die Anerkennung währte bis zum Frühjahr 387. Damals bemächtigte sich Magnus Maximus Italiens. Valentinian II. floh in den Osten zu Theodosius. Magnus Maximus verlor Theodosius’ Anerkennung. Es kam zum Krieg zwischen beiden, den Magnus Maximus verlor. Er wurde im August 388 in Aquileia getötet. Konstantin gelang es dagegen, sich auf Dauer durchzusetzen, obwohl er durch eine Usurpation an die Macht gekommen war. Er wurde nach dem Tod seines Vaters Constantius Chlorus am 25. Juli 306 in VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 122 York von den Truppen zum Kaiser (Augustus) erhoben, ohne das Vorschlagsrecht des Oberkaisers (Augustus) Galerius beachtet zu haben. Er wurde dann vom diesem aber anerkannt, allerdings nur als Caesar (Unterkaiser). Selbstverständlich suchten Usurpatoren generell die Anerkennung durch den Kollegen vorzutäuschen. Sie erwähnten ihn z.B. in Inschriften neben sich, um vor der Bevölkerung zu verschleiern, daß sie keine Anerkennung fanden. Erst wenn allen bewußt wurde, daß ihr Herrscher von seinem Kollegen als Usurpator betrachtet wurde, zeigte sich, wie weit er wirklichen Rückhalt hatte. In der historischen Bewertung durch die öffentliche Meinung und die Geschichtsschreibung in der Spätantike herrscht selbstverständlich die Auffassung des Siegers vor. So wurde Magnus Maximus eindeutig als Usurpator bewertet. Er wurde 388 von Theodosius besiegt. Es gibt aber häufig Hinweise auf eine Überlieferung, die den Usurpator nicht nur verdammte. Iulian, der durch eine Usurpation zur Stellung eines Augustus gelangte und überlebte, weil Constantius II., sein Gegner, vor der entscheidenden militärischen Auseinandersetzung verstarb, galt in der christlichen Überlieferung weiterhin als Usurpator. So etwa bei dem Kirchenhistoriker Theodoret, bei Gregor von Nazianz und Orosius. Diese Kategorie wird aber von Orosius (um 385–um 418) in seiner Weltgeschichte nicht für christliche Kaiser entwickelt, denn Konstantins Übernahme der Herrschaft am 28.7.306 wird nicht als Usurpation geschildert, obwohl sie auch nach den Kriterien der Zeit als solche bis zu dem Augenblick zu gelten hat, als Galerius Konstantin im Spätsommer oder Herbst 306 wenigstens als Caesar (Unterkaiser) anerkannte. Wie schon in der Kaiserzeit richten sich Usurpationen auch in der Spätantike nicht gegen das Kaisertum an sich. Die Usurpatoren versuchen niemals nach der Übernahme des Kaisertums, dessen Charakter zu verändern oder sich eine neue Institution als Grundlage ihrer Herrschaft zu schaffen. Der Usurpator möchte Kaiser werden und bleiben. Sie trachteten auch nicht nach einer anderen Legitimation als der Kaiser, sondern suchten die, die durch die Anerkennung des Amtskollegen ihnen zuteil werden konnte. Das Ziel des Staatsstreiches in der röm. Kaiserzeit und auch der Spätantike, Kaiser zu werden, bildet einen wesentlichen Unterschied zu den Usurpationen in der späten Republik. In ihr mußten Regelun- Die Usurpation in der Spätantike 123 gen, die für Übernahme und Bekleidung der für die Herrschaft als entscheidend betrachteten Magistratur vorgesehen waren, mißachtet werden, und es mußte eine außerordentliche Amtsstellung geschaffen werden, um die so übernommene Herrschaft auf Dauer zu sichern. Usurpationen in der röm. Kaiserzeit wie in der Spätantike erstreben nie grundlegende Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur oder eine weitgehende personelle Umgestaltung der politischen Elite. Proskriptionen oder Verwandtes, die dazu dienten, waren der Kaiserzeit und der Spätantike fremd. Diese Ausgangslage bewirkte, daß die Usurpationen in der römischen Kaiserzeit und in der Spätantike sich grundlegend von denen in der späten Republik, aber auch von denen in vielen anderen Epochen der Geschichte, so besonders auch von denen in der Gegenwart, unterscheiden. Sie streben nicht die regelwidrige Besetzung eines Amtes an, suchen nicht die Schaffung eines neuen und gehen nicht auf eine strukturelle oder personelle Umgestaltung der politisch führenden Schicht aus. Die Usurpation in der Form, wie sie in der röm. Kaiserzeit und in der Spätantike auftrat, bot die Möglichkeit, persönliche- oder Gruppeninteressen durchzusetzen, die sonst nicht erreichbar waren, weil der Kaiser oder die ihn beherrschenden Personen es nicht wollten und ein Herrschaftswechsel nicht möglich war. Die Usurpatoren erstrebten einen Wechsel in der Führung und des engsten Kreises um den Kaiser. Die damit verbundenen politischen Zielvorstellungen hatten niemals den Charakter moderner politischer Utopien und Visionen wie etwa Gleichheit oder Freiheit oder wirtschaftliche Entwicklung. Kein Usurpator strebte institutionelle oder gesellschaftliche Veränderungen an. Alle handelten im Rahmen der vorgegebenen Institutionen und der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Eine Änderung der Politik war auf andere Weise als durch den Staatsstreich gegen den Willen eines starken Kaisers nicht zu erzwingen. Bei schwachen machte man kaum Usurpationen, sondern ging anders vor. Man versuchte Personen aus seinem Umfeld zu beeinflussen, die guten Zugang zu ihm hatten und ihn zu lenken vermochten. Eine wichtige Rolle dabei spielte der jeweilige Oberkämmerer (praepositus sacri cubiculi). Sie wurden auch immer wieder als Einflüsterer verdächtigt und kritisiert. VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 124 Bei den Gründen, die die Herrschaft eines Kaisers gefährden konnten, sollen die zur Sprache kommen, die besonders für die Spätantike gelten, und weniger solche, die auch für andere Zeiten mit monarchischer Herrschaftslegitimation von Bedeutung sind. So ist es für einen Monarchen immer gefährlich, die Interessen einflußreicher Gruppen zu wenig zu berücksichtigen, so etwa bei der Vergabe von Posten. Hier konnte ein Sturz des Herrschers Abhilfe schaffen. Oft sind daher gerade Kaiser mit starker Persönlichkeit Opfer von Usurpationen, während ein sehr schwacher Kaiser wie z.B. Honorius (395–423) genug Raum für Machtkämpfe unter den einzelnen Gruppen ließ und daher nicht gestürzt wurde. So wurde der mächtige General Stilicho, der am Anfang von Honoris' Herrschaft die Politik im westlichen Reichsteil bestimmte, von Olympius, dem späteren magister officiorum, einem zivilen Amtsträger, entmachtet. Er ließ ihn hinrichten. Außer Betracht bleiben soll z.B. auch, daß man aus persönlichem Machtstreben gegen einen Herrscher aufbegehren konnte. Der Entschluß, einen Kaiser aus dem Amt zu drängen, brauchte aber mindestens einen guten Vorwand, d.h. ein Problem, das als solches von wichtigen Gruppen empfunden wurde. In der Spätantike waren es besonders die Steuerbelastung, die mangelnde Sicherheit vor den Einfällen äußerer Feinde, die Rekrutenstellung und religiöse Auseinandersetzungen, die zu Unruhen oder schließlich zu Usurpationen führen konnten. Daneben gab es andere Probleme, die aber auf der Ebene des Reiches weniger wichtig waren. Auch Versorgungsprobleme hatten vor allen Dingen lokale Bedeutung. Sie betrafen in der Regel immer nur einzelne Gebiete. Es ging dabei meistens um Getreide- und Weinpreise. So gab es in Rom bisweilen Proteste der Getreide- und Weinpreise wegen, die sich aber gegen den Stadtpräfekten richteten und recht gewaltsamen Charakter hatten. So zündete man schon mal dessen Stadtvilla oder dessen Amtssitz an. Die großen reichsweiten Probleme betrafen die einzelnen sozialen Schichten in unterschiedlichem Ausmaß. Für alle war die Steuerbelastung von entscheidender Bedeutung. Sie lastete auf der normalen Bevölkerung, aber auch auf den Kurialen, den Mitgliedern der städtischen Oberschicht, die einen großen Teil der Verantwortung für die Einziehung der Steuern trugen und mit ihrem Vermögen hafteten. Der Die Usurpation in der Spätantike 125 Senatorenstand suchte sich um die Steuern zu drücken, obwohl er privilegiert war. Die Steuerlast galt als ein Grundübel des spätantiken Staates, und jeder, der nach der Herrschaft strebte, suchte sich als weniger streng bei der Eintreibung zu zeigen und sie zu reduzieren. Als z.B. Iulian 355–60 in Gallien Caesar (Unterkaiser) war, suchte er die zusätzlichen Steuern, die der Präfekt Galliens (praefectus praetorio Galliarum) im Auftrag des Augustus (Oberkaiser) Constantius II. eintreiben wollte, zu reduzieren, um sich größeren Anhang unter der Zivilbevölkerung zu schaffen. Dabei ging es ihm besonders um die Landbesitzer. Die große Steuerlast war besonders eine Folge der Verstärkung des Heeres, die Diokletian begonnen hatte, um die Einfälle der Barbaren an Rhein und Donau abzuwehren. Zu der Bedrohung durch die Barbaren kam die andauernde Feindschaft mit dem Reich der Sassaniden im Osten, die große Teile der Armee band. Die Abwehrkämpfe an anderen Abschnitten der Reichsgrenzen waren weniger bedeutend. Viel kostete auch die Vergrößerung der Verwaltung, um die Steuern effektiver einzuziehen. Dies war eine ihrer Hauptaufgaben, aber sie hatte auch sonst die Tendenz, sich zu vergrößern. Dazu kam durch die gestiegene Repräsentation der Kaiser der größere Aufwand für den Hof. So soll der Kaiser Iulian, der der übertriebenen Selbstdarstellung und dem höfischen Prunk abgeneigt war, die zahlreichen Frisöre und Köche seines Vorgängers davongejagt haben, als ihm bewußt wurde, wie viel sie kosteten. Die für das Heer eingezogenen Summen führten dazu, daß die territoriale Integrität des Reiches nach 284 erst einmal wiederhergestellt wurde, aber der Druck der Barbaren hielt an. Die Einfälle der Barbaren waren im 4.Jhd. vorwiegend Raubzüge, die die grenznahen Gebiete beunruhigten. Gegen Ende des Jahrhunderts führten diese Einfälle zu ersten Ansiedlungen geschlossener barbarischer Gruppen auf römischem Boden. Dabei sticht besonders die Ansiedlung der Goten südlich der unteren Donau nach der Schlacht bei Adrianopel (Edirne) 378 hervor. Sie unterstanden als erste barbarische Gruppe nicht mehr der römischen Verwaltung, obwohl sie auf röm. Gebiet siedelten. Dieser Prozeß der Ansiedlung auf römischem Boden verstärkte sich im 5.Jhd. und führte besonders im Westen des Reiches zur Bildung barbarisch beherrschter Territorien auf römi- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 126 schem Boden. Er hatte den Niedergang des westlichen Reichsteiles zur Folge. Die Vergrößerung des Heeres geschah zu einem Teil durch Anwerbung unter den Barbaren. Die aus ihnen gebildeten Einheiten wurden immer mehr zu den Eliteeinheiten des Heeres. Ihre Aufstellung war teuer. Dazu hob man unter der Reichsbevölkerung Soldaten aus. Sie mußten von Dorfgemeinschaften oder Grundherrn anteilmäßig zum Vermögen gestellt werden. Dies gehörte zu den steuerlichen Leistungen. Die Aushebung betraf jetzt vor allem die sozial Schwächeren und häufig wurden dabei auch ungeeignete Leute geschickt, die man loswerden wollte, oder man zahlte einen Betrag, um sich von der Stellung von Rekruten freizukaufen, was besonders die Grundherren vorzogen. Auf politischer Ebene wurde dabei um den Betrag gefeilscht, der zu zahlen war. Die eingezogenen Reichsbewohner dienten wie Berufssoldaten. Sie verbrachten ihr Leben im Militär. Die Entwaffnung der Bevölkerung war die Folge dieser Entwicklung. Die Einfälle der Barbaren seit dem Ende des 4.Jhd. führten dann allerdings dazu, daß man den Provinzialen den Besitz von Waffen zur Selbstverteidigung gegen die Barbaren zugestand. Religiöse Auseinandersetzungen von politisch entscheidender Bedeutung fanden unter verschiedenen Richtungen des Christentums statt. Sie waren mit Unruhen und Demonstrationen verbunden und konnten den Gehorsam gegenüber dem Herrscher erheblich beeinträchtigen. An den religiösen Auseinandersetzungen war auch das Volk unterhalb der städtischen Oberschicht in starkem Maß beteiligt. Die Kirche übte auf die unteren Bevölkerungsschichten einen sehr großen Einfluß aus. Sie konnte mittels der Predigt die Meinung der Mitglieder der jeweiligen Gemeinde stark beeinflussen. Dabei vermochte sie die öffentliche Ordnung zu stabilisieren, konnte den regierenden Herrscher unterstützen oder die Christen zu Unruhen anstiften. Einen solchen Einfluß auszuüben war den heidnischen Religionen nicht möglich, weil sie keine straff organisierten Gemeinden hatten und die Predigt nicht kannten. Man versammelte sich zum Kult, war aber sonst nicht gebunden und gepredigt wurde nicht. Auch Kulten wie dem des Gottes Mithras, dessen Anhänger etwas straffer organisiert waren, war die Pre- Die Usurpation in der Spätantike 127 digt unbekannt, und der Einfluß auf die Mitglieder war viel begrenzter als in den christlichen Gemeinden. Im 4.Jhd. spielte der Streit zwischen Arianern und Athanasianern über die Dreifaltigkeit eine Rolle. Ist Christus Gottvater wesensgleich, wie Athanasius’ Anhänger lehrten, oder nur wesensähnlich, wie Arius lehrte? In diesem Fall tritt er z.B. erst nach seiner Geburt an die Seite Gottes und ist nicht schon vor aller Zeit dort. Dieser Streit fand nicht nur unter Theologen statt, sondern führte zu Unruhen und gewaltsamen Auseinandersetzungen, besonders im Osten des Reiches in Alexandria, aber auch in kleinen Gemeinden. So stritt man sich lautstark und gewalttätig um das Jota, das im Griechischen die Begriffe wesensgleich und wesensähnlich unterscheidet. Diesen Streit konnte man auch politisch nutzen. So suchte Iulian schon während der Vorbereitungen zu seiner Usurpation, die er 360 in Gallien durchführte, den Kontakt zu den Bischöfen Galliens, um sich ihrer Unterstützung zu versichern. Er wollte sich von den Truppen ohne Constantius’II. Einwilligung zum Augustus erheben lassen, was als Staatsstreich zu bewerten ist. Dessen Einflußmöglichkeiten auf Iulians Amtsführung wurden nämlich auf diese Weise begrenzt. Die Bischöfe in Gallien waren der arianischen Richtung des Christentums, die der Augustus (Oberkaiser) Constantius II. vertrat, feindlich gesinnt und bildeten für Iulian eine willkommene Unterstützung. Sie konnten die Meinung der Zivilbevölkerung lenken und verhindern, daß es zu Demonstrationen gegen Iulian kam, wenn er sich zum Augustus erheben ließ. Vom 5.Jhd. an war die Auseinandersetzung zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und dem von Alexandrien über die Natur Christi von besonderer Bedeutung. Inwieweit war Christus auch Mensch? Dieser Gegensatz begünstigte letztlich das Vordringen der Araber in Ägypten. So war man von der theologischen Bevormundung durch Konstantinopel frei. Dieser Streit gefährdete auch die Stellung des Kaisers Anastasius (491–518), der den Monophysiten, für die vereinfacht gesagt, Christus nur eine göttliche Natur hatte, innerlich anhing und sie begünstigte, obwohl er bei seinem Regierungsantritt geschworen hatte, orthodox zu sein. Als er 511 in Konstantinopel den monophysitisch orientierten Priester Timotheus als Patriarchen einsetzte, kam es zu Unruhen im VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 128 Volk und zum Ruf nach einem neuen Kaiser. Die Erhebung eines solchen mißlang aber. Anastasius gelang es schließlich, das im Hippodrom versammelte Volk durch demütige Gesten auf seine Seite zu ziehen und seine Herrschaft zu retten. Der Gegensatz zwischen Christen und Heiden spielte während der Auseinandersetzungen zwischen Konstantin und seinen Widersachern zwischen 311/12 und 324 eine Rolle, während derer sich Konstantin als Verteidiger der Christen darstellte. Für uns sichtbare politische Vorteile für Konstantin hatte dieses Engagement nicht, selbstverständlich aber für die Christen. Ein zweites Mal wurde dieser Gegensatz für Iulian bedeutsam, der sich nach der Übernahme der Herrschaft als Augustus (Oberkaiser) Ende 361, als Constantius II. überraschend gestorben war, offen zum Heidentum bekannte und damit seine politische Stellung schwächte. Dies wird etwa in einer Reihe von Anschlägen auf ihn erkennbar. Ob Eugenius' Usurpation 392 auch einen religiösen Hintergrund hatte, d.h. auf die Wiederherstellung des Heidentums abzielte, ist umstritten. Seine christlichen Widersacher stellten es so dar. Trotz der verfeinerten institutionellen Durchbildung des spätantiken Staates, der für die Reichsbewohner stärker spürbar war als seine Vorgänger, entstanden im Laufe des 4.Jhd. Zwischengewalten, die seinem Anspruch eigene entgegensetzten. So entwickelte die Kirche einzelne Strukturen, die neben die staatlichen traten wie die audientia episcopalis oder die Freilassung im Rahmen der Kirche. So konnte man Prozesse vor einem kirchlichen Gericht führen, auch wenn sie keine kirchlichen Probleme betrafen und nicht beide Parteien Christen waren. Ebenso konnte man jetzt auch Sklaven vor der Gemeinde freilassen. In der Regel geschah das bisher durch eine testamentarische Verfügung, eine Erklärung vor dem zuständigen Beamten oder eine einfache Erklärung vor Zeugen, etwa Freunden oder Teilnehmern eines Gastmahls. An ihre Stelle konnte jetzt auch die christliche Gemeinde treten. Die Grundherren entzogen immer mehr die Bauern, die von ihnen abhängig waren, der Verfügungsgewalt des Staates. Sie wurden so zu Herren des Territoriums, das sie besaßen, und seiner Bewohner. Dafür schützten sie die Bauern vor den Ansprüchen des Staates. Diese Ab- Die Usurpation in der Spätantike 129 hängigkeit der Bauern blieb bis weit in die Neuzeit bestehen, wenn auch mit anderem Namen und anderen Regelungen im einzelnen. Im Heerwesen verschwanden hierarchische Kommandostrukturen. Die Truppen der Barbaren, die mit Rom verbündet waren, die sogenanntem Foederaten, die immer mehr die römischen Truppen ersetzten, unterstanden eigenen Führern, die zwar oft noch römische Titel trugen, aber nicht Teil der röm. Militärorganisation waren und so nicht mehr in eine Kommandostruktur eingeordnet waren, Dieser Zustand blieb bis zur Entwicklung eigener Heere viele Jahrhunderte später, als die Monarchien eigene staatliche Kommandostrukturen aufbauten. Ausblick Das röm. Reich in seiner spätantiken Form, wozu auch die Kirche als neue mächtige und einflußreiche Institution gehörte, war der Ausgangspunkt für die weitere historische Entwicklung auf seinem Gebiet und zum Teil in angrenzenden Gebieten, so z.B. in Deutschland östlich des Rheines. Sie schließt in unterschiedlicher Weise und zu unterschiedlichen Zeiten an die spätantiken Zustände an. Die Spätantike hörte nämlich in den verschiedenen Teilen des Reiches nicht zur gleichen Zeit auf. Um den jeweiligen Zeitpunkt zu bestimmen, nimmt man am besten den Zeitpunkt, zu dem der röm. Staat in einem bestimmten Gebiet nicht mehr als solcher präsent ist, Verwaltung und Militär also nicht mehr einer der kaiserlichen Zentralen unterstehen. Das schloß nicht aus, daß die Verwaltung und die militärische Organisation weiter funktionierten, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Fortdauer von Kultur und Zivilisation, Religion sowie z.B. von Traditionen in der Verwaltungsorganisation folgt daher anderen zeitlichen Vorgaben. In England ist der röm. Staat seit dem Beginn des 5.Jhd. nicht mehr präsent. Für den westlichen Teil Nordafrikas gilt dies sicher kurz vor der Mitte des 5.Jhd., als das Königreich der Vandalen dort entstand, das von Rom vollständig unabhängig war. In Gallien ist dieser Prozeß nach der Mitte des 5.Jhd. abgeschlossen, als das Reich der Franken seine Eigenständigkeit gewann. Etwa gleichzeitig, aber auf je- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 130 den Fall vor dem Ende des 5.Jhd. unterstanden Spanien und der Donauraum, soweit er zu Westrom gehörte, nicht mehr der röm. Zentrale. Im Westen gab es zwar seit 476 keinen röm. Kaiser mehr, nachdem Romulus Augustulus von Odoacer abgesetzt worden war, aber dieser und der ihm folgende Theoderich gaben vor, in Italien im Auftrag Ostroms zu regieren. Es gab also weiterhin eine Zentrale im weström. Reich. Die röm. Verwaltung funktionierte während dieser Zeit in alter Weise. Erst der Einfall der Langobarden 568 beendete auch in Italien die röm. Herrschaft. Es gab dort nur noch einige röm. Gebiete, die aber jetzt direkt von Konstantinopel abhingen. So das Gebiet um Ravenna oder um Rom. Im Osten dagegen dauerte das röm. Reich fort, wenn es auch in der Geschichtswissenschaft nun als das byzantinische bezeichnet wird. Es kam erst im 7.Jhd. durch die Araber in eine erste große Krise und verlor die Kontrolle über weite Gebiete im Osten und Süden, so über Syrien und Ägypten sowie über die Teile Nordafrikas, die es durch die Niederringung des Vandalenreiches wiedererobert hatte. Als das weströmische Reich zerfiel, wurde auch die Rechtfertigung seiner Herrschaft hinfällig. Die germanischen Staaten auf seinem Boden, die die völlige Selbständigkeit erreichten, übernahmen den Herrschaftsanspruch des Reiches. Gegenüber ihren Stammesangehörigen waren sie in der Regel als Stammeskönige (rex gentilis; reges gentiles pl.) ohnehin dazu berechtigt. Sie erwarteten Gehorsam auch von ihren röm. Untertanen. Auf keinen Fall wurde diesen ein Recht zur Teilhabe an der Herrschaft gegeben, soweit man sie nicht für Verwaltungsaufgaben und kirchliche Ämter benötigte. Dies galt besonders für die Oberschicht. Sie bekleidete hohe geistliche Ämter oder übernahm wichtige Aufgaben in der Verwaltung. Die germanischen Reiche auf weströmischem Boden hatten keine lange Dauer. Als einziges überlebte das Frankenreich. In ihm lebten die römischen Verwaltungsstrukturen und römische Vorstellungen zur Rechtfertigung von Herrschaft weiter, auch über das dunkle 7.Jhd. hinaus und prägen Europa bis heute. Die Geschichte des östlichen Teiles des römischen Reiches mit der Haupstadt Konstantinopel entwickelte sich in ganz anderer Weise. Hier lebte die Spätantike direkt weiter. Der dortige Kaiser fühlte sich als Kaiser der Römer. Erst mit dem Einfall der Türken nahm die weite- Ausblick 131 re Entwicklung des Gebietes dieses Reichsteiles eine ganz andere Wendung als die des westlichen Reichsteiles. VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 132 Rom und die Geschichte danach Allgemeine Überlegungen Wählt man längst vergangene Zeiten wie die röm. Republik als Ausgangspunkt der Betrachtung zu Fragen, die mit Herrschaft verbunden sind, erkennt man die Wandlung der Vorgehensweisen, um Herrschaft zu erlangen, zu rechtfertigen, weiterzugeben und auszuüben. Rom und seine Geschichte waren Vorbild, Ausgangs- oder Anknüpfungspunkt für viele institutionelle oder politische Lösungen bis in die Gegenwart. Dabei wurde bewußt zurückgegriffen oder fortgeführt. Es ging nicht nur um ideengeschichtliche Auseinandersetzung. Auf die Zeit vor der klassischen Republik griff man offenbar im institutionellen Bereich fast nie zurück. Die griech. Geschichte war offensichtlich niemals direkt Vorbild, Ausgangspunkt oder Anknüpfungspunkt für die institutionelle Ausgestaltung von Herrschaft oder nur in sehr oberflächlicher Weise. Ihr Beitrag ist eher staatstheoretischer oder ideengeschichtlicher Art. So übernahm z.B. der Rat der Fünfhundert in der französischen Direktorialverfassung von 1795 zwar im Namen den Rat der Fünfhundert in Athen, hat aber sonst kaum etwas damit gemeinsam. Seit Montesquieu (1689–1755) diskutiert man etwa auch immer wieder das System der Auslosung, um Amts- oder Ratsstellen zu besetzen, ohne aber es je institutionell zu übernehmen. Dieses Verfahren war in Athen für die Besetzung vieler Ämter üblich. Es führt vom 5.Jhd. v.Chr. keine direkte Tradition in institutioneller Hinsicht in die Gegenwart. Das hängt zu einem guten Teil auch mit der jeweiligen historischen Situation zusammen. Für eine Volksversammlung nach Art derer in Athen z.B., die über alles in letzter Instanz beschließen konnte, gab es fast nirgendwo nach dem Ende der Antike einen Platz. Man konnte nicht auf das 5.Jhd. zurückgreifen und, wo man vergleichbares einrichten konnte, tat man es ohne Bezug auf die Antike wie in Schweizer Landsgemeinden, die spätmittelalterlich sind. VII. 133 Als mögliche Übernahme einer institutionellen Einrichtung gilt der Achaiische Bund. Er spielt in der amerikanischen Verfassungsdiskussion eine wichtige Rolle. Man dachte an eine Organisation des Senates nach dem Vorbild des Rates des Achaiischen Bundes, der vom 3. bis ins 1.Jhd. v.Chr. In Griechenland bestand. Bei diesem hing die Vertretung der einzelnen Mitglieder von der Zahl der Bürger ab. Man entschloß sich aber dann, jeden einzelnen Gliedstaat durch zwei Senatoren vertreten zu lassen, unabhängig von seiner Bevölkerung. Selbstverständlich sind Ausmaß, Art und Wirkung der Übernahmen auch im institutionellen und politischen Bereich umstritten und keineswegs abschließend untersucht und eingeordnet. Die Extreme der geäußerten Meinungen bilden die Annahme einer weitgehenden Zerstörung der antiken Kultur im "finsteren Mittelalter", die erst in der Renaissance wieder auflebte, oder ihre Fortdauer in vielerlei Hinsicht nach dem Ende der Spätantike. Dabei gab es auch immer wieder Rückgriffe, von denen die Renaissance nur einer ist. Glaubt man an die Kontinuität der antiken Welt, wenn auch in gewandelter Form, bleibt wenig als Eigenleistung der Jahrhunderte, die auf die Spätantike folgten, übrig. Der Wahrheit versucht man sich durch zahllose Einzeluntersuchungen zu nähern. Rom und seine Welt als Grundlage der europäischen Entwicklung und Identität ist dabei die jetzt vorherrschende Meinung. Am Ende der Republik begann eine Entwicklung, die zur Einführung der Monarchie unter Augustus (27–14 n.Chr.) führte, wenn auch in einer besonderen Form. Die Monarchie wurde bis zum Ende der Spätantike gefestigt und institutionell ausgestaltet. Sie wurde von den Franken als römische übernommen und dauerte als Herrschaftsform bis an das Ende des 18.Jhd. ohne Konkurrenz fort. Sie und die mit ihr verbundene Form der Rechtfertigung der Herrschaft blieben bis zum Beginn des 20.Jhd. entscheidend. Dann wurde sie durch die repräsentative Demokratie in ihrer modernen Form abgelöst, die sich allgemein durchsetzen konnte. In ihr wird das Volk durch Abgeordnete vertreten, die die Regierung wählen. Sie tritt in der Regel in der Form der Republik auf oder als konstitutionelle Monarchie. Der Monarch hat dabei politisch vor allem identitätsstiftende Funktion. Er regiert nicht mehr. Ausnahmen in Europa von der konstitutionellen Monarchie bil- VII. Rom und die Geschichte danach 134 den vor allem das Papsttum und in sehr abgeschwächter Form das Fürstentum Lichtenstein. Bei einem Blick auf die Zeit von der röm. Republik bis heute ist besonders auffällig und beachtenswert die sehr langsame Veränderung des Prinzips, Herrschaft zu rechtfertigen. Zustimmung und Gehorsam fordern zu können und zu finden, ohne auf großen Widerstand zu sto- ßen, bleibt dabei das ständige Ziel. Ohne Gehorsam gibt es keine Herrschaft. Zugleich lassen sich im Vergleich mit historischen Lösungen der mit Herrschaft verbundenen Fragen manche moderne Vorgehensweise und die damit gegebenen Probleme klarer erfassen. Die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse in der Antike und danach unterscheiden sich zwar deutlich von denen in der Moderne. So lebten etwa 85–90% der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Das führt zu unterschiedlichen Erscheinungsformen vieler politischer Phänomene. Das gilt z.B. für den Staatsstreich in der röm. Kaiserzeit und in der Spätantike oder für die Migration. Sie können aber zum Vergleich dienen und moderne Phänomene schärfer erfassen lassen. Sie gehören nämlich zu demselben historischen Raum. Gewisse historische Phänomene gibt es nicht in der Spätantike wie Revolutionen und konfessionelle Auseinandersetzungen, dafür Streit zwischen Gruppen, die unterschiedliche Auffassungen zu einzelnen theologischen Fragen wie die Natur Christi hatten. Diese Auseinandersetzungen führten nicht zur Entstehung neuer christlicher Konfessionen wie seit dem 16.Jhd., sondern beschäftigten Konzilien und entschieden über den Ausgang von Bischofswahlen. Sie waren auch wichtig für die Zustimmung zur Herrschaft des jeweiligen Kaisers. Konnte der Kaiser sich mit seinen theologischen Auffassungen in seinem Reichsteil nicht durchsetzen, wurde in Zweifel gezogen, ob seine Herrschaft berechtigt sei. So hatte Constantius II., der Sohn Konstantins, im Reichswesten weniger Rückhalt in der kirchlichen Hierarchie, weil er Arius' theologischer Position zuneigte. Dies verbesserte Julians Position bei seiner Usurpation 360 n.Chr. in Gallien. Er war nur Caesar, Unterkaiser, und weitgehend abhängig von Constantius II. und erhob sich ohne dessen Zustimmung zum Augustus. Er fand die Zustimmung der gallischen Bischöfe zu diesem Vorgehen, weil er ihre theologischen Überzeugungen nicht in Frage stellte. Allgemeine Überlegungen 135 Die Bezugnahme auf Rom im institutionellen und politischen Bereich ist eine durchgehende Erscheinung der west- und mitteleuropäischen Geschichte, aber auch Nordamerikas. Sie betrifft keineswegs nur die Geistes- und Ideengeschichte, sondern vor allem auch Institutionen, Politik und Gesellschaft. Diese Bezugnahme hat ihren Grund in der historischen Kontinuität mit der Antike, die sich in der Geschichte West- und Mitteleuropas offenbart, auch wenn deren Ausmaß umstritten ist. Aber auch in der Faszination, die das röm. Reich ausübt, von der kleinen Stadt am Tiber zu einem großen Reich. Das war und ist etwas Besonderes. Welche politischen, institutionellen und sozialen Mechanismen standen dahinter? Das interessierte nicht nur ideengeschichtlich, sondern auch in seiner praktischen Anwendbarkeit. Die Bezugnahme auf Rom war unterschiedlich intensiv und genau. Sie konnte auch für Fiktionen verwendet werden und zur Begründung ungerechtfertigter Ansprüche dienen. So wurde z.B. die Konstantinische Schenkung, die wohl um 800 entstand und die den Papst zum Nachfolger des weström. Kaisers machte, lange Zeit für bare Münze genommen. Nach ihr soll Papst Silvester I. (314–335) von Konstantin die Westhälfte des röm. Reiches übertragen worden sein. Die Päpste nutzten die Urkunde, um ihre Vormachtstellung und territoriale Ansprüche zu begründen. Sie wurde im 15.Jhd. sehr detailliert mit Kritik des Stiles von Lorenzo Valla (1440), einem italienischen Humanisten, aber auch von Nikolaus von Kues (1433), Theologe und Philosoph, und Reginald Pecock (1449), einem Bischof von Chichester, unabhängig voneinander als Fälschung entlarvt. Nach der Reformation erkannte zwar die Kirche sie als Fälschung an, berief sich aber bis ins 19.Jhd. weiter darauf und behauptete, dass es sie gegeben habe, nur nicht in der überlieferten Gestalt. Es geht also bei der Fälschung um einen Rückgriff auf die röm. Geschichte in der päpstlichen Politik. Mit der Berufung auf ein historisch fiktives Ereignis suchte man mit einigem Erfolg, eigene Ansprüche zu begründen. Rom wandelte sich seit dem 1.Jhd. v.Chr. von einer republikanischen Ordnung zu einer Monarchie. Deren letzte Entwicklungsstufe bildete das spätantike röm. Reich. Mit der weiteren Ausbildung der Monarchie und ihrer institutionellen Verankerung in der Spätantike war die endgültige Abkehr von der Idee des Staates als einer Republik VII. Rom und die Geschichte danach 136 vollzogen. Herrschaft wurde von Kaiser zu Kaiser weitergegeben oder von den höchsten amtierenden und ehemaligen Amtsträgern erneut einem Herrscher übertragen. Der westliche Teil des römischen Reiches gab der west- und mitteleuropäischen Geschichte in den folgenden mehr als tausend Jahren entscheidende Anstöße für die Rechtfertigung und die Organisation von Herrschaft. Der östliche Teil des spätantiken römischen Reiches mit der Hauptstadt Konstantinopel hatte dagegen eine ganz andere historische Entwicklung. Er lebte in der Form des byzantinischen Reiches, das das spätantike Reich direkt fortsetzte, bis zur Eroberung Konstantinopels 1453 weiter. Das osmanische Reich, das 1453 endgültig mit dem Fall Konstantinopels die Nachfolge von Byzanz antrat, drang danach weiter nach Westen vor und brachte das Gebiet der griechisch orthodoxen Kirche, soweit sie sich auf dem ehemaligen Territorium des spätröm. Reiches oder seiner Nachfolgestaaten wie z.B. Bulgarien befand, vollständig unter seine Gewalt. Es setzte dessen Tradition im politisch institutionellen Bereich aber offensichtlich nicht fort. Entscheidend ist der Bruch in der religiösen Tradition. Der Islam wurde die herrschende Religion. Im allgemeinen verhielt er sich tolerant gegenüber Christen und Juden und zerstörte auch deren religiöse Strukturen nicht. So überlebte z.B. westlich von Konstantinopel die griechisch-orthodoxe Kirche als Kirche der einheimischen Bevölkerung, und der Patriarch in Konstantinopel erhielt die Pammakaristos- Kirche als Sitz, nachdem er von 1453 bis 1461 die Apostelkirche als solchen hatte, während die Hagia Sophia, seine Kathedrale bis 1453, in eine Moschee umgewandelt worden war. Auch in Kleinasien überlebte die Kirche in vielen Gebieten. Christen und Juden waren aber Bürger zweiter Klasse. Sie mußten eine besondere Abgabe zahlen. Der Islam übernahm sehr viel von der kulturellen und materiellen Tradition, die Byzanz bewahrt hatte. So übersetzte man viele antike Werke, besonders auch solche, die der Lösung praktischer Fragen dienten, knüpfte aber offensichtlich nicht an die Institutionen von Byzanz an. Der Islam übernahm anscheinend keine vorhandenen institutionellen Gliederungen. Der Islam war in vielen Bereichen also kein Element der Kontinuität. Allgemeine Überlegungen 137 Das politische System des Islam war ein theokratisches. Der Herrscher verkörperte die weltliche Macht und hatte die religiöse Führung. Die Inhalte des Rechtes waren durch religiöse Bestimmungen geprägt, durch die Scharia. Der Islam entwickelte sich nicht zu einer eigenen Institution neben der weltlichen Macht wie die katholische Kirche im Westen, sondern blieb in engster Verbindung mit ihr, was bis heute die Säkularisierung unmöglich macht oder mindestens sehr erschwert. Die Versuche, in der Türkei nach Atatürks Reformen ab 1924 oder im modernen Syrien sich von der Prägung des täglichen Lebens durch den Islam zu lösen, zeigen die Schwierigkeiten sehr deutlich. Es gibt eine sehr starke Opposition dagegen, die politisch keineswegs erfolglos ist, wie die jüngere Geschichte beider Staaten deutlich zeigt. Nördlich des osmanischen Reiches entstanden schon vor dem Untergang des oströmischen Reiches die russischen Fürstentümer, aber in der religiösen Tradition von Byzanz. Sie bewahren diese bis in die Gegenwart. Die griech.-orthodoxe Kirche des östlichen Reichsteiles hatte aber niemals weder im byzantinischen Reich noch in einem anderen Gebiet griech.-orthodoxen Charakters eine einheitliche Führung wie die katholische Kirche mit dem Papsttum im weström. Reich und seinen Nachfolgestaaten. Die einzelnen Patriarchate lehnten sich in den griech.-orthodoxen Gebieten an die jeweilige politische Führung an. Dies führte z.B. dazu, daß der Patriarch von Konstantinopel eine gewisse Vorrangstellung hatte, solange der Einfluß des byzantinischen Kaisers hinreichend bedeutsam war. Der südliche Teil des röm. Reiches von Syrien bis nach Spanien hinein kam schon im 7. und 8.Jhd. unter die Herrschaft der Araber und entwickelte ganz andere Formen der Herrschaft. Die poltisch-institutionelle und die religiöse Tradition wurden unterbrochen, wenn auch christliche Gruppen wie die Kopten in Ägypten überlebten. Rom und seine Nachwirkungen Betrachtet man die Entwicklung nach dem Ende des spatantiken weström. Reiches bis in die Gegenwart in Verbindung mit den Problemen, die Herrschaft betreffen, so lassen sich einige interessante Beobachtun- VII. Rom und die Geschichte danach 138 gen machen. Sie lassen sich unter folgenden Gesichtspunkten zusammenfassen. 1. Spätantike politische, religiöse und institutionelle Regelungen und Einrichtungen leben zu einem Teil ohne Unterbrechung in den folgenden Jahrhunderten weiter oder wurden noch in der Übergangsphase von der Spätantike zum Mittelalter oder später wieder aufgenommen. Sie leben zum Teil bis in die Gegenwart weiter. Oft sind aber die Zusammenhänge nicht hinreichend erforscht, so daß nicht immer genau bestimmbar ist, ob es sich um ein direktes Weiterleben, einen späten Rückgriff auf eine antike Einrichtung oder eine neue Entwicklung handelt. 2. Einzelne spätantike Entwicklungen haben Parallelen in modernen Einrichtungen, ohne daß bis jetzt eine direkte Verbindung nachzuweisen ist. 3. Es gibt spätantike politische und soziale Phänomene, die sich deutlich in ihrer modernen Erscheinungsform von der in der Spätantike unterscheiden. Hier sei etwa auf den Staatsstreich verwiesen, 4. Bewußte Rückgriffe auf einzelne antike Regelungen, Institutionen, Vorstellungen und die Bewertung von Ereignissen, um politische Entscheidungen und Einrichtungen, die in Zusammenhang mit Herrschaft stehen, mit Beispielen zu belegen, zu begründen oder zu rechtfertigen, sind auch seit der zweiten Hälfte des 18.Jhd. zahlreich. 1.Beginnen wir mit spätantiken politischen und institutionellen Regelungen, die zu einem Teil direkt in den folgenden Jahrhunderten weiterleben, in leicht veränderter Form sogar bis in die Gegenwart. Hier ist die Fortdauer der katholischen Kirchenorgnisation mit dem Papst an der Spitze das entscheidende Element. Man kann dessen Bedeutung kaum überschätzen. Chlodwigs Hinwendung zum katholischen Glauben höchstwahrscheinlich 508 n.Chr. führte im Frankenreich zum Fortbestand der kirchlichen Institutionen in ihrer spätantiken Form und ihrer Abhängigkeit von Rom. Die civitates z.B., die politischen Gemeinden mit eigenem Territorium, blieben die Grundlage der kirchlichen Organisation. Wenn die Zahl der Bischöfe in Italien etwa im Vergleich zu Frankreich deutlich höher ist, so liegt dies daran, daß die kirchliche Organisation an die weltliche anknüpfte. Die Stadtgemeinden (civitas pl. civitates) umfaß- Rom und seine Nachwirkungen 139 ten in Gallien größere Territorien als in Italien, so daß es weniger Bischofssitze gab. Die Grenzen des Frankenreiches sind zugleich mehr oder weniger die Grenzen des Einflusses der katholischen Kirche und des Papstes. Das spätere Ausgreifen des Reiches und seiner Nachfolger schob die Grenzen des katholischen Bekenntnisses weiter hinaus. So etwa war das Gebiet des Ordensstaates in Preußen katholisch. Die katholische Kirche und ihre Organisation wurden ein prägendes Element des fränkischen Reiches und seiner Nachfolger und damit der west- und mitteleuropäischen Geschichte. Mit der Organisation der Kirche wurde auch die kulturelle Tradition des weström. Reiches übernommen, wie der Gebrauch des Lateinischen. Es war so nicht nur Sprache der Verwaltung. Auch im angelsächsischen Bereich war die Hinwendung zum katholischen Glauben der entscheidende Berührungspunkt mit der römischen Tradition und führte zur Übernahme römischer Institutionen. Sie erfolgte nur später als im fränkischen Herrschaftsbereich und wurde unter anderem durch eine Gesandtschaft des Papstes auf den Weg gebracht. 597 schickte Papst Gregor 40 Missionare nach England. Sie wirkten zuerst in Kent. Sie gründeten Bischofssitze, was zur Übernahme der Machtstrukturen der römischen Kirche führte. Etwa gleichzeitig nahm die die iroschottische Mission der Angelsachsen von Norden her ihren Anfang. Sie stützte sich vor allen Dingen auf Klöster und hatte flache Hierarchien. Politisch und institutionell waren die Auswirkungen der päpstlichen Missionare bedeutender. In Mittelitalien entstand im 8.Jhd. der Kirchenstaat mit Rom als Zentrum. Ihm vorausgegangen waren nach dem Einfall der Langobarden in Italien 568 n.Chr. Versuche der Päpste, so etwa Gregors I. (590– 604 n.Chr. ), auch im weltlichen Bereich ihren Einfluß zu vergrössern und sich mit den Langobarden und Byzanz zu arrangieren. Byzanz vermochte nämlich seine Herrschaft in Italien, die ihm durch Iustinians Sieg über die Ostgoten zwischen 535 und der Mitte der sechziger Jahre zuteil geworden war, nur ungenügend gegen die Langobarden zu verteidigen. Die Päpste schufen sich mit dem Kirchenstaat, dem patrimonium Petri, ein eigenes Territorium und übernahmen als dessen Herrscher die ideologische und administrative Tradition des weström. Reiches. So umgaben sie sich etwa mit einem consistorium, einem Staats- oder VII. Rom und die Geschichte danach 140 Thronrat, d.h. einer Versammlung der höchsten Amtsträger, deren Mitglieder verhältnismäßig fest umschrieben waren und deren Sitzungen genau reglementiert waren, und ahmten das kaiserliche Kanzleiund Urkundenwesen nach. Sie unterschrieben offizielle Dokumente wie der Kaiser mit Purpurtinte. Sie traten gleichsam als Nachfolger der weström. Kaiser auf. Diese röm. Traditionen des Papsttums verlieren erst heute langsam an Bedeutung und werden aufgegeben. Der Papst unterliegt auch heute noch keinen Beschränkungen in seiner Amtsführung. Er ist ein absoluter Monarch, auf den aber selbstverständlich Hof und zentrale Verwaltung, vorwiegend die heute sogenannten Kurienkardinäle, Einfluß nehmen können. Hofintrigen, wie man es bei einem weltlichen Herrscher nennen würde, gehören dazu. Er ist ein römischer Kaiser im kleinen. Die katholische Kirche blieb wie in der Spätantike eine deutlich vom Staat getrennte Institution. Ihr Oberhaupt, der Papst, der in einem eigenen Territorium in einer eigenen Residenzstadt, nämlich Rom, einen Sitz hatte, war weniger vom fränkischen König und seinen Nachfolgern abhängig als die griechisch-orthodoxe Kirche in Konstantinopel. Deren Oberhaupt hatte nie Sitz in einem eigenen Gebiet und in einer eigenen Residenzstadt. Die institutionelle Trennung von Kirche und Staat war eine der wesentlichen Voraussetzungen für die moderne Säkularisation. Dies gilt auch für die griechisch-orthodoxe Kirche, wenn auch die institutionelle Ferne der katholischen Kirche vom Staat noch größer war. Beide Institutionen, Staat wie Kirche, mußten sich dafür nur etwas weiter voneinander entfernen oder sich ganz trennen wie in Frankreich, als sich das Prinzip der Laizität mit der Trennung von Staat und Kirche im Gefolge der Aufklärung schließlich durchsetzte. Dies gilt auch für die anderen christlichen Konfessionen, die zwar in monarchischen Strukturen den Herrscher als Oberherrn hatten wie die Anglikaner oder Lutheraner, aber dennoch eigene Institutionen blieben. Im Gebiet des ehemaligen spätantiken Reiches blieb die Grenze zwischen katholischer und griechisch-orthodoxer Konfession bis heute fast völlig stabil. Sie entspricht etwa der Grenze zwischen Serbien und Kroatien. In der Spätantike war dort die Grenze zwischen dem weström. und dem oström. Reich. Rom und seine Nachwirkungen 141 Die Kirche wurde wie in der Spätantike zur entscheidenden Macht im Frankenreich neben dem Staat. Ohne ihre Zustimmung zu haben war Herrschaft in den folgenden Jahrhunderten unmöglich. Dies zeigt etwa der Gang Heinrichs IV. nach Canossa im Dezember 1076 sehr deutlich. Er mußte verhindern, daß seine Gegner im Reich sich auf den Kirchenbann Papst Gregors VII. beriefen und ihn als Herrscher nicht mehr anerkannten. Die weltlichen Mächte waren der Garant des Einflusses der Kirche auf den Staat und die Gesellschaft. Sie setzten die Interessen der Kirche durch. Mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten wurde diese Bindung erstmals gelöst. Dieser Prozeß zog sich aber dann bis zum Ende des Ersten Weltkrieges hin, als die monarchische Herrschaft weitgehend beendet wurde und damit die enge institutionelle Bindung zwischen Kirche und Monarchie ihr Ende fand, die die Reformation aufgenommen und sogar vertieft hatte. Man mußte dazu nur die enge institutionelle Bindung auflösen. Der Landesherr, den es nach 1918 nicht mehr gab, konnte auch nicht mehr Kirchenherr sein. Für die anglikanische Kirche gilt dies selbstverständlich nicht. Trotz der Auflösung dieser Bindung haben natürlich die Kirchen weiterhin Einfluß auf die Politik und auf die Wahrnehmung von Herrschaft. Dieser hängt aber weitgehend von der jeweiligen historischen Entwicklung in den verschiedenen Ländern ab. In den USA wäre bis heute ein bekennender Atheist oder Agnostiker nicht als Präsident wählbar. Er würde keine Mehrheit finden, während in Frankreich dies kein Problem ist. Die katholische Kirche nimmt noch immer eine gewisse Sonderstellung ein. Sie spielt in Italien weiterhin eine wichtige Rolle in der Innenpolitik und ist der größte Grundbesitzer des Landes. Weil sie mit dem Vatikanstaat weiter über ein eigenes Territorium verfügt und damit über einen eigenen diplomatischen Dienst mit Botschaften (Nuntiaturen), hat sie auch außerhalb Italiens ein größeres Gewicht und direkten Zugang zu den führenden Politikern der verschiedenen Länder als vergleichbare religiöse Organisationen. Die Gruppe, die die aus den höchsten Amtsträgern, ehemaligen wie amtierenden besteht und den Kandidaten zur Erhebung als Kaiser vorschlägt, wenn kein Augustus mehr im Reich vorhanden ist, lebt offensichtlich im Kollegium weiter, das den Papst wählt. Es war ur- VII. Rom und die Geschichte danach 142 sprünglich eine informelle Gruppe, die sich aus dem Vorgehen bei der Wahl eines beliebigen Bischofs entwickelte. Sie bestand am Ende der Spätantike aus den Vertretern der mächtigen Familien, so etwa Senatoren bei Symmachus’ Wahl 498 zum Papst, und Mitgliedern des röm. Klerus. Im Unterschied zur Gruppe, die den Kandidaten für den Thron in der Spätantike bestimmte, waren ihre Möglichkeiten, diesen durchzusetzen, begrenzter, und es kam immer wieder zu Doppelwahlen. Die weltlichen Herrscher behielten sich teilweise vor, den gewählten zu bestätigen oder in die Wahl einzugreifen, wie es der ostgotische Herrscher oder der Kaiser in Konstantinopel bzw. der Exarch, der Verwalter des verbleibenden byzantinischen Gebietes in Italien nach dem Einfall der Langobarden 568, taten. Heute ist schon lange genau definiert, wer zu dieser Gruppe gehört und wählen darf. Es sind die Kardinäle. Die genaue Umschreibung dieser Gruppe beginnt mit einem Dekret des Papstes Niklaus II. (1058–1061) aus dem Jahre 1059. Diese Gruppe kann wiederum vom gewählten Papst in ihrer Zusammensetzung gelenkt und beeinflußt werden. Er ernennt die neuen Kardinäle wie der spätantike Kaiser die entscheidenden Würdenträger und kann so die Wahl seines Nachfolgers in die gewünschten Bahnen lenken. Das weströmische Reich fand seine direkte und dauernde Fortsetzung im Frankenreich. Während alle anderen Reiche der Völkerwanderungszeit, soweit sie Unabhängigkeit von Rom erlangten und nicht wie die Ostgoten in Italien in enger Kooperation mit Konstantinopel standen, bald wieder verschwanden so wie das westgotische Reich, das in seiner gallischen Gestalt um 510 von den Franken, in seiner spanischen um 725 von den Arabern besiegt wurde, wie die Langobarden, die 774 unter fränkische Herrschaft kamen, oder die Vandalen, die um 540 von Konstantinopel besiegt wurden, entwickelte sich dagegen bei den Franken unter römischem Einfluß in ihrem gallischen Kerngebiet eine stabile monarchische Herrschaft und eine staatliche Struktur, die an die röm. anschloß. So blieb etwa in den gallischen Gebieten des Merowingerreiches das Territorium der römischen civitates, das Gebiet, das zu einer Stadt gehörte, das Grundelement der territorialen Ordnung. Das fränkische Königtum ist ohne die engen Kontakte mit Rom nicht denkbar. Institutionell entwickelte es sich in Anlehnung an die Rom und seine Nachwirkungen 143 Stellung der barbarischen Generäle in römischen Diensten. Der König war Anführer einer aus Barbaren bestehenden Gefolgschaft, in diesem Fall einer Gruppe von Franken, und zugleich Truppenführer in röm. Diensten. Die letztere Stellung war eine wichtige Grundlage der Herrschaft des Königs, auch als es keinen weströmischen Kaiser nach 476 mehr gab. Faßbar ist dies bei Childerich I., dem Vater Chlodwigs, der eine solche Doppelstellung einnahm. Sein Sohn Chlodwig (481/82– 511 n.Chr.) hatte dann keine röm. Stellung mehr inne. Er legitimierte sich aber auch dadurch, daß er sich vom oströmischen Kaiser in Konstantinopel anerkennen ließ, aber er regierte nicht als sein Stellvertreter wie der Gote Theoderich in Italien (493–526 n.Chr.) oder in seinem Auftrag. Wenn auch Theoderichs Stellung umstritten ist, so stand er doch zum Kaiser in Konstantinopel in einem engeren Verhältnis als der Franke Chlodwig. Er ernannte z.B. den Konsul im Westen, wenn auch nach Absprache mit dem oström. Herrscher, und die röm. Aristokratie war viel bedeutender für ihn und sein Verhältnis zu Konstantinopel als die röm. Aristokratie in Gallien für die Franken. Chlodwig ließ sich als erster fränkischer Herrscher vom oström. Kaiser Anastasius (491–518 n.Chr.) als König anerkennen. Er wurde Ehrenconsul und patricius, oder nur patricius, und bekam vom Kaiser Insignien übersandt. Es handelte sich dabei um die Purpurtunica, den Mantel (paludamentum, chlamys) und das Diadem, Insignien, die schon Theoderich 498 n.Chr. erhalten hatte. Chlodwig regierte, um es zu betonen, aber nicht als Stellvertreter des Kaisers wie der Gote Theoderich (493–526 n.Chr.) in Italien oder in seinem Auftrag, sondern konnte freier agieren. Seine Anerkennung durch den Kaiser in Byzanz bedeutete eine zusätzliche Legitimation seiner Herrschaft und stärkte seine Stellung besonders gegenüber seinen römischen Untertanen. Bei Karl dem Grossen kann man auf jeden Fall ausschließen, daß er als Stellvertreter des Kaisers regierte, nachdem er gegen Ende seiner Regierungszeit als Kaiser von seinem Kollegen in Konstantinopel anerkannt worden war. Er hatte das Kaisertum widerrechtlich durch seine Krönung in Rom durch den Papst am Weihnachtstag 800 n.Chr. erlangt. Die enge Beziehung der fränkischen Könige mit dem röm. Reich führte zu einer Übernahme röm. Traditionen, die im Frankenreich fortdauern konnten, weil es nicht unterging, und damit zur Bewah- VII. Rom und die Geschichte danach 144 rung röm. institutioneller Vorstellungen und Einrichtungen. Zu diesen Traditionen gehört etwa eine schriftliche Verwaltung, die unter anderem ihren Ausdruck im Siegelring Childerichs I. findet, Chlodwigs Vater, dessen Grab 1653 in Tournai aufgefunden wurde. In ihm befand sich auch Childerichs Siegelring. Durch diese Entwicklung der Monarchie im Frankenreich wurde das christliche römische Kaisertum der Spätantike das Model für die europäischen Monarchien des Mittelalters und der Neuzeit, eine Tatsache, der etwa schon Chateaubriand in seinen Études historiques von 1831 Ausdruck verliehen hat. Aus dem Frankenreich gingen die beiden großen zentraleuropäischen Staaten Deutschland und Frankreich hervor, die die europäische Geschichte weitgehend prägten und die monarchische Form der Herrschaft über Jahrhunderte bewahrten und entwickelten. Erbfolge oder Wahl bestimmten nach dem Untergang Westroms die weitere Entwicklung der Übertragung monarchischer Herrschaft in West- und Mitteleuropa. So kam es in Frankreich, dem Westfrankenreich, schließlich zu einer Erbmonarchie mit einer sehr genau geregelten Nachfolgeordnung, während sich im Ostfrankenreich, dem bald so genannten Heiligen Römischen Reich, die Wahl durchsetzte, um den Herrscher zu bestimmen. Entschieden wurde darüber durch den historischen Zufall. 911 wählten die Großen des Ostreiches nicht den König des Westfrankenreiches zum Herrscher, sondern Konrad I., einen aus ihrem Kreis. Auch im Westfrankenreich wurde der König seit 888 von den Gro- ßen gewählt. Weil die seit 987 regierenden Kapetinger Söhne als Nachfolger hinterließen, entwickelte sich eine Erbmonachie. Der König konnte jene ohne Rücksicht auf eine Wahl jeweils zu seinen Nachfolgern machen. Im Ostfrankreich blieb es bei der Wahl, weil es immer wieder zu Dynastiewechseln kam, wenn männliche Nachkommen fehlten, was häufig geschah. Ursprünglich waren alle Reichsfürsten im Ostfrankenreich, die sogenannten Großen des Reiches, zur Wahl berechtigt. Aus diesem Kreis entstand im Laufe der Zeit das Kurfürstengremium, dessen personelle Zusammensetzung aber im wesentlichen nicht vom Kaiser beeinflußt werden konnte. Der Papst hingegen kann das Kardinalskollegium per- Rom und seine Nachwirkungen 145 sonell verändern, also dessen Zusammensetzung in seinem Sinn steuern und damit auch die Wahl seines Nachfolgers in eine bestimmte Richtung lenken. Das Gremium der Kurfürsten übte bis zum Ende des Reiches 1806 seine Funktion aus. Wahl oder Sicherung der Herrschaft durch Erbfolge folgten dem Modell spätantiker Herrschaftsweitergabe. Bei der Erbfolge mußte man ursprünglich um die Sicherung des Nachfolgers wie in der Spätantike bemüht sein. Der Nachfolger mußte als solcher für alle klar erkennbar bestimmt werden. In der Spätantike mußte er zum Caesar oder wenigstens nominellem Mitaugustus erhoben worden sein. Wahl wurde nötig, wenn kein direkter geeigneter männlicher Nachfolger vorhanden war. Selbstverständlich stand eine Wahl nur politisch entscheidenden Persönlichkeiten offen. Die frühen Regelungen im Frankenreich, durch Wahl oder Erbfolge die Kontinuität der Herrschaft sicherzustellen, dürften sich in Anlehnung an spätantike und byzantinische Verhältnisse entwickelt haben, so wie etwa die Aufteilung der Herrschaft unter die Söhne Chlodwigs ziemlich wahrscheinlich auf das spätantike Mehrkaisertum zurückgeht. Innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation entwickelten sich in einzelnen Territorialstaaten Erbfolgeordnungen, die über das Ende dieses Reiches bis zum Verschwinden der monarchischen Ordnungen 1918 in Mitteleuropa in Geltung blieben. Hier sei an Preußen oder Bayern erinnert. Sie sind offensichtlich nicht in eine antike Tradition einzuordnen. Ausnahmen von monarchischen Herrschaftsformen waren selten und fanden sich besonders auf der Ebene der Städte, die nicht weltlichen oder geistlichen Herren unterstanden, oder spätmittelalterlicher Bünde wie der Hanse oder der Eidgenossenschaft. Sie hatten aber im Reich immer noch den Kaiser als obersten Herrn. Frei wurde dagegen die Eidgenossenschaft vom Kaiser. Sie löste sich 1648 im Westfälischen Frieden völlig aus dem Reichsverband und damit aus jeder monarchischen Tradition. Das gleiche gilt für die Republik der Vereinigten Niederlande (Republik der Sieben Vereinigten Provinzen), die ebenfalls 1648 vom Reich unabhängig wurde. Daneben gab es von Anfang an unabhängige Republiken wie Venedig. Es hatte seit dem Ende der by- VII. Rom und die Geschichte danach 146 zantinischen Herrschaft, von der es sich zwischen dem 8. und 10.Jhd. vollständig lösen konnte, bis in die Zeit Napoleons nie einen monarchischen Oberherrn. Auch in den Gebieten ohne monarchische Ordnung, also ohne einen Landesherrn, wurde Herrschaft aber immer von oben nach unten ausgeübt. Die geltende ständische Ordnung wirkte in diesem Sinn. Das Prinzip, Herrschaft als monarchische zu legitimieren, blieb unangefochten bis an das Ende des 18.Jhd. und verschwand dann schnell. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges gehörte monarchische Herrschaft in Europa überall der Vergangenheit an, wenn man z.B. etwa von Lichtenstein absieht, das Reste davon bis heute bewahrt hat. Wo Monarchen blieben wie in England, herrschten sie nicht mehr. Herrschaft wurde von nun an durch Wahlen übertragen. Herrschaft zu rechtfertigen und ihre Form ändern sich also nur in sehr langen Zeiträumen, wenn wir lediglich einmal die Entwicklung in unserem Kulturbereich betrachten. Der langsame Wechsel des Prinzips, mit dem Herrschaft legitimiert wird, läßt verstehen, warum es so schwierig ist, ein neues Prinzip der Legitimierung in einem anderen Kulturkreis einzuführen. Die moderne Welt ist reich an gescheiterten Versuchen, unser Prinzip, Herrschaft durch Wahlen zu übertragen und zu legitimieren, in anderen Kulturkreisen einzuführen. Dies gilt auch dann, wenn man annimmt, daß ein guter Teil dieser Versuche nur als Vorwand dient, um eigene Machtinteressen zu verhüllen und Interventionen zu rechtfertigen. Die mangelnde Teilhabe der Bürger an der Politik setzte sich nach Kaiserzeit und Spätantike weiter fort. Die Teilhabe an der Politik, die über lokale oder regionale Probleme hinausging, im Rahmen von Institutionen wie Volksversammlungen, hörte mit dem Ende der röm. Republik auf. Sie blieb in unterschiedlichem Ausmaß nur den politischen Führungsschichten erhalten. Über Krieg und Frieden etwa, was in antiken Gesellschaften von besonderer Bedeutung war, entschieden nicht mehr die, die davon betroffen waren, nämlich die Bürger, die in den Legionen dienen mußten, sondern andere. Allerdings wurde im Laufe der röm. Kaiserzeit und dann besonders nach 212, als alle Reichsbewohner das Bürgerrecht erlangten, und in der Spätantike auch kaum noch auf sie für den Kriegsdienst zurückgegriffen. Die Aushebung betraf immer mehr die sozial Schwächeren, die seit der Rom und seine Nachwirkungen 147 Spätantike als Berufssoldaten ein Leben lang zu dienen hatten. Weil Zahl und Qualität der Legionen unzureichend waren, warb man Fremde an. Sie dienten in Einheiten, die neu geschaffen wurden wie in den auxilia. Das waren keine Hilfstruppen mehr wie in der Kaiserzeit, sondern sie bildeten neu die Eliteeinheiten und das Rückgrat der Armee, nicht mehr die Bürgertruppen. Die Entwaffnung der Reichsbürger war die Folge dieser Entwicklung. Die Einfälle der Barbaren seit dem Ende des 4.Jhd. führten dann allerdings dazu, daß man den Provinzialen den Besitz von Waffen zur Selbstverteidigung gegen die Barbaren zugestand. Man näherte sich so germanischen Verhältnissen, wo das Waffentragen Zeichen eines freien Mannes war. Der Ausschluß der Bürger, die nicht den politisch führenden Schichten angehörten, von der Teilhabe an der Politik im Rahmen der Institutionen blieb ein Kennzeichen der Monarchien bis an das Ende des 18.Jhd. Die ständische Ordnung tat das Ihrige dazu. Teilhabe war im unterschiedlichen Ausmaß auf lokaler Ebene möglich, solange die Interessen des Herrschers nicht davon berührt wurden. Das gilt besonders für die Gebiete, die nicht weltlichen oder geistlichen Herren unterstanden, also keinen Herrscher hatten, wie Städte oder Territorien. Beispiele dafür wären in der Schweiz der Kanton Glarus oder Uri. Teilhabe an wichtigen politischen Entscheidungen konnte nur auf anderem Wege eingefordert werden, nämlich durch illegale Aktionen wie Demonstrationen oder Aufstände. Man denke z.B an die Bauernaufstände. 2. Einzelne antike Entwicklungen und Einrichtungen haben Parallelen in der modernen Welt, ohne daß eine direkte Verbindung nachzuweisen ist. Die sogenannten Landsgemeinden in der Schweiz, die es früher in mehreren Kantonen gab, heute auf kantonaler Ebene aber nur noch in Glarus und Appenzell Innerrhoden, erinnern an die Volksversammlung in Athen oder anderswo in demokratischen griechischen Stadtstaaten. Sie sind aber kein Rückgriff darauf, sondern sind ohne Bezug zu diesen im Spätmittelalter entstanden. An ihnen können heute alle stimmberechtigten Bürger teilnehmen, bis vor wenigen Jahrzehnten nur die Männer wie in griechischen Stadtstaaten. Einflußreiche Gruppen, die Herrschaft weitergeben und mitgestalten können, sind auch sonst recht häufig, ohne direkt in einer spätanti- VII. Rom und die Geschichte danach 148 ken Tradition zu stehen wie das Kardinalskollegium, sondern sind lediglich strukturell ähnlich. Ihre Mitglieder bekommen ihre Stellung nicht durch eine allgemeine Wahl, sondern sie werden vom Herrscher in sie gebracht. Dies gilt für alle Gruppen, die Herrschaft weitergeben, zugleich aber vom Herrscher oder einer herrschenden Gruppe ergänzt werden und in ihrer Zusammensetzung davon abhängen. Hier kann man an das Politbüro kommunistischer Parteien wie etwa an das der ehemaligen DDR denken. Dessen Mitglieder wurden zwar vom Zentralkomitee der Partei gewählt, aber auf Vorschlag des Generalsekretärs des Politbüros, dessen Vorschläge einstimmig gebilligt wurden. Eine Diskussion über seine Vorschläge gab es nicht. Er bestimmte wie der Kaiser in der Spätantike, wer in die führende Gruppe kommt, die aus den höchsten Amtsträgern, ehemaligen und amtierenden, bestand. Durch die Ernennung zum hohen Amtsträger wie z.B. zum praefectus praetorio wurde man Mitglied dieser Gruppe. 3. Es gibt spätantike politische Phänomene, die sich deutlich in ihrer modernen Erscheinungsform von der in der Spätantike unterscheiden. Hier sei etwa auf den Staatsstreich verwiesen. Auf solche Phänomene wird oft in modernen Diskussionen zurückgegriffen. Das gängige Schlagwort dazu sind „Zustände wie im alten Rom“. Usurpationen folgen dem jeweils vorherrschenden Prinzip, Herrschaft zu legitimieren. Weil in der Moderne Herrschaft mit Wahlen übertragen wird, muß ein Usurpator nach der Übernahme der Macht sich durch Wahlen in seinem Amt bestätigen lassen. Das werden in der Regel manipulierte sein. Ob eine Usurpation überhaupt in einem politisch-institutionellen System möglich ist, hängt von diesem ab. Dieses kann sich aber ändern. So ist z.B. in der Bundesrepublik Deutschland vom System her sicher im Augenblick kein Staatsstreich möglich. Manipulierte Wahlen sind undenkbar, und die föderalistische Struktur erschwert eine illegale Übernahme der Macht erheblich. Alle zukünftige Entwicklung hängt aber immer von der gesellschaftlichen Entwicklung ab, die weniger steuerbar und voraussehbar ist, als man gemeinhin glaubt. Die Republik von Weimar endete in der Diktatur Hitlers. Die reine Form der Usurpation, die keine Umgestaltung der Führungsschichten in institutioneller oder personeller Hinsicht will oder auf eine der gesamten Gesellschaft abzielt, sondern nur wenige Personen austauscht, ist in der röm. Kaiserzeit und in der Spätantike gut er- Rom und seine Nachwirkungen 149 kennbar und macht einen wesentlichen Unterschied zur Moderne aus. Es ist eine Form des Machtwechsels in einem System, das einen solchen nicht zu Lebzeiten des Herrschers vorsieht und in der Kaiserzeit keine festgeregelte Nachfolge kennt. In der Spätantike erhebt der Kaiser einen Mitherrscher, einen tatsächlichen oder nominellen, der nachrücken kann. Gibt es einen solchen nicht, entscheiden die politisch einflussreichsten Persönlichkeiten, Amtsträger oder ehemalige Amtsträger, über einen Nachfolger. Sie verfügen über den notwendigen Einfluß, um ihn als Kaiser einsetzen und unterstützen zu können. Dennoch ist auch das spätantike System nicht frei von Usurpationen, denen aber fast immer ein dauerhafter Erfolg versagt blieb. Eine wirkliche Ausnahme bildet Konstantin, der durch eine Usurpation an die Macht kam. Er ließ sich nach dem Tode seines Vaters 306 von den Truppen zum Kaiser erheben, obwohl der Oberkaiser (Augustus) Galerius für die Regelung der Nachfolge zuständig gewesen wäre. Dieser erkannte dann Konstantins Erhebung an und legalisierte sie auf diese Weise. Er gestand ihm allerdings nur den Titel eines Unterkaisers (Caesar) zu. Auch die Migration ist ein spätantikes Phänomen, das sich vom modernen unterscheidet. Die Einwanderung der Barbaren, besonders an Rhein und Donau, ins röm. Reich war schon immer bedeutsam und ließ auch in der Kaiserzeit und der Spätantike nicht nach. Im Unterschied zu modernen Wanderbewegungen war sie aufs ganze gesehen zahlenmäßig sehr viel begrenzter und führte nur in den nördlichen Randregionen des Reiches dazu, daß sich die germanischen Sprachen durchsetzten. Religiös war die Migration an Rhein und Donau folgenlos, denn alle Barbaren wandten sich früher oder später der katholischen oder orthodoxen Kirche zu, soweit sie in deren Einflußbereich siedelten. Die Einwanderung barbarischer Minderheiten führte aber zum Zerfall des Reiches. Diese waren sehr aktiv und aggressiv. Ihre Ansiedelung seit dem Ende des 4.Jhd., ohne daß sie der römischen Verwaltung unterstanden, hatte zur Folge, daß sie nicht von dieser hinreichend erfaßt und kontrolliert wurden. 4. Die bewußte Gestaltung von politischen Institutionen nach antiken röm. Vorbildern und Rückgriffe auf einzelne antike Vorstellungen und Bewertung von Ereignissen, um politische Entscheidungen, die in VII. Rom und die Geschichte danach 150 Zusammenhang mit Herrschaft und großen politischen Entscheidungen stehen, sind auch seit der zweiten Hälfte des 18.Jhd.zahlreich. So stand die römische Republik Pate bei der Gestaltung der Verfassung der USA. Dies zeigt sich etwa in den checks and balances (gegenseitige Kontrollen und partielle Gleichgewichte). Sie rühmte der Historiker Polybios (um 200–um 120 v.Chr.) als besonderes Kennzeichen der röm. Verfassung und des Zusammenspiels ihrer Institutionen zur Zeit der Republik. Er steht dabei in der Tradition der griechischen Verfassungsdiskussion, die sich ausführlich etwa bei Aristoteles (384– 322 v.Chr.) in seinem Werk von der Politik findet. Dieser behandelt eingehend auch die Theorie der gemischten Verfassung, auf die Polybios bei seiner historischen Bewertung des republikanischen Roms zurückgreift und damit Rom zum möglichen Vorbild macht. In der Antike übernahm dann schon Cicero (106–43 v.Chr.) die Idee der Mischverfassung. Sie besteht aus monarchischen, aristokratischen und demokratischen Elementen. Polybios’ Darlegungen wurden in der amerikanischen Verfassungsentwicklung aufgegriffen und in die Praxis umgesetzt. So hat z.B. der Kongreß das Recht, Gesetze zu beschließen, die aber der Präsident mit seinem Veto blockieren kann. Um es außer Kraft zu setzen, ist eine Zweidrittelmehrheit in beiden Häusern des Kongresses nötig. Der Präsident ernennt die Richter des Obersten Gerichtshofes, benötigt aber für seinen Kandidaten die Zustimmung des Senates. Der Einfluß der röm. Republik in den politischen Institutionen der USA zeigt sich auch in vielen eher äußerlichen Dingen wie z.B. an der Bezeichnung Capitol für den Sitz von Repräsentantenhaus, Senat und Oberstem Gerichtshof. Weil man nicht deutlich zwischen röm. Republik und Kaiserzeit unterschied, ist röm. Geschichte auch aus der Übergangsphase beider Epochen und der Kaiserzeit greifbar. Sie wird etwa sichtbar in der Interpretation der eigenen Politik der USA wie z.B. im Großen Siegel oder einzelnen politischen Äußerungen. Erinnert sei an die Rede Roosevelts von 1940 zum Waffenstillstandstag am Ende des ersten Weltkrieges. Das Fortleben des röm. Rechtes ist nach der Spätantike in verschiedenen Etappen greifbar. Dieser Prozeß verlief aber auch regional sehr unterschiedlich. Das röm. Recht war ein wichtiges Element in der Rezeption der Antike, das aber im Rahmen dieser Darlegungen nicht Rom und seine Nachwirkungen 151 besonders berücksichtigt werden wird. Er bedürfte eines eigenen Kapitels. Es war bis zu seiner Ersetzung durch die modernen Gesetzbücher ein beherrschender Faktor und ist z.B. bei Neugestaltung des Rechtes vom Ende des 18.Jhd. an immer noch von großer Bedeutung. So leiten sich Bestimmungen des Allgemeinen Landrechts für die Preußischen Staaten von 1794 aus dem römischen Recht her und sind von dort in moderne Gesetzessammlungen übergegangen. Auf diese Weise hat es moderne Bestimmungen für die Verwaltung mitgeformt. Im Kampf gegen Personen, denen Streben nach der Alleinherrschaft oder tyrannisches Verhalten unterstellt wird, wird Caesar immer wieder als Beispiel für einen Tyrannen genommen. So wird etwa in der französischen Revolution Cato Uticensis als Kämpfer gegen den Tyrannen Caesar, der als Vorbereiter der Monarchie gesehen wird, gefeiert. Man muß den eigenen König als Tyrannen stürzen und die Monarchie beseitigen. Zugleich wird selbstverständlich damit auch deren Legitimation hinfällig. Auch die Mörder Lincolns setzten dessen Ermordung zu Caesar in Parallele. Lincoln war für sie wie Caesar der Tyrann, der ermordet werden mußte. Römische Geschichte wird generell für zahllose Vergleiche verwendet und als Beispiel gebraucht. Dies gilt allerdings auch für die antike Geschichte Griechenlands, wenn auch in beschränkterem Maß. Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike Mit der Gründung der USA begann die weitgehende Ablösung der monarchischen Herrschaftsform durch die moderne repräsentative oder parlamentarische Demokratie oder konstitutionelle Monarchien. Die demokratische Legitimation von Herrschaft, d.h. durch Wahlen durch die einzelnen Bürger, ist damals zum ersten Mal faßbar. Welche Lösungen bieten diese Demokratien an und welche Probleme stellen sich ihnen? Wie lassen sie sich sichern und entwickeln? Welche Beziehungen haben sie zu Rom und Griechenland. Mit diesen Überlegungen sollen das Kapitel und das Buch an ihr Ende kommen. VII. Rom und die Geschichte danach 152 In der Moderne ist die repräsentative oder parlamentarische Form der Demokratie institutionell ihre allein übliche Form, deren Ausgestaltung aber sehr verschieden ist. Sie kann z.B. als Ein- oder Zweikammersystem gestaltet sein. In der Schweiz oder den USA gibt es etwa zwei völlig gleichberechtigte Kammern. Dem Repräsentantenhaus entspricht in der Schweiz der Nationalrat, dem amerikanischen Senat der Ständerat, die Vertretung der Kantone, auch Stände genannt. In beiden Staaten wird in der sogenannten kleinen Kammer jeder einzelne Gliedstaat durch zwei Abgeordnete vertreten, unabhängig von seiner Bevölkerung. Dieses System findet sich z.B. in Italien nicht, wo beide Kammern zwar gleichwertig sind, aber die Mitglieder des Senates in ihrer überwiegenden Mehrheit auf regionaler Basis entsprechend der jeweiligen Bevölkerung gewählt werden. Die repräsentative Demokratie kann zudem durch basisdemokratische Elemente wie in der Schweiz auf allen Ebenen des Staates oder in etwa der Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten ergänzt sein. Das Einkammersystem findet sich z.B. in Norwegen oder Griechenland. Der Übergang zur repräsentativen Demokratie vollzog sich in Europa aber keineswegs reibungslos und gradlinig in der Form einer einfachen Ablösung der Monarchie. Ihre Beseitigung in Frankreich in der französischen Revolution war vorerst nicht von Dauer. Die Mehrheit der verbleibenden Monarchien wurden erst nach dem Ende des ersten Weltkrieges zu konstitutionellen, in denen der Monarch nicht mehr regierte. In den USA wurde die repräsentative Demokratie bis jetzt nie in Frage gestellt. Die Befreiung von der britischen Krone war verbunden mit der Entstehung eines neuen Staates. Es gab keine Sehnsucht nach einem König. Der indirekt vom Volk gewählte Präsident ersetzte den König. Das Zweikammersystem in den USA hat keinen Bezug zur Antike, sondern leitet sich vom englischen Vorbild her. Dies hatte sich seit dem 13.Jhd. entwickelt. Die Wahl der Vertreter in Repräsentantenhaus und Senat durch das Volk, d.h. durch die einzelnen Bürger, war dagegen eine ganz neue Entwicklung in den USA und ist nicht vorher greifbar. Man ging dabei von der Vorstellung der Identität des Willens der Wähler und Gewählten aus. So konnte Thomas Paine (1736/37–1809) etwas überspitzt behaupten, was Athen im Kleinen war, wird Amerika Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 153 im Großen sein, eine direkte Demokratie mittels der Vertreter des Volkes. Er stellte so einen Zusammenhang mit Athen her. Dieser Gedanke betraf keine Übernahme einer verfahrensrechtlichen oder institutionellen Regelung aus der athenischen Demokratie. Er stellte lediglich die indirekte Demokratie in den USA auf eine Stufe mit der direkten in Athen. Die repräsentative Demokratie als Lösung für ein großes Land. Die römische Antike spielte dagegen bei der institutionellen Ausgestaltung der amerikanischen Verfassung eine wichtige Rolle, wie schon erwähnt. Man griff auf die röm. Republik zurück. So finden sich die berühmten „Checks and Balances“ nicht so ausdrücklich in den Verfassungen anderer repräsentativer Demokratien. Ein wichtiger Schritt in der Ausbreitung der repräsentativen Demokratie bildete das Ende des ersten Weltkrieges. Damals setzte sie sich weitgehend durch, bald gefährdet allerdings durch Regime mit diktatorischem Charakter, wie Italien, Deutschland oder Spanien zeigen. Die kommunistische Diktatur schloß mehr oder weniger direkt an die monarchische Herrschaft im Zarenreich an. Die weitere Entwicklung der repräsentativen Demokratie steht erst am Anfang, wenn man die Dauer betrachtet, während der die Monarchie und die in ihrem Namen getroffenen Regelungen für die Weitergabe der Herrschaft als Legitimationsprinzip unbestritten waren. Die moderne institutionelle Form der repräsentativen Demokratie steht in keiner längeren Tradition, sicher jedenfalls in keiner antiken, wenn man von der amerikanischen Verfassung absieht. Zwar beruft man sich auch für die Demokratie auf die Antike, aber auf die griechische, insbesondere auf Athen in der zweiten Hälfte des 5.Jhd. Die athenische Demokratie in dieser Zeit ist aber basisdemokratisch. Die letzte Entscheidung aller Fragen lag bei der Volksversammlung, nicht bei einer Versammlung gewählter Vertreter. Die Wahl der Amtsträger war zudem nur eine Möglichkeit, Herrschaft zu übertragen. Daneben spielte das Los eine sehr wichtige Rolle, um Amtsträger zu bestimmen. So wurden die Mitglieder des Rates erlost, ebenso die Archonten, die an der Spitze des Staates standen. Die modernen Demokratien mit ihren repräsentativen Systemen haben in der athenischen Demokratie kein eigentliches Vorbild in institutioneller und verfahrenstechnischer Hinsicht. Sie sind ein Schritt weg von der Antike. Lediglich Demokratien mit basisdemokratischen VII. Rom und die Geschichte danach 154 Elementen wie Sachabstimmungen oder Versammlungen, die in direkter Abstimmung Amtsträger wählen oder Beschlüsse fassen, stehen dem Vorgehen in der athenischen Demokratie näher. Sie finden sich in den sogenannten Landsgemeinden in der Schweiz, die es in einzelnen Kantonen gab. Heute gibt es sie auf kantonaler Ebene nur noch in Glarus und Appenzell Innerrhoden. Sie sind aber kein Rückgriff auf die athenische Volksversammlung, sondern sind ohne Bezug zu dieser im Spätmittelalter entstanden. Nicht eingegangen in die Welt der modernen Staaten sind die Zwischengewalten, die in der Spätantike entstanden und sich dem Einfluß des Staates entzogen. Es geht dabei um das Problem der Mediatisierung staatlicher Herrschaft. Diese Zwischengewalten verschwanden seit dem Beginn der frühen Neuzeit und wurden immer stärker in die staatliche Tätigkeit integriert. Sie betrafen z.B. einzelne Bereiche der Gerichtsbarkeit der Kirche, die Verfügungsgewalt der Grundherrn über die von ihnen abhängigen Bauern und die fehlenden staatlichen Kommandostrukturen im Militärwesen. Wieweit das neue Rechtfertigungsprinzip frei von größeren Problemen bleibt, ist noch durchaus offen. Diktatoren wie Hitler und Mussolini nach dem ersten Weltkrieg beriefen sich auch auf den Willen des Volkes. Ihre Herrschaft beruhte nicht auf kleinen Minderheiten, sondern sie genossen bei ihrer Einrichtung und auch noch später die Unterstützung großer Teile der Bevölkerung. Sie mißbrauchten allerdings die einmal übertragene Macht und stellten sie auch nicht mehr in einer freien Wahl zur Disposition. Franco hingegen ließ sich niemals durch Wahlen legitimieren, sondern berief sich zur Rechtfertigung seiner Herrschaft auf den Willen Gottes und stellte besonders seine Person in den Mittelpunkt. Die Regierung der DDR hatte niemals eine hinreichende Unterstützung durch die Bevölkerung und blieb auf die durch die Sowjetunion angewiesen. Die Wahlen waren so weitgehend manipuliert, daß sie keine legitimierende Wirkung entfalten konnten. Das Problem der Teilhabe an politischen Entscheidungen ist auch in modernen repräsentativen Demokratien nicht zufriedenstellend gelöst. Die Entscheidungen der Abgeordneten der Parlamente sind bindend. Wie weit sich z.B. Mandatsträger, die unliebsame Entscheidungen getroffen haben, bei den nächsten Wahlen ersetzen lassen, hängt Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 155 unter anderem vom Wahlrecht ab. Mit Kandidatenlisten ohne Präferenzen z.B. kann man nur Parteien wählen. Wer auf der Liste steht, entscheidet nicht der Wähler, sondern die Parteiführung. Ebenso ist die Einteilung der Wahlkreise ein geeignetes Mittel, um Mehrheiten zu gewinnen oder zu erhalten, oder die Entscheidung zwischen Majorz- oder Proporzsystem. Diese Fragen werden in Wahlgesetzen geregelt, zu denen die Bürger normalerweise nichts zu sagen haben. Der Anteil der Bürger an der Politik war und ist dabei in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich. Die früheren Beschränkungen des Wahlrechtes so etwa auf die Männer gibt es zwar nicht mehr, aber es stehen der Teilhabe der Bürger doch zum Teil beträchtliche Hindernisse im Weg. Die Frage, wer die Kandidaten aufstellt, ist in der Regel nicht zu Gunsten der Bürger gelöst, sondern wird von den politischen Eliten geregelt. Ebenso werden Minderheiten, insbesondere sprachliche, aber auch solche anderer Art wie religiöse, keineswegs immer geschützt, und ihre Interessen werden oft nicht berücksichtigt. Sie sind häufig ungenügend vertreten und können vielfach benachteiligt sein. In welcher Sprache z.B. müssen sie sich vor Gericht ausdrücken? Dürfen sie generell ihre Muttersprache verwenden? Wird diese an der Schule unterrichtet? Auch die Meinung derer, die Wahlen oder Sachabstimmungen verlieren, sollte berücksichtigt werden, was institutionell nicht zu regeln ist, sondern von der politischen Kultur abhängt. Unberücksichtigt in den institutionellen Regelungen bleiben in der Regel auch die vielfältigen Formen der Einflussnahme auf die Entscheidungen der Gewählten. Parteien, gut organisierte Gruppen wie Verbände, große Konzerne und Einzelpersonen von großem politischen oder wirtschaftlichem Gewicht können die postulierte Identität von Volkswillen und Willen der Gewählten immer mehr in den Bereich der Fiktion verschieben. Demonstrationen sind zwar in modernen funktionierenden Demokratien gestattet, sogar als Recht formuliert, haben aber keine bindende Wirkung und können lediglich politische Signale aussenden. Auch dort, wo über Sachfragen wirkungsvoll entschieden werden kann, also keine weiteren Bedingungen wie eine Mindeststimmbeteiligung, ein Quorum, solche Abstimmungen von vornherein zum Scheitern VII. Rom und die Geschichte danach 156 verurteilen, bleibt die Frage, mit welchen Mitteln man die, die stimmen dürfen, für eine Sachfrage interessieren kann. Was nicht von einer hinreichenden Menge der Wahlberechtigten als wichtiges Problem wahrgenommen wird, obwohl es eines ist, kann nicht mit Erfolg zur Abstimmung gebracht werden. Man denke z.B. an die Frage des Klimawandels. Wenn zu seiner Bekämpfung Umstellungen des Lebenswandels notwendig werden oder ökonomische Einbußen drohen, gibt es kaum Mehrheiten bei Sachabstimmungen dazu. Institutionelle Regelungen können immer nur den Rahmen für politische Entscheidungen schaffen, lösen aber keine inhaltlichen Probleme politischer Art. Mehr Teilhabe bedeutet auch immer mehr Aufwand für die Politiker. Es ist schwierig, von einer Vielzahl von Meinungen zu einer Lösung zu gelangen, die für weitgehend alle annehmbar ist. Entscheidungen durch einfache Mehrheiten, die die Minderheit akzeptieren muß, sind einfacher zu finden. Zudem führt die fortschreitende Individualisierung zu immer grö- ßerer Vielfalt der Meinungen und zum Verzicht der einzelnen auf die Übersicht über das Ganze. Warum soll man Teilhabe wollen, wenn man sich in der Welt einrichten kann und damit zufrieden ist. Man wird davon ausgehen können, daß Teilhabe an der Politik und an politischen Entscheidungen nicht ohne weiteres erstrebt und mehrheitlich auch gar nicht gesucht wird. Der Wille dazu hängt sehr von der Tradition und politischen Kultur ab. In modernen repräsentativen Demokratien genügt den meisten das Wahlrecht für die Parlamente. Eine lange monarchische Tradition etwa und eine gewisse Größe eines Landes sind einem Wunsch nach Teilhabe nicht förderlich. Der Wunsch nach Teilhabe an politischen Entscheidungen ist auch bei denen, die generell daran interessiert sind, keineswegs immer in gleicher Intensität vorhanden. Unmut über die ausgeübte Herrschaft oder über einzelne getroffene Entscheidungen entsteht in der Regel erst, wenn die Politik unbeliebte Entscheidungen trifft oder auf Probleme nicht reagiert, die als solche wahrgenommen werden. Dann entwickelt sich spontan Unzufriedenheit und der Wunsch nach Teilhabe, dessen Ausmaß schwer vorhersehbar ist. In verschiedenen Staaten unterschätzte die Politik etwa lange Zeit den Unmut über die Zuwanderung Fremder. So wurde die Abstimmung über den Austritt Großbri- Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 157 tanniens aus der EU zu einer über die Zuwanderung und brachte die Politik in Schwierigkeiten. Teilhabe an der Politik ist auch an Information gebunden. Ohne sie bleibt Teilhabe ziellos. Die Möglichkeit, sich zu informieren, und die Ausgestaltung der Information sind wesentlich für die Teilhabe an der Politik. Teilhabe an der Politik in demokratischen Staaten ist auch an soziale und wirtschaftliche Entwicklungen gebunden. Sie ist darauf angewiesen, daß eine wie auch immer geartete Mittelschicht vorhanden ist. Sie funktioniert nicht, wenn wenige Reiche zahllosen Armen gegen- überstehen, die vor allem an ihr physisches Überleben denken müssen. Teilhabe ist daher auch nur möglich, wenn ein gewisses wirtschaftliches Niveau erreicht ist, das die Demokratie als Grundlage für den persönlichen Erfolg in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht erscheinen läßt. Ohne wirtschaftlichen Erfolg, wie begrenzt er auch immer sein mag, kann Demokratie als Institution nicht überleben. Das gilt übrigens auch für andere Formen der Herrschaft, nur können sich diese einfacher als die Demokratie mit Gewaltanwendung an der Macht halten und sind dabei recht erfolgreich. In einer gut gestalteten Form der Teilhabe ließe sich eine Lösung für das Verhältnis von Herrschaft und Gehorsam finden, jedenfalls für diejenigen, die Probleme mit dem Gehorsam haben, aber sie nicht dadurch lösen wollen, daß sie einen Ausweg suchen, um unangenehme Forderungen des Staates zu umgehen, also etwa bei der Steuer darauf sehen, ob sie sie hinterziehen können, ohne dabei ertappt zu werden. Rechtfertigung der jeweiligen Form von Herrschaft oder eines bestimmten Herrschers vollzieht sich immer auf Grund und im Rahmen institutioneller Regelungen. So wird ein Präsident der USA nach bestimmten Regeln gewählt und hat so das Recht zu regieren. Diese Rechtfertigung und ihre institutionelle Absicherung können in Gefahr geraten, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern. So hatte der wirtschaftliche Niedergang der Bauern, die in der klassischen röm. Republik als Legionäre dienten und deren weitgehender Ersatz durch Freiwillige aus unteren Schichten, die ein sehr niedriges oder gar kein Einkommen oder Vermögen hatten, einen Wandel in den Beziehungen der Bürger zu den Institutionen und deren Vertretern zur Folge. Es entstand eine Gruppe von Bürgern, die zu einzelnen Heerführern ein VII. Rom und die Geschichte danach 158 engeres Verhältnis als zu den jährlich wechselnden consules hatten und die darauf angewiesen waren, daß sich ihre Kommandanten nach der Entlassung aus dem Dienst um sie kümmerten. Sie hatten ja keinen Bauernhof, auf den sie zurückkehren konnten. So konnten neue Loyalitäten entstehen, die sich in innenpolitischen Auseinandersetzungen gebrauchen ließen. Die Wahl der consules wurde weniger wichtig. Dies begünstigte den Aufstieg politischer Führer, die nicht mehr vom Senat kontrolliert werden konnten und die auch ohne die Rechtfertigung ihrer Stellung durch die vorgesehenen Wahlen nach der Herrschaft zu greifen wagten. Ebenso besteht auch in modernen Staaten die Gefahr, daß gesellschaftliche Veränderungen wie das Erstarken extremer Gruppen z.B. auf Grund negativer wirtschaftlicher Entwicklungen zu einem schlechten Funktionieren institutioneller Regelungen führt und diese unbedeutend oder sogar unwirksam macht. Auf diese Weise kann etwa in einem System, das keine Staatsstreiche kennt, auf einmal ein solcher auftreten. Nicht umsonst sucht man etwa in der BRD solchen Entwicklungen mit dem Verfassungsschutz entgegen zu treten. Auch dessen Wirksamkeit ist aber an ein Minimum normalen Funktionierens staatlicher Ordnung gebunden. Zudem hängt er politisch von den Parteien ab, die als systemtragend gelten oder sich so sehen. Solche gesellschaftlichen Veränderungen und besonders ihre Auswirkungen sind nur schwer vorhersehbar. Wir wissen daher nicht, wohin der Weg geht. Eine Gesellschaft verändert sich ständig, aber nur selten haben jene Veränderungen gravierende Folgen für die Institutionen und deren Gewicht. Von vornherein ist nicht erkennbar, ob die führenden Personen solcher Bewegungen fähig sind, das Spiel der politischen Kräfte in ihrem Sinn zu beeinflussen. So ist z.B. bei der Neugründung von Parteien nicht ohne weiteres vorhersehbar, ob sie und ihre Führer entscheidendes Gewicht erlangen werden. Meistens gelingt dies nicht. In demokratischen Systemen behilft man sich mit dem Rechtsstaat und mit Machtbalancen, um gefährliche Personen, die ordentlich gewählt wurden, in Schranken zu halten und am Mißbrauch ihrer Befugnisse zu hindern. Ob dies genügt, bleibt eine offene Frage. Die Exekutive ist fast immer einen Schritt voraus. Sie kann schneller handeln als jede kontrollierende Instanz, in der Regel die Legislative. Wie viel ihr Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 159 als Notrecht zugestanden wird, ist sehr wichtig. Davon hängt ab, ob sie die Legislative und die Judikative ausspielen kann und frei ist zu handeln. Vielleicht wichtiger als jedes Legitimationsprinzip und dessen institutionelle Ausgestaltung ist die politische Kultur in jeder Form der Herrschaft. Wie geht man miteinander um? Welche Mittel werden in der politischen Auseinandersetzung verwendet? Das gilt für beide Seiten, für die, die herrschen, und für die, die daran Kritik üben und den Herrschenden nicht gehorchen wollen. Ihr Verhalten steht in einem dialektischen Verhältnis. Meistens ist kaum mehr feststellbar, wer zuerst Grenzen überschritten hat. Die politische Kultur hängt nur zum Teil von der Form der Legitimation und den institutionellen Gegebenheiten ab. Auch in demokratisch organisierten Staaten kann sie schlecht sein. Das Streben nach Herrschaft kann die, die sie erlangen oder die, die sie behalten wollen, erfinderisch machen, um geltende Regeln des Verhaltens im Umgang miteinander zu umgehen und außerordentliche Maßnahmen zu rechtfertigen. Sie suchen in diesem Fall keine Lösungen für Probleme, sondern nur jede Möglichkeit, um zur Herrschaft zu gelangen oder diese zu behalten. Es beginnt mit Beschimpfungen, Sachbeschädigungen, Drohungen, der Unterdrückung anderer Meinungen und kann bei der physischen Beseitigung politischer Gegner enden. Sind beide Seiten dorthin gelangt, kann man kaum noch unterscheiden, wen man bevorzugen soll. Politische Kultur in einem solchen Zustand ist nur schwer zu verändern. Es ist sehr fraglich, ob politische Kultur sich dauerhaft zum Besseren entwickeln kann. Es ist eine Hoffnung, die der Zeitgebundenheit alles Politischen und seinem steten Wandel widerspricht. Wahrscheinlich gibt es in Bezug auf die politische Kultur nur glücklichere und weniger glückliche Zeiten, wobei die letzteren überwiegen. VII. Rom und die Geschichte danach 160 Bibliographische Hinweise M. Becher, „Herrschaft“ im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter. Von Rom zu den Franken. 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Daneben wurden vor allem Handbücher und Lexikonartikel, auch in Online-Fassungen, beigezogen, wenn die Kenntnisse des Autors ungenügend waren, so etwa das Historische Lexikon der Schweiz und das Lexikon des Mittelalters. VIII. Bibliographische Hinweise 163

Zusammenfassung

Herrschaft, in unserer Welt der Staat, bestimmt unser Leben in entscheidender Weise. Sie verlangt Zustimmung oder wenigstens Duldung und Gehorsam. Herrschaft wird vor allem dann spürbar, wenn wir den Forderungen, die sie stellt, und den Regeln, die sie setzt, nicht zustimmen können. Wir stellen aber dann fast immer nicht die jeweilige Form der Herrschaft oder die Art ihrer Ausübung in Frage, machen nicht sie verantwortlich für unsere Schwierigkeiten, versuchen nicht, sie zu verändern, sondern suchen einen Ausweg für ein konkretes Problem. Sind die Steuern oder Abgaben, die ein sehr wichtiges Element von Herrschaft sind, zu hoch, versuchen wir nicht, die Steuersätze oder gar das politische System zu ändern, sondern manche hinterziehen sie eher, wenn möglich.

Formen und Institutionen von Herrschaft und deren Rechtfertigung im politischen Alltag entwickeln sich in langen Zeiträumen. In Europa war monarchische Herrschaft bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 die Regel. Sie nahm ihren Anfang in Rom kurz vor Christi Geburt, und erstmals wurde zu ihr in der Verfassung der Vereinigten Staaten ein historisch bedeutsames Gegenmodell entwickelt.

Zustimmung und Gehorsam zu staatlichen Regelungen und Anweisungen werden in diesem Buch als Ergebnis historischer Entwicklungen dargestellt. Deren Verständnis ist wesentlich für jede politische Diskussion und Veränderung.

References
VIII. Bibliographische Hinweise https://doi.org/10.1515/9783486779486-001
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Zusammenfassung

Herrschaft, in unserer Welt der Staat, bestimmt unser Leben in entscheidender Weise. Sie verlangt Zustimmung oder wenigstens Duldung und Gehorsam. Herrschaft wird vor allem dann spürbar, wenn wir den Forderungen, die sie stellt, und den Regeln, die sie setzt, nicht zustimmen können. Wir stellen aber dann fast immer nicht die jeweilige Form der Herrschaft oder die Art ihrer Ausübung in Frage, machen nicht sie verantwortlich für unsere Schwierigkeiten, versuchen nicht, sie zu verändern, sondern suchen einen Ausweg für ein konkretes Problem. Sind die Steuern oder Abgaben, die ein sehr wichtiges Element von Herrschaft sind, zu hoch, versuchen wir nicht, die Steuersätze oder gar das politische System zu ändern, sondern manche hinterziehen sie eher, wenn möglich.

Formen und Institutionen von Herrschaft und deren Rechtfertigung im politischen Alltag entwickeln sich in langen Zeiträumen. In Europa war monarchische Herrschaft bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 die Regel. Sie nahm ihren Anfang in Rom kurz vor Christi Geburt, und erstmals wurde zu ihr in der Verfassung der Vereinigten Staaten ein historisch bedeutsames Gegenmodell entwickelt.

Zustimmung und Gehorsam zu staatlichen Regelungen und Anweisungen werden in diesem Buch als Ergebnis historischer Entwicklungen dargestellt. Deren Verständnis ist wesentlich für jede politische Diskussion und Veränderung.