Content

V. Herrschaft in der Kaiserzeit in:

Joachim Szidat

Herrschaft und Gehorsam, page 77 - 102

Historisches und Aktuelles

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4337-0, ISBN online: 978-3-8288-7317-9, https://doi.org/10.5771/9783828873179-77

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Herrschaft in der Kaiserzeit Die Übernahme und Neugestaltung der Herrschaft durch Augustus Als Beginn der römischen Kaiserzeit gilt der Januar 27 v.Chr., als Augustus in zwei oder drei Senatssitzungen die Herrschaft in neuer Form übertragen bekam. Seitdem spricht man von ihm und seinen Nachfolgern als princeps und von der Kaiserzeit als Prinzipat. In der üblichen Periodisierung der röm. Geschichte dauerte die Kaiserzeit bis 235 n.Chr. Ihr schloß sich eine Übergangsphase an, eine Zeit der Krise, ehe 284 die Spätantike begann. Augustus stützte sich auf kein vorhandenes republikanisches Amt als institutionelle Grundlage seiner Herrschaft. So bekleidete er den Konsulat nur bis 23 v.Chr. ständig. Er hatte ihn schon vor 27 v.Chr., 43 v.Chr. und 33 v.Chr. (nur einen Tag am 1.1.) und dann jedes Jahr von 31 v.Chr. an innegehabt. Nach 23 v.Chr. war er nur noch zweimal consul, nämlich 5 v.Chr. und 2 v.Chr. Er schuf auch kein neues Amt mit umfassenderer Macht, als sie der Konsulat gab, oder gestaltete eine vorhandene außerordentliche Gewalt um, wie es Sulla oder Caesar mit der dictatura gemacht hatten. Sie hatten aus ihr, zu der man in besonderen außenpolitischen Notlagen griff, eine außerordentliche Gewalt zur Lösung innerer Probleme gemacht, deren Bekleidung sich beliebig verlängern ließ. Wäre Augustus so vorgegangen, hätte er die republikanische Ordnung aufgehoben, die wiederhergestellt zu haben und zu erhalten er vorgab. Er bediente sich stattdessen der Stellung des princeps. Der Prinzipat war keine Institution, kein Amt, das zu den vorhandenen Magistraturen trat und über ihnen stand. Diese blieben erhalten. Der princeps zeichnete sich vor den republikanischen Amtsträgern wie den Konsuln oder Prätoren durch eine Reihe von besonderen Rechten, Aufgaben und Ehrungen sowie durch seine größere auctoritas, sein höheres Ansehen, verbunden mit größerem politischem Gewicht, aus. Seine auctoritas gab seinen Meinungsäußerungen eine zentrale Bedeutung. Ihnen nicht zu folgen war ein Bruch der allgemeinen Zustim- V. 77 mung zu seiner Herrschaft und konnte als Anfang eines Aufruhrs betrachtet und entsprechend bestraft werden. Die Herrschaft des princeps war zwar institutionell durch besondere Rechte, Aufgaben und Ehrungen gesichert, bedurfte aber immer wieder der Zustimmung (consensus) der entscheidenden Gruppen, nämlich der Armee, des Senates und der stadtrömischen Bevölkerung, der plebs urbana. Die besondere Stellung des princeps und das besondere Gewicht seiner Meinung mußten immer wieder von neuem durch eine geschickte Politik errungen werden und konnten in Frage gestellt werden. Eine institutionell gesicherte Legitimierung seiner Stellung etwa durch Wahl oder Erbfolge gab es nicht. Die Übertragung der besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen war ein längerer Prozeß, in dem der Januar 27 v.Chr. den Beginn und zugleich eine der wichtigsten Etappen darstellt. Damals fanden zwei oder drei Senatssitzungen statt, die die Entwicklung des Prinzipats einleiteten. Eine weitere wichtige Etappe bildet das Jahr 23 v.Chr. Unter den Rechten und Aufgaben, die der princeps übertragen bekam, waren zwei von besonderer Bedeutung, nämlich der Befehl über fast alle römischen Legionen, den er 27 v.Chr. erhielt, und die tribunicia potestas, die er 23 v.Chr. bekam. Der Befehl über die meisten Legionen wurde ihm durch die Zuweisung der Provinzen zuteil, in denen diese stationiert waren. Bei diesen Provinzen handelte es sich um die, die als noch nicht befriedet galten und in denen fast alle Legionen, die das Rückgrat der Armee bildeten, stationiert waren. Bei der Aufteilung der damals 17 Provinzen erhielt Augustus acht für eine Dauer von zehn Jahren zugewiesen. Dieses Kommando wurde dann immer wieder verlängert. Die zeitliche Beschränkung sollte den Eindruck erwecken, daß die Zuteilung der Provinzen an Augustus nur vorübergehenden Charakter habe und ihre Rückgabe erfolgen werde, sobald sie befriedet seien. Unter den Provinzen, die Augustus erhielt, war etwa der von Caesar eroberte Teil Galliens und das Gebiet der heutigen Provence, die Gallia Narbonnensis. Er gab die letztere schon im Jahre 22 v.Chr. wieder an den Senat zurück. Der Senat übernahm die übrigen neun Provinzen. In ihnen waren nur noch in der Provinz Africa proconsularis, die etwa das Gebiet des heutigen Tunesien umfaßte, eine Legion und in der Provinz Macedonia vier oder fünf Legionen stationiert. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 78 Augustus nahm die Verwaltung seiner Provinzen durch Statthalter wahr, die er ernannte und die mehrheitlich aus dem Senatorenstand stammten, in Ägypten amtete ein ritterlicher Statthalter, ein praefectus. Die senatorischen Statthalter der kaiserlichen Provinzen nannten sich legati Augusti pro praetore, Beauftragte des Kaisers im Range eines propraetors. Es gab aber auch schon bald mehr Statthalter ritterlicher Herkunft. Der bekannteste ist Pontius Pilatus, der praefectus Iudaeae, unter Tiberius. Unter ihm wurde Christus gekreuzigt. 23 v.Chr. bekam Augustus die tribunicia potestas übertragen. Sie war die Amtsgewalt eines Tribunen, nicht das Amt. Sie wurde dahingehend erweitert, daß Augustus das Recht erhielt, jederzeit eine Senatssitzung einberufen zu können und jede Angelegenheit, die er für wichtig hielt, zur Sprache zu bringen. Durch diese Amtsgewalt konnte der princeps die Innenpolitik entscheidend beeinflussen. Zu diesen beiden Sonderrechten traten andere, die weniger entscheidend oder auch umstritten sind. Soweit es nötig war, wurden diese Beschlüsse des Senates von 27 und 23 v.Chr. durch die Volksversammlung bestätigt. Von besonderer Bedeutung war auch der ihm 27 v.Chr. vom Senat verliehene Ehrentitel Augustus, der ihn weit über alle anderen heraushob. Die Beschlüsse von 23 v.Chr. ergaben sich aus der Notwendigkeit, an Stelle der ständigen Bekleidung des Konsulates, die Unwillen hervorgerufen hatte, andere Regelungen zu setzen, die Augustus erlaubten, die Innenpolitik in seinem Sinn zu steuern. Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps Eine wesentliche Grundlage seiner Macht waren die Soldaten, vor allem die, die in Einheiten dienten, die sich aus römischen Bürgern rekrutierten oder deren Mitglieder wenigstens als Römer galten. Es handelt sich dabei um die Prätorianer, die in Rom ihr Lager hatten, und die kaiserliche Garde bildeten, sowie die Legionen, die wie erwähnt weitgehend in den Provinzen, für die der Kaiser zuständig war, stationiert waren und ihm unterstanden. Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps 79 Um den Rückhalt bei den Soldaten zu erhalten, mußte er die Bedingungen für den Dienst und die Versorgung danach so gestalten, daß er ihre Loyalität nicht verspielte. Verlor er die Kontrolle über die Legionen, konnte seine Stellung durch einen Usurpator in Frage gestellt werden. Der Statthalter einer Provinz, der sich auf unzufriedene Legionäre stützen konnte, mußte ihm nur den Gehorsam aufkündigen. Erstmals geschah dies 68 n.Chr., als sich zu Anfang des Jahres der Statthalter der Provinz Gallia Lugdunensis C.Iulius Vindex gegen Nero erhob. Sein Aufstand wurde zwar niedergeschlagen, aber die unklare Situation danach führte dazu, daß sich C. Sulpicius Galba, der Statthalter der Provinz Hispania Terraconensis, von Nero abwandte. Andererseits war allein mit einem loyalen Heer in den Provinzen die Herrschaft nicht zu sichern, sondern die Politik des princeps mußte sich auch immer um das Wohlwollen der Prätorianer in Rom, um die kaiserliche Garde, bemühen. Neben den Legionen in den Provinzen und den Prätorianern in Rom galt es für den princeps, bei den politisch führenden Schichten, den Senatoren und Rittern, und in Rom bei der plebs urbana, der stadtrömischen Bevölkerung, Zustimmung zu finden. Ob die stadtrömische Bevölkerung mit der Politik des princeps einverstanden war. hing weitgehend von den Maßnahmen ab, die er zu ihren Gunsten traf. Vor allen Dingen die Versorgung mit preisgünstigen Lebensmitteln und ihre Unterhaltung mußten gewährleistet sein, daher das berühmte Wort von Brot und Spielen (panem et circenses). Politische Mitbestimmung und Teilnahme an Entscheidungen interessierten die plebs urbana nicht. Wenn sie ein Anliegen hatte, konnte sie durch Rufe bei den Wagenrennen im Zirkus, dem Circus Maximus am Fuß des Palatins, darauf verweisen. Der Kaiser zeigte sich bei den Wagenrennen häufig dem Volk in seiner Loge, die er von seinem Palast auf dem Palatin direkt erreichen konnte. Erst wenn der princeps auf die Wünsche der plebs urbana nicht reagierte, bestand die Gefahr, daß es zu Demonstrationen kam und die Situation außer Kontrolle geriet. Die Stimme der plebs urbana ersetzte in gewisser Weise die Entscheidungen der comitia und die Diskussionen in den contiones, den Versammlungen, in denen man diskutieren konnte. Die comitia dauerten zwar fort, um Gesetze zu beschließen, und zwar möglicherweise bis an das Ende des 2.Jhd. oder sogar noch darüber hinaus. Die Mög- V. Herrschaft in der Kaiserzeit 80 lichkeit zur Ablehnung der eingebrachten Gesetzesanträge wurde aber immer geringer. Die Wahlen der Magistrate gingen schon unter Tiberius (14–37 n.Chr.) an den Senat über. Die comitia nahmen nur noch zustimmend von ihnen Kenntnis. Der princeps und seine Vorschläge waren also entscheidend, und die Zustimmung der comitia scheinen einem modernen Betrachter eine reine Formsache. Dahinter verbirgt sich aber eine vom princeps gewollte politische Aussage. Herrscher und Beherrschte bilden eine Einheit. Das römische Volk außerhalb Roms hatte überhaupt keine Stimme mehr von Gewicht und konnte seinen Willen noch nicht einmal im Zirkus oder mit anderen Formen des Protestes ausdrücken. Die Bürger, die in den Legionen dienen mußten, bestimmten die Politik nicht mehr mit, waren aber durch die immer noch vorhandene Möglichkeit ausgehoben zu werden, zum Dienst verpflichtet. Lediglich ihre Entschädigung nach der Dienstzeit bildete kein politisches Problem mehr. Sie war durch den princeps garantiert. Daß die comitia bedeutungslos wurden, war eine Entwicklung, die in der späten Republik begonnen hatte, und in der Kaiserzeit zum Abschluss gelangte. Solange Rom der Sitz des Kaisers war, was bis zu Severus Alexanders Tod 235 n.Chr. die Regel war, konnte Unzufriedenheit der plebs urbana, die zu Unruhen führten, die kaiserliche Herrschaft gefährden. Demonstrationen der stadtrömischen Bevölkerung, der plebs urbana, konnten die Lage in Rom schnell außer Kontrolle geraten lassen. Zwar konnte der Kaiser gegen die Unruhestifter die Praetorianer, die kaiserliche Garde, oder andere Ordnungskäfte wie die cohortes urbanae, eine Art Polizeitruppe, oder die cohortes vigilum, die Feuerwehrleute, einsetzen, mußte aber damit rechnen, daß deren Loyalität bei einem längeren Einsatz zu wanken begann und damit die Herrschaft des princeps in Gefahr geriet. Daß sich die Prätorianer vom regierenden Kaiser abwandten, geschah erstmals beim Sturz Neros 68 n.Chr., als dessen Lage aussichtslos geworden war. Die Truppen im Norden und Westen waren alle von ihm abgefallen. Von sich aus aktiv wurde die Garde beim Sturz Galbas 69 n.Chr. Sie erhoben gegen ihn Otho und ermordeten Galba. Caligulas Ermordung am 24.1.41 n.Chr. wurde zwar auch schon von Tribunen der Garde vorgenommen, gehört aber in den Rahmen einer größeren Verschwörung. 97 n.Chr. zwangen die Prätorianer den Kaiser Nerva zur Hinrichtung der Mörder Domitians. Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps 81 Er war 96 ermordet worden. Dies hatte indirekt zur Folge, daß Nerva Trajan, den damaligen Statthalter der Provinz Obergermanien, adoptieren mußte, um seine Herrschaft zu sichern. 193 stürzten die Prätorianer Commodus und erhoben Pertinax, den sie aber nach drei Monaten ermordeten (31.12.192–28.3.193). Ihm folgte für wenige Monate Didius Julianus. Auch ihn erhoben die Prätorianer. In anderen Städten, auch in den großen und wichtigen wie z.B. in Antiochia am Orontes in Syrien, dem heutigen Antakya in der Türkei, oder Alexandria in Ägypten, war das Verhalten der Bevölkerung kaum von Bedeutung für die Herrschaft des princeps. Es wurde es erst dann, wenn die kaiserliche Herrschaft durch einen Usurpator auf die Probe gestellt wurde. Als sich Pescennius Niger 193 zum Kaiser ausrufen ließ, war Antiochia für diesen ein wichtiges Zentrum seiner Macht. Ohne die Zustimmung oder wenigstens Duldung der dortigen Bevölkerung wäre dies nicht möglich gewesen. Niger mußte also um das Wohlergehen der Bevölkerung in Antiochia besorgt sein. Die Loyalität der Bevölkerung insgesamt wurde erwartet. Hierbei spielte es bis 212, als alle Freien das röm. Bürgerrecht erhielten, keine Rolle, ob es sich um Römer oder andere freie Reichsbewohner handelte. Man erwartete ihre Zustimmung zur Form der Herrschaft, zum Prinzipat, und zum jeweiligen Herrscher. Sie wurde gefordert und auf jede Weise gefördert. Sie war von großer Bedeutung, denn nur so konnte das Reich Bestand haben. Die militärischen Möglichkeiten hätten niemals ausgereicht, um die Herrschaft des princeps zu sichern. Neben der politischen Beeinflussung der Bevölkerung, die den Prinzipat generell und den jeweiligen princeps als Garanten des Wohlergehens und des Friedens pries, war es die Politik gegenüber den Bewohner der Provinzen, die die Zustimmung förderte. Sie wandelte sich im Prinzipat deutlich. Die Provinzbewohner waren jetzt nicht mehr in erster Linie Objekte, an denen sich die Statthalter bereichern konnten. Die Statthalter mußten sich um Ordnung und Wohlergehen in den Provinzen kümmern. Auch die führenden Schichten mußte der princeps an sich binden und ihre Loyalität sichern. Fast ausschließlich Senatoren waren in den ersten zwei Jahrhunderten die Statthalter der Provinzen, und sie durften in ihrer Loyalität nicht wankend werden. Die Senatoren wurden vom princeps mit Prestige und Sonderrechten bedacht. So mußten sie V. Herrschaft in der Kaiserzeit 82 sich nicht vor normalen Gerichten verantworten, sondern vor einem, das aus Mitgliedern ihres Standes bestand. Die Senatoren wurden zu einem Stand mit festen Kriterien. So war etwa ein bestimmtes Vermögen verlangt, um zu diesem Stand zu gehören. Zugleich wurde die Zugehörigkeit zum Senatorenstand im Lauf des frühen Prinzipates erblich. Die hohe soziale Stellung einer Familie war so für Generationen gesichert. Die Zahl der Mitglieder des Senates, der Körperschaft, die sich zu den Beratungen versammelte, nicht die des Standes, wurde auf etwa 600 Personen beschränkt, nachdem sie in den letzten Jahren der Republik erheblich größer gewesen war. Sie betrug damals mehr als 1000 Personen. Die Beschränkung der Zahl der Mitglieder der Körperschaft steigerte das Prestige natürlich zusätzlich. In die Gegenrichtung entwickelte sich der politische Einfluß des Senates. Er ging deutlich zurück. Mit der Vorstellung, daß der einflußreichste Senator als princeps die politische Führung übernehmen sollte, war der Wettstreit unter den Senatoren um politischen Einfluß begrenzt. Man durfte untereinander in Konkurrenz treten, aber niemals mit dem princeps. Damit war gesichert, daß die Zustände der späten Republik nicht wiederkehrten, als die einflußreichen Personen um die Vorherrschaft im Staat rangen wie etwa Caesar mit Pompeius. Die Zusammensetzung des Senates konnte auf die Dauer vom Kaiser beeinflußt werden. Dieser konnte seine Gefolgsleute in ihn aufnehmen lassen, indem er in seiner Funktion als Zensor jemanden in den Senat aufnahm oder von seinem Vorschlagsrecht bei Beamtenwahlen Gebrauch machte und einen Kandidaten vorschlug, der noch nicht dem Senatorenstand angehörte, aber durch die Bekleidung des Amtes, das ihm übertragen wurde, in ihn aufstieg. Die neuen Mitglieder des Senates entstammten vorwiegend aus der Oberschicht der Städte und dem Ritterstand. Zugleich wurde auch den vornehmen und reichen Familien aus den Provinzen der Zugang zum Senatorenstand geöffnet. Berühmt ist der Entscheid des Kaisers Claudius 48 n.Chr., die einflußreichen und vermögenden Gallier aus dem von Caesar eroberten Teil Galliens, der Gallia comata, später tres Galliae, zur Bewerbung für senatorische Ämter zuzulassen (ius honorum). Diese Entwicklung führte dazu, daß die Senatoren, die nicht aus Italien stammten, unter Mark Aurel (161–180) in den Führungspositionen erstmals die Mehrheit er- Die sozialen Grundlagen der Herrschaft des princeps 83 langten. Die senatorische Führungsschicht vertrat so die Interessen des gesamten Reiches. Die Ritter profitierten auf die Dauer politisch stärker vom Prinzipat als die Senatoren. Für sie entstanden je länger je mehr neue Posten in der kaiserlichen Verwaltung und im Heer, die für viele ungeahnte Karrieremöglichkeiten boten und den sozialen Aufstieg garantierten. Auch die Ritter wurden neu als Stand organisiert, aber die Zugehörigkeit dazu war nicht erblich, sondern mußte von Generation zu Generation vom princeps erneuert werden, was jede kritische Haltung gegenüber ihm ausschloß. Sie waren also weitaus stärker als die Senatoren vom princeps abhängig. Der Ritterstand umfaßte am Ende von Augustus’ Regierungszeit rund 20000 Mitglieder, eine Zahl, die im Laufe der Kaiserzeit weiter anstieg. Der princeps konnte also die Zusammensetzung der beiden politisch führenden Stände steuern, den der Ritter vollständig, den der Senatoren nur bedingt. Durch Neuaufnahmen konnte er dessen Zusammensetzung langsam verändern. Für den princeps gefährliche Persönlichkeiten des Senatorenstandes ließen sich nur mit der Beschuldigung, ein Komplott zu planen oder sich unbotmäßig zu verhalten, entfernen. Sie mußten ins Exil gehen oder wurden zum Selbstmord gedrängt wie z.B. der Philosoph Seneca, Er wurde 65 n.Chr. beschuldigt, sich an der Verschwörung des Piso beteiligt zu haben. L.Calpurnius Piso stand an der Spitze einer senatorischen Verschwörung gegen Nero im April 65 n.Chr., die aufgedeckt wurde. Seneca wurde der Teilnahme an ihr verdächtigt. Der Prinzipat kann sicher nicht ohne weiteres als Militärdiktatur bezeichnet werden. Der Kaiser mußte die Struktur der Gesellschaft und den politischen Einfluß der beiden führenden Schichten, insbesondere den der Senatoren, respektieren. Bloße Anwendung von Gewalt konnte daher keine Lösung für politische Probleme sein. Der Umgestaltung der führenden Schichten in personeller Hinsicht waren relativ enge Grenzen gesetzt. Es kam auch niemals mehr zu Proskriptionen wie in der späten Republik. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 84 Herrschaft und Vermögen Eine große Rolle für den politischen Einfluß des princeps spielte sein Vermögen. Vermögen war immer schon die Voraussetzung, um in Rom politisch tätig sein zu können. Die einflußreichen Persönlichkeiten der späten Republik wie Pompeius, Crassus oder Caesar verfügten über außergewöhnlich große Vermögen, wodurch sie sich von ihren senatorischen Standesgenossen unterschieden. Sie setzten ihr Vermögen für ihre außergewöhnlichen politischen Karrieren ein und vermehrten es andererseits durch diese. So wurde Caesar durch die Eroberung Galliens zum reichsten Mann in Rom, und Crassus’ Reichtum wurde sprichwörtlich. Ohne ihr Vermögen hätten sie nie den Einfluß erringen können, den sie hatten. Das Vermögen diente dabei dazu, ihre Anhänger finanziell zu unterstützen und zu belohnen. So wuchs die Zahl der von ihnen abhängigen Personen ständig. Zu ihren Anhängern gehörten selbstverständlich auch ihre Soldaten. Octavian erbte als Adoptivsohn Caesars dessen Vermögen und konnte es für seine Zwecke einsetzen. Er konnte Caesars Anhänger und dessen Soldaten so auf seine Seite ziehen. Den Soldaten zahlte er bald nach Caesars Ermordung den Betrag aus, den jeder auf Grund von Caesars Testament zugute hatte. Der Kaiser bleibt auch später immer der reichste Mann im Reich, auch wenn das private Vermögen bald zum Krongut wurde und vom privaten Vermögen getrennt wurde, das dann seine politische Bedeutung verlor. Das Krongut, über das der jeweilige princeps frei verfügen konnte und über das er niemandem Rechenschaft ablegen mußte, trat an die Stelle der großen Privatvermögen der ersten Kaiser. Der Kaiser hatte verschiedene Möglichkeiten, sein Vermögen zu mehren. Er erwartete, testamentarische Zuwendungen zu erhalten, er zog das Vermögen derer ein, die des Verrates oder der Majestätsbeleidigung beschuldigt worden waren, oder bereicherte sich durch ungeheure Kriegsbeute. So gewannen Vespasian und sein Sohn Titus große Reichtümer durch den Krieg gegen die Juden und die Eroberung Jerusalems 70 n.Chr. Das Vermögen der Mitglieder der führenden Schichten, der Senatoren und Ritter, blieb weiterhin von großer politischer Bedeutung und weckte bisweilen die Begehrlichkeit des Kaisers oder ihm nahestehen- Herrschaft und Vermögen 85 der Personen. Es konnte dabei zu tödlichen Konflikten mit dem Kaiser kommen. So ließ Agrippina, die Mutter Neros, den Senator Statilius Taurus 53 n.Chr. wegen Magie anklagen und zwang ihn dadurch zum Selbstmord, um einer Verurteilung zu entgehen. Auf diese Weise gelangte sie in den Besitz seiner Gärten vor den Toren Roms. Nero ließ sechs Großgrundbesitzer, die umfangreiche Domänen in der Provinz Africa Nova hatten, töten und bemächtigte sich ihrer Güter. Man muß vermuten, daß es sich um einflußreiche Personen aus seiner näheren Umgebung handelte. Commodus eignete sich 182 die Villa der Quintilier an. Sie lag an der via Appia ein wenig außerhalb von Rom. Die Brüder Sextus Quintilius Valerius Maximus und Sextus Quintilius Condianus hatten sie errichtet, die im Jahr 151 Konsuln waren. Sie waren Suffektkonsuln, also nachgewählte Konsuln, nach denen nicht datiert wurde. Commodus beschuldigte die Brüder einer Verschwörung und ließ sie hinrichten. Danach wurde die Villa von ihm eingezogen und zu seiner Residenz erweitert. Die Entwicklung vom Prinzipat zur Monarchie Augustus unterließ es nicht, seine Bedeutung für den Staat und die Bürger auf verschiedene Weise zu unterstreichen. So gewann seine Herrschaft immer größere Rechtfertigung. Seine Nachfolger schritten auf diesem Weg weiter. Schon Augustus sorgte dafür, daß nur noch der princeps oder ein Mitglied seiner Familie einen Triumph feiern durfte. Die Sieghaftigkeit der römischen Waffen wurde auf diese Weise ein Zeichen des princeps. Der Triumph konnte nicht mehr dazu dienen, die Bedeutung einer anderen Familie zu feiern und zu unterstreichen. Eine besondere Rolle für die Selbstdarstellung des princeps spielte die Baupolitik. Sie konnte auch mit direktem Nutzen für die Bevölkerung verbunden sein wie der Bau des Kolosseums oder die Anlage der großen Sonnenuhr auf dem Marsfeld. Durch die immer stärkere Betonung der eigenen Rolle und der eigenen Bedeutung entwickelte sich der princeps, der erste unter seinesgleichen, immer stärker zu einem Monarchen, eine Entwicklung, die unter der Herrschaft des Kaisers Septimius Severus (193–211) zu V. Herrschaft in der Kaiserzeit 86 einem gewissen Abschluß kam. Was noch fehlte, fügten die spätantiken Kaiser hinzu. Augustus konnte die neue Ordnung vor allem deshalb schaffen und sichern, weil er lange genug lebte (63 v.Chr.–14 n.Chr.) und regierte. Wenn man die letzten Jahre nach dem Ende des Triumvirates, das Ende 33 v.Chr. auslief, und nach dem Sieg über Antonius bei Actium (31–27 v.Chr.) nicht dazu rechnet, waren es immerhin 41 Jahre (27 v.Chr.–14 n.Chr.), eine Dauer, die kein Herrscher später mehr erreichte. Dazu kam, daß die beiden führenden Schichten, die Ritter und die Senatoren, wobei die letzteren politisch entscheidend waren, in ihrer personellen Zusammensetzung durch die Proskriptionen Sullas und der Triumvirn sowie durch die Verluste in den Bürgerkriegen, die mit geringen Unterbrechungen von 49–31 v.Chr. andauerten, grundlegende Veränderungen erfahren hatten. Viele Mitglieder führender Familien waren umgekommen, und so war die republikanische Tradition geschwächt. Andererseits ermöglichte gerade Caesar vielen Mitgliedern des Großbürgertums aus Italien und den Provinzen, in die führenden Schichten aufzusteigen. Caesar brachte etwa 400 neue Mitglieder in den Senat, den er dadurch erheblich vergrößerte. Auch die triumviri waren darauf angewiesen, ihren Anhängern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Octavians neue Politik beruhte zu einem guten Teil auch auf diesen sozialen Veränderungen und wäre ohne sie kaum durchführbar gewesen. Das 3.Jhd. bildet von etwa 235 an bis 284, dem Jahr des Regierungsantrittes Diokletians, eine Zeit des Überganges, in der der Prinzipat sich stärker als vorher in eine Militärmonarchie verwandelte und die Bedeutung des Senates und der plebs urbana deutlich zurückgingen. Diese Entwicklung wurde durch den erhöhten Druck barbarischer Stämme auf die Grenzen des römischen Reiches in Gang gesetzt. Er führte dazu, daß der Kaiser nicht mehr ständig in Rom residierte, sondern sich an den Grenzen aufhielt, um diese zu verteidigen. Die Reaktionen der plebs urbana waren so nicht mehr von gleicher Bedeutung wie früher. Sie konnten die Stellung des Kaisers nicht mehr gefährden. Auch der Senat verlor an Gewicht. Die Führung der Armee wurde immer stärker professionalisiert, militärische Fähigkeiten wurden wichtiger als Standeszugehörigkeit, und die Senatoren hatten von Die Entwicklung vom Prinzipat zur Monarchie 87 der Mitte des 3.Jhd. an kaum noch militärische Kommandoposten inne. Über das Schicksal des Kaisers entschied sein Glück als Feldherr. Fehlte ihm dieses, beeinflußte dies die Haltung des Heeres entscheidend und die Reaktionen der Bevölkerung in den Gebieten, die vom Krieg betroffen waren. Sein Anspruch zu herrschen wurde in Frage gestellt. Nicht umsonst gab es zwischen 235–284 die meisten Staatsstreiche. Unter etwa 25 sogenannt legitimen Herrschern, was allein schon eine ungewöhnlich große Zahl für rund 50 Jahre ist, ereigneten sich rund 40 Staatsstreiche. Die Übernahme der Herrschaft. Der dies imperii (Der Tag der Übernahme der Herrschaft) Das Zeremoniell, durch das der princeps die Herrschaft antrat, war keine formelle Amtseinsetzung mit festen Regeln wie die eines modernen Amtsträgers oder wie die eines consuls in der röm. Republik. Im frühen Prinzipat gab es kein eigentliches Erhebungszeremoniell. Es entwickelte sich erst langsam eine feste Form. Dies ist nicht zufällig. Der Prinzipat war ja kein Amt, sondern eine soziale Stellung. Es bildeten sich aber im Lauf der Kaiserzeit eine übliche Vorgehensweise und ein recht fester Ablauf heraus. Dadurch wurde aber niemals eine institutionelle Hürde errichtet, deren Übertretung einen Tabubruch bedeutete. Stellte jemand das Herrschaftsrecht des Erhobenen in Frage, konnte er mit dem gleichen Zeremoniell seinen Anspruch deutlich machen. Dennoch bedeutete dessen vorgegebene Form eine Schwelle für den, der nach dem Thron greifen will. Der Prinzipat wurde von dem beansprucht, der sich für den princeps hielt. Er trat in der Regel vor eine Heeresversammlung, und sein Anspruch wurde durch die Akklamation zum imperator von dieser bestätigt. Weil die Versammlung in keiner Weise in ihrer Zusammensetzung bestimmt war, konnte jede militärische Einheit als solche auftreten. Es mußte sich lediglich um eine handeln, die aus römischen Bürgern bestand oder bestehen sollte. Hierfür kommen vor allem die Legionen oder die Prätorianer in Frage. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 88 Eine geregelte Nachfolge gab es in der Kaiserzeit nicht. Die Zugehörigkeit zur Familie, aus der gerade der princeps stammte, spielte aber eine wichtige Rolle. Bis zur Erhebung Neros 54 n.Chr. ereigneten sich alle Erhebungen zum Kaiser in Rom, und als Heeresversammlung dienten die Prätorianer. Eine Ausnahme bildet lediglich Caligulas Erhebung in Misenum. Am 16.3.37 n.Chr. verstarb Tiberius in Misenum. Die anwesenden Prätorianer und die Flottensoldaten begrüßten Caligula, einen Urenkel des Kaisers Augustus und gleichzeitig auch der Livia, als Kaiser. Schon am 18.3. anerkannte der Senat in Rom den noch abwesenden Caligula als Kaiser und übertrug ihm die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen. Neros Erhebung wurde von Agrippina, seiner Mutter, und Burrus, dem Praetorianerpräfekten, arrangiert. Nach dem Tod des Kaisers Claudius 54 n.Chr. hielt seine Frau Agrippina, die Mutter Neros, Britannicus, den Sohn des gerade verstorbenen Kaisers aus der Ehe mit Messalina, im Palast zurück und ließ ihren Sohn ins Lager der Prätorianer in Rom bringen, wie mit Burrus vereinbart. Nero hielt eine kurze Rede, versprach ein Antrittsgeschenk, ein Donativ, und wurde als imperator begrüßt. Der Senat folgte der Meinung der Prätorianer und faßte die üblichen Beschlüsse für Nero, die ihm die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen übertrugen. Bei Augustus fand keine Ausrufung zum imperator zu Beginn seines Prinzipates im Jahre 27 v.Chr. statt. Er hatte diesen Titel schon. Das gleiche gilt für Tiberius, als er 14 n.Chr. Augustus’ Nachfolge antrat. Zudem verfügte er schon über einige Rechte, so die tribunicia potestas, die Amtsgewalt eines Tribunen, die ihn zum Nachfolger bestimmten. Nach Neros Tod waren es überwiegend die Legionen, die als Heeresversammlung auftraten. So wurde z.B. Septimius Severus 193 von seinen Legionen in Carnuntum erhoben. An die Stelle der Akklamation, der Ausrufung als Imperator, konnte auch ein anderer Akt treten. Sie konnte gleichsam übersprungen werden. So wurde von Vespasian die Vereidigung der Truppen auf ihn in Ägypten am 1. Juli 69 durch den praefectus Aegypti Tiberius Alexander, ohne daß er persönlich anwesend war, als dies imperii, als Tag der Übernahme der Herrschaft, betrachtet und nicht seine Ausru- Die Übernahme der Herrschaft. Der dies imperii (Der Tag der Übernahme der Herrschaft) 89 fung durch die Truppen zum imperator in Iudaea am 3. Juli. Bei ihr handelt es sich nur noch um seine Anerkennung als Augustus, die Truppen bestätigten seine Stellung. Die Akklamation mußte von den anderen Einheiten der Armee auch als für sie gültig betrachtet werden. Dies war ein informeller Akt. Ob der Anspruch auch von diesen als gerechtfertigt betrachtet wurde, hing von verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Faktoren ab. Ein Kandidat, der schon wichtige Rechte besaß wie Mark Aurel, der schon früh die tribunicia potestas erhalten hatte, galt als designierter Nachfolger. Ebenso sicherte die Zugehörigkeit zur Familie, von der ein Mitglied den Prinzipat innehatte, wie die Julier bis 68 n.Chr., die Anerkennung durch die Truppen. So geschah es etwa bei Claudius 41 n.Chr., den die Prätorianer nach der Ermordung Caligulas zu ihrem Kandidaten machten und erhoben. Die Zugehörigkeit zur Familie konnte auch durch eine Adoption hergestellt werden. War beides nicht gegeben, konnten eine besondere politische oder militärische Stellung, die als Leistungsausweis galt, dazu führen, daß ein Kandidat die Zustimmung der Armee insgesamt ohne Schwierigkeiten erlangte. In der Regel war es das Zusammenwirken mehrerer Faktoren, die jemand zum eindeutigen Kandidaten machte. Hierfür bietet Trajan ein gutes Beispiel. 97 n.Chr. wurde er von Nerva adoptiert und erhielt die tribunicia potestas. Seine Stellung als Statthalter Obergermaniens mit einem Kommando über einen großen Heeresverband sicherte ihm entscheidenden militärischen und politischen Einfluß. Von Bedeutung war natürlich immer die politische Gesamtsituation und die Zustimmung wichtiger Persönlichkeiten. Wenn mehrere Personen zu gleicher Zeit mit dem Anspruch auftraten, princeps zu sein, was sich nur in Situationen mit ungeklärten politischen Machtverhältnissen ereignen konnte, so etwa nach Neros Sturz 68 n.Chr., wurde meistens gewaltsam entschieden, wessen Anspruch gelten sollte. Der Unterlegene galt als Usurpator. Sehr selten entschied man ohne Blutvergießen und ließ den ehemaligen Usurpator seine Karriere fortsetzen. So legte Tetricus (271–73), der sich unter Aurelian zum Kaiser aufgeschwungen hatte, seine Herrschaft nieder und setzte seine Karriere als Provinzstatthalter fort. Bis zur Entscheidung galt der als Usurpator, der seinen Anspruch vor einer Heeresversammlung später öffentlich machte. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 90 War der Anspruch eines Kandidaten, princeps zu sein, auch in Rom vom Senat anerkannt, so erhielt der von den Soldaten erhobene in der frühen Kaiserzeit die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen übertragen, und zwar durch Senatsbeschlüsse, die bald in einer lex de imperio, einem Gesetz, das die Übertragung der Herrschaft regelte, zusammengefaßt wurden, wahrscheinlich erstmalig, als Caligula die Herrschaft 37 n.Chr. übernahm. Aber auch später konnten die Kompetenzen noch als einzelne übertragen werden. So geschah es etwa bei Otho, der am 15.1.69 n.Chr. erhoben wurde. Sein Vorgänger Galba war von ihm gestürzt und von den Prätorianern ermordet worden. Die Übertragung der besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen durch den Senat erfolgte nur, wenn dieser den neu erhobenen als princeps betrachtete, d.h. seinen Anspruch aufgrund der informellen Zustimmung der Armee oder der Prätorianer als gerechtfertigt ansah. Das war eine politische Entscheidung des Senates, die die Grundlage für den Senatsbeschluß bildete. Sie wurde auf Grund der Machtverhältnisse getroffen. Der Senat gab mit diesem formellen Beschluß dem princeps die rechtlichen Instrumente zum Handeln und verlieh damit dessen Handlungen Legitimität. Er gab aber dem princeps nicht seine eigentliche Macht. Sie beruhte auf dessen Anerkennung als princeps durch die Armee und danach durch die Gruppen, die von seinem Handeln in erster Linie betroffen waren, nämlich die Senatoren und die stadtrömischen Bevölkerung, die plebs urbana. Der Senatsbeschluß wurde aber durchaus gesucht und galt als unverzichtbar. So ließ sich Vespasian seine acta (Beschlüsse) zwischen seiner Ausrufung zum Kaiser am 1.7.69 im Osten des Reiches und der Einnahme Roms durch Truppen seiner Partei durch einen Senatsbeschluß vom 21.(22.?)12.69 nachträglich für legitim erklären und sich die Herrschaft durch eine lex de imperio übertragen. Seit dem Ende des 3.Jhd. wurde der Senatsbeschluß unnötig. Greifbar ist dies bei Carus’ Erhebung 282. Die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen wurden unmittelbar nach der Investitur des Kaisers als ihm zur Verfügung stehend betrachtet. Sie wurden nicht mehr gesondert durch einen Senatsbeschluß übertragen. Damit sind wir am Beginn der Spätantike. Die Übernahme der Herrschaft. Der dies imperii (Der Tag der Übernahme der Herrschaft) 91 Die Wahrnehmung der Herrschaft des Kaisers durch die Bevölkerung Die Reichsverwaltung hatte als Grundlage überwiegend die Territorien der Städte, die sich selbst verwalteten. Die Bewohner des Reiches nahmen die Herrschaft des Kaisers in normalen Zeiten kaum wahr. Sie spürten sie nur in besonderen Situationen, und es entwickelte sich auch kein Bestreben, davon befreit zu werden. Sie sahen die Statuen des Herrschers, seiner Vorgänger und seiner Familie auf dem Forum oder in anderen öffentlichen Gebäuden wie dem Theater oder in den Thermen. Sie sahen die für den Kult des Kaisers errichteten Tempel und nahmen an den religiösen Feiern für ihn teil. Damit drückten sie ihre Loyalität und die Zustimmung zu seiner Herrschaft aus. Wechselte der Kaiser, wurde dies feierlich in der Volksversammlung mitgeteilt, wobei die Oberschicht der jeweiligen Stadt daran teilnehmen mußte. Seine Statuen wurden aufgestellt, und früher oder später zog sein Bild in feierlicher Prozession in die Stadt ein und wurde freudig begrüßt. Sehr bald zirkulierten auch Münzen, die sein Porträt trugen. Wenn er gestürzt worden war und der damnativ memoriae, dem Auslöschen der Erinnerung an ihn, verfallen war. sahen sie, wie seine Statuen entfernt wurden oder umgearbeitet, So wurde z.B. eine Reiterstatue Domitians, die in Misenum aufgestellt war, in eine Nervas umgewandelt. Man veränderte die Gesichtszüge. Selten waren die Reichsbewohner von seinen Entscheidungen direkt betroffen, wenn sie nicht zu den Senatoren, den Rittern oder der Oberschicht der Städte gehörten, die die Verantwortung für die Stadt trugen und kaiserliche Anordnungen oder solche des Provinzstatthalters durchführen mußten. Die Bewohner des städtischen Territoriums nahmen die Herrschaft des Kaisers nur in besonderen Situationen wahr, so wenn er als Wohltäter auftrat und etwas stiftete oder wenn er in die inneren Angelegenheiten der Stadt eingreifen mußte. Seine Stiftungen betrafen nicht nur Rom, wo zahlreiche Bauten die Freigebigkeit des Kaisers bezeugen wie z.B. das Stadion Domitians, die heutige Piazza Navona, oder das Kolosseum, sondern auch die Städte der Provinzen. So stiftete Hadrian im Jahr 132 die Hadriansbibliothek in Athen. Bei Eingriffen des Kaisers in das Leben der Städte ging es um verschiedene Probleme, vor allem aber um solche der öffentlichen Ordnung, wie z.B. 59 n.Chr. nach der Auseinandersetzung zwischen den V. Herrschaft in der Kaiserzeit 92 Bewohnern von Pompeji und denen von Nuceria im Amphitheater von Pompeji. Es gab dabei Tote und Verletzte. Die Angelegenheit wurde vor den Kaiser gebracht, der den Senat entscheiden ließ. Den Einwohnern von Pompeji wurde der Besuch von Spielen für 10 Jahre untersagt. Sie mußten illegale Vereine auflösen, und der Spielgeber, ein ehemaliger Senator, der aus dem Senatorenstand ausgestoßen worden war, wurde verbannt. Mit solchen Eingriffen wollte der Kaiser vor allen Dingen die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. War sie in einer Stadt oder in einem Gebiet gefährdet, war auch die Herrschaft des Kaisers in Gefahr. Solche Unruhen konnten sich ausbreiten und mußten daher von vornherein unterbunden werden. Der Kaiser hatte auch kaum Mittel, um sie niederzuschlagen. Die Truppen wurden für die Verteidigung der Grenzen benötigt und reichten niemals aus, um eine große innere Revolte niederzuschlagen. Auch Verschuldung der Städte konnte zum Problem werden, so daß der Kaiser bzw. sein Statthalter eingriffen. In der Korrespondenz zwischen dem Kaiser Trajan und dem Statthalter der Provinz Bithynia et Pontus, dem jüngeren Plinius (um 62–ca.114), wird dieses Problem häufig erörtert. Der jüngere Plinius war von 111 an Statthalter. Es trat besonders bei Prestigebauten auf, die die städtische Oberschicht in Angriff genommen hatte wie z.B. ein Theater und die dann aus Geldmangel nicht vollendet werden konnten. Solche Situationen konnten zu politischer Instabilität führen, die Rom nicht wollte. Die Bevölkerung der Städte konnte sich verraten fühlen, wenn ein versprochener Prestigebau nicht vollendet wurde, und unruhig werden. Das Eingreifen des Kaisers spürten auch einzelne Gruppen stärker als andere wie z.B. die Christen, die als gefährlich für die öffentliche Ordnung betrachtet wurden. Sie weigerten sich, am Kaiserkult teilzunehmen. Dies galt als Ausdruck der Illoyalität. Zu Beginn der Kaiserzeit spielte für die Wahrnehmung der Herrschaft des Kaisers auch noch die rechtliche Stellung der Stadt und ihre geographische Lage eine gewisse Rolle. Eine Stadt an der Grenze des Reiches spürte mehr die Herrschaft. Ihr wirtschaftliches Wohlergehen hing zu einem guten Teil vom Militär ab. Ebenso war sie bei falschen Entscheidungen der Zentrale von kriegerischen Auseinandersetzungen stark betroffen. Die Wahrnehmung der Herrschaft des Kaisers durch die Bevölkerung 93 Römische Bürger wurden im Westen des Reiches seit der späten Republik und besonders seit Beginn der Kaiserzeit immer häufiger in Kolonien (colonia, pl. coloniae) genannten Städten angesiedelt. So gab es überall Gruppen röm. Bürger. Später konnte der Titel colonia auch ohne eine solche Ansiedelung verliehen werden. Die coloniae römischer Bürger genossen anfangs noch einige Privilegien. Beides, Grenzstädte und Bürgerkolonien, und deren etwas anderes Verhältnis zur Politik des Kaisers soll hier in den Einzelheiten außer Betracht bleiben. Die freien Bewohner des Reiches, auch die, die nicht zu den Führungsschichten gehörten, waren vor allem von lokalen Problemen betroffen wie der Wasserversorgung. Sie mußte funktionieren, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Ein Unterschied bestand zwischen denen, die römische Bürger waren, und denen, die ein anderes Bürgerrecht besaßen, z.B. das von Athen. Im Reich lebten viele, die nicht das römische Bürgerrecht hatten. Dieser Zustand dauerte bis 212, als alle freien Reichsbewohner das röm. Bürgerrecht erhielten. Römische Bürger besaßen mehr Rechte und waren vor Willkür der örtlichen Behörden, auch des jeweiligen Statthalters, besser geschützt. So konnte der Apostel Paulus nicht vom Statthalter zum Tode verurteilt werden, sondern erwirkte eine Entscheidung in Rom. Die Teilhabe der Bürger an der Politik Die Teilhabe an der großen Politik im Rahmen von Institutionen wie z.B. den Volksversammlungen der röm. Republik, hörte spätestens mit dem Ende dieser auf. Sie war auch auf lokaler Ebene in der Regel nicht vorhanden oder gering. Sie blieb in unterschiedlichem Ausmaß nur den politischen Führungsschichten, Senatoren, Rittern und städtischen Oberschichten, erhalten. Die letzteren trugen die Verantwortung in den städtischen Territorien und beherrschten deren Selbstverwaltung. Die Zugehörigkeit zur städtischen Oberschicht hing vom Vermögen ab. Die Höhe des notwendigen Vermögens, um zur städtischen Oberschicht zu gehören, war aber von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Die Einwohner in den Städten wählten in der Volksversammlung die städtischen Beamten und diskutierten und beschlossen Fragen von V. Herrschaft in der Kaiserzeit 94 minderer oder nur lokaler Bedeutung. So wurde in Ephesus die Volksversammlung ins Spiel gebracht, als nach der Ankunft des Apostels Paulus gegen Ende der fünfziger Jahre des 1.Jhd. Unruhen darüber entstanden, welche wirtschaftlichen Folgen für die Silberschmiede drohten, die Statuen der Diana von Ephesus herstellten, wenn das Christentum sich ausbreite. Auch die Rechtsprechung lag in den Händen der städtischen Organe. Strafen wie die Todesstrafe konnten diese aber nicht verhängen. Sie behielt sich die römische Obrigkeit vor, um Urteile politischen Charakters zu verhindern und innerstädtischen Unruhen vorzubeugen. So mußte Pontius Pilatus über das Todesurteil gegen Jesus entscheiden. Über Krieg und Frieden etwa, was in antiken Gesellschaften von besonderer Bedeutung war, entschieden nicht mehr die, die davon betroffen waren, nämlich die Bürger, die in den Legionen dienen mußten. Allerdings wurde im Laufe der röm. Kaiserzeit und dann besonders nach 212, als alle Reichsbewohner das Bürgerrecht erlangten, kaum noch generell auf sie für den Kriegsdienst zurückgegriffen. Die Aushebung betraf immer mehr nur die Bewohner der Grenzregionen. Zudem warb man immer mehr Fremde an. Der Ausschluß der Bürger, die nicht den politisch führenden Schichten angehörten, von der Teilhabe an der großen Politik im Rahmen der Institutionen blieb ein Kennzeichen der Monarchien bis an das Ende des 18.Jhd. Teilhabe war im unterschiedlichen Ausmaß auf lokaler Ebene möglich, solange die Interessen des Herrschers nicht davon berührt wurden, insbesondere sein Recht auf Herrschaft nicht in Frage gestellt wurde. Teilhabe an großen politischen Entscheidungen konnte nur auf anderem Wege eingefordert werden, nämlich durch illegale Aktionen wie Demonstrationen oder Unruhen, die sich gegen einzelne Mißstände richteten wie etwa überhöhte Preise für Lebensmittel. Zum Aufstand gegen die römische Herrschaft an sich kam es fast nie. Eher eine Ausnahme bildeten die jüdischen Aufstände im ersten und zweiten Jahrhundert. Sie gehen auf die Schwierigkeiten der Juden mit dem Kaiserkult zurück. Die Teilhabe der Bürger an der Politik 95 Der Staatsstreich Der princeps konnte nicht abgesetzt werden und auch nicht abdanken. Seine Nachfolge war nicht fest geregelt, und seine Politik konnte auf institutionellem Weg nicht geändert werden. Sie mußte von niemandem gebilligt werden, wie es z.B. durch den Senat in der Republik mindestens teilweise möglich gewesen war. So mußte der Senat z.B. Verträge mit auswärtigen Mächten billigen. Um eine Änderung der Politik des Kaisers herbeizuführen, blieben nur Palastintrigen oder der Staatsstreich, d.h. die Entfernung des Kaisers aus seiner Stellung. Weil es keine verbindlichen Regeln und formalen Kriterien für die Übernahme kaiserlicher Herrschaft gab, mußte ein Usurpator sie auch nicht übertreten, wie es etwa Sulla 83 v.Chr. zu tun gezwungen war, der sich gegen die gewählten höchsten Beamten, die Konsuln, zu wenden hatte, oder moderne Usurpatoren, die z.B. einen Präsidenten absetzen, der durch eine Wahl für eine bestimmte Zeit in sein Amt gekommen ist. In einem System mit formalen Kriterien für die Übernahme der Herrschaft wie der röm. Republik oder in modernen Staatswesen muß daher der Usurpator sein besonderes Vorgehen rechtfertigen oder es nachträglich legitimieren wie z.B. durch manipulierte Wahlen. Ein Usurpator in der Kaiserzeit ließ sich wie ein Kaiser von einer römischen Heereseinheit, einer Legion oder einer Einheit der Prätorianer, nicht einer Einheit der Hilfstruppen, zum Kaiser ausrufen und mußte danach versuchen, die Zustimmung der anderen Truppen und schließlich des Senats zu finden. Auf diesem Weg geriet er selbstverständlich mit dem regierenden Kaiser in Konflikt. Setzte er sich durch, galt er als rechtmäßiger Kaiser. Um den Kampf mit dem Kaiser aufnehmen zu können, mußte er die Herrschaft über ein bestimmtes Gebiet erringen und in diesem Zustimmung und Gehorsam finden. Sehr selten spielte sich die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Usurpator nur innerhalb der Stadt Rom ab. Im 1.Jhd. betraf es nur den Sturz Galbas am 15.1.69, gegen den Otho die Prätorianer aufbringen und dessen Platz einnehmen konnte. Um die Herrschaft über ein Gebiet zu erringen, war es außerhalb Italiens vor allem notwendig, die Statthalter auf die Seite des Usurpators zu ziehen, wenn nicht sogar einer von ihnen selbst usurpierte. V. Herrschaft in der Kaiserzeit 96 Dies wurde noch wichtiger, wenn jener zugleich über viele Truppen verfügte wie etwa am Rhein. In Italien und den Provinzen, die sich nicht geschlossen für oder gegen einen Usurpator entschieden, mußte man neben den dort stationierten Truppen die wichtigen Städte und ihre Territorien gewinnen. Hierfür waren die städtische Bevölkerung und die Kurialen, die städtische Oberschicht, von Bedeutung. Diese entschieden letztlich darüber, auf wessen Seite die Stadt sich stellen sollte, auf die des regierenden Kaisers oder auf die des Usurpators. Wurde der Usurpator besiegt, wurden deshalb vor allem sie für einen solchen Entscheid verantwortlich gemacht. Die Stadt insgesamt erfuhr dagegen bisweilen eine Rückstufung ihrer rechtlichen Stellung. Daß der Kaiser vor allem die städtischen Oberschichten für eine solche Entscheidung gegen ihn verantwortlich machte, zeigt, daß Ungehorsam der kaiserlichen Herrschaft gegenüber, der von Bedeutung war, sich immer in Form einer Usurpation äußerte und niemals den Charakter einer Massenbewegung oder gar Revolution annahm. Die Bevölkerung selbst spielte nur in Zusammenarbeit mit den Oberschichten eine Rolle. Die Zahl der Staatsstreiche in der Kaiserzeit bis zum Beginn der Herrschaft Elagabals 218 n.Chr. ist sehr gering. Sie konzentrieren sich vorwiegend auf einzelne Jahre, nämlich 68/69 n.Chr., als sich Galba, Otho, Vitellius und Vespasian als Usurpatoren aufeinander folgten. Vespasian konnte sich schließlich an der Macht halten. Ebenso waren die Jahre 192/193 von Usurpationen erfüllt, als sich Pertinax, Didius Iulianus, Septimius Severus, Clodius Albinus und Pescennius Niger nacheinander oder gleichzeitig erhoben. Septimius Severus setzte sich schließlich durch. Daneben gab es nur noch die Erhebung von Antonius Saturninus 89 n.Chr. und die von Avidius Cassius 175 n.Chr. Staatsstreiche in der röm. Kaiserzeit erstreben nie grundlegende Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur oder eine weitgehende personelle Umgestaltung der politischen Elite. Das erstere haben sie mit denen der Republik gemeinsam, das zweite nicht. Proskriptionen oder Verwandtes war der Kaiserzeit fremd, der späten Republik nicht. Diese Ausgangslage bewirkt, daß die Usurpationen in der römischen Kaiserzeit sich grundlegend von denen in der späten Republik, aber auch von denen in vielen anderen Epochen der Geschichte, so besonders auch von denen in der Gegenwart, unterscheiden. Sie streben Der Staatsstreich 97 nicht die regelwidrige Besetzung eines Amtes an, suchen nicht die Schaffung eines neuen und gehen nicht auf eine strukturelle oder personelle Umgestaltung der politisch führenden Schicht aus. Die Usurpation greift immer in das Herrschaftsrecht eines Kaisers ein. Wenn keiner im Amt ist, kann es keine Usurpation geben. Wer in diesem Moment nach der Krone greift, ist kein Usurpator. Er beansprucht keinen Platz, der schon besetzt ist. Die Usurpation mißachtet keine anerkannten formalen Kriterien und setzt sich über sie hinweg. Sie braucht deshalb zwar im konkreten Fall eine politische Rechtfertigung, ist aber an und für sich gestattet. Die Übertragung der Herrschaft ist nicht hinreichend formalisiert und institutionell festgelegt. Dies unterscheidet die Usurpation in der römischen Kaiserzeit von Usurpationen in vielen anderen Epochen der Geschichte, so besonders auch in der Gegenwart, aber auch in der Antike. Sullas Usurpation von 83 v.Chr. z.B. verletzte eindeutig institutionelle Kriterien. Ein Usurpator, der sich auf die Dauer auf dem Thron halten kann, gilt in der antiken Tradition als rechtmäßiger Kaiser. Das klassische Beispiel bietet Vespasian, der durch eine Usurpation an die Macht kam, aber als legitimer Augustus betrachtet wird. Weil die dauerhaft errungene Herrschaft in der historischen Betrachtung nicht mehr als usurpierte galt, kann der Gedanke daher auch umgekehrt formuliert werden, nämlich daß die Niederlage jemand zum Usurpator, in spätantikem Sprachgebrauch zum tyrannus, macht. Die Rechtfertigung, die jede Usurpation durch den Erfolg erfährt, schließt nicht aus, daß in der Überlieferung darauf verwiesen werden kann, daß ein Kaiser nach einen Staatsstreich dauerhaft die Herrschaft übernahm, weil er seinen Gegner besiegte, aber ursprünglich ein Usurpator war. Der Makel, sich durch eine Usurpation des Thrones bemächtigt zu haben, konnte also für den, der sich später hatte erheben lassen, dann aber gesiegt hatte, in einem kleinen Teil der Überlieferung durchaus bestehen bleiben. In der allgemein verbreiteten Auffassung selbstverständlich nicht, denn der Sieger hatte natürlich kein Interesse daran. Für ihn war die Übernahme der Herrschaft von Anfang an gerechtfertigt. Er bestimmte die Überlieferung. Die Hinweise, daß jemand durch eine Usurpation auf den Thron kam, der später als legitimer Kaiser galt, weil er siegte, sind deshalb wenig zahlreich und nicht zu einer eigenen Kategorie entwickelt. Sie V. Herrschaft in der Kaiserzeit 98 finden sich in Ansätzen etwa bei Orosius (um 385–um 418) in seiner Weltgeschichte. Er stellt Vespasian mit Otho und Vitellius auf eine Stufe und sagt von ihnen allen (Oros.hist.7,8,3): imperia simul atque arma rapuerunt. Sie griffen nach der Herrschaft und gleichzeitig zu den Waffen. Orosius sagt leider wenig später nicht deutlich, ob er Vespasian zum Sturm der Tyrannen (tyrannorum tempestas), wie er die Ereignisse des Vierkaiserjahres 68/69 nennt, hinzurechnet. Es ist aber anzunehmen. Die politischen Probleme, die die Herrschaft eines Kaisers gefährden und zu Unruhen und Staatsstreichen führen konnten, waren in den einzelnen Epochen der Kaiserzeit recht unterschiedlich. Im 1.Jhd. und gegen Ende des 2.Jhd. spielte noch der andauernde Gegensatz zwischen Senat und Kaiser eine Rolle. In ihm hatten die Ermordung Caligulas 41 n.Chr., der Aufstand gegen Nero 68 n.Chr. und die Ermordung Domitians am 18.9.96 seine Ursache. Aber auch Commodus’ Ermordung und Sturz am 31.12.192 hängen damit zusammen. In der Folge kam es zu einer Reihe von Staatsstreichen, ehe wieder Ruhe einkehrte, nachdem Septimius Severus sich durchgesetzt hatte. Auch die plebs urbana und ihre Bedürfnisse haben zu Beginn der Kaiserzeit besondere Bedeutung. Ihrer Versorgung und Unterhaltung wandten die Herrscher große Aufmerksamkeit zu, um von Unruhen verschont zu bleiben. In Rom versuchte man gerade zu Beginn des Prinzipates, den Kaiser herauszufordern, indem sich einzelne seiner Widersacher mehr um die Bedürfnisse der plebs urbana kümmerten als er. Ein Marcus Egnatius Rufus suchte durch die Gründung einer Feuerwehr 22 v.Chr. Augustus’ Herrschaft in Frage zu stellen. Augustus sah offensichtlich in Egnatius einen politischen Konkurrenten, der ihm wegen seiner Beliebtheit beim Volk hätte gefährlich werden können. Egnatius wurde 19 v.Chr. einer Verschwörung beschuldigt und mit einem Teil seiner Anhänger hingerichtet. Augustus sah sich gezwungen, Sklaven als Feuerwehrleute zur Verfügung zu stellen und später 7 oder 6 v.Chr. mit einer generellen Neuorganisation der Feuerwehr den Wünschen des Volkes zu entsprechen. Unzufriedenheit der Truppen am Oberrhein (Germania superior) ist greifbar bei Antonius Saturninus’ Erhebung 89 n.Chr. in Mainz. Sie fühlten sich gegenüber denen an der Donau zurückgesetzt. Der Staatsstreich 99 Bei den Staatsstreichen von 192/93 spielte der Gegensatz zwischen Prätorianern und Legionen eine wichtige Rolle. Militärische Erfolglosigkeit gefährdete die Stellung des Kaisers besonders nach 235, als die Barbaren erfolgreich die Grenzen des Reiches bedrängten und die Armeen einen Herrscher nach dem anderen deswegen stürzten. Politisch war dies möglich, weil die Städte, die im Kampfgebiet oder dessen Nähe lagen, unter dem Einfall der Feinde litten, und einen erfolglosen Kaiser politisch nicht unterstützten. Abschließende Überlegungen Bald nach Beginn der Kaiserzeit umfaßte das röm. Reich den gesamten Mittelmeerraum und Westeuropa. Damit war der Grundstein für eine lange Zeit des Friedens und der politischen Stabilität gelegt, die fast bis an das Ende des weströmischen Reiches in der Spätantike andauerte, nur unterbrochen durch die Krise des 3.Jhd., die aber in den einzelnen Reichsteilen sehr unterschiedlich wahrgenommen wurde. Die Kaiserzeit brachte die Vollendung des monarchischen Herrschaftssystems allerdings ohne feste Regelung der Nachfolge. Dies entsprach der Legitimation der kaiserlichen Herrschaft. Der Herrscher war princeps, eine Stellung, die auf der Zustimmung (consensus) der wichtigen Gruppen, nämlich Armee, Senat und plebs urbana, beruhte und daher nicht formal geregelt werden konnte wie z.B. durch Erbfolge, sondern immer wieder politisch errungen werden mußte, auch wenn dies weitgehend eine Fiktion war und der princeps wenn möglich diesen Prozeß zu steuern versuchte. Niemand dachte deshalb mehr an eine Rückkehr zur Republik. Die republikanischen Ämter bestanden zwar weiterhin, und die Bekleidung des Jahreskonsulates blieb die höchste erreichbare Ehre. Herrschaft übten die republikanischen Amtsträger aber keine mehr aus, lediglich in Rom behielten sie noch einige Kompetenzen. Die comitia behielten ihr Recht, Gesetze zu verabschieden noch lange. Es war aber in unseren Augen eine bloße Formalität. Ein Gesetz ablehnen konnten sie nicht. Die Möglichkeit unter verschiedenen Kandidaten für die Ämter auszuwählen verloren sie schon zu Beginn des Prinzipates. Sie konnten die vorgeschlagenen nur noch bestätigen. Die V. Herrschaft in der Kaiserzeit 100 Beschlüsse der comitia gaben aber der Zustimmung (consensus) zur Herrschaft des Kaisers Ausdruck. Deshalb handelt es sich nicht nur um eine juristische Formalität, sondern auch um eine politische Aussage. Herrscher und Beherrschte bilden eine Einheit. Die Kaiserzeit führte zu einer Festigung der ständischen Ordnung. Die Bedingungen der Zugehörigkeit zum Senatoren- und Ritterstand sowie zu den städtischen Oberschichten wurden genau umschrieben. Lediglich die Bedingungen für die Zugehörigkeit zu den städtischen Oberschichten unterschieden sich von Stadt zu Stadt. In kleinen Städten wurde weniger Besitz gefordert. Entscheidendes Merkmal für die Zugehörigkeit zu den einzelnen Ständen war ein gewisses Vermögen. Der Besitz war die Grundlage jeder gehobenen sozialen Position. Die Kaiserzeit führte zu einer fortschreitenden Gleichstellung der verschiedenen Gebiete des Reiches und ihrer Bewohner. Diese fand einen sehr sichtbaren Ausdruck in der Verleihung des Bürgerechtes an alle freien Reichsbewohner 212 n.Chr. Bei aller Tendenz zur Gleichstellung blieb aber besonders das Problem der ungleichmäßigen Verteilung der Lasten für die Verteidigung der Grenzen ungelöst. Die Grenzregionen litten nicht nur unter den Einfällen der Widersacher des Reiches, sondern mußten auch den größten Teil der Kosten für deren Abwehr tragen. Abschließende Überlegungen 101

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Herrschaft, in unserer Welt der Staat, bestimmt unser Leben in entscheidender Weise. Sie verlangt Zustimmung oder wenigstens Duldung und Gehorsam. Herrschaft wird vor allem dann spürbar, wenn wir den Forderungen, die sie stellt, und den Regeln, die sie setzt, nicht zustimmen können. Wir stellen aber dann fast immer nicht die jeweilige Form der Herrschaft oder die Art ihrer Ausübung in Frage, machen nicht sie verantwortlich für unsere Schwierigkeiten, versuchen nicht, sie zu verändern, sondern suchen einen Ausweg für ein konkretes Problem. Sind die Steuern oder Abgaben, die ein sehr wichtiges Element von Herrschaft sind, zu hoch, versuchen wir nicht, die Steuersätze oder gar das politische System zu ändern, sondern manche hinterziehen sie eher, wenn möglich.

Formen und Institutionen von Herrschaft und deren Rechtfertigung im politischen Alltag entwickeln sich in langen Zeiträumen. In Europa war monarchische Herrschaft bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 die Regel. Sie nahm ihren Anfang in Rom kurz vor Christi Geburt, und erstmals wurde zu ihr in der Verfassung der Vereinigten Staaten ein historisch bedeutsames Gegenmodell entwickelt.

Zustimmung und Gehorsam zu staatlichen Regelungen und Anweisungen werden in diesem Buch als Ergebnis historischer Entwicklungen dargestellt. Deren Verständnis ist wesentlich für jede politische Diskussion und Veränderung.