Content

IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang in:

Joachim Szidat

Herrschaft und Gehorsam, page 47 - 76

Historisches und Aktuelles

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4337-0, ISBN online: 978-3-8288-7317-9, https://doi.org/10.5771/9783828873179-47

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang Einleitende Bemerkungen Bei der römischen Republik handelt es sich um einen von Aristokraten geführten und bestimmten republikanischen Staat. Seine soziale Gliederung beruhte vorwiegend auf Besitz und dem damit verbundenen Prestige, das aber durch politische Leistung erlangt und bestätigt werden mußte so z.B. als Heerführer. Je mehr Besitz man hatte und je grö- ßer das soziale Prestige war, um so mehr Einfluß auf das politische Geschehen konnte man ausüben. Die Institutionen dieser Republik und ihr politisches System sind um die Mitte des 3.Jhd. v.Chr. voll ausgebildet und bleiben bis zum Ende der republikanischen Ordnung am Ausgang des 1.Jhd. v.Chr. etwa gleich. Allerdings ändern sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ab dem Ende des 2.Jhd. v.Chr. Dies führte dazu, daß die politische Kultur, d.h. besonders der Umgang der Politiker miteinander, und das Zusammenspiel der Institutionen sich grundlegend änderten. An der Spitze des Staates standen zwei Konsuln (consul, pl. consules), die immer für ein Jahr gewählt wurden. Sie leiteten den Staat und hatten den Oberbefehl über das Heer. Unter ihnen amteten eine Reihe ebenfalls für ein Jahr gewählter Amtsträger. Als beratendes und teilweise auch beschließendes Organ gab es den Senat, in dem die politische Führungselite versammelt war. Im wesentlichen waren es die Personen, die schon einmal in ein hohes Amt gewählt worden waren. Politische Rechte hatten nur die erwachsenen Männer, die Frauen nicht. Auch Sklaven und Freigelassene, ehemalige Sklaven, waren politisch bedeutungslos. Sie waren zwar unerläßlich für das Funktionieren der Gesellschaft und der Wirtschaft, aber konnten beide z.B. durch ihren Ungehorsam niemals lahmlegen. Ihre Stellung war viel zu differenziert, um einheitlich handeln zu können. Ein Sklave etwa, der auf IV. 47 dem Lande arbeitete, und einer, der im Haus einer Familie tätig war, hatten ganz unterschiedliche Lebensbedingungen und Interessen. Der letztere lebte oft wesentlich bequemer und komfortabler als ein röm. Bürger mit seinen politischen Rechten. Diese gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundstrukturen änderten sich auch in der Kaiserzeit und der Spätantike nicht. Sie änderten sich zwar im Mittelalter und der Neuzeit, aber es entstanden neue Formen der Abhängigkeit wie die Leibeigenschaft, die diese Gruppen von vornherein von jeder politischen Bedeutung, ja schon dem Streben danach, ausschlossen. Erst die Moderne gab diesen Gruppen und den Frauen politische Rechte, schuf aber neue Abhängigkeiten. So haben sich z.B. neue Formen der Sklaverei entwickelt. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen Das Volk wählte in Versammlungen die Amtsträger. Es beschloß über grundlegende Fragen wie die Erklärung eines Krieges und über Gesetze. Die römische Republik kannte kein repräsentatives System wie moderne demokratische Staaten. Repräsentative Systeme waren in der Antike sehr selten. In Stadtstaaten wie der römischen Republik oder in Athen gab es sie niemals. Wie abgestimmt oder Amtsträger in Rom gewählt wurden, unterschied sich aber grundlegend von modernen Verfahren. In den Einzelheiten hinreichend faßbar sind uns die Regelungen für Wahlen und Abstimmungen ab der Mitte des 3.Jhd. Ihre Entwicklung und ihr grundlegendes Prinzip gehen aber in die Anfänge des röm. Staates zurück. Für Abstimmungen und Wahlen waren die Männer in Stimmabteilungen eingeteilt, innerhalb derer sie ihre Stimme abgaben. Für das Schlußresultat zählte dann die Stimme der Abteilung. Die Stimme des einzelnen hatte also nur indirekt eine Wirkung. Wurde in einer Stimmabteilung z.B. eine Frage von 60% der Stimmenden mit ja beantwortet, zählte die Stimme dieser Abteilung in deren Sinn. Die 40% Neinstimmen blieben unbeachtet. Dazu kam eine unterschiedliche Größe der Stimmabteilungen. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 48 Die Mehrheit der Stimmen der Stimmabteilungen entsprach häufig nicht der der Stimmenden. Dieses Phänomen ist auch bei den amerikanischen Präsidentenwahlen faßbar, wenn auch viel weniger ausgeprägt. Dort vertreten die Wahlmänner die einzelnen Gliedstaaten, aber nicht unbedingt die Mehrheit der Stimmenden. Der Präsident kann also durch die Mehrheit der Wahlmänner gewählt werden, ohne daß er die Mehrheit der Stimmen bekommen hat. In der röm. Republik gab es drei Formen von Stimmabteilungen. Die curiae, die tribus und die centuriae, die Hundertschaften. Sie bildeten die Grundlage für die jeweils verschiedenen Formen der Volksversammlung, in denen abgestimmt wurde. Ihre Namen bezeichnen jeweils Unterabteilungen des Volkes und geben zum Teil das Prinzip wieder, nach dem man die Bürger einteilte. Nach curiae wurde in den comitia curiata, nach tribus in den in den comitia tributa und concilia plebis, die sich am Ende der klassischen Republik von den comitia tributa kaum unterschieden, sowie nach centuriae in den comitia centuriata abgestimmt. Die nach curiae gegliederte Versammlung (comitia curiata), war in der klassischen Republik praktisch für die Politik bedeutungslos. Sie wählte keine Amtsträger und faßte keine Beschlüsse mehr von politischer Bedeutung. So billigte sie z.B. Adoptionen und Testamente. Das Verfahren der Abstimmung war rein formal, und die Stimmabteilungen wurden von 30 Liktoren vertreten. Zur Zeit Ciceros im 1.Jhd. v.Chr. wußte offensichtlich niemand mehr, zu welcher curia er gehörte. Von großer Bedeutung waren die Stimmabteilungen, die tribus, die die comitia tributa bildeten, aber zugleich auch als Grundlage der concilia plebis, der Zusammenkünfte des Volkes, dienten. An ihnen durften die Mitglieder der patrizischen Familien nicht teilnehmen. Das waren die ursprünglich allein als regierungsfähig betrachteten Familien. Die comitia tributa wählten die quaestores, die für die Staatskasse und die Finanzverwaltung in Italien und in den Provinzen zuständig waren. Sie wählten auch zwei der vier aediles, nämlich die aediles curules, die unter anderem für die Marktaufsicht zuständig waren und weitere Amtsträger, die auf der Karriereleiter unter den aediles standen wie die tribuni militum. Die comitia tributa konnten auch gesetzgeberisch tätig werden. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 49 Die concilia plebis wählten die zehn Volkstribunen, die tribuni plebis. Durch ihr Interzessionsrecht, das Recht, dazwischen zu treten im wörtlichen oder übertragenen Sinn, konnten diese jede Amtshandlung eines anderen Amtsträgers, auch eines Konsuls, oder eines Kollegen, verhindern, und konnten sich gegen Senatsbeschlüsse und Gesetzesanträge stellen. Ebenso wählten die concilia plebis zwei der vier aediles, nämlich die aediles plebei. Die concilia plebis konnten seit 287 Beschlüsse mit Gesetzeskraft (plebiscita) fassen. Die tribus beruhten ursprünglich auf rein lokaler Grundlage. Die Männer eines bestimmten Bezirkes wurden zu einer tribus zusammengefasst. So gab es z.B. vier stadtrömische tribus, nämlich die tribus Collina, die tribus Esquilina, die tribus Palatina und die tribus Suburana. Die meisten tribus trugen Namen der Geschlechter, die im jeweiligen Gebiet große Besitzungen hatten wie z.B. die tribus Maenia, die das Gebiet der pontischen Ebene umfaßte, aber auch nach Norden und Süden ausgriff. 241 gab es 35 tribus. Danach schuf man keine neuen tribus mehr und wies Neubürger den schon existierenden tribus zu. Die tribus verloren dadurch ihren lokalen Charakter. Sie umfaßten nicht mehr nur die Bewohner eines bestimmten Gebietes. Die Neubürger konnten verschiedenen tribus nach Belieben zugeteilt werden. In der Regel wurden sie nur bestimmten zugewiesen. So ließ sich vermeiden, daß sie das Endresultat einer Abstimmung bestimmen konnten. Ihre Stimmkraft blieb nämlich auf wenige tribus beschränkt. Das Vorgehen der Zuteilung zu den existierenden tribus war aus politischen Gründen nicht einheitlich. Es ging aber immer um die Beeinflussung der Abstimmungsergebnisse. Die Stimmabteilungen unterschieden sich dadurch immer stärker durch die Zahl der Bürger, die in ihnen eingeschrieben waren. So wurde z.B. alle Freigelassenen seit dem 3.Jhd. in die vier städtischen tribus (tribus urbanae) eingeschrieben, was das politische Gewicht der Stimmen der Freigelassenen erheblich verminderte. Die vier tribus, in die die Stadt Rom eingeteilt war, hatten so die meisten Mitglieder, die 31 ländlichen dagegen deutlich mehr Stimmen. Von den ländlichen tribus konnten zudem nur die Mitglieder zu Abstimmungen nach Rom reisen, die einen oder mehrere Tage abkömmlich waren, also nicht selbst auf ihrem Anwesen arbeiten IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 50 mußten. So entschieden bei den ländlichen tribus nur wenige über die Stimme der jeweiligen Abteilung. Die Stimmen der Besitzenden waren also entscheidend. Das System der tribus als lokale Einheiten sah dies gar nicht vor, entwickelte sich aber in diese Richtung. Die Unterschiede in der Zahl der Bürger, die zu einer tribus gehörten, verstärkten sich in gravierendem Ausmaß, als die Bewohner ganz Italiens bis zum Apennin nach dem Bundesgenossenkrieg 88 v.Chr. und später auch die der Poebene 49 v.Chr. das röm. Bürgerrecht erhielten. Die Zahl der Neubürger war schon 88 etwa drei mal größer als die derer, die schon das Bürgerrecht hatten. Die Eintragung der Neubürger in die tribus vollzog sich nach 88 nur sehr schleppend. Die Bundesgenossen, die nicht von den Römern abgefallen waren, wurden wahrscheinlich in etwa die Hälfte der tribus eingeschrieben, die anderen nur in wenige. Dadurch kamen ihre Stimmen kaum zur Geltung, und das Abstimmungsergebnis spiegelte immer weniger das politische Gewicht der einzelnen Gruppen wieder. Die Politik war sich dieser Entwicklung schon vor dem Bundesgenossenkrieg, als die Unterschiede zwischen den tribus noch wesentlich geringer waren, wohl bewußt. So gab es mehrmals Vorschläge, Neubürger gleichmäßig auf die tribus zu verteilen. Sie wurden aber von den tonangebenden Politikern immer erfolgreich bekämpft. Die Idee der Gleichstellung fehlte weitgehend. Dazu kam, daß auch immer mehr Bürger sich in größerer Entfernung von Rom befanden und mit immer größeren Schwierigkeiten zu den Abstimmungen nach Rom kommen konnten. Von Tarent im tiefen Süden oder Como im Norden dauerte es bedeutend länger nach Rom zu reisen als etwa von Terracina. Selbst dieses war schon etwa 100 km von Rom entfernt, eine Distanz, die mehr als zwei Tagesreisen benötigte. Ganze Gruppen waren so weit entfernt, daß sie nie nach Rom kommen konnten. Dies gilt besonders für die Kolonien (colonia, pl. coloniae) röm. Bürger, die in immer stärkeren Maße auch außerhalb Italiens seit der späten Republik gegründet wurden, darunter Narbo, Narbonne in Südfrankreich, und Karthago. Karthago als Kolonie hatte ein wechselvolles Schicksal und entwickelte sich erst wirklich unter Augustus. Unter Caesar begann dann die Gründung solcher Kolonien ein größeres Ausmaß anzunehmen. Ihre Bewohner konnten an einer Abstimmung nur teilnehmen, wenn sie sich zufällig in Rom befanden oder nach Rom übersiedelten. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 51 Wieweit in entfernteren Orten die politischen Ereignisse in Rom wahrgenommen und erörtert wurden, ist schwierig zu beurteilen. Die Graffiti im Theaterzugang in Terracina, die Clodius’ Tod erwähnen und einen Caesarkopf darstellen, sind sicher keine offizielle Verlautbarung, sondern Zeichen einer Auseinandersetzung um stadtrömische Ereignisse. Den Stimmabteilungen der comitia centuriata, den centuriae, den sogenannten Hundertschaften, lag der Dienst und die Einteilung im Heer zugrunde. Es hing vom Vermögen ab, ob man als Reiter, als Fußsoldat oder in einer besonderen Einheit wie z.B. in der der Pioniere diente oder gar nicht aufgeboten wurde. Bei den Fußsoldaten, die in den Legionen dienten, wurden fünf verschiedene Gruppen der centuriae (classes, sing. classis) unterschieden. Vermögen und Art des militärischen Dienstes hingen deshalb zusammen, weil die Bürger für den Kauf und den Unterhalt ihrer Ausrüstung ursprünglich selbst verantwortlich waren. Später wurde diese finanzielle Belastung durch staatliche Unterstützung verringert, blieb aber als Prinzip bestehen. Die Stimmabteilungen der comitia centuriata kamen also auf der Grundlage des Vermögens zustande. Männer ähnlichen Vermögens wurden in denselben Stimmabteilungen zusammengefaßt, den centuriae. Vor der Mitte des 3.Jhd. gab es 193 centuriae, eine Zahl, die immer unverändert blieb. Davon waren 18 Hundertschaften den Bürgern vorbehalten, die als Reiter dienten, d.h. der Oberschicht. Die schwerbewaffneten Fußsoldaten, die in den Legionen dienten, waren in fünf classes (Klassen) mit insgesamt 170 centuriae eingeteilt. Die erste classis umfaßte ursprünglich 80 centuriae, eingeteilt in 40 seniores (Ältere), die keinen Militärdienst mehr leisteten, und 40 iuniores (Jüngere), die dienstpflichtig waren. Der ersten classis folgten die classes 2 bis 4 zu je 20 centuriae, und die classis 5 zu je 30, auch immer eingeteilt in seniores und iuniores. Danach kamen 5 centuriae infra classem. Die Mitglieder von jeweils zwei dieser centuriae dienten als Genietruppen und als Musiker. Die letzte Hundertschaft umfaßte alle die, die über gar kein Vermögen verfügten (capite censi). Diese centuria hatte zweifellos die höchste Mitgliederzahl, besonders als sich Rom immer mehr zu einer Großstadt entwickelte. Auch die Stimmabteilungen der comitia centuriata umfassten also unterschiedlich viele Wähler. Die Vermögenden waren auf wesentlich IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 52 mehr centuriae aufgeteilt als die Besitzlosen. Die centuriae der Vermögenden hatten nur wenige Mitglieder, die der weniger Besitzenden schon wesentlich mehr und die, die über kein Vermögen verfügten, wurden alle in eine centuria eingeteilt. Sie hatten nur eine Stimme. Zwischen 241 und 218 wurden die Tribus- und die Zenturienordnung fest miteinander verbunden. Die Bürger derselben tribus, die derselben Klasse der Zenturienordnung angehörten, bildeten zusammen eine Stimmabteilung (centuria) in den comitia centuriata. Sie trug den Namen der tribus. So sprach man etwa von der centuria Aniensis iuniorum, d.h. die iuniores der centuria aus der tribus Aniensis. Die centuria gehörte zur prima classis. Die tribus, eine ländliche, ist im Tal des Flußes Anio, dem heutigen Aniene, der durch Tivoli fließt, zu lokalisieren. Weil es 35 tribus gab, hätte es in jeder Klasse der comitia centuriata je 70 Stimmabteilungen geben müssen, und zwar je 35 der Jüngeren (iuniores) und je 35 der Älteren (seniores). Für die erste Gruppe (classis) ließ sich das relativ leicht erreichen, indem man die 80 Stimmabteilungen auf 70 reduzierte. Ein Problem bildeten die weiteren classes. Die Zahl von 193 durfte auf keinen Fall überschritten werden, denn das hätte zu einer Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse geführt. Man erhöhte die Zahl der centuriae einzelner classis. Man hatte ja durch die Reduzierung der ersten classis von 80 auf 70 10 centuriae mehr zur Verfügung. Es ist unsicher, wie ihre Verteilung im einzelnen geschah. Anscheinend faßte man mehrere tribus zu einer centuria zusammen. Welche tribus dabei in welcher centuria stimmten, wurde vor jeder Abstimmung ausgelost. Durch diese Neuerung, die Verbindung der Tribus- mit der Zenturienordnung, verfügten die Stimmbürger, die in den vier städtischen tribus eingeschrieben waren, in der ersten Klasse nur noch über acht Stimmen (vier iuniores, vier seniores) und waren gegenüber dem Land deutlich benachteiligt. Die unterschiedliche Stimmkraft der einzelnen sozialen Gruppen, die sich schon in der Einteilung der centuriae ausdrückte, wurde also noch einmal verstärkt. Sicher war die Verbindung der Tribus- und Zenturienordnung ein wesentlicher Grund dafür, daß die Zahl der tribus nach 241 nicht mehr erhöht wurde. Bei Abstimmungen hatten die Stimmabteilungen (centuriae) der Vermögenden und Älteren (seniores) ein deutliches Übergewicht. Weil Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 53 die Abstimmungen abgebrochen wurden, wenn eine Mehrheit der Stimmabteilungen sich zu Gunsten einer Person oder eines Sachgeschäftes wie z.B. einer Kriegserklärung entschieden hatte, kam die Abteilung der Vermögenslosen (capite censi) eigentlich nie dazu, ihr Stimmrecht auszuüben. Bei der Wahl eines Konsuls wurde besonders der Tatsache Rechnung getragen, daß die schwerbewaffneten Fußsoldaten in den großen militärischen Auseinandersetzungen entscheidend waren. So stimmte bald nach 241, sicher aber vor 218 oder 179 nicht mehr die erste centuria der Ritter bei der Wahl der consules zuerst ab, sondern eine centuria der prima classis, die ausgelost wurde. Sie galt als centuria praerogativa, und ihr Ergebnis war entscheidend für den Ausgang der Wahl. Die Stimmabteilungen der Ritter richteten sich nach ihr und die anderen Hundertschaften der ersten und zweiten Klasse, so daß das nötige Mehr für einen Kandidaten bald erreicht war. Dann wurde die Abstimmung abgebrochen. Die comitia centuriata stimmten in der Regel bis zur späten Republik nicht über Gesetze ab, sondern über Kriegserklärungen und Verträge mit fremden Staaten ab und wählten die wichtigen Amtsträger, nämlich die zwei consules, die den Staat leiteten und die Politik im einzelnen bestimmten, und die praetores. Ursprünglich war es wohl nur einer, ab 242 zwei, ungefähr ab 230 vier. Zwei waren für die Rechtsprechung zuständig, nämlich der praetor urbanus und der praetor peregrinus, die anderen waren für die Gebiete zuständig, die von Rom unterworfen worden waren, die Provinzen, und gingen als Statthalter in diese. Die Zahl der Prätoren stieg dann immer weiter an und erreichte am Ende von Caesars Leben, also um 45/44, sechzehn. Dazu wählten die comitia centuriata alle fünf Jahre die zwei Zensoren (censores). Sie waren 18 Monate im Amt, schätzten das Vermögen der Bürger ein und teilten sie dementsprechend den centuriae zu. Ebenso wiesen sie Neubürger den verschiedenen tribus zu. Sie nahmen neue Mitglieder in den Senat auf und konnten unwürdige Mitglieder aus diesem entfernen. Auch für die comitia centuriata gilt, daß mit der Ausdehnung des Gebietes Roms aus entfernteren Orten kaum jemand oder niemand zu den Abstimmungen kommen konnte. Die comitia centuriata waren eine Versammlung der Besitzenden. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 54 Vor den Abstimmungen in den comitia wurde keine Diskussion geführt, sondern nur über die vom Wahlleiter eingebrachten Vorschläge abgestimmt, wie etwa über die Kandidaten für ein Amt. Die jeweiligen Wahlleiter hatten eine sehr starke Stellung. Sie entschieden über die Kandidaten, die zur Abstimmung zugelassen wurden, auch wenn der Ausschluß eines Kandidaten begründet werden mußte, was aber nicht schwierig war. Sie sagten, über welche Anträge abgestimmt wurde, auch wenn auch hier Regeln galten, die aber flexibel waren. Diskutiert werden konnte in den sogenannten contiones, Versammlungen, in denen kein Beschluß gefaßt wurde und keine Wahl stattfand. Bei Themen, die die Leute bewegten, besonders die in Rom, die an diesen Versammlungen leichter anwesend sein konnten und in der Überzahl waren, konnte die Stimmung angeheizt und der Keim zu Unruhen gelegt werden. Für die Abstimmungen versammelten sich die Stimmbürger in sogenannten Gehegen (saepta), Einfriedungen, die in der Republik aus Holz errichtet waren, und verließen diese nacheinander, indem sie am Vorsteher der centuria oder der tribus vorbeigingen und ihm mitteilten, wie sie stimmen wollten. Diese Art der Stimmabgabe, die den Vorsteher wissen ließ, wie jeder gestimmt hatte, ließ sich natürlich leicht beeinflussen. Eine geheime Stimmabgabe wurde erst Schritt für Schritt etwa ab der Zeit der Gracchen (ab 131 v.Chr.) eingeführt. Die Einfriedungen befanden sich für die comitia centuriata auf dem Marsfeld östlich vom Pantheon bis hin zur Via del Plebiscito zwischen der Piazza Venezia und der Torre Argentina. Sie boten Platz für etwa 55000 Abstimmende. Die comitia tributa wurden anfänglich auf dem alten comitium, dem Versammlungsplatz für die Volksversammlungen, etwa im Bereich der jetzigen Curia Julia, dem unter Caesar begonnene Neubau des Senatsgebäudes, abgehalten, und seit 145 auf dem Forum vor dem Castortempel, wo sich etwa 15000–20000 Personen versammeln konnten. Für die Wahl der Magistrate, die von den comitia tributa oder den concilia plebis gewählt wurden, wich man auf das Marsfeld aus und wählte am Platz der comitia centuriata. Gemessen an der Zahl der stimmberechtigten männlichen Bürger, die z.B. 179 v.Chr. 258794 und 131/130 v.Chr. 318823 betrug, kommt man dabei höchstens auf eine Stimmbeteiligung von rund 20% bei den Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 55 comitia centuriata und unter 10% bei den comitia tributa und den concilia plebis. Daß man die jeweiligen Versammlungsplätze mehrmals auffüllte, wird man nicht annehmen können. Es gibt keinen Hinweis darauf. Tatsächlich dürfte die Stimmbeteiligung des Wahlverfahrens wegen bei den comitia centuriata deutlich weniger betragen haben, denn die Abstimmung wurde ja abgebrochen, wenn die Entscheidung gefallen war. Auch bei den comitia tributa ist mit weniger Beteiligung zu rechnen, weil die ländlichen tribus, wie schon gesagt, mit wenigen Personen vertreten waren. Die Beteiligung dürfte etwa der schweizerischer Gemeindeversammlungen entsprochen haben, bei denen 10% Beteiligung schon ein sehr gutes Ergebnis ist, wenn es sich nicht um eine Gemeinde mit ganz geringer Einwohnerzahl handelt, also deutlich unter 1000 Einwohnern. Auch vom Verfahren der Abstimmung her wird also nur die Meinung einer Minderheit der Bürger berücksichtigt. Abstimmungen waren also nicht der Ort, wo man seiner Unzufriedenheit wirklich Ausdruck geben konnte und wollte. Man wird bei der Mehrheit der Römer, besonders in der Stadt, von einem weitgehenden politischen Desinteresse auszugehen haben. Sie reagierte mit Protesten und Unruhen, die ihren Anfang in den contiones nehmen konnten, wenn ihre vitalen Interessen gefährdet schienen. Diese waren Unterhaltung und Ernährung. Bei der Wahl der Amtsträger kamen als Kandidaten in der Regel nur die Mitglieder weniger führender Familien in Betracht, besonders für den Konsulat. Für diesen wurden meistens die Mitglieder der sogenannten nobilitas gewählt. Sie wurde von Familien gebildet, die schon einmal irgendwann einen consul gestellt hatten. Eine der bekanntesten Ausnahmen bildet im 1.Jhd. v.Chr. Cicero, der aus einer ritterlichen Familie stammte, die noch niemals einen consul gestellt hatte. Eine soziale Schranke gegenüber Aufsteigern war auch dadurch gegeben, daß die Amtsträger nicht bezahlt waren. Wer einer täglichen Arbeit für seinen Lebensunterhalt nachgehen mußte, kam für ein Amt niemals in Frage. Bei Sachgeschäften waren die finanziellen Auswirkungen entscheidend. Beschloß man einen Krieg, so waren die schwerbewaffneten Fußkämpfer betroffen. Sie konnten auf Beute hoffen, aber trugen auch alle Risiken. Sie mußten nicht nur damit rechnen, im Krieg umzukom- IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 56 men, sondern auch mit wirtschaftlichen Folgen für ihre Bauernhöfe, wenn der Krieg zu lange dauerte. Für solche Beschlüsse war aber auch die Meinung der Oberschicht, der politischen Elite also, entscheidend. Ihre Meinung wurde nicht einfach übergangen. Die römische Gesellschaft war vorwiegend vertikal verbunden. Von wem viele Leute abhingen, der übte auch einen entsprechenden Einfluß aus. Er konnte auch die Abgabe der Stimmen steuern. Wahlverfahren und Wertung der Stimmen bevorzugten die Besitzenden in den comitia centuriata ganz offensichtlich. Diese waren es auch, die die Politik der politischen Elite mittrugen und erst ermöglichten. Sie waren durch das Wahlverfahren in den comitia centuriata eingebunden. Aber auch bei den comitia tributa und den concilia plebis spielten die Besitzenden eine bedeutende Rolle, wenn auch verdeckter. Hier war es vor allem die Zuweisung von Neubürgern nur an wenige tribus, vorwiegend an die städtischen, mit deren Hilfe sich die Ergebnisse steuern ließen, wie schon erwähnt. Die Stimmkraft der Neubürger war so wirkungslos für das Gesamtergebnis. Sie wurde immer nur wirksam in denselben tribus. Dazu kam die Tatsache, daß aus den ländlichen tribus, die 31 Stimmen gegenüber vier städtischen hatten, nur die Besitzenden genug Zeit hatten, um für die Abstimmungen nach Rom zu kommen. Im römischen Wahlverfahren zählte also nicht die Zahl der einzelnen Stimmen und damit die Mehrheit der Stimmenden. Die Ergebnisse spiegelten vielmehr den politischen Einfluß und die soziale Stellung der einzelnen Gruppen und Personen wider. Die Gruppierungen mit dem größten Einfluß, der auf ihrem Besitz und ihrem sozialen Prestige beruhte, bestimmten über die Stimmabteilungen die führenden Personen und die Politik. Es war das extremste Klassenwahlrecht, das aus unserem historischen Raum bekannt ist. Es garantierte aber die Teilhabe der wichtigen Gruppen an entscheidenden Fragen der Politik und damit deren Stabilität. Es ging um Krieg und Frieden, Verträge und die Wahl der höchsten Beamten. Stimmabteilungen, Wahlen und Abstimmungen 57 Die politische Kultur, die Institutionen und der soziale Wandel Dieses System blieb solange unbestritten in Geltung und funktionierte im gewünschten Sinn, so lange keine Änderungen im sozialen Gefüge auftraten. Als sie sich einstellten, widerspiegelte die Verteilung der Gewichte in den comitia nicht mehr die gesellschaftliche Wirklichkeit, in der sie entstanden waren. Dies führte aber nicht zu einer Infragestellung oder Aufgabe bzw. Änderung des Systems der Stimmabteilungen, sondern zu einem anderen Gebrauch desselben und zu Manipulationen. Die Magistrate, die die Versammlungen leiteten, die Wahlen durchführten oder Gesetze beschlossen, gewannen gerade dadurch eine stärkere Stellung, und die Teilhabe der Bürger im ursprünglich vorgesehenen Rahmen verschwand. Die Ergebnisse der Abstimmungen verloren so offensichtlich an Verbindlichkeit. Sie wurden nicht mehr respektiert, wenn die Machtverhältnisse es erlaubten. Einzelne der Unterlegenen setzten sich darüber hinweg wie Sulla 88 oder Catilina, der seine Nichtwahl zum consul nicht akzeptierte. Die Legitimierung, die die Beschlüsse der comitia den Amtsträgern, ihrer Politik und den Gesetzen gab, war so lange wirksam, wie der Konsens unter den führenden Vertretern der Politik erhalten blieb. Als einzelne sich der sozialen Kontrolle ihrer Standesgenossen entzogen, begann die Manipulierung der comitia. Sie wurden zur formalen Bestätigung eigener politischer Vorstellungen eingesetzt, und ihre Beschlüsse verloren die allgemeine Verbindlichkeit. Es kam zu einem anderen Gebrauch derselben in der politischen Auseinandersetzung und zu Manipulationen, die den Absichten und politischen Zielen der beiden unterschiedlichen Gruppen dienten, die sich gegen Ende des 2.Jhd. in Rom entwickelten, nämlich der Optimaten, die für eine führende Rolle des Senats eintraten, und der Popularen, die behaupteten, die Interessen des Volkes zu berücksichtigen und auf eine stärkere Rolle einzelner Amtsträger setzten. Hier spielten die Volkstribunen eine wichtige Rolle oder den Popularen gewogene Konsuln wie Caesar 59 v.Chr. Die Änderungen des sozialen Gefüges und seiner Repräsentation in den beschließenden Versammlungen (comitia) wurden fast ausschließlich durch die außenpolitische Entwicklung hervorgerufen. Sie führte zuerst zur Eingliederung neuer Gebiete in Italien in das röm. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 58 Territorium. So wurde das Gebiet von Veji 396 und das der Latiner 338 fast ganz zum römischen geschlagen. Weitere Erweiterungen des römischen Gebietes folgten. Kurz vor der Mitte des 3.Jhd. herrschte Rom über das ganze italische Festland südlich des Apennin. Die Staaten, deren Gebiet nicht in das römische eingegliedert worden war, waren durch ein System von Bündnisverträgen an Rom gebunden, das auf diese Weise die Außen- und Militärpolitik seiner Verbündeten bestimmte. So mußten sie z.B. für Kriege Truppen stellen, ohne über einen Krieg entscheiden zu können. Mit dem ersten punischen Krieg (264–241) griff Rom über das italische Festland hinaus und wurde mit dem Sieg über Karthago zur Vormacht zuerst im westlichen und später nach 200 auch im östlichen Mittelmeer. Die besiegten Gebiete außerhalb Italiens wurden mehrheitlich als Provinzen organisiert und von römischen Statthaltern verwaltet. Ihnen und ihrer Politik waren deren Bewohner weitgehend ausgeliefert. Unter dem Einfluß der ständigen Kriege, besonders auf fernen Kriegsschauplätzen, entwickelte sich eine neue Verteilung der röm. Bevölkerung. Es zogen immer mehr Römer vom Land nach Rom, und die ländlichen tribus stimmten daher anders als vorher. Die Zahl der freien Bauern, die hinreichend vermögend waren, hatte sich vermindert, und zwar deshalb, weil sich immer größere Güter entwickelten, die billiger produzieren konnten als die Bauern. Dieser Großgrundbesitz entstand durch den Reichtum und den damit wachsenden Einfluß der politischen Elite, die den größten finanziellen Gewinn aus den Kriegen zog. Die Beute und die Möglichkeit, die unterworfenen Gebiete, die als Provinzen organisiert worden waren, zu verwalten und auszuplündern, führten zur Anhäufung immer größeren Reichtums. Dieser ließ sich auch politisch nutzen. So konnte man etwa durch kostenlose Verteilung von Lebensmitteln oder prächtige Spiele seinen politischen Einfluß vergrößern und sein Ansehen steigern. Dazu kam die Einfuhr billigen Getreides besonders aus Africa, die die freien Bauern konkurrenzierte. Diese zogen nach ihrem sozialen Abstieg und dem Verkauf ihres Besitzes nach Rom. So waren im 1.Jhd. v.Chr. anders als vorher genug Personen in Rom, die in den ländlichen tribus in anderem Sinn stimmen konnten, als es von den Optimaten Die politische Kultur, die Institutionen und der soziale Wandel 59 gewünscht war. Die Optimaten waren der Teil der politischen Elite, der die Vorherrschaft des Senates und nicht die einzelner einflußreicher Persönlichkeiten vertrat. Es gab jetzt also bei den Abstimmungen auch hinreichend Personen aus den ländlichen tribus in Rom, die nicht nur mehr zu den reichsten der jeweiligen tribus gehörten. Sie mußten nicht mehr abkömmlich sein, weil sie ständig in Rom lebten. Ihnen waren nur ihre politischen Rechte geblieben, die sie dem Meistbietenden zur Verfügung stellen konnten. Im ersten Jahrhundert v.Chr. gab es schon Klubs, die Stimmen verkauften und bereits mit wenigen Mitgliedern einer tribus Abstimmungen entscheiden konnten. Stimmen wurden käuflich. Diese Entwicklung zeigt sich schon seit dem Ende des 2.Jhd. v.Chr. Die comitia tributa und die concilia plebis waren damit in höherem Maße manipulierbar als die comitia centuriata. Damit konnten ihre Beschlüsse in Zweifel gezogen werden, und sie konnten keinen Gehorsam mehr bewirken. Alle Seiten wußten, daß man mit geschicktem Vorgehen jedes gewünschte Ergebnis erreichen konnte. Es entwickelte sich dadurch ein Unterschied im Stimmverhalten der comitia centuriata und dem der tributa bzw. der concilia plebis. Die comitia centuriata, die die höchsten Amtsträger wie consules und praetores wählten, blieben stärker von den Optimaten beherrscht, die keine Änderung der Rolle des Senates wollten, während die comitia tributa und concilia plebis stärker mit populistischen Thesen manipulierbar wurden. Die letzteren wählten auch die Volkstribunen. Sie stellten sich als Vertreter des Volkes dar. Die außenpolitische Entwicklung hatte aber auch Auswirkungen auf die comitia centuriata. Auch sie blieben nicht von den gesellschaftlichen Veränderungen unberührt. Weil sich die Zahl der freien Bauern ständig verminderte, mußte man den census, das nachzuweisende Vermögen, für die Bürger, die in den Legionen dienten, herabsetzen. Zugleich wurden eine geringe Besoldung gewährt und Waffen und Rüstung ganz oder teilweise gestellt, um weiter Soldaten ausheben zu können. Anfangs war nämlich der Militärdienst unbezahlt, und die Waffen gingen zu Lasten derer, die ausgehoben wurden. Umstritten in der röm. Republik war vor allem die Frage der militärischen Dienstleistung und die mit ihr verbundenen Probleme. Für die freien Bauern, die ihren Hof selber bewirtschafteten, wurde der IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 60 Militärdienst zu einer untragbaren Last, wenn die Abwesenheit zu lange dauerte. Die militärische Dienstleistung hatte durch die ständige Erweiterung des röm. Gebietes und durch die Kriege in immer ferneren Gebieten auch außerhalb Italiens ein bedeutend größeres Gewicht, als sie es schon normalerweise in antiken Gemeinwesen hatte. Sie griff am stärksten in die Rechte und das Leben der Bürger ein. Mit dem Militärdienst verbunden waren wirtschaftliche Fragen, bei denen die politischen Eliten in Rom und die Schichten, die den Dienst leisten mußten, in unterschiedlicher Weise profitierten. Auf die Dauer konnte die wirtschaftlich und politisch führenden Schichten immer größere Gewinne erzielen, während die freien Bauern in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten. Diese begannen in ersten Anzeichen von Ungehorsam wie vereinzelte Meutereien oder Befehlsverweigerungen sichtbar zu werden. Sie sind für uns schon gegen Ende des 2. punischen Krieges (218– 201 v.Chr.) greifbar. Sie stellten am Anfang das politische System nicht an sich in Frage, sondern nur seine Auswirkungen. Sie richteten sich vor allem gegen die langdauernden Kriege in fernen Gebieten, die die freien Bauern immer stärker belasteten. Sie hinderten sie daran, ihre Äcker bestellen zu können, brachte sie in wirtschaftliche Schwierigkeiten und konnten sie in eine Situation bringen, in der sie ihren Hof verkaufen mußten. Der Rückgang der freien Bauern führte zu Reformversuchen, die darauf abzielten, ihre Zahl wieder zu erhöhen und ihnen wieder Land zu verschaffen und so die Folgen der langen Kriege in entfernten Gebieten auszugleichen. Hierfür kam besonders Staatsland (ager publicus) in Frage, an dessen Nutzung auch die politischen Oberschichten interessiert waren. Diese angestrebten Reformen sind besonders mit den Brüdern Tiberius und Gaius Gracchus verbunden, die 133 und 123/22 Volkstribunen waren. Sie wurden aber auch später immer wieder aufgegriffen. Sie führten zu großen inneren Spannungen, zum Mißbrauch und zur Manipulation besonders der comitia tributa und der concilia plebis und zeigen das schwindende Vertrauen in das politische System und die zunehmende Verachtung der eingespielten politischen Verfahren. Rom hatte wie antike Staaten generell keine Verfassung, sondern das meiste beruhte auf Gewohnheitsrecht, das solange funktionierte, wie es von allen politischen Akteuren respektiert wurde. Die politische Kultur, die Institutionen und der soziale Wandel 61 Bei den inneren Auseinandersetzungen spielten die Volkstribunen (tribuni plebis) auch nach den Gracchen eine wichtige Rolle. Sie und die hohen Amtsträger wie die Konsuln, soweit sie auf ihrer Seite standen, vertraten die Interessen der plebs oder gaben vor, es zu tun. Grundlegend in Frage gestellt wurde das politische und soziale System erst, als sich soziale Bindungen, die außerhalb der politischen Legitimationsverfahren standen, verstärkten. Sie wurden durch das Legitimationsverfahren nicht mehr erfaßt. Mariusʼ Heeresreform und ihre Folgen Die entscheidende Wende wird in der Regel mit Marius verbunden, der bei seinen Aushebungen für den Feldzug in Numidien 107 v.Chr. den Grundsatz mißachtete, die ärmsten Bürger, die capite censi, normalerweise nicht zum Dienst in den Legionen heranzuziehen. Man darf aber nicht annehmen, daß er ein förmliches Werbesystem einführte, sondern er hielt wohl eine Aushebung (dilectus) ab, bei der er keine Rücksicht auf die Zensusklassen (classes) nahm und keinen Zwang auf die ausübte, die nicht dienen wollten. Die Aussicht auf Beute und auf eine mögliche Landzuweisung machten den Dienst für die ärmeren Bevölkerungsschichten interessant. Der Grundsatz, keine ärmeren Bürger (capite censi) zum Dienst heranzuziehen, wurde in Ausnahmefällen schon früher in Notsituationen mißachtet. Dieses Vorgehen wurde aber offensichtlich nach dem dilectus von 107 zur Regel, so etwa als der Krieg gegen die Kimbern und der Aufstand der italischen Bundesgenossen eine außergewöhnliche Anspannung der militärischen Kräfte Roms erforderten. Keinesfalls wurde aber das System der Zwangsaushebungen aufgehoben. Es bestand weiterhin. So setzte sich die röm. Armee am Ende von Augustus' Regierungszeit, also um 14 n.Chr., etwa zur Hälfte aus Soldaten zusammen, die ausgehoben worden waren und sich nicht freiwillig gemeldet hatten. Marius' Vorgehen brachte es mit sich, daß man für die Soldaten nach ihrer Entlassung sorgen mußte und ihnen nach ihrer Entlassung nachträglich das Land zur Verfügung stellen mußte, das ihnen vorher gefehlt hatte, um in einer höheren Zensusklasse zu sein, und das ihnen IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 62 ein Auskommen garantierte. Dafür war in den Augen der Soldaten der Feldherr zuständig, dessen Rolle damit gestärkt wurde. Er war schon vorher durch die langen Kriege auf fernen Kriegsschauplätzen für die Soldaten wichtiger geworden als die Konsuln zuhause, die jedes Jahr wechselten. Natürlich mußte er auch mit dem Unmut der Soldaten der langen Dienstdauer wegen rechnen, konnte aber dafür die Regierenden zu Hause verantwortlich machen und die Soldaten durch Beute bei Laune halten. Die Bedeutung der Stellung des Feldherrn wuchs in der späten Republik nicht nur durch die engere Bindung der Soldaten an ihn durch die Art der Aushebung, indem man sich freiwillig für einen bestimmten Feldherrn entschied, sondern auch durch die Übertragung immer größerer Kommandobereiche auf längere Zeit mit au- ßerordentlichen Befugnissen an einzelne Führer. Hier bietet Pompeius das herausragende Beispiel. Ihm wurde 67 v.Chr. durch die lex Gabinia, beschlossen von den comitia tributa, der Kampf gegen die Seeräuber auf drei Jahre übertragen. Dazu bekam er die Kompetenz, in allen röm. Gebieten, die ans Meer grenzten, bis zu 50 röm. Meilen (=75 km) landeinwärts eingreifen zu können. In diesem Bereich stand seine Kompetenz über der der Statthalter in den Provinzen. Er durfte bis zu 20 Legionen ausheben, 500 Kriegsschiffe ausrüsten und 15 Unterfeldherrn benennen. Pompeius setzte später 24 durch. 66 v.Chr. wurden ihm durch die lex Manilia, ebenfalls von den comitia tributa beschlossen, mehrere Provinzen im Osten für den Krieg gegen Mithridates VI. zugesprochen. Er durfte weitere Kriegserklärungen aussprechen und selbständig Bündnisse bzw. Friedensverträge abschließen, die sonst den comitia centuriata zur Genehmigung vorzulegen waren. Pompeius' Beispiel eiferte dann Caesar nach, der in seinem Konsulatsjahr 59 v.Chr. sich für seine Provinzen, nämlich die Gallia citerior (Oberitalien) und die Gallia Narbonnensis, die heutige Provence, Sondervollmachten übertragen ließ. Die außerordentlichen Kommandos wurden nur wenigen Personen zuteil. Dazu gehört neben Caesar und Pompeius auch Crassus, der seines Reichtums wegen besonders bekannt war. Die lange Dauer der außerordentlichen Kommandos festigten die Bindung der Soldaten an ihren Feldherrn. Es handelte sich dabei um eine große Anzahl von Legionen. Ebenso wurden die Unterfeldherrn an ihn gebunden, weil sie ihm ihre Ernennung verdankten und sie auf Mariusʼ Heeresreform und ihre Folgen 63 weiteres Entgegenkommen hoffen konnten. Sie kamen aber auch in immer größere Abhängigkeit von ihm. Die außerordentlichen Kommandos erlaubten ihren Inhabern auch großen Reichtum zu erwerben. So gewann Caesar etwa durch den Verkauf der Bewohner unterworfener Städte in Gallien in die Sklaverei viel Geld. Dazu konnten die Inhaber der außerordentlichen Kommandos durch Forderungen verschiedenster Art an Unterworfene und Abhängige wie z.B. Verbündete ihren Besitz weiter vermehren. Der erworbene Reichtum ließ sich dazu verwenden, die Loyalität der Soldaten und Unterfeldherrn durch großzügige Zuwendungen zu festigen. Der Einfluß der consules und ihre Wahl durch die begüterten Bürger wurden durch diese Entwicklung konkurrenziert. Der jeweilige General fand seinen Anhang auch außerhalb dieser Schicht. Er erwarb sich die Loyalität seiner Soldaten. Sie wurde wichtiger als die zu den gewählten Magistraten. Sie standen in schwierigen Situationen zu ihm. Damit waren die politischen Gewichte verschoben, und das bisherige Wahlverfahren entsprach ihnen nicht mehr. In diesem Moment konnte man auf die neue Gruppe zurückgreifen, und das bisherige Verfahren beliebig manipulieren. Dabei bewahrte man weiterhin den formalen Weg, konnte aber institutionelle Änderungen durchsetzen und neue Ämter mit besonderen Vollmachten schaffen. Sullas und Caesars Usurpationen Eine etwas andere neue Stufe der inneren Auseinandersetzung wurde 88 v.Chr. erreicht. Sulla, der damals consul war, belagerte mit einem Heer Nola in Kampanien, das sich im Rahmen des Krieges zwischen Rom und seinen Bundesgenossen noch nicht ergeben hatte. Er hatte den Krieg gegen Mithridates von Pontus im Osten des Reiches übertragen bekommen. Seinen innenpolitischen Gegnern gelang es, bei den concilia plebis einen Antrag durchzusetzen, der ihm das Kommando für den Krieg gegen Mithridates, das er noch gar nicht angetreten hatte, entzog. Für einen solchen Gesetzesantrag (rogatio) gab es keinen Präzedenzfall. Als man Sulla den Beschluß überbrachte, verweigerte er den Gehorsam und zog mit dem Heer gegen Rom. Dabei IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 64 hatte er nur einen der senatorischen Offiziere auf seiner Seite, nämlich den quaestor L.Lucullus, Er ist bekannt durch seinen Reichtum und seine opulenten Gastmähler. Die anderen sensorischen Offiziere verließen vor Sullas Aufbruch gegen Rom das Lager und kehrten nach Rom zurück. Die Soldaten dagegen folgten Sulla. Sie fürchteten, daß sie an einem beutereichen Zug nicht würden teilnehmen können, wenn ein neuer Kommandant andere Truppen einsetzen würde. So hatte sie Sulla informiert. In Rom ließ dieser die consules für 87 in seinem Sinne wählen und zog dann mit seinem Heer in den Osten gegen Mithridates. Sullas Ungehorsam kann man nicht als Staatsstreich werten, denn er war ja 88 consul und schuf kein neues Amt. Er verweigerte nur einem beschlossenen Gesetz, das außerhalb des Gewohnheitsrechtes stand, den Gehorsam. Während Sulla gegen Mithridates kämpfte, übernahmen seine Gegner die Macht in Rom. Bei seiner Rückkehr blieb ihm nur die gewaltsame Auseinandersetzung mit seinen Gegnern. Eine andere Lösung hätte seinen politischen Untergang und seinen Tod bedeutet. Als er 83 v.Chr. in Italien gelandet war, zog er gegen Rom und nahm es gewaltsam ein. Weil beide Konsuln umgekommen waren, wurde L.Valerius Flaccus auf Betreiben Sullas von den patrizischen Senatsmitgliedern zum Interrex gewählt. Er sollte ein Gesetz bei bei den comitia centuriata, der Volksversammlung der Hundertschaften, beantragen, das ihn ermächtigte, Sulla zum dictator für die Neuordnung des Staates zu ernennen (rei publicae constituendae). Als Sulla nach Billigung der lex Valeria zum dictator ernannt worden war, konnte er die ins Wanken geratene Senatsherrschaft durch verschiedene Maßnahmen wiederherstellen. Ein Interrex wurde normalerweise gewählt, um Konsulwahlen durchzuführen, wenn beide Konsuln tot waren. Sullas Vorgehen war eindeutig eine Usurpation der höchsten Macht im Staate. Er griff dazu auf die Wiederherstellung der dictatura zurück. In der Form, in der Sulla sie verwendete, war sie ursprünglich als Amt für außenpolitische Notsituationen gedacht und letztmalig mit dieser Aufgabe 216 v.Chr. besetzt worden. Zudem hatte es eine dictatura mit dem Zweck, wie es Sulla vorsah, vorher nie gegeben. Es gab nämlich verschiedene Formen der dictatura. Sullas und Caesars Usurpationen 65 Sullas Übernahme der Herrschaft in dieser Art und Weise, nämlich gewaltsamer Sturz der Regierenden und Übertragung eines Amtes, das für Sullas politische Zwecke neu ausgerichtet wurde, blieb typisch für Usurpationen in der späten röm. Republik. Man schuf eine außerordentliche Gewalt mit der Aufgabe, die Ordnung des Staates neu zu gestalten. Verbunden mit der Übernahme der Herrschaft durch Sulla war eine personelle Umgestaltung der führenden Schichten durch die Proskriptionen, d.h. die physische Beseitigung seiner politischen Gegner verbunden mit der Einziehung von deren Vermögen. Die Gliederung der röm. Gesellschaft an sich blieb bestehen. Senatoren und Ritter blieben die führenden Schichten. Sulla entschied persönlich darüber, wer proskribiert wurde. Die Namen der Proskribierten wurden öffentlich angeschlagen. Sie durften von jedermann getötet werden. Dafür erhielt man eine Belohnung. Hilfeleistung an sie wurde bestraft. Ihre Güter wurden verkauft. Ihre Söhne und Enkel verloren das Recht, sich um Ämter zu bewerben. Ein später sehr berühmter Mann aus bester Familie stand unter anderem auf dieser Liste. Es war der damals 18jährige Caesar. Er soll seine Häscher, die ihn schon ergriffen hatten, bestochen haben. Sie ließen ihn laufen. Legalisiert wurden die Proskriptionen durch eine Ermächtigung dazu schon in der lex Valeria und durch die lex Cornelia de proscriptione, die wie die lex Valeria auch durch die comitia centuriata gebilligt wurde. Die innenpolitische Auseinandersetzung erreichte damit einen neuen Höhepunkt. Als Sulla den Staat in seinem Sinn reformiert und die Vormachtstellung des Senats gefestigt hatte, konnte er von seinem Amt zurücktreten. Er brauchte es nicht mehr, um sein Überleben zu sichern. Er legte die dictatura 79 v.Chr. nieder und starb ein Jahr später. Mit dem Jahr 83 v.Chr. war der Staatsstreich in das politische Instrumentarium aufgenommen. Er bleibt von nun an ein Mittel der Politik, und es wurde noch mehrmals auf ihn zurückgegriffen. Berühmtestes Beispiel nach Sulla ist Caesar. Er zog 49 v.Chr. nach dem Ende seiner Amtszeit in Gallien mit seinem Heer gegen Rom und übernahm die Herrschaft. Er fürchtete, daß seine politischen Gegner ihm den Prozeß machen würden und daß seine politische Karriere beendet werden würde. Wie Sulla wählte er als rechtliche Form seiner besonde- IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 66 ren Stellung die dictatura. Er ging dabei aber in anderer Weise als Sulla vor. Als er im Januar 49 v.Chr. den Rubikon überschritt und damit den Bürgerkrieg eröffnete, war er wie Sulla lediglich proconsul. Seine Stellung in Rom war also nicht legitimiert. Seine Gegner hatten Spanien und den Osten in ihrer Gewalt. Er wandte sich zuerst nach Spanien. Von dort, so glaubte er, sei seine Position bedrohter. Während des erfolgreichen Feldzug in Spanien ließ er sich erstmals im August 49 vom praetor M. Aemilius Lepidus zum dictator ernennen. Dieser hatte ein Gesetz eingebracht, das ihn dazu ermächtigte (lex Aemilia). Die Legitimität dieser Ernennung stand auf schwachen Füßen. Die Ernennung zum dictator durch einen praetor war unzulässig, und die rechtmäßigen Konsuln waren geflohen. Caesars dictatura war keine für die Neuordnung des Staates. Als er gegen Ende 49 aus Spanien nach Rom für elf Tage zurückkehrte, ließ er sich unter anderem auf ihrer Grundlage zum consul von 48 wählen und auch einige Gesetze durchbringen. Er brach dann nach Brindisi auf, um mit seinem Heer nach Griechenland überzusetzen, wo sich der größte Teil des Senates mit den Konsuln und Pompeius befanden. Die dictatura legte er noch vor Ende 49 nieder. 48 beruhte seine Legitimität auf dem Konsulat. Im Herbst 48 ließ sich Caesar nach dem Sieg bei Pharsalus in Thessalien über seine innenpolitischen Gegner für ein Jahr vom consul P. Servilius Isauricus zum dictator ernennen. M. Antonius wurde magister equitum, Gehilfe des dictators, und damit Stellvertreter Caesars in Rom und Italien. Caesar war damals im Reichsosten, und zwar in Ägypten. Caesar stellte seine Milde heraus, die clementia Caesaris, und verzichtete nach der Übernahme der Macht auf Proskriptionen und damit auf eine systemattische personelle Umgestaltung der politisch führenden Schichten, der Senatoren und der Ritter. Diese wurden aber dennoch durch die Bürgerkriege, die Caesars Übernahme der Herrschaft in Italien folgten, dezimiert. So verübte 46 v.Chr. Cato, ein Urenkel Catos des Älteren, in Utica bei Karthago im heutigen Tunesien Selbstmord. Er erhielt vom Ort seines Todes posthum den Beinamen Uticensis, um ihn von seinem berühmten Vorfahren zu unterscheiden. Er starb als Gegner des Tyrannen und wurde als solcher durch die Jahrhunderte verehrt. Sullas und Caesars Usurpationen 67 Weniger bekannt sind viele andere Senatsmitglieder, die ebenfalls in den Kämpfen umkamen, wie etwa L.Domitius Ahenobarbus. Er entstammte einer berühmten stadtrömischen Familie, war 54 v.Chr. Konsul und ein erbitterter Gegner Caesars schon zu Zeiten von dessen Konsulat 59 v.Chr. Er kam in der Schlacht von Pharsalus um. Andererseits ermöglichte gerade Caesar, vielen Mitgliedern des Großbürgertums aus Italien und den Provinzen in die führenden Schichten aufzusteigen. Caesar brachte etwa 400 neue Mitglieder in den Senat. Caesars Aufgabe als dictator war die Fortführung des Krieges gegen seine Gegner. Er war also dictator, um einen Krieg zu führen (rei gerundae causa). Noch im Rahmen dieser dictatura führte er im Herbst 47 nach seiner Rückkehr aus dem Osten die Konsulwahlen für 46 durch, ließ sich zum consul wählen und legte dann vermutlich die dictatura nieder. Nach dem Sieg bei Thapsus rund 200 km südlich von Tunis am Meer im Frühjahr 46 wurde Caesar durch Senatsbeschluß die dictatura erneut, diesmal aber auf zehn Jahre, übertragen. Sie wurde dabei wie ein Jahresamt jährlich erneuert und auch so gezählt. So wurde sie gleich wie ein Konsulat behandelt. Man erkennt dies deutlich an der Art, wie auf sie verwiesen wird. Man vergleiche z.B. die Formulierung in der Schrift über den spanischen Krieg (bell. Hisp. 1,2: Caesar dictator tertio, designatus dictator quarto: als Caesar zum dritten Mal dictator war und für ein viertes Mal designiert war). Die dictaturae (Diktaturen) Caesars dienten überwiegend nicht dazu, um den Staat neu zu ordnen wie bei Sulla, sondern um seine Gegner besiegen zu können. Wahrscheinlich zwischen dem 26.1. und dem 14.2.44 erfolgte die Übertragung der dictatura auf Lebenszeit. Ob sie auf Caesars Initiative zurückging, ist nicht bekannt, er nahm sie aber an. Mit der lebenslänglichen Diktatur wurde die Angleichung an ein Jahresamt hinfällig, statt dessen wurde der Anspruch auf Alleinherrschaft deutlich. Caesars Streben nach Legitimität im Rahmen der bisherigen Ordnung, sein Eintreten für die populare Sache, d.h. für die Anliegen des Volkes, nicht des Senates, als Hauptziel seiner Politik und die Abgrenzung gegenüber Sulla wurden mit der Annahme der Diktatur auf Lebenszeit gegenstandslos. Sie entsprach nicht der bisherigen Politik Caesars. Caesar verwendete die dictatura nicht im Sinne Sullas, um den Staat neu zu ordnen und dann zurückzutreten, sondern um eine Stellung zu haben, die ihm die Herrschaft auf die Dauer sicherte IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 68 und ihn von den Wahlen zum consul unabhängig machte. Die dictatura auf Lebenszeit war der letzte Schritt dazu. Nachdem er die Herrschaft 49 mit Gewalt übernommen hatte, sah er offensichtlich keinen anderen Weg, um sein politisches und wohl auch physisches Überleben zu sichern. Anders als Sulla konnte er nicht zu Gunsten des Senates auf die dictatura und damit seine Macht verzichten und die Vorherrschaft des Senates wiederherstellen. Er war bei der Nobilität im höchsten Maße unbeliebt, die den Senat kontrollierte. So mußte er seine Herrschaft auf Lebenszeit sichern. Eine politische Alternative zur dauerhaften Übernahme der dictatura gab es für ihn nicht, die ihm die Gewähr hinreichender Sicherheit geboten hätte. Die Diktatur als Amt schützte Caesar auch in der Stadt Rom politisch. Er konnte dank ihr auch in der Stadt sein militärisches Kommando (imperium) beibehalten. Das Provokationsrecht galt gegen ihn nicht, d.h. ein Bürger konnte sich nicht gegen Auspeitschung und Hinrichtung an die Volksversammlung wenden und auch nicht das Interzessionsrecht der Volkstribunen in Anspruch nehmen. Diese konnten die Strafmaßnahmen eines Beamten gegen einen Bürger nicht mehr durch ihr Dazwischentreten verhindern. Ob Caesar neben der dictatura auf Lebenszeit auch eine monarchische Stellung anstrebte, ist nicht ganz zu sichern. Die dictatura auf Lebenszeit gab ihm aber quasi alle Vollmachten, die auch ein Monarch hatte. Er führte sich auch wie ein solcher auf, wie aus seinem Verhalten in einzelnen Situationen zu schließen ist. Am 15. Februar 44 v.Chr. nahm Antonius im Rahmen des Lupercalienfestes am traditionellen Rundlauf in Rom teil und überreichte dem der Zeremonie zusehenden Diktator ein Diadem, das die Königswürde symbolisierte. Als jedoch das anwesende Volk durch Murren seine Ablehnung zum Ausdruck brachte, wies Caesar die angebotene Krone mehrmals zurück. Cicero behauptete später, daß Antonius durch diesen Auftritt das Schicksal des Diktators besiegelte, also offenbar den Caesarmördern den letzten Anstoß zur Ausführung ihrer Tat gegeben habe. Die Motive für Antonius’ Handlungsweise sind sehr unklar und umstritten, etwa, ob er in vorheriger Verabredung mit Caesar oder aus eigenem Antrieb handelte. Die Reaktion des Senates auf diese Politik ist wohl bekannt. Caesar wurde an den Iden des März 44 v.Chr. von der konservativen Gruppe Sullas und Caesars Usurpationen 69 im Senat ermordet, die dessen führende Rolle bewahren wollte. Man beseitigte den Tyrannen, der Caesar in ihren Augen war. Eine Rückkehr zur Republik erwies sich aber sehr bald als unmöglich. Was sollte mit Marcus Lepidus, dem magister equitum des toten Diktators, was mit Antonius, dem Mitconsul Caesars im Jahre 44 v.Chr., geschehen, was mit Octavian, dem 19jährigen Erben von Caesars ungeheurem Vermögen, und was mit der Klientel Caesars, deren wichtigsten Teil in der damaligen Situation seine Soldaten bildeten? Von Antonius und Octavian konnte man nicht erwarten, dass sie auf ihre Machtpositionen verzichteten und sich damit unüberschaubaren Risiken aussetzten. Poltisch konnten sie sich zugleich als Erben und Rächer Caesars in Szene setzen, auch wenn sie sich anfänglich spinnefeind waren. Das zweite Triumvirat. Die Usurpation der Herrschaft durch Octavian, Antonius und Lepidus Eine Usurpation stellt auch die Übernahme des zweiten Triumvirates durch Octavian, Antonius und Lepidus nach den Auseinandersetzungen des Jahres 43 dar, die ihren Ursprung in der Ermordung Caesars hatten. Es wurde mit der lex Titia vom 27.12.43 eingerichtet und war zunächst auf fünf Jahre begrenzt (31.12.38), wurde aber dann um weitere fünf Jahre verlängert. Eingebracht hatte das Gesetz der Volkstribun Publius Titius, ein Anhänger der ehemaligen Gefolgsleute Caesars. Der Antragsteller machte schon deutlich, daß die Politik der drei dem Volk dienen sollte. Natürlich war das reine Augenwischerei. Durch die lex Titia ließen sich nämlich Octavian, Antonius und Lepidus, die nach den Auseinandersetzungen von 43 zueinander gefunden hatten, als tresviri rei publicae constituendae einsetzen, als ein Dreimännerkollegium, um den Staat neu zu ordnen. Verbunden mit der Übernahme dieses Amtes waren wiederum Proskriptionen, die der Beseitigung der politischen Gegner, aber auch der Rache an persönlichen Feinden und der Beschaffung von Geldmitteln dienten. Berühmtestes Opfer dieser Proskriptionen war der bekannte Redner und Politiker Cicero. Man schlug ihm Kopf und Hände IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 70 ab, die auf der Rednertribüne auf dem Forum in Rom auf Marcus Antonius’ Weisung ausgestellt wurden. Die Proskriptionen führten zum Tod von rund 300 Senatoren und 2000 Rittern. Sie waren ein weiterer Schritt auf dem Weg zur völligen Umgestaltung der beiden führenden Schichten. Auch die triumviri waren aber darauf angewiesen, ihren Anhängern den sozialen Aufstieg zu ermöglichen und nicht nur zu töten. Die Herrschaft der tresviri, die über den gewählten consules standen und diese zur Wahl vorschlugen, war eine Epoche ständiger Kämpfe dieser drei um die Macht, die letztlich mit dem Sieg Octavians über Marcus Antonius und die ägyptische Königin Kleopatra in der Seeschlacht bei Actium am 2.9.31 endete. Actium, ein Vorgebirge, liegt gegenüber der Insel Leukas an der Westküste Griechenlands. Die teils gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den Triumvirn ergaben sich schon daher, daß ihr Verhältnis untereinander nicht geregelt war. Es gab keine hierarchische Ordnung oder eine Möglichkeit, die Entscheidung eines der drei in einer konkreten Frage zu verhindern. Man mußte immer zu einer Übereinkunft gelangen, was bei den verschiedenen Interessen oft unmöglich war. Lepidus schied schon 36 von Octavian gezwungen aus dem Triumvirat aus und wurde in die Verbannung nach Circei geschickt, wo er 12 v.Chr. verstarb. Er behielt nur die Würde des pontifex maximus, die auf Lebenszeit übertragen wurde. Octavian übernahm sie nach dessen Tod. Das Triumvirat lief 33 v.Chr. aus. Die staatsrechtliche Stellung der beiden übrigen war ab 32 v.Chr. umstritten, aber die Machtverhältnisse waren eindeutig, jedoch auch von Unsicherheit geprägt. Octavian beherrschte den Westen, Antonius den Osten. 32, vor der entscheidenden Auseinandersetzung, flohen aber beide consules dieses Jahres und 300 Senatoren zu Antonius in den Osten. Der versuchte Staatsstreich Catilinas Eindeutige Staatsstreiche in der späten Republik waren der Sullas von 83, der Caesars 49 und die Einrichtung des 2. Triumvirates im Jahre 43 v.Chr. Der versuchte Staatsstreich Catilinas 71 Der bekannteste versuchte Staatsstreich war der Catilinas von 63 v.Chr. L.Sergius Catilina, der für 68 v.Chr. zum praetor gewählt worden war, versuchte für das Jahr 65 ohne Erfolg, zum consul gewählt zu werden. Seine Kandidatur wurde wegen eines gegen ihn laufenden Repetundenprozesses abgelehnt. Er kandidierte im Sommer 64 erneut, diesmal für den Konsulat von 63 v.Chr. Seine Mitbewerber waren der Redner Cicero und ein gewisser L.Antonius. Diese beiden wurden gewählt. Catilina versuchte im Sommer 63 erneut, für 62 gewählt zu werden, was ebenfalls mißlang. Daraufhin entschied sich Catilina zu einem Staatsstreich und verhehlte seine Absicht in keiner Weise. Er rechtfertigte ihn mit dem Hinweis darauf, daß seine dignitas, seine erworbene Ehre, und damit auch seine soziale Stellung in keiner Weise gebührend in Rechnung gestellt worden seien, ein Argument, das Caesar später vor dem Beginn des Bürgerkrieges ebenfalls verwendete, aber mit viel größerer Berechtigung. Catilina begann im Sommer 63 mit den Vorbereitungen für seinen Staatsstreich, nachdem er mit seiner Kandidatur für den Konsulat von 62 v.Chr. gescheitert war. Die Verschwörer planten einen bewaffneten Aufstand in Rom für den 28.10.63 und gleichzeitig Erhebungen in Nordetrurien, Kampanien und Apulien. Dafür war die Aufstellung von Truppen vorgesehen. Sie hatte in Nordetrurien schon begonnen. Als der Aufstand in Rom wegen der Gegenmaßnahmen des Senates nicht durchgeführt werden konnte und die Mitverschwörer Catilinas verhaftet und hingerichtet wurden, floh dieser nach Etrurien zu den Truppen, die dort von C.Manlius, einem ehemaligen Zenturio, dem Kommandanten einer Hundertschaft, aufgestellt worden waren. Er unterlag mit diesen im Januar 62 bei Pistoria den Truppen des Senates und kam ums Leben. Es wird nicht überliefert, welches Amt Catilina im Fall des Gelingens seiner Verschwörung bekleiden wollte. Ihm wäre kaum eine andere Lösung geblieben, als sie Caesar traf, nämlich eine außerordentliche Gewalt wie die dictatura zu übernehmen, denn der Konsulat konnte ihm keinen Schutz für die Zukunft bieten. Im Unterschied zu Sulla und Caesar verfügte Catilina nicht über ordentlich ausgehobene, normal bewaffnete und trainierte Einheiten, sondern nur über Truppen, die sich mehr oder weniger spontan aus IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 72 Unzufriedenen gebildet hatten, zu denen auch Veteranen gehörten. Sie wurden auch wohl von solchen befehligt, wie C.Manlius zeigt. Catilinas Truppen waren dadurch von vornherein militärisch unterlegen. Die Staatsstreiche der späten Republik und ihre Charakteristika Die Übernahme der Herrschaft durch einen Usurpator erfolgte in allen Fällen nach einer militärischen Auseinandersetzung mit den mindestens formal zur Herrschaft legitimierten Personen, d.h. den Konsuln. Die enge Bindung zwischen Feldherrn und Soldaten, die sich seit Marius entwickelt hatte, machte es möglich, sich über politische Beschlüsse hinwegzusetzen. Die Soldaten machten mit, weil sie dadurch ihre Interessen verteidigt sahen. Catilina war erfolglos, weil er keine altgedienten Soldaten hinter sich hatte. Schwierigkeiten mit der Loyalität der Truppen hatten die Usurpatoren, in diesem Fall die triumviri, erst in den Machtkämpfen nach Caesars Tod, dagegen aber von Anfang an mit der einzelner Offiziere. Sulla versagten 88 v.Chr. die senatorischen Legionskommandanten fast vollständig die Gefolgschaft, als er seinen Oberbefehl im Osten durch einen Marsch auf Rom sichern wollte, und einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kommandanten Caesars, nämlich Titus Labienus, wechselte zu Beginn des Bürgerkrieges 49 v.Chr. auf die Seite seiner Gegner. Er war für sie eine wichtige Stütze und kam erst am 17. März 45 v.Chr. in der Schlacht bei Munda in Spanien um. In den Auseinandersetzungen nach Caesars Tod galt es, die Soldaten an sich zu binden, die durch die verschiedenen Akteure und durch die von ihnen verkündeten unterschiedlichen Rechtfertigungen ihrer Politik und durch Bestechungen wie Versprechungen für die Zukunft verunsichert waren. Die gewaltsam im Staat übernommene Macht wurde in die Form eines Amtes gekleidet, nämlich der dictatura oder des Triumvirates, das über den bisherigen höchsten Amtsträgern, den Konsuln, stand. Dieses wurde in einem formal ordnungsgemäßen Verfahren durch die Volksversammlung übertragen. Es handelte sich in beiden Fällen immer um eine außerordentliche Gewalt, die dictatura oder das Triumvirat. Sie war im Fall Sullas und des 2. Triumvirates mit der Aufgabe ver- Die Staatsstreiche der späten Republik und ihre Charakteristika 73 bunden, den Staat neu zu ordnen und wurde mit dieser Aufgabe gerechtfertigt. Sulla unterzog sich dieser Aufgabe, während die triumviri sich in endlosen Kämpfen aufrieben und Octavian als Sieger übrig blieb. Die außerordentliche Gewalt der triumviri diente so ausschließlich als Machtgrundlage für die politische Auseinandersetzung unter diesen drei. Caesar dagegen übernahm die dictatura als außerordentliche Gewalt, um seine politische Zukunft zu sichern. Ohne sie wäre er sofort seiner Macht beraubt worden. Jeder, der in der späten Republik einen Staatsstreich unternahm, mußte seine Zukunft langfristig sichern, also über die einmalige Bekleidung des Konsulats hinaus. Das war im Rahmen der republikanischen Ordnung nicht möglich. Man konnte den Konsulat nicht auf unbestimmte Zeit hinaus jedes Jahr erneut bekleiden. Er mußte zu einer außerordentlichen Gewalt greifen und diese solange innehaben, bis ihm niemand mehr gefährlich werden konnte. Lediglich Sulla konnte bald auf diese verzichten, weil er den Staat so ordnete, daß er der einflußreichen konservativen Gruppe gefiel. Dies waren die sogenannten Optimaten, die die Vorherrschaft des Senates zu verteidigen vorgaben. Sie gingen nach seinem Rücktritt nicht gegen ihn vor. Er war einer von ihnen. Die Staatsstreiche der späten Republik sind daher das letzte Mittel, um die persönliche oder die Macht einer Gruppe wie der triumviri zu bewahren. Es ging um den Fortbestand der alten Ordnung oder um deren Veränderung, ohne daß dabei sichtbar wird, wie man die Probleme der Republik lösen wollte, die durch die Expansion entstanden waren. Die Staatsstreiche der späten Republik bildeten also wie viele moderne einen Teil der inneren Auseinandersetzung um den richtigen Weg und die Stellung der entscheidenden Gruppen und Personen dabei. Sie dienten zugleich dazu, auch das physische Überleben ihrer Hauptakteure zu sichern. Bei allen gelungenen Staatsstreichen versuchte man mit Ausnahme Caesars, die führenden Schichten, besonders die Gruppe der Senatoren, personell, nicht strukturell umzugestalten. Man ließ die bestehende soziale Gliederung bestehen, beseitigte aber viele ihrer Mitglieder oder nahm ihnen die finanzielle Grundlage ihrer Existenz. Sulla und die Mitglieder des zweiten Triumvirates griffen dabei zum Mittel der IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 74 Proskriptionen. Andererseits ermöglichte man neuen Personen den Eintritt in diese Gruppe. Generell führen die mit den Staatsstreichen verbundenen bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zu einer starken Veränderung der führenden Schichten. Besonders die aus der Stadt Rom stammenden führenden Mitglieder des Senates, die aus Familien mit langer politischer Tradition stammten, wurden stark dezimiert. Innere Kämpfe mit bürgerkriegsähnlichem Charakter begannen schon vor Sulla. Sie sind seit Tiberius und Gaius Gracchus deutlich faßbar, die 133 und 123/22 v.Chr. Volkstribunen waren. Sie führten aber nicht dazu, daß die Herrschaft widerrechtlich ergriffen wurde. Sulla schritt dann als erster zur gewaltsamen Übernahme der Macht. Die inneren gewaltsamen Auseinandersetzungen dauerten aber an. Mit Caesars gewaltsamer Übernahme der Herrschaft begann ein Bürgerkrieg, der mit nur geringen Unterbrechungen von 49–31 v.Chr. dauerte. Auch die Teilhabe der Begüterten, die nicht zur führenden Schicht gehörten wie etwa der Bauern, die vom Ertrag ihrer Höfe leben konnten, an der Politik ging durch die Staatsstreiche und die inneren Kämpfe verloren. Es waren nicht mehr die von ihnen gewählten Beamten, besonders die consules und praetores, die den Staat leiteten, sondern einzelne Personen mit außerordentlicher Macht und mit sehr großen finanziellen Mitteln, die sich außerordentliche Gewalten wie die dictatura oder als Gruppe das Triumvirat hatten übertragen lassen, um sie unkontrolliert gebrauchen oder mißbrauchen zu können. Ausblick Die republikanisch-aristokratische Ordnung des Staates ging in den inneren Kämpfen der späten Republik unter. Die militärische Macht bestimmte die Politik und nach seinem endgültigen Sieg in der Auseinandersetzung mit Antonius blieb Octavian als alleiniger Herrscher übrig. Gegen Ende der Republik verloren die beiden wichtigen Wahlversammlungen, die comitia centuriata und tributa ihre Bedeutung. Sie wurden zu Versammlungen, die nur noch die Vorschläge der Mächtigen bestätigten, am Schluß nur noch die Octavians. Ausblick 75 Caesars Schicksal war eine Warnung für Octavian und legte ihm nahe, nicht auf dessen Weg eine Lösung zu suchen und nicht in der Form einer außerordentlichen Gewalt wie der dictatura die Herrschaft zu übernehmen und auf die Dauer zu sichern. Eine Rückkehr zur Republik in ihrer früheren Form war ebenfalls ausgeschlossen. Octavian konnte nicht davon ausgehen, auf diese Weise sein politisches und physisches Überleben zu sichern. Er hätte sich z.B. jedes Jahr zum consul wählen lassen müssen, um einen Schutz vor Prozessen zu haben. Eine solche ständige Bekleidung des Konsulates hätte aber aller republikanischen Tradition widersprochen. Es wäre daher nur für einige Jahre möglich gewesen, und die Frage der Sicherung seiner Herrschaft, seiner sozialen Stellung und seines Lebens hätte sich danach erneut gestellt. Octavian mußte einen neuen Weg finden, und er fand ihn. IV. Die römische Republik. Institutionen, gesellschaftliche Wandlungen und Niedergang 76

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Herrschaft, in unserer Welt der Staat, bestimmt unser Leben in entscheidender Weise. Sie verlangt Zustimmung oder wenigstens Duldung und Gehorsam. Herrschaft wird vor allem dann spürbar, wenn wir den Forderungen, die sie stellt, und den Regeln, die sie setzt, nicht zustimmen können. Wir stellen aber dann fast immer nicht die jeweilige Form der Herrschaft oder die Art ihrer Ausübung in Frage, machen nicht sie verantwortlich für unsere Schwierigkeiten, versuchen nicht, sie zu verändern, sondern suchen einen Ausweg für ein konkretes Problem. Sind die Steuern oder Abgaben, die ein sehr wichtiges Element von Herrschaft sind, zu hoch, versuchen wir nicht, die Steuersätze oder gar das politische System zu ändern, sondern manche hinterziehen sie eher, wenn möglich.

Formen und Institutionen von Herrschaft und deren Rechtfertigung im politischen Alltag entwickeln sich in langen Zeiträumen. In Europa war monarchische Herrschaft bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 die Regel. Sie nahm ihren Anfang in Rom kurz vor Christi Geburt, und erstmals wurde zu ihr in der Verfassung der Vereinigten Staaten ein historisch bedeutsames Gegenmodell entwickelt.

Zustimmung und Gehorsam zu staatlichen Regelungen und Anweisungen werden in diesem Buch als Ergebnis historischer Entwicklungen dargestellt. Deren Verständnis ist wesentlich für jede politische Diskussion und Veränderung.