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VII. Rom und die Geschichte danach in:

Joachim Szidat

Herrschaft und Gehorsam, page 133 - 160

Historisches und Aktuelles

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4337-0, ISBN online: 978-3-8288-7317-9, https://doi.org/10.5771/9783828873179-133

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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Rom und die Geschichte danach Allgemeine Überlegungen Wählt man längst vergangene Zeiten wie die röm. Republik als Ausgangspunkt der Betrachtung zu Fragen, die mit Herrschaft verbunden sind, erkennt man die Wandlung der Vorgehensweisen, um Herrschaft zu erlangen, zu rechtfertigen, weiterzugeben und auszuüben. Rom und seine Geschichte waren Vorbild, Ausgangs- oder Anknüpfungspunkt für viele institutionelle oder politische Lösungen bis in die Gegenwart. Dabei wurde bewußt zurückgegriffen oder fortgeführt. Es ging nicht nur um ideengeschichtliche Auseinandersetzung. Auf die Zeit vor der klassischen Republik griff man offenbar im institutionellen Bereich fast nie zurück. Die griech. Geschichte war offensichtlich niemals direkt Vorbild, Ausgangspunkt oder Anknüpfungspunkt für die institutionelle Ausgestaltung von Herrschaft oder nur in sehr oberflächlicher Weise. Ihr Beitrag ist eher staatstheoretischer oder ideengeschichtlicher Art. So übernahm z.B. der Rat der Fünfhundert in der französischen Direktorialverfassung von 1795 zwar im Namen den Rat der Fünfhundert in Athen, hat aber sonst kaum etwas damit gemeinsam. Seit Montesquieu (1689–1755) diskutiert man etwa auch immer wieder das System der Auslosung, um Amts- oder Ratsstellen zu besetzen, ohne aber es je institutionell zu übernehmen. Dieses Verfahren war in Athen für die Besetzung vieler Ämter üblich. Es führt vom 5.Jhd. v.Chr. keine direkte Tradition in institutioneller Hinsicht in die Gegenwart. Das hängt zu einem guten Teil auch mit der jeweiligen historischen Situation zusammen. Für eine Volksversammlung nach Art derer in Athen z.B., die über alles in letzter Instanz beschließen konnte, gab es fast nirgendwo nach dem Ende der Antike einen Platz. Man konnte nicht auf das 5.Jhd. zurückgreifen und, wo man vergleichbares einrichten konnte, tat man es ohne Bezug auf die Antike wie in Schweizer Landsgemeinden, die spätmittelalterlich sind. VII. 133 Als mögliche Übernahme einer institutionellen Einrichtung gilt der Achaiische Bund. Er spielt in der amerikanischen Verfassungsdiskussion eine wichtige Rolle. Man dachte an eine Organisation des Senates nach dem Vorbild des Rates des Achaiischen Bundes, der vom 3. bis ins 1.Jhd. v.Chr. In Griechenland bestand. Bei diesem hing die Vertretung der einzelnen Mitglieder von der Zahl der Bürger ab. Man entschloß sich aber dann, jeden einzelnen Gliedstaat durch zwei Senatoren vertreten zu lassen, unabhängig von seiner Bevölkerung. Selbstverständlich sind Ausmaß, Art und Wirkung der Übernahmen auch im institutionellen und politischen Bereich umstritten und keineswegs abschließend untersucht und eingeordnet. Die Extreme der geäußerten Meinungen bilden die Annahme einer weitgehenden Zerstörung der antiken Kultur im "finsteren Mittelalter", die erst in der Renaissance wieder auflebte, oder ihre Fortdauer in vielerlei Hinsicht nach dem Ende der Spätantike. Dabei gab es auch immer wieder Rückgriffe, von denen die Renaissance nur einer ist. Glaubt man an die Kontinuität der antiken Welt, wenn auch in gewandelter Form, bleibt wenig als Eigenleistung der Jahrhunderte, die auf die Spätantike folgten, übrig. Der Wahrheit versucht man sich durch zahllose Einzeluntersuchungen zu nähern. Rom und seine Welt als Grundlage der europäischen Entwicklung und Identität ist dabei die jetzt vorherrschende Meinung. Am Ende der Republik begann eine Entwicklung, die zur Einführung der Monarchie unter Augustus (27–14 n.Chr.) führte, wenn auch in einer besonderen Form. Die Monarchie wurde bis zum Ende der Spätantike gefestigt und institutionell ausgestaltet. Sie wurde von den Franken als römische übernommen und dauerte als Herrschaftsform bis an das Ende des 18.Jhd. ohne Konkurrenz fort. Sie und die mit ihr verbundene Form der Rechtfertigung der Herrschaft blieben bis zum Beginn des 20.Jhd. entscheidend. Dann wurde sie durch die repräsentative Demokratie in ihrer modernen Form abgelöst, die sich allgemein durchsetzen konnte. In ihr wird das Volk durch Abgeordnete vertreten, die die Regierung wählen. Sie tritt in der Regel in der Form der Republik auf oder als konstitutionelle Monarchie. Der Monarch hat dabei politisch vor allem identitätsstiftende Funktion. Er regiert nicht mehr. Ausnahmen in Europa von der konstitutionellen Monarchie bil- VII. Rom und die Geschichte danach 134 den vor allem das Papsttum und in sehr abgeschwächter Form das Fürstentum Lichtenstein. Bei einem Blick auf die Zeit von der röm. Republik bis heute ist besonders auffällig und beachtenswert die sehr langsame Veränderung des Prinzips, Herrschaft zu rechtfertigen. Zustimmung und Gehorsam fordern zu können und zu finden, ohne auf großen Widerstand zu sto- ßen, bleibt dabei das ständige Ziel. Ohne Gehorsam gibt es keine Herrschaft. Zugleich lassen sich im Vergleich mit historischen Lösungen der mit Herrschaft verbundenen Fragen manche moderne Vorgehensweise und die damit gegebenen Probleme klarer erfassen. Die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse in der Antike und danach unterscheiden sich zwar deutlich von denen in der Moderne. So lebten etwa 85–90% der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Das führt zu unterschiedlichen Erscheinungsformen vieler politischer Phänomene. Das gilt z.B. für den Staatsstreich in der röm. Kaiserzeit und in der Spätantike oder für die Migration. Sie können aber zum Vergleich dienen und moderne Phänomene schärfer erfassen lassen. Sie gehören nämlich zu demselben historischen Raum. Gewisse historische Phänomene gibt es nicht in der Spätantike wie Revolutionen und konfessionelle Auseinandersetzungen, dafür Streit zwischen Gruppen, die unterschiedliche Auffassungen zu einzelnen theologischen Fragen wie die Natur Christi hatten. Diese Auseinandersetzungen führten nicht zur Entstehung neuer christlicher Konfessionen wie seit dem 16.Jhd., sondern beschäftigten Konzilien und entschieden über den Ausgang von Bischofswahlen. Sie waren auch wichtig für die Zustimmung zur Herrschaft des jeweiligen Kaisers. Konnte der Kaiser sich mit seinen theologischen Auffassungen in seinem Reichsteil nicht durchsetzen, wurde in Zweifel gezogen, ob seine Herrschaft berechtigt sei. So hatte Constantius II., der Sohn Konstantins, im Reichswesten weniger Rückhalt in der kirchlichen Hierarchie, weil er Arius' theologischer Position zuneigte. Dies verbesserte Julians Position bei seiner Usurpation 360 n.Chr. in Gallien. Er war nur Caesar, Unterkaiser, und weitgehend abhängig von Constantius II. und erhob sich ohne dessen Zustimmung zum Augustus. Er fand die Zustimmung der gallischen Bischöfe zu diesem Vorgehen, weil er ihre theologischen Überzeugungen nicht in Frage stellte. Allgemeine Überlegungen 135 Die Bezugnahme auf Rom im institutionellen und politischen Bereich ist eine durchgehende Erscheinung der west- und mitteleuropäischen Geschichte, aber auch Nordamerikas. Sie betrifft keineswegs nur die Geistes- und Ideengeschichte, sondern vor allem auch Institutionen, Politik und Gesellschaft. Diese Bezugnahme hat ihren Grund in der historischen Kontinuität mit der Antike, die sich in der Geschichte West- und Mitteleuropas offenbart, auch wenn deren Ausmaß umstritten ist. Aber auch in der Faszination, die das röm. Reich ausübt, von der kleinen Stadt am Tiber zu einem großen Reich. Das war und ist etwas Besonderes. Welche politischen, institutionellen und sozialen Mechanismen standen dahinter? Das interessierte nicht nur ideengeschichtlich, sondern auch in seiner praktischen Anwendbarkeit. Die Bezugnahme auf Rom war unterschiedlich intensiv und genau. Sie konnte auch für Fiktionen verwendet werden und zur Begründung ungerechtfertigter Ansprüche dienen. So wurde z.B. die Konstantinische Schenkung, die wohl um 800 entstand und die den Papst zum Nachfolger des weström. Kaisers machte, lange Zeit für bare Münze genommen. Nach ihr soll Papst Silvester I. (314–335) von Konstantin die Westhälfte des röm. Reiches übertragen worden sein. Die Päpste nutzten die Urkunde, um ihre Vormachtstellung und territoriale Ansprüche zu begründen. Sie wurde im 15.Jhd. sehr detailliert mit Kritik des Stiles von Lorenzo Valla (1440), einem italienischen Humanisten, aber auch von Nikolaus von Kues (1433), Theologe und Philosoph, und Reginald Pecock (1449), einem Bischof von Chichester, unabhängig voneinander als Fälschung entlarvt. Nach der Reformation erkannte zwar die Kirche sie als Fälschung an, berief sich aber bis ins 19.Jhd. weiter darauf und behauptete, dass es sie gegeben habe, nur nicht in der überlieferten Gestalt. Es geht also bei der Fälschung um einen Rückgriff auf die röm. Geschichte in der päpstlichen Politik. Mit der Berufung auf ein historisch fiktives Ereignis suchte man mit einigem Erfolg, eigene Ansprüche zu begründen. Rom wandelte sich seit dem 1.Jhd. v.Chr. von einer republikanischen Ordnung zu einer Monarchie. Deren letzte Entwicklungsstufe bildete das spätantike röm. Reich. Mit der weiteren Ausbildung der Monarchie und ihrer institutionellen Verankerung in der Spätantike war die endgültige Abkehr von der Idee des Staates als einer Republik VII. Rom und die Geschichte danach 136 vollzogen. Herrschaft wurde von Kaiser zu Kaiser weitergegeben oder von den höchsten amtierenden und ehemaligen Amtsträgern erneut einem Herrscher übertragen. Der westliche Teil des römischen Reiches gab der west- und mitteleuropäischen Geschichte in den folgenden mehr als tausend Jahren entscheidende Anstöße für die Rechtfertigung und die Organisation von Herrschaft. Der östliche Teil des spätantiken römischen Reiches mit der Hauptstadt Konstantinopel hatte dagegen eine ganz andere historische Entwicklung. Er lebte in der Form des byzantinischen Reiches, das das spätantike Reich direkt fortsetzte, bis zur Eroberung Konstantinopels 1453 weiter. Das osmanische Reich, das 1453 endgültig mit dem Fall Konstantinopels die Nachfolge von Byzanz antrat, drang danach weiter nach Westen vor und brachte das Gebiet der griechisch orthodoxen Kirche, soweit sie sich auf dem ehemaligen Territorium des spätröm. Reiches oder seiner Nachfolgestaaten wie z.B. Bulgarien befand, vollständig unter seine Gewalt. Es setzte dessen Tradition im politisch institutionellen Bereich aber offensichtlich nicht fort. Entscheidend ist der Bruch in der religiösen Tradition. Der Islam wurde die herrschende Religion. Im allgemeinen verhielt er sich tolerant gegenüber Christen und Juden und zerstörte auch deren religiöse Strukturen nicht. So überlebte z.B. westlich von Konstantinopel die griechisch-orthodoxe Kirche als Kirche der einheimischen Bevölkerung, und der Patriarch in Konstantinopel erhielt die Pammakaristos- Kirche als Sitz, nachdem er von 1453 bis 1461 die Apostelkirche als solchen hatte, während die Hagia Sophia, seine Kathedrale bis 1453, in eine Moschee umgewandelt worden war. Auch in Kleinasien überlebte die Kirche in vielen Gebieten. Christen und Juden waren aber Bürger zweiter Klasse. Sie mußten eine besondere Abgabe zahlen. Der Islam übernahm sehr viel von der kulturellen und materiellen Tradition, die Byzanz bewahrt hatte. So übersetzte man viele antike Werke, besonders auch solche, die der Lösung praktischer Fragen dienten, knüpfte aber offensichtlich nicht an die Institutionen von Byzanz an. Der Islam übernahm anscheinend keine vorhandenen institutionellen Gliederungen. Der Islam war in vielen Bereichen also kein Element der Kontinuität. Allgemeine Überlegungen 137 Das politische System des Islam war ein theokratisches. Der Herrscher verkörperte die weltliche Macht und hatte die religiöse Führung. Die Inhalte des Rechtes waren durch religiöse Bestimmungen geprägt, durch die Scharia. Der Islam entwickelte sich nicht zu einer eigenen Institution neben der weltlichen Macht wie die katholische Kirche im Westen, sondern blieb in engster Verbindung mit ihr, was bis heute die Säkularisierung unmöglich macht oder mindestens sehr erschwert. Die Versuche, in der Türkei nach Atatürks Reformen ab 1924 oder im modernen Syrien sich von der Prägung des täglichen Lebens durch den Islam zu lösen, zeigen die Schwierigkeiten sehr deutlich. Es gibt eine sehr starke Opposition dagegen, die politisch keineswegs erfolglos ist, wie die jüngere Geschichte beider Staaten deutlich zeigt. Nördlich des osmanischen Reiches entstanden schon vor dem Untergang des oströmischen Reiches die russischen Fürstentümer, aber in der religiösen Tradition von Byzanz. Sie bewahren diese bis in die Gegenwart. Die griech.-orthodoxe Kirche des östlichen Reichsteiles hatte aber niemals weder im byzantinischen Reich noch in einem anderen Gebiet griech.-orthodoxen Charakters eine einheitliche Führung wie die katholische Kirche mit dem Papsttum im weström. Reich und seinen Nachfolgestaaten. Die einzelnen Patriarchate lehnten sich in den griech.-orthodoxen Gebieten an die jeweilige politische Führung an. Dies führte z.B. dazu, daß der Patriarch von Konstantinopel eine gewisse Vorrangstellung hatte, solange der Einfluß des byzantinischen Kaisers hinreichend bedeutsam war. Der südliche Teil des röm. Reiches von Syrien bis nach Spanien hinein kam schon im 7. und 8.Jhd. unter die Herrschaft der Araber und entwickelte ganz andere Formen der Herrschaft. Die poltisch-institutionelle und die religiöse Tradition wurden unterbrochen, wenn auch christliche Gruppen wie die Kopten in Ägypten überlebten. Rom und seine Nachwirkungen Betrachtet man die Entwicklung nach dem Ende des spatantiken weström. Reiches bis in die Gegenwart in Verbindung mit den Problemen, die Herrschaft betreffen, so lassen sich einige interessante Beobachtun- VII. Rom und die Geschichte danach 138 gen machen. Sie lassen sich unter folgenden Gesichtspunkten zusammenfassen. 1. Spätantike politische, religiöse und institutionelle Regelungen und Einrichtungen leben zu einem Teil ohne Unterbrechung in den folgenden Jahrhunderten weiter oder wurden noch in der Übergangsphase von der Spätantike zum Mittelalter oder später wieder aufgenommen. Sie leben zum Teil bis in die Gegenwart weiter. Oft sind aber die Zusammenhänge nicht hinreichend erforscht, so daß nicht immer genau bestimmbar ist, ob es sich um ein direktes Weiterleben, einen späten Rückgriff auf eine antike Einrichtung oder eine neue Entwicklung handelt. 2. Einzelne spätantike Entwicklungen haben Parallelen in modernen Einrichtungen, ohne daß bis jetzt eine direkte Verbindung nachzuweisen ist. 3. Es gibt spätantike politische und soziale Phänomene, die sich deutlich in ihrer modernen Erscheinungsform von der in der Spätantike unterscheiden. Hier sei etwa auf den Staatsstreich verwiesen, 4. Bewußte Rückgriffe auf einzelne antike Regelungen, Institutionen, Vorstellungen und die Bewertung von Ereignissen, um politische Entscheidungen und Einrichtungen, die in Zusammenhang mit Herrschaft stehen, mit Beispielen zu belegen, zu begründen oder zu rechtfertigen, sind auch seit der zweiten Hälfte des 18.Jhd. zahlreich. 1.Beginnen wir mit spätantiken politischen und institutionellen Regelungen, die zu einem Teil direkt in den folgenden Jahrhunderten weiterleben, in leicht veränderter Form sogar bis in die Gegenwart. Hier ist die Fortdauer der katholischen Kirchenorgnisation mit dem Papst an der Spitze das entscheidende Element. Man kann dessen Bedeutung kaum überschätzen. Chlodwigs Hinwendung zum katholischen Glauben höchstwahrscheinlich 508 n.Chr. führte im Frankenreich zum Fortbestand der kirchlichen Institutionen in ihrer spätantiken Form und ihrer Abhängigkeit von Rom. Die civitates z.B., die politischen Gemeinden mit eigenem Territorium, blieben die Grundlage der kirchlichen Organisation. Wenn die Zahl der Bischöfe in Italien etwa im Vergleich zu Frankreich deutlich höher ist, so liegt dies daran, daß die kirchliche Organisation an die weltliche anknüpfte. Die Stadtgemeinden (civitas pl. civitates) umfaß- Rom und seine Nachwirkungen 139 ten in Gallien größere Territorien als in Italien, so daß es weniger Bischofssitze gab. Die Grenzen des Frankenreiches sind zugleich mehr oder weniger die Grenzen des Einflusses der katholischen Kirche und des Papstes. Das spätere Ausgreifen des Reiches und seiner Nachfolger schob die Grenzen des katholischen Bekenntnisses weiter hinaus. So etwa war das Gebiet des Ordensstaates in Preußen katholisch. Die katholische Kirche und ihre Organisation wurden ein prägendes Element des fränkischen Reiches und seiner Nachfolger und damit der west- und mitteleuropäischen Geschichte. Mit der Organisation der Kirche wurde auch die kulturelle Tradition des weström. Reiches übernommen, wie der Gebrauch des Lateinischen. Es war so nicht nur Sprache der Verwaltung. Auch im angelsächsischen Bereich war die Hinwendung zum katholischen Glauben der entscheidende Berührungspunkt mit der römischen Tradition und führte zur Übernahme römischer Institutionen. Sie erfolgte nur später als im fränkischen Herrschaftsbereich und wurde unter anderem durch eine Gesandtschaft des Papstes auf den Weg gebracht. 597 schickte Papst Gregor 40 Missionare nach England. Sie wirkten zuerst in Kent. Sie gründeten Bischofssitze, was zur Übernahme der Machtstrukturen der römischen Kirche führte. Etwa gleichzeitig nahm die die iroschottische Mission der Angelsachsen von Norden her ihren Anfang. Sie stützte sich vor allen Dingen auf Klöster und hatte flache Hierarchien. Politisch und institutionell waren die Auswirkungen der päpstlichen Missionare bedeutender. In Mittelitalien entstand im 8.Jhd. der Kirchenstaat mit Rom als Zentrum. Ihm vorausgegangen waren nach dem Einfall der Langobarden in Italien 568 n.Chr. Versuche der Päpste, so etwa Gregors I. (590– 604 n.Chr. ), auch im weltlichen Bereich ihren Einfluß zu vergrössern und sich mit den Langobarden und Byzanz zu arrangieren. Byzanz vermochte nämlich seine Herrschaft in Italien, die ihm durch Iustinians Sieg über die Ostgoten zwischen 535 und der Mitte der sechziger Jahre zuteil geworden war, nur ungenügend gegen die Langobarden zu verteidigen. Die Päpste schufen sich mit dem Kirchenstaat, dem patrimonium Petri, ein eigenes Territorium und übernahmen als dessen Herrscher die ideologische und administrative Tradition des weström. Reiches. So umgaben sie sich etwa mit einem consistorium, einem Staats- oder VII. Rom und die Geschichte danach 140 Thronrat, d.h. einer Versammlung der höchsten Amtsträger, deren Mitglieder verhältnismäßig fest umschrieben waren und deren Sitzungen genau reglementiert waren, und ahmten das kaiserliche Kanzleiund Urkundenwesen nach. Sie unterschrieben offizielle Dokumente wie der Kaiser mit Purpurtinte. Sie traten gleichsam als Nachfolger der weström. Kaiser auf. Diese röm. Traditionen des Papsttums verlieren erst heute langsam an Bedeutung und werden aufgegeben. Der Papst unterliegt auch heute noch keinen Beschränkungen in seiner Amtsführung. Er ist ein absoluter Monarch, auf den aber selbstverständlich Hof und zentrale Verwaltung, vorwiegend die heute sogenannten Kurienkardinäle, Einfluß nehmen können. Hofintrigen, wie man es bei einem weltlichen Herrscher nennen würde, gehören dazu. Er ist ein römischer Kaiser im kleinen. Die katholische Kirche blieb wie in der Spätantike eine deutlich vom Staat getrennte Institution. Ihr Oberhaupt, der Papst, der in einem eigenen Territorium in einer eigenen Residenzstadt, nämlich Rom, einen Sitz hatte, war weniger vom fränkischen König und seinen Nachfolgern abhängig als die griechisch-orthodoxe Kirche in Konstantinopel. Deren Oberhaupt hatte nie Sitz in einem eigenen Gebiet und in einer eigenen Residenzstadt. Die institutionelle Trennung von Kirche und Staat war eine der wesentlichen Voraussetzungen für die moderne Säkularisation. Dies gilt auch für die griechisch-orthodoxe Kirche, wenn auch die institutionelle Ferne der katholischen Kirche vom Staat noch größer war. Beide Institutionen, Staat wie Kirche, mußten sich dafür nur etwas weiter voneinander entfernen oder sich ganz trennen wie in Frankreich, als sich das Prinzip der Laizität mit der Trennung von Staat und Kirche im Gefolge der Aufklärung schließlich durchsetzte. Dies gilt auch für die anderen christlichen Konfessionen, die zwar in monarchischen Strukturen den Herrscher als Oberherrn hatten wie die Anglikaner oder Lutheraner, aber dennoch eigene Institutionen blieben. Im Gebiet des ehemaligen spätantiken Reiches blieb die Grenze zwischen katholischer und griechisch-orthodoxer Konfession bis heute fast völlig stabil. Sie entspricht etwa der Grenze zwischen Serbien und Kroatien. In der Spätantike war dort die Grenze zwischen dem weström. und dem oström. Reich. Rom und seine Nachwirkungen 141 Die Kirche wurde wie in der Spätantike zur entscheidenden Macht im Frankenreich neben dem Staat. Ohne ihre Zustimmung zu haben war Herrschaft in den folgenden Jahrhunderten unmöglich. Dies zeigt etwa der Gang Heinrichs IV. nach Canossa im Dezember 1076 sehr deutlich. Er mußte verhindern, daß seine Gegner im Reich sich auf den Kirchenbann Papst Gregors VII. beriefen und ihn als Herrscher nicht mehr anerkannten. Die weltlichen Mächte waren der Garant des Einflusses der Kirche auf den Staat und die Gesellschaft. Sie setzten die Interessen der Kirche durch. Mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten wurde diese Bindung erstmals gelöst. Dieser Prozeß zog sich aber dann bis zum Ende des Ersten Weltkrieges hin, als die monarchische Herrschaft weitgehend beendet wurde und damit die enge institutionelle Bindung zwischen Kirche und Monarchie ihr Ende fand, die die Reformation aufgenommen und sogar vertieft hatte. Man mußte dazu nur die enge institutionelle Bindung auflösen. Der Landesherr, den es nach 1918 nicht mehr gab, konnte auch nicht mehr Kirchenherr sein. Für die anglikanische Kirche gilt dies selbstverständlich nicht. Trotz der Auflösung dieser Bindung haben natürlich die Kirchen weiterhin Einfluß auf die Politik und auf die Wahrnehmung von Herrschaft. Dieser hängt aber weitgehend von der jeweiligen historischen Entwicklung in den verschiedenen Ländern ab. In den USA wäre bis heute ein bekennender Atheist oder Agnostiker nicht als Präsident wählbar. Er würde keine Mehrheit finden, während in Frankreich dies kein Problem ist. Die katholische Kirche nimmt noch immer eine gewisse Sonderstellung ein. Sie spielt in Italien weiterhin eine wichtige Rolle in der Innenpolitik und ist der größte Grundbesitzer des Landes. Weil sie mit dem Vatikanstaat weiter über ein eigenes Territorium verfügt und damit über einen eigenen diplomatischen Dienst mit Botschaften (Nuntiaturen), hat sie auch außerhalb Italiens ein größeres Gewicht und direkten Zugang zu den führenden Politikern der verschiedenen Länder als vergleichbare religiöse Organisationen. Die Gruppe, die die aus den höchsten Amtsträgern, ehemaligen wie amtierenden besteht und den Kandidaten zur Erhebung als Kaiser vorschlägt, wenn kein Augustus mehr im Reich vorhanden ist, lebt offensichtlich im Kollegium weiter, das den Papst wählt. Es war ur- VII. Rom und die Geschichte danach 142 sprünglich eine informelle Gruppe, die sich aus dem Vorgehen bei der Wahl eines beliebigen Bischofs entwickelte. Sie bestand am Ende der Spätantike aus den Vertretern der mächtigen Familien, so etwa Senatoren bei Symmachus’ Wahl 498 zum Papst, und Mitgliedern des röm. Klerus. Im Unterschied zur Gruppe, die den Kandidaten für den Thron in der Spätantike bestimmte, waren ihre Möglichkeiten, diesen durchzusetzen, begrenzter, und es kam immer wieder zu Doppelwahlen. Die weltlichen Herrscher behielten sich teilweise vor, den gewählten zu bestätigen oder in die Wahl einzugreifen, wie es der ostgotische Herrscher oder der Kaiser in Konstantinopel bzw. der Exarch, der Verwalter des verbleibenden byzantinischen Gebietes in Italien nach dem Einfall der Langobarden 568, taten. Heute ist schon lange genau definiert, wer zu dieser Gruppe gehört und wählen darf. Es sind die Kardinäle. Die genaue Umschreibung dieser Gruppe beginnt mit einem Dekret des Papstes Niklaus II. (1058–1061) aus dem Jahre 1059. Diese Gruppe kann wiederum vom gewählten Papst in ihrer Zusammensetzung gelenkt und beeinflußt werden. Er ernennt die neuen Kardinäle wie der spätantike Kaiser die entscheidenden Würdenträger und kann so die Wahl seines Nachfolgers in die gewünschten Bahnen lenken. Das weströmische Reich fand seine direkte und dauernde Fortsetzung im Frankenreich. Während alle anderen Reiche der Völkerwanderungszeit, soweit sie Unabhängigkeit von Rom erlangten und nicht wie die Ostgoten in Italien in enger Kooperation mit Konstantinopel standen, bald wieder verschwanden so wie das westgotische Reich, das in seiner gallischen Gestalt um 510 von den Franken, in seiner spanischen um 725 von den Arabern besiegt wurde, wie die Langobarden, die 774 unter fränkische Herrschaft kamen, oder die Vandalen, die um 540 von Konstantinopel besiegt wurden, entwickelte sich dagegen bei den Franken unter römischem Einfluß in ihrem gallischen Kerngebiet eine stabile monarchische Herrschaft und eine staatliche Struktur, die an die röm. anschloß. So blieb etwa in den gallischen Gebieten des Merowingerreiches das Territorium der römischen civitates, das Gebiet, das zu einer Stadt gehörte, das Grundelement der territorialen Ordnung. Das fränkische Königtum ist ohne die engen Kontakte mit Rom nicht denkbar. Institutionell entwickelte es sich in Anlehnung an die Rom und seine Nachwirkungen 143 Stellung der barbarischen Generäle in römischen Diensten. Der König war Anführer einer aus Barbaren bestehenden Gefolgschaft, in diesem Fall einer Gruppe von Franken, und zugleich Truppenführer in röm. Diensten. Die letztere Stellung war eine wichtige Grundlage der Herrschaft des Königs, auch als es keinen weströmischen Kaiser nach 476 mehr gab. Faßbar ist dies bei Childerich I., dem Vater Chlodwigs, der eine solche Doppelstellung einnahm. Sein Sohn Chlodwig (481/82– 511 n.Chr.) hatte dann keine röm. Stellung mehr inne. Er legitimierte sich aber auch dadurch, daß er sich vom oströmischen Kaiser in Konstantinopel anerkennen ließ, aber er regierte nicht als sein Stellvertreter wie der Gote Theoderich in Italien (493–526 n.Chr.) oder in seinem Auftrag. Wenn auch Theoderichs Stellung umstritten ist, so stand er doch zum Kaiser in Konstantinopel in einem engeren Verhältnis als der Franke Chlodwig. Er ernannte z.B. den Konsul im Westen, wenn auch nach Absprache mit dem oström. Herrscher, und die röm. Aristokratie war viel bedeutender für ihn und sein Verhältnis zu Konstantinopel als die röm. Aristokratie in Gallien für die Franken. Chlodwig ließ sich als erster fränkischer Herrscher vom oström. Kaiser Anastasius (491–518 n.Chr.) als König anerkennen. Er wurde Ehrenconsul und patricius, oder nur patricius, und bekam vom Kaiser Insignien übersandt. Es handelte sich dabei um die Purpurtunica, den Mantel (paludamentum, chlamys) und das Diadem, Insignien, die schon Theoderich 498 n.Chr. erhalten hatte. Chlodwig regierte, um es zu betonen, aber nicht als Stellvertreter des Kaisers wie der Gote Theoderich (493–526 n.Chr.) in Italien oder in seinem Auftrag, sondern konnte freier agieren. Seine Anerkennung durch den Kaiser in Byzanz bedeutete eine zusätzliche Legitimation seiner Herrschaft und stärkte seine Stellung besonders gegenüber seinen römischen Untertanen. Bei Karl dem Grossen kann man auf jeden Fall ausschließen, daß er als Stellvertreter des Kaisers regierte, nachdem er gegen Ende seiner Regierungszeit als Kaiser von seinem Kollegen in Konstantinopel anerkannt worden war. Er hatte das Kaisertum widerrechtlich durch seine Krönung in Rom durch den Papst am Weihnachtstag 800 n.Chr. erlangt. Die enge Beziehung der fränkischen Könige mit dem röm. Reich führte zu einer Übernahme röm. Traditionen, die im Frankenreich fortdauern konnten, weil es nicht unterging, und damit zur Bewah- VII. Rom und die Geschichte danach 144 rung röm. institutioneller Vorstellungen und Einrichtungen. Zu diesen Traditionen gehört etwa eine schriftliche Verwaltung, die unter anderem ihren Ausdruck im Siegelring Childerichs I. findet, Chlodwigs Vater, dessen Grab 1653 in Tournai aufgefunden wurde. In ihm befand sich auch Childerichs Siegelring. Durch diese Entwicklung der Monarchie im Frankenreich wurde das christliche römische Kaisertum der Spätantike das Model für die europäischen Monarchien des Mittelalters und der Neuzeit, eine Tatsache, der etwa schon Chateaubriand in seinen Études historiques von 1831 Ausdruck verliehen hat. Aus dem Frankenreich gingen die beiden großen zentraleuropäischen Staaten Deutschland und Frankreich hervor, die die europäische Geschichte weitgehend prägten und die monarchische Form der Herrschaft über Jahrhunderte bewahrten und entwickelten. Erbfolge oder Wahl bestimmten nach dem Untergang Westroms die weitere Entwicklung der Übertragung monarchischer Herrschaft in West- und Mitteleuropa. So kam es in Frankreich, dem Westfrankenreich, schließlich zu einer Erbmonarchie mit einer sehr genau geregelten Nachfolgeordnung, während sich im Ostfrankenreich, dem bald so genannten Heiligen Römischen Reich, die Wahl durchsetzte, um den Herrscher zu bestimmen. Entschieden wurde darüber durch den historischen Zufall. 911 wählten die Großen des Ostreiches nicht den König des Westfrankenreiches zum Herrscher, sondern Konrad I., einen aus ihrem Kreis. Auch im Westfrankenreich wurde der König seit 888 von den Gro- ßen gewählt. Weil die seit 987 regierenden Kapetinger Söhne als Nachfolger hinterließen, entwickelte sich eine Erbmonachie. Der König konnte jene ohne Rücksicht auf eine Wahl jeweils zu seinen Nachfolgern machen. Im Ostfrankreich blieb es bei der Wahl, weil es immer wieder zu Dynastiewechseln kam, wenn männliche Nachkommen fehlten, was häufig geschah. Ursprünglich waren alle Reichsfürsten im Ostfrankenreich, die sogenannten Großen des Reiches, zur Wahl berechtigt. Aus diesem Kreis entstand im Laufe der Zeit das Kurfürstengremium, dessen personelle Zusammensetzung aber im wesentlichen nicht vom Kaiser beeinflußt werden konnte. Der Papst hingegen kann das Kardinalskollegium per- Rom und seine Nachwirkungen 145 sonell verändern, also dessen Zusammensetzung in seinem Sinn steuern und damit auch die Wahl seines Nachfolgers in eine bestimmte Richtung lenken. Das Gremium der Kurfürsten übte bis zum Ende des Reiches 1806 seine Funktion aus. Wahl oder Sicherung der Herrschaft durch Erbfolge folgten dem Modell spätantiker Herrschaftsweitergabe. Bei der Erbfolge mußte man ursprünglich um die Sicherung des Nachfolgers wie in der Spätantike bemüht sein. Der Nachfolger mußte als solcher für alle klar erkennbar bestimmt werden. In der Spätantike mußte er zum Caesar oder wenigstens nominellem Mitaugustus erhoben worden sein. Wahl wurde nötig, wenn kein direkter geeigneter männlicher Nachfolger vorhanden war. Selbstverständlich stand eine Wahl nur politisch entscheidenden Persönlichkeiten offen. Die frühen Regelungen im Frankenreich, durch Wahl oder Erbfolge die Kontinuität der Herrschaft sicherzustellen, dürften sich in Anlehnung an spätantike und byzantinische Verhältnisse entwickelt haben, so wie etwa die Aufteilung der Herrschaft unter die Söhne Chlodwigs ziemlich wahrscheinlich auf das spätantike Mehrkaisertum zurückgeht. Innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation entwickelten sich in einzelnen Territorialstaaten Erbfolgeordnungen, die über das Ende dieses Reiches bis zum Verschwinden der monarchischen Ordnungen 1918 in Mitteleuropa in Geltung blieben. Hier sei an Preußen oder Bayern erinnert. Sie sind offensichtlich nicht in eine antike Tradition einzuordnen. Ausnahmen von monarchischen Herrschaftsformen waren selten und fanden sich besonders auf der Ebene der Städte, die nicht weltlichen oder geistlichen Herren unterstanden, oder spätmittelalterlicher Bünde wie der Hanse oder der Eidgenossenschaft. Sie hatten aber im Reich immer noch den Kaiser als obersten Herrn. Frei wurde dagegen die Eidgenossenschaft vom Kaiser. Sie löste sich 1648 im Westfälischen Frieden völlig aus dem Reichsverband und damit aus jeder monarchischen Tradition. Das gleiche gilt für die Republik der Vereinigten Niederlande (Republik der Sieben Vereinigten Provinzen), die ebenfalls 1648 vom Reich unabhängig wurde. Daneben gab es von Anfang an unabhängige Republiken wie Venedig. Es hatte seit dem Ende der by- VII. Rom und die Geschichte danach 146 zantinischen Herrschaft, von der es sich zwischen dem 8. und 10.Jhd. vollständig lösen konnte, bis in die Zeit Napoleons nie einen monarchischen Oberherrn. Auch in den Gebieten ohne monarchische Ordnung, also ohne einen Landesherrn, wurde Herrschaft aber immer von oben nach unten ausgeübt. Die geltende ständische Ordnung wirkte in diesem Sinn. Das Prinzip, Herrschaft als monarchische zu legitimieren, blieb unangefochten bis an das Ende des 18.Jhd. und verschwand dann schnell. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges gehörte monarchische Herrschaft in Europa überall der Vergangenheit an, wenn man z.B. etwa von Lichtenstein absieht, das Reste davon bis heute bewahrt hat. Wo Monarchen blieben wie in England, herrschten sie nicht mehr. Herrschaft wurde von nun an durch Wahlen übertragen. Herrschaft zu rechtfertigen und ihre Form ändern sich also nur in sehr langen Zeiträumen, wenn wir lediglich einmal die Entwicklung in unserem Kulturbereich betrachten. Der langsame Wechsel des Prinzips, mit dem Herrschaft legitimiert wird, läßt verstehen, warum es so schwierig ist, ein neues Prinzip der Legitimierung in einem anderen Kulturkreis einzuführen. Die moderne Welt ist reich an gescheiterten Versuchen, unser Prinzip, Herrschaft durch Wahlen zu übertragen und zu legitimieren, in anderen Kulturkreisen einzuführen. Dies gilt auch dann, wenn man annimmt, daß ein guter Teil dieser Versuche nur als Vorwand dient, um eigene Machtinteressen zu verhüllen und Interventionen zu rechtfertigen. Die mangelnde Teilhabe der Bürger an der Politik setzte sich nach Kaiserzeit und Spätantike weiter fort. Die Teilhabe an der Politik, die über lokale oder regionale Probleme hinausging, im Rahmen von Institutionen wie Volksversammlungen, hörte mit dem Ende der röm. Republik auf. Sie blieb in unterschiedlichem Ausmaß nur den politischen Führungsschichten erhalten. Über Krieg und Frieden etwa, was in antiken Gesellschaften von besonderer Bedeutung war, entschieden nicht mehr die, die davon betroffen waren, nämlich die Bürger, die in den Legionen dienen mußten, sondern andere. Allerdings wurde im Laufe der röm. Kaiserzeit und dann besonders nach 212, als alle Reichsbewohner das Bürgerrecht erlangten, und in der Spätantike auch kaum noch auf sie für den Kriegsdienst zurückgegriffen. Die Aushebung betraf immer mehr die sozial Schwächeren, die seit der Rom und seine Nachwirkungen 147 Spätantike als Berufssoldaten ein Leben lang zu dienen hatten. Weil Zahl und Qualität der Legionen unzureichend waren, warb man Fremde an. Sie dienten in Einheiten, die neu geschaffen wurden wie in den auxilia. Das waren keine Hilfstruppen mehr wie in der Kaiserzeit, sondern sie bildeten neu die Eliteeinheiten und das Rückgrat der Armee, nicht mehr die Bürgertruppen. Die Entwaffnung der Reichsbürger war die Folge dieser Entwicklung. Die Einfälle der Barbaren seit dem Ende des 4.Jhd. führten dann allerdings dazu, daß man den Provinzialen den Besitz von Waffen zur Selbstverteidigung gegen die Barbaren zugestand. Man näherte sich so germanischen Verhältnissen, wo das Waffentragen Zeichen eines freien Mannes war. Der Ausschluß der Bürger, die nicht den politisch führenden Schichten angehörten, von der Teilhabe an der Politik im Rahmen der Institutionen blieb ein Kennzeichen der Monarchien bis an das Ende des 18.Jhd. Die ständische Ordnung tat das Ihrige dazu. Teilhabe war im unterschiedlichen Ausmaß auf lokaler Ebene möglich, solange die Interessen des Herrschers nicht davon berührt wurden. Das gilt besonders für die Gebiete, die nicht weltlichen oder geistlichen Herren unterstanden, also keinen Herrscher hatten, wie Städte oder Territorien. Beispiele dafür wären in der Schweiz der Kanton Glarus oder Uri. Teilhabe an wichtigen politischen Entscheidungen konnte nur auf anderem Wege eingefordert werden, nämlich durch illegale Aktionen wie Demonstrationen oder Aufstände. Man denke z.B an die Bauernaufstände. 2. Einzelne antike Entwicklungen und Einrichtungen haben Parallelen in der modernen Welt, ohne daß eine direkte Verbindung nachzuweisen ist. Die sogenannten Landsgemeinden in der Schweiz, die es früher in mehreren Kantonen gab, heute auf kantonaler Ebene aber nur noch in Glarus und Appenzell Innerrhoden, erinnern an die Volksversammlung in Athen oder anderswo in demokratischen griechischen Stadtstaaten. Sie sind aber kein Rückgriff darauf, sondern sind ohne Bezug zu diesen im Spätmittelalter entstanden. An ihnen können heute alle stimmberechtigten Bürger teilnehmen, bis vor wenigen Jahrzehnten nur die Männer wie in griechischen Stadtstaaten. Einflußreiche Gruppen, die Herrschaft weitergeben und mitgestalten können, sind auch sonst recht häufig, ohne direkt in einer spätanti- VII. Rom und die Geschichte danach 148 ken Tradition zu stehen wie das Kardinalskollegium, sondern sind lediglich strukturell ähnlich. Ihre Mitglieder bekommen ihre Stellung nicht durch eine allgemeine Wahl, sondern sie werden vom Herrscher in sie gebracht. Dies gilt für alle Gruppen, die Herrschaft weitergeben, zugleich aber vom Herrscher oder einer herrschenden Gruppe ergänzt werden und in ihrer Zusammensetzung davon abhängen. Hier kann man an das Politbüro kommunistischer Parteien wie etwa an das der ehemaligen DDR denken. Dessen Mitglieder wurden zwar vom Zentralkomitee der Partei gewählt, aber auf Vorschlag des Generalsekretärs des Politbüros, dessen Vorschläge einstimmig gebilligt wurden. Eine Diskussion über seine Vorschläge gab es nicht. Er bestimmte wie der Kaiser in der Spätantike, wer in die führende Gruppe kommt, die aus den höchsten Amtsträgern, ehemaligen und amtierenden, bestand. Durch die Ernennung zum hohen Amtsträger wie z.B. zum praefectus praetorio wurde man Mitglied dieser Gruppe. 3. Es gibt spätantike politische Phänomene, die sich deutlich in ihrer modernen Erscheinungsform von der in der Spätantike unterscheiden. Hier sei etwa auf den Staatsstreich verwiesen. Auf solche Phänomene wird oft in modernen Diskussionen zurückgegriffen. Das gängige Schlagwort dazu sind „Zustände wie im alten Rom“. Usurpationen folgen dem jeweils vorherrschenden Prinzip, Herrschaft zu legitimieren. Weil in der Moderne Herrschaft mit Wahlen übertragen wird, muß ein Usurpator nach der Übernahme der Macht sich durch Wahlen in seinem Amt bestätigen lassen. Das werden in der Regel manipulierte sein. Ob eine Usurpation überhaupt in einem politisch-institutionellen System möglich ist, hängt von diesem ab. Dieses kann sich aber ändern. So ist z.B. in der Bundesrepublik Deutschland vom System her sicher im Augenblick kein Staatsstreich möglich. Manipulierte Wahlen sind undenkbar, und die föderalistische Struktur erschwert eine illegale Übernahme der Macht erheblich. Alle zukünftige Entwicklung hängt aber immer von der gesellschaftlichen Entwicklung ab, die weniger steuerbar und voraussehbar ist, als man gemeinhin glaubt. Die Republik von Weimar endete in der Diktatur Hitlers. Die reine Form der Usurpation, die keine Umgestaltung der Führungsschichten in institutioneller oder personeller Hinsicht will oder auf eine der gesamten Gesellschaft abzielt, sondern nur wenige Personen austauscht, ist in der röm. Kaiserzeit und in der Spätantike gut er- Rom und seine Nachwirkungen 149 kennbar und macht einen wesentlichen Unterschied zur Moderne aus. Es ist eine Form des Machtwechsels in einem System, das einen solchen nicht zu Lebzeiten des Herrschers vorsieht und in der Kaiserzeit keine festgeregelte Nachfolge kennt. In der Spätantike erhebt der Kaiser einen Mitherrscher, einen tatsächlichen oder nominellen, der nachrücken kann. Gibt es einen solchen nicht, entscheiden die politisch einflussreichsten Persönlichkeiten, Amtsträger oder ehemalige Amtsträger, über einen Nachfolger. Sie verfügen über den notwendigen Einfluß, um ihn als Kaiser einsetzen und unterstützen zu können. Dennoch ist auch das spätantike System nicht frei von Usurpationen, denen aber fast immer ein dauerhafter Erfolg versagt blieb. Eine wirkliche Ausnahme bildet Konstantin, der durch eine Usurpation an die Macht kam. Er ließ sich nach dem Tode seines Vaters 306 von den Truppen zum Kaiser erheben, obwohl der Oberkaiser (Augustus) Galerius für die Regelung der Nachfolge zuständig gewesen wäre. Dieser erkannte dann Konstantins Erhebung an und legalisierte sie auf diese Weise. Er gestand ihm allerdings nur den Titel eines Unterkaisers (Caesar) zu. Auch die Migration ist ein spätantikes Phänomen, das sich vom modernen unterscheidet. Die Einwanderung der Barbaren, besonders an Rhein und Donau, ins röm. Reich war schon immer bedeutsam und ließ auch in der Kaiserzeit und der Spätantike nicht nach. Im Unterschied zu modernen Wanderbewegungen war sie aufs ganze gesehen zahlenmäßig sehr viel begrenzter und führte nur in den nördlichen Randregionen des Reiches dazu, daß sich die germanischen Sprachen durchsetzten. Religiös war die Migration an Rhein und Donau folgenlos, denn alle Barbaren wandten sich früher oder später der katholischen oder orthodoxen Kirche zu, soweit sie in deren Einflußbereich siedelten. Die Einwanderung barbarischer Minderheiten führte aber zum Zerfall des Reiches. Diese waren sehr aktiv und aggressiv. Ihre Ansiedelung seit dem Ende des 4.Jhd., ohne daß sie der römischen Verwaltung unterstanden, hatte zur Folge, daß sie nicht von dieser hinreichend erfaßt und kontrolliert wurden. 4. Die bewußte Gestaltung von politischen Institutionen nach antiken röm. Vorbildern und Rückgriffe auf einzelne antike Vorstellungen und Bewertung von Ereignissen, um politische Entscheidungen, die in VII. Rom und die Geschichte danach 150 Zusammenhang mit Herrschaft und großen politischen Entscheidungen stehen, sind auch seit der zweiten Hälfte des 18.Jhd.zahlreich. So stand die römische Republik Pate bei der Gestaltung der Verfassung der USA. Dies zeigt sich etwa in den checks and balances (gegenseitige Kontrollen und partielle Gleichgewichte). Sie rühmte der Historiker Polybios (um 200–um 120 v.Chr.) als besonderes Kennzeichen der röm. Verfassung und des Zusammenspiels ihrer Institutionen zur Zeit der Republik. Er steht dabei in der Tradition der griechischen Verfassungsdiskussion, die sich ausführlich etwa bei Aristoteles (384– 322 v.Chr.) in seinem Werk von der Politik findet. Dieser behandelt eingehend auch die Theorie der gemischten Verfassung, auf die Polybios bei seiner historischen Bewertung des republikanischen Roms zurückgreift und damit Rom zum möglichen Vorbild macht. In der Antike übernahm dann schon Cicero (106–43 v.Chr.) die Idee der Mischverfassung. Sie besteht aus monarchischen, aristokratischen und demokratischen Elementen. Polybios’ Darlegungen wurden in der amerikanischen Verfassungsentwicklung aufgegriffen und in die Praxis umgesetzt. So hat z.B. der Kongreß das Recht, Gesetze zu beschließen, die aber der Präsident mit seinem Veto blockieren kann. Um es außer Kraft zu setzen, ist eine Zweidrittelmehrheit in beiden Häusern des Kongresses nötig. Der Präsident ernennt die Richter des Obersten Gerichtshofes, benötigt aber für seinen Kandidaten die Zustimmung des Senates. Der Einfluß der röm. Republik in den politischen Institutionen der USA zeigt sich auch in vielen eher äußerlichen Dingen wie z.B. an der Bezeichnung Capitol für den Sitz von Repräsentantenhaus, Senat und Oberstem Gerichtshof. Weil man nicht deutlich zwischen röm. Republik und Kaiserzeit unterschied, ist röm. Geschichte auch aus der Übergangsphase beider Epochen und der Kaiserzeit greifbar. Sie wird etwa sichtbar in der Interpretation der eigenen Politik der USA wie z.B. im Großen Siegel oder einzelnen politischen Äußerungen. Erinnert sei an die Rede Roosevelts von 1940 zum Waffenstillstandstag am Ende des ersten Weltkrieges. Das Fortleben des röm. Rechtes ist nach der Spätantike in verschiedenen Etappen greifbar. Dieser Prozeß verlief aber auch regional sehr unterschiedlich. Das röm. Recht war ein wichtiges Element in der Rezeption der Antike, das aber im Rahmen dieser Darlegungen nicht Rom und seine Nachwirkungen 151 besonders berücksichtigt werden wird. Er bedürfte eines eigenen Kapitels. Es war bis zu seiner Ersetzung durch die modernen Gesetzbücher ein beherrschender Faktor und ist z.B. bei Neugestaltung des Rechtes vom Ende des 18.Jhd. an immer noch von großer Bedeutung. So leiten sich Bestimmungen des Allgemeinen Landrechts für die Preußischen Staaten von 1794 aus dem römischen Recht her und sind von dort in moderne Gesetzessammlungen übergegangen. Auf diese Weise hat es moderne Bestimmungen für die Verwaltung mitgeformt. Im Kampf gegen Personen, denen Streben nach der Alleinherrschaft oder tyrannisches Verhalten unterstellt wird, wird Caesar immer wieder als Beispiel für einen Tyrannen genommen. So wird etwa in der französischen Revolution Cato Uticensis als Kämpfer gegen den Tyrannen Caesar, der als Vorbereiter der Monarchie gesehen wird, gefeiert. Man muß den eigenen König als Tyrannen stürzen und die Monarchie beseitigen. Zugleich wird selbstverständlich damit auch deren Legitimation hinfällig. Auch die Mörder Lincolns setzten dessen Ermordung zu Caesar in Parallele. Lincoln war für sie wie Caesar der Tyrann, der ermordet werden mußte. Römische Geschichte wird generell für zahllose Vergleiche verwendet und als Beispiel gebraucht. Dies gilt allerdings auch für die antike Geschichte Griechenlands, wenn auch in beschränkterem Maß. Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike Mit der Gründung der USA begann die weitgehende Ablösung der monarchischen Herrschaftsform durch die moderne repräsentative oder parlamentarische Demokratie oder konstitutionelle Monarchien. Die demokratische Legitimation von Herrschaft, d.h. durch Wahlen durch die einzelnen Bürger, ist damals zum ersten Mal faßbar. Welche Lösungen bieten diese Demokratien an und welche Probleme stellen sich ihnen? Wie lassen sie sich sichern und entwickeln? Welche Beziehungen haben sie zu Rom und Griechenland. Mit diesen Überlegungen sollen das Kapitel und das Buch an ihr Ende kommen. VII. Rom und die Geschichte danach 152 In der Moderne ist die repräsentative oder parlamentarische Form der Demokratie institutionell ihre allein übliche Form, deren Ausgestaltung aber sehr verschieden ist. Sie kann z.B. als Ein- oder Zweikammersystem gestaltet sein. In der Schweiz oder den USA gibt es etwa zwei völlig gleichberechtigte Kammern. Dem Repräsentantenhaus entspricht in der Schweiz der Nationalrat, dem amerikanischen Senat der Ständerat, die Vertretung der Kantone, auch Stände genannt. In beiden Staaten wird in der sogenannten kleinen Kammer jeder einzelne Gliedstaat durch zwei Abgeordnete vertreten, unabhängig von seiner Bevölkerung. Dieses System findet sich z.B. in Italien nicht, wo beide Kammern zwar gleichwertig sind, aber die Mitglieder des Senates in ihrer überwiegenden Mehrheit auf regionaler Basis entsprechend der jeweiligen Bevölkerung gewählt werden. Die repräsentative Demokratie kann zudem durch basisdemokratische Elemente wie in der Schweiz auf allen Ebenen des Staates oder in etwa der Hälfte der amerikanischen Bundesstaaten ergänzt sein. Das Einkammersystem findet sich z.B. in Norwegen oder Griechenland. Der Übergang zur repräsentativen Demokratie vollzog sich in Europa aber keineswegs reibungslos und gradlinig in der Form einer einfachen Ablösung der Monarchie. Ihre Beseitigung in Frankreich in der französischen Revolution war vorerst nicht von Dauer. Die Mehrheit der verbleibenden Monarchien wurden erst nach dem Ende des ersten Weltkrieges zu konstitutionellen, in denen der Monarch nicht mehr regierte. In den USA wurde die repräsentative Demokratie bis jetzt nie in Frage gestellt. Die Befreiung von der britischen Krone war verbunden mit der Entstehung eines neuen Staates. Es gab keine Sehnsucht nach einem König. Der indirekt vom Volk gewählte Präsident ersetzte den König. Das Zweikammersystem in den USA hat keinen Bezug zur Antike, sondern leitet sich vom englischen Vorbild her. Dies hatte sich seit dem 13.Jhd. entwickelt. Die Wahl der Vertreter in Repräsentantenhaus und Senat durch das Volk, d.h. durch die einzelnen Bürger, war dagegen eine ganz neue Entwicklung in den USA und ist nicht vorher greifbar. Man ging dabei von der Vorstellung der Identität des Willens der Wähler und Gewählten aus. So konnte Thomas Paine (1736/37–1809) etwas überspitzt behaupten, was Athen im Kleinen war, wird Amerika Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 153 im Großen sein, eine direkte Demokratie mittels der Vertreter des Volkes. Er stellte so einen Zusammenhang mit Athen her. Dieser Gedanke betraf keine Übernahme einer verfahrensrechtlichen oder institutionellen Regelung aus der athenischen Demokratie. Er stellte lediglich die indirekte Demokratie in den USA auf eine Stufe mit der direkten in Athen. Die repräsentative Demokratie als Lösung für ein großes Land. Die römische Antike spielte dagegen bei der institutionellen Ausgestaltung der amerikanischen Verfassung eine wichtige Rolle, wie schon erwähnt. Man griff auf die röm. Republik zurück. So finden sich die berühmten „Checks and Balances“ nicht so ausdrücklich in den Verfassungen anderer repräsentativer Demokratien. Ein wichtiger Schritt in der Ausbreitung der repräsentativen Demokratie bildete das Ende des ersten Weltkrieges. Damals setzte sie sich weitgehend durch, bald gefährdet allerdings durch Regime mit diktatorischem Charakter, wie Italien, Deutschland oder Spanien zeigen. Die kommunistische Diktatur schloß mehr oder weniger direkt an die monarchische Herrschaft im Zarenreich an. Die weitere Entwicklung der repräsentativen Demokratie steht erst am Anfang, wenn man die Dauer betrachtet, während der die Monarchie und die in ihrem Namen getroffenen Regelungen für die Weitergabe der Herrschaft als Legitimationsprinzip unbestritten waren. Die moderne institutionelle Form der repräsentativen Demokratie steht in keiner längeren Tradition, sicher jedenfalls in keiner antiken, wenn man von der amerikanischen Verfassung absieht. Zwar beruft man sich auch für die Demokratie auf die Antike, aber auf die griechische, insbesondere auf Athen in der zweiten Hälfte des 5.Jhd. Die athenische Demokratie in dieser Zeit ist aber basisdemokratisch. Die letzte Entscheidung aller Fragen lag bei der Volksversammlung, nicht bei einer Versammlung gewählter Vertreter. Die Wahl der Amtsträger war zudem nur eine Möglichkeit, Herrschaft zu übertragen. Daneben spielte das Los eine sehr wichtige Rolle, um Amtsträger zu bestimmen. So wurden die Mitglieder des Rates erlost, ebenso die Archonten, die an der Spitze des Staates standen. Die modernen Demokratien mit ihren repräsentativen Systemen haben in der athenischen Demokratie kein eigentliches Vorbild in institutioneller und verfahrenstechnischer Hinsicht. Sie sind ein Schritt weg von der Antike. Lediglich Demokratien mit basisdemokratischen VII. Rom und die Geschichte danach 154 Elementen wie Sachabstimmungen oder Versammlungen, die in direkter Abstimmung Amtsträger wählen oder Beschlüsse fassen, stehen dem Vorgehen in der athenischen Demokratie näher. Sie finden sich in den sogenannten Landsgemeinden in der Schweiz, die es in einzelnen Kantonen gab. Heute gibt es sie auf kantonaler Ebene nur noch in Glarus und Appenzell Innerrhoden. Sie sind aber kein Rückgriff auf die athenische Volksversammlung, sondern sind ohne Bezug zu dieser im Spätmittelalter entstanden. Nicht eingegangen in die Welt der modernen Staaten sind die Zwischengewalten, die in der Spätantike entstanden und sich dem Einfluß des Staates entzogen. Es geht dabei um das Problem der Mediatisierung staatlicher Herrschaft. Diese Zwischengewalten verschwanden seit dem Beginn der frühen Neuzeit und wurden immer stärker in die staatliche Tätigkeit integriert. Sie betrafen z.B. einzelne Bereiche der Gerichtsbarkeit der Kirche, die Verfügungsgewalt der Grundherrn über die von ihnen abhängigen Bauern und die fehlenden staatlichen Kommandostrukturen im Militärwesen. Wieweit das neue Rechtfertigungsprinzip frei von größeren Problemen bleibt, ist noch durchaus offen. Diktatoren wie Hitler und Mussolini nach dem ersten Weltkrieg beriefen sich auch auf den Willen des Volkes. Ihre Herrschaft beruhte nicht auf kleinen Minderheiten, sondern sie genossen bei ihrer Einrichtung und auch noch später die Unterstützung großer Teile der Bevölkerung. Sie mißbrauchten allerdings die einmal übertragene Macht und stellten sie auch nicht mehr in einer freien Wahl zur Disposition. Franco hingegen ließ sich niemals durch Wahlen legitimieren, sondern berief sich zur Rechtfertigung seiner Herrschaft auf den Willen Gottes und stellte besonders seine Person in den Mittelpunkt. Die Regierung der DDR hatte niemals eine hinreichende Unterstützung durch die Bevölkerung und blieb auf die durch die Sowjetunion angewiesen. Die Wahlen waren so weitgehend manipuliert, daß sie keine legitimierende Wirkung entfalten konnten. Das Problem der Teilhabe an politischen Entscheidungen ist auch in modernen repräsentativen Demokratien nicht zufriedenstellend gelöst. Die Entscheidungen der Abgeordneten der Parlamente sind bindend. Wie weit sich z.B. Mandatsträger, die unliebsame Entscheidungen getroffen haben, bei den nächsten Wahlen ersetzen lassen, hängt Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 155 unter anderem vom Wahlrecht ab. Mit Kandidatenlisten ohne Präferenzen z.B. kann man nur Parteien wählen. Wer auf der Liste steht, entscheidet nicht der Wähler, sondern die Parteiführung. Ebenso ist die Einteilung der Wahlkreise ein geeignetes Mittel, um Mehrheiten zu gewinnen oder zu erhalten, oder die Entscheidung zwischen Majorz- oder Proporzsystem. Diese Fragen werden in Wahlgesetzen geregelt, zu denen die Bürger normalerweise nichts zu sagen haben. Der Anteil der Bürger an der Politik war und ist dabei in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich. Die früheren Beschränkungen des Wahlrechtes so etwa auf die Männer gibt es zwar nicht mehr, aber es stehen der Teilhabe der Bürger doch zum Teil beträchtliche Hindernisse im Weg. Die Frage, wer die Kandidaten aufstellt, ist in der Regel nicht zu Gunsten der Bürger gelöst, sondern wird von den politischen Eliten geregelt. Ebenso werden Minderheiten, insbesondere sprachliche, aber auch solche anderer Art wie religiöse, keineswegs immer geschützt, und ihre Interessen werden oft nicht berücksichtigt. Sie sind häufig ungenügend vertreten und können vielfach benachteiligt sein. In welcher Sprache z.B. müssen sie sich vor Gericht ausdrücken? Dürfen sie generell ihre Muttersprache verwenden? Wird diese an der Schule unterrichtet? Auch die Meinung derer, die Wahlen oder Sachabstimmungen verlieren, sollte berücksichtigt werden, was institutionell nicht zu regeln ist, sondern von der politischen Kultur abhängt. Unberücksichtigt in den institutionellen Regelungen bleiben in der Regel auch die vielfältigen Formen der Einflussnahme auf die Entscheidungen der Gewählten. Parteien, gut organisierte Gruppen wie Verbände, große Konzerne und Einzelpersonen von großem politischen oder wirtschaftlichem Gewicht können die postulierte Identität von Volkswillen und Willen der Gewählten immer mehr in den Bereich der Fiktion verschieben. Demonstrationen sind zwar in modernen funktionierenden Demokratien gestattet, sogar als Recht formuliert, haben aber keine bindende Wirkung und können lediglich politische Signale aussenden. Auch dort, wo über Sachfragen wirkungsvoll entschieden werden kann, also keine weiteren Bedingungen wie eine Mindeststimmbeteiligung, ein Quorum, solche Abstimmungen von vornherein zum Scheitern VII. Rom und die Geschichte danach 156 verurteilen, bleibt die Frage, mit welchen Mitteln man die, die stimmen dürfen, für eine Sachfrage interessieren kann. Was nicht von einer hinreichenden Menge der Wahlberechtigten als wichtiges Problem wahrgenommen wird, obwohl es eines ist, kann nicht mit Erfolg zur Abstimmung gebracht werden. Man denke z.B. an die Frage des Klimawandels. Wenn zu seiner Bekämpfung Umstellungen des Lebenswandels notwendig werden oder ökonomische Einbußen drohen, gibt es kaum Mehrheiten bei Sachabstimmungen dazu. Institutionelle Regelungen können immer nur den Rahmen für politische Entscheidungen schaffen, lösen aber keine inhaltlichen Probleme politischer Art. Mehr Teilhabe bedeutet auch immer mehr Aufwand für die Politiker. Es ist schwierig, von einer Vielzahl von Meinungen zu einer Lösung zu gelangen, die für weitgehend alle annehmbar ist. Entscheidungen durch einfache Mehrheiten, die die Minderheit akzeptieren muß, sind einfacher zu finden. Zudem führt die fortschreitende Individualisierung zu immer grö- ßerer Vielfalt der Meinungen und zum Verzicht der einzelnen auf die Übersicht über das Ganze. Warum soll man Teilhabe wollen, wenn man sich in der Welt einrichten kann und damit zufrieden ist. Man wird davon ausgehen können, daß Teilhabe an der Politik und an politischen Entscheidungen nicht ohne weiteres erstrebt und mehrheitlich auch gar nicht gesucht wird. Der Wille dazu hängt sehr von der Tradition und politischen Kultur ab. In modernen repräsentativen Demokratien genügt den meisten das Wahlrecht für die Parlamente. Eine lange monarchische Tradition etwa und eine gewisse Größe eines Landes sind einem Wunsch nach Teilhabe nicht förderlich. Der Wunsch nach Teilhabe an politischen Entscheidungen ist auch bei denen, die generell daran interessiert sind, keineswegs immer in gleicher Intensität vorhanden. Unmut über die ausgeübte Herrschaft oder über einzelne getroffene Entscheidungen entsteht in der Regel erst, wenn die Politik unbeliebte Entscheidungen trifft oder auf Probleme nicht reagiert, die als solche wahrgenommen werden. Dann entwickelt sich spontan Unzufriedenheit und der Wunsch nach Teilhabe, dessen Ausmaß schwer vorhersehbar ist. In verschiedenen Staaten unterschätzte die Politik etwa lange Zeit den Unmut über die Zuwanderung Fremder. So wurde die Abstimmung über den Austritt Großbri- Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 157 tanniens aus der EU zu einer über die Zuwanderung und brachte die Politik in Schwierigkeiten. Teilhabe an der Politik ist auch an Information gebunden. Ohne sie bleibt Teilhabe ziellos. Die Möglichkeit, sich zu informieren, und die Ausgestaltung der Information sind wesentlich für die Teilhabe an der Politik. Teilhabe an der Politik in demokratischen Staaten ist auch an soziale und wirtschaftliche Entwicklungen gebunden. Sie ist darauf angewiesen, daß eine wie auch immer geartete Mittelschicht vorhanden ist. Sie funktioniert nicht, wenn wenige Reiche zahllosen Armen gegen- überstehen, die vor allem an ihr physisches Überleben denken müssen. Teilhabe ist daher auch nur möglich, wenn ein gewisses wirtschaftliches Niveau erreicht ist, das die Demokratie als Grundlage für den persönlichen Erfolg in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht erscheinen läßt. Ohne wirtschaftlichen Erfolg, wie begrenzt er auch immer sein mag, kann Demokratie als Institution nicht überleben. Das gilt übrigens auch für andere Formen der Herrschaft, nur können sich diese einfacher als die Demokratie mit Gewaltanwendung an der Macht halten und sind dabei recht erfolgreich. In einer gut gestalteten Form der Teilhabe ließe sich eine Lösung für das Verhältnis von Herrschaft und Gehorsam finden, jedenfalls für diejenigen, die Probleme mit dem Gehorsam haben, aber sie nicht dadurch lösen wollen, daß sie einen Ausweg suchen, um unangenehme Forderungen des Staates zu umgehen, also etwa bei der Steuer darauf sehen, ob sie sie hinterziehen können, ohne dabei ertappt zu werden. Rechtfertigung der jeweiligen Form von Herrschaft oder eines bestimmten Herrschers vollzieht sich immer auf Grund und im Rahmen institutioneller Regelungen. So wird ein Präsident der USA nach bestimmten Regeln gewählt und hat so das Recht zu regieren. Diese Rechtfertigung und ihre institutionelle Absicherung können in Gefahr geraten, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern. So hatte der wirtschaftliche Niedergang der Bauern, die in der klassischen röm. Republik als Legionäre dienten und deren weitgehender Ersatz durch Freiwillige aus unteren Schichten, die ein sehr niedriges oder gar kein Einkommen oder Vermögen hatten, einen Wandel in den Beziehungen der Bürger zu den Institutionen und deren Vertretern zur Folge. Es entstand eine Gruppe von Bürgern, die zu einzelnen Heerführern ein VII. Rom und die Geschichte danach 158 engeres Verhältnis als zu den jährlich wechselnden consules hatten und die darauf angewiesen waren, daß sich ihre Kommandanten nach der Entlassung aus dem Dienst um sie kümmerten. Sie hatten ja keinen Bauernhof, auf den sie zurückkehren konnten. So konnten neue Loyalitäten entstehen, die sich in innenpolitischen Auseinandersetzungen gebrauchen ließen. Die Wahl der consules wurde weniger wichtig. Dies begünstigte den Aufstieg politischer Führer, die nicht mehr vom Senat kontrolliert werden konnten und die auch ohne die Rechtfertigung ihrer Stellung durch die vorgesehenen Wahlen nach der Herrschaft zu greifen wagten. Ebenso besteht auch in modernen Staaten die Gefahr, daß gesellschaftliche Veränderungen wie das Erstarken extremer Gruppen z.B. auf Grund negativer wirtschaftlicher Entwicklungen zu einem schlechten Funktionieren institutioneller Regelungen führt und diese unbedeutend oder sogar unwirksam macht. Auf diese Weise kann etwa in einem System, das keine Staatsstreiche kennt, auf einmal ein solcher auftreten. Nicht umsonst sucht man etwa in der BRD solchen Entwicklungen mit dem Verfassungsschutz entgegen zu treten. Auch dessen Wirksamkeit ist aber an ein Minimum normalen Funktionierens staatlicher Ordnung gebunden. Zudem hängt er politisch von den Parteien ab, die als systemtragend gelten oder sich so sehen. Solche gesellschaftlichen Veränderungen und besonders ihre Auswirkungen sind nur schwer vorhersehbar. Wir wissen daher nicht, wohin der Weg geht. Eine Gesellschaft verändert sich ständig, aber nur selten haben jene Veränderungen gravierende Folgen für die Institutionen und deren Gewicht. Von vornherein ist nicht erkennbar, ob die führenden Personen solcher Bewegungen fähig sind, das Spiel der politischen Kräfte in ihrem Sinn zu beeinflussen. So ist z.B. bei der Neugründung von Parteien nicht ohne weiteres vorhersehbar, ob sie und ihre Führer entscheidendes Gewicht erlangen werden. Meistens gelingt dies nicht. In demokratischen Systemen behilft man sich mit dem Rechtsstaat und mit Machtbalancen, um gefährliche Personen, die ordentlich gewählt wurden, in Schranken zu halten und am Mißbrauch ihrer Befugnisse zu hindern. Ob dies genügt, bleibt eine offene Frage. Die Exekutive ist fast immer einen Schritt voraus. Sie kann schneller handeln als jede kontrollierende Instanz, in der Regel die Legislative. Wie viel ihr Probleme und Lösungen der repräsentativen Demokratie und ihre Beziehung zur Antike 159 als Notrecht zugestanden wird, ist sehr wichtig. Davon hängt ab, ob sie die Legislative und die Judikative ausspielen kann und frei ist zu handeln. Vielleicht wichtiger als jedes Legitimationsprinzip und dessen institutionelle Ausgestaltung ist die politische Kultur in jeder Form der Herrschaft. Wie geht man miteinander um? Welche Mittel werden in der politischen Auseinandersetzung verwendet? Das gilt für beide Seiten, für die, die herrschen, und für die, die daran Kritik üben und den Herrschenden nicht gehorchen wollen. Ihr Verhalten steht in einem dialektischen Verhältnis. Meistens ist kaum mehr feststellbar, wer zuerst Grenzen überschritten hat. Die politische Kultur hängt nur zum Teil von der Form der Legitimation und den institutionellen Gegebenheiten ab. Auch in demokratisch organisierten Staaten kann sie schlecht sein. Das Streben nach Herrschaft kann die, die sie erlangen oder die, die sie behalten wollen, erfinderisch machen, um geltende Regeln des Verhaltens im Umgang miteinander zu umgehen und außerordentliche Maßnahmen zu rechtfertigen. Sie suchen in diesem Fall keine Lösungen für Probleme, sondern nur jede Möglichkeit, um zur Herrschaft zu gelangen oder diese zu behalten. Es beginnt mit Beschimpfungen, Sachbeschädigungen, Drohungen, der Unterdrückung anderer Meinungen und kann bei der physischen Beseitigung politischer Gegner enden. Sind beide Seiten dorthin gelangt, kann man kaum noch unterscheiden, wen man bevorzugen soll. Politische Kultur in einem solchen Zustand ist nur schwer zu verändern. Es ist sehr fraglich, ob politische Kultur sich dauerhaft zum Besseren entwickeln kann. Es ist eine Hoffnung, die der Zeitgebundenheit alles Politischen und seinem steten Wandel widerspricht. Wahrscheinlich gibt es in Bezug auf die politische Kultur nur glücklichere und weniger glückliche Zeiten, wobei die letzteren überwiegen. VII. Rom und die Geschichte danach 160

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Zusammenfassung

Herrschaft, in unserer Welt der Staat, bestimmt unser Leben in entscheidender Weise. Sie verlangt Zustimmung oder wenigstens Duldung und Gehorsam. Herrschaft wird vor allem dann spürbar, wenn wir den Forderungen, die sie stellt, und den Regeln, die sie setzt, nicht zustimmen können. Wir stellen aber dann fast immer nicht die jeweilige Form der Herrschaft oder die Art ihrer Ausübung in Frage, machen nicht sie verantwortlich für unsere Schwierigkeiten, versuchen nicht, sie zu verändern, sondern suchen einen Ausweg für ein konkretes Problem. Sind die Steuern oder Abgaben, die ein sehr wichtiges Element von Herrschaft sind, zu hoch, versuchen wir nicht, die Steuersätze oder gar das politische System zu ändern, sondern manche hinterziehen sie eher, wenn möglich.

Formen und Institutionen von Herrschaft und deren Rechtfertigung im politischen Alltag entwickeln sich in langen Zeiträumen. In Europa war monarchische Herrschaft bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 die Regel. Sie nahm ihren Anfang in Rom kurz vor Christi Geburt, und erstmals wurde zu ihr in der Verfassung der Vereinigten Staaten ein historisch bedeutsames Gegenmodell entwickelt.

Zustimmung und Gehorsam zu staatlichen Regelungen und Anweisungen werden in diesem Buch als Ergebnis historischer Entwicklungen dargestellt. Deren Verständnis ist wesentlich für jede politische Diskussion und Veränderung.