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VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung. Die Gesellschaft. Das Christentum. Die Auflösung des röm. Reiches in:

Joachim Szidat

Herrschaft und Gehorsam, page 103 - 132

Historisches und Aktuelles

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4337-0, ISBN online: 978-3-8288-7317-9, https://doi.org/10.5771/9783828873179-103

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 43

Tectum, Baden-Baden
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Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung. Die Gesellschaft. Das Christentum. Die Auflösung des röm. Reiches Periodisierung, Tetrarchie und Mehrkaiserherrschaft Als Beginn der Spätantike wird in der Regel im deutschsprachigen Raum das Jahr 284 n.Chr. betrachtet (Amtsantritt des Kaisers Diokletian). Ihr Ende ist nicht nur wesentlich umstrittener, sondern auch unter sachlichen Gesichtspunkten uneinheitlich. Es unterscheidet sich je nach Region und Reichsteil, d.h. nach dem östlichen oder westlichen Teil des Reiches. Häufig betrachtet man 476 als das Ende der Spätantike im Westen, als der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt wurde. In Britannien ist aber die röm. Herrschaft schon zu Beginn des 5.Jhd. zu Ende, in Italien dagegen erst nach der Mitte des 6.Jhd., als die Langobarden in Italien einfielen (568 n.Chr.). Im Osten dauerte die Spätantike bis zur Herrschaft Iustinians (527–565 n.Chr.). Mit ihm läßt man spätestens die byzantinische Geschichte beginnen. Mit guten Gründen kann man allerdings ihr Ende im südlichen Teil des Osten auch auf das 7.Jhd. datieren. Damals ging das neupersische Reich, das Reich der Sassaniden, unter, und die Araber besetzten Syrien, Ägypten und Nordafrika. Damit begann die Ausbreitung des Islam. Der Spätantike voraus ging eine Übergangsphase, eine Zeit der Krise, die man gemeinhin zwischen 235–284 ansetzt. In ihr geriet das röm. Reich durch die Angriffe der Barbaren, besonders an Rhein und Donau, aber auch der Perser im Osten des Reiches in eine schwere Krise, die es aber ohne große territoriale Verluste überstand. Verloren gingen nur das Dekumatenland, das Gebiet östlich des Oberrheines und nördlich der oberen Donau, zudem etwa der Schwarzwald gehört, und das Gebiet des heutigen Rumäniens. Die Einordnung dieses Jahr- VI. 103 hunderts in den historischen Prozeß ist umstritten. Ungelöst ist z.B. die Frage, inwieweit dieses Jahrhundert die spätantike Entwicklung vorbereitete. Die ersten rund 20 Jahre der Spätantike (284–306) werden als Tetrarchie, die gemeinsame Herrschaft von vier Kaisern, bezeichnet. In dieser Zeit regierten zwei Oberkaiser (Augusti) und zwei Unterkaiser (Caesares), und es war ein koordiniertes Nachrücken vorgesehen. Beim Rücktritt der zwei Oberkaiser sollten die Unterkaiser nachrücken und zwei neue Unterkaiser eingesetzt werden. Die Augusti der Tetrarchie waren Diokletian und Maximian, die Caesares Constantius Chlorus, der Vater des späteren Kaisers Konstantin, und Galerius. Das System funktionierte nur einmal, nämlich 305, und auch damals nur noch für ein Jahr. Die Augusti der Tetrarchie, Diokletian und Maximian, zogen sich 305 ins Privatleben zurück. Die Caesares Constantius Chlorus, der Vater Konstantins, und Galerius rückten als Augusti nach. Als Caesares wurden Severus im Westen und Maximinus Daia im Osten erhoben. Als Constantius Chlorus am 28.7.306 starb, erhob sich dessen Sohn Konstantin am selben Tag von sich aus zum Augustus. Die Soldaten seines Vaters standen dabei auf seiner Seite. Konstantin stellte damit das Nachrücken von Severus als Augustus im Westen in Frage. Wenig später, am 28. Oktober 306, erhob sich auch Maxentius, der Sohn Maximians in Rom zum Kaiser. Damit war das System der Tetrarchie gescheitert. Man hatte keine angemessene Lösung für die erwachsenen Söhne Konstantins und Maximians gefunden. Sie hatten politische Bedeutung, Konstantin hatte sicher militärische Erfahrung, und beide trachteten danach, Kaiser zu werden. Unberücksichtigt zu bleiben bedeutete für sie auch die Gefährdung des eigenen Lebens, denn sie mußten als mögliche Usurpatoren gelten. Im Anschluß an Konstantins und Maxentius’ Erhebungen kam es zu zahllosen inneren Kämpfen unter den Nachfolgern der Tetrarchen, die 324 mit der Erringung der Alleinherrschaft durch Konstantin endeten. Aus ihr entwickelte sich dann nach Konstantins Tod 337 die Mehrkaiserherrschaft der Spätantike. Während der Tetrarchie entwickelte sich eine Aufteilung des Reiches unter den vier Herrschern. Diese verfügten zu Beginn nicht über VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 104 ein ihnen zugeordnetes Territorium, sondern wurden überall im Reich in Absprache mit Diokletian tätig. Diese Aufteilung blieb ein wesentliches Element in der Zeit der Mehrkaiserherrschaft und bildete schließlich die Grundlage für die Zweiteilung des Reiches, die ab 395 Gestalt annahm. Der Tetrarchie gelang die Stabilisierung der außenpolitischen Situation des Reiches, indem man eine schlagkräftige Armee schaffen konnte und innenpolitische Stabilität erreichte. Daß die vier Herrscher über eine solange Zeit an der Macht blieben, bedeutete gegenüber dem unruhigen 3.Jhd. einen großen Fortschritt. Sicher spielte dabei der historische Zufall eine Rolle, aber man darf die starke Persönlichkeit Diokletians nicht unterschätzen, der die Tetrarchie dominierte. Sehr wichtig für die Stabilität war auch die festgesetzte Vierzahl der Herrscher sowie die Ordnung der Nachfolge. Man rückte nach, obwohl gerade diese Regelung sich als schwer durchführbar und letztlich als verhängnisvoll für die Tetrarchie erwies. Die Bedeutung der Dynastie wurde dabei unterschätzt. Die Herkunft eines Herrschers war nämlich schon seit Beginn der Kaiserzeit immer von Bedeutung. Institutionelle und gesellschaftliche Besonderheiten der Spätantike In der Spätantike entwickelten sich gegenüber der Zeit davor einige institutionelle Besonderheiten. Es sind dies die Mehrkaiserherrschaft, eine verfeinerte Gliederung des Reiches durch die Teilung vieler Provinzen, die Neugliederung Italiens in solche und die Bildung von Zwischeninstanzen, sowie die Schaffung einer durchgebildeten zentralen Verwaltung. Insgesamt wurde die Verwaltung intensiviert. Zugleich wurden die zivilen und militärischen Laufbahnen voneinander getrennt. Das Heer wurde in das Bewegungsheer und das Grenzheer aufgeteilt. Die kampfkräftigeren Truppen wurden je nach Bedarf verlegt und eingesetzt, während die übrigen an den Grenzen fest stationiert waren. Der größte Teil des Bewegungsheeres zog mit dem jeweiligen Kaiser und sicherte infolgedessen auch dessen politische und militärische Stellung innerhalb seines Reichsteiles. Ein Usurpator hatte es schwer gegen ihn. Institutionelle und gesellschaftliche Besonderheiten der Spätantike 105 Eine neue Rolle spielten die angeworbenen Barbaren in der Armee. Sie bildeten von nun an die Eliteeinheiten, so etwa die sogenannten auxilia. Daneben dienten sie selbstverständlich weiter auch in anderen Einheiten. Die Führer barbarischer Einheiten konnten seit Konstantin in die höchsten militärischen Ränge aufsteigen. Sie konnten Heerführer werden. Ihre politische Rolle und Integration stellte vielfache Probleme, führte aber in der Regel nicht zu Erscheinungen der Illoyalität gegenüber dem Reich. Besonders vom Ende des 4.Jhd. an gab es immer mehr Einheiten der sogenannten Foederaten, Truppen von Barbaren, die unter dem Kommando ihrer einheimischen Führer dienten, und nicht offiziell Bestandteil der Armee waren und in sie integriert. Sie ersetzten immer mehr die römische Armee, besonders im Westen, und führten zur Auflösung der militärischen Strukturen. Dazu kamen im gesellschaftlichen Bereich die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht, indem man den Ritterstand im Senatorenstand aufgehen ließ, und die Christianisierung des Reiches. Sie ließ mit der reichsweiten kirchlichen Organisation eine gewisse parallele Einrichtung zum Staat entstehen. Die staatlichen Strukturen dienten nämlich als Grundlage ihrer Organisation. Die civitates, die politischen Gemeinden, wurden die Grundlage der kirchlichen Organisation. An ihrer Spitze stand jeweils ein Bischof. Von besonderer Bedeutung, die allerdings erst im Lauf des 4.Jhd. sichtbar wurde, war die Gründung von Konstantinopel durch Konstantin. Die Stadt wurde 330 eingeweiht. Sie lag am Ort der griechischen Stadt Byzanz, deren Gebiet um das Drei- oder Vierfache vergrö- ßert wurde. So entstand aus dieser eine Residenzstadt. Konstantinopel war als neues oder zweites Rom gedacht. So wurde schon bald ein zweiter Senat in ihr eingerichtet. Ohne sie wäre die besondere Entwicklung des östlichen Teiles des röm. Reiches nicht möglich gewesen. Sie verkörperte das oström. Reich. Es ist häufig nicht immer eindeutig zu entscheiden, ob eine Reform in der Spätantike auf Diokletian oder Konstantin zurückgeht. Ohne die lange Regierungszeit beider sind die Reformen auf jeden Fall undenkbar. Diokletian regierte 21 Jahre (284–305). Er bestimmte im wesentlichen, was seine Mitherrscher zu tun hatten. Konstantin herrschte im Westen unangefochten seit 312 nach seinem Sieg über VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 106 Maxentius an der Milvischen Brücke und von 324–337 im gesamten röm. Reich. Länger als er regierte in der röm. Geschichte nur Augustus. Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft Die kaiserliche Stellung wurde nach Konstantins Tod 337 fast immer von zwei Kaisern (Augusti) gleichzeitig wahrgenommen, von denen einer den Westteil des Reiches und der andere den Ostteil beherrschte. Die Grenze zwischen beiden Teilen war etwa die heutige zwischen dem katholischen und dem griechisch-orthodoxen Bekenntnis von der südlichen Adria bis an die Donau. Im Westen war Mailand bevorzugte Residenz, aber auch Trier, Rom und Ravenna, im Osten in der 2. Hälfte des 4.Jhd. vorwiegend Konstantinopel, später fast ausschließlich. Seltener dienten im Osten auch Sirmium, Antiochia oder Thessaloniki als Residenzstädte. Unterkaiser (Caesares) gab es nur noch selten, und ihre Funktion als Nachfolger ist weniger bedeutsam als früher. Das Kaisertum wurde formal als Einheit betrachtet, auch wenn es von zwei Personen zugleich innegehalten wurde. Deren Anteil an der Herrschaft fiel bei ihrem Ausscheiden an den verbleibenden Amtskollegen zurück, der ihn neu vergeben konnte. Die Quelle der kaiserlichen Herrschaft war während der Mehrkaiserherrschaft wie schon in der Tetrarchie jeder Augustus, der sie durch die Erhebung von Mitherrschern weitergeben konnte. Deren Stellung leitete sich dadurch von seiner ab. Der Kaiser wurde so zum auctor, Urheber, neuer Herrscher. Die Erhebung durch einen Augustus gab also das Recht zur Herrschaft. Sie legitimierte. Dem, der nicht von einem Augustus erhoben worden war, mangelte es an einer hinreichenden Legitimation. Sein Anspruch galt als nicht gerechtfertigt. Dies bedeutete eine hohe Schranke für jeden Usurpator. Die Erhebung eines neuen Kaisers in der Mehrkaiserherrschaft war also eine Form der Kooptation, der Zuwahl. Das Mehrkaisertum hatte zur Folge, daß so eine Instanz vorhanden war, die einen Kandidaten zur Erhebung vorschlagen und Gehorsam und Loyalität gegenüber diesem bewirken konnte. Eine solche gab es in der Kaiserzeit nicht. Es war nicht geregelt, wie ein neuer Kaiser zu seinem Amt kam. Die Situation, daß es keinen Kaiser im Reich gab, Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft 107 der seinen Nachfolger ins Amt bringen konnte, trat zudem nicht mehr so häufig auf. Im 4.Jhd. z.B. schieden nach 324, dem Beginn der Alleinherrschaft Konstantins, nur Iulian 363 und Iovian 364 aus dem Leben, ohne daß noch ein anderer Kaiser im Amt war. Die Erhebung zum Kaiser fand vor einer Versammlung von Soldaten statt. Zwischen 474, dem Jahr der Erhebung Leos II., bis einschließlich der Erhebung Justinus’ I. 518 nahm im östlichen Teil des Reiches auch das Volk in Konstantinopel daran teil. Man versammelte sich zusammen im Hippodrom. Der Augustus stellte den Kandidaten vor. Die Soldaten und im erwähnten Zeitraum auch das Volk stimmten dem Vorgeschlagenen jubelnd zu, und der Kandidat wurde mit den kaiserlichen Insignien bekleidet. Man durfte nicht nein sagen, denn das hätte Ungehorsam bedeutet, und wäre als Beginn einer Revolte betrachtet worden. Für die Übertragung der kaiserlichen Macht entwickelte sich in der Spätantike gegenüber der Kaiserzeit also eine festere Form. Schon seit dem Ende des 3.Jhd. wurde der Senatsbeschluß unnötig, mit dem dem Kaiser bisher die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen übertragen wurden. Greifbar ist dies erstmals bei Carus’ Erhebung 282. Die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen wurden unmittelbar nach der Investitur des Kaisers als ihm zur Verfügung stehend betrachtet. Von anderen Gruppen wurde auch erwartet, ihrer Zustimmung zur Wahl eines neuen princeps Ausdruck zu geben und Beschlüsse zu dessen Gunsten zu fassen. Dies taten z.B. die Städte. Dabei waren die des Senates in Rom von besonderer Bedeutung seines hohen politischen und sozialen Ansehens wegen, das der Senat auch im 3.Jhd. und in der Spätantike hatte. Sie erscheinen daher in den Quellen oft wie Wahlakte. Es handelte sich aber lediglich um Bestätigungsakte für den neuen princeps. Die rechtliche Grundlage für die Herrschaft des Kaisers war also kein Bündel von besonderen Rechten, Aufgaben und Ehrungen mehr wie im frühen Prinzipat, das durch einen Senatsbeschluß und ein Gesetz übertragen werden mußte. Zugleich mit seiner Investitur, dem Anlegen der Insignien, gelangte der Kaiser auch in den Besitz aller Instrumente zum Handeln. Er bedurfte keines zusätzlichen Entscheides mehr, mit dem ihm diese verliehen wurden. Seine Investitur wurde als VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 108 hinreichende Grundlage zur Wahrnehmung der Herrschaft angesehen. Er konnte diese sofort ausüben. Dies wird daran deutlich, daß seine Maßnahmen keiner späteren Bestätigung bedürfen, wie es etwa bei Vespasian noch nötig war. Seine acta, seine getroffenen Entscheidungen, mußten ausdrücklich für legitim erklärt werden, und zwar die zwischen seiner Ausrufung zum Kaiser am 1.7.69 im Osten des Reiches und dem Senatsbeschluß am 21.(22.?)12.69 in Rom zu seinen Gunsten, nachdem er sich auch im Westen des Reiches durchgesetzt hatte. Der Anspruch, die Herrschaft zu übernehmen, mußte jetzt nur von den entscheidenden politischen und militärischen Kräften akzeptiert werden, was sich in deren Gehorsam ausdrückte. Weitere Verfahren waren nicht mehr nötig. Daß die besonderen Rechte, Aufgaben und Ehrungen nicht mehr in einem gesonderten Akt verliehen wurden, schloß eine Form der Nachfolgeregelung aus, bei der einzelne Kompetenzen schon vor dem Eintreten des Nachfolgefalles übertragen wurden, um eine reibungslose Weitergabe der Herrschaft zu sichern. So erhielt etwa Trajan im Oktober 97 n.Chr. zugleich mit seiner Adoption durch Nerva und seiner Erhebung zum Caesar die tribunicia potestas. Auf diese Weise war seine Nachfolge nicht mehr in Zweifel zu ziehen. Es war möglich, nicht nur einen Augustus für den anderen Reichsteil zu erheben, sondern schon im eigenen Reichsteil einen sozusagen auf Vorrat einzusetzen. Dieser war dann ein nomineller. Er regierte solange nicht, bis er nachrücken konnte, genoß aber alle Privilegien der kaiserlichen Stellung. So hatte er einen eigenen Hofstaat. Zur Kooptation durch einen Augustus mußte noch die Anerkennung durch den Mitherrscher im anderen Reichsteil kommen, wenn es dort einen gab. Die Anerkennung durch die Kaiser, die schon im Amt waren, war sehr wichtig, um gegenüber den eigenen Untertanen und im übrigen Reich legitimiert zu sein und als Herrscher zu gelten. In der Regel wurde in der Mehrkaiserherrschaft die Herrschaft von Mitgliedern derselben Familie wahrgenommen und auch an diese weitergegeben. Es war aber nicht festgelegt, an welche. Es herrschte ein dynastisches Prinzip, keine Erbfolgeordnung, bei der genau geregelt ist, wer welchen Platz in der Nachfolge einnimmt. Direkte männliche Nachkommen waren aber kaum hintanzusetzen, und der Erstgeborene hatte eindeutig den Vorrang. Dies ergab sich häufig auch daraus, daß Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft 109 er schon über militärische Erfahrung verfügte und den Truppen bekannt war. So erhoben 306 die Soldaten Konstantin nach dem Tod seines Vaters Constantius Chlorus zum Kaiser. Seine jüngeren Halbgeschwister wurden gar nicht in Erwägung gezogen. Sein Halbbruder Julius Constantius war damals immerhin schon 17 Jahre alt. Konstantin ließ dagegen seinen ältesten Sohn Crispus, dessen Mutter Minervina war, 326 umbringen. Er hatte ihn schon 317 zum Caesar erhoben und ihn 318, 321 und 324 zum consul gemacht. Möglicherweise fürchtete er ihn als Konkurrenten, oder Konstantins zweite Frau Fausta wollte ihn zu Gunsten ihrer Kinder aus dem Weg schaffen und klagte ihn daher an, sich ihr genähert zu haben. Konstantin ließ sie nach einer Untersuchung der Angelegenheit im Bad ersticken. Die Thronfolge im Rahmen der Dynastie blieb durch Crispus' Beseitigung für Jahre in Gefahr, weil die Kinder Faustas noch zu jung waren, um die Herrschaft übernehmen zu können. Das dynastische Prinzip schränkte die Zahl der Anwärter auf den Thron ein. Es schuf zugleich Schwierigkeiten für jeden Prätendenten, der nicht zur Dynastie gehörte. Die bloße Zugehörigkeit zur kaiserlichen Familie gab also keinen Anspruch auf den Thron. Dieser Grundsatz galt schon seit Augustus' Zeiten. Zur Zugehörigkeit zur Familie mußte aber jetzt eine Erhebung zum Mitherrscher durch einen Augustus treten. Dadurch daß jeweils ein Augustus über die Beteiligung an der Herrschaft entschied, behielt er die Anwendung des dynastischen Prinzips in seiner Hand. Er bestimmte über seine Geltung. Er setzte nämlich fest, wer ihm nachfolgen sollte. Wenn im ganzen Reich kein Kaiser mehr im Amt war wie nach Iulians oder Iovians Tod 363 bzw. 364, wählte eine Gruppe führender Persönlichkeiten den neuen Herrscher. Wer zu ihr gehörte, war nicht festgelegt. Es sind vor allem die höchsten Repräsentanten der zentralen Verwaltung, im Amt befindliche und ehemalige, einzelne Vertreter der persönlichen Dienerschaft des Kaisers, so etwa der Oberkämmerer, der praepositus sacri cubiculi, der immer zu dieser Zeit ein Eunuch war, sowie die höchsten militärischen Kommandanten. Diese waren aber deutlich in der Minderzahl. Der Umfang dieser Gruppe schwankte etwa zwischen zehn und fünfzig bis sechzig Personen. VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 110 Die Gruppe trat also an die Stelle eines Kaisers wie ein auctor, ohne es aber formal zu sein, denn sie hatte nicht die Herrschaft inne und konnte daher nicht über sie verfügen. Für den Vorschlag eines Kandidaten und die Sicherung des notwendigen Gehorsams für diesen gab es damit aber eine Instanz. Es gab auch Vorstellungen dazu, wie repräsentativ diese zu sein hatte, wer also in ihr vertreten sein sollte, und wie sie ihre Entscheidung zu finden hatte. Diese Vorstellungen hatten aber keinen zwingenden Charakter. Der Vorschlag eines Kandidaten durch diese Gruppe war keine allgemein anerkannte oder sogar niedergeschriebene Regel, sondern wurde von der jeweiligen Mehrheit in ihr beansprucht und durchgesetzt. Es war nicht ausgeschlossen, daß sich andere Kandidaten um eine Erhebung bemühten, wie es etwa nach Iustins Wahl 518 allerdings erfolglos geschah. Im Unterschied zum Vorschlag durch führende Persönlichkeiten wurde der Vorschlag eines Kandidaten durch einen Augustus für einen vakanten Platz als bindend betrachtet und von keiner Seite jemals in Frage gestellt. Dies hätte als Versuch eines Staatsstreiches gegolten. Die Kooptation durch den Kaiser oder der Vorschlag durch die einflußreichsten Personen wurde je länger je mehr als durch Gott bewirkt betrachtet. Daraus entstand die Vorstellung, daß letztlich dieser das Kaisertum gibt. Die Vorstellung, Kaiser von Gottes Gnaden zu sein, wurde dann von Justinian (527–65) besonders betont, und blieb ein entscheidender Gedanke für die Rechtfertigung monarchischer Herrschaft bis zu deren Ende in vielen Ländern Europas. Mehrkaisertum und die Intervention einer Gruppe der einflußreichsten Persönlichkeiten bei der Besetzung des Thrones führten zu einer Stabilisierung der kaiserlichen Stellung. Herrscherwechsel waren geregelt, wenn auch nicht in einer institutionell festgelegten Form. Damit war gegenüber der hohen Kaiserzeit eine Gruppe, die weitgehende Kontrolle ausübte, für die Weitergabe und Sicherung der Herrschaft entscheidend, wenn keine Kooptation erfolgte. Dies erschwerte eine Usurpation erheblich. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zur Zeit des Prinzipats, in der sich niemals ein Usus für die Bestimmung des Kandidaten herausgebildet hatte. Eine der führenden Gruppe ähnliche Formation, die regelmäßig den Vorschlag des Kandidaten vornimmt, wenn keiner vorhanden ist, ist im Prinzipat nicht vorhanden. Es sind Die Mehrkaiserherrschaft und die Weitergabe der Herrschaft 111 Gruppierungen, die sich ad hoc bilden. So wurde Neros Erhebung 54 n.Chr. von seiner Mutter Agrippina, der Frau des verstorbenen Kaisers Claudius, und dem Prätorianerpräfekten Burrus in Szene gesetzt. Sie sorgten dafür, daß die Prätorianer Nero zum Kaiser ausriefen. Übergangen wurde dabei Britannicus, der ein Sohn des verstorbenen Kaisers Claudius und der Messalina, der Vorgängerin Agrippinas, war. Man beseitigte ihn dann bald mit Gift bei einem Gastmahl, damit er nicht bei einem Staatsstreich als Gallionsfigur dienen konnte. Der spätantike Kaiser erscheint durch ein sehr ausgebildetes Zeremoniell entrückter von seinen Untertanen als seine Vorgänger im Prinzipat. Dadurch sollte Distanz und Respekt geschaffen werden. Er war prachtvoll gekleidet und gleichsam in eine höhere Sphäre gerückt. Jeder Ausdruck eines Gefühles wie ein freundlicher Blick wurde unterdrückt. Wer zu ihm vorgelassen wurde, mußte einen Kniefall machen und bekam den Saum des Purpurgewandes zum Kuß gereicht. Auch die Kontakte zu den Senatoren waren vom Zeremoniell her streng geregelt und verloren weitgehend jegliche Spontaneität. Wo sie sich doch zeigte, wurde sie kritisiert. Der Kaiser gab nicht mehr vor, einer der ihren zu sein. Der Kaiser mußte sich bemühen, durch Geschenke (Donative) die Loyalität seiner Soldaten und Beamten zu sichern. Diesen wurden sie bei der Übernahme der Herrschaft, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten wie z.B. Regierungsjubiläen gewährt. Im Gegensatz zur Kaiserzeit, in der die Höhe der Vergabungen nicht geregelt war, gab es in der Spätantike z.B. beim Antritt der Herrschaft eine feste Summe für einfache Soldaten. Sie betrug 6 solidi (Goldmünzen) und ein Pfund Silber, offensichtlich in Form von Barren. Selbstverständlich gab es für höhere Kommandanten und hohe zivile Amtsträger Geschenke von größerem Wert, auch in Form von bearbeitetem Metall, wie z.B. die Silberplatten von Kaiseraugst zeigen. Die Loyalität hoher Amtsträger war noch viel wichtiger als die einfacher Soldaten. Die Regelung der Vergabungen, besonders der Geschenke beim Regierungsantritt, schützte den Kaiser davor, mit Forderungen nach mehr erpreßt zu werden, wie es bei ungeregelter Übernahme des Amtes oder Staatsstreichen üblich war. Es kam dabei zur Versteigerung des Kaisertums. Der, der am meisten bot, erhielt es. Berühmtestes Beispiel dafür ist der Wettstreit um das Amt zwischen dem Stadtpräfekten VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 112 Sulpicianus, Pertinax Schwiegervater, und Didius Iulianus Ende März 193. Dieser bot den Prätorianern mehr und wurde dafür zum Kaiser erhoben. Zuständig in der Spätantike für die Bereitstellung dieser Zuwendungen war der comes sacrarum largitionum, der comes, der sich um die kaiserlichen Geschenke kümmerte. Sein Titel zeigt schon eine seiner wichtigsten Aufgaben, nämlich die Bereitstellung der Geschenke. Die Verwaltung, die Neugliederung des Territoriums und die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht Das Territorium des Reiches, das in Provinzen gegliedert war, die vorwiegend aus den Gebieten der Städte bestanden, wurde stärker untergliedert, und es wurden weitere Ebenen der Verwaltung neben Provinzen und Städten geschaffen. Durch Teilungen erhöhte der Kaiser die Zahl der Provinzen beträchtlich, um die Verwaltung, d.h. besonders die Steuereinziehung und damit verbunden die Rechtsprechung, effektiver gestalten zu können. Zu diesem Zweck teilte man die in der Spätantike vorhandenen Provinzen. Zu Beginn des 5.Jhd. gab es etwa 114 Provinzen, während deren Zahl im Jahre 27 v.Chr. 17 umfaßte und danach erst vorwiegend durch Eroberungen oder die Umwandlung abhängiger Gebiete in Provinzen, aber auch durch Teilungen weiter anstieg. In severischer Zeit, also zu Beginn des 3.Jhd., gab es wenig mehr als 30 Provinzen. Ihre Zahl vergrößerte sich dann in der Spätantike deutlich. Italien verlor ebenfalls seine Sonderstellung und wurde in Provinzen aufgeteilt. Eine Reihe von Provinzen wurde jeweils zu einer Diözese zusammengefaßt. Es gab um die Mitte des 4.Jhd. davon 15. So waren z.B. die Provinzen in England zur doecesis Britanniarum zusammengefaßt. An ihrer Spitze stand ein vicarius. Die Diözesen wiederum wurden in Präfekturen zusammengefaßt. Davon gab es in der Mitte des 4.Jhd. drei oder vier. So wurden z.B. die Diözesen, in die das heutige England, Frankreich, die Beneluxstaaten, die Provinzen am Rhein, der westliche Teil der Schweiz, Spanien und der Teil Marokkos, der an der Strasse von Gibraltar liegt, eingeteilt waren, zur praefectura Galliarum zusammengefaßt. An der Spitze einer Präfektur stand jeweils ein praefectus praetorio, ein Prätorianerpräfekt. Die Verwaltung, die Neugliederung des Territoriums und die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht 113 Dieser hatte seit dem Anfang des 4.Jhd. aber keine militärischen Aufgaben mehr, sondern ausschließlich zivile. Er war ein ziviler Amtsträger. Trotz dieser deutlichen Hierarchisierung kam es aber nicht zu einem System, das ganz klare Instanzenzüge kannte. Die Vertreter einer Stadt z.B. konnten sich weiterhin direkt an den Kaiser wenden. Sie mußten ihre Gesuche und Schreiben nicht beim Provinzstatthalter einreichen, damit dieser sie dann über den vicarius und den praefectus an den Kaiser weitergab. Der Kaiser wandelte die einzelnen Ämter am Hof, die reichsweit tätig waren, in eine eigentliche zentrale Verwaltung um. Damit war eine neue Ebene geschaffen. Ihre Vorsteher konnten über ihre Beamten, die überall im Reich stationiert waren, jederzeit eingreifen. So konnte z.B. der comes sacrarum largitionum, der unter anderem auch für die Münzprägung zuständig war, die verschiedenen Prägestätten im Reich zentral lenken. Im Unterschied zur hohen Kaiserzeit waren die Beamten in dieser zentralen Verwaltung, auch die unteren Chargen, freie römische Bürger. Auch die persönliche Dienerschaft, die unmittelbare Umgebung des Kaisers, wurde vermehrt. In ihr spielten jetzt Eunuchen eine wichtige Rolle. Es gab aber auch freie Bürger in ihr, wie die Leibärzte oder die Ruhebieter (silentarii), die während der Audienzen für Ruhe und Ordnung zu sorgen hatten. Auch das militärische Kommando wurde neu gestaltet. Zwei Heermeister waren ständig am Hof und begleiteten den Kaiser mit ihren Truppen. Diese bildeten den Kern der kaiserlichen Streitmacht. Es waren alles Truppen des Bewegungsheeres. Die anderen im Reich stationierten Truppenteile, auch die verbliebenen Teile des Bewegungsheeres, hingen von ihnen ab, soweit sie nicht regionalen Heermeistern unterstanden. Unter ihnen war der von Gallien einer der bedeutendsten. Die Vergrößerung der Zahl der Provinzen und die Schaffung neuer Verwaltungsebenen führten dazu, daß man immer mehr Amtsträger für die höheren Posten benötigte. Konstantin (306–337) entschloß sich, dafür vor allen Dingen Senatoren heranzuziehen. Weil der Senatorenstand nicht genug Mitglieder umfaßte, machte der Kaiser immer mehr Personen zu Senatoren. Dabei griff er auf Leute ritterlicher Her- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 114 kunft zurück. Der Ritterstand ging auf diese Weise bis zum Ende des 4.Jhd. n.Chr. ganz im Senatorenstand auf und verschwand. Der Senatorenstand vergrößerte sich dagegen. Zu ihm gehörten um die Mitte des 4.Jhd. etwa 2000 Senatoren im westlichen Teil des Reiches und etwa die gleiche Zahl im Reichsosten, die als Mittelpunkt den Senat in Konstantinopel hatten. Dadurch ging der Einfluß der traditionell bedeutenden Familien im Senatorenstand auch im Westen des Reiches zurück. Sie gerieten in die Minderheit. Im Senat in Konstantinopel gab es ohnehin kaum alte senatorische Familien. Es entstand so eine neue Führungsschicht. Der Aufstieg erfolgte jetzt weitgehend durch den Dienst beim Kaiser, früher war auch die Herkunft wichtig. Die Neugliederung der Verwaltung und der steigende Bedarf an Führungspersonal führten zur Bildung eigener ziviler Karrieren. In der Republik brachten die Ämter zivile und militärische Aufgaben mit sich. So war Caesar als consul 59 v.Chr. ausschließlich in Rom tätig und dann für mehrere Jahre als Feldherr (proconsul) in Gallien (58–50 v.Chr.) und in der Kaiserzeit wurden im Lauf einer Karriere abwechselnd zivile und militärische Ämter bekleidet. Jetzt dagegen konnte man auch ausschließlich zivile Karrieren machen. Beide Wege führten zu Stellungen, die ein gleich hohes soziales Prestige und gleichen politischen Einfluß zur Folge hatten. Eine zivile Laufbahn führte also nicht zu einer minderen Stellung. Diese Neuerung wurde nicht auf dem Reisbrett entworfen, sondern hatte sich schon vor der Zeit der Tetrarchie vorbereitet. So hatte der Kaiser Gallienus (253–268, ab 260 alleiniger Herrscher) den Senatoren das militärische Kommando entzogen, indem er sie nicht mehr an die Spitze von Legionen als Legionslegaten (legatus legionis) stellte, sondern dafür Ritter heranzog, die militärische Erfahrung hatten. Er griff dabei auf eine Entwicklung zurück, die sich schon seit Septimius Severus angebahnt hatte. Konstantin griff diese Entwicklung aus innenpolitischen Überlegungen auf und führte sie zu Ende. Durch die Trennung der Karrieren und damit der Kompetenzen wurde es deutlich schwieriger, sich gegen den Kaiser zu erheben. So war z.B. für die Verpflegung der Truppen der praefectus praetorio zuständig. Er war jetzt nicht mehr militärischer Kommandant, sondern der höchste zivile Beamte. Kein General konnte erfolgreich gegen den Kaiser putschen, Die Verwaltung, die Neugliederung des Territoriums und die Schaffung einer einheitlichen Führungsschicht 115 wenn der für ihn zuständige praefectus praetorio nicht zur Mitwirkung bereit war. So wurde z.B. der Usurpator Magnentius 350 von Titianus, dem Präfekten Galliens, bei seiner Usurpation gegen den Kaiser Constans unterstützt, was für das Gelingen der Erhebung entscheidend war. Die Trennung von ziviler und militärischer Laufbahn bedeutet eine Abkehr von einem sehr alten antiken Prinzip. In der Regel war man immer Politiker und militärischer Kommandant zugleich. Ein Konsul leitete die Politik und führte im Krieg das Heer. Jetzt war man entweder im zivilen oder militärischen Bereich tätig, und zwar für die gesamte Laufbahn. Personen mit ziviler Laufbahn können daher auch Kaiser werden oder als Usurpator nach der Herrschaft greifen. Man vgl. z.B. den Kaiser Anastasius (491–518). Er war vor seiner Erhebung zum Augustus silentiarius, Ruhebieter, ein hoher ziviler Beamter am Hof in Konstantinopel. Die silentiarii waren für die kaiserlichen Audienzen zuständig. Sie sorgten für Ruhe und Ordnung bei diesen und für deren geordneten Ablauf. Möglicherweise war Anastasius einer der drei Vorsteher der silentiarii (decurio silentiariorum). Ihre Nähe zum Kaiser machte die silentiarii einflußreich. Die zivilen Amtsträger trugen aber eine Art Uniform, die daran erinnerte, daß sich ihre Ämter aus Verwaltungsstellungen entwickelt hatten, die auch für das Militär zuständig waren wie z.B. die Prätorianerpräfekten (praefecti praetorio). Die neue Stellung des Christentums Die Anerkennung des Christentums durch Galerius als erlaubte Religion (religio licita) 311 n.Chr. im Edikt von Serdica und dann dessen Gleichstellung mit den heidnischen Kulten 312/313 durch Konstantin und Licinius im sogenannten Edikt von Mailand sowie die besondere Förderung, die es durch den ersteren erfuhr, führten zur Festigung und Ausbildung der kirchlichen Strukturen in jeder Beziehung. Die Gemeinden mußten nicht mehr im Verborgenen tätig sein, sondern konnten offen ihren Angelegenheiten nachgehen. Land kaufen und Bauten errichten war jetzt selbstverständlich. Sie konnten wie andere juristische Personen jetzt frei handeln. Der Kirchenbau wurde in grö- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 116 ßeren Gemeinden durch kaiserliche Stiftungen gefördert. Einige der großen Kirchen Roms wie S.Giovanni in Laterano und der Vorgängerbau der jetzigen Peterskirche entstanden als Stiftungen Konstantins. Er stiftete auch die Grabeskirche in Jerusalem. Hohe christliche Amtsträger eiferten ihm nach. Christ sein bedeutete keine soziale Benachteiligung mehr, sondern führte seit Konstantin mehr und mehr zu einer Bevorzugung, wenn man in den Dienst des Kaisers treten wollte. In den gestärkten christlichen Gemeinden wurde besonders das Amt des Bischofs sehr erstrebenswert. Ein Bischof war ein kleiner König und normalerweise niemandem Rechenschaft schuldig. In den größeren Gemeinden machten Prestige und Einfluß das Bischofsamt mehr als erstrebenswert. So zog, um eines der bekanntesten Beispiele zu nennen, Ambrosius 374 das Amt des Bischofs von Mailand einer weiteren Karriere im kaiserlichen Dienst vor. Ambrosius war Sohn eines praefectus praetorio Galliarum und hatte schon eine Karriere im kaiserlichen Dienst begonnen. Er war 370 Statthalter der Provinz Aemilia et Liguria geworden und hätte auf eine Fortsetzung seiner Laufbahn im kaiserlichen Dienst hoffen können. Mit der neu errungenen Stellung der Kirche wurde sie wichtiger als die heidnischen Kulte. Die Religion verlor dadurch ihre Bedeutung als staatliche Tätigkeit. Heidnische Priester der Kulte, die das Wohl der jeweiligen Gemeinde betrafen, waren staatliche Amtsträger. Der Kult der Vesta in Rom z.B. war ein staatlicher Kult. Um die Religion kümmerte sich nun die Kirche, nicht mehr der Staat. Sie bestimmte jetzt die Politik mit, denn das Gemeinwesen brauchte den Schutz eines Gottes. Herrschaft zu erlangen und zu bewahren ohne die Zustimmung der Kirche wurde im Verlauf des 4.Jhd. zu einer Unmöglichkeit. Iulians (361–363) Zuwendung zum Heidentum war nur ein kurzes Zwischenspiel und stärkte seine Herrschaft nicht. Weil das Christentum für sich beanspruchte, allein über die Wahrheit zu verfügen und nur die Verehrung seines Gottes zuließ, ließ es sich nicht als eine weitere Religion in den Kreis der heidnischen Götter einreihen. Es konnte deren Verehrung auf die Dauer nicht tolerieren. Selbstverständlich dauerte dieser Prozeß lange. Er wurde niemals völlig abgeschlossen. Heidnische Formen der Gottesverehrung überlebten oder wurden integriert. Die neue Stellung des Christentums 117 Einfluß konnte das Christentum stärker als jede heidnische Religion auch deshalb ausüben, weil es in Gemeinden organisiert war und mit der Predigt über ein Instrument verfügte, um bis in die untersten sozialen Schichten die Meinungen zu steuern. So erklärte z.B. der Kirchenvater Augustinus, damals Bischof von Hippo Regius, einer Küstenstadt im östlichen Algerien, dem heutigen Annaba bzw. Bône während der französischen Herrschaft, nach 410 die Einnahme Roms durch die Goten Alarichs und die mit ihr verbundenen Probleme seinen Zuhörern. Kein heidnischer Kult bot diese Möglichkeit. Die Aufführung etwa von Theaterstücken etc. bei einzelnen Festen ist mit den Möglichkeiten der Predigt nicht vergleichbar. Die Wahrnehmung des Staates durch die Reichsbewohner Steuerlast und Rekrutenstellung, die Teil der Steuern waren, sowie die Einfälle der Barbaren und der Sassaniden im Osten waren die Phänomene, die auch die Schichten unterhalb der städtischen Eliten den Staat besonders fühlen ließen. Steuerlast und Rekrutenstellung betrafen alle, die Einfälle der Barbaren und der Sassaniden vor allem die Gebiete in Grenznähe. In der Spätantike war die Steuereinziehung und die Stellung von Rekruten gegenüber der Kaiserzeit reichsweit geregelt. Damit war der Staat stärker präsent als jemals vorher. Vor der Spätantike spürten ihn vor allen Dingen die Gebiete, in denen die militärischen Einheiten stationiert waren und Kämpfe stattfanden. Die geschuldeten Steuerbeträge wurden rücksichtslos eingetrieben, und man schreckte auch nicht davor zurück, mit gewaltsamen Mitteln die Leute zur Zahlung der Steuern zu zwingen. So griff man zur Peitsche, wenn jemand nicht zahlen wollte. Die geforderten Rekruten mußten nicht nur für kurze Zeit dienen wie in modernen Wehrpflichtarmeen, sondern wurden zwangsweise Berufssoldaten. Die Bedeutung der Barbareneinfälle und die Einfälle der Sassaniden verringerte sich zu Beginn der Spätantike, nachdem die Armee verstärkt worden war und Diokletian und seine Amtskollegen erfolgreich die Grenzen gesichert hatten. Sie wurden aber in der zweiten Hälfte des 4.Jhd. immer bedrängender und für weite Teile der Bevölke- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 118 rung vor allem in Gallien und im Donauraum, aber auch im Reichsosten an der Grenze gegen die Sassaniden spürbar. Im 5.Jhd. wurden auch andere Reichsteile wie Nordafrika, Italien und der Balkanraum von ihnen betroffen. Teilhabe der Reichsbewohner an der Politik und Gehorsamsverweigerung Die Möglichkeiten der Bevölkerung, die nicht zu den Führungsschichten, d.h. den Senatoren und der städtischen Oberschicht, gehörten, zu politischer Teilhabe waren in der Spätantike noch begrenzter als in der Kaiserzeit, auch auf lokaler Ebene. Hier war es die städtische Bevölkerung, für die noch immer das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung galt, wenn auch die Macht der übergeordneten Instanzen zu deren Rückbildung führte. Die städtische Bevölkerung konnte aber z.B. zur Tätigkeit der Provinzstatthalter Stellung nehmen und diese durch rhythmisierte Zurufe (acclamationes) loben oder tadeln, was nicht unbedingt folgenlos für diese blieb. Zur Höhe der Steuerlast und zum Umfang der Rekrutenstellung hatte die normale Bevölkerung, aber auch die städtische Oberschicht nichts zu sagen. Man konnte nur versuchen, den Belastungen auszuweichen oder bei einer Usurpation sich dem neuen Herrscher anzuschließen. Dies war besonders für die städtischen Oberschichten eine Option, wenn auch eine gefährliche, wenn der bevorzugte Machtträger, der Kaiser oder der Usurpator, scheiterte. Man mußte mit der Rache des Siegers rechnen, wenn eine Entscheidung gegen ihn von Bedeutung für ihn war. So ließ Iulian z.B. in Aquileia, das sich 361 auf die Seite Constantius’ II. gestellt hatte und seine Usurpation nicht mehr unterstützte, nicht nur den Anführer der Einheit, die von ihm abgefallen war, einen Mann namens Nigrinus, bei lebendigem Leib verbrennen, sondern auch zwei Angehörige der städtischen Oberschicht mit dem Schwert hinrichten. Der reichsweit tätige Senatorenstand verfügte über mehr Druckmittel, ging bei einer falschen Entscheidung bei einer inneren Auseinandersetzung aber keine geringeren Risiken ein. Teilhabe der Reichsbewohner an der Politik und Gehorsamsverweigerung 119 Der Mehrkaiserherrschaft wegen konnten die Reaktionen des Volkes jetzt an mehr Orten auch für Probleme des Reiches Bedeutung erlangen. Dabei waren die kaiserlichen Residenzstädte von besonderer Bedeutung. Wurde im Westen des Reiches in Mailand, Rom, Ravenna oder Trier protestiert, war nicht selten die Stellung des Kaisers davon betroffen. Im Jahre 386 z.B. setzte der Bischof Ambrosius durch, daß Valentinian II. eine Verfügung zurückziehen mußte, die den arianischen Gottesdienst in Mailand gestattete und eine der Kirchen den Arianern zugestehen wollte. Ambrosius hatte dazu das Volk mobilisiert und die Truppen, die Valentinian II. einsetzen wollte, verweigerten ihm den Gehorsam. Im Osten konnte das Volk besonders in Konstantinopel Einfluß auf die Politik nehmen. Dort hielt sich der Kaiser vorwiegend auf. Es konnte etwa im Hippodrom, dem Zirkus, der unmittelbar an den Palast grenzte, Forderungen stellen. So verlangte es nach dem Tod Zenons 491 von Ariadne, der Witwe Zenons, die Ablösung des praefectus urbi, und setzte sie auch durch. Um den Forderungen des Volkes bei Bedarf sich auch erfolgreich widersetzen zu können, war der Palast in Konstantinopel zu einer Art Festung ausgebaut, und der Kaiser konnte sich im Notfall von seiner Loge im Zirkus direkt in den Palast zurückziehen, wenn die Situation zu gefährlich wurde. Der Zugang zum Palast war nur mit Belagerungsmaschinen aufzubrechen, die dem Volk nicht zur Verfügung standen. Berühmt ist der Aufstand der Bevölkerung von Konstantinopel im Hippodrom gegen Iustinian, vom Januar 532, der sogenannte Nika- Aufstand, der dessen Herrschaft ernsthaft in Frage stellte. Man erhob als Gegenkaiser den General Hypatius, der ein Neffe des 518 verstorbenen Kaisers Anastasius war. Hypatius war allerdings nur etwa eine Woche an der Macht und gelangte nie in den Besitz des Palastes. Justinian ließ den Aufstand niederschlagen. Aber nicht nur in den Residenzstädten, wo sich der Kaiser häufig aufhielt, sondern auch in anderen größeren Zentren konnten Unruhen reichsweite Bedeutung erlangen. So forderten in Alexandria die Bewohner den Usurpator Maximus, der im Westen des Reiches regierte, bei Demonstrationen öffentlich auf, nach Ägypten zu kommen, als während antiheidnischer Maßnahmen des Kaisers Theodosius, der damals im Osten regierte, 385/86 Unruhen entstanden, und suchten da- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 120 durch dessen Stellung zu schwächen. Man kündigte ihm in gewisser Weise den Gehorsam auf. Vergleichbares ereignete sich in Antiochia 387. Theodosius reagierte auf Unruhen in Antiochia, die im Februar dieses Jahres ausbrachen und zum Sturz seiner Statuen führten, sehr ungehalten. Er faßte diese Ereignisse zu Recht als Bedrohung seiner Herrschaft auf. Sie waren ein Signal, daß Gegner des Kaisers gute Chancen für die Gewinnung eines wichtigen städtischen Territoriums hatten. Der Kaiser machte in solchen Situationen die städtische Oberschicht dafür verantwortlich, daß die Loyalität ihm gegenüber gewahrt blieb. So wurden in Antiochia von Theodosius die Kurialen für die Unruhen verantwortlich gemacht. Proteste und Unruhen, die sich gegen den Kaiser richteten, waren Zeichen der Gefährdung seiner Stellung und endeten nicht selten in der Unterstützung eines Staatsstreiches. Die Loyalität der freien Bewohner des Reiches insgesamt, ihre Zustimmung zur Monarchie, blieb aber auch in der Spätantike bestehen und wurde wie in der Kaiserzeit gefördert. Separatistische Tendenzen in begrenztem Umfang entwickelten sich erst, als im 5.Jhd. die Barbaren vom weströmischen Reich nicht mehr hinreichend abgewehrt werden konnten und im östlichen Reichsteil sich große Spannungen aus dogmatischen Gründen zwischen Konstantinopel und Alexandria entwickelten. Sie werden zum Teil dafür verantwortlich gemacht, daß dem Vordringen des Islam im 7.Jhd. wenig Widerstand entgegengesetzt wurde. Die Usurpation in der Spätantike Mit der Mehrkaiserherrschaft bot sich für einen Usurpator in der Spätantike die Möglichkeit, sich in einem Teilgebiet des Reiches erheben zu lassen und dann eine Legitimation zu suchen, die der eines Kaisers entsprach. Er mußte dazu die Anerkennung seiner Stellung durch seinen oder seine Kollegen im Amt finden, die auf diese Weise seine Rebellion nachträglich legitimieren konnten, und damit die Urheber, auctores, seiner Stellung wurden. In der Kaiserzeit war dies unmöglich. Hier blieb nur die Legitimation durch den militärischen Sieg und die Die Usurpation in der Spätantike 121 nachträgliche Zustimmung (consensus) der entscheidenden Gruppen, nämlich der Armee, des Senates und der plebs urbana. Im Fall einer dauerhaften Anerkennung durch seine Amtskollegen war seine Herrschaft gesichert, und er galt nicht mehr als Usurpator. Im Rahmen der Mehrkaiserherrschaft bedeutete daher usurpieren nicht mehr notwendigerweise, die Herrschaft im gesamten Reich von Anfang an anzustreben, an die Stelle eines regierenden Kaisers zu treten, ihn aus seiner Stellung zu entfernen, sondern erst einmal Teilhabe an der Herrschaft zu suchen, die Herrschaft in einem Teilgebiet ohne vorherige Zustimmung dessen, der über sie verfügt, zu übernehmen und dann reichsweit als Kollege anerkannt zu werden. Diese Form der Usurpation wird die Regel. Sie eröffnete für einen Prätendenten und für die im Amt befindlichen Kaiser eine politische Lösung. Diese Möglichkeit unterscheidet die Spätantike wesentlich von der voraufgehenden Zeit. Sie wurde fast immer gesucht, auch wenn sie fast nie zum Erfolg führte. Der Versuch, gleich die Herrschaft im gesamten Reich zu übernehmen, wird zur Ausnahme. Eindeutig nachzuweisen ist ein solcher Versuch nur für Procopius, der sich im Herbst 365 gegen Valens in Konstantinopel erhob, als sich dieser auf dem Marsch nach Antiochia befand. Procopius bemühte sich niemals um eine Anerkennung durch Valentinian I., der im Westen des Reiches Kaiser war. Eine gutes Beispiel für ein erfolgreiches Bemühen um Anerkennung, auch wenn sie nur vorübergehend war, bildet die Usurpation, die Magnus Maximus durchführte. Er stürzte 383 Gratian, den Augustus im Westen des Reiches, und konnte das Gebiet der gallischen Präfektur unter seine Herrschaft bringen. Die Herrschaft in Italien blieb ihm verwehrt, weil dort der nominelle Augustus Valentinian II. sofort die Regierung nach Gratians Sturz übernommen hatte. Anfang 384 anerkannte Theodosius, der Augustus im Osten, Magnus Maximus als Kollegen im Amt. Die Anerkennung währte bis zum Frühjahr 387. Damals bemächtigte sich Magnus Maximus Italiens. Valentinian II. floh in den Osten zu Theodosius. Magnus Maximus verlor Theodosius’ Anerkennung. Es kam zum Krieg zwischen beiden, den Magnus Maximus verlor. Er wurde im August 388 in Aquileia getötet. Konstantin gelang es dagegen, sich auf Dauer durchzusetzen, obwohl er durch eine Usurpation an die Macht gekommen war. Er wurde nach dem Tod seines Vaters Constantius Chlorus am 25. Juli 306 in VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 122 York von den Truppen zum Kaiser (Augustus) erhoben, ohne das Vorschlagsrecht des Oberkaisers (Augustus) Galerius beachtet zu haben. Er wurde dann vom diesem aber anerkannt, allerdings nur als Caesar (Unterkaiser). Selbstverständlich suchten Usurpatoren generell die Anerkennung durch den Kollegen vorzutäuschen. Sie erwähnten ihn z.B. in Inschriften neben sich, um vor der Bevölkerung zu verschleiern, daß sie keine Anerkennung fanden. Erst wenn allen bewußt wurde, daß ihr Herrscher von seinem Kollegen als Usurpator betrachtet wurde, zeigte sich, wie weit er wirklichen Rückhalt hatte. In der historischen Bewertung durch die öffentliche Meinung und die Geschichtsschreibung in der Spätantike herrscht selbstverständlich die Auffassung des Siegers vor. So wurde Magnus Maximus eindeutig als Usurpator bewertet. Er wurde 388 von Theodosius besiegt. Es gibt aber häufig Hinweise auf eine Überlieferung, die den Usurpator nicht nur verdammte. Iulian, der durch eine Usurpation zur Stellung eines Augustus gelangte und überlebte, weil Constantius II., sein Gegner, vor der entscheidenden militärischen Auseinandersetzung verstarb, galt in der christlichen Überlieferung weiterhin als Usurpator. So etwa bei dem Kirchenhistoriker Theodoret, bei Gregor von Nazianz und Orosius. Diese Kategorie wird aber von Orosius (um 385–um 418) in seiner Weltgeschichte nicht für christliche Kaiser entwickelt, denn Konstantins Übernahme der Herrschaft am 28.7.306 wird nicht als Usurpation geschildert, obwohl sie auch nach den Kriterien der Zeit als solche bis zu dem Augenblick zu gelten hat, als Galerius Konstantin im Spätsommer oder Herbst 306 wenigstens als Caesar (Unterkaiser) anerkannte. Wie schon in der Kaiserzeit richten sich Usurpationen auch in der Spätantike nicht gegen das Kaisertum an sich. Die Usurpatoren versuchen niemals nach der Übernahme des Kaisertums, dessen Charakter zu verändern oder sich eine neue Institution als Grundlage ihrer Herrschaft zu schaffen. Der Usurpator möchte Kaiser werden und bleiben. Sie trachteten auch nicht nach einer anderen Legitimation als der Kaiser, sondern suchten die, die durch die Anerkennung des Amtskollegen ihnen zuteil werden konnte. Das Ziel des Staatsstreiches in der röm. Kaiserzeit und auch der Spätantike, Kaiser zu werden, bildet einen wesentlichen Unterschied zu den Usurpationen in der späten Republik. In ihr mußten Regelun- Die Usurpation in der Spätantike 123 gen, die für Übernahme und Bekleidung der für die Herrschaft als entscheidend betrachteten Magistratur vorgesehen waren, mißachtet werden, und es mußte eine außerordentliche Amtsstellung geschaffen werden, um die so übernommene Herrschaft auf Dauer zu sichern. Usurpationen in der röm. Kaiserzeit wie in der Spätantike erstreben nie grundlegende Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur oder eine weitgehende personelle Umgestaltung der politischen Elite. Proskriptionen oder Verwandtes, die dazu dienten, waren der Kaiserzeit und der Spätantike fremd. Diese Ausgangslage bewirkte, daß die Usurpationen in der römischen Kaiserzeit und in der Spätantike sich grundlegend von denen in der späten Republik, aber auch von denen in vielen anderen Epochen der Geschichte, so besonders auch von denen in der Gegenwart, unterscheiden. Sie streben nicht die regelwidrige Besetzung eines Amtes an, suchen nicht die Schaffung eines neuen und gehen nicht auf eine strukturelle oder personelle Umgestaltung der politisch führenden Schicht aus. Die Usurpation in der Form, wie sie in der röm. Kaiserzeit und in der Spätantike auftrat, bot die Möglichkeit, persönliche- oder Gruppeninteressen durchzusetzen, die sonst nicht erreichbar waren, weil der Kaiser oder die ihn beherrschenden Personen es nicht wollten und ein Herrschaftswechsel nicht möglich war. Die Usurpatoren erstrebten einen Wechsel in der Führung und des engsten Kreises um den Kaiser. Die damit verbundenen politischen Zielvorstellungen hatten niemals den Charakter moderner politischer Utopien und Visionen wie etwa Gleichheit oder Freiheit oder wirtschaftliche Entwicklung. Kein Usurpator strebte institutionelle oder gesellschaftliche Veränderungen an. Alle handelten im Rahmen der vorgegebenen Institutionen und der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Eine Änderung der Politik war auf andere Weise als durch den Staatsstreich gegen den Willen eines starken Kaisers nicht zu erzwingen. Bei schwachen machte man kaum Usurpationen, sondern ging anders vor. Man versuchte Personen aus seinem Umfeld zu beeinflussen, die guten Zugang zu ihm hatten und ihn zu lenken vermochten. Eine wichtige Rolle dabei spielte der jeweilige Oberkämmerer (praepositus sacri cubiculi). Sie wurden auch immer wieder als Einflüsterer verdächtigt und kritisiert. VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 124 Bei den Gründen, die die Herrschaft eines Kaisers gefährden konnten, sollen die zur Sprache kommen, die besonders für die Spätantike gelten, und weniger solche, die auch für andere Zeiten mit monarchischer Herrschaftslegitimation von Bedeutung sind. So ist es für einen Monarchen immer gefährlich, die Interessen einflußreicher Gruppen zu wenig zu berücksichtigen, so etwa bei der Vergabe von Posten. Hier konnte ein Sturz des Herrschers Abhilfe schaffen. Oft sind daher gerade Kaiser mit starker Persönlichkeit Opfer von Usurpationen, während ein sehr schwacher Kaiser wie z.B. Honorius (395–423) genug Raum für Machtkämpfe unter den einzelnen Gruppen ließ und daher nicht gestürzt wurde. So wurde der mächtige General Stilicho, der am Anfang von Honoris' Herrschaft die Politik im westlichen Reichsteil bestimmte, von Olympius, dem späteren magister officiorum, einem zivilen Amtsträger, entmachtet. Er ließ ihn hinrichten. Außer Betracht bleiben soll z.B. auch, daß man aus persönlichem Machtstreben gegen einen Herrscher aufbegehren konnte. Der Entschluß, einen Kaiser aus dem Amt zu drängen, brauchte aber mindestens einen guten Vorwand, d.h. ein Problem, das als solches von wichtigen Gruppen empfunden wurde. In der Spätantike waren es besonders die Steuerbelastung, die mangelnde Sicherheit vor den Einfällen äußerer Feinde, die Rekrutenstellung und religiöse Auseinandersetzungen, die zu Unruhen oder schließlich zu Usurpationen führen konnten. Daneben gab es andere Probleme, die aber auf der Ebene des Reiches weniger wichtig waren. Auch Versorgungsprobleme hatten vor allen Dingen lokale Bedeutung. Sie betrafen in der Regel immer nur einzelne Gebiete. Es ging dabei meistens um Getreide- und Weinpreise. So gab es in Rom bisweilen Proteste der Getreide- und Weinpreise wegen, die sich aber gegen den Stadtpräfekten richteten und recht gewaltsamen Charakter hatten. So zündete man schon mal dessen Stadtvilla oder dessen Amtssitz an. Die großen reichsweiten Probleme betrafen die einzelnen sozialen Schichten in unterschiedlichem Ausmaß. Für alle war die Steuerbelastung von entscheidender Bedeutung. Sie lastete auf der normalen Bevölkerung, aber auch auf den Kurialen, den Mitgliedern der städtischen Oberschicht, die einen großen Teil der Verantwortung für die Einziehung der Steuern trugen und mit ihrem Vermögen hafteten. Der Die Usurpation in der Spätantike 125 Senatorenstand suchte sich um die Steuern zu drücken, obwohl er privilegiert war. Die Steuerlast galt als ein Grundübel des spätantiken Staates, und jeder, der nach der Herrschaft strebte, suchte sich als weniger streng bei der Eintreibung zu zeigen und sie zu reduzieren. Als z.B. Iulian 355–60 in Gallien Caesar (Unterkaiser) war, suchte er die zusätzlichen Steuern, die der Präfekt Galliens (praefectus praetorio Galliarum) im Auftrag des Augustus (Oberkaiser) Constantius II. eintreiben wollte, zu reduzieren, um sich größeren Anhang unter der Zivilbevölkerung zu schaffen. Dabei ging es ihm besonders um die Landbesitzer. Die große Steuerlast war besonders eine Folge der Verstärkung des Heeres, die Diokletian begonnen hatte, um die Einfälle der Barbaren an Rhein und Donau abzuwehren. Zu der Bedrohung durch die Barbaren kam die andauernde Feindschaft mit dem Reich der Sassaniden im Osten, die große Teile der Armee band. Die Abwehrkämpfe an anderen Abschnitten der Reichsgrenzen waren weniger bedeutend. Viel kostete auch die Vergrößerung der Verwaltung, um die Steuern effektiver einzuziehen. Dies war eine ihrer Hauptaufgaben, aber sie hatte auch sonst die Tendenz, sich zu vergrößern. Dazu kam durch die gestiegene Repräsentation der Kaiser der größere Aufwand für den Hof. So soll der Kaiser Iulian, der der übertriebenen Selbstdarstellung und dem höfischen Prunk abgeneigt war, die zahlreichen Frisöre und Köche seines Vorgängers davongejagt haben, als ihm bewußt wurde, wie viel sie kosteten. Die für das Heer eingezogenen Summen führten dazu, daß die territoriale Integrität des Reiches nach 284 erst einmal wiederhergestellt wurde, aber der Druck der Barbaren hielt an. Die Einfälle der Barbaren waren im 4.Jhd. vorwiegend Raubzüge, die die grenznahen Gebiete beunruhigten. Gegen Ende des Jahrhunderts führten diese Einfälle zu ersten Ansiedlungen geschlossener barbarischer Gruppen auf römischem Boden. Dabei sticht besonders die Ansiedlung der Goten südlich der unteren Donau nach der Schlacht bei Adrianopel (Edirne) 378 hervor. Sie unterstanden als erste barbarische Gruppe nicht mehr der römischen Verwaltung, obwohl sie auf röm. Gebiet siedelten. Dieser Prozeß der Ansiedlung auf römischem Boden verstärkte sich im 5.Jhd. und führte besonders im Westen des Reiches zur Bildung barbarisch beherrschter Territorien auf römi- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 126 schem Boden. Er hatte den Niedergang des westlichen Reichsteiles zur Folge. Die Vergrößerung des Heeres geschah zu einem Teil durch Anwerbung unter den Barbaren. Die aus ihnen gebildeten Einheiten wurden immer mehr zu den Eliteeinheiten des Heeres. Ihre Aufstellung war teuer. Dazu hob man unter der Reichsbevölkerung Soldaten aus. Sie mußten von Dorfgemeinschaften oder Grundherrn anteilmäßig zum Vermögen gestellt werden. Dies gehörte zu den steuerlichen Leistungen. Die Aushebung betraf jetzt vor allem die sozial Schwächeren und häufig wurden dabei auch ungeeignete Leute geschickt, die man loswerden wollte, oder man zahlte einen Betrag, um sich von der Stellung von Rekruten freizukaufen, was besonders die Grundherren vorzogen. Auf politischer Ebene wurde dabei um den Betrag gefeilscht, der zu zahlen war. Die eingezogenen Reichsbewohner dienten wie Berufssoldaten. Sie verbrachten ihr Leben im Militär. Die Entwaffnung der Bevölkerung war die Folge dieser Entwicklung. Die Einfälle der Barbaren seit dem Ende des 4.Jhd. führten dann allerdings dazu, daß man den Provinzialen den Besitz von Waffen zur Selbstverteidigung gegen die Barbaren zugestand. Religiöse Auseinandersetzungen von politisch entscheidender Bedeutung fanden unter verschiedenen Richtungen des Christentums statt. Sie waren mit Unruhen und Demonstrationen verbunden und konnten den Gehorsam gegenüber dem Herrscher erheblich beeinträchtigen. An den religiösen Auseinandersetzungen war auch das Volk unterhalb der städtischen Oberschicht in starkem Maß beteiligt. Die Kirche übte auf die unteren Bevölkerungsschichten einen sehr großen Einfluß aus. Sie konnte mittels der Predigt die Meinung der Mitglieder der jeweiligen Gemeinde stark beeinflussen. Dabei vermochte sie die öffentliche Ordnung zu stabilisieren, konnte den regierenden Herrscher unterstützen oder die Christen zu Unruhen anstiften. Einen solchen Einfluß auszuüben war den heidnischen Religionen nicht möglich, weil sie keine straff organisierten Gemeinden hatten und die Predigt nicht kannten. Man versammelte sich zum Kult, war aber sonst nicht gebunden und gepredigt wurde nicht. Auch Kulten wie dem des Gottes Mithras, dessen Anhänger etwas straffer organisiert waren, war die Pre- Die Usurpation in der Spätantike 127 digt unbekannt, und der Einfluß auf die Mitglieder war viel begrenzter als in den christlichen Gemeinden. Im 4.Jhd. spielte der Streit zwischen Arianern und Athanasianern über die Dreifaltigkeit eine Rolle. Ist Christus Gottvater wesensgleich, wie Athanasius’ Anhänger lehrten, oder nur wesensähnlich, wie Arius lehrte? In diesem Fall tritt er z.B. erst nach seiner Geburt an die Seite Gottes und ist nicht schon vor aller Zeit dort. Dieser Streit fand nicht nur unter Theologen statt, sondern führte zu Unruhen und gewaltsamen Auseinandersetzungen, besonders im Osten des Reiches in Alexandria, aber auch in kleinen Gemeinden. So stritt man sich lautstark und gewalttätig um das Jota, das im Griechischen die Begriffe wesensgleich und wesensähnlich unterscheidet. Diesen Streit konnte man auch politisch nutzen. So suchte Iulian schon während der Vorbereitungen zu seiner Usurpation, die er 360 in Gallien durchführte, den Kontakt zu den Bischöfen Galliens, um sich ihrer Unterstützung zu versichern. Er wollte sich von den Truppen ohne Constantius’II. Einwilligung zum Augustus erheben lassen, was als Staatsstreich zu bewerten ist. Dessen Einflußmöglichkeiten auf Iulians Amtsführung wurden nämlich auf diese Weise begrenzt. Die Bischöfe in Gallien waren der arianischen Richtung des Christentums, die der Augustus (Oberkaiser) Constantius II. vertrat, feindlich gesinnt und bildeten für Iulian eine willkommene Unterstützung. Sie konnten die Meinung der Zivilbevölkerung lenken und verhindern, daß es zu Demonstrationen gegen Iulian kam, wenn er sich zum Augustus erheben ließ. Vom 5.Jhd. an war die Auseinandersetzung zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und dem von Alexandrien über die Natur Christi von besonderer Bedeutung. Inwieweit war Christus auch Mensch? Dieser Gegensatz begünstigte letztlich das Vordringen der Araber in Ägypten. So war man von der theologischen Bevormundung durch Konstantinopel frei. Dieser Streit gefährdete auch die Stellung des Kaisers Anastasius (491–518), der den Monophysiten, für die vereinfacht gesagt, Christus nur eine göttliche Natur hatte, innerlich anhing und sie begünstigte, obwohl er bei seinem Regierungsantritt geschworen hatte, orthodox zu sein. Als er 511 in Konstantinopel den monophysitisch orientierten Priester Timotheus als Patriarchen einsetzte, kam es zu Unruhen im VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 128 Volk und zum Ruf nach einem neuen Kaiser. Die Erhebung eines solchen mißlang aber. Anastasius gelang es schließlich, das im Hippodrom versammelte Volk durch demütige Gesten auf seine Seite zu ziehen und seine Herrschaft zu retten. Der Gegensatz zwischen Christen und Heiden spielte während der Auseinandersetzungen zwischen Konstantin und seinen Widersachern zwischen 311/12 und 324 eine Rolle, während derer sich Konstantin als Verteidiger der Christen darstellte. Für uns sichtbare politische Vorteile für Konstantin hatte dieses Engagement nicht, selbstverständlich aber für die Christen. Ein zweites Mal wurde dieser Gegensatz für Iulian bedeutsam, der sich nach der Übernahme der Herrschaft als Augustus (Oberkaiser) Ende 361, als Constantius II. überraschend gestorben war, offen zum Heidentum bekannte und damit seine politische Stellung schwächte. Dies wird etwa in einer Reihe von Anschlägen auf ihn erkennbar. Ob Eugenius' Usurpation 392 auch einen religiösen Hintergrund hatte, d.h. auf die Wiederherstellung des Heidentums abzielte, ist umstritten. Seine christlichen Widersacher stellten es so dar. Trotz der verfeinerten institutionellen Durchbildung des spätantiken Staates, der für die Reichsbewohner stärker spürbar war als seine Vorgänger, entstanden im Laufe des 4.Jhd. Zwischengewalten, die seinem Anspruch eigene entgegensetzten. So entwickelte die Kirche einzelne Strukturen, die neben die staatlichen traten wie die audientia episcopalis oder die Freilassung im Rahmen der Kirche. So konnte man Prozesse vor einem kirchlichen Gericht führen, auch wenn sie keine kirchlichen Probleme betrafen und nicht beide Parteien Christen waren. Ebenso konnte man jetzt auch Sklaven vor der Gemeinde freilassen. In der Regel geschah das bisher durch eine testamentarische Verfügung, eine Erklärung vor dem zuständigen Beamten oder eine einfache Erklärung vor Zeugen, etwa Freunden oder Teilnehmern eines Gastmahls. An ihre Stelle konnte jetzt auch die christliche Gemeinde treten. Die Grundherren entzogen immer mehr die Bauern, die von ihnen abhängig waren, der Verfügungsgewalt des Staates. Sie wurden so zu Herren des Territoriums, das sie besaßen, und seiner Bewohner. Dafür schützten sie die Bauern vor den Ansprüchen des Staates. Diese Ab- Die Usurpation in der Spätantike 129 hängigkeit der Bauern blieb bis weit in die Neuzeit bestehen, wenn auch mit anderem Namen und anderen Regelungen im einzelnen. Im Heerwesen verschwanden hierarchische Kommandostrukturen. Die Truppen der Barbaren, die mit Rom verbündet waren, die sogenanntem Foederaten, die immer mehr die römischen Truppen ersetzten, unterstanden eigenen Führern, die zwar oft noch römische Titel trugen, aber nicht Teil der röm. Militärorganisation waren und so nicht mehr in eine Kommandostruktur eingeordnet waren, Dieser Zustand blieb bis zur Entwicklung eigener Heere viele Jahrhunderte später, als die Monarchien eigene staatliche Kommandostrukturen aufbauten. Ausblick Das röm. Reich in seiner spätantiken Form, wozu auch die Kirche als neue mächtige und einflußreiche Institution gehörte, war der Ausgangspunkt für die weitere historische Entwicklung auf seinem Gebiet und zum Teil in angrenzenden Gebieten, so z.B. in Deutschland östlich des Rheines. Sie schließt in unterschiedlicher Weise und zu unterschiedlichen Zeiten an die spätantiken Zustände an. Die Spätantike hörte nämlich in den verschiedenen Teilen des Reiches nicht zur gleichen Zeit auf. Um den jeweiligen Zeitpunkt zu bestimmen, nimmt man am besten den Zeitpunkt, zu dem der röm. Staat in einem bestimmten Gebiet nicht mehr als solcher präsent ist, Verwaltung und Militär also nicht mehr einer der kaiserlichen Zentralen unterstehen. Das schloß nicht aus, daß die Verwaltung und die militärische Organisation weiter funktionierten, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Fortdauer von Kultur und Zivilisation, Religion sowie z.B. von Traditionen in der Verwaltungsorganisation folgt daher anderen zeitlichen Vorgaben. In England ist der röm. Staat seit dem Beginn des 5.Jhd. nicht mehr präsent. Für den westlichen Teil Nordafrikas gilt dies sicher kurz vor der Mitte des 5.Jhd., als das Königreich der Vandalen dort entstand, das von Rom vollständig unabhängig war. In Gallien ist dieser Prozeß nach der Mitte des 5.Jhd. abgeschlossen, als das Reich der Franken seine Eigenständigkeit gewann. Etwa gleichzeitig, aber auf je- VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 130 den Fall vor dem Ende des 5.Jhd. unterstanden Spanien und der Donauraum, soweit er zu Westrom gehörte, nicht mehr der röm. Zentrale. Im Westen gab es zwar seit 476 keinen röm. Kaiser mehr, nachdem Romulus Augustulus von Odoacer abgesetzt worden war, aber dieser und der ihm folgende Theoderich gaben vor, in Italien im Auftrag Ostroms zu regieren. Es gab also weiterhin eine Zentrale im weström. Reich. Die röm. Verwaltung funktionierte während dieser Zeit in alter Weise. Erst der Einfall der Langobarden 568 beendete auch in Italien die röm. Herrschaft. Es gab dort nur noch einige röm. Gebiete, die aber jetzt direkt von Konstantinopel abhingen. So das Gebiet um Ravenna oder um Rom. Im Osten dagegen dauerte das röm. Reich fort, wenn es auch in der Geschichtswissenschaft nun als das byzantinische bezeichnet wird. Es kam erst im 7.Jhd. durch die Araber in eine erste große Krise und verlor die Kontrolle über weite Gebiete im Osten und Süden, so über Syrien und Ägypten sowie über die Teile Nordafrikas, die es durch die Niederringung des Vandalenreiches wiedererobert hatte. Als das weströmische Reich zerfiel, wurde auch die Rechtfertigung seiner Herrschaft hinfällig. Die germanischen Staaten auf seinem Boden, die die völlige Selbständigkeit erreichten, übernahmen den Herrschaftsanspruch des Reiches. Gegenüber ihren Stammesangehörigen waren sie in der Regel als Stammeskönige (rex gentilis; reges gentiles pl.) ohnehin dazu berechtigt. Sie erwarteten Gehorsam auch von ihren röm. Untertanen. Auf keinen Fall wurde diesen ein Recht zur Teilhabe an der Herrschaft gegeben, soweit man sie nicht für Verwaltungsaufgaben und kirchliche Ämter benötigte. Dies galt besonders für die Oberschicht. Sie bekleidete hohe geistliche Ämter oder übernahm wichtige Aufgaben in der Verwaltung. Die germanischen Reiche auf weströmischem Boden hatten keine lange Dauer. Als einziges überlebte das Frankenreich. In ihm lebten die römischen Verwaltungsstrukturen und römische Vorstellungen zur Rechtfertigung von Herrschaft weiter, auch über das dunkle 7.Jhd. hinaus und prägen Europa bis heute. Die Geschichte des östlichen Teiles des römischen Reiches mit der Haupstadt Konstantinopel entwickelte sich in ganz anderer Weise. Hier lebte die Spätantike direkt weiter. Der dortige Kaiser fühlte sich als Kaiser der Römer. Erst mit dem Einfall der Türken nahm die weite- Ausblick 131 re Entwicklung des Gebietes dieses Reichsteiles eine ganz andere Wendung als die des westlichen Reichsteiles. VI. Die Spätantike. Die Ausgestaltung von Monarchie und Verwaltung 132

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References

Zusammenfassung

Herrschaft, in unserer Welt der Staat, bestimmt unser Leben in entscheidender Weise. Sie verlangt Zustimmung oder wenigstens Duldung und Gehorsam. Herrschaft wird vor allem dann spürbar, wenn wir den Forderungen, die sie stellt, und den Regeln, die sie setzt, nicht zustimmen können. Wir stellen aber dann fast immer nicht die jeweilige Form der Herrschaft oder die Art ihrer Ausübung in Frage, machen nicht sie verantwortlich für unsere Schwierigkeiten, versuchen nicht, sie zu verändern, sondern suchen einen Ausweg für ein konkretes Problem. Sind die Steuern oder Abgaben, die ein sehr wichtiges Element von Herrschaft sind, zu hoch, versuchen wir nicht, die Steuersätze oder gar das politische System zu ändern, sondern manche hinterziehen sie eher, wenn möglich.

Formen und Institutionen von Herrschaft und deren Rechtfertigung im politischen Alltag entwickeln sich in langen Zeiträumen. In Europa war monarchische Herrschaft bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 die Regel. Sie nahm ihren Anfang in Rom kurz vor Christi Geburt, und erstmals wurde zu ihr in der Verfassung der Vereinigten Staaten ein historisch bedeutsames Gegenmodell entwickelt.

Zustimmung und Gehorsam zu staatlichen Regelungen und Anweisungen werden in diesem Buch als Ergebnis historischer Entwicklungen dargestellt. Deren Verständnis ist wesentlich für jede politische Diskussion und Veränderung.