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5 Rechtsextremismus im Jugendalter in:

Mehmet Koc

Jugendextremismus als Herausforderung der Sozialen Arbeit, page 40 - 63

Eine vergleichende Analyse vom jugendlichen Rechtsextremismus und Islamismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4361-5, ISBN online: 978-3-8288-7316-2, https://doi.org/10.5771/9783828873162-40

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
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40 5 Rechtsextremismus im Jugendalter Bevor auf die Unterpunkte dieses Kapitels eingegangen wird, seien „rechtsextrem gefährdete und orientierte Jugendliche“ als Zielgruppe rechtsextremistischer Ansprachen - und somit auch der pädagogischen Praxis - definiert. Hierzu wird die Definition aus der Handreichung „"Du bist mir nicht egal!" Praxishilfen für die sozialpädagogische Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen“ herangezogen: „Rechtsextrem orientierte Jugendliche sind Personen, die erkennbar rechtsextreme Haltungen, also Orientierungen (zum Beispiel Einstellungen oder Mentalitäten) und/oder Aktivitäten an den Tag legen und/oder Teil rechtsextrem orientierter Cliquen, Szenen und Organisationen sind. Während sie von einer hohen Vorurteilsbereitschaft sowie der Ablehnung und dabei ggf. Abwertung gesellschaftlicher Minderheiten geprägt sind, spielen Gewaltakzeptanz und -bereitschaft bei ihnen zwar eine wichtige, aber nicht unbedingt durchgängig prägende und mit der Durchsetzung von politischen Überzeugungen funktional verbundene Rolle.“ (Kontaktstelle BIKnetz 2014: 16). Dass die Gewaltbereitschaft bei rechtsextremen Jugendlichen auch unabhängig von politischen Zielsetzungen vorliegt, haben zahlreiche rechtsextrem-motivierte Taten in den letzten Monaten unter Beweis gestellt. In Magdeburg hat – nach Angabe des Opfers – ein 23-Jähriger einen Geflüchteten zunächst ausländerfeindlich beleidigt und dann seine zwei Kampfhunde auf ihn losgelassen. Der verletzte Mann musste für die Behandlung in ein Krankenhaus.8 Bereits im Vormonat gab es einen ähnlichen Vorfall, bei der eine Gruppe von sechs Deutschen – darunter ein 21-jähriger Hauptverdächtiger – ihre Hunde auf zwei Eritreer gehetzt und im Anschluss geschlagen haben. Die Gruppe beleidigte die Opfer selbst bei Anwesenheit der Polizei mit „Scheiß Ausländer“ oder „Ihr seid keine Deutschen“.9 Aber auch bei den Übergriffen auf Geflüchteten-Unterkünfte ab 2014 zeigt sich eine enorm ansteigende Zahl an rechtsextremer Motivation. Allein im Jahr 2015 hat es über 20.000 sogenannter Hate-Crimes gegeben, die außerdem im Internet als Hate- Speech-Kampagnen weiter ausgebaut wurden. (vgl. Zick 2017: 18). Ein Mitglied in der rechtsextremistischen Terrororganisation „Oldschool Society“ war 24 Jahre alt und wirkte bei den Planungen mit, Anschläge 8 https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-05/magdeburg-syrer-rassismus-kampfhund-biss-fremdenfeindlichkeit, Zugriff am 15.05.2018. 9 https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Gruppe-hetzt- Hunde-auf-zwei-Afrikaner-,friedland548.html, Zugriff am 15.05.2018. 41 auf Unterkünfte von Asylbewerber_Innen zu verüben, um diese Menschen aus Deutschland zu vertreiben.10 Ein Mitglied einer weiteren rechtsextremistischen Terrororganisation „Gruppe Freital“ war zu den Tatzeiten der Gruppe im Jahr 2015 erst 18 Jahre alt und erhielt eine Jugendfreiheitsstrafe von vier Jahren. Der Haftbefehl wurde allerdings noch am selben Tag vom Gericht aufgehoben. Diese Gruppe führte insgesamt fünf Sprengstoffanschläge auf Geflüchteten-Unterkünfte und politische Gegnern in Freital und Dresden durch. Die Anführer der Gruppen waren 26 und 29 Jahre alt.11 Die rechtsextremistische Gruppe „Combat 18“ ist gegenwärtig sehr aktiv und wird sowohl mit dem Mord an den ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke, als auch mit aktuellen Bombendrohungen für Moscheen in Verbindung gebracht. Auf der Grundlage der obigen Definition von „rechtsextrem orientierten Jugendlichen“ und der Relevanz des Themas im Jugendalter werden nun die rechtsextreme Ideologie und ihre Dimensionen, die jugendkulturelle Ausprägung und ihr Unterhaltungswert als Erlebniswelt für Jugendliche und mögliche Hinwendungsmotive und Ursachen erforscht. Das Kapitel endet mit einer genderperspektivischen Betrachtungsweise auf das Phänomen des Rechtsextremismus im Jugendalter. 5.1 Dimensionen und ideologische Merkmale Wenn vom Rechtsextremismus gesprochen wird, lässt sich dies aus zweierlei Hinsicht tun. So wird das Phänomen Rechtsextremismus aus der Sicht staatlicher Institutionen anders erfasst, als aus der politikwissenschaftlichen Perspektive (vgl. Grumke 2017: 22). Die staatliche Perspektive ordnet Rechtsextremismus unter dem Begriff „politischer Extremismus“ ein. Darunter fallen Bestrebungen von Individuen oder Gruppierungen, die sich gegen den Verfassungsstaat richten und gegen seine Werte und Regeln aktiv vorgehen. Als Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung gelten Werte und Errungenschaften wie die Achtung der Menschenrechte, das Mehrparteienprinzip, die Volkssouveränität, die Gewaltenteilung, Chancengleichheit für politische Parteien, das Recht auf Bildung und Ausübung von Opposition sowie die Unabhängigkeit von Gerichten (vgl. ebenda: 23). Rechtsextremismus gilt aus dieser Sicht als eine Variante des politischen Extremismus, die auf die Beseitigung und Überwindung dieser Grundordnung abzielt. Die staatliche Sicht auf Rechtsextremismus 10 https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.rechtsextreme-oldschool-society mitglieder-muessen-mehrere-jahre-in-haft.ec0662c7-fa5d-4070-bed5d0ad55d5f58b.html, Zugriff am 15.05.2018. 11 https://www.mdr.de/sachsen/dresden/urteil-gruppe-freital-dresden- 100.html#sprung1, Zugriff am 15.05.2018. 42 nimmt eine Trennung zwischen „Rechtsradikalismus“ und „Rechtsextremismus“ vor. Radikale Auffassungen werden noch im Rahmen der Meinungsfreiheit des Grundgesetzes betrachtet und nicht von staatlichen Organen verfolgt (siehe auch 1.3). Der Verfassungsschutz – als staatliches Organ – hat zum Auftrag, in extremistische Bestrebungen verwickelte Personen und Gruppen zu beobachten (vgl. Grumke 2017: 23f.). Für diese Perspektive ist daher charakteristisch, dass aktiven extremen Handlungen eine größere Rolle zukommt, als den rechtsextremen Einstellungen in den „Köpfen der Menschen“. Interessanter für die Befassung mit Jugendextremismus als Herausforderung der Sozialen Arbeit scheint der politikwissenschaftliche Zugang zum Rechtsextremismus zu sein. Entgegen der staatlichen Perspektive wird hierbei Rechtsextremismus nicht als Randphänomen verstanden. Vielmehr wird sie als ein Phänomen betrachtet, „das vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft reicht und sowohl die Verhaltens- als auch die Einstellungsebene einschließt“ (ebenda: 24). Samuel Salzborn (2015) vertritt die Position, dass Rechtsextremismus als Sammelbezeichnung und „rechtsextrem“ oder „extrem rechts“ als Adjektive verwendet werden können. Das Adjektiv „rechtsextremistisch“ sei abzulehnen, weil es an das Konzept des staatlichen Verfassungsschutzes knüpfe, die sich nur auf die aktive Feindschaft gegenüber der freiheitlich demokratischen Grundordnung beschränkt und dabei „weltanschauliche Strukturen des Rechtsextremismus und ihre dynamischen Veränderungen“ (Salzborn 2015: 18) in der Gesellschaft ausblendet. Daher wird in den folgenden Ausführungen zu Rechtsextremismus im Jugendalter die Bezeichnung von rechtsextremen oder rechtsextrem orientierten Jugendlichen verwendet, um dieser Differenzierung gerecht zu werden. Diese Perspektive zeigt die zwei Dimensionen auf, wie Rechtsextremismus in der Gesellschaft und bei Jugendlichen vorliegen kann. Zum einen erfolgt es über die Verhaltensebene. Hierzu zählen vor allem das Wahlverhalten, die Mitgliedschaft in rechtsextremistischen Vereinen, die aktive Ausübung von Gewalt oder aber auch über öffentliche Proteste und Provokationen (vgl. ebenda: 25). Thomas Grumke betont, dass die zweite Dimension, die Einstellungsebene, häufig unbeachtet bleibt, obwohl es die Einstellungen sind, die einem späteren Verhalten als Motivationen zugrunde liegen (vgl. ebenda). Die Einstellungsebene umfasst die Verinnerlichung der rechtsextremen Ideologie. Zu der zählt er Autoritarismus, Nationalismus, ethnische/rassistische/sozioökonomische Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Pro-Nazismus (vgl. ebenda). Die in der „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, 43 Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus“ (Köttig 2011: 345) genannten Elemente decken sich mit den hier aufgeführten rechtsextremen Einstellungsmustern. Der (nationale) Chauvinismus geht dabei von der absoluten Überlegenheit der eigenen Nation aus. Der sozialdarwinistische Aspekt nimmt eine Unterscheidung zwischen „wertem und weniger wertem Leben“ (Küpper/Möller 2014: 17) von Menschen vor und geht von einer grundlegenden Ungleichwertigkeit der Menschen aus. Samuel Salzborn (2015) führt weitere Einstellungsfacetten zu der Dimension der Einstellungsebene an. Hierzu zählt er zusätzlich Sexismus, Antiamerikanismus, Militarismus, Antirationalismus, Geschichtsrevisionismus und Elitismus (vgl. Salzborn 2015: 21). Unter den genannten Einstellungsfacetten ist „Islamfeindlichkeit“ nicht explizit vorzufinden. Es scheint allerdings, dass der gegenwärtige Rechtsextremismus mit islamfeindlichen Kampagnen verstärkt auftritt und daher der „Islamfeindlichkeit“ als eine eigene Einstellungsfacette zum Rechtsextremismus gezählt werden sollte (vgl. Benz/Pfeiffer 2011: 11).12 Rechtsextremist_Innen müssen nicht alle Einstellungsfacetten erfüllen, um als solche benannt zu werden (vgl. Grumke 2017: 26). So beispielsweise würden viele Menschen mit rechtsextremem Gedankengut in Befragungen relativierenden Aussagen über die Vergehen des Nationalsozialismus nicht zustimmen, weil sie damit gegen ein zu großes gesellschaftliches Tabu vorgehen würden und dies nicht in Kauf nehmen wollen (vgl. Küpper/Möller 2014: 17). Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Rechtsextremismus kein Randphänomen ist und von den Einstellungsmustern her bis in die „Mitte“ der Gesellschaft reichen kann. Im Konsens zwischen der staatspolitischen und politikwissenschaftlichen Perspektive lassen sich für die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ (Grumke 2017: 26) somit folgende ideologischen Merkmale festhalten (vgl. ebenda: 26f.): Aufgrund der Vorstellung einer rassischen bzw. ethnischen Ungleichheit, lehnt der Rechtsextremismus den Anspruch ab, dass alle Menschen dieselben Rechte haben. Der Antisemitismus ist im rechtsextremistischen Denken tief verankert und ist eine Ausdrucksform ihres rassistischen Denkens. 12 Ein Beispiel hierfür ist der Satz der Rechtsextremistin Sigrid Schüssler, den sie in einer PEGIDA-Kundgebung äußert: „Der Islam gehört zu Deutschland, wie Scheiße auf den Esstisch“, https://www.youtube.com/watch?v=Tb21tBKcD4k (30:04-30:10), Zugriff am 15.05.18. 44 Ihr Ideal einer Volksgemeinschaft drückt aus, dass sich Staat und die vermeintlich ethnisch homogene Bevölkerung zu einem Kollektiv vereinigen sollen. Individualismus wird zweitrangig betrachtet und die Gemeinschaft dem Individuum vorangestellt. Der Nationalsozialismus wird entweder verharmlost oder verherrlicht dargestellt. Die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg wird genauso geleugnet, wie die Shoah bzw. der Holocaust. Prägend hierfür ist der „Geschichtsrevisionismus“ (ebenda: 27) der Rechtsextremist_Innen. Samuel Salzborn (2015) führt den Geschichtsrevisionismus im Rechtsextremismus ausführlich aus und sieht darin die Funktion, dass es zur Legitimation des eigenen Handelns, als Vision für die Zukunft und Stärkung der eigenen Gemeinschaft dient (vgl. Salzborn 2015: 27 ff.). 13 Ihr (Ultra-)Nationalismus plädiert für eine prinzipiell feindselige Haltung gegenüber anderen Staaten und Völkern. Eine vermeintliche Ausnahme bildet dabei das Konzept des „Ethnopluralismus“. Die eigene ethnische Gruppe wird zwar nicht öffentlich als höherwertigere Gruppe als andere Ethnien propagiert, zielt aber auf die geografische Trennung von Ethnien ab. Ganz im Sinne „Deutschland den Deutschen – die Türkei den Türken“ (Grumke 2017: 27). Der Ethnopluralismus wird gegenwärtig vor allem von der „Identitären Bewegung“ – eine Erscheinungsform unter den Neuen Rechten – vorangetrieben. Dabei werden alle weiteren Kulturen als „andere“ wahrgenommen, homogenisiert und als mögliche Feinde der eigenen Ethnie gegenübergestellt (vgl. Bruns/Glösel/Strobl 2016: 90). Nicht der biologische Rassismus steht im Vordergrund, sondern ein kulturalistischer Rassismus. Im Dualismus zwischen „dem eigenen“ und dem „fremden“ werden „Individuen auf Erscheinungsformen ihrer wesensmäßigen Zugehörigkeit“ (ebenda) reduziert. In den Publikationen kommt sie deswegen ohne den „Rassebegriff“ aus, ist aber als rechtsextreme Ideologie bzw. Konzept einzustufen, da es um eindeutigen Rassismus geht. Sie bedient sich dabei vor allem dem antimuslimischen Rassismus als auch dem sekundären Antisemitismus (vgl. ebenda). Diese ideologischen Merkmale zeigen auf, wogegen sich der Rechtsextremismus positioniert und den politischen Kampf ansagt. Universelle Menschenrechte werden ebenso abgelehnt wie die Befürwortung von 13 Worin der spezifische Umgang konkret besteht, wird hier nicht weiter vertieft, da es den Rahmen der Arbeit übersteigen würde. 45 Multikulturalismus und der Wertepluralismus des Rechtsstaates mit ihrer freiheitlich demokratischen Grundordnung (vgl. Grumke 2017: 27). Die tiefgreifende Feindschaft gegenüber der parlamentarischen Demokratie zeigt sich beispielsweise in der Aussage des ehemaligen NPD- Funktionärs Holger Apfel, der 2006 sagte: „Wir werden einen Teufel tun, uns von unseren Gegnern ins Hamsterrad der parlamentarischen Niederungen stecken zu lassen. Grundsätzlich gilt für unsere Arbeit: Wir sind nicht der Reparaturbetrieb eines untergehenden Systems. Unseren politischen Einsatz leisten wir für die Demokratie im Sinne einer Herrschaft des Volkes und nicht der zurzeit herrschenden parlamentarischen Demokratie“ (ebenda: 30). Der politische Einsatz dient somit lediglich als Mittel zum Zweck, um die eigene rechtsextreme Ideologie voranzubringen. Die Frage, die sich hier stellt ist, wie die rechtsextreme Ideologie an junge Menschen herangetragen wird und Jugendliche im „Erlebniswelt-Rechtsextremismus“ (Glaser/Pfeiffer 2017) eine attraktive Lebenswelt finden. Hierzu werden im folgenden Unterkapitel die Erscheinungsformen des jugendkulturellen Rechtsextremismus untersucht. 5.2 Rechtsextreme Szenen als Jugendkulturen und Erlebniswelt für Jugendliche Seit den 1990er-Jahren hat eine Veränderung im Auftreten des Rechtsextremismus in Deutschland stattgefunden. Er tritt modern in Erscheinung, indem er „die Symbolsprache des 21. Jahrhunderts“ (Pfeiffer 2017: 41) spricht. Dabei werden Symbole und Ästhetik des Nationalsozialismus nicht abgelegt, aber modern versehen. Zum wichtigsten Vermittler rechtsextremer Ideologie hat sich Rockmusik entwickelt. Aber auch das Internet dient mit modernem Web-Design dazu, die menschenverachtende Ideologie zu übermitteln. Ein besonderes Merkmal der Entwicklung des Rechtsextremismus besteht in der Änderung des Aktionsfeldes. Thomas Pfeiffer (2017) beschreibt, dass der Schwerpunkt früher auf politische Wahlkämpfe und ideologische Diskussionen gerichtet war. Heute versucht der Rechtsextremismus unmittelbarer und wirksamer seinen Einfluss zu vergrößern. Er richtet sich auf den lebensweltlichen Alltag von Jugendlichen. Charakteristisch hierfür wäre die Kombination von Freizeit- und Unterhaltungsangeboten mit politisch-ideologischen Inhalten. Somit eröffnen sich Möglichkeiten, an den Lebenswelten junger Menschen anzusetzen. Fremdenfeindliches Gedankengut und die Verherrlichung bzw. die Verharmlosung des Nationalsozialismus gelten als zentrale Kennzeichen des heutigen Rechtsextremismus 46 (vgl. ebenda). Die gezielte Ansprache von Jugendlichen durch unterschiedlichste Mittel und Strategien fasst Thomas Pfeiffer unter dem Begriff „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ zusammen. Auf diese „Erlebniswelt“ wird nun genauer geschaut, um zu erkennen, welche jugendkulturellen Facetten von Rechtsextremist_Innen an Jugendliche herangetragen werden. Der Begriff „Erlebniswelt“ erscheint interessant. Als Erlebniswelt werden im Allgemeinen „kulturelle Räume [verstanden], die den Menschen außergewöhnliche Erlebnisse bzw. außeralltägliche Erlebnisqualitäten in Aussicht stellen“ (ebenda: 42). Ihre Funktion besteht in der Bildung von Erlebnisgemeinschaften, in der Fluchtmöglichkeit vor dem Alltag, in der Eignung einer Vision und auf einer (Um-)Erziehung (vgl. ebenda). Die Anziehungskraft des Rechtsextremismus auf Jugendliche ist weniger politischer Natur als angenommen werden kann. Die Jugendansprache erfolgt eher durch Aktivitäten, die gemeinschaftlichen Charakter aufweisen, Action versprechen, Tabus durchbrechen und Anerkennung zusichern. Die Angrenzung und Überschreitung von (legalen) Grenzen ist für sie typisch. Der Begriff der Erlebniswelt fokussiert sich auf Jugendliche und junge Heranwachsende, die die wichtigste Zielgruppe der rechtsextremen Szenen geworden ist. Das Verständnis dieser Erlebniswelt ermöglicht auch, die Hinwendungsmotive von Jugendlichen zum Rechtsextremismus zu verstehen (vgl. ebenda). Der Gemeinschaft – auch Kameradschaft genannt – kommt eine Schlüsselrolle zu. Verbunden mit Stilelementen zeitgenössischer Jugendkulturen und jugendlicher Lebenswelten wird die Gruppendynamik durch die Anwendung von Symbolen, Codes und Mythen aufrechterhalten. Solche internen Codes tragen in Gruppen dazu bei, dass die Aktivitäten eine emotionale Ebene erhalten. Beispielsweise werden in rechtsextremen Szenen verschiedene Zahlenkombinationen verwendet, um die eigene Ideologie getarnt zur Schau zu stellen. Die „14 words“ drückt die Beschwörung der „weißen Rasse“ aus, in der gesagt wird „We must secure the existence of our people and a future for white children“ (ebenda: 43). Die Zahl 88 steht für „Heil Hitler“ und 18 für „Adolf Hitler“ (vgl. ebenda). T-Shirts und Baseballcaps werden mit Aufschriften wie „HKN KRZ“ oder „I love NS“ versehen und durch die Übernahme von amerikanischer Popkultur jugendkulturell eingesetzt (vgl. Steiner für bpb.de 2017: 853). Erst die wahrgenommenen Erlebnisse in einer Gruppe lassen die rechtsextremen Erlebnisangebote besonders erscheinen. Solche Gruppen weisen in rechtsextremen Kreisen keine festen Organisationsformen aus. Das Zusammenkommen und Agieren findet eher in Cliquen statt. 47 Als jugendtypische Vergemeinschaftung innerhalb des Rechtsextremismus gelten sogenannte „Szenen“. Prinzipiell handelt es sich bei Szenen um eine Art lockeren Netzwerkes, wo sich beliebig viele Personen oder Personengruppen zusammenfinden können. Der Eintritt in Szenen erfolgt freiwillig aus eigener Entscheidung und führt zeitweise dazu, dass die Szene als zweite Heimat/Zuhause wahrgenommen wird (vgl. Pfeiffer: 43). Pfeiffer ergänzt dieses Verständnis von Szene und sagt, dass Menschen in rechtsextreme Szenen hineingeboren werden können und eine Sozialisation in rechten Szenen erfolgen kann. Ebenso wie bei anderen Jugendszenen zeichnet sie die Jugendgemeinschaft mit geringen ideologischen Inhalten aus. Dieses Charakteristikum gilt aber nur für die Anfangsphase. Die wenigen ideologischen Aspekte gewinnen durch die stärkere Bindung an die rechte Jugendszene immer mehr an Bedeutung und werden mit der Zeit zur Überzeugung. Schreitet die Gruppenbindung durch gemeinsame Erlebnismomente mittels Unterhaltung und Gruppenzugehörigkeit weiter fort, entwickelt sich die Überzeugung zu einem Lebensgefühl. Ab dort gelten die verwendeten kollektiven Codes, Symbole und Kleidungsmarken nicht nur mehr als Mode. Sie dienen dazu, die mittlerweile verfestigte rechtsextreme Ideologie symbolisch zum Ausdruck zu bringen und die eigene rechte Weltanschauung als „way of life“ (ebenda: 44) zu vertreten (vgl. ebenda: 43f.). Thomas Pfeiffer unterscheidet zwischen zwei Typen und drei Dimensionen dieser Erlebniswelt. Einerseits wird die Erlebniswelt durch direkte persönliche Beziehungen und Gemeinschaftsaktivitäten ermöglicht. Gleichzeitig zu dieser personalen Ebene gibt es die mediale Ebene, in der die Erlebniswelt durch jugendgerechte Medienangebote über das Internet erfolgt. Den Jugendlichen bieten beide Typen der Erlebniswelt Rechtsextremismus „Sinn-, Erfahrungs- und Emotionswelten“ (ebenda: 44). Generell werden Jugendszenen als Sinnwelten verstanden, in denen „Werthaltungen, (Entscheidungs-)Kompetenzen, Verhaltensweisen, Deutungsmuster“ (ebenda) von jungen Menschen beeinflusst werden. Die rechtsextreme Jugendszene leitet die Aspekte der Sinnebene aus der rechtsextremen Ideologie ab und bietet Jugendlichen Identitätsangebote. Neben der Möglichkeit, sich auf der Suche nach der eigenen Identität zurechtzufinden, wird der ideologische Schwerpunkt auf Feindbilder gesetzt. Zwischen der eigenen und der „anderen“ Gruppe wird eine so große Kluft kreiert, dass keine Verständigung möglich ist. Die kompromisslose Auseinandersetzung und der Kampf um vermeint- 48 lichen Sieg oder Niederlage richten sich vor allem gegen Schwarze, Juden, Homosexuelle, Linke, Muslime, Roma, geflüchtete Menschen und den demokratischen Staat (vgl. ebenda). Als Erfahrungswelt ermöglicht der Rechtsextremismus Jugendlichen Macht- und Dominanzerfahrungen zu machen. Da jegliche Aktivitäten in Gruppen stattfinden, führt die Zugehörigkeit zu einer stärkeren Gruppe dazu, sich sicher, überlegen und selbstwirksam zu betrachten. Diese Erfahrung scheint das jugendliche Bedürfnis nach Anerkennung während ihrer Entwicklungsphase zu erfüllen (vgl. 3.1 und 3.2). Auch auf der medialen Ebene bietet der Rechtsextremismus den Jugendlichen die Möglichkeit, durch hitzige Kommentare und Beiträge „Selbstwirksamkeitserfahrungen“ (Pfeiffer 2017: 46) zu machen. Fremdenfeindliche Kommentare im Internet werden durch den „virtuellen Applaus“ (ebenda) zu einer Bestätigung der eigenen Meinung. Durch die schnelle Vernetzung mit gleichdenkenden Personen entstehen schnell Online-Communities, in denen eine virtuelle Vergemeinschaftung stattfindet (vgl. ebenda). Eng an diese Erfahrungswelt ist die Emotionswelt geknüpft. Damit wird die angesprochene Anerkennung ausgedrückt, die durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erlangt wird. Der Einsatz gilt für die gemeinsame Sache und der Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Für rechtsextreme Szenen ist es charakteristisch, dass jüngere Einsteiger_Innen häufig mit etwas älteren Jugendlichen ein Gruppengefühl entwickeln. Während die Älteren die Basis für den Einstieg in die rechte Szene ermöglichen, nehmen sich die jungen Einsteiger_Innen auf Augenhöhe wahrgenommen. Auf medialer Ebene wird den Jugendlichen durch Musik und Internet eine Emotionswelt ermöglicht, die Aggression begünstigt, Feindbilder verstärkt und die rechtsextreme Ideologie jugendgerecht vermittelt (vgl. ebenda). Der folgende Abschnitt richtet sich deswegen auf rechtsextreme Jugendkulturen und die Musik im Rechtsextremismus, mit der Jugendliche als Zielgruppe adressiert werden.14 Rechtsextreme Jugendkulturen Als Einstiegsalter in rechtsextreme Szenen wird das Alter zwischen 12 und 15 Jahren genannt (Dossier Rechtsextremismus bpb 2018: 839). Musik wird als „Einstiegsdroge Nummer eins“ (ebenda) bezeichnet. Kameradschaften, Abenteuererlebnisse, Provokation und Protest sind für 14 Eine intensive Beschäftigung mit dem Internet erfolgt an dieser Stelle nicht, da der Rahmen der Arbeit sonst überschritten wäre. Exemplarisch wird daher die Musik als ein wichtiger Bestandteil der „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ untersucht. 49 das Erreichen von Jugendlichen ebenfalls von Bedeutung. Es gibt nicht die „rechtsextreme Jugendkultur“, sondern unterschiedliche rechtsextreme Jugendkulturen. Als soziale Gebilde variieren sie mit der Art und Weise, wie das „Wir“ in der Gruppe definiert wird und umgekehrt die Ausgrenzung nach außen erfolgt. Weitere wichtige Faktoren in rechtsextremen Jugendkulturen sind das Image, die Haltung, der Jargon und auch die Orte, in denen die Gruppe ihre gemeinsamen Erlebnisse erfährt (vgl. Radke für bbp.de 2017: 868). Für einen rechten Skinhead ist die jugendkulturelle Erlebniswelt ein Konzert, für einen jungen „Autonomen Nationalisten“ ist es eine Demonstration, für rechte Hooligans ist es der Fußballkontext und für jemanden aus der „Identitären Bewegung“ eine aufsehenerregende Aktion oder ein Seminar (vgl. ebenda). Obwohl es durchaus mehr rechtsextreme Jugendkulturen gibt, werden exemplarisch nur die folgenden Gruppierungen als Jugendkulturen innerhalb des Rechtsextremismus betrachtet. Bei den „neonazistischen Skinheads“ (Steiner für bpb.de 2017: 852) handelt es sich um eine rechtsextreme jugendkulturelle Strömung, die in den 1980er-Jahren entstand und bis in die Jahrtausendwende die rechte Szene prägte. Rechtsrock etablierte sich darin als ein fester Bestandteil. Das äußere Erscheinungsbild zeigte die offene Zugehörigkeit zu dieser Szene. Glatzkopf, Bomberjacke, Springerstiefel, Hakenkreuz- Tätowierungen und weitere Symbole wurden nach außen getragen. Die neonazistischen Skinheads haben die Wahrnehmung von rechtsextremen Personen und Gruppen so tief geprägt, dass bis heute die erste Google-Suche zu „Neonazi“ oder „rechtsextrem“ Bilder liefern, die zu dieser mittlerweile fast 40 Jahre alten rechten Strömung gehören. (vgl. ebenda). Aus der heutigen Sicht sind es Medienklischees, „die einen Stand rechtsextremer Lebenswelt zeigen, welcher seit fast 20 Jahren so nur noch selten zutreffend ist“ (ebenda). Steiner (2017) betont, dass die Inhalte rechtsextremen Denkens zum großen Teil gleichgeblieben sind. Geändert haben sich allerdings die jugendkulturelle Erscheinungsform von Rechtsextremist_Innen und ihre Symbole. Die Vorstellung einer Volksgemeinschaft, spezifische Geschlechterrollen und die Verbindung zum Nationalsozialismus bestehen weiterhin. Zusätzlich beziehen heutige rechtsextreme Jugendkulturen immer mehr aktuelle politische Inhalte in ihre Gruppen mit ein. Die ästhetische Modernisierung der Erscheinungsform wird als erforderlich betrachtet, um weiterhin für Jugendliche attraktiv zu wirken (vgl. ebenda). 50 Dieser Erforderlichkeit gingen die „Autonomen Nationalisten“ nach, die in einem Leitfaden aus 2008 eine Öffnung der rechtsextremen Szene anstrebten, um mehr Jugendliche zu rekrutieren: „Ob du Hip- Hopper, Rapper oder sonst irgendwas bist, ob du Glatze oder lange Haare hast: Völlig egal! – Hauptsache du bist gegen das herrschende System“ (ebenda: 853). Diese Aussage zeigt den Wandel, wie Rechtsextreme in Erscheinung treten. Die Äußerlichkeit tritt in den Hintergrund. Vielmehr wird auf der rechtsextremen Einstellungsebene erfordert, dass der gemeinsame Gegner angefeindet wird. Das System wäre in diesem Fall die pluralistische Demokratie, welche allen Menschen gleiche Rechte gewährt und keine Trennung zwischen Menschen vornimmt. Die Autonomen Nationalisten spielen heute keine entscheidende Rolle mehr unter den rechtsextremen Jugendkulturen. Durch eine eigene Art und Ästhetik versuchte sie, den Anschluss an neue Jugendliche zu schaffen (vgl. ebenda). Anfang der 2000er-Jahre übernahm diese rechtsextreme Szene stilistische Merkmale von linksradikalen Gruppen. Neonazis kleideten sich in derselben Art wie der „Schwarze Block“ und trugen Turnschuhe statt Springerstiefel. Die Stimmen bei Aufmärschen wurden für einen „völkischen Antikapitalismus“ laut. Auch die Fahne der linken Antifa-Bewegung wurde eins zu eins übernommen. Nur die Aufschrift änderte sich und wurde mit der Eigenbezeichnung versehen (vgl. ebenda: 854). 2014 war durch die Übernahme anderer aktueller jugendkultureller Stile eine neue Erscheinungsform in der rechtsextremen Szene entstanden. Der „Nipster“ (ebenda) ist von Januar 2014 an die Bezeichnung für junge Neonazis, die sich die Stile von Hipster aneignen und zeigen. „Nipster“ als Mischwort setzt sich aus „Nazi“ und „Hipster“ zusammen. Der erste Nipster war während einer Trauerveranstaltung in Magdeburg zu sehen. Er hatte einen Vollbart, Piercings und einen Jutebeutel mit dem Text „Bitte nicht schubsen, ich habe einen Joghurt im Beutel“. Das erzeugte große Aufmerksamkeit innerhalb der rechtsextremen Szene stand für das Verlangen von rechtsextremen Jugendlichen, sich mit modernen Kleidungen und Stilen zu präsentieren. Dass es möglicherweise der eigenen Ideologie widerspricht, steht hinter dem Wunsch der jugendkulturellen Öffnung (vgl. ebenda). Die erwähnte „HoGeSa (Hooligans gegen Salafisten)“ ist eine zeitlich eher neue jugendkulturelle Erscheinungsform innerhalb des Rechtsextremismus. Als rechtsextreme Protestaktion entstand sie 2014 und hatte ihren Themenschwerpunkt zum Thema Asyl und islamistischem Terrorismus. Das große Treffen am 26.Oktober 2014 in Köln verzeichnete eine große Anzahl jugendlicher Teilnehmer_Innen auf, die 51 den „Kampf“ gegen Salafist_Innen und radikalen Muslim_Innen ansagten (vgl. ebenda: 855). Insgesamt 4000 rechtsextreme Hooligans demonstrierten und bezeichneten sich selbst als „Kategorie C“. Kategorie C ist eine Fachbezeichnung innerhalb der Polizei und erfasst gewaltsuchende Fans. Weitere Aufschriften mit „Gemeinsam sind wir stark“ oder „Die Familie hält zusammen“ waren zu lesen und stehen für die zentralen Aspekte der HoGeSa. Durch „Gemeinschaft“ in Kombination mit Gewalt wurde versucht, ein breites Spektrum an Menschen zu erreichen. Bei der Versammlung in Köln kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Innerhalb der rechtsextremen Szene wurde die Ausschreitung verherrlicht und als „Heldengeschichte zelebriert“ (ebenda). Die eigene Gruppe wurde als Opfer staatlicher Gewalt gezeigt und für die weitere Anwerbung instrumentalisiert. Im Januar 2016 kam es zu einer weiteren HoGeSa-Veranstaltung. Die Gruppe verwüstete einen Straßenzug in Leipzig. Bei den festgenommenen Personen war die überwiegende Mehrheit Mitte oder Ende der 1990er-Jahre geboren (vgl. ebenda). Das bedeutet, dass es überwiegend Jugendliche und Heranwachsende zwischen 16 und 21 Jahren waren. Eine weitere rechtsextremistische Erscheinungsform ist die sogenannte „Identitäre Bewegung“. Ursprünglich entstammt sie aus der französischen „Génération identitaire“ aus dem Herbst 2012. Eine Gruppe von jungen Menschen besetzte das Dach einer noch nicht fertigen Moschee in Poitiers. Die Gruppe hängte ein Banner auf, auf der die Zahl 732 und das Lambda-Symbol zu sehen war. Die Zahl 732 symbolisierte die Vertreibung der Mauren in der Schlacht von Poitiers durch die Franken (vgl. Bruns/Glösel/Strobl 2016: 82). Es wird als Sieg der Europäer gegen die Muslime verstanden (vgl. Blum 2015: 44). Das Lambda- Symbol wird vor einer gelben Flagge angebracht. Sie symbolisiert den Kampf von 300 Spartanern gegen eine Armee von Persern. Die Armee der Perser wird als „Viel-Völker-Armee“ (Steiner für bpb.de 2017: 856) gesehen. Der Bezug auf dieses Ereignis steht für den „heutigen Kampf für die ethnokulturelle Identität und die Verteidigung des Eigenen“ (ebenda). Die Aktion wurde medial dokumentiert und erhielt europaweit Aufmerksamkeit. Kennzeichnend für diese Erscheinungsform sind ihr Aktionismus und die aktive Bestimmung der Aktionen durch junge Menschen (vgl. Bruns/Glösel/Strobl 2016: 82). In Deutschland nennt sich der Ableger „Identitäre Bewegung (IB)“. Der Bewegungsbegriff ist allerdings eine Eigenbezeichnung. Judith Goetz, Referentin für politische Bildung in Wien, betont dies und sagt, dass es keine Bewegung im eigentlichen Sinne ist. Es wäre ein Gefallen für diese rechtsextreme 52 Szene, sie als „Bewegung“ zu bezeichnen“.15 Im Vergleich zu den Autonomen Nationalisten, den Nipsters oder den HoGeSa hat sich die IB in Deutschland als eingetragener Verein institutionalisiert. Sie hat ihren Sitz in Berlin und versucht, durch das Konzept des Ethnopluralismus (siehe 5.1) ihre eigene Weltanschauung provokativ mit effektiver Medienarbeit zu verbreiten (vgl. Steiner für bpb.de 2017: 856). Sie warnt davor, dass die eigene Kultur und Identität aufgrund einer vermeintlichen Überfremdung und Islamisierung gefährdet sei. Darin sehen Sicherheitsbehörden eine Diffamierung von Menschengruppen. Gleichzeitig wird die IB vom Verfassungsschutz beobachtet, weil er Anhaltspunkte dazu hat, dass die IB gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung Bestrebungen unternimmt.16 Als Beispiel ihres antimuslimischen Rassismus lässt sich die Aussage in einem ihrer Videos17 anführen. Zuerst wird gesagt, dass „Multikulti“ gescheitert sei und die Islamisierung in Deutschland unauffällig voranschreite. Danach folgt der Satz „In Europas Städten stehen Tausende tickende Zeitbomben bereit und warten nur auf eine günstige Gelegenheit“. Mit emotionaler Melodie im Hintergrund setzt die IB damit alle Muslim_Innen unter terroristischen Generalverdacht. Muslim_Innen werden aus diesem Verständnis heraus alle als potenzielle „Zeitbomben“ betrachtet und diese verachtende Meinung wird weitergetragen. Obwohl die offizielle Zahl der Mitglieder 2016 nur bei 300 lag (vgl. Steiner für bpb.de 2017: 856), hat die IB in YouTube eine wesentlich größere Anhängerschaft. Ihr YouTube-Kanal hat 21.624 Abonnements und einige Videos wurden mehrere Zigtausend Male angeklickt.18 Die IB versteht sich als „Jugend ohne Migrationshintergrund“ (Glaser/Pfeiffer/Yavuz 2017: 112). Auf der Internetseite der IB lassen sich die Hauptaktivist_Innen transparent wiedererkennen. Die meisten Aktivist_Innen sind junge Erwachsene Anfang 20 und die meisten studieren. Die Seite ist einfach 15 http://www.bpb.de/mediathek/246827/judith-goetz-ueber-die-identitaere-bewegung, Zugriff am 19.05.18. 16 Juli 2019 wurde die Identitäre Bewegung vom Verfassungsschutz als rechtsextremistische Bewegung eingeordnet, die klare verfassungsfeindliche Einstellungen und Bestrebungen aufweist (vgl. https://www.tagesschau.de/inland/identitaere- 121.html, Zugriff am 11.07.2019.) 17 Vgl. Kein Opfer ist vergessen – Wir klagen an! https://www.youtube.com/watch?v=QHrmTSyc4aI (00:57-01-05), Zugriff am 25.08.19. 18 Vgl. YouTube-Kanal „Identitäre Bewegung“ https://www.youtube.com/channel/UCGK3H7pHASZpUqBRy0e7vQA/videos, Zugriff am 19.05.18. 53 aufgebaut und ermöglicht einen unkomplizierten Zugang auf die rechtsextremen Positionen der Gruppe.19 Das Alter aller Aktivist_Innen innerhalb der Szene variiert zwischen 15 und 35 Jahren. Die IB zeichnet sich in ihrem Aktionismus durch Jugendlichkeit, Aktionismus, Popkultur und eine „Corporate Identity“ aus. Die Verbreitung der eigenen Ideologie findet über mediale Blogs, Musikvideos und soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram statt.20 In Deutschland hatte sie ihre erste öffentlichkeitswirksame Aktion durch die Besetzung des Brandenburger Tors im August 2016, die professionell arrangiert und dokumentiert wurde. Die IB steht für die Erweiterung rechtsextrem-jugendkultureller Erscheinungsformen mit neuen Symbolen und Aktionsformen. Die rassistische Ideologie innerhalb der IB (siehe 5.1) bleibt dem rechtsextremen Weltbild treu, versucht aber durch neue Wege ihre Ideologie subtiler voranzubringen (vgl. Steiner für bpb.de 2017: 856). Auch wenn sie öffentlich Gewalt ablehnt und betont, dass ihr Kampf der „Multi-Kulti-Ideologie“ 21 gewidmet sei, zeigt auch die IB gewaltkonnotierte Handlungen auf, als bspw. zwei Zivilpolizisten in Halle von Anhängern dieser Gruppe angegriffen worden sind und angezeigt wurden.22 Rechtsextreme Musik Musik spielt in jugendkulturellen Strukturen eine große Rolle. Mit Musik wird nicht nur die eigene Ideologie vermittelt und transportiert. Als Spiegeleffekt dient Musik auch dazu, die Stimmungen, Sehnsüchte und Befindlichkeiten von Jugendlichen zu reflektieren (vgl. Steinbach 2003: 76). So ist es auch innerhalb des Rechtsextremismus. Der verstorbene Rechtsextremist Donaldson formulierte als Gründer des internationalen Neonazi-Musik-Netzwerkes Blood & Honour: „Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näherzubringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden“ (Salzborn 2015: 59). Die rechtsextreme Musik hat eine Rolle als mediale Schlüsselrolle. Rechtsextreme Ideologie wird damit in Form von Parolen und Klängen 19 Vgl. https://www.identitaere-bewegung.de/category/unsere-aktivisten/, Zugriff am 19.05.18. 20 Vgl. http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/241438/dieidentitaeren-mehr-als-nur-ein-internet-phaenomen, Zugriff am 19.05.2018. 21 https://www.identitaere-bewegung.de/presse/stellungnahme-des-projekteskontrakultur-zum-vorfall-am-20-11-2017/, Zugriff am 19.05.2018. 22 https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2017/11/27/identitaere-in-halle-gewalteinschuechterung-und-verharmlosung_25120, Zugriff am 19.05.2018. 54 verarbeitet und somit ihre Verbreitung und soziale Festigung bei Jugendlichen ermöglicht. Rechtsextreme Musik wird außerdem mit bestimmten Symbolen und Kleidungsstilen verbunden und wirkt sich auf die Identitätsbildung von jungen Menschen aus. Mittels der schrittweisen Verinnerlichung der Musik durch Jugendliche erfolgt die rechtsextreme Mobilisierung besonders stark. Musik gilt vor allem bei rechtsextremen Gewalttätern als eine untrennbare Einheit. Untersuchungen über rechtsextreme Straftäter haben ergeben, dass vor einer rechtsextremen Gewalttat die Täter immer rechtsextreme Musik konsumieren (vgl. ebenda). Rechtsextreme Musik wird auf verschiedenen Wegen an Jugendliche adressiert. Musikelemente unterschiedlicher Richtungen werden übernommen. Schnelle und aggressive Rhythmen aus der Punk-Richtung oder dem Metal-Stile werden ebenso für die eigene Ideologievermittlung verwendet wie Balladen oder auch Rap. Neben dieser stilistischen Verschiedenheit der rechtsextremen Musikfelder vermitteln sie mit unterschiedlicher Intensivität und Transparenz ihre Botschaften. Manche Lieder rufen offen zu Hass und Gewalt auf. Die Formulierung wird jedoch oft so gewählt, dass die Musik unter den Grenzen der Strafbarkeit bleibt (vgl. Pfeiffer 2017: 52). Bestimmte menschenfeindliche Lieder werden nicht öffentlich gesungen, innerhalb der Szene aber viel gehört. Die in Musik eingearbeitete Menschenverachtung zeigt sich in den folgenden Beispielen: „Irgendwer wollte den Niggern erzählen Sie hätten hier das freie Recht zu wählen Recht zu wählen, das haben sie ja auch Strick um den Hals oder Kugel in den Bauch“ (vgl. ebenda: 53) Dieser Abschnitt aus dem Lied „Niemals“ der zwischenzeitlich verbotenen Landser-Gruppe zeigt ein klar definiertes Feindbild und eine offene Volksverhetzung. Die Musik wird als eine Art Country-Musik gespielt, die an Kinderlieder erinnern soll. Zwischen der beängstigenden Morddrohung und der leichten Melodie wird ein Kontrast erzeugt und die Gewalt somit verpackt (vgl. ebenda). Als ein zweites Beispiel wird das Lied „Hooligans gegen Salafisten“ angeschaut, welches denselben Namen wie die Eigenbezeichnung der Gruppe trägt: „Die schattenwelt in der BRD Wird von allahs bärtigen Männern regiert Schariapolizei und Ehrenmord Keiner stoppt den den Wahsinn in der presse kein Wort Wenn ihr es weiter ignoriert 55 Wenn das messer an der Kehle ist dann habt ihrs kapiert Islam bringt keinen frieden sondern Gottessklaverei Ein ganz leben lang ihr werdet nicht mehr Freitag Hooligans gegen Salafisten Wir wollen keinen Gottesstatt Hooligans gegen Salafisten Sonst wird Deutschland ein Massengrab Nur zusammen wir sind stark Heute schächten sie schlafe und rinder Morgen vielleicht schon Christenkinder Im kalifat kann man es schon sehen Dann werden wir auch zu grunde gehen Befolgst du nicht Mohammeds Befehle Hast du gleich ein Messer an der Kehle Ob mann ob frau ob alt ob jung Bei wiederspruch droht Kreuzigung Glaubst du an den falschen gott Verlierst du schnell mal deinen kopf Moslems verstehen hier keinen Spaß Bei ihnen regiert vermummter Hass Boko Haram und Taliban Euer Terror der kotzt uns an Salafisten und IS idioten Ihr gehört alle verboten“ 23 Dieses Lied wurde in YouTube bis Ende 2016 ca. 1 Millionen Mal aufgerufen und gehört. Gesungen wird es als Ballade und wird von Gitarren akustisch begleitet. Weitere Pfiffe im Hintergrund wirken melodisch dazu. Das Lied zeigt die vermeintliche Feindschaft gegen gewaltbereite Salafist_Innen innerhalb des Islamismus. Der Blick auf die einzelnen Abschnitte zeigt allerdings, dass die Feindschaft gegen „den Islam“ und gegen „die Muslime“ gerichtet ist. Der Islam als Religion und die vielfältige muslimische Gemeinschaft in Deutschland werden mit der gewaltigen Salafistenszene gleichgesetzt. 23 http://www.beelyrics.com/k/kategorie-c/hooligans-gegen-salafisten.html (wortgetreue Wiedergabe), Zugriff am 20.05.18. 56 Pfeiffer stellt diese Gleichsetzung als „Kern islamfeindlicher Kampagnen im Rechtsextremismus“ (Pfeiffer 2017: 56) fest. Diese Gleichsetzung zeigt sich in den Sätzen „Islam bringt keinen Frieden, sondern Gottessklaverei“ und „Moslems verstehen hier keinen Spaß, bei ihnen regiert der vermummte Hass“. Der Refrain nennt zwar immer wieder „Hooligans gegen Salafisten“, der Inhalt richtet sich aber gegen alle Muslim_Innen. Sie werden als Menschen dargestellt, die bald die „Christenkinder schächten“ würden und die bei „falschen Gottesglauben“ den Menschen den „Kopf abhacken“ würden. Das Lied fordert damit zum Handeln auf. „Wenn Ihr´s weiter ignoriert“ animiert dazu, zu handeln und gegen diese „existenzielle Gefahr“ vorzugehen, damit es nicht so weit kommt. Nur als Gemeinschaft könne man diesem Feind entgegenkommen. „Nur zusammen, zusammen sind wir stark“ drückt den kollektiven Bezug im Rechtsextremismus somit auch musikalisch aus (vgl. ebenda). 5.3 Hinwendungsmotive und Ursachen Häufig wird die Hinwendung von Jugendlichen und jungen Heranwachsenden zum Rechtsextremismus mit der jugendspezifischen Phase begründet, wo sie sich in einem Prozess der politischen Identitätsfindung befinden (vgl. Rieker 2015: 8). Die Hinwendung zu rechtsextremen Einstellungen und Handlungen muss allerdings als Ergebnis eines längeren Prozesses gesehen werden, das von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird. Die Grundbasis dafür bilden vor allem Erfahrungen in der Kindheit, die nicht rein politischer Natur sein müssen. Die Forschung hat folgende Erklärungen vor allem für männliche Jugendliche festgehalten, die nun betrachtet werden (vgl. ebenda). Rechtsextreme Einstellungsmuster sind bei ca. 10 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland vertreten. Jugendlichen, die sich während ihrer Jugendphase rechtsextremen Einstellungsmustern hingaben, haben prinzipiell gemeinsam, dass ihre Emotionsbedürfnisse während der Kindheit missachtet wurden. Liebevolle Zuwendung durch die Eltern wurde wenig erfahren bei gleichzeitiger Zurückweisung. Solche Jugendlichen berichten, dass ihre kindlichen Bedürfnisse insgesamt kein Interesse fanden. Die Sorgen der Kinder wurden kaum ernst genommen und Ängste nicht abgebaut. Dasselbe gilt auch für gewalttätige rechtsextreme Jugendliche, die von einem „frostigen Klima und von Konflikten in der Familie“ (ebenda: 9) sprechen. Ihre Eltern spielten kaum mit ihnen und bestraften sie häufig nach Lust und Laune. Vor allem die Beziehung zu den Vätern wird sehr negativ bewertet, da die Kinder durch ihre Väter schwere Misshandlungen erlebten (vgl. ebenda). 57 In Zusammenhang mit der Familie wird über rechtsextrem orientierte und rechtsextreme Jugendliche festgehalten, dass sie überdurchschnittlich in „unvollständigen Familien“ (ebenda) aufgewachsen sind. D. h., dass sich die Eltern entweder getrennt hatten, ein Elternteil verstorben war oder eine Stief-Elternkonstellation vorlag. Vor allem männliche Jugendliche empfinden das Aufwachsen mit einem Stiefvater als sehr belastend (vgl. ebenda). Als weitere Ursache für die Hinwendung zum Rechtsextremismus kommt hinzu, dass schon während der Kindheit rechtsextremes Gedankengut und Personen als Vorbilder gezeigt werden. Vor allem Großeltern stellen in diesem Kontext ein positives Verhältnis der Kinder zum Nationalsozialismus her. Die Siege der Wehrmacht während des Zweiten Weltkrieges werden positiv vermittelt. Damit entsteht eine familiäre Tradition, welche die rechtsextreme Denkweise innerhalb der Familie immer wieder aufgreift. Auf der Grundlage dieser „Tradition“ zeigen Untersuchungen, dass Eltern und Kinder sehr ähnliche fremdenfeindliche Einstellungen entwickeln und aufweisen (vgl. ebenda). Neben den genannten Aspekten gibt es auch bewusste Lenkungen der Eltern, die eine spätere Hinwendung ihrer Kinder zum Rechtsextremismus ermöglichen. Im Elternhaus bekommen Kinder klare Grenzen zwischen dem „uns“ und „den anderen“ vorgelebt. Zusätzlich zu diesem Konzept zwischen Eigen- und Fremdgruppe kommt hinzu, dass den Kindern gelehrt wird, dass der Stärkere sich gegen den Schwächeren durchzusetzen hat. Kinder werden bei Konflikten mit anderen Kindern durch rechtsextreme Eltern ermutigt, die Konflikte mit Gewalt zu lösen. Bei „erfolgreicher Konfliktbewältigung“ werden die Kinder von den Eltern gerühmt und gelobt. Das Elternhaus trägt demnach zur Gewaltneigung ihrer Kinder bei. Mit der ebenso früh beginnenden Abgrenzung wird die Grundlage geschaffen, womit die Hinwendung in rechtsextreme Szenen erfolgen kann (vgl. ebenda). Ein weiterer Erklärungsansatz für die rechtsextreme Radikalisierung von Jugendlichen wird in der Lebensphase Jugend begründet. In diesem Rahmen werden soziale Desintegration und mangelnde Anerkennung herangeführt (vgl. ebenda: 10). „Anerkennung“ wird innerhalb der Wissenschaft unterschiedlich ausgelegt. Die positionale Anerkennung beschreibt die „Teilhabe an den materiellen und kulturellen Gütern der Gesellschaft“ (ebenda). Nach Hurrelmann/Quenzel (2016) wäre es die Bewältigungsaufgabe des Konsums, dass im zweiten Kapitel dargestellt wurde (siehe 2.1). Die moralische Anerkennung wird als „rechtliche Gleichheit und der gerechte Ausgleich widersprüchlicher Interessen“ definiert (Rieker 2015: 10). Die emotionale Anerkennung be- 58 schreibt die „Zuwendung und Aufmerksamkeit in sozialen Nahbeziehungen“ (ebenda). Alternativ könnte dies mit der Bewältigungsaufgabe der Bindung beschrieben werden, wo Jugendliche Bindungen und soziale Nähe zu Peers oder Partner_Innen aufbauen bzw. es versuchen (siehe 2.1). Jugendliche mit rechtsextremen Einstellungs- und Handlungsmustern sehen sich in diesen genannten Ebenen benachteiligt. Daher kann die Hinwendung zu rechtsextremen Szenen den Versuch darstellen, diese negativen Erfahrungen auf alternativen Wegen auszugleichen (vgl. Rieker 2015: 10). Die dargestellten Erklärungsansätze und Erfahrungen müssen nicht notwendig zu rechtsextremer Radikalisierung führen. Erst mit der weiteren Entwicklung dieser „Grundlagen“ kann ein intensiver Radikalisierungsprozess stattfinden. Hierzu wird vor allem ein Sozialumfeld gezählt, wo fremdenfeindliche Einstellungen und Handlungen toleriert und gefördert werden. So etwas kann in den unterschiedlichen jugendkulturellen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus stattfinden oder allgemein in jugendtypischen Aktivitäten (vgl. ebenda). Der Radikalisierungsverlauf kann bei jeden Jugendlichen ganz unterschiedlich verlaufen. Charakteristisch für den rechtsextremen Radikalisierungsprozess ist die exklusiver werdende Kontaktaufnahme zu Personen in rechtsextremen Kreisen. Gleichzeitig werden bisherige soziale Kontakte und Beziehungen entweder stark eingeschränkt oder komplett aufgegeben. Im Verlauf dieses Prozesses werden die rechtsextreme Ideologie oder einzelne Elemente davon stärker verinnerlicht und Feindbilder klarer ausgeprägt. Die Bereitschaft für Abweichendes oder gewalttätige Handlungen nimmt währenddessen zu (vgl. ebenda). Als Beispiel rechtsextremer Radikalisierung wird folgende Abbildung angeführt. Die Abbildung zeigt tabellenförmig die einzelnen Schritte, wie sich die Täter des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) radikalisiert haben. Beim NSU handelt es sich um eine rechtsextremistische Terrororganisation in Deutschland, die seit 1999 existierte und tödliche Anschläge auf Migranten und eine Polizistin verübte und weitere Straftaten beging. Sie bestand bis zu ihrer Aufdeckung im Jahr 2011. Lange Zeit wurde nicht erkannt, dass die Straftaten rechtsextremistisch motiviert gewesen waren.24 24 http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/167684/der-nationalsozialistische-untergrund-nsu, Zugriff am 22.05.2018. 59 Abbildung 2: Typen von Radikalisierungskarrieren im NSU-Komplex (Quent 2017: 183) Die „Radikalisierungskarrieren“ (Quent 2017: 183) der Täter_In der NSU zeigt einige Elemente, die in den vorhin dargestellten Hinwendungsmotiven genannt wurden. Aber auch weitere Motive und Ursachen sind zu sehen. Modell 1 zeigt die genannte familiäre Problemlage in der Kindheit/Jugend und nennt zusätzlich schulische Probleme. Bereits vor dem Einstieg in die rechtsextreme Clique zeigten sie deviantes Verhalten und waren kriminell. Erst innerhalb der rechtsextremen Gemeinschaft erfolgte die intensive Ideologisierung und extreme Radikalisierung (vgl. ebenda). Modell 2 zeigt, dass eine rechtsextreme Beziehung durch eine Clique vorlag. Auffallend sind die „Phasen der Erwerbslosigkeit“ vor dem Kriminell-werden. Sowohl die schulischen Probleme in Modell 1 als auch die Phasen der Erwerbslosigkeit lassen sich als nicht bewältigte Entwicklungsaufgaben der Qualifikation bewerten (siehe 2.1). Das kriminelle Verhalten kann daher als externalisierende Variante der vermeintlichen Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe betrachtet werden. Modell 3 zeigt den Entwicklungspfad von Uwe M., der im Vergleich zu den anderen Modellen eigenartig ist. Uwe M. gilt im Vergleich „erfolgreicher“ in der Schule und Familie. Bereits als Jugendlicher bringt er sich gegen das politische System ein, trägt in den rechtsextremen Cliquen zur Ideologisierung anderer bei und wird zu einer Führungspersönlichkeit (vgl. Quent 2017: 184). 60 Quent hält auf der Grundlage seiner Analyse zu den Radikalisierungsprozessen von Rechtsextremist_Innen fest, dass es nicht „den Weg“ dahin gibt. Obwohl biografische Belastungen auffallend sind, müssen sie nicht in rechtsextreme Szenen führen. Andererseits sollte auch nicht angenommen werden, dass alle Rechtsextremist_Innen Konflikte in ihrer Biografie aufzeigen (vgl. ebenda). 5.4 Genderspezifische Perspektiven Sowohl Sicherheitsbehörden, Jugendarbeit, Schule als auch das öffentliche Bewusstsein ignorieren Mädchen und junge Frauen im Bereich politisch motiviertem Extremismus. Die Wissenschaft und Praxis hat diese Gruppe erst seit Kurzem im Blick. Die eigene Motivation und die eigenen aggressiv-politischen Positionen werden ebenso wie ihre Beteiligung an Hasskriminalität und Gewalt dem vermeintlich „friedlichen Geschlecht“ (Baer/Weilnböck 2017: 79) nicht zugetraut. Mädchen und junge Frauen werden immer wieder als Mitläuferinnen oder Freundinnen von extremistischen Männern gewertet. Eine aktiv-führende Rolle wird ihnen nicht zugeschrieben, wie es die Berichterstattung über Beate Zschäpe zeigt (vgl. ebenda). In Meldungen wird sie häufig als „Nazi-Braut“ dargestellt.25 Die öffentliche Wahrnehmung von Frauen in extremen Szenen weitet sich langsam aus. Immer mehr werden in ihren Rollen als Unterstützerin, Propagandistin und Rektrutiererin von Hass und gewaltsamem Extremismus als solche erkannt und thematisiert (vgl. ebenda). Diese „Genderblindheit“ (ebenda: 80) – die Ausblendung von Mädchen und jungen Frauen im Kontext von Gewalt und Extremismus – wirkt sich auf die Gesellschaft unmittelbar aus. Das rechtsextreme Gedankengut wurde in den letzten 15 Jahren vor allem von dieser Gruppe in die „Mitte der Gesellschaft“ verlagert. Durch aktives Engagement in Gemeinden, Elternbeiräten von schulischen Einrichtungen und Kitas kam es zu einer „Normalisierung völkisch-rassistischer Ideologeme“ (ebenda) innerhalb der Gesellschaft. Rechtsextreme Parteien setzten bewusst weibliche Anhängerinnen ein, um ihre menschenverachtenden Inhalte zu transportieren. Die rechtsextreme Ideologie zielt auf eine „Volksgemeinschaft“ ab, welches eine biologistische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau vornimmt. Männer sollen die Sicherheit ihrer Familie garantieren, den Lebenserwerb und die eigenen Grenzen vor „Feinden“ sichern (vgl. Baer/Weilnböck 2017: 81). Männer sollen auch das politische Handeln 25 Beispielsweise hier unter dem Titel „Nette Hausfrau, kaltblütige Nazi-Braut. Beate Zschäpes Weg in den NSU“ https://www.n-tv.de/politik/Beate-Zschaepes-Wegin-den-NSU-article10564371.html, Zugriff am 22.05.18. 61 in die Hand nehmen, in der Öffentlichkeit auftreten und die Entscheidungshoheit ist ihnen zugesprochen. Frauen sind für den Haushalt, die Familie und den kommunalen Bereich verantwortlich. Ganz besonders sollen sie nach nationalistischem Weltbild Kinder gebären und erziehen (vgl. ebenda). Rechtsextreme Gruppierungen plädieren für das aktive Engagement in Nachbarschaftskreisen, Gemeinden und lokalem Umfeld, damit die Ideologie der Ungleichwertigkeit verbreitet werden kann. Dies geschieht beispielsweise mit der Einbringung einer Forderung, dass in der Kita nur noch deutsche Lieder gesungen werden sollen oder „deutsche Kinder“ von türkischstämmigen Kindern separat erzogen werden sollen. Die Bereiche der Erziehung und Jugendhilfe sind von Rechtsextremist_Innen als effektive Orte erkannt, sodass immer mehr rechtsextreme Frauen in Erzieher- und Sozialarbeiterberufen anzutreffen sind (vgl. ebenda). Dieser strategische Wandel bietet jungen Frauen eine größere Breite an Möglichkeiten, sich in der rechtsextremen Szene einzubringen. Mittlerweile übernehmen Frauen die Öffentlichkeitsarbeit, laufen in ersten Reihen von Demonstrationen mit und leiten eigene Kampagnen und Internetforen (vgl. ebenda: 82). In unterschiedlichen Veranstaltungen werden Stimmen gegen „Gender-Mainstreaming“ als ein vermeintliches „europäisches Umerziehungsprogramm“ (ebenda: 82), Feminismus, homosexuelle Partnerschaften oder die Einführung der Todesstrafe für „Kinderschänder“ laut. Anschluss findet diese feindselige Haltung gegenüber Gender-Themen bei christlich-konservativen Kreisen und wird aktiv auch von ihnen unterstützt. Ziel dieser „Anti-Gender- Rhetorik“ (ebenda) sei es, dass eine komplette Neuausrichtung der heute gültigen Menschenrechts- und Gleichheitsverständnisse erfolgt (vgl. ebenda). Das folgende Zitat zeigt, wie sehr die „Genderblindheit“ in der Gesellschaft ausgeprägt ist. Es zeigt auch, dass rechtsextreme Mädchen aktiv Gewalt anwenden, hierzu animieren und damit nicht die Vorstellung des „friedlichen Geschlechts“ erfüllen. „Wir sind den anderen auf der Straße begegnet und haben uns auf sie gestürzt. Alle haben einfach losgedroschen. Plötzlich stand die Polizei neben uns. Das haben wir gar nicht mitbekommen. Die haben sich die Jungs geschnappt und mit auf die Wache genommen. Uns Mädchen haben sie einfach stehen gelassen“ (ebenda: 84). Die genderspezifische Hinwendung von Mädchen und jungen Frauen fasst Köttig (2004) in drei Schlüsselfaktoren zusammen. Diese Schlüsselfaktoren stammen aus ihrer Forschungsarbeit „Lebensgeschichten 62 rechtsextrem orientierter Mädchen und junger Frauen“ und thematisieren wesentliche Gender-Aspekte. Als Erstes werden familiäre Konflikte und chronischer emotionaler Stress als zentraler Faktor für die Hinwendung zu rechtsextremen Szenen verstanden. Dazu gehört mangelnder Respekt der Eltern für die Persönlichkeit ihrer Kinder, eine permanente Entwertung und Erniedrigung seitens der Eltern oder aber auch gewaltsame Übergriffe, die als besonders schädlich gelten sind (vgl. Baer/Weilnböck 2017: 86). Solche „chronischen Entwertungsmuster“ (ebenda) basieren häufig auf Kritik der Eltern, wenn die Kinder die elterlichen heteronormativen Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen nicht erfüllen. In Kombination mit biografischen Brüchen im Leben durch Todesfälle, eventuelle Jugendheimaufenthalte oder andere Ausgrenzungserfahrungen erfolgt die Hinwendung zu rechtsextremen Szenen. Dort werden die erlebten Missachtungserfahrungen aus der Kindheit reproduziert. Häufig zeigt sich das in Auseinandersetzungen in gruppeninternen Beziehungen. Damit bieten rechtsextreme Milieus die potenzielle Möglichkeit, Respekt und Anerkennung zu erlangen, die in der bisherigen Biografie nicht vorhanden waren. Diese Möglichkeit kann von den jungen Frauen wie Männern als emanzipativ wahrgenommen werden, auch wenn die Barrieren innerhalb der rechtsextremen Szene hochgelegt sind (vgl. ebenda: 87f.). Als zweiter Schlüsselfaktor zählen rechtsextreme Einstellungen und Beteiligungen der Familie an nationalsozialistischen Taten. Familiäre Vorbelastungen tragen als weiterer Faktor zur Hinwendung in rechtsextreme Gruppen bei. Untersuchungen haben ergeben, dass bei vielen rechtsextremen Jugendlichen eine „transgenerationale Verbundenheit zum historischen Nationalismus“ (ebenda: 89) durch die Großeltern vorliegt. Dabei wurden Emotionsgedanken und das nationalistische Gedankengut Kindern, Enkel_Innen und Urenkel_Innen innerhalb der Familie weitergegeben. Die rechtsextremen Jugendlichen von damals sind heutige Eltern und geben das rechte Gedankengut ebenso weiter. Diese fortlaufende transgenerationale Weitergabe konfrontiert die heutige Soziale Arbeit weiterhin, wenn ein 9-Jähriger in einer therapeutischen Einrichtung große Fremdenfeindlichkeit zeigt oder bei Familienbesuchen der Familienhilfe in Familien Hakenkreuze zu sehen sind (vgl. ebenda). Als dritter Schlüsselfaktor gelten vorhandene rechtsextreme Strukturen im sozialräumlichen Umfeld von Jugendlichen. Es kann sich dabei um formelle oder informelle Strukturen handeln. Dieser Ansicht nach gefährdet Rechtsradikalismus vor allem dort Jugendliche, wo sie bereits angesiedelt sind. Insbesondere in ländlichen Regionen werden 63 jugendgerechte Veranstaltungen von rechtsextremen Gruppen veranstaltet (Partys, Konzerte) und weitere Jugendliche zur Teilnahme angeworben. Für Mädchen erweist sich die rechtsextreme Szene besonders anziehend, spannend und bindend, auch wenn die Familie finanziell gut ausgerüstet ist, die Eltern „unpolitisch“ sind und eine gute Schulbildung vorliegt (vgl. ebenda: 89). Viele junge Frauen wünschen sich eindeutige Rollenzuweisungen und den Schutz und Führung von „starken Männern“ (ebenda: 88). Durch die Annäherung an die Szene über Party- Wochenenden entsteht eine Nähe zu den rechten Jungen. Das Bild des „bösen rechten Jungen“ (ebenda: 88) wird abgebaut und durch ein Bild ersetzt, bei dem die Ansprache an neue Einsteigerinnen höflich und respektvoll erfolgt. Gleichzeitig wird in diesem Prozess die eigene ethnische Herkunft aufgewertet. Wenn die Eltern, Schule und weitere Sozialisationsinstanzen dem jugendaffin verpackten Rassismus nicht entgegentreten können, bekommt der Rechtsextremismus bei den Jugendlichen die Stellung eines Sinn- und Sinnlichkeitsangebotes (vgl. ebenda: 89).

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References

Zusammenfassung

Extremismus gefährdet Jugendliche in vielerlei Hinsicht und gewinnt zunehmend wieder an Bedeutung für die Soziale Arbeit. Durch die Entwicklung von extremistischen Einstellungsmustern gefährden Jugendliche dabei sich selbst und andere Personen zugleich. Es lässt sich beobachten, dass demokratische Grundwerte bei Jugendlichen sukzessive an Bedeutung verlieren. Aus dem pädagogischen Auftrag zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten“ (§1 SGB VIII) ergibt sich die Aufgabe der Sozialen Arbeit, sich mit dem Jugendextremismus intensiv zu befassen. Im vorliegenden Buch wird hierzu eine vergleichende Analyse vom jugendlichem Rechtsextremismus und Islamismus vorgenommen und aufgezeigt, welchen Herausforderungen sozialarbeiterische Praxis ausgesetzt ist und wie hiermit fachlich umgegangen werden kann. Die Arbeit wurde mit dem Johanna-Kirchner-Preis 2018 ausgezeichnet.