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2 Jugendarbeit und ihre aktuellen Herausforderungen in:

Mehmet Koc

Jugendextremismus als Herausforderung der Sozialen Arbeit, page 17 - 19

Eine vergleichende Analyse vom jugendlichen Rechtsextremismus und Islamismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4361-5, ISBN online: 978-3-8288-7316-2, https://doi.org/10.5771/9783828873162-17

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
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17 2 Jugendarbeit und ihre aktuellen Herausforderungen 2.1 Rahmenbedingungen der Jugendarbeit Um die aktuellen Herausforderungen der Jugendarbeit zu thematisieren, ist es wichtig zu prüfen, welche spezifischen Rahmenbedingungen/Charakteristika dieses Handlungsfeld der Sozialen Arbeit aufweist. Die Spezifik der Jugendarbeit basiert darauf, dass sie auf Freiwilligkeit und Eigenständigkeit beruht. D. h., dass Jugendliche an den Angeboten freiwillig teilnehmen und gleichzeitig sich auch freiwillig dagegen entscheiden können. Im Gegensatz zur Schule, wo eine Schulpflicht besteht, sind die Aspekte der Freiwilligkeit und Eigenständigkeit ganz wesentlich, wo sich die Jugendlichen aktiv einbringen. An Orten der Jugendarbeit finden unbewusste Lernprozesse statt. Jugendliche gestalten die Angebote aktiv mit und partizipieren im Sozialraum. In der gemeinsamen Gestaltung erlernen die Jugendlichen viele soziale Kompetenzen, sodass die Jugendarbeit eine wichtige Sozialisationsinstanz im Leben der Jugendlichen darstellt (vgl. BMFSFJ 2017: 365). Die Jugendarbeit hat dabei eine große Breite an unterschiedlichen Angebots- und Handlungsfeldern (vgl. Cloos 2007: 11). Zu den Angebotsfeldern zählen nach §11 Abs.3 SGB VIII die Offene Kinder- und Jugendarbeit Außerschulische Jugendbildung Arbeitswelt-, schul- und familienbezogene Jugendarbeit Internationale Jugendarbeit Mobile Kinder- und Jugendarbeit/Streetwork Jugendberatung Die aktuelle Jugendarbeit steht selbst vor besonderen Herausforderungen. Die demografische Entwicklung in der Gesellschaft fordert sie besonders heraus, da es durch die älter werdende Bevölkerung auch zu finanziellen Mittelkürzungen kommen kann (vgl. BMFSFJ 2017: 399). Außerdem steht die Jugendarbeit vor der wichtigen Frage, wer ihre Zielgruppe ist. Sind alle Jugendlichen als Zielgruppe zu erreichen oder nur eine ausgewählte Zielgruppe, die einen besonderen Bedarf hat (vgl. ebenda: 400)? Dennoch kann bezüglich der Jugendarbeit bzw. der Jugendverbandsarbeit festgehalten werden, dass sie sich durch eine Selbstorganisation, kollektive Ausgestaltung und Mitverantwortung charakterisiert. Die Jugendarbeit ist auf längere Zeit ausgelegt und soll zur Erreichung junger Menschen generell führen, unabhängig davon, 18 ob die Zielgruppen als Mitglieder an die Institutionen durch Mitgliedschaft gebunden sind oder nicht (vgl. §12 Abs. 2 SGB VIII). Nun folgt der Blick auf aktuelle Herausforderungen der Jugend, denen gegenüber die Jugendarbeit gerecht werden muss. 2.2 Grundlegende Herausforderungen der Jugend Der aktuellste Kinder- und Jugendbericht (2017) formuliert drei Kernherausforderungen der Jugend. Zu diesen zählen die Qualifizierung, Selbstpositionierung und der Wunsch nach Verselbstständigung der Jugendlichen (vgl. ebenda: 6). Die Herausforderung der „Selbstpositionierung“ meint dabei insbesondere die Frage nach der eigenen Identität, der gegenüber sich Jugendliche befinden. Fragen wie „wer bin ich?“ bis hin zu „wie werde ich in der Gesellschaft wahrgenommen?“ oder „welche Positionen vertrete ich und warum positioniere ich mich gerade so?“ können dazu gezählt werden. Sinnsuche ist hierzu ein passender Begriff, da sie in der Lebensphase der Jugend bei allen Jugendlichen aufkommt. Gleichzeitig zu den genannten Kernherausforderungen der Jugend lassen sich die Ebenen Generation Web 2.0, Jugendgewalt und der politisch-weltanschauliche Extremismus als weitere Felder der Herausforderungen der Jugend festhalten. Die heutige Jugend wächst mit einer breiten Masse an technologischen Geräten auf. Generation Web 2.0 steht für die Herausforderung, die durch das Web-Angebot entsteht. Soziale Medienplattformen wie Facebook, Snapchat und Instagram werden von den Jugendlichen mit einem Selbstverständnis verwendet. Sie verbringen viel Zeit in der virtuellen Welt (vgl. ebenda: 273f.). Die alltägliche Kommunikation in den Sozialen Medien hat unmittelbare Auswirkungen auf das Kommunikationsverhalten der Jugendlichen. Weiterhin entwickelt sich ein anderer Umgang mit der eigenen Privatsphäre oder aber der Privatsphäre anderer. Zygmunt Baumans Begriff der „liquid modernity“5 passt für die Beschreibung dieser Umänderung. Es handelt sich um eine „Verflüssigung“ des Umgangs mit der Privatsphäre, deren Grenzen nicht ganz klar zu setzen sind. Es sind allerdings nicht nur die Sozialen Medien, die für die aktuelle Jugendarbeit und für die Jugend eine Herausforderung darstellen. Das Internet an sich bietet neben Möglichkeiten auch Gefahren für die Jugend. Nicht selten findet im Internet Cyber-Mobbing statt. Der Kinder- und Jugendbericht zählt den Konsum von Pornografie und violenten Medien explizit auf (vgl. ebenda: 310f.). Auswirkungen des Konsums dieser Internet-Inhalte sind für die Jugendlichen wie für die 5 Sinn und Wahnsinn der Moderne: http://www.taz.de/!5031155/, Zugriff am 05.05.2018. 19 Jugendarbeit von Bedeutung, da mit ihnen bspw. sexistisches Gedankengut oder Gewaltverherrlichungen einhergehen. Für die praktische Jugendarbeit zeigt sich daher ein neues Handlungsfeld, nämlich die Online-Sozialarbeit, welche sich noch in ihren Anfängen befindet (vgl. Goldoni/Steiner 2013: 248 ff.) Eine weitere Herausforderung ist die Jugendgewalt. Jugendgewalt zeigt sich sowohl in physischen Auseinandersetzungen (Schlägereien) oder aber auch in psychischen Varianten wie Mobbing oder Drohungen. Die Kernfrage, die sich daraus stellt ist, wie und wo Gewaltprävention anzusetzen hat, um gegen Jugendgewalt pädagogisch vorzugehen (vgl. Brinkmann/Frech/Posselt 2008: 10 ff.). Generell werden Aggressivität, Gewalt und unsoziales Verhalten als jugendtypische Problemverhaltensverweisen betrachtet (Hurrelmann/Quenzel 2016: 47). Wie sogenannte jugendtypische Problemverhaltensweisen aussehen können und weshalb sie entstehen, wird in Kapitel 3 über die Lebensphase Jugend dargestellt. Nicht zuletzt gehört der politisch-weltanschauliche Extremismus zu einer weiteren Herausforderung der Jugend. Insbesondere der islamistisch motivierte Extremismus tritt vermehrt in Erscheinung, wo muslimische Jugendliche von salafistischen Gruppierungen angesprochen und erreicht werden. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf diesen Bereich des Extremismus. Gleichwohl stehen die Jugend und somit auch die Jugendarbeit vor der Herausforderung des Rechtsextremismus. Gruppen wie die „Identitäre Bewegung“ erreichen mit rechtspopulistischen Parolen und Aussagen vermehrt junge Menschen (vgl. BMFSFJ 2017: 311f.). Auf die beiden Phänomene – Rechtsextremismus und Islamismus wird in der Befassung mit dem Jugendextremismus näher eingegangen.

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Zusammenfassung

Extremismus gefährdet Jugendliche in vielerlei Hinsicht und gewinnt zunehmend wieder an Bedeutung für die Soziale Arbeit. Durch die Entwicklung von extremistischen Einstellungsmustern gefährden Jugendliche dabei sich selbst und andere Personen zugleich. Es lässt sich beobachten, dass demokratische Grundwerte bei Jugendlichen sukzessive an Bedeutung verlieren. Aus dem pädagogischen Auftrag zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten“ (§1 SGB VIII) ergibt sich die Aufgabe der Sozialen Arbeit, sich mit dem Jugendextremismus intensiv zu befassen. Im vorliegenden Buch wird hierzu eine vergleichende Analyse vom jugendlichem Rechtsextremismus und Islamismus vorgenommen und aufgezeigt, welchen Herausforderungen sozialarbeiterische Praxis ausgesetzt ist und wie hiermit fachlich umgegangen werden kann. Die Arbeit wurde mit dem Johanna-Kirchner-Preis 2018 ausgezeichnet.