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1 Begriffsdefinitionen in:

Mehmet Koc

Jugendextremismus als Herausforderung der Sozialen Arbeit, page 11 - 16

Eine vergleichende Analyse vom jugendlichen Rechtsextremismus und Islamismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4361-5, ISBN online: 978-3-8288-7316-2, https://doi.org/10.5771/9783828873162-11

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
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11 1 Begriffsdefinitionen Zu Beginn der vorliegenden Arbeit werden die Begrifflichkeiten Radikalisierung, Extremismus, Islamismus und Rechtsextremismus definiert, um eine entsprechende Begriffsbestimmung vorzunehmen. 1.1 Radikalisierung Begriffsetymologisch stammt der Begriff vom lateinischen Begriff radix, welcher Wurzel bedeutet. Es gibt zum Begriff keine einheitliche Definition, wobei der Begriff in seiner historischen Verwendung unterschiedlich angewandt worden ist. So ist im 19. Jahrhundert das Wort „Radikalismus“ das Motto von liberalen Reformern gewesen, wohingegen im folgenden Jahrhundert marxistische Revolutionäre als Radikale bezeichnet worden sind (vgl. Neumann 2017: 42f.). Neumann definiert Radikalisierung „als Prozess, durch den Personen oder Gruppen zu Extremisten werden“ (Neumann 2017: 43). Somit kann die Prozesshaftigkeit der Radikalisierung festgehalten werden. Wenn über Radikalisierung gesprochen wird, geht es allerdings nicht lediglich darum zu schauen, welche Faktoren und Einflüsse gegeben sind. Vielmehr sind das komplexe Zusammenspiel, die Entwicklung und der Verlauf von bestimmten Faktoren und Einflüssen1 von großer Bedeutung (vgl. ebenda). Radikalisierung bezeichnet somit einerseits die Entwicklung von Menschen, die den Prozess einer Ideologisierung durchlaufen und währenddessen verfestigte Ansichten vertreten, die sich vehement gegen die gesellschaftlichen und politischen Ordnungen stellen. Andererseits geht es in diesem Prozess um die wachsende Bereitschaft, sich für die eigenen Überzeugungen radikal einzusetzen und dabei entweder Gewalt anzuwenden oder es als legitimes Mittel zu betrachten, egal ob politischmotivierter oder religiös-begründeter Art (vgl. Glaser et al. 2015: 36). In der Forschung wird die Hinwendung und Verfestigung von radikalen Überzeugungen als „kognitive Radikalisierung“ bzw. „kognitive[r] „Extremismus“ (Neumann 2017: 46) bezeichnet. Der nächste Schritt, wo die Bereitschaft zur (gewalttätigen) Durchsetzung eigener Überzeugungen vorliegt, kann als „gewaltbereiter Extremismus“ (ebenda) begrifflich erfasst werden. Es ist festzuhalten, dass das Radikal-Sein an sich nichts Negatives ist und daher nicht mit Terrorismus gleichgesetzt werden sollte (vgl. Biene et al. 2017: 120). Vielmehr handelt es sich um einen Prozess „der individuellen kognitiven und verhaltensbasierten 1 Einflüsse und Faktoren bei Radikalisierungsprozessen werden im weiteren Verlauf näher behandelt. 12 Anpassung einer politischen Ideologie, die auf grundsätzliche Veränderungen eines gesellschaftlichen Ordnungssystems abzielt“ (ebenda). Der Endpunkt einer Radikalisierung wird als „politischer Extremismus“ (Glaser et al. 2015: 36) bzw. „Extremismus“ (Ceylan/Kiefer 2018: 41) bezeichnet. 1.2 Extremismus Soeben wurde die Definition für Radikalisierung angeführt, wonach es sich um den Prozess handelt, infolgedessen Menschen zu Extremist_Innen werden. Zugleich wurde angegeben, dass der Extremismus als Endpunkt von Radikalisierung gilt und hierbei zwischen kognitivem und gewaltbereitem Extremismus unterschieden wird (siehe oben). Der politische Philosoph Roger Scruton betont die Zweideutigkeit des Extremismusbegriffs. Einerseits geht es dabei um die genannte kognitive Ebene des Extremismus, welche sich auf die politischen Ziele und Ideen bezieht, die in Kontrast zu den herrschenden Werten und Überzeugungen einer Gesellschaft steht. Die zweite Ebene wird durch den Begriff des gewaltbereiten Extremismus erfasst, welche die Methoden und Mittel der Akteure zur Verwirklichung ihrer Ziele beschreibt. Hierbei werden verschiedene Typen extremistischer Mittel voneinander unterschieden, so beispielsweise in Form von Sachbeschädigung, Straßengewalt bzw. Hassverbrechen sowie terroristischer Gewalt (vgl. Neumann 2017: 43 ff.). In Deutschland erfolgte die erstmalige sicherheitspolitische Anwendung des Begriffes 1973 durch den Verfassungsschutz. Dabei handelt es sich beim Extremismus um eine relationale Kategorisierung von politischen Phänomenen, womit ihre tatsächliche oder vermeintliche Feindschaft gegenüber der freiheitlich demokratischen Grundordnung zum Ausdruck gebracht wird. Während extremistische Gruppierungen und ihre Gesinnung als verfassungsfeindlich gelten, wird Radikalismus noch im Rahmen der vom Grundgesetz zugesicherten Meinungsfreiheit abgedeckt (vgl. Quent 2016: 33). Der Extremismusbegriff wird zwar in Wissenschaft, Politik und Medien zur Bezeichnung von demokratiefeindlichen Strömungen verwendet (Glaser et al. 2015: 36), ist allerdings kontrovers umstritten. Kritisiert wird dabei, dass dem Extremismusbegriff eine „antithetische Beziehung“2 zur Demokratie zugeschrieben wird, dieses vermeintlich dichotome Verhältnis zwischen Demokratie und Extremismus/Antidemokratie jedoch nicht der Realität entspricht (vgl. ebenda und Quent 2 http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/200099/kritischeanmerkungen-zur-verwendung-des-extremismuskonzepts-in-den-sozialwissenschaften, Zugriff am 05.05.18. 13 2016: 33). Eine weitere Kritik an dem Begriff zeigt sich beim „Hufeisenmodell“ zur Kategorisierung von politischen Gruppierungen. Es vermittelt den Eindruck, dass es eine neutrale Mitte gibt, anhand derer die Kategorisierung in rechts- und linksradikal bzw. rechts- und linksextrem einhergeht. Aus zweierlei Gründen scheint diese Auffassung problematisch. Einerseits werden menschenfeindliche Einstellungen als Randpositionen wahrgenommen und dabei außer Acht gelassen, inwiefern und in welchem Maße dieselben menschenverachtenden Einstellungsmuster in politischen und sozialen Milieus verbreitet sind, die nach der gängigen Auffassung als die neutrale bürgerliche Mitte bezeichnet werden. Andererseits erfolgt eine „diskursive Gleichsetzung und Stigmatisierung der vermeintlichen Radikalismen“ (Quent 2016: 33), sofern die Links-Rechts-Achse beim „Hufeisenmodell“ angewandt wird. Abbildung 1- Veranschaulichung des "Hufeisenmodells" (staatsfragen.de) So beispielsweise sei die Etikettierung von linken Gruppen per se mit antidemokratischen Einstellungsmustern ungerecht, da diese nicht zutreffe. Hingegen sei es beim Rechtsextremismus zutreffend der Fall, da das eigene Selbstverständnis vom völkischen Nationalismus an sich antidemokratisch ist. Ebenso ist die Verortung des Islamismus in das gängige „Hufeisenmodell“ nur schwer bis kaum möglich.3 Im Verlauf der vorliegenden Arbeit wird der Extremismusbegriff unter Berücksichtigung und des Bewusstseins über die notwendige kritische Perspektive zu ihm als „die Tendenz zu einer Gesinnung, der es aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr um die humane und menschennah zu vertretende Sache als vielmehr um eine unerbittliche Haltung geht, die, wirklichkeitsblind und fanatisch, unter keinen Umständen zu Kompromissen, Reformen, Konzessionen bereit ist“ (Quent 3 Vgl. www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/200099/kritischeanmerkungen-zur-verwendung-des-extremismuskonzepts-in-den-sozialwissenschaften, Zugriff am 05.05.18. 14 2016: 32) verstanden und entsprechend verwendet. In dieser Arbeit geht es um die radikale bzw. extreme Gesinnung des Islamismus bzw. Salafismus sowie der Gesinnung des Rechtsextremismus. 1.3 Rechtsextremismus Rechtsextremismus wird als die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen oder Aktionen verstanden, die von einer „rassisch“ oder ethnisch begründeten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgeht. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine institutionelle Organisation vorliegt oder nicht (vgl. Scherr 2003: 28). Als Ideologie erstrebt sie die ethnische Homogenität von Völkern, den Vorrang der Gesellschaft vor dem Individuum und lehnt den Wertepluralismus der Demokratie ab (vgl. ebenda). Wesentliche ideelle Bestandteile des Rechtsextremismus bestehen in der „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus“ (Köttig 2011: 345). Im wissenschaftlichen Kontext lassen sich neben diesem Begriff unterschiedliche Bezeichnungen wiederfinden. Alternativ wird von „Rechtsradikalismus“, „extremen Rechten“, „Neonazismus“, „Rassismus“ (ebenda) gesprochen. Zwar hat sich als Sammelbezeichnung der Begriff Rechtsextremismus wissenschaftlich, politisch und medial durchgesetzt (vgl. Salzborn 2015: 13). Eine einheitliche Definition liegt für den Begriff jedoch nicht vor (vgl. Köttig 2011: 345). Jemand, der die genannten ideellen Aspekte verinnerlicht hat, gilt als eine Person mit „geschlossenem rechtsextremen Weltbild“ (ebenda). Gewaltanwendung wird innerhalb des Rechtsextremismus als legitimes Mittel betrachtet, um soziale Konflikte auszutragen oder eigene politische Ziele zu erreichen (vgl. Glaser et al. 2015: 37). Rechtsextremismus umfasst eine Vielzahl unterschiedlicher Strömungen, ideologischer Orientierungen und Organisationsformen und ist somit kein „ideologisch geschlossenes Phänomen“ (Grumke 2017: 22). In Bezug auf die Problematik des Extremismusbegriffs (siehe 1.3) kann der Rechtsextremismus nicht mit Linksextremismus gleichgesetzt werden. Rechtsextremismus zielt auf die Abschaffung der Demokratie ab, während der Sozialismus die Abschaffung des Kapitalismus erstrebt. Einen ideellen Entwickler des Rechtsextremismus gibt es nicht (vgl. Wenzler 2001: 22). Die Bezeichnung „jugendlicher Rechtsextremismus“ drückt die jugendkulturelle Ausprägung des Rechtsextremismus bei Jugendlichen aus, die einen aktionistischen Charakter aufweist, mit besonderen Symbolen und musikalischen Ausdrucksformen verbunden ist und gewaltaffine Einstellungen mit sich bringt (vgl. Glaser et al. 2015: 37). 15 1.4 Islamismus Beim Islamismus handelt es sich um einen umfassenden Sammelbegriff, welcher verschiedene Ausprägungen von politischen Ideologien umfasst, die sich dabei durch eine „radikale Islamauslegung“ (Glaser et al. 2015: 35) kennzeichnen. Gleichzeitig wird es als Synonym für andere Bezeichnungen wie islamischer Fundamentalismus, islamischer Extremismus, Dschihadismus und Salafismus verwendet (vgl. ebenda). In der Wissenschaft existiert für den Islamismusbegriff keine einheitlich gültige Definition, da die Verwendungen dieses Begriffes sehr unterschiedlich geprägt sind (vgl. Seidensticker 2016: 9). Eine differenzierte Annäherung an den Terminus führt der Islamwissenschaftler Seidensticker als Definition an, die auch für die vorliegende Arbeit gelten soll. Seiner Meinung nach „handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden“ (ebenda). Der Begriff der „Bestrebungen“ bringt die Verschiedenheit an möglichen Aktionsformen zum Ausdruck, wie diesem Ziel der umfassenden Umgestaltung nachgegangen werden kann. Somit könnten missionarische Aktivitäten, erzieherische Handlungsformen bis hin zu aktiver politischer Teilhabe und revolutionären Gedanken durch den Begriff erfasst werden (vgl. ebenda). Die religiösen Quellen des Islams werden dabei als absolut und alleingültig wahrgenommen, die darüber bestimmen, wie Individuum und Gesellschaft zu organisieren sind. Ziel des Islamismus ist somit die Errichtung einer Gesellschafts- und Staatsordnung, die durch den Bezug zum Islam eine religiöse Legitimation und eine vermeintlich religi- öse Form erfahren soll. Durch diese „Verabsolutierung“ (Seidensticker 2016: 10) der eigenen Weltanschauung und gleichzeitiger Ablehnung demokratischer Grundwerte wie Pluralismus und Volkssouveränität/Demokratie steht der Islamismus im Widerspruch zu der freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik. Die Mittel zur Erreichung ihrer Ziele sind sehr vielfältig. Während Gewalt von bestimmten Gruppierungen befürwortet und umgesetzt wird, lehnen andere Gruppen Gewalt ab und wählen andere Formate auf dem Weg zur gesellschaftlichen Umgestaltung. (vgl. Glaser et al. 2015: 35f.). Zu den vielfältigen Erscheinungsformen des Islamismus zählt auch der Salafismus (vgl. Bauknecht 2015: 4), der häufig als Synonym für Islamismus verwendet wird. Allerdings handelt es sich beim Salafismus um eine Strömung des Islamismus, die in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat und insbesondere jungen Menschen attraktiv erscheint. Aus dieser Sachlage heraus wird in der vorliegenden Arbeit ein Schwerpunkt auf Salafismus gelegt, da dieser Erscheinungsform des 16 Islamismus in Deutschland eine große gesellschaftliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit gewidmet und entsprechend geforscht worden ist.4 Eine intensive Analyse zur Begrifflichkeit und Phänomenologie des Salafismus erfolgt in Kapitel 5. Zuletzt ist festzuhalten, dass der Begriff des Islamismus insbesondere von Muslimen kritisiert wird. Der Begriff vermittelt den Eindruck, dass der Islam Ursache für die verfassungsfeindliche Einstellung von Islamisten sei. Daher sollte der Terminus mit dem Zusatz „religiös begründeter Extremismus unter Muslimen“ (Bauknecht 2015: 7) konkretisiert werden. 4 Vgl. https://www.bmi.bund.de/DE/themen/sicherheit/extremismus-und-terrorismusbekaempfung/islamismus-und-salafismus/islamismus-und-salafismusnode.html, Zugriff am 05.05.18.

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References

Zusammenfassung

Extremismus gefährdet Jugendliche in vielerlei Hinsicht und gewinnt zunehmend wieder an Bedeutung für die Soziale Arbeit. Durch die Entwicklung von extremistischen Einstellungsmustern gefährden Jugendliche dabei sich selbst und andere Personen zugleich. Es lässt sich beobachten, dass demokratische Grundwerte bei Jugendlichen sukzessive an Bedeutung verlieren. Aus dem pädagogischen Auftrag zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten“ (§1 SGB VIII) ergibt sich die Aufgabe der Sozialen Arbeit, sich mit dem Jugendextremismus intensiv zu befassen. Im vorliegenden Buch wird hierzu eine vergleichende Analyse vom jugendlichem Rechtsextremismus und Islamismus vorgenommen und aufgezeigt, welchen Herausforderungen sozialarbeiterische Praxis ausgesetzt ist und wie hiermit fachlich umgegangen werden kann. Die Arbeit wurde mit dem Johanna-Kirchner-Preis 2018 ausgezeichnet.