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7 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in:

Mehmet Koc

Jugendextremismus als Herausforderung der Sozialen Arbeit, page 101 - 108

Eine vergleichende Analyse vom jugendlichen Rechtsextremismus und Islamismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4361-5, ISBN online: 978-3-8288-7316-2, https://doi.org/10.5771/9783828873162-101

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
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101 7 Gemeinsamkeiten und Unterschiede52 7.1 Ideologie und jugendkulturelle Aspekte im Vergleich Ein vergleichender Blick auf die ideologischen Aspekte von Rechtsextremismus und Salafismus zeigt Ähnlichkeiten und spezifische Unterschiede auf. Die erste Gemeinsamkeit der Ideologien zeigt sich in den erwünschten Staatsformen. Salafist_Innen sehnen sich nach einem Kalifen, der in dem System des Kalifats die vermeintlich eindeutigen und ebenso vermeintlich kanonisierten islamischen Rechtsvorschriften als Maßstab für sein Handeln und seine Gesetzesgrundlage nimmt. Nach dieser Vorstellung hat die muslimische Gemeinschaft (umma) dem Kalifen bedingungslos zu folgen. Die Religionszugehörigkeit entscheidet darüber, ob einem Menschen bestimmte Rechte zustehen oder nicht. Im Rechtsextremismus besteht die Vision in einem Führerstaat, welches das Staatsmodell in einem „Führer“ und der „Gefolgschaft“ unterteilt. Das Volk muss demnach als „Gefolgschaft“ dem „Führer“ Treue und Gehorsam erweisen.53 Auch in Bezug auf Feindbilder lassen sich Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Erscheinungsformen von Extremismus erkennen. Im Islamismus zählen als Feindbilder der „Westen“ und alle „Ungläubigen“ (Nicht-Muslime), aber auch diejenigen Muslim_Innen, die nicht nach islamistischer Lesart den Glauben verstehen und praktizieren. Diese innermuslimische Abgrenzung kann als ein spezifisches Merkmal festgehalten werden. Weitere Feindbilder sind – so auch im Rechtsextremismus – die Juden und die Demokratie. Spezifisch für den Rechtsextremismus zählt dabei die Feindschaft gegenüber „Ausländern“ oder Menschen mit Migrationsbiografien. Vermehrt lässt sich auch eine islamfeindliche Außendarstellung festhalten, welches Muslim_Innen als vermeintlich homogenen Block darstellt und alle als potenzielle gewaltbereite Salafist_Innen zeigt. Weiterhin können für die salafistische Ideologie historische Vorläufer festgehalten werden, welches beim Rechtsextremismus nicht der Fall ist. Nicht zuletzt lässt sich ein Unterschied der Ideologien benennen. Die salafistische Ideologie zeigt sich gewissermaßen inklusiv. D. h., dass weder biologische noch soziale Merkmale ein Ausschlusskriterium darstellen, um in islamistische Gruppierungen eintreten zu können. 52 Dieses Kapitel basiert auf den phänomenspezifischen Untersuchungen aus Kapitel 5 und Kapitel 6. Entsprechende Nachweise können in den themenbezogenen Kapiteln nachgelesen werden und werden hier nicht nochmals angeführt. 53 Vgl. http://www.chotzen.de/bibliothek/glossar/fuehrerstaatfuehrerprinzip, Zugriff am 15.06.18. 102 Wird der Islam als Glaube angenommen, eröffnet sich für alle Interessierten die Möglichkeit, ein Teil dieser Gruppe zu sein. Im Kontrast hierzu steht der sozialdarwinistische Aspekt im Rechtsextremismus. Der biologische und kulturalistische Rassismus wirkt daher exklusiv, da bspw. die ethnische Zugehörigkeit schon ein Ausschlusskriterium darstellt, um im Rechtsextremismus Fuß zu fassen. Bestimmte Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich in Bezug auf die funktionale Ebene von jugendkulturellen Elementen bestimmen. Gemeinsam ist dem Salafismus und dem Rechtsextremismus, dass sie ihre Ideologien an Jugendliche jugendgerecht und subversiv vermitteln. Rechtsextremist_Innen kombinieren bewusst Freizeit- und Unterhaltungsangebote mit politischen Inhalten, um zu rekrutieren. Es werden Party- und Konzertwochenenden organisiert, wo Spaß und Freude im Vordergrund stehen und es als „Erlebniswelten“ für Jugendliche dient, das ihnen Abenteuererlebnisse verspricht. Salafist_Innen vermitteln ebenso nicht von Beginn an ihre Ungleichwertigkeitsidoelogie, sondern versuchen, Sozialräume durch Grillfeste oder Fußball-Turniere zu schaffen, um neue Jugendliche zu erreichen. Angesetzt wird dabei an vermeintlich religiösen Themen, um jungen Menschen zunächst ihr religiöses Wissen zu demonstrieren und im Umkehrschluss bei Jugendlichen erkennen zu geben, dass sie selbst als Muslim_Innen kein ausreichendes Wissen über den Islam besitzen. Folgende Formate von öffentlichen Kampagnen ermöglichen Jugendlichen Aktionsfelder, wobei ideologische Inhalte eher in internen Islam-Seminaren und Veranstaltungen vermittelt werden. In Bezug auf die jugendkulturellen Erscheinungsformen lässt sich festhalten, dass der Rechtsextremismus jugendkulturell heterogener in Erscheinung tritt, als es im Bereich des Salafismus der Fall ist. Die Heterogenität innerhalb des Rechtsextremismus steht gleichzeitig für den Wandel ihrer Sichtbarkeit und Selbstrepräsentation. Nicht die überholte Vorstellung von Rechtsextremist_Innen als Angehörige der neonazistischen Skinheadkultur repräsentiert jugendkulturellen Rechtextremismus, sondern die durch die Übernahme diverser popkultureller Stilelemente anderer Jugendkulturen entstandenen Gruppierungen. Als Beispiel hierfür lassen sich die Autonomen Nationalisten nennen, die Symbole von ANTIFA-Bewegungen modifiziert übernommen haben und ihre Rekrutierungsansprachen so breit wie möglich auslegen. Solange jemand gegen „das System“ ist, wird diese Person willkommen geheißen. Auch die Entstehung des „Nipsters“ zeigt, dass die äußeren Erscheinungen von Jugendlichem innerhalb der extremen Rechten keinesfalls einheitlich sind. Die aktionistische „Identitäre Bewegung“ ver- 103 körpert den beschriebenen Wandel besonders, weil sowohl eine äußerliche Erkennbarkeit ausbleibt als auch nach außen hin versucht wird, ihren vertretenen Ethnopluralismus als nicht rassistisch zu vermitteln. Symbole werden von ihr, wie das Lamdba-Symbol oder die Zahl 732, aber auch von anderen Gruppierungen der extremen Rechte verwendet (wie z. B. 18 als Zahlenkombination für Adolf Hitler, HKN KRZ oder I love NS). Von der Funktion her spielen Symbole auch im jugendkulturellen Salafismus eine besondere Rolle. Die popkulturelle Aufschrift auf T-Shirts mit „I love Islam“ oder „Alqaeda Shirts im Style von Adidas“ stehen provozierend für die eigene Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen. Die Symbole dienen sowohl innerhalb der extremen Rechten als auch beim Salafismus als Identitätsangebote für Jugendliche, da damit emotionale Bindungen zu den jeweiligen Gruppen aufgebaut und intensiviert werden. Im Unterschied zum jugendkulturellen Rechtsextremismus, welches in Bezug auf ihre Erscheinungsform vielfältig ist, kennzeichnet sich der Salafismus durch typische Kleidungsstile, die je nach Geschlecht variieren. Für den jugendkulturellen Salafismus ist allerdings der überdurchschnittliche Gebrauch von arabischen Begriffen zur Demonstration der individuellen vermeintlichen Religiosität ein spezifisches Merkmal. Darüber hinaus zeigt sich ihr Protest besonders in der „Provokation der kollektiven Askese“ (El-Mafaalani), wonach der Salafismus als Gegenkultur zu anderen Jugendkulturen fungiert und dabei durch den Verzicht auf „jugendlichen Spaß“ bzw. die Einschränkung der Sexualität und der strikten Geschlechtertrennung einen Eigencharakter als Jugend- und Protestkultur aufweist. Hingegen werden in den rechtsextremen Spektren bewusst jugendaffine Elemente wie Musik und Spaß sowie geschlechtsgemischte Aktivitäten eingesetzt, um Jugendliche zu erreichen. Trotz dieser sehr unterschiedlichen Ausrichtungen tragen die Gruppenerlebnisse bei den Jugendlichen im Salafismus und Rechtsextremismus zur Kompensation negativer Erfahrungen bei, indem jeweils auch „Schuldige“ für die bisherigen negativen Erfahrungen bestimmt und kollektive Haltungen gegen konstruierte Feindbilder eingenommen werden. Als letztes Vergleichselement innerhalb der jugendkulturellen Aspekte lässt sich Musik heranziehen. Sowohl für die Vermittlung rechtsextremer als auch salafistischer Ideologie wird Musik jeweils spezifisch eingesetzt. Obwohl Rechtsrock als Hauptgenre innerhalb der extremen Rechten gilt, zeigt sich der dynamische Wandel des Rechtsextremismus auch hierbei. Es werden neben dem Rechtsrock unterschiedlichste Musikgenres wie Rap oder Balladen verwendet, um die Ungleichwertigkeitsideologie zu vermitteln. Die angeführten Beispiele 104 zeigen, dass Hass und Gewalt zentrale Bestandteile sind, die in musikalische Stücke verpackt werden. Neben erkennbaren menschenverachtenden Inhalten wird die deutsche Bevölkerung als potenzielles Opfer von Muslim_Innen dargestellt und zum Handeln aufgefordert. Unter dem Deckmantel der Positionierung gegen Salafist_Innen erfolgt die Umsetzung der Islamfeindlichkeit (HoGeSa). Zum Handeln rufen auch salafistische Hymnen auf, die im Gegensatz zur Musik der extremen Rechten nur minimalistisch Musikinstrumente beinhalten, hierfür aber umso melodischer gesungen werden. Der militante Dschihad wird dabei als konkrete Handlungsform beworben und als einziger Weg, um das vermeintliche Leid aller Muslim_Innen auf der Erde beenden zu können und gleichzeitig gegen diejenigen vorzugehen, die den Propheten Muhammad beleidigen und auf den Koran treten würden. Der Vergleich der ideologischen und jugendkulturellen Aspekte zeigt, dass trotz phänomenspezifischer Besonderheiten sowohl der Rechtsextremismus als auch der Islamismus Ähnlichkeiten darin aufweisen, welche Wirkungen bei den jungen Zielgruppen bewusst erreicht werden sollen. 7.2 Hinwendungsmotive und Genderaspekte im Vergleich Zunächst muss ein wichtiger Unterschied in Bezug auf die Datengrundlagen festgehalten werden. Während die Untersuchungen über die Hinwendungen von Jugendlichen zum Rechtsextremismus eher auf wissenschaftlich-empirischen Forschungen basieren, sind es beim Islamismus eher Quellen, die nicht mit wissenschaftlichen Zielsetzungen angegangen wurden. Für beide Phänomene gilt, dass die Hinwendung von Jugendlichen nicht primär aus ideologischen Überzeugungen erfolgt. Zwar können beispielsweise bestimmte fremdenfeindliche Einstellungen bei rechtsextrem orientierten Jugendlichen vorhanden sein, jedoch fehlt häufig eine politische Überzeugtheit, durch die eine Hinwendung in rechte Szenen erfolgt (vgl. Glaser 2017: 214). Ähnlich ist es bei Jugendlichen in islamistischen Kreisen, wo nicht die Ideologie im Vordergrund steht, sondern der Wille von Jugendlichen, sich gegen Vorurteile gegenüber Muslim_Innen einsetzen zu wollen. Die Rechtsextremismusforschung zeigt auf, dass negative Kindheitserlebnisse die Grundlagen dafür bilden, dass Jugendliche sich eher rechten Szenen hinwenden. Zu solchen negativen Erlebnissen zählen die unbefriedigten Emotionsbedürfnisse von Kindern, Missbrauchserfahrungen, jedoch auch „unvollständige Familien“. Als begünstigende Faktoren für die Hinwendung zählen aber auch die positiven Darstellungen des Nationalsozialismus durch die Großeltern, die Abgrenzung der Eltern nach außen oder aber auch die Erziehung der Kinder, bei der 105 Gewalt als Problemlösungsmittel anerzogen wird. Solche detaillierten Erklärungsansätze in Bezug auf die Kindheitsphase liegen im Bereich des Islamismus kaum vor. Anhand von bestimmten Einzelfällen ist festzuhalten, dass problematische Familienverhältnisse mit ständigen Streitereien der Eltern oder brüchigen Familienkonstellationen als Hinwendungsmotive zum Islamismus gesehen werden. Dennoch lässt sich weder für den Rechtsextremismus noch für den Islamismus verallgemeinern, dass bei allen Jugendlichen in den jeweiligen Phänomenen unbedingt biografische Belastungen vorzufinden sind. Soziale Desintegration und mangelnde Anerkennung spielen bei Jugendlichen im Rechtextremismus eine besondere Rolle. Die Differenzierung der Anerkennung in positionale, moralische und emotionale Anerkennung zeigt, dass es dabei um unbefriedigte Anerkennung geht, die wegen Nicht-Bewältigung bestimmter Entwicklungsaufgaben der Jugendphase zustande kommen. Hinzu kommen Wahrnehmungen von Jugendlichen, wonach sie sich benachteiligt fühlen und daher die Hinwendung zum Rechtsextremismus als Ausgleich dient, mit der die negativen Erfahrungen ausgeglichen werden. Ähnlich ist es beim Islamismus im Jugendalter. Dort sind es häufig wahrgenommene Diskriminierungserfahrungen, egal ob es sich auf die eigene Person oder auf das eigene Kollektiv bezieht. Der Islam und die Muslim_Innen werden als globale Opfer dargestellt und Jugendlichen vorgelegt. Die Hinwendungen von Jugendlichen finden dabei in einem spezifischen Kontext statt. Islamfeindlichkeit und stetige Integrationsdebatten wirken sich demnach auf Hinwendungen von Jugendlichen auch aus. Die Suche nach Sinn und Orientierung im Rahmen der Identitätsfindung sticht dabei hervor. Gleichzeitig kommt sowohl hierbei – im Islamismus – als auch beim Rechtsextremismus der Gruppe eine besondere Rolle zu. Bei beiden Phänomenen ist zu erkennen, je exklusiver die bisherigen sozialen Kontakte und Bindungen der Jugendlichen sind, desto mehr wenden sie sich den radikalen Gruppen zu. Daher spielen in beiden Phänomenen auch soziale Kontakte und Bindungen eine große Rolle. Im Islamismus sind es Freund_Innen oder religiöse Autoritäten und im Rechtsextremismus jugendliche Cliquen oder die jugendspezifischen Party- und Konzertwochenenden, wo persönliche Beziehungen gepflegt werden. Spezifisch im Islamismus ist die Unterteilung innerhalb „religiöser Neulinge“. Bei dieser Gruppe kommt die salafistische Ideologie besonders einfach an, weil solche Jugendliche sich nicht mit komplizierten Fragen auseinandersetzen müssen und sie ihre Antworten durch die sozialen Bindungen zu salafistischen Kreisen einfach erhalten. 106 Insgesamt zeigt sich bei den Hinwendungsmotiven und Ursachen, dass jugendphasenspezifische Aspekte, wie die Nicht-Bewältigung von Entwicklungsaufgaben eine zentrale Rolle spielen und Jugendliche somit über alternative Wege versuchen, diese Aufgaben zu bewältigen und damit die Anerkennung in der Gesellschaft bzw. in ihren Gruppen zu erlangen, die ansonsten ausbleibt. Der Vergleich der genderspezifischen Perspektiven ermöglicht ebenso einige Gemeinsamkeiten und phänomenspezifische Unterschiede festzuhalten. Im Kontext des Rechtsextremismus wurden lange Zeit Mädchen und junge Frauen ignoriert und als das vermeintlich „friedliche Geschlecht“ wahrgenommen. Die Genderblindheit zeigt sich bspw. darin, dass Mädchen und junge Frauen stets als Mitläuferinnen oder Freundinnen von rechtsextremen Männern betrachtet werden. Dabei tragen Frauen mit aktiven Rollen eher dazu bei, dass die rechtsextreme Ideologie in der „Mitte der Gesellschaft“ ankommt. Ähnliche Aspekte der Genderblindheit in Bezug auf Islamismus scheinen weniger der Fall zu sein, weil die Öffentlichkeit die potenzielle Gefahr des Islamismus wohlmöglich höher einstuft und damit entsprechend umgeht. Eine zu betonende Gemeinsamkeit besteht in der Gender-Konstruktion der jeweiligen Phänomene. Beide Phänomene nehmen biologistische Rollenaufteilungen zwischen Mann und Frau vor, wo Männern eher Aufgaben der Sicherheit und Schutz der Familie zukommen und Frauen traditionelle Aufgaben übernehmen wie die Pflege des Haushalts oder die Erziehung von Kindern. Trotz dieser Gemeinsamkeit scheint die islamistische Geschlechtertrennung noch strikter zu sein, da soziale Interaktionen von Männern und Frauen bewusst unterbunden werden und Ansprachen absolut geschlechtergetrennt erfolgen. Hingegen sind Frauen in rechtsextremer Öffentlichkeit sichtbarer, wo sie sich auch bspw. öffentlich gegen „Gender-Mainstreaming“ positionieren. Eine ähnliche öffentliche Sichtbarkeit von Mädchen und jungen Frauen in salafistischen Kreisen bleibt aus. Aktive Rollen übernehmen sie jedoch vor allem in der Übersetzung von Propagandamaterialien und der Beteiligungen an Online-Diskussionen. Komplett gewaltfrei sind salafistische Mädchen und junge Frauen allerdings genauso wenig wie rechtsextreme Mädchen und junge Frauen. Ähnlichkeiten gibt es auch in Bezug auf die Hinwendung von jungen Frauen zu den beiden Phänomenen. Auch hier muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Forschungsergebnisse zum Rechtsextremismus auf empirischen Untersuchungen beruhen und ähnliche genderspezifische Untersuchungen zum Islamismus anderweitig erfolgen. Die von Köttig festgehaltenen drei Schlüsselfaktoren für rechtsextreme Mädchen und junge Frauen 107 liegen auch im Bereich des Islamismus vor. Hierzu zählen Missachtungserfahrungen und Stress in der eigenen Familie, die transgenerationale Verbundenheit und die Sozialräume, die von radikalen Gruppen angeboten werden. Im Unterschied zum Rechtsextremismus erfolgen Aktionen in den Sozialräumen radikal-islamistischer Gruppierungen geschlechtergetrennt. Die ersten beiden Schlüsselfaktoren sind hingegen einander ähnlich, wobei auch hier zu betonen ist, dass im Rechtsextremismus Mädchen und junge Frauen häufig stressige Konflikte mit ihren Eltern erleben, weil sie die heteronormativen Vorstellungen der Eltern nicht erfüllen. Ein weiterer interessanter Befund ist, dass Mädchen und junge Frauen in rechtsextremen Gruppen sich nach klaren Rollenzuweisungen sehnen und Schutz bei „starken Männern“ suchen. Eine solche Annahme von traditionellen Geschlechterrollen ist auch bei salafistischen Mädchen und jungen Frauen erkennbar. Sie erfolgt bewusst und wird als eine Erleichterung verstanden, um sich aus der Komplexität des Lebens zu befreien. Als phänomenspezifische Merkmale gelten hierbei die Aspekte, die mit „ummah under attack, building the Caliphate“ und „individual duty and individuality“ näher beschrieben wurden. Insbesondere der vermeintliche Angriff auf die muslimische Gemeinschaft bringt indirekt den Wunsch junger Frauen an eine idealere Welt ohne Diskriminierung zum Ausdruck, dass durch die Errichtung eines Kalifats erfolgen könne. Jugendspezifische Elemente wie Abenteuerlust, Protestverhalten und Rebellion gelten ebenso als Erklärungsansätze für die Hinwendung zu diesem Phänomen. Obwohl die Genderaspekte im Rechtsextremismus und Islamismus zeigen, dass Frauen eine geringere Rolle in der Gesellschaft zukommen, erweist sich die offensichtliche Betrachtung von Frauen als „Objekte der sexuellen Befriedigung“ von Männern als ein phänomenspezifisches Merkmal für den Islamismus. Hinzukommt, dass Frauen generell als Versuchung gelten und dies sogar zu Rationalitätsverlust bei Männern führen könnte. Das Interesse von Männern an Frauen würde geradezu die eigene Mission gefährden, weswegen diese Themen auch tabuisiert werden. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen gibt es aber auch in rechtsextremen Szenen. Hypermännlichkeit wird als Selbstpräsentation von jungen Männern eingesetzt, um die eigene Unzufriedenheit mit sich selbst abzubauen. Hingegen wird bei rechtsextremen jungen Männern erkennbar, dass sie durch Höflichkeit gegenüber jungen Frauen versuchen, stereotype Vorstellungen über rechtsextreme Jungs abzubauen. Nicht zuletzt wirkt die Hinwendung zu rechtsextremen und islamistischen Szenen emanzipativ. Für muslimische Mädchen und junge Frauen ermöglicht die Beteiligung am Dschihad die Möglichkeit, sich 108 von dem Verantwortungsbereich der Familie zu lösen und „freier“ zu sein. Bei rechtsextremen Mädchen und jungen Frauen bieten die rechtsextremen Gruppen die Möglichkeit, sich Anerkennung und Respekt zu verschaffen, die sie während ihres Lebenslaufes nicht erhielten, indem sie durch Re-Inszenierung von Konflikterfahrungen sich als wirkmächtig beweisen können.

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Zusammenfassung

Extremismus gefährdet Jugendliche in vielerlei Hinsicht und gewinnt zunehmend wieder an Bedeutung für die Soziale Arbeit. Durch die Entwicklung von extremistischen Einstellungsmustern gefährden Jugendliche dabei sich selbst und andere Personen zugleich. Es lässt sich beobachten, dass demokratische Grundwerte bei Jugendlichen sukzessive an Bedeutung verlieren. Aus dem pädagogischen Auftrag zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu „eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten“ (§1 SGB VIII) ergibt sich die Aufgabe der Sozialen Arbeit, sich mit dem Jugendextremismus intensiv zu befassen. Im vorliegenden Buch wird hierzu eine vergleichende Analyse vom jugendlichem Rechtsextremismus und Islamismus vorgenommen und aufgezeigt, welchen Herausforderungen sozialarbeiterische Praxis ausgesetzt ist und wie hiermit fachlich umgegangen werden kann. Die Arbeit wurde mit dem Johanna-Kirchner-Preis 2018 ausgezeichnet.