6. ASPEKTE DER FREMDHEIT in:

Vanessa Betti

Das Zusammenspiel von Raum, Zeit und Figuren in der "Kudrun", page 89 - 141

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4359-2, ISBN online: 978-3-8288-7314-8, https://doi.org/10.5771/9783828873148-89

Tectum, Baden-Baden
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89 6. ASPEKTE DER FREMDHEIT 6.1. Konstruktion und Konzeption von Fremdräumen Von Laien wird das Mittelalter häufig als eine Zeit des recht statischen Lebens empfunden, in der sich den Menschen durch fehlende Mobilität nur in sehr eingeschränkter Weise die Möglichkeit bot, die Welt zu entdecken. Tatsächlich jedoch spielt gerade die Mobilität in dieser Zeit eine hervorgehobene Rolle: Handelsrouten bis hin in den Orient werden eingerichtet, Gesellen sollen sich im Handwerksbereich auf ihrer Wanderschaft beweisen, Gaukler sowie Künstler aller Sparten bereisen das Land auf der Suche nach Auftraggebern und zu den großen Hoffesten muss auch erstmal angereist werden.206 In der Fiktion spielt die vart, also demnach das Unterwegssein der Protagonisten, ebenfalls eine übergeordnete Rolle als „wesentliches Vehikel epischer Gestaltung mittelalterlicher […] Literatur“207, sodass es in diesem Bereich gleichermaßen häufig zu Fremdbegegnungen aller Art kommt. Sowohl die realhistorische wie auch die literaturhistorische Forschung interessieren sich daher für den Umgang mit der Fremdheit des Gegenübers, der Fremdheit der Kultur und dem Empfinden des eigenen Fremdseins.208 Dass das Reisen und das Erfahren der Welt aber auch mit der Fremdheit des Raumes verbunden sind, bleibt leider oftmals nur marginal behandelt. In einer Forschungsrichtung, welche in den letzten Jahren die Analyse der Werkentität „Raum“ zu einer zentralen Untersuchungskategorie aufgewertet hat, verwundert es, dass die epistemologischen Bemühungen in dieser Richtung so wenig fruchtbaren Boden für die Literaturanalyse gefunden haben. Dabei ist die Unterscheidung in Eigen- und Fremdräume eine, zunächst vielleicht simpel 206 Vgl. Schubert S.194. 207 Bräuer S.61. 208 Vgl. Ciesik S.277f. Weitere interessante Forschungsansätze zu diesem Thema sind als Aufsatzsammlung zu finden bei: Rimpau, Laetitia/Ihring, Peter: Raumerfahrung – Raumerfindung. Ferner: Erfen, Irene/Spieß, Karl-Heinz (Hrsg): Fremdheit und Reisen im Mittelalter. Stuttgart, 1997. Darüber hinaus zur Wahrnehmung der Fremdheit des Gegenübers: Haupt, Barbara: Le corps des étrangers – étrangers sans corps. Les étrangers dans la litérature du haut moyen âge. In: Krause, Günther: Literalität und Körperlichkeit. Tübingen, 1997. S.1-19. Ferner Frakes, Jerold C.: Race, representation and metamorphosis in middle high german literature. In: Germanic Studies Anatoly Liberman, 1997. S.119-133. 90 anmutende, aber dennoch konstitutive Bewertungskategorie in der subjektiven Raumwahrnehmung, die deswegen nicht außer Acht gelassen werden sollte.209 Der Eigenraum besitzt grundlegend identitätsstiftende Potenz und gilt u.a. für Ramin als übergeordnete existenzielle Grundlage menschlichen Daseins, die sich jedoch erst in Abgrenzung zu etwas Fremdem ausloten kann. Erst im Vergleich zum Anderen wird das Eigene greifbar, erst in Abgrenzung des eigenen Territoriums kann das Subjekt sich darin orientieren, sodass diese beiden Bewertungskategorien weitaus komplexere Hintergründe aufwerfen, als dies auf den ersten Blick erscheinen mag.210 Zudem betont Großklaus in diesem Kontext, dass man bei einer solchen Analyse der Raumdeixis ebenfalls auf universelle, kulturgeschichtliche als auch kulturspezifische Momente Rücksicht nehmen muss, um vorschnelle oder anachronistische Interpretationen zu vermeiden.211 Bevor ein Raum – sei er real oder fiktional – als „fremd“ eingestuft werden kann, bedarf es demnach zunächst einer genaueren Betrachtung, was man unter diesem Terminus klassifiziert, hier genauer noch, was unter den mittelalterlichen Konzepten von heim bzw. fremde zu verstehen ist. 6.1.1. Begriffsabgrenzung Es sollte zu Beginn auf den Bedeutungswandel des Begriffs „Heimat“ hingewiesen werden, der sich im Laufe der letzten Jahrhunderte immer stärker mit emotionaler Relation aufgeladen hat. Ursprünglich trägt das heim jedoch Rechtscharakter, der auf das jeweilige Zuständigkeitsterritorium des Einzelnen verweist, d.h. der Begriff steht für den Herrschaftsbereich, dem das Individuum zugeordnet ist. Der Terminus gilt zwar ebenfalls für den Zeitraum der Textentstehung der Kudrun als „das ultimum refugium […] als Schutzraum, […] Aktionsraum und auch als Identifikationsraum, [aber eben] in diesem zunächst juristischen Sinne“212, ohne dass sich daraus ein Diskurs auf Metaebene ableiten ließe, wie er heutzutage geführt wird. Demnach wird mit diesem Lexem auf einen konkret greifbaren Raum verwiesen, der für ein Subjekt ersichtliche Grenzen trägt. Dennoch kann man festhalten, dass Heimat an sich, selbst ohne die moderne Verfestigung einer vornehmlich emotional aufgeladenen 209 Vgl. Ramin S.18. 210 Vgl. Ramin S.21. Vgl. hier ebenfalls Großklaus S.249f. 211 Vgl. Großklaus S.250. 212 Greverus S.28. 91 Raumbesetzung, bereits im Hochmittelalter als positiv konnotierter Satisfaktionsraum wahrgenommen wird, in dem grundlegende Bedürfnisse des betroffenen, wahrnehmenden Individuums erfüllt werden können und sollen. Dabei kennt der Begriff zwei unterschiedliche Gegensätze: auf der einen Seite steht hier die Heimatlosigkeit, auf der anderen Seite der Fremdraum. Bringt man diese Termini wiederum in Verbindung mit dem Rechtsgedanken des heim-Begriffes, so kann die Heimatlosigkeit mit einem Zustand außerhalb des Gesetzes gleichgestellt werden, welcher für die Zeitgenossen durch Identitäts- und Sicherheitsverlust absolut zu vermeiden war.213 Der Fremdraum wäre hinsichtlich des Rechtes schlichtweg der Raum außerhalb des Herrschaftsbereiches. Die Begriffe „Fremde“ und „Fremdheit“ werden jedoch ebenfalls auf der Ebene des Relationalen verhandelt. Dieser Relationsgedanke ist hingegen durch alle Zeiten hindurch eher schwer zu definieren, da diese beiden Termini keine konkreten Eigenschaften bezeichnen, sondern in dem Fall eine subjektiv wahrgenommene Beziehung der Verschiedenheit ausdrücken, d.h. immer von der jeweiligen Perspektive abhängen. Dringt ein Subjekt beispielsweise in einen ihm unbekannten Raum ein, ist dieses Gefüge ihm fremd, doch ist das Individuum als Außenstehender auf gleiche Weise für die Einheimischen fremd, kann also als räumlicher Fremdkörper empfunden werden.214 Dabei kann das Fremde sowohl positiv als etwas Besseres, wie auch pejorativ als etwas Minderwertiges wahrgenommen werden, je nach kultureller Prägung, persönlicher Einstellung oder vorangehender Erfahrung des urteilenden Subjekts. Gerade diese polare Diskrepanz der Fremdwahrnehmung – spielt sie sich nun auf sozialer, kultureller oder räumlicher Ebene der Fremdbegegnung ab – besitzt für mittelalterliche Epen gleichermaßen für die Darstellung wie auch für ihre Funktionalisierung eine nicht zu verachtende Rolle.215 Dabei kennt das Mittelhochdeutsche zwei grundlegende Begriffe, um das Fremde zu bezeichnen: den Terminus fremd an sich, als auch den Ausdruck ellende. Beide Lexeme können dabei sowohl als Nomen als auch adjektivisch eingesetzt werden, jedoch nur selten synonym, denn diese Unterscheidung in fremd und ellend beinhaltet innerhalb der jeweiligen Sememe dieser Termini eine leichte Bedeutungsverschiebung 213 Vgl. Greverus S.28 und 32-33. 214 Vgl. Krusche S.143 und Ramin S.67. 215 Vgl. in Bezug auf die Wahrnehmung des Fremdraumes Krusche S.149 und Schnell S.186f. in Bezug auf den konträren Umgang mit Heiden als den Fremden. 92 bezüglich der subjektiven Wahrnehmung des betroffenen Gegenstandes. Der Terminus fremd bezieht sich zunächst neutral auf etwas, das „einem anderen Land zugehört“ bzw. „von auswärts stammt“ und dem Subjekt daher oft „unbekannt“ ist. Dies kann alles Wahrgenommene betreffen, das nicht den anerkannten Normen entspricht – seien es gesellschaftsferne oder -externe Subjekte, Gegenstände, Sitten, Ansichten oder Räume. Dabei muss der Fremdraum gleichsam nicht unbedingt etwas derart Befremdliches sein wie der kulturfremde, mythische Orient, sondern findet der Zeitgenosse bereits im „wilden Wald“ innerhalb seines eigenen Territoriums ein als fremd qualifiziertes Raumgefüge, da dieser als „unhöfischer Ort“ nicht dem eigentlichen Raum der Kultur „Hof“ zugeordnet werden kann.216 Erst im weiteren Sinne stößt man auf die Sememe „gefährlich“ oder „feindlich“, die jedoch den Status des Anderen beschreiben, nicht aber die persönliche emotionale Relation des betrachtenden Subjekts zu dem ihm fremden Gegenüber.217 Der Begriff ellende hingegen birgt seit dem 11. Jahrhundert bereits pejorativere Bewertungen in sich wie „unglücklich, vertrieben“ und „verbannt“; zudem ist in den adjektivischen Sememen „verbannt, vertrieben“ implizit bereits ein Aspekt des Räumlichen enthalten, nämlich der Verlust des individuellen Zugehörigkeits-bereiches. Die Negativität des Begriffs setzt sich etymologisch dahingehend in der Ableitung des neuhochdeutschen Nomens ‚Elend‘ weiter fest.218 Mit diesem Terminus sind demnach eher negative Emotionen und ein räumlicher Bezug verbunden, die das Adjektiv fremd solcherart genuin nicht beinhaltet. 6.1.2. Textimmanentes Raumverständnis Die Kudrun unterscheidet textimmanent ebenfalls gezielt zwischen diesen beiden Polen des Gegensatzes bezüglich des heim-Begriffs. In Bezug auf den ‚Fremdraum‘ sowie auf jene Figuren, die einem fremden Raumgefüge entstammen, spielt die Diskrepanz zwischen fremd und ellende eine zentrale Rolle, die kontinuierlich am Text markiert wird. Diese Divergenz der Termini manifestiert sich erneut innerhalb der ersten Aventiuren des Epos: Die drei Königstöchter werden nach ihrer 216 Vgl. Ramin S.50-59. 217 Vgl. Ihlenburg S.267. 218 Vgl. Schubert S.193f. Fernerhin vgl. Lexer Bd.1 Sp.539-540. Dieser Aspekt des Jammers und des Unglücks findet sich zudem in zusammengesetzten Nomen wie ellendesanc. 93 Überführung von der Greifeninsel in Hagens Heimat explizit als die ellenden fremeden froun (156,1) beschrieben, die eben nicht nur fremed in Sigebants Land sind. Es muss nochmals eigens mithilfe des Adjektivs ellend unterstrichen werden, dass diese drei Protagonistinnen über die simple Fremdheit hinaus keinen eigenen Rückzugsraum mehr besitzen, sodass Bartsch sich ebenfalls genötigt sieht, diesen Begriff in seinem Anmerkungsapparat gesondert mit dem Semem „heimatlos“ anzugeben. Dies ist ferner keine simple Ausschmückung der Narration, sondern ergeben sich daraus handlungslogische Folgen. Auf der einen Seite kann Hildeburg trotz ihrer edlen Abstammung in das Gesinde integriert werden, um ihre kommende Rolle als ideelle Unterstützerin vorzubereiten; auf der anderen Seite erleichtert es die „Brautwerbung“ von Hagen, denn der Wegfall eines Brautvaters erspart ihm diese Mühe schlichtweg.219 Dass dieses Lexem werkimmanent aber vor allem mit pejorativer Semantik beladen wird, zeigt sich überdies bei der Planung der Kaufmannslist an Hetels Hof: Wir suln jehen alle, daz wir in æhte sîn. zehant sô vâhet gnâde der wilde Hagene mîn. man heizet herbergen uns ellenden geste: sô lât uns her Hagene in sînem lande lützel iht gebresten. (259,1-4) Aus der Behauptung, ‚heimatlos‘ zu sein, leitet sich das Mitleid des Königs ab, das Hôrant und seine Komparsen auf einen gütlichen Empfang am Hof hoffen lassen kann. Indem die Protagonisten durch solch eine Assertion mit einer Emotion wie vâhet gnâde rechnen können, zeigt sich, dass ellend sein innerhalb dieser Dichtung allgemein negativ aufgefasst wird – von den potentiell ellenden selbst gleichermaßen wie von ihrem wahrnehmenden Umfeld. Sie können sich bei einer suggerierten Heimatlosigkeit sicher sein, dass der König ihnen einen Schutzraum anbieten wird, innerhalb dessen sich ihnen als Bemitleidete daraufhin mehr Bewegungsspielräume für ihren Plan der geheimen Brautwerbung auftun.220 Die List garantiert ihnen räumliche Nähe zum Brautvater, 219 Vgl. den Anmerkungsapparat bei Bartsch S.37; fernerhin übersetzt auch Störmer- Caysa: Kudrun S.156 dies entsprechend. Auch während ihres Aufenthaltes auf der Insel werden die Protagonisten jeweils als ellende beschrieben oder damit in Verbindung gesetzt (vgl. u.a. die Verse 72,4 und 85,4). Da man die Figuren in der Heimat für tot hält, gehören sie sozusagen nicht mehr diesem Raumgefüge an. 220 Ein weiterer Protagonist, der das Zusammenspiel von Desintegration und Emotionskonnex wiederspiegelt, ist die Randfigur des Kämmerers, der die dänischen 94 welche wiederum durch die räumliche Konfiguration die vriuntschaft derart festigen kann, dass die Brautentführung überhaupt möglich wird.221 Eine ähnliche Wahrnehmung der ellende zeigt sich ebenfalls in Bezug auf Kudruns Entwurzelung. Während der Verlobungszeit bereits nicht mehr klar zum väterlichen Hof gehörend, jedoch noch nicht in den Hof Herwigs integriert, wird die Prinzessin zudem durch die Entführung an Hartmuts Hof derart in einer fremden Lokalität abgeschottet, dass beide potentielle Rückzugsorte für sie unerreichbar werden und sie auf diese Weise zur Heimatlosen wird. Hildes Boten erklären daraufhin an Herwigs Hof: Kûdrûnen ellende erbarmet billîcher niemen (1078,4) Weder die gewaltsame Entführung noch die Verletzung des Hortes wird von den Boten erwähnt, sondern der räumliche Aspekt der Entwurzelung; an erster Stelle erweckt dieser das Erbarmen des Angesprochenen. Selbst wenn die Überbringer an dieser Stelle ihre Aussage auf Herwig begrenzen, so beinhaltet der Vers implizit die Information, dass nicht nur er Mitleid mit seiner Verlobten empfinde, ihm eben nur als Nächststehender rechtens das höchste Gefühl zukomme. Auch Kudrun selbst bewertet ihren Zustand derart pejorativ: Im Zwiegespräch mit Ortûn gibt sie zu, dass ihr nicht über die Einsamkeit und das Gefühl des Fremdseins hinweggeholfen werden kann: doch müejet mich mîn ellende sêre (1040,4) Kudrun spricht nicht die personale Trennung von ihrer Sippschaft an, nicht die ihr angetane Gewalt, Erniedrigung oder Demütigung, sondern verbleibt ihre Klage ebenfalls auf den räumlichen Aspekt der Entwurzelung beschränkt. Lediglich die spätere Selbstcharakterisierung des hegelingischen Streitheeres als ellende[n] geste[n] (1150,3) beim Niederlassen an der Brautwerber in Hildes Kemenate entdeckt. Obschon der Begriff ellend ihm bezüglich nicht fällt, ist er dennoch durch die æhte (416,1) entwurzelt worden. Bezeichnenderweise reagiert Morung darauf mit Trübsal und Traurigkeit, sodass der emotionale Zusammenhang bezüglich der Entwurzelung aufgeworfen wird. Die Erkennungsszene um den Kämmerer akzentuiert jedoch anders als die weiter oben analysierten Szenen den Verlust des Personenverbandes, sodass das ‚ellende‘ wahrscheinlich bewusst nicht explizt aufgeworfen wird . Vgl. hierzu auch Schmitt: Poetik der Montage […] S.122 und S.127. 221 Vgl. Müller: Spielregeln des Untergangs […] S.317ff. 95 Küste von Hartmuts Reich scheint in diesem Kontext nicht angebracht, da es die semantische Mikrostruktur der Begrifflichkeiten offenbar durchbricht. Die Soldaten besitzen an sich einen Heimatort, demnach dürften sie nicht ellende sein. Diese Digression schlichtweg auf die „textimmanenten Widersprüche“, die etwaigen narrativen Brüche und die „Unpräzision des Erzählens“222 mittelalterlicher Literatur zurückzuführen, scheint meines Erachtens nach zu oberflächlich angelegt, denn das Gefühl des Fremdseins kann man in dieser Episode zum Teil aus dem Zusammenhang zwischen der Funktionalität des Hofes und der „Funktionalität“ der rechtsbetroffenen Figuren herleiten. Ähnlich wie bei den Zeitparadigmen223 ist ein funktionierender, organisierter Hof grundlegende Bedingung für die Satisfaktionsmöglichkeit der Bewohner des jeweiligen Rechtsbereiches. Durch den Tod des Königs und die Entführung der Prinzessin ist jedoch gerade eben dieses Organisationszentrum inhärent in seiner Konstitution gestört, sodass es keine Sicherheitspotenz mehr bietet, auf die die Figuren zurückgreifen könnten. Darüber hinaus befinden die Truppen sich in feindlichem Territorium, innerhalb dessen sie „keinen Ort gastfreundlicher Aufnahme“224 finden werden, wie in dieser Strophe explizit durch die letzten beiden Verse und der doppelten Negation betreffend der Nahrungszubereitung unterstrichen wird: […] rîche spîse guot, die besten die si funden bî des meres fluot, die hiez man dô bereiten den ellenden gesten, wande si sô nâhen ir gemaches niht enwesten. (1150, 1-4) Die Soldaten fühlen sich demnach aufgrund des räumlichen Arrangements sowie der Funktionsstörung des Hofes ellend, auch wenn sie es an sich nicht wirklich sind.225 Die Aggregation des Wortgebrauchs von ellend zu unterschiedlichen Momenten der Narration sowie die Beschreibung aus der 222 Kragl/Schneider S.5. 223 Zum Zusammenhang zwischen der Hoforganisation und der Zeitwahrnehmung vgl. Kapitel 3.3. der vorliegenden Arbeit. 224 Anmerkungsapparat bei Bartsch S.230. 225 Am Strand lagern ebenfalls die Streitmächte Sîfrits, doch da sowohl in der vorigen wie auch in der direkt anschließenden Strophe lediglich die Dänen und Kudruns Bruder genannt werden, wird hier davon ausgegangen, dass sich das ellenden geste in 1150,3 nur auf deren Streitmächte bezieht. 96 Perspektive verschiedener Figuren, als auch die dargebrachte Textinterpretation des Ganzen setzen nun die Assertion Müllers außer Kraft, dieser Begriff würde als Opposition zu ‚adlig‘ genutzt werden; das ellende meit (989,1) bezüglich Kudruns Beschreibung also als synonyme Formel zum vorherigen armiu meit (979,1). Sicherlich geht die Fremderfahrung für Kudrun hier mit einer sozialen Entfremdung bzw. Deklassierung von ihrer ursprünglichen Gesellschaftsstellung einher, doch verknüpft das Epos zweifelsfrei räumliche Bedeutung mit dem Lexem, gleichermaßen wie in eben dieser Narrationspassage. Ganz davon abgesehen fällt dieser Terminus textnah ebenfalls beim weiter oben erwähnten Botenbericht, ohne dass zu diesem Zeitpunkt einer der informierten Protagonisten über die soziale Degradierung seiner Prinzessin Bescheid wisse. Es wird nicht bestritten, dass der Verlust eines gesicherten Eigenraumes ebenfalls die Position des Individuums innerhalb des gesellschaftlichen Ranggefälles in Frage stellt, da seine defizitäre Raumgebundenheit eine soziale Neuorientierung mit sich zieht – so zählt der Bann durch den Verlust der sozialen Bindungen zu einer der gefürchtetsten Strafen dieser Zeit – doch lässt sich das Lexem nicht auf den gesellschaftlichen Aspekt des Raummangels begrenzen. Dieses Nebensymptom ist nur eine weitere Facette, warum sich der Terminus mit depretiativer Bewertung auflädt.226 Aus meinem Ermessen übersieht Müller bei seiner Interpretation des diskutierten Terminus‘ dessen werkübergreifende Nutzung und vor allem Funktionalisierung für die Rahmensetzung der räumlichen Dissonanz zweier Gegenbegriffe, die gerade durch die permanenten Raumtransgressionen der Figuren von Bedeutung für das Werkganze sind. Gerade das Lagern der Soldaten am Strand zeigt, dass mit dem Zustand des ellende ebenfalls Raumbewertung einhergeht.227 Für die Protagonisten scheint es dementsprechend von hoher Signifikanz zu sein, diesen Zustand der ellende mitsamt seinen virulenten Nebenerscheinungen auf jeden Fall zu vermeiden. Ein eigener Rückzugsort mit einem funktionstüchtigen Organisationszentrum sowie die Möglichkeit räumlicher Zuordnung anderer Figuren ist grundlegende Voraussetzung eines positiv markierten Umgangs miteinander. 226 Vgl. Sowinski S.314 und Schubert S.196f. Die einzige soziale Gruppe, die sich diesem Prinzip der ellende entziehen konnte, waren die Pilger und Wallfahrer, da sie ihre Heimatlosigkeit frei gewählt haben. 227 Vgl. Müller: Spielregeln des Untergangs […] S.222f. 97 Kommen wir jedoch zurück zu der anfänglichen Wechselbeziehung der beiden restlichen Termini, nämlich von fremde und heim. In Bezug auf die Kudrun spielt für Barbara Siebert diese Dichotomie vor allem für zwei der weiblichen Figuren eine vorherrschende Rolle, denn „was in Kudruns Leiden, ihrer Verschleppung [und] der Erfahrung des ‚ellende‘ […] episch ausgeführt wird, ist in der Gestalt der Hildeburg vielfach schon angelegt. Die Grunderfahrung dieser Nebenfigur ist das ‚ellende‘“228 Gerade für Hildeburg ist diese Erfahrung durch ihre mehrfache Entwurzelung von entscheidender Bedeutung, sogar derart, dass der Autor sich genötigt sieht, ihren „Leidensweg“ eigens in einer gesonderten Strophe zusammenfassend nachzuzeichnen: Ouch was ir einiu dar under von Galizen lant die hête ir ungelücke von Portigâl gesant. Si was von Irlande komen mit Hagenen kinde ze Hegelingen. Sît wart si ze Ormanîe ingesinde. (1008,1-4) Lediglich ihr Aufenthalt auf der Greifeninsel wird hier nicht explizit ausgeführt, sondern nur textimplizit im ungelücke angerissen, sodass sich dennoch sämtliche Stationen ihrer Lebensreise angesprochen sehen. Ferner wird diese ‚Fremde‘ – wie eben bei Siebert erwähnt – für Kudrun wichtig, die über ein Jahrzehnt an Hartmuts Hof auf ihre Befreiung warten muss. Der Autor legt ebenfalls bei dieser Figur Wert darauf, den Aspekt der Fremdheit innerhalb des neuen Raumes wiederholt hervorzuheben, indem er selbst nach all den Jahren des Aufenthalts, selbst nach Kudruns sozialer Deklassierung und damit verbunden ihrer Integration innerhalb des normannischen Hofgesindes redundant betont, dass sie sich in fremeden rîchen (1021, 3) bzw. in fremeden landen (1047, 3) aufhält. Das Gefühl des Fremdseins sieht sich auf diese Weise narrativ kontinuierlich erneuert. Demnach fokussiert der Urheber des Epos in seiner Beschreibung auf eindringliche Art und Weise die Diskrepanz zwischen Heimat und „Ausland“, Integration und simplem „Aufenthalt“. Betrachtet man anschließend das gesamte Figureninventar, so zeigt sich, dass sich die Erfahrung innerhalb eines Fremdraumes nicht auf diese beiden Figuren beschränkt, sondern für fast jeden Protagonisten des Werkes zur Grunderfahrung gehört. Sowohl die Mitglieder des 228 Siebert: Hildeburg […] S.214. 98 männlichen wie auch des weiblichen Figureninventars verbringen einen Großteil ihres Daseins außerhalb ihres ursprünglichen Heimathofes, sie erleben dieses ‚andere‘ Lebensumfeld genderspezifisch jedoch recht unterschiedlich. Diese gehäuften Aufenthalte in der Fremde, ferner die redundante Betonung der Fremdheit innerhalb eines Raumes wie oben erläutert bei Kudrun, verschärfen die Frage nach dem vorliegenden Spannungsfeld zwischen dem Eigen- und dem Fremdraum enorm, sodass diese Polarität weiterer Beleuchtung bedarf. Dass die fremde als Raumkonstrukt je nach Geschlecht anders erfahrbar gemacht wird, begründet sich zunächst in der unterschiedlichen ‚Motivation‘ und den genderspezifischen Möglichkeiten, sich überhaupt erst an einen anderen Ort zu begeben. Dies fußt wiederum im kulturellen Hintergrund der Zeit, welcher den weiblichen Subjekten in einem androzentrischen System lediglich eine passive Gesellschaftsteilnahme gewährt. Adlige Frauen gehören zum Hofstaat, sodass sie ihre Zeit dementsprechend am Hof zu verbringen haben.229 Räumliche Bewegung erfahren sie nur an bestimmten Momenten ihres Lebens, beispielsweise einer für sie arrangierten Hochzeit. Dabei wird die Frau zumeist an den Hof des neuen Gatten transportiert, dort integriert, ohne dass dieser dauerhafte Umzug ihrer Zustimmung bedarf. Die weibliche Entwurzelung ist solchermaßen oftmals extrinsisch motiviert, während männliche Subjekte eher aus intrinsischen Gründen wie Brautschau, Krieg oder bündnissichernden Hilfeleistungen ihr Herrschaftszentrum in zeitlicher Begrenzung verlassen mit der Aussicht, bei entsprechendem Erfolg und/oder Überleben an den Ausgangsort zurückkehren zu können.230 Ein solcher räumlicher Auszug ist für den männlichen Protagonisten in den höfischen Romanen darüber hinaus ein grundlegender Erzählkern, denn erst im Fremdraum kann der Held sich rechtens bewähren; weibliche Figuren bedürfen demgegenüber keiner solchen Prüfungsverfahren zur Existenzberechtigung, sodass ebenfalls in der Literatur der Raum geschlechterspezifisch konstruiert wird. Weibliche Individuen haben dementsprechend bei ihrer räumlichen Umdisponierung aufgrund ihrer untergeordneten Stellung in einer patriarchalischen Gesellschaft meist schlichtweg keine Wahl, vor allem, 229 Vgl. Kroll S.157. 230 Ausgenommen ist in diesem Kontext die ritterliche Ausbildung an einem fremden Hof, die extrinsisch durch zeitgenössische Gesellschaftskonventionen an das maskuline Individuum herangetragen wird. Dennoch ist dieser Aufenthalt erneut zeitlich begrenzt, sodass dem Subjekt die Möglichkeit der Rückkehr offen bleibt. 99 wenn sie, wie Hildeburg231, auch noch zum Teil eines Gefolges deklassiert werden. Für Frauen ist die außenstehende Welt, d.h. der fremde Raum außerhalb ihres angestammten Hofes, durch diese Begrenzung nur mithilfe männlicher Mediation einzunehmen.232 Aufgrund dieser fundamentalen Unterschiede in Bezug auf die genderspezifischen Möglichkeiten einer räumlichen Deplatzierung – hinsichtlich der Freiwilligkeit und Dauer – kann die Wahrnehmung a priori ebenfalls nicht gleich ausfallen, sondern unterliegt eben der entsprechenden Geschlechterkonstruktion. Hinsichtlich des Figureninventars der Kudrun ist dieses Modell an intrinsischer und extrinsischer Motivation übertragbar. Die männlichen Protagonisten brechen häufig aus Rache, Pflicht- und Ehrgefühl freiwillig zu einer Reise auf. Und selbst wenn Wate anfangs nicht sonderlich überzeugt ist von Hetels Wunsch, um Hagens Tochter Hilde zu werben, sogar den anderen Beratern eine Intrige unterstellt, so bricht er als guter Lehnsmann nach der Klärung des Problems schlussendlich dennoch gerne und wol (240,2) für seinen König auf.233 Die Frauen hingegen verbringen meist längere Zeit an einem angestammten Ort, den sie durch extrinsische Begebenheiten wie Heirat oder Entführung verlassen müssen oder überhaupt erst erreicht haben. Dieses geschlechtsspezifische Raumerlebnis lässt sich ferner an den jeweiligen verbalen Umschreibungen ablesen. Männer werden mit den Tätigkeitswörtern der aktiven Bewegung bedacht, sie reiten, fahren, laufen und bewegen sich ohne Einschränkungen durch die textimmanente Welt. Die Frauen hingegen werden vor allem gefüeret234 oder warten beispielsweise nach 231 Obschon Hildeburg eigentlich einer königlichen Linie entstammt, wird sie in das Hofgefolge der Hegelinge integriert. Zwar nimmt sie innerhalb dieses Gefolges eine Sonderstellung ein, dennoch unterliegt sie ebenfalls in einer gewissen Art der sozialen Deklassierung, die erst durch ihre standesgemäße Heirat am Ende aufgehoben werden kann. Vgl. hierzu Siebert: Hildeburg […] S.218. 232 Vgl. Kroll S. 158. Laut ihr bewegen sich Frauen zwar gar nicht so selten außerhalb des Hofes, wie diese schematische Darstellung vermuten lässt, jedoch sind sie dabei auf männliche „Helfer“ zurückgeworfen, und sei es nur die Verkleidung als Mann. 233 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.106f. Die unterstellte Intrige wird zum blinden Motiv, da sie nach dieser kurzen Sequenz nicht mehr erwähnt wird. 234 Vgl. 191,1-2 […] frouwen, die mit im in daz lant wâren gefüeret (bezieht sich auf die Königstöchter von der Greifeninsel), 193,2 juncfrouwen fuorte man, 463,3 wollten sie die frouwen heim ze lande bringen (bezieht sich auf Hilde und ihr Gefolge), 986,2 er brâhte Kûdrûnen ze einer bürge guot, um nur einige Beispiele zu nennen. 100 Hildes Überführung in das Land der Hegelinge darauf, daz man si mit êren zuo ir lande braehte (468,3-4). Selbst die doch recht eigenständig handelnden Heldinnen wie Kudrun verbleiben dennoch eher passiv Reisende, die nicht zu einer aktiven Raumbewegung durch die Wahl entsprechender Verbsyntagma gelangen.235 Nun mag man bei der angesprochenen Brautfahrt von Hilde anführen, dass die Prinzessin sich hier freiwillig mit den Brautwerbern auf die Schiffsreise begibt, doch darf man hier nicht außer Acht lassen, dass diese Episode dennoch einen Brautraub beschreibt. Sicherlich liegt zum Teil eine intrinsische Treibkraft aufgrund ihrer persönlichen Zuneigung zu Hetel vor, doch unterliegt Hilde sowohl dem externen Druck durch die Brautwerber, die ihr diese Flucht überhaupt erst herantragen, als auch dem Druck des väterlichen Willens, den sie zugunsten ihres Liebeswunsches nicht zu beugen vermag.236 Zudem ist sie nicht in der Lage, den Hof auf eigene Faust zu verlassen. Sie wird daher mit dem Hofgefolge zum Abschied der „Kaufleute“ an den Strand gebracht, dô man […] schône die frouwen [schiet] (444,4). Ohne die männliche Mediation hätten die weiblichen Protagonisten demnach überhaupt nicht die Möglichkeit, eine solche Reise anzutreten, auch wenn sie diese aus eigenem Willen antreten wollten. Diese relativ eingeschränkte Bewegungsfreiheit weiblicher Protagonisten artikuliert sich wie viele andere Narrationsschemata erneut innerhalb der ersten Aventiuren des Werkes. Ute wird solchermaßen bei ihrer Brautfahrt zum neuen Herrschaftsbereich gefüeret (14,3). Noch eindeutiger zeigt sich die weibliche Unterordnung bezüglich der Raumtransgression bei Hagens Rückkehr in die Heimat. Sofort nach der Ankündigung seiner Ankunft will die Königin zur Überprüfung seiner Identität an den Strand reiten, doch es bedarf des Befehls des Königs, um die folgenden Reisevorbereitungen zu treffen. Ohne die Zustimmung des Mannes hätte die Königin ihren Sohn nicht am Strand in Empfang nehmen können. Darüber hinaus volgte der küniginne vil manic küener man (150,2). Fernerhin müssen Ortun und Gerlint bei Kudruns Ankunft im Normannenreich von Rittern an den Strand begleitet werden, Ortun sogar eigens von zwein fürsten (977,1) näher herangeführt werden, sodass Krolls Hypothese bezüglich einer männlichen Reisevermittlung 235 Vgl. Bräuer S.59. 236 Zur vaterdominierten Beziehung zwischen Kudrun und Hagen vgl. Campbell S.85. 101 sich textimmanent mehrfach bestätigt sieht. Die darauffolgenden Reisen der Frauen nach Utes anfänglichem Aufbruch zur Hochzeit führen diesen Aspekt eben nur textlich expliziter aus, sodass das Erzählmuster, wie viele andere, innerhalb der ersten Aventiuren seinen Ursprung nimmt, um daraufhin in Variationen ständig wieder aufgegriffen zu werden. Bei Hildes Brautraub lässt sich darüber hinaus erkennen, dass der Fremdraum je nach Geschlecht auch emotionalgebunden anders wahrgenommen wird. Ein Bote berichtet Hetel derart, dass Hilde während der Überfahrt ir vorhte sêre (459,2) und über ihre swaeren (459,4) klagt. Ihre Bewacher hingegen sind trotz der drohenden Schlacht mit dem Brautvater während der Schiffsreise hôch gedinge (463,4). Dabei ist das Meer an sich nicht nur simpler Fremdraum, sondern ein Raum der Bedrohung, der Kontingenz, in dem dem Einzelnen zu jedem Zeitpunkt etwas Lebensbedrohliches passieren könnte. Der Reiseweg über die See sollte demnach auch für die Männer mit michel arbeit (1124,3) oder gar Angst verbunden sein, wie bei der späteren Expedition um den Magnetberg, bevor sie in ihrem heimatlichen „Schutzraum“ ankommen, anstatt mit freudiger Erwartung. Bei der anstehenden Schlacht gegen Sîfrits Männer in Herwigs Herrschaftsbereich reiten die Hilfstruppen ebenfalls frœlîchen (697,4) in die Fremde, obschon die Bedrohung hier für jeden Einzelnen besonders greifbar ist. Die vorab angesprochene Leiderfahrung bei von außen herangetragenen Raumwechseln lässt sich für viele weitere Protagonisten beobachten: „Fremde“ ist dabei vor allem für das weibliche Figureninventar zuerst einmal mit ande bzw. leit verbunden, wie dies bei Hilde mit ihrer swaere beschrieben wird, sodass dies in diesem Kontext als grundlegender Motivzusammenhang bestimmt werden kann. Bereits Ute erlebt durch den gesellschaftlichen Verdruss bezüglich der Störung ihrer Brautwerbung in einer gewissen Art Leid, Hilde muss hier in der Schlacht um ihren verletzten Vater bangen und für Kudrun birgt das fremde Königreich Hartmut letztlich nichts als Entbehrungen sowie soziale Deklassierung. Das vil manic leit (556,2) des Aufenthaltes auf der Greifeninsel lässt sich ebenfalls in diesen Motivkomplex einordnen, selbst in Bezug auf Hagen. Dieser wird im Kindesalter von dem Greifen entführt, noch bevor er überhaupt von einem männlichen Hofbewohner erzogen worden wäre. Er gehört also bei seiner Ankunft in diesen fremeden landen (185,3) zum weiblichen Gender237, sodass seine grôze 237 Vgl. Pearson S.154f. 102 nôt (170,2) – wie er diesen Aufenthalt im Nachhinein selbst charakterisiert – sich nahtlos in den räumlichen Leidzusammenhang einfügen lässt und die These weiter untermauert. Diese Diskrepanz der Wahrnehmung von heim und fremde spiegelt sich überdies explizit bei der Beschreibung von Hildeburgs Gefühlslage hinsichtlich der erwähnten Brautfahrt von Hilde, denn si sach vil fremeder diete; dâ von was ir friunden ande. (485,4) Egal ob man das fremeder diete des ersten Halbverses nun als augenblicklich anwesende Fremde auslegt oder es im größeren Kontext auf die fremden Völker und Orte ihres Lebensweges bezieht, ändert dies nichts daran, dass das subjektive Gefühl der Fremdheit hier der tiefliegende Problemnukleus ihres Unbehagens ist, denn dieser Fremdbereich ohne friunde, demnach eine Lokalität ohne gesellschaftlich verankerte Bezugspersonen als Orientierungspunkte, beraubt sie in gewisser Weise ihrer sozialen Identität, sodass eine neue Positionsverhandlung notwendig wird. Fremdheit und emotionale Wahrnehmung werden auf diese Art miteinander verzahnt.238 Trotz des vormals herausgearbeiteten Selbstbewusstseins seitens der männlichen Protagonisten in Bezug auf den Fremdraum, können sie doch selbst der Wildnis guoter dinge genuoge (1143,2) abgewinnen, hinterlässt ein solcher Aufenthalt in der Ferne bei ihnen nachträglich ebenfalls den faden Beigeschmack negativer Emotionen. Dahingehend berichten die Dänen nach der erfolgreichen Brautfahrt um Hilde vom kumber grôzen dâ vor in fremeden landen (473,3), gleichwohl sie doch am Hegelingenhof gut aufgenommen worden sind und man es ihnen an nichts hat fehlen lassen: Man bot ihnen Schutz an, hat sie aufs Beste verköstigt und reich beschenkt. Dennoch bleibt die Erfahrung hinter der Satisfaktion des heimes zurück, sie wird vergleichsweise als minderwertige Erfahrung wahr-genommen. Dergleichen schält sich diese Schattenseite vor allem auf den Rückfahrten der Helden heraus, bei denen die überschwängliche Bewertung des heimes implizit den Fremdraum abwertet, denn swie guot in was ir veste, ieclîcher doch dâ heime gerner wære (723,4) 238 Vgl. zur Auslegung dieses Verses Siebert: Hildeburg […] S.219f. Vgl. fernerhin Schmitt: Poetik der Montage […] S.124. 103 Diese Dichotomie der Raumbewertung färbt ebenfalls die Rückfahrt von Hartmuts Männern ein, denn die liut ûz Ormanie vergessen sofort jedliche Sorgen und alle freuen sich zehant (955,2) beim Anblick der heimatlichen Küste. Das Heim findet demnach stets gleiche Bewertung als Ort der positiven Emotionalität, egal welche Erfahrungen vorhergehend innerhalb des Fremdraumes durchlebt wurden. Selbst wenn die vielen Witwen und Waisen um die verlorenen Ritter weinen, so bezieht sich diese Trauer und das Leid der Figuren auf das Geschehen innerhalb der Fremde, es ändert nicht die Empfindung gegenüber dem Heimatraum. Die durchgehend positive Bewertung des Heimatraumes lässt sich darüber hinaus an der unterschiedlichen Kriegswahrnehmung von Hilde und Kudrun festmachen. Wenn auch beide Protagonistinnen am Ende mit der Bitte um Schonung dem Kampf der Truppen ein Ende setzen, perzipieren sie das Geschehen selbst in konträrer Weise. Hilde auf der einen Seite empfindet während der Schlacht am fremden Küstenabschnitt nichts als Angst und weint, Kudrun auf der anderen Seite hingegen zeigt kein solch stereotypes weibliches Verhalten, sondern ist sie in der Zeit von Herwigs Kriegszug gegen die Burg ihres Vaters zwischen liebe unde leide (644,4) hin- und hergerissen.239 Die Bedrohung der eigenen Armee und vor allem die Bedrängnis ihres Vaters scheinen im Eigenraum weitaus weniger bedrohlich empfunden zu werden, als wenn dies außerhalb desselben stattfindet, obschon beide Väter dabei in eine Zwangslage geraten. In einer späteren Strophe umschreibt Kudrun den Kriegszug Hetels sogar mithilfe der Semantik des Minnesangs als Dienst an der frouwe, sodass jegliche Bedrohung außen vor bleibt.240 Der Forschungsmeinung, Herwigs Angriff auf die Burg entspreche aufgrund dieser Bewertung eher einer Turnieraufführung als einem Krieg241, lässt meines Erachtens den Ausgang dieser Auseinandersetzung außer Acht. Kudrun fordert explizit friden (651,1) und beschreibt die blutbesprengten Mauern sowie Brustpanzer, sodass Herwig an dieser Stelle sicherlich nicht nur eine simple Turniervorführung anstrebt. Kudruns Sicherheit entspringt demgemäß nicht aus dem 239 Zum Verhalten von Frauenfiguren in Kriegsszenen vgl. Lienert: daz beweinten sît diu wîp […] S.130f und S.143f. Das Weinen und die Bitte um Schonung gelten als stereotypes Verhalten innerhalb oder nach einer kämpferischen Auseinandersetzung. 240 Vgl. Strophe 657. Vgl. fernerhin Störmer-Caysa: Kudrun S.599. 241 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.259 und Siefken S.85f. 104 friedlichen Grundtenor des Kampfes, sondern aus der räumlichen Disposition derselben. Es lässt sich infolgedessen nicht leugnen, dass der Heimatbegriff innerhalb der Kudrun nicht nur juristische, sondern ebenfalls emotionale Färbung annimmt. Bei den unzähligen Erwähnungen verschiedener Begriffe zur Bezeichnung des heime hypostasieren sich fernerhin zwei unterschiedliche Definitionsmöglichkeiten derselben. Auf der einen Seite kehren die Ritter oftmals heim zuo ir herren lande (918,4) zurück, sodass damit der gesamte Rechtsbereich des Herrn, demnach des Lehnsherrn bzw. Königs umfasst wird. Derart freuen sich die Ritter aus Ormanîe beim Anblick von Ludwigs heimwesen, so wie sich Hôrant in der Strophe 814 mit dâ heime ebenfalls auf den gesamten dänischen Herrschaftsbereich bezieht, nicht nur auf die eigenen Ländereien. Auf der anderen Seite kann dieser Begriff aber auch einschränkend auf den engen Wirkungskreis des einzelnen Landesherrn bezogen werden. Markiert wird diese Dichotomie durch Personalpronomen, sodass Ortwin beispielsweise nicht nur heim, sondern heim ze sînem lande (1114,3) reisen kann – dem eigenen Wirkungsbereich innerhalb eines größeren Herrschaftsbereiches. Bei beiden Sememen behält der Terminus jedoch seinen Rechtscharakter bei, denn die Grenzen beider Heimatbegriffe werden durch die formalrechtlich anerkannten ‚Herrschaftsgrenzen‘ bestimmt. Dieser Unterschied der beiden Rechtsbereiche zeigt sich nochmals eindeutiger bei Hildes Ankunft in Hetels Land. Obwohl sich die Recken zu diesem Zeitpunkt bereits innerhalb der Erblande ihres Fürsten befinden, markiert der Autor dennoch, dass die Gruppenzugehörigen in diesem Teilbereich von Hetels Herrschafts-territorium lediglich geste sind, die sich zwischen den eigentlichen lantliute dieser Region bewegen.242 Eine solche textliche Markierung der räumlichen Aufteilung mittels Umschreibung der Figuren kann nicht zufällig gewählt sein, sondern entspringt sie dem Raumverständnis des Dichters. Eine emotionale Differenz zwischen restriktivem und großflächigem Heimatbegriff lässt sich werkimmanent jedoch nicht eindeutig festmachen. In diesem Konnex der emotionalen Raumsemantik sollte ebenfalls der kurzweilige Auftritt der namenlosen Prinzessin aus Iserlande ein weiteres Mal in den Fokus genommen werden. Hätte man sie eigentlich ohne Probleme wie Hildeburg in das Hofgesinde des Hegelingenhofes integrieren und damit aus dem Text verschwinden lassen können, wird 242 Vgl. hierzu Strophe 469 105 an ihr exemplarisch noch einmal die pejorative Erfahrung des Fremdraumes als Resultat von ellende abgespielt. Ihr grôzes leide (193,4) resultiert aus dem Mangel eines sicheren Rückzugortes, eben aus ihrer Heimatlosigkeit. Die Heirat mit dem Fürsten aus Norwæge – bezeichnenderweise wird die Prinzessin nach der Texttranskription Bartschs an den Heimathof Utes überführt243 – kann diese Leiderfahrung vil genædliclîche (193,4) auflösen, obschon sich die Figur doch erneut in einem Fremdraum wiederfindet. Die Hochzeit ist hier der Knackpunkt, sie verankert die Braut in ihrem neuen Lebensumfeld, gibt ihr ein neues heim, sodass die Fremdheit im Verbund mit den negativen Emotionen abgelegt werden kann.244 Dieser Aspekt der Gebundenheit an einen Heimatraum, und nicht an den rauminhärenten Personenverband wird zudem im Halbvers sît wart ir ein rîchez lant ze lône (192,4) nochmals hervor-gehoben. Obschon sie als Frau keine eigenständige Herrschaft übernehmen kann, ist der Schutzraum ihre Belohnung, nicht der Ehemann oder die Familie.245 Der Mangel an handlungslogischer Funktion dieser Einzelszene unterstreicht zudem abermals die Bedeutung, die der Autor diesem Zusammenspiel von Raum und Figuren beimisst. Anstatt sich die Nebenfigur gattungsüblich einfach im Nebel der Vergangenheit absetzen zu lassen, nutzt er sie geschickt, um sowohl das werkimmanente 243 Bereits Roesler merkt an, dass die Doppelverwendung der Reichsbezeichnung Norwæge keinen Widerspruch darstellt, sondern auf einen regen politischen Austausch anspielt, vgl. S.37f. Es sei hier aber nochmals daran erinnert, dass die Handschrift zu Anfang Horwage als Utes Heimat erwähnt, an dieser Stelle nennt sie dann Norwagen als Heimat des Heirats-kandidaten, sodass sich die Frage stellt, ob dies überhaupt als Doppelnennung gedacht war, oder später an den Text herangetragen wurde. Durch die schriftliche Nähe der beiden Begriffe ebenfalls in der Handschrift und der vorhergehenden Argumentation wird die intendierte Doppelverwendung jedoch favorisiert. Vgl. zu diesen Abweichungen in der Originalhandschrift den Anmerkungsapparat bei Symons S.2 und S.33. 244 Bei der Überführung der drei Königstöchter an den Hegelingenhof zeigt sich ferner die weibliche Unterordnung. Hagen kehrt hier in seine Heimat zurück, ohne dass jemals die Frage aufkäme, ob die Protagonistinnen ebenfalls zurückkehren wollten. Ein solch mächtiger Hof, wie er hier gezeichnet wird, hätte die Prinzessinnen ohne Probleme zurückführen können, doch als Frauen wird ihnen die Wahl hierzu schlichtweg nicht gegeben. Vgl hierzu ebenfalls Störmer-Caysa: Wege und Irrwege S.105. 245 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.78. Ähnlich sieht es ebenfalls später für Hildeburg aus. Ihre Belohnung bei der Massenhochzeit am Ende ist im Verbund mit der Ehe mit Hartmut ze Ormanîe ein rîchiu krône (1626,4). Der räumliche Aspekt wird abermals betont. Vgl. hierzu ebenfalls Schmitt: Poetik der Montage […] S.160. 106 Raumverständnis als auch die großangelegte Bündnispolitik des Werkes zu festigen. Ähnlich wie dieser Prinzessin ergeht es Hilde, die nach dem „glücklichen“ Ende des Scharmützels um ihre Hand, ihre heimreise mit Hetel antritt und sich dar nâch ir gemach fuogte in den landen (547, 1-3), sodass sich die räumliche Fremde durch ihre darauffolgende freiweillige Integration abträgt. Als neues heim lässt sich der Raum daraufhin von ihr – innerhalb der vorgegebenen Geschlechtsgrenzen wohl gemerkt – vüegen, sodass Fremdheit von zwei Seiten her abgelegt wird: Raumgefüge und Protagonistin passen sich einander gegenseitig an, sodass sich eine Art von Akkulturation vollzieht. Gleichzeitig weist Hagen bei seiner Abreise den Landesfürsten Hetel darauf hin, dass er den restlichen Frauen gegenüber genædic sein soll, da diese hie noch immer vil ellénde (557,4) seien. Die Akzeptanz der räumlichen Veränderung braucht hier länger, denn die Figuren unterliegen durch ihre soziale Unterordnung in absoluter Weise extrinsischen Entscheidungen. Ferner kann das Gesinde sich auch keinen Raum vüegen, um die Fremdheit abzutragen, sondern muss dieses sich der vorgegebenen Ordnung beugen. Eine Vergleichsbasis zu schaffen wird für die Untergebenen also umso schwerer. Diese differenzierte Verhandlung der Figurenintegration an einem Hof verleitete bereits Schmitt zu der Assertion, „die Situation der Braut und ihrer Frauen [werde] in auffallender Weise berücksichtigt“246, ohne dass diese Episode jedoch in den narrativen Zusammenhang des Werkganzen eingeordnet würde. Stellt man die eben verhandelte Repugnanz jedoch in Verbindung mit Hildeburgs Erlebnissen, als auch Kudruns Perzeption der Umgebung nach ihrer Überführung an Hartmuts Hof, so manifestiert sich hier ebenfalls die Frage nach der räumlichen Integration. Das Erleben des Raumes gestaltet sich mittels beidseitiger Anpassung der Figur sowie des Räumlichen weitaus positiver. Die erfolgreiche Integration eines Individuums ist aber nur mithilfe seiner subjektiven Anerkennung des Umfeldes möglich; eine solche Affirmation bedarf wiederum der Möglichkeit persönlicher Identifikation, d.h. dass das räumliche Arrangement für den Protagonisten kommensurabel ist. Ein Raum muss der Figur gewisses Identifikationspotential bieten, damit sie diesen als Satisfaktionsraum ansehen und akzeptieren kann.247 246 Schmitt: Poetik der Montage […] S.129. 247 Vgl. Greverus S.53f. 107 Erst diese subjektive Akzeptanz einer Raumstruktur durch die Figur selbst löst anschließend dessen ‚Fremdheit‘ auf, sodass Hartmuts Hof alleine durch die persönliche Weigerung Kudruns, dort zu sein, stets ein fremdes Reich für sie bleiben wird, selbst nach über einem Jahrzehnt des Aufenthaltes, selbst bei gebotener Gastfreundlichkeit: Sô si der künig ie gruozte und ir schône bôt, wie lützel daz ir buozte! Si gedâhe an ir nôt, die si und ir gesinde dulten in fremeden landen. (1047,1-3) Zudem verleiht die soziale Deklassierung hin zur Wäscherin dem Gefüge aus Kudruns Sicht einen inkommensurablen Charakter; damit verbunden kann diesem Ort für sie auch nur die Leiderfahrung innewohnen, fehlt ihm doch jegliches Potential der persönlichen Identifizierung für eine Königstochter. Kudrun hat sich zudem bereits davor ganz ihrem Verlobten und seinem entsprechenden Herrschaftsbereich verschrieben, sodass eine Integration sich ihrerseits auch ohne dieses Hindernis der gesellschaftlichen Degradierung schwierig gestalten würde. Diese Polarität der Raumempfindung hinsichtlich von heim und fremde erfährt durch das räumliche Erinnerungsvermögen der Figuren eine weitere Akzentuierung. Nach einer subjektiven Integration innerhalb eines gewissen Territoriums können nichtsdestoweniger Erfahrungen, die einem vorher genutzten Raumgefüge entspringen, gegenwärtig nutzbar gemacht werden. Diese Erinnerungen werden dann auch explizit an einen Raum, nicht an eine Figur oder Handlungsepisode gebunden, wie dies sich bereits bei Utes Verweis auf den väterlichen Hof bezüglich der Kritik an ihrem Mann gezeigt hat. Dieses überdauernde Verwachsen eines Charakters mit dem Raum hypostasiert sich noch konkreter in der eingangs angeführten Reisebeschreibung von Hildeburg. Jede einzelne Raumerfahrung hat ihre Spuren in der Figur hinterlassen, daher muss jede einzelne Station auch eigens Erwähnung finden. Ohne diese Raumbindung wäre sie nicht die Gleiche. In diesem Beispiel präponderiert demnach ebenfalls die räumliche Verbindung die personale Verbundenheit. Von allen durchlebten Stationen dieser Figur kommt dabei ihrem ursprünglichen Heimatbereich durch dessen kontinuierliche Erwähnung nochmals eine Sonderstellung zu. So wird diese Region beispielsweise vor der Beschreibung ihrer Gefühlslage bei Hetel eigens nochmal hervorgehoben: si was von Portegâle (485,3). Auf der Insel erinnern sich die Frauen 108 ebenfalls vor allem an ir vater lande (105,4) und bei Kudruns Geburt wird Hilde trotz ihrer Einbindung an den Hof des Ehemannes trotzdem an das Irrîche (578,3), das Reich des Vaters, rückgebunden. Der Geburtsort scheint demnach den größten Einfluss auf die Figuren auszuüben, gleichzeitig eröffnet dieses Raumsyntagma eine Vergangenheitsdimension, die nicht nur gattungstypisch punktuell für gewisse Episoden der Handlung funktionalisiert wird, sondern auf die durchgehend rekurriert werden kann, selbst wenn dies die momentane Texthandlung nicht aktiv weiter vorantreibt. Die wesentliche Bedeutung des Herkunftsaspektes der Protagonisten konkretisiert sich darüber hinaus geschlechtsunabhängig bei der jeweiligen Einführung der einzelnen Handlungsträger. Die stereotype Introduktion248 Sigebants stellt bereits den Raum als Identitätsträger vor den Namen: Es wuohs in Irlande ein rîcher künic hêr; geheizen was er Gêr (1,1-2) Dieses Narrationsmodell präsentiert sich ähnlich für die Vorstellung Hetels in Strophe 204, wobei seine Namenseinführung erst in der übernächsten Strophe folgt. Analog zeigt sich die Narration für Hartmut und Sîfrit. Der Leser erfährt zunächst, dass sie aus Ormanîelant (587,1) bzw. Alzabê (579,1) stammen, bevor es zu einer namentlichen Nennung kommt. Doch auch außerhalb dieses Phrasenhaften in Bezug auf die epischen Helden werden ihre weiblichen Gegenstücke ebenfalls vor allem über den Raum eingeführt. Für die Urmutter Ute benötigt der Leser alleine vierunddreißig Strophen, bis er der Prinzessin aus Norwæge (8,4) einen Eigennamen zuordnen kann. Stackmanns Postulat, der Dichter wolle mit dieser narrativen Herauszögerung „nicht bei der Einzelfigur […], sondern bei den Begebenheiten“249 einsetzen, kann aufgrund der expliziten Analyse der ersten Aventiure weiter oben, nicht zugestimmt werden. Es zeigte sich klar, dass die Handlung für Ute nicht erst bei dem Turnier einsetzt, bei dem ihr Name fällt, sondern vielmehr bei dem vorhergehenden Gespräch mit ihrem Mann. Nach Stackmanns 248 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.86, sowie nochmals Schmitt: Alte Kämpen […] S.98. Auch Bartsch merkt im Anmerkungsapparat dieser Strophe an, dass diese Figureneinführung mittels der Umschreibung ez wuochs dem formelhaften Narrationsmuster des Nibelungenliedes nachgebildet ist – S.1. 249 Stackmann: Einleitung S.XXXIII. 109 Logik hätte der Eigenname als Träger von Identität weitaus früher auftauchen müssen. Die Narrationsweise bindet die einzelnen Figuren jedoch durch die Parallelität ihrer Einführung aneinander, denn derart entsteht über die Lokalität ein Verweisungszusammenhang.250 Über diese Figurenvorstellung durch den Erzähler hinaus greifen die Protagonisten ebenfalls während der oralen Selbstvorstellung auf die räumliche Herkunft zurück. Bei der Rückkehr von der Greifeninsel beispielsweise fragt der Graf die drei Königstöchter nach ihrer Vorgeschichte. Dabei nennt keine der angesprochenen Figuren einen Eigennamen, sondern greifen sie auf die verren landen (118,2) ihrer Heimat zurück: Indîâ (118,3)251, Portigâl (119,2) und Iserlande (120,3). Der grâve von Garadîe (116,4) selbst bedarf offensichtlich an keiner Stelle überhaupt eines Namens, obschon er der Garant ihrer Rettung als auch auf der Reise zu einer existenziellen Bedrohung für die Handlungsträger wird. Dieses narrative Paradigma, das die Bindung an einen Raum vor die Bindung an den Personenverband stellt, erfährt durch den Umgang mit der Entführung Kudruns eine weitere irritierende Komponente. Der Wortwechsel zwischen Hildes Boten und dem König auf dem Schlachtfeld betont vornehmlich die räumlichen Aspekte des Normannen- überfalls. Die Nachrichtenübermittler beginnen ihren Bericht mit den Verwüstungen, den demolierten Burgen sowie dem verbrannten Land und schließen ihn mit der Schande seines angetasteten Hortes.252 Der König selbst eröffnet seinen Vertrauten die Nachricht auf ähnliche Weise, indem er in fast gleichem Wortlaut zunächst die räumliche Verwüstung seiner Burgen und der Landstriche erläutert – Kudruns Gefangennahme nimmt lediglich einen Halbvers ein, obschon diese Entführung der Nukleus der Erzählung ist. Im Gegensatz zu der Zerstörung trägt sie weitreichende handlungslogische Folgen: Sie leitet den Hauptteil des Epos ein. Trotzdem favorisiert die Narration eigentüm- 250 Vgl. Müller: Spielregeln des Untergangs […] S.110. 251 Aufgrund meiner Argumentation zum Heimatraum ist Höhns These, die Bezeichnung Indîâ beziehe sich hier nicht auf den Raum ‚Indien‘ sondern auf ein Kloster in Inden hinfällig. Die Bezeichnung bezieht sich vielmehr auf ein Verständnis von „Landes-“, bzw. „Regionszugehörigkeit“, als dass der Begriff sich auf ein spezifisches Kloster beziehen würde. Vgl. Höhn S.160. 252 Das Lexem hort kann sowohl für ein räumliches Arrangement wie auch für eine Figurenstruktur stehen, wird jedoch weitaus häufiger im ersten Kontext benutzt. Vgl. hierzu Lexer Bd.1 Sp.1343. 110 licherweise innerhalb dieser Dialoge das Räumliche vor dem Personalen.253 In diesem Kontext der Raumgebundenheit ist ebenfalls interessant zu beleuchten, wie die Einzelnen auf die Ankunft eines Fremden reagieren, denn der Frage, von wannenz der Unbekannte kommt, wird entsprechend der Figureneinführung über räumliche Zuordnung narrativ kongruent eine übergeordnete Bedeutung beigemessen. Nicht nur reagieren die Protagonistinnen auf der Greifeninsel derart auf Hagens Ankunft254, auch der rihtaere255 und Hagen256 selbst befragen etwaige Neuankömmlinge zunächst einmal nach ihrer Herkunft, sodass dieses narrative Muster weiter trägt, als nur simpler stereotyper Einführungsmechanismus zwecks semantischer Figurenkomplementarität zu sein. Innerhalb der Erkundigung nach der Herkunft schwingt dabei sicherlich ebenfalls eine soziale Eruierung des Gegenübers mit,257 doch aufgrund der Frequenz ihres Auftretens als auch der Reaktion auf diese Nachfrage kann eine Akzentuierung des Räumlichen nicht abgestritten werden. Nun mag man an dieser Stelle anführen, dass heldenepische Figuren oftmals in Verbindung mit räumlichen Epitheta genannt werden.258 Ein simpler Vergleich jedoch mit dem postulierten Schwesterntext259 der Kudrun zeigt recht schnell, dass die Frequenz dieser Epitheta in Letzterem vergleichsweise hoch liegt. Auch wenn bei einigen Figuren die räumliche Bezeichnung wechselhaft auftaucht, so werden in der Kudrun die Protagonisten in systematischer Weise mit solchen Epitheta benannt, durch räumliche Zugehörigkeit zu Gruppen zusammengefasst oder gerade eben durch diese Bezeichnung ein deutlicher Unterschied markiert. Solcherart werden die Brautwerber Hetels bei ihrem Aufenthalt an Hagens Hof stets mit ihrem jeweiligen Hof benannt – z.B. Hôrant von Tenemarke (537,1), Wate von Stürmen (358,1) – oder schlichtweg als die ûz Tenelannde (320,4) erwähnt, fast als müsste die Dichotomie zwischen den Einheimischen und ihren paar Gästen stets 253 Vgl. Strophen 816-817 und 822-823. 254 79,3: von wannenz komen wære. 255 294,1-2: von wannen si dar über sê gevaren wæren. 256 310,2-3: frâgen er began, von wannen si dar wæren komen in daz rîche. 257 Vgl. Schubert S.194. 258 Vgl. Zumthor S.383. 259 Um die Primärzitate im Folgenden besser auseinanderzuhalten, werden den Zitaten aus dem Nibelungenlied das Kürzel NL vorangestellt, gefolgt von der Strophe und dem entsprechenden Vers. 111 neu markiert werden.260 Das Nibelungenlied hingegen misst zwar seinen Handlungsträgern räumliche Attribute zu wie Hagen von Tronege (NL 344,1), doch verbleiben die Einzelnen in erster Linie rîchen kuneges kint (NL 183,1). Identitätsträger ist hier weniger die Herkunft als die Rückbindung an die jeweilige Sippschaft. Die Frequenz personaler Rückkopplung eines Charakters ist weitaus höher als die Bindung an einen Raum: Dankwart beispielsweise ist eher Hagenen bruoder (NL171,2) sowie Sindold und Hunold vor allem Gêrnôtes man (NL 233,2) sind, ehe ihnen ein Raum zugeordnet wird. Die vielfachen Umschreibungen Sîfrits zeigen dies von allen Deskriptionen am deutlichsten, denn der recke ûzer Niderlant (NL 288,2) wird weitaus häufiger in Verbindung mit seinen Eltern erwähnt. Er ist kontinuierlich Sigmundes kint (NL 284,1) oder Siglinde kint (NL 207,3).261 Auf die Frage von wannen er denn nun an den Wormser Hof komme, antwortet Sîfrit bezeichnenderweise nicht mit dem Namen seiner Heimat, sondern mit der Erklärung seiner Reisemotivation: Mir wart gesaget maere in mîns vater lant, daz hier bî iu waeren, daz het ich gern erkant, di küensten recken, des hân ich vil vernomen, di ie kunec gewunne. Dar umbe bin ich her bekomen. (NL 105,1-4) Das Ursprungsland wiederum wird lediglich mit dem Land des Vaters umschrieben, ohne dass die genaue Bezeichnung von Bedeutung wäre, während die Kudrun im Vergleich dazu doch hohen Wert auf die genaue Beantwortung eben gerade dieser Lokalitätsfrage legt und sie entsprechend mit einer genauen Angabe zu beantworten sucht. 260 Vgl. Voorwinden S.220f. Hier sind systematisch Textbeispiele zu den einzelnen Figuren und ihren jeweiligen Epitheta zu finden, sodass eine Aufzählung sich hier erübrigt. Vgl. fernerhin Roesler S.41f., welcher hier die narrative Logik nicht durch den Fakt unterlaufen sieht, dass Fruote und Hôrant gleichen Herrschaftsbereichen zugeordnet werden, da sie einerseits kontinuierlich gemeinsam auftreten, andererseits eine Doppelbelehnung zeitgenössische Praxis war. 261 Vgl. hierzu auch: eines rîchen kunegs sun (NL 101,2), des kunec Sigmundes sun (NL 122,4), sun den Sigmundes (NL 214,2), Sigmundes sun (NL 331,1), Sigelinde kint (NL 454,3), der schoenen Sigelinden kint (NL 481,4) und viele weitere. 112 Ähnliche Unterschiede lassen sich ebenfalls bei der Ausarbeitung der Kampf-szenen feststellen. Während das Nibelungenlied seine Truppen vor allem an die jeweiligen Landesfürsten rückkoppelt, greift der Autor der Kudrun erneut stets auf räumliche Umschreibungen zurück. Die textimmanenten Armeen des Nibelungenliedes sind demnach Gunthers man (NL 191, 2) oder auch von Nibelungen di Sîfrides man (NL 577,2). Im Schwesterntext hingegen kämpfen die von Alzabê (698,4), die helde ûz Abakîe (673,2) oder auch die von Normendî (604,1).262 Zieht man nun diese Befunde mit der These Thums zusammen, dass sich „kollektive und individuelle Identität (‚ere‘) im Hochmittelalter insbesondere um das jeweilige Recht (‚reht‘) konstitutierte“263, lässt sich in Zusammenhang mit dem Rechtscharakter des Heimatbegriffes aus diesem literarischen Muster ein identitätsstiftender Aspekt ableiten. Personale Identität leitet sich demnach aus dem Raumgefüge ab, daraus leitet sich wiederum dessen werkimmanent übertriebene Betonung ab. Fernerhin spiegelt die Verschmelzung von Besitzern und ländlichem Besitz zu redundanten Wortverbindungen die relativen Verhältnisse der Machträume. Ähnlich wie Rückverweise übernehmen diese Epitheta für den Rezipienten demnach strukturierende Funktion, indem sie die Relation des üppigen Figureninventars stets erneuern.264 Neben den erlebten Fremdräumen generiert die Kudrun jedoch ebenfalls ferne Rechtsbereiche, die lediglich in Warenbeschreibungen oder Vergleichsmomenten Erwähnung finden. So wird beispielsweise die beste aller Seiden aus Abalî (267,3) importiert, sowie hochwertige Ankerseile aus Arabê (266,1)265 – beides Eigennamen, die zudem eine gewisse Exotik der Produkte suggerieren. Auf der anderen Seite wird von wilden Sahsen oder Franken (366,4) gesprochen. Es zeigt sich also, dass dem Fremdraum keine genuine Bewertung zu Grunde liegt, er demnach gleichwohl qualitativer Garant als auch Feindesraum sein 262 Auch innerhalb der Kudrun kommt es zu personaler Rückbindung der Streitkräfte, beispielsweise Hartmuotes her (750,1), jedoch fußt die Argumentation hier erneut auf der jeweiligen Frequenz dieser Nennungen. Die räumliche Rückkopplung findet weitaus häufiger Verwendung als anderwertige Umschreibungen. 263 Thum S.323. 264 Vgl. Roesler S.49f. 265 Weitere ähnliche Texthinweise: von Abalîe ein hemede (864,4), zwelf kastelân (303,1) als Auszeichnung guter Pferde, rocke ûz Campalîe (332,2). An einer Stelle findet sich der Hinweis baldekîn (301,3) als zu den restlichen Waren vergleichbar abwertendem Lokalhinweis. 113 kann. Die narrativ angelegten Dissonanzen und räumlichen Bewertungen der fremde hängen von der subjektiven Beurteilung ab, als auch vom personalen Erlebnis des Raumes. Abschließend lässt sich demnach festhalten, dass der Autor in Bezug auf die Dichotomie von heim und fremde ein kohärentes Raumparadigma entworfen hat, das sich über die ersten Aventiuren hin entfaltet. Literarische Motivansätze aus den ersten beiden Aventiuren werden konsequent auch in diesem Bereich fortgesetzt, wobei die textimmanent konstruierte Diskrepanz dieser Begriffe auf den zeitgenössischen Raumdefinitionen basiert. Die Sememe fremd und ellende werden hingegen genauer gegeneinander abgewogen, sodass dem ellende hier eine ungleich pejorativere Semantik zugemessen wird. Bei der räumlichen Wahrnehmung der Fremde wiederum, sowie bei der raum-inhärenten Bewegungsfreiheit der Protagonisten wird bewusst auf entsprechende Geschlechterkonstruktionen zurückgegriffen. Männliche Figuren nehmen den Fremdraum weitaus positiver wahr als ihre weiblichen Gegenstücke, dies fußt jedoch nicht zuletzt in ihrer Potenz der aktiven Raumeinnahme. Weibliche Individuen müssen sich hingegen mit von außen herangetragenen Raumwechseln auseinandersetzen, sodass sich aus dieser Erfahrung meist ihr Leid ableitet. Wenn die männlichen Protagonisten auch selbstbewusster innerhalb eines fremden Raumgefüges auftreten, so laden beide Gender jedoch diese Bereiche gleichermaßen emotional auf – Heimat mit Satisfaktion, Fremde mit Angst, Bedrohung und Leiderfahrung, sodass es in diesem Bereich ebenfalls zu einem Wechselspiel der Entitäten Raum und Figuren kommt. Ferner übernimmt der Schriftsteller bei der Konstruktion des heimatlichen Raumes das narrative Muster des räumlichen Verwachsens. Sicherlich kann man in diesem Kontext nicht von einer „Hybridisierung von Raum und Subjekt“ sprechen, wie dies die Interpassion von Busch beschreibt, dennoch übernimmt dieses Raumgefüge identitätsstiftende Aspekte – vor allem das Gebiet der Herkunft. Andere Figuren identifizieren ihr Gegenüber über dessen räumliche Abstammung, gleichzeitig wird dieser Raum für die Figuren selbst wichtig, denn ihr momentanes Verhalten basiert auf den Erfahrungen innerhalb der vorigen Räume, bzw. des Raums ihrer Sippschaft. 114 6.2. Umgang mit Fremdfiguren Wie bereits im vorhergehenden Kapitel zur Semantik des Fremdraumes dargelegt wurde, involviert der Terminus „fremd“ zwei differente Bedeutungsebenen: Einerseits impliziert der Begriff eine wertungsneutrale Bezeichnung von etwas schlichtweg „Unbekanntem“, gleichzeitig inkludiert „fremd“ ebenfalls eine relationale Ebene im Sinne von etwas „Befremdendem“. Bei Letzterem fällt die Definition dementsprechend schwerer, da der Ausdruck keine objektive Subjekteigenschaft mehr beschreibt, sondern einen subjektiv wahrgenommenen Konnex zum Bezugsobjekt, der wiederum von der jeweiligen Betrachterposition abhängt. Eine emotional empfundene „Fremdheit“ ist demnach ein relationales Konstrukt, das sich von einem rein persönlichen Urteil ableitet und dementsprechend unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Dies ist im Umgang mit einem unbekannten bzw. „fremden“ Gegenüber nicht anders als bei der Wahrnehmung eines entsprechenden Raumgefüges. Gleichsam lotet sich in diesem Fall das Eigene hier in Bezug auf das Fremde aus, denn dort, wo man das Unbekannte ansetzt, grenzt man es implizit von der eigenen Norm ab; was der Betrachter als „befremdend“ wahrnimmt, gilt ihm gleichzeitig als Abgrenzung des Vertrauten.266 Trotz der vielfältigen Definitionsmöglichkeiten des Terminus sollte beachtet werden, dass eine intensiv wahrgenommene Fremdheit, die etwas weitere Kreise zieht als der simple Fakt einem Unbekannten zu begegnen, zumeist auf kultureller Ebene verhandelt wird. Schubert ist es dabei wichtig zu betonen, dass der Ausdruck „Fremder“ in erster Linie bedeutungsneutral zur Bezeichnung eines „Nicht-Ortsansässigen“ genutzt wird, und keine Bedeutungsähnlichkeit mit dem Adjektiv „befremdlich“ annimmt. Die Relation zum Befremdlichen eines Gegenübers wird erst im Anschluss daran verhandelt, wenn die objektive Eigenschaft „fremd“ festgestellt worden ist. Auch wenn der Forscher sich in gewissen Aspekten später zurücknimmt, unterstreicht er im Kontext dieser Fremdbegegnungen die Offenheit der mittelalterlichen Zeitgenossen: 266 Vgl. Thum S.317f. und Goetz S.248f. Dieser spricht bezüglich der Fremdheit von einem „mentalen Konzept“ (S.249), da es eine subjektive Zuschreibung ist. 115 „En dépit des oppositions éthiques et nationales les plus diverses, il est surprenant de voir avec quelle franchise les gens de cette époque se présentaient à d’autres hommes venus de pays lointains.“267 Darüber hinaus kann man die Semantik des Begriffs auf die soziale Determination von Fremdheit ausdehnen, gilt doch innerhalb des mittelalterlichen Gesellschafts-gefüges an sich alles als „fremd“, was die subjektiv anerkannten Normen der eigenen Gruppe in Frage stellt – dies kann sowohl unterschwellig über den jeweiligen Gesellschaftsstand passieren wie bei sozialen Grenzgängern, den Gauklern und Bettlern beispielsweise, oder eben offen dargestellt werden, indem ein Ebenbürtiger den Anderen in seiner Handlungs- oder Lebensweise hinterfragt. Zeitgenössisch sind fernerhin Individuen außerhalb des eigenen Standes a priori „fremd“ auf relationaler Ebene; aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensweise werden sie als „befremdlich“ wahrgenommen.268 Diese Fremdheit kann sich dabei über unterschiedliche Komponenten ausloten, die schließlich ebenfalls den Umgang mit dem Gegenüber bestimmen. Dieses „Befremdende“ des Bezugsobjektes kann demnach wahrgenommen werden als etwas vom urteilenden Subjekt Unterschiedenes, etwas ihm Komplementäres, etwas von ihm absolut Ausgeschlossenes oder gar etwas für das Betrachtersubjekt Inkommensurables, das den wechselseitigen Umgang durch das Fehlen jeglicher Vergleichsbasis ungemein erschwert. Die Grenzen dieser Wahrnehmungskategorien können wiederum verschwimmen oder sogar ineinanderfließen, sodass mein Gegenüber sowohl den Normen entsprechende, als auch komplementäre wie ausgeschlossene Eigenschaften gleichzeitig manifestieren kann. Egal wo die Fremdheit des Anderen nun innerhalb dieser Kategorien angesetzt wird, bildet die Begegnung mit einem Unbekannten in einer Gesellschaft des ritualisierten Umgangs miteinander – vor allem innerhalb der höfischen Population – durch die Kontingenz dieses Zusammentreffens stets eine Bedrohung des eingespielten Systems. Beide Parteien können den Anderen schlecht einschätzen, sodass die habitualisierten Handlungsschemen aufgebrochen werden müssen zugunsten eines „freieren“ Umgangs miteinander, in Verbindung mit dementsprechenden Verhaltensunsicherheiten, der Gefährdung des sozialen 267 Schubert S.194. 268 Vgl. Thum S.318. Er unterteilt in diesem Kontext den Begriff in die Kategorien der „externen“, ethnographischen Fremde, und der „internen“ Fremdheit, die auf Unterschiede innerhalb des eigenen Kultursystems reagiert. 116 Systems und eventuellen Enttäuschungen.269 Haferland spricht durch die Vielfältigkeit der unvorhersehbaren Reaktionsmöglichkeiten der sich fremden Interaktionspartner von einer „doppelten Interaktionskontingenz“ bzw. dem Nullpunkt des Interaktionshabitus.270 Dabei kennt die höfische Literatur zwei grundlegende Möglichkeiten, auf eine solche Begegnung zu reagieren: Zum einen kann sie eine Kampfsequenz einleiten, die dem Abklären des Agons dient und die Position der Subjekte innerhalb des höfischen Machtgefüges durch Gewalt klären soll. Zum anderen kann sie mit Hilfe eines Grußes eingeleitet werden, der eben dieses Konkurrenzdenken und die beinhaltete Kontingenz, mitsamt der ihr inhärenten Gefahr durch die symbolische Versicherung eines friedlichen Umgangs miteinander abschleifen soll. Dennoch ist das Grüßen kein Friedensgarant, sondern lässt sich die Fried-fertigkeit eines Zusammentreffens erst mit einer ebenfalls pazifistisch gearteten Antwort seitens des Gegrüßten klären. Die unmittelbare Reaktion auf ein fremdes Individuum hängt dabei von vielen Faktoren wie der Intention der Beteiligten, dem jeweiligen Geschlecht, den evozierten Gattungsschemen oder schlichtweg dem Moment der Handlung ab.271 Gerade die Kudrun sollte einer solchen Fremdheitsforschung fruchtbaren Boden bieten. Zum einen begegnen die Figuren durch ihre permanente Transgression der Räume logischerweise vielen Fremden, zum anderen führen die wiederholten Variationen des Brautwerbungsschemas Fürsten aus den unterschiedlichsten Königreichen an die jeweiligen Höfe der Umworbenen, sodass der Fremdumgang stets neu verhandelt werden muss. Es verwundert daher, dass diese Thematik innerhalb der Forschung nur marginalen Anklang gefunden hat. In Bezug auf das vorliegende Epos lassen sich lediglich zwei detaillierte Behandlungen bei Michaelis und Schnell finden, deren Bemühungen sich leider auf den Umgang mit den Heiden beschränken, sodass alle restlichen Fremdbegegnungen 269 Vgl. Hirschbiegel S.44ff.: Das ritualisierte Kommunikationssystem des „Hofes“ versucht eben gerade durch kommunikative Selektionsprozesse und festgelegte Interaktionsregulatoren die Komplexität menschlichen Verhaltens zu Gunsten vorhersehbarer Reaktionen zu reduzieren, um auf diese Weise mehr Stabilität zu generieren und Unsicherheiten durch Komplexitäts-reduktion abzuschaffen. Der Einbruch eines systemfremden Individuums, das die systemimmanenten Regeln nicht kennt, bedeutet also immer auch eine Infragestellung, damit ebenfalls eine Bedrohung, eben dieses etablierten Kommunikationssystems. 270 Vgl. Haferland S.37f. und Müller: Spielregeln für den Untergang […] S.375f. 271 Vgl. Haferland S.139f. 117 außen vor bleiben. Dementsprechend setzt die vorliegende Arbeit in diesem Nukleus an, um den Beobachtungshorizont auf jegliche narrative Ausgestaltungsmomente von Fremdbegegnungen auszudehnen und diese mit dem theoretischen Rahmen sowie den Ansätzen der eben Genannten in Verbindung zu setzen. In diesem Kontext muss zunächst festgehalten werden, dass man für die Kudrun zwei grundlegende Typen von „Fremdbegegnung“ definieren kann: Auf der einen Seite treffen Figuren aufeinander, die sich zwar größtenteils unbekannt sind272, jedoch einem ähnlichen Kulturkreis angehören; im Folgenden wird dieser als „Okzident“ bezeichnet. Nicht zuletzt hat bereits die vorhergehende Raumanalyse gezeigt, dass Figuren selbst innerhalb der eigenen heimat, sofern man diesen Begriff in seiner weitergefassten Definition heranzieht, binnen gewisser Territorien zum gast werden, je nachdem in welcher räumlichen Konfiguration sie sich zu ihrem Stammsitz befinden. Die begriffliche Trennung von lantliute und geste wird vom Autor klar markiert, auch wenn beide Parteien sich innerhalb des Rechtsterritoriums des gleichen Landesherrn bewegen sowie diesem angehören.273 Auf der anderen Seite, um zurück zur Fremdheitsdefinition zu kommen, beschreibt das Epos aber auch Protagonisten, die nicht nur landessondern ebenfalls komplett kulturfremd sind wie die Ritter aus dem Mohrenland; aufgrund dieser Herkunft soll dieser Kulturkreis im Folgenden als „Orient“ bezeichnet werden. Diese Gruppe an Figuren unterscheidet sich nicht nur auf der kulturellen, sondern ebenfalls auf der religiösen sowie somatischen Ebene vom restlichen Figureninventar. Entsprechend fällt die Wahrnehmung dieser Protagonisten durch Hetel anders aus als die Wahrnehmung anderer Brautwerbungsboten. 272 Die Formulierung „größtenteils“ wurde aus der werkimmanenten Situation des „Erzählens in der Erzählung“ gewählt. Bei der Brautwerbung um Hilde gibt Hôrant beim ersten Beratungs-gespräch an, die Sitten an Hagens Hof zu kennen; es bleibt jedoch unklar, ob er diese aus dem Umgang mit Hagen, also aus eigener Erfahrung kennt, oder ob diese Informationen aus den ‚Liedern‘ stammen, die bereits zu Lebzeiten über Hagen gedichtet werden. Weiterhin scheint Hôrant viceversa für Hagen absolut unbekannt zu sein, sodass es opak bleibt, in welchem Grade sich die Figuren ‚fremd‘ sind. Vgl. zu diesem Problemfeld Störmer-Caysa: Wege und Irrwege […] S.106. Sie erklärt diesen singulären Hinweis einerseits mithilfe der „Motivation von hinten“: Hôrant hat diese Information, da er aufgrund der späteren Aufgabe des Singens mit dem Hof verknüpft wird; andererseits könnte es ihrer Ansicht nach eine Motivübernahme aus dem Dukus Horant sein. 273 Vgl. Strophe 469 bzw. Kapitel 6.1.2. 118 Korrespondierend zu der Figurenkonstellation der Kudrun soll der referentielle Aspekt der Fremdheit im Folgenden vor allem aus der Perspektive der familiären Hauptlinie beleuchtet werden, ohne sich jedoch gegen andere Sequenzen zu verschließen. In Bezug auf das Bild der Ritter aus dem Mohrenland ist vor allem auf beschreibende Passagen zurückzugreifen, sodass das Befremdliche hier anders verhandelt wird, als bei Dialog- und Interaktionsszenen während des Hofaufenthaltes der Dänen. Im Mittelpunkt steht jedoch nicht nur die Frage, wie die Fremdfiguren jeweils dargestellt werden, sondern gleichermaßen die Wechselwirkung einer solchen Begegnung. Sowohl die Reaktion der Raumansässigen auf ihnen Unbekannte als auch die Gegenreaktion dieser „Fremden“ auf den ihnen entgegengebrachten Umgang sollen analysiert werden. Bei solchen Fremdbegegnungen fällt die eigentümliche Kommunikationssituation zunächst ins Auge. Keine der Figuren, aus welchem Kulturkreis sie auch stammen mag, unterliegt auf sprachlicher Ebene dem geringsten Problem mit einer anderen Figur in Kontakt zu treten. Bei Dialogen können die Protagonisten frei miteinander interagieren, ohne dass sich aufgrund der Fremdsprache irgendein Problem oder Missverständnis ergeben würde; dass bei den räumlichen Herkunftsdiskrepanzen überhaupt das Hindernis einer fremden Sprache entsteht, wird zudem nie erwähnt. Solcherart kennt Hartmut aus der Normandie keine Sprachschwierigkeiten an Hetels Hof, obschon dieser Ort eine mehrere Wochen andauernde Reise entfernt liegt. Desgleichen kommuniziert auch Sîfrit aus dem fernen Orient ohne Mühe mit dem König der Hegelinge. Selbst die Begegnung von vier Figuren aus jeweils unterschiedlichen Herkunftsländern bei Hagens Ankunft auf der Greifeninsel verläuft reibungslos. Der Kontakt entsteht sofort ohne irgendeine Schwierigkeit, obschon sich unter den Prinzessinnen ein indisches und ein potenziell lusitanophones Mädchen befinden.274 Zuletzt spielt sich ebenfalls der Aufenthalt der Dänen an Hagens Hof ohne Kommunikationsprobleme ab mit Ausnahme des Zusammentreffens von Wate und der Gruppen an Frauenfiguren des Hofes. Seitens der 274 Der Begriff Portigâl bezeichnet nicht notwendigerweise das Herrschaftsgebiet Portugal, denn an späterer Stelle wird eine gemeinsame Grenze zwischen diesem Gebiet und dem Dänenland unterstellt. Je nachdem, ob man dem Dichter der Kudrun eine ‚wirklichkeitsgetreue‘ Geographienachbildung unterstellt, oder daran zweifelt und der geographischen Darstellung mehr Freiheiten einräumt, kann dieser Terminus unterschiedlich ausgedeutet werden. Vgl. Störmer-Caysa: Kudrun S.583. 119 weiblichen Protagonisten sorgt Wates Benehmen für Gelächter. Diese Interaktionshemmung resultiert jedoch nicht aus einer sprachlichen Diffizilität, weniger noch ist die ethische Abstammung Anlass dafür, sondern vielmehr seine Rolle als archaischer Krieger. Wate kann in dieser Situation allein aufgrund seiner Figurendisposition, welche den Umgang mit Frauen schlichtweg nicht entsprechend der höfischen Umgangsformen vorsieht, nicht ‚richtig‘ reagieren, sodass die Situation für ihn unangenehm und auf seine Gegenüber eher belustigend wirkt.275 Es scheint demnach weder beim Zusammentreffen kulturähnlicher noch bei der Begegnung kulturferner Figuren offensichtliche Sprachbarrieren zu geben. Hierzu liefert Schubert Erklärungsansätze in Form realgeschichtlicher Besonderheiten. So mag es wohl sein, dass es zu diesem Zeitpunkt noch keine festgefahrenen „frontières linguistiques claires“276 gab, wohl auch, dass das Erlernen fremder Sprachen bereits beliebt war, doch konnte man sich gleichzeitig innerhalb eines Sprachraumes durch die hohe Dialektvielfalt teilweise kaum verständigen, sodass dies für die Narration zu kurz greift. Zudem lässt sich Schuberts Ansatz bei der Begegnung zwischen dem kindlichen Hagen und den Prinzessinnen eher weniger anführen angesichts des Alters des Jungen – ein siebenjähriges Kind ist selbst bei einer Hochbegabung kaum fähig gleich vier Sprachen fließend zu beherrschen und sich mit einer einzigen Assertion bei drei Figuren mit anderer Sprachherkunft gleichzeitig verständlich zu machen. Dieses Phänomen der grenzüberschreitenden Interaktionsleichtigkeit beschränkt sich nun jedoch nicht nur auf die Kudrun, sondern zeigt sich kontinuierlich innerhalb der Epik des Mittelalters. Egal welchen Ursprungs die jeweiligen Figuren sind, stellt sich ihnen nur in den seltensten Fällen ein Kommunikationsproblem bei solchen Fremdbegegnungen in den Weg. Sicherlich spielt hier die Überordnung des Erzählziels mit ein, sodass die Kommunikationssituation zwecks Reduktion des narrativen Hauptstranges schlichtweg vorangetrieben werden muss, doch bleibt die Frage, warum es nicht einmal in Ansätzen 275 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.115, Störmer-Caysa: Kudrun S.580 und Schmitt: Alte Kämpen […] S.199. Einen weiteren interessanten Aufsatz zu diesem Thema bietet Daniel Rocher, der gerade die wenigen Ausnahmefälle, in denen Fremdsprachenprobleme artikuliert werden, analysiert. Vgl. Rocher, Daniel: Das Problem der sprachlichen Verständigung bei Auslandsreisen in der deutschen Literatur des Mittelalters. In: Huschbett, Dietrich (Hrsg): Reisen und Welterfahrung in der deutschen Literatur des Mittelalters: Vorträge des XI. Anglo- Deutschen Colloquiums. Würzburg, 1991. S.24-34. 276 Schubert S. 202. 120 zur Problematisierung dieses Themas kommt. Leider kann dieser Hintergrund anhand des bearbeiteten Werkes jedoch in dieser Arbeit nicht zufriedenstellend geklärt werden.277 6.2.1. Begegnungen mit Fremden aus dem Okzident Es sei anfangs auf die Besonderheit der relativen Raumverortung der einzelnen Herrschaftsbereiche im Kulturkreis des Okzidents hingewiesen: Das Arrangement eines zentralen Meeres zwischen den Reichen führt dazu, dass die einzelnen Familienverbände stets eine Schiffsreise auf sich nehmen müssen, um miteinander in persönlichen Kontakt treten zu können. Lediglich die Lehnsländereien eines größeren Herrschaftsgebietes grenzen aneinander, sodass der Rezipient bei einer Brautwerbungssituation generell davon ausgehen kann, dass dabei stets fremde Protagonisten aufeinandertreffen.278 Die weiter oben reklamierte Geistesoffenheit gegenüber Fremden findet sich in der Kudrun innerhalb dieser Konstellation der Kontaktaufnahme zwischen den einzelnen Herrschaftshäusern derartig aber wieder, denn die vielfachen Fremdbegegnungen besitzen durchgängig einen friedlichen Grundtenor. Einem Unbekannten treten die Protagonisten prinzipiell mit einer positiven Neugier gegenüber – jedoch nur unter der Prämisse, dass sich menschliche Subjekte gegenüberstehen. Das ‚Menschsein‘ scheint die absolute Grundvoraussetzung einer positiv konnotierten Begegnung zu sein. Dieses Postulat lässt sich am besten anhand der Eingansepisode auf der Insel der Greifen erläutern. Hagen ist in dieser Situation der Eindringling in die bereits eingespielte Mikrogesellschaft des Prinzessinnentrios in der Höhle, sodass der Aspekt der Fremdwahrnehmung hier nicht aus seiner, sondern aus der Perspektive der weiblichen Figuren beleuchtet werden muss: Dô ez die frouwen slîchen sâhen an den berc, 277 Vgl. MacBrain S.357f. und Krusche S.150. Letzterer bemerkt anhand des Herzog Ernst, dass auch das höfische Verhalten scheinbar häufig kulturübergreifend gleich bleibt, ansonsten müssten weitere Interaktionshemmungen auftreten. Es wird angenommen, dass auch hier das Erzählziel sich die Kommunikationssituation schlichtweg unterordnet und diese Aussparung etwaiger Konfliktherde der Komplexitätsreduktion des Erzählstranges dient. 278 Vgl. Kohnen S.7f. Ein Ausnahmefall stellt hier der Kemenatenwächter Hildes dar, der offenbar zum Familienkreis eines dänischen Abgesandten gehört, er stellt hingegen lediglich eine Helfer-figur im Gesinde von Hagens Hof dar, sodass die Prämisse sich fremder Herrscherverbände nicht unterlaufen wird. 121 dô wollten si des wænen, ez wære ein wildez twerc oder ein merwunder von dem sê gegangen. Sît kom ez in sô nâhen: jâ wart ez von in güetlîche emphangen. Hagene wart ir innen; si wichen in daz hol. Alles unmuotes was ir herze vol, ê daz su erfünden, daz ez ein kristen wære. mit sîner arbeite schiet er si sît von maniger herzen swaere. (75-76) Scheinbar treten die Mädchen dem Neuankömmling mit unmuot (76,2) gegenüber, sodass diese Erstbegegnung unter einem schlechten Stern zu stehen vermag. Diese depretiative Wahrnehmung resultiert jedoch lediglich daraus, dass sie das fremde Individuum nicht als menschliches Wesen erkennen, sondern als wildez twerc (75,2) oder als Meereswesen. Da diesen Kreaturen ein gewisses Gefahrenpotential innewohnt, wollen sie sich demgemäß nicht schutzlos ausliefern. Sobald sie Hagen jedoch als Menschen und genauer noch als Christen perzipieren, legen die drei Protagonistinnen jegliches pejorative Gefühl ihm gegenüber ab. Die Prämisse seines menschlichen Daseins führt dazu, dass er güetlîche (75,4) und minneclîche (79,1) aufgenommen wird, ohne dass weiter über seine Hinter- oder Beweggründe diskutiert werden müsste.279 Das alsbald einsetzende Wechselspiel zwischen Hagens Bitten und deren Gewährung durch die „Bewohnerinnen“ der Höhle stärkt das Beziehungsgeflecht durch gegenseitige Anerkennung in solcher Weise, dass der Fremdling schnell als aktives Mitglied der insularen Mikrogesellschaft anerkannt wird. Seine Fremdheit trägt sich durch diese Inklusion ab; sein Status als Kind erleichtert diese Einbindung in eine Frauengesellschaft wahrscheinlich.280 In einem ähnlichen Handlungsmuster verläuft ebenfalls das spätere Zusammentreffen zwischen dieser Inselgesellschaft und der Mannschaft des Grafen von Garadê. Der Graf verbietet seinem Steuermann, in die 279 Störmer-Caysa merkt zu dieser Passage an, dass Zwerge innerhalb der Heldenepik häufig als Heiden wahrgenommen werden. Die „Annahme, dass Zwerge oft nicht als Christen gelten“, wäre in „diesem Fall gleichbedeutend damit, sie nicht als Menschen zu behandeln“ (Störmer-Caysa: Kudrun S.580). Da Sîfrit und seine Truppen späterhin jedoch nicht wie Unwürdige behandelt werden, sehe ich das Problem nicht in der Kontrastierung von Christen und Heiden, sondern in der Gegenüberstellung von mythischen und menschlichen Lebewesen. Das Bekenntnis zum Christentum ist hier und bei der Rettung durch den Grafen von Garadê lediglich der Garant der Menschlichkeit. 280 Vgl. Haferland S.161. 122 Nähe des Ufers zu segeln, da er die vier Subjekte am Strand zunächst nicht als menschliche Lebewesen identifizieren kann. Erneut gibt die Religion Anlass, den Gegenüber in seiner menschlichen Natur zu eruieren, denn nachdem Hagen sich durch den lautstarken Gottesausruf als Christ zu erkennen gibt, dô erkaltete ir281 gemüete (111,4) schlagartig. Die Mannschaft samt des Grafen springt sogar in eine Barke, um den Unbekannten entgegenzufahren – teils lässt sich hier die Neugier des Grafen als Motivation der Bootsfahrt ans Ufer anführen, teils fungiert diese Raumüberwindung jedoch sicherlich auch als Zeichen der Ehrerbietung gegenüber den Fremden und dem Aufnehmen einer positiv konnotierten Beziehung.282 Faszinierend zeigt sich bei dieser Fremdbegegnung auf der anderen Seite ein situativer Genderaspekt, gilt die Prämisse der menschlichen Existenz in der vorliegenden Episode nämlich lediglich für den männlichen Fremden, nicht jedoch für seine Begleiterinnen. Die Wahrnehmung Hagens als übernatürliches Wesen bereitet dem Grafen derartiges Unbehagen, dass er sich nicht einmal dem Ufer nähern will, während eine solche Wahrnehmung der weiblichen Figuren vielmehr freudige Erregung als Unmut und Ablehnung hervorruft. Zwar fürchtet die Mannschaft sich am Anfang noch vor den wildiu merkint (109,4), explizit erwähnt als sie die Frauen sehen, doch trägt sich diese Furcht sofort nach dem Erkennen ihres Beschützers Hagens ab. Man rudert dem Ufer nach der Hinfälligkeit männlicher Bedrohung entgegen, obschon die restlichen Subjekte noch nicht als Menschen erkannt worden sind: Ê er diu mære erfüere, diu wîle dûhte in lanc, ob ez schrawaz wæren oder wildiu merwunder (112,2-3) Der „mythische Schrecken“283 wird demnach nicht erst, wie Müller in diesem Kontext behauptet, mit der Figurenbegegnung am Strand abgelegt, ansonsten hätte sich die Schiffsbesatzung wohl weiter ängstlich von dieser Küste ferngehalten. Es scheint vielmehr, als trüge sich dieser Schrecken mit dem Erkennen des männlichen Subjektes alsbald ab. Man bietet den Fremden nach einer näheren Kontaktaufnahme schließlich an, sie an Bord aufzunehmen, die Frauen als solche erkannt dann 281 Gemeint ist in diesem Fall die Schiffsbesatzung. 282 Vgl. Haferland S.145f. 283 Müller: Mediävistische Kulturwissenschaft S.197. 123 einzukleiden und allesamt in die Heimat zu überführen.284 Die Stimmung zwischen den Protagonisten schlägt erst ins Negative um, als man in Hagen den Sohn eines Feindes agnosziert, er demnach nicht mehr als „Fremder“ perzipiert wird. Diese positive Aufnahme von Fremden, sowie deren materielle Ausstattung wiederholt sich daraufhin bei der Schwertleite Hagens. Bei dieser wird betont, dass man nicht nur eigene Ritter an der Zeremonie teilhaben lässt, sondern ebenfalls die dâ von fremeden erben (175,3), die man vorurteilslos mit Pferden und Gewändern ausstaffieren lässt. Diese gesonderte Betonung weist meiner Ansicht nach darauf hin, dass die Aufnahme und Ausstattung der Landesfremden innerhalb der Repräsentationskultur der Höfe grundlegend positiv bewertet wird, sodass sich für den Gastgeber dieser Schwertleite daraus ein Prestigegewinn, ein Zuwachs an êre ergibt, der sich wiederum auf das Ausloten des Agons auswirkt.285 Im Vergleich zu den geschilderten Begegnungen zeigt sich bei der Aufnahme von Hartmuts Boten zwar eine ähnlich gastfreundliche Einstellung, doch wird bereits zu Anfang die folgende Beeinträchtigung der Figurenbeziehung kommuniziert: Geherberget wurden die von Normendî. man hiez in vlîzlîchen mit dienste wesen bî. er weste waz si wurben in dem sînem lande. an dem zwelften morgen der künic nâch Hártmúotes boten sande. (604,1-4) 284 Schmitt versucht am Problem angemessener Kleidung einen weiteren Genderaspekt fest-zumachen, da dies nur für das weibliche Personal thematisiert wird, da die Prinzessinnen nicht nur als menschlich, sondern zusätzlich als feminin markiert werden müssten. Sie übersieht bei ihrer Argumentation jedoch, dass Hagen anders als die Prinzessinnen über „menschliche“ Kleidung verfügt, die er dem Leichnam des Kreuzfahrers abgenommen hat, während die Mädchen nur mit Moosen bekleidet sind. Sicherlich ist die Ausstattung mit Männerkleidung jedoch defizitär im höfischen Genderverständnis. Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.75f. 285 Diese Fremdbegegnung wird zur Bestärkung der These genereller Offenheit gegenüber Fremden erwähnt. Dennoch darf die Besonderheit innerhalb der sonstigen Konstellationen der Fremdbegegnung nicht außer Acht gelassen werden: Im Gegensatz zu den restlichen Zusammentreffen von Fremdfiguren handelt es sich hierbei nicht um ein unvorhergesehenes Treffen, denn der Festcharakter der Schwertleite führt zu der Annahme, dass die Landesfremden bewusst eingeladen wurden. Die Kontingenz der Interaktion reduziert sich dementsprechend auf ein striktes Minimum. 124 Auch Hetels Hof schreibt demnach die Gastfreundschaft groß, denn die Botschafter werden zwölf Tage lang untergebracht und umsorgt. Der dritte Vers kommuniziert jedoch mit Hilfe des Negationspartikels die Prämisse dieses positiven Miteinanders: Hetel weste die Gründe seiner Gäste, sich dort aufzuhalten.286 Diese Situation lässt sich demnach der Konfiguration der Szene an Bord des Grafen von Garadê gegenüberstellen, denn sobald Hetel die gedinge Hartmuotes (608,4) herausfindet, begegnet er den Fremden mit Zorn, anstatt mit milte und Freigiebigkeit. Nun kann es den Leser irritieren, dass Hartmut es daraufhin schafft, ein zweites Mal Zugang zum Hof zu erhalten, wo doch die Fronten zwischen den Familien bereits verhärtet sind, doch lässt sich dies auf das mittelalterliche Verständnis von Wahrnehmen und Erkennen zurückführen. Diese kognitiven Vorgänge passieren nach der zeitgenössischen Logik nacheinander, benötigen demnach Zeit287, sodass der bekannte Werber sich in einer ersten Phase sehr wohl als wol gezogene gast (627,1) wieder innerhalb dieses Raumes bewegen kann. Er könnte die Gastfreundschaft der Hegelingen entsprechend so lange nutzen, bis er von einem der Hofansässigen in seiner Person erkannt würde. Kudrun als die einzige Figur, die über seine Identität Bescheid weiß, rät ihm deshalb nicht ohne Grund, den Hof schnellstmöglich zu verlassen, wenn er mit seinem Leben davonkommen wolle, sodass Schmitt hierin eine negative Kemantenszene sieht, die geschickt mit dem Muster der Brautwerbung kokettiert.288 Späterhin jedoch erweist sich Hilde seinen Boten gegen- über erneut von einer hohen Gastfreundlichkeit, bietet ihnen sogar rîche gabe (772,3) sowie Speis und Trank an, welche die Boten bedingt durch ihren Auftrag jedoch ablehnen.289 Bis hierhin zeigt sich demnach, dass man Fremden sehr wohl offen und wohlwollend gegenübersteht, diese Gastfreundschaft sich jedoch alsbald aufbraucht, wenn die Reisemotivation dem Gastgeber nicht willkommen ist. Eine depriative Grundhaltung gegenüber unbekannten 286 Symons gibt in seinem Anmerkungsapparat S.102 für diesen Vers er weste niht (604,3) anstatt des angefügten Negationspartikels an. Dies untergräbt die Argumentation jedoch nicht aufgrund des Negationsadverbes. 287 Vgl. Schulz: Erzähltheorie […] S.39f. Auch wenn hier aus dem modernen Verständnis heraus diese Prozesse als kognitiv charakterisiert werden, sollte angemerkt werden, dass mittelalterliche Zeitgenossen diese im Herzen verortet haben. 288 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.139. 289 Vgl. Müller: Spielregeln des Untergangs […] S.354 und Störmer-Caysa: Kudrun S.604. 125 Hofgästen resultiert folglich aus ihrer Absicht oder aus ihren Hintergründen, nicht genuin aus dem Aspekt ihrer Fremdheit. Die erwähnten Situationsumschläge besitzen dementsprechend keine xenophoben Hintergründe, denn die Herkunft der Figuren wurde bisher in keiner Weise problematisiert. Dennoch zeigt sich, dass der höfische Toleranzgedanke in gewissen situativen Konfigurationen an ihre Grenzen stößt.290 Interessanterweise verschmilzt das Gebot der Gastfreundschaft mit dem Konnex von Feindlichkeit und Besuchsabsicht bei dieser dritten Anreise von Hartmuts Hof an die Burg Matelane. Hilde erschrickt bei der Ankündigung der Boten aus Ormanîe zurecht, trotzdem werden die Abgesandten in einem gastfreundlichen Kader in die Schutzmauern eingelassen: 290 Zur Unvollkommenheit höfischer Toleranz vgl. Thum S.335f. 126 Dæô nu ze hove kômen die Hartmuotes man, Hilde diu schœne grüezen began. sam tete in hôhem muote frou Kûdrûn diu hêre. (766,1-3) […] Swie erbolgen si in wæren, schenken man in hiez (767,1) Einige Strophen weiter bietet die Königin ihren Gästen fernerhin reiche Geschenke an, die durch die Feindschaft von ihren Gegenübern indessen abgelehnt werden. Die Annahme einer Gabe würde die Boten in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis gegenüber Hilde drängen, sodass der bedrängende Inhalt der Botschaft nicht mehr derart kommuniziert werden könnte. Diese Art und Weise mit der Gefahr des Gegenübers umzugehen, lässt sich am besten aufgrund der fehlenden männlichen Protagonisten erklären. Die weiblichen Figuren bleiben ihrem gemäßigten Verhalten und der Konfliktentschärfung treu, selbst angesichts der feindlichen Gesandtschaft, sodass dieser gütliche Empfang keinen Bruch der Erzähllogik darstellt. Vielmehr weiß der Autor seine unterschiedlichen Bezugsrahmen der Narration an dieser Stelle erneut geschickt miteinander zu verweben, um narrative Einheit zu stiften. Die deutliche Dehnbarkeit dieser Toleranzgrenzen tritt jedoch nicht nur bei Hildes Botenempfang zu Tage, sondern ebenfalls beim Empfang der Dänen in Hagens Herrschaftsbereich. Die narrative Extension ihres Aufenthaltes gibt nämlich Anlass dazu, den Fremdenkontakt und -umgang in den unterschiedlichsten Situationen analysieren zu können. Wie bei den restlichen Zusammentreffen erwartet die dänische Delegation anfangs ein wohlwollender Empfang, der vom Dichter vergleichsweise weit extensiver ausgestaltet wird. Die Neuankömmlinge erregen bei ihrem ersten Landgang nicht nur die Neugier der Einwohner, sondern werden sie sogleich zu Hagen an den Hof gebracht. Haferlands Postulat des Aufbrechens ritualisierter Handlungsformen entsprechend fällt bei der Zusammenkunft Hagens kontrastives Verhalten ins Auge: Wird dem Protagonisten in der vorherigen Strophe noch das Attribut grimme (295,3) zugeordnet, so bietet er den „Kaufleuten“ hier ohne zu zögern seinen absoluten Schutz an, noch bevor die Dänen die List ihrer ellende überhaupt formulieren konnten. Es kann sicherlich angenommen werden, dass die textnahe Charakterisierung vom Autor situativ nicht zufällig vorgenommen wurde. Diese Verhaltensdichotomie seitens des Königs sollte dementsprechend nicht als Figurenbruch, sondern vielmehr als Bewältigung der Interaktionskontingenz bewertet werden. Indem Hagen die Gruppe freundlich empfängt, das Wort offen 127 an die Neuankömmlinge richtet, sie an den Hof einlädt291 und sich ihnen freiwillig über die Schutzgewährung verpflichtet, schenkt er ihnen die nötige Anerkennung, um eine positive Beziehung entstehen zu lassen.292 Dennoch sollte bei diesem Empfang in gleichem Maße der realgeschichtliche Hintergrund nicht außer Acht gelassen werden. Auf der einen Seite unterscheidet man zwar rechtspolitisch genau zwischen Nichtortansässigen und Einheimischen, gleichzeitig gewährt das Recht den Fremden jedoch besonderen Schutz, was eben hier narrativ für die Figurenbindung funktionalisiert wird.293 Auf der anderen Seite wird derartige Freigiebigkeit von den Adligen nicht ohne Hintergedanken gewährt. Durch das Prinzip der Reziprozität bedingt gewährte Gastfreundschaft nämlich nicht nur die persönliche Verpflichtung des Königs selbst, sondern impliziert gleichzeitig die Rückverpflichtung der Fremden. Es schwingt demnach sicherlich die Idee zur Schaffung politischer Stabilität durch das Abtragen der potentiell von den Fremden ausgehenden Gefahr im Hintergrund mit. Aus der Kontingenz der Erstbegegnung entwickelt sich mittels dieses wechselseitigen Engagements gewissermaßen ein neuritualisierter Umgang miteinander, der sich alleine aufgrund des Habitus für die Parteien besser einschätzen und verwalten lässt. Begegnen sich die Protagonisten nun auf gleicher Kommunikationsebene, wird die Fremdheit kommensurabel für die Interaktionspartner und die Systembedrohung nimmt ab.294 291 Vergleicht man dieses Figurenzusammentreffen mit dem Zusammentreffen zwischen Sigebant und den Truppen des Grafen von Garadê fällt der freundlichere Umgang mit Fremden umso mehr auf. Die ‚Vertriebenen‘ werden sofort auf die Burg eingeladen, während die altbekannten Feinde selbst nach der Versöhnung nur am Strand lagern dürfen, ihnen werden zwar Vorräte zur Verfügung gestellt, aber diese werden lediglich ûf den sant (160,1) gebracht. Vgl. hierzu auch Störmer-Caysa: Kudrun S.584. 292 Vgl. Haferland S.139-144. Die Rede an die Fremden wird entsprechend der Argumentation von Haferland als Gruß gewertet, der eben vielfältige Formen annehmen kann. Damit leitet der König hier die positive Bewertung der Beziehung ein, denn „ein Gruß ist immer schon mehr als ein Gruß. Er bedeutet Aufmerksamkeit, Hinwendung und schließlich Anerkennung und Zuwendung.“ 293 Vgl. Thum S.323. 294 Vgl. Haferland S.148. Vgl. außerdem Thum S.323. Er vertritt im Gegensatz zur postulierten Offenheit bei Schubert die Ansicht, dass man mit Fremden öfters auch das Vorurteil der Gefahr verband, was sich letztlich erneut durch die Kontingenz der Begegnung innerhalb eines fest ritualisierten Raumes erklären lässt. 128 Die Verschleierung ihrer wahren Reisemotivation durch die Kaufmannslist295 erlaubt den Dänen folgend einen längeren Aufenthalt innerhalb des näheren Einzugsbereiches von Hagen. Währenddessen zeigt sich, dass selbst dann noch an diesem friedlichen Grundcharakter des Beziehungsaufbaus festgehalten wird, wenn unterschwellig längst der höfische Agon mitsamt seiner Virulenz wiedereingesetzt hat. Dieses Konkurrenzverhalten mit beziehungsgefährdenden Aspekten lässt sich bestens anhand der materiellen Tauschakte am Hof erläutern, denn hier geht es nicht um den Austausch ökonomischer Werte, sondern vielmehr um die persönliche Repräsentation in Verbindung mit der Sicherung eines angestrebten sozialen Ranges. Der Gestus der Gabe ist beim Aufbau einer diplomatischen Beziehung zu diesem Zeitpunkt ritualisierte Transaktionspraktik, die eben deswegen gewissen Regeln zu folgen hat, um erfolgreich sein zu können. Der Misserfolg eines Schenkaktes sowie der fehlende Respekt gegenüber den Praxisregeln können das Kippen der Gesamtsituation zur Folge haben.296 Was zu Anfang noch durch gegenseitiges Beschenken zur Stärkung der Bindung genutzt wird, schlägt auf diese Art und Weise durch die Übertreibung der Prachtentfaltung seitens der dänischen Brautwerber schnell in agonale Übersteigerung aus. Die Dänen versuchen mittels der Gaben, ihre Machtposition am Hof zu steigern, explizit bemühen sie sich vaste umb êre (326,4), doch die auffällige Diskrepanz zwischen dem Gabenwert und dem behaupteten Kaufmannsstand sorgt diesbezüglich nicht nur bei den Frauen am Hof für Irritation, sondern führt sie auch zu einer ostentativen Auslegung durch Hagen, der darin schlichtweg den übermüete (351,4) seiner Gäste zu erkennen glaubt. Die Asymmetrie des Tausches in Verbindung mit dem sozialen Stand potenziert das implizit dadurch ausgedrückte Machtgefälle, sodass sich die Machtposition Hagens hier in Frage gestellt sieht.297 Dieses Gerangel um das symbolische Kapital des Hofes – Ruhm, Macht und Ehre – findet in der Verweigerung von Gegengaben und permanenter Niederlassung seitens der Dänen ihren Höhepunkt, stellen sie den König solcherart doch in die unehrenvolle Position sozialer 295 Siebert sieht in dieser List Parallelen zur Standeslist im Nibelungenlied, jedoch wirkt die List hier defizitär, da die Dänen die Grenzen ihres postulierten Standes nicht respektieren bzw. kontinuierlich durch übermäßige Geschenke übertreten. Dadurch entstehen opake Szenen, in denen sie die Gefahr eingehen, leichthin aufzufliegen. 296 Vgl. Oswald S.27-30. 297 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.112ff. 129 Schuld.298 Trotz dieses Affronts, und darüber hinaus noch weiterer Fehltritte299, bleibt Hagen gelassen. Es scheint fast so, als stünde er dem wiederholt beziehungsstörenden Verhalten der Fremden entschuldigend gegenüber, obschon er doch für seine aufbrausende Art bekannt sein sollte. An diesen Charakterzug wird zudem innerhalb der Aventiure mehrmals durch die Zuordnung des Epithetons wilde erinnert. Sicherlich spielt in dieser Erzählepisode das Erzählschema der gefährlichen Brautwerbung mit ein, das durch die Verschärfung der „homosoziale[n] Konkurrenz“300 an Spannung gewinnt. Dies erklärt meines Erachtens jedoch nicht die Repugnanz zwischen Hagens genuinem Verhalten und der hier an den Tag gelegten Toleranz, die gerade dadurch nochmals hervorgehoben wird, dass seine Wut zwar durch Kommentare des Erzählers artikuliert wird, jedoch zeitnah verraucht, sodass sich daraus keine weitreichenden Konsequenzen für die Antagonisten ergeben. Ähnlich der opaken Werbungsstörung im ersten Erzählteil können diese nicht ausgebauten Störungsmomente als Symptome des noch folgenden Konfliktes um die Brautentführung gewertet werden, als eine Art narrative Vorbereitung desselben, doch übernehmen diese Ausführungen nicht nur diese vorausdeutende Funktion.301 Die mehrfache Artikulation des Wutgedankens bezüglich Hagen zeigt darüber hinaus, dass der Dichter bei der Handlung dieses Protagonisten sicher keinen Figurenbruch beabsichtigte oder unbewusst generierte, sondern sich seiner narrativen Gestaltung durchaus bewusst war, sodass sich dies in Zusammenzug mit der vorherigen Argumentation als durchgehendes Erzählmuster festmachen lässt. Hagens Zorn muss innerhalb dieser Szenen expressis verbis artikuliert werden, um einen Figurenbruch zu vermeiden, denn die Figur hat sich nicht geändert, sondern reagiert nur situativ angemessen, indem Hagen die Kompetenz zugemessen wird, seine ‚Wildheit‘ in adäquater Weise zu kontrollieren. Diese subjektive Affektkontrolle artikuliert sich ebenfalls explizit im Text, wird doch betont, dass Hagen begunde […] zürnen, wærez im niht 298 Zur Theorie des Gabentauschs und den damit verbundenen agonalen Implikationen vgl. Oswald S.30-35, Schulz: Erzähltheorie […] S.46, sowie ebenfalls Haferland S.151-158. Zur defizitären Machtposition der Dänen und der agonalen Konkurrenz ihres Aufenthaltes vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.112f., Störmer-Caysa: Kudrun S.591 und 594 sowie Müller: Spielregeln des Untergangs […] S.348f. 299 Vgl. 353,4: si ahten niht sô hôhe, als man doch hêtem Hagenen den wilden. Fernerhin 357,4: des ersmiete Wate versmâhlîche. 300 Schmitt: Poetik der Montage […] S.113. 301 Vgl. Müller: Spielregeln des Untergangs […] S.141f. 130 ân êre (365,3), sodass dies keine artifiziell an den Text herangetragene These darstellt. Zudem ist die höfische Toleranz der Garant der dauerhaften Inklusion der Dänen, welche die gesamte Brautwerbung überhaupt erst möglich macht. Der Dichter generiert ein handlungssituatives Zusammenspiel gewisser Entitäten, das durch das geschickte Ineinanderweben der narrativen Szenenkonstruktion und einer funktionalen Umdeutung gewisser Merkmale der Figuren den Fortlauf der Brautwerbung trotz des defizitären Verhaltens der Dänen garantiert, ohne den Gestaltungsrahmen der Hagenfigur zu brechen. Darüber hinaus lassen sich während des Aufenthaltes der Dänen noch weitere Mechanismen der Fremdeninklusion erkennen. Dazu gehört die bereits erwähnte positive Neugier gegenüber Fremden, die jedoch weiter führt, als es auf den ersten Blick scheint. Man interessiert sich nämlich nicht nur dafür, wie daz fremde ingesinde tæte (338,4), sondern versucht vielmehr durch Analogie eine Vergleichsbasis zu schaffen, die den Fremden zwar Anerkennung entgegenbringt, sie aber gleichzeitig auf ein kommensurables Maß herabsetzt. Dies lässt sich deutlicher noch an der Diskussion über Kampftechniken zwischen Wate und Hagen erläutern, welche eingeleitet wird durch Hagens Nachfrage: […] ob in lande wære iht kund getân schirmen alsô starke, alsam in Irrîche (357,2-3) Diese simple Frage, die zwei Kampfmethoden in einen Vergleich stellt, setzt eine ganze Reihe an Folgehandlungen in Kraft, die dazu führen, dass zuerst der Fechtmeister, anschließend sogar Hagen selbst, dem landesfremden Wate landeseigene Kampftechniken beibringen wollen. Man erkundigt sich über etwas Fremdes, um gleichzeitig eigene Kulturwerte weiterzugeben. Hier wird freilich Thum in seiner These der vereinnahmenden Analogisierung zugestimmt, die das Fremdartige eines Gegenübers den bekannten Normen anpassen soll. Bereits davor beschäftigt man die Gäste entsprechend nâch site in Irlande (354,1), um sie derart an die Verhaltensweisen des Hofes anzupassen. Dennoch kann man diesen Umgang nicht als oberflächliche Beobachtung des Fremden qualifizieren, sondern erhält diese Situationskonfiguration inkludierende sowie gleichermaßen agonale Funktion.302 302 Vgl. Thum S.331. 131 Zum einen spielt der Rat hier in die Argumentation des Gabentausches mit ein, denn er kann als Konversion manifester Gaben verstanden werden. Zum anderen versteht es Hagen die Gunst des Augenblicks zu nutzen, um den bereits im Vorfels reaktivierten Agon auf spielerische Art auszutragen ohne offizielle, daher beziehungsstörende Herausforderung. Durch das Ablegen der Rücksichtnahme während der Kampfszene, sie wird schließlich âne friede (366,1) ausgetragen, kommt es zwar zum Verwischen der Grenzen zwischen spielerisch ritualisierter Gewalt und direkter Gewaltentladung, doch wird die Spannung alsbald durch die zeitnahe Auflösung der Kampfhandlung wiederum aufgelöst. Selbst das Eingeständnis Irolts, solche Kampfesübungen seien in der Heimat an der Tagesordnung und damit die Herausstellung von Wates anfänglicher Lüge, wird von Hagen mit einem Scherz abgetan, sodass es zu keinem beziehungsstörenden Moment kommen kann.303 Es gilt in dieser Erzählpassage demnach sowohl die Fremdheit des anderen tiefgründig zu eruieren, um sie durch gezielte Anpassung daraufhin abtragen zu können, als auch die in Frage gestellte soziale Position innerhalb des Hofgefüges gänzlich wiederherzustellen. Die systemfremden Individuen werden an ihre Position verwiesen, d.h. entsprechend sozial eingegliedert, um die eigene Position wiederum zu erneuern und zu sichern. Nicht zuletzt kann aufgrund der mehr oder minder offenen Austragung des Agons das „Verhaltensprotokoll“ des Fremdenempfangs dahingehend abgeschlossen werden, dass die ritualisierte Formalität der Gastlichkeit abgelegt wird und man den […] gesten [erloubet] swâ mite si die zît hin getrîben möhten (371,1-2).304 In Bezug auf Hagen zeigt die Episode außerdem, dass die Figur weit vielschichtiger gestaltet ist, als sie in der Forschung oftmals dargestellt wird. Der Protagonist weiß offensichtlich, wie man regelgerecht mit den Mitgliedern der höfischen Gesellschaft verfährt, ohne sie oder sich selbst in Verruf zu bringen. Meines Ermessens nach liegt gerade darin die Stärke der Figurendisposition Hagens, dass er eben die Wildheit in sich 303 Vgl. Müller: Spielregeln für den Untergang […] S.393f. Fernerhin äußert sich dazu Schmitt: Poetik der Montage […] S.113f. Sie sieht mit einem Verweis auf Sieberts Vergleich mit der Episode um den Wettkampf um Brünhild innerhalb des Nibelungenliedes in diesem Kampf zudem eine Art von „Freierprobe“. Es stellt sich mir jedoch die Frage, ob dies bereits derartig gewertet werden kann, da Hagen zu diesem Zeitpunkt die Werbungsabsichten der Dänen noch nicht kennt. 304 Zur Formalität der Gastlichkeit vgl. Haferland S.146ff. 132 gemäß der höfischen Regeln in Schach halten und in virulenten Situationen der Fremdbegegnung zweckrational handeln kann, wenigstens so lange, bis das Wissen um die Brautwerbung der Dänen und die damit verbundene Entführung ihn in die Rolle des Brautvaters zwingen, die rollengemäß keine Affektkontrolle mehr von den Protagonisten verlangt. Es darf bei der Konzeption Hagens nicht vergessen werden, dass die mittelalterliche Literatur sich weniger an der biographischen Weiterentwicklung und Reifung einer Figur orientiert, als an erprobten Narrationsmustern, welche in der Anlage dieser Figur mehrere Schemen wie Heldenleben und Brautwerbungsrolle zusammen-zumontieren versuchen.305 Der Hofaufenthalt der Dänen gibt demnach narrativen Anlass, Hagens Verbindung von archaischer Wildheit und höfischen Werten nochmals zu verdeutlichen, nicht die Figur unlogisch oder ihrem Wesen entgegen handeln zu lassen. Die Konzeption dieses Protagonisten verbindet die Insel- und die Brautwerbungsepisode folglich nicht „ohne Rücksicht auf eine kohärente Figurenkonzeption aneinander“306, sondern unterstreicht sie die Bipolarität einer Verbindung zweier Männlichkeitsmodelle.307 Vor der Entführung Hildes gibt jedoch Hôrants Gesang noch den Anlass, einen weiteren Inklusionsmechanismus anzusprechen: die Anerkennungsinteraktion des Herabsetzens des Eigenen zugunsten des Fremden.308 Dieser Mechanismus wird hier beidseitig in Kraft gesetzt. Hagen und seine Männer loben den Gesang des Abgesandten derart, dass sie ihm sogar heilsame Fähigkeiten unterstellen. Der König wünscht sich, er könne selbst so singen, stuft seine Gesangsfähigkeit demnach zwischen den Zeilen herab. Gleichzeitig passiert Ähnliches auf Seiten der Dänen. Fruote stellt Hôrants Talent in Frage, und auch Hôrant selbst stellt fest, daz man im nie dâ heime gelônet alsô verre (378,3). Dies betrifft zwar nicht den Gesang selbst, aber den Umgang mit seinem Talent, das Hagens Sippschaft offenbar weitaus mehr zu 305 Vgl. Schmitt S.92f. 306 Schmitt: Alte Kämpen […] S.197. 307 Vgl. Müller: Spielregeln für den Untergang […] S.404ff. Er zeigt anhand der Analyse des Nibelungenliedes, dass Figuren sehr wohl unterschiedliche Verhaltensmuster verbinden können, ohne dass dies zu einer „unlogischen“ Figurenkonzeption führt. Vgl. ebenfalls Pearson: Fremdes Heldentum S.157, der dort in einem anderen Kontext betont, dass Hagens Ambivalenz mitnichten seine Rolle untergräbt oder gar schmälert. 308 Vgl. Haferland S.167: „Was man vom Wert der eigenen Person zurücknimmt, wächst dem anderen unmittelbar als Anerkennung zu.“ Die Abwertung des Eigenen ist demnach implizierte Aufwertung des Anderen. 133 schätzen und anzuerkennen weiß als seine eigenen Landsleute, sodass sich hier Hagens Hofgesellschaft aufgewertet sieht. Trotz aller erläuterten Inklusionsverfahren kennt der Hof Hagens aber auch einen Mechanismus der Exklusion. Dieser fußt auf der expliziten und kontinuierlichen Wiederholung der ethischen Herkunft der Fremden. Die Frequenz ihrer Benennung mithilfe ihrer Herkunftsepitheta wie die von Nortlande (371,3) oder zu Tenelande (320,4) scheint den Unterschied zwischen Einheimischen und Fremden stets erneuern zu wollen, fast als müsste man sich der eigenen Identität versichern.309 Die Begegnung mit den dänischen Abgesandten oszilliert demnach zwischen Inklusion und Exklusion. Man begegnet den Fremden einerseits mit grundlegender Offenheit, versucht sie durch Anpassung in den eigenen Kulturkreis aufzunehmen, dennoch will man durch fortlaufende Betonung ethischer Herkunft eine gewisse Distanz dazu wahren. Die wiederholte Betonung der räumlichen Zugehörigkeit beweist hier nicht nur erneut die Verzahnung von Raum und Figuren, sondern zeigt gleichermaßen auf, dass ‚Inklusion‘ etwas Vielschichtiges ist, das sich auf unterschiedlichsten Ebenen abspielt. Nur weil die Dänen in das System Hof eingegliedert werden, trägt sich ihre Fremdheit nicht komplett ab, sondern bleiben sie „von auswärts Stammende“ aufgrund der kontinuierlichen Betonung des Räumlichen, deren Bedrohlichkeitspotential man jedoch über Vasallitätsbindungen oder Reziprozität abzutragen versucht. Demgegenüber wissen sich die Frauenfiguren jedoch durch ihre genuine Unterordnung in einer patriarchalischen Gesellschaft ganzheitlich in eine neue Sippschaft bzw. an einem fremden Hofgefüge einzufügen. Diese ständige Spannung zwischen Momenten der Integration und Distanzierung, zwischen friedlicher Vereinahmung und doch bereits nach dem agonalen Prinzip eingefärbte Auseinandersetzungen spiegelt demnach das Aktionsfeld politischer Kommunikation in vielfältiger Weise.310 6.2.2. Begegnungen mit Fremden aus dem Orient Neben den Fremden mit einem Ursprung im Okzident begegnen den Protagonisten innerhalb der Kudrun ebenfalls Fremde aus dem Orient, 309 Diese These wurde bereits in Kapitel 6.1.2. der vorliegenden Arbeit näher beleuchtet, sodass zur Vermeidung von Redundanz hier nur kurz nochmal daran erinnert wird. 310 Vgl. Friedrich S.181. 134 die sich nicht nur kulturell, sondern ebenfalls somatisch und religiös vom restlichen Figureninventar abheben. Zeitgenössisch weisen sowohl der Realdiskurs als auch die gattungsübergreifende literarische Umsetzung solcher Kulturbegegnungen etwaige Zwiespältigkeiten und Widersprüche auf, die sich längst nicht in der simplen Dichotomie der Kategorien des „edlen“ und „wilden“ Heiden erschöpfen. Das Heidenbild variiert in vielerlei Nuancen zwischen dem ablehnungswürdigen Götzenanbeter ohne normgerechtes Verhalten und dem absoluten Repräsentanten höfischer Kultur. Über die Wahrnehmung der Heiden hinaus sorgt jedoch auch der angestrebte Umgang mit solch andersgläubigen Kulturen innerhalb des zeitgenössischen Diskurses für Streitigkeiten, die sich zwischen den Polen der Barmherzigkeit ihnen gegenüber und dem Töten der Heidengruppierung bewegen. Etwaige Brüche bzw. Ambivalenzen der textinhärenten Darstellungsweise der Andersgläubigen werden sich daher in ähnlicher Weise ebenfalls im Realdiskurs gezeigt haben.311 Die Ambiguität des Fremdumgangs zeigt sich jedenfalls in der Kudrun, sobald der muslimische König Sîfrit in einer Situation der Brautwerbung eingeführt wird. Diese Diskrepanz zwischen himmelhohem Lob und pejorativer Bewertung zeigt sich jedoch sehr subtil: Ez kunde ein ritter edele nimmer gevarn baz. si truog im holden willen – ofte tet si daz –, swie salwer varwer er wære ze sehene an sînem lîbe. er phlæge ir minne gerne: dô gab im si niemén ze wîbe. (583,1-4) Die grundlegenden Voraussetzungen für eine erfolgreich verlaufende Braut-werbung sind scheinbar gegeben: Ein hervorragender Ritter, gar der Beste seiner Zunft, wirbt um eine Prinzessin, deren wohlwollende Disposition im zweiten Vers noch explizit hervorgehoben wird. Sîfrit unterliegt damit zunächst einer sehr positiven Konnotation, die ihn als ebenbürtigen Bewerber darstellt, der seinen Mitbewerbern in keinster Weise unterlegen ist.312 Der mögliche Grund der Ablehnung zeigt sich daraufhin jedoch in dem anschließenden Konzessivsatz, nämlich seine Hautfarbe. Die somatische Differenz macht demnach der Prinzessin 311 Vgl. Frakes: Race, Representation and Metamorphosis S.120. Einen detaillierten Überblick über die Facetten des Heidendiskurses bietet Schnell S.186ff. 312 Vgl. Dörrich S.37 und S.40-44. 135 nichts aus, die Formulierung suggeriert dennoch Vorbehalte, die von anderer Seite ausgehen.313 Diese ethnische Skepsis artikuliert sich späterhin erneut in Form von Hetels hôchgemüete (585,1), das nun explizit als Grund der Werbungsablehnung genannt wird. Die Kommunikation eines solchen Affektes in Zusammenhang mit der Werbungsablehnung deutet an, dass die Grenzen der Toleranz am Hegelingenhof gegenüber den Figuren aus dem Orient relativ klar gesetzt sind, denn das Somatische bzw. Ethnische ist einziger Grund der Vorbehalte, eine genealogische oder ökonomische Erklärung wie bei Hartmut wird hingegen nicht erwähnt. Der Einsatz des Verbes phlegen im Kontext der Minne sowie die doppeldeutige Farbbeschreibung des Mohrenkönigs spielen meines Erachtens ebenfalls in diese ambivalente Darstellung der Heiden mit ein, mitnichten sind diese Begriffe hier arbiträr gewählt. In der Semantik des Lexems phlegen schwingt eine sinnliche Komponente mit, denn eine seiner Bedeutungsfacetten ist das Beiliegen, sodass der Werkdichter in diesem Halbvers an die sexualisierte Seite des Heidentums anspielen kann.314 Das Adjektiv sal widerrum umfasst in seiner Semantik sowohl das neutrale Semem dunkelfarben, gleichzeitig jedoch kann es die Bedeutung von schmutzig annehmen, ein Adjektiv, das in diesem Kontext definitiv abwertenden Charakter trägt. Die Figurenbewertung wird demnach selbst in der somatischen Darstellung zunächst etwas in der Schwebe gehalten.315 313 Vgl. Michaelis S.499, Frakes: Brides and Doom […] S.190 und Schmitt: Poetik der Montage […] S.134, wobei Schmitt die Vorbehaltlosigkeit nur aus der Perspektive Kudruns beleuchtet und nicht auf den folgenden Konzessivsatz eingeht. Die Konzessivkonstruktion untergräbt damit die Argumentation von Gibbs, die glaubt, dass die Ablehnungsgründe weder in der Religion noch der Hautfarbe lagen, sondern schlichtweg in der Werbungsabsicht. Vgl. Gibbs S.307. 314 Vgl. Lexer Bd. 2 Sp.252f. und den Anmerkungsapparat bei Bartsch S.119. Zur Sexualisierung der Heiden vgl. 315 Entgegen der gängigen Forschungsmeinung, dass Sîfrit ein dunkelhäutiger König aus dem Orient ist, vertritt Höhne als Einziger die Meinung, dass diese Figur ebenfalls dem Okzident zuzuordnen sei und ihre realgeschichtliche Entsprechung vermutlich im Dänenkönig Sigifrid findet. Das Adjektiv sal wäre daher hier mit dem Semem bleich gleichzusetzen – Sîfrit sei pigmentarm und würde daher auffallen. Man müsste diese bleiche Hautfarbe im Vergleich zur sonnengebräunten Kudrun hervorheben. Da jedoch an keiner Stelle die Hautfarbe Kudruns problematisiert wird, scheint mir diese Argumentation weit hergeholt. Außerdem übersieht Höhn den gängigen literarischen Zusammenhang der Deskription von Heidentum und somatischer Figurenbeschreibung. Vgl. Höhn S.145-150. 136 Die Farbwahl des Autors gewinnt an Aussagekraft und wird umso augenfälliger, wenn man ihr die finale Beschreibung dieser Figur bei der Massenversöhnung gegenüberstellt: Sîn vater und sîn muoter diu wâren niht enein. sîn varwe kristenlîche an dem helden schein. sîn har lag ûf dem houbte als ein golt gespunnen. si wære gar unwîse, sollte si im ir minne niht gunnen. (1664,1- 4) Sîfrit durchläuft eine großangelegte Metamorphose, die im ersten Vers mittels seines Elternhauses eine Erklärung findet, denn er entstammt einer Mischehe. Bei der Hochzeit mit Herwigs Schwester ist nichts mehr von seiner salwen Farbe zu finden, sondern besitzt er nun einen christlichen Teint, der darüber hinaus noch Strahlkraft besitzt. Auch ist sein Haar nicht schlichtweg hell, sondern wirkt wie gesponnenes Gold, sodass die Darstellung am Ende im absoluten Gegensatz zu der Anfangspassage konzipiert ist, was wiederum im letzten Vers durch die Hervorhebung des Minnewertes abgeschlossen wird – es gibt simplerweise keine Vorbehalte mehr gegen Sîfrit. Diese Metamorphose hat innerhalb der Forschung für Irritationen gesorgt, sodass u.a. hinterfragt wurde, ob die Haut nun gemischtfarben sein soll wie bei Feirefiz im Parzival oder ein hellerer Braunton beschrieben werden soll.316 Diese Diskussion wird jedoch hinfällig, wenn man die beiden Passagen in das narrative Muster der Gesamtdarstellung dieses Protagonisten einordnet. Es spielt nämlich keine Rolle wie die finale Farbgebung nun geartet ist, ob Sîfrit nun gepunktet, gefleckt, gestreift oder schlagartig am gesamten Körper elfenbeinfarben wird, denn allein die farbliche Diskrepanz im Zusammenhang mit ihrer Leuchtkraft reicht aus, um die Bewertung beider Religionen hier implizit mit auszudrücken. Der Wechsel von schmutzig dunkel zu golden leuchtend ist fatal. Dieser Farbwechsel deutet einen Identitätswechsel an und ist dahingehend Grundbedingung der Hochzeit zwischen einer christlichen Prinzessin und einem orientalischen König. Bei der Brautwerbung um Kudrun hat sich bereits gezeigt, dass sein höfisches Gemüt und seine ökonomische Macht nicht ausreichend sind. Muslimische Figuren müssen weitere Veränderungen, seien diese nun somatisch, 316 Vgl. die Forschungsdiskussion diesbezüglich bei Michaelis S.500. 137 mental oder religiös geartet317, durchlaufen, um dauerhaft innerhalb einer christlichen Gemeinschaft, wie sie textinhärent konstruiert wird, akzeptiert zu werden. Dieser Inklusionsmechanismus des Farbwechsels oder der Farbmischung ist jedoch keine Neuerung des Urhebers der Kudrun, sondern findet er in Feirefiz und Josweiz bereits literarische Vorbilder.318 Mit ähnlicher Narrativstruktur verfährt der Dichter bei der Beschreibung der großangelegten Schlacht zwischen den Hegelingen und den Mohren. Derart werden die Soldaten Sîfrits folgendermaßen dargestellt: Swie si hiezen die von Môrlant, dringen si sich niht liezen. an in was wol erkant, ez wæren ie die besten von allem ertrîche. (705,1-3) Indem die Figuren hier als besondere Heiden charakterisiert werden, die nicht den gängigen Stereotypen entsprechen, erhält ihre Beschreibung zwar einen positiven Aspekt, der Konzessivausdruck verweist aber gleichzeitig auf eine subtile Art von Ethnozentrismus gegenüber diesen Völkern. Auch wenn die Soldaten die besten ihrer Art sind, selbst alle edele künige rîche (712,4) sind, so bleiben sie in ihrer Art dennoch Heiden. Obschon sie hier als die besten von allem ertrîche beschrieben werden, die Herwig und seinem Heer sogar weit überlegen sind, so nutzt der Dichter raffiniert die Kampfnormen, um diffamierende Aspekte einzustreuen. Derart vollziehen sich die Vorbereitungen seitens Sîfrit harte lîse (668,4), fernerhin scheuen die Truppen ebenfalls nicht vor nächtlichen Aktionen319 zurück320, sodass die descriptio hier die Divergenz zwischen „edlem“ und „wildem“ Heidenbild zu verwischen 317 Da Andershäutigkeit und Andersgläubigkeit häufig der Metonymie unterliegen, lässt der Hinweis auf den christlichen Schein von Sîfrits Haut die Vermutung zu, dass seine somatische Veränderung wohl auch eine Konvertierung zum Christentum beinhaltet. Vgl. zum Zusammenhang von Hautfarbe und Glauben Michaelis S.493. 318 Vgl. Michaelis S.499f., Dörrich S.44 und Gibbs S.308f. Ebenfalls hierzu schreibt Frakes: Race, Representation and Metamorphosis S.120: „[…] Muslim men […] cannot be legitimate party to marriage with Christians unless and until they […] erase their former muslim identity.“ 319 Vgl. Strophe 701, in der sich die heidnischen Angriffe vor allem in der Dämmerung zeigen. Darüber hinaus auch Strophe 707: Herwigs Soldaten haben Angst vor den Vorkommnissen der Nacht, sodass nächtliche Angriffe vorausgesetzt werden können. 320 Zur Negativität nächtlicher Aktionen vgl. Störmer-Caysa S.109. 138 droht. Krusche betont in diesem Kontext jedoch, dass dieser formulierte Ethnozentrismus innerhalb der mittelalterlichen Epik nicht so sehr der Diffamierung anderer Kulturen dient, sondern dass dies vielmehr zur besseren Darstellung des eigenen Kulturkreises funktionalisiert wird. Was vormals demnach als Mechanismus der Inklusion gedient hat, wird hier zum Exklusionsverfahren umdisponiert.321 Dieses Erzählmuster gleicht dabei dem vorher beschriebenen Narrationsschema in Bezug auf die okzidentalen Fremden, die jeweils mittels Vergleichsmomenten bzw. eigener Herabstufung inkludiert werden, sich selbst jedoch aufgrund ihres pejorativ gewerteten Verhaltens wiederum exkludieren. In diesem Fall arbeiten die Mohren aufgrund ihres Verstoßes gegen die höfischen Kampfnormen an ihrem gesellschaftlichen Ausschluss, auch wenn sie in anderen Vergleichen positiv bewertet werden. Selbst wenn in dieser Figurendarstellung nun die Hierarchisierung zwischen Orient und Okzident in den Vordergrund tritt, so bleibt das Schema der Narration doch in analoger Weise bestehen. Zudem werden bei der Kampfsequenz nicht nur die Mohren mit depretiativer Bewertung bedacht, auch die Truppen aus dem Okzident erleben Kritik, denn die untriuwe und der übermuot (700,3) einiger Mannen sorgen für unliebsame Rückschläge.322 Michaelis untermauert in ihrem Aufsatz die These der kontinuierlichen Vorbehalte gegenüber dem andersgläubigen Sîfrit mithilfe von zwei weiteren Aspekte: Zum einen der Androhung eines Angriffs aufgrund von Hetels harter Ablehnung des Werbungsanliegens, zum anderen der Formalität des Begräbnisvollzuges auf dem Wülpensand.323 Dieser Argumentation kann jedoch nur teilweise zugestimmt werden. Anfangs muss angemerkt werden, dass sich in Sîfrits Androhung eines Rachefeldzuges kein „Verständnis von Rassismus als Übertreibung“324 artikuliert, sondern der Zorn als Reaktion auf einen abgelehnten Werbungsversuch durchaus dem Schema der Brautwerbung entspricht.325 321 Vgl. Krusche S.153f. 322 Campbell stellt diese Charakterisierung in Strophe 700 in Bezug zu Sîfrit und seinen Truppen, doch ergibt dies meines Erachtens keinen interpretativen Sinn. Inwiefern soll untriuwe seitens der Mohren zu Verlusten auf Seiten Hetels führen? Es liegt hier wohl ein argumentativer Logikfehler vor, denn untriuwe in den Reihen der Hegelinge selbst scheint kohärenzhalber eher für den Burgenverlust verantwortlich sein zu können. Vgl. Campbell S.216f. 323 Vgl. Michaelis S.499. 324 Michaelis S.499 im Anmerkungsapparat. 325 Vgl. Dörrich S.42. 139 Darüber hinaus antwortet Herwig, ein okzidentaler Christ von kultur- ähnlicher Herkunft, in ganz ähnlicher Weise auf Hetels Ablehnung, nur dass diese Figur sich nicht mit einer simplen Androhung begnügt, sondern alsbald die Burg Hetels wirklich in Bedrängnis bringt, demnach noch einen Schritt weiter geht als sein heidnischer Widersacher und damit sogar die Achtung des Brautvaters und die Hand der Prinzessin erringt. Textintern wird die positive Wertung von Herwigs Angriff zwar ebenfalls der negativen Wertung der restlichen Kriegsandrohungen und Kampfdurchführungen gegenübergestellt, doch beschränkt sich diese Taxierung nicht nur auf den Brautwerber Sîfrit.326 Es stellt sich hier also die Frage, warum Michaelis Sîfrits Reaktion derart überbewertet, wenn doch Heiden und Christen eine ähnliche Reaktion auf die Ablehnung ihrer Bestrebungen zeigen? Wirft man nun ebenfalls einen Blick auf die Begräbnisformalität auf der Insel des Wülpensandes, so lässt die Doppeldeutigkeit der Verse keine eindeutige Zuweisung einer Deklassierung der Heiden zu: Die Mœre man besunder ir ieclîchen vant. alsô tete man dâ die degene von Hegelinge lant und die von Ormanîe: muoste ir stat bescheiden; die legete man besunder. si wâren beide kristen unde heiden. (913,1- 4) Ganz gewiss wird in dieser Situation Wert darauf gelegt, die Christen und die Andersgläubigen getrennt zu begraben; diese Begräbnisweise gilt immerhin noch heute größtenteils, ohne dass dies eine Diffamierung darstelle, sondern eine simple Formalität aufgrund anderer Sitten. Gleichsam wird textinhärent unterstrichen, dass die Soldaten aus dem Herrschaftsbereich Ormanîe ebenfalls getrennt bestattet werden, sodass diese Trennung nicht exklusiv nach Religions-, sondern vielmehr nach Rechtsgruppenzugehörigkeit vorgenommen wird. Folgt man nun noch 326 Schmitt sieht in der positiven Wendung von Herwigs Feldzug gegen die Burg des Brautvaters eine ironische Umkehrung des Ezählmusters von ‚Erwerb von Frau und Land‘ aus dem Artusroman, da in der Artusliteratur der Angreifer häufig negativ bewertet wird und erst der „Erretter“ der bedrängten Landesherrin ihre Hand erringt. Zudem erwähnt sie in diesem Kontext ebenfalls die augenfällige Kontrastierung des positiv gewerteten Angriffs Herwigs und der negativ gewerteten Angriffe der restlichen Brautwerber. Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.140. 140 der Anmerkung Bartschs327, der erste Vers verweise auf die Einzelbestattung jedes Heiden, so verweist das anschließende Adverb alsô auf die Übernahme dieser Bestattungsmethode von den Hegelingen, sodass anhand dieser Strophe auf keinen Fall eine implizite Abwertung festgestellt werden kann. Überdies wird in der vorhergehenden Strophe erwähnt, swie geheizen wæren, sam tet man die von ieclîchem lande (912,4)328; ferner soll Gott späterhin allen Soldaten, die dâ sint gelegen (918,1) Gnade erweisen, ohne eine christliche Einschränkung, sodass diese Verse letztlich nur den räumlichen Aspekt der Figurendisposition erneuern, ohne auf Diffamation oder Sonstiges anzuspielen.329 Die Argumentation zeigt demnach, dass sich kulturübergreifend ähnliche Muster der Narration hinsichtlich der Fremdbegegnungen etablieren, wie beispielsweise die subtile Abwertung des Anderen durch Anmerken nicht normgerechten Verhaltens. Dennoch führt dies in keinem Fall zu einer offenen Kritik oder Konfrontation des Anderen, sondern wird außerhalb einer offenen Kriegserklärung versucht, die Kontingenz eines solchen Treffens friedfertig abzutragen. Sicherlich begegnet man den Fremden des Okzidents mit einer vorbehaltloseren Gastfreundschaft, jedoch erweist man den Fremden aus dem Orient gleichermaßen Respekt wie u.a. das Begräbnis zeigt; fernerhin wird die Vorbehaltlosigkeit alsbald abgelegt, sobald die Hintergründe einer Brautfahrt aufgedeckt werden. Auffallend ist hingegen, dass dieser ‚Respekt‘ gegenüber den Heiden sich nicht in Form von ‚Gastlichkeit‘ zeigt, denn anders als die okzidentalen Figuren werden sie nicht einmal an den Hof geladen, wenn sie davor vortreffliche Ritterspiele aufführen. Die höfische Toleranz zeigt sich demnach als defizitär, vor allem gegen- über Andersgläubigen, dennoch trägt sie weiter, als dies oftmals angenommen wird, indem das systemgefährdende Verhalten der Dänen beispielsweise entschuldigend in Kauf genommen wird. 327 Vgl. den Anmerkungsapparat bei Bartsch S.185. 328 Vgl. den Anmerkungsapparat bei Bartsch S.185, der hier explizit anmerkt, dass dieser Vers die Normannen, die Hegelinge und die Mohren umfasst. 329 Vgl. Gibbs S.308f.

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References

Zusammenfassung

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kudrunlied wird zunehmend als bedeutender literarischer Gegenentwurf zu dem zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Nibelungenlied anerkannt. Vanessa Betti treibt die aktuellen Forschungsbemühungen hinsichtlich dieser Emanzipation der Kudrun mithilfe der Untersuchung intratextueller Textfolien und -schemen bezüglich der drei großen Untersuchungsentitäten Raum, Zeit und Figuren weiter voran. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung im Vordergrund. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Ein­stiegs­aven­ti­u­ren des Werkes der narrativen Rahmensetzung dienen und in Grundzügen einen Großteil derjenigen Narrationsmodelle bereits entwerfen, auf die in multiplen Variationen durch das gesamte Werk hindurch rekurriert wird. Sie baut damit auf einer textnahen Untersuchung des ersten Erzählteils auf, bevor die Inselfiktionen, Schwellenräume, Fremdheitsaspekte sowie gesondert noch einmal das textimmanente Zeitmodell auf ihre Kohärenz und Umsetzung hin untersucht werden.