2. THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN in:

Vanessa Betti

Das Zusammenspiel von Raum, Zeit und Figuren in der "Kudrun", page 5 - 20

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4359-2, ISBN online: 978-3-8288-7314-8, https://doi.org/10.5771/9783828873148-5

Tectum, Baden-Baden
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5 2. THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN In seinen grundlegenden Arbeiten zum Chronotopos beobachtet der Kulturtheoretiker Bachtin bereits, dass die literarische Verarbeitung von realgeschichtlichen Entitäten wie Zeitkonzept, Raumwahrnehmung oder Menschenbild diachron gesehen ein „komplizierter, diskontinuierlich verlaufender Prozeß“ ist, der stets nur solche Aspekte be- und verarbeiten kann, „die auf der jeweiligen geschichtlichen Entwicklungsstufe der Menschheit zugänglich waren“12. Um etwaige Argumentationsfehler sowie -unklarheiten zu vermeiden, ist es für die vorliegende Arbeit demnach von elementarer Bedeutung, in einem ersten Schritt nicht nur einen werkbezogenen Forschungsüberblick zu liefern, sondern gleichfalls die historischen Bedingungen der Untersuchungsgegenstände zu klären. 2.1. Die Wahrnehmung des Raumes Laut Michel Foucault kann man das 20. Jahrhundert als die „Epoche des Raumes“13 bezeichnen, in der vor allem diese Untersuchungskategorie in den Fokus der kulturwissenschaftlichen Forschung gerückt wird. Die Analysegröße „Raum“ hat in den vergangenen Jahren in gleichem Maße innerhalb der Älteren wie der Neueren Literaturwissenschaft zunehmend an Bedeutung gewonnen. Das Augenmerk innerhalb der Mediävistik liegt hier sowohl auf der mimetischen Ebene der geographischen Raumgestaltung der intratextuellen Welt, aus der man sich teilweise Einblicke in das zeitgenössische Weltbild und Wissen erhofft, als auch auf der Metaebene der semiotischen Rauminszenierung der Dichter, deren Codierung textimmanent mehr als nur eine marginale Rolle einzunehmen vermag.14 Um eine fundierte innerliterarische Raumanalyse vornehmen zu können, müssen zunächst einige Begrifflichkeiten, sowie Konzepte und unterschiedliche Vorstellungen diesbezüglich geklärt werden. Das Substantiv „Raum“ selbst sollte dementsprechend am Anfang der Klärung des theoretischen Rahmens stehen, kann es doch je nach Gebrauchskontext zwischen Konkretum und Abstraktum oszillieren, sodass hier 12 Bachtin S.7. 13 Foucault: Andere Räume S.36. 14 Moderne Arbeiten zur allgemeinen Raumforschung in der mittelalterlichen Literatur vgl. Kundert, Ursula u.a.: Ausmessen – Darstellen – Inszenieren: Raumkonzepte und die Wiedergabe von Räumen in Mittelalter und früher Neuzeit. Sammelband. Zürich, 2007. 6 bereits eine erste Kategorisierung vorgenommen werden muss. Der Terminus „Raum“ umfasst im Sinngehalt sowohl eine konkret erfahrbare Umweltstruktur als auch eine allgemein erfahrbare Konzeption, die auf eine Metaebene referiert und sich innerhalb dieser erst etabliert, wie beispielsweise der „Raum der Lyrik“ oder der „Raum der Großstadt“. Letzterer verweist nicht auf eine subjektiv wahrgenommene, konkrete Umweltstruktur, sondern umfasst dieser lediglich ein gewisses Konzept, das je nach Umsetzung, Umständen oder der Raumdefinition variieren kann. In diesem Zusammenhang wird ebenfalls auf den Unterschied zwischen dem theoretischen Raum in der Mathematik oder Physik und dem real-fassbaren, daher subjektiv-wahrgenommenen Raum um den Menschen herum verwiesen, wie dies ausführlich bei Bollnow dargelegt wird.15 Diese Kategorisierung des vorliegenden Begriffs wird der ästhetischen Umsetzung innerhalb der Kunst und Literatur jedoch nur in Ansätzen gerecht. Um die gezielte Inszenierung des Raumes innerhalb der Künste aufzufangen, erweitert Cassirer in seinen Ansätzen diese beiden grundlegenden Raumkonzepte um die Kategorie des „ästhetischen Raumes“. Diese Begrifflichkeit soll ebenfalls die künstlerische Intention einbinden, welche nie eine simple Abbildung des potentiellen Raumes anstrebt, sondern dieses Gefüge mit geeigneter Symbolik, Interdependenzen und subjektiver Wahrnehmung anreichert, um dem Werk einen Mehrwehrt an Interpretationstiefe zu geben.16 Horst Brunner wiederum führt speziell in Bezug auf die Literatur den Begriff des „poetischen Raumes“ ein. Dabei zieht er zwar Parallelen zum real erlebten Raum, doch betont er dabei vehement dessen Ästhetisierung innerhalb der Literatur. Er geht so weit, jeglichen Raum, über den berichtet wird, – selbst wenn der Bericht mimetischen Bezug zu einem real fassbaren Raum nimmt – als „poetischen Raum“ zu kategorisieren, da dieser durch die Wiedergabe an Dritte nicht mehr primär als solcher fassbar wäre. Die verbale bzw. schriftliche Beschreibung desselben wäre vom berichtenden Subjekt bereits selektiv angelegt, sodass sie nie vollkommen sein könnte und sich nur eine restriktive, auf subjektiv als wertvoll angenommene Elemente beschränkte Sicht auf das Raumgefüge gibt.17 Dieser Argumentation schließt sich Zumthor mit 15 Vgl. Bollnow S.25ff. Ähnlich argumentiert ebenfalls Kobel S.17f. 16 Vgl. Cassirer S.28f. 17 Vgl. Brunner S.14-16. 7 seiner Unterscheidung zwischen der „perception immédiate“ des erlebten Raumes und der „reflexion par l’esprit“ im Anschluss daran an.18 Ein Raumbericht beinhaltet daher stets eine gewisse Interpretation durch das berichtende Subjekt. Gerade in Bezug auf die literarische Raumdarstellung des Mittelalters hält er daher ebenfalls fest, dass deren Deskription „est déterminé[e] moins par la vision de ces «objets» que par une topique qui leur est attaché“19, um seine These der interpretationsschweren Raumdarstellungen zu untermauern. Diese unterschiedlichen, eher dynamisch angelegten Raumkonzepte entstanden in den letzten Jahrzehnten aus dem grundlegenden Wahrnehmungswandel der Räumlichkeit als solche. Die vormalige Vorstellung eines statischen Raumes, der lediglich als immobiles Behältnis für Figuren/Subjekte und Handlungen dient, gilt demnach seit dem spatial turn in den 80iger Jahren als veraltetes Raumkonzept, das zunehmend durch Entwürfe eines relationalen Umweltgefüges ersetzt wurde. Die Korrelation von Subjekt und Raum begrenzt sich dabei nicht nur auf die eindimensional wahrgenommene kulturelle und soziale Bedingung des Raumes, der schließlich ein Produkt menschlichen Eingreifens ist, sondern erweitert sich um die Dimension des räumlichen Einflusses auf Handlungen, wenn nicht sogar Emotionen und Charaktereigenschaften des Einzelnen. Auf diese Weise kann ein solches Gefüge aufgrund wechselseitiger Relationalität trotz seiner Statik selbst sowohl in der realen als auch innerhalb einer fiktiv gestalteten Welt zum Aktanten werden. Einen prägnanten Aufsatz zur Korrelation von Subjekt und Raumordnung liefert Kathrin Busch. Darin setzt sie sich zunächst mit der „Symmetrie von Akteur und Aktant“20 nach Latour und den Theorien Foucaults auseinander, um diese in einem anschließenden Schritt um die affektive Sphäre zu erweitern, sodass es zu einer regelrechten „Hybridisierung von Subjekt und Raum“21 kommt. Um dieser mehrdimensionalen Wechselwirkung gerecht zu werden, führt sie den Begriff der „Interpassion“ ein, der im Folgenden dementsprechend für 18 Vgl. Zumthor S.17f. 19 Zumthor S.387. Für ihn ist gerade der Inszenierung des Raumes innerhalb der mediävistischen Werke die semiotische Codierung inhärent, da sie zu diesem Zeitpunkt einen der wenigen Spielräume von freier, dichterischer Fiktionalität bieten, innerhalb derer sich ein Autor von eventuellen Quellen oder Vorgaben entfernen kann. 20 Busch S.18. 21 Busch S.19. 8 die hiesige Dissertation übernommen werden wird. Obschon Busch sich hier an modernen Raumkonzepten der Realgeschichte orientiert, lässt sich die korrelative Beziehung dieser beiden Entitäten aufgrund ihrer ästhetischen Überformung innerhalb der Kunst auch auf literarische Raumkonstrukte übertragen.22 Da die Theorie einer artifiziellen Kulisse, welche eine Szene durch eine gewisse Wertung, Symbolik oder eben semiotische Figurencharakteristika komplettiert, seit der Antike und der lateinischen Rhetorik in künstlerische Werke mit einfließt, kann Buschs Interpassionsthese darüber hinaus ohne Einschränkung auf vormoderne Texte übertragen werden.23 Das allgemein auflebende Interesse an der Kategorie „Raum“ und der Fokus auf deren literarische Umsetzung erwachsen demnach aus deren Einfluss auf die Wahrnehmung des Helden. Durch die besprochene Wechselwirkung zwischen den beiden Analysegrößen spielt die Raumordnung auf entscheidende Weise in die Interpretation einzelner Figuren mit ein. Dieses Phänomen gewinnt innerhalb der mittelalterlichen Literatur umso mehr an Bedeutung, weil gerade die Landschaftskonstruktionen zum Ausdruck des „Innenraum[s] der Figur in seiner Mannigfaltigkeit“24 wird, da diese oftmals eines der wenigen Momente ist, das den Protagonisten eine gewisse Tiefe und in gewisser Weise ebenfalls Individualität zu geben vermag. Der psychologischen Dimension der Figuren, sofern man sich in den mittelalterlichen Epen soweit vorwagen mag, fehlt es zeitgenössisch durch deren schablonenhafte Konstruktion an der nötigen konkreten Verbalisierungsmöglichkeit, sodass sich solche Facetten oftmals im Räumlichen spiegeln müssen. Das Räumliche zeichnet daher auf mehreren Ebenen Handlung, Figuren und Semiotik des Werkes ab.25 Diese Verlagerung in das Räumliche ist jedoch gerade für das Mittelalter nicht verwunderlich, da die Zeitgenossen auch realgeschichtlich einer von unserer stark abweichenden Raumwahrnehmung unterlagen. Zumthor spricht in diesem Kontext von einem „espace personnalisé“, 22 Vgl. Busch S.22f. 23 Vgl. Störmer-Caysa S.48f. 24 Seeber: Vor dem holen steine […] S.127. 25 Vgl. Seeber: Vor dem holen steine […] S.126f. Dieser referiert auf Horst Wenzel, der bereits in den 80iger Jahren postulierte, dass die Analyse des Raumes Rückschlüsse auf die Figuren gebe und damit für eine tiefergehende Interpretation fruchtbar gemacht werden könne. Zum Verhältnis der Figuren und deren Verhalten im Raum vgl. ebenfalls Glaser S.26f. 9 da die Menschen durch die christlichen Lehren zwischen sich und ihrer Umwelt ein Abhängigkeitsverhältnis wahrnahmen: „Tout homme conservait avec la terre une chaleureuse complicité […]. L’espace du paysan médiéval, non moins que du citadin, du seigneur, du prélat n’avait rien qu’est pour nous le nôtre, tridimensionnel, uniforme, divisible en séquences mesurables et doué de quantités indépendantes de son contenu matériel. L’espace médiéval n’est ni abstrait, ni homogène. Nous dirions […] qu’il est « personnalisé » : concret, individuel, hétérogène, mais intime.“26 In Bezug auf das eigentlich zu analysierende Werk – die Kudrun – wurden zu deren Räumlichkeitsentwürfen bereits einige Vorarbeiten geleistet. Die ältere Forschung konzentrierte sich dabei vorwiegend auf die geographische Strukturierung des Raumes und deren realgeschichtliche Erfahrbarkeit. Dies mag daran liegen, dass das Werk vor allem auf Au- ßenräume und geographische Verweise rekurriert, während Innenräume nur marginal gezeichnet, bzw. überhaupt nur in Einzelfällen von den Protagonisten genutzt werden. Der Großteil des Epos spielt sich gattungsgemäß auf Schlachtfeldern, hier spezifischer noch an Meeresufern, ab. Dem gegenüber wird die Kemenate beispielsweise als archetypischer Innenraum des Hofes gelegentlich marginal erwähnt, genauer umrissen sogar nur ein einziges Mal, als Horânt, Wate und Fruote für ihren König um Hilde werben sollen. Die ästhetische Konstruktion des Raumes fällt ebenfalls aus dem Rahmen: Obschon es sich hier um einen prinzipiell abgeschlossenen Innenraum handelt, bleibt das Private dieses Raumgefüges meistens außen vor, da die Kammer offensichtlich von Außen-stehenden ohne Vorankündigung betreten werden kann, ohne dass dies von einer anderen Figur als anstößig empfunden wird. Sowohl Kudruns Kammer als auch Gerlints und Ludwigs Kemenate können dementsprechend ohne Probleme von anderen Protagonisten betreten werden. Auf diese Weise werden die Grenzen zwischen außen und innen porös. Da die literarische Inszenierung dieser Örtlichkeit eben diese Abgeschlossenheit verwässert, wird die Kemenate selbst zu einem Ort der Öffentlichkeit, sodass sie als Innenraum verschwindet. In dem Kontext der geographischen Raumerfassung sind fernerhin Blamires und Frings anzuführen, welche u.a. die Realistik der länderkundlichen Angaben hinterfragen und versuchen, diese auf real- 26 Zumthor S.35. 10 geschichtliche Landschaften zu übertragen. Dabei führen sie ihre Untersuchungen derart ins Detail, dass sie bei ihren Ausführungen sowohl botanische Angaben als auch Hinweise zur Windrichtung mit heranziehen. Da diese Arbeiten ihren Fokus jedoch auf den Rückschluss auf zeitgenössische Weltbilder legen, wird die intendierte Inszenierung des Raumes schlichtweg ausgeblendet. Im Gegensatz zur sehr strikten Analyse von Frings lässt Blamires zwar den „fantastic geographical frame of reference“27 anklingen, doch wird dieser in der darauffolgenden Analyse nur noch äußerst marginal behandelt, sodass auch hier der ästhetische Aspekt zum größten Teil unbeachtet bleibt. Die symbolische Aufladung des Raumes wird dementsprechend bei beiden, wenn überhaupt, nur zweitrangig behandelt. Gerade diese gezwungene Übertragung der intratextuellen Welt auf die reale kreidet Hoffmann den Forschern als Überdeterminierung des Peripheren an. Er spricht dabei von einer falsch angelegten Rangordnung der philologischen Aufgabe einer Textinterpretation, welche die Künstlichkeit eines literarischen Werkes schlicht übergeht.28 Innerhalb der modernen Raumforschung, wie sie weiter oben dargelegt wurde, ist dies eine nachvollziehbare Reaktion, rekurrieren doch bereits mittelalterliche Autoren mehr auf die semiotische Codierung des Raumes als auf seine mimetische Abbildung. Maisack wird diesem Credo nun dahingehend gerecht, dass er die räumliche Analysekategorie wenigstens in Ansätzen um die Raum-Figuren-Interdependenz erweitert; leider verbleibt sein Forschungsansatz sehr oberflächlich, da er diese erarbeitete intratextuelle Welt nicht in einen Kontext des Gesamtwerkes zu setzen vermag.29 Diese Korrelation der Entitäten beschäftigt ebenfalls die moderne Forschung, die versucht, den Grundgedanken Maisacks im Hinblick auf die Alterität von Heimat und ellende bzw. fremde fortzusetzen. In diesem Feld ist Siebert anzuführen, die sich jedoch durch ihre Eingrenzung auf ein bestimmtes Raumkonzept ebenfalls auf einzelne Protagonisten beschränken muss wie Hildeburg, da diese Figur eigentlich ihr gesamtes Leben außerhalb ihrer Heimat verbringen muss. Das Räumliche definiert sich für sie stets nur über die Trennung, denn sie wird mehrfach 27 Blamires S.437. 28 Vgl. Hoffmann S.12f. 29 Maisack, Helmut: „Kudrun“ zwischen Spanien und Byzanz: 5.-13. Jahrhundert. Berlin, 1978. 11 innerhalb des Epos umgesiedelt.30 Diese Erfahrung der räumlichen Trennung durch die männlichen Protagonisten, die ebenfalls ihre Zeit auf Schlachtfeldern in der Fremde verbringen, bleibt jedoch sowohl in Sieberts Aufsatz als auch in ihrer Monographie leider unbeachtet. Diese beiden Bearbeitungen Sieberts werfen aber gerade durch die Marginalisierung der männlichen Trennungserfahrung im Räumlichen weitere Genderfragen auf, da die beiden Geschlechter offensichtlich relativ unterschiedlich auf eine solche Raumbewegung reagieren. Gerade dieser Aspekt soll als weiteres Forschungsdesiderat daher in dieser Arbeit eingehender beleuchtet werden, in gleichem Maße wie die räumliche Konfiguration des Spannungsverhältnisses zwischen Heimat- und Fremdraum hierfür relevant ist. Die methodisch ausgereifteste Bearbeitung zum Thema „Raum“ innerhalb der Kudrun-Forschung liefert Stefan Seeber, der sich in Auseinandersetzung mit Cassirers Prämissen der psychologisierenden Raumanalyse mit einzelnen Raumstrukturen, wie beispielsweise dem Magnetberg, auseinandersetzt und sich auf diese Weise auch Verhaltensbrüche der Figuren zu erklären versucht. Seine Untersuchung bleibt durch den eingeschränkten Rahmen seines Aufsatzes leider auf ausgewählte Räume beschränkt, sodass hier ebenfalls der Gesamtkontext des Epos außen vor bleibt. Es zeigt sich in diesem Forschungsfeld demnach einerseits eine deutliche Tendenz hin zur Zusammenführung der Figuren- und Rauminterpretation des Werkes im Sinne von Kathrin Buschs Prämisse der Interpassion, gleichzeitig präsentieren sich in diesem Kontext aber vielfältige Forschungslücken, die es im Folgenden zu schließen gilt. Methodisch rekurriert die vorliegende Arbeit bei textnaher Interpretation auf Buschs Forschungsansätze in Verbindung mit der psychologisierenden Raumanalyse nach Cassirer und Zumthor. Der Einfluss der beiden Analyseentitäten wird jedoch nicht mehr eindimensional, sondern durch Buschs Konzepterweiterung als korrelatives Konstrukt verstanden, sodass Zumthors Postulat eines „espace personnalisé“ ebenfalls als „espace personnalisant“ mit handlungstragender Funktion definiert und nachgewiesen werden soll. Darüber hinaus soll die Raumanalyse in einen Gesamtkontext gesetzt werden. Es wird von der These ausgegangen, dass der Autor sich einen intratextuellen Bezugsrahmen des Räumlichen schafft, auf den er 30 Vgl. Siebert: Hildeburg […] S. 218f. 12 in variierender Form stetig durch das ganze Werk hindurch zurückgreift. Dieser Bezugsrahmen steht im Fokus, um gerade den in der Forschung oft übergangenen Gesamtkontext der Kudrun hervorzuheben. Vorrangiges Ziel der Raumanalyse ist es dementsprechend, eine strukturalistisch angelegte Untersuchung gewisser Raumparadigmen durchzuführen und diese hinsichtlich ihrer Umsetzung innerhalb des Werkverlaufs hin zu hinterfragen, anstatt sich auf einige Teilsequenzen zu beschränken. Um den werkimmanenten Raumstrukturen gerecht zu werden, werden zudem Foucaults Ansätze der Heterotopien herangezogen, um etwaige Raumbesonderheiten verstärkt herauszuarbeiten, denn durch die Verwässerung der Grenzen von außen und innen, öffentlich und privat, benötigt die Analyse eine Möglichkeit, diese Grenzverwischung aufzufangen. Kurzgefasst sollen die literarischen Ordnungsmuster auf Ebene der Räumlichkeiten und deren kohärente Bearbeitung herauskristallisiert werden. 2.2. Die Wahrnehmung der Zeit Ähnlich wie das Konzept des Raumes und dessen Erfassung unterliegen ebenfalls die Zeitbegriffe sowie deren jeweilige Perzeption kultur- und epochenabhängigen Wandeln. Während die moderne westliche Gesellschaft beispielsweise aufgrund der minutiösen Taktung vor allem der Arbeits- und Geschäftswelt das Konzept ‚Zeit‘ als eine objektiv messbare Entität der Umwelt mit einer hohen Wichtigkeit wahrnimmt, beschäftigen sich naturnahe Völker sowie historische Volksgruppen ohne technisierte Uhren hingegen eher mit dem zyklischen Verlauf natürlicher Zeit, ohne deren Kleinstplanung zu beachten.31 Andererseits sollte in diesem Kontext bedacht werden, dass diese ‚Objektivität‘ und Messbarkeit der Zeit auf der einen Seite und die Wahrnehmung ihres Ablaufes auf der anderen selbst in einer hochtechnisierten Gesellschaft nicht notwendigerweise zusammenfallen, sondern Letzteres dennoch eine subjektive Perzeptionskategorie bleibt, die u.a. durch die persönliche Gemütslage, die Situation, die Beschäftigung oder sogar die Begleitung variieren kann. Manche Zeitabschnitte vergehen derart für das Individuum „wie im Fluge“, während andere Minuten sich gefühlt zu Stunden ausdehnen können, sodass nicht nur 31 Vgl. Wenzel: Zur Mehrdimensionalität […] S.10, Schwob S.151 und nochmals ähnlich in seiner älteren Arbeit Schwob: Zeitvorstellungen […] S.333f.. Vgl. Ehlert S.200ff. für einen kurzgefassten, aber prägnanten Überblick zum Entwicklungsprozess der Zeitvorstellungen im Mittelalter. 13 auf Anachronismen des Zeitkonzepts geachtet, sondern ebenfalls zwischen ‚objektiver‘ und ‚subjektiver‘ Zeit unterschieden werden muss. Um die werkimmanente Zeitmodellierung sowie die damit in Verbindung stehenden Interpretationsmöglichkeiten in ihrer Gesamtheit zu erfassen, sollten demnach beide Problemfelder differenziert im Blick behalten werden. Zunächst soll jedoch in diesem Teil der Arbeit das mittelalterliche Zeitverständnis in den Fokus rücken, ohne dessen Hintergrund keine der beiden Kategorien tiefergehende Beleuchtung finden kann. Hierzu sei zunächst angemerkt, dass nicht pauschal von einem „mittelalterlichen Zeitkonzept“ gesprochen werden kann. Durch die Weiterentwicklung der Uhrentechnik im Spätmittelalter kommt es beispielsweise zu einem tiefgreifenden Wandel der Zeitauffassung in Richtung einer abstrakteren Perzeption derselben, selbst wenn diese noch grundlegend von unserem modernen Zeitverständnis differiert, sodass der zeitliche Untersuchungsrahmen näher gesteckt werden muss. Die hier vorgestellten Konzepte versuchen sich also am 13. Jahrhundert zu orientieren, um der postulierten Entstehungszeit der Kudrun gerecht zu werden. Zu diesem Zeitpunkt steht das Zeitkonzept genau wie viele andere Lebensbereiche der Menschen unter dem maßgeblichen Einfluss der Kirche. Einerseits treibt diese Institution aufgrund der ständigen Bestrebung ihrer Klöster, zur Vermeidung eines gewissen Müßiggangs eine strengere Zeitstruktur zu etablieren, die Weiterentwicklung der Uhrentechnik voran.32 Andererseits greift die Kirche durch das Läuten der Glocken und die Festlegung des Kalenders mitsamt all seiner Feiertage in den Alltag der nichtklerikalen Bevölkerungsgruppen ein. Trotz der Annäherung des kirchlichen Jahres an den heidnischen Kalender, um die bäuerliche Aktivität nicht fundamental zu stören, wird hohen Wert auf einen durchgehend christlichen Anstrich der sozialen Zeitordnung gelegt. Infolge des religiösen Einflusses wird für die „weltliche Zeit“, das Diesseits, zudem die Vorstellung einer linearen Heilszeit übernommen. Anders als das transzendente Konzept einer zeitlichen Unendlichkeit kennt sie hinsichtlich der göttlichen Schöpfung einen klaren Anfang sowie dem Tag des Jüngsten Gerichts ein 32 Zur Zeitkultur im Kloster vgl. Sulzgruber S.45-73. Innerhalb der Klöster greift man beispielsweise bereits früh auf Wasser- sowie Öluhren zurück, um eine klosterintern verpflichtende Zeitstruktur zu schaffen, welche eine Tageseinteilung in Arbeits- und Gebetszeit sichert. 14 definiertes Ende. Die Finalität und die Fatalität einer solchen Vorstellung wirken sich selbstverständlich ebenfalls auf die Lebenswahrnehmung der Zeitgenossen aus. Innerhalb der kirchlichen Einflussnahme stehen sich also zwei divergierende Zeitkonzepte gegen- über – die Endlichkeit des Diesseits und die Unendlichkeit des göttlichen Jenseits – die entsprechend auch als voneinander getrennte Konzepte wahrgenommen werden, ohne darin einen Widerspruch zu sehen.33 Dessen ungeachtet herrscht nicht überall die gleiche Alltagstaktung. Trotz der allgemein anerkannten Ordnungsleistung der Kirche konnten sich zu dieser Zeit unterschiedliche Zeitvorstellungen konstituieren, die den Bedürfnissen der jeweiligen sozialen Gruppe bzw. des Standes angepasst sind. Das Konstrukt ‚Zeit‘ erfährt innerhalb des Klerus durch die geistlichen Aufgaben und innerhalb der Adelsgesellschaft durch die repräsentativen und sozialen Verpflichtungen logischerweise eine akkuratere Durchstrukturierung als im bäuerlichen Milieu, das sich wegen seiner Agrartätigkeiten stärker am zyklischen Verlauf der „natürlichen“ Zeit orientiert und dementsprechend keiner minutiösen Tagesplanung bedarf. Der lineare Zeitablauf spielt hier eine weniger gewichtigere Rolle als die kreisähnliche Wiederholungs-struktur des Pflanzenwachstums, von der dieser Stand nunmal abhängig ist. Es gibt schlichtweg kein Bedürfnis nach engstrukturierten Tagesabläufen, sondern nutzt dem Individuum vielmehr seine Anpassungsfähigkeit an den natürlich gebotenen Zyklus der Zeit. Die diesbezügliche ‚Ignoranz‘ zeigt sich u.a. darin, dass nur die wenigsten Subjekte des dritten Standes angeben können, wann sie geboren oder wie alt sie sind. Ungefähre Zeitangaben reichen ihnen in diesem Bereich offenbar vollkommen aus.34 Eine solche Pragmatik der Zeitperzeption generiert eine entsprechend sinnbildliche Semantik bezüglich temporaler Angaben. An Stelle abstrakter Zeitangaben treten Auskünfte, die sich an gewissen prägnanten Ereignissen orientieren. Zur Beschreibung eines Zeitverlaufs oder Beantwortung der Frage, wann etwas passiert sei, bedient man sich vorzugshalber sichtbarer Begebenheiten, sodass sich Sachverhalte beispielsweise „nach dem Melken der Tiere“, „nach der Frühmesse“ oder „vor dem Sonnenaufgang“ abspielen und nicht wie heute zu einer konkreten Zeit in Form von Zahlen- oder Stundenangaben. Diese Eigenart 33 Vgl. Schwob S.152f., Schwob: Zeitvorstellungen […] S.336, Classen S.140, Wenzel: Zur Mehrdimensionalität […] S.13f. und Sulzgruber S.16f. 34 Vgl. Wenzel: Zur Mehrdimensionalität […] S.10-13, Schwob: Zeitvorstellungen […] S.337f., Classen S. 137f. und Sulzgruber S.12ff. 15 der sachorientierten Deskription der Zeit bringt gleichfalls eine Verschmelzung von Raum- und Zeitangaben hervor, die sich vor allem im Ländlichen herauskristallisiert, denn „[…] der Mensch […] brauchte die räumliche Dimension zur Veranschaulichung der Zeitdauer – und umgekehrt: Ein „Morgen“ Land war jene Fläche, die man in der entsprechenden Zeit (1 Morgen = 1 Lichttag) pflügen konnte. Die räumliche Ausdrucks-weise war damit Hilfsmittel, die Denkform einer messbaren Zeit zu verstehen […].“35 Dieses markante Beispiel von Sulzgruber zeigt, wie eng diese beiden Entitäten realgeschichtlich miteinander verzahnt sind, sodass sie in der Literatur gleichermaßen nicht isoliert voneinander zu betrachten sind. Dieses Exempel demonstriert darüber hinaus aber ein weiteres Phänomen dieser Messgrößen: Zeit- und Raumbegriffe sind dehnbar. Solche Angaben müssen jeweils im Kontext gewertet werden, da sie nicht als universell bindende Informationen angesehen werden können. Das Tempo des Pflügens, um weiter bei Sulzgrubers Beispiel zu bleiben, hängt von verschiedenen Faktoren ab, u.a. der Ausrüstung, dem Arbeitseifer oder einfach der Tagesform des Individuums. Das Flächenmaß sowie die dafür benötigte Bearbeitungszeit sind also in gleichem Maße variabel, sodass für Subjekt A dieser Morgen Land sich anders zeigen kann als für Subjekt B. Erneut zeigt sich hier, dass die Zeitgenossen nicht unbedingt präzise Größenangaben benötigten, sondern sich vielfach mit etwas schwammigeren, ungefähren Maßeinheiten begnügten.36 Die gleiche Präpotenz des Ungefähren gegenüber der Präzision herrscht irritierenderweise im Umgang mit der kirchlichen Zeitordnung vor. Festtage sowie klerikale Feieranlässe werden je nach Region, ex aequo nach Konfessionsrichtung, unterschiedlich festgelegt, sodass es selbst innerhalb eines zusammenhängenden Herrschaftsbereiches zur Variation des Kirchenkalenders kommt. Dahingehende literarische 35 Sulzgruber S.13f. An dieser Stelle werden auch weitere Beispiele gegeben, um die Prämisse dieser Verschmelzung zu verdeutlichen. 36 Vgl. Sulzgruber S.12ff. und Wenzel: Zur Mehrdimensionalität […] S.12. Wenzel spricht in Bezug auf die Besonderheit der Wahrnehmung dieses Raum-Zeit- Wechselspiels von einem „Verhältnis der Qualität“, anstelle eines „Verhältnisses der Quantität“. Die Perzeption der Entitäten ist im Gegensatz zur heutigen Abstraktion dieser Größen weitaus mehr am Individuum ausgerichtet, das in dieses Wechselspiel eingreifen kann. 16 Zeitangaben sollten demnach stets hinterfragt, kontextual eingebettet und gegebenenfalls sogar mit der Entstehungsregion des Werkes abgeglichen werden, bzw. könnten sie entsprechende Hinweise auf das Entstehungsumfeld geben.37 All dessen ungeachtet kennt das Mittelalter jedoch ein gewisses Inventar stereotyper Zeitzuschreibungen. Darunter zu verstehen sind Zeitangaben, denen man a priori eine gewisse Qualität attribuiert. Auch in diesem Bereich macht sich der klerikale Einfluss bemerkbar, denn diese Wertzuweisungen orientieren sich nicht nur am Zyklus der jeweiligen Jahreszeiten, sondern gleichermaßen an der Heilswahrnehmung: Der Winter gilt dementsprechend als die Zeit des Stillstandes durch das Brachliegen der Felder im bäuerlichen Kalender; gleichermaßen ist er die Zeit der inneren Einkehr aufgrund des christlichen Festtagskalenders. Ähnlich zeigt sich die Perzeption von Tag und Nacht: Am Tag – der Zeit des Lichts – passiert Legitimes, während die Nacht – die Zeit der Dunkelheit – mit pejorativen Attributen wie der Sündhaftigkeit oder Gefahr in Verbindung gebracht wird.38 Welcher Nutzen lässt sich aus diesem realhistorischen Exkurs für die literarische Analyse der Kudrun ziehen? Zunächst unterstreichen die eben präsentierten Fakten nochmals den untrennbaren Zusammenhang von Zeit und Raum. Beide Kategorien sind ohneeinander kaum denkbar, weder in der Realhistorie noch im literarischen Bereich. Der Grundpfeiler des Erzählens – die Handlung – kann ohne zeitliches Voranschreiten und räumliche Lokalisierung nicht existieren. Aufgrund der Ästhetisierung sowie der semantischen Codierung dieser beiden Entitäten innerhalb des Kunstbereichs gehen sie hier eine noch engere Verbindung ein, sodass diese „räumliche[n] und zeitliche[n] Merkmale zu einem sinnvollen und konkreten Ganzen“39 verschmelzen; dementsprechend können sie also auch als „Ganzes“ interpretationsfruchtbar gemacht werden. Diese Besonderheit hat der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin mit dem Begriff des ‚Chronotopos‘ bedacht. In seiner Monografie dazu analysiert er dieses Phänomen ausführlich von der Antike bis zu den Romanen Rabelais‘, um zu dem Schluss zu kommen, dass diese Chronotopoi epochen- und gattungsabhängig sind. Sie sind 37 Vgl. Sulzgruber S.20-22 und Wenzel: Zur Mehrdimensionalität […] S. 13ff. Dieser regionale Charakter der Heiligenfeste betrifft nicht die Hauptfeste wie Ostern oder Pfingsten, die nach dem Mondverlauf jedes Jahr neu festgelegt werden. 38 Vgl. Sulzgruber S.29ff. 39 Bachtin S.7. 17 demnach stets als Gesamtes mit dem jeweiligen realgeschichtlichen Hintergrund zu betrachten. Obschon Bachtin sich bei seiner Betrachtung auf die mittelalterlichen Ritterromane begrenzt, führt meine These der Verschmelzung von Raum, Zeit und Figuren dazu, dass das Konzept des Chronotopos ebenfalls für die Kudrun versucht wird, fruchtbar zu machen. Die spezifische Untersuchung eines textlichen Zeitgerüstes sieht sich abgesehen von diesem Ansatz jedoch bereits in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit den Arbeiten von Gerhard Müller begründet. Mit seiner grundlegenden Arbeit zum Spannungsverhältnis von ‚Erzählzeit‘ und ‚erzählter Zeit‘ legte er seinerzeit den Grundstein zur Emanzipation der Zeitanalyse. Die Ansätze zur doppelten Zeitstruktur sind in Verbund mit Lämmers Weiterführung der Forschung bezüglich der vielfältigen Verknüpfungs- und Gliederungsmöglichkeiten eines narrativen Zeitgeflechts heute noch immer aktuell und anwendbar.40 Ihre literaturtheoretischen Vorarbeiten führten in den darauffolgenden Jahrzehnten zu vielfältigen Arbeiten zu Einzeltexten, die eben dieses Problemfeld in textnaher Untersuchung zu beleuchten versuchen.41 In Bezug auf den Umgang mit der Zeit innerhalb der Heldenepik hat Schwob mit seinen textübergreifenden Aufsätzen ebenfalls bereits eingehende Vorarbeit geleistet, die jedoch leider ohne konkrete Textanalyse etwas abstrakt bleibt, sodass diese Thesen im Einzelfall anhand konkreter Textstellen überprüft werden müssen. Einen weiteren interessanten Ansatz bietet Classen, der sich anhand mehrerer Werke, wie beispielsweise dem Iwein, dem Thema nähert unter dem Gesichtspunkt, bereits gewisse moderne Aspekte der Zeitperzeption festmachen zu können. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass man damals dem 40 Einen genaueren Überblick zu den Forschungsansätzen von Müller und Lämmer bietet u.a. Hegerfeld S.41ff. und Bender S.10-20. 41 Um einen kurzen Überblick zu den unterschiedlichen, diesbezüglichen Arbeiten zu geben: Luxenburger, Maria: Die Zeitgestaltung in Wolframs von Eschenbach Parzival. Bonn, 1949. Hillen, Hans-Jürgen: Die dichterische Behandlung der Zeit im Nibelungenlied. Köln, 1951. Ruberg, Uwe: Raum und Zeit im Prosa-Lancelot. München, 1965. Hegerfeldt, Birgit: Die Funktion der Zeit im “Iwein“ Hartmanns von der Aue. Marburg, 1970. Gillespie, George: Das Mythische und das Reale in der Zeit- und Ortsauffassung des ‚Nibelungenliedes‘. In: Knapp, Fritz-Peter (Hrsg): Nibelungen und Klage. Sagen und Geschichte, Struktur und Gattung. Passauer Nibelungengespräche 1985. Heidelberg, 1987. S.43-60. Müller, Jan Dirk: Die Zeit im Tristan. In: Huber, Christoph (Hrsg): Der „“Tristan“ Gottfrieds von Straßburg. Symposion Santiago de Compostela, 5. bis 8. April 2000. Tübingen, 2002. S.379-397. 18 Zeitverlauf sicherlich geduldiger gegenüberstand, Zeitdruck jedoch ebenfalls bereits ein Thema war. Zur Zeitkonzeption innerhalb der Kudrun äußerte sich Bender in einem großangelegten Vergleich zum Nibelungenlied, wobei sie sich vor allem auf die großangelegte Phasenbildung der Texte konzentriert, um daraus eine gewisse Denkhaltung des Dichters abzuleiten. Sie kritisiert bereits, dass einige ihrer Vorreiter sich bei der Analyse der zeitlichen Textkomponenten auf deren Gliederungsfunktion beschränken, während die Untersuchungskategorie der Zeit jedoch weitaus weiter trägt, was ihre Arbeit daraufhin dementsprechend beweisen kann.42 Die vorliegende Arbeit erweitert Benders Ansatz, indem die Zeit nicht als Verweis auf den Dichter, sondern als werkimmanenter Bedeutungsträger stark gemacht wird. Die Forschungsarbeiten diesbezüglich zeigen eindeutig auf, dass die damaligen Dichter werk- und gattungsübergreifend ausgiebig auf die weiter oben erläuterten stereotypen Wertzuschreibungen zurückgegriffen haben mit dem Ziel, den Protagonisten, der Gegenwartshandlung oder dem Raumkonstrukt implizit ebenfalls eine gewisse Qualität zuzuschreiben. Darüber hinaus ist ein bestimmtes Zeitsetting in der Lage, die Funktion einer lesereinstimmenden Vorausdeutung anzunehmen, sodass mit der Erwartungshaltung des Rezipienten gespielt werden kann: Nähern sich im Werk die Pfingsttage, so ist beispielsweise ein Fest zu erwarten; zieht der Frühling herauf, so verspricht das Setting eine Neuerung oder einen Aufbruch. Der realhistorische Fundus an temporalen Schablonen ermöglicht dem Autor eine Intensivierung der Darstellung, ohne dazu auf störende Requisiten oder ausladendere Deskriptionspassagen zurückgreifen zu müssen.43 Obwohl die Heldenepik nur in Ausnahmefällen eine genaue Zeitverortung in Form von Jahreszahlenangaben enthält, kennt sie eine nebulöse Periode temporaler Verortung: das heroic age.44 Gerade in 42 Vgl. Bender S.9. 43 Vgl. Schwob S.158f. und Schwob: Zeitvorstellungen […] S.338f. 44 Unter dem Begriff heroic age wird eine realgeschichtliche Zeitspanne verstanden. Sie wird als archaische Vorzeit begriffen, in der soziale Ideale noch realisiert wurden und aus derer man gegenwärtige Ereignisse und Konstellationen erklären kann, weshalb sie ebenfalls die Stoffgrundlage für Heldenlieder und –epen bildet. Die Zeit, auf die sich bezogen wird, variiert dabei je nach Kulturkreis: Der germanische Kulturkreis bedient sich zumeist der Völker-wanderungszeit im 4./5. Jh, während der romanische Kulturkreis auf die Zeit Karls des Großen im 8./9.Jh. zurückgreift. Die Kudrun wiederum hebt sich aus dem heroic age ihres Kulturkreises ab und orientiert sich an der Wikingerzeit. Vgl. hierzu Störmer-Caysa: Wege und Irrwege […] S.94f. 19 diesem Punkt hypostasiert sich eine erste Besonderheit der Kudrun, denn sie rekurriert nicht auf das typisch germanische heroic age, sondern greift sie beispielsweise auf skandinavisches Sagengut zurück, sodass u.a. Höhn ihren Stofffundus in die Nähe der Wikingervormärsche im 8./9.Jh. rückt.45 Eine akkurate Betrachtung der temporalen Struktur eines Textes lohnt demnach auf mehreren Ebenen, da sie nicht nur Ordnung in die Textchronologie bringt, sondern die verschiedenen Analysegrößen miteinander verwebt, dem Werkganzen mehr Tiefe verleiht und dem Dichter vielfältige Möglichkeiten der Charakterisierung einzelner Textelemente bietet. In der folgenden Arbeit sollen diesbezüglich zwei Analyseansätze verfolgt werden: Einerseits soll das Wechselspiel zwischen der Zeit und konkreten Raumparadigmen fokussiert werden, sodass sich bei der Untersuchung eines räumlichen Elements ein entsprechendes Unterkapitel anschließt. Auf der anderen Seite werden Einzelüberlegungen außerhalb dieses grundlegenden Zusammenhanges in einem abschließenden Großkapitel zusammengeführt, das sich sowohl mit den temporalen Mustern als auch dem Zusammenspiel von Figuren und Zeit befasst, um das Konvolut der Narrationsmuster zu vervollständigen. 45 Vgl. Schwob S.155ff. und Höhn S.13. Voorwinden merkt dieses Charakteristikum ebenfalls an, verzichtet jedoch auf eine genaue zeitliche Verortung wie Höhn – vgl. Voorwinden S.214f.

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Zusammenfassung

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kudrunlied wird zunehmend als bedeutender literarischer Gegenentwurf zu dem zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Nibelungenlied anerkannt. Vanessa Betti treibt die aktuellen Forschungsbemühungen hinsichtlich dieser Emanzipation der Kudrun mithilfe der Untersuchung intratextueller Textfolien und -schemen bezüglich der drei großen Untersuchungsentitäten Raum, Zeit und Figuren weiter voran. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung im Vordergrund. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Ein­stiegs­aven­ti­u­ren des Werkes der narrativen Rahmensetzung dienen und in Grundzügen einen Großteil derjenigen Narrationsmodelle bereits entwerfen, auf die in multiplen Variationen durch das gesamte Werk hindurch rekurriert wird. Sie baut damit auf einer textnahen Untersuchung des ersten Erzählteils auf, bevor die Inselfiktionen, Schwellenräume, Fremdheitsaspekte sowie gesondert noch einmal das textimmanente Zeitmodell auf ihre Kohärenz und Umsetzung hin untersucht werden.