3. DER SIGEBANT-UTE TEIL in:

Vanessa Betti

Das Zusammenspiel von Raum, Zeit und Figuren in der "Kudrun", page 21 - 46

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4359-2, ISBN online: 978-3-8288-7314-8, https://doi.org/10.5771/9783828873148-21

Tectum, Baden-Baden
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21 3. DER SIGEBANT-UTE TEIL Die erste Aventiure der Kudrun widmet sich Sigebants Herrschaft über Irlande bis zum Tage der Entführung seines einzigen Sohnes Hagen. Aufgrund des Todes seines Vaters Gêr, der sich als fähiger Herrscher gezeigt hat, gelangt der offenbar unerfahrene Prinz Sigebant auf den Thron. Auf Anraten seiner Mutter entschließt er sich kurz darauf, um die Königstochter Ute zu werben. Nach einem kurzen Werbungsrückschlag kommt es zur Hochzeit des Paares, doch in den darauffolgenden Jahren vernachlässigt König Sigebant zunehmend die repräsentativen Herrscherpflichten zunehmend, sodass sich seine Frau gezwungen sieht, ihn in einem längeren Gespräch wieder daran zu erinnern. Diese Konfrontation endet in der Organisation eines großangelegten Hoffestes, während dessen der mittlerweile herangewachsene Thronfolger Hagen von einem mythischen Greifen entführt wird. Lange Zeit fanden diese Strophen innerhalb literaturwissenschaftlicher Analysen keine weitere Beachtung, da sie als simples Vorspiel zur anschließenden Erzählepisode auf der Greifeninsel abgetan wurden. Sicherlich liegt der Erzählfokus des buoch von chautrun auf dem Erzählteil um die Prinzessin Kudrun, doch nicht zu vergessen ebenfalls das Erzählziel, dem sämtliche vorhergehenden Aventiuren zuarbeiten auch und gerade eben die Einstiegsstrophen des Werkes. Es ist unter dieser Prämisse dementsprechend nicht nachvollziehbar, wie u.a. Wailes in seiner Arbeit vorgeben kann, dass die Anfangsverse nur marginale Aspekte zur Werkinterpretation beitragen können.46 Erst mit der Arbeit von Campbell und seiner diesbezüglichen Forderung, dass „a critical appreciation must take cognizance of the poem in its entirety, it must seek to integrate all sections of the epic”47 gewann die Passage an eigenständigem Untersuchungswert. Dieses Postulat wendet sich gewissenhaft von der bis dato vorgegebenen Trivialität des ersten Erzählteils der Kudrun ab, sodass dieser in vielen darauffolgenden Arbeiten als literarisch vollwertiges Kapitel in die Analyse des Werkes mit eingeflochten werden konnte. Das Werk wird heute deshalb nicht mehr in Dreiteilung mit simplem Vorspiel, sondern in Vierteilung wahrgenommen, wie dies auch Siebert in ihrer Dissertation konsequent fortsetzt.48 46 Vgl. Wailes S. 348f. 47 Campbell S. 3. 48 Vgl. Siebert S.4 22 Dahingehend knüpft die vorliegende Arbeit ebenfalls an Campbells Prämisse an, führt diese jedoch noch einen Schritt weiter, indem die Aventiure als strategischer Narrationseinstieg gedacht wird, der für das Gesamtwerk bedeutungstragende innerliterarische Muster und Syntagmen kreiert. Diese Ordnungsmuster zeichnen auf kleinstem Raum die Komposition des Werkes vor. Diese Untersuchung fußt demnach auf der These, dass der erste Erzählteil intratextuelle Modelle, Muster und narrative Strategien generiert, auf die in vielfältigen Variationen kontinuierlich zurückgegriffen wird, sodass sich ein narrativer Bezugsrahmen abzeichnen lässt. Diese Theorie gewinnt umso mehr an Signifikanz, zieht man den allgemeinen Konsens heran, dass die ersten Aventiuren der reinen Stoffschöpfung des Dichters unterliegen. Sie folgen keiner bekannten Stofftradition, noch lassen sich hier anderweitige singuläre Quellen finden, sodass dieser vergleichbar kleine Teil des Epos einen großen Teil der Dichterarbeit im modernen Sinne in sich trägt.49 Vorrangiges Ziel wird es demnach im Folgenden sein, zu beweisen, dass sich in diesem Werksegment viel mehr als nur leichte „Ansätze zu bewusster Komposition“50 zeigen, wie Siebert sie der Kudrun attestiert. Die vorliegende Dissertation will diese Ansätze zu einem ausgereiften Zusammenspiel von Motivketten, Symbolen und Raumarrangements aufwerten, das der steten Rekurrenz des Dichters unterliegt, ohne dass dieser dabei die Kongruenz seiner Narrationsstrategien untergräbt. 3.1. Der Raum Die erste Aventiure generiert ein engbegrenztes Spektrum an Raumentwürfen: den Herrschaftsbereich Irlande51, als auch in ihm einbegriffen die Heimatburg Sigebants. Weitere Erwähnung findet die Heimat seiner Frau Ute Norwæge (8,4)52, bezüglich dieses Raumes wird ebenfalls 49 Vgl. u.a. Siebert S. 7f. und Lienert S.85f. 50 Siebert S.14. 51 Bei Symons angegeben als Îrlande (1,1). Anders als Bartsch verweist Symons darauf, dass die Handschrift die Raumangabe als Eyerlanndt wiedergibt. 52 Norwæge ist eine Konjektur Bartschs. Die Ambraser Handschrift gibt Horwage wieder, sodass Störmer-Caysa in ihren Übersetzungsanmerkungen darauf hinweist, dass hier nicht vorschnell auf Norwegen geschlossen werden soll, sondern ein anderes Herrschaftsgebiet gemeint sein könnte. Vgl. Störmer-Caysa: Kudrun S.577 sowie den Anmerkungsapparat bei Symons S.4 23 über das Frideschotten lande (9,3) gesprochen, ohne dass diese Regionen jedoch näher qualifiziert werden würden.53 Bei einem ersten Blick auf die räumliche Inszenierung der Landschaftskulisse von Irlande verbleibt auch dieser Großraum in einer absolut amorphen Linearität. Trotz der Beschreibung von Utes Brautfahrt verschließt sich der Text zunächst gegenüber näheren Raumangaben, sodass die spärlichen Deskriptionshinweise in Bezug auf ihre Reiseroute lediglich den Schluss zulassen, dass Sigebants Herrschaftsbereich an eine Küste grenzt, dâ si der westerwind von des meres ünden waejen ab begunde (13,2-3). Zudem kann der Zeitpunkt der Reise im Frühjahr verortet werden, denn es herrschen zîten, sô diu loub entspringent (11,3). Ob die Reisenden dies selbst anhand einer naturreichen Umgebung festmachen können oder ob dies nur ein raumenthobener Erzählerkommentar ist, verbleibt für den Leser wiederum genauso nebulös wie die Dauer der Reise oder die relative Beziehung der jeweiligen Ursprungsregionen von Braut und Bräutigam. Nun mag man an dieser Stelle vielleicht anmerken wollen, dass sich ähnlich strukturlose Routenbeschreibungen innerhalb der mittelalterlichen Literatur durch die Integration des Weges in das Subjekt zu Hauf finden lassen, doch betont der Urheber die Strukturlosigkeit seines Raumentwurfes darüber hinaus durch den absoluten Verzicht auf sogenannte raumgesättigte Wörter54, welche der Umgebung wenigstens eine gewisse Grobstruktur verleihen würden.55 Selbst der insular angelegte Kulturort der Herberge, in der man Ute samt ihrer Gesellschaft vor den Ritterspielen unterbringt, kann mangels relativer Bezüge zur Räumlichkeit als auch fehlender Individualisierung des Gebäudes nicht zu einem Raumfixpunkt avancieren, sodass die 53 Sowinski als auch Blamires sehen den Terminus Frideschotten lande schlichtweg als alternative Bezeichnung für das vorher erwähnte Heimatland der Braut und führen dies auf die Rauminkonsistenzen und Namensmischungen der Kudrun zuürck. Da der mittel-hochdeutsche Begriff land jedoch sowohl ein integrales Herrschaftsgebiet als auch nur ein Teilgebiet dessen bezeichnen kann, wäre es meines Erachtens logischer unter dem Frideschotten lande einen Teilbereich der väterlichen Herrschaft zu verstehen. Vgl. Sowinski S. 304, Blamires S.439 und Lexer Bd.1 Sp.1822. 54 Vgl. zur Beliebtheit raumgesättigter Wörter bei Landschaftsbeschreibungen Gruenter S.249. Vgl. fernerhin Brinker-von der Heyde, welche u.a. die Reiserouten in der Crône, dem Iwein oder dem Parzival untersucht und hier zu dem Schluss kommt, dass „weite Ebenen, verschiedene Gebirge, undurchdringliche Wäler, tiefe Täler, breite Gewässer“ (S.208) zum Grundinventar des Zwischenraumes gehören. 55 Vgl. Schulz: Erzähltheorie […] S.302. 24 Topographie von Irlande nicht erschlossen werden kann. Viel wichtiger als das Raumarrangement erscheint dem Autor hingegen in diesen Strophen die Schauseite des materiellen Überflusses, denn im Gegensatz zum durchquerten Terrain erfährt die Ausstattung der Brautfahrt mit wertvollen Pferden, deren überlange Satteldecken oder auch die Gastgeschenke eine großangelegte Beschreibung mitsamt exakter Angabe der Anzahl mitgeführter recken. Das Amorphe der Landschaft wird durch diese deskriptive Friktion nochmals indirekt unterstrichen, ohne dass dies jedoch die zeitgenössische Erzähllogik der Volksepen unterlaufe. In erster Linie werden hier machtpolitische Zusammenhänge dargestellt, sodass die Betrachtung idyllischer Natur zwangsweise hinter diesen Aspekten zurücktreten muss. Der Naturraum verbleibt eine im Hintergrund mitgedachte Kulisse, der nur an seltenen Stellen aufgrund ihrer Funktionalisierung deskriptive Passagen zugedacht werden.56 Im stupenden Gegensatz dazu steht die Einleitungsstrophe der Dialogszene, in der Sigebants Vernachlässigung der Herrschaftspflichten problematisiert wird. In mühevoller Kleinarbeit und mit großer Sorgfalt entwirft der Autor in diesen wenigen Zeilen eine konkrete Raumgliederung, die sich deutlich von seinem vorherigen Stil bezüglich der räumlichen Deskription abhebt57: Eines tages Sigebant ûf einer grêden saz. sîn wîp diu küniginne mit im redete daz under einem zêderboume: «wir haben êren vil. mich wundert einer maere, der ich verdagen niht enwil. » (26,1-4)58 Zum ersten Mal wird hier eine Art Ordnungsraum im Sinne Glasers näher modelliert mitsamt seiner relativen Beziehung zu den darin befindlichen Figuren. Mit Hilfe von Präpositionen und eindringlicher Raumausstaffierung mittels einer Treppe und einem angrenzenden Baum wird ein akkurates Arrangement entworfen, das selbst die relative Position der beiden Protagonisten zueinander genau zu definieren versucht. Dabei irritiert im Vergleich zu der räumlichen Linearität vormals diese „focalisation sur certains éléments de décor“59, welche laut Zumthor praktisch nach einer Dekodierung verlangt. 56 Vgl. Störmer-Caysa S.66f., Roesler S.77 und Schulz: Erzähltheorie […] S.302f. 57 Vgl. Siebert S.20f. und Roesler S.86. 58 Hervorhebungen sind durch den Autor der vorliegenden Arbeit vorgenommen worden, um die nachfolgende Argumentation zu verdeutlichen. 59 Zumthor S.387. 25 Prima facie konzipiert der Autor hier einen potentiell denk- und realisierbaren Ort: Er modelliert eine Treppe innerhalb einer Burganlage, die zum Garten führt und in deren unmittelbarer Nähe ein Baum wächst. Bezieht man jedoch die Baumart in die Überlegung mit ein, so wirkt das Gewächs durch den anfänglichen Ortshinweis Irlande etwas deplatziert, denn keine der unterschiedlichen Zedernarten ist zum Entstehungszeitpunkt der Kudrun in den nördlichen Ländern beheimatet. Erst in der Neuzeit gelangen diese Baumarten durch ihre schlichtweg allgemeine Verbreitung in diesen geografischen Bereich. Maisaks Versuch, Sigebants Hof durch dieses pflanzliche Requisit der Szene in den mediterranen Raum zu verorten60, erscheint durch die unzähligen Ortshinweise und die bei ihm offenbar vernachlässigte Ästhetisierung des Raumes als eine oberflächliche These, die sich derart nicht halten lässt.61 Wie sich in den ersten Abschnitten meiner Argumentation bereits deutlich gezeigt hat, geht es dem Dichter nicht um das Erschaffen eines kohärenten Landschaftsbildes, sondern vielmehr um die Funktionalität der unterschiedlichen Raumrequisiten. Dieser Aspekt gewinnt umso mehr an Gewicht, wenn man die Größe des Baumes bedenkt: Zedern können in der Regel bis zu fünfzig Meter hoch werden, sodass diese Bäume sich für die Anpflanzung in Gebäudenähe nur sehr bedingt anbieten.62 Diese räumliche Anordnung soll demnach keinesfalls die mimetische Abbildung eines realen Raumes sein, sondern wird die Raumkonfiguration offensichtlich dem Gesprächsinhalt und der damit in Verbindung stehenden Figurenhandlung funktional untergeordnet. Der zêderboume gilt in der lateinischen Stilistik zudem als ein Zeichen des Heroischen, er steht symbolisch für eine dauerhafte Herrschaft, Machtausübung sowie in Verbindung mit den Eigenschaften „Kraft“ und „Geduld“, sodass der Baum hier als Teil einer intendierten Rauminszenierung, welche die Machtposition Utes unterstreichen will, gesehen werden sollte. Die Attribute des Räumlichen – hier die signitiven 60 Vgl. Maisack S.115. Auch Sowinski verweist in seinen Anmerkungen auf die südlichen Anklänge der Zeder, vgl. S.304. 61 Vgl. zur weiterführenden Argumentation, warum Irlande sicherlich eine Region in den nördlichen Ländern beschreibt, Blamires S.438. Auch er ist der Meinung, dass Wind- und Ortsangaben nicht immer wortwörtlich genommen werden können, da die räumlichen Arrangements des Urhebers der Kudrun der Ästhetisierung und gezielten Funktionalisierung unterliegen. 62 Zur Beheimatung und Größe von Zedern vgl. Störmer-Caysa S.49f. 26 Spezifika des Baumes – werden geschickt zur Charakterisierung der Protagonistin genutzt. Ute internalisiert demzufolge die Zederneigenschaften, sodass es in diesen Versen zu einer Verschmelzung von Raum und Subjekt im Sinne der Interpassion nach Busch kommt. Die Übernahme dieser Signa ermöglicht der Protagonistin den daraufhin folgenden Dialog durch ihre raumgreifende Sprechrolle zu dominieren, ähnlich der Raumdominanz des Baumes.63 Die Interpretation der pflanzlichen Ausstattung dieser Dialogeinführung kann man mit Hilfe der Theorie des stilus gravis, wie E.R. Curtis64 sie genauer ausführt, derart weiterspinnen, dass die Zeder auch generationsübergreifende Bedeutung gewinnt. In Verbindung mit dem genealogischen Aufbau der Kudrun und der präludierenden Funktion der ersten Aventiure ergibt sich hier eine allgemeine Aufwertung der kognatischen Abstammungslinie gegenüber der agnatischen. Die Konnexion von Zeder und heldenhaftem Kriegertum wertet Ute derart in ihrer Person auf, dass nicht der König die Heldenhaftigkeit an seinen Nachkommen Hagen weitergibt, sondern eben die Königin. Sigebant erweist sich während der Erzählung schließlich als eher schwacher Werkcharakter, der lediglich ausführt, was man ihm aufträgt, ohne selbst Initiative zu zeigen.65 Die physische Konfiguration der beiden Figuren spiegelt durch die Verschiebung der Raumordnung gleichermaßen dieses interpersonale Machtgefüge. Der König befindet sich zwar ûf einer Treppe, die Königin under einem Baum, doch wird die potentielle Möglichkeit der Erhöhung der grêde durch die sitzende Position der männlichen Figur außer Kraft gesetzt, während sowohl die postuliert stehende Haltung wie auch das Wechselverhältnis zur Zeder die Raumbeherrschung seiner Antagonistin Ute anzeigen. Die eigentliche Relation von ‚Oben‘ und ‚Unten‘ wird auf diese Weise außer Kraft gesetzt, sodass die vertikale Ordnung sowie der genderspezifische Rangunterschied sich 63 Zur Symbolkraft der Zeder vgl. Siebert S.24, Störmer-Caysa: Kudrun S.578 und Blamires S.439. Die Sprechrolle Utes kann dahingehend als „dominierend“ angesehen werden, da ihr mit 24 Versen über doppelt so viel Textraum zugedacht wird wie dem König, der in lediglich 11 Versen spricht. Zudem geht die politische Argumentation rein von ihr aus, während Sigebant annehmend auf ihre Aussagen reagiert, ohne jedoch den Dialog aktiv weiterzutreiben. 64 Die Theorien E.R. Curtis‘ zu den drei Narrationsstilen werden hier übernommen aus den Ausführungen von Blamires S.439f. und Störmer-Caysa S.48ff. 65 Vgl. Pearson Sigeband’s […] S.104f. 27 ebenfalls in Frage gestellt sehen.66 Die Komposition der Figuren zueinander revoziert folglich weit mehr als eine simple Platzierung innerhalb einer Raumimagination, sondern stellt sie eine aufwendige Inszenierung eines herrschaftlichen Machtkampfes auf Mikroebene dar. Die Semantisierung dieses Ortes verfolgt also dementsprechend eine durchdachte, ambivalente Kompositionsstrategie, die deutlich weitere Kreise zieht, als nur punktuell die weibliche Dominanz innerhalb des vorliegenden Dialoges herauszuarbeiten.67 Die präzise Verortung des Gesprächs an der Treppe zum Garten ist von weiterer Bedeutung für die Raumparadigmen der Kudrun. Die Problematisierung der Herrschaft findet ganz bewusst nicht in einer abgeschlossenen Kemenate statt, ebenfalls nicht im Garten als dessen panoptischem Gegenraum in der exponierten Öffentlichkeit des Hofes, sondern in einer Art von „Grenzraum“ dazwischen. Glaser spricht in diesem Kontext auch von „Schwellenräumen“, welche als Zonen der Transgression dem Übergang zwischen größeren Makrokosmen dienen – an dieser Stelle eben dem Übergang zwischen einem vertraulichen und einem öffentlichen Raum.68 Mit dieser Inszenierung folgt die Kudrun außerdem dem zeitgenössischen Trend, die „ausgeprägte Dichotomie des öffentlich–zugänglichen und heimlich–ausgrenzenden Raumes aufzulösen“69, indem sie eben diesen Zwischenraum klar umreißt, darstellt und für die eigenen Zwecke zu nutzen weiß. Die Konfrontation spielt sich demnach an einem potentiell von weiteren Figuren erreichbaren Ort ab, sodass das Konfliktpotential dieses Austauschs weiter dramatisiert wird. Auf der einen Seite könnte der König negativ auf die Vorwürfe seitens seiner Frau reagieren, auf der anderen Seite könnte diese offene Kritik von weiteren Protagonisten 66 Vgl. zur symbolträchtigen Raumaufteilung in ‚Oben‘ und ‚Unten‘ Störmer-Caysa S.58-63. Vgl. ebenfalls Wenzel: Hören und Sehen […] S.132. Dieser sieht einen klaren Zusammenhang zwischen dem Rang einer Figur und einer erhöhten räumlichen Position. 67 Vgl. Müller: Spielregeln für den Untergang […] S.298 und S.314f. 68 Vgl. Glaser S. 49ff. Die Qualifizierung dieses Raumgefüges als „Ordnungs-“ und gleichzeitig als „Schwellenraum“ widerspricht sich in diesem Kontext nicht. Potentiell kann hier eine Grenze überschritten werden – zwischen ‚Innen‘ und ‚Außen‘, ‚abgeschlossen‘ und ‚öffentlich‘ – gleichzeitig jedoch wird diese Grenze durch die Immobilität der Figuren nicht aktiv überwunden. Der Raum strukturiert demnach die räumliche Relation der Figuren, birgt in sich jedoch die Möglichkeit Grenztransgression. 69 Müller: Höfische Kompromisse S.297. 28 mit angehört werden, sodass sie sich durch ihre Verbreitung weitreichend virulent auf die Machtposition Sigebants auswirken würde. Gleichzeitig entzieht diese Verortung in der Semi-Öffentlichkeit das Gespräch einer vorschnellen Wertigkeit durch den Leser, da es eben gerade nicht in dem negativ konnotierten Raum der Heimlichkeit abgehalten wird. Es handelt sich nicht um eine „geheime“ Absprache im Hinterzimmer, wie beispielsweise Intrigen oder Hinterhalte, die sich dem öffentlichen Wissen entziehen müssen, sondern um ein gerechtfertigtes Gespräch, das daraufhin durch die spätere Kundgabe eines großangelegten Frühlingsfestes Wertigkeit für das Hofleben erhalten wird.70 Insbesondere in dieser betonten Ver-öffentlichung der Feierlichkeit zeigt sich, dass der Ort trotz seiner Exposition zu einem gewissen Teil Vertraulichkeit zulässt, denn ein bewusst öffentliches Handeln der beiden Protagonisten besäße unverzüglich publike Gültigkeit. In diesem Fall muss Sigebant jedoch die hochzîte nochmals eigens ankündigen lassen, um sie rechtskräftig zu machen. Die Raumgrenzen von ‚außen‘ und ‚innen‘, öffentlich und nicht öffentlich, überlagern sich also, verschwimmen sogar teilweise, doch werden sie hier nicht gänzlich aufgehoben.71 Roeslers Postulat, der Dichter spiele hier an den loecus amoenus an, sieht sich mit dieser Argumentation ebenfalls ausgehebelt. Sicherlich ist das Sitzen auf einer Steintreppe nicht ‚standesgemäß‘ für einen König, doch erweist sich die Szene in ihrem Zusammenspiel von Handlung, Figurenhaltung, Inhalt des Gespräches und Lokalitätsarrangement als kongruent, sodass es keiner räumlichen Legitimierung der 'königlichen Sitzposition' bedarf. Keine dieser Entitäten versteckt meines Erachtens einen Hinweis auf einen ‚Liebesort‘, wie ihn Roesler hier unterstellt.72 Das Raumgefüge an der Treppe zum Garten bringt folglich eine eigenständige Konfiguration hervor, die eine vertrauliche Konfliktabwicklung bei eingeschränkter Öffentlichkeit ohne Problematisierung derselben zulässt. Das Paradoxe dieses Arrangements lässt sich leichthin mithilfe von Foucaults Theorie der Heterotopie erklären: Die räumliche und personale Dominanz der weiblichen Figur lädt das Konstrukt zunächst mit ihm eigenen, höfisch nicht konformen Verhaltensregeln auf. Darüber hinaus muss dieser Ort über gewisse Zugangsdispositionen verfügen, da das Zwiegespräch nicht vorschnell 70 Vgl. Müller: Höfische Kompromisse S.275-278 und Schulz: Erzähltheorie S.77. 71 Zur Gegenüberstellung der Gültigkeit von öffentlichem und vertraulichem Handeln vgl. Müller: Höfische Kompromisse S.272f. 72 Vgl. Roesler S.86. 29 durch Dritte unterbrochen wird. Zuletzt bedient die Szene ebenfalls Foucaults Prämisse der Heterochronie, denn anders als die vorigen Strophen bezüglich der Brautfahrt, der Hochzeit und der anfänglichen Herrschaftsjahre wird dieser Erzählausschnitt zum ersten Mal in der Erzählung nicht raffend, sondern vielmehr in zeitdeckender Weise wiedergegeben. Der Zusammenfall von Erzählzeit und erzählter Zeit im Zusammenspiel mit der Raumkonstruktion gibt der narrativen Komposition dementsprechend ihre eigene Zeitvermittlung. Derart zeigt sich die vorliegende Raumstruktur als eine Art Mikrokosmos innerhalb des Makrokosmos des königlichen Hofes, als selbstständiger „Ort innerhalb eines Ortes“. Das Konstrukt erscheint sowohl zeitgleich abgegrenzt, aber dennoch integriert – ein Erzählgefüge mit eigenen Regeln, die dennoch gewisse Handlungsgrenzen kennen, denn auch wenn Ute gewisse Freiheiten gewährt werden, kann sie aus sich selbst heraus beispielsweise kein Fest ankündigen, sondern bleibt sie auf die Zustimmung des Königs angewiesen.73 Zudem bewegt sich der Inhalt von Utes Aussagen durch ihre wohl- überlegte Argumentation innerhalb einer Grauzone weiblicher Handlungsfreiheit, sodass die semi-öffentliche Konfrontation keine absolute Irregularität darstellt. Laut Müller bedarf eine legitime Handlungsmotivation bzw. ein den Normen entsprechendes Verhalten keiner absoluten Abgrenzung zur Öffentlichkeit, sodass räumliche Grenzen in derartigen Szenen öfters verwässern können. Obschon die weibliche Figur sich durch die angebrachte Kritik sicherlich ihren Grenzen nähert, gar durch die weibliche Initiation des Gespräches darüber hinaus tritt74, versucht sie hier an sich nicht die Herrschaft Sigebants in Frage zu stellen, sondern sie durch geschickte, indirekt formulierte Kritik und Belehrung zu stabilisieren. Ihre Intention ist demnach grundlegend positiv angelegt und legitim. Dass der König zurecht einer solchen Zurechtweisung bedarf, zeigt zudem die erneute Rückfrage seinerseits bezüglich dieser mangelnden Präsenz innerhalb der eigenen 73 Vgl. Foucault S.321f. 74 Vgl. Wenzel: Hören und Sehen […] S.146f. Frauen sind grundlegend zum Schweigen angehalten, bis sie durch die Aufmerksamkeit des Mannes zum Sprechen aufgefordert werden. Der Dichter spielt hier demnach mit Utes Handlungskompetenz. 30 recken (28,1-2), sodass sich das Verhalten Utes mehrmals textintern gerechtfertigt sieht.75 In Bezug auf die übergreifende Analysekategorie „Schwellenraum“ greifen jedoch beide Erklärungen der semi-publiken Konfrontation des Königs zu kurz, denn bereits bei der vorherigen Brautwerbung um Ute keimt eine Art von latentem Konflikt innerhalb eines solchen „Schwellenraumes“ auf. Obschon die Brautwerbung anfangs problemlos verläuft – immerhin wird Ute im gemahelet (9,1) und die Gefolgsleute brechen in positiver Grundstimmung nach Irlande auf, da sie den jungen künic wol erkanden (9,4) – wendet sich die Masse ab einem gewissen Punkt plötzlich gegen Sigebant. Diese Abwendung wird bereits davor unterschwellig durch die Zerstörung der Flora an den Wegen, welche Ute auf ihrer Reise passiert, angedeutet. Der Reiseweg selbst nimmt trotz des amorph verbleibenden Umfeldes die Stellung eines Schwellenraumes zwischen dem elterlichen Hof und dem neuen Heimathof der Braut ein, denn die Transgression einer Raumgrenze ist ungeachtet dieser Linearität der Raumstruktur gegeben. Der endgültige Konflikt entwickelt sich daraufhin unmittelbar nach dem Übertritt zweier lande marke (13,1), d.h. nach der plastischen Modellierung einer solchen Grenzzone.76 Dieser Bruch des Narrationsflusses durch die "eigentümliche Betonung der Grenze" hebt bereits Loerzer als textliche Irritation hervor, die es entsprechend zu hinterfragen gilt.77 Nachdem die Verlobung der beiden demnach öffentlich gemacht und scheinbar auch akzeptiert wurde, wird die Heirat unvermittelt in den folgenden Zeilen nach diesem Übertritt dennoch zu einem Problemfeld, denn Daz er si sollte minnen, daz dûhte niemen reht (18,1) 75 Vgl. Müller: Höfische Kompromisse S.277 und Wenzel S.222. Auf die geschickte Argumentation Utes wird hier in einem späteren Kapitel noch näher eingegangen werden. Vgl. hierzu Kap. 3.2. der vorliegenden Arbeit. 76 Im Mittelalter präsentieren sich die Grenzen eines Herrschaftsgebietes selten als lineare 'Landes'abgrenzung, sondern vielmehr als weitergefasste Grenzzonen wie unbewohnte Waldbezirke oder als natürliche Grenzgebilde, wie beispielsweise Flüsse oder Gebirgsketten, sodass die explizite Erwähnung der marke eine gewisse Raumkonfiguration mitschwingen lässt. Vgl. hierzu Wolf S.21ff. 77 Vgl. Loerzer S.12-14, Zitat S.14. Er stellt ebenfalls fest, dass die Verlobung der beiden Edelleute durch das Partizip „gemahelet“ bereits feststeht. Die Heirat an sich ist demnach von den Familienverbänden anerkannt worden. 31 Siebert führt diese plötzliche Wendung bei der Brautwerbung auf eine offenbar fehlende Schwertleite des Herrschers zurück, welche er dann in der Folgestrophe 19 zusammen mit weiteren hundert Rittern in Form einer Massenveranstaltung nachholt.78 Im Text selbst wird der Thronerbe aber bereits davor mehrfach als künic79 charakterisiert; dar- über hinaus ist Sigebant bereits an den Punkt gelangt, daz er wâfen truoc (4,1), sodass diese geforderte Schwertleite ergo vorausgesetzt werden kann.80 Zudem wird vor diesem Bruch ebenfalls berichtet, dass Sigebant seine Verlobte küssen solte (16,1), ohne dass dieser Kuss eine Beschwerde seitens der restlichen Anwesenden mit sich zieht. Die Revokation dieser Verbindung unterläuft demzufolge die etablierte Handlungslogik der Erzähl-passage. Außerdem ist sie aufgrund der sofortigen Lösung nicht mehr als ein blindes Motiv, das ebenso unversehens aus dem Erzählfokus verschwindet, wie es zuvor dort aufgetaucht ist. Es verbleibt eine opake Szene, die keine weiteren Konsequenzen für die Narration mit sich zieht, dennoch nicht als überflüssiger Bruch oder Insuffizienz des Dichters gewertet werden sollte. Gemeinsam mit Sigebants fehlender Kompetenz, den Herrscherthron ohne Hilfe seiner Mutter zu übernehmen oder auch die Herrscherpflichten ohne seine Frau dauerhaft zu sichern, ist dieser Einschub nur ein weiteres Symptom seiner latenten, fehlenden Charakterpotenz. Anstatt sich gegen die Vorwürfe dieser gesichtslosen Masse durchzusetzen, passt sich Sigebant abermals einfach an und wiederholt die Prozedur der Schwertleite ohne Widerworte. Seine defizitäre Stellung wird in diesen Strophen darüber hinaus über 78 In Bartschs Anmerkungsapparat wird an dieser Stelle von einem „technischen Ausdruck für den Ritterschlag“ (Bartsch S.6) gesprochen – jedoch wird wunderlicherweise kein Bezug auf die 4. Strophe genommen in der Sigebant „zum Ritter geschlagen wurde“ (Bartsch S.2). Offenbar wird in der repetierten Zeremonie kein Logikfehler gesehen. 79 Vgl. die Verse 9,4 und 13,4. 80 Vgl. Rösener S.1646/47. Mit der Schwertleite wurden den Jugendlichen das Schwert und ihre Sporen überreicht, demnach konnten Knappen davor keine Waffen tragen, sodass in der 4. Strophe sicherlich von einer solchen Zeremonie ausgegangen werden kann. Vgl. fernerhin den Anmerkungsapparat bei Bartsch S.2, welcher im Kontext dieses Verses das wâfen truoc ebenfalls mit dem Ritterschlag gleichsetzt. Sowinski versucht diesen Logikfehler bei seiner Übersetzung durch die Umformulierung zu "Waffen tragen sollte" (S.5) zu glätten, doch steht in der Handschrift eine klare Präteritumsform, die Störmer-Caysa in ihrer Übersetzung mit dem Waffentragen gleichsetzt (S.7) und McConnelll Sigebant als "warrior of considerable repute" (S.2) charakterisieren lässt. Im Stellenkommentar ihrer Übersetzung weist Störmer-Caysa zudem darauf hin, dass die Ritterweihe kein "direkte Voraussetzung für die Eheschließung ist" (S.578). 32 die fehlende Raumbeherrschung kommuniziert. Obschon Sigebant scheinbar offiziell der König ist, wird sein Land bei Utes Ankunft noch als Gêrs Besitz (14,3) qualifiziert.81 Nichtsdestoweniger wird diese Problematisierung – unterlaufe sie nun die Textlogik oder nicht – in eben diesem Schwellenraum lokalisiert. Es wird daher an dieser Stelle postuliert, dass das Konfliktpotential dem „Grenzraum“ inhärent ist und als solches dementsprechend ebenfalls als eigenständiges Raumparadigma des Epos gewertet werden soll, wie dies in späterer Argumentation noch bestätigt werden soll.82 Der „espace personnalisé“, wie er beim Wechselspiel der Eigenschaften der Zeder und Ute entworfen wird, kann hier zu einem „espace personnalisant“ avancieren, indem das Raumkonstrukt den Protagonisten unabhängig ihres Geschlechtes, Alters oder der gesellschaftlichen Zugehörigkeit ein gewisses Verhalten nahelegt, dem sie sich schlecht entziehen können. Es kommt demnach zu einer gegen-seitigen Interdependenz der beiden Analysegrößen „Figuren“ und „Raum“, welche wiederum erneut auf Buschs Theorie der Interpassion verweist.83 Innerhalb der Dialogszene etabliert der Dichter noch eine weitere Dependenz der beiden eben erwähnten Entitäten. Wenn die Königin in ihrer Argumentation das Verhalten ihres Mannes mit dem ihres Vaters vergleicht, rekurriert sie in einem ersten Schritt auf die Lokalisierung ihrer Jugend in Frideschotten (30,1). Die Sprecherin koppelt also das normgerechte, höfische Verhalten eher an den Raum des väterlichen Palastes als an die Figur des Vaters selbst. Die interpersonalen Beziehungen des Familienstammes treten hinter dem Raumkonstrukt zurück, sodass das Verhältnis zur Lokalität Priorität bekommt. Fernerhin wird mit dieser Aussage die Dauerhaftigkeit der Wechselbeziehung zwischen Raum und Subjekt explizit betont, werden doch die in Frideschotten übernommenen Verhaltensweisen trotz Utes kompletter Integration an einem neuen Hof noch ernst genommen und können in einer Geste des Erinnerns wieder abgerufen werden. Selbst über die Entfernung einer tagelangen Reise, selbst nach dem Verlust des direkten Bezuges zu einem Raumgefüge und jahrelangem Aufenthalt in Irlande, kann dieser 81 Vgl. Müller: Spielregeln für den Untergang […] S.141ff. und Pearson: Sigeband’s […] S.109. 82 Vgl. Kapitel 4.2. der vorliegenden Arbeit. 83 Vgl. Kapitel 2.1. zu den jeweiligen Termini der Interpassion oder des „espace personnalisé/personnalisant“. 33 vorherige Raum weiterhin Einfluss auf einen Protagonisten ausüben. Gleichzeitig wirft Ute damit einen anderen Problemkomplex des Räumlichen auf, der vor allem die weiblichen Figuren betrifft: Die Eingliederung in eine neue Heimat und damit verbunden das Leben in der fremde oder der ellende.84 Die Interdependenz von Subjekt und Raum betrifft jedoch nicht nur das menschliche Personal des Textes, sondern greift der Autor ebenfalls bei der Gestaltung des Greifen am Ende der Aventiure auf diese Narrationsstrategie zurück. Als expliziter Abgesandter des tiuvels (54,3- 4) verbindet diese Figur zunächst zwei disparate Makrokosmen: die transzendentale sowie die „reale“85 Welt. Überdies wird das Fabelwesen mit einem ambivalenten Verhältnis zum Raum konstruiert, denn es vermag gleichermaßen die Rolle eines handlungs-fähigen Protagonisten innerhalb des Räumlichen zu übernehmen, als auch zum Bestandteil der Raumkonstruktion zu mutieren. Einerseits ist das Wesen der erste Handlungsträger, welcher durch seine übermäßige Kraft größer angelegten Einfluss auf das räumliche Arrangement hat, denn er allein bricht den walt dâ nider (57,1). Andererseits wird der Greif durch die Wolkenanalogie selbst zur Stilisierung der Räumlichkeiten genutzt. Obschon sich die Festgesellschaft unfähig zeigt, die bedrohlichen Schatten auf den Tischen und Bänken richtig zu deuten, so haben diese Schatten jedoch potentiell die Kapazität die Wahrnehmung des Raumes maßgeblich zu beeinflussen, bzw. zeigt ihr Vorhandensein erst die Fehlbarkeit und Ablenkung der Höflinge, sodass sie trotz dieser Ignoranz eine narrative Funktion erfüllen.86 Die Modellierung eines weiteren Ordnungsraumes durch die relative Platzierung der Magd vor dem hûse vil eine (56,4) in Verbindung mit der Bewegung des Greifen inszeniert eine gewisse räumliche Dichte ähnlich der Dialogeinleitung und öffnet die Komposition des Räumlichen hier interessanterweise in Richtung eines dreidimensionalen Raumverständnisses, was der mittelalterlichen Kunst oftmals aberkannt 84 Dieses Problemfeld der räumlichen Ausgliederung sowie der Differrenzierung dieser beiden Termini wird an späterer Stelle ausführlich erläutert. Hier soll nur darauf verwiesen werden, dass die Einstiegsaventüre das Problem bereits anreißt, um die These des anfänglich entworfenen Bezugsrahmens zu stärken. 85 Der Begriff „real“ soll hier die textimmanente Realität bezeichnen, demnach die physische Welt, wie sie von den unterschiedlichen Protagonisten wahrgenommen werden kann. 86 Vgl. McConnell S.212f. 34 wird. Indem sich die Magd jedoch abseits der Festgesellschaft befindet, der Raum demnach zwischen der feiernden Gruppe an Adligen und der Platzierung der Magd bereits aufgespannt wird, während der Greif sich erst von oben herab niederlässt, um dann in der Ferne aus der Szene zu verschwinden, wird innerhalb dieser Kulisse explizit eine Bewegungsfreiheit in die Tiefe des Raumes suggeriert.87 Darüber hinaus unterstreicht das Arrangement der Figuren nochmals das Versagen der höfischen Gesellschaft. Durch die Nähe zum Schutzraum hätte das Kind auf einfachste Art und Weise dem Zugriff des Vogelwesens entzogen werden können. Dennoch lässt die Magd ihren Schützling zugunsten der eigenen Rettung schlichtweg stehen, sodass es zum doppelten Scheitern des Höfischen kommt – weder die Warnung durch die Schatten noch die naheliegende Rettungsmöglichkeit des Kindes konnten erkannt werden. Es zeigt sich demnach, dass die Figuren – seien sie nun Menschen oder aber übernatürliche Wesen – in festem Zusammenhang mit dem sie umgebenden Raum stehen. Das räumliche Umfeld übt aktiven Einfluss auf sie aus, so wie sie Einfluss auf dessen Ästhetisierung ausüben, indem der Dichter ihnen die nötigen Requisiten, wie beispielsweise die Zeder, an die Hand gibt, um die Handlung zu unterstützen. Das ästhetische Raummodell wird folglich bereits in diesem Teil des Epos für die Handlung und das Erzählziel funktionalisiert. Dabei beschränkt sich diese räumliche Einflussnahme nicht nur auf den punktuellen Aufenthalt der Figuren in einem gewissen Raumparadigma, sondern kann sie sich über die Distanz und Zeit halten, wie der Einwand Utes über den väterlichen Hof in Frideschotten zeigt. Der erste Erzählteil der Kudrun modelliert ein ambivalentes Wechselspiel zwischen den Figuren und dem jeweiligen Raumkonstrukt einer Szene. Das räumliche Umfeld avanciert hierbei zu einem selbstständigen Aktanten, der sich nicht nur als simple Ergänzung der Erzählung oder der Figurentiefe begreift, sondern vielmehr als eigens ästhetisierter Einflussbereich der Handlung auftritt. These der Arbeit ist es, dass diese Narrationsstrategien über das gesamte Epos hinweg in variierenden Facetten verarbeitet werden, sodass diese im Folgenden für die einzelnen Raumfiktionen überprüft werden sollen. Dabei wird sowohl auf Einzelraumanalysen (Inselfiktionen) wie auch auf die Untersuchung von Raumsystemen (Fremdraum) zurückgegriffen, um die einzelnen 87 Vgl. Grafetstätter S.79f. 35 narrativen Kompositionen am Ende zu den eben postulierten werkübergreifenden Rahmenbedingungen der Erzählung zusammen-zufassen. 3.2. Spannungsverhältnis der Figuren Die angesprochene Dialogszene des Königspaares88 spielt nicht nur bei der Raumanalyse eine beachtliche Rolle, sondern ist sie ebenfalls unverzichtbar für die Untersuchung der Figurenbeziehung. Derart zeigte sich sowohl in der räumlichen wie in der inhaltlichen Konfiguration der Szene bereits die Dominanz der weiblichen Protagonistin. Inhaltlich auffällig ist dabei außerdem, dass es für die Sprecherin offenbar keine klare Trennung zwischen ihrer eigenen Identität und derjenigen ihres Ehemannes gibt. Ihre Aussagen alternieren zwischen den Personalpronomina des Singulars und des Plurals. Gleich an zwei Stellen drückt sich Ute derart in der ersten Person Plural aus, sodass sie sich und ihren Mann in einer Identität zusammenfasst. Diese Alternanz zeigt sich expressis verbis in der 29. Strophe: Si sprach: » sô rîche niemen ist lébentig erkant, der habe sô vil der bürge und ouch wîtiu lant, silber und gesteine unde golt daz swære. dem tuon wir ungelîche: des ist mir ze lebene vil unmære. (29,1-4) Obschon sie bei der Ausführung der Kritik ihre eigenen Gefühle ins Spiel bringt – Ute ist mit der Gesamtsituation unzufrieden – und dabei stets auf das „Ich“ bzw. Pronomen der ersten Person Singular zurückgreift, entscheidet sie sich beim Ansprechen des eigentlichen Fehlverhaltens für die Pluralform. Zudem eröffnet sie das Gespräch mit diesem signifikanten „Wir“, dann präludiert sie das eigentliche Problem mit ihrer Gefühlslage, bevor sie schließlich indirekt Sigebants Fehlverhalten in ihre Argumentation mit einwebt. Ute korrigiert auf diese 88 Sowohl Sowinski als auch Störmer-Caysa verweisen in ihren Kommentaren zur jeweiligen Übersetzung an dieser Stelle auf Parallelen zu Hartmann von Aues Erec. Utes Verhalten ist jedoch grundlegend anders angelegt als Enites Kritik an der Herrschaftspraxis des Königs. Anders als Enite konfrontiert Ute ihren Mann in offener Manier; sie sucht fernerhin die Schuld nicht bei sich selbst und lässt der Dichter sie hier in direkter Rede zu Wort kommen, während Enite ihre Aussagen zunächst verbergen will, sie dann leugnet und ihre Kritik lediglich als diu maere (V.3050) erwähnt wird, sodass man hierin lediglich ein Innuendo ohne weitreichenden Einfluss sehen sollte. Eine intensivere Diskussion dieser beiden Dialoge bietet Schmitt: Poetik der Montage […] S.218-220. Vgl. fernerhin Sowinski S.304 und Störmer-Caysa: Kudrun S.579. 36 Art und Weise ihre Übertretung der „höfischen Norm“, d.h. die Kritik am Verhalten des Herrschers. Indem sie ihn eigentlich nicht selbst an den Pranger stellt, sondern die Belehrung hinter ihrer beider Schuldhaftigkeit und den eigenen Gefühlen kaschiert, schafft sie auf Ebene der verbalen Kommunikation eine situative Grauzone weiblicher Handlungsfreiheit. Schmitt begrenzt Ute während dieser Szene auf die Rolle der simplen „Beraterin“. Meiner Meinung nach übernimmt die Königin jedoch eine weitaus substanziellere Funktion gegenüber ihrem Mann. Sie macht hier keinen beliebigen Vorschlag, der vielleicht angenommen werden kann oder eben nicht, sondern greift sie grundlegend in die Herrschaftsmethode des Königs ein. Zudem betont Sigebant in diesem Dialog, dass der Frauenwunsch bzw. die Aussagen einer Frau grundlegender Anlass für männliches Verhalten sind. Er spricht zwar ebenfalls über den allgemeinen frouwen râte (35,3) zu einem Fest, gleichzeitig sagt er aber in Bezug auf sich selbst, dass er sich durch dînen89 willen (28,4) besonders anstrengen wolle, die Motivation demnach aus dieser Ansprache resultiert.90 Die Äußerungen Sigebants sowie seine minimale Beteiligung an dem Gespräch unterstreichen dabei erneut seine grundlegende Passivität, die bereits im vorigen Kapitel angerissen wurde.91 Ohne die Ausführungen Utes im Geringsten in Frage zu stellen, fügt er sich ihrem Wunsch und richtet dieses Fest aus, während seine Frau sich auf persönlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene argumentativ zu verteidigen weiß.92 Mithilfe dieser Diskrepanz von Aktivität und Passivität der beiden Charaktere im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Handlungspotenz markiert der Dichter bei dieser Unterredung außerdem die femininen Grenzen des Handelns. Obwohl Ute eindeutig die fähigere Figur ist, bleibt Sigebant die wirkungsmächtigere, sodass das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern trotz des indireken Eingriffs seitens Ute erhalten bleibt. Die Königin kann aus sich selbst heraus keinen Befehl zum Fest geben, sie muss abwarten, dass der König es williclîchen taete (36,4). Diese Spannung – um ein bisschen über die erste Aventiure hinweg vorzugreifen – lässt sich ebenfalls bei Hagens späterer Rückkehr an den Hof erkennen. Die Königin gibt den Vorschlag, den Unbekannten am Strand zu empfangen, doch erst die 89 Gemeint ist hier Ute. 90 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.218ff. 91 Vgl. hierzu nochmals Pearson: Sigeband’s […] S.106f. und McConnell S.11f. 92 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.219f. 37 nachdrückliche Zustimmung ihres Gatten führt zum Satteln der Pferde und Aufbruch.93 Man kann demnach an dieser Stelle festhalten, dass der Dialog eine verdeckte Infragestellung politischer Kompetenz beinhaltet; ein Konflikt, der sich in der Friktion herrschaftlicher Belehrung seitens Ute und andererseits dem Mangel edeler fürsten site (33,4) auf Seiten Sigebants spiegelt. Anders als der König selbst erkennt Ute den hofinhärenten Agon, der keinen Stillstand zulässt, sondern steter Aktualisierung bedarf. Êre, Ruhm und Ansehen sind in der feudalen Welt keine statischen Güter, die sich einmal dauerhaft erwerben lassen, sondern müssen in der direkten Konkurrenz zu anderen Höfen und Herrschern auf kontinuierliche Weise ausgelotet werden. Dieser Potenzunterschied der beiden Figuren schält sich jedoch nicht erst bei dieser offenen Auseinandersetzung heraus, sondern kündigt er sich bereits lange davor in der Figurensemantik an. Während der Brautfahrt verschieben sich mittels Metonymie nämlich die Machtpositionen der beiden Protagonisten. Derweil sich die Prinzessin aus Norwæge in wenigen Strophen vom minneclîche kint (13,1) über diu ritterlîche meit (14,1) zur küniginne (17,4) weiterentwickelt, wird Sigebant vom jungen künic (9,4) über den vogt von Irlande (15,4) zum kneht (18,2) depotenziert. Des Weiteren scheint das Gefolge Utes sowie dessen Ausstaffierung dem irländischen Hof überlegen, schließlich reisen mit der Braut tûsent geladen mit schatze und gewande (12,4), während Sigebant „nur“ fünfhundert Ritter für seine zweite Schwertleite zusammenkriegt und auch sonst eher singulär auftritt. Die weibliche Überlegenheit wird demnach vor dem eigentlichen Problematisierungsgespräch bereits narrativ angelegt und setzt sich später während des Hoffestes konsequent fort.94 Bei der Beschreibung Utes bleibt die Frage nach ihrem Vornamen zudem auffällig lange offen. Die Protagonistin verbleibt bis zur Strophe 42 eine schablonenhafte Gestalt, die lediglich als küniginne existiert, ohne dass der Leser ihren Namen weiß oder sie durch eine Deskription irgendeine Individualität gewinnen würde. Erst nach der Ausrichtung des Hoffestes und in Verbindung damit der Wiederherstellung des 93 Vgl. hierzu die Strophe 148,1-4. 94 Vgl. Pearson: Sigeband’s […] S.109. Pearson führt an dieser Stelle den Ausdruck weiblicher Dominanz jedoch mehr auf die Ausstaffierung der beiden Protagonisten zurück und übersieht in diesem Kontext die semantische Vernetzung. 38 Herrschaftsgleichgewichtes erhält die Königin durch die Namensgebung eigene Individualität. Stackmann postuliert hier, dass der Dichter „mit seiner Gestaltung [der Figuren] nicht bei der Einzelfigur […], sondern bei den Begebenheiten“95 einsetzt. Untersucht man aber nun die erste Aventiure tiefergehend, so setzt die Handlung für Ute96 sicherlich nicht erst bei diesem Turnier ein, sondern vielmehr bei dem vorhergehenden Gespräch mit ihrem Ehemann Sigebant, dem sie ans Herz legt, diesen buhurt überhaupt erst zu veranstalten. Dieses Gespräch wird immerhin von ihr auch initiiert. In diesem Moment entspringt sie der passiven Rolle, die ihr in der anfänglichen Brautwerbung zugedacht ward und greift aktiv in die Handlungen am Hof ein, wenn sie eben auch der Einwilligung ihres Ehemannes bedarf. Die Frage also, warum die Namensnennung derart verzögert wird, bleibt bestehen, ohne dass sich an dieser Stelle eine klare Antwort darauf finden lassen könnte. Die Realisierung dieses Hoffestes gibt darüber hinaus Anlass, die Inkompetenz des Königs abermals zu unterstreichen, denn er ist angesichts der Entführung seines Sohnes Hagen unfähig, die höfischen Verhaltensvorgaben zu respektieren. Anstatt einem angemessenen Trauergestus nachzugehen, verliert sich Sigebant in einem spontanen, unreflektierten Weinen. Die Unangemessenheit dieses Benehmens wird im Vergleich zum Verhalten der Gäste umso klarer: Während die Festgesellschaft sich normgerecht auf die bewusste Geste des innerclîchen leit (61,4) begrenzt, weint Sigebant derart, dass ihm die Tränen die Brust benetzen. Nicht umsonst hat der Dichter beide Trauerreaktionen in Folgeversen angelegt, sondern damit das Weinen des Königs umso mehr heraussticht. Nicht, dass die Kudrun keine Trauergesten an sich zulässt, wie u.a. Herwig und Hetels Gefühlsausbruch angesichts der Nachricht des Normannenüberfalls späterhin zeigt, doch ist hier der höfische Rahmen mitsamt seiner normierten Handlungs-vorgaben für eine solche Reaktion öffentlicher Zurschaustellung der Affekte nicht gedacht. Das Fest ist ein offizieller Akt der Repräsentation, eine Austragung des Agons, die ein derartiges Verhalten als fehlerhafte Herrscherkompetenz 95 Stackmann, Karl: Einleitung. In: Bartsch: Kudrun. Hier S.XXXIII. 96 Bezüglich der königlichen Namensgebung sieht Jungandreas in der Namensdoppelung hinsichtlich der späteren Frau Hagens eine Schwäche des Dichters, der seiner Meinung nach nicht in der Lage ist, ein ausuferndes Figurenarsenal zu überblicken, vgl. ebd. S.10. Da Ute in der Literatur aber ein beliebter Name für Stammmütter ist, ist hier eher eine bewusste Auswahl anzunehmen, die nochmal die Besonderheit Hagens hervorhebt. 39 auslegt, wohingegen sich Hetel und Herwig in einem mehr oder weniger vertrauten Gespräch befinden, in dem man muote truobe gebâren (821,4) kann.97 Ute muss dementsprechend an dieser Stelle erneut korrigierend eingreifen; sie muss ihren Mann mit zühten (62,2) ermahnen, er möge sich kontrollieren. Doch Sigebant verfällt dennoch der absoluten Passivität ohne Rücksicht auf die normgerechte Affektkontrolle am Hof, er wird derart lethargisch, dass es zu einer Alterität der Genderidentitäten kommt.98 Die repräsentative Haltung wird dementsprechend von Ute übernommen und gewahrt, die sich nun als fähige Gastgeberin erweist, welche über die Wichtigkeit eines Festausgangs weiß. Selbst wenn der Einbruch der Kontingenz in Form der Entführung durch den Greifen das Fest auf negative Art und Weise beendet, ist es für den höfischen Agon von Nöten, die Situation zur Festigung der personalen Beziehungen nicht einfach auslaufen zu lassen. Durch ihr zweckrationales Handeln in Form einer persönlichen Verabschiedung schafft es Ute, das Turnier trotz des Vorfalles noch zur höfischen Selbstvergewisserung sowie zur Festigung der politischen Verbindungen zu nutzen. Ganz bewusst betont der Dichter, dass sich die Ritter daraufhin lediglich vor ihr verneigen (64,1) und nicht vor dem eigentlichen Vorstand des Landes. Das unangemessene Verhalten des Königs führt demnach dazu, dass die weiblichen Handlungsgrenzen in dieser Passage für einen kurzen, aber dennoch prägnanten Augenblick verwässern. Bereits im Folgesatz kann sich Sigebant wieder fangen und am rituellen Abschied teilhaben; eine ähnliche Respektsbekundung wie seiner Frau bleibt ihm jedoch versagt.99 Das Wechselspiel zwischen den Geschlechtern erweist sich innerhalb der ersten Aventiure demnach als weitaus komplexer, als dass simplerweise von einer rein patriarchalisch oder weiblich dominierten 97 Zum Unterschied von bewusster Geste und unbewusstem Verhalten im Epos vgl. Philipowski S.470. Sie macht einen wesentlichen Unterschied zwischen den geplanten Gesten in der exponierten Öffentlichkeit, die der bewussten Inszenierung des Höfischen gelten und der eher spontanen Expression von Gefühlen, die sich teilweise der persönlichen Kontrolle entziehen. 98 Vgl. Althoff S.263f. und 278f. zum Zusammenhang von gezeigten Emotionen und öffentlicher Kommunikation. Genauer zu den höfischen Werten in der Heldenepik vgl. Schulz: Erzähltheorie […] S.152ff und zur Analyse des Verhaltens des königlichen Paares vgl. Campbell S.11. 99 Vgl. Schmitt: Poetik der Montage […] S.221f. Zum Zusammenhang von Festlichkeit und Selbstvergewisseung bzw. Festigung des Agons vgl. Wenzel: Hören und Sehen […] S.180f. 40 Textwelt gesprochen werden könnte. Die „vital role of women in the epic“100 sieht sich sowohl in Sigebants Mutter als auch seiner Ehefrau bestätigt, wenn ihnen zeitgenössisch bedingt dennoch gewisse Handlungsgrenzen gesetzt werden. Der Dichter dehnt den weiblichen Handlungs-rahmen im Laufe der Aventiure jedoch in steigender Wiederholung: zunächst durch die semantische Verknüpfung, daraufhin durch Utes Initiation des Hoffestes und schlussendlich durch ihre aktive Übernahme des Festabschlusses. Mit der zunehmenden Passivität Sigebants bis hin zur absoluten Aufgabe jeglicher Herrschafts-kompetenzen kann seine Frau immer größere Handlungsfreiheit gewinnen, wenn diese auch in späteren Erzählpassagen erneut revidiert wird. Das vielschichtige Beziehungsgeflecht der Figuren zeigt sich demzufolge nicht nur in Handlungen und Verhaltensweisen, sondern legt der Dichter Wert darauf, ein kohärentes Paradigma aus Handlung und Textsemantik zu flechten, das sich gegenseitig bedingt. Die jeweilige Figurenhandlung leitet sich demnach kongruent aus der narrativen Umsetzung einzelner Textelemente ab. 3.3. Die Zeit Neben der Raumgestaltung und dem Spannungsverhältnis der Figuren zeigt auch das Zeitmodell bereits etwaige Besonderheiten, die nicht nur die zeitgenössische Verknüpfung von Raum- und Zeitmodellierung umzusetzen wissen, sondern über diese hinausführen. Grundlegend kann festgehalten werden, dass die Einstiegsaventiure der Kudrun einer linearen Zeitprogression folgt, die mehrmals durch vorausdeutende Erzählereinschübe gebrochen wird. Diese Vorausdeutungen beziehen sich vor allem auf das tragische Schicksal des Thronerbens Hagen.101 Das Andeuten der drohenden Gefahr wird narrativ einerseits sicherlich zur Spannungserzeugung genutzt, stellt sich dem Leser doch die Frage, inwiefern das Kind hier „entfremdet“ werden soll. Andererseits lässt die Diskrepanz von andauernder Festfreude und opaker Bedrohung die Atmosphäre der Festlichkeit in einer Art von Zwielicht erscheinen, das sich alsbald in der Ignoranz der Hofgesellschaft entlädt, die sich im Folgenden als unfähig erweist, die bedrohlichen Schatten des Greifen wahrzunehmen oder gar richtig zu 100 McConnell S.8. 101 Vgl. hierzu u.a. 24,4: sît wart ez in fremede; ez wart gefüeret verre dannen, fernerhin 25,4: daz im sît fremede. Die Personalpronomen dieser Verse beziehen sich jeweils auf die Figur Hagen. 41 deuten, sodass die Katastrophe ihren Lauf nehmen kann. Während die feiernden Adligen derart eingenommen sind von ihrem Gelächter, dass sie um sich herum nichts wahrnehmen, erliegt die Amme des Kindes ihrer Angst vor dem herannahenden Ungetüm und flieht ohne den Thronerben in den Schutz des nahe-gelegenen Wohngebäudes; derart kann keiner der Protagonisten die Gefahr abwenden.102 Fernerhin wird die lineare Zeitprogression in einem raffenden Erzählduktus wiedergegeben, insofern die Verse von der Brautwerbung Sigebants bis hin zur Entführung des Thronerben über etwas mehr als ein Jahrzehnt textimmanenter Zeit berichten. Lediglich zwei Szenen werden mit retardierendem Erzähltempo vermittelt: Der kontinuierlich erwähnte Problematisierungsdialog des königlichen Paares wird als verzögerndes Moment zeitdeckend wiedergegeben. In Verbindung mit den textnah davor platzierten Vorausdeutungen der Gefahr kann dieses Gespräch gleichermaßen der Spannungssteigerung dienen. Zudem erfährt die Entführung des Kindes durch den Greif eine derart detaillierte Beschreibung, wie sie in diesen Strophen keine weitere Handlung kennt. Man könnte hier nahezu von einer Zeitdeckung sprechen. Nun ist dieses sprunghafte Erzählen, das nur einzelne Handlungsaspekte in den Vordergrund hebt, der Heldenepik gattungsinhärent, sodass hier noch nicht von „Besonderheiten“ der Zeitgestaltung gesprochen werden könnte, wenn auch die fokussierten Szenen des retardierenden Erzählens aussagekräftig für andere werkübergreifende Narrationsstrategien sind.103 Auffällig innerhalb dieser Episode ist hingegen der abrupte Wechsel des Zeitmodells ab einem bestimmten Punkt der Erzählung. Bei Utes Brautfahrt nämlich wird die Zeit zunächst über den Raum kommuniziert: Ez was in einen zîten, sô diu loub entspringent und daz ouch in dem walde alle vógelîn ir wîse beste singent (11,3-4) Wie bereits weiter oben erwähnt kann durch das Hervortreiben der Blätter und dem Vogelzwitschern vom Leser implizit geschlossen werden, dass Ute während des Frühlings nach Irlande reist. Bei der Analyse des Zeitmodells zeigt sich, dass diese Verse als Erzählerkommentar und nicht als Raumbeschreibung gewertet werden sollten, denn der 102 Vgl. Schwob: Zeitvorstellungen […] S.434. 103 Vgl. Schwob: Zeitvorstellungen […] S.344f. 42 Wald konstituiert hier sicherlich keine spezifische räumliche Organisation, sondern wird er gewiss als allgemeine Naturaussage zur zeitlichen Orientierung funktionalisiert. Ob Ute mit ihrem Gefolge überhaupt an einem Wald entlangreitet, bleibt durch fehlende Bezüge offen. Einen konkreten Zeithinweis in Form einer objektiven Zeitangabe gibt es dar- über hinaus jedoch nicht. Die Reise findet in einer nicht näher definierten Vergangenheit statt, eben der archaischen Vorzeit des nebulösen heroic age. Interessanterweise verbleibt die Dauer der Brautfaht als auch des dafür organisierten buhurts (14,1) ebenfalls diffus; lediglich die Übernachtung in der Herberge verweist auf eine mehrere Tage andauernde Reise sowie implizit auf eine gewisse Entfernung des Heimatlandes der Braut. Dieses opake Zeitfenster von Utes Reise ist umso augenfälliger, wenn die restlichen Reisen innerhalb des Werkes zum Vergleich herangezogen werden, denn diese werden mittels genauer Zeitangaben in den temporalen Rahmen des Werkes eingeordnet. Mehr als vage Zeitangaben wie vil manigen tac (20,1) oder dannoch (18,2) werden bis zum Abschluss der königlichen Hochzeit in diesem Erzählteil jedoch nicht gegeben. Nach dem Ehevollzug hingegen alterniert das Zeitkonzept hin zu temporal sehr exakten Angaben: Der Sohn wird in den naéhsten drîn jâren (22,1) geboren, das Gespräch zwischen Ute und Sigebant findet im siebten Lebensjahr des Kindes statt (24,1). Selbst die Organisation des Festes und dessen Verlauf wird im Gegensatz zu den Kampfspielen während der Brautfahrt mit genauen Dauer-angaben in Form von Tagen angegeben: dar nâch in ahtzehen tagen (37,1) werden die Gäste eingeladen, während das Fest unz an den niunden tac (48,1) fröhlich andauerte, bis am zehenden morgen (50,1) schließlich der Greif die Festgesellschaft stört. Der Autor legt demgemäß einen hohen Wert auf die zeitliche Rahmensetzung innerhalb dieser Strophen, sodass man hier sehr wohl die „Vorstellung einer linearen fließenden, in ihren Teilabschnitten meßbaren Zeit“104 erkennen kann, die Schwob der volkstümlichen Epik größtenteils abspricht. Es begegnen sich demnach zwei gegensätzliche Zeitmodelle: die natürliche Zeitstruktur der Natur und das objektive Wahrnehmungskonzept menschlicher Zeitmessung. Diese offensichtliche Diskrepanz bei der Zeitgestaltung lässt sich zunächst auf den Antagonismus von kultiviertem, höfischem und unkultiviertem, natürlichem Raum, der 104 Schwob: Zeitvorstellungen […] S.344. 43 außerhalb jeglicher gesellschaftlichen Ordnung liegt, zurückführen. In der naturnahen Sphäre sowie sich daran orientierenden sozialen Milieus spielt Zeit keine übergeordnete Rolle. Man lebt nach dem Rhythmus der Natur und braucht daher auch nicht mehr Halt in der Zeit, als die natürliche Ordnung selbst durch den Jahreszeitenwechsel beispielsweise hergibt. Dem gegenüber steht der Hof, an dem das Leben durch die gesellschaftlichen Verpflichtungen einer strengeren Struktur der Zeit bedarf, und aufgrund dessen auch minutiöser durchorganisiert wird. Schulz beispielsweise stellt eine ähnliche Zeitgestaltung für den Tristan fest, in dem der Naturraum ebenfalls als zeitloses Raumkonstrukt entworfen wird, während der Hof einer strengeren temporalen Durchorganisation unterliegt. Der Autor der Kudrun orientiert sich demnach an einem durchaus gängigen literarischen Muster seiner Zeit, das letztlich auf der realgeschichtlichen Zeitwahrnehmung fußt.105 Diese Verbindung muss an dieser Stelle jedoch noch tiefgehender auseinandergenommen werden. Versteht man dieses Konzept nämlich als feststehendes Zusammenspiel von Raumgefüge und Zeitgestaltung – den ‚Hof‘ demnach als fiktionale Szene in einer Burg und den naturnahen Raum als Ort außerhalb dessen – so verfehlt diese Folie die Zeitgestaltung in der Kudrun, denn die Zeit bleibt während der Brautfahrt sowohl für Ute innerhalb des Naturraums als auch für Sigebant am Hof konturlos. Auch wenn nicht explizit gesagt wird, dass er sich währenddessen auf seiner Burg befindet, lässt seine Stellung als neuer König sowie seine Interaktion mit der raumgebundenen Mutter dies stark vermuten. Dennoch spielen Zeitangaben für ihn genauso wenig eine Rolle wie für die Reisende beim Durchqueren des naturnahen Raumes. Darüber hinaus greift das Zeitkonzept ebenfalls für Ute etwas kurz, denn wie weiter oben bereits erwähnt wurde, erfahren viele der anderweitig ausgestalteten Reiserouten innerhalb der Kudrun eine zeitliche Bemessung ihres Verlaufs. So benötigen Hetels Brautwerber beispielsweise sechsunddreißig Tage (286,2) auf dem Meer, um in Irlande anzukommen, während Hartmuts Boten späterhin hundert tageweide (599,1) zu Hetels Hof brauchen. Das Zeitkonzept ist demnach weniger an das rein physische Raummodell als an dessen innere Organisation gebunden. Solange das Höfische in Unordnung ist, in diesem Fall durch die Problematisierung der Brautwerbung und die dadurch ungeklärte Thronfolge, wird die 105 Vgl. Schulz: Erzähltheorie […] S.164. Zum realhistorischen Zusammenhang von sozialem Milieu bzw. Stand und Zeitwahrnehmung vgl. Kapitel 2.2. der vorliegenden Arbeit. 44 Zeitstruktur für jegliche Figuren nur zweitrangig. Zudem bezeichnet das Lexem hove nicht nur den Raum des Hofes, sondern gleichfalls die damit verbundene Institution als auch Personengruppe oder schlichtweg den Hoftag als festliche Versammlung ebendieser, sodass sich diese Ambiguität des Begriffes nicht nur auf narrativer Ebene sondern ebenfalls im Sprachgebrauch der Epoche spiegelt.106 Zunächst muss das Höfische wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, ehe nun ebenfalls der Rest sozusagen „kultiviert“ werden kann. Auf diese Weise kann man die schwammige Wahrnehmung des Temporalen ebenfalls als weiteres Symptom der defizitären Herrschaft Sigebants werten, denn ein defizienter König kann keinen intakten Herrschaftsbereich leiten, sodass dieses Zeitmodell auf mehreren Ebenen eine Rolle spielt.107 Das Abstraktum Zeit ist demnach vielmehr an das Konzept von Kultur und höfischem Benehmen gekoppelt bzw. eine funktionierende Hofinstitution als an ein konkret modelliertes Raumgefüge. Dementsprechend können die jeweiligen Protagonisten in einem gewissen Raumparadigma, welches einem funktionstüchtigen Hof unterliegt, Zeit als solche genau wahrnehmen, während sie innerhalb von Räumen, die höfischer Unordnung unterliegen, oder auch innerhalb natürlicher Umfelder ohne ein menschliches Organisationszentrum wie ungezähmten Wäldern Zeit lediglich als eine ‚simple‘ Raumveränderung durch Naturphänomene perzipieren. Zeitstruktur ist folglich an eine Art von Zivilisationsprozess gebunden. Einzig der Anfang des ausgerichteten Hoffestes scheint auf den ersten Blick aus diesem Zeitkonzept zu fallen, indem die Gäste nâch dem sumere von des winters stunden sollten bîten (37,4). Dieser approximative Zeithinweis erklärt sich jedoch erneut aus der realhistorischen Zeitauffassung. Zwar gibt die Kirche einen allgemein gültigen Kalender vor, der jedoch gewissen Spielraum bietet, sodass selbst anerkannte Heiligenfeste je nach Region und Bistumsvorsitz alternieren können.108 Da Sigebant aber nun Adlige ûz rîchen (39,4) zu seinem Fest einlädt, kann daher in logischer Folge kein objektiver Kalendertag festgelegt werden, da die temporale Organisation des Kalenders Ausdruck der subjektiven Zeitauffassung der regionalen Einwohner ist, die nicht notgedrungen in den Nachbarreichen in derselben Weise perzipiert wird. Aufgrund dessen wird die Natur an dieser Stelle zur 106 Vgl. Müller: Spielregeln für den Untergang […] S.300. Zum Facettenreichtumg des Begriffs hof, hove vgl. Lexer Bd.1 Sp.1320f. 107 Vgl. Dimpel S.13f. 108 Vgl. Sulzgruber S.20ff. 45 übergeordneten Autorität der Zeit erhoben; der natürliche Zeitablauf kann von jedem gleichermaßen wahrgenommen werden, ohne dass Missverständnisse entstehen. Obschon dieser Termin nicht solcherart konkret ausgelegt wird wie die sunewenden (NL 1484,3) des Nibelungen-liedes, sehe ich hierin keinen Widerspruch in der Zeitgestaltung. Der Hof kann sich letztlich nicht ganz der ‚natürlichen‘ Zeitordnung entziehen.109 Dabei wird in der Erzählpassage run um das Hoffest erneut mit dem Zusammenspiel von zeitraffenden und retardierenden Momenten gespielt. Die erfreulichen Tage des Festes nehmen beispielsweise im Vergleich zum Tag der Entführung weit weniger Textraum ein. Ein emotionales Movens besitzt demnach ebenfalls Einfluss auf die Erzählzeit, die vom Autor für die jeweilige Deskription eingeräumt wird. Von den Tagen, an denen man „nur“ feiert, „nur“ glücklich ist, oder „nur“ verheiratet, muss offensichtlich nicht berichtet werden. Es reicht hier zu wissen, dass ein Fest oder Ritterspiele stattfinden, um die Freude nachvollziehen zu können. Weit wichtiger als die eigentlichen Festhandlungen sind hier erneut die materielle Schauseite der Ausstattung der Gäste sowie die Darstellung des höfischen Agons, denen stets gewisser Textraum geboten wird. Bei Schwierigkeiten jedoch lohnt offensichtlich ein expliziteres Erzählen. Zudem legt der Dichter bei der Einleitung der Entführungsbeschreibung Wert auf die Nachzeitigkeit der Gefühle. Gleich doppelt betont er, dass nâch ir aller wünne (50,2) bzw. nâch ir grôzen freuden (50,4) nun der Schmerz des Verlustes eintreten wird. Diese Präposition lässt, anders als das vielbeschworene dô innerhalb der Schlachtdeskriptionen, keinen Zweifel aufkommen an der zeitlichen Ordnung des Geschehens.110 Die Handlung, sowie die innere Raumorganisation und die Zeitprogression bilden also ein korrelatives Gefüge, das jedoch den Einfluss der Zeit zugunsten der restlichen Entitäten zurückschraubt. Die Zeit selbst nimmt nicht die Stellung einer einflussgebenden Größe, sondern 109 Vgl. Störmer-Caysa S.85-90. Sie nimmt den Iwein als Beispiel für die Zeitmessung mit Hilfe der Natur. Indem Laudine die Sonne zum Zeitgeber avanciert, kann es hier prinzipiell keine Missverständnisse über den Termin geben, auch wenn Iwein durch seine Hofeingliederung nach einem anderen Zeitsystem lebt. Im Gegensatz dazu markiert sie im Stellenkommentar ihrer Übersetzung diese Textstelle als widersprüchlich aufgrund der vorherigen Genauigkeit der Zeitmessung, vgl. hierzu Störmer-Caysa: Kudrun S.579. 110 Vgl. Schwob S.157 und Kapitel 2.2. der vorliegenden Arbeit. 46 einer beeinflussbaren Narrationsstruktur ein. Demnach bestimmt die Handlung die gewährte Erzählzeit, das Raumgefüge nimmt wiederum Einfluss auf die Gestaltung der Zeit, darüber hinaus kann die Zeit über die Modellierung des Raumes vermittelt werden, sodass diese Entitäten miteinander verschmelzen. 3.4. Ausblick Für die Einstiegsaventiure der Kudrun lassen sich demnach bereits einige ausgeklügelte Erzählmuster erkennen – sowohl in der Semantik des Textes als auch bei den Interdependenzen der drei prädominanten Analysekategorien Raum, Zeit und Figurengeflecht. Genau diese frühangelegten Ordnungsmuster sollen im Folgenden mit Hilfe eines strukturalistischen Vorgehens auf ihre narrative Kohärenz innerhalb des Großwerkes überprüft werden mit dem vorrangigen Ziel, die Makrostruktur des Epos‘ greifbar zu machen. Die restliche Dissertation wird daher nicht mehr auf die Untersuchung von Einzelepisoden zurückgreifen, sondern sich vielmehr auf räumliche, zeitliche oder interpersonale Systeme konzentrieren, die sich an den bereits herausgeschälten Narrationsstrategien orientieren. Die im Vorlauf aufgezeigten Textsyntagmen dienen dabei der Analysebasis, werden jedoch durch neue Aspekte ergänzt und komplettiert. Dabei wird eine möglichst textnahe Interpretation des Werkes angestrebt, die sich weniger an intertextuellen als an intratextuellen Bezügen orientieren will. Es geht vorrangig um die schriftliche Umsetzung von Textmustern, ohne sich jedoch zur Unterstützung der Argumentation gegenüber Seitenblicken auf andere zeitnahe Werke zu verschließen. Als Textparadigmen können an dieser Stelle also folgende Punkte bereits festgehalten werden: Das rauminhärente Konfliktpotential des Grenzraumes bzw. der Schwellenräume, die ambivalente Überlegenheit weiblicher Figuren innerhalb eines patriarchalisch verbleibenden Weltbildes, damit einhergehend die unterschwellige Diskussion herrschaftlicher Werte, die pazifistisch angehauchte Charakteristik der Hegelingen als auch die Gebundenheit der Zeit an die höfische Kultur. Das „simple Vorspiel“ zeigt sich bereits weitaus komplexer, als dass man es als eingeschobene Vorgeschichte abtun könnte. Zudem wird sich im Folgenden die Wichtigkeit dieser Verse noch deutlicher herauskristallisieren.

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References

Zusammenfassung

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kudrunlied wird zunehmend als bedeutender literarischer Gegenentwurf zu dem zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Nibelungenlied anerkannt. Vanessa Betti treibt die aktuellen Forschungsbemühungen hinsichtlich dieser Emanzipation der Kudrun mithilfe der Untersuchung intratextueller Textfolien und -schemen bezüglich der drei großen Untersuchungsentitäten Raum, Zeit und Figuren weiter voran. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung im Vordergrund. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Ein­stiegs­aven­ti­u­ren des Werkes der narrativen Rahmensetzung dienen und in Grundzügen einen Großteil derjenigen Narrationsmodelle bereits entwerfen, auf die in multiplen Variationen durch das gesamte Werk hindurch rekurriert wird. Sie baut damit auf einer textnahen Untersuchung des ersten Erzählteils auf, bevor die Inselfiktionen, Schwellenräume, Fremdheitsaspekte sowie gesondert noch einmal das textimmanente Zeitmodell auf ihre Kohärenz und Umsetzung hin untersucht werden.