8. FAZIT in:

Vanessa Betti

Das Zusammenspiel von Raum, Zeit und Figuren in der "Kudrun", page 169 - 170

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4359-2, ISBN online: 978-3-8288-7314-8, https://doi.org/10.5771/9783828873148-169

Tectum, Baden-Baden
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169 8. FAZIT Mithilfe der vorliegenden Untersuchung konnte demnach die eingangs aufgestellte Prämisse strukturaler Rahmensetzung innerhalb der ersten Aventiuren auf mehreren Ebenen bewiesen werden. Die Kudrun generiert in den ersten Erzählpassagen sowohl autonome Raum-, Zeit- und Figurenmodelle, als auch unterschiedliche Möglichkeiten des Wechselspiels dieser Entitäten, auf die im Laufe des Werkes kontinuierlich zurückgegriffen wird. Hier sei zunächst die Raum-Subjekt-Interpassion genannt, welche nicht nur unabdingbar für Hagens Charakterisierung wird, sondern aufgrund der Darstellung der Stammmutter Ute mitsamt der Aufwertung einer weiblichen Erblinie für die gesamten Nachfolgegenerationen aktuell bleibt. Darüber hinaus entwickelt der Autor das mittelalterliche Prinzip des „espace personnalisé“ dahingehend weiter, dass seine Raumkreationen zu „espaces personnalisants“ heranwachsen, wie sich dies vor allem innerhalb der generierten Schwellenräume zeigt. Das Verhalten der Figuren wird dementsprechend durch das Setting beeinflusst, die Protagonisten können gleichzeitig aber Einfluss auf die Räumlichkeiten nehmen und den Raum sogar durch eine gezielte Kultivierung „schrumpfen“ lassen, wie sich dies beim Wülpensand gezeigt hat. Über den konfliktträchtigen Schwellenraum, sowie die räumliche Interpassion hinaus sehen sich ebenfalls das Verwachsen der Kulturund Zeitordnung, sowie der Umgang mit etwaigen Fremdbegegnungen in gewissem Maße bereits am Anfang des Epos vorstrukturiert und erwachsen durch die Redundanz ihres Auftretens zu weiteren narrativen Mustern des Textes. Dabei rekurriert der Dichter bei seinem restriktiven System redundanter Textsyntagma jedoch nicht auf simple Kumulation des Immergleichen, sondern demonstriert mithilfe von Ausbau, Variation und Übertragung seiner Narrationsfolien eine kunstfertige Arbeit am Muster, die seinem Werk eine ihm oft aberkannte literarische Qualität zumisst. Das kohärente Zusammenspiel der Entitäten über das Textganze hinweg sollte zudem der These mehrerer, zweitrangiger Schreiber endgültig die Diskussionsgrundlage entziehen; in gleichem Maße sollte meine Arbeit andere Vorwürfe an den Text wie zeitweilige Inkonsistenzen, unlogische Figurenführung oder temporale Fehldispositionen abgetragen haben. Indem die ‚Inkonsistenzen‘ der Kudrun vielfach aus dem intratextuellen Textgebilde erklärt sowie einige Forschungspositionen aufgrund 170 des Gesamtzusammenhanges widerlegt werden konnten, sollte die vorliegende Arbeit zur weiteren Emanzipation des Textes beigetragen haben.

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Zusammenfassung

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kudrunlied wird zunehmend als bedeutender literarischer Gegenentwurf zu dem zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Nibelungenlied anerkannt. Vanessa Betti treibt die aktuellen Forschungsbemühungen hinsichtlich dieser Emanzipation der Kudrun mithilfe der Untersuchung intratextueller Textfolien und -schemen bezüglich der drei großen Untersuchungsentitäten Raum, Zeit und Figuren weiter voran. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung im Vordergrund. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Ein­stiegs­aven­ti­u­ren des Werkes der narrativen Rahmensetzung dienen und in Grundzügen einen Großteil derjenigen Narrationsmodelle bereits entwerfen, auf die in multiplen Variationen durch das gesamte Werk hindurch rekurriert wird. Sie baut damit auf einer textnahen Untersuchung des ersten Erzählteils auf, bevor die Inselfiktionen, Schwellenräume, Fremdheitsaspekte sowie gesondert noch einmal das textimmanente Zeitmodell auf ihre Kohärenz und Umsetzung hin untersucht werden.