7. WERKÜBERGREIFENDES ZEITMODELL in:

Vanessa Betti

Das Zusammenspiel von Raum, Zeit und Figuren in der "Kudrun", page 142 - 168

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4359-2, ISBN online: 978-3-8288-7314-8, https://doi.org/10.5771/9783828873148-142

Tectum, Baden-Baden
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142 7. WERKÜBERGREIFENDES ZEITMODELL Betreff der werkimmanenten Zeitgestaltung konnte die vorliegende Arbeit bereits anhand der ersten beiden Aventiuren der Kudrun zentrale Aspekte herausarbeiten, die es nun in diesem Kapitel auszufächern und zu vertiefen gilt. Bisher zeigte sich, dass der Dichter durch die Verknüpfung von Raum- und Zeitgestaltung zwei gegensätzliche Arten von Chronotopoi generiert, die sich konsequent über das gesamte Epos erstrecken: Eine präzise Zeitperzeption in Form relativer Zeitangaben zu einem Ereignis oder einer Handlungsfolge ist den Figuren demnach ausschließlich in einem höfisch organisierten und dementsprechend funktionalen Raumkonstrukt möglich – die Insel der Greifen stellt gerade diese Möglichkeit des Chronotopos in seiner rudimentärsten Form dar, reichen doch Hagens wenige Kultivierungsansätze hier zum Umschwung der temporalen Wahrnehmung aus. Im kulturfremden oder sozial gestörten höfischen Rahmen hingegen wird der Tempusverlauf nur vage registriert. Zudem zeigt dieses Wechselspiel, dass die ‚Zeit‘ sowie ihre Strukturierung schwerlich losgelöst von anderen Faktoren der Narration untersucht werden können, sondern sich ihre Besonderheit erst durch ein solches Zusammenspiel unterschiedlicher Untersuchungsentitäten herausschälen kann.330 7.1. Objektive und durative Zeitangaben In diesem Kontext hat Konrads Arbeit zur heldenepischen Zeitvorstellung bereits erwiesen, dass die Kudrun zusammen mit dem Wolfdietrich C und D zu den Werken mit der variantenreichsten Zeitdarstellung relativer bzw. objektiver Zeitangaben zählt.331 Fokussiert man nun die präzisen Zeitauskünfte innerhalb eines funktionierenden Hofgefüges noch drastischer, so muss festgestellt werden, dass der Urheber des Epos dabei kontinuierlich auf Zahlen mit allegorischer Färbung zurückgreift – vor allem die Drei und die Sieben finden kontinuierlichen Gebrauch. Horânt wird solcherart beim Aufruf zur Brautwerbung eine Frist von sieben Tagen für seine Anreise an den Königshof Hetels gewährt (216,4); gleichermaßen benötigt Hagen nach der späteren Brautentführung sieben Tage zur Vorbereitung der maritimen Verfolgungsjagd (455,1) und Hetel führt nach der Trauung schließlich in sieben Jahren 330 Vgl. Kapitel 3.3. und 4.1.4. der vorliegenden Arbeit. 331 Vgl. Konrad S.55f. 143 drei Kriege gegen unbekannte Feinde (568,1).332 Ute wird fernerhin erst im dritten Ehejahr schwanger (22,1); der Greif benötigt drei Tage, um seine Insel zu erreichen (80,3) und Wate bedarf ebenfalls dreier Tage, um Kudrun zur Hilfe zu eilen (696,1).333 Nicht zuletzt finden während Kudruns Leidenszeit ausgerechnet das dritte (1011,2) und das siebte Jahr (1021,3) eine eingehendere Betrachtung trotz der sonstigen Narrationsraffung ihres Aufenthalts am Normannenhof. Neben diesen beiden Ziffern findet ebenfalls die Zwölf iterative Verwendung. Nicht allein wächst Hagens Tochter zwölf Jahre lang heran, bevor sie in den Fokus der Erzählung rückt (199,1), sondern man kämpft darüber hinaus tage zwelve mit sorgen (717,1) gegen die Mohren und Wate benötigt späterhin zwölf Tage zur Einberufung eines Kriegsrates (930,2). Nach der Schlacht um Hilde nimmt man ebenfalls am zwölften Morgen Abschied von Hetels Hofgesellschaft (552,1), zuletzt werden Hartmuts Boten erst an dem zwelften morgen (604,4) nach ihrer Anreise zum König vorgelassen. Zimmermann, der ein ähnliches Netz allegorisch geprägter Zahlenkombinationen hinsichtlich durativer Zeitangaben im Nibelungenlied herausgearbeitet hat, und Konrad sind sich diesbezüglich einig, dass die christliche Zahlenmystik für die Heldenepik dennoch nicht interpretationsfruchtbar gemacht werden kann. Obschon die Kudrun das Christentum nicht solchermaßen zur „rohe[n], germanisierte[n] Glaubensform, die jegliche tieferen religiösen Ansprüche vermissen lässt“334 reduziert, wie Konrad dies für andere Epen feststellt, kann hier nichtsdestoweniger nicht von einer beabsichtigten Assoziationskette aufgrund 332 Weitere Textbeispiele zur iterativen Nutzung der Ziffer sieben: Horânt reist am siebten Morgen zur Unterstützung von Kudruns Hilfstruppen an (696,3); die Boten brauchen nach Kudruns Entführung sieben Tage, um Hetel die schlechte Nachricht zu überbringen; Hartmut beabsichtigt, sieben Tage auf dem Wülpensand zu rasten (850,4) und Irolt berechnet für die abschließende Schlacht eine Frist von sieben Wochen, um mit seinen Truppen anreisen zu können (1090,2). 333 Weitere Textbeispiele zur wiederholten Nutzung der Ziffer drei: Hilde möchte drei Tage im Voraus über die Abreise zu Hetels Hof informiert werden (410,4); Hartmut gewährt den Frauen vor Kudruns Entführung eine Schonfrist von drei Tagen (771,4) und sein heimatlicher Hof benötigt drei Tage, um ihm bei seiner Rückkehr einen gütlichen Empfang vorzubereiten (973,1). Vgl. hierzu ebenfalls Konrad S.72. Dieser kommt bei der Überprüfung des Epos auf 11 Zeitangaben, die jeweils auf die Drei und die Sieben zurückgreifen, immerhin halb so oft wird die Zwölf dafür benutzt. 334 Konrad S.185. 144 dieser Zahlenwiederholung gesprochen werden.335 Trotz der allegorischen Einfärbung dieser Angaben bleiben sie lediglich praktischer Ausdruck des jeweiligen Einzelvorgangs; die primäre Beschreibung des Zeitverlaufs oder der Zeitfestlegung bleibt demnach stets im Vordergrund. Die religiöse oder mystische Einfärbung der Zahlen ist höchstwahrscheinlich ein leerlaufendes Rudiment aus der Spielmannsepik, die bekanntlich einen hohen Einfluss auf die Heldenepik ausübt.336 In einem Punkt kann Konrad jedoch nicht zugestimmt werden: dem Verhältnis von relativen und objektiven Zeitangaben.337 Der Dichter greift nicht vermehrt auf relative Zeitangaben zurück, vielmehr halten sich die beiden Darstellungsformen zeitlicher Auskunft die Waage. Sicherlich sind jene Handlungen mit punktueller Verankerung in der Zeit zumeist an prägnanten Knotenpunkten der Narration eingeflochten, sodass die Dauer hinter der eigentlichen Handlung zurücktritt, doch an der Frequenz der Nutzung ändert diese Erzählstrategie wenig. Der Leser findet gleichermaßen Angaben, wie lange eine Handlung währt – dass eine Schlacht sich beispielsweise über zwölf Tage erstreckt (717,1) – als auch, wann etwas passiert – wie, dass Hagen erst an dem sibenden morgen (455,1) zu der Verfolgungsjagd der Entführer seiner Tochter aufbrechen kann. Darüber hinaus implizieren nicht wenige der relativen Angaben im Text indirekt die Dauer eines Vorganges, auch wenn dieser nicht prozessual artikuliert, sondern lediglich als punktuelles Ereignis dargelegt oder unterschwellig in das Handlungsergebnis eingebunden wird. Wenn Hagen am siebten Morgen zur Verfolgungsjagd aufbricht, so impliziert dieses Geschehen, dass seine getroffenen Vorbereitungsmaßnahmen als davorstehender Prozess sechs ganze Tage beansprucht haben – trotz ihrer textlichen Aussparung. Wenn die Hegelinge gleichermaßen erst an dem zwelften morgen (604,4) nach 335 Darüber hinaus beschränkt sich die Nutzung dieser Ziffern und Zahlen nicht auf die Darstellung der Zeit, sondern werden sie auch für anderweitige Zahlenangaben herangezogen. So schickt Hagen bei seiner Rückkehr aus der Anderwelt beispielsweise zwölf Kreuzfahrer als Boten zu seiner Mutter (142,1), Wate besucht seinen König genau drei Mal im Jahr (570,3) und Ludwig gewährt seinem Sohn Hartmut zwölf Pferde als Brautgeschenk (595,3). Es lassen sich viele weitere solcher Beispiele im Text finden. Vgl. hierzu auch Konrad S.71f. 336 Vgl. Zimmermann S.125f., Schwob: Zeitvorstellungen […] S.341 und Konrad S.64f. 337 Vgl. Konrad S.50f. und ebenfalls Schwob S.155, der allgemein für die Heldenepik von „spärlichen“ Angaben relativen Charakters spricht. 145 Hartmuts Boten schicken, so sind diese wohl elf Tage lang beherbergt worden. Dabei lässt sich dieses Phänomen der Handlungsverankerung mittels abgezählter Tage nicht auf eine etwaige Einschränkung durch die Narration des Mittelalters zurückführen, denn die Kudrun kennt u.a. ebenfalls die christlichen Feiertage als exakte Verankerung des Einzelvorgangs innerhalb des zeitlichen Rahmens, sodass diese Verschmelzung des relativen und durativen Charakters der Angaben zu einer weiteren Kompositionsstrategie des Textes heranwächst, welche die Waagschale meiner Ansicht nach sogar leicht zugunsten objektiver Zeitgestaltung beschwert. Es soll dabei jedoch nicht abgestritten werden, dass die Frage nach dem „Wie“ einer Handlungsfolge für den Dichter dennoch wichtiger war, als deren unbedingte Dauer oder deren „Termin“.338 Fernerhin wirft Lienert der Kudrun unberechtigterweise ihre offenbar inkonsistente Zeitkonstruktion vor.339 Dazu soll zunächst angemerkt werden, dass die Heldenepik insgesamt auf einer eher schwammigen Konstruktion des zeitlichen Rahmens fußt. Zeitangaben sind vielfach selten, dazu ungenau, sodass solcherart Divergenzen im Grunde nicht zur Abwertung eines Einzelwerkes führen sollten. Eine realistische Rekonstruktion der gesamten Zeitverhältnisse ist, mit Ausnahme des Ortnit, für die Heldenepen des 12. und 13. Jahrhunderts aufgrund der eben unregelmäßig eingestreuten Zeithinweise leider eine Unmöglichkeit.340 Überdies kann diesem Postulat grundlegend nicht zugestimmt werden. Auch wenn sich über die kontinuierlich eingewobenen, sich wiederholenden Zahlen weder eine übergreifende Semantik etablieren noch eine werkübergreifende Rekonstruktion der zeitlichen Abläufe vorgenommen werden kann, so bleibt das Zeitmodell für die jeweiligen Einzelhandlungen jedoch kohärent. Derart kann der junge Hagen bei seiner Rückkehr in die Heimat logischerweise nicht ähnlich schnell oder gar noch schneller dort ankommen, als der Flug mit dem Greifen 338 Vgl. Konrad S.95. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass diese Feststellung nicht im Widerspruch zur weiteren Argumentation der Arbeit steht, die später nochmals auf die Rolle der Fristen in der Kudrun zurückkommen wird. Diese Termine gewinnen innerhalb der Zeitmodellierung des Werkes an Wichtigkeit, tragen jedoch keine weitreichenden Konsequenzen für den weiteren Verlauf der Handlung wie beispielsweise im Iwein, sondern beschränken sie sich auf den Einzelvorgang. 339 Vgl. Lienert S.94. 340 Vgl. Konrad S.81ff. und S.147ff., ähnlich auch Schwob: Zeitvorstellungen […] S.341f. 146 gedauert hat. Eine Reisezeit zu Schiff von mehr als zwei Wochen im Vergleich zum dreitätigen Greifenflug scheint daher durchaus angebracht. Bei der Brautentführung Hildes zeigt sich diese Kohärenz ebenfalls: Wenn die Braut sich erbittet, drei Tage im Voraus über eine mögliche Flucht informiert zu werden, kann nicht vor dem vierden tage (422,1) nach dem Treffen in der Kemenate aufgebrochen werden. Zuletzt trifft Horânt fristgerecht an dem sibenden morgen (219,1) bei seinem König am Hof ein, wie dieser es im Vorfeld von seinem Vasallen verlangt hat und seine spätere Reise an den Hof wird ebenfalls mit sieben Tagen beziffert (696,3), sodass sich die Zeitkohärenz auch über lange Strecken im Text beweist. Die wiederholte Rekapitulation solcher relativer Zeitangaben, sowohl auf dem begrenzten Textraum einer einzigen Strophe als auch über mehrere Erzählblöcke hinweg, beweist, dass der Autor sich seines Zeitmodells sehr wohl bewusst ist und Wert auf die Kohärenz seiner Angaben legt. Diese angeführten Beispiele dokumentieren zugleich eine gewisse Anreicherung des Epos mit Fristen und Terminen. Die Zusammenstellung von Truppen geht gleichermaßen mit gewissen Indulten einher, fernerhin werden Fristen zur Entscheidungsfindung aufgegeben oder mehrmals Festtermine gesetzt, sodass nicht negiert werden kann, dass der Dichter Stichtagen eine gewisse Wichtigkeit einräumt. Dieses Phänomen manifestiert sich außerdem anlässlich einer erfolgreichen Brautwerbung, denn oftmals wird zwischen Verlobung und Hochzeit eine Jahresfrist gesetzt341, bei Hagens Hochzeit werden sogar exakt ein Jahr und drei Tage angesetzt. Dieses Jahresintervall des Übergangs entspricht dabei interessanterweise nicht nur der Verlobungsphase, sondern gleichermaßen der juristischen Dilation einer Besitzübernahme.342 Trotz dieser Akzentuierung erlangen die Termine keine essenzielle Bedeutung für den Handlungsrahmen – Kudrun wird nicht entführt, weil ihr Verlobter sich wie verlangt die Zeit derweil mit schœnen wîben vertribe anderswâ (667,2) oder die rechtliche Frist missachtet, sondern weil sämtliche männlichen Protagonisten an einem gesonderten Handlungsort durch einen Krieg eingespannt sind. Diese Schlacht gegen Sîfrit hätte Herwig mit oder ohne Jahresfrist bestreiten müssen, die Hilfe der Hegelinge wäre ihm ebenfalls in beiden Fällen zugekommen, sodass Kudrun allerhöchstens in einem anderen Raumgefüge auf sich 341 Vgl. fernerhin 667,3: Herwig soll seine Braut Kudrun erst in einem Jahr abholen. Ausgenommen ist hier die Brautentführung Hildes. 342 Vgl. Kawan/Chesnutt Spalte 74f. 147 allein gestellt gewesen wäre. Die Möglichkeit der Entführung wäre aber in beiden Fällen gegeben. Hagen wird in seiner Kindheit gleichermaßen nicht am Festtermin selbst, sondern erst im Laufe der Feierlichkeiten verschleppt aufgrund der Inkompetenz der Festteilnehmer, eine Gefahr zu erkennen. Bei letztangeführten Terminen erweist sich jedoch abermals die Affinität des Dichters zu seinen Zeitkonzepten, denn er webt die realhistorische Zeit-organisation situationsgerecht an diesen Textstellen mit ein. Während Kudrun und Hildeburg während der Fastenzeit auf den himmlischen Vogel treffen (1166,1) und Hilde den landeseigenen Lehnsmännern an Weihnachten eine Nachricht schicken kann (1075,1), sind Zeitangaben und Terminvereinbarungen bei der Begegnung von Figuren aus unterschiedlichen Herkunftsräumen andersartig angelegt. Unter Berücksichtigung lokaler Divergenzen der Kalenderdisposition wählt der Dichter bei einem Zusammentreffen von Fürsten und Herrschern unterschiedlicher Herkunft dementsprechend einen Zeitpunkt, der von jedem Subjekt gleichermaßen perzipiert werden kann. Aufgrund der realgeschichtlich regionalen Variation selbst des Kirchenkalenders vermögen solche Termine daher lediglich mittels einer Zeitangabe in Form einer Naturassertion zustande zu kommen.343 Wiederum tritt dieser Aspekt der temporalen Textmodellierung zuerst in der Einstiegsaventiure zu Tage, während derer das Rehabilitationsfest Sigebants aufgrund der Präsenz von Fürsten sehr unterschiedlicher Herrschaftsbereiche dementsprechend nâch dem sumere von den winters stunden (37,4) ausgelobt wird. In den Folgehandlungen setzt sich dieses Modell der Terminabsprache konsequent weiter, sodass Hetels Boten aufgrund ihrer differenten Herkunftsgebiete beispielsweise gemeinsam bestimmen, erst swanne ez sumeret des winters zîten (260,3) aufzubrechen. Diese raumübergreifend angelegten Termine grenzen sich demnach durch diese Konstruktionsbesonderheit von der restlichen Zeitperzeption deutlich ab. Nicht zuletzt erkennt man an der Wahl dieser Terminabsprachen ebenfalls die Berücksichtigung qualitativer Zeitangaben; eine Handlungslokalisierung im Frühling unterstreicht beispielsweise einen Aufbruch, vielleicht einen angestrebten Neubeginn der Protagonisten, während die Wintermonate eher der Ruhe dienen. Dass Sigebant und Hetel also ihre Termine gerade in den Frühlingsmonaten stattfinden lassen, betont ihre positive Einstellung dazu: Sigebants 343 Vgl. Sulzgruber S.85f. 148 Herrschaft soll wieder in die richtigen Bahnen gelenkt werden und Hetel leitet ein entscheidendes Lebensmoment ein – den Aufbruch in die Ehe. Den Winter verbringen die Herrschaftsverbände jedoch nicht in aller Ruhe, sondern wird die kalte Jahreszeit in der Kudrun meist zur Vorbereitung genutzt: Es werden Koggen gebaut, oder Truppen zusammengestellt. Trotz der konsistenten Beschaffenheit der angeführten Beispiele soll keinesfalls das Bild eines werkumspannend gleichbleibenden Zeitverlaufs aufgeworfen werden. Die Kudrun fußt nicht auf einer durchgehend gebundenen Erzählfolge, sondern sind diese Beispiele lediglich vereinzelte Unterbrechungen einer ansonsten vielmehr anakoluthisch verlaufenden Narration; es bleiben jedoch Beispiele, die in ihrer Qualität der narrativen Konstruktion gewürdigt gehören. Außerhalb dieser Episoden wird gattungstypisch eher auf schwammige Zeitverknüpfungen zurückgegriffen, vermehrt ebenfalls auf sehr phrasenhafte Temporalbestimmungen wie schiere (814,1), diu wîle was lanc (862,1) oder sît in langer wîle (586,3), ohne dass diese Vorgehensweise jedoch die postulierte Kohärenz des zeitlichen Gesamteindrucks untergrübe.344 Ein anderer Aspekt einer solch eher losen Verknüpfung zeitlicher Abläufe einzelner Szenen ist die Beschreibung mittels des Adverbs oder der Konjunktion dô. Die dô-Einsätze verknüpfen zumeist auf beengtem Textraum mehrere Ereignisse, ohne den Leser über die Dauer oder den zeitlichen Verlauf genau aufzuklären, sodass es zur Verwischung der Grenzen zwischen Vor-, Gleich- und Nachzeitigkeit kommen kann.345 Eindrucksvoll zeigt sich dies bei der Schlacht um Hetels Tochter auf dem Wülpensand, bei der Horânt einen seiner Verwandten erschlägt: Dô er sînen neven hêt ze tôde erslagen den vanen hiez er nâch sînem vanen tragen. dô erkante er bî der stimme den er dâ hête verschrôten mit sînen starken ellen. Horânt klagete dô den tôten. (887,1- 4) Nachdem Horânt seinen Neffen anscheinend bereits erschlagen hat, kann er ihn schlecht noch an der Stimme erkennen. Demnach muss die Wahrnehmung zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung stattfinden, im folgenreichen Moment des tödlichen Schlages, was jedoch weder am Verbtempus noch mithilfe einer adäquateren Adverbialkonstruktion 344 Vgl. Konrad S.146f., sowie Bender S.9 und S.135f. 345 Vgl. Schwob S.157f., Schwob: Zeitvorstellungen […] S.344f. und Konrad S.142. 149 markiert wird. Nun mag man das dô mit dem neuhochdeutschen Begriff „damals“ übersetzen, sodass eine genauere Erklärung des Erkennungsmoments in diesen Versen zu erkennen wäre; es kann aber nicht abgestritten werden, dass die Frequenz als auch die sonstige Nutzung der mittelhochdeutschen Konjunktion bzw. dieser Adverbialkonstruktion zur Beschreibung eines zeitlichen Fortschritts an dieser Stelle zu Verwirrung führen kann.346 Allerdings kann man diese Problematik nicht der literarischen Schwäche des Dichters anlasten, sondern wird die komplexe Parallelität der unterschiedlichen Kampfhandlungen in großen Schlachten gattungsübergreifend durch den Einsatz von dô-Verknüpfungen bewältigt. Es geht weniger um das Nacheinander von Kampfvorgängen, sondern vielmehr um die Beschreibung von deren Simultanität. Einzelkämpfe entscheidender Handlungsträger werden zwar immer wieder hervorgehoben, die restlichen Auseinandersetzungen verbleiben derart jedoch in nebulöser zeitlicher Folge. Die hohe Frequenz dieser Adverb- und Konjunktionsnutzung manifestiert sich überdies im Verlauf von Gesprächsszenen. Solcherart beinhaltet das Beratungsgespräch zur Brautwerbung am Normannenhof sowohl innerhalb der Beschreibung des Gesprächsfortlaufs als auch in der jeweiligen Sprecheinleitung die gehäufte Verwendung dieses Begriffs. Noch ausgeprägter manifestiert sich dies beim Krisengespräch zwischen Hilde, Fruote und Wate nach Kudruns Entführung, bei dem jede Strophe, d.h. ebenfalls jeder Gesprächsbeitrag mit dô eingeleitet wird.347 Diese Nutzung resultiert aus der Funktion der jeweiligen Szene. Beide Episoden akzentuieren hier bewusst die personale Begegnung der jeweils involvierten Protagonisten, sodass der temporale Aspekt der Szene dementsprechend in den Hintergrund treten muss. Diese Kompositionsstrategie befeuert den Fortgang des Dialoges, der solcher- 346 Ein weiterer Ansatz, diese Paradoxie zu erklären, wäre, diese auf die „Ausschaltung“ der Handlungslogik innerhalb des angesprochenen Raumgefüges zurückzuführen, ähnlich der darauf folgenden Fluchtlist der Normannen. Da das Adverb dô jedoch auch in den restlichen Schlachten teils gleichzeitige, teils aufeinanderfolgende Ereignisse begleitet, wird die erste Argumentation in dem Kontext favorisiert. Allein die Schlachtbeschreibungen in der XVIII. und XIX. Aventiure beinhalten jeweils über zwanzig Handlungen, die mittels des Semems dô verknüpft werden. 347 Vgl. Strophe 940-945: Dô sprach von Tenen Fruote […] (940,1); Dô sprach diu küniginne […] (941,1); Dô sprach Wate der alte […] (942,1) u.ä. 150 maßen nicht unnötig durch etwaige Kulissenbeschreibungen unterbrochen wird.348 Es soll aber nochmals betont werden, dass dieser wiederholte Zusammenfluss der drei Zeitdimensionen keinesfalls Lienerts anfängliches Postulat zeitlicher Inkonsistenz untermauert, sondern lediglich die Zeitrekonstruktion für das Gesamtwerk erschwert, ohne hingegen deren Kohärenz grundlegend in Frage zu stellen. Der Dichter bedient sich lediglich zeitgenössisch eingespielter Strategien der Narration, um die Parallelität oder das zeitnahe Aufeinander gewisser Handlungsfolgen zu bewältigen. 7.2. Darstellung parallel verlaufender Handlungsstränge Neben diesem Ineinanderlaufen der drei Zeitebenen in Verbindung mit dem Aufheben der linearen Handlungssukzession in Massenschlachten kennt die Kudrun weitere Synchronisationstechniken, um die Gleichzeitigkeit einzelner Vorgänge in der Folge des Erzählens umzusetzen. In diesem Nukleus sollte grundlegend zwischen den Begriffen Synchronität und Synchronisierung unterschieden werden. Während ersterer als analytischer Strukturbegriff lediglich die Beobachtung betrifft, dass zwei Ereignisse gleichzeitig stattfinden, bezieht sich die Synchronisierung auf den Akt narrativer Koordinierung mehrerer Handlungen in prozessualer Artikulation. Des Weiteren sollten zwei Formen der Simultanitätsartikulation unterschieden werden: Einerseits kann der gleiche Vorgang aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden, sodass die ‚Parallelhandlung‘ sich dennoch prinzipiell auf einen linearen Erzählstrang mit dem Fokus auf den Helden stützt. Andererseits können zwei differente, aber simultan ablaufende Handlungsstränge narrativ abgehandelt werden, sodass die Erzählung sich auf unterschiedliche Protagonisten oder Handlungsräume aufgespalten sieht.349 Derartige Perspektivenwechsel bei gleichbleibendem Vorgang manifestieren sich in gehäufter Form während Kampfhandlungen mit Präsenz von Frauenfiguren, seien dies nun eher spielerisch angelegte Austragungen des höfischen Agons bei Turnieren oder ernsthaftere Schlachten. Dieser Topos der Beobachtung eines Kampfgeschehens durch das weibliche Figureninventar findet sich ebenfalls in vielfacher 348 Vgl. Bender S.135. 349 Vgl. Köbele/Rippl S.12f. 151 Weise innerhalb des vorliegenden Werkes.350 Während Ute beim anfänglichen Turnier jedoch noch rollengerecht einfach in den venstern lobelîche (42,4) sitzt, beschränkt sich die Frauenrolle späterhin nicht mehr auf die simple Observation eines solchen Vorganges. Eindringlich zeigt sich dies bei der Racheschlacht Hagens nach der Entführung seiner Tochter: Nu was komen Hagene zuo in an den sant. dâ wurden sper geschozzen von guoter helde hant. die ûf dem sande stuonden, die werten sich vil sêre der von Irlande; dâ von geschach der wunden deste mêre. Wie gar selten iemen gæbe dar sîn kint, dâ man sô kunde dienen, daz man des fiures wint slüege ûz herten helmen ze sehene schœnen frouwen! ir reise mit den gesten hêt die schœnen Hilden vil sêre gerouwen. (498-499) Letztere Strophe skizziert nicht nur das Beisein der Prinzessin Hilde, gleichermaßen beschränkt sie sich nicht auf die redundante Beschreibung von Hagens Ankunft durch die Augen seiner Tochter, sondern artikuliert sich in diesen Versen die Wirkung des Geschehens auf die betroffene Figur. Obschon der letzte Vers keinen Direktverweis auf die gegenwärtige Schlacht aufwirft, enthält Hildes Reue diesen implizit, da sich die Gefühlslage aus ihrer Handlungsgegenwart ableitet. Die Überleitungsverse 498,1-3 hin zu Hildes Perspektive beschreiben in disponierender Weise einen Blickwinkel, der sich sowohl auf den in der ersten Strophe im Fokus stehenden Vater als auch auf die verzweifelte Tochter beziehen kann, sodass das narrative Geschick dieser Passage nicht negiert werden kann. Ziel ist demnach nicht, den Handlungsverlauf in der Außenperspektive erneut abzuspulen; vielmehr soll eine weitere Figur in das Geschehen mit eingebunden werden, obschon ihre Randposition bzw. ihr Gender sie eigentlich zur Passivität zwingen müsste; indessen sprengt diese Form der Integration nicht die Grenzen weiblicher Handlungsdisposition.351 350 Vgl. Lienert: daz beweinten sît diu wîp […] S.130f. 351 Ein Vergleich mit dem Nibelungenlied, wenn auch die dargelegte Szene keine Kampfszene enthält, zeigt die Eigenheit der Kudrun-Passage: Bei der Ankunft von Gunther und Siegfried bei Brünhilt wird mehrfach auf die Anwesenheit der 152 In ähnlicher Weise verfährt der Dichter mit Kudruns Perspektive während Herwigs Feldzug gegen die Burg ihres Vaters. Ihre Erwähnung beschränkt sich nicht nur auf den Zusammenhang des Sehens, vielmehr leitet sich aus dieser Observation ihr diesbezüglicher Zwiespalt ab: der helt der dûhtes biderbe; daz was beide liebe unde leide (644,4). Auch diese Figur sieht sich demnach über ihre innere Handlung in die Ereignisfolge der Gegenwartshandlung eingebunden. Während sich Herwigs Rolle bei dieser Szene durch aktive Handlung im Kampfgeschehen ausdrückt, wird die Gleichschaltung divergierender Wahrnehmung bei seinem späteren Treffen durch die Artikulation beidseitiger innerer Handlung noch einen Schritt weiter vorangetrieben. Die Königstochter tritt ihrem Anwerber gezweiet ir muote (654,2) gegenüber, dieser wiederum schafft es nicht, den Frauen volliclîchen (654,4) zu trauen. Ein Ereignis spiegelt sich demnach vielmehr in der ‚emotionalen Lage‘ der hier eingebundenen Figuren, als dass es 'nur' in unterschiedlichen Blickwinkeln wiedergegeben würde. Aufgrund meiner vorigen Ausführungen scheint es mir angebracht, Zimmermanns Begriff des ‚Aspektwechsels‘ hier anzuführen, der im Gegensatz zu einem simplen Wechsel der Perspektive verlangt, dass „mehrere Hinblicknahmen […] in nächster Daraufsicht geschehen“ und „alle […] die Dinge individuell-konkret schauen“352. Wie bereits erwähnt soll in den angeführten Beispielen nicht nur die Anwesenheit einer Figur Erwähnung finden, oder der Topos der schauenden Frau eingeflochten werden, sondern wird der Vorgang individuell in der jeweiligen Protagonistin verarbeitet anstatt nur gespiegelt. Dass beim Zusammentreffen von Hagen und Hilde diese Sichtweisen scheinbar ineinanderfließen, untergräbt meinen Argumentationszusammenhang Frauen in der Burg rekurriert. Zum einen wird hier aber dargelegt, dass die Handlung der Frauen dem Erzähler erst sider (NL 392,4) mitgeteilt wurde, er demnach nur durch seine übergeordnete Position davon berichten kann. Die Parallelhandlung entwickelt sich demnach nicht aus der Szene selbst heraus, sondern einem eigens dafür eingefügten Erzählerkommentar. Darüber hinaus beschränkt sich die Frauenrolle trotz wiederholtem Perspektivenwechsel auf das simple Schauen und Beobachten; gleich mehrfach wird hervorgehoben, dass die Frauen etwas sâhen (NL 393,4; NL 394,3; NL 396,4), ohne jedoch weiter auf ihre innere Perspektive einzugehen. Selbst Brünhilt sach nur alliz (NL 399,4), ohne dass dies weitere Ausführungen durch den Erzähler mit sich führt, sodass sich der Perspektivenwechsel in der Kudrun durch die Komponente der real ausgeführten Figurensicht weiterentwickelt sieht. 352 Zimmermann S.60. 153 nicht, sondern glättet in dieser Narrationspassage zum einen den Übergang zwischen den beiden Blickwinkeln, zum anderen unterstreicht dieser Kunstgriff die Verbindung zwischen diesen Figuren. Eine eigentümliche Ausformung dieser mehrperspektivischen Simultanität findet sich späterhin bei der Schlacht gegen die Mohren. Eine Einzelszene dieser großangelegten Auseinandersetzung wird dem Rezipienten ebenfalls aus zwei differenten Perspektiven nähergebracht. Interessanterweise werden aber nicht die Blickwinkel der beiden kriegführenden Parteien beleuchtet, sondern entwickelt sich die Handlungssequenz aus der Drittperspektive hinterlistiger normannischer Kundschafter: Diu spehe Hartmuotes <…> was dar gesant - si goumten dâ niht guotes – von Ormanîelant. si speheten ze allen zîten, waz wurde erfunden. in stürmen und in strîten Hetelen si deheines guoten gunden. Si sâhen, sunder scheiden hie besezzen lac - daz mohte im vil wol leiden - -naht unde tac der künic ûz Karadîne, der edelen Mœre herre. im kom vil wênic helfe. Sîniu lant diu lâgen von im gar ze verre. (730-731) Durch die Artikulation der beobachteten Bedrängnis vollzieht sich die Simultanität; die Boten liegen während dieser Handlungsfolge auf der Lauer. Außerdem präludiert diese Beobachtung die folgende Handlungsentwicklung: Aus der Heimkehr dieser Gesandtschaft entwickelt sich daraufhin eine signifikante Ausfächerung des Erzählstranges. Dieser beschränkt sich nun nicht mehr auf die mehrperspektivische Darstellung eines gleichen Vorganges, sondern öffnet mit der Vorbereitung des militärischen Angriffes auf die Burg der Hegelinge einen zweiten, für sich stehenden Erzählstrang. Indem in den nächsten Strophen im Dialog der Protagonisten eigens betont wird, dass die Feinde lenger danne ein jâr (734,2) durch das Kriegsgeschehen beschäftigt sein werden, aktualisiert sich die Gleichzeitigkeit beider Erzählstränge, auch wenn die Schlacht der Hegelinge selbst in der restlichen Aventiure nicht mehr narrativ umgesetzt wird.353 353 Vgl. Bender S.134, wobei die Selbstständigkeit der Erzählstränge dahingehend beschränkt ist, dass sie voneinander abhängig sind und nicht für sich alleine stehen können – ohne die Schlacht gegen die Mohren, wäre die Entführung nicht 154 Dennoch findet die Parallelität dieser Vorgänge in Einzelkommentaren kontinuierlich Anklang, sodass man dennoch von einer Art von Synchronisierung der Stränge sprechen kann. Während Hartmut seinen Streitzug plant, erwähnt der Erzähler beispielsweise, dass Wate des alles niht enweste (747,4) oder dass die Soldaten die Burg erreichen würden ê Hetele erfünde (749,4), sodass der Text an die anderweitig eingebundenen Handlungsträger erinnert. Solche Rekurrenz auf Figuren in einem divergierenden Raumgefüge zwecks der Parallelschaltung von Handlungen artikuliert sich noch vehementer, indem nicht eine zweite Handlungsfolge sondern ein Zustand gleichgestellt wird. Die Permanenz dieses Status reicht zur dauerhaften Koordination beider Erzählstränge, ohne dass der zweite Strang im Folgenden permanente Erwähnung finden muss. Wenn also bei den Kriegsvorbereitungen der Hegelinge erwähnt wird, dass die entführten Damen in der gleichen Zeit übele bewart bî Gerlinde wâren (1093,1-2), reichen diese beiden Halbverse aus, um die Handlung am Normannenhof dauerhaft aktuell zu halten, während der Erzählfokus jedoch wieder zurück zur Haupthandlung der Hegelinge springt. Der Autor nutzt darüber hinaus die weiter oben erwähnten Botengänge vielfach, um zu Handlungen in einem anderen Raumgefüge überzuleiten oder Handlungen in unterschiedlichen Räumen miteinander zu verflechten. So sendet Hetel während seines erwähnten Kriegszuges gegen Sîfrit Boten zu Hilde und Kudrun, um über seine Erfolge zu berichten, ohne dass dies jedoch zum blinden Motiv verkommen würde. Indem die Frauen in einer gesonderten Strophe auf diesen Botengang reagieren, erfüllt er zweierlei Funktion: Diese Technik vergegenwärtigt dem Rezipienten die Figuren in der ‚Heimat‘, gleichzeitig werden die beiden Handlungsräume auf der zeitlichen Ebene gleichgeschaltet. Obschon der Haupthandlungsraum hier das Schlachtfeld ist, bleibt die Zeit in den Räumen des ‚Hintergrundes‘ nicht wie üblich stehen, sondern vergeht sie offensichtlich in ähnlicher Manier, ansonsten könnten die weiblichen Figuren nicht in die Gegenwartshandlung eingebunden werden. Trotz der Beschreibung sukzessiver Handlung zeigt das Hin und Her der Übermittlung von Botschaften dennoch, dass die Zeit in allen Räumen der textimmanenten Welt gleichermaßen fließt. möglich. Ohne diese Entführung wiederum müsste kein Rachefeldzug organisiert werden. 155 Solche Handlungseinleitungen durch Botengänge finden sich in größerem Rahmen ebenfalls an anderer Stelle. Hartmut schickt, als er mit der entführten Kudrun zurück in die Heimat fährt, Boten an seinen Hof, damit die Frauen sich auf die Ankunft des Kriegsheeres einstellen. Gleich über mehrere Strophen, drei Tage erzählter Zeit umfassend, wechselt der Erzählfokus zum Normannenhof, bevor sämtliche Figuren daraufhin zeitgleich am Ufer eintreffen. Die Botengesandtschaft kann die beiden Erzählstränge demnach auf zeitlicher Ebene verzahnen, denn die gemeinsame Ankunft am Morgen des dritten Tages setzt die Herrichtung der Damen parallel zur restlichen Reisezeit der Schiffsbesatzung. Dieser sprunghafte Wechsel zwischen der Handlung auf dem Schiff und der am Hof vollzieht sich innerhalb einer gleichen Aventiure; die Spaltung des Erzählstranges wird lediglich durch einen Strophenwechsel markiert, sodass es zur Blockbildung kommt, die sich jedoch alsbald durch die Zusammenführung beider Erzählstränge wieder auflöst. In ähnlicher Weise, jedoch ohne Boten, gestaltet sich das Wiedertreffen von Ortwin und seiner Schwester am Strand von Hartmuts Herrschaftsbereich. Die überlieferte Überschrift verweist auf die Ankunft der beiden Protagonisten Ortwin und Herwig, welche sich in der Beobachtung der Frauen in den Einleitungsversen der Aventiure spiegelt. Der Fokus bleibt aber zunächst in Form eines Dialoges bei den beiden Frauenfiguren, bevor die männlichen Protagonisten durch das Verlassen ihrer Barke Strophen später erst in den Schwellenraum, und damit verbunden in den Fokus der Narration eindringen, sodass auch hier ein Strophenblock sich abspaltet.354 In noch größerem Maße sieht sich ein solches narratives Synchronisierungsmodell beim Rachefeldzug von Hagen verankert, denn der Erzählfokus wechselt an dieser Stelle vor der Zusammenführung der Erzählstränge nicht nur öfter zwischen den eingebundenen Protagonisten, sondern werden außerdem drei Handlungsvorgänge mit jeweils unterschiedlichem Raumgefüge initiiert, sodass sich die Erzählung in noch breiterem Maße ausgefächert sieht. Darüber hinaus wird diese Parallelschaltung gleich über zwei Aventiuren gestreckt, bevor sie in der 354 Vgl. Konrad S.116f.. Die Überschriften werden von ihm als allgemeine Vorausgriffe auf die Grundzüge der folgenden Handlung gewertet, sodass sie hier ebenfalls als Erzähleröffnung gewertet werden können. Gerade das Vergleichslexem „wie“ bereitet den Leser auf die Handlung und die Art und Weise ihres Verlaufes vor. 156 abschließenden Schlacht in Form eines linearen Erzählstranges wieder zusammengeführt wird.355 Die Vernetzung dieser Erzählelemente vollzieht sich aber in ähnlicher Weise wie vorher besprochen: Der Fokus alterniert mit einem Strophenwechsel und fällt oftmals mit einer Botschaft zusammen. Derart fängt die siebte Aventiure mit der Entführung Hildes an, welche wiederum die Kriegsvorbereitung Hagens einleitet. Durch eine Gesandtschaft an Hetel sieht sich diese Handlung in der Strophe 456 durch Hetels Nachsinnen über die Ankunft seiner Gefolgsleute abgelöst. Diese erfahren bei ihrer Ankunft in ähnlicher Weise durch iteniuwiu mære (467,3) von der Reise ihres Herrschers, bevor der Rezipient wieder zu Hetels Herannahen geführt wird. Späterhin wird von Hetel auf die drohende Gefahr durch Hagen rekurriert, bevor die Erzählstränge in der nächsten Aventiure über das mære (490,1) der Feindessicht aggregiert werden. Der letzte Erzählteil des Werkes um die Entführung Kudruns führt diese Erzähltechnik dann in epischer Breite aus, indem der Erzählkern kontinuierlich zwischen den Handlungsvorgängen der Hegelinge und dem Leidensweg Kudruns oszilliert. Dieser permanente Wechsel zwischen den Herrscherverbänden fungiert als präludierender Aufbau der spannungsgeladenen Konstellation der Figuren der Abschlussschlacht. Der Rezipient verfolgt, wie sich das Konfliktpotential beidseitig hochschaukelt; auf der einen Seite verschärfen sich die Leiden und Qualen Kudruns, auf der anderen Seite lädt sich simultan das hegelingische Rachebedürfnis über den Besuch des Wülpensandes und die Entdeckung der sozialen Deklassierung der Königstochter auf.356 Der lineare Erzählstrang der Kudrun sieht sich demnach vielfach durch simultane Textelemente unterbrochen. Dabei sollte die bisherige Darstellung bereits bewiesen haben, dass der Dichter diese Ausfächerung der geradlinigen Zeitsukzession der Handlungen in geschickterer Weise zu arrangieren weiß als nur durch simple Erzählereinschübe, 355 Vgl. Bender S.61 und S.132f. Interessanterweise hebt Bender die „Vereinigung von Entführer- und Verfolgerstrang“ (S.61) als zeitliche Besonderheit hervor, macht die Aufspaltung des Erzählstranges in Parallelhandlungen aber erst für den letzten Erzählteil stark, obschon sich bereits von Anfang an kontinuierliche Parallelschaltungen finden lassen, wenn auch in weitaus kleinerem Maße. 356 Vgl. Bender S.136. 157 wenn auch diese kontinuierlich zu finden sind.357 In variierender Wiederholung greift der Dichter zur Verflechtung seiner Erzählstränge dabei auf ähnliche Bausteine wie den Botengang oder die Blockbildung zurück. Ein anderes Moment, das zwar keine Simultanhandlung betrifft, dennoch aber den Verlauf der Zeit skizziert, ist die multiple Eröffnung einer Vergangenheits-dimension. Sie ist dahingehend für den Argumentationszusammenhang von Belang, dass sie indiziert, dass ‚Zeit‘ für jegliche Figuren gleichermaßen vergeht, selbst wenn diese über mehrere Aventiuren im Hintergrund bleiben – eine rigide Abenteuerzeit für den im Fokus stehenden Helden entfällt demnach. Derart berichtet Sigebant bei der Rückkehr seines totgeglaubten Sohnes, dass er dicke (146,3), also ‚oft‘, demnach in zeitlicher Ausdehnung, unter diesem Verlust gelitten habe. Analog wird von Hilde späterhin berichtet, dass sie nie von dem Gedanken, wie si ir lieben tohter û Ormanîe dem lande gewunne (1071,4), abgelassen habe, sodass auch hier ein persistenter Aspekt ihrer Vergangenheit aufgeworfen wird; einer Vergangenheit, die sich während des abgeschweiften Erzählfokus abgespielt hat. Sofern ein räumliches Gefüge demnach nicht unter transzendenter Disposition wie die Greifeninsel geführt wird, kann es demnach nicht der Zeit enthoben werden. Es sollte demonstriert worden sein, dass die Kudrun es textimmanent versteht, auf mehrfacher Ebene komplexe Simultanhandlungen zu entwerfen. Dabei beschränkt das Werk sich größtenteils auf zwei eng aufeinander bezogene Erzählstränge, die nicht komplett individuell voneinander existieren, sondern in einem Erzählziel jeweils zusammenlaufen. Indem diese Stränge jedoch sowohl auf engem wie auch auf weiter gefasstem Textraum kohärent verzahnt und ineinander geflochten werden, entwirft das Werk meines Ermessens nach eine ganz eigene Zeitmodellierung, die sich aus dem zeitgenössischen Literaturbetrieb emanzipieren kann. Anders als viele andere Epenurheber dieser Zeit versucht der Dichter nicht, die Parallelspannung möglichst gering zu halten – das Nibelungenlied beispielsweise spart oftmals einen möglichen Erzählstrang aus, um späterhin unvermittelt beim Zusammenfluss 357 Vgl. hierzu beispielsweise nu lâzen disiu mære (563,1); nu lâzen wir belîben wie ez im ergê (630,1) oder nu swîgen wirder degene (1165,1). Solche Einschübe finden sich zumeist in den ersten Einleitungsversen einer neuen Aventiure. Da solche Überleitungen zum traditionellen Inventar der mittelalterlichen Narration gehören, ohne der vorliegenden Argumentation einen Mehrwert zu liefern, bleiben sie hier außen vor. 158 der Handlungen wiedereinzusetzen – sondern aktualisiert er dieses Spannungsverhältnis vor allem im letzten Erzählteil in regulärer Weise. Es wird nicht negiert, dass die blockweise Parallelschaltung von Handlung der zeitgenössischen Literatur bekannt ist, doch weist der Dichter komplexere Verflechtungsstrukturen vor, die nicht zuletzt über die in Einzelversen ausgedrückte Figurenrekurrenz die Parallelverflechtung der Erzählstränge ebenfalls für den Rezipienten präsent hält.358 7.3. Vorausdeutungen und Rückgriffe Fernerhin bedient sich die Kudrun weiterer zeitgenössischer Schemen der Narration bezüglich der Tempusstruktur, um diese geschickt zur Festigung ihres Textgerüstes zu funktionalisieren. Zur Verdichtung der narrativen Organisation des Textes greift das Werk zeitgemäß auf epische Vorausdeutungen sowie intendierte Rückwendungen und größerangelegte Rekapitulationen zurück, sodass sich die Handlungsgegenwart wiederholt in den größeren Werkzusammenhang eingebettet sieht. Ähnlich der weiter oben erwähnten Figurenrekurrenz bei parallelen Handlungssträngen ermöglichen diese Stilgriffe ebenfalls die gezielte Textvernetzung entscheidender Phasen auf temporaler Ebene. Angesichts der Voraussetzung eines oralen Vortrages mittelalterlicher Werke erleichtern Vor- und Rückgriffe für den Zuhörer nicht nur die Verständlichkeit gewisser Kausalitätszusammenhänge, sondern ermöglichen sie dem Rezipienten kontinuierlich, sich einen Textüberblick zu verschaffen, um die aktuelle Gegenwartshandlung innerhalb des Werkrahmens zu lokalisieren.359 Die geschilderten Vernetzungsstrukturen erfüllen innerhalb der Narration demnach analoge Funktionen, dennoch gewähren sie dem Urheber grundlegend disparate Wirkungsmöglichkeiten auf seinen Adressaten. Während die Vorausdeutung mit der Erwartungshaltung eines Rezipienten spielt, entsprechend also der Spannungssteigerung oder atmosphärischen Einstimmung dient, beschränken sich rückwärts gerichtete Texteinschübe und Figurenaussagen stets auf eine explizierende Destination verschiedener Handlungsphasen, Einzelereignissen 358 Zur Parallelstruktur von Handlung in Epen vgl. Konrad S. 150ff., welcher den Heldenepen eine komplexe Simultanstruktur schlichtweg abspricht. Dem entgegen steht Zimmermanns Meinung, dass ein Epos sehr wohl parallele Handlungsmuster kennt, die sich jedoch auf einfache Strukturen beschränken wie die Betrachtung derselben „epische[n] Phase aus verschiedenen Perspektiven“ (S.53) oder den ‚Aspektwechsel‘, vgl. Zimmermann S.53-69. 359 Vgl. Konrad S.96, sowie Zimmermann S.1f. und S.9. 159 oder sogar der Figurencharakteristika. Sie ergänzen beim Rezipienten ein bereits erworbenes Wissen, um ihm das Erzählte näher zu bringen oder dessen Kohärenz zu gewerkstelligen. Setzt man den Fokus nun in einer ersten Phase auf die in der Kudrun generierten Vorausdeutungen, so hat u.a. Gerz bereits festgestellt, dass die werkimmanente Relationsweite derselben sehr limitiert gespannt wird. Während das Nibelungenlied dieses Stilmittel geschickt nutzt, um von den ersten Versen an ein systematisches Vorausdeutungsnetz hin zur Tragik des Endes zu spannen, um eben gerade dessen düstere Atmosphäre über das Gesamtwerk hinweg langsam aufzubauen, beschränkt die Kudrun sich damit auf Ereignisse innerhalb der gleichen Generation, ohne dass sich diese Vorwegnahmen in direkter oder indirekter Art permanent auf die großangelegte Versöhnung des Schlussteils beziehen lassen.360 Dabei konzipiert der Dichter diese Vorgriffe vor allem als offene, subjektive Vorausdeutungen, d.h. in Form von Erzählereinschüben, die in annähernd sicherer Weise auf ein kommendes Ereignis verweisen, dieses jedoch in den seltensten Fällen direkt benennen.361 Auch diese Erzählweise findet sich erneut in kleinem Rahmen bei Sigebant und Ute. Zunächst wird während des Festes erläutert, dass des wirtes ungelücke (54,1) naht, bevor dieses Unglück in der nächsten Strophe mit der Kindesentführung durch den Greifen gleichgesetzt wird. Ähnlich setzen sich die Vorausdeutungen im Folgenden weiter: Anstatt sich auf das Versöhnungsmoment zu beziehen, beschreiben diese narrativen Eingriffe hauptsächlich in nächster Zeit bzw. textnah bevorstehende Gefahren oder Drangsale. Die siebte Aventiure beispielsweise ist durchzogen von Hinweisen auf die kommende Schlacht durch den Brautvater Hagen. Der zunächst eingestreute Hinweis auf das schedelîche[...] leide (441,3) der Entführung, wird alsbald abgelöst von der arbeite mêre (456,4), von den späterhin zerschlagenen Helmen (479,4), den zuo grôzen sorgen (486,4) und dem abschließenden Vers dâ von muosen si grôze arbeit lîden (487,4), der durch diese Vorausdeutung eine Überleitung in die nächste Aventiure und den Schlachtbeginn gewährleistet. Es 360 Vgl. Gerz S.30-32 und S.37f.; Zimmermann S.3f. und Bender S.160. 361 Die Begrifflichkeiten der objektiven und subjektiven Vorausdeutung werden von Alfred Gerz übernommen, vgl. hierzu ebd. S.9f. Unter einer subjektiven Vorausdeutung versteht er einen Vorgriff in Form eines Dichterkommentars, eine objektive Vorausdeutung ist demgemäß aus der Sicht einer Figur abgefasst, sei es eine Aussage, ein Traum oder eine Prophezeiung. 160 findet sich weder ein Hinweis darauf, wie dieses Kriegsgeschehen ausgehen, noch wie sich die Handlung darüber hinaus fortsetzen wird, sodass diese Vorausdeutungen sicherlich erwartungsgenerierend im Hinblick auf das entscheidende Ereignis dieses Krieges eingesetzt werden sollen. Auch an anderen Textstellen schließen solche überleitenden Vorausdeutungen die Aventiuren ab. Die vierte Aventiure endet derart mit sîner sorgen (203,4)362, die sich im Fortgang aus der hôhen minne (203,4) Hildes ergeben, bevor die nächste Aventiure über Hetels Planung seiner Brautfahrt berichtet. Die zwölfte Aventiure leitet die Verfolgung des Herrschers Herwig durch Sîfrits Truppen dahingehend ein, dass die von Alzabê (667,4) davon erfahren, dass Herwig zunächst ohne seine Braut nach Hause zurückkehrt, sodass die Vorausdeutung sich an dieser Stelle nur implizit aus dem Handlungsganzen ableiten lässt. Die Abschlussschlacht selbst wird in ähnlicher Weise eingeleitet, jedoch ausnahmsweise über eine Figurenaussage. Als Hartmut die Feinde sieht, spricht er: ich wæne, daz die vînde wellen rechen an uns ir alten anden (1365,4) Diese Aussage leitet im Anschluss die normannischen Kampfvorbereitungen ein. Bei einem Vergleich der subjektiven und der wenigen objektiven Vorausdeutungen fällt jedoch auf, dass die Perspektive der Figur eine andere Formulierung generiert. Werden die Dichtereinschübe im Indikativ verfasst, dem Modus der Wahrheit, so bedienen sich die Figuren bei solchen Assertionen eher der Möglichkeitsform, sei es durch die Nutzung des Konjunktivs oder wie in oben genanntem Beispiel einer Formulierung der persönlichen Meinung (ich wæne), die nicht notgedrungen der Wahrheit entsprechen muss, d.h. auch im Gegensatz zur Dichtervorausdeutung, nicht unbedingt entsprechend eintreffen muss.363 362 Ähnlich des Perspektivenwechsels zwischen Hagen und seiner Tochter ist ebenfalls diese Vorausdeutung aus zwei Blickwinkeln heraus deutbar. Da sich das Possessivpronomen sîner an dieser Stelle ohne genauen Rückbezug angewandt sieht, kann es sich sowohl auf die Drangsal aus Hetels Sicht beziehen als auch auf die spätere Bedrängnis von Hagen. Meines Erachtens ist diese Anlage, genau wie die doppeldeutige, davor referierte Perspektive, bewusst vom Dichter im Text angelegt. 363 Vgl. Konrad S.123ff. 161 Wenn Hetel sich einige Aventiuren davor Gedanken über den geplanten Empfang seiner Liebsten macht, so wird dies in ähnlicher Weise durch den Modus der Verben markiert: Alle die er bringen kunde mit im dan, des hêt er gedingen, daz er sîne man sô ze velde bræhte, mit sô grôzer êre, daz man küniges tohter enphienge nie sô lobelîche mêre. (461,4) Auch Ludwig artikuliert seine Bedenken bei der Brautwerbung seines Sohnes eher in der Möglichkeitsform durch das Modalverb müggen, denn die boten under wîlen möhten durch ir liebe vil verderben (590,4), obschon die Handlungsweise des Brautvaters bekannt ist. Zuletzt wird Hildes Hoffnung in Bezug auf die Rückkehr ihrer Tochter in der Strophe 920 ebenfalls im Konjunktiv berichtet, sodass der Unterschied zwischen objektivem und subjektivem Vorgriff sich konsequent in deren sprachlicher Gestaltung spiegelt. Die angeführten Beispiele beider Formen spielen hingegen sowohl in Gerz‘ Prämisse des restriktiven Vorgehens des Dichters mit ein mit Ausnahme der Schlussgestaltung als auch in die These, dass das postulierte Wechselverhältnis der Entitäten sich ebenfalls auf der temporalen Ebene wiederfindet. Wird der Blick nun auf die erzählerischen Rückgriffe geweitet, so zeigt sich auf der einen Seite ein ähnlich restriktives Vorgehen textnaher Verweise, auf der anderen Seite werden aber ebenfalls vereinzelte Rückgriffe auf eine textexterne Vergangenheitsdimension eingestreut, die vor allem der Figurencharakterisierung dienen. Derart resultiert Wates Heilfähigkeit aus der Begegnung mit einer wilden Frau, Horânts Gesang wurde ûf dem wilden fluote (397,4) erlernt; beides siedelt sich in einer Zeitdimension außerhalb der textinhärent dargestellten Zeitachse an. Die Werbungsablehnung Hartmuts wiederum wird nicht mithilfe einer textexternen Vergangenheitsdimension begründet – Hilde argumentiert, dass Hartmuts Vater Lehen von ihrem Vater Hagen bekommen hätte – doch wird dieses Ereignis während Hagens Herrschaftszeit nicht erwähnt, darüber hinaus dehnt sich in diesem Einzelfall die Rückwendungsweite, sodass auch die vorliegende Episode aufgrund ihrer Funktionalisierung zur Figurencharakteristik in diesen Argumentationsgang mit einspielt. Neben den Voraus- und Rückgriffen spielen ebenfalls die Momente zeitlicher Raffung, Aussparung und Dehnung eine wichtige Rolle. Unter dem Begriff der Raffung versteht sich hier eine Erzählepisode, bei 162 der die Erzählzeit wesentlich kürzer ausfällt als die erzählte Zeit, während die Dehnung dieses Wechselspiel in die entgegengesetzte Richtung wiedergibt. Ein Zusammenfall dieser Dimensionen nach langen Phasen temporaler Raffung können im Kontext gleichfalls als Dehnung gewertet werden. Zieht man in diesem Kontext noch in Betracht, dass das textliche Zeitgerippe auf einer vier Generationen umfassenden Genealogie fußt, so fällt u.a. bereits Bender auf, dass eine friedliche Herrschaftsphase mitsamt der Geburt eines Kindes zur Raffung der Erzählung führt, bis die Brautwerbungsphase wieder in gedehnterer Form wiedergegeben wird. Dieses redundante Zusammenspiel von geraffter Geburt- und Kindheitsphase leitet ihrer Meinung nach eine neue Phase des Textes ein, sodass es auf der Ebene der Figureneinführung ebenfalls zu einem korrelativen Bündnis mit der Zeitmodellierung kommt.364 Es wundert dabei jedoch, dass Bender trotz ihrer Feststellung, dass diese Phasen „bestimmte Hauptfiguren […] in besonderen Lebensabschnitten, die, durchzogen von dem Thema der Brautwerbung, in die Ehe der jeweils exponierten Hauptfigur münden“365, das Werk dennoch nur in drei Großphasen teilt und die erste Erzählphase um Sigebant als simples Vorspiel abtut. Nicht nur, dass bereits aufgezeigt wurde, dass diese Episode auf mehreren Ebenen Narrationsstrukturen generiert, die über den gesamten Text aktuell bleiben, sondern spielt sie in genau eben diese vorher genannte Feststellung mit ein. Die geraffte Darlegung von Sigebants Vergangenheit rückt ihn in den Fokus, während das Ende der Aventiure mithilfe der Raffung von Hagens Geburt und Kindheitsjahren, gleichfalls die auf ihn gerichteten Vorausdeutungen, den Fokus von Sigebant auf seinen Thronfolger lenken, sodass sich das narrative Muster erneut innerhalb dieser ersten Erzählepisode etabliert sieht.366 Die Analyse der Vor- und Rückgriffe, der Raffungs- und Dehnungsmomente sollte gezeigt haben, dass der Urheber der Kudrun darum bemüht ist, die temporalen Erzähleinschnitte mittels Erzählereingriffen sowie thematischen Verknüpfungs-punkten zu glätten. Wie sich im vorhergehenden Kapitel bereits gezeigt hat, wird mithilfe dieser Mechanismen narrativer Glättung ein kontinuierlicher Erzählfluss angestrebt, der sich von der sprunghaften Erzählweise der Heldenepik zu 364 Vgl. Bender S.126. Zur Gliederungsfunktion der zeitlichen Raffung vgl. ebenfalls Hegerfeld S.42f. 365 Bender S.125. 366 Vgl. Bender S.125ff. 163 lösen versucht, auch wenn dieses Vorhaben sich nicht in extenso durchgesetzt sieht.367 7.4. Alter und Alterungsprozesse An einem signifikanten Punkt stößt die Logik der Zeitkonstruktion der Kudrun an ihre Grenzen: dem Alter und dem Alterungsprozess ausgewählter Protagonisten. In dem Kapitel zu Hagens Jugendabenteuer auf der Greifeninsel wurde bereits sein stufenweises Heranwachsen angesprochen, bei dem er schlagartig vom Kind zum jungen Mann reifen kann. Bei einer Narration über vier Generationen, für die Konrad eine Spanne von ungefähr neunzig Jahren erzählter Zeit veranschlagt368, sollte ein solcher ‚Alterungsprozess‘ ebenfalls für weitere Protagonisten des Werkes anstehen; gleichermaßen ist ihr Ableben bei einem derartigen zeitlichen Rahmen zu erwarten. Selbst wenn der Tod von Sigebant nicht explizit ausgestaltet wird, so wird der Leser spätestens bei der Generation der Urenkel, wenn nicht schon bei der Narration über die Enkelgeneration, den Tod dieser Figur insgeheim voraussetzen. Einige Auserwählte des Figureninventars sind hingegen in der Lage, sich dem Zahn der Zeit unbeschadet gegenüber zu stellen.369 Hier sind zunächst Wate und Fruote zu nennen, die sich zwar in ihrem Wesen grundlegend unterscheiden, sich aber dennoch in derselben Alterskategorie bewegen: Her Wate und ouch Fruote, die snelle ritter balt, vil nâch in einer mâze die recken waren alt. ir beider grîse locke sach man in golt gewunden. swâ man bedorfte recken, dâ wurden si gar ritterlîchen funden. (355,1-4) Bei beiden schlägt sich das fortgeschrittene Alter durch die ergrauten Locken bereits in ihrer somatischen Darstellung nieder, ohne dass die Protagonisten jedoch, wie in dieser Strophe ersichtlich ist, an Ehre, Kraft oder gesellschaftlicher Integration eingebüßt hätten. Die topische Altersdarstellung mittels Grauhaarigkeit verweist also nicht auf etwaige Verfallserscheinungen hin; die Ritter bleiben weiterhin wætlîche[n] man, 367 Vgl. Bender S.95f., 101 sowie S.157f. 368 Vgl. Konrad S.80. 369 Vgl. Zimmermann S.131f., welcher die biologische Zeit ebenfalls für die Figuren des Nibelungenliedes hinterfragt. 164 die manige zuht kunden (342,1-2), auf welche man sich in allen Notsituationen verlassen kann, von dem Moment ihres textlichen Auftauchens, bis zum letzten Vers des Epos. Mit dieser Figurenmodellierung knüpft der Dichter an die höfische Ästhetisierung des Alters an, wie sie u.a. ebenfalls Gurnemanz im Parzival kennt. Dem Alter bringt man aufgrund des jeweiligen Erfahrungsschatzes Respekt entgegen, vor allem in Kulturen oraler Traditionstradierung, wobei Wate in diesem Kontext sicherlich als der Hüter archaischer Kämpferriten anzusehen ist, demgegenüber sich sein Geselle Fruote vor allem gegen Ende des Werkes besser in die ‚neuen Sitten‘ der Friedensvermittlung einzugliedern versteht. Beide Protagonisten fußen demnach auf einer komplementären Figurengestaltung; während Wate an dem Archaischen der Kriegergesellschaft festhält, entwickelt sich Fruote indessen auf gewisse Art und Weise weiter, indem er sich mit den ‚neuen‘ Sitten der jüngeren Generation auseinandersetzt.370 Betrachtet man die narrative Ausgestaltung der Figur Wate genauer, wird er textlich erstmals als Erzieher Hetels präsentiert. Sowohl die Erzählerinstanz, als auch sein Herrscher charakterisieren ihn zu diesem Zeitpunkt bereits als Wate der alte (223,2) – ein Attribut, das ihm über sechzig Mal im Text zugeordnet wird.371 Rechnet man nun die Zeit für Hetels anschließende Brautfahrt, seine siebenjährigen Kriege nach der erfolgreichen Hochzeit mit Hilde, die vierzehn Jahre für Kudruns Kindheit, ein Jahr der Irrungen und Wirrungen ihrer eigenen Brautwerbung sowie ihre dreizehnjährige Leidenszeit im Exil zusammen, so verbringt Wate fast vierzig Jahre in diesem Senium – bei einer damaligen Lebenserwartung von rund fünfunddreißig bis vierzig Jahren eine immense Zeit, um „alt“ zu sein. Wate jedoch avanciert innerhalb dieser Zeitspanne nur zum vil alte (1342,2), ohne an körperlicher Konsistenz abzubauen. Gleiches gilt natürlich für Fruote, der ebenfalls bis zum Schluss Teil des Figureninventars bleibt. Obschon seine Rolle im Laufe des Werkes etwas hinter derjenigen von Wate zurücktritt, lebt sie gegen Ende durch seine Integration in die abschließende Versöhnung wieder 370 Vgl. Haupt S.42 und S.58f. Die ‚Weiterentwicklung‘ Fruotes ist in diesem Konnex nicht als Mehrwert der Figur oder Verbesserung gegenüber seinem Gesellen Wate zu sehen, da das Alter nicht notwendigerweise damit verbunden ist und gerade vorbildhafte Figuren einer solchen Weiterentwicklung nicht bedürfen. Vgl. hierzu Haupt S.43. 371 Vgl. u.a. 240,1; 253,1; 344,1; 346,1; 476,1; 509,4; 574,2; 687,4; 759,1; 826,2; 923,2; 1127,2 um nur einige weitere Texthinweise zu geben. 165 auf; es zeigt sich dabei, dass auch er fit und gesund bleibt bis zum Schluss.372 Darüber hinaus ist Hildeburg hier anzuführen, die sich in ähnlicher Weise über drei Generationen hinweg als alterslos erweist. Müllers These, die Kudrun generiere zwei unterschiedliche ‚Hildeburgs‘ ohne sie in Bezug zueinander zu setzen373, kann nicht nachvollzogen werden, legt die Strophe 1008 doch explizit ihren Werdegang dar – von ihrer königlichen Herkunft, über die Einzelstationen ihrer Aufenthalte an den unterschiedlichen Höfen bis zur Ankunft im Exil des Normannenhofes.374 Bei ihrem Eintreffen an Hagens Heimathof nach der Greifenepisode ist sie die „mittlere“ der drei mitgebrachten Prinzessinnen. Aufgrund der anschließenden Heirat der jüngsten Königstochter, kann davon ausgegangen werden, dass Hildeburg sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls im heiratsfähigen Alter, demnach in den Jugendjahren, befinden muss.375 Rechnen wir nun ein Jahr bis zur Geburt der Tochter ihrer nunmehrigen Herrin Hilde, das zwölfjährige Heranwachsen des Mädchens, dessen Brautfahrt samt Hochzeit, die Kriege Hetels, Kudruns Erziehung und die Zeit im Exil, so kann sich Hildeburg sogar fast fünfzig Jahre im Text halten, d.h. sie muss am Ende mindestens über sechzig Jahre alt sein. Trotz allem bleibt Hildeburg dabei eine attraktive Heiratskandidatin, denn bei ihrer Hochzeit mit Hartmut ist die maget wol getân (1648,2). An ihr nagt die Zeit körperlich demnach noch weniger als an ihren männlichen Gegenspielern. Darüber hinaus wird dieser immense Altersunterschied zwischen dem Paar an keiner einzigen Stelle des Textes problematisiert, Hartmut ist scheinbar zufrieden mit seiner Braut, selbst das Alter ist keine untugende, diu si im möhte leiden (1650,3), obschon Kudrun ihm diese Ehe in einer zwanghaften Weise auferlegt.376 372 Vgl. Hoffmann S.56ff. 373 Vgl. Müller: Verabschiedung des Mythos S.190f. 374 Vgl. hierzu ebenfalls Hoffmann S.144f. und Haupt S.74. Müllers Forschungsposition scheint singulär, allgemein ist man sich über die Einheitlichkeit dieser Figur einig. 375 Zur weiblichen Heiratssituation und dem entsprechenden Alter vgl. Ennen S.125-134. 376 Vgl. Hoffmann S.147f., Bauschke S.75, Schmitt: Poetik der Montage […] S. 162 und Haupt S.74f. 166 Nun bleibt aber die Frage, warum sich gerade diese drei als alterslose Auserwählte erweisen, denen die Zeit nichts anzuhaben vermag, während die eigentlichen ‚Helden‘ des Epos ihr unterliegen. Dieses Phänomen erklärt sich meines Erachtens kurzerhand aus ihrer Rolle heraus: Alle drei fungieren als treue Beraterfiguren, die ihrem jeweiligen Herrn, bzw. in Hildeburgs Fall Herrin, zur Seite stehen. Wate tritt nicht nur als idealer Kämpfer auf, sondern wird er gleichzeitig als „der Erfahrene, Vorausschauende, Planende“377 erfasst, auf den sich nicht nur sein König, sondern am Ende ebenfalls die verwitwete Königin verlassen kann. Von Tenemarke Fruote (549,4) seinerseits fungiert von Anfang an noch weitaus mehr als Ratgeber, dem u.a. die erfolgreiche Planung der Braut-werbung zu verdanken ist. Hildeburg ihrerseits gewinnt durch ihre bedingungslose Treue gegenüber Kudrun, an der sie selbst unter den widrigsten Umständen festhält, den Status des Ideellen, der sie vor all die anderen Gesindeangehörigen setzt. Darüber hinaus kann auch sie der Rolle der Beraterin zugeordnet werden, denn bei der Ankunft ihres Bruders und Herwig am normannischen Strand, fordert die Königstochter explizit den Rat ihrer Gesellin ein, um die Situation zu bewältigen. Das Älterwerden spielt für diese drei Protagonisten infolgedessen schlichtweg keine Rolle mehr, „weil die Helden für verallgemeinerte Erkenntnisse und Weisheiten stehen, die sich […] chronologischen Koordinaten, auch wenn der Text sie an anderer Stelle setzt, entziehen.“378 Die Alterslosigkeit der Figuren kann also nicht als chronologischer Widersinn wahrgenommen werden; vielmehr präsentiert diese sich als Inszenierung einiger Ausnahmefiguren, deren vorbildhaftes Verhalten oder Einwirkungsmacht sie aus dem Kreis des restlichen Inventars hervorhebt. Aufgrund des zeitlosen Geltungsanspruchs ihrer Funktion kann die somatische Alterslosigkeit demnach als bewusst angelegte Facette der Figuren gewertet werden, die ihre Exorbitanz nochmals auf anderer Ebene unterstreichen soll. Von der strukturalistischen Erzähltheorie ausgehend spricht Friedrich in diesem Kontext von „funktional gebundenem Figurenentwurf“379, der es ermöglicht, ebenfalls ‚Nebenfiguren‘ wie Hildeburg zu einer Art von Heros der eigenen 377 Hoffmann S.48. 378 Bauschke S.75. Vgl. fernerhin Federow S.158ff. 379 Friedrich S.178. 167 Sequenz zu erheben, sodass der Begriff „Exorbitanz“ trotz ihrer Randstellung in dieser Argumentation angebracht erscheint. Die Ausklammerung des Problems der Altersdivergenz zwischen Hartmut und Hildeburg wiederum liegt in der Narratologie des Mittelalters begründet, die das Erzählziel an oberste Stelle setzt: Die Kohärenz wird hier zugunsten der finalen Versöhnungsepisode und einer angemessenen Belohnung Hildeburgs schlichtweg zurückgestellt.380 Dieser Plausibilität der Alterszuschreibung entzieht sich jedoch eine Figur: Kudruns Bruder Ortwin. Nun überdauert er nicht wie die vorigen Urgesteine mehrere Jahrzehnte ohne etwaige Veränderung, sondern erweist sich seine Alterskonstruktion schlichtweg als paradox. Noch vor der Entführung seiner Schwester befehligt Ortwin viertausend Soldaten bei der Unterstützung von Herwig im Kampf gegen Sîfrit.381 Zudem beweist er sich bei der Schlacht auf dem Wülpensand, indem er nicht nur selbst hervorragend kämpft, sondern sich darüber hinaus für das Begräbnis der gefallenen Soldaten einsetzt. In diesem Kontext wird er als ûz Nortlande der degen (920,1) beschrieben. Folglich wurden ihm bereits eigene Ländereien zugesprochen, seine Schwertleite liegt offenbar hinter ihm, sodass er sich im mittleren bis späten Jugendalter befinden sollte. Demgegenüber erbittet aber seine Mutter Hilde vor dem Rachefeldzug gegen Hartmut – 13 Jahre später –, dass die restlichen Ritter auf ihn aufpassen sollten: Ir sult nicht vergezzen des lieben sunes mîn, der helt vil vermezzen; er ist der tage sîn kûme in zweinzic jâren gewahsen ze einem manne. (1113,1-3) Nimmt man Hildes Aussage als Orientierungspunkt für Ortwins Alter, so war er bei der Auseinandersetzung auf dem Wülpensand erst sieben Jahre alt. Sicherlich sind die Altersgrenzen bei mittelalterlichen Zeitgenossen bezüglich Heirat, Herrschaftsantritt oder Arbeitsalter dehnbar, doch eine eigene Heerschar in den Krieg zu führen, ohne selbst das Alter zur Kriegserziehung überhaupt erreicht zu haben, scheint selbst für diese Zeit doch etwas abstrus. An dieser Stelle ergibt sich eine erste chronologische Absurdität, die sich weder textintern, noch auf narrativer Ebene der Zeit erklären lässt. Es bleibt jedoch bei diesem Einzelphänomen der Paradoxie. Für das 380 Vgl. Hoffmann S.147, Friedrich S.177f. und Haupt S.75. 381 Vgl. 698,1-4. 168 restliche Figureninventar wird das Alter nur in Ansätzen thematisiert oder sie bewegen sich innerhalb der Grenzen der Logik. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die narrative Entität der Zeit in der Kudrun nicht nur simple Gliederungsfunktion übernimmt; vielmehr wird sie durch das vielfältige Spektrum ihres Einsatzes zum werkimmanenten Bedeutungsträger, der sich in vielfacher Weise beweisen kann. Obschon der Dichter in seinem Werk keine durchgehend gebundene Erzählfolge errichtet, so zeigt er doch ein filigranes Umgehen mit seiner Zeitkonstruktion, die ein kohärentes, in sich geschlossenes Zeitmodell entwirft, das nur an Ortwins Altersangabe kränkelt, sodass einiges an herangebrachter Kritik aufgelöst werden konnte.

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References

Zusammenfassung

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kudrunlied wird zunehmend als bedeutender literarischer Gegenentwurf zu dem zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Nibelungenlied anerkannt. Vanessa Betti treibt die aktuellen Forschungsbemühungen hinsichtlich dieser Emanzipation der Kudrun mithilfe der Untersuchung intratextueller Textfolien und -schemen bezüglich der drei großen Untersuchungsentitäten Raum, Zeit und Figuren weiter voran. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung im Vordergrund. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Ein­stiegs­aven­ti­u­ren des Werkes der narrativen Rahmensetzung dienen und in Grundzügen einen Großteil derjenigen Narrationsmodelle bereits entwerfen, auf die in multiplen Variationen durch das gesamte Werk hindurch rekurriert wird. Sie baut damit auf einer textnahen Untersuchung des ersten Erzählteils auf, bevor die Inselfiktionen, Schwellenräume, Fremdheitsaspekte sowie gesondert noch einmal das textimmanente Zeitmodell auf ihre Kohärenz und Umsetzung hin untersucht werden.