1. EINLEITUNG in:

Vanessa Betti

Das Zusammenspiel von Raum, Zeit und Figuren in der "Kudrun", page 1 - 4

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4359-2, ISBN online: 978-3-8288-7314-8, https://doi.org/10.5771/9783828873148-1

Tectum, Baden-Baden
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1 1. EINLEITUNG Seit den Anfängen ihrer philologischen Untersuchung hat die Kudrun1 kontinuierlich für rege Forschungsdiskussionen gesorgt – sowohl auf der Ebene ihrer potentiellen Quellen als auch u.a. auf der Ebene ihrer möglichen literarischen Vorbilder, ihrer Verfasser oder überhaupt ihrer literarischen Qualität. Bereits ihre singuläre Überlieferung in Hans Rieds Heldenbuch stellt die Forscher oftmals vor erste Hindernisse: Die Handschrift des Ambraser Heldenbuches2 ist nämlich ein Überlieferungszeugnis des 16. Jahrhunderts, während man die Kudrun selbst allgemein am Anfang des 13. Jahrhunderts verortet. Es liegen der Wissenschaft demnach weder zeitnahe Textzeugnisse vor noch vergleichbare Träger der Überlieferung, sodass sich aufgrund dieser überlieferungstechnischen Aporie sowohl die zeitliche Verortung des Werkes in Frage gestellt sieht als auch dessen zeitgenössische Perzeptionsweite. Weiterhin brachten die Form, die vergebliche Quellensuche als auch postulierte Inkongruenzen gleichermaßen breitgefächerte Diskurse mit sich, von denen einige bis heute nur ungenügende Klärung finden konnten. Oftmals gilt die Kudrun deshalb selbst in der Moderne noch als ein „viel umrätselte[s] Werk unserer alten Dichtung.“3 Darüber hinaus resultierte aus der unbestrittenen Orientierung am Nibelungenlied über längere Zeiträume hin eine Art von wissenschaftlichem Tunnelblick: Aufgrund der strukturellen, stilistischen sowie stofflichen Parallelen, vor allem aber aufgrund der antagonistischen Beziehung der beiden weiblichen Hauptfiguren, untersuchte man die Kudrun häufig lediglich vor der Textfolie der Nibelungen und versperrte 1 Das Primärwerk wird vorrangig zitiert nach: Kudrun. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch. Herausgegeben und erklärt von Karl Stackmann. Tübingen, 2000. Aufgrund der Besonderheit ihrer sprachlichen Rekonstruktion wird zudem die Ausgabe: Kudrun. Herausgegeben von B. Symons. Tübingen, 1954, vergleichend herangezogen. An geeigneten oder strittigen Stellen wird auf die sprachliche Ver- änderung, Anpassungen sowie Umstellungen eingegangen. 2 Die Prachthandschrift des Ambraser Heldenbuches entstand zu Anfang des 16. Jahrhunderts unter dem Auftrag von Kaiser Maximilian I. Die Textsammlung umfasst insgesamt 25 Werke. Zu finden sind darunter u.a. Dichtungen von Hartmann von Aue, das Titurel, aber gleichfalls kleinere Erzählungen wie das Frauenlob des Strickers. Interessante Literatur dazu ist zu finden bei Fritsch- Rößler, Waltraud (Hrsg): Rahmenthema: das Ambraser Heldenbuch. Wien/Berlin/Münster, 2008. oder auch Schubert, Martin J.: Offene Fragen zum ‚Ambraser Heldenbuch‘. In: Brandt, Rüdiger/Lau, Dieter (Hrsg): Exemplar. Festschrift für Otto Seidel. Frankfurt am Main, 2008. S.99-120. 3 De Boor S.120. 2 sich gegen weitere Seitenblicke sowie textimmanente Kohärenzanalysen. Diese Untersuchungen zielten dabei weniger darauf ab, die Leistung des Kudrundichters hervorzuheben, als vielmehr sein Werk in den Schatten des Nibelungenurhebers zu stellen und die Inferiorität des Textes herauszuarbeiten. In diesem Nukleus der Untersuchungsbemühungen ragt jedoch Inga Wilds intensive Bearbeitung der Vergleichsmomente hervor. Indem sie gerade die strukturellen Unterschiede hervorhebt, dekonstruiert sie die Parallelschaltung der Texte und kann sich aus dem festgefahrenen Diskurs der Kudrun-Forschung lösen, um dem Werk in gewissem Maße eine Emanzipation zu ermöglichen.4 Diese Ablösung der Forschungsmeinung brauchte jedoch einen noch weiten Weg, um sich durchzusetzen, sodass es erst in den letzten beiden Jahrzehnten zu einem allmählichen Wandel gekommen ist. Maß man der Kudrun vor fünfzig Jahren nur geringen literarischen Wert zu, sprach beim Urheber gar von einem „Poete[n] dritten Grades“5 oder einer mediokren Zusammenstellung mehrerer Schreiber und ihrem vergeblichen Versuch, sich mit den Vorreitern der klassischen Literatur zu messen, so versucht man heutzutage die Emanzipation des Textes grundlegend voranzutreiben. Selbst die weiter oben erwähnte Singularität der Textüberlieferung gilt heute nicht mehr als Bestätigung seiner Trivialität bzw. der zeitgenössischen Erfolglosigkeit des Werkes; gleichermaßen spielt die vergebliche Suche nach den Stoffquellen des Epos dem nicht mehr in die Hände, sondern wird dies heutzutage vielmehr als literarischer Mehrwert des Werkes evaluiert. Der Urheber gilt als wahrer Schöpfer eines Teils seines Werkes, ohne auf weitere Quellen angewiesen zu sein, sodass er sich schon aufgrund dessen aus dem zeitgenössischen Literaturbetrieb hervorhebt.6 4 Wild, Inga: Zur Überlieferung und Rezeption des ‚Kudrun’epos. Eine Untersuchung von drei europäischen Liedbereichen des „Typs Südeli“. Göppingen, 1979. 5 Jungandreas S.8. 6 Vgl. Lienert S.85f. Einen Überblick über die frühen Zuordnungsversuche und stoffgeschicht-lichen Analysen bietet Weege S.5-7. Dabei wurde vor allem auf eine Hildesage aus dem skandinavischen Kulturraum rekurriert. Interessanterweise entfernt sich der Dichter aber weit von seiner postulierten Vorlage, da dieser Stoff hier nicht an eine der beiden Hildefiguren angeknüpft wird, sondern sich erst im Kudrunteil verarbeitet sieht. Weitere Überlieferungshinweise sind knapp. 3 Trotz der frühen Einzelbemühungen durch Wild, Kuhn7 und Siebert8, die Kudrun mitsamt der Leistung ihres Urhebers aufzuwerten, vermochte erst die Arbeit von Kerstin Schmitt9 einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel einzuleiten. Sie setzt bei ihrer Dissertation bei der Kritik am epigonenhaften Charakter des Werkes an und vermag diesen vermeintlichen Schwachpunkt zu einer der Stärken dieser Dichtung aufzuarbeiten. Anstatt eine solche Zusammenstellung als Unvermögen anzusehen, nutzt sie die vielfältigen Hinweise und Anspielungen auf andere Dichtungen dieser Zeit, um die Kenntnisse des Autors in punkto zeitgenössischer Literaturlandschaft zu beweisen, denn dieser vermag die unterschiedlichen Systeme, Schemen und Stoffe zu seinen Gunsten zu nutzen. Der Urheber soll demnach nicht mehr als simpler Imitator, sondern als vollwertiger Literat, der sein Werk „with charm and originality“10 hervorbringt, wahrgenommen werden. Dabei fußt das Grundgerüst ihrer Arbeit auf der Figurenzusammenstellung sowie deren Konzeption, denn dieses Epos beschränkt sich nicht auf den Erzählkern um die Hauptakteurin und Namensgeberin Kudrun, sondern erzählt vielmehr über Generationen hinweg die Geschichte einer gesamten Dynastie: der Hegelinge. Angefangen bei ihrem Gründervater Hagen und seiner Abstammung bis hin zur friedlichen Lösungszeremonie nach der Brautentführung Kudruns durchläuft das Werk insgesamt vier Generationen. Dabei verwebt der Dichter ebenfalls narrative Strukturelemente unterschiedlichster Herkunft, u.a. aus der Spielmannsepik, den Erzählungen über die Märtyrer und den Aventiureromanen.11 7 Kuhn, Hugo: Text und Theorie. Stuttgart, 1969. Kuhn stellt sich vehement gegen eine Abwertung des Textes und versucht, wenn auch nur in Ansätzen, den literarischen Wert des Epos im Vergleich zum Nibelungenlied klarer herauszuarbeiten. 8 Siebert, Barbara: Rezeption und Produktion. Bezugssysteme in der „Kudrun“. Göppingen, 1988. Sie führt diese jahrelange, unbefriedigende Interpretation des Werkes auf eine artifizielle Einteilung mittelalterlicher Werke in Problem- und Trivialliteratur zurück, die sie selbst jedoch für nicht vertretbar hält. 9 Schmitt, Kerstin: Poetik der Montage. Figurenkonzeption und Intertextualität in der „Kudrun“. Berlin, 2002. 10 Gibbs S.316. 11 Es ist zu hinterfragen, warum es überhaupt zu einer Abwertung durch diese epigonale Werk-zusammenstellung gekommen ist, da diese Verschachtelung unterschiedlicher Traditionen der Heldenepik allgemein inhärent ist. Gerade durch diese Hybridität verschwimmen häufig die Grenzen der Gattung stark, sodass sich Literaturtheoretiker bei der Gattungsdefinition vielmehr am stofflichen Inhalt als an der Struktur der Werke orientieren. Eine weitreichendere Diskussion der Gattungsdefinition findet sich bei Lienert S.14-18. 4 Die vorliegende Dissertation orientiert sich dahingehend an Kerstin Schmitts Bemühungen, die Kudrun weiter zu emanzipieren und ihre Eigenständigkeit neben der Figurenkonzeption auf weiteren Ebenen der Narration nachzuweisen. Unter dem Gesichtspunkt der relativ starken Vernetzung mittelalterlicher Literatur über Erzählschemata und narrative Traditionen müssen etwaige Vorlagen sicherlich Beachtung finden, ohne ihre Funktionalität zu überschätzen und den Gesamtkontext des Werkes jedoch aus den Augen zu verlieren. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht dementsrechend die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung demnach im Vordergrund der vorliegenden Arbeit. Im Folgenden soll dabei das Wechselspiel der drei großen Entitäten von Raum, Zeit und Figuren in den Fokus der Analyse rücken. Es wird von der These ausgegangen, dass sich der Autor – möglicherweise gerade aufgrund fehlender Vorlagen – einen durchdachten inner-literarischen Bezugsrahmen schafft, der eben auf diesen Größen beruht und in Variation das Gesamtwerk zusammenhält. Dieser Rahmen setzt sich aus eigens generierten Narrationsmustern wechselseitiger Beeinflussung und Zusammenschmelzung der Analyseentitäten zusammen, die es gilt herauszuarbeiten, um ihre kohärente Fortsetzung textimmanent zu überprüfen.

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Zusammenfassung

Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Kudrunlied wird zunehmend als bedeutender literarischer Gegenentwurf zu dem zur gleichen Zeit niedergeschriebenen Nibelungenlied anerkannt. Vanessa Betti treibt die aktuellen Forschungsbemühungen hinsichtlich dieser Emanzipation der Kudrun mithilfe der Untersuchung intratextueller Textfolien und -schemen bezüglich der drei großen Untersuchungsentitäten Raum, Zeit und Figuren weiter voran. Mithilfe einer hermeneutischen Herangehensweise steht die werkimmanente Kohärenzbildung sowie deren narrative Umsetzung im Vordergrund. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Ein­stiegs­aven­ti­u­ren des Werkes der narrativen Rahmensetzung dienen und in Grundzügen einen Großteil derjenigen Narrationsmodelle bereits entwerfen, auf die in multiplen Variationen durch das gesamte Werk hindurch rekurriert wird. Sie baut damit auf einer textnahen Untersuchung des ersten Erzählteils auf, bevor die Inselfiktionen, Schwellenräume, Fremdheitsaspekte sowie gesondert noch einmal das textimmanente Zeitmodell auf ihre Kohärenz und Umsetzung hin untersucht werden.