1. Kapitel: El Vocho es Mexicano: Eine Einleitung in:

Simon Hirzel

El Vocho es mexicano, page 7 - 22

Die kulturelle Aneignung des VW Käfer in Mexiko

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4358-5, ISBN online: 978-3-8288-7313-1, https://doi.org/10.5771/9783828873131-7

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Ethnologie, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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1. Kapitel: El Vocho es Mexicano: Eine Einleitung In den leteten Jahren haben Forschende der Kultur- und Sozial anthropologie den Dingen mehr und mehr Aufmerksamkeit ge schenkt, es hat einen regelrechten Boom gegeben. Als Beispiel können hier die Material Culture Studies angeführt werden, die sich im Zuge des Cultural Turn herausgebildet haben. Dabei wurde dem Auto nicht die Beachtung geschenkt, die seiner kul turellen Bedeutung entspricht. Kann man sich ein Leben ohne das Automobil heuteutage vorstellen? Ich glaube kaum; und wenn wir anfangen darüber nachzudenken, beginnen wir erst, uns darüber klar zu werden, welchen Raum das Auto in unse rem täglichen Leben einnimmt, (vgl. Lutz & Lutz Fernandez 2010; Miller 2001b) Roland Barthes hatte diesen Gedanken be reits 1957 aufgegriffen und über die Erfindung des Automobils geschrieben: Ich glaube, daß das Automobil heute die ziemlich genaue Entsprechung der großen gotischen Kathedralen ist. Soll heißen: eine große epochale Schöpfung, die mit Leiden schaft von unbekannten Künstlern entworfen wurde und von deren Bild, wenn nicht von deren Gebrauch ein ganzes Volk zehrt, das sie sich als ein vollkommen magisches Ob jekt aneignet. (Barthes [1957] 2010:196) Barthes Vergleich des Automobils mit großen, gotischen Kathe dralen mag vielleicht nicht ganz passend sein, allerdings drückt er den hohen Grad der kulturellen Bedeutung aus, den er dem Automobil zuschreibt. Der VW2 Käfer verkörpert weltweit die sen Grad an Bedeutung. Mit ihm werden Massenmobilisierung, 2 Sofern sich die Bezeichnung auf den Volkswagen-Konzern bezieht, wird die Abkürzung V W verwendet. /Volksw agen/ wird ausgeschrieben, so fern die Bezeichnung als Synonym für den V W Käfer beziehungsweise Vocho verwendet wird. 7 Hippietum, Abenteuerlust, die Reisefreiheit der kleinen Leute und noch vieles mehr assoziiert, was sich die Unterhaltungs branche zu Nufee machte. Der Käfer erschien als einer von Walt Disneys Protagonist*innen3 auf der Kinoleinwand, Herbie4 wur de zum magischen Helden für Jung und Alt. Weltweit liefen über einen Zeitraum von 65 Jahren, zwischen 1938 und 2003, mehr als 21 Millionen Käfer vom Band. Damit ist dieses Auto nicht nur der weltweit meistproduzierte Fahrzeugtyp, sondern wurde in Deutschland zu einem Erinnerungsort5 für die erstark te Wirtschaftskraft nach dem Zweiten Weltkrieg und somit für die goldenen 50er Jahre.6 (vgl. Rieger 2013; vgl. Schüfe 2002) Warum aber sollten wir uns für den Käfer in Mexiko interessie ren? Wer sich dort umschaut, kommt am Käfer als mexikani schem Symbol nicht vorbei. Genau genommen dürfte ich hier gar nicht vom Käfer sprechen, denn - wie im Titel genannt handelt es sich um den 'Vocho beziehungsweise Vochito, wie er von den Mexikanerinnen liebevoll genannt wird. Dieser Begriff in Verbindung zu dem Bezeichneten - dem VW Käfer - birgt andere Bedeutungen in sich als der Käfer, wie wir Deutsche ihn uns vorstellen. Sie entstehen durch Prozesse der kulturellen An eignung und durch repräsentative Praktiken. 3 Sofern sich die Bezeichnung allgemein auf die bezeichnete Gruppe b e zieht, wird eine genderneutrale Bezeichnung verwendet. 4 Siehe Bild 86. 5 //Der Begriff der Erinnerungsorte (lieux de memoire) wurde in den 1980er Jahren von dem französischen Historiker Pierre Nora [Nora 1984-1992] geprägt. Er bezeichnet ein speziffsches, von Nora entwickeltes For schungsparadigma, das seither vor allem in den Geschichts- und Kultur wissenschaften viel rezipiert worden ist. ( ...) In diesem Kontext sind mit Erinnerungsorten symbolische Repräsentationen gemeint, von denen Forscher und Forscherinnen annehmen, dass sie in bestimmten G edächt nis- und Identitätsdiskursen eine signiffkante Rolle spielen." (Siebeck 2017: 2). 6 Bild 2. 8 Für viele Mexikanerinnen ist er ein typisches, mexikanisches Automobil. Allein in Mexiko-Stadt drehten ab den 1970er Jah ren an die 120.000 Vocho-Taxis ihre Runden und beeinflussten in ihrer grün-weißen, vormals gelb-weißen Lackierung das Bild der Hauptstadt und des ganzen Landes in ähnlicher Weise wie die berühmten schwarzen Taxis London beziehungsweise Eng land. Die Werkshallen von VW de Mexico7 in der Stadt Puebla, ab 1996 der weltweit letete Produktionsstandort des beliebten Automobils, verließen seit 1967 in 37 Produktionsjahren knapp 1,7 Millionen Einheiten und mobilisierten die Massen. Heuteutage, 15 Jahre nach Produktionseinstellung, ist immer noch na hezu jedwede Form der Verwendung zu beobachten: Mancher orts warten diese Autos vor Schrottpläteen oder Werkstätten darauf, auseinandergenommen und in Teilen verkauft oder re stauriert zu werden. In den Außenbezirken von Mexiko-Stadt werden sie immer noch als taxis piratass oder gerade noch funk tionstüchtige Alltagsfahrzeuge verwendet. Im Estado de Mexico stehen sie weiterhin im Dienst lokaler Umweltbehörden. An be liebten Pläteen wird aus zu Imbissbuden ausgebauten vochonetas9 Essen verkauft. In wohlhabenden Gegenden sieht man die Vochos sonntags bei Sonnenschein als gepflegte Oldtimer, Sammlerobjekte und Wertanlagen.10 Um das Auto hat sich eine Fanszene gebildet, die sich in Clubs organisiert und mit diver sen Veranstaltungen sowie gemeinsamen Ausfahrten an die Vergangenheit erinnert, (vgl. Rieger 2013: 256-291; vgl. Schrei ber 1998; vgl. Seaton 2013; vgl. VWM 2017) Die zweiwöchig 7 Fortan mit VW M abgekürzt. 8 Taxis, dessen Fahrerinn en weder für sich noch für ihre Fahrzeuge eine Erlaubnis der zuständigen Verkehrsbehörde zur Ausübung des Taxi dienstes besiteen und häufig weniger Bezahlung verlangen als formal re gistrierte Taxifahrer*innen. 9 Zum Kleintransporter umgebaute Vochos. 10 Bild 3-6. Siehe Bild 80. 9 erscheinende Zeitschrift Vochomania11 ist nur eine von mehreren Printmedien, die speziell auf die Bedürfnisse dieser Gruppen zugeschnitten sind. Kulturschaffende der mexikanischen Pop kultur nuteen das Auto als Projektionsfläche zum Ausdruck von mexicanidad - der mexikanischen Identität. Musiker wie Ricardo Arjona oder Cafe Tacvba verwenden es als Bestandteil ihrer musikalischen Performance.12 In der mexikanischen Kunstszene wurde der Vocho als Motiv aufgegriffen oder als Kunstobjekt verarbeitet. Installationen von Damian Ortega, Betsabee Romero (Betsabee) oder Francys Alys wurden auf internationalen Ausstellungen einem breiten Publikum zugänglich gemacht und mit Preisen ausgezeichnet.13 (vgl. Rieger 2013: 290 f.) Seit einigen Jahren wird der Vocho von verschiedenen Institutionen und Organisationen, darunter auch solchen der mexikanischen Regierung, als Repräsentations- und Werbefigur in Szene gesetet.14 Im Jahr 2014 begleitete den mexikanischen Präsidenten auf seiner Europareise ein mit chaquiras in der Tradition der wixdritari verzierter Vocho, der sogenannte Vochol.15 Der Name ist eine Kombination aus Vocho und huichol. (vgl. Hernand de Arango 2014: 35) Zwei wixdrika-Familien haben über sieben Monate an diesem Kunstwerk gearbeitet. Initiiert wurde das 11 Bild 7. 12 Ricardo Arjona singt in seinem Song „Historia de taxi" über die Erfah rungen eines Taxifahrers, der einen Vocho fährt: „Eran las diez de la noche / Piloteaba mi nave / Era mi taxi un Volkswagen / Del ano 68 / Era un dia de esos malos donde no hubo pasaje" (ebd. 1994), zu Deutsch: „Es war zehn Uhr abends / ich steuerte meinen Schlitten / Es war mein Taxi, ein Volkswagen / Baujahr 1968 / Es w ar einer dieser schlechten Tage ohne Fuhren." Siehe: https://www.sopitas.com/musica/cafe-tacvba-avalancha-vive-latino-2016/ (20.06.2019 10:20) 13 Siehe: https://publicdelivery.org/damian-ortega-cosmic-thing/ (20.06.2019 10:40). Siehe Bild 33, 38 - 39. Siehe: https://vimeo.com/143228445 (20.06.2019 10:40). 14 Bild 8. 10 Projekt durch die 'Vereinigung der Freunde des Museums für Mo derne Kunst16 in Mexiko-Stadt. Der zum Vochol erschienene Bildband ist mit den Worten „Identidad Mexicana" untertitelt (AAMAP 2014). Barthes wies darauf hin, dass es sowohl das Bild eines Automobils ist als auch dessen Gebrauch, von denen ein ganzes Volk zehrt und durch die es sich das Auto als „voll kommen magisches Objekt" (Barthes [1957] 2010:196) aneignet. Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes konstatierte: Wie weit entfernt von uns doch der bescheidene Ursprung des Volkswagen liegt, das Transportmittel der deutschen Nation verwandelt in Vochol, aufgenommen in die Gedan kenwelt der mexikanischen Nation!17 (Fuentes 2014: 91) Bild 9. Chaquiras sind kleine, bunte Perlen aus Glas oder W achs, die vor allem in der Handwerkskunst der wixäritari Verwendung finden. Wixärika ist eine Eigenbezeichnung dieser in der Sierra Madre Occidental ansässigen indigenen Gruppe, deren Angehörige sich 'wixäritari nennen. Bekannter sind die Gruppe beziehungsweise ihre Angehörigen unter den Fremdbezeichnungen huichol und huicholes (vgl. Lifiman 2000: 129-131). Im Original: Asociacion de Amigos del M useo de Arte Populär, fortan mit AAM AP abgekürzt. Bild 10. Im Original: „jQ ue lejos estamos del modesto origen del V olks wagen, el transporte del pueblo aleman transformado en Vochol, imaginario del pueblo m exicano!" (Fuentes 2014: 91). 11 1.1. Das Automobil als Gegenstand der Material Culture Studies Nach Ansicht des Psychologen Tilman Habermas ist das Auto mobil für Menschen in Gesellschaften, in denen es als individu elles Haupttransportmittel genutet wird, ein Gebrauchsgegenstand, das dem schnelleren Transport einer bis mehrerer Personen dient. Gewöhnlich gehört es ei ner Person oder Familie, meist über Jahre hinweg, und kos tet eine gewisse Menge Geld bei der Anschaffung wie beim Unterhalt, was dem Auto zugleich anzusehen ist. Doch das Auto gewinnt meist sehr viel mehr Bedeutungen als die eines transporterleichternden Instruments. Schon die eng an der Art und Weise, wie es seine Funktion erfüllt nämlich als individuelles Verkehrsmittel -, angelehnte Be deutung von Autonomie geht über das Allein Praktische hin aus, generalisiert eine spezifisch erleichternde Funktion zu der Erhöhung der Handlungspotenz einer Person ... Das Auto erschließt geographische Weiten und Höhen ... Das Auto potenziert die motorischen Fähigkeiten des Fahrers, er kann sich an der Geschwindigkeit berauschen, die sein Körperge fühl intensiviert. Das Auto bietet einen geschlossenen priva ten Raum, in dem man sich sicher durch die nächtliche Stadt bewegen kann und sich damit den Abend erschließt; es bietet einen ungestörten Raum zum Nachdenken; und mangels Alternativen bietet es Raum für nächtliche ... Inti mitäten. Das Auto fungiert meist auch als Status- und Identi tätssymbol: es verweist auf Geld, Geschlecht, Alter, Ge schmack und subkulturelle Orientierung. Nicht selten wird das Vehikel Auto zum Begleiter des Fahrers, das bald Züge einer eigenen Person annimmt und nicht selten gar getauft wird. Schließlich verknüpfen sich Erinnerungen mit den meisten Autos; sie können an vormalige Besiteer ... erin nern, sie eignen sich zur Datierung von Ereignissen ..., und sie erinnern an mit und in ihnen, allein und mit anderen ge machte Erfahrungen. Schließlich können sie auch auf realis tische und weniger realistische Zukunftsentwürfe verweisen, den Wunsch, Automechaniker oder Rennfahrer zu werden, oder der Kauf bereitet den nahenden Berufsantritt vor, für den man ein Auto braucht. Exklusiv symbolische Verwendung findet das Auto, wenn es nicht zum Fahren verwendet wird, sondern allein re präsentativ vor der Haustüre steht, nostalgisch als Wrack in 12 der Garage überlebt, in Form eines amerikanischen Straßen kreuzers als Teil eines Kunstwerks einen Verkehrskreisel am Berliner Rathenauplate schmückt. (Habermas 1996: 297 f.) Seltsamerweise wurde das Automobil von den Material Culture Studies bis zur Jahrtausendwende kaum beachtet. Zum einen habe die Ethnologie dazu tendiert, ihrem traditionellen Hang zum Exotismus nach[zu]geben und sich allein auf die verblüffenden Fälle [zu] konzentrie ren^ obwohl] Im Zentrum ... vielmehr Alltagsgüter [hätten] stehen [sollen] (Spittler 2002:18) Zum anderen habe eine kulturpessimistische Sichtweise die Wahrnehmung für die kulturelle Bedeutung des Automobils getrübt (Miller 2001b: 8). Das ,„System' of Automobility" (Urry 2004), ein Netewerk bestehend aus Lobbyist*innen, Ol- und Au tomobilkonzernen, Zulieferunternehmen und der Werbeindus trie, ließ es als kulturell uninteressante Massenware einer sich zusehends homogenisierenden Welt erscheinen. Dieses Bild wurde durch Entwicklungen wie steigende Umweltverschmut zungen, verstopfte Straßen oder neuerliche Ölkrisen verstärkt (vgl. Sachs 1990 203-205) und prägte auch den Vocho. Vocho- Taxis wurden als Hauptursache für die Smogbelastung in Mexi ko-Stadt ausgemacht, woraufrin die Stadtverwaltung im Jahr 2002 beschloss, ihren Gebrauch als Taxis zu verbieten (vgl. Au Paradis des CoccineUes 2007, TC: 22:30-25:25; vgl. Navarro Benitez 2004). Die Entstehung der Material Culture Studies markieren der Material Turn und dessen zentrale Forderung, Alltagsdinge als kulturell lebendige Objekte zu betrachten. Wegbereitend waren die Beiträge von Arjun Appadurai und Igor Kopytoff in dem von Appadurai herausgegebenen Sammelband 'The Social Life of Things (Appadurai 1986a; ebd. b; Kopytoff 1986). Die Au toren bescheinigen mittels der biographischen Betrachtung von Dingen sowie von deren Gebrauchsformen im Wandel der Zeit 13 diesen ein eigenes soziales und kulturelles Leben. Sie beschrei ben eben jene bedeutungsschaffenden Prozesse, die Dinge be deutsam werden lassen und durch die bedeutsam gewordene Dinge wiederum kulturelle Handlungs- und Denkmuster prä gen. Appadurai zufolge können Dinge mehr als lediglich ein so ziales Leben leben. Der Vochol beispielsweise hat vor seinem Leben als Kunstobjekt ein Leben als Gebrauchsgegenstand ge lebt. Durch die künstlerische Umgestaltung wurde er nicht nur zu einem Kunstobjekt, sondern auch zu einem Erinnerungsort, da die traditionellen Wixärika-Darstellungen Spuren kultureller Gedächtnisse entfernter Räume und Zeiten enthalten, von de nen sie erzählen, (vgl. Appadurai 2016) Kopytoff beschreibt hin gegen, welchen Erkenntnisgewinn Kulturanthropolog*innen aus der biographischen Betrachtung eines einzelnen solchen Dinglebens in einem bestimmten kulturellen Kontext ziehen könnten. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich bei besag tem Ding um eine globale Ware handelt, die lokale Verwen dung findet:18 The biography of a car in Africa would reveal a wealth of cultural data: the way it was acquired, how and from whom the money was assembled to pay for it, the relationship of the seller to the buyer, the uses to which the car is regularly put, the identity of its most frequent passengers and of those who borrow it, the frequency of borrowing, the garages to which it is taken and the owner's relation to the mechanics, the movement of the car from hand to hand over the years, and in the end, when the car collapses, the final disposition of its remains. All of these details would reveal an entirely different biography from that of a middle-class American, or Navajo, or French peasant car. (Kopytoff 1986: 67) Die Beantwortung der Frage, wie der Vocho zu einem mexika nischen Erinnerungsort wurde, würde also einen gänzlich an deren Datensate kultureller Handlungs- und Denkweisen offen 18 Diesen Prozess bezeichnet Kopytoff als „com m odization". (ebd.: 15) 14 baren als die Beantwortung der Frage, wie der Käfer zu einem deutschen Erinnerungsort wurde. Gunnar M. Lamviks Ethnographie A Fairy Tale on Wheels über „AmCar-Enthusiasm"19 (Lamvik 1996: 151) in Norwegen ist eine der ersten, die dementsprechend bedeutungsschaffende kulturelle Praktiken der lokalen Aneignung von Automobilen als globale Waren darstellt. Ein Grund für diese Praktiken ist die wiederkehrende Erfahrung eines ^^-Erlebnisses20 (Csikszentmihalyi & Rochberg-Halton 1981) innerhalb der AmCar- Gemeinschaft, das nicht nur durch eine Steigerung der motori schen Fähigkeiten, des Berauschens an der Geschwindigkeit und einer Intensivierung des Körpergefühles entsteht (vgl. Ha bermas 1996: 86-89), sondern auch durch ein um AmCars ge schaffenes Arrangement von Dingen (vgl. Lamvik 1996: 168). Ich habe Ähnliches auf dem mehrstündigen Weg von Mexiko Stadt zu einem Viertelmeile-Beschleunigungsrennen auf einer 19 Mit AmCar-Enthusiasm bezeichnet Lamvik die Begeisterung für klassische Fahrzeuge der 1950er und 1960er Jahre aus den USA von Mitgliedern subkultureller Gruppierungen, deren kulturelle Praktiken mit diesen Fahrzeugen das Zentrum ihrer sozialen Netewerke formen (Lamvik 1996: 164-166). 20 Der Begriff flow wurde durch Forschungspartner*innen von Mihaly Csikszentmihalyis und Eugene Rochberg-Halton selbst geprägt. Mit Flow-Erlebnis wird ein positives, beglückendes Erlebnis der Steigerung des eigenen Lebensgefühles bezeichnet, das M enschen - K ünstlerinnen, Athlet*innen, Komponist*innen, T änzerin nen , W issenschaftlerinnen bei Ausübung ihrer jeweiligen Tätigkeiten erfahren. Es trägt zu ihrer R i siko- und Opferbereitschaft zwecks wiederholter Ausübung dieser Tätig keiten bei. In den Material Culture Studies wurde dieser Begriff aufge griffen, um den Einfluss des richtigen Arrangements der materiellen U m welt zur Steigerung des eigenen Lebensgefühles, des Flow-Erlebnisses, zu beschreiben. Diese Arrangements ordnen nicht nur den Raum, son dern stabilisieren die eigene beziehungsweise gruppenspeziflsche Identi tät. (Csikszentmihalyi 1988a: 11; ebd. b: 29; ebd. 1993: 20-29; vgl. Hahn 2014: 128; vgl. Sato 1988) 15 Rennstrecke nahe Toluca erlebt. In einem Konvoi aus Vochos fuhren meine Forschungspartner*innen mit mir als Beifahrer über verschiedene Schnell- und Landstraßen durch die zentral mexikanische Hochebene. Der einzigartige Klang, die spürba ren Vibrationen des Boxermotors und der Zug des Windes durch das kleine Ausstellfenster in der Tür während der Fahrt, dabei die Rückansicht des vorneweg fahrenden Vocho durch die kleine, nicht gebogene Windschutescheibe über dem klassi schen, blechernen Armaturenbrett erinnerten mich an Momente aus Kindheitstagen und schufen ein wohliges, nostalgisches Ge fühl. Diesen Moment mit Gleichgesinnten genießen und teilen zu können, wohl wissend, dass ein weiteres gemeinsames Er lebnis am Zielort auf uns wartet, intensivierte dieses Gefühl noch. Nachdem ich mich anschließend als Kopilot eines zu ei nem Rennwagen umgebauten Vocho, der die Viertelmeile in knapp elf Sekunden entlangrast, an der Geschwindigkeit be rauscht hatte und das ausgeschüttete Adrenalin durch meinen Körper strömte, konnte ich weitaus besser nachvollziehen, wie so Vocheros bereit sind, Stunden der Arbeit, Geld, Blut, Schweiß und Tränen in ihre Vochos zu stecken.21 Experience shows that it is mainly men who possess th[is] capability for being seduced by their inner ecology of the automobile. Here, I shall avoid psychological interpretations of their fascination and rather rely on cultural theory to explain the attraction of these specific cars. (ebd.: 154) „The humanity of the car" (Miller 2001b) von Daniel Miller, ei nem der führenden Köpfe der Material Culture Studies, ist eine solche Theorie. Ihr zufolge übertragen wir Menschen unser We sen und Handeln samt darin enthaltener Widersprüche auf un sere Automobile, sie werden zu Agenzien menschlicher We senszüge. In dieser Hinsicht eröffnen uns die Autorinnen von Car Cultures (ebd. 2001a) ein breites Panorama. Sie berichten 21 Bild 11. 16 unter anderem: - von der Überzeugung eines ghanaischen Taxi fahrers, religiöse Praktiken würden die Funktionstüchtigkeit seines Taxis absichern (Verrips & Meyer 2001); - von Afroamerikaner*innen in den USA, deren kulturelle Praktiken mit Autos Ausdruck gemeinschaftlicher historischer Erfahrungen von Ausgrenzung und Unterdrückung in Bezug auf den Zugang zum Automobil als individuellem Transportmittel sind (Gilroy 2001); - von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen der Warlpiri in Australien um die Verwendung des in der Gemein schaft einzig verfügbaren Automobils, die beeinflusst werden durch im Kolonialismus entstandene rassistische und patriar chalische Denkmuster (Stolz 2001) und - von jungen Norwege rinnen aus weniger privilegierten sozialen Verhältnissen klein städtischer Vororte, die Autofahren und Alkoholkonsum ver binden und bewusst geltende Verkehrsregeln überschreiten, um einem traditionellen, paternalistischen norwegischen Frauen bild zu entfliehen (Garvey 2001). Mit diesen Beiträgen haben ei nige der Verfasserinnen erstmalig, wie von Kopytofl bereits in direkt angeregt (vgl. Kopytofl 1986: 67), kulturelle Aneignun gen von Automobilen in nicht westlich beziehungsweise nicht weiß geprägten sowie nicht männlich dominierten, kulturellen Kontexten beschrieben. Sie machen deutlich, dass das Automo bil per se durch seine auf es übertragene Menschlichkeit ein „ideologisches Chamäleon" (Samuel & Thompson 1990: 3) zu sein scheint, womit eine der grundlegenden Bedingungen zur Entstehung eines Erinnerungsortes erfüllt wäre. Die Entwicklung eines Automobils zu einem nationalen Symbol durch Praktiken der kulturellen Aneignung beschreibt Kurt Beck in Bedford Metamorphose: Eine Ethnographie der Aneig nung des LKWs im Sudan (Beck 2004). Mittels der Fokussierung auf sudanesische Handwerkspraktiken mit dem LKW Bedford TJ, der in den 1960er Jahren in England entwickelt und bis heute als Gebrauchtfahrzeug aus verschiedenen Teilen der Welt 17 in den Sudan importiert wird, arbeitet er heraus, dass diese Praktiken zunächst durch die Notwendigkeit der materiellen Umgestaltung des Bedford TJ entstanden sind, allerdings durch Prozesse der kulturellen Aneignung transformiert wurden. Bed ford TJ im Originalzustand mussten erst einmal technisch an die sudanesischen Straßen- und Wetterverhältnisse sowie Ge brauchsformen als Transportmittel von Personen und Waren angepasst werden. Mit der Zeit spielten jedoch für die Umge staltung nicht mehr nur pragmatische, sondern auch ästheti sche, religiöse und kulturelle Vorstellungen eine Rolle. Um die ses LKW-Modell hat sich ein eigenes sudanesisches Netewerk bestehend aus Handwerks- und Werkstattbetrieben gebildet. Die materiell und kulturell umgestalteten Fahrzeuge wurden auf den Namen sifinja getauft, zu Deutsch Sandale, wodurch ih rer charakteristischen Schlichtheit und Robustheit Ausdruck verliehen wird. Sie sind das Haupttransportmittel der sudanesi schen Gesellschaft.22 (vgl. ebd.) Wie die Sihnjas und die mit ihnen verbundenen, alltägli chen kulturellen Praktiken im Sudan, so haben auch die Vochos und die mit ihnen verbundenen alltäglichen kulturellen Prakti ken in Mexiko das vorherrschende, nationale Straßenbild verän dert. Automobile wie auch stellvertretend deren Produzenten können sich dadurch zu materiellen Repräsentationen eines „National Motorscape"23 (Edensor 2004:108-111) entwickeln 22 Bild 12. 23 Mit „National M otorscape" bezeichnet der Kulturgeograph Tim Edensor in A nlehnung an Appadurai (1996: 27-47) einen nationalen, öffentlichen Raum, der durch motorisierte Fahrzeuge, durch mit ihnen verbundene kulturelle Praktiken und durch das System of Autom obility geprägt w ur de. Er hat für die Mitglieder einer Nation als kulturelle Gemeinschaft eine identitätsstiftende W irkung. Autos können als dem National M o torscape fremd empfunden werden, wenn sie nicht als Bestandteil des öffentlichen, nationalen Raumes w ahrgenom m en werden. (vgl. Edensor 2004: 108-111) 18 und nationale Identitätskonstruktionen beeinflussen (vgl. ebd.). Mittels dieser den National Motorscape prägenden kulturellen Praktiken schaffen sich die Akteur*innen solcher sozialen Netewerke eine eigene Lebenswelt, die von Vocheros mundo vochero genannt wird. Die sichtbare Andersartigkeit des kleinen Volks wagen im Vergleich zu den meisten herkömmlichen Automobi len ist ein Multiplikator dieser Entwicklung: One of the Volkwagen's most striking characteristics is its shape, composed of a rounded front section, an almost vertical windshield, and a gently sloping roof that falls of in a steep curve at the back. From the outset, observers commented in the vehicle's bug-like, rotund Silhouette, which in a world of angular automobiles lent it a unique instantly, recognizable appearance. Similar to the coke-bottle, the Volkwagen's body ranks highly among the twentieth century's classic designs. (Rieger 2013: 4 f.) 1.2. Mexikanischer Mythos Vocho: Thema und Fragestellung Fuentes Wortwahl „Gedankenwelt der mexikanischen Nation" als Beschreibung für die Bedeutung des Vocho für die mexika nische Bevölkerung zeigt: Der Vocho kann als mexikanischer Erinnerungsort oder gar Mythos begriffen werden. Gemeinsam ist den beiden Konzepten, dass sie kulturelle Phänomene be schreiben, die durch kulturelles, kollektives Handeln bedeut same Repräsentationen beziehungsweise Symbole geworden sind. Es sind ideologische Chamäleons: Sie stehen stellvertre tend für etwas anderes als sich selbst, „wirken ... assoziativ [und] sind inhaltlich nicht eindeutig zu bestimmen" (Drackle 2005: 363). Ihr übertragenes Bild beruht weder auf der Wirklich keit noch zeichnet es sich durch Genauigkeit aus, was auch dem 19 geschuldet sein mag, dass es stets neu gedeutet wird. (vgl. Ass mann 2006: 68; vgl. Hall 1997a: 10 f.; vgl. Thompson 1990: 3) Bedeutung entsteht dort, wo gemeinsame Konzepte, Ideen und Emotionen in einer symbolischen Form bedeutungsvoll in terpretiert werden. Erst wenn dieses Handeln kulturell bedeut sam geworden ist, kann es innerhalb einer kulturellen Gemein schaft zirkulieren. Mexiko als Nation kann insofern als kulturel le Gemeinschaft verstanden werden, als sie als „Träger von Kul tur ... im Sinne eines kreativen [Schaffungs]Prozesses" (Eiwert 2005) kulturelle Codes hervorbringt, sprich Handlungs- und Denkweisen sowie materielle Dinge (Lang 2005), die „die Mehr zahl der Mitglieder glaub[en macht], gewisse Elemente von Ge meinschaft verbänden sie alle in einer sozialen Struktur" (Ei wert 2005), wodurch eine kollektive, mexikanische Identität samt gemeinsamer Erinnerungen und Gefühlen der Zugehörig keit entsteht, (vgl. Anderson [1983] 1991) Der Vocho kann ein solches Element symbolischer Form insbesondere dann sein, wenn durch ihn die eigene Identität in Abgrenzung zu Elemen ten symbolischer Form fremder Gemeinschaften konstruiert wird: Dieses Autochen hat ein Gesicht, es ist ganz anders. Schau dir die amerikanischen Autos an, die großen, mit ihren riesi gen Kühlergrills, die sehen sehr aggressiv aus. Der Vocho dagegen, mit seinen Äuglein, mit seinem Mund, dann kommt's dir vor als ob er dich anlächelt.24 (Sergio 2015a) Der Begriff Identität wird hier als ein analytischer verwendet, der als Bezugspunkt „das identitätsstiftende Potential von Ge meinschaft für den einzelnen Akteur in den Vordergrund [rückt]" (Dierschke 2009: 136). Die*Der einzelne Mexikanerin begreift die Mehrheit der entsprechenden - identitätsstiftenden - Normen und Werte als mexikanisch. Sie bilden die Basis 24 Alle aufgeführten Interview- und Gesprächspassagen sind für die Publi kation durch den Autor vom Spanischen ins Deutsche übersetet worden. 20 geteilter kultureller Handlungen und Bedeutungen. Diese wie derum sind keineswegs statisch, sondern dynamisch. Auch wenn sie als Erinnerungen in das „kulturelle Gedächtnis" (Ass mann 1992) aufgenommen werden, werden sie von Generation zu Generation weitergetragen und transformiert. Es findet ein fortwährender Dialog, eine gesellschaftliche Auseinanderset zung über kulturelle Bedeutungen und ihre symbolischen For men statt. Bedeutungsstiftend wirken dabei ebenso Akteurfin nen, die fraglichen Gegenstand mit bestimmten Bedeutungen versehen wie jene, die entsprechende annehmen beziehungs weise verändern. Die Gesprächsdynamik dieses Dialogs, sprich des kulturell bedeutungsschaffenden Prozesses, wird dabei durch herrschende Machtverhältnisse innerhalb der kulturellen Gemeinschaft beeinflusst, (vgl. Assmann 2006: 67-70; vgl. ebd. 2007: 37-44; vgl. Hall 1997a: 10 f.) Dementsprechend sind Erinnerungen ein wesentlicher Be standteil von kulturellen Identitätskonstruktionen, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. „Wir sind, was wir erinnern" (Assmann 2006: 67). Menschen fühlen sich einer kul turellen Gemeinschaft zugehörig, wenn sich ihre kulturellen Er innerungen als ein Element ihres körperlichen, physischen Ge dächtnisses mit denen der Mehrheit der anderen Menschen der jeweiligen kulturellen Gemeinschaft decken. Darüber hinaus, so die Theorie, existiere das kulturelle Gedächtnis (...) auch in Dingen wie Texten, Bildern und Handlungen. Unsere Erinnerungen sind nicht nur sozial, sondern auch kulturell eingebettet, wir gehen nicht [nur] mit anderen Personen, sondern auch mit Texten, Bildern, Dingen, Symbolen und Riten um. (ebd. 2006: 70) Das kulturelle Gedächtnis kann also als eine Art Archiv der kul turellen Identität verstanden werden, das ihrer Stabilisierung und somit der Stabilisierung der kulturellen Gemeinschaft 21 dient. Spuren dieses Archivs können über tausende von Jahren erhalten bleiben (ebd.). Erzählungen, die ein Wir tragen und von einem Wir ge rahmt, gepflegt und begrenzt werden, nennen wir Mythen. Mythen sind kollektive Erinnerungsfiguren, lieux de me moire, loci einer Erinnerungskultur (Assmann 2006: 68). (vgl. ebd. 2007:37-39) Ist der Vocho also schon ein mexikanischer Mythos, ein Erzäh lungen in sich bergender Erinnerungsort des kulturellen Ge dächtnisses der mexikanischen Nation? Welche Akteur*innen waren beziehungsweise sind an dem bedeutungsschaffenden Dialog beteiligt? Wodurch zeichnen sich ihre kulturellen Prakti ken aus, die die Bedeutung des Vocho schufen und schaffen? Inwieweit beeinflussten beziehungsweise beeinflussen existente Machtverhältnisse diesen Prozess? Die Beantwortung dieser Fragen kann zu einem besseren Verständnis über die Entste hung von Erinnerungsorten oder Mythen im Sinne Jan Ass manns beitragen. 22

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References

Zusammenfassung

Der VW Käfer hat sich auch in Mexiko, wie bereits zuvor in Deutschland, zu einem bedeutenden Erinnerungsort für das kulturelle Gedächtnis entwickelt. Nicht nur die Bezeichnung Vocho oder Vochito, wie dieses Auto liebevoll von den Mexikaner*innen genannt wird, sondern auch die Diversität der Formen seiner kulturellen Aneignung sind Zeugen dieser Entwicklung. Diese Material Culture Study wendet sich bestimmten Aspekten des mexikanischen Motorscape zu, der durch den Vocho dominiert wurde. Sie fragt nach den Akteur*innen und ihren kulturellen Praktiken, die den Mythos Vocho in das kulturelle Gedächtnis der mexikanischen Nation eingeschrieben haben. Dabei werden auch jene Machtfaktoren berücksichtigt, die diesen Prozess mitbestimmen. Simon Hirzel gelingt es unter Einbeziehung von Theorien aus der Ethnologie, den Cultural Studies und den Material Culture Studies, ein eigenes Analyseschema zu entwickeln und anzuwenden, das unbedingt zur Untersuchung des Forschungsgegenstandes beiträgt. Somit liefert uns der Autor neue Erkenntnisse in Bezug auf die Entwicklung von einer globalen Massenware zu einem modernen, kulturellen Mythos.