6. Una Historia sin Fin: Mythos,Transformation, Gegenwart in:

Simon Hirzel

El Vocho es mexicano, page 157 - 162

Die kulturelle Aneignung des VW Käfer in Mexiko

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4358-5, ISBN online: 978-3-8288-7313-1, https://doi.org/10.5771/9783828873131-157

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Ethnologie, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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6. Una Historia sin Fin: Mythos,Transformation, Gegenwart „Wie weit entfernt von uns doch der bescheidene Ursprung des Volkswagen liegt (...)!" (Fuentes 2014: 91) Das Image des Vo cho, das ich nachzuzeichnen versucht habe, unterscheidet sich stark von dem Image des Käfer. Zwar erinnert der Karmann VW Vintage Club durch seine Praktiken bewusst an das Image des Käfer und beeinflusst dadurch den Mundo Vochero, jedoch zeigt die Fülle und Diversität an Formen der kulturellen Aneig nung des Vocho, dass dieses Automobil zu einem nationalen Erinnerungsort geworden ist, der seit den 1950er Jahren bis heute persönliche - insbesondere familiäre - und kollektive Er innerungen vieler Mexikanerinnen bewahrt. Sie beinhalten die gesamte Fülle der von Tilman Habermas festgehaltenen Bedeu tungen des Automobils im Allgemeinen. Die Vocho-Taxis und Combi-Peseros von Taxco haben sich aufgrund dieser kollektiven Erinnerungen von einer Notwen digkeit zu einer Tourismusattraktion entwickelt, die den mexi kanischen Motorscape der 1980er und 1990er Jahre repräsen tiert. Aufgrund dessen wurde die persönliche Bedeutung des Vocho für viele Taxquenas kollektiviert: Durch lokale Hand werkspraktiken entstandene Souvenirs als Reproduktionen des Image des Vocho erinnern an die Stadt. Dieses Beispiel, ebenso wie auch die Einbindung des Vocho als Feuerwerkskörper wäh rend der Kirmes von Axotla, zeigt, dass er als Archivobjekt des mexikanischen kulturellen Gedächtnisses Mexicanidad durch die in ihm enthaltenen Erzählungen rahmt und pflegt. Materiel le Reproduktionen lokaler Praktiken in Verbindung zu anderen materiellen Reproduktionen mexikanischer Erinnerungsorte wie Frida Kahlo oder der Jungfrau von Guadalupe lassen dar auf schließen, dass der Vocho zumindest Teil einer Mythenwelt 157 des kulturellen Gedächtnisses geworden ist. Vielleicht ist es das, was Carlos Fuentes mit den Worten „Gedankenwelt der mexi kanischen Nation" (ebd.) zum Ausdruck bringen wollte. Ist der Vocho deshalb bereits ein mexikanischer Mythos im Sinne von Jan Assmann? Nicht zwangsläufig, denn dafür müsste jede*r Mexikanerin den Vocho als Bestandteil der eigenen, mexikani schen Identität verstehen. Insbesondere die jüngeren Generatio nen sind größtenteils nicht mehr durch ihn als Taxi oder Famili enauto geprägt worden. Allerdings könnte man argumentieren, dass der Vocho zumindest für die 35 bis 60jährigen Mexikanerinnen zu einem Mythos wurde, von denen einige ihn lebendig halten. Diese Praktiken kamen vermehrt ab der Jahrtausendwende auf, als das Verschwinden der Vochos und Combis aus dem mexikanischen Motorscape seinen Anfang nahm. Künstlerinnen machten ihn bewusst zur Projektionsflä che ihres kulturellen Schaffens, die wie in den Fällen des Vochol und des Guano von staatlichen Vertreterfinnen oder global agierenden Unternehmen zur Auftiesserung oder Pflege des ei genen Image als ein Bestandteil Mexikos instrumentalisiert wurden. Durch die Erstellung und Anwendung des Analysesche mas Kreislauf der Aneignung konnten die Einflüsse der Hand lungsweisen der unterschiedlichen Akteurfinnen auf die Entste hung und andauernde Transformation des Image des Vocho herausgearbeitet werden. Dadurch ist es gelungen, die von Da niel Miller gemahnte Schwierigkeit der Darstellung der Zusam menhänge zwischen globalen Entwicklungen und lokalen kul turellen Praktiken zu überwinden. Zunächst, ab Mitte der 1950er Jahre, wurde der Vocho nicht von VWM selbst in Mexi ko Vertrieben und beworben, sondern durch eine kleine Grup pe deutscher Geschäftsleute. Sie schufen die infrastrukturelle Basis und förderten durch ihre Werbemaßnahmen die Annah me von Vocho und Combi. Davon profitierte der VW-Konzern 158 bei Gründung der VWM enorm. Seit den 1960er Jahren bis zur Jahrtausendwende wurde die Annahme des Vocho als Taxi und ,Auto für jedermann' durch die strategische Zusammenarbeit von VWM und mexikanischen Regierungen gefördert. Ebenso wurde sie durch den in diesem Zeitraum vollzogenen demogra phischen Wandel, die Steigerung der Durchschnittslöhne und eine fortwährende Preissenkung gefördert. Entscheidungen derselben Akteursgruppen, die die Massenmobilisierung Mexi kos auf Basis der beiden VW-Modelle gefördert hatten, bewirk ten um das Jahr 2000 die Beseitigung der Vochos aus dem natio nalen Motorscape. Die Entscheidungen wurden getroffen, um das eigene Image aufzuwerten. Mexikanerinnen, die ihre Vochos aufgrund der in ihnen enthaltenen Erinnerungen zu schaffen gelernt haben, trugen seit Mitte der 1980er Jahre zur Herausbildung des Mundo Vochero bei. Vocheros zählen heute in ihrer absoluten Mehrheit zu der Altersgruppe der 35- bis 60-jährigen. Durch Veranstaltun gen wie den großen VW-Treffen, der Caravana oder Beschleu nigungsrennen auf Rennstrecken halten sie nicht nur ihre eige nen Erinnerungen lebendig, sondern auch die vieler Außenste hender. Dazu zählen auch Erinnerungen aus vorigen Räumen und Zeiten, die als Spuren von Archivobjekten anderer kultu reller Gedächtnisse übertragen, angeeignet und verändert wer den. Auf Vochos angebrachte Sticker und Verzierungen in den deutschen Nationalfarben erinnern an Deutschland als den Ent stehungsort. Andere Vocheros drücken durch Verwendung von Symbolen oder Fotos des Dritten Reiches auf ihren Autos ihre Bewunderung für Ferdinand Porsche und Adolf Hitler als hel denhafte Erfinder des Vocho aus, ohne sich des Leides bewusst zu sein, das viele Menschen aufgrund des Volkswagenprojektes haben erfahren müssen. Seit dem Verschwinden der Vochos aus dem Straßenbild instrumentalisieren auch Institutionen des VW-Konzerns das 159 durch die Aneignung des Vocho entstandene Image zur Auf besserung des Eigenen. Sie nuteen die Beziehung zum Karmann VW Vintage Club, um an die historische Bedeutung von Vocho und Unternehmen zu erinnern, wie die Schaffung der Ultima Edicion gezeigt hat. Einflüsse kultureller Praktiken aus den USA prägen das Image des Vocho ebenfalls. Sich den Vocho als Produkt der US-amerikanischen Hot-Rod-Szene durch das eige ne Handeln anzueignen und damit auf der Rennstrecke insbe sondere gegen US-amerikanische Muscle-Cars erfolgreich zu sein, prägt sowohl bei den Rennfahrer*innen als auch bei den sie unterstüteenden Vocheros das Selbstbild eines fähigen, aber unterschäteten Mexikaners. Durch diese kulturellen Praktiken und die in ihnen beinhalteten Bedeutungen wurde und wird der Mundo Vochero, gefördert durch die Vochomania als wich tigstem Medium der Szene, maßgeblich geprägt. Kommenden Generationen werden sie vermittelt, die sie lebendig halten und durch neue Einflüsse verändern. Im Nachhinein habe ich es be reut, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, selbst bei Mario in die Lehre zu gehen. Dadurch hätte ich erfahren können, in wieweit die eigenen Handlungen meine persönlichen Bedeu tungen und Erinnerungen an den Vocho beziehungsweise an den Käfer verändern. Auch hätte ich in dieser Hinsicht einen tieferen Einblick in die Wirkungen des kollektiven, gemein schaftlichen Handelns erhalten. Vielleicht hätte ich den Reiz, den das Tuning des Vocho nach Ansicht der Grillos ausmacht, aus der Perspektive eines Tuners auf einer Rennstrecke im Wettstreit mit dem*der Tuner*in eines Muscle-Cars erleben können. Inwieweit und wodurch sich der vorhandene Mythos Vo cho in Mexiko zukünftig verändern wird, ist nicht genau zu be stimmen und böte sicherlich einen interessanten Ansatepunkt für weitere Forschungsarbeiten. Es zeigt sich jedoch, dass nach wie vor einige der Akteur*innen, die von Beginn an das Image 160 des Vocho in Mexiko beeinflussten, nach wie vor an diesem Prozess beteiligt sind. Der Mundo Vochero wächst stetig, da dem Vocho und einigen mit ihm verbundenen Fahrzeugen eine höhere Wertschäteung entgegengebracht wird. Die kulturelle Transformation seines Images durch lokal geschaffene Repro duktionen wird den Vocho im kulturellen Gedächtnis Mexikos noch eine Weile lebendig halten. Spuren des Vochos als Ar chivobjekt dieses Gedächtnisses wird man, so glaube ich, min destens noch in hundert Jahren finden. 161 162

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Zusammenfassung

Der VW Käfer hat sich auch in Mexiko, wie bereits zuvor in Deutschland, zu einem bedeutenden Erinnerungsort für das kulturelle Gedächtnis entwickelt. Nicht nur die Bezeichnung Vocho oder Vochito, wie dieses Auto liebevoll von den Mexikaner*innen genannt wird, sondern auch die Diversität der Formen seiner kulturellen Aneignung sind Zeugen dieser Entwicklung. Diese Material Culture Study wendet sich bestimmten Aspekten des mexikanischen Motorscape zu, der durch den Vocho dominiert wurde. Sie fragt nach den Akteur*innen und ihren kulturellen Praktiken, die den Mythos Vocho in das kulturelle Gedächtnis der mexikanischen Nation eingeschrieben haben. Dabei werden auch jene Machtfaktoren berücksichtigt, die diesen Prozess mitbestimmen. Simon Hirzel gelingt es unter Einbeziehung von Theorien aus der Ethnologie, den Cultural Studies und den Material Culture Studies, ein eigenes Analyseschema zu entwickeln und anzuwenden, das unbedingt zur Untersuchung des Forschungsgegenstandes beiträgt. Somit liefert uns der Autor neue Erkenntnisse in Bezug auf die Entwicklung von einer globalen Massenware zu einem modernen, kulturellen Mythos.