Vorwort in:

Simon Hirzel

El Vocho es mexicano, page 1 - 6

Die kulturelle Aneignung des VW Käfer in Mexiko

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4358-5, ISBN online: 978-3-8288-7313-1, https://doi.org/10.5771/9783828873131-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Ethnologie, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Vorwort „Der Vocho ist mexikanisch" - Mit diesem apodiktischen Sate führt uns Simon Hirzel in die Alltagswelt von Mexiko ein, die aus der Perspektive Deutschlands ein vielen Menschen unbe kanntes zweites Leben des VW-Käfers in der Neuen Welt ent hüllt. Seit den 1970er Jahren, als er als Taxi-Gefährt die urbane Landschaft von Mexiko-Stadt prägte, gilt das Modell VW Käfer in Mexiko als „typisches mexikanisches Automobil". Dies war kein „natürlicher" Prozess oder einer, der sich allein und zwangsweise aus der erfolgreichen Vermarktung dieses Auto mobils durch den VW-Konzern in Mexiko ab 1964 ergeben hat. Zur Mexiko-eigenen Geschichte des Vochos (Kosename abgelei tet von Vo-lkswagen) gehört, dass schon vor dem Engagement des VW-Konzerns in diesem Land eine kleine Gruppe deut scher Unternehmer die Lizenz als Generalimporteur erworben und ein Vorgängerunternehmen namens Volkswagen Mexicana gegründet hatte. An diesem Rätsel der so umfassenden „Mexikanisierung" des VW Käfers setet Simon Hirzel mit seiner kultur- und sozial anthropologischen Studie an. Er fragt nach den Akteur*innen und ihren kulturellen Praktiken, die den Mythos des Vocho in das kulturelle Gedächtnis der mexikanischen Nation einge schrieben haben. Auch interessiert er sich für die Machtfakto ren, die den kulturellen Aneignungsprozess des Modells VW Käfer als Vocho mitbestimmten. 2015 führte er seine Feldfor schung in Mexiko-Stadt und Umgebung durch. Dabei blieb er stets dicht an verschiedene Akteur*innen, die unter anderem als Fahrer*innen, Mitfahrer*innen, Käuferinnen, Mechanikerinnen, Gestalter*innen, Liebhaberinnen und Berichterstatterinnen den Vocho entscheidend mitgeprägt haben. Der Autor stütet sich auf den Ansate der Material Culture Studies, um die Faktoren aufzuzeigen, die das enge Verhältnis Mensch-Auto 1 prägen: Fahrzeugen wird als Alltagsgegenstände, Status- und Identitätssymbole zentrale Bedeutung zugeschrieben, welche weit über deren Mobilitätsfunktion hinausgeht. Doch eine kul turpessimistische Haltung gegenüber dem Auto und dem Ver kehr haben lange zur Vernachlässigung dieses wichtigen Sujets in der kultur- und sozialanthropologischen Forschung geführt. Folglich lehnt sich Simon Hirzel an die Schlüsselarbeiten der Material Culture Studies an, um aufzuzeigen wie sich die kulturelle Aneignung eines Gefährts als ein Prozess an der Schnittstelle zwischen individuellen Erfahrungen, den Kräften des Marktes und dem Einwirken des Staates verstehen lässt. Als Objekte mit einem „sozialen Leben" (Appadurai 1986) haben Fahrzeuge eine „Biographie" (Kopytofi 1986), die von Mikroprozessen ihres Erwerbs, ihrer Annahme und ihrer materiellen Umgestaltung geprägt wird. Der Autor stütet sich zunächst auf die Biographie eines bestimmten Vocho, den seine Besiteerfinnen, ein Künstlerpaar, ähnlich einer Person wahrnehmen und liebevoll mit dem Namen „Guano" versehen haben. An diesem Beispiel zeigt er auf, wie der Vocho zum mexikanischen Erinne rungsort wurde und dabei einen anderen Transformationspro zess vollzog als ein vergleichbarer VW-Käfer in Deutschland. Im Fall des mexikanischen Gefährts war das studentische Leben der damals jungen Autobesiteerfinnen und das ihrer Freundin nen und Kommiliton*innen in den 1990er Jahren bestimmend für seine spezifischen Metamorphosen. So wurde „Guano" zu einem viel genuteten Transportmittel und breiteren Vehikel des universitären Soziallebens. Doch später, als sich das Paar in der Künstlerszene der Hauptstadt etablierte, verarbeitete es „Gua no" zu einem Motiv für die Getränkefirma Pepsi und strickte so markttechnisch und breitenwirksam am mexikanischen Mythos des Vocho mit. Ausgehend von Paul du Gays und Stuart Halls (1997) Untersuchungsschema des Circuit o f Culture erarbeitete Simon Hirzel ein eigenes Diagramm für diesen Kreislauf vom 2 Eigensinn der Dinge (Hahn 2014): In dessen Verlauf werden glo bale Waren mittels Teilprozesse wie Traditionalisierung und Er innerung lokal angeeignet. Auf dieser theoretischen Grundlage nimmt uns der Autor teilnehmend beobachtend auf die Reise in den Kosmos der Vochero/as mit. Das Freihandelsabkommen NAFTA mit den USA und Kanada 1994 sowie neue Bestimmungen für die hauptstäd tischen Taxis bedeuteten das Ende des Vocho als vorherrschen des motorscape. Ab 2003 wurde kein Modell VW Käfer mehr als Taxi zugelassen und 2013 durfte keiner der bereits zugelasse nen mehr zirkulieren. Doch brach damit in der mexikanischen Hauptstadt eine neue Ara des Vocho an: Er wird nun als Kult objekt von einer Fanszene hochgehalten, die Ausfahrten und Rennen organisiert und ihn als Oldtimer, Sammler- und Kunst objekt sowie Wertanlage nutet. Simon Hirzel beschreibt, wie er schnell einen Zugang zu dieser Szene in Mexiko-Stadt fand, ei nerseits über einen Gatekeeper und Experten vor Ort sowie an dererseits über seine eigenen biographischen Bezüge zum VW Käfer. Er führte mit einer Vielzahl von Menschen, deren Le bensläufe aus verschiedenen Motiven mit dem Vocho eng ver knüpft sind, Gespräche, die Einblicke in das reichhaltige „Nach leben" des Kult-Autos bieten, etwa bei Veranstaltungen der Vocho-Tuningszene. Diese Menschen bestreiten zudem mit dem Vocho - sei es als Taxifahrer*innen, Tuning-Spezialist*innen, Journalistinnen oder Künstlerinnen - zumindest teilweise ihren Lebensunterhalt. Einen geschichtlichen Rückblick auf die Schaffung eines Vocho-Scape leistet die vorliegende Studie, indem sie die indi viduellen Erfahrungen analysiert, die Mexikanerinnen unter schiedlichen Alters, Berufs und Geschlechts aus diversen Anläs sen und in abweichenden Lebensabschnitten mit dem Vocho ge macht haben. Die Interviewten beziehen sich reflexiv auf zen trale Anekdoten ihres Lebens, um besondere Eigenschaften des 3 Autos hervorzuheben, die dieses als Mythos begründet. Simon Hirzel gibt zudem Einblicke in die Vermarktungsstrategien ei ner deutschen Unternehmergruppe, die bereits in den 1950er Jahre begann, den VW Käfer zu vertreiben; auch behandelt er die ihrer Nachfolger, der Volkswagen de Mexico in Puebla. Eine Dynamik, die vom Kreislauf der Aneignung ausgeht, ist die Fol gende: Der Vocho vermochte trote der starken Konkurrenz aus den USA einen großen Markt zu erobern; er verkörperte für die Akteur*innen Sparsamkeit, Robustheit, Geländegängigkeit und Anpassungsfähigkeit - auch gerade in Abgrenzung zu den US- Autos. Insbesondere zeigt Hirzel, wie Akteur*innen aus diver sen sozialen Schichten diesen Prozess aktiv mitgestalteten: Dazu gehören der VW-Mitarbeiter Rudolfe, ein hauptstädti scher Taxifahrer der 1970er Jahre, und die Besiteer*innen des Autohauses Berger in Taxco. Zugleich reflektiert der Autor die eigene Begeisterung am Untersuchungsobjekt: sie öflnete ihm einerseits Türen, anderer seits achtete er darauf, nicht die Schattenseiten des Mythos Volkswagen auszublenden. Vielmehr zeigt er kritische Dimensi onen der mexikanischen Liebe zum Vocho auf, wie deren Ver knüpfung mit einem idealisierten Bild des Dritten Reiches. Er weist auf folgende Wechselbeziehung hin: Die zwischen der Entwicklung eines ,Volksautos' von Seiten der deutschen Natio nalsozialisten des Dritten Reiches, die dabei Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübten, und Mexikanerinnen, die sich ak tuell über einen getunten Vocho die deutsche Geschichte des Dritten Reiches angeeignet haben. Die Studie bietet wertvolle Einblicke darin, wie die Mär von Hitlers „Wohltaten" durch Autobahnbau und einen Wagen, der eigens für das Volk konzi piert war, in Mexiko mit dem jahrzehntelangen positiv beseteten Bild des Vocho verzahnt wurde. Dies wird kritisch den Produktionsbedingungen von Zwangsarbeit gegenübergestellt, 4 unter welchen der VW-Käfer im Dritten Reich herausgebracht wurde. Schließlich beleuchtet Simon Hirzel wie aktuelle Erinne rungspraktiken in Mexiko dazu beitragen, dass der Mythos Vo cho von der Generation der Mitte 30 bis 60jährigen an die nächste weitergegeben wird. Er beschreibt die vibrierende Sze ne, die Akteur*innen von Werkstätten und Veranstaltungen der Vocho-Tuningszene sowie der Zeitschrift Vochomania gestalten. Diese Sparte des Motorsports hat sich seit 2000 im Dachverband der Volkswagen-Clubs Mexikos, der Asociacion National de Clubes Volkswagen de Mexico, organisiert. Unter anderem Tuning- Spezialist*innen haben die Vochos in ein neues Werteregime übergeführt. Sie schreiben bestimmten Autoteilen und Model len aufgrund von Authentizität einen hohen Marktwert zu; zu gleich seteen sie die „authentischen Oldtimer" aus Ersateteilen, die auf internationalen Liebhabermärkten angeboten werden, neu zusammen. Diese faszinierende und wendungsreiche Ge schichte des Vocho hat der Autor mit insgesamt 113 Fotos (die meisten wurden selbst aufgenommen) illustriert und belegt. Die vorliegende Veröffentlichung von Simon Hirzel geht aus einer Masterarbeit hervor, die am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin betreut wurde, ein Institut welches selbst ein Knotenpunkt zwischen Deutschland und Mexiko dar stellt. Lehre und Forschung sind zwischen diesen beiden Län dern auch dank des binationalen deutsch-mexikanischen Gra duiertenkollegs „Temporalities of Future in Latin America. Dy namics of Aspiration and Anticipation" eng verzahnt. So schrei be ich dieses Vorwort bei einem Forschungsaufenthalt in Oaxaca, einem mexikanischen Bundesstaat, in welchem der VW-Käfer aktuell zum Alltag gehört. Nach mehreren Etappen seiner Geschichte hat er unter anderem in der zerklüfteten und regen reichen Sierra Norte-Region in über 2.000 Metern Höhe erneut eine erstaunliche Wiedergeburt vollzogen: Restbestände von 5 alten Taxis der Hauptstadt und lokale Vochos, die zugunsten moderner Autos aufgegeben worden waren, werden aktuell wieder instand gesetet und professionell getunt. Per Fiberglas teilen werden Karosserien und Fahrgestelle in die gewünschte Form gebracht, zudem mit Chrom, Plexiglasmotorhauben und leuchtenden Lackfarben versehen. Die Gründe dafür liegen, wie uns Simon Hirzel zeigt, an der Schnittstelle zwischen Funktio nalität und Mythos: Der Vocho ist sparsam an Benzin und leis tet als ein gelandegängiges Fahrzeug gute Dienste. Zugleich aber bleibt er eine schillernde Projektionsfläche. In diesem Fall haben die indigenen Autobesiteerfinnen der Mixe oder Ayuujk ja'ay - die sich als diejenigen Mexikanerinnen definieren, die niemals durch die Spanier erobert wurden - diese eigene Be deutung in ihre „Ayuujk Kars" eingeschrieben.1 Tamazulapam del Espiritu Santo, September 2019 Ingrid Kümmels Bild 1. Alle Bilder sind durchnummeriert und im Anhang separat aufge listet. 6

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Zusammenfassung

Der VW Käfer hat sich auch in Mexiko, wie bereits zuvor in Deutschland, zu einem bedeutenden Erinnerungsort für das kulturelle Gedächtnis entwickelt. Nicht nur die Bezeichnung Vocho oder Vochito, wie dieses Auto liebevoll von den Mexikaner*innen genannt wird, sondern auch die Diversität der Formen seiner kulturellen Aneignung sind Zeugen dieser Entwicklung. Diese Material Culture Study wendet sich bestimmten Aspekten des mexikanischen Motorscape zu, der durch den Vocho dominiert wurde. Sie fragt nach den Akteur*innen und ihren kulturellen Praktiken, die den Mythos Vocho in das kulturelle Gedächtnis der mexikanischen Nation eingeschrieben haben. Dabei werden auch jene Machtfaktoren berücksichtigt, die diesen Prozess mitbestimmen. Simon Hirzel gelingt es unter Einbeziehung von Theorien aus der Ethnologie, den Cultural Studies und den Material Culture Studies, ein eigenes Analyseschema zu entwickeln und anzuwenden, das unbedingt zur Untersuchung des Forschungsgegenstandes beiträgt. Somit liefert uns der Autor neue Erkenntnisse in Bezug auf die Entwicklung von einer globalen Massenware zu einem modernen, kulturellen Mythos.