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3. Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs in:

Barbara Leven

Wahre Sammler, page 97 - 148

Die Praxis einer Leidenschaft vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4355-4, ISBN online: 978-3-8288-7308-7, https://doi.org/10.5771/9783828873087-97

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Kunstgeschichte, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
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97 3. Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs verkörperten aus Sicht von Walter Benjamin den Sammlertypus des wahren Sammlers, über den er in Aufsätzen, die er in den 1930er Jahren verfasste, reflektiert und den er darin theoretisch konturiert hatte. Demnach zeichnen sich für Benjamin Personen dann als wahre Sammler aus, wenn sie, wie bereits erläutert, neben der Leidenschaft zum Sammeln, Kennerschaft und Spürsinn auch einen nonkonformistischen Standpunkt aufweisenkönnen, durch den sie neue Ordnungssysteme entwickeln und neue Perspektiven auch auf übersehene und missachtete Objekte eröffnen. Weil sich der wahre Sammler so gegen bereits bestehende normative Ordnungen stellt, bewegt er sich auf einer exzentrischen und nicht dominanten Position im Feld des Sammelns. Benjamins Aufsätze zum Sammelwesen sind nicht singulär. Sie finden im Kontext einer theoretischen Auseinandersetzung mit dieser kulturellen Praxis statt, die am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte und Zeichen einer Reflexion über kulturelle Standards ist. Benjamins Perspektive ist demnach weniger auf einzelne Sammlerpersönlichkeiten gerichtet als vielmehr auf das Phänomen selbst. Er nennt jedoch auch Namen, zu denen die von Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs gehören. Über Pachinger heißt es in einem Abschnitt im „Passagen-Werk“: „Der große Sammler Pachinger, Wolfskehls Freund, hat eine Sammlung zustande gebracht, die im Verfemten, Verkommenen sich der Sammlung Figdor in Wien zur Seite stellen ließe. Er weiß kaum mehr, wie die Dinge im Leben stehen, erklärt seinen Besuchern neben den altertümlichsten Geräten Taschentücher, Handspiegel etc. Von ihm erzählt man, wie er eines Tages über den Stachus ging, sich bückt, um etwas aufzuheben: Es lag da etwas, wonach er wochenlang 98 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs gefahndet hatte: der Fehldruck eines Straßenbahnbilletts, das nur für ein paar Stunden im Verkehr gewesen war.“364 Entsprechend dem fragmentarischen Charakter des „Passagen-Werks“ nimmt Benjamin keine weiteren Erörterungen zu Pachinger vor, jedoch gehört auch dieser kurze Textabschnitt des „Passagen-Werks“ zu den bedeutsamen „kleinsten, scharf und schneidend konfektionierten Baugliedern“365, aus denen Benjamin, nicht lediglich abstrakt konstruierend, sondern entlang des historischen Materialismus die Wirklichkeit kommentierend, die Geschichte des 19. Jahrhunderts darstellen wollte. Er ordnet sich in eine Gruppe von vielen kleineren Texten Benjamins und von ihm gesammelten Zitaten ein, die sich allesamt mit dem Sammeln auseinandersetzen. Eduard Fuchs hingegen findet in einem ausführlicheren Aufsatz Betrachtung durch Benjamin. Darin liegt der Fokus allerdings nicht ausschließlich auf Fuchs als Sammler, sondern vielmehr wird die Leistung des Historikers Fuchs in der Umsetzung des historischen Materialismus diskutiert. Zwar thematisiert Benjamin im Hinblick darauf durchaus Schwächen in den Arbeiten von Fuchs, weil ihm die Loslösung aus der Kulturgeschichte offenbar nicht weitreichend genug erscheint und Fuchs’ Verwurzelung im „bürgerlichen Moralismus“366 mit materialistischen Ideen kollidiert.367 Zugleich betont Benjamin jedoch Fuchs’ bahnbrechende Leistungen als Sammler, der stets vom Objekt selbst geleitet werde und so nicht nur eine „Befreiung der Kunsthistorie von dem Fetisch des Meisternamens“ in die Wege geleitet habe, sondern zudem auf Gegenstände verwiesen habe, „an deren Studium der historische Materialismus sich schulen kann“.368 Inwieweit Fuchs dieser Einordnung tatsächlich gerecht wird und ob auch Pachinger dem Typus des wahren Sammlers wirklich entspricht, wie es Benjamins Aufnahme in seine Textkollektion über das Sammeln im „Passagen-Werk“ mutmaßen lässt, soll im Folgenden anhand einer Rekonstruktion der Kollektionen beider Privatsammler und ihrer Einordnung in den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext geprüft werden. Zuvor werden kurz die Biographien der Sammler skizziert. 364 Benjamin 1982b, S. 275. 365 Tiedemann, Rolf: Einleitung des Herausgebers. In: Benjamin 1982a, S. 11–41, S. 13. 366 Tiedemann 1982, S. 370. 367 Benjamin 1937, S. 352: „Man lockerte die Geschichte auf und erhielt die ‚Kulturgeschichte‘. Hier hat das Werk von Fuchs seinen Ort: in der Reaktion auf diese Sachlage hat es seine Grösse, in der Teilhabe an ihr seine Problematik.“ 368 Ebd., S. 378f. 99 Anton Maximilian Pachinger 3.1 Anton Maximilian Pachinger Von einer vollständigen Aufarbeitung der Lebens- und Sammlergeschichte Anton Maximilian Pachingers kann bis heute keine Rede sein: Weder konnten bisher alle Lebensabschnitte Pachingers rekonstruiert werden noch ist seine Sammlung vollständig erfasst und nur Teile von ihr bisher erschlossen. Während Tages- und Wochenzeitungen in München und in Österreich insbesondere seit dem Ende der 1920er Jahre über den Sammler und Kulturhistoriker Anton Maximilian Pachinger und seine Kollektion lobende Texte publizierten,369 prägten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Legenden und Anekdoten, die er wohl zu Lebzeiten auch selbst in die Welt gesetzt hatte, lange Zeit das Bild des Linzer Hofrats.370 Franz Lipp veröffentlichte in den 1970er Jahren erstmals mehrere biographische Aufsätze mit wissenschaftlicher Ausprägung über Pachinger, doch mangels Quellenangaben erscheinen die Texte, wenn auch im Ganzen detailliert und informativ, in Teilen etwas ungenau.371 Ausführlich bearbeitet wurde die Geschichte der Pachinger’schen Sammelbestände, allerdings nur für Linz, von Hanns Kreczi, der 1959 einen geschichtlichen Überblick über die städtische Kulturarbeit anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Kulturamtes der Stadt schrieb.372 Kürzere Darstellungen der Lebensgeschichte des Sammlers und Einblicke in einige in Linz verbliebene Sammlungsbestandteile geben ältere Publikatio- 369 Vgl. Lipp, Franz: Der Sammler und Kulturhistoriker Anton Maximilian Pachinger. In: Festschrift „Linzer Aspekte 1970“ aus Anlass des 50-jährigen Bestandes einer städtischen Kulturstelle. Linz 1970, S. 64–73, S. 73. Lipp nennt hier u. a.: Wolfskehl, Karl: Der König der Sammler Hofrat A.M. Pachinger. In: Süddeutsche Sonntagspost (1928), Nr. 46; Nockher, Ludwig: Kunstsammlung als Lebenswerk. Ein Besuch bei Hofrat A.M. Pachinger. In: Münchner Neueste Nachrichten (1934), Nr. 19; au- ßerdem Jo-es: Ein Sammlerleben. Hofrat A.M. Pachinger – 70 Jahre. In: Salzburger Volksblatt (1935), Folge 26, S. 5. 370 Vgl. Lipp 1970, S. 69. 371 Lipp 1970 mit ausführlicher Bibliographie der Publikationen Pachingers sowie in gekürzter Version: Lipp, Franz: Der Sammler und Kulturhistoriker Anton Maximilian Pachinger. In: Aus dem Antiquariat. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 27 (1971) 25, S. 149–164; und Lipp, Franz: Anton Maximilian Pachinger 1864–1939, der Begründer der geselligen Vereinigung „DIE MAPPE“. In: Sammeln und Bewahren: Beiträge zur Kunst, Literatur und Buchgeschichte. Eine Publikation der Freien Geselligen Vereinigung Die Mappe. München 1973, S. 13–26. Anlehnend an die Aufsätze Lipps erschienen auch Angaben zu Pachinger: Roth-Wölfle, Lotte (Hrsg): Die Münchner Freie Gesellige Vereinigung „Die Mappe“ 1926–1990. München 1990. 372 Kreczi, Hanns: Städtische Kulturarbeit in Linz. Ein geschichtlicher Überblick anlässlich des 40jährigen Bestandes des Kulturamtes der Stadt Linz. Linz 1959, v. a. S. 56–100. 100 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs nen der Vereinigung „Die Mappe“ und des Linzer Stadtmuseums Nordico.373 Mehrere Jahrzehnte lang verschwand Pachinger und mit ihm seine Kollektion danach aus dem Gesichtsfeld des Interesses. Erst in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gelangten der Sammler und seine Sammlung wieder verstärkt in den Fokus der Wissenschaft: 2004 zeigte das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg in der Ausstellung „Käufliche Gefühle. Freundschafts- und Glückwunschbillets des Biedermeier“ eine Auswahl der rund 4000 Karten aus seinem Pachinger-Bestand, die einen umfassenden Einblick in die vielfältigen Techniken und Themen der frühen Billetproduktion bieten.374 2006 untersuchte die Verfasserin dieser Arbeit im Rahmen ihrer Magisterarbeit ein Graphikkonvolut von Pachinger mit Maria Magdalena-Darstellungen, das sich im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg befindet.375 Ein Jahr später erschien der Katalog „Fokussiert. Frühe Fotografien aus dem Nordico – Museum der Stadt Linz. Die Sammlung Pachinger“ zu einer Ausstellung im Stadtmuseum Linz, in dem Pachingers dort befindliche Sammlung früher Fotografien dokumentiert, untersucht und in den Kontext der Fotografiegeschichte eingegliedert wird.376 Dominik Wunderlin veröffentlichte 2016 einen Aufsatz im Tagungsband des Arbeitskreises „Bild Druck Papier“ über die Andachtsgraphik und hier insbesondere über die sogenannten Schutzzettel des Sammlers Pachinger, die sich heute im Museum der Kulturen in Basel befinden.377 Und im gleichen Jahr präsentierte das Germani- 373 Rieber, Rupert: Die Mappe. Eine zwanglose gesellige Vereinigung und deren Begründer Hofrat Anton M. Pachinger. München 1956; Kroppenstedt, Erika/Hoffmann, Detlef: Inventar-Katalog der Spielkarten-Sammlung des Stadtmuseums Linz. Ausst.kat. Deutsches Spielkarten-Museum Bielefeld. Linz/Bielefeld 1969; Wacha, Georg: Alltägliches – Rares – Kurioses. Auswahl aus der Sammlung Pachinger des Stadtmuseums Nordico, Linz. In: Mitteilungen aus dem Stadtmuseum Wels 1 (1985) 9, o. S.; Kux, Renate: Zur Biographie des Linzer Sammlers. In: Aus dem Stadtmuseum Linz 57 (1976), o. S. 374 Doosry, Yasmin: Käufliche Gefühle. Freundschafts- und Glückwunschbillets des Biedermeier. (Publikation zur Ausstellung „Käufliche Gefühle“, 28.10.2004–23.01.2005 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg Nürnberg; Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum, Band 7) Nürnberg 2004. 375 Wuttke, Barbara: Fromm oder freizügig? Das Graphikkonvolut der Maria Magdalena-Darstellungen aus der Sammlung Pachinger am Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Unveröffentl. Magisterarbeit. Leipzig 2006. 376 Hofer, Gabriele (Hrsg.): Fokussiert. Frühe Fotografien aus dem Nordico – Museum der Stadt Linz. Die Sammlung Pachinger. Publikation zur gleichnamigen Ausstellung, Nordico – Museum der Stadt Linz. Linz 2007. 377 Wunderlin, Dominik: Schutzzettel gegen die Pest und andere Nöte. Andachtsgraphik aus der Sammlung des Linzers Anton Maximilian Pachinger im Museum der Kulturen Basel. In: Vanja, Konrad/ Lorenz, Detlef u. a. (Hrsg.): Arbeitskreis Bild Druck Papier. Tagungsband Graz 2015. Münster/New York 2016, S. 71–87. 101 Anton Maximilian Pachinger sche Nationalmuseum in der Ausstellung „Niederländische Zeichnungen. Neu entdeckte Werke aus dem Germanischen Nationalmuseum“ einige Handzeichnungen aus dem Bestand Pachinger.378 Immer wieder fand der Hofrat zudem in Beziehung gesetzt zu einigen seiner Zeitgenossen Betrachtung, so zu Fritz von Herzmanovsky- Orlando, Alfred Kubin, Franz Kafka und Peter Altenberg.379 Lange Zeit prägte insbesondere die Vorstellung vom skurrilen Sonderling das Bild der Person Pachinger. Erst die neueren Untersuchungen versuchten die vielen Facetten Pachingers in Einklang zu bringen und ihn an das Kulturleben seiner Zeit anzubinden. Hier knüpft die vorliegende Untersuchung an: Aufgezeigt werden soll nicht nur, dass Pachinger als Typus des wahren Sammlers bezeichnet werden kann, sondern auch, wie er sich in die Struktur des Feldes des Sammelns in der Zeit zwischen dem Ende des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einordnet. 3.1.1 Biographische Skizze Anton Maximilian Pachinger wurde am 22. November 1864 in Linz als einziger Sohn in eine begüterte und angesehene Linzer Kaufmannsfamilie geboren (Abb. 1). Bereits die Familie seines Vaters Anton, der als Eisenhändler, Häusermakler und Geldverleiher tätig war, hatte in Linz einen florierenden Eisenhandel geführt, die Mutter Theresia entstammte einer ebenfalls vermögenden Linzer Gastwirtsfamilie. Zahlreicher seit 1836 erworbener Haus- und Grundbesitz in der Stadt dokumentieren die gute Wirtschaftssituation beider Familien.380 Pachinger besuchte in Linz die Schule, trat erst spät in das dortige Gymnasium ein, wechselte jedoch wohl aufgrund schulischer Schwierigkeiten an das Gymnasium in Freistadt.381 Nach seinem 378 Valter, Claudia: Die niederländischen Zeichnungen 1400–1800 im Germanischen Nationalmuseum (Bestandskatalog und Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, 18.2.–22.5.2016 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg). Nürnberg 2006. 379 Till, Wolfgang: Zwei galante Sammler aus Wien: Anton Pachinger und Peter Altenberg. In: Köhler, Michael/Barche, Gisela (Hrsg.): Das Aktfoto: Ansichten vom Körper im fotografischen Zeitalter. Ästhetik, Geschichte, Ideologie. Ausst.kat. Frankfurter Kunstverein. München 1985, S. 241–244; Eder, Alois: „Sie wissen, Ihnen droht Linz!“. Kubin, Kafka, Herzmanovsky-Orlando und Pachinger. In: Lachinger, Johann/Pintar, Regina (Hrsg.): Magische Nachtgesichte. Alfred Kubin und die phantastische Literatur seiner Zeit. Salzburg/Wien 1995; Arnold, Florian L.: Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Grandseigneur des Grotesken. In: Augsburger Volkskundliche Nachrichten 10 (2004) H. 2, S. 19–39. 380 Hofer, Gabriele: Anton Maximilian Pachinger. Ein Linzer Polyhistor als Fotosammler. In: Hofer 2007a, S. 13–33, S. 13f. 381 Wacha 1985, o. S. 102 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Abitur 1886, das er nach einem erneuten Wechsel zurück ans Gymnasium in Linz erfolgreich erst im zweiten Anlauf absolvierte, ging er nach Wien um zu studieren. Er begann ein Jurastudium, wechselte 1892 jedoch in die Philosophische Fakultät, wo er vornehmlich kunsthistorische und archäologische Vorlesungen bei Franz Wickhoff und Otto Benndorf besuchte. Zudem belegte er historische, germanistische, urgeschichtliche, volkskundliche und philosophische Vorlesungen unter anderem bei Engelbert Mühlbacher, Heinrich von Zeissberg, Alois Riegl, Michael Haberlandt, Wilhelm Jerusalem, Richard Heinzel und dem Prähistoriker Moritz Hoernes.382 Pachinger arbeitete nach eigenen Angaben zwar zuweilen in der prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien383 und wohl auch vier Jahre lang am archäologischen Seminar bei Benndorf, einen akademischen Abschluss erlangte er jedoch nicht.384 Nichtsdestotrotz bezeichnete Pachinger sich selbst als Archäologe und wurde auch von vielen anderen mit dem Titel eines „Doktors“ beehrt.385 Grund hierfür war wohl nicht nur seine außerordentliche Sammlung, die im folgenden Unterkapitel noch näher beschrieben wird, vielmehr positionierte sich Pachinger auch durch zahlreiche Publikationen und Vorträge als Forscher und Privatgelehrter.386 1904 erschienen die ersten größeren Publikationen Pachingers, deren inhaltlicher Schwerpunkt die Numismatik und insbesondere Weihemünzen und Wallfahrtsmedaillen aus Österreich und Süddeutschland war. Später folgten kulturhistorische Arbeiten, in denen sich Pachinger mit weiteren Themen der Volkskun- 382 Hofer 2007b, S. 15. 383 Vgl. Germanisches Nationalmuseum, NL Pachinger, Anton Maximilian I, B–1, handschriftlich verfasster, undatierter Lebenslauf, nach 1912. 384 Vgl. Hofer 2007b, S. 15. Hofer weist darauf hin, dass Pachinger 1902 das „Absolutorium“ erhielt, die Bestätigung der Universität, dass der Student die vorgeschriebene Anzahl von Semestern belegt hat, und deshalb während der noch ausstehenden Abschlussprüfung nicht mehr inskribieren muss. 385 So auch im Zugangsregister des Kupferstichkabinetts des Germanischen Nationalmuseums, Eintrag am 12. August 1913: „Geschenk von Dr. Pachinger“. 386 Vgl. die Auflistung bei Lipp 1970, S. 72f. Abb. 1: Passbild Anton Maximilian Pachinger. Silbergelatineabzug, mit Öse in einen Reisepass des Deutschen Reichs montiert, um 1923. 103 Anton Maximilian Pachinger de auseinandersetzte. Publiziert wurden Pachingers Texte sowohl als Monographien, so sein Buch „Die Mutterschaft in der Malerei und Graphik“ (1906), als Artikel in Fachzeitschriften wie in den „Blättern für Münzfreunde“, den „Mitteilungen der Bayerischen Numismatischen Gesellschaft“ oder in „Geschlecht und Gesellschaft. Monatsschrift für Sexualwissenschaft, Hygiene, Biologie und Völkerkunde“ sowie als Beiträge in der Unterhaltungsbeilage der Linzer Tages-Post. Pachinger wurde vielfach ausgezeichnet, darunter 1912 mit dem „Ritterkreuz Philipp des Großmütigen I. Klasse“ von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt387, 1915 erhielt er vom bayerischen König Ludwig III. den Titel eines „Hofrats“388 und vom österreichischen Kaiser den „Orden der Eisernen Krone III. Klasse“389, mit dem sich das Recht verband, um Erhebung in den Adelsstand anzusuchen. Vom Germanischen Nationalmuseum wurde er 1924 zum „Ehrenpfleger“390 ernannt, außerdem erhielt er 1928 aus Anlass des Abschlusses der Dürer-Feierlichkeiten in Nürnberg eine silberne Dürer-Büste „für seine großen Verdienste um das Nationalmuseum“.391 Zwar war Linz der Hauptwohnsitz des Privatiers und Privatgelehrten Pachinger, doch zog er eigentlich zwischen Salzburg, Graz, Wien und vor allem München umher.392 Dorthin siedelte er 1915 über – behielt aber seine Wanderschaft zwischen Bayern und Österreich bei. Mit Otto Schmid und Adalbert Werner gründete er 1926 in München den Sammlerkreis „Die Mappe“, der sich wöchentlich zusammenfand. Er war dort zudem Mitglied im Altertumsverein und des Münzstammtischs sowie seit 1909 bei 387 Vgl. o. A.: o. T. In: Linzer Tages-Post (1912), Nr. 101, S. 4: „Der Großherzog von Hessen hat dem Archäologen Herrn A.M. Pachinger, wegen seiner Verdienste auf dem Gebiete der Numismatik das Ritterkreuz 1. Klasse des Ordens Philipps des Großmütigen verliehen.“ 388 Vgl. o. A.: Nachrichten aus Oberösterreich und Salzburg (Auszeichnung). In: Linzer Tages-Post (1915), Nr. 204, S. 5: „Wie wir erfahren, wurde der in Linz bekannte, vor längerer Zeit von hier nach München übersiedelte Archäologe A.M. Pachinger vom König von Bayern zum Hofrat ernannt.“ Vgl. Lipp 1970, S. 65: Dort heißt es, Pachinger habe den Hofrat-Titel vom Großherzog von Hessen- Darmstadt erhalten. 389 Handbuch des Allerhöchsten Hofes und des Hofstaates seiner k. u. k. Apostolischen Majestät. Wien 1916, S. 298. 390 Vgl. hierzu Lipp 1970, S. 65 und S. 70, Anmerkung 34. Lipp betitelt Pachinger mit „Ehrenkonservator“, was er als „Übersetzung von Konservator“ ansieht, weist aber auf Diskrepanzen zu Presseartikeln hin, in denen der Sammler als „Ehrenpfleger“ bezeichnet wird. Die Bezeichnung „Pfleger“ ist jedoch korrekt, da das Museum solche als Vertreter in verschiedenen deutschen Gebieten und im Ausland einsetzte, die jeweils vor Ort für das Museum werben sollten, vgl. hierzu o. A.: Jahresbericht Germanisches Nationalmuseum 85 (1939), S. 44ff, S. 44 und Pflegschaftsordnung des germanischen Museums (1868). In: Deneke/Kahsnitz 1978, S. 1033/1034. 391 Ehrung des Hofrates Anton Pachinger. In: Linzer Volksblatt (Nr. 241), 17. Oktober 1928, S. 5. 392 Vgl. Hofer 2007b, S. 17; Lipp 1970, S. 64f; Francé-Harrar, Annie: So war’s um 1900, München/Wien 1962, S. 98–104, S. 99f. 104 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs der Gesellschaft „Die Namenlosen“ in Linz, die sich der Pflege der Literatur sowie des Austauschs von Fachwissen aus allen denkbaren Bereichen verschrieben hatte, und seit 1912 bei der Wiener Numismatischen Gesellschaft.393 Nach dem Ersten Weltkrieg verschlechterte sich Pachingers finanzielle Lage zunehmend: Bis Mitte der 1920er Jahre war sein Vermögen durch die Inflation dahingeschmolzen, sodass er nun gezwungen war, „sein Restvermögen zur Sicherung seiner Existenz einzusetzen“394. Es kam ein Leibrentenvertrag mit der Stadt Linz zustande, mit dem Pachinger seinen Unterhalt sichern konnte: Gegen eine monatliche Rente von 600 Goldmark überließ er der Stadt nicht nur seine zwei noch verbliebenen Häuser in der Linzer Bethlehemstraße, sondern zudem einen Großteil seiner Sammlungen für ein geplantes Heimatmuseum. Trotz monatlicher Zahlungen aus Linz wurde Pachingers Situation im Laufe der 1930er Jahre ständig bedenklicher: Nicht nur wirtschaftlich, auch gesundheitlich ging es dem Sammler, der seit längerem an Diabetes litt, immer schlechter. So schreibt Karl Wolfskehl 1932 in einem Brief an Fritz von Herzmanovsky-Orlando, dass er bei einem Besuch in München „unseren geliebten Dultherrn Pachus recht reduziert wieder fand, herzmatt, nierenarm, zuckerreich“395. Und ein Jahr später teilte Herzmanovsky-Orlando Alfred Kubin mit: „Pachinger ist verschollen.“396 Unklar ist, inwieweit dessen scheinbarer Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben allein krankheitsbedingt war oder auch die sich verändernde politische Situation in München eine Rolle spielte. Als Gründungsort der nationalsozialistischen Bewegung, ab 1933 qua Ernennung durch Adolf Hitler „Hauptstadt der deutschen Kunst“ und ab 1935 die „Hauptstadt der Bewegung“, fungierte sie nicht nur als Bühne für öffentlichkeitswirksame Selbstdarstellungen der Staatsmacht, sondern sollte auch eine kulturelle Führungsrolle im Reich einnehmen. So wurde 1937 dort nicht nur das „Haus der Deutschen Kunst“ eröffnet, sondern auch die moderne künstlerische Positionen diffamierende Propagandaausstellung „Entartete Kunst“. Im gleichen Jahr kehrte Pachinger nach Österreich zurück. Jedoch ging er nicht nach Linz, wo er wenige Jahre zuvor einen Rechtsstreit mit der Stadtgemeinde um die Herausgabe seiner Sammlung ausgetragen hatte und wohl noch der Missmut auf beiden Seiten schwelte, sondern nach Graz und später nach 393 Vgl. Flögl, Helmut (Hrsg.): 100 Jahre Namenlose 1867/1967. Festschrift. Linz 1967; Hauser, Peter: Die Medaillen und Plaketten auf bedeutende oberösterreichische Numismatiker. In: Jahrbuch des oberösterreichischen Musealvereins 121,1 (1976), S. 46–49. 394 Kreczi 1959, S. 57. 395 Herzmanovsky-Orlando, Fritz von: Sämtliche Werke, Bd. VIII: Ausgewählte Briefwechsel 1885– 1954. Hrsg. u. komm. v. Max Reinisch. Salzburg/Wien 1989, S. 248. 396 Ebd. S. 272. 105 Anton Maximilian Pachinger Wien.397 Inwieweit er sich in diesen Jahren noch mit der Ergänzung und Pflege seiner Sammlung befassen konnte, ist nicht bekannt. In Wien starb Pachinger am 30. November 1938 im Alter von 74 Jahren im Sophienspital, seine Urne wurde in der Familiengruft in Linz beigesetzt. Trotz seiner Langzeitbeziehungen zu den „Hausdamen“ Fanny, vermutlich Seuffert398, und Maria „Mizzi“ Bayerlacher (auch Bajerlacher) hatte er nie geheiratet.399 3.1.2 Die Sammlung Pachinger Noch zu Lebzeiten Anton Maximilian Pachingers wurde seine Privatsammlung als „Konglomerat einer ganzen Anzahl von Spezialsammlungen“ 400 bezeichnet. Heute findet sich die Kollektion nicht mehr versammelt unter einem Dach, sie ist vielmehr über alle Länder des deutschsprachigen Europas zerstreut: Ihre Bestandteile finden sich in sammelnden Institutionen in Linz, Wien, Basel, München und Nürnberg. Was heute herausgerissen aus dem ehemaligen Sammlungskontext und zusammengefasst in größeren Konvoluten in den einzelnen Institutionen liegt, hatte Pachinger zu Lebzeiten über Jahrzehnte hinweg zusammengetragen. Er baute dabei auf eine familiäre Tradition und deren materiellen Hinterlassenschaften auf: Bereits Großvater und Vater sammelten, der eine begeisterte sich für Altertümer und persönliche Erinnerungsstücke, der andere kollektionierte bevorzugt Waffen und Münzen und war außerdem Förderer des Museums Francisco-Carolinum in Linz. Früh trat denn auch Anton Maximilian Pachinger in die Fußstapfen seiner sammelnden Vorfahren: Wie er in einem Brief aus dem Jahr 1929 schreibt, habe ihn bereits als Kind auch der frühere Direktor des Germanischen Nationalmuseums, August von Essenwein, zum Sammeln ermuntert.401 Franz Kafka berichtete in seinem Tagebuch am 26. November 1911: 397 Kreczi 1959, S. 65–68: Zum Rechtsstreit zwischen Pachinger und der Stadtgemeinde Linz kam es im Jahr 1933. 398 Vgl. hierzu S. 160 dieser Arbeit. 399 Vgl. Lipp 1970, S. 67. 400 Gutachten zur Sammlung Pachinger von Oskar Oberwalder, Bundesdenkmalamt, zitiert nach Kreczi 1959, S. 58. 401 GNM, Historisches Archiv, GNM-Akten K. 38/73: Pachinger, Anton Maximilian an das Direktorium, Brief vom 06.12.1929. 106 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs „Mit einer Sammlung von Briefmarken fieng er an, gieng dann zur Graphik über, sammelte dann alles, sah dann die Nutzlosigkeit dieser sich niemals abrundenden Sammlung ein und beschränkte sich auf Amulette, später auf Wallfahrtsmedaillen und Wallfahrtsblätter von Niederösterreich und Südbayern […].“402 Freilich kann von einer Beschränkung keineswegs die Rede sein – im Gegenteil: Ein Sammlungsinventar Pachingers in vier Bänden, datiert vom 24. Juni 1929, gibt Einblick in die Bandbreite der Pachinger’schen Sammlung. So unterteilte er diese unter anderem in die Gebiete Miniaturen, Keramik, Gläser, Amulette, Kostüme, Stöcke und Schirme, Geburtssteine, Geburtsfläschchen, Klosterarbeiten, Stangenwaffen, Kämme, Geldbörsen, Tücher, Strümpfe, Textil, Schuhe, Schlüssel, Spielkarten, Strumpfbänder und so weiter.403 Der ehemalige Direktor des Stadtmuseums Linz, Georg Wacha, hielt denn auch fest: „Pachinger sammelte einfach alles.“404 Der Erhalt seiner Sammlung lag Pachinger immer am Herzen, bereits seit 1906 stand er mit dem Germanischen Nationalmuseum in Verhandlungen bezüglich seines Nachlasses. 1915 übergab Pachinger allerdings seine „bedeutende, in die Tausende gehende Wallfahrtsmedaillensammlung“405 an das Kunsthistorische Museum in Wien, wofür er mit dem „Orden der Eisernen Krone III. Klasse“ ausgezeichnet wurde. 1924 gingen in Form einer Schenkung rund 4000 „Kleine[n] Andachtsbilder[n], Malereien, Stiche[n] und Lithographien auf Pergament, Papier und Seide“406 an das Germanische Nationalmuseum, durch welche er den Titel eines „Ehrenkonservators“ erhielt. Seit 1927 stand Pachinger auch mit der Stadtgemeinde Linz in Verhandlungen über seinen Besitz. Jahrelang hatte er sich seinen Studien und seiner Sammelleidenschaft gewidmet, nun zwang ihn die Inflation, „sein Restvermögen zur Sicherung seiner Existenz einzusetzen“407. So kam ein Leibrentenvertrag mit der Gemeinde zustande, mit dem Pachinger seinen Unterhalt sichern konnte. Der Vertrag bestätigte Pachinger zudem die „unveränderte[r] Belassung des derzeitigen Zustandes der Realitäten samt Garten während der Lebenszeit des Übergebers“ sowie die alleini- 402 Kafka, Franz: Tagebücher, Bd. 1 (1909–1912). Frankfurt am Main 1994, S. 212. 403 Vgl. Kreczi 1959, S. 69. Das Original des vierteiligen Originals befindet sich im Oberösterreichischen Landesmuseum, eine Abschrift aus dem Jahr 1958 ist im Stadtmuseum Nordico Linz, Dr. Herfried Thaler gewährte freundlich Einblick. 404 Wacha, Georg: Die Sammlung Pachinger. In: Kroppenstedt/Hoffmann 1969, S. 6–8, S. 6. 405 Lipp 1970, S. 70. 406 Ebd. 407 Kreczi 1959, S. 57. 107 Anton Maximilian Pachinger ge Verwaltung durch ihn selbst.408 Nachdem Pachinger dem Germanischen Nationalmuseum 1906 noch seinen Gesamtbesitz als Erbschaft angeboten hatte, musste er davon aufgrund seiner schwierigen finanziellen Situation nach rund 20 Jahren zurücktreten. Ein Jahr bevor Pachinger seine Sammlung per Leibrentenvertrag der Stadt Linz überließ, bot er Bestände daraus dem Museum für Völkerkunde und Schweizerisches Museum für Volkskunde in Basel an, wo Eduard Hoffmann-Krayer, Gründer und langjähriger Vorsteher der Abteilung „Europa“, damit befasst war.409 Weil die Museumskommission den Ankauf nicht schnell genug genehmigte, nahm Pachinger schließlich die Möglichkeit wahr, seine Sammlung nach Linz zu geben. Hoffmann-Krayer konnte noch auf eigene Kosten vier Mappen mit Andachtsgraphik erwerben, die nach seinem Tod 1936 als Legat ins Museum kamen und bereits 1959 akribisch erfasst wurden.410 In Linz sicherte sich die Stadtgemeinde mit Abschluss des Leibrentenvertrags den Grundstock für ein Stadtmuseum, die Sammlungen Pachingers sollten künftig ganz gemäß der „Jugendidee“411 des Sammlers „der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden“, wie es in dem Vertrag heißt.412 Bereits 1930 sollte eine Ausstellung der Pachinger-Sammlung veranstaltet werden, das Vorhaben scheiterte jedoch an der Kostenfrage. Und auch die eng gedrängte Aufstellung der Sammlung, teilweise in den Privaträumen Pachingers, verunmöglichte dort die Zugänglichkeit für Publikum. Sowohl auf dem Verhandlungsweg als auch vor Gericht konnte zwischen der Stadtgemeinde und Pachinger keine Lösung gefunden werden: Erst wollte der Sammler keinen Platz schaffen, dann die Sammlung nicht herausgeben.413 Weil Pachingers Hauptwohnsitz seit 1915 München war, ließ er seine Linzer Sammlung bis 1934 durch eine Vertrauensperson hüten. Als diese geringe Pflege wegfiel, wandte man sich aus Sorge um die Sammlung im Oktober 1936 an das Bundesdenkmalamt, doch es fehlte die gesetzliche Handhabe, um Konservierungsmaßnahmen zu erzwingen. 408 Kreczi 1959, S. 65–68. Im Jahr 1933 kam es zum Streit zwischen Pachinger und der Stadtgemeinde um die Herausgabe der Sammlungsbestände. Letztere wollte ein neues Stadtmuseum mit Pachingers Objekten bestücken, Pachinger jedoch weigerte sich, seine Sammlungsstücke herzugeben. Die Stadt verlor den von ihr deswegen angestrengten Prozess in allen Instanzen – die Regelungen des Leibrentenvertrags von 1927 lagen zugunsten Pachingers. 409 Vgl. Wunderlin 2016, S. 74f. 410 Grossmann, Emmanuel: Magischer Haus- und Stallschutz. In: Schweizerische Volkskunde 49 (1959) (zugleich Sonderdruck zur gleichnamigen Ausstellung im Schweizerischen Museum für Volkskunde), S. 17–32. 411 Kreczi 1959, S. 70. 412 Ebd., S. 61. 413 Ausführlich zu der Übereignung der Sammlung Pachinger an die Stadtgemeinde Linz bei Kreczi 1959. 108 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs In einem Schreiben vom 14. März 1939 informierten die Linzer Rechtsanwälte Ernst Postel und Fritz Ruckensteiner die Leitung des Germanischen Nationalmuseums schließlich über den Tod Pachingers am 30. November 1938 und über seine Hinterlassenschaft.414 In seinem zuletzt verfassten Testament vom 3. Juni 1929, das dem Brief der Anwälte beigelegt ist, ist die genaue Aufteilung seiner Sammlungsbestände festgelegt: Die Stadtgemeinde Linz erhielt für ein zu errichtendes Heimatmuseum „die Kostümsammlung, die Tischzeug-, Amulett-, Spielkarten und die Almanachsammlung, sowie diejenigen Gemälde in Rahmen, die entweder von Linzer Malern gemalt oder Linz interessierende Persönlichkeiten oder Landschaften darstellen. […] Die Sammlung von prähist. römischen Ausgrabungen, die Beleuchtungsgegenstände, die Rosenkranz- und Gürtel-Sammlung“. Inzwischen wurde der gesamte Pachinger- Bestand im heutigen NORDICO Stadtmuseum Linz digitalisiert, in Teilen wurden einzelne Spezialsammlungen auch weiter bearbeitet und publiziert, so die Kollektionen der Spielkarten und der frühen Fotografien, die archäologischen Einzelstücke. Zudem sind in allgemeineren Kurzüberblicken Waffen-, Textilien-, die Strumpfbandund die Schuhsammlung erfasst sowie diverse Mappen mit Graphiken.415 Die gro- ße Anzahl dreidimensionaler volkskundlicher Objekte aus der Sammlung Pachinger, die im Zuge einer „großangelegten Tauschaktion“416 in den 1940er Jahren an das Oberösterreichische Landesmuseum in Linz kam, harrt hingegen noch ihrer systematischen Aufarbeitung. Der bayerische Staat bekam dem Testament Pachingers entsprechend die in Mappen untergebrachte Autographensammlung sowie 24 Blätter an Manuskripten Adalbert Stifters für die Staatsbibliothek in München. Und das Germanische Nationalmuseum kam tatsächlich zu den graphischen Sammlungen, erhielt zudem die große Wallfahrts- und Pergamentbilder-Sammlung, die Sammlung von Stammbüchern sowie drei Besuchsbücher und einen Sammelband von Zeitungsausschnitten über 414 GNM, Historisches Archiv, GNM-Akten K. 38/73: Postel, Ernst/Ruckensteiner, Fritz an den Direktor, 14.03.1939 bzgl. einer notariellen Inventur des Nachlasses: „Ich meine daher, daß Sie zur Vermeidung gänzlich unnötiger Kosten und ohne Ihre Rechte zu gefährden, auf eine Inventierung Verzicht leisten könnten, zumal meines Wissens museumsfähige Stücke in den restlichen Sammlungen nicht mehr enthalten sind“, heißt es. Dieser Verzicht auf notarielle Inventur der Nachlassenschaft wird am 27. März 1939 von Hauptkonservator Höhn bestätigt –nur kurze Zeit später wurde die Erbschaft abgewickelt. 415 Vgl. Kroppenstedt/Hoffmann 1969; Kandelhart, Max: Katalog der archäologischen Einzelstücke aus der Sammlung Pachinger. In: Aus dem Stadtmuseum Linz 58 (1976), o. S.; Wacha 1985; Hofer 2007. 416 Wacha 1969, S. 7. 109 Anton Maximilian Pachinger Pachingers Arbeiten und Vorträge.417 Im Zugangsregister des Kupferstichkabinetts des Museums wurde schließlich am 8. Juli 1940 eingetragen: „Ein mehrere hundert Blätter zählender Bestand von Zeichnungen, kulturgeschichtlichen u. volkskundlichen Blättern, sowie von Bildnissen, Stichen, Holzschnitten und Steindrucken, Handzeichnungen, kulturhistor. Blätter, Porträts, Stiche, Radierungen, Holzschnitte u. s. w. Vermächtnis des verstorbenen Vorbesitzers [Anton Maximilian Pachinger – Anm. d. Verf.] an das German. Museum.“418 Ergänzt wurde der Bestand durch eine „reiche Sonderabteilung […] der kleinen Gelegenheitsgraphik der geselligen Kultur“419, von der allein eine Auswahl von 3500 Freundschafts- und Glückwunschbillets von Oktober 2004 bis Januar 2005 am Germanischen Nationalmuseum in der Ausstellung „Käufliche Gefühle. Freundschafts- und Glückwunschbillets des Biedermeier“ zu sehen war.420 Während sämtliche Handzeichnungen des Bestands bestimmt und inventarisiert sind, ist eine größere Anzahl religiöser Gebrauchsgraphik noch genauer zu erschließen, ebenso weitere rund 100 Objekte aus Pachingers Nachlass, darunter Medaillen, Orden, Siegel und Archivalien, die das Germanische Nationalmuseum 1965 von einer Haushälterin Pachingers erhalten hat. Derzeit weiterhin offen ist auch eine komplette Rekonstruktion der gesamten, heute auf verschiedene Institutionen und Länder weit verteilten Sammlung Pachinger.421 Anton Maximilian Pachinger war „ein Sammler größeren Stils, der sich nicht mit einem engen Ausschnitt der Kunst- und Kulturgeschichte befasst hat“422, für Karl Wolfskehl war er „ein universeller Spezialist – ach, vielleicht der letzte Polyhistor alles Gewesenen“423. Betrachtet man Publikationen von und Quellen über Pachinger, wird 417 GNM, Historisches Archiv, GNM-Akten K. 38/73: Kopie des Testaments Anton Maximilian Pachingers vom 03.07.1929, anhängend am Brief der Rechtsanwälte Postel und Ruckensteiner vom 14.03.1939. 418 Vgl. die etwas genauere Auflistung und Bewertung des Sammlungsbestandes: o. A.: Geschenke. In: Jahresbericht GNM 1939, S. 44: „[…] zahlreiche kulturgeschichtliche Blätter, unter denen viele hundert Andachts- und Wallfahrtsbilder, Bildnisse, Blätter aus dem häuslichen und geselligen Leben, aus der Welt des Theaters, des Handwerks, des Bauerntums, des Künstlers und so fort, zum Teil Seltenheiten […] Aber auch Holzschnitte, Stiche, Radierungen und Steindrucke schließen sich an, unter ihnen Radierungen von Rembrandt und Ostade, Stiche von Montagna und Dürer […]“ 419 Jahresbericht GNM 1939, S. 44. 420 Vgl. Doosry 2004. 421 Am Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz war man zeitweise bestrebt, in einem größeren Kooperationsprojekt mit anderen Museen die Sammlung Pachinger zu erfassen und zu erschlie- ßen, allerdings wurde das Projekt noch nicht umgesetzt. 422 Rieber 1956, o. S. 423 Wolfskehl, Karl: Hofrat A. M. Pachinger. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 2: Übertragungen, Prosa, hrsg. v. Margot Ruben und Claus Victor Bock. Hamburg 1960, S. 485–487, S. 486. 110 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs deutlich, dass er nicht nur ein vielseitig interessierter und ambitionierter Sammler, sondern auch ein anerkannter kulturhistorischer Forscher war. So bildet Pachingers in Wien befindliche Sammlung von Wallfahrts- und Weihemünzen den mit großer Kenntnis zusammengetragenen Kern des gesamten Bestandes dieses Sammlungsgebietes im Kunsthistorischen Museum, seine Editionen dazu galten noch in den 1970er Jahren als „die unübertroffenen Standardwerke auf dem Gebiet der religiösen Numismatik“424. Pachingers ebenfalls „mit großen kulturhistorischen Kenntnissen und Kennerschaft angelegte“425 Kollektion historischer Fotografien im Linzer Stadtmuseum Nordico wird als „hoch bedeutend[en]“426 eingeschätzt und auch die kleinformatige Graphik am Museum der Kulturen in Basel bildet ein Kernstück der graphischen Sammlung respektive der Sammlung zur religiösen Volkskunde. Karl Wolfskehl lobte Pachinger als „König der Sammler […], den großen Kenner aller volkskundlichen, kulturgeschichtlichen und Kunst-Antiquitäten Europas“427, Viktor von Lychdorff hob den Fleiß, die Gründlichkeit und Gediegenheit der Pachinger’schen Sammlung und seiner wissenschaftlichen Arbeiten hervor.428 Pachingers Publikationen zeugen von regem Interesse an religiösen Themen, so schrieb er nicht nur über Wallfahrtsmedaillen429, über Krankheitspatrone auf Heiligenbildern430 und alte Gebetbücher431, sondern auch über die Gründung des Linzer Bistums432 und kirchliche Missstände in Oberösterreich im 13. Jahrhundert433. Hin- 424 Lipp 1970, S. 71. 425 Thaler, Herfried: Vorwort. In: Hofer 2007, S. 8f, S. 8. 426 Thaler 2007, S. 8. 427 Wolfskehl 1960c, S. 485. 428 Vgl. Lychdorff, Viktor von: Die Sammlung Pachinger in Linz a. D. In: Antiquitäten-Rundschau 11 (1904) H. 21, S. 241–244, S. 242.: „Dr. Pachinger ist ein fleißiger Arbeiter, der nicht nur seine eigenen Objekte in tadelloser Ordnung hält, sondern auch bei Aufstellung und Katalogisierung anderer Sammlungen gern helfend zur Hand geht. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, seine Vorträge […] zeichnen sich durch Gründlichkeit und Gediegenheit aus.“ 429 Beispielsweise Pachinger, Anton Maximilian: Unedierte Medaillen auf bayerische Wallfahrtsorte, Kirchen und Klöster aus der Sammlung Pachinger, Linz. In: Mitteilungen der Bayerischen Numismatischen Gesellschaft, 24 (1904), S. 31–59; Ders.: Wallfahrts-, Bruderschafts- und Gnaden- Medaillen des Herzogtums Salzburg. Wien 1908; Ders.: Wallfahrts-, Bruderschafts- und Weihe-Medaillen der gefürsteten Grafschaft Tirol und Vorarlberg. Wien 1908; Ders.: Maria Kirchenthal, die älteste Medaille dieser Wallfahrt. In: Blätter für Münzfreunde 46 (1911), Sp. 4684–4686. 430 Ders.: Über Krankheitspatrone auf Heiligenbildern. In: Archiv für Geschichte der Medizin 2 (1909) 5, S. 351–374. 431 Ders.: Alte Gebetbücher. In: Internationale Sammler-Zeitung 9 (1917) 7, S. 53–55. 432 Ders.: Die Gründung des Linzer Bistums. In: Unterhaltungsbeilage der Linzer Tages-Post 6 (1907) 12, o. S. 433 Ders.: Kirchliche Mißstände in Oberösterreich im 13. Jahrhundert. In: Unterhaltungsbeilage der Linzer Tages-Post 6 (1907) 47, o. S. 111 Anton Maximilian Pachinger zu kamen Themen aus dem Gebiet des volkstümlichen Aberglaubens434, hier insbesondere Talismane und Amulette, und aus dem Bereich der Kulturgeschichte, beispielsweise Ostereier, Ledergeld oder Kinderspielzeug.435 1904 brachte er seine ersten größeren Publikationen heraus, rund 80 Veröffentlichungen werden es bis zu seiner letzten im Jahr 1931 sein. Die Quellen über den Sammler erzählen jedoch nicht nur von seiner „reich eingebrachten Ernte an unwiederbringlichem Kulturgut und deren geistige Verarbeitung und Aufbereitung“436. Vielmehr wissen sie auch von seinen „sehr skurrilen und sehr eindeutigen Neigungen“437 zu berichten. Von den besonderen Vorlieben des Herrn Hofrat schreibt beispielsweise Kafka, nach einem Besuch bei Pachinger in einem Tagebucheintrag vom 26. November 1911: „Er liebt Rubensweiber wie er sagt […]“, „den schwangeren Körper hält er für den schönsten, er ist ihm auch am angenehmsten zu vögeln“.438 Und noch einmal in einem Eintrag vom 12. Juni 1914: „Liebe zu dicken Weibern. Jede Frau, die er hatte, wird photographiert. Stoß von Photographien, die er jedem Besucher zeigt. Sitzt in einer Sophaecke, der Besucher, von ihm weit entfernt, in der andern. Pachinger sieht kaum hin und weiß doch immer, welche Photographie an der Reihe ist und gibt danach seine Erklärungen […].“439 Und Alfred Kubin bezeichnete Pachinger in einem Brief an Fritz von Herzmanovsky- Orlando als „Busenfetischist“440. Noch Alois Eder nannte Pachinger Mitte der 1990er Jahre kurz „Erotomane“, denn „das Anrüchige“ sei offenbar besonders faszinierend 434 Vgl. beispielsweise Pachinger 1912; Ders.: Ein Talisman der Katharina von Medici. In: Mitteilungen der Bayerischen Numismatischen Gesellschaft 31 (1913), S. 52–72 und 32/33 (1914), S. 25–27; Ders.: Ein polnisches Amulett gegen den bösen Blick. In: Blätter für Münzfreunde 50 (1915) 6/7, Sp. 5850. 435 Vgl. beispielsweise Pachinger, Anton Maximilian: Ostereier. In: Zeitschrift für österreichische Volkskunde 1 (1896), S. 287/288; Ders.: Ledergeld aus Oberösterreich. In: Blätter für Münzfreunde 45 (1911) 11, Sp. 4577/4578; Ders.: Altes Kinderspielzeug. In: Internationale Sammler-Zeitung 13 (1921) 13, S. 141–143. 436 Lipp 1970, S. 72. 437 Ebd. 438 Kafka 1994a, S. 214 und 213. 439 Kafka, Franz: Tagebücher, Bd. 2 (1912–1914). Frankfurt am Main 1994, S. 159. 440 Herzmanovsky-Orlando, Fritz von: Sämtliche Werke, Bd. VII: Der Briefwechsel mit Alfred Kubin 1903–1952, hrsg. u. komm. v. Michael Klein. Salzburg/Wien 1983, S. 65: Brief von Alfred Kubin vom 27.09.1911. 112 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs für ihn gewesen.441 Seine angeblichen Vorlieben sexueller Art, die Themen „Erotik“, „Sexualität“ und „das Weib“ im Allgemeinen spiegeln sich auch in Pachingers Sammlung, seinen Publikationen, seinen Exlibris, einer Gedenkmedaille sowie in Abbildungen des Sammlers wider. Sein „Leitfossil“442, durch das die „Weichen für die künftige Sammeltätigkeit gestellt“443 wurden, war dabei der Legende nach ein Keuschheitsgürtel, den er 1889 „bei der Öffnung einer adligen Gruft des ausgehenden 16. Jh.s“444 entnahm: Er weise, so Pachingers Biograph Franz Lipp, „jene Verbindung von Makabrem mit Erotischem“445 auf, die der Sammler besonders schätzte. Auch Pachingers Exlibris thematisieren die Vorlieben des Sammlers. Aus dem Jahr 1908 stammt eine Vorzeichnung Hans Rixners für ein Exlibris, das eine nackte, schwangere Frau mit einer zur Linzer Tracht gehörenden Goldhaube zeigt, in ihren Händen hält sie ein großes Buch (Abb. 2). Im Hintergrund verweisen die Donau und die Wallfahrtskirche auf dem Pöstlingberg auf Pachingers Heimatstadt Linz. Thema- 441 Eder 1995, S. 89 und S. 91. 442 Roth-Wölfle, Lotte: Chronik der Mappe 1926–1990. In: Dies. (Hrsg): Die Münchner Freie Gesellige Vereinigung „Die Mappe“ 1926–1990. München 1990, S. 9–17, S. 11. 443 Lipp 1970, S. 65. 444 Ebd. 445 Ebd. Abb. 2: Hans Rixner: Exlibris Pachinger. Aquarell auf Papier, 1908. Abb. 3: Hans Rixner: Exlibris Pachinger Anton Maximilian. Lithographie auf Papier, 1911. 113 Anton Maximilian Pachinger tisiert wird so zum einen Pachingers heimatkundliche Forschungsarbeit, aber eben auch seine Vorliebe für sittengeschichtliche und erotische Themen. Auf einem Exlibris Pachingers aus dem Jahr 1911 taucht dann auch der Keuschheitsgürtel wieder auf: Baumelnd an einem Schwert, zwischen allerlei Büchern und weiteren Sammlungsobjekten wie Krügen, einem Kelch, Münzen, einem Kruzifix und einem Totenkopf mit Hauskäppchen (Abb. 3). Noch expliziter ist ein mit „Der Busenfreund“ betiteltes Exlibris von Alfred Kubin aus dem Jahr 1911, das den Hofrat als kleine Figur vor einer sphinxartigen, überlebensgroßen Frauenfigur mit entblößten, riesigen Brüsten zeigt (Abb. 4) und dessen Vorzeichnung sich in der Graphischen Sammlung des Germanischen Nationalmuseums befindet (Abb. 5). Ein weiteres Exlibris verweist konkret auf Pachingers Erotica-Sammlung, genauer seine pornographische Bibliothek: Es zeigt, so beschreibt es Lipp, „eine hochschwangere Frau mit expressiven Brüsten, mit Keuschheitsgürtel bekleidet, in verzückter Stellung ein geöffnetes Buch von sich abhalten, auf einer Wolke von Schamhaaren schwebend. Darunter: EX.LI- Abb. 4: Alfred Kubin: Ex Libris A. Pachinger. Lithographie, 1911. Abb. 5: Alfred Kubin: Vorzeichnung Ex Libris A. Pachinger. Federzeichnung in Schwarz, 1911. 114 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs BRIS.EROTICIS. […] Über dem Bilde lapidar der Name Dr. Pachinger.“446 Und auch eine Bronzemedaille von Karl Goetz, die 1909 zum 45. Geburtstag Pachingers geprägt wurde, knüpft an Pachingers Affinität zu seinen liebsten Sammlungsgebieten an, dem der Frömmigkeit und dem der Erotik: Neben einem Porträt Pachingers auf der einen Seite, ist auf der anderen dargestellt, wie ein kleiner Putto einer nackten Frau eine kleine Statuette mit einer schwangeren Madonna anreicht (Abb. 6). Thematisieren diese Darstellungen Pachingers recht offenherzig seine sammlerischen Vorliebe rund um den Bereich der Erotik im weitesten Sinn, so schätzte er diese selbst offenbar als nicht ganz unproblematisch ein. Im oben bereits erwähnten Inventar Pachingers gibt es denn auch einen Hinweis des Sammlers vom 15. Juni 1929 auf seine Erotica-Sammlung, genauer die pornographische Bibliothek: „Die in dem Inventar auf Seite 189–200 ausgeführten Bücher sind erotischer, teilweise pornografischen Inhalts und daher für ein lokales Heimatmuseum in der Provinz ungeeignet. Sind daher unter allen Umständen auszuschalten.“447 Pachinger wollte vermeiden, dass die Kollektion mit den anderen Bestandteilen seiner Sammlung ins Stadtmuseum Linz kommt – dennoch wurde sie, gegen den ausdrücklichen Willen Pachingers, „auf dem Wege der freien Vereinbarung“ schließlich dorthin transferiert.448 446 Lipp 1970, S. 66f. 447 Abschrift des Sammlungsinventars Pachinger, Stadtmuseum Nordico Linz, Bd. 4, Linz 1958. Auf die Aufzählung des Inhalts genannter Seiten wurde in der Abschrift verzichtet. 448 Kreczi 1959, S. 100. Abb. 6: Karl Götz: Medaille A. M. Pachinger, Vorder- und Rückseite. Bronze, 1909. 115 Anton Maximilian Pachinger Auch in vielen von Pachingers veröffentlichten Büchern und Texten, die stets in Bezug zu seinen Sammlungen stehen, zeigt sich das Interesse für Themengebiete aus den Bereichen der Sittengeschichte: So schrieb er unter anderem über „Die Schwangere und das Neugeborene in Glauben und Brauch der Völker“449, mehrmals über Strumpf, Strumpfband und Strumpfbandverse450, über „Die Hebamme in einer kulturgeschichtlichen Studie“451, über „Bauern-Erotik“452, er betrieb Untersuchungen über den Keuschheitsgürtel453 und publizierte nicht zuletzt zu „Die Mutterschaft in der Malerei und Graphik“454. Vermutlich hatte Pachinger zudem eine Arbeit über die Prostitution als Thema in der Kunst geplant. Dafür sprechen nicht nur Briefe von einem Forscherkollegen mit entsprechenden Hinweisen455, sondern auch seine mehr als 1000 Blätter große Spezialsammlung von graphischen Blättern mit Darstellung der Maria Magdalena, die nicht nur als Anregung für die Verschriftlichung des Themas, sondern auch für Überlegungen zum Abbildungskatalog dienen konnte. Wenngleich Pachinger letztlich keine Arbeit über die Prostitution in der Kunst veröffentlicht hat, so fällt das Thema der Prostituierten und deren Prototyp Maria Magdalena eindeutig in Pachingers Forschungsinteressen, denn auch in seiner Arbeit über „Die Mutterschaft in der Malerei und Graphik“ befasste er sich über mehrere Seiten hinweg mit der „gefallenen“, zumeist ledig schwangeren Frau, Prostituierten in England und „Soldatenweibern“ sowie mit Darstellungen ebendieser in sogenannten „Sittenbildern“.456 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Sammlung Pachinger kulturhistorisch ausgerichtet war, besondere Spezialgebiete waren die religiöse Volkskunde und 449 Pachinger, Anton Maximilian: Die Schwangere und das Neugeborene in Glauben und Brauch der Völker. In: Anthropophytheia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral 3 (1906), S. 34–40. 450 Ders.: Strumpfbandverse. Kulturgeschichtliche Plauderei. In: Antiquitäten-Rundschau 10 (1912) 7; Ders.: Strumpf und Strumpfband. In: Geschlecht und Gesellschaft 11 (1923) 12, S. 343–365. 451 Ders.: Die Hebamme in einer kulturgeschichtlichen Studie In: Archiv für Geschichte der Medizin 12 (1920) 1/2, S. 73–78. 452 Ders.: Bauern-Erotik. In: Archiv für Menschenkunde 1 (1925/26) 1, S. 46–48. 453 Ders.: Der Keuschheitsgürtel. In: Antiquitäten-Rundschau 2 (1904) 4, S. 40–42 und 5, S. 50/51. 454 Ders.: Die Mutterschaft in der Malerei und Graphik. Mit einem Vorwort von Gustav Klein. München 1906. Mit 212 Seiten ist dies die größte Publikation Pachingers. 455 Vgl. BSB, Pachingeriana I. Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen, Wien, hrsg. v. Friedrich Salomon Krauss: Briefe vom 03. und 09.04., 17.09.1906 von Krauss an Pachinger, der ihm nicht nur Literatur zum Thema verschaffen wollte und Hinweise für die Recherche gab, sondern auch die Begeisterung von Wissenschaftlerkollegen ob des Vorhabens Pachingers an ihn vermittelte. Auch gab Krauss, der die Arbeit Pachingers wohl als „Beiwerk zur Anthropophyteia“ plante, später konkretere Anleitungen zur Erstellung des Werks, besonders im Hinblick auf die Abbildungen und deren Beschreibung. Ausführlicher hierzu Wuttke 2006, S. 81f. 456 Pachinger 1906a, S. 49–63 und 77f. 116 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs die Sittengeschichte. Dabei machte nicht nur die finanzielle Situation Pachingers den Ankauf von als Meisterwerke verhandelter Kunst für seine Sammlung unmöglich, auch scheint das gar nicht Pachingers Ansinnen gewesen zu sein. Vielmehr wirkte er als „ein Entdecker, ein Retter von gefährdetem Kunstgut, er fischte es sozusagen aus dem Strom der Zeit, er holte auf Grund seines Wissens das Verschollene und Unbeachtete ans Licht“457. Ziel war es, „eigene, noch nicht ausgefahrene Wege zu gehen und das zu sammeln, was nicht in Mode war“458. Dabei weist die Kollektion eine Vielzahl biographischer Züge auf,459 denn Pachinger hat „bisweilen auch sich ,selbst gesammelt‘ und in seine eigene Herkunft hinabgeleuchtet“460. Die Geschichte eines jeden seiner gesammelten Objekte kannte er, „das Gewesene wurde lebendig. Das Gewesene sprach aus ihm“,461 wie Annie Francé-Harrar in ihren Lebenserinnerungen poetisch zusammenfasste. Pachinger reiht sich mit seinem „hochkultivierten Amateurismus des Sammelns und des Erforschens“462 einerseits in die Reihe von Wissenschaftlern um die Jahrhundertwende ein, die sich nicht am damals gängigen Kanon dominanter Sichtweisen von Geschichte orientierten, sondern sich mit neueren kulturwissenschaftlichen Perspektiven auseinandersetzten. Im Fokus standen auch bei ihm neue Gegenstände und soziale Schichten als bei der zu dieser Zeit vorrangig betriebenen politischdynastischen Ereignisgeschichte: Das Forschungsinteresse verschob sich hier „auf Bereiche der materiellen und ideellen Kultur, auf kollektive Zustände und Erscheinungen, auf das Bürgertum und nicht zuletzt auf die breiteren Volksschichten. […] Die Arbeit und Lebensweise werden ebenso wichtig wie soziale Strukturen und der Mechanismus sozialer Zusammenhänge. Einbezogen werden sollen die sittlichen Zustände und die Denkweise des Volkes, die Gebräuche, Moden und Ergötzungen“463. Zunehmend gewann dabei die Vorstellung Raum, dass „mit Sachzeugen nicht nur eine neue Qualität der Veranschaulichung der Vergangenheit, sondern auch ihrer vertiefenden Interpretation gewonnen werden kann“.464 Bis zur Jahrhundertwende 457 Rieber 156, o. S. 458 Roth-Wölfle, Lotte: Die Mappenchronik. Chronik der freien geselligen Vereinigung DIE MAPPE 1926–1972. In: Sammeln 1973, S. 184–193, S. 185. 459 Darauf verwies zuletzt: Hofer 2007b, S. 20. 460 Lipp 1970, S. 64. 461 Francé-Harrar 1962, S. 102. 462 Lipp, Franz: Pachinger Anton Maximilian. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950. Band 7. Wien 1978, S. 282. 463 Schleier, Hans: Kulturgeschichte im 19. Jahrhundert. Oppositionswissenschaft, Modernisierungsgeschichte, Geistesgeschichte, spezialisierte Sammlungsbewegung. In: Küttler, Wolfgang/Rüsen, Jörn/Schulin, Ernst (Hrsg.): Geschichtsdiskurs. Bd. 3: Die Epoche der Historisierung. Frankfurt am Main 1997, S. 424–446, S. 431. 464 Schleier 1997, S. 432. 117 Anton Maximilian Pachinger war – trotz Opposition der Fachhistoriker – die Kulturgeschichte zu einer der „wichtigsten Alternativkonzeptionen der traditionellen akademischen Geschichtsschreibung“465 geworden, die nicht durch eine Vielzahl von Amateurhistorikern, sondern auch durch ein breites bürgerliches Publikum getragen wurde.466 Wuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Anzahl von Privatkollektionen, von Geschichtsund Altertumsvereinen sowie institutionellen Sammlungen mit kulturhistorischer Ausrichtung, so etablierten sich um die Jahrhundertwende auch kulturhistorische Fächer wie die Volkskunde als wissenschaftliche Disziplinen an den Hochschulen. Pachinger fügt sich hier als Sammelnder und Forschender in die zunehmend bedeutender werdende Gruppe kulturhistorischer Amateure und Fachleute ein, die im Zuge dieses wissenschaftlichen Paradigmenwechsels auch im Feld des Sammelns zwar nicht die dominierende Gruppierung darstellt, jedoch als Repräsentanten dieser wichtigen Wissenschaftsausrichtung dennoch eine bedeutende Position einnimmt. Die weitere Ausrichtung auf die Sittengeschichte stellt Pachinger andererseits in eine Reihe von Wissenschaftlern, Künstlern und Literaten, die um 1900 Sexualität und speziell „das Weib“ zu ihrer zentralen Forschungsaufgabe und ihrem Hauptmotiv gemacht haben. „An der Angel der Geschlechtlichkeiten bissen sich nicht nur die Ethnologie […], die damals noch junge Volkskunde […], sondern auch die Philosophie und Psychologie und selbstverständlich auch die Medizin fest.“467 So wurden um die Jahrhundertwende Themen wie beispielsweise das Dirnentum „in weiten Kreisen der Öffentlichkeit diskutiert: Politiker, Sozialreformer, Sexualwissenschaftler, Venerologen, Eugenetiker, Demographen, Moralstatistiker, Juristen, Theologen, Sittlichkeitsvereine, Maler, Schriftsteller, bürgerliche und proletarische Frauenbewegung – sie alle beschäftigen sich mit der Prostitution“.468 Dabei stieß der Diskurs über diese Themen immer wieder auf Tabus konservativer gesellschaftlicher Anschauungen und kam an die Grenzen der bürgerlichen Moral. Personen, die sich mit ihnen dennoch auseinandersetzten, wurden zu Grenzgängern des gesellschaftlich und auch wissenschaftlich Akzeptablen. So auch Pachinger, der sich, wie Quellen belegen, oftmals am Rande des auf die Norm zentrierten gesellschaftlichen Feldes bewegte. Er agierte unter anderem als Mittelsmann in die Welt des Anrüchigen, wie ein Brief von Franz von Bayros aus dem Jahr 1908 zeigt: 465 Schleier 1997, S. 424. 466 Ebd., S. 442. 467 Lipp 1970, S. 66. 468 Krafft, Sybille: Zucht und Unzucht. Prostitution und Sittenpolizei im München der Jahrhundertwende (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt München, Bd. 2). Diss. München 1989. München 1996, S. 59. 118 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs „[…] Ich habe nämlich einem Herrn, dem ich sehr verpflichtet bin, versprochen, mich nach der Adresse – oder gleich lieber nach dem Gegenstande selber – einem Godemiché – zu erkundigen und ihm selben vielleicht zu verschaffen – denn hier dürfen solche nicht verkauft werden […]. Nun erinnerte ich mich, dass Sie einmal einen Kathalog zeigten von erot. Sachern wo rückwärts auch Godemichés angekündigt waren – und sagten, er sei aus Wien. […].“469 Bayros fragte bei Pachinger folgend an, ob es ihm möglich sei, einen solchen zu beschaffen – und bestellt schließlich zwei Godemichés, einen für seinen Bekannten und einen für sich selbst. Während sich solcherlei Begebenheiten in kleineren privaten Herrenzirkeln abspielten, geriet Pachinger mit seinen Publikationen, mit denen er an die Öffentlichkeit trat, ins Visier der Tugendwächter. So warnt der Verleger der Zeitschrift „Die freie Warte“, Emil Karl Blümml, dass der Literatur- und Kunstkritiker Benediktinerpater P. Ansgar Pöllmann470 ihn und Pachinger wegen dessen Mitarbeit an der „Freien Warte“ im Wiener „Deutschen Volksblatt“ „heftig angegriffen“ habe: „Pöllmann wirft mir und Ihnen Ihre Bücher über die Mutterschaft und dgl. vor, woraus ich ersehe, daß er die Bücher zwar kennt, aber ihren wissenschaftlichen Wert nicht versteht oder verstehen will.“471 Er wolle Pachinger „vor diesem giftstrotzenden Pater warnen, der private Mitteilungen (so über Ihre Sammlungen und dgl.) zu agitatorischen Zwecken verwertet“.472 Tatsächlich findet sich im Deutschen Volksblatt vom 13. Oktober ein Artikel Pöllmanns, in dem er Pachinger nicht nur des Dilettantismus und der Publikation fremder Texte unter eigenem Namen bezichtigt, sondern ihn auch wegen seiner anrüchig erscheinenden, „pikant illustriert[en]“ Publikationen kritisiert.473 469 BSB, Pachingeriana I. Bayros, Franz v., Brief Juli 1908. 470 Vgl. Hatzig, Hansotto/Klußmeier, Gerhard: Pöllmann versus May – May versus Pöllmann. Dokumente zum Ende einer Kontroverse ohne Schluß. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1982, S. 245–284. 471 Alle Zitate aus BSB, Pachingeriana I. Blümml, Emil Karl, Brief vom 23.10.1907. 472 BSB, Pachingeriana I. Blümml, Emil Karl, Brief vom 23.10.1907. 473 Vgl. nn [Autorenkürzel von P. Ansgar Pöllmann – Anm. d. Verf.]: Die „freie Warte“ (Ein ernstes Wort.). In: Deutsches Volksblatt (1907), Nr. 6746, Seite 10: „Da trifft man unter den Beiträgen [der „Freien Warte“ – Anm. d. Verf.] gleich einen von dem bekannten ‚Archäologen‘ A.M. Pachinger über ‚Prähistorische Perioden‘. Der Herr ist ausgewachsener Dilettant ohne jede Vorbildung und läßt sich von einem gewissen Lychdorff (recto Vinzenz Leicht!) seine ‚wissenschaftlichen‘ Aufsät- 119 Anton Maximilian Pachinger Und nicht nur persönlich wurde Pachinger öffentlich angegriffen, auch die Publikationsorgane, an denen er beteiligt war, standen im Kreuzfeuer der Bewahrer der Sittlichkeit, auch der als solche fungierenden staatlichen Organen. So beispielsweise die „Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral“, die Friedrich S. Krauss von 1904 bis 1910 in zehn Bänden und mit umfangreichen Beiwerken und historischen Quellenschriften als Privatdruck herausgab. Anton Maximilian Pachinger veröffentlichte im dritten Band der „Anthropophyteia“ Aufsätze über „Phallische Amulette aus Oberösterreich“474 und über „Die Schwangere und das Neugeborene in Glauben und Brauch der Völker“475, doch schon vorher kam es zu einem kurzfristigen Verbot der Zeitschrift. So schreibt Krauss am 21. Februar 1906 an Pachinger: „Meine Anth. II ist hier kürzlich verboten worden und ich habe die Ehre offiziell ein Pornograph zu heissen. Diesem Schicksal dürften auch Sie verdientermaßen schwerlich entrinnen. Dass sich Prof. G. Klein bereit fand, Ihr ‚auf die Aufwühlung des Schmutzes‘, wie man so schön sagt, berechnetes Werk einzubegleiten, belastet Sie in den Augen unserer Tugendwächter noch mehr, denn bekanntlich entblödet sich Prof. Klein gar nicht, Frauen an die Geschlechtsteile und sogar hineinzugreifen!“476 Gegen die Zeitschrift wurde immer wieder massiv vorgegangen, zahlreiche Gerichtsprozesse wegen angeblicher Unsittlichkeit trieben ihren Herausgeber schließlich in ze fabrizieren, die dann unter Pachingers Namen erscheinen. Schon seit Jahren düpiert er die Redaktionen mit solcher Kost. Seine Sammlungen nützt er in neuerer Zeit auch für sexuelle Aufklärung aus. Es erschienen nacheinander aus seiner, das ist Vinzenz Leichts Feder: ‚Der Keuschheitsgürtel‘ (1904), ‚Die Mutterschaft in der Malerei und Graphik‘ (1906), woran sich als neueste Leistung ‚Das Weib in der Schwangerschaft‘ schließt, versteht sich: alle pikant illustriert. Mit diesem auserlesenen Tugendholde im Bunde will die ‚Freie Warte‘ katholische Wissenschaft im allgemeinen, Prähistorie im besonderen fördern?“ 474 Pachinger, Anton Maximilian: Phallische Amulette aus Oberösterreich. In: Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral 3 (1906), S. 411–417. 475 Ders.: Die Schwangere und das Neugeborene in Glauben und Brauch der Völker. In: Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral 3 (1906), S. 34–40. 476 BSB, Pachingeriana I. Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen, Wien, hrsg. v. Friedrich Salomon Krauss, Brief vom 21.02.1906. 120 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs den finanziellen Ruin und die Zeitschrift wurde eingestellt.477 Pachinger veröffentlichte später auch Beiträge in der Zeitschrift „Geschlecht und Gesellschaft“, deren Offenheit, mit der in den Abhandlungen auch Fragen des Sexuallebens thematisiert wurden, bereits nach dem Erscheinen des ersten Heftes ebenfalls zu Versuchen führte, die Zeitschrift gerichtlich verbieten zu lassen.478 Weil der daraus erwachsene Rechtsstreit aber zu der Entscheidung führte, dass die Zeitschrift in keiner Weise als unsittlich zu betrachten, sondern als „in ihrer Tendenz berechtigt und sittlich, zumal sie nicht für die unreife Jugend, sondern für erwachsene und gebildete Leser bestimmt“ sei, konnte das Blatt, das bis 1927 erschien, weiter publiziert werden. 3.2 Eduard Fuchs In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde Eduard Fuchs einer breiteren Öffentlichkeit als Sammler bekannt: Fach- und Publikumszeitschriften wie die „Neue Revue“, „Kunst und Künstler“, „Das Kunstblatt“ und „Die Dame“ berichteten in ausführlichen, bebilderten Artikeln über den Sammler und bedeutende Teile seiner Kollektion.479 Schon um die Jahrhundertwende war Fuchs selbst in die Öffentlichkeit getreten und hatte sich einen Namen als Journalist, Arbeiterdichter, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller gemacht. Seit 1892 war er als Redakteur bei der Satire-Zeitschrift „Süddeutscher Postillon“ in München tätig, er verfasste zudem politische Gedichte, die nicht nur im „Postillon“, sondern auch als sozialistische Gedichtsammlung480 veröffentlicht wurden. Später war er freier Autor und widmete sich, basierend auf Überlegungen des historischen Materialismus und der Psychoanalyse, Forschungen zu historischen Epochen und deren ästhetischer Kultur. Ein erstes differenziertes Urteil über Fuchs’ Wirken publizierte 1937 Walter Benjamin in 477 Vgl. Walravens, Hartmut: Einleitung. In: Ders.: Schriftenverzeichnis des Wiener Ethnologen, Sexualwissenschaftlers, Schriftstellers und Verlegers Friedrich S. Krauss (1859–1938). Berlin 2010, S. 13–31, S. 14. 478 Eine Kurzbeschreibung der Zeitschrift „Geschlecht und Gesellschaft“ findet sich in der Reihe „Historische Quellen zur Frauenbewegung und Geschlechterproblematik“ des Harald Fischer Verlags, online unter www.haraldfischerverlag.de/hfv/reihen/HQ/hq03.php (zuletzt abgerufen am 10.06.2015). 479 Vgl. Bondy, Joseph Adolph: Eine Berliner Privatsammlung. In: Neue Revue (1909) H. 22/23, S. 767– 770; Breuer, Robert: Die Sammlung Eduard Fuchs. In: Kunst und Künstler X (1912) H. 9, S. 449– 464; Westheim, Paul: Das Haus eines Sammlers. Die Sammlung Eduard Fuchs, Zehlendorf. In: Das Kunstblatt 10 (1926), S. 106–113; Goro: Das Haus eines Sammlers. Das Heim des Kulturhistorikers Eduard Fuchs in Zehlendorf bei Berlin. In: Die Dame, 2. Aprilheft (1928) H. 15, S. 8–13 und S. 28. 480 Fuchs, Eduard/Kaiser, Karl/Klaar, Ernst: Aus dem Klassenkampf. Soziale Gedichte. München 1894. 121 Eduard Fuchs seinem Aufsatz „Eduard Fuchs, der Sammler und der Historiker“ in der „Zeitschrift für Sozialforschung“, in der er Fuchs’ Leistungen würdigte, jedoch auch auf dessen methodische Schwächen hinwies.481 Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte Fuchs als Figur des Sammlers und Schriftstellers vielfach in den Lebenserinnerungen zahlreicher seiner Zeitgenossen auf.482 Antiquariate verzeichneten seit Ende der 1960er Jahre „ein kontinuierliches Anwachsen“483 des Interesses an den im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts publizierten Fuchs’schen schriftstellerischen Werken, die zum großen Teil unter den Nationalsozialisten verboten worden waren. In den 1970er und 1980er Jahren wurden einige von Fuchs’ Arbeiten wieder aufgelegt, was eine neue wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Eduard Fuchs und dessen schriftstellerischem Werk anregte, die in Folge der Neuorientierung von Teilen der wissenschaftlichen Disziplinen nach der 1968er-Bewegung auch an ältere, links ausgerichtete Theorien und Konzepte kri- 481 Benjamin 1937. Zur Entstehungsgeschichte des Aufsatzes vgl. Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften, Bd. II/3: Aufsätze, Essays, Vorträge, hrsg. v. Rolf Tiedemann u. Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main 1989, S. 1316–1363; Kranz, Isabel: Sammler, Bürger, Regenschirm: Walter Benjamin über Honoré Daumier. In: „Daumier ist ungeheuer!“ (Max Liebermann). Gemälde, Zeichnungen, Graphik, Bronzen von Honoré Daumier. Ausst.kat. Max-Liebermann-Haus, Berlin, hrsg. v. der Stiftung Brandenburger Tor. Berlin 2013, S. 79–83; Weitz, Ulrich: Der Mann im Schatten. Eduard Fuchs. Sitten-Fuchs, Sozialist, Konspirateur, Sammler, Mäzen. Berlin 2014, S. 353–356. Den Aufsatz über Fuchs schrieb Benjamin für die „Zeitschrift für Sozialforschung“ als Auftragsarbeit auf Wunsch Max Horkheimers. Benjamin stand dem Auftrag wohl anfangs etwas unwillig gegenüber, weil er ihn an der Arbeit zu seinem „Passagenwerk“ abhielt, doch musste er an die Sicherung seines Lebensunterhalts denken. Dennoch ging die Arbeit am Aufsatz recht schleppend voran, über drei Jahre mit mehreren Unterbrechungen benötigte Benjamin für die Vollendung. Dann allerdings war nicht nur der Auftraggeber sehr zufrieden, sondern auch Benjamin selbst: Ihm sei es gelungen, so betont er, im Text wichtige allgemeine Überlegungen zum dialektischen Materialismus unterzubringen und diesen darin als Methode zu verhandeln. Die Zögerlichkeit Benjamins beim Verfassen des Aufsatzes wurde zuletzt unterschiedlich beurteilt. Während Kranz 2013 darauf hinweist, dass sich Benjamin Fuchs nur „unter höchsten Vorsichtsmaßnahmen näherte, da ihre Sujets zu nahe an seinen eigenen Themen zu liegen schienen“ (S. 79), beurteilt Weitz 2014 Benjamins Zögern kritischer: Als elitärer Intellektueller mache er keinen Hehl daraus, dass er sich nur aus Not dazu herbeilasse, sich mit Werken des populären Schriftstellers Fuchs auseinanderzusetzen, der zwar an ähnlichen Themen forscht, aber doch einer anderen Generation angehöre (S. 353). 482 Vgl. Grosz, George: Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt. Reinbek 1986; Guthmann, Johannes: Goldene Frucht. Begegnungen mit Menschen, Gärten und Häusern. Tübingen 1955; Perls, Hugo: Warum ist Kamilla schön? Von Kunst, Künstlern und Kunsthandel. München 1962; Erdmann-Macke, Elisabeth: Begegnungen. Bielefeld 2009. 483 Darauf verwies: Jestrabek, Heiner: Eduard Fuchs. Eine biographisch-politische Skizze. Reutlingen 2012, S. 143. 122 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs tisch anknüpfte.484 Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR befassten sich Forscher dieser Zeit mit seinen Publikationen und analysierten diese unter Berücksichtigung der historischen, kulturellen und politischen Bedingungen, um sie und ihren Produzenten kulturhistorisch und ideologisch zu verorten.485 In der aktuelleren Forschung der letzten zwanzig Jahre wurden schließlich Einzelaspekte zu Fuchs’ Person und schriftstellerischem Wirken ergänzt und anknüpfend an die Überlegungen dieser früheren Untersuchungen versucht, seinen theoretischen Hintergrund präziser auszuloten und ihn in seiner Zeit zu positionieren.486 In den letzten Jahren 484 1973 brachte der Frankfurter Verlag „Neue Kritik“ Fuchs’ Buch „Die Frau in der Karikatur“ als „Sozialgeschichte der Frau“ neu heraus und im Jahr 1977 veröffentlichte der Verlag Klaus Guhl die drei Hauptbände der „Illustrierten Sittengeschichte“ und die drei Bände der „Geschichte der erotischen Kunst“. Klaus Völker legte den von Fuchs 1894 herausgegebenen Band „Aus dem Klassenkampf: Soziale Gedichte“ im Jahr 1978 neu auf. 1985 gab Thomas Huonker die „Illustrierte Sittengeschichte in sechs Bänden“ neu heraus, die die Themen aller Haupt- und Ergänzungsbände in gekürzter Form beinhaltet. 485 Vgl. Völkerling, Klaus: Die politisch-satirischen Zeitschriften „Süddeutscher Postillon“ (München) und „Der wahre Jakob“ (Stuttgart): Ihr Beitrag zur Herausbildung der frühen sozialistischen Literatur in Deutschland und zur marxistischen Literaturtheorie. Diss. Potsdam 1970. Potsdam 1970; Rothe, Norbert: Frühe sozialistische und satirische Lyrik aus den Zeitschriften „Der Wahre Jacob“ und „Süddeutscher Postillon“. Berlin (DDR) 1977; Gorsen, Peter: Sexualästhetik. Zur bürgerlichen Rezeption von Obszönität und Pornographie. Reinbek 1972; Gorsen, Peter: Vorbemerkung zum Schwerpunkt Kulturgeschichte – Eduard Fuchs. In: Ästhetik und Kommunikation 7 (1976) H. 25, S. 4–9; Bovenschen, Silvia/Gorsen, Peter: Aufklärung der Geschlechtskunde. Biologismus und Antifeminismus bei Eduard Fuchs. In: Ästhetik und Kommunikation 7 (1976) H. 25, S. 10–30; Zingarelli, Luciana: Eduard Fuchs, vom militanten Journalismus zur Kulturgeschichte. In: Ästhetik und Kommunikation 7 (1976) H. 25, S. 32–53; Dies.: Eduard Fuchs: Entwurf eines Oeuvre-Kataloges. In: Ästhetik und Kommunikation. 7 (1976) H. 25, S. 54–56; Pätzke, Hartmut: Eduard Fuchs (1870–1940). Skizze zu Leben und Werk/Bibliographie. In: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie 1 (1987), S. 9–46; Rector, Martin: Prometheus Proletariat? Eduard Fuchs und die Anfänge der Prometheus-Rezeption in der deutschen sozialistischen Literatur. In: Claeys, Gregor/Glage, Lieselotte (Hrsg.): Radikalismus in der Literatur und Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main u. a. 1987, S. 291–314. 486 Zu nennen sind hier: Gorsen, Peter: Wer war Eduard Fuchs? In: Zeitschrift für Sexualwissenschaft 19 (2006) H. 3, S. 215–233; Kontny, Barbara: Eduard Fuchs (1870–1940). In: Benser, Günter/Schneider, Michael (Hrsg.): „Bewahren Verbreiten Aufklären“: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung. Bonn 2009, S. 77–83; Bach, Ulrich E.: „It would be delicious, to write books for a new society, but not for the newly rich“. Eduard Fuchs between Elite and Mass Culture. In: Lynne Tatlock (Hrsg.): Publishing Culture and the „Reading Nation“. Rochester 2010, S. 294–312; Jestrabek 2012; Bach, Ulrich E.: Sittengeschichten der Weimarer Republik als kulturgeschichtliche Sammlung. Eduard Fuchs, Leo Schidrowitz und Magnus Hirschfeld. In: Aus dem Antiquariat, NF 12 (2014), Nr. 3/4, S. 148–155. Zurückgegriffen wurde hier auch insbesondere auf Fuchs’ Bücher über die Karikatur, so bei: Weissberg, Liliane: Eduard Fuchs und die Ökonomie der Karikatur. In: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart (2002) H. 20, S. 113–128; 123 Eduard Fuchs wurden erneut einige von Fuchs’ Werken neu publiziert, als Online-Ressource und, in Dialog gesetzt mit Werken des Künstlers Karl-Ludwig Sauer, als Künstlerbuch.487 Trotz des wieder einsetzenden Interesses war die Biographie von Fuchs bis Mitte der 1980er Jahre weder in ihrer Gesamtheit erschlossen noch vollständig dokumentiert. Erst Thomas Huonker legte mit seiner Dissertation, die 1985 unter dem Titel „Revolution, Moral und Kunst. Eduard Fuchs: Leben und Werk“488 erschienen ist, die erste umfangreiche wissenschaftliche Biographie mit einer ausführlichen Betrachtung der schriftstellerischen Arbeit von Fuchs vor. Im Jahr 1991 folgte die detaillierte historisch-biographische Studie „Salonkultur und Proletariat. Eduard Fuchs – Sammler, Sittengeschichtler, Sozialist“489 von Ulrich Weitz, die vor allem durch die Dichte der verwendeten Quellen besticht. 2014 ergänzte Weitz seine Dissertation um eine weitere Forschungsarbeit mit dem Titel „Der Mann im Schatten. Eduard Fuchs. Brumlik, Micha: Innerlich beschnittene Juden. Zu Eduard Fuchs’ „Die Juden in der Karikatur“. Hamburg 2012. Schon früher fand Fuchs als Karikaturensammler und -forscher Berücksichtigung, so bei: Piltz, Georg: Geschichte der europäischen Karikatur. Berlin (DDR) 1976; Olbrich, Harald (Hrsg.): Sozialistische deutsche Karikatur 1848–1978. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin (DDR) 1979, S. 66–70; und März, Roland: o. T. In: Daumier & Heartfield. Politische Satire im Dialog. Ausst.kat. Altes Museum, Berlin. Berlin 1981, S. 1–7; die Equipe Interdisciplinaire de Recherche sur l‘Image Satirique (E.I.R.I.S) widmete 1995 Eduard Fuchs Band 2 ihrer Zeitschrift „Ridiculosa“. 487 2013 publizierte der Paderborner Salzwasserverlag die „Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart in drei Bänden“ als Online- und E-Book-Format sowie als Druckwerk on demand. Zudem erschien die „Geschichte der erotischen Kunst. Das zeitgeschichtliche Problem“ als Künstlerbuch von Karl-Ludwig Sauer 2011 als CD-ROM-Ausgabe mit Audio-Bilderklärung, 2012 als Druckausgabe in 15 Exemplaren mit zwei farbfotografischen Beilagen und dem Video „Nackttanz, Kindergedichte vorlesend“, 2014 publizierte Sauer digital die „Geschichte der erotischen Kunst. Das zeitgeschichtliche Problem, I. Band von II Bänden“ mit eingefügten Fotografien mit dem Titel „Erotik“. 488 Huonker: Thomas: Revolution, Moral & Kunst. Eduard Fuchs: Leben und Werk. Diss. Zürich 1982. Zürich 1985. 489 Weitz, Ulrich: Salonkultur und Proletariat. Eduard Fuchs – Sammler, Sittengeschichtler, Sozialist. Diss. Stuttgart 1990. Stuttgart 1991. Im Vorfeld der Publikation der Dissertation erschienen folgende Aufsätze von Weitz zu Eduard Fuchs: Weitz, Ulrich: Eduard Fuchs. Ein Beitrag zu einer proletarischen Kulturtheorie. In: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst, 20 (1979) H. 128, S. 28–34; Ders.: Eduard Fuchs und seine Bedeutung für die Kulturpolitik der deutschen Arbeiterbewegung. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin, Gesellschaftswissenschaftliche Reihe XXXIV (1985) 1/2, S. 91–99; Ders.: Braune Bilderräuber im Fuchsbau. Wie die Kunstsammlung von Eduard Fuchs geplündert wurde. In: tendenzen. Zeitschrift für engagierte Kunst. 29 (1988) H. 164, S. 14–30. 124 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Sitten- Fuchs, Sozialist, Konspirateur, Sammler, Mäzen“490, bei der insbesondere dessen politische Tätigkeiten im Untergrund vor allem während der Weimarer Republik präziser gefasst werden sowie das Schicksal von Eduard Fuchs in der Zeit des Nationalsozialismus näher beleuchtet wird. Weitz erschloss hier weitere Quellen auch aus Russland und den USA.491 Wurde zuvor der Sammler Fuchs kaum berücksichtigt, so rückt in diesen Biographien jetzt auch dessen Sammelleidenschaft in den Fokus. Huonker, der sich dabei insbesondere auf Artikel und Memoiren von Zeitgenossen bezieht, und vor allem Weitz, der nicht nur detaillierter auf die Sammlungsschwerpunkte Honoré Daumier, Max Slevogt und Max Liebermann eingeht, sondern zudem ausführlich über den Verlust der Kollektion durch das nationalsozialistische Regime berichtet, sind die ersten präziseren Beschreibungen der Sammlung Fuchs zu verdanken. Geleistet wurde hier wertvolle Grundlagenforschung, die Inhalt und Chronik der Kollektion dokumentieren. Eine Einordnung von Fuchs’ Kollektion in die Sammlungsgeschichte dieser Zeit wurde allerdings in den Untersuchungen nicht vorgenommen – was übrigens auch gar nicht deren Ansinnen war. Aktuellere Fuchs-Studien behandeln vor allem einzelne Teilaspekte der Fuchs’schen Sammlung, meist mit dem Fokus auf den kulturhistorischen Teil der Kollektion oder auf jene Bildwerke, dessen Produzenten heute anerkannte Mitglieder des kunsthistorischen Kanons sind.492 Anfang 2018 startete ein vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Forschungsprojekt zur Rekonstruktion der geraubten Kunstwerke der Sammlung Eduard und Margarete Fuchs unter Leitung von Ulrich Weitz, in dessen Rahmen bereits bis Mitte 2019 auch erstmals neu entdeckte Akten des Preu- 490 Weitz 2014. 491 So arbeitete Weitz den in der „Hoover Institution on War, Revolution and Peace“ der Stanford University aufbewahrten Fuchs’schen Exil-Nachlass sowie Quellen aus dem „Russischen Zentrum zur Aufbewahrung und zum Studium der Dokumente der neuesten Geschichte“ auf. Weiter stand Weitz die umfangreiche Korrespondenz zwischen Fuchs und dem sowjetischen Gelehrten David Rjasanow aus dem Privatarchiv von Theodor Bergmann zur Verfügung, die auch schon Heiner Jestrabek für seine Fuchs-Publikation verwendete, vgl. Jestrabek 2012, S. 127. 492 Zum kulturhistorischen Aspekt der Sammlung Fuchs zuletzt Bach 2010 und 2014, aber auch Kontny 2009; zu Bestandteilen der Kunstsammlung von Fuchs, beispielsweise zu Honoré Daumier März 1981 und Pucks, Stefan: Alles „Linke und Liberale“? – Die ersten Sammler von Bildern Honoré Daumiers in Deutschland. In: Daumier 2013, S. 61–67; Weitz, Ulrich: Der Sammler Eduard Fuchs: „Das Wesen der Revolution ist das Wesen der Daumierschen Kunst“. In: Ebd., S. 69–73; Kranz 2013. Erwähnt wurden auch schon früh einige von Slevogts Arbeiten aus der Sammlung Fuchs, so bei Imiela, Hans-Jürgen: Max Slevogt. Karlsruhe 1968, S. 377ff. 125 Eduard Fuchs ßischen Finanzministeriums sowie der Fuchs’sche Exil-Nachlass in den USA nochmals ausgewertet werden konnten.493 In vorliegender Forschungsarbeit soll nun die Sammlung aus dem Blickwinkel der Sammlungsforschung neu betrachtet werden. Aufgezeigt werden soll, nach einem kurzen Überblick über die bekannten Bestandteile der Kollektion, warum Fuchs als Typus des wahren Sammlers im Sinne Benjamins bezeichnet werden kann. Im nachfolgenden Kapitel schließlich soll mit Hilfe der Erschließung von Fuchs’ sammlerischer Praxis erläutert werden, wie er sich in die Struktur des Feldes des Sammelns in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einordnen lässt. Zunächst jedoch wird ein Blick auf Fuchs’ Biographie geworfen. 3.2.1 Biographische Skizze Eduard Fuchs wurde am 31. Januar 1870 als mittleres von drei Kindern des Kaufmanns Ferdinand August Fuchs und der Konditorentochter Mathilde Christine Mayer in Göppingen in Württemberg geboren (Abb. 7). Kann die Familie nach der Hochzeit der Eltern noch als recht wohlhabend bezeichnet werden, änderte sich dies durch geschäftlichen Misserfolg des Vaters: Im Januar 1871 wurde seine Firma liquidiert und die Familie zog in die Residenzstadt Stuttgart, wo jedoch die geschäftlichen Unternehmungen von Ferdinand Fuchs als Inhaber einer als Agenturengeschäft und Uhrenhandlung bezeichneten Firma ebenfalls erfolglos blieben.494 Eduard Fuchs besuchte in Stuttgart die Realschule und kurz die Oberrealschule, nach dem Tod des Vaters 1886 begann er eine Lehre als Kaufmann in 493 Freundliche Mitteilung von Dr. Ulrich Weitz zum Zwischenbericht des bis 2020 laufenden Forschungsprojekts. 494 Vgl. Weitz 2014, S. 19f. Weitz stellte fest, dass in nahezu jedem Jahr in Stuttgarts Adressbüchern die Firma von Ferdinand Fuchs, bezeichnet als Agenturgeschäft und/oder Uhrenhandlung, unter einer anderen Anschrift auftauchte. Abb. 7: Eduard Fuchs. Fotografie, 1930. 126 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs einer kleinen Druckerei, die er 1887 abschloss. Danach arbeitete er als Buchhalter in einer Stuttgarter Druckerei.495 Bereits seine Lehrstelle, so berichtete schon Walter Benjamin, führte ihn „mit politisch interessierten Proletariern“ zusammen „und bald war er durch sie in den […] Kampf der damaligen Illegalen hineinbezogen“.496 Fuchs wurde in der unter dem damaligen „Sozialistengesetz“ verbotenen Arbeiterbewegung aktiv und „als knapp 16-Jähriger in die Geheimorganisation der deutschen Sozialdemokratie Landesbezirk Stuttgart in eine der damals üblichen Zehnergruppen als jüngstes Mitglied aufgenommen“497. Es war der Anfang seiner sozialistischen Gesinnungsbildung, der Anfang einer linken Politisierung, die von nun an Leben und Arbeit von Eduard Fuchs hochgradig durchdrang. Unter den innerparteilichen Richtungskämpfen der Stuttgarter Sozialisten schloss sich Fuchs einer Gruppe junger Anarchisten an, die durch Aktionen wie die Verteilung verbotener Flugschriften auffiel. Schließlich wurde Fuchs, der als Kopf der Gruppe angesehen wurde, 1888 zu fünf Monaten Gefängnisstrafe wegen Majestätsbeleidigung und Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt.498 Doch Fuchs wurde erneut konspirativ tätig: Er publizierte in seinem 1887 heimlich gegründeten Kleinverlag „E. Reinecke“ sozialistische Schriften und gilt als Initiator bei der Gründung des gewerkschaftlichen „Vereins der Handlungsgehilfen“ im Jahr 1889.499 Außerdem betätigte er sich als „Kurier der ‚Roten Feldpost‘“ und schmuggelte mit seinem Fahrrad für die Partei verbotene Broschüren, Flugblätter und Zeitschriften aus der Schweiz nach Stuttgart.500 Wegen Vergehens gegen das Sozialistengesetz und Verbreitung sozialistischer Druckschriften wurde Fuchs schließlich 1889 erneut zu fünf Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung zog Eduard Fuchs 1890 nach München, wo er das Pressewesen der bayerischen SPD, eine Vielzahl aus Tageszeitungen und anderen Blättern, neu organisieren sollte.501 Fuchs agierte erfolgreich und wurde im Zuge der Gründung einer Aktiengesellschaft mit 22 Jahren zum Mitglied der Geschäftsführung 495 Vgl. Weitz 1991, S. 432, Anm. 6. Zur Ausbildung von Fuchs gibt es widersprüchliche Hinweise. 496 Benjamin 1937, S. 349. 497 Hoover Institution on War, Revolution and Peace, Stanford University, Nicolaevsky Collection 1801–1982, Series No. 264, Box 618, Folder 11: Fuchs, Eduard: Der Mann im Schatten. Autobiographisches Fragment (unpaginiert), zitiert nach Weitz 2014, S. 24. 498 Vgl. Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Signatur E 150 Bü 2044, Bericht der Stadtdirektion Stuttgart an das Innenministerium vom 06.08.1888, zitiert nach Huonker 1985, S. 19f. 499 Vgl. Weitz, 2014, S. 25, S. 35, S. 101f. 500 Ebd., S. 36. 501 Ebd., S. 44. 127 Eduard Fuchs des Verlags ernannt. Beim „Süddeutschen Postillon“ war er als Redakteur, ab Mai 1892 als verantwortlicher Redakteur tätig. Fuchs nutzte seine redaktionelle Tätigkeit beim Satireblatt, um offensiv bei kulturellen und politischen Diskussionen mitzumischen. Als leitender Redakteur zeichnete er verantwortlich für die Auswahl von Themen wie die Flügelkämpfe der SPD, Kapitalismus, Polizei und Justiz, Prüderie und Scheinmoral, die „Soziale Frage“, Antisemitismus, Militarismus und Kolonialpolitik, die als Leitmotive des „Süddeutschen Postillons“ zwischen 1892 und 1901 gelten können. Als Autor von Glossen, Rezensionen, Aphorismen und Gedichten publizierte Fuchs auch selbst Texte zu diesen Fragen.502 Fuchs bemühte sich zudem intensiv um die graphische Gestaltung der Zeitschrift: Das Layout wurde unter seiner Führung optimiert und den Karikaturen mehr Geltung verschafft.503 Fuchs requirierte hierfür Künstler von den Kunstakademien und aus der jungen Münchner Kunstszene, außerdem begann er, sich mit historischem Bildmaterial zu beschäftigen und fing an, dieses zu sammeln und zu publizieren.504 Zudem engagierte er sich auf unterschiedliche Weise für populäre Zugänge zur Kultur: Er setzte sich für ein alternatives Theater in München ein, gab eine Reihe gesellschaftswissenschaftlicher Aufsätze heraus und gründete mit dem „Volks-Feuilleton“ einen Kulturartikeldienst für Arbeiterzeitungen.505 Er bezog sowohl persönlich als auch redaktionell immer wieder politisch Stellung: So war er im „Goethebund“, dem Zusammenschluss von Vertretern der Schwabinger Kulturszene, sowie dem liberalen Bürgertum und der Sozialdemokratie gegen das „Lex Heinze“ aktiv und unterstützte die russischen Herausgeber der revolutionären Arbeiter-Zeitung „Iskra“ durch die Vermittlung von Zeichnern – beide Themenkreise griff er außerdem im „Süddeutschen Postillon“ auf.506 Vielfach wurde der „Süddeutsche Postillon“ in der Zeit um 1900 wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit, Erregung von Ärgernis in religiöser Beziehung und groben Unfugs von der bayerischen Justiz mit Zensurmaßnahmen, Verboten und Prozessen überzogen. Auch Fuchs stand als verantwortlicher Redakteur und Autor einzelner als anstößig angesehener Artikel mehrfach vor Gericht, 1898 musste er schließlich eine Haftstrafe antreten. Im Herbst 1900 wurde Fuchs fristlos vom Verlag entlassen: „Der ‚Süddeutsche Postillon‘ war zu frech geworden, hatte zu viele Prozesse verursacht und 502 Darauf verweist Koch, Ursula E.: Eduard Fuchs und das politische Arbeiter-Witzblatt Süddeutscher Postillon. In: Ridiculosa 2 (1995), S. 77–107. 503 Vgl. ebd. 504 Weitz 2014, S. 67–96. 505 Ebd., S. 58–66. 506 Vgl. Ebd., S. 121–126. Wohl im Herbst 1900 begegnete Fuchs Wladimir Iljitsch Lenin, wenig später datiert Weitz den Beginn von deren Zusammenarbeit für die „Iskra“, die ab der Nummer 3 in München erschienen ist. 128 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs zu wenig Gewinn abgeworfen.“507 1901 zog Fuchs mit seiner Familie508 nach Berlin- Zehlendorf, wo er kleinere Artikel für Zeitschriften schrieb und auf Honorarbasis Redakteur der illustrierten sozialdemokratischen Festtagszeitschriften im Vorwärts- Verlag arbeitete.509 1901 bis 1903 erschienen die beiden reich illustrierten Bände der „Karikatur der europäischen Völker“510, die bis heute als Standardwerke der Karikaturengeschichte gelten. In den folgenden Jahren publizierte Fuchs weitere umfangreiche Bücher, allesamt opulent bestückt mit Illustrationen. Das bekannteste Werk ist die in drei Bänden und drei zusätzlichen Ergänzungsbänden erschienene „Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart“, der der Autor auch seinen Spitznamen „Sitten-Fuchs“ verdankt.511 In Berlin engagierte sich Fuchs weiter politisch: Gleich nach seinem Umzug 1901 trat er dem sozialdemokratischen Wahlverein für Zehlendorf bei,512 und auch seine Tätigkeiten als freier Redakteur für die Vorwärts-Verlagsgesellschaft, die „Sozialistischen Monatshefte“ und als Verantwortlicher für die zentralen Mai-Zeitungen dienten nicht nur als Einkommensquelle, sondern entsprachen Fuchs’ politischer Orientierung. Zwar mischte er mit Satire-Schriften auch in den Flügelkämpfen der sozialdemokratischen Partei mit, konzentrierte seine schriftstellerische Tätigkeit jedoch zunehmend auf seine eigenen Publikationen.513 Politisch positionierte sich Fuchs in Gegenposition zum revisionistischen Parteiflügel auf der Seite der Vertreter des „orthodoxen Marxismus“. Er trat schließlich aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) aus, als 1914 die Reichstags-Fraktion ihre Zustimmung zur Kriegspolitik der kaiserlichen Regierung gab, schloss sich der Spartakusgruppe 507 Weitz 2014, S. 126. 508 Weitz 1991 und 2014. Fuchs hatte am 4. April 1896 die Stuttgarter Arbeitertochter Frida Emilie Schön in München geheiratet, ein Jahr später wurde Tochter Gertraud geboren. Des Weiteren lebte seit 1891 seine ältere Schwester Rosa mit ihrem unehelichen Sohn Theodor bei ihm. 1913 ließen sich Frida und Eduard Fuchs scheiden. 1920 kaufte Fuchs für seine Tochter ein Obstgut in Werder (Havel), auf das sich auch Frida Fuchs zurückzog. 509 Weitz 2014, S. 128f. 510 Fuchs, Eduard: Die Karikatur der europäischen Völker vom Altertum bis zur Neuzeit, Band 1. Berlin 1901; Ders.: Die Karikatur der europäischen Völker vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart, Band 2. Berlin 1903. 511 Fuchs, Eduard: Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Band 1: Renaissance. München 1909, im gleichen Jahr erschien der dazugehörige Ergänzungsband; Ders.: Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Band 2: Die galante Zeit. München 1910, der dazugehörige Ergänzungsband erschien 1911; Ders.: Illustrierte Sittengeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Band 3: Das bürgerliche Zeitalter. München 1912, der dazugehörige Ergänzungsband erschien im gleichen Jahr. 512 Weitz 2014, S. 130. 513 Ebd., S. 153–160. 129 Eduard Fuchs und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an und wurde 1918 Mitglied des Spartakusbundes, der später in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) aufging. Fuchs unterstützte und war als Gründungsmitglied an diversen Hilfsorganisationen, pazifistischen Vereinigungen und politischen Gruppen beteiligt,514 so 1913 beim „Deutschen Hilfsverein für die politischen Gefangenen und Verbannten Russlands“, 1914 beim „Bund Neues Vaterland“, bei der sogenannten „Eisbrecher-Runde“ führender linker Sozialisten, 1919 trat er dem „Bund für proletarische Kultur“ bei. 1917 erhielt er für sein Engagement in der Kriegsfürsorge und der damit verbundenen Förderung von deutschen Kriegsgefangenen aus Russland das Verdienstkreuz für Zivildienst der deutschen Reichsregierung. Seine Funktionen in Hilfsorganisationen und seine Tätigkeit als Kulturwissenschaftler nutzte Fuchs während des Ersten Weltkriegs auch als Tarnung, um sich als Mittelsmann, Unterhändler und Finanzkurier für die politische Linke zu engagieren. Nach dem Krieg gehörte er zu den Sympathisanten der revolutionären Entwicklung in Russland, in deren Folge die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik unter den Kommunisten gegründet wurde, und schloss sich unterstützenden Organisationen an: 1922 der „Internationalen Roten Hilfe“ und 1923 als Gründungsmitglied der „Gesellschaft der Freunde des neuen Russlands“.515 Weil er die Politik der Parteiführung ablehnte, verließ Fuchs Ende 1928 schließlich die KPD, brach alle Kontakte zur Parteiführung ab und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei-Opposition (KPDO). Parallel zur Arbeit an seinen zahlreichen Büchern engagierte sich Fuchs immer wieder an Projekten aus Kultur und Wissenschaft: So hatte er 1925 maßgeblich an der Konzeptionierung des Revolutionsdenkmals in Berlin-Friedrichsfelde Anteil und richtete 1924 für die Frankfurter „Gesellschaft für Sozialforschung“, zu deren Gründungsmitgliedern er gehörte, ein Sozialwissenschaftliches Archiv mit Standort in Berlin ein.516 Zudem vermittelte er 1925 die Publikation der Reihe „Bauhausbücher“ an seinen Münchner Hausverlag Langen.517 Während der Wirtschaftskrise unterstützte Fuchs durch Vermittlung von finanziellen Mitteln nicht nur den Albert Langen Verlag, sondern auch den linken Malik-Verlag.518 1920 feierte Fuchs ein zweites Mal Hochzeit: Er ehelichte die jüdische Kunstgewerblerin Margarete (Grete) Alsberg, Tochter des wohlhabenden Kaufhausbesitzers Louis Alsberg (Abb. 8). 514 Vgl. ausführlich Weitz 2014, S. 203–235. 515 Ebd., S. 298. 516 Vgl. hierzu S. 224ff dieser Arbeit. 517 Vgl. hierzu S. 246 dieser Arbeit. 518 Weitz 2014, S. 300f. 130 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten versuchte Fuchs, Widerstand zu organisieren und lud hierfür rund fünfzig Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler, aber auch den Staatssekretär im Preußischen Innenministerium, Wilhelm Abegg, und den politischen Publizisten, Emil Julius Gumbel. Allerdings blieb die Versammlung folgenlos.519 Fuchs und seine Frau Grete verließen das Deutsche Reich bereits im März 1933 fluchtartig und gelangten über die Schweiz nach Paris. Zwar hatte Fuchs wohl bereits vor 1933 einiges aus seiner Sammlung in Sicherheit bringen können, vieles wurde jedoch von den neuen Machthabern zerstört, beschlagnahmt und später unter dem Druck der politischen Situation im Auftrag von Fuchs auf sechs Auktionen versteigert.520 Im Exil in Paris lebte das Ehepaar Fuchs vom Darlehen verpfändeter Daumier-Bildern in bescheidenem Wohlstand.521 Man pflegte Kontakt zu anderen Emigranten, darunter zu Mitgliedern der nun im Deutschen Reich illegalen KPD(O) wie Leo Borochowicz und seiner Frau Elly Brücker sowie Erich und Elisabeth Hausen, und auch Verbindungen zur deutschsprachigen Kunstszene in Paris. Fuchs nutzte sein Netzwerk, um anderen Emigranten zu helfen und schrieb „Bettelbrief[e]“522 an Bekannte, um finanzielle Unterstützung für sie oder Hilfe für die Erlangung von deren Visa zu erwirken. 519 Weitz 2014, S. 311. 520 In der Provenienzforschung ist die Frage umstritten, ob es sich dabei um einen verfolgungsbedingten Verkauf gehandelt hat. Vgl. Heuß, Anja: Der Sammler und seine Arbeitsgrundlage, online unter www.staatsgalerie.de/fileadmin/Webdata/Staatsgalerie/sammlung/Forschung/InternetFuchs_ mit_logo.pdf (zuletzt abgerufen am 12.07.2019). 521 Weitz 2014, S. 319: Durch Fuchs’ Verpfändung der Daumier-Bilder – laut Weitz waren dies 13 Stück: „Schimmelreiter“, „Spielende Kinder“, „Kinderköpfchen“, „Singender Trinker“, „Zwei Betrunkene“, „Unterhaltung im Atelier“, „Zwei Reiter mit drei Pferden“, „Straßenmusikanten und Symbole der Gerechtigkeit“, „Der Page“, „Der Karrenschieber“, „Die Gänsehirtin“, „Mutter und Kind“ – an Felix Weil erhielt das Ehepaar in mehreren Raten in Höhe von 10.000 Franc ein Darlehen ausbezahlt, mit dem sie ihr Leben im Exil bestreiten konnten. 522 Schweizerisches Sozialarchiv Zürich, Signatur Ar 101.30.4 Eduard Fuchs an das Ehepaar Brupbacher, Brief vom 01.02.1934, zitiert nach Weitz 2014. S. 348. Abb. 8: Margarete und Eduard Fuchs auf der Gartenbank vor der Villa Fuchs. Fotografie, um 1920. 131 Eduard Fuchs War die Fuchs-Forschung lange Zeit davon ausgegangen, dass Fuchs im Exil aufgrund des Verlusts seines Arbeitsmaterials, das seine Sammlung ebenso wie seine Bibliothek, Exzerpte und Zettelkästen beinhaltete, nicht mehr schriftstellerisch tätig gewesen sei, entdeckte Weitz bei seinen Nachforschungen in den USA eine Notiz mit einer Liste vorbereiteter Bücher. Angedacht waren wohl unter anderem eine europäische Kulturgeschichte seit dem Ausgang des Mittelalters, ein zweiter Band zu Daumier, eine Psychologie der Mode und ein Werk über Thomas Rowlandson. Außerdem fand er das mit „Der Mann im Schatten“ betitelte Fragment einer Fuchs- Biographie und nahezu vollendet eine Arbeit mit dem Titel „Die Geburt der Kunst“.523 Zudem bereitete Fuchs eine Neuauflage seines bereits 1935 verbotenen Buchs „Die Juden in der Karikatur“ in Großbritannien vor, das um ein neues Kapitel ergänzt werden sollte, in dem er sich mit dem Judenhass der Nationalsozialisten befasste. Ein Entwurf für das Ergänzungskapitel befindet sich im Exil-Nachlass von Fuchs in den USA. Darin heißt es: „Wie eine alles erfassende Pest allgemeiner Verrohung und Vertierung zog der Antisemitismus von Deutschland aus sozusagen über die ganze Welt. Alles niedertrampelnd und jeden Widerstand tödlich erstickend […] Nicht nur, dass der Jude erneut zum infamen Repräsentanten alles Schlechten und Gemeinen, das die menschliche Gesellschaft kennt, gestempelt wurde, nein zügellos tobten sich an Hunderten von Orten die scheußlichsten Pogrome aus. Der entfesselte Rassenhass konnte sich hemmungslos austoben. […] Tausende von Morden wurden unter diesem Schlachtruf begangen und […] mit dem Ruf >der Jud ist schuld< sollte das Elend und die Not der Zeit übertüncht werden. Natürlich fand dieses Finale des Grauens und Entsetzens, diese fürchterlichste Orgie des Sadismus, durch die die zivilisierte Menschheit je gewatet ist, ihren entsprechenden Reflex auch in der Karikatur der verschiedenen Länder und wieder ihren infamsten in Deutschland.“524 Zwar intensivierte das Ehepaar Fuchs kurz vor Kriegsausbruch im Jahr 1939 seine Bemühungen, in die USA zu fliehen, doch verschlechterte sich beider Gesundheitszustand zunehmend. Am 26. Januar 1940 starb Eduard Fuchs und wurde auf dem 523 Weitz 2014, S. 348. Weitz verweist darauf, dass das Werk mit der in Fritz Brupbachers Fuchs- Nachruf erwähnten Arbeit „Der Künstler intim“ identisch sein könnte. 524 Institution on War, Revolution and Peace, Nicolaevsky Collection, Series No. 264, Box 617, Folder 7: Eduard Fuchs: Exposé für ein Ergänzungskapitel, Blatt 1, zitiert nach Weitz 2014. 132 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Friedhof Père Lachaise beerdigt.525 Grete Fuchs, die nun Margret Fuchs genannt werden wollte, bekam im Mai 1940 ein amerikanisches Visum und eine Schiffspassage. Sie starb am 7. Juni 1953 in New York. 3.2.2 Die Sammlung Fuchs Eduard Fuchs’ Haus in Berlin-Zehlendorf war „buchstäblich bis zum Dachfirst voll von Kunstwerken. Man kann kaum noch von einer Sammlung sprechen; Beschränkung oder Begrenzung im Sinne eines oder einzelner Sammelgebiete gibt es hier nicht“526, schreibt Paul Westheim in seinem 1926 erschienenen Artikel über die Sammlung Fuchs in der Zeitschrift „Das Kunstblatt“. Heute ist die Fuchs’sche Sammlung nicht mehr vereint, auch der Aufbewahrungsort der meisten Bestandteile aus der Kollektion ist heute unbekannt. Unter den Nationalsozialisten wurde die Sammlung gepfändet, eingezogen und schließlich nach Freigabe unter dem Druck der politischen Situation in Fuchs’ Auftrag auf mehreren Auktionen verkauft. Fuchs fing in den 1890er Jahren während seiner Zeit als Redakteur beim „Süddeutschen Postillon“ an zu sammeln, die Sammlungsobjekte wurden Arbeitsmittel und Grundlage seiner Publikationen. In Annoncen bat er die Leser um Zusendung von Briefen, Flugblättern, Plakaten und sonstigen Dokumenten der jüngsten Zeitgeschichte und fing so an, sich systematisch Bildmaterial zu beschaffen.527 Später investierte er umfangreich in seine Quellen, die Sammlung füllte sich mit Massen von Druckgraphik, die sich vielfach in seinen Publikationen wiederfindet. Die Gesamtzahl der so durch Fuchs’ „intensivste Sammeltätigkeit teils dauernd, teils vorübergehend zusammengebrachten Originaldokumente, läßt sich auch nicht annähernd feststellen“, wie es in einer Denkschrift des Langen-Verlags für Eduard Fuchs aus dem Jahr 1927 heißt.528 Der Auktionskatalog des renommierten, auf Graphik spezialisierten Antiquariats C. G. Boerner in Leipzig, bei dem im Mai 1938 ein Großteil des graphischen Bestandes der Sammlung Fuchs versteigert wurde, gibt nicht nur einen Eindruck vom Umfang, sondern auch einen Einblick in die Vielfalt der Fuchs’schen Graphik- 525 Weitz 2014, S. 525. 526 Westheim 1926, S. 108. 527 Vgl. Jestrabek 2012, S. 47. 528 BArch N 2085/5: Denkschrift des Verlages von Albert Langen München über das wissenschaftliche Werk von Eduard Fuchs. München 1927, S. 9 und S. 33. 133 Eduard Fuchs Kollektion (Abb. 9). Zur Versteigerung angeboten wurden dort Künstlergraphik und Zeichnungen vom 16. bis ins 20. Jahrhundert, unter anderem von Beham, Boucher, Bruegel, Callot, Corinth, Delacroix, Fragonard, Liebermann, Manet, Rubens, Spitzweg, Steinlen und Toulouse-Lautrec. Spezialsammlungen bestanden aus Graphik von Gavarni und Rowlandson, darunter wurden allein rund 900 Blätter des lithographischen Werks Honoré Daumiers offeriert. In einer zweiten Abteilung wurden diejenigen Blätter angeboten, die „die Grundlage der Materialsammlung eines durch zahlreiche Publikationen bekanntgewordenen Kulturhistorikers“ bilden, die „vorwiegend kultur- und sittengeschichtliches Interesse bieten“, bei denen jedoch das künstlerische Moment im Allgemeinen zurücktrete, wie es im Katalog heißt.529 Ein Teil der Sammlung wurde unter folgenden Kategorien angeboten: Aktienschwindel, Alchimie, Americanum, Anschläge/Dekrete/Urkunden, Auktionen, Bänkelsänger, Bauernhochzeit, Berliner Graphik, Berufe, Bibliothek, Billardspiel, Börse, Boxkampf, Carneval, Chiromantie/Weissagen, Cholera, Dirnenwesen/Kuppelei, Eisenbahn, Emanzipation, Englische Karikaturen, Erdbeben, Fahrräder/ Laufräder, Fliegende Menschen, Flugblätter, Französische Karikaturen, Friseur, Frisuren/Hüte/Kopfputz, Geistlichkeit und Kirche, Geldwechsler, Glücksspiele und Lotterie, Goethe, Hahnrei, Hexensabbath, Hinrichtung, Holland, Hottentottenschönheiten, Jagd, Jahreszeiten, Jahrmarkt, Jamaica, Judaica, Jungmühle, Kartenspiel, Komet, Kriegsgreuel, Krinoline, Kunstkenner/Kunstausstellung/ Künstler, Kutschen, Lesekabinett, London, Luftschiffahrt, Magnetismus, Mannweiber/Emanzipation, Medizin, Menagerie/Tierdressur, Mißhandlung, Moden, Lola Montez, La Morgue, Münchener Bilderbogen, Musée Parisien, Musik, Mutterschaft, Napoleonica, Nürnberg, Plakate, Politik, Porträts, Presse etc., Puppenspiele, Quacksalber, Ramberg, J. H., Raucher, 529 Auktionskatalog von C. G. Boerner. Katalog 197. Sammlung E. F., Berlin. Daumier-Graphik, Kulturgeschichte. Versteigerung am 23. und 24. Mai 1938. Leipzig 1938, S. 39. Abb. 9: C. G. Boerner: Auktionskatalog: Sammlung E. F., Berlin […] 23. und 24. Mai 1938, Katalog Nr.  197, Umschlag vorne. 134 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Revolutionszeit 1789ff, Revolution 1830 u. 1848, Riesen, Russen in Paris, Schach- und Damenspiel, Schiffahrt, Silhouetten, Sklaverei, Sonnenfinsternis, Spinnrad/Spindel, Studentica, Stufenbahn, Syphilis, Tanz, Testament, Theater, Tod, Verbrecher/Gefangene, Walfische, Wien, Winter, Zahnarzt.530 Obwohl Boerners Katalog eine wichtige Quelle für einen großen Teil des graphischen Bestands aus der Sammlung Fuchs darstellt, so ist dessen graphische Kollektion darin nicht in vollem Umfang dokumentiert. Bereits im Jahr 1926 hatte Paul Westheim in seinem Artikel für die Zeitschrift „Das Kunstblatt“ von „Graphik und Handzeichnungen mit über 20.000 Blättern, darunter Tausende von Karikaturen, 5–600 französische Stiche des 18. Jahrhunderts, etwa 1200 Stiche und Aquarelle von Rowlandson, eine fast lückenlose Folge der Daumier- Lithographien von 6000 Blättern und 2500 Blättern von Gavarni“531 berichtet. Vermutet werden kann, dass bei der Plünderung der Villa Fuchs eine Vielzahl der Blätter zerstört oder mitgenommen wurde und so verloren ging. Doch nicht nur Graphik sammelte Fuchs, sein Haus beherbergte vielmehr eine „universelle[n] Sammlung“532, ja umfasste „eine ganze Reihe ganz verschiedenartiger Sammlungen“533, schreibt Westheim. Doch der augenscheinlich enorme Umfang der Fuchs’schen Kollektion, das Fehlen eines Inventars und die Tatsache, dass die Sammlung nach ihrer Auflösung und Verauktionierung weithin verstreut und auch zerstört wurde, machen eine genauere Erfassung des tatsächlichen Bestands schwierig. Einen Einblick in die Beschaffenheit der Sammlung, wenngleich sicherlich ebenfalls keinen vollständigen, geben weitere fünf Kataloge zur Versteigerung der Sammlung Fuchs aus den Jahren 1937 und 1938.534 Bereits Weitz versuchte in seinen Forschungs- 530 Auktionskatalog Boerner 1938, S. 45ff; vgl. auch Weitz 2014, S. 334f. Weitz vermutet, dass die Sammelrubriken von Fuchs selbst entwickelt wurden, allerdings wurden den Kategorien im Katalog häufig sehr wenig oder auch nur einzelne Blätter zugeordnet, sodass gemutmaßt werden kann, dass die Rubriken zwar von Fuchs stammen, diese jedoch bei der Auktion nicht mehr die ursprünglich einsortierten Blätter beinhalteten. 531 Westheim 1926, S. 108. 532 Goro 1928, S. 28. 533 Westheim 1926, S. 108. 534 Auktionskatalog von Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus. Katalog 2114. Kunstsammlung F.-Berlin. Gemälde neuerer Meister, Skulpturen, Möbel, Porzellane, Fayencen. […] Versteigerung: 16. und 17. Juni 1937. Berlin 1937; Auktionskatalog von Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus. Katalog 2115. Ostasiatische Kunst. Sammlung F.-Berlin. Plastik – Porzellane – Fayencen – Lackarbeiten – Inro […] Versteigerung: 15. und 16. Oktober 1937. Berlin 1937; Auktionskatalog von Rudolph Lepke’s Kunst- Auctions-Haus. Katalog 2116. Gemälde alter und neuer Meister. Antiquitäten, Möbel und Kunstgewerbe. Versteigerung: 04. und 05. November 1937. Berlin 1937; Auktionskatalog von Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus. Katalog 2117. Gemälde, Mobiliar, Kunstgewerbe […] Versteigerung 30. November und 01. Dezember 1937. Berlin 1937; Auktionskatalog von Rudolph Lepke’s Kunst- 135 Eduard Fuchs arbeiten den Bestand der Sammlung Fuchs zu rekonstruieren. In den Fokus genommen wurden dabei in der älteren Arbeit vor allem Gemälde der heute populärsten und in der Sammlung schwerpunktmäßig vertretenen Künstler, weitere Bestandteile der Sammlung werden, auch in der neueren Untersuchung, im Überblick referiert.535 Auch hier soll die Sammlung Fuchs zusammenfassend, jedoch in ihren Bestandteilen ausgewogen präsentiert werden. Nicht nur für Fuchs’ graphische Kollektion, sondern auch für den übrigen Bestand der Sammlung stellen die Auktionskataloge eine wichtige Quelle dar. War ein Großteil der graphischen Blätter vom Leipziger Antiquariat C. G. Boerner versteigert worden, kam eine Vielzahl der anderen Sammlungsobjekte im Berliner Kunst- Auctions- Haus Rudolph Lepke unter den Hammer: Im Juni, November und Dezember 1937 wurden dort Fuchs’ Gemälde, Skulpturen, Möbel, Porzellan und Fayencen versteigert, im Oktober 1937 die Kollektion ostasiatischer Kunst- und Kulturobjekte.536 Zum Verkauf standen im Juni 1937 zahlreiche Bilder aus der Fuchs’schen Kollektion, darunter Arbeiten der Simplicissimus-Zeichner Rudolf Wilke und Olaf Gulbransson, von Mitgliedern der Berliner Secession wie Emil Pottner und Rudolf Großmann, zudem Bilder von Gustave Courbet und Édouard Manet. Vor allem auch Werke „seine[r] heilige[n] Drei“537 wurden bei dieser Auktion angeboten, von Honoré Daumier, Max Slevogt und Max Liebermann, deren Arbeiten wohl auch zahlenmäßig die Schwerpunkte der Sammlung darstellten. Auf einer Liste hatte Eduard Fuchs 1933 festgehalten, dass er 40 Slevogt-Gemälde besitze, neun Liebermann-Gemälde und 25 Daumier-Gemälde.538 Im Versteigerungskatalog vom Juni 1937 sind unter anderem Daumiers Arbeiten „Kopf eines plädierenden Richters“ und „Pierrot mit Kappe“ aufgelistet, von Slevogt werden darin bedeutende Werke wie das Triptychon „Der ver- Auctions-Haus. Katalog 2124. Antiquitäten, Möbel/Kunstgewerbe […]. Versteigerung: 22., 23. und 24. Juni 1938. Berlin 1938. 535 Vgl. Weitz 1991, v. a. S. 303–344; Weitz 2014, v. a. S. 332–335. Weitz rekonstruierte in seiner Dissertation von 1991 die Sammlung Fuchs anhand älterer zeitgenössischer Zeitschriftenartikel über die Sammlung, Sammlungsbeschreibungen in Fuchs’ eigenen Arbeiten, Fotografien von Räumen des Fuchs’schen Hauses und einzelnen Werkverzeichnissen. Seit Anfang 2018 wird, wie oben bereits erwähnt, im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekts versucht, die Sammlung zu rekonstruieren. 536 Vgl. Auktionskatalog von Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus. Katalog 2124. Antiquitäten, Möbel/Kunstgewerbe […]. Versteigerung: 22., 23. und 24. Juni 1938. Berlin 1938. Im Juni 1938 wurden bei Rudolph Lepke erneut rund 70 Nummern aus der Sammlung Fuchs angeboten, die bei früheren Auktionen nicht verkauft werden konnten. 537 Breuer 1912, S. 449. 538 Liste „Hauptbestandteile an großer Kunst der Sammlung Eduard Fuchs“, 11.06.1933, in: Hoover Institution, Nicolaevsky Collection, Series No. 264, Box 618, Folder 5, zitiert nach Weitz 2014, S. 325. 136 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs lorene Sohn“, „D’Andrade als Don Juan“ und „Don Quichote in der Sierra“ angeboten und von Liebermann beispielsweise „Spaziergänger in der Papageienallee“ und „Tennisspieler am Meer“.539 Weiter finden sich darin Skulpturen von Auguste Rodin, Aristide Maillol und Alexander Archipenko, außerdem wird eine kleinere Sammlung von Porzellanfiguren von Emil Pottner und nach Modellen von Ernst Barlach und Paul Scheurich gelistet. Doch auch hier entspricht das Angebot des Katalogs nicht dem tatsächlichen Inhalt der Sammlung Fuchs, werden doch beispielsweise Peter Vischers „Delphin-Weibchen“, ein Robbia-Köpfchen und eine Silberplakette von Peter Flötner nicht angegeben, die Westheim im „Kunstblatt“ noch erwähnt.540 Zudem hatte Fuchs bereits vor 1933 einige Daumier-Bilder nach Rotterdam in Sicherheit bringen können, deren Verpfändung ihm und seiner Frau das Überleben im Exil in Paris sicherten.541 In den Auktionskatalogen von Juni, November und Dezember 1937 sind ferner mehrere hundert keramische Objekte, unter anderem Porzellan und Majolika, erfasst, außerdem werden Möbel und Teppiche sowie diverse kulturhistorische Dinge wie Kuchen-Modeln, Gürtel, Taufschüsseln, Pfeifenköpfe, Weihwasserbecken und eine Goldwaage angeboten. Auch einige Bücher finden sich in den Angebotslisten der Kataloge, die jedoch nur einen Bruchteil der Fuchs’schen Bibliothek darstellen, die wiederum Westheim mit „6–8000 Bänden mit vielen Originalausgaben, kostbaren Stichen, Einbänden usw.“542 beziffert hatte. Fuchs’ Sammlung ostasiatischer Kunst, die wohl auch auf Anregung und unter Mitarbeit von Grete Fuchs entstanden ist, wurde in Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions- Haus im Oktober 1937 schließlich gesondert versteigert.543 Zur Auktion erschien ein 65-seitiger Katalog.544 Angeboten wurden darin Dachreiter, Ritualgefäße und Tempelgeräte, asiatisches Porzellan, Figuren aus Keramik und Bronze, Masken, Malereien und Holzschnittdrucke, Waffen, Zepter und Rüstungen, Textilien wie Gewän- 539 Auf den Auktionen im Juni und November 1937 wurde auch das „Bildnis eines jungen Mannes mit Kneifer“ angeboten. Es fand jedoch keinen Käufer, sodass es schließlich an die Familie Fuchs zurückging und schließlich 1960 von Fuchs’ Neffen Theodor der Staatsgalerie Stuttgart geschenkt wurde. Dort wurde es als Selbstbildnis von Max Slevogt identifiziert (Abb. 24). Vgl. Heuß, Anja: Der Sammler und seine Arbeitsgrundlage, online unter www.staatsgalerie.de/fileadmin/Webdata/ Staatsgalerie/sammlung/Forschung/InternetFuchs_mit_logo.pdf (zuletzt abgerufen am 12.07.2019). 540 Westheim 1926, S. 109. 541 Weitz 2014, S. 319. 542 Westheim 1926, S. 108. 543 Vgl. Fuchs, Eduard: Tang-Plastik. Chinesische Grabkeramik des VII. bis X. Jahrhunderts (Kulturund Kunstdokumente, Bd. 1). München 1924, S. 12. Fuchs dankt hier ausdrücklich seiner Frau, die einen großen Anteil an den Studien gehabt habe. 544 Auktionskatalog Lepke’s 1937b. 137 Eduard Fuchs der, Behänge und Teppiche, Möbel und Spiegel sowie Sagemono, Schreibkästen mit Zubehör und Kopfstützen sowie Rasier- und Kohlebecken. Bisher in der Forschung nicht explizit als Teil der Fuchs’schen Sammlung erfasst ist das oben bereits erwähnte „Sozialwissenschaftliche Archiv“, das Fuchs ab 1924 in Berlin führte.545 Grund hierfür ist nicht nur, dass es bereits 1925 wieder aufgelöst wurde, sondern auch seine formale Zugehörigkeit zur Frankfurter „Gesellschaft für Sozialforschung“ sowie sein professioneller Charakter mit festen Mitarbeitern und einer allgemeinen Zugänglichkeit für wissenschaftlich interessierte Kreise. Dennoch ist die Materialiensammlung des Archivs bis zu einem gewissen Grad der Sammlung Fuchs zuzuordnen: So geht nicht nur die Gründung des Archivs auf Fuchs’ Anregung zurück, er übernahm auch die ehrenamtliche Leitung und kümmerte sich um die Finanzierung und die Infrastruktur des Archivs.546 Zudem gab er die inhaltliche Richtung des Archivs vor: An die „Gesellschaft für Sozialforschung“ schreibt er, dass das Archiv „seine spezielle Sammel- und Archivtätigkeit […] auf die seit dem August 1914 akut gewordenen sozialen und politischen Volksbewegungen konzentrieren“ müsse: „Als Hauptgebiete nenne ich nur: Faschismus in Italien, die völkische Bewegung in Deutschland, das Wiederaufleben des Antisemitismus, der Kommunismus in den verschiedenen Ländern, der Nationalismus, die nationalen Verselbständigungskämpfe der Iren, Türken, Aegypten, Indier (Gandhi), Neger usw., die Bauernbewegung auf dem Balkan, die Kux-Klan-bewegung in Amerika, die Sunjatsen-Partei in China, usw. usw.“547 Ein Hauptaugenmerk, so eine spätere Anweisung von Fuchs an die Archivmitarbeiterin Frieda Schiff, müsse dabei auf die Kollektionierung illegalen Materials gelegt werden.548 Als im November 1925 der Verdacht aufkam, das „Sozialwissenschaftliche Archiv“ stelle ein Geheimarchiv der Kommunistischen Partei dar, schritt die Polizei ein und ermittelte wegen Verdachts auf Vorbereitung zum Hochverrat.549 Die „Gesellschaft für Sozialforschung“, die „offiziell als Beobachter des politischen Tageskampfes, nicht jedoch als dessen Teilnehmer“550 gelten wollte, entschloss sich, das 545 Ausführlich dazu Kontny 2009, S. 77–83. 546 Vgl. hierzu auch S. 224ff dieser Arbeit. 547 BArch N 2085/2: Fuchs, Eduard an die Gesellschaft für Sozialforschung, Brief vom 06.06.1924. 548 BArch N 2085/10: Fuchs, Eduard an Schiff, Frieda, Brief vom 17.08.1924. 549 Zu diesem Vorgang ausführlich: Weitz 2014, S. 277–285. 550 Kontny 2009, S. 82. 138 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Berliner Archiv aufzulösen. Die Materialien aus dem Archiv wurden an das Institut nach Frankfurt gebracht, einige Bestandteile gingen an die KPD – allerdings blieben die Materialien, die Fuchs für seine Arbeiten benötigte, vorerst für ihn reserviert.551 Doch auch nach dem Aus für das „Sozialwissenschaftliche Archiv“ sammelte Fuchs weiter „Dokumente, Briefe, Manuskripte der Klassiker des Marxismus und der Geschichte der Arbeiterbewegung“552. Seit spätestens 1921 erwog Eduard Fuchs die Möglichkeit, seine Sammlungen der Allgemeinheit zu stiften. Er stand deshalb mit verschiedenen Vertretern öffentlicher Einrichtungen in Kontakt, wie später noch einmal genauer erläutert werden wird.553 Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden jedoch alle diesbezüglichen Pläne zunichte gemacht. Nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 waren mit dem Erlass der sogenannten Reichstagsbrandverordnung die Grundrechte der Weimarer Verfassung praktisch außer Kraft gesetzt und der Weg für die Beseitigung des demokratischen Rechtsstaats geebnet worden. Andersdenkende wurden verfolgt und verhaftet, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen angeordnet. Auch das Ehepaar Fuchs, er bekannter Sozialist, sie Jüdin, war betroffen. Noch Ende Februar 1933 kamen Kriminalbeamte und ein Polizist in Zivil in die Fuchs’sche Villa, doch Eduard Fuchs war nicht zuhause und wurde von seiner Frau gewarnt. Sein Versteck bei einer Bekannten, das er am 1. März heimlich verließ, wurde wenige Stunden später von der Polizei gestürmt und durchsucht. Eduard und Grete Fuchs verließen daraufhin umgehend das Deutsche Reich und emigrierten, getarnt als „Bildungsreise“, um den Zahlungen der Reichsfluchtsteuer zu entgehen, über die Schweiz nach Paris. Mitte März wurde die Villa Fuchs schließlich im Rahmen einer vom ersten Gestapo- Chef Rudolf Diels verfügten Beschlagnahmungsaktion gestürmt, ausführlich berichtet der Fuchs-Biograph Weitz von den „braunen Bilderräubern im Fuchsbau“554. Im Herbst 1933 pfändete der Reichsfiskus den Fuchs’schen Besitz wegen angeblicher Steuerzahlungsversäumnisse und zog es schließlich zugunsten des preußischen Staates 551 Kontny 2009, S. 82. 552 Vgl. Jestrabek 2012, S. 127f. 553 Vgl. hierzu S. 274ff dieser Arbeit. 554 Vgl. Weitz 1988 und ergänzt durch neu aufgefundenes Quellenmaterial Weitz 2014, v. a. S. 311–335. Der Autor hat in seinen Arbeiten über Fuchs das Schicksal der Sammlung detailliert aufgearbeitet, die Angaben in dieser vorliegenden Forschungsarbeit beziehen sich daher, wenn nicht anders angegeben, auf dessen Untersuchungen, deren Ergebnisse im Rahmen des Forschungsprojekts zur Rekonstruktion der Sammlung Fuchs noch einmal konkretisiert werden konnten. 139 Eduard Fuchs ein.555 Von Paris aus versuchte Fuchs auf verschiedenen Wegen gegen die Beschlagnahmung seiner Sammlung und den Einzug seines Vermögens zu intervenieren, sowohl juristisch als auch über informelle Kontakte und durch Mobilmachung der Öffentlichkeit im Ausland.556 Zwar erfolgte schließlich die Aufhebung der Vermögenseinziehung, doch sah sich Fuchs gezwungen, seine Tochter Gertraud zu beauftragen, seinen Besitz „zu liquidieren, um […] Steuerschulden zu begleichen“557, da die Auswanderung des Ehepaars Fuchs als solche und damit auch die Rechtmäßigkeit der Forderung einer Reichsfluchtsteuer amtlich bestätigt wurde und zudem die sogenannte Judenvermögensabgabe angewiesen wurde. Zwischen Juni 1937 und Juni 1938 wurde daraufhin, wie oben bereits erläutert, die Sammlung Fuchs in Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus in Berlin und bei C. G. Boerner in Leipzig versteigert. „Es dürfte im allgemeinen nicht schicklich sein, einen Kunstfreund nach Konfession und Partei zu befragen; für die Sammlung Fuchs ist es wesentlich, ja entscheidend, dass ein revolutionäres Temperament sie zusammenbrachte“558, schreibt Robert Breuer 1912 in einem Artikel für die Zeitschrift „Kunst und Künstler“. Bereits ein von Josef Damberger in den 1890er Jahren entworfenes Buchzeichen für Eduard Fuchs weist diesen Weg: Es zeigt die Allegorie der Freiheit als selbstbewusst schreitende Figur Libertas, die langen Haare und das tunikahaft anmutende Gewand flatternd im Wind, die Brüste entblößt (Abb. 10). Auf dem Kopf trägt sie die Jakobinermütze, die seit der französischen Revolution Symbol eines Freiheitsbegriffs ist, „der auf das Ziel der demokratischen und sozialen Republik ausgerichtet ist“559. In der linken Hand hält sie gesenkt, aber mit festem Griff, ein Schwert, das „Geistesschwert“, 555 SMB ZA, I/NG 937, Bl. 112: Diels, Rudolf (i. A. des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung) an Hanfstaengl, Eberhard, Brief vom 13.01.1934. Das Vermögen wurde, wie es in dem Schreiben heißt, auf Grundlage des Gesetzes vom 26. Mai 1933 (RGBl. I, S. 293) eingezogen. Dieses erlaubte die Einziehung jeglichen Vermögens, das „zur Förderung kommunistischer Bestrebungen gebraucht oder bestimmt“ ist. 556 Weitz 2014, S. 323ff. So reichte Fuchs über seine Anwälte Beschwerden beim Geheimen Staatspolizeiamt, beim Finanzamt und beim Preußischen Innenminister ein. Zudem aktivierte Fuchs interne Netzwerke, um Einfluss auf die weiteren Entwicklungen zu nehmen, außerdem nutzte Fuchs die zu dieser Zeit stattfindenden Pariser Daumier-Ausstellungen im „Musée de l’Orangerie“ und der „Bibliotheque Nationale“, um eine breitere Öffentlichkeit über die Beschlagnahmung seiner Sammlung zu informieren. 557 Ebd., S. 332. 558 Breuer 1912, S. 450. 559 Schoch, Rainer: Wegzeichen zur Deutschen Republik. In: Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit. 200 Jahre Französische Revolution in Deutschland. Ausst.kat. Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. Nürnberg 1989, S. 642–644, S. 643. 140 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs das den „Unverstand der Massen“ besiegen soll.560 In der rechten Hand führt sie an einer Leine einen Fuchs. Für Eduard Fuchs war die Freiheitsgöttin, deren Gestalt und Attribute ihren Weg als Zeichen für radikale Forderungen nach Demokratie und Republik von der Französischen Revolution über die deutsche Revolution von 1848/49 in die Bildagitation der Arbeiterbewegung gefunden hatte, stetige Lebensbegleiterin: An diesen Idealen orientierte er sich politisch wie beruflich in seinen Arbeiten. Fuchs galt seinen Zeitgenossen, aber auch weit über seinen Tod hinaus als „eines der größten Sammlergenies“561, als „Sammlermatador“562, der „die größte deutsche kulturhistorische Sammlung […], die sich in Privathänden befindet“563, besaß. Seine Kollektion bildete die Grundlage für seine wissenschaftlichen Arbeiten, sie war „der Nährboden seiner sämtlichen Werke“564. Fuchs setzte bei seinen Arbeiten und folglich auch in seiner Sammlung thematische Schwerpunkte: Ausgehend „vom Sein und Leben der großen und breiten Volksmassen“565 holte er damit vernachlässigte Bereiche, ja von der klassischen Wissenschaft „verachtete[n], apokryphe[n] Dinge“566 ans 560 Vgl. Pohl, Klaus-D.: Die Marseillaise von G. Doré. In: Revolution 1989, S. 659; und Weitz 1991, S. 203. Pohl weist auf das „Lied der deutschen Arbeiter“ von Jakob Audorf aus dem Jahr 1864 hin, in dem es heißt: „Das ist der Unverstand der Massen, Den nur des Geistes Schwert durchbricht“. Weitz bemerkt ebenfalls die zusätzliche Bedeutung des Schwertes, das Symbol des lasalleanischen Postulats „Wissen ist Macht“ sei. Die Formulierung „Wissen ist Macht“, die auf Francis Bacon zurückgeht, griff nicht nur Wilhelm Liebknecht in seinem Vortrag „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“, gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Bildungsvereins am 5. Februar 1872 und zum Stiftungsfest des Leipziger Arbeiterbildungsvereins am 25. Februar 1872 auf, sondern auch Karl Bauer für das Schmuckblatt der sozialdemokratischen Maifestzeitung von 1897, bei der eine thronende Libertas dem Volk das unter dem Motto „Wissen ist Macht“ stehende Schwert überreicht. 561 DLA, A: Langen-Müller HS. 1993.0177: Mitteilungen des Verlages von Albert Langen in München. Der Kulturhistoriker Eduard, S. 4. Auch erschienen in: Fuchs, Eduard: Illustrierte Sittengeschichte, Bd. II: Die galante Zeit. München 1910, S. 4. 562 Guthmann 1955, S. 277. 563 Goro 1928, S. 9. 564 Huonker 1985, S. 356. 565 Westheim 1926, S. 107. 566 Benjamin 1937, S. 380. Abb. 10: Josef Damberger: Buchzeichen Eduard Fuchs. Klischeedruck, vor 1897. 141 Eduard Fuchs Licht. Er erschloss mit der Karikatur, dem Sittenbild und gemeinsam mit seiner Frau mit asiatischen Keramikobjekten solche Gebiete, die der anonymen Massen- und Volkskunst zugeordnet werden. Damit stellte er nicht nur die damals vorherrschende Kunstauffassung in Frage, sondern beschäftigte sich als einer der ersten mit dem besonderen Charakter dieser Kunst und deren technischer Reproduzierbarkeit, die er in Zusammenhang mit der Verfasstheit einer Gesellschaft setzte. Dabei nutzte er in seinen Publikationen „die ungeheure wissenschaftliche Beweiskraft des zeitgenössischen Bildes“.567 Es galt damals als Novum in der Geschichte des Buches, dass „Fuchs auf moderne Illustrationen verzichtet und in seiner Suche nach Wahrheit oder Authentizität seinen Texten zeitgenössische Bilder beifügt, die sein Argument tragen sollen“568. Und auch für die Rezeption Honoré Daumiers in Deutschland erbrachte Eduard Fuchs Pionierleistung: Er war nicht nur der erste, der systematisch Daumier-Werke sammelte, sondern auch der „größte Propagandist Daumiers“, indem er „als Publizist […] die Welt an seinen Funden und Erkenntnissen [über Daumier – Anm. d. Verf.] teilhaben“569 ließ. Fuchs’ Arbeiten über die graphischen Werke und Gemälde von Daumier, so urteilte Huonker, gehören „zu seinen wichtigsten Leistungen. Sie waren bahnbrechend für eine dem Rang dieses Künstlers entsprechende Rezeption in Deutschland“.570 Ein weiterer Teil der Sammlung Fuchs war eher privater Natur: Darin fanden sich Werke von Weggenossen, beispielsweise von seinem langjährigen Freund Max Slevogt und seinen Bekannten Max Liebermann, Emil Pottner und George Grosz. Bereits Robert Breuer machte 1912 in seinem Artikel in der Zeitschrift „Kunst und Künstler“ auf die „freundschaftliche Intimität des glücklichen Pflegers zu den Vätern der Bilder“571 aufmerksam. Er schreibt: „Dieser Sammler ist einer jener Liebhaber, bei denen Bilder gut und sicher geborgen sind und nie in schlechte Gesellschaft kommen. Weil er eigentlich nur sich selber sammelt, kann solch ein leidenschaftlicher Amateur nie etwas Fremdes in sein Haus bringen.“572 567 BArch N 2085/5: Denkschrift des Verlages von Albert Langen München über das wissenschaftliche Werk von Eduard Fuchs. München 1927, S. 4. 568 Weissberg 2002, S. 116. 569 Pucks 2013, S. 61. 570 Huonker 1985, S. 353. 571 Breuer 1912, S. 449. 572 Ebd. 142 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs Die zeitgenössischen Künstler, deren Bilder und Objekte sich in der Sammlung Fuchs finden, waren zumeist nicht nur persönlich mit dem Sammler bekannt, sie gehörten auch der progressiven Künstlerschaft an, die von Kaiser Wilhelm II. als „Rinnsteinkunst“ diffamiert wurde und sich daraufhin von der damaligen konservativen offiziellen Kunstauffassung emanzipierte. Nicht nur diese Künstler erlangten im Lauf der Zeit immer mehr Anerkennung mit ihren Arbeiten, sondern auch Fuchs gewann in Teilen des Bürgertums zunehmend Ansehen als innovativer Sammler; die oben bereits erwähnten Würdigungen in bürgerlichen Zeitschriften machen dies deutlich. Bei Vertretern des orthodoxen Marxismus hingegen stand Fuchs wegen seiner Vorlieben für moderne zeitgenössische Künstler in der Kritik, deren Werke viele als „Produkt der Ideologie der Bourgeoisie und ein Zeichen der Dekadenz der herrschenden Klasse“573 ablehnten. Auch Rosa Luxemburg positionierte sich so und schrieb über die Ausstellung der Berliner Secession von 1908, bei der Werke von Slevogt, Lovis Corinth, Max Pechstein und Max Beckmann gezeigt wurden: „Die Sezession ist ein unbeschreiblicher Dreck.“574 In einem Artikel über „Tolstoi als sozialer Denker“, 1908 erschienen in der „Leipziger Volkszeitung“, verwies sie zudem auf Tolstois Feststellung, dass „die Kunst der höheren Klassen nie die Kunst der ganzen Nation werden“ könne.575 Sie kritisierte darin „jene Parteigenossen, die in der neuerdings aufgekommenen Kunstfexerei machend, mit gedankenloser Geschäftigkeit die sozialdemokratische Arbeiterschaft zum Verständnis für die dekadente Kleckserei eines Slevogt oder eines Hodler ‚erziehen‘ wollen“.576 Eduard Fuchs wird zwar nicht namentlich genannt, jedoch dürfte in der Berliner linken Intellektuellenszene klar gewesen sein, auf wen sich Luxemburg hier bezog, war der Sammler doch nicht nur mit Slevogt befreundet, sondern sammelte auch seine Bilder. Fuchs beschäftigte sich nicht mit Vorstellungen einer utopischen Kunst für einen zukünftigen sozialistischen Staat, vielmehr betrachtete er bereits die zeitgenössische Kunst als Verweis auf zukünftige Entwicklungen. So suche und empfange er bereits „in Daumier den elementaren Ausbruch der Revolution, in Liebermann deren Objektivierung, in Slevogt neue Brandfackeln des revolutionären Enthusiasmus“577, wie Breuer 1912 in seinem Artikel über den 573 Röhrl, Boris: Marxistische Philosophie und Kunstgeschichte. Einführung, Entwicklung, Terminologie. Berlin 2018, S. 24. 574 Rosa Luxemburg, Brief an Kostja Zetkin vom 11.05.1908, zitiert nach Hexelschneider, Erhard: Rosa Luxemburg und die Künste (Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte 3). Leipzig 20072, S. 37. 575 Luxemburg, Rosa: Tolstoi als sozialer Denker. In: Dies.: Gesammelte Werke. Bd. 2: 1906 bis Juni 1911. 6., überarb. Auflage, Berlin 2006, S. 246–253, S. 253. Der Text erschien zuerst in der Leipziger Volkszeitung (1908), Nr. 209. 576 Ebd. 577 Breuer 1912, S. 450. 143 Eduard Fuchs Sammler für „Kunst und Künstler“ schreibt. Die Meinung zu diesem Thema unter linken Intellektuellen und auch in der Partei war nicht einheitlich und wurde in dieser Zeit heiß verhandelt, ging es doch letztlich auch um nichts weniger als die Frage, ob Kunst und auch Gesellschaft radikal oder in reformerischen Schritten erneuert werden könne. Dabei verharrte man „in der klaren Gegenüberstellung von zwei Fronten und in der Feststellung einer unüberbrückbaren Trennung zwischen den neuen Anforderungen und der „Dekadenz“ der bürgerlichen Kultur“.578 Als kulturhistorischer Forscher und Schriftsteller bewegte sich Fuchs in einer ambivalenten Position. Seit 1901 veröffentlichte er seine großen, umfassend bebilderten Werke insbesondere zur Karikatur, zur Sittengeschichte und zu Daumier, die sowohl in der sozialistischen als auch in der bürgerlichen Presse besprochen und vielfach kritisiert wurden.579 Von sozialistischer Seite wurde beispielsweise darauf hingewiesen, dass in der 1908 erschienenen „Illustrierten Sittengeschichte“ die „proletarische ,Sittlichkeit‘ nicht genügend in Erscheinung“ gebracht werde und das Werk insgesamt „nicht hinreichend auf das Proletariat ausgerichtet“ sei.580 Konstatiert wurden zudem auch theoretische Schwäche und dialektischer Mangel. So machte Walter Benjamin später deutlich, dass Fuchs zwar politisch dem Revisionismus ferngestanden und ihn sein politischer Instinkt auf den linken Parteiflügel geführt habe, dass er sich jedoch als Theoretiker dessen Einfluss nicht habe entziehen können, was sich in seinem gesamten Werk in einer evolutionistischen Geschichtsauffassung wiederfinde.581 Benjamin kritisierte den blinden Glauben an den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft als automatischen Prozess, der mit bourgeoisen Ideologien von naturwissenschaftlichen und technologischen Evolutionsmechanismen vergleichbar sei und mittels dem Dinge losgelöst vom Einfluss des Menschen und dessen Produktionsprozessen betrachtet würden.582 Obwohl Fuchs stets für die Massen schreiben wollte, räumte er zunehmend theoretischen Formulierungen gegenüber populärgeschichtlichen Abwicklungen mehr Platz ein, um sich deutlicher den bürgerlichen Kunsttheorien entgegenzustellen.583 Auch dadurch wurden seine Bücher, vom hohen Preis aufgrund ihres großen Umfangs ganz abgesehen, zum elitären Genuss, sodass beispielsweise die Bände der „Sittengeschichte“ nicht mehr für die Arbeiterbiblio- 578 Zingarelli 1976a, S. 39. 579 Ausführlich hierzu ebd., S. 32–53. 580 Ebd., S. 48. 581 Benjamin 1937, S. 364f. 582 Schwartz, Frederic J.: Walter Benjamin’s Essay on Eduard Fuchs: An Art-Historical Perspective. In: Hemingway, Andrew (Hrsg.): Marxism and the History of Art. From William Morris to the New Left. London 2006, S. 106–122, S. 114. 583 Darauf verweist Zingarelli 1976a, S. 46. 144 Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs theken angeschafft wurden. Auch die sozialistische Presse rezensierte nach der Kritik zur „Sittengeschichte“ Fuchs’ Werke nicht mehr, zu groß wurde das „Misstrauen, das die Forschung von Fuchs, die sich zusehends weiter entfernt von den Richtlinien der Partei und der politischen Praxis, hervorruft“584. Dass die nicht unbedingt günstig zu erstehenden Fuchs’schen Publikationen dennoch in hohen Auflagen erschienen, zeigt jedoch, dass das wohlhabendere Bürgertum die Bücher der Kulturhistorikers durchaus goutierte: So erreichten laut Weitz allein die Ergänzungsbände zur „Illustrierten Sittengeschichte“ bis 1933 eine Auflage von insgesamt 89.000 Exemplaren.585 Da die Hauptbände offensiver beworben werden konnten, lag deren Gesamtauflage vermutlich bei weit über 100.000 Exemplaren, genaue Zahlen liegen allerdings nicht vor.586 Jedoch, so viel ist sicher, machte der Verkauf seiner Bücher Fuchs zu einem reichen Mann. Verkauften sich Fuchs’ Bücher zwar ausgezeichnet, eckten sie dennoch an konservative bürgerliche Normen an: Rezensionen in konservativen Medien kritisierten den Mangel an Wissenschaftlichkeit und Objektivität, die Überbewertung der besprochenen Objekte, die politische Tendenz und moralische Gefährdung. So heißt es in einer Rezension von Fuchs’ Buch „Das erotische Element in der Karikatur“ in der „Allgemeinen Zeitung“ aus dem Jahr 1905: „Dieses Werk tritt auf mit der Prätention, ein Beitrag zur Kulturgeschichte zu sein […] Aber seine künstlerischen Dogmen repräsentieren das robusteste Unverständnis gegenüber dem eigentlichen Wesen der Kunst, - seine ,ernste Forschung‘ ist der Sonntagsausflug eines Dilettanten ins Wissenschaftliche […] Doch hier kommt noch ein Drittes hinzu: der gänzliche Mangel an Objektivität gegenüber dem so gefährlichen Stoff. Nur die ausgesuchteste Sachlichkeit, verbunden mit einem tiefen Verständnis der historischen und sozialen Vorbedingungen dieser Kunstgattung, könnte ein solches Werk vor dem Beigeschmack des Pornographischen und dem Verdachte der pekuniären Spekulation bewahren.“587 Als Vertreter des reaktionären Bürgertums befasste sich folglich auch die Justiz mit Fuchs’ Publikationen: Zwar hatte dieser versucht, Zusammenstöße mit den Behörden vorzubeugen, indem er die Bände seiner Bücher mit potentiell als sittlich bedenklich 584 Zingarelli 1976a, S. 48. 585 Vgl. Weitz 2014, S. 150f. 586 Ebd. 587 Hamann, W.: E. F.: Das erotische Element in der Karikatur. In: Allgemeine Zeitung (1905), Nr. 182, S. 268f, zitiert nach Zingarelli 1976a, S. 44f. 145 einstufbarem Material in Form von Privatdrucken herausgab.588 Dennoch hatte die Justiz seit 1904 ein Auge auf Fuchs’ Schaffen, stellte immer wieder Strafanträge und leitete Verfahren ein, in denen Möglichkeiten zur Zensur und Beschlagnahmung seiner Bücher geprüft wurden. Mehrfach wurden Gutachten von Wissenschaftlern eingeholt, die prüfen sollten, inwieweit die Fuchs’schen Werke als wissenschaftlich relevant und daher als sittlich unbedenklich eingestuft werden konnten.589 Die Expertisen der progressiven Gelehrten, darunter Kunstwissenschaftler, Philosophen und Psychologen, fielen stets zugunsten Eduard Fuchs aus. Sie stellten keinen Mangel an Wissenschaftlichkeit fest, konstatierten jedoch: „Das Werk ist das eines outsiders. Darum kann man als strenger Fachgelehrter mit zahlreichen kunstgeschichtlichen Urteilen des Verfassers nicht einverstanden sein. Aber die Werke von outsiders sind es öfters gewesen, die in der Kunstgeschichte die neuen Wege gewiesen haben, und zu diesen Werken gehört unbedingt das von Fuchs.“590 Die Auseinandersetzungen mit den Behörden zogen sich jedoch bis 1931. Erst dann konnte Fuchs an seinen Freund Slevogt die positive Nachricht schicken, dass auch sein 1930 publiziertes Buch „Die grossen Meister der Erotik. Ein Beitrag zum Problem des Schöpferischen in der Kunst“ nicht von der Justiz beanstandet wurde: 588 STA München, Pol.Dir. 7205: Spezialakte Langen: Vertriebs-Bestimmungen für Fuchs „Geschichte der erotischen Kunst“ und Fuchs „Illustrierte Sittengeschichte“ (Ergänzungsbände). Darin heißt es: „Diese Werke sind in erster Linie für Gelehrte und Bibliotheken bestimmt; in zweiter Linie für jene ernsten Leute, die, wenn sie auch nicht offiziell gelehrten Berufen angehören, sich aus höhergeistigen Interessen mit Kultur, Kunst und Sittengeschichte beschäftigen. Nur solchen Personen dürfen die Bände angeboten und verkauft werden. Diese Voraussetzungen sind auch vom Besteller ausdrücklich zu bestätigen. Frauen und Minderjährigen dürfen diese Werke weder vorgelegt noch angeboten werden; sie sind vom Erwerb prinzipiell ausgeschlossen. Bei den Ergänzungsbänden ist ferner Bedingung, dass der Besteller zugleich auch den betreffenden Hauptband bezieht oder schon bezogen hat.“ 589 Ausschnitte einiger Gutachten wurden auch bei Fuchs, Eduard. Geschichte der erotischen Kunst. Bd. II: Das individuelle Problem, 1. Teil. München 1923, S. 2–7 veröffentlicht. Weitere Gutachten bzw. Abschriften von diesen befinden im STA München, Pol.Dir. 7205: Spezialakte Langen, darunter Gutachten von Berthold Riehl (1909), Alfred Freiherr Mensi von Klarbach (1927), Georg Lill (1927), der Sachverständigen-Kammer für Werke der bildenden Künste einschließlich der Erzeugnisse des Kunstgewerbes und der Baukunst (1931). 590 DLA, A: Langen-Müller HS. 1993.0177: Mitteilungen des Verlages von Albert Langen in München. Der Kulturhistoriker Eduard Fuchs, S. 3. Eduard Fuchs 146 „[…] die Münchener Kunstkommission hat, den diversen von mir beigebrachten Gutachten folgend, meine ‚Grossen Meister‘ als absolut einwandfrei erklärt. Damit war denn auch die staatsanwaltliche Aktion erledigt. Bezugnehmend auf diesen Kunstkommissionsbeschluss wurde das sogenannte Ermittlungsverfahren eingestellt.“591 Nur fünf Jahre später wurden unter den Nationalsozialisten schließlich nahezu alle Bücher von Eduard Fuchs verboten und bei Bücherverbrennungen zerstört und der Sammler und Schriftsteller damit auch seiner Lebensgrundlage beraubt.592 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Eduard Fuchs’ Sammlung in zwei hauptsächliche Bestandteile aufgeteilt werden kann: Zum einen stellte sie in großem Umfang Arbeitsmittel für seine wissenschaftlichen Forschungen dar. Darin war die Kollektion kulturhistorisch ausgerichtet und kann den in der Zeit um 1900 alternativen Forschungsansätzen der Geschichtswissenschaften zugeordnet werden, bei denen nicht nur staats- und personenbezogene Darstellungen im Zentrum standen, sondern auch soziale und ökonomische Aspekte berücksichtigt wurden. Seine kulturhistorischen Überlegungen basieren dabei auf dem historischen Materialismus und wurden von Aspekten aus der Naturgeschichte und der Psychoanalyse ergänzt, wobei, wie Huonker deutlich machte, Fuchs für seine Überlegungen keine tragfähige, allgemeine Theorie, sondern lediglich einzelne Theoreme lieferte.593 Zum anderen beinhaltete die Kollektion Fuchs Kunstwerke progressiver Künstler, mit denen er sich auch gegen konservative Kunstauffassungen positionierte und deren Sammlung zugleich stark biographische Züge aufweist: Mit vielen der Künstler war Fuchs zumindest bekannt, mit Max Slevogt verband ihn eine jahrelange Freundschaft. 591 LBZ/Pfälzische Landesbibliothek Speyer, Nachlass Max Slevogt N 100: Brief von Fuchs, Eduard an Slevogt, Max, Brief vom 11.06.1931. 592 STA München, Pol.Dir. 7205: Spezialakte Langen, Liste vom 02.03.1937. Gemäß §1 der Verordnung der Reichsschrifttumskammer vom 04.02.1935 wurden folgende Bücher von Fuchs verboten: „Das erotische Element in der Karikatur“, Ergänzungsbände zur „Illustrierten Sittengeschichte“, „Die Frau in der Karikatur“, „Die Juden in der Karikatur“, „Die Karikatur der europäischen Völker“, „Die großen Meister der Erotik“, „Illustrierte Sittengeschichte“, „Die Weiberherrschaft in der Geschichte der Menschheit“, „Der Weltkrieg in der Karikatur“. 593 Vgl. Huonker 1985, S. 372ff und 408ff. Und aktueller: Gorsen 2006, v. a. S. 226–229. Gorsen geht insbesondere auf die Veränderung in Fuchs’ Denken ein, das zuerst vor allem unter dem Einfluss des historischen Materialismus stand und später ergänzt wurde durch eine individualpsychologische Betrachtungsweise. Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs 147 Mit seiner Sammlung und seinen Forschungen brachte sich Fuchs, getragen von seinen sozialistischen Überzeugungen, in die Position des wissenschaftlichen Außenseiters und stellte sich quer zu offiziellen Auffassungen von Kunst und Kultur. Während er aufgrund der Schwierigkeiten beim Umgang mit der Theorie des historischen Materialismus wissenschaftlicher Außenseiter blieb, trug er mit der thematischen Auswahl seines Sammlungs- und Forschungsgegenstands zentral zu einem Paradigmenwechsel in der gesellschaftlichen Anschauung von Kunst bei. So rückte er mit der Karikatur das Bild als subversives Medium und damit zugleich technisch reproduzierbare Massenware in den Fokus der Kunstwissenschaft, indem er erstmals „die Gestaltungsmittel der Karikatur als bewusste künstlerische Formsetzung“594 würdigte. Damit verhalf er zudem sowohl Daumier als auch Gavarni zu Anerkennung als Künstler und machte sie auch für sammelnde Institutionen und die institutionelle Wissenschaft relevant. 3.3 Fazit Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs können dem Typus des wahren Sammlers zugeordnet werden. Wie in den Einzelbeschreibungen der Sammler verdeutlicht wurde, positionieren sich beide in ihrer Sammlungstätigkeit in großen Teilen außerhalb des gängigen Kanons der traditionellen Geschichtsschreibung, bei der vorrangig politisch-dynastische Ereignisgeschichte betrieben wurde. Sowohl Pachinger als auch Fuchs lassen sich mit ihren Sammlungen und Forschungen in das Feld der Kulturgeschichte einordnen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der wichtigsten Alternativkonzeptionen zur offiziellen Sichtweise von Geschichte wurde. Beide eint, dass sie mit dem Sammeln von bis dahin marginalisiertem, kaum beachtetem und teils verfemtem Kulturgut in einen „subversiven Protest gegen das Typische“595 traten und das scheinbar Randständige und von der herrschenden Macht und Moral Unterdrückte sichtbar machten: Volkskundliches, Massenbilder, Sittengeschichtliches und Werke progressiver Kunstrichtungen fanden Eingang in die Kollektionen der beiden Sammler. So entwarfen sie, alternativ zur offiziell anerkannten Norm, eine eigene, unter subjektiven Gesichtspunkten erstellte historische Ordnung. 594 Plum, Angelika: Die Karikatur im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Eine ikonologische Untersuchung zu Feindbildern in Karikaturen. Diss. Aachen 1998. Aachen 1998, S. 38. 595 Benjamin 1989b, S. 216. Fazit 148 Dabei agierten sie von unterschiedlichen Ebenen aus: Pachinger, geprägt durch ebenfalls im volkskundlichen Bereich sammelnde Familienmitglieder, begriff das Sammeln als familiäre Tradition und bürgerliche Kulturtechnik. Er orientierte sich dabei inhaltlich und teilweise auch geographisch an einer ihm bekannten Umgebung, sammelte jedoch – als Privatier lange weitgehend unabhängig von finanziellen, beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen – vor allem affektiv, eigenwillig und aus Interesse am jeweiligen Gegenstand. Bei Fuchs, der in seiner Jugend politisch sozialisiert und Anhänger der sozialistischen Bewegung wurde, treten eine kultur- und gesellschaftskritische Motivation des Sammelns hervor: Er sammelte und forschte basierend auf Überlegungen des historischen Materialismus und wandte sich gezielt und systematisch Objekten zu, die er als Beweismittel für seine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nutzen konnte. Dabei operierte er nicht nur bewusst mit einer Methode, sondern auch mit Themen, die mit wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Normen nicht konform gingen. Sowohl Pachinger als auch Fuchs eckten mit ihren Sammlungen und Forschungen so gründlich an konservative gesellschaftliche Anschauungen an, dass sie, indirekt und direkt, in Konflikt mit staatlichen Organen gerieten. Zugleich sahen sie sich vielfältiger Kritik aus Gesellschaft, Politik und Wissenschaft ausgesetzt: Während Pachinger insbesondere vom konservativen Bürgertum und wissenschaftlichen Fachgelehrten mit Skepsis betrachtet wurde, erfuhr Fuchs nicht nur vom konservativen Bürgertum Kritik, sondern auch aus den Reihen der Arbeiterbewegung. Von wissenschaftlicher Seite wurde ihm jedoch von progressiven Forschern auch viel Anerkennung zuteil. Obwohl sich beide Sammler gegen bereits bestehende konservative normative Ordnungen stellten und sich so auf einer exzentrischen Position bewegten, sammelten sie unbeirrt weiter. Ihre beharrliche Nonkonformität in Bezug auf konventionelle, gesellschaftlich anerkannte Normen, was als sammelwürdig zu betrachten sei, macht Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs zu wahren Sammlern im System des Sammelns in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Zwei wahre Sammler: Anton Maximilian Pachinger und Eduard Fuchs

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Abstract

Private collecting was a popular pastime at the beginning of the 20th century. Among them, private collectors with a passion for the unconventional made a strong contribution. They often collected without regard for established orders of knowledge and taste and thus distinguished themselves from the traditional preservation of cultural artefacts. Philosopher Walter Benjamin described this type of collector as the real, "true collectors" (“Wahre Sammler”). With folklorist Anton Maximilian Pachinger (1864–1938) and Marxist cultural scientist Eduard Fuchs (1870–1940), this study examines two representatives of this type. It not only locates the collectors and their collections in terms of cultural history, but also reveals their potential as cultural innovators, who still open exciting perspectives on their times today.

Zusammenfassung

Privates Sammeln war zu Beginn des 20. Jahrhunderts populäres Vergnügen. Verstärkt taten sich dabei auch Privatsammler hervor, die sich durch ihre Leidenschaft für das Unkonventionelle auszeichneten. Sie sammelten häufig ohne Rücksicht auf etablierte Ordnungen von Wissen und Geschmack und grenzten sich so von der traditionellen Bewahrung von Kulturgut ab. Der Philosoph Walter Benjamin bezeichnete diesen Sammlertypus als den eigentlichen, den „wahren Sammler“. Mit dem Volkskundler Anton Maximilian Pachinger (1864–1938) und dem marxistischen Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs (1870–1940) untersucht diese Studie zwei Vertreter dieses Typus. Sie verortet die Sammler und ihre Kollektionen nicht nur kulturgeschichtlich, sondern offenbart zudem ihr Potenzial als kulturelle Neuerer, die auch heute hoch spannende Perspektiven auf ihre Zeit eröffnen.