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5. Schluss in:

Barbara Leven

Wahre Sammler, page 287 - 290

Die Praxis einer Leidenschaft vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4355-4, ISBN online: 978-3-8288-7308-7, https://doi.org/10.5771/9783828873087-287

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Kunstgeschichte, vol. 14

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
287 5. Schluss Der wahre Sammler im Benjamin’schen Sinne stellt sich quer zu anerkannten Ordnungssystemen. Er grenzt sich von der allgemeinen Bewahrung der Tradition ab und widmet sich in seiner Sammlung dem Randständigen, Schrulligen, Abwegigen und Verfemten. Weil er und seine Sammlung sich nicht in etablierte Systeme integrieren lassen, fand der wahre Sammler bisher kaum Berücksichtigung in der Sammlungsforschung. Vielfach wurde er gar nicht zur Kenntnis genommen oder marginalisiert, sodass ihm und seinen Vertretern sowie ihren Leistungen im Feld des Sammelns auch heute noch das Vergessen droht. Ausgangspunkt dieser Arbeit war die Frage danach, welchen Anteil der Typus des wahren Sammlers überhaupt im Feld des Sammelns hatte und wie er sich darin positionierte. Überprüft werden sollte die These, dass der wahre Sammler und seine Kollektion von kultureller Bedeutung waren und noch heute sind – und dass beides mitnichten irrelevantes Treibgut der Geschichte ist. Gefolgt wurde dabei der Annahme, dass der wahre Sammler durch die Tätigkeit, mit der er stets das von der herrschenden Macht Unterdrückte sichtbar macht, neue Perspektiven auf den Ausschnitt seiner Zeit eröffnet und durch ihn und seine Sammeltätigkeit spannende und bisher zu wenig gewürdigte Aspekte der Geschichte sichtbar gemacht werden können. Nach einer Beschreibung der im Feld des Sammelns dominierenden Positionen des öffentlichen und privaten Sammelwesens wurde mit Hilfe von Texten Walter Benjamins der Typus des wahren Sammlers genauer theoretisch konturiert und anhand der Beispiele Pachinger und Fuchs gezeigt, dass sie aufgrund ihrer speziellen Sammlungspräferenzen und deren Nonkonformität als wahre Sammler gelten können. Deutlich wurde, dass das Feld des Sammelns Ende des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts maßgeblich durch das gehobene Bürgertum und die etablierte Künstlerschaft geprägt war. Sie schufen entlang ihrer Normen und Werte die anerkannten Ordnungen des Sammelns dieser Zeit. Vertreter des Typus des „repräsentativen Privatsammlers“ gehörten ebenfalls der vorrangig gehobenen, 288 Schluss aber auch der mittelständischen bürgerlichen Schichten der Gesellschaft an. Sie nutzten ihre Sammlungen, die stets aus gesellschaftlich arrivierten Objekten bestanden, nicht nur als Mittel der Distinktion, sondern fungierten auch als Mediatoren und trugen zur Objektivierung und Popularisierung von gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und ästhetischen Ordnungen bei. Die Objekte in den Kollektionen der hier untersuchten Beispiele für den Typus des wahren Sammlers Pachinger und Fuchs hoben sich insofern davon ab, dass ihre Inhalte in großen Teilen den damals gängigen Sammlungskonventionen entgegenliefen und insbesondere solche Gegenstände umfassten, die bis dahin in Gelehrtenund Sammlerkreisen noch kaum berücksichtigt worden waren. Zwar agierten beide Sammler durchaus auch als Teil und mit der bürgerlichen Gesellschaft, jedoch verweisen ihre Geisteshaltungen und damit einhergehend auch ihre Sammelintentionen auf Einflüsse der künstlerischen Subkultur und Avantgarde sowie politischer und wissenschaftlicher Alternativströmungen. Basierend darauf war ihnen möglich, eine von der Norm abweichende Perspektive auf ihre Zeit einzunehmen und diese auch als wahre Sammler aufzugreifen, sodass sie mit ihren Kollektionen einen unkonventionellen Ausschnitt ihrer Zeit schildern, mit dem sie auf parallel zum Mainstream verlaufende Ordnungsmuster verweisen. Aufgezeigt wurde in der Arbeit auch, dass beide Sammler verschiedentlich, aber durchaus ausgeprägt im Terrain offizieller bürgerlicher Kultur verwurzelt waren, wenngleich sie sich jedoch in bestimmten Punkten auch davon absetzten. So griffen beide beim Sammeln und in der Verwendung ihrer Sammlungen auf traditionelle und etablierte Strategien zurück, wagten aber auch neue und eigene Wege zu gehen, die schon allein wegen der Spezifik ihrer Sammlungsobjekte vonnöten waren. Sie bewegten sich damit nicht losgelöst im Feld des Sammelns, aber lange Zeit frei darin. Die beiden beschriebenen Sammler und ihre Kollektionen ermöglichten ihren Zeitgenossen – und auch uns – einen neuen Blick auf ihre Zeit und deren kulturelle Produkte. Derlei Perspektivwechsel, vorangetrieben durch Neuerer wie dem wahren Sammler, können mitunter Umbrüche und Veränderungsprozesse in historischen Entwicklungen eröffnen. Auch Pachinger und Fuchs hatten mit den von ihnen gesammelten und in den Fokus der Forschung gerückten Objekten an solchen Prozessen Anteil. Ungewiss ist allerdings, inwieweit sie diese Aspekte zum Durchbruch vorantreiben hätten können, denn mit den historischen Einschnitten des Ersten Weltkriegs und der Zeit des Nationalsozialismus endeten für Pachinger und Fuchs ihre bisherigen Möglichkeiten, als wahre Sammler zu agieren. Deutlich wurde jedoch in dieser Untersuchung, dass wahre Sammler parallel zu und gleichzeitig im Rahmen der kanonisierten und konventionellen Ordnungen ganz offensichtlich alternative 289 Schluss Sammlungssysteme entfalten können, die widersetzliche Eigenkraft entwickeln und mitunter auch bestehende Ordnungen transformieren können – die also das Zeug dazu haben, die kulturelle Welt zu revolutionieren.

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Abstract

Private collecting was a popular pastime at the beginning of the 20th century. Among them, private collectors with a passion for the unconventional made a strong contribution. They often collected without regard for established orders of knowledge and taste and thus distinguished themselves from the traditional preservation of cultural artefacts. Philosopher Walter Benjamin described this type of collector as the real, "true collectors" (“Wahre Sammler”). With folklorist Anton Maximilian Pachinger (1864–1938) and Marxist cultural scientist Eduard Fuchs (1870–1940), this study examines two representatives of this type. It not only locates the collectors and their collections in terms of cultural history, but also reveals their potential as cultural innovators, who still open exciting perspectives on their times today.

Zusammenfassung

Privates Sammeln war zu Beginn des 20. Jahrhunderts populäres Vergnügen. Verstärkt taten sich dabei auch Privatsammler hervor, die sich durch ihre Leidenschaft für das Unkonventionelle auszeichneten. Sie sammelten häufig ohne Rücksicht auf etablierte Ordnungen von Wissen und Geschmack und grenzten sich so von der traditionellen Bewahrung von Kulturgut ab. Der Philosoph Walter Benjamin bezeichnete diesen Sammlertypus als den eigentlichen, den „wahren Sammler“. Mit dem Volkskundler Anton Maximilian Pachinger (1864–1938) und dem marxistischen Kulturwissenschaftler Eduard Fuchs (1870–1940) untersucht diese Studie zwei Vertreter dieses Typus. Sie verortet die Sammler und ihre Kollektionen nicht nur kulturgeschichtlich, sondern offenbart zudem ihr Potenzial als kulturelle Neuerer, die auch heute hoch spannende Perspektiven auf ihre Zeit eröffnen.