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XI. Schlussbemerkung in:

Rosali Wiesheu

Studien zur Rezeption des Œuvres Alberto Giacomettis, page 257 - 258

Debatten und Deutungspraktiken von den zeitgenössischen Diskursen bis zur Postmoderne

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4354-7, ISBN online: 978-3-8288-7307-0, https://doi.org/10.5771/9783828873070-257

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Kunstgeschichte, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Schlussbemerkung Das vorliegende Promotionsvorhaben hat die Rezeption des Nachkriegswerks von Alberto Giacometti erforscht. Ausgehend von den Studien von Serge Guilbaut (How New York stole the Idea of Modern Art) und Natalie Adamson (Painting, Politics, and the Struggle for the École de Paris, 1944–1964) standen die Jahre 1944 bis 1948 und die Frage, wie die Rezeption von Alberto Giacometti in ausgewählten Medien und Ausstellungen in Paris und New York verlief, im Zentrum der Analyse. Tiefergehendes Forschungsinteresse galt der Frage, inwieweit der Giacometti-Diskurs Aufschluss gibt über die unterschiedlichen politischen und kulturellen Implikationen seiner Zeit, über die Wechselwirkungen von Kunst und Politik, von Metapher und Geschichte. Im Fokus standen die Zeitschrift Labyrinthe (1944–1946), die Galerie Pierre Matisse in New York und das Museum of Modern Art und ihre jeweilige Rolle in der amerikanischen und französischen Kulturpolitik. Gerade in den Jahren unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs diagnostizieren Adamson und Guilbaut eine Schwerpunktverlagerung des künstlerischen Zentrums westlicher Kunst von Paris nach New York und analysierten deren Implikationen für die jeweilige Kunstszene. Über die Rezeption Giacomettis ließen sich sowohl Brüche als auch Ähnlichkeiten in ästhetischen Fragen und den Werken der amerikanischer Künstler und der Mitglieder der sogenannten École de Paris festmachen, die sich um die Suche nach einem neuen Ausdruck der figure humaine in der Kunst drehten und damit auch die Debatte um die Frage nach figurativer oder abstrakter Kunst als richtungsweisende Tendenz der Kunst der Nachkriegszeit bestimmten. Diese Debatten wurden bereits 1944 in zentralen Artikeln der im Genfer Exil erscheinenden Zeitschrift Labyrinthe geführt, an der Giacometti als Redakteur und Illustrator beteiligt war und in der einige seiner Werke intensiv besprochen wurden. Zum Autorenstamm zählte auch der französische Existenzphilosoph Jean-Paul Sartre, der Giacometti 1948 maßgeblich zu früher Aufmerksamkeit in den USA ver- XI. 257 half, indem er anlässlich seiner ersten umfassenden Retrospektive in der Pierre Matisse Gallery einen einführenden Katalogtext verfasste. In diesem führte er Schlüsselbegriffe in den Giacometti-Diskurs ein, die in ihren Verschiebungen und Transformationen im amerikanischen und französischen Kontext der Kunstkritik nachgezeichnet wurden. Die vorliegende Arbeit leistet somit einen Beitrag zu den übergeordneten Fragestellungen nach der Entstehung und Verschiebung kultureller und nationaler Identitäten, der Formierung von Kanons und der ihnen zugrunde liegenden ökonomischen und politischen Strategien sowie der Konstruktion von Künstleridentität über die kritische Rezeption eines Œuvres. Abschließend wurde die zeitgenössische Rezeption mit der späteren kunstgeschichtlichen Analyse von Giacomettis Œuvre verglichen, in der insbesondere der von Rosalind Krauss 1984 eingeleitete Paradigmenwechsel in Bezug auf Giacomettis Frühwerk eine entscheidende Rolle spielt. Krauss’ Interesse an der Horizontalität im Werk Giacomettis und ihre Abwertung des Werks nach 1945 müssen vor der Folie des diskursiven Kontexts der Debatten in der amerikanischen Kunstwissenschaft der 1960er- und 1970er-Jahre gelesen werden. Diese wiederum resultieren aus den kunstkritischen Diskussionen in der Nachkriegszeit, die anhand der Antipoden Clement Greenberg und Harold Rosenberg und ihres Umgangs mit Alberto Giacometti rekonstruiert wurden. Die Analyse hat gezeigt, dass Giacomettis Kunstwerke nicht nur als konkrete Beiträge zur westlichen Kunstgschichte zu lesen sind, sondern zugleich als Spiegelflächen für einen geistesgeschichtlichen Diskurs gesehen werden können, der sich im Wechselspiel mit Giacomettis Skulpturen etablierte und von Bataille über Sartre bis hin zu Greenberg und Newman die unterschiedlichsten Künstler und Denker inspirierte. XI. Schlussbemerkung 258

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Zusammenfassung

Für die Jahre unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs diagnostiziert die Forschungsliteratur eine Schwerpunktverlagerung des künstlerischen Zentrums westlicher Kunst von Paris nach New York. Die Studie erforscht das Nachkriegswerk von Alberto Giacometti und wie sich die Rezeption seines Œuvres und seiner Person in ausgewählten Medien und Kontexten in Paris und New York vollzogen hat. Über die Analyse der Rezeption lassen sich Ähnlichkeiten in der Fragestellung amerikanischer Künstler und Mitglieder der École de Paris ansichtig machen, die sich um die Suche nach einem neuen Ausdruck der Figure Humaine zentrieren und damit auch die Debatte um die Frage nach figurativer oder abstrakter Kunst als richtungsweisende Tendenz der Nachkriegszeit bestimmen.