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4 Führung in der Politik in:

Sonja Scheungraber

Die charismatische Führungspersönlichkeit, page 85 - 132

Strategien für den Erfolg

2. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4352-3, ISBN online: 978-3-8288-7304-9, https://doi.org/10.5771/9783828873049-85

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 89

Tectum, Baden-Baden
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Führung in der Politik „Führung in der Politik und Wirtschaft bedeutet einen organisatorischen Wandel voranzutreiben. Dies impliziert eine Interaktion zwischen verschiedenen – am Führungsprozess beteiligten – Personen, bei der eine Führungskraft ein auf die Erreichung eines bestimmten Zieles gerichtetes Verhalten bei den Geführten auslöst und aufrechterhält.“236 Deshalb impliziert Führung in der Politik und Wirtschaft die Grundbedingung eines fortwährenden Kommunikationsprozesses zwischen dem Führer und den Geführten. Dies gilt für die Kommunikation innerhalb der Organisation sowie verstärkt auch für die Kommunikation nach außen. Um Strategien vermitteln zu können, wird auch in der Ökonomie die Prämisse hervorgehoben, dass die Führungsperson mit der Öffentlichkeit kommuniziert. Die Beherrschung dieser Ebene der Führung wird in zunehmendem Maß ein Erfolgsfaktor für die Interessenvermittlung gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit. Um politische Macht entwickeln zu können, ist es deshalb notwendig, öffentliche Kommunikationswege in Anspruch zu nehmen.237 Führung in der Politik meint vornehmlich öffentliche Exponiertheit und tägliche Mehrheitsbildung aus verschiedenen Interessengruppen. Auch ist Loyalität in der Politik bloß auf Zeit geliehen. Aus diesem Grund ist Führung in der Politik meist vielmehr pragmatische Moderation als hierarchische Regulierung.238 Deshalb kommt der Führungspersönlichkeit in der Politik vor allem die Rolle des strategischen Beeinflussers von Mehrheiten zu. Daneben erwähnt Hans Peter Fagagnini, dass sich gute Führung dadurch auszeichnet, dass sie die Geführten richtig einzuschätzen vermag. Der Politikwissenschaftler 4 236 Grasselt/Korte (2007), S. 193. 237 Vgl. Grasselt/Korte (2007), S. 194. 238 Vgl. Grasselt/Korte (2007), S. 195. 85 James Mac Gregor Burns weist darauf hin, dass politische Führer um die Bedürfnisse der Geführten wissen müssen.239 Helmut Schmidt führt an, dass Einfühlungsvermögen notwendig sei, um Massen auch auf psychologische Weise führen zu können.240 Erfolgreiche Führung in der Politik bedeutet in diesem Sinne vor allem zielgerichtete Kommunikation und strategische Beeinflussung. Ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen wird dabei stets als Grundvoraussetzung genannt, um auf psychologische Weise führen zu können, indem die Gefühle und Bedürfnisse der Geführten richtig eingeschätzt und adressiert werden. Unser heutiges Europa setzt sich aus demokratischen Verfassungsstaaten zusammen, wobei die politische Führung vom Volk gewählt wird. In der Demokratie ist Macht zeitlich begrenzt und unterliegt fortwährender Kontrollen. Auch in der Demokratie ist Führung unverzichtbar. In der Demokratie kann Führung allerdings nur über Parteimehrheiten erlangt werden, wobei zunächst Vertrauen gewonnen und Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen. Politische Ziele können nur verwirklicht werden, wenn genügend Rückhalt und Vertrauen der Wähler vorhanden sind.241 Die Bürgerinnen und Bürger sind deshalb zentraler Bezugspunkt aller strategischen Handlungen.242 Politische Parteien prägen und kanalisieren die politische Willensbildung und Interessenvermittlung. Zudem stellt der Parteienwettbewerb den zentralen und damit wichtigsten Mechanismus der Demokratie dar.243 Daneben ist die Macht der Medien als vierte Gewalt im politischen System zu erwähnen. Indem Medien beobachten, kontrollieren und im Fall von verfassungswidrigem Handeln öffentlich sanktionieren, prägen sie die öffentliche Meinung mit und nehmen dabei enormen Einfluss auf die politischen Akteure. In der Demokratie stellen die Medien eine Kontrollinstanz der politischen Akteure sowie ein Sprachrohr der politischen Willens- 239 Vgl. Sebaldt/Gast (2010), S. 13–14. 240 Vgl. Bliesemann de Guevara/Reiber (2011), S. 120. 241 Vgl. Becker/Gora/Ehrhardt (2006), S. 123–124. 242 Vgl. Raschke/Tils (2013), S. 539. 243 Vgl. Alemann (2010), S. 7. 4 Führung in der Politik 86 und Meinungsbildung dar. Aus dieser Perspektive stehen Medien und Parteien in einem natürlichen Spannungsverhältnis zueinander.244 Jedoch werden durch Medienkampagnen Politik, Parteien und vornehmlich Parteipolitiker zunehmend verwundbar.245 Führung in der Demokratie ist geprägt von dem Parteienwettbewerb, den Medien und der Anforderung, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu gewinnen, insofern sich nur so Mehrheiten gewinnen lassen, die eine Voraussetzung demokratischer Führung sind. Für Politikerpersönlichkeiten ist ein erhöhtes Maß an Einfühlungsvermögen unerlässlich dafür, Vertrauen zu generieren, um Einfluss geltend zu machen. Eine erfolgreiche Politikerpersönlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass es ihr gelingt, das Spannungsverhältnis zwischen Medien und Parteien authentisch zu meistern. Die Politikerpersönlichkeit und die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik In diesem Abschnitt wird die Politikerpersönlichkeit thematisiert, um anschließend die Rolle der charismatischen Führungspersönlichkeit in der politischen Führung darstellen zu können. Dabei wird ein Zusammenhang mit der charismatischen Führungspersönlichkeit aufgezeigt. Es erfolgt eine Verknüpfung der Elemente Charisma und Persönlichkeit respektive der Führungspersönlichkeit in der Politik. Der Faktor Persönlichkeit in der Politik ist ein medial vieldiskutiertes Thema, jedoch ist die Thematik aufgrund ihres interdisziplinären Charakters nicht im politikwissenschaftlichen Mainstream angesiedelt.246 Gemäß der politischen Psychologie werden bei der Politikerpersönlichkeit sowohl die Lebensgeschichte als auch der Charakter sowie die Erfahrungen und das soziale Umfeld in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Von großer Bedeutung für 4.1 244 Vgl. Alemann (2010), S. 136–137. 245 Vgl. Alemann (2010), S. 237. 246 Vgl. Pollak/Sager/Sarcinelli/Zimmer (2008), S. 7. 4.1 Die Politikerpersönlichkeit und die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik 87 die Persönlichkeit des Politikers ist die Empathiefähigkeit. Diese Fähigkeit fließt in das Charisma ein. Daneben erfordert Charisma darstellerische Kompetenzen, weil Charisma durch die Kombination von Mimik, Gestik, Rhetorik und visionärer Botschaft wirkt.247 Die Signifikanz der persönlichen Ausstrahlung als Merkmal politischen Potentials für die Ausübung eines Amtes ist im politischen System stets zu beobachten.248 Eine brillante politische Persönlichkeit vermag es, die Bedürfnisse, Werte, Ideale sowie die Interessen einer bestimmten Gruppe authentisch zu vertreten, indem sie die Identität dieser Gruppe stützt oder deren Identität durch ihr Wirken ins Leben ruft.249 Die politische Persönlichkeit steht im Spannungsverhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und zahlt nicht selten den Preis der Veröffentlichung ihrer Privatsphäre. Im Umkehrschluss instrumentalisieren Politikerinnen und Politiker ihr Privates oftmals auch zu Wahlkampfzwecken und zur Imagebildung.250 Charismatische Politikerpersönlichkeiten sind dazu in der Lage, dieses Spannungsverhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit erfolgreich zu meistern, indem sie beispielsweise Medien für sich zu nutzen wissen. Aufgrund ihres Einfühlungsvermögens und ihrer Authentizität sind Charismatiker fähig, Medien und die Öffentlichkeit strategisch zu beeinflussen. Bei politischem Charisma geht es in erster Linie um Führung durch außergewöhnliche Persönlichkeiten, die unter Einsatz von bestimmten Eigenschaften und Techniken in spezifischen Situationen wirken.251 Charismatischen Führungspersönlichkeiten in der Politik gelingt es, bei den Geführten eine bestimmte Wirkung zu erzielen, da sie ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in deren Gefühle und Bedürfnisse sowie eine besondere Ausstrahlung besitzen, die es ihnen ermöglichen, erfolgreich zu kommunizieren. Die Führungspersönlichkeit symbolisiert dabei eine Schlüsselperson, vornehmlich wegen ihrer allumfassenden Entscheidungs- 247 Vgl. Hartmann (2007), S. 35–36. 248 Vgl. Richter (2011), S. 91. 249 Vgl. Richter (2011), S. 100. 250 Vgl. Pollak/Sager/Sarcinelli/Zimmer (2008), S. 11. 251 Vgl. Bliesemann de Guevara/Reiber (2011), S. 9. 4 Führung in der Politik 88 macht.252 Auch unter gründungsspezifischem Aspekt, beispielsweise bei der Gründung einer Partei, ist im Falle von Charisma eine besondere Wirkung, die bei den Geführten erzielt wird, zu beobachten. Diese wird von der Persönlichkeit des Politikers, der die Gründung initiiert hat, bewirkt. Aufgrund seines engen Kontakts mit den Parteizugehörigen begründet er die Basis der Organisationsgeschichte wie auch der Werte und der Kultur der Partei. Die Werte der Führungspersönlichkeit werden mit anderen, die an diese Werte und an deren Verwirklichung glauben, geteilt. Sie beinhalten Visionen und Ziele. Auf diese Weise übertragen sich markante Charaktereigenschaften des Gründers auf das Leben in der neuen Partei.253 So überträgt sich die Gründerpersönlichkeit im Rahmen ihrer Vorbildfunktion, wirkt aber zugleich auch auf die Glaubwürdigkeit des Gründers bei seinen Mitarbeitern zurück.254 Diese Vorbildfunktion kann im Extremfall zur Identifikationsfunktion werden. Charaktermerkmale der Führungsperson wirken dabei sowohl auf die Geführten als auch auf organisationale Strukturen.255 Im Hinblick auf diese au- ßerordentliche Wirkungskraft, die auf die Charaktereigenschaften der Führungsperson zurückzuführen ist, dominiert nach diesem Verständnis der eigenschaftsorientierte Ansatz der Persönlichkeitstheorie. Da aus vergangenen Erfahrungen und Weltanschauungen der Führungsperson die Gründungsidee hervorgegangen ist, besitzt auch der Verstand des Gründers eine prägende Wirkungskraft. Zwischen den eigenen Werten der Führungspersönlichkeit und den Werten einer Organisation ist daher meist ein fließender Übergang zu beobachten.256 Darüber hinaus ist es Aufgabe der Führungsperson selbst, eigene Wertvorstellungen entsprechend zu repräsentieren und die Identität der Organisation nach innen und nach außen zu verkörpern. Dabei wirkt sie ganz elementar auf das Erschei- 252 Vgl. Rode (2004), S. 75. 253 Vgl. Rode (2004), S. 76. 254 Rode (2004), S. 76. 255 Vgl. Rode (2004), S. 76. 256 Vgl. Rode (2004), S. 76. 4.1 Die Politikerpersönlichkeit und die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik 89 nungsbild.257 Diesen Anforderungen kann die Führungspersönlichkeit nur gerecht werden, wenn sie imstande ist, die geforderten Werte sichtbar und glaubwürdig zum Ausdruck zu bringen beziehungsweise zu leben.258 Aus diesem Grund benötigt die Führungspersönlichkeit ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit zur präzisen Kommunikation.259 Es zeichnet sich ab, dass die Persönlichkeit der Führungsperson maßgeblichen Einfluss auf die politische Führung besitzt. Man könnte beispielsweise die Partei, der sie zugehörig ist, auch symbolisch als Spiegelbild der Führungspersönlichkeit sehen. Entscheidend sind dabei die Eigenschaften der Führungspersönlichkeit, mit denen sie die Partei grundlegend prägt und im weiteren Verlauf ihren Einfluss geltend macht. Im Hinblick auf die Vorbildwirkung der Führungspersönlichkeit besteht ein wesentliches Element der Führungsqualität darin, Werte authentisch vorzuleben und glaubwürdig zu kommunizieren, um leidenschaftliche Begeisterung zu ernten. Dies begründet die Aussage, dass es einer charismatischen Führungspersönlichkeit möglich ist, ihren Charakter und ihre Werte auf das Leben, beispielsweise in einer Partei, zu übertragen. So gesehen wirkt die Persönlichkeit des Charismatikers im Rahmen ihrer Vorbildfunktion auf die Geführten und somit auf die Gesellschaft. Für den politischen Entrepreneur spielt Charisma eine entscheidende Rolle. Charismatiker sind in der Lage, durch ihr dynamisches und energiegeladenes Agieren die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und durch ihre Begeisterung die Massen zu mobilisieren. Darüber hinaus können sie andere von ihrer Idee und ihrer Zielsetzung begeistern und überzeugen. So ist es Charismatikern möglich, sogar einen tiefgreifenden sozialen Wandel zu initiieren.260 Jedoch stellt Weber fest, dass die strukturbedingte Oligarchisierung der Parteien durch Berufspolitiker unterbinde, dass charisma- 257 Vgl. Hametner/Schülein/Lueger (2009), S. 199. 258 Vgl. Rode (2004), S. 77–78. 259 Vgl. Rode (2004), S. 79. 260 Vgl. Wagner (2009), S. 116. 4 Führung in der Politik 90 tische Führungspersönlichkeiten in ihnen mächtig werden können.261 Seine Auffassung entspricht der Annahme, dass Charisma in demokratischen Rechtsstaaten eher ein Randphänomen darstellt. Aus diesem Grund ist in den modernen westlichen Demokratien die am häufigsten anzutreffende Form von Charisma das Amtscharisma, das institutionalisiert und veralltäglicht ist. Persönliches oder Ideencharisma sind in der westlichen Demokratie kaum zu finden. Dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass in Demokratien das Wahlsystem auf Parteien ausgerichtet ist und nicht etwa wie in den USA auf einzelne Persönlichkeiten.262 Das System in den USA erlaubt Charisma, da die amerikanische Variante der Demokratie mit ihrem besonderen Auswahlsystem politischer Eliten die Wirkung von Charisma begünstigt.263 Aus diesem Grund wird die Politikerpersönlichkeit Barack Obama als Quelle für eine Analyse von Charisma thematisiert. So ist es möglich, empirische Erkenntnisse zu charismatischen Eigenschaften einer Führungspersönlichkeit aufzuzeigen. Darüber hinaus wirft das Verhalten von Obama bei Widerständen Licht auf mögliche Erfolgsstrategien, die ihn hier befähigen, Widerstände zu überwinden. Zudem zeichnet sich ab, welcher Theoriebezug auf Barack Obama zutreffend ist, was es möglich macht, Charisma zu verifizieren. Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ In diesem Kapitel wird die Persönlichkeit Barack Obama näher betrachtet, um anschließend anhand der inhaltlichen Botschaft ausgewählter Reden und seiner Biographie „Ein amerikanischer Traum“ sein persönliches sowie sein Ideencharisma verdeutlichen zu können. Es werden charismatische Eigenschaften aufgedeckt sowie Strategien einer charismatischen Führungspersönlichkeit aufgezeigt, die dazu befähigen, Widerständen souverän zu begegnen. 4.2 261 Vgl. Wiegand (2006), S. 50. 262 Vgl. Bliesemann de Guevara/Reiber (2011), S. 32–33. 263 Vgl. Bliesemann de Guevara/Reiber (2011), S. 63. 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 91 Barack Obama wurde 1961 auf Hawaii geboren, als Sohn eines schwarzen Kenianers und einer weißen Amerikanerin. Sein Vater Barack Obama sen. gehörte zu der ersten großen Welle von Afrikanern, die im Westen studieren konnten, um später ein neues Afrika mit aufzubauen. Im Alter von 23 Jahren kam Obama sen. im Jahr 1959 als erster afrikanischer Student an die Universität von Hawaii und lernte dort eine Amerikanerin kennen, die er anschließend heiratete. Barack Obama jun. wurde geboren, und sein Vater verließ die Familie im Jahre 1963, um an der Harvard University sein Promotionsstipendium wahrnehmen zu können. Barack Obama jun. war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt und verbrachte einen Teil seiner Kindheit bei seiner weißen Mutter und seinen weißen Großeltern auf Hawaii.264 Seine Großeltern beschreibt er als angesehene und anständige, gottesfürchtige Baptisten.265 Er selbst schreibt, dass es vielen Menschen schwerfällt, ihn so zu akzeptieren, wie er ist, als Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter. Auch ist er der Meinung, die Leute wüssten nicht, wer er ist. Obama meint, sie suchen in seiner Person nach Zeichen und stellen sich insgeheim seine Zerrissenheit vor. Aufgrund seines gemischten Blutes hätten sie ein gespenstisches Bild eines tragischen Mulatten vor Augen, der in zwei Welten gefangen ist.266 Auch seine Mutter wurde zu Schulzeiten diskriminiert, weil sie mit einem gleichaltrigen schwarzen Mädchen spielte. Daraufhin wurden ihre Eltern vom Schuldirektor ermahnt, dass in der Stadt weiße Mädchen nicht mit Farbigen spielen dürften.267 Seine Großeltern waren ebenso mit rassistischen Einstellungen gegenüber Barack Obamas Hautfarbe vertraut. Sein Großvater bemerkte oft, wenn Touristen ihn beim Spielen am Strand beobachteten. Er trat daraufhin zu ihnen und erzählte, Barack wäre ein Urenkel König Kamehamehas, des ersten Herrschers von Hawaii. Barack Obama sieht darin eine Strategie, Problemen auszuweichen.268 264 Vgl. Obama (2009), S. 23–27. 265 Vgl. Obama (2009), S. 31. 266 Vgl. Obama (2009), S. 15. 267 Vgl. Obama (2009), S. 37. 268 Vgl. Obama (2009), S. 41–42. 4 Führung in der Politik 92 Insgesamt verbrachte Barack Obama die ersten sechs Lebensjahre auf Hawaii.269 Anschließend lebte er eine Zeitlang mit seiner Mutter in Indonesien, wo diese erneut heiratete. Dort lernte er, dass die Welt brutal, grausam und unberechenbar sein kann. Er führte lange Gespräche mit dem neuen Mann an der Seite seiner Mutter, der ihm erklärte, dass man nicht an den Schmerz denken solle, sondern einzig und allein an das Ziel, dass man erreichen möchte. Ebenso wies er ihn darauf hin, dass es sofort von anderen ausgenützt werde, wenn ein Mann schwach sei, und dass der Starke dem Schwachen immer das Land wegnehme. Dies sei genau wie in der Politik.270 Barack Obama war materiell anspruchslos und wurde von seiner Mutter dazu erzogen, nicht mit Ignoranz und Überheblichkeit aufzutreten. Zu den Werten, die ihm seine Mutter vermittelte, zählten Fairness, Offenheit und selbständiges Denken.271 Als Barack Obama zehn Jahre alt war, kehrte er zurück nach Hawaii zu seinen Großeltern, um dort auf die Schule zu gehen. Wegen seiner Hautfarbe galt er als Außenseiter, und er hatte immer das Gefühl, nicht dazuzugehören. In der Schule fragte ihn ein Mitschüler, ob sein Vater Menschen fresse.272 An der High School lernte er von seinen Kollegen auf dem Sportplatz eine Haltung, die nicht nur mit Sport zu tun hatte. Man solle sich Respekt verschaffen durch das, was man selbst tut, und nicht durch das, was die Eltern sind. Außerdem solle man seine Gefühle nie zeigen, sodass niemand merke, ob man Schmerz oder Angst hat. Auch die Verbundenheit im Team sei wichtig. In diesem Zusammenhang solle man eine Aktion wählen, die niemand erwartet hätte, um somit selbst den Gegnern ein anerkennendes Schmunzeln entlocken zu können. Wegen seiner Hautfarbe machte er Erfahrungen mit Rassismus und Verachtung. Er beschreibt das rassistische Verhalten als eine spezielle Form von Arroganz und Beschränktheit bei ansonsten vernünftigen Menschen. Es erschien ihm damals so, dass Weiße nicht 269 Vgl. Obama (2009), S. 44. 270 Vgl. Obama (2009), S. 47–56. 271 Vgl. Obama (2009), S. 63–65. 272 Vgl. Obama (2009), S. 74–76. 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 93 wussten, wie brutal sie waren, und dass sie davon überzeugt waren, dass man als Schwarzer ihre Verachtung verdiene.273 Er sagt: „So wechselte ich hin und her zwischen meiner schwarzen und meiner weißen Welt, lernte, dass jede ihre eigene Sprache hatte, eigene Gepflogenheiten und Begriffe, und war überzeugt, dass diese beiden Welten mit ein wenig übersetzerischer Hilfe meinerseits letztlich zusammenfinden würden.“274 An der Universität spielte Barack Obama in einem Straßentheater mit, das die Situation von Aktivisten in Südafrika darstellen sollte. Nachdem er ein paar einleitende Worte gesprochen hatte, sollten ihn ein paar weiße Studenten in Uniform vom Podium zerren. Er trat ans Mikrophon und sagte:275 „Ein Volk kämpft! Dieser Kampf findet auf der anderen Seite des Globus statt. Aber es ist ein Kampf, der jeden von uns angeht. Ob wir es wissen oder nicht. Ob wir es wollen oder nicht. Ein Kampf, der von uns verlangt, Partei zu ergreifen, uns zu entscheiden. Nicht zwischen Schwarz und Weiß. Nicht zwischen Arm und Reich – nein, es ist schwerer. Wir müssen uns entscheiden zwischen Menschenwürde und Sklaverei. Zwischen Recht und Unrecht. Zwischen Engagement und Gleichgültigkeit. Zwischen Gut und Böse.“276 Obwohl Obama die Aufmerksamkeit der Zuhörer gewinnen konnte, war er selbst nicht überzeugt von der Kundgebung und seiner einminütigen Rede. Er meinte, dass diese Aktion nichts bewirke und er nichts zu sagen habe.277 Deshalb war er überzeugt, dass dies seine letzte Rede sein würde, und er beschloss, dass es nicht seine Aufgabe sei, für die Schwarzen zu sprechen. Das Predigen wollte er anderen überlassen. Eine Freundin sagte ihm daraufhin, dass er seine Gefühle nicht wahrhaben wolle und dass es nicht nur um ihn gehe und es Menschen gebe, die seine Hilfe benötigen. Ihr schien es nämlich, sie hätte jemanden sprechen hören, der an etwas glaubt. Sein gekränktes Ego, seine Ironie und Spitzfindigkeit würden niemanden inter- 273 Vgl. Obama (2009), S. 94–96. 274 Obama (2009), S. 98. 275 Vgl. Obama (2009), S. 120. 276 Obama (2009), S. 120–121. 277 Vgl. Obama (2009), S. 121–122. 4 Führung in der Politik 94 essieren. So erkannte er, dass es ihm in der Vergangenheit wirklich nur um ihn selbst gegangen war, um seine Wünsche und vor allem um seine Angst, nirgends dazuzugehören und immer ein Außenseiter zu bleiben, wenn er sich nicht verstellen und verstecken würde. Unter den vielen Schichten von Verletzungen, bemerkte er die Bereitschaft, auszuhalten, um eine Musik zu machen, die noch nie gehört wurde.278 Er wünschte sich ein Happy End.279 Analyse der Persönlichkeit Barack Obama anhand seiner Rede im Rahmen des White House Correspondents Dinners und sein Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit Einmal im Jahr wird in Washington zum Correspondentsʼ Dinner geladen, wo Barack Obama über sich und andere witzelt und dabei eine versteckte Wahlempfehlung zu der kommenden Präsidentschaftswahl abgibt. Zu den Gästen zählen Größen aus Politik und Film und eine Menge Journalisten. In der Regel hält zu Beginn ein Schauspieler oder Komiker eine belustigende Rede und bezieht sich dabei auf die US-Politik, den Präsidenten und auf weitere aktuelle Themen. Anschließend hält der Präsident eine Rede, in der er sich auch gerne selbst auf die Schippe nimmt, um Sympathie zu gewinnen.280 In seiner 20-minütigen Rede im Jahre 2014 teilte Barack Obama kräftig aus. Zum einen äußerte er sich kritisch gegen politische Gegner und die Medien, zum anderen gegen sich selbst.281 Im Folgenden werden ausgewählte Ausschnitte seiner Rede beim White House Correspondentsʼ Dinner zitiert, die seinen Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit bei gesellschaftlichen Anlässen illustrieren. 4.2.1 278 Vgl. Obama (2009), S. 122–126. 279 Vgl. Obama (2009), S. 444. 280 Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/obama-beim-white-house-correspond ents-dinner-witze-vom-praesidenten-a-967456.html 281 Vgl. http://www.sueddeutsche.de/politik/white-house-correspondents-dinner-der blecken-mit-obama-1.1949522 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 95 Das präsidiale Equipment http://www.npr.org/blogs/thetwo-way/2014/05/04/309425228/obama-throws-some-zingersat-white-house-correspondents-dinner (letzter Zugriff 09.04.2015) Rede von Barack Obama während des White House Correspondents’ Dinners 2014282 THE PRESIDENT: Thank you so much, everybody. Have a seat, have a seat. Before I get started, can we get the new presidential setup out here? (Aides bring out two ferns) It was worked before. (Laughter and applause) That’s more like it. Zu Beginn seiner Rede bedankt sich Barack Obama sehr herzlich und bittet darum, das präsidiale Equipment aufzubauen. Daraufhin bringen zwei Helfer zwei große Töpfe mit Farnen, die sie zur 282 http://www.whitehouse.gov/the-press-office/2014/05/03/remarks-president-whitehouse-correspondents-dinner 4 Führung in der Politik 96 rechten und linken Seite des Podiums aufstellen. Mit seinem präsidialen Equipment möchte er das Bild vermitteln, im Urwald zu stehen. So spielt er auf seine Hautfarbe an und darauf, was viele Menschen damit verbinden. Auf diese Weise gelingt es ihm, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie mit Schwarzen in diesem Land umgegangen wird und dass er darum weiß. Er hält ihnen sozusagen einen Spiegel vor. Aus dieser Aktion lässt sich ein großes Einfühlungsvermögen ableiten sowie Humor und Demut. Sich selbst nimmt er dabei nicht so wichtig. Sein primärer Fokus ist darauf gerichtet, bei den Zuschauern eine Haltungsänderung zu bewirken. Hierbei lässt sich Charisma anhand spezifischer Charakterzüge erkennen. Indem er das Publikum konfrontiert, überwindet er den Widerstand und benützt die einstige Demütigung als Vorlage dafür, Charisma zu erlangen. Er spielt in gewisser Weise das Spiel mit und nimmt sich dabei selbst auf die Schippe. So verlieren die Zuschauer den Spaß an der Demütigung, da sie merken, dass sie ihn damit nicht provozieren können. Demut und Humor sind die Schlüsselkriterien zur authentischen Umsetzung seiner Strategie. Was den inszenierten und den echten Charismatiker bei dieser Strategie unterscheidet, ist ihre unterschiedliche Zielsetzung, die sich auch in ihrer Persönlichkeit widerspiegelt. Der inszenierte Charismatiker ist von der Anerkennung abhängig, während der echte Charismatiker aufgrund seiner Demut unabhängig von einer solchen Anerkennung agieren kann. Dies schenkt ihm Freiheit im Denken und Handeln. Aus diesem Grund findet die theologische Perspektive auf Charisma bei Barack Obama Anwendung, insofern er es vermag, die Wechselwirkung zwischen Charisma und Widerstand mit Erfolg zu meistern und Abwertungen in eine Auserwählung umzukehren. Auf diese Weise akzentuiert er sein Charisma. Of course, we rolled out healthcare.gov. That could have gone better. (Laughter) In 2008 my slogan was, “Yes We Can.” In 2013 my slogan was, “Control-Alt-Delete.” (Laughter) Über den misslungenen Start der Krankenversicherungsseite healthcare.gov sagte er: „2008 war mein Motto ‚Ja wir schaffen das‘. 2013 war mein Motto ‚Steuerung-Alt-Entfernen‘.“ In diesem Bei- 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 97 spiel lässt er sich seinen Ärger über die Niederlage nicht anmerken. Im Gegenteil, er pointiert seine Niederlage, indem er dazu steht und eingesteht, dass er sein vielversprechendes Motto von 2008 im Jahre 2013 nicht verwirklichen konnte. Zugleich präsentiert er einen neuen Slogan. Hierbei wendet er eine Strategie an, Problemen auszuweichen, so wie er es von seinem Großvater gelernt hat. I want to thank the White House Correspondentsʼ Association for hosting us here tonight. I am happy to be here, even though I am a little jet-lagged from my trip to Malaysia. The lengths we have to go to get CNN coverage these days. (Laughter and applause) I think they’re still searching for their table. (Laughter and applause) MSNBC is here. They’re a little overwhelmed. (Laughter) They’ve never seen an audience this big before. (Laughter) Er führt an, dass er sich freue, Gast des White House Correspondentsʼ Dinners zu sein, obwohl er einen Jetlag habe, nachdem er kürzlich aus Malaysia zurückgekehrt sei. Solche Reisen seien notwendig, damit CNN die Sendezeit abdecken könne. Außerdem erwähnt er, dass die Mitarbeiter von CNN wohl noch damit beschäftigt seien, ihren Tisch zu finden. Über die Mitarbeiter von MSNBC sagt er, sie seien bestimmt ein bisschen beeindruckt, weil sie noch nie ein so großes Publikum gesehen hätten. Mit seinen Äußerungen macht er sich über die beiden Fernsehsender lustig und versucht sich damit Respekt zu verschaffen. Daneben übermittelt er die Botschaft, dass er den Schlagzeilen, die über ihn berichtet werden, keine große Bedeutung beimisst. Sometimes I do feel disrespected by you reporters. But that’s okay. Seattle Seahawk cornerback Richard Sherman is here tonight. (Applause) And he gave me some great tips on how to handle it. Jake Tapper, don’t you ever talk about me like that! (Laughter) I’m the best President in the game! (Laughter) What do you think, Richard? Was that good? A little more feeling next time? Obama weist darauf hin, dass er sich von den Reportern manchmal respektlos behandelt fühlt. Das sei o. k. und ihm sei bereits mitgeteilt worden, mit welchen Mitteln er dies unterbinden könne. Weiter sagt er: „Jake Tapper, sprich nie wieder so mit mir. 4 Führung in der Politik 98 Ich bin der beste Präsident in diesem Spiel! War das Gut? Soll ich das nächste Mal ein bisschen mehr Gefühl reinbringen?“ Mit diesen Sätzen offenbart er, wie er mit respektlosen Reportern umgeht. Er konfrontiert die beteiligten Personen direkt, indem er ihre Identität preisgibt. In diesem Fall erwähnt er Jake Tapper, einen amerikanischen CNN-Reporter und leitenden Journalisten aus Washington.283 Aber er nimmt es mit Humor und Gelassenheit und spricht mit den Reportern, als ob er mit einem Bruder oder einer Schwester reden würde, mit dem/der er gerade gestritten hat. Dabei wirkt er sympathisch und nahbar. Von seiner Mutter hat er gelernt, nicht mit Überheblichkeit aufzutreten. Seine wahren Gefühle und seinen Schmerz über die Respektlosigkeit lässt er sich nicht anmerken. Speaking of Rand Paul -- (laughter) -- Colorado legalized marijuana this ye‐ ar, an interesting social experiment. I do hope it doesn’t lead to a whole lot of paranoid people who think that the federal government is out to get them and listening to their phone calls. (Laughter) That would be a prob‐ lem. (Laughter) In diesem Beispiel bezieht sich Obama auf die NSA-Affäre, indem er anführt, dass in Colorado Marihuana freigegeben wurde. Er hoffe, dass dies nicht dazu führt, dass Leute paranoid werden und denken, dass die Regierung sie schnappen und ihre Telefonate abhören werden. So versucht er die NSA-Affäre ins Lächerliche zu ziehen. In seinem Appell ist eine unterschwellige Botschaft enthalten, nämlich, dass die Menschen ihre Angst verlieren sollen, sie könnten aufgrund eines Telefonats verhaftet werden. Auf diese Art und Weise versucht er, die NSA-Affäre und seine Auswirkungen herunterzuspielen. Darüber hinaus will er dem Verdacht entgegenwirken, jeder würde abgehört werden. Anyway, this year, I’ve promised to use more executive actions to get things done without Congress. My critics call this the “imperial presidency.” The truth is, I just show up every day in my office and do my job. I’ve got a pic‐ ture of this I think. 283 Vgl. http://edition.cnn.com/profiles/jake-tapper-profile 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 99 Die imperiale Präsidentschaft http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Ffiles.abovetopsecret.com%2Ffiles%2 Fimg%2Fgv 536a8521.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.abovetopsecret.com%2Fforum %2Fthread1011602%2Fpg1&h=450&w=600&tbnid=Zl0QsR8kljv-8M%3A&zoom=1&docid =rXrbCyx5QsoZwM&ei=OAPyU7vCKueo4gS01IC4AQ&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur= 1222&page=1&start=0&ndsp=16&ved=0CCYQrQMwAg (letzter Zugriff 09.04.2015) Da Obama dieses Jahr versprochen hatte, mehr exekutive Maßnahmen ohne den Kongress zu unternehmen, bezeichneten seine Kritiker dies als „imperiale Präsidentschaft“. Mit dem Foto beabsichtigt er seine Kritiker zu besänftigen, indem er genau das tut, was ihm unterstellt wurde. Auf die Schlagzeile „imperiale Präsidentschaft“ kontert er mit einem Bild, das ihn auf einem Thron zeigt. Dies soll seine „imperiale Herrschaft“ auf humorvolle Art und Weise untermalen. Hierbei wendet er eine Strategie an, auf die er in seinem Buch aufmerksam machte. Von seinen Sportskollegen an der High School lernte er, dass es wichtig ist, eine Aktion zu wählen, die nie- 4 Führung in der Politik 100 mand erwartet hätte, um somit selbst den Gegnern ein anerkennendes Schmunzeln zu entlocken. Thank you very much, everybody. God bless you. And God bless America. Am Ende seiner Rede bedankt er sich und schließt mit den Worten „Gott segne euch und Gott segne Amerika“. Analyse der Persönlichkeit Barack Obama anhand seiner Rede im Rahmen der Kongresswahlen 2014 und sein Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit Anlässlich der Niederlage der Demokraten bei den Kongresswahlen stellte sich Obama am 5. November 2014 den Medien und der Öffentlichkeit. In seiner Rede machte er deutlich, dass er auf eine Kooperation mit den Republikanern hoffe, und gestand seine Niederlage bei den Kongresswahlen ein: „Die Republikaner hatten offensichtlich einen guten Abend.“ Der Stimmenverlust der Demokraten bei den Kongresswahlen war bezeichnend. Einige US-Fernsehsender berichteten über den Gewinn der Republikaner von mindestens 52 von 100 Sitzen im Senat. Im Abgeordnetenhaus konnten die Republikaner Zugewinne von einst 233 auf 245 der insgesamt 435 Sitze verzeichnen. Aufgrund dieser Niederlage ist Barack Obama dazu gezwungen, gegen enorme Widerstände der Opposition zu regieren.284 Seine erste öffentliche Reaktion wird nachfolgend in Ausschnitten näher betrachtet, um seinen Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit bei politischen Anlässen weiter zu veranschaulichen. 4.2.2 284 Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/barack-obama-nach-niederlage-beimidterms-hofft-er-auf-zusammenarbeit-a-1001291.html 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 101 Ansprache des Präsidenten Barack Obama in der Pressekonferenz im „East Room“ des Weißen Hauses am 5. November 2015285 THE PRESIDENT: Good afternoon, everybody. Have a seat. Today, I had a chance to speak with John Boehner and congratulated Mitch McConnell on becoming the next Senate Majority Leader. And I told them both that I look forward to finishing up this Congress’ business, and then working together for the next two years to advance America’s busi‐ ness. And I very much appreciated Leader McConnell’s words last night about the prospect of working together to deliver for the American people. On Friday, I look forward to hosting the entire Republican and Democratic leadership at the White House to chart a new course forward. Als Erstes gratuliert Barack Obama seinem Gegner Mitch Mc- Connell zur Mehrheitsführung im Senat. Er sagt, er habe mit John Boehner und Mitch McConnell darüber gesprochen, dass er sich auf die Vollendung der Kongress-Geschäfte freue und auch darauf, gemeinsam für die nächsten zwei Jahre Amerikas Sache voranzubringen. Darüber hinaus erwähnt er, dass er die Worte des Mehrheitsführers im Senat McConnell sehr schätze, die dieser letzte Nacht über die Aussicht, zusammenzuarbeiten, zum Ausdruck brachte, um dem amerikanischen Volk gegenüber zu halten, was man versprochen hat. Auch freue sich Obama auf Freitag, wenn er die gesamte republikanische und demokratische Führung im Wei- ßen Haus zu Gast haben werde, um einen neuen Weg nach vorne aufzuzeigen. Indem er erwähnt, dass er sich auf die Zusammenarbeit freut, und seinen Gegnern zum Sieg gratuliert, offenbart er seine charismatische Eigenschaft, trotz einer Niederlage Haltung zu bewahren und stets das Ziel einer friedlichen Zusammenarbeit zwischen Demokraten und Republikanern zu verfolgen. Obviously, Republicans had a good night, and they deserve credit for run‐ ning good campaigns. Beyond that, I’ll leave it to all of you and the profes‐ sional pundits to pick through yesterday’s results. What stands out to me, though, is that the American people sent a message, one that they’ve sent for several elections now. They expect the people they elect to work as hard 285 http://www.whitehouse.gov/the-press-office/2014/11/05/remarks-president-pressconference 4 Führung in der Politik 102 as they do. They expect us to focus on their ambitions and not ours. They want us to get the job done. Barack Obama lässt sich seinen Ärger über die Niederlage nicht anmerken, indem er sagt: „Offensichtlich hatten die Republikaner eine gute Nacht, und sie verdienen Anerkennung dafür, gute Kampagnen geführt zu haben.“ Auf die Ergebnisse der Wahlen geht er nicht näher ein und überlässt es dem Publikum und den professionellen Experten, die Ergebnisse vom Vortag zu analysieren. Was er allerdings betont, ist, dass die amerikanische Bevölkerung eine Botschaft gesendet hat, eine Botschaft, die sie nunmehr schon seit mehreren Wahlen zum Ausdruck gebracht hat. Er führt an, dass die Amerikaner von den Menschen, die sie gewählt haben, erwarten, genauso hart zu arbeiten, wie sie selbst, und dass sie von den Politikern erwarten, sich auf die Ambitionen der amerikanischen Bevölkerung zu konzentrieren, und nicht auf ihre eigenen. Mit seiner Analyse der Gefühlslage der Bürgerinnen und Bürger offenbart er sein Einfühlungsvermögen, das ihn davon abhält, sie für ihre Wahlentscheidung zu verurteilen, sondern anders als erwartet Verständnis dafür zeigen lässt. All of us, in both parties, have a responsibility to address that sentiment. Still, as President, I have a unique responsibility to try and make this town work. So, to everyone who voted, I want you to know that I hear you. To the two-thirds of voters who chose not to participate in the process yesterday, I hear you, too. All of us have to give more Americans a reason to feel like the ground is stable beneath their feet, that the future is secure, that there’s a path for young people to succeed, and that folks here in Washington are concerned about them. So I plan on spending every moment of the next two-plus years doing my job the best I can to keep this country safe and to make sure that more Americans share in its prosperity. Er macht darauf aufmerksam, dass beide Parteien die Verantwortung tragen, die Gefühle der Bevölkerung anzusprechen, und bekennt sich als Präsident zu seiner besonderen Verantwortung. In seiner Rede spricht er die Amerikaner gezielt mit den Worten an: „Also, an alle, die gewählt haben: Ich will, dass ihr wisst, dass ich euch höre. An die zwei Drittel der Wähler, die sich gestern dazu entschlossen haben, nicht an dem Wahlvorgang teilzunehmen, auch euch höre ich.“ Somit involviert er die gesamte Bevölkerung 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 103 und zeigt Verständnis für ihre Gefühle und Anliegen. Zudem fordert er beide Parteien dazu auf, den Amerikanern einen Grund zu liefern, sich sicher zu fühlen, ihre Zukunft als sicher zu betrachten, sowie jungen Menschen zu zeigen, dass es einen Weg gibt, erfolgreich zu sein, und dass die Menschen in Washington um sie besorgt sind. Obama selbst gibt an, jeden Moment der nächsten zwei Jahre damit verbringen zu wollen, seinen Job so gut zu machen, wie er kann, um dieses Land sicher zu halten und um sicherzugehen, dass mehr Amerikaner am Wohlstand Anteil haben können. Auf diese Weise möchte er das verlorengegangene Vertrauen der Bürgerinnen und Bürgern zurückgewinnen. This country has made real progress since the crisis six years ago. The fact is more Americans are working; unemployment has come down. More Ameri‐ cans have health insurance. Manufacturing has grown. Our deficits have shrunk. Our dependence on foreign oil is down, as are gas prices. Our gra‐ duation rates are up. Our businesses aren’t just creating jobs at the fastest pace since the 1990s, our economy is outpacing most of the world. But we’ve just got to keep at it until every American feels the gains of a growing economy where it matters most, and that’s in their own lives. Außerdem verweist er auf die Tatsache, dass Amerika seit der Krise vor sechs Jahren echte Fortschritte gemacht habe. Dies zeige sich daran, dass mehr Amerikaner arbeiten, die Arbeitslosigkeit gesunken ist, mehr Amerikaner eine Krankenversicherung besitzen, die Produktion gestiegen ist und Defizite geschrumpft sind. Amerikas Abhängigkeit von ausländischem Öl sei zudem zurückgegangen und die Gaspreise seien gesunken. Die Abschlussquoten seien gestiegen, Unternehmen würden nicht nur im schnellsten Tempo seit den 1990er Jahren Arbeitsplätze schaffen, die US-Wirtschaft habe sogar fast die ganze Welt hinter sich gelassen. Er betont sein Anliegen, weiterzumachen, bis jeder Amerikaner den Gewinn der wachsenden Wirtschaft spüre, wo es ihn am meisten betrifft, und zwar in seinem eigenen Leben. Tatsachen dienen in der politischen Führung als das wichtigste Überzeugungsargument. Damit versucht er den Amerikanern in Erinnerung zu rufen, was sich durch seine Präsidentschaft wirklich zum Positiven verändert hat. 4 Führung in der Politik 104 Obviously, much of that will take action from Congress. And I’m eager to work with the new Congress to make the next two years as productive as possible. I’m committed to making sure that I measure ideas not by whe‐ ther they are from Democrats or Republicans, but whether they work for the American people. And that’s not to say that we won’t disagree over so‐ me issues that we’re passionate about. We will. Congress will pass some bills I cannot sign. I’m pretty sure I’ll take some actions that some in Con‐ gress will not like. That’s natural. That’s how our democracy works. But we can surely find ways to work together on issues where there’s broad agree‐ ment among the American people. Weiter bezieht er sich auf die Kongressarbeit und gibt an, dass er auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Kongress gespannt sei und hoffe, die nächsten zwei Jahre so produktiv wie möglich gestalten zu können. Um die Bedenken der Bevölkerung hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen Demokraten und Republikanern anzusprechen, gibt er zu verstehen, dass er entschlossen ist, dafür zu sorgen, dass Ideen nicht daran gemessen werden, ob sie von Demokraten oder Republikanern stammen, sondern daran, ob sie für das amerikanische Volk geeignet sind. Dies bedeute nicht, dass sie nicht über ein paar ihrer leidenschaftlich gehegten Inhalte unterschiedlicher Meinung sein werden. Der Kongress werde vielmehr einige Gesetze verabschieden, die er nicht unterzeichnen werde, und er werde ein paar Maßnahmen ergreifen, die einigen im Kongress nicht gefallen werden. Aber er macht auch deutlich, dass dies Normalität sei und die Demokratie eben auf diese Weise funktioniere. Sein Anliegen ist es, Wege zu finden, um an Fragen, in denen es breite Zustimmung unter den Amerikanern gibt, zusammenzuarbeiten. So I look forward to Republicans putting forward their governing agenda. I will offer my ideas on areas where I think we can move together to respond to people’s economic needs. Er versichert, dass er sich auf die Regierungsagenda der Republikaner freue. Auch werde er seine Ideen zu Bereichen äußern, in denen beide Parteien vermutlich zusammenfinden werden, um auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Menschen reagieren zu können. In diesem Zusammenhang betont er die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede beider Parteien. Auf dieser Basis kann 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 105 eine friedliche Zusammenarbeit funktionieren. Obama weiß um die Notwendigkeit von Teamarbeit, um im politischen Geschäft handlungsfähig sein zu können. Aus diesem Grund zählt er es zu seinen Hauptanliegen, die Republikaner für sich zu gewinnen. So, just take one example. We all agree on the need to create more jobs that pay well. Traditionally, both parties have been for creating jobs rebuilding our infrastructure -- our roads, bridges, ports, waterways. I think we can ho‐ ne in on a way to pay for it through tax reform that closes loopholes and makes it more attractive for companies to create jobs here in the United States. Mit einem anschließenden Beispiel will er dieses Anliegen unterstreichen, indem er sich auf gemeinsame Interessen stützt, zum Beispiel auf die Notwendigkeit, mehr gutbezahlte Arbeitsplätze zu schaffen und die Infrastruktur auszubauen – Straßen, Brücken, Häfen und Wasserstraßen. Zugleich unterbreitet er seine Idee, dieses Vorhaben durch Steuerreformen zu finanzieren, um Schlupflöcher zu schließen und es somit für Unternehmen attraktiver zu machen, Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten zu schaffen. We can also work together to grow our exports and open new markets for our manufacturers to sell more American-made goods to the rest of the world. That’s something I’ll be focused on when I travel to Asia next week. Er schlägt vor, zusammenarbeiten, um die Exporte zu steigern und neue Märkte für Hersteller zu erschließen, um somit mehr in Amerika produzierte Waren an den Rest der Welt verkaufen zu können. We all share the same aspirations for our young people. And I was encoura‐ ged that this year Republicans agreed to investments that expanded early childhood education. I think we’ve got a chance to do more on that front. We’ve got some common ideas to help more young people afford college and graduate without crippling debt so that they have the freedom to fill the good jobs of tomorrow and buy their first homes and start a family. Daneben erwähnt er, dass beide Parteien die gleichen Hoffnungen für ihre Jugendlichen einen, da die Republikaner in diesem Jahr bereits zustimmten, Investitionen für die frühkindliche Bildung auszubauen. Hier sieht er die Möglichkeit, noch mehr zu unternehmen. Es gebe gemeinsame Ideen dafür, mehr jungen Menschen zu 4 Führung in der Politik 106 helfen, sich den Hochschulabschluss leisten zu können, ohne lähmende Schulden. Somit hätten diese die Freiheit, die guten Arbeitsplätze von morgen zu besetzen, ihre ersten Häuser zu kaufen und eine Familie zu gründen. So those are some areas where I think we’ve got some real opportunities to cooperate. And I am very eager to hear Republican ideas for what they think we can do together over the next couple of years. Of course, there’s still business on the docket that needs attention this year. And here are three places where I think we can work together over the next several weeks, before this Congress wraps up for the holidays. Anhand dieser Beispiele will er verdeutlichen, dass eine reelle Möglichkeit zur Kooperation gegeben ist. Daneben sei er sehr gespannt darauf, die Ideen der Republikaner dazu zu hören, in welchen Bereichen man in den nächsten Jahren zusammenarbeiten könnte. Er erwähnt, dass es natürlich immer noch Aufgaben gibt, denen in diesem Jahr Aufmerksamkeit gewidmet werden muss, und präsentiert sogleich drei konkrete Bereiche, in denen er in den nächsten Wochen mit dem Kongress zusammenarbeiten möchte. Indem er diese Handlungsempfehlung abgibt, demonstriert er seine Macht, trotz der Niederlage die Agenda vorzugeben. First, I’m submitting a request to Congress for funding to ensure that our doctors, scientists, and troops have the resources that they need to combat the spread of Ebola in Africa and to increase our preparedness for any fu‐ ture cases here at home. Als Erstes werde er einen Antrag an den Kongress stellen, die Finanzierung von Ärzten, Wissenschaftlern und Truppen zu gewährleisten, damit diese über die Ressourcen verfügen, die Verbreitung von Ebola in Afrika zu bekämpfen, und um auf zukünftige Fälle in Amerika besser vorbereitet zu sein. Second, I’m going to begin engaging Congress over a new Authorization to Use Military Force against ISIL. The world needs to know we are united be‐ hind this effort, and the men and women of our military deserve our clear and unified support. Zweitens werde er den Kongress einschalten, um eine neue Ermächtigung für militärische Gewalt gegen ISIL zu erhalten. Die Welt müsse wissen, dass die USA geschlossen hinter diesen Bemü- 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 107 hungen stehen, und die Männer und Frauen des Militärs verdienten die klare und geschlossene Unterstützung durch die Politik. Third, back in September, Congress passed short-term legislation to keep the government open and operating into December. That gives Congress five weeks to pass a budget for the rest of the fiscal year. And I hope that they’ll do it in the same bipartisan, drama-free way that they did earlier this year. When our companies are steadily creating jobs -- which they are -- we don’t want to inject any new uncertainty into the world economy and to the American economy. Drittens erinnert er daran, dass der Kongress im September eine kurzfristige Gesetzgebung verabschiedete, um die Regierung bis Dezember handlungsfähig zu erhalten. Dies gebe dem Kongress fünf Wochen, um einen Haushaltsplan für den Rest des Geschäftsjahres vorzulegen. Er hoffe, dass dies auf die gleiche parteiübergreifende, undramatische Weise getan werde, wie es zu Beginn des Jahres geschehen sei. Es solle verhindert werden, Unsicherheit in der Weltwirtschaft und der amerikanischen Wirtschaft zu schüren. Neben den drei Maßnahmen, die er für die Zusammenarbeit als Priorität beschreibt, bezieht er sich in diesem Beispiel auf die Art und Weise, wie diese Pläne bewältigt werden können, nämlich ohne großes Drama. Damit vermittelt er seine Vertrautheit mit und seine Kenntnis vom politischen Prozess, was der amerikanischen Bevölkerung wiederum ein Gefühl von Sicherheit vermitteln soll. The point is it’s time for us to take care of business. There are things this country has to do that can’t wait another two years or another four years. There are plans this country has to put in place for our future. Er stellt klar, dass es Zeit sei, sich um die Geschäfte zu kümmern. Es gebe Dinge, die dieses Land zu erledigen habe, die keine zwei oder weitere vier Jahre warten können. Es gebe Pläne, die die USA für die Zukunft umsetzen müssen. Dabei offenbart er seinen unbedingten Willen, etwas voranzutreiben. Angesichts der möglichen Gefahr einer Blockade von Seiten der Opposition will Obama damit verhindern, dass Entscheidungen ins Stocken geraten, und warnt somit unterschwellig vor einem Stillstand der US-Politik. And the truth is I’m optimistic about our future. I have good reason to be. I meet Americans all across the country who are determined, and big-hear‐ 4 Führung in der Politik 108 ted, and ask what they can do, and never give up, and overcome obstacles. And they inspire me every single day. So the fact is I still believe in what I said when I was first elected six years ago last night. For all the maps plas‐ tered across our TV screens today, and for all the cynics who say otherwise, I continue to believe we are simply more than just a collection of red and blue states. We are the United States. Obama zeigt sich optimistisch, was die Zukunft der Vereinigten Staaten betrifft, und betont dabei, dass er dafür gute Gründe habe. Er lobt die Entschlossenheit und das große Herz der Amerikaner. Daneben erwähnt er, dass die Amerikaner sogar danach fragen, was sie tun können, dass sie niemals aufgeben und fähig sind, Hindernisse zu überwinden. Sie seien ihm eine Inspiration. Indem er der amerikanischen Bevölkerung seinen Dank ausspricht, versucht er auch ihre Gefühle anzusprechen. Obama versichert, dass er immer noch an das glaube, was er vor sechs Jahren am Vorabend des Tages, als er zum ersten Mal gewählt wurde, sagte, und führt an: „Nach all den Karten, die über unsere Fernsehbildschirme ausgestrahlt werden, und all den Zynikern, die etwas anderes sagen, glaube ich immer noch daran, dass wir einfach mehr sind als nur eine Sammlung von roten und blauen Staaten. Wir sind die Vereinigten Staaten.“ Damit offenbart er, dass er Amerika für einzigartig hält. Auf diese Weise vermittelt er den Amerikanern das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, und erinnert zudem an seine erste Wahl zum Präsidenten. So will er die Amerikaner dazu verleiten, sich ebenso wie er an die Zeiten zurückzuerinnern, in denen die Mehrheit der Bevölkerung noch hinter ihm stand. Dieses Gefühl soll wieder in ihnen geweckt werden. Aus diesem Grund macht er die exakte Zeitangabe „letzte Nacht vor sechs Jahren“. And whether it’s immigration or climate change, or making sure our kids are going to the best possible schools, to making sure that our commu‐ nities are creating jobs; whether it’s stopping the spread of terror and disea‐ se, to opening up doors of opportunity to everybody who’s willing to work hard and take responsibility -- the United States has big things to do. We can and we will make progress if we do it together. And I look forward to the work ahead. Er ist davon überzeugt, dass die Vereinigten Staaten Großes zu leisten haben und in der Lage sind, Fortschritte zu machen, wenn 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 109 es ihnen gelingt, zusammenzuarbeiten. Es sei wichtig, für jeden, der gewillt ist, hart zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen, Möglichkeiten zu schaffen, egal, ob es um die Einwanderung oder um den Klimawandel geht, oder darum, sicherzustellen, dass die Kinder auf die bestmöglichen Schulen gehen, dass die Gesellschaft Arbeitsplätze schafft, oder wenn es darum geht, die Verbreitung von Terror und Krankheiten zu stoppen. Hierbei betont er nochmals die Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten, um erfolgreich sein zu können. Er fügt hinzu, dass er sich auf die Arbeit, die vor ihnen liegt, freue. Anschließend stellte sich Barack Obama den Fragen der Journalisten. Julie Pace: But is there anything specific that you feel like you and your ad‐ ministration need to change given this disastrous election for your party and the message that voters sent? THE PRESIDENT: And I maybe have a naïve confidence that if we continue to focus on the American people, and not on our own ambitions or image or various concerns like that, that at the end of the day, when I look back, I’m going to be able to say the American people are better off than they were before I was President. And that’s my most important goal. Obama wird gefragt, ob es etwas Bestimmtes gibt, das er und seine Regierung verändern müssen angesichts des katastrophalen Wahlergebnisses für seine Partei und der Botschaft, die die Wähler gesendet haben. Der Präsident erwidert, dass es wichtig sei, sich auf das amerikanische Volk zu konzentrieren und nicht auf eigene Ambitionen oder das eigene Image, damit er zurückblickend letzten Endes sagen könne, dass die Amerikaner nun besser dran sind als zu der Zeit, als er noch nicht Präsident war. Dies sei sein größtes Ziel. Seine Worte erinnern an den Ratschlag seiner damaligen Kommilitonin, die sagte: „Es geht nicht nur um dich. Es geht um die Leute, die deine Hilfe brauchen […] dein gekränktes Ego interessiert sie nicht.“286 286 Obama, B. (2009), S. 123. 4 Führung in der Politik 110 Jeff Mason: How will you make sure that that executive action has teeth if Republicans try to block it by blocking funding? And can you give us a sen‐ se of whether or not you’re thinking about? THE PRESIDENT: Jeff, I think if you want to get into the details of it, I sus‐ pect that when I announce that executive action, it will be rife with detail. (Laughter.) And I’m sure there will be a lot of follow-up questions. Jeff Mason stellt die Frage, wie er sicherstellen möchte, dass sich die Maßnahmen der Exekutive durchsetzen, wenn die Republikaner versuchen sie zu verhindern, indem sie die Finanzierung blockieren. Barack Obama weicht dieser Frage gezielt aus und führt an: „Wenn sie das im Detail wissen wollen, vermute ich, dass, wenn ich die exekutive Maßnahme bekannt geben werde, es genügend Details geben wird. (Gelächter) Und ich bin mir sicher, dass es viele nachfolgende Fragen geben wird.“ Jonathan Karl: Are you going to have that drink with Mitch McConnell now that you joked about at the White House Correspondentsʼ Dinner? THE PRESIDENT: You know, actually, I would enjoy having some Kentucky bourbon with Mitch McConnell. (Laughter.) I don’t know what his preferred drink is, but -- my interactions with Mitch McConnell, he has always been very straightforward with me. To his credit, he has never made a promise that he couldn’t deliver. And he knows the legislative process well. He ob‐ viously knows his caucus well -- he has always given me, I think, realistic assessments of what he can get through his caucus and what he can’t. And so I think we can have a productive relationship. Auf Jonathan Karls Frage, ob er nun mit Mitch McConnell, dem Mehrheitsführer im Senat, einen Drink nehmen werde, so wie er beim White House Correspondentsʼ Dinner gescherzt hatte, erwidert Barack Obama, dass er eigentlich gerne etwas Kentucky Bourbon mit Mitch McConnell trinken würde. (Gelächter) Jedoch wisse er nicht, welches dessen Lieblingsgetränk sei. Was seine Unterhaltungen mit Mitch McConnell betreffe, führt Obama fort, sei dieser immer sehr aufrichtig zu ihm gewesen. Daneben betont er, was Mitch McConnell auszeichne: dass dieser nie ein Versprechen gemacht habe, das er nicht halten konnte, dass er den Gesetzgebungsprozess und offensichtlich auch seine Fraktion gut kenne. Zudem habe er Obama immer realistische Einschätzungen darüber gegeben, was er durch seine Partei bewegen kann und was nicht. 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 111 Deshalb glaube er, dass sie eine produktive Beziehung haben können. Entgegen der Erwartung lobt Barack Obama seinen Gegner und erwähnt ausschließlich positive Merkmale, die Mitch McConnells Persönlichkeit kennzeichnen. Damit will er eine Grundlage für eine gute Zusammenarbeit mit der Opposition schaffen. Jim Acosta: Thank you, Mr. President. I know you don’t want to read the tea leaves, but it is a fact that your party rejected you in these midterms. By and large, they did not want you out on the campaign trail in these key battle‐ ground states. How do you account for that? And your aides have said that this is the fourth quarter of your administration, but I don’t know if you saw the morning talk shows, but there were several potential candidates for 2016 who are out there already. Is the clock ticking? Are you running out of time? How much time do you have left? And what do you make of the noti‐ on that you’re now a lame duck? THE PRESIDENT: Well, traditionally, after the last midterm of the two-term presidency, since I can’t run again, that’s the label that you guys apply. Here’s what I tell my team -- I told them this last week and I told them this this morning -- we had this incredible privilege of being in charge of the most important organization on Earth, the U.S. government and our mili‐ tary, and everything that we do for good around the world. And there’s a lot of work to be done to make government work better, to make Americans safer, to make opportunity available to more people, for us to be able to have a positive influence in every corner of the globe -- the way we’re doing right now in West Africa. And I’m going to squeeze every last little bit of opportunity to help make this world a better place over the‐ se last two years. And some of that is going to be what we can do administratively, and sim‐ ple things like how do we make customer service better in every agency. Are there things we can do to streamline how our veterans access care? Are the‐ re better ways that we can make businesses understand the programs that are available to them to promote their business or exports? So there’s a whole bunch of stuff to do on that front. And as I said before, there’s going to be opportunities to work with Democrats and Republicans on Capitol Hill to get laws done. And if you look at the history of almost every President, those last two years, all kinds of stuff happens; in some cases, stuff that we couldn’t predict. So the one thing I’m pretty confident about, Jim, is I’m going to be busy for the next two years. And the one thing that I want the American people to be confident about is that every day I’m going to be filling up my time try‐ ing to figure out how I can make their lives better. And if I’m doing that, at 4 Führung in der Politik 112 the end of my presidency, I’ll say, we played that fourth quarter well. And we played the game well. And the only difference between I guess basketball and politics is that the only score that matters is how did somebody else do, not how you did. And that’s the score I’m keeping. Am I going to be able to look back and say, are more people working? Are there bank accounts better? Are more kids going to college? Has housing improved? Is the financial system more stable? Are younger kids getting a better education? Do we have greater energy inde‐ pendence? Is the environment cleaner? Have we done something about cli‐ mate change? Have we dealt with an ongoing terrorist threat and helped to bring about stability around the world? And those things -- every single day I’ve got an opportunity to make a difference on those fronts, which is -- Jim Acosta stellt die wohl provokantesten Fragen des Abends. Er stellt fest, dass Obama von seiner Partei in den Halbzeitwahlen abgelehnt wurde. In den hart umkämpften Schlüsselstaaten habe man ihn im Großen und Ganzen nicht auf Wahlkampftour schicken wollen. Zudem fragt Acosta nach, ob Obamas Uhr bereits ticke und ob er glaube, dass ihm die Zeit davonläuft. Er stellt die Frage, wie viel Zeit Obama noch habe, angesichts der anderen potentiellen Kandidaten für 2016. Weiter will er in Erfahrung bringen, was Obama von der Bemerkung hält, er sei jetzt eine lahme Ente. Mit dem Begriff „lahme Ente“ (Lame Duck) bezeichnet man im politischen System der Vereinigten Staaten den Präsidenten oder andere Politiker, die noch ein Amt bekleiden, aber nicht zu einer Wiederwahl antreten beziehungsweise eine Wahl verloren haben. Der Begriff will plastisch vor Augen führen, dass der Betroffene innenpolitisch weitgehend handlungsunfähig ist.287 Damit konfrontiert, räumt der Präsident ein, dass man ihm nach den Halbzeitwahlen der zweiten Präsidentschaft eben dieses Etikett anhefte, weil er nicht noch einmal als Präsident kandidieren könne. Auf diese Weise gelingt es ihm, seine wahren Gefühle zu überspielen, da er aus Erfahrung weiß, dass andere es sofort ausnützen würden, wenn er Schwäche zeigen und auf Provokationen eingehen würde. Weiter beschreibt er, was er im Hinblick darauf zu seinem Team sage, nämlich, dass sie das große Privileg hätten, für die wichtigste Orga- 287 Vgl. http://www.wirtschaft.com/tag/lame-duck/ 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 113 nisation der Welt verantwortlich zu sein, für die US-Regierung und das US-Militär und für alles, was die USA auf der Welt Gutes tun. Obama betont, dass eine Menge Arbeit vor ihnen liege, um die Regierungsarbeit zu verbessern, um Amerika sicherer zu machen, um für mehr Menschen Möglichkeiten zu schaffen und auch um einen positiven Einfluss auf jede Ecke der Welt zu haben, etwa in der Art, wie die USA gerade in West Afrika intervenieren. Er versichert, dass er jede kleine Gelegenheit nutzen werde, um die Welt in den nächsten beiden Jahre besser zu machen. Daneben weist er darauf hin, dass einiges davon administrativ erledigt werden könne. Dies seien einfache Dinge, wie zum Beispiel den Kundendienst in den Behörden zu verbessern, den Zugriff auf Pflege für Veteranen zu optimieren oder den Unternehmen die vorhandenen Programme zur Förderung ihrer Geschäfte und Exporte besser zu erläutern. Er betont noch einmal, dass es Möglichkeiten gebe, mit Demokraten und Republikanern auf dem Capitol Hill zusammenzuarbeiten, um Gesetze auf den Weg zu bringen. Weiter versichert er den Amerikanern, dass sie zuversichtlich sein könnten, dass er jeden Tag seine Zeit damit verbringen werde, herauszufinden, wie er ihr Leben besser machen kann. Dann werde er am Ende seiner Präsidentschaft sagen können, auch in der zweiten Hälfte seiner zweiten und damit letzten Amtszeit gut gespielt zu haben. Barack Obama führt ein Beispiel an, das seine politischen Ambitionen untermalen soll: Der einzige Unterschied zwischen Basketball und Politik bestehe darin, dass in der Politik nur zähle, wie jemand anderes gespielt hat, und nicht, wie man selbst gespielt hat. Dieses Ziel wolle er fokussieren und sich am Ende fragen: Haben nun mehr Menschen Arbeit? Sind ihre Bankkonten besser? Gehen mehr Kinder aufs College? Wurden mehr Häuser gebaut? Ist das Finanzsystem stabiler? Bekommen kleine Kinder eine bessere Erziehung? Haben wir eine höhere Energieunabhängigkeit? Ist die Umwelt sauberer? Haben wir etwas gegen den Klimawandel getan? Haben wir uns mit einer andauernden terroristischen Bedrohung auseinandergesetzt und dabei geholfen, Stabilität in der Welt herzustel- 4 Führung in der Politik 114 len? Jeden einzelnen Tag habe er die Möglichkeit, eine Veränderung an diesen Fronten herbeizuführen. Charakteristisch für Obama ist, dass er auf keine provozierende Äußerung eingeht und es vermag, stets sachlich zu argumentieren, indem er das Ziel in das Zentrum rückt, nämlich die Verbesserung der Regierungsarbeit und die damit einhergehende Notwendigkeit der Zusammenarbeit. Gleichzeitig vermittelt er der Zuhörerschaft stets, dass es um ihre Bedürfnisse geht, nicht um die seinen. Dabei zeichnen ihn Offenheit, Demut, Sensibilität und zugleich Stärke aus. Problemen weicht er in der Regel mit Humor aus, da er sich nicht auf einzelne Herausforderungen einlässt, sondern vielmehr den Überblick behält und sein Ziel verfolgt, für die amerikanische Bevölkerung zu vermitteln. Analyse der Persönlichkeit Barack Obama anhand des Interviews mit Cristián Gálvez im Rahmen der World Leadership Summit Am 04.04.2019 kam der ehemalige US-Präsident Barack Obama zur World Leadership Summit in die LANXESS Arena nach Köln. Thema des Abends war die Frage, was gute Führung heute bedeutet. Das Interview mit Barack Obama führte Cristián Gálvez, ein Motivationstrainer und mehrfach ausgezeichneter Vortragsredner.288 In diesem Kapitel wird ein kleiner Ausschnitt aus dem Interview präsentiert, der Rückschlüsse auf Obamas Persönlichkeit und Erfolgsgeheimnis erlaubt. CRISTIÁN GÁLVEZ: What makes Michelle Obama such a passionate leader from your point of view? BARACK OBAMA: You know, I don’t know where to start. Look, my wife is unique. She is smart, strong, beautiful, honest, funny, she´s a good dancer, she’s cute. But you know, I think what Michelle and I both share is, we both were born into fairly modest circumstances. We weren’t born wealthy, we weren’t born rich. Our success wasn’t preordat and we were lucky enough 4.2.3 288 Vgl. https://www.gedankentanken.com/wls (Letzter Zugriff 26.04.2019) 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 115 to have, in her case two parents in my case my mom and my grandparents, who I think gave us good solid values to start wit. And they taught us that our opinions matter and that we were smart and there wasn’t anything that we couldn’t do but we had to work for it. We couldn’t expect of the world to give us anything we wanted on a silver plate and I think that that built a strength certainly in her and in me in different circumstances. And I also think one of the things both of us agree on is we feel lucky enough that we weren’t famous until we were like 45 because we had lived like normal people, we had to go shopping at the supermarket and we had to wash our car and we had to figure out how we going to pay the bills. And in the United States we don’t have a good child care system so if both parents are working we have to find somebody to look after the children before they’re in school. So we have gone through the struggles of everyday life which I think meant that when we suddenly found ourselves in the White House we hadn’t forgotten what is was like to live an ordinary life and part of what I think Michelle tapped into, part of her great attraction to so many people in the United States was, that she spoke about those ordinary struggles in a powerful way that people could relate to. She didn’t see as if she was remo‐ ved or above all this. She said you know let me tell you about my husband, he doesn’t pick up his shoes, my kids, I’ve got to constantly remind them to do this and to do that. So people could identify with that and you were as‐ king about leadership earlier. I do think that to be effective, people have to relate to you. They have to see you more than might have been true thirty forty a hundred years ago. When nobody really knew what Harry Truman was doing today. I always remind people that Theodore Roosevelt when he was president of the United States he went on hunting trips he’ll be gone for a month. He’ll just go with this – he had a secret service guy – and they go on horseback and that you know built a fire and cook beans and shot things. For a month. If people didn’t know where I was for half an hour everybody be like where’s Obama why isn’t he working. (Eigene Aufzeichnung im Rahmen einer persönlichen Teilnahme am World Leadership Summit in der LANXESS Arena in Köln am 04.04.2019) Auf die Frage, was Michelle Obama zu so einer leidenschaftlichen Führungspersönlichkeit macht, beginnt er mit einer Aufzählung von Liebenswürdigkeiten mit denen er seine Frau beschreibt. Auf diese Weise offenbart er seine Wertschätzung für Michelle auch nach 27 Jahren Ehe und bekennt sich somit unter anderem zu einem treuen Ehemann. Aus theologischer Perspektive ist Treue, die als eine Frucht des Heiligen Geistes angeführt ist, ebenso ein Kennzeichen charismatischer Führungspersönlichkeiten. Er betont weiter, dass mehrere Gründe und auch Lebensumstände dazu ge- 4 Führung in der Politik 116 führt hätten, dass Beide Stärke entwickeln konnten. Zum einen sei dies auf den Umstand zurückzuführen, dass er und seine Frau in bescheidenen Lebensverhältnissen aufgewachsen sind. Auch die guten und soliden Werte, die ihnen von ihren Eltern beziehungsweise Großeltern vermittelt wurden, beschreibt er heute unter anderem dafür als Voraussetzung. Ihre Eltern haben ihr Selbstbewusstsein gestärkt, indem sie ihnen versicherten, dass ihre Meinung etwas zählt und dass sie clever genug seien Alles zu erreichen, wenn man dafür arbeitet. Die Gegebenheit, dass sie nicht vor ihren 45 Lebensjahren berühmt gewesen sind, empfindet Obama heute als Glück. Bis dahin konnten sie wie normale Menschen leben. Sie gingen im Supermarkt einkaufen, mussten ihr Auto waschen und überlegen, wie sie ihre Rechnungen zahlen. Weiter erwähnt Obama, dass es in den Vereinigten Staaten kein gutes System gibt, was die Kinderbetreuung betrifft. Deshalb müsse man sich jemanden suchen, der auf die Kinder aufpasst, wenn beide Elternteile arbeiten. Diese alltäglichen Probleme des normalen Lebens hätten sie nicht vergessen, als sie in das Weiße Haus kamen. Barack Obama sieht es als einen Teil von Michelles großer Anziehungskraft in den USA, dass sie über diese einfachen Probleme in einer kraftvollen Art und Weise sprach, sodass sich die Menschen damit identifizieren konnten. Sie sah sich weder davon entfernt, noch als ob sie erhaben über all dem stehen würde. Aus diesem Grund konnten sich die Menschen mit ihr identifizieren. Obama unterstreicht seinen Gedanken und stellt fest, dass es für eine effektive Führung wichtig sei, dass sich Menschen mit der Person identifizieren können. Die Führungsperson authentisch zu sehen sei heute noch wichtiger als vor 30, 40 oder 100 Jahren, als niemand wirklich wusste wer Harry Truman war. Als Beispiel erinnert er an Theodore Roosevelt. Dieser sei während seiner US-Präsidentschaft manchmal sogar für einen ganzen Monat auf die Jagd gegangen. Im Vergleich dazu erwähnt er, dass die Leute, wenn sie nicht wussten wo er für eine halbe Stunde war, sagten: „Wo ist Obama, warum arbeitet er nicht.“ 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 117 Schlussfolgerungen aus dem Verhalten von Barack Obama bei Widerstand und aus seinem Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit Es lassen sich bestimmte Eigenschaften beobachten, die Barack Obama auszeichnen und ihn befähigen, der Öffentlichkeit in Zeiten des Widerstands souverän zu begegnen. Zu seinen Eigenschaften zählen ein ausgeprägter Sinn für Humor, Offenheit, Einfühlungsvermögen und ein gewisser Charme, mit dem er mit der Öffentlichkeit umzugehen pflegt. Sein Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit offenbart, dass er mit persönlichen Abwertungen sehr vertraut ist und dazu fähig ist, Abwertungen in eine Auserwählung umzukehren. Diese Haltung fällt vor allem in seinem Buch „Ein amerikanischer Traum“ auf. Von seinem Großvater hatte er die Strategie erlernt, wie man Problemen ausweichen kann. Dieselbe Strategie wendet er nun in seiner Rede an. Er nimmt den Widerstand amüsiert zur Kenntnis und macht einen Scherz über die betreffenden Leute, die ihm Widerstand leisten. Auf diese Weise gelingt es ihm, ihnen ihren Charakter vor Augen zu führen. Um diese Strategie umsetzen zu können, geht er nach dem Schema vor, das ihm der zweite Mann seiner Mutter in Indonesien beibrachte. Er konzentriert sich auf das Ziel, vermag den Blick von der eigenen Person abzuwenden und ignoriert dabei den Schmerz, den ihm die beteiligten Personen durch ihre Äußerungen zugefügt haben. Aus diesem Grund besitzt er eine höhere Schmerzschwelle. Obama ist sich immer darüber bewusst, dass die Welt unberechenbar und brutal sein kann, deshalb überraschen ihn Widerstände und Abwertungen seiner Person nicht, da sie für ihn zur Normalität geworden sind. So wie er es von seinen Kollegen an der High School gelernt hatte, ist er imstande, seine wahren Gefühle zu überspielen. Die eine oder andere Schlagzeile hat ihm sicherlich zugesetzt und ihn persönlich gekränkt, jedoch ist er in der Lage, seinen Schmerz nicht öffentlich zu machen und keine Schwächen zu offenbaren. Vielmehr konfrontiert er seine Gegner mit den Fakten und nimmt es mit Humor. Damit verhält er 4.2.4 4 Führung in der Politik 118 sich konträr zu der Erwartung seiner Gegner und zeigt der Öffentlichkeit, dass er sich nicht gekränkt fühlt, sondern sich im Gegenteil darüber amüsieren kann, indem er immer Aktionen wählt, die seine Gegner nie erwartet hätten. Barack Obama sieht es aufgrund seiner schwierigen Geschichte als seinen Auftrag an, Weiße und Schwarze zusammenzuführen, während er selbst immer das Gefühl hatte, nicht dazuzugehören. Gerade der Umstand, dass er zu keiner Gruppe gehörte, macht es ihm nun möglich, zu vermitteln. Julia Encke stellt fest: „Er klang so, als wolle er nicht weniger als die Welt retten“289, und trifft es damit auf den Punkt. Da Barack Obama sein Amt als seinen persönlichen Auftrag versteht und auch wahrnimmt, wendet er sich mit ganzem Herzen auf eine leidenschaftliche Art und Weise seinem Publikum zu. Dies vermittelt in der Tat den Eindruck, als wolle er die Welt retten. Sein persönliches Charisma und sein Charisma des Amtes verschmelzen sozusagen und akzentuieren somit die Botschaft, die er übermitteln möchte. Sein persönliches Charisma wurde durch seine Lebenserfahrungen geprägt, und seine früheren Erfahrungen akzentuieren sein Charisma heute. Es zeichnet sich ab, dass ihn sein persönlicher Umgang mit destruktiver Erfahrung aus seiner Vergangenheit auf diese Aufgabe vorbereitet hat. Aufgrund seiner Fähigkeit, selbstreflektiert zu denken und zu handeln, fasste er diese Aufgabe als seinen persönlichen Auftrag auf, was sich wiederum in seinem Verhalten widerspiegelt. Was den Zusammenhang von Charisma und Trauma betrifft, scheinen Aberbachs Merkmale für die Entstehung von Charisma bei der Persönlichkeit Barack Obama vorhanden zu sein. Barack Obama hat sich im Laufe seines Lebens Strategien und Verhaltensweisen angeeignet, um seine negativen persönlichen Erfahrungen, insbesondere seine frühen Verluste in der Familie, beispielsweise den Verlust seines Vaters, zu überwinden. Die Ausgrenzung und Abwertung seiner Person aufgrund seiner Hautfarbe haben in ihm die Notwendigkeit geweckt ungewöhnliche Stärken in anderen Bereichen zu entwickeln. Seine erste Buchveröffentlichung kann als 289 Encke (2014), S. 151. 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 119 Strategie der Selbststigmatisierung beschrieben werden, da er sein Stigma, seine schwierige Lebensgeschichte, dazu benutzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch der Umstand, dass er der Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters ist, symbolisiert für ihn sein Stigma, da er sich aufgrund dessen zwischen zwei Welten gefangen sah. Dieses Stigma konnte er mittels der Selbststigmatisierung in Charisma überleiten, da nun sein Stigma in der Öffentlichkeit als die diplomatische Lösung wahrgenommen wurde. Er schien aufgrund seiner Hautfarbe auserwählt zu sein, zwischen der weißen und der schwarzen Bevölkerung zu vermitteln. Seine Lebensgeschichte nutzte er dazu, Authentizität herzustellen. Diese Strategie konnte er erfolgreich umsetzen, da seine Persönlichkeit und sein Lebensstil mit seinen Darstellungen in seiner Biographie übereinstimmten. Charismatiker wie Barack Obama sind demnach gute Menschenkenner und dazu in der Lage, aufgrund ihres enorm ausgeprägten Einfühlungsvermögens vorausschauend zu denken und zu handeln und somit strategisch zu führen. Die bescheidenen Lebensverhältnisse in denen das Ehepaar Michelle und Barack Obama lebten, haben in ihnen eine Bodenständigkeit geprägt, mit der sich die Menschen identifizieren können. So war es ihnen erst möglich Authentizität herzustellen. Effektive Führung ist in diesem Sinne auf die Fähigkeit zurückzuführen, Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen. Als ein Merkmal für transformationale Führung ist Charisma als der Grad beschrieben, zu dem eine Führungspersönlichkeit Identifikationsmöglichkeiten realisieren kann, indem sie sich authentisch verhält. Da Michelle Obamas Persönlichkeit ebenso als charismatisch wahrgenommen wird, lässt sich feststellen, dass es sich bei dem Ehepaar Obama um zwei Führungspersönlichkeiten mit besonderer Ausstrahlung handelt. Sowohl die Werte, die ihnen von ihren Eltern und Großeltern vermittelt wurden, als auch eine Erziehung zu Selbstbewusstsein haben den Grundstein dafür gelegt, dass sie Führungsstärke entwickeln konnten. 4 Führung in der Politik 120 Analyse und Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen in Beantwortung der Hypothesen Anhand der Analysen der Biographie „Ein amerikanischer Traum“, der ausgewählten Reden und dem Interview, kann Barack Obamas Charisma verifiziert werden. Es lässt sich feststellen, dass er neben dem höchstmöglichen Amtscharisma auch persönliches Charisma besitzt. Hinsichtlich seines persönlichen Charismas ist die Hypothese „Charisma ist in die Wiege gelegt“ in theologischer Perspektive zu verifizieren. Da dieser zufolge Charisma ein Geschenk Gottes an den Menschen konstituiert, kann davon ausgegangen werden, dass Barack Obama Charisma in die Wiege gelegt ist. Mit Blick auf seinen Lebenslauf und seine Erziehung kann man zudem auf einen religiösen Hintergrund schließen. Sein Glaube scheint dabei eher eine persönliche Beziehung zu Gott zu sein, als dass er sich auf eine kirchliche Institution bezieht: Obama hat zwar verschiedene Gottesdienste besucht, gehört aber keiner Kirche an.290 Die zweite Hypothese „Charisma ist eine erlernbare Fähigkeit“ kann ebenso bestätigt werden. Die Lebensumstände, in denen Barack Obama aufgewachsen ist, haben den Grundstein für seine Lebensgeschichte sowie dafür gelegt, dass er Charisma entwickeln konnte. Seine Erziehung zu Bodenständigkeit als auch die bescheidenen Lebensverhältnisse in denen er aufgewachsen ist, haben in ihm eine realistische Perspektive geprägt, die es ihm ermöglicht mit den Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren. In der Folge konnte er Authentizität herstellen und Identifikationsmöglichkeiten schaffen. Im Laufe seines Lebens eignete er sich Strategien und Verhaltensweisen an, die charismatisches Potential besitzen. Sein persönlicher Umgang mit seiner Lebensgeschichte, die durch persönliche Abwertungen aufgrund seiner Hautfarbe geprägt ist, hat dazu beigetragen, dass er diese Abwertung in eine Auserwählung umkehren konnte. Darin zeigt sich sein Charisma, das ihn befähigt, reflektiert vorzugehen, den Schmerz zu unterdrücken und stets sein 4.2.5 290 Vgl. Obama (2009), S. 283. 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 121 Ziel vor Augen zu haben. So war es ihm möglich, das Spannungsverhältnis zwischen Charisma und Widerstand für sich zu nutzen. Die Charisma-Wirkung kann an seiner Persönlichkeit demnach verifiziert werden, da er die Umstände, die Widerstände verursachen, dazu benützt, neue Ideen zu entwickeln, und sich somit auf neue Widerstände vorbereitet und auch seinen zukünftigen Erfolg daraus herleitet beziehungsweise definiert. Überdies zeichnet sich ab, dass er auf der Suche nach den Ursachen und Beweggründen für Widerstände Strategien entwickeln konnte, seine Geschichte zum Beispiel zu machen, um der Welt die Augen zu öffnen. In diesem Zusammenhang scheint seine ausgeprägte Neugier, Lösungen für persönliche und berufliche Probleme zu finden, ein markantes Merkmal seiner Persönlichkeit zu sein. Die Hypothese „Charisma wird durch Abwertung und/oder Ausgrenzung der Person, als Folge von Widerständen, geschwächt“ kann im Falle Barack Obama als falsifiziert erklärt werden. Barack Obama benützt die Abwertung und Ausgrenzung geradezu, um Charisma zu erlangen, und bestätigt dabei die theologische Perspektive in Bezug auf die Entwicklung von Charisma und die damit einhergehende Charisma-Wirkung. Sein persönliches Überwinden seiner Erfahrungen mit Abwertungen und Ausgrenzung haben folglich dazu geführt, dass er Führungsstärke entwickeln konnte. Auch sein Umgang mit den Medien und der Öffentlichkeit zeigt, dass sein persönliches Charisma keineswegs unter dem Druck der Öffentlichkeit leidet. Abwertungen benützt er in der Regel als Vorlage für eine wunderbare Pointe. Barack Obama beendet seine Reden für gewöhnlich mit den Worten „Gott segne euch“ und bekennt sich damit auch zu seinen religiösen Werten und zu seinem Glauben an Gott. In seinem Buch beschreibt er, wie er an einem Sonntagmorgen in die Kirche aufbrach, um der Predigt seines Freundes Reverend Wright zu lauschen. Während der Chor „Thank you Jesus“ sang, erinnerte er sich an die schlechten Zeiten, als er nicht verstehen konnte, warum seine Eltern trotzdem dieses Lied sangen. In den Zeiten, in denen es den Anschein hatte, als würde er es nie zu etwas bringen. Nun verstand er das Lied und sagte: „Herr, ich danke dir, dass du mich 4 Führung in der Politik 122 nicht aufgegeben hast, als ich dich aufgab! Jesus, ich danke dir …“ 291 Darüber hinaus sind sein persönlicher Hintergrund, seine Persönlichkeit und sein wertschätzendes Verhalten und Handeln anderen Menschen gegenüber, insbesondere aber zu seiner Frau Michelle, Indizien dafür, dass er von einer Ernsthaftigkeit im Glauben geprägt ist. Ebenso geben seine Charaktermerkmale wie Treue, Liebe, Selbstbeherrschung und die Tatsache, dass er in seinen Reden stets Gott miteinbezieht, Hinweise darauf, dass er in Sachen Religion authentisch ist. Liebe und Treue sind ebenso Kennzeichen charismatischer Führungspersönlichkeiten aus theologischer Perspektive. Barack Obamas Aussagen in seiner Biographie stimmen mit seinem Verhalten und Handeln überein und werden an seinen Taten sichtbar. Demut ist in diesem Zusammenhang ein kennzeichnendes Merkmal, das auf Gläubigkeit verweist. Sie spiegelt sich sowohl in seiner Persönlichkeit als auch in seinem Verhalten wider. Die Hypothese „Charismatiker werden durch religiöse Werte wie zum Beispiel den Glauben geprägt“ kann somit als verifiziert erklärt werden. Daneben zeichnet sich ab, dass Charisma aus theologischer Perspektive auf eine Strategie für erfolgreiche Führung verweist, die die Liebe beinhaltet. Die Liebe lässt uns in diesem Kontext auch auf Wertschätzung blicken, da sich Gott selbst als Liebe personifiziert,292 was wiederum in einer Wertschätzung der eigenen Person zum Ausdruck kommen kann.293 Diese Wertschätzung und Liebe hat Barack Obama für sich verinnerlicht, was sein Leben grundlegend geprägt hat. Es lässt sich feststellen, dass die Persönlichkeit eines Charismatikers religiöse Werte prägen und dieser seine Kraft aus der Wertschätzung der Liebe Gottes schöpft. 291 Vgl. Obama (2009), S. 299–303. 292 Vgl. Luther (1982), S. 127. 293 Scheungraber (2011), S. 75. 4.2 Die Persönlichkeit Barack Obama in „Ein amerikanischer Traum“ 123 Barack Obama – eine charismatische Führungspersönlichkeit Aus dem Beispiel der Persönlichkeit von Barack Obama lässt sich eine Reihe von charismatischen Eigenschaften ableiten. Barack Obama besitzt Mut, Durchhaltevermögen, Empathie, Demut, Humor, und er hat die Fähigkeit, selbstständig und reflektiert zu denken und zu handeln. Nach der soziologischen und der managementorientierten Auffassung von Charisma kann Barack Obama Charisma zugesprochen werden. Er hat zwar zahlreiche Gegner, jedoch ist er in der Lage, trotz des Widerstands die Massen für sich zu gewinnen. Aus theologischer Perspektive gilt er ebenso als charismatisch, da er seinen Glauben, seine Liebe zu den Mitmenschen und seine Demut verkündet und auch lebt. Dies zeigt sich vor allem in seinen Reden, in denen er seinem Publikum stets wertschätzend begegnet. Er vermag es, auf Augenhöhe mit seinem Publikum zu kommunizieren. Seine Persönlichkeit zeichnet sich dabei weder durch Überheblichkeit noch Arroganz aus, sondern durch Solidarität und Selbstbeherrschung. Zudem appelliert er mit seinem Buch an die Gesellschaft und vor allem an die weiße Bevölkerung, zeigt Einfühlungsvermögen sowohl für die Weißen als auch für die Schwarzen und wird deshalb seinem diplomatischen Auftrag gerecht. Er vermag es, zwischen den beiden Ethnizitäten zu vermitteln, ohne einer von ihnen den Wert abzusprechen. Sowohl Aberbachs Ausführungen zu Charisma und Trauma als auch Rothermund Dietmars Überzeugungen bezüglich der Entstehung von Charisma durch Erfahrung sind auf Barack Obamas Persönlichkeit zutreffend. Ebenso liefert die Theorie der Selbststigmatisierung Erklärungen für Barack Obamas Erfolgsstrategie. Korrespondierend mit Wolfgang Lipps Feststellung, Charisma sei im Sinne der Selbststigmatisierung von der Reaktion Dritter auf bestimmte Handlungen abhängig, da der exakte Sinn des Charismas durch die Deutung der Gesellschaft offenbar wird, lässt sich Barack Obamas Einfühlungsvermögen und visionäres Denken erkennen. Barack Obama war dazu in der Lage, die Reaktionen der Öffentlichkeit im Hinblick auf seine Selbststigmatisierung in Form seines Buches vorherzusehen, indem er das Stigma authentisch formulierte, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen 4.2.6 4 Führung in der Politik 124 (Charisma-Wirkung). So war es ihm möglich, die Abwertung in eine Auserwählung umzukehren. Seine Persönlichkeit kennzeichnet daher zudem die Fähigkeit, strategisch zu beeinflussen und folglich auf psychologische Weise zu führen. Diskussion über die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik Der charismatischen Führungspersönlichkeit in der Politik kommt vornehmlich eine Vermittlerrolle zu. Politikerpersönlichkeiten müssen sowohl innerhalb der Organisation als auch nach außen präzise und wirkungsvoll kommunizieren. Sie nehmen dabei die Rolle des strategischen Beeinflussers ein, der die Geführten und ihre Bedürfnisse richtig einzuschätzen vermag. Ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen ist unerlässlich dafür, die Emotionen der Geführten realistisch einschätzen und ansprechen zu können. Ebenso ist eine realistische und bodenständige Perspektive notwendig, um Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen. Barack Obamas Geschichte zeigt, dass er aufgrund seines Einfühlungsvermögens fähig ist, strategisch zu beeinflussen, da er die Reaktionen der Öffentlichkeit realitätsgetreu wahrnimmt und einschätzen kann, noch bevor er einen Sachverhalt kommuniziert hat. Die Lebensgeschichten der Politiker sind oftmals ausschlaggebend dafür, wie sie sich im späteren Berufsleben verhalten und wie sie Widerständen begegnen. Die Wechselwirkungen zwischen Charisma und Erfahrung sowie zwischen Charisma und Widerstand liefern die theoretische Erklärung für diese Entwicklung von Charisma. Überdies ist festzustellen, dass Führungspersönlichkeiten in der Politik permanent mit Widerständen konfrontiert sind. Aus diesem Grund müssen sie die Fähigkeit besitzen, Widerstände zu überwinden und im besten Fall sogar als Strategie für ihren Erfolg zu nutzen. Barack Obama führt uns in seinen Reden stets vor Augen, wie die charismatische Wirkung eines Politikers als Funke auf ein Publikum überspringen und wie das politische Interesse der Gesell- 4.3 4.3 Diskussion über die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik 125 schaft neu belebt werden kann.294 Dies liegt auch daran, dass er sein Amt als seine Aufgabe ansieht, die er auf seine Lebensgeschichte zurückführt. Weber spricht im Zusammenhang mit Charisma von einem Beruf im emphatischen Sinne, indem er die „innere Aufgabe“ erwähnt, die dem Charisma zugrunde liegt.295 Nicht zuletzt aus diesem Grund wendet sich der Charismatiker mit ganzer Kraft, in vollster Überzeugung seiner Aufgabe zu und lebt diese mit einer leidenschaftlichen Begeisterung.296 Mit Blick auf Charisma und Widerstand am Beispiel der Persönlichkeit des Charismatikers offenbart sich Charisma an den Werten der Führungspersönlichkeit. Charismatiker sind stets um das Wohlergehen der Geführten bemüht. Charisma wird demnach an der Persönlichkeit und ihrem Verhalten und Handeln oder vielmehr an ihren Taten sichtbar. Daneben lässt sich feststellen, dass der Charismatiker aus theologischer Sicht die Würde und den Wert eines Menschen respektiert und es sogar als seinen persönlichen Auftrag ansieht, dementsprechend für die Gesellschaft zu vermitteln. Die Schattenseite von Charisma Mit dem schillernden Phänomen Charisma geht auch eine Schattenseite einher, die für den Charisma-Träger mitunter eine schwere Herausforderung darstellt. Charismatische Persönlichkeiten sind stets mit Widerständen konfrontiert, jedoch zeichnet charismatische Menschen die Fähigkeit aus, Widerstände erfolgreich zu überwinden. Die theologische Perspektive auf Charisma offenbart, dass die Werte und Eigenschaften, die eine charismatische Führungspersönlichkeit prägen, ihr dabei helfen, Widerstände überwinden zu können. Da die Persönlichkeit Barack Obama ein überdurchschnittliches Einfühlungsvermögen besitzt, ist anzunehmen, dass er Abwertungen und Ausgrenzung mitunter intensiver erlebt, als an- 4.3.1 294 Vgl. Encke (2014), S. 152–153. 295 Vgl. Weber (1956), S. 142. 296 Vgl. Lasko (1994), S. 15–16. 4 Führung in der Politik 126 dere. Diese Sensibilität und diese Feinfühligkeit haben wiederum bewirkt, dass er besondere Stärken entwickeln konnte. Aus diesem Grund ist die Kombination von Stärke und Schwäche unerlässlich für eine Entwicklung von Charisma. Aufgrund seiner zahlreichen Erfahrungen mit Widerständen lernte er, mit Charisma umzugehen und dieses zu akzentuieren, indem er Charisma als seine Stärke und nicht als seine Schwäche annahm. Sein Feingefühl, das sich in seiner Emotionalität sowie in seinem Einfühlungs- und Mitfühlungsvermögen zeigt, stellt deshalb ein Charakteristikum für Charisma dar. In Bezug auf Charisma und Widerstand das an dem Schema Mobbing skizziert wird, zeigt sich, dass Charisma auch mit Neid, Hass und Angst konfrontiert werden kann. In der Folge projiziert der Beobachter negative Charaktermerkmale, die meist auf einen geringen Selbstwert, ausgeprägtem Egoismus und Konkurrenzdenken zurückzuführen sind, auf die Person des Charisma-Trägers. Aus diesem Grund sind Vorurteile und falsche Gerüchte meist die Konsequenz von Widerständen in Form von Mobbing. Charismatiker wie Barack Obama sind jedoch dazu in der Lage, dem Widerstand standzuhalten und die Auswirkungen des Widerstands sowie die unterschiedlichen Fehlannahmen und Vorurteile in Bezug auf ihre Person durch Authentizität auszuräumen. Aufgrund der Bedeutungsvielfalt des Charisma-Begriffs und der unterschiedlichen Interpretationen von Charisma in der Alltagssprache, ist es zum einen vom individuellen Blickwinkel als auch von persönlichen Werten abhängig, welcher Persönlichkeit eine besonders anziehende Ausstrahlung zuerkannt wird. Deshalb kommt es auch auf die jeweilige Wahrnehmung von Führungsfähigkeit an. Eine Täterpersönlichkeit würde beispielsweise kaum die Werte einer charismatischen Persönlichkeit als attraktiv bezeichnen, da sie gerade entgegengesetzte Charaktermerkmale ansprechend empfindet. Ebenso ist davon auszugehen, dass sich eine charismatische Persönlichkeit nicht zu den Charaktereigenschaften und dem Verhalten einer Täterpersönlichkeit hingezogen fühlen würde. Dies liegt in den unterschiedlichen Werten der beiden Persönlichkeitstypen begründet. Täterpersönlichkeiten imponieren Charaktermerk- 4.3 Diskussion über die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik 127 male, die von Hass, Neid und Angst geprägt sind, die sie also selbst kennzeichnen, und deuten diese als durchsetzungsstarke und Erfolg stiftende Eigenschaften. Persönlichkeiten, die diese Merkmale auszeichnen, neigen auch auf Grund einer Abhängigkeit von Anerkennung dazu Werte als zweitrangig zu erachten. Charaktereigenschaften, die die Liebe sowie den Glauben bedingen, begreifen sie hingegen als eine Schwäche oder Unfähigkeit. Charisma als Strategie für erfolgreiche Führung Im Bewusstsein über die Beweggründe für Widerstände gegenüber einer charismatischen Führungspersönlichkeit werden im Folgenden Möglichkeiten aufgezeigt, Widerständen vorausschauend zu begegnen. Im Hinblick darauf ist ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Charisma des Amtes und dem persönlichen Charisma zu verzeichnen. Gesetzt den Fall, es handelt sich um ein Charisma des Amtes, werden Widerstände initiiert, um die jeweilige Persönlichkeit aus dem Amt zu manövrieren. Handelt es sich um persönliches Charisma, wird das Ziel anvisiert, die Führungsperson aus einer bestimmten sozialen Position zu verdrängen, persönlich zu verletzen, zu demütigen und anzugreifen. Gleichwohl können Widerstände als Herausforderung und Möglichkeit zur Entwicklung neuer Ideen und eines diplomatischen Geschicks genutzt werden. In diesem Abschnitt werden Erfolgsstrategien für Führungspersönlichkeiten anhand einer Check- Liste aufgeführt. Diese Erfolgsstrategien befähigen die Führungspersönlichkeit, Widerstände erfolgreich zu überwinden und sich damit konträr zu den Erwartungen der Gegner zu bewegen. Im Verhältnis von Charisma und Widerstand treten außerdem Charaktermerkmale von Täterpersönlichkeiten zum Vorschein und machen ihr zukünftiges Handeln durchschaubar und vorhersagbar. Da sich die Täterpersönlichkeit bewusst für ihre negativen Charaktereigenschaften als Instrument zur Durchsetzung ihrer Ziele entscheidet, ist sie nicht in der Lage, sich konträr zu verhalten. Charismatische Führungspersönlichkeiten sind hingegen weder durch- 4.3.2 4 Führung in der Politik 128 schaubar noch berechenbar, da sie die Fähigkeit der Liebe auszeichnet. Ihre Persönlichkeit kennzeichnet dabei eine besondere Freiheit und Unabhängigkeit. Aus dieser Perspektive ist es der charismatischen Führungspersönlichkeit möglich, psychologisch Einfluss zu nehmen und das Verhalten der Menschen zu lenken. Den authentischen Charismatiker prägt diese Freiheit in seinem Handeln und Verhalten. Im Bewusstsein über die Charaktermerkmale der Menschen lenkt er auf diese Weise das Führungsgeschehen. Erfolgsstrategien für Führungspersönlichkeiten – Jede Aktion auf innere Befindlichkeit abstimmen – Konfrontation mit dem Tatbestand – Vorausschauend denken – Ziel fokussieren und den Überblick behalten – Authentizität – Keine Wünsche und Ziele äußern – Überraschen – Konträr zu den Erwartungen verhalten Charaktermerkmale die Führungspersönlichkeiten zur Umsetzung dieser Strategien befähigen – Offenheit, Solidarität und Fairness – Demut, Loyalität – Selbständiges Denken – Ehrlichkeit – Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl – Humor und Gelassenheit – Positives Denken – Wertschätzung – Empathie – Geduld – Mut – Glaube – Liebe 4.3 Diskussion über die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik 129 Strategien für Erfolg sind darüber hinaus individuelle Strategien, die von Situation zu Situation variieren. Um eine Abwertung in eine Auserwählung überleiten zu können, sind die Persönlichkeit der Führungsperson, die Persönlichkeiten der Geführten sowie die Situation und der Anlass ausschlaggebend dafür, die richtige Strategie bestimmen zu können. Ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und eine authentische Umsetzung sind als Voraussetzung für den Erfolg anzuführen. Mithin ist der Erfolg einer Führungspersönlichkeit nicht rein ökonomisch zu erklären. Dies lässt uns die Notwendigkeit der Einbeziehung verschiedener Erklärungsansätze aus der Theologie, der Soziologie und der modernen Führungs- und Managementlehre verstehen. Bei Untersuchungen darüber, welche Eigenschaften charismatische Führungspersönlichkeiten auszeichnen, wird der Glaube stets als Voraussetzung für eine Entstehung von Charisma angeführt. Hierbei bezieht man sich auf religiöse Werte und Motive des Charismatikers. Aus der theologischen Perspektive ist der Glaube ein signifikantes Charaktermerkmal charismatischer Führungskräfte. Der Glaube wiederum bedingt Demut und ist ein Hauptkriterium erfolgreicher Führung, da Demut erst zur Führung befähigt. Aus diesem Grund sind Menschen ohne eine demütige Haltung ungeeignet zur Führung von Menschen, da sie ihre Macht nicht selten missbrauchen, um anderen Schaden zuzufügen. Diesen Machtmissbrauch sehen sie aus Gründen des Eigennutzes gerechtfertigt. Ihre Persönlichkeit kennzeichnet insofern weder Einfühlungs- noch Mitfühlungsvermögen, sondern Egoismus. Einfühlungsvermögen ist jedoch die Grundvoraussetzung für Charisma. Aus diesem Blickwinkel wird deutlich, welche außerordentliche Wirkung Werte in Bezug auf Führung aufweisen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass erfolgreiche Führung stets von den Werten der Führungspersönlichkeit abhängig und darauf zurückzuführen ist. Zudem wird im ersten Brief des Paulus an die Korinther die Liebe als die höchste Geistesgabe bezeichnet (1 Kor 13).297 Demnach ist die wichtigste Bedeutung von Charisma aus theologischer 297 Vgl. Luther (1982), S. 200. 4 Führung in der Politik 130 Perspektive die Liebe. Die Liebe lässt uns zum einen auf die Wertschätzung blicken, die aus dem Glauben resultiert, zum anderen auf eine Atmosphäre der Wertschätzung zwischen der Führungspersönlichkeit und den Geführten. Daraus lässt sich ableiten, dass eine Persönlichkeit Charisma nur dann entwickeln und ausstrahlen kann, wenn die Liebe als Charaktereigenschaft sie auszeichnet. Diese charismatische Eigenschaft ermöglicht es der Führungsperson, in Zeiten des Widerstands Solidarität, Toleranz, Loyalität sowie Humor und Gelassenheit zu bewahren, da die Auswirkungen der Liebe diese Fähigkeiten zur Folge haben. Charismatische Führungspersönlichkeiten wenden sich emotional und intensiv ihren Aufgaben zu und sind um das Wohlergehen der Geführten stets bemüht. Auf diese Weise, aufgrund ihres intrinsisch geprägten Verhaltens, gelingt es ihnen, strategisch zu beeinflussen und auf emotionale Weise zu führen. Definition Charisma Charisma- Definition: Charisma ist ein geistliches Phänomen, das auf religiöse Werte wie zum Beispiel den Glauben zurückzuführen ist sowie in Charaktereigenschaften, die die Liebe bedingen, seinen Ausdruck findet, da diese wiederum das Verhalten und die Ausstrahlung des Charismatikers prägen. Der authentische Charismatiker ist auf lange Sicht gesehen resistent gegenüber Abwertungen seiner Person und Ausgrenzung, da ihm seine Werte dazu verhelfen, das Spannungsverhältnis zwischen Charisma und Widerstand zu überwinden und schließlich mit Erfolg zu meistern. Er vermag es nämlich, selbstreflektiv und unabhängig von der Anerkennung anderer zu agieren. Kennzeichnend für seine Persönlichkeit sind seine Fähigkeit Authentizität herzustellen und Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen. Charisma ist in diesem Sinne als persönliche Eigenschaft zu verstehen, die dazu befähigt, Charisma als Strategie für Erfolg zu nutzen. 4.3.3 4.3 Diskussion über die charismatische Führungspersönlichkeit in der Politik 131

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References

Zusammenfassung

Unsere Zeit ist geprägt durch dynamische Veränderungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Für Führungskräfte ist es daher wichtig, flexibel zu denken und neue Konzepte und Strategien zu entwickeln, um langfristig erfolgreich sein zu können. Erfolgreiche Führung bedarf einer werteorientierten Führung, um an die Gefühle und Bedürfnisse der Menschen appellieren zu können, Verantwortung zu übernehmen und erfolgreich zu vermitteln.

Charisma als Merkmal werteorientierter Führung kann den Erfolg einer Führungspersönlichkeit definieren. Sonja Scheungraber analysiert aus theologischer, soziologischer und managementtheoretischer Sicht, welche Eigenschaften einen charismatischen Charakter beschreiben und definiert in der Folge den Begriff „Charisma“ neu.

Charismatische Führungspersönlichkeiten wie Barack Obama bleiben auch in Zeiten des Widerstands souverän. Sie besitzen bestimmte Eigenschaften und Werte, die es ihnen ermöglichen, Widerstände zu überwinden und ihren zukünftigen Erfolg daraus herzuleiten. Die Autorin arbeitet diese Wirkungsmöglichkeiten von Charisma heraus und beschreibt diese als Theorie für Erfolg. Denn Charisma ist nicht nur eine brillante Eigenschaft einer Persönlichkeit, sondern ein Erfolgskonzept.