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2 Charisma – Ein schillernder Begriff in:

Sonja Scheungraber

Die charismatische Führungspersönlichkeit, page 13 - 36

Strategien für den Erfolg

2. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4352-3, ISBN online: 978-3-8288-7304-9, https://doi.org/10.5771/9783828873049-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 89

Tectum, Baden-Baden
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Charisma – Ein schillernder Begriff Der Begriff Charisma stellt ein so faszinierendes wie geheimnisvolles Phänomen dar. Sowohl die alltagssprachliche als auch die wissenschaftliche Faszination, die mit diesem Begriff verbunden ist, korrespondiert mit einem enormen Interesse an erfolgversprechenden Mechanismen, die einigen, offenbar außergewöhnlichen Menschen innewohnen. Die Benennung jener wundersamen Eigenschaft, die unter anderem Führungspersonen wie Jesus und auch Hitler zugeschrieben wird, erschafft mit dem Begriff Charisma ein höchst attraktives Mysterium. Diesen Menschen war es möglich, eine Masse von Menschen zu führen, die ihnen gutgläubig und bedingungslos folgten. Eine besondere Bedeutung des Charisma-Begriffs ergibt sich daraus, dass der sprachliche Ausdruck rational nur diffizil erklärbar ist und dem Auge wie auch dem Verstand verborgen bleibt.8 Ebenso mysteriös ist das Phänomen der bedingungslosen Gefolgschaft, die auf die besondere charismatische Wirkung dieser Persönlichkeiten zurückzuführen ist. Charisma ist auch ein kulturelles Phänomen, da es normativen Gehalt besitzt und zudem mit sozialen Sachverhalten wie Herrschaft, Wirtschaft und Religion in Zusammenhang gebracht wird.9 Heutzutage wird der Begriff Charisma sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft in vielerlei Hinsicht verwendet. Er findet sich in der wissenschaftlichen Literatur, in religiösen Veröffentlichungen und insbesondere in den Medien, sofern Bezug auf eine charismatische Persönlichkeit genommen wird. Wegen der Vieldeutigkeit des Begriffs bestehen jedoch erhebliche Schwierigkeiten, Charisma in 2 8 Vgl. Lenze (2002), S. 1. 9 Vgl. Lipp (1985), S. 7–8. 13 Kategorien zu unterteilen und somit wissenschaftlich präzise einzuordnen.10 Damit der Charisma-Begriff auf seine begrifflichen und theologischen Ursprünge hin untersucht werden kann, ist zunächst von der griechischen Grundbedeutung auszugehen.11 Vor Paulus ist der Charisma-Begriff nur selten in der griechischen Sprache zu finden.12 Charisma hat seinen Ursprung im griechischen charitsesthai und bedeutet schenken oder spenden. In diesem Zusammenhang wird mit dem Begriff Charisma ein Geschenk, eine Gabe oder eine Liebenswürdigkeit in Verbindung gebracht. In der älteren griechischen Literatur findet der Begriff Charisma eher selten und unthematisch Anwendung.13 Die moderne, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Charisma-Begriff beziehungsweise mit dem Charisma-Phänomen wurde von Max Weber eingeleitet. Max Weber stellt fest: „Charisma soll eine als außeralltäglich geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen, um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als ‚Führer‘ gewertet wird […] darauf allein, wie sie tatsächlich von den charismatisch Beherrschten, den ‚Anhängern‘, bewertet wird, kommt es an.“14 Weiter differenziert Marcel Légaut zwischen drei Arten von Charismen. Konträr zu Weber, der angibt, Charisma sei etwas Außeralltägliches und gar übernatürlich, führt Légaut an, dass jeder Mensch Charismen besitze, abhängig von individuellen geistigen und geistlichen Fähigkeiten. Charismen entstünden seiner Auffassung nach aufgrund einer Anwendung dieser individuellen Fähigkeiten und einer Treue zu sich selbst. Dabei unterscheidet er Charismen von funktionalem Charisma, das mit einem Amtscharisma gleichzuset- 10 Vgl. Lipp (1985), S. 67. 11 Vgl. Hatscher (2000), S. 39. 12 Vgl. Hatscher (2000), S. 39. 13 Vgl. Gerber (1998), S. 175. 14 Weber (1956), S. 140. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 14 zen ist. Dieses bevollmächtigt etwa zu einer Amtsausübung in der Kirche. Im Hinblick darauf ist das Amtscharisma im Zusammenhang mit der Persönlichkeit des Amtsbevollmächtigten, dem Amt und der kirchlichen Situation zu verstehen. Die dritte Erscheinungsform von Charisma ist nach Légaut viel komplexer beschrieben. Er bezeichnet diese Charismen als „spontane oder soziologisch unterhaltende Dinge“15, die jedoch weder ausschließlich auf die Persönlichkeit oder die spirituelle Realität des Einzelnen zurückzuführen noch durch eine persönliche Treue oder eine Amtsausübung in der Kirche bedingt sind.16 Die Vieldeutigkeit des Charisma-Begriffs ist augenscheinlich und offenbart zugleich den geheimnisvollen Charakter dieser Begrifflichkeit, da sich Charisma nicht kategorisch einordnen und erklären lässt. In dieser Hinsicht ist anzunehmen, dass dem Charisma eine Individualität innewohnt, die zwar von Mensch zu Mensch differieren und in jeweils unterschiedlichen Ausprägungen zutage treten kann, jedoch insgesamt als Charisma wahrgenommen wird. Ebenso verbindet man mit der Vieldeutigkeit sowie der Undurchschaubarkeit des Charisma-Begriffs selbst eine charismatische Eigenschaft. Das Phänomen Charisma lebt regelrecht aus seiner Widersprüchlichkeit.17 Somit scheint Charisma gerade wegen seiner Unabhängigkeit von den Definitionen als charismatisch zu gelten. Der Charisma-Begriff beinhaltet eine Reihe von extrem voneinander abweichenden Begriffsbedeutungen. Diese semantische Uneinheitlichkeit kommt vor allem in den unterschiedlichen Meinungen darüber zum Ausdruck, welcher Persönlichkeit Charisma zuerkannt wird. Dieses Ungleichgewicht findet sich in der Zuschreibung von Charisma auf Jesus und Hitler wieder. Wie kontrovers die Begriffsdeutungen sind, ist in der Gegenüberstellung dieser beiden Persönlichkeiten unübersehbar. Indem eine persönlichkeitsorientierte Betrachtung des Charisma-Begriffs vorgenommen und auf den Ur- 15 Fein/Staudt (1979), S. 45. 16 Vgl. Fein/Staudt (1979), S. 45–46. 17 Vgl. Lipp (1985), S. 78. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 15 sprung der Begrifflichkeit verwiesen wird, werden Eigenschaften dieser beiden Persönlichkeitstypen aufgezeigt, die dazu beitragen, Charisma eindeutiger zu definieren oder vielmehr Charisma zu verifizieren. Auf diese Weise wird die Diskrepanz in den Begriffsbedeutungen relativiert. Anhand einer Überprüfung der Hypothesen werden Eigenschaften einer charismatischen Persönlichkeit aufgedeckt, die dazu beitragen, „Charisma“ von „inszeniertem Charisma“ unterscheiden zu können. In diesem Zusammenhang wird davon abgesehen, die Inszenierung von Charisma als Ausgangspunkt der Analyse zu nehmen, um in der Folge zwischen Charisma und inszeniertem Charisma zu unterscheiden und das eine dem anderen vorzuziehen. Angesichts der äußerst gegensätzlichen Persönlichkeiten von Jesus und Hitler nimmt die Bedeutungsvielfalt der Begrifflichkeit eine zentrale Rolle ein, wobei jedoch eine Gleichsetzung dieser beiden Persönlichkeiten im Hinblick auf Charisma das Charisma-Phänomen selbst in Frage stellen und dieses sogar in Verruf bringen würde. Eine Differenzierung zwischen den beiden Persönlichkeitstypen anhand ihrer gegensätzlichen Persönlichkeiten enthüllt auch die unterschiedlichen Eigenschaften und Zielsetzungen der beiden. Auf dieser Grundlage wird die Argumentation plausibel, dass eine Erforschung der Persönlichkeit des Charismatikers als notwendige Grundbedingung für eine Entschlüsselung von Charisma anzusehen ist. Nachfolgende theologische Annäherung an den Charisma-Begriff ist dabei die Voraussetzung für eine eingehende Untersuchung des Charisma-Phänomens und seiner ursprünglichen Bedeutung. Ursprung der Charismentheologie Von dem Begriff Charisma wird heutzutage sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft in unterschiedlichster Weise Gebrauch gemacht. Dementsprechend verbindet man damit unterschiedliche Begriffsdeutungen. Die paulinische Konnotation von Charisma be- 2.1 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 16 zieht sich auf die durch den Geist Gottes vermittelte Gnadengabe.18 Der Ursprung der Charismenlehre definiert Charisma als eine Gnadengabe, die auf ein Wirken des Heiligen Geistes zurückzuführen ist. Der Heilige Geist ist also als die Quelle dieser Gnadengabe anzusehen.19 Im Neuen Testament wird Charisma als eine besondere Gnadengabe des Heiligen Geistes (1 Kor 12,7) bezeichnet.20 Nach Walter Schmithals ist der Heilige Geist als die heilige und heiligende Macht Gottes definiert, da er die Kraft Gottes verkörpert. Die Wirkung des Heiligen Geistes bemächtigt in diesem Kontext zu besonderen Gaben. Paulus bezeichnet diese Gaben als Pneumatikà, sprich Geistphänomene (1 Kor 12,1; 14,1). Ein anderes Wort für diese Gaben ist Charismata und meint damit außerordentliche Gnadengaben. Des Weiteren kategorisiert Paulus Charismen in von Gott verliehene „Dienste“ (1 Kor 12, 4–6).21 Im ersten Brief des Paulus an die Korinther wird die Liebe als die höchste Geistesgabe angeführt (1 Kor 13).22 Hier kann eine Parallele zu den griechischen Ursprüngen des Charisma-Begriffs aufgezeigt werden, die Charisma als eine Liebenswürdigkeit beschreiben. Es fällt jedoch auf, dass der Heilige Geist immer als Voraussetzung für eine Entstehung von Charisma genannt wird. Das Wirken des Heiligen Geistes ist in diesem Sinne als ein „Ergriffensein“ durch den Geist zu interpretieren, wodurch Charisma entstehen kann.23 J. Van der Ven nennt die Kirche als das Bauwerk des Heiligen Geistes.24 Hierbei bezieht er sich auf die pneumatischen und messianischen Glaubensgemeinschaften der ersten Generation von Christen und Juden, da diese der Jesusbewegung angehörten und davon ergriffen waren. Eine Auseinandersetzung mit Jesus entfachte in ihnen eine geistige Erregung, die als Geistesgabe Jesu oder als 18 Vgl. Muther (2010), S. 280. 19 Scheungraber (2012), S. 7. 20 Vgl. Luther (1982), S. 199. 21 Vgl. Fein/Staudt (1979), S. 25–28. 22 Vgl. Luther (1982), S. 200–201. 23 Scheungraber (2012), S. 7. 24 Vgl. Gerber (1998), S. 174. 2.1 Ursprung der Charismentheologie 17 Pneuma gedeutet wurde. Die Semiotik betreffend stellt Van der Ven fest, dass diese Glaubensgemeinschaften ihre eigene Geisteskraft als aus der Kraft Jesu entstammend interpretierten und somit ihre mentale Inspiration als Zeichen einer Inspiration durch Jesus empfanden. Im Hinblick darauf gab ihnen die Nähe zu Jesus Kraft und diente ihnen als Inspiration. Eine Gleichstellung des menschlichen Geistes mit dem Geist Jesu wird dabei negiert, da der Geist Jesu zwar in den menschlichen Geist eindringt, ihn dabei ergreift und formt, jedoch nicht mit dem menschlichen Geist verschmilzt. Die außerordentliche Kraft des Geistes komme demzufolge im Charisma zum Ausdruck. Aus diesem Grund ist die Wirkungsweise und Wirkung von Charisma im Sinne des Heiligen Geistes als Fundament der Kirche anzusehen.25 Nach biblischem Verständnis ist die Kirche nicht als ein Gebäude oder eine Institution beschrieben, sondern der Mensch als Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 3,16). 26 Hierbei wird die Verantwortung hervorgehoben, die man für sich selbst sowie für andere trägt und zum Beispiel in einem wertschätzenden Verhalten zum Ausdruck kommt. Der Heilige Geist befähigt somit zur höchsten Geistesgabe, die als persönliche charismatische Eigenschaft dazu ermächtigt, im zwischenmenschlichen Bereich mit Liebe zu agieren. Diese Fähigkeit ist aus theologischer Sicht die wichtigste Eigenschaft, die eine charismatische Führungspersönlichkeit kennzeichnet. Die paulinische Charismentheologie Mit dem Begriff Charisma werden im theologischen Bereich eine Begabung oder Befähigung zum Empfang von Offenbarungen, Erleuchtung oder Inspiration in Verbindung gebracht. Auch ist von religiöser Innovation und Devianz die Rede, die in einer Kreation anerkannter Autorität zum Ausdruck kommt.27 Der paulinische 2.1.1 25 Vgl. Gerber (1998), S. 174–175. 26 Vgl. Luther (1982), S. 192. 27 Vgl. Mückler (2010), S. 34. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 18 Charisma-Begriff erfuhr insbesondere im Neuen Testament der Bibel eine enorme Prägung. In den Briefen des Paulus findet sich dafür sowohl in den Römer- als auch in den Korintherbriefen eine Vielzahl an Belegen.28 Im ersten Brief an die Korinther werden zahlreiche Charismen, wie zum Beispiel Glaube, Prophetie, Weisheits- und Erkenntnisrede, angeführt. In diesem Zusammenhang erwähnt Paulus die Unterschiedlichkeit dieser von Gott gegebenen Gaben und stellt fest, dass jeder gemäß der von Gott verliehenen Gnade von diesen Gaben empfängt.29 Der Begriff Charisma erhält aus dieser Perspektive eine sehr religiöse Signifikanz. Die ursprüngliche Bedeutung „Geschenk“ oder „Gabe“ bleibt aber erhalten. Sie steht nun in Bezug zu Gott und impliziert somit ein Geschenk Gottes an den Menschen. Als Charisma wird demnach auch das allumfassende Handeln Gottes in Jesus aus Gnade dargestellt (Röm 5, 15 f.). Ebenso wird das Geschenk des ewigen Lebens (Röm 6, 23) als Charisma gedeutet.30 Darüber hinaus assoziierte Paulus das Gnadengeschenk Charisma mit einer Diensterfüllung in der Gemeinde.31 Charisma wird in diesem Zusammenhang als eine von Gott verliehene Gabe verstanden, in der Gemeinde eine spezielle Funktion auszuüben. Mit der Gnadengabe Charisma wird somit das Funktionieren des Gemeinwesens gesichert.32 Hierbei wird deutlich, dass sich die Gnadengabe zu einem an ein Amt gebundenes Charisma formierte. Kennzeichnend für das Amtscharisma ist, dass es auf Dauer zuerkannt wird und nicht rückgängig gemacht werden kann. Das Charisma illustriert demnach eine Kompetenz zur Amtsführung.33 Paulus verwendet den Charisma-Begriff in diesem Kontext für bestimmte Dienste, die Personen aufgrund ihrer sozialen Stellung zugeteilt werden.34 28 Vgl. Gerber (1998), S. 175–176. 29 Vgl. Hatscher (2000), S. 40. 30 Vgl. Gerber (1998), S. 175–176. 31 Vgl. Gerber (1998), S. 198. 32 Vgl. Häusermann (2001), S. 5. 33 Vgl. Gerber (1998), S. 198. 34 Vgl. Wagner (2011), S. 84. 2.1 Ursprung der Charismentheologie 19 Es zeichnet sich ab, dass der theologisch geprägte Charisma- Begriff erhebliche Unterschiede zum allgemeinen Charisma-Begriff aufweist und davon weit entfernt ist. Im theologischen Kontext wird Charisma als eine Gnadengabe erst durch ein Amt oder als göttliche Gabe verliehen. Dabei kennzeichnet Charisma keine Fähigkeit, die von Natur aus gegeben ist.35 Die Theologie beschreibt Charisma vielmehr als ein Geschenk Gottes an den Menschen. Der Glaube bewirkt ein Wirken des Heiligen Geistes im Menschen und befähigt diesen zu besonderen Gaben, die zum Beispiel in der Prophetie, der Weisheits- und Erkenntnisrede, der Liebe und dem Charisma zum Ausdruck kommen. Dabei wird Charisma von einem Amtscharisma unterschieden, das zur Ausübung eines charismatischen Amtes bevollmächtigt. Paulinische Ethik Die christologische Argumentation der paulinischen Ethik bedient sich auch des Phänomens der christlichen Taufe. Die Taufe führt zu einer Erneuerung der Menschen (vgl. Röm 6), weil der Getaufte frei von Sünde wird. In der Bibel ist in diesem Sinne von der Entstehung einer neuen Kreatur oder eines neuen Menschen die Rede.36 Die allgemeine Befähigung zum Geist wird deshalb durch die Taufe vermittelt und geht zurück auf das Oster- und Pfingstgeschehen. Getaufte Christen werden als das pneumatische und prophetische Volk Gottes bezeichnet (Apg 2,17–21). Nach diesem Verständnis erfährt der Mensch durch den Akt der Taufe das Wirken Gottes und formiert sich somit aus der Gnade Gottes zu einer neuen Existenz. Diese Gnadengabe wird wiederum durch den Heiligen Geist bewirkt.37 Dasselbe gilt für die pneumatologisch-charismatisch begründete Ethik. Die Kraft des Geistes befähigt in diesem Kontext zu neuem Wandel und einem Leben als „Frucht des Geistes“ (Röm 2.1.2 35 Vgl. Häusermann (2001), S. 5. 36 Vgl. Luther (1982), S. 179. 37 Vgl. Gerber (1998), S. 180. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 20 8,2 ff.; Gal 5,16 ff.).38 In Galater 5, Verse 22 wird angeführt: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freunde, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut, Selbstbeherrschung, Treue.“39 Diese Eigenschaften prägen aus theologischer Sicht eine charismatische Persönlichkeit, als Folge der Wirkungskraft des Heiligen Geistes im Menschen. Charisma wird im Hinblick auf die Pneumatologie des Geistes auch mit einer bestimmten Zuteilung und Individuation von Geistesgaben in Zusammenhang gebracht.40 In 1. Korinther 7, Vers 7 heißt es, „[…] ein jeglicher hat seine eigene Gabe von Gott, einer so, der andere so“.41 Korinther 12, Verse 7–11: „In einem jeglichen offenbaren sich die Gaben des Geistes zu gemeinem Nutzen. Einem wird gegeben durch den Geist zu reden von der Weisheit; dem anderen wird gegeben, zu reden von der Erkenntnis, nach demselben Geist. […] Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeglichen das Seine zu, wie er will.“42 Das Wirken des Heiligen Geistes bedingt folglich charismatische Gaben und befähigt zu neuen Eigenschaften und Fähigkeiten. Demnach wird durch den Heiligen Geist, als Quelle des Charismas, Jesus erfahrbar.43 Der Glaube wird somit aus theologischer Sicht als Grundvoraussetzung für das Wirken des Heiligen Geistes im Menschen angeführt. Aus theologischer Perspektive argumentiert man diesbezüglich mit dem Heiligen Geist als Kriterium für die Entstehung von Charisma, insofern der Mensch durch den Heiligen Geist zu einer neuen Kreatur formiert wird, die im geistlichen Sinne Charisma als Geschenk Gottes empfängt. Deshalb meint die Taufe vornehmlich eine geistliche Taufe, die durch den Glauben bewirkt wird. In diesem Zusammenhang nimmt der Begriff Charisma jedoch eine relativ untergeordnete Rolle ein. Die Auffassung eines Auser- 38 Vgl. Studienbuch. TRE (1993), S. 446. 39 Luther (1982), S. 219. 40 Vgl. Studienbuch. TRE (1993), S. 446. 41 Luther (1982), S. 194. 42 Luther (1982), S. 199–200. 43 Vgl. Gerber (1998), S. 180. 2.1 Ursprung der Charismentheologie 21 wähltseins, die auf eine Gnadengabe Gottes zurückzuführen ist, scheint daneben von großer Bedeutung zu sein.44 Das Wirken des Heiligen Geistes45 Der Heilige Geist als Quelle und Ursprung der geistlichen Gabe Charisma ist auf eine Wirkung, die durch den Glauben bedingt ist, zurückzuführen. Im Hinblick darauf wird in diesem Kapitel der Frage nachgegangen, in welchen Bereichen der Heilige Geist seine Wirksamkeit entfalten kann, und zugleich die Charisma-Wirkung geschildert, die durch den Heiligen Geist erzielt wird. In 1. Mose 1 Vers 2 begegnet uns der Heilige Geist schon bei der Schöpfung. „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“46 Ebenso war der Heilige Geist bei der Menschwerdung Jesu gegenwärtig (Luk 1,35).47 In Johannes 3 Verse 3–6 kommt zum Ausdruck, dass es ohne den Heiligen Geist keine Bekehrung gibt. Daneben wird in Johannes 14 Vers 26 erwähnt, dass weder eine rechte Lehre noch eine Mission stattfinden kann ohne den Heiligen Geist. Der Heilige Geist wird gemäß Johannes 3 Vers 5 auch mit Wasser in Verbindung gebracht. Ferner wird der Heilige Geist in Apostelgeschichte 2 Verse 2–3 mit einem Brausen verglichen, wie Wind der über die Jünger in Form von Zungen wie Feuer erschien. Auch die Fähigkeit in verschiedenen Sprachen zu sprechen, wird in Apostelgeschichte 2 Vers 4, als eine Gabe des Heiligen Geistes angeführt. Weiter wird der Heilige Geist in Apostelgeschichte 1 Vers 8 als Kraft dargestellt. In den Bibelversen 1. Mose 2 Vers 7, 1. Mose 6 Vers 3, Hesekiel 37 Vers 5 und Psalm 104 Verse 29–30 wird darauf eingegangen, dass der Heilige Geist irdisches Leben als auch Tod wirkt. So erscheint in Psalm 104, der Heilige Geist als Odem aus dem der Mensch geschaffen ist. Außerdem wird in Johannes 3 Ver- 2.1.3 44 Vgl. Felten/Kehnel/Weinfurter (2009), S. 308. 45 Vgl. Schaidinger (PDF). 46 Luther (1982), S. 7. 47 Vgl. Luther (1982), S. 67. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 22 se 5–8, Johannes 6 Vers 63 sowie in 2. Korinther 3 Vers 6 illustriert, dass der Heilige Geist auch geistliches Leben und Tod wirkt. In Johannes 16 Verse 13–15 wird auf den Heiligen Geist als Urheber der Prophetie hingewiesen. Daneben wird in 2 Petrus Verse 20–21 erwähnt, dass allein der Heilige Geist die Prophetie ermöglicht: „[…] es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht; sondern von dem Heiligen Geist inspiriert haben Menschen im Namen Gottes geredet.“48 Nach theologischem Verständnis, kann Gott durch den Heiligen Geist in den unterschiedlichsten Bereichen seine Wirksamkeit entfalten. In Bibelversen findet sich unter anderem der Beleg dafür in Sacharja 4 Vers 6: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“49 In diesem Zusammenhang wird der Heilige Geist als die Quelle des irdischen und geistlichen Lebens präsentiert, indem Gott durch den Heiligen Geist wirkt und dadurch das Weltgeschehen lenkt. Der sozialwissenschaftliche Begriff Charisma Neben dem theologischen Verständnis des Charisma-Begriffs, das sich auf den Apostel Paulus zurückführt, geht die sozialwissenschaftliche Bedeutung auf den Philosophen und Soziologen Max Weber zurück. Weber formulierte im Rahmen seines Konzepts der charismatischen Herrschaft die Signifikanz einer sozialen Beziehung zwischen dem Träger von Charisma und den Charisma-Gläubigen.50 Er ging davon aus, dass mit dem Begriff Charisma eine außeralltägliche Qualität einer Persönlichkeit verbunden ist. Von größter Bedeutung für diese charismatische Qualität war jedoch stets die Anerkennung des Charisma-Trägers durch seine „Anhänger“ beziehungsweise die Charisma-Gläubigen.51 2.2 48 Luther (1982), S. 252–253. 49 Luther (1982), S. 881. 50 Vgl. Mückler (2010), S. 34. 51 Vgl. Weber (1956), S. 140. 2.2 Der sozialwissenschaftliche Begriff Charisma 23 Der Begriff nach Max Weber beinhaltet – unter Nichtbeachtung der Weberʼschen Definition – einen theologisch-religiösen sowie naiv-psychologischen Zugang. Für die Weberʼsche Definition hingegen sind der historische, soziologische und psychologische Zugang relevant. Der Charisma-Begriff wird nach theologischem Verständnis ausschließlich als Gabe Gottes gedeutet. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht wird angenommen, dass Charisma anhand von Regeln erlernbar ist. In diesem Kontext ist der Bedeutungsinhalt von Charisma eher auf eine „Ausstrahlung“ zurückzuführen. Sowohl im theologischen Zugang als auch im naiv-psychologischen Zugang findet die Definition von Charisma nach Max Weber keine Berücksichtigung. Konträr dazu beziehen sich die psychologischen, soziologischen und historischen Beiträge der Charismenforschung auf Max Webers Ansatz.52 Gert Melville führt an, dass sich der Begriff jedoch nie von seinem theologischen Ursprung löst.53 Max Webers Bezug zur Charisma-Thematik Max Webers Bezug zur Charisma-Thematik kommt darin zum Ausdruck, dass er den Charisma-Begriff zum Angelpunkt seiner Herrschafts- und Religionssoziologie machte. Mit seinem Konzept der „Veralltäglichung“ zeigte er das Wirken und die Wirkungsweise von Charisma im Alltag sowie in Bereichen der Wirtschaft auf.54 Zuerst setzte Weber den Charisma-Begriff religionssoziologisch ein, daran anschließend verwendete er ihn allgemein zur typologischen Klärung von Herrschaft, indem er sich mehr auf die Wirkung charismatischer Qualität bezog.55 Weber führte im Rahmen seiner Herrschaftssoziologie den Begriff Charisma ein. In diesem Zusammenhang differenziert er zwischen Herrschaft und Macht. Er definiert Macht als eine Möglichkeit, seinen Willen trotz Widerstreben durchzusetzen. Herrschaft ist im Gegensatz dazu legitimiert und ist 2.2.1 52 Vgl. Hatscher (2000), S. 19–22. 53 Vgl. Felten/Kehnel/Weinfurter (2009), S. 308. 54 Vgl. Lipp (1985), S. 7, Vorwort. 55 Vgl. Felten/Kehnel/Weinfurter (2009), S. 308. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 24 auf eine gesellschaftliche Akzeptanz zurückzuführen – eine Akzeptanz, die nicht erzwungen werden muss, um Herrschaft ausüben zu können.56 Für Weber ist die charismatische Herrschaft einer der grundlegenden Idealtypen von Herrschaft überhaupt,57 wobei die Akzeptanz in einer Anerkennung zum Ausdruck kommt, einer „aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborenen, gläubigen, ganz persönlichen Hingabe“.58 Ein weiterer Beleg dafür, dass charismatische Personen dazu im Stande sind, Herrschaft auszuüben, ist, dass sie in ihrem Wirkungskreis enorm anerkannt werden und deshalb eine zentrale Position in der Gesellschaft innehaben. Sie stehen im Zentrum des Handlungsfeldes. Die Anerkennung kommt in diesem Kontext dem Charismatiker an sich zu und bedarf keines Legitimationsgrundes.59 Nach Weber hat die charismatische Herrschaft in ihrer ursprünglichen Form einen außeralltäglichen Charakter. Sie spiegelt eine persönliche soziale Beziehung wider, die von der Charisma-Geltung, persönlichen Qualitäten und deren Bewährung abhängig ist.60 Er stützt sich in seiner Charisma-Forschung dabei auf den ersten Band des Kirchenrechts (Erscheinungsjahr: 1892) von Rudolph Sohm (1841–1917) und auf eine Studie des griechischen Mönchtums im Frühchristentum von Karl Holls (1866–1926) (Erscheinungsjahr: 1898). Beide Werke haben den Charisma-Begriff von Paulus aus dem Neuen Testament übernommen.61 Der Begriff Charisma bei Max Weber Nach dem Charisma-Konzept von Weber wird Charisma als eine Qualität der Persönlichkeit charakterisiert, die herausragend, magisch und übernatürlich sein kann. Auch wird davon ausgegangen, 2.2.2 56 Vgl. Neuberger (2002), S. 146–147. 57 Vgl. Lipp (1985), S. 64. 58 Lipp (1985), S. 64. 59 Vgl. Lipp (1985), S. 64. 60 Vgl. Weber (1956), S. 142. 61 Vgl. Hatscher (2000), S. 39. 2.2 Der sozialwissenschaftliche Begriff Charisma 25 dass Charisma auf bereits geschaffene Ordnungen übertragbar ist. Entscheidend ist jedoch, wie der Charisma-Träger in der Gesellschaft wahrgenommen und bewertet wird, und nicht, wie diese charismatische Persönlichkeit per se ist. Die Gefolgschaft kann sich in diesem Sinne einer als Pflicht erlebten und dennoch freiwilligen Hingabe und Wertschätzung nicht entziehen.62 Webers Auffassung des Charismatikers geht auf den Urtypus des Propheten zurück, wobei auch hier die Akzeptanz der Wirkung als wesentliches Merkmal anzusehen ist.63 Er führt an: „Über die Geltung des Charisma entscheidet die durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – gesicherte freie, aus Hingabe an Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten. […] Bleibt die Bewährung dauernd aus, zeigt sich der charismatisch Begnadete von seinem Gott oder seiner magischen oder Heldenkraft verlassen, bleibt ihm der Erfolg dauernd versagt, […] so hat seine charismatische Autorität die Chance, zu schwinden. Dies ist der genuine charismatische Sinn des Gottesgnadentums.“64 Des Weiteren verbindet Martin Kintzinger mit Verweis auf eine biblische Metapher – „Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“ (Matth. 22,14)65 – den Begriff der Berufung oder eines sich „Berufenfühlens“ mit Charisma. Mit der Berufung wird eine besondere Begabung oder Beauftragung assoziiert, die in Glauben und Religion gründet. In diesem Zusammenhang finden eine Inanspruchnahme der Berufung und die ständige Akzeptanz der Umwelt in der Geltung des Charismas ihren Ausdruck. Nach diesem Verständnis kann so auch von einer Auserwählung gesprochen werden, die sich auf einen religiösen Kontext bezieht. Aus diesem Grund ist der Charismatiker als Typus vornehmlich der Religiöse. Diese Auffassung geht mit der von Weber einher, der zuerst den Propheten als erste charismatische Prämisse nennt. Aus diesem Grund wird der Charismatiker zuerst 62 Vgl. Neuberger (2002), S. 146–147. 63 Vgl. Felten/Kehnel/Weinfurter (2009), S. 308. 64 Weber (1956), S. 140. 65 Luther (1982), S. 31. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 26 als der Religiöse typisiert. An den religiösen Charismatiker werden Erwartungen geknüpft, die in besonderen Wundertaten zum Vorschein kommen. Gesetzt den Fall, er wird diesen Erwartungen gerecht, kann dies sein Charisma bestätigen und stärken. Im Umkehrschluss ist es möglich, dass ein Scheitern an den Erwartungen sein Charisma in Frage stellt.66 Gerd Theißen verwendet etwa die herausragende Autorität Jesu für den religionswissenschaftlichen Charisma-Begriff. Er begreift Charisma als „irrationale Ausstrahlungskraft auf andere Personen“67 und bestätigt dabei Webers Auffassung. Analog dazu bezieht er sich auf den paulinischen Sprachgebrauch, da Charisma in diesem Sinne in einer außergewöhnlichen Begabung wie zum Beispiel der Prophetie zum Ausdruck kommt.68 Max Weber interpretiert im Gegensatz zu Paulus Charisma als soziologisches Phänomen, das nicht dauerhaft an eine institutionelle Tätigkeit gebunden ist. Die Theologie hingegen argumentiert, Charisma sei als Grundvoraussetzung anzusehen, einen Dienst in der Gemeinde zu erfüllen.69 Obgleich Weber den Charisma-Begriff als magische und außeralltägliche Qualität beschreibt, knüpft er die Charisma-Geltung stets an eine von der Bewährung und von einer Anerkennung durch die Beherrschten abhängige Variable, indem er die Signifikanz einer Abhängigkeit zwischen dem Träger von Charisma und den Charisma-Gläubigen betont. Dies sei der genuine charismatische Sinn des „Gottesgnadentums“. Die Theologie argumentiert hingegen mit einem Geschenk Gottes an den Menschen, das ihn von dieser Abhängigkeit befreit. Nach diesem Verständnis bewirkt allein der Glaube diese Freiheit, mit der man die Abhängigkeit von der Anerkennung überwindet. Diese Unabhängigkeit zählt demnach zu Charisma aus theologischer Perspektive. 66 Vgl. Felten/Kehnel/Weinfurter (2009), S. 310. 67 Kellner (2011), S. 65. 68 Vgl. Kellner (2011), S. 64–65. 69 Vgl. Wagner (2011), S. 84. 2.2 Der sozialwissenschaftliche Begriff Charisma 27 Charisma aus theologischer und soziologischer Sicht Max Weber trug mit seiner Definition des Charisma-Begriffs zu einer Erweiterung der Bedeutungsvielfalt bei und qualifizierte ihn über eine methodische und innertheologische Abhandlung hinaus für eine Reihe sozialer Phänomene. In der Religionswissenschaft wurde „Charisma“ speziell nach Webers Konzeption zur populären Interpretationskategorie. Weber stellt fest, Charismen seien „Wirkungen von Seele und seelischen Kräften auf Seelen, die den Rahmen normaler seelischer Wirkungen […] weit überschreiten.“70 Joachim Wach differenziert den Charisma-Begriff in unterschiedliche Typen religiöser Autorität und zieht eine Trennung in den Definitionen zwischen persönlichem Charisma und einem Charisma des Amtes.71 Ebenso verwendet die Theologie den Charisma-Begriff in einer generalisierten Semantik. Einerseits bezieht sich Charisma auf die paulinische Pneumatologie, andererseits wird der Begriff dafür benützt, persönliche Fähigkeiten zu beschreiben, und insbesondere für Führungspersönlichkeiten wie Jesus verwendet.72 Die paulinische Pneumatologie argumentiert mit Charisma als einem Geschenk Gottes an den Menschen, weil das Wirken des Heiligen Geistes besondere Fähigkeiten wie zum Beispiel die Prophetie und die Liebe bedingt. Für die Führungsperson Jesus sind diese Fähigkeiten wiederum ein charakteristisches Merkmal seiner Persönlichkeit. In diesem Kontext können theologische und soziologische Motive getrennt voneinander betrachtet und analysiert werden. Der Unterschied zum paulinischen Verständnis ist bei Jesus unter anderem in der Betonung der persönlichkeitsorientierten Sicht begründet. Die Soziologie sieht eher die soziale Beziehung zwischen dem Führer und den Geführten als entscheidendes Argument für Cha- 2.2.3 70 Kellner (2011), S. 64. 71 Vgl. Kellner (2011,) S. 64. 72 Vgl. Kellner (2011), S. 64–65. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 28 risma an und nimmt somit von der Persönlichkeit des Führers Abstand.73 Charisma aus Perspektive der modernen Führungs- und Managementlehre Zu Beginn der 70er Jahre wandte sich eine Reihe bekannter Organisationspsychologen dem Begriff Charisma zu und fokussierte sich infolgedessen auf die Umsetzbarkeit von Charisma in Unternehmen. Dabei konzentrierten sie sich auf den Menschen im Unternehmen, indem sie Charisma als eine besondere Art der Führung definierten.74 Ihre Schlussfolgerung lautet: „Führung ist Verhalten, Verhalten ist erlernbar, somit ist auch Charisma erlernbar.“75 Daneben wies Conger nach, dass bestimmte rhetorische Mittel Charisma steigern können.76 In der Organisationspsychologie ist der Begriff der charismatischen Führung mit Webers Auffassung gleichzusetzen. Charisma wird in diesem Sinne als ursächlich dafür genannt, warum Mitarbeiter ihrer Führungsperson Anhängerschaft leisten.77 Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930–2002) erforschte verschiedene Verhaltensweisen, die ausschlaggebend dafür sind, dass jemand als charismatisch empfunden wird, und erweiterte den Charisma-Begriff um eine soziale Komponente. Er beschreibt den Sinn für Ästhetisches, beispielsweise den Geschmack bei der Auswahl äußerer Zeichen wie der Kleidung oder den Dingen, mit denen man sich umgibt und mit denen man sich beschäftigt, als einen Ausdruck von Charisma. In diesem Sinne widerspricht er der Auffassung, Charisma sei eine gottgegebene Gabe, und betont eine sozial-kulturell konstruierte Perspektive, indem er anführt, dass sowohl symbolisches als auch 2.3 73 Vgl. Schreyögg/Sydow (1999), S. 210. 74 Vgl. Müller (2012), S. 17. 75 Müller (2012), S. 17. 76 Müller (2012), S. 17. 77 Trice/Beyer (1986). Vgl. Karipidis (2012), S. 22. 2.3 Charisma aus Perspektive der modernen Führungs- und Managementlehre 29 soziales Kapital bestimmend für Charisma seien.78 Korrespondierend mit dem soziologischen Verständnis des Charisma-Begriffs geht Stéphane Etrillard davon aus, dass Charisma auch aus Sicht von außen entsteht, es also von der Zustimmung der Öffentlichkeit abhängig ist, ob jemand als charismatisch bezeichnet wird. Er gibt an, Charisma komme aus dem Inneren, werde aber von außen zugeschrieben. Dabei differenziert er zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung in Bezug auf die Charisma-Geltung. Eine Zuerkennung von Charisma sei in diesem Sinne ausschließlich von der Fremdwahrnehmung abhängig.79 Das Dreistufenmodell der charismatischen Führung von Conger und Kanungo basiert auf der Vorstellung, dass die Wahrnehmung der Geführten hinsichtlich des Verhaltens der Führungsperson dazu führt, dass einer Führungsperson Charisma zugeschrieben wird. Dieses Modell zeigt Charismatiker als agierende Führungspersönlichkeiten, die das Unternehmen strategisch durch verschiedene Stadien der Entwicklung führen. Die erste Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass der charismatische Führer den Status quo ermittelt, um Unzulänglichkeiten und Probleme aufzuspüren. Anschließend formuliert und artikuliert er effektiv die Organisationsziele und vermittelt diese in einer strategischen und inspirierenden Vision. Während der dritten Stufe ist der charismatische Führer darum bemüht, durch bestimmte Verhaltensweisen zu motivieren und Vertrauen und Loyalität bei den Geführten zu erzeugen. Mit seinem Verhalten nimmt er eine Vorbildfunktion ein, zeigt Opferbereitschaft und Risikobereitschaft. Dieses unkonventionelle Verhalten erzeugt bei den Geführten emotionale Reaktionen wie Überraschung und Bewunderung und führt somit zu einer Anerkennung von Charisma.80 Die moderne Führungs- und Managementlehre ist von der Erlernbarkeit des Charismas überzeugt. Mehr noch als die soziologische Perspektive deutlich macht, kommt dabei der Außenwahrnehmung die entscheidende Bedeutung zu, ob jemand als charismatisch 78 Vgl. Enkelmann (2010), S. 62. 79 Vgl. Etrillard (2012), S. 68. 80 Vgl. Mendonca/Kanungo (2007), S. 37–40. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 30 empfunden wird. Während die Theologie Charisma als ein geistliches Phänomen ansieht, dass im Innersten des Menschen aufgrund des Glaubens wirksam werden kann, argumentiert die Führungs- und Managementlehre mit einer primär auf Äußerlichkeiten beschränkten Sichtweise. Entwicklung von Charisma durch Stigmatisierung In den Sozialwissenschaften wurde seit 1970 der Begriff der Stigmatisierung in Zusammenhang mit der Charismaforschung vor allem durch die Arbeiten von Wolfgang Lipp geprägt.81 Lipp stellt fest, dass eine grundlegende Erfassung von Charisma nur gewährleistet werden kann, wenn es mit seinem Gegenpart, dem „Stigma“, in Verbindung gebracht und davon hergeleitet wird.82 Als „Stigma“ wird eine gesellschaftlich definierte, beobachtbare oder nicht erkennbare Eigenschaft von Personen bezeichnet, die eine in der Öffentlichkeit als negativ bewertete soziale Identität nach sich zieht.83 Im Hinblick auf Charisma und Widerstand ist eine negativ bewertete soziale Identität von charismatischen Führungspersönlichkeiten nicht selten auf gewöhnliche Widerstände und deren Auswirkungen zurückzuführen. Resultierend aus einer Beobachtung charismatischer Werdegänge hat sich Lipp mit der Entstehung von Charisma aus der Perspektive der Stigmatisierung beschäftigt, da die Karrieren von Charismatikern sehr oft in gesellschaftlichen Randzonen begonnen haben und sie deshalb häufig selbst Opfer von Stigmatisierungen waren. Aus soziologischer Sicht entsteht Charisma durch Interaktion. Deshalb untersuchte Lipp bestimmte Handlungsweisen auf ein charismatisierendes Potential, das dazu führt, einer Abwertung oder Ausgrenzung aus der Gesellschaft entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang erwähnt er die Selbststigmatisierung als eine Art Bekenntnis zum 2.4 81 Vgl. Hartmann (2006), S. 23. 82 Vgl. Lipp (1985), S. 78. 83 Vgl. De Gruyter (2004), S. 415. 2.4 Entwicklung von Charisma durch Stigmatisierung 31 Stigma.84 Peter Gross führt an: „Selbststigmatisierung erfolgt mit dem Zweck, Stigmatisierung umzudrehen.“85 Selbststigmatisierung zielt nämlich darauf ab, Stigmata zu beseitigen, indem man versucht, die als Makel geltende Eigenschaft als eine positive Eigenschaft darzustellen, mit dem Ziel, das Ausgestoßensein in eine Auserwählung umzudeuten.86 Selbststigmatisierung ist so gesehen die intervenierende Variable, die zwischen Stigma und Charisma eine Verbindung herstellt.87 Lipp stellt fest, dass Charisma im Sinne der Selbststigmatisierung nicht durch individuelles Handeln entsteht, sondern vielmehr durch die Reaktion Dritter auf bestimmte Handlungen und Äußerungen. Der exakte Sinn des Charismas wird demnach erst in den spezifischen Wechselwirkungen zwischen Handlungen des Selbststigmatisierers und der Deutung der Gesellschaft offenkundig.88 Im Gegensatz zur Stigmatisierung stellt der Prozess der Charismatisierung den Erwerb, Transfer und die Wirkung von Gnadengaben, ‚strahlender‘ sozialer Macht in den Vordergrund.89 Gesetzt den Fall, Stigmata beschädigen die Identität einer Person, wird angenommen, dass die Lebenschancen des Stigmatisierten mitunter erheblich eingeschränkt sind. Jedoch kann die Gesellschaft durch ein Bekenntnis des Stigmatisierten zur stigmatisierten Eigenschaft unter Legitimationsdruck geraten. So wird es möglich, die zuvor stigmatisierte Eigenschaft in Charisma überzuleiten.90 Damit Stigma in Charisma umgewandelt werden kann, muss der Charismatisierung eine Dramatisierung vorausgehen.91 Der Begriff der Dramatisierung wird nach Barthes auch synonym mit dem der Inszenierung verwendet.92 Vorausgesetzt, Selbststigmatisierer sind dazu in der Lage, in ihrem Wirkungskreis dramatische Spannungen 84 Vgl. Hartmann (2006), S. 24. 85 Gross (2008), S. 70. 86 Vgl. Hartmann (2006), S. 24–25. 87 Vgl. Lipp (1985), S. 77. 88 Vgl. Schäfers; Stagl; Hutzel (2005), S. 18. 89 Vgl. Lipp (1985), S. 204. 90 Vgl. De Gruyter (2004), S. 416. 91 Vgl. Lipp (1985), S. 213–214. 92 Vgl. Brune (2003), S. 232. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 32 zu entfachen, vermögen sie besondere Sachverhalte, die sie kommunizieren möchten, zu unterstreichen.93 Die Extremphänomene Stigma und Charisma verweisen wechselseitig aufeinander und sind de facto ineinander verschachtelt. Prozesse, die charismatische Qualitäten ausgebildet haben, sind oftmals ursprünglich in einer Stigmatisierung verwurzelt. Diese Prozesse können damit erst ausgehend von der Stigmatisierung in Extremformen umschlagen oder übergeleitet werden.94 Prestige und Stigma Walter de Gruyter stellt fest: „Prozesse der Charismatisierung beziehungsweise der Stigmatisierung führen zu Prestige.“95 Mit dem Begriff Prestige verbindet man das gesellschaftliche Ansehen, den sozialen Status oder Wertschätzung. Im Gegensatz dazu wird mit Stigma eine Abwertung von Merkmalen und Eigenschaften einer Person in Verbindung gebracht, die durch eine negative Beurteilung hervorgerufen wurde.96 Utsch führt als kennzeichnendes Merkmal für die Gegensatzpaare „Prestige“ und „Stigma“ an, dass beide von der Fremdwahrnehmung der Gesellschaft geprägt werden. Die Qualität der Fremdwahrnehmung wird wiederum maßgeblich beeinflusst von der jeweiligen Kultur, Historie und dem sozialen Gefüge.97 Diese Sichtweise widerspricht jedoch der theologischen Argumentation, da Charisma aus einer theologischen Perspektive weder auf die Fremdwahrnehmung angewiesen noch von dieser abhängig ist. Prestige konstituiert die unterschiedlichen Komponenten „Individual-Prestige“ und „Sozial-Prestige“. Während das Individual- Prestige auf besondere Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen zurückzuführen ist, sind beim Sozial-Prestige Merkmale ent- 2.5 93 Vgl. Lipp (1985), S. 213–214. 94 Vgl. Lipp (1985), S. 77–78. 95 De Gruyter (2004), S. 415. 96 Vgl. De Gruyter (2004), S. 412. 97 Vgl. Utsch (2007), S. 67. 2.5 Prestige und Stigma 33 scheidend, die personenunabhängig fungieren, wie etwa die berufliche Stellung. In der Realität vollzieht sich eine Zuweisung von Prestige zum größten Teil auf der Grundlage einer Kombination beider Komponenten. Moderne soziologische Ansätze verbinden Prestige nicht nur mit einer individuellen Position einer sozialen hierarchischen Ordnung, sondern fokussieren vielmehr die Prestigewahrnehmung einer Gruppe und die daraus hergeleiteten Konsequenzen. Die sozialen Prozesse der Zugehörigkeit zu verschiedenen Statuspositionen werden in diesem Kontext besonders betont. Deshalb kommt der Prestigeordnung auch eine ideologische Funktion zu, nämlich die Stabilisierung und Sicherung von gegenwärtigen sozialen Ungleichheiten.98 Es wird deutlich, dass die beiden Extremphänomene „Prestige“ und „Stigma“ ebenso wie „Charisma“ und „Stigma“ nahe beieinanderliegen und sich gegenseitig bedingen können – trotz ihrer Gegensätzlichkeit, besonders unter dem Aspekt der Entwicklung und Entstehung von Prestige oder Charisma.99 Die Bedeutungsvielfalt des Charisma-Begriffs Im alltäglichen Verständnis wird mit Charisma eine Persönlichkeit assoziiert, der ein außergewöhnlicher Einfluss nachgesagt wird. Hierbei ist auch von einer charismatischen Wirkung die Rede.100 In der Alltagssprache wird Charisma zumeist als eine individuelle Ausstrahlung definiert.101 Im Hinblick darauf kann Charisma nicht auf die Definition von Max Weber reduziert werden, der anführt, dass der Charisma-Begriff außerhalb der Alltäglichkeit verwurzelt ist und damit eine Führergestalt mit charismatischer Ausstrahlung verbindet. Die Autorität des charismatischen Führers führt sich seiner Auffassung nach einzig und allein auf dessen Überzeugungs- 2.6 98 Vgl. De Gruyter (2004), S. 413. 99 Vgl. Scheungraber (2012), S. 31. 100 Vgl. Häusermann (2001), S. 3. 101 Vgl. Möller (2004), S. 5. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 34 kraft und die damit einhergehende faszinierende Ausstrahlung zurück.102 Weber definiert zudem Charisma als Ausdruck einer sozialen Beziehung zwischen dem Führer und den Geführten. Den Geführten kommt in diesem Kontext die wohl wichtigste Rolle zu, da sie dem Führer die entscheidende Akzeptanz und Anerkennung schenken.103 Indem Weber in seinen Definitionen eher die Struktur sozialer charismatischer Beziehungen betont und in diesem Zuge von der Persönlichkeit des Charismatikers Abstand nimmt, versucht er den Grundgedanken seiner Erklärung des Charisma-Phänomens zu unterstreichen.104 Zusammenfassend lässt sich behaupten, dass wesentliche Unterschiede zwischen den Definitionen von Paulus und Weber erkennbar sind. Nach Weber wird der Charisma-Begriff ausschließlich relational interpretiert und beschreibend eingesetzt. Er stützt sich somit auf interpersonale, soziologische Beziehungen. Konträr dazu zielt die paulinische Theologie primär auf ein Verständnis des Ursprungs des Charismas ab.105 Während die soziologische Perspektive auf die soziale Beziehung zwischen dem Führer und den Geführten verweist, bezieht sich die Theologie eher auf die Persönlichkeit des Führers. Des Weiteren sind Unterschiede in der Beschreibung des Charismas als etwas Außergewöhnlichem zu finden. Paulus stellt fest, dass Charisma nicht ausschließlich auf das Außeralltägliche begrenzt ist und deshalb auch im Alltäglichen seine Wirkung entfalten kann. Daneben sei eine Begeisterung für das Alltägliche notwendig, damit Charisma in seiner Gesamtheit wirksam werden kann.106 Zudem fällt die Bestimmung des Verhältnisses von Amt und Charisma bei Paulus im Vergleich zu Webers Interpretation differenzierter aus.107 Mit dem Gnadengeschenk Charisma assoziierte Paulus damals eine Diensterfüllung innerhalb der Gemeinde. 102 Vgl. Gerber (1998), S. 176. 103 Vgl. Möller (2004), S. 5. 104 Vgl. Schreyögg/Sydow (1999), S. 210. 105 Vgl. Muther (2010), S. 280–281. 106 Vgl. Muther (2010), S. 280–281. 107 Vgl. Kellner (2011), S. 66–67. 2.6 Die Bedeutungsvielfalt des Charisma-Begriffs 35 Dieses Geschenk wandelte sich in der Bedeutung zu einem an ein Amt gebundenes Charisma, das auf Dauer zuerkannt und nicht rückgängig gemacht werden kann. In diesem Zusammenhang versinnbildlicht das Charisma eine Kompetenz zur Amtsführung.108 Neben einer Vielzahl an Bedeutungsinhalten fällt auf, dass der Charisma-Begriff seit seinem ersten Auftreten bei dem Apostel Paulus eine völlige Umkehrung erfahren hat.109 Im theologischen Kontext wird Charisma als eine Gnadengabe durch den Heiligen Geist vermittelt und stellt deshalb weder eine Fähigkeit dar, die von Natur aus gegeben ist, noch ist es von der Anerkennung und Akzeptanz Dritter abhängig. Ähnlich wie Weber betont die moderne Führungsund Managementlehre Charisma als ursächlich und ausschlaggebend für eine Anhängerschaft der Geführten. Allerdings sprechen einige Verfechter der modernen Führungslehre dem Charisma keine magische Bedeutung mehr zu. 108 Vgl. Gerber (1998), S. 198. 109 Vgl. Kellner (2011), S. 67. 2 Charisma – Ein schillernder Begriff 36

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References

Zusammenfassung

Unsere Zeit ist geprägt durch dynamische Veränderungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Für Führungskräfte ist es daher wichtig, flexibel zu denken und neue Konzepte und Strategien zu entwickeln, um langfristig erfolgreich sein zu können. Erfolgreiche Führung bedarf einer werteorientierten Führung, um an die Gefühle und Bedürfnisse der Menschen appellieren zu können, Verantwortung zu übernehmen und erfolgreich zu vermitteln.

Charisma als Merkmal werteorientierter Führung kann den Erfolg einer Führungspersönlichkeit definieren. Sonja Scheungraber analysiert aus theologischer, soziologischer und managementtheoretischer Sicht, welche Eigenschaften einen charismatischen Charakter beschreiben und definiert in der Folge den Begriff „Charisma“ neu.

Charismatische Führungspersönlichkeiten wie Barack Obama bleiben auch in Zeiten des Widerstands souverän. Sie besitzen bestimmte Eigenschaften und Werte, die es ihnen ermöglichen, Widerstände zu überwinden und ihren zukünftigen Erfolg daraus herzuleiten. Die Autorin arbeitet diese Wirkungsmöglichkeiten von Charisma heraus und beschreibt diese als Theorie für Erfolg. Denn Charisma ist nicht nur eine brillante Eigenschaft einer Persönlichkeit, sondern ein Erfolgskonzept.