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1 Einleitung in:

Reinhard Hildebrandt, Simone Lück-Hildebrandt

Herrschaft und Beherrschung, page 1 - 4

Hegemoniale Formationen - Strukturelle Gewalt in der Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4351-6, ISBN online: 978-3-8288-7302-5, https://doi.org/10.5771/9783828873025-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 83

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Der norwegische Friedensforscher Johan GALTUNG erweiterte 1969 die klassische Definition von „Gewalt“ (violence) um das Konzept der „strukturellen Gewalt“ (structural violence). In diesem Konzept wird nicht mehr nur das „destruktive Handeln eines Täters oder einer Tätergruppe“ behandelt, sondern die Form von Gewalt, die in der Gesellschaft systemisch wirkt und durch die menschliche Grundbedürfnisse in der Weise beschränkt werden, dass die potentielle Entfaltung der Individuen eingeschränkt ist. Das betrifft alle Formen der Diskriminierung, die ungleiche Verteilung von Einkommen und Bildungschancen, die Behinderung emanzipatorischer Bestrebungen sowie die Beeinträchtigung von Lebenserwartung. Gewalt wird in dieser umfassenden Definition nicht mehr konkreten personalen Akteuren zugerechnet. Sie unterminiert anonym alle Werte, Normen, Institutionen, Diskurse sowie Prozesse, wodurch sich die Strukturen einer Gesellschaftsformation herausbilden. Der Ansatz von Galtung enthält zwei wesentliche Prämissen: die Deskription von struktureller Gewalt und zugleich die Beschreibung für ihre Bekämpfung im Sinne einer „präskriptiven Politik“. Nur die Abwesenheit von struktureller Gewalt ermöglicht es den Menschen, vorwiegend auf selbstbestimmte Weise ihr individuelles Glück zu suchen und hierbei weder die Würde noch die Rechte anderer Gesellschaftsmitglieder zu berühren bzw. in Frage zu stellen. Unter der Zielsetzung einer „Soziologie des Friedens“, mit der „Gewalt aus den Strukturen“ genommen wird, entwickelt Galtung ein theoretisches Instrumentarium, mit dem die vielfältigen Ausprägungen von Gewalt in sozialen Interaktionen empirisch erfasst werden können. (Naakow Grent-Hayford und Victoria Scheyer/ Galtung-Institut, Strukturelle Gewalt verstehen [Working Papers G-I- WP-2016-06SG.pdf]). Die Frage, warum – angesichts umfänglicher empirischer Befunde – eine weitere Aufarbeitung struktureller Gewalt von Nöten ist, verlangt eine Antwort. Galtungs Zielsetzung, mit Hilfe der empirischen Befunde in der Lage zu sein, eine Prognose zu formulieren und vor allem eine entsprechende Therapie zur Bekämpfung der strukturellen Gewalt zu entwickeln, weist schon einen Weg zur Beantwortung. Galtungs Ansatz, der sich am Ziel orientiert, strukturelle Gewalt aus den Interaktionssystemen herauszunehmen, verdeckt die Möglichkeit, davon auszugehen, dass in jeder Gesellschaftsformation unabänderlich strukturelle Gewalt enthalten ist. Analysiert werden muss, welches Maß an struktureller Gewalt das gesellschaftliche Ganze in seinem Fortbestand bedroht oder – im Gegenteil – sogar erhält. Wenn beispielsweise Untergeordnete als Gegner behandelt werden, d.h. Äußerungen ihrer Unzufriedenheit nur noch mit Argumenten begegnet wird, die die Unterordnung konservieren, vielleicht sogar institutionalisieren, wandelt sich das bis dahin existierende Verhältnis zwischen Über- und Untergeordneten in ein Herrschafts-Beherrschungsverhältnis, in 1 1 dem der demokratische Diskurs nicht mehr stattfindet. Zur Entdeckung solcher Formen struktureller Gewalt werden in der folgenden Arbeit gesellschaftliche Diskursformationen auf ihren Demokratiegehalt analysiert. Untersucht wird, wie das Zusammenspiel zwischen autonomen Einheiten (einzelne Individuen, bestimmte nach unterschiedlichen Ziele konstituierte Gruppen) funktioniert, so dass aus ihrem zunächst formlosen Gegenhalt ein strukturiertes Ganzes wird, in dem der Staat entscheidend dazu beiträgt, den Fortbestand der Gesellschaft zu gewährleisten. Die theoretische Grundlage für diese Perspektive ergibt sich aus der kritischen Auseinandersetzung mit Hegels „Phänomenologie des Geistes“, mit dem poststrukturalistischen Ansatz von Jacques Derrida und den diskurstheoretischen Schriften von Chantal Mouffe und Erneste Laclau. Der Rolle des Staates wird in diesem strukturierten Ganzen sowohl theoretisch als auch konkret über die gesamte Analyse hinweg ein besonderer Stellenwert eingeräumt. In einem weiteren Schritt wird die Rolle struktureller Gewalt sowohl in konservativen wie progressiven Rechtfertigungsvarianten beleuchtet. Auch hier steht zugleich immer die Frage im Zentrum, in welcher Weise der Staat daran beteiligt ist, strukturelle Gewalt auf ein Maß zu beschränken, das allen gesellschaftlichen Akteuren genügend Raum zur Entfaltung diskursiver Formationen gegeben wird. Anders formuliert: Ist der Staat ein „marktkonformer Staat“ (Stiglitz), eventuell sogar Motor weltweit tätiger hegemonialer Formationen oder garantiert er Entfaltungsräume für möglichst viele gesellschaftlich engagierte Individuen und Gruppierungen. Thomas Piketty gelangte z.B. in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ zu folgendem Schluss: „Die Geschichte von Einkommen und Vermögen ist immer hochpolitisch, chaotisch und unvorhersehbar. Alles hängt davon ab, was die Menschen als gerecht ansehen und wie sie durch Politik Einfluss nehmen“ (zit. von Kolja Rudzio, Lebte schon Jesus im Kapitalismus? Die Zeit, 05.06.14). Als nicht gerecht sehen die Autoren an, dass die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung dramatisch wächst. Und ebenso wenig sehen sie den zunehmenden Einfluss privilegierter Eliten als gerecht an. Bereits in seinem 2008 erschienenen Buch „Postdemokratie“ konstatierte schon Colin Crouch: „Während die demokratischen Institutionen formal weiterhin vollkommen intakt sind (und heute sogar in vielerlei Hinsicht weiter ausgebaut werden), entwickeln sich politische Verfahren und die Regierungen zunehmend in eine Richtung zurück, die typisch war für die vordemokratischen Zeiten. Der Einfluss privilegierter Eliten nimmt zu, in der Folge ist das egalitäre Projekt zunehmend mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert.“ (Aus dem Englischen übersetzt von Nikolaus Gramm, Frankfurt am Main, 2008, zitiert bei Claus Leggewie, Was nach der Demokratie kommt, Die Zeit, 26.06.08). Diesem Kapitel schließt sich die Auseinandersetzung mit der marxistisch orientierten Kritik von Narr/Schubert an. Die Ansicht, dass die immer stärkere Unterwerfung der Beherrschten zur totalen Herrschaft der Herrschenden – bis hin zur Herrschaft der Herrschenden über sich selbst – führen wird und dass somit dem kapitalistischen Staat der Verlust seiner Existenzgrundlage droht, hält jedoch einer kritischen Analyse nicht Stand. 1 Einleitung 2 Die Behandlung anderer Ansätze, in denen dem Staat in der Erhaltung des strukturierten Ganzen eine konstruktivere Rolle zugewiesen wird, folgt diesem Kapitel. Jene Darstellungen behandeln jedoch oftmals nur Einzelaspekte. Sie beschreiben weder den vielschichtigen Prozess, in den alle Akteure sowie auch der Staat stets eingebunden bleiben, noch beziehen sie die Ergebnisoffenheit fast aller gesellschaftlich relevanter Entscheidungen in ihre Analysen ein. Die bis zu diesem Punkt weitgehend theoretisch geführte Auseinandersetzung mit dem Phänomen der strukturellen Gewalt wird in drei Schritten konkretisiert: 1. in der von den USA inszenierten Globalisierungsstrategie zur Erhaltung ihrer führenden Weltmachtposition – mit der Folge der dadurch ausgelösten Finanzkrise als weltweit funktionierende strukturelle Gewalt; 2. in der neoliberalen Wende in der Bundesrepublik Deutschland ab den 2000er Jahren, die zu den Hartz I- bis Hartz IV-Gesetzen führte und entscheidend zur zunehmenden Entfremdung sowie zum rechtslastigen Populismus weiter Teile der Bevölkerung beitrug; 3. in der Darstellung und Analyse struktureller Gewalt in der DDR. Sie zeigt zum einen, dass ein Zuviel an struktureller Gewalt die bestehende Gesellschaftsformation in den Untergang führen kann. Zum anderen arbeitet sie heraus, dass die nach der friedlichen Revolution stattfindende rigorose Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland eine neue Form struktureller Gewalt gegenüber der DDR-Bevölkerung zur Folge hatte und bei ihr einen noch stärkeren rechtslastigen Populismus – als in der ehemaligen Bundesrepublik – hervorrief. Zusammenfassend kann Folgendes festgehalten werden: Mit Hilfe des Analyseinstruments „strukturelle Gewalt“ können machtdurchsetzte gesellschaftliche Prozesse, die je nach Grundkonstitution der Gesellschaften verschieden sind, durchaus offengelegt und bewusst gemacht werden. Lösungsansätze, um die Spaltung oder gar das Zerbrechen des strukturierten Ganzen zu vermeiden, sind aber nicht – wie im friedenspolitisch ausgerichteten Konzept von Galtung – integrativer Teil dieser Analyse, sondern sie können lediglich auf dieser theoretischen Grundlage plausibel formuliert werden. 1 Einleitung 3

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Zusammenfassung

Verwandeln sich Über- und Unterordnungsverhältnisse in Herrschafts- und Beherrschungsbeziehungen, entsteht strukturelle Gewalt. Die Dynamik von gesellschaftlichen Evolutionen wird unterbunden oder stirbt ganz. Diese negative Entwicklung zu analysieren, ist auf der Grundlage von Hegel, Marx, Luhmann, Laclau/Mouffe und Foucault das Anliegen dieses Buches.

Das Ergebnis ermöglicht, drängende gesellschaftliche Probleme in den Blick zu nehmen und einer Lösung näher zu bringen wie z.B. den Populismus, die Gefährdung der Demokratie durch radikale Bewegungen oder die noch nicht aufgearbeiteten Folgen der Teilung und Vereinigung Deutschlands.