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4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte in:

Ottfried Becker

Dr. Matthäus Much (1832-1909), page 35 - 194

Eine dokumentarische Biographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4350-9, ISBN online: 978-3-8288-7300-1, https://doi.org/10.5771/9783828873001-35

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 42

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte Auf welche Weise in Matthäus Much das Interesse an der Ur- und Frühgeschichte geweckt wurde, ist nicht überliefert. Das Studium der Werke Darwins und des Buches zur Geschichte der deutschen Sprache von Jacob Grimm war dabei sicher stark beteiligt. Sein besonderes Interesse gilt auch der Geographie. 1856 wird Matthäus Much als k.k.Finanz-Procuratur-Concipist aus Temeswar Mitglied der k.k. Geographischen Gesellschaft.44 Bereits 1862 führt er erste archäologische Feldforschungen durch. In seiner Abhandlung über die Zeit des Mammut im Allgemeinen… berichtet er: „In Gösing stiess ich noch an einer anderen Stelle, und zwar schon im Jahre 1862 auf diluviale Knochen.“45 Sein Interesse war geweckt, er wird von einer gewissen Besessenheit erfasst und er hat auch die Fähigkeit und das Talent, in der Landschaft prähistorische Stätten und Fundorte zu entdecken. Seine erste Veröffentlichung in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien 1871 trägt den Titel „Ueber die urgeschichtlichen Ansiedlungen am Mannhartsgebirge“. Im gleichen Jahr teilt er bereits seine Vermutungen bezüglich eines Pfahlbaues im Attersse mit. 1872 veröffentlicht er den ersten Bericht über die Auffindung eines Pfahlbaues im Mondsee. 1875 veröffentlicht er seine Erkenntnisse über Stillfried. 1877 beginnt er seine Forschungen auf dem Mitterberg und veröffentlicht die Ergebnisse im Jahre 1878. Seine archäologische Tätigkeit spiegelt sich in den vielen Veröffentlichungen, siehe Anhang 1, wider. „Mit seinen Anfängen kam Much in die Zeit hinein, zu welcher in Deutschland und kurz darauf in Österreich die verschiedenen Zweige anthropologischer Forschung in der Gründung von Fachgesellschaften einen Zusammenschluss fanden. Daran beteiligte er sich von Anfang an.“46 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften Matthäus Much wird frühzeitig Mitglied in der Wiener Anthropologischen Gesellschaft (1870) und in der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie. Ethnologie und Urgeschichte (1872), es ergibt sich die folgende Chronologie für seine Mitgliedschaft: 4. 4.1 44 Mitgliederverzeichnis der k.k. Geographischen Gesellschaft von 1862, Seite XX 45 Much, 1881, Seite 29 46 Szombathy, 1910 35 – Ab 1870 Mitglied der Anthropologischen Gesellschaft Wien47 Bereits am 28. Juni 1870 werden in der Plenarversammlung der anthropologischen Gesellschaft in Wien von Dr. M. Much übersendete „Mittheilungen“ vorgelesen.48 – Wahl zum Ausschussrath in der Jahresversammlung am 14. 02.187149 bis 14.03.1876, 12.02.188450 bis 189551, Ausschussrat mit einigen Unterbrechungen von 1871 bis 190152 (Demission als Mitglied des Ausschusses, 11.11.190153) – Erster Sekretär der Gesellschaft 1876–188454, die Wahl erfolgt in der 7. Jahresversammlung am 14.03.187655 – Ab 1876 Mitglied des Redaktions-Comite’s der Mittheilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien vermutlich bis zu seinem Tode 1909, nachweislich bis 190856 – Im Jahr 1876 wird seine Frau „Much, Marie, Josefgasse 6, Wien“57 als Mitglied der AGW geführt. – Zusätzlich ist Much ab 1872 auch Mitglied der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte58 und nimmt an zahlreichen Kongressen teil. Er wird 1872 als neues Mitglied ohne Localverein aufgeführt.59 – 1878 wird er als Geschäftsführer der deutschen Gesellschaft für Anthropologie. Ethnologie und Urgeschichte in Wien geführt. Zu den Wiener Anthropologen der DAG gehören außerdem 13 Mitglieder.60 (Corr.-Bl. der DAG Nr. 5 1878, Seite 45). – 1902 wird er Ehrenmitglied der Anthropologischen Gesellschaft Wien61 – 1903 wird er zum Vizepräsidenten der Anthropologischen Gesellschaft Wien gewählt62 Von 1870 bis zu seinem Tode 1909 veröffentlicht er zahlreiche Beiträge über seine Ausgrabungen und prähistorische Themen in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien und im Correspondenz-Blatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Eine annähernd vollständige Liste seiner über zweihundert Veröffentlichungen und Bücher wurde von mir zusammengestellt und befindet sich im Anhang. 47 Fatouretchi, 2009, Seite 62 48 Neues Fremden-Blatt Nr. 176, vom 28.06.1870, Tagesnachrichten, Seite 3 49 MAGW Bd. I, 1871, Seite 174 50 MAGW Bd.XIV, 1884, Seite (21) 51 MAGW Bd.XXV, 1895, Seite (36) 52 Fatouretchi, 2009, Seite 62 53 MAG 1901, Seite (126) 54 Fatouretchi, 2009, Seite 62 55 MAGW Bd. VI, 1876, S. 91 56 MAGW 1908 57 MAGW Bd. VI, 1876, S. 96 58 Fatouretchi, 2009, Seite 62 59 Correspondenzblatt, 1872, Nr. 7, Seite 56 60 Corr.-Bl. der DAG Nr. 5, 1878 61 MAGW Bd. XXXV, 1905, Mitgliederverzeichnis 62 MAGW Bd. XXXIII, 1903, Jahresversammlung, 10.03.1903, Seite (59) 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 36 Teilnahme an Versammlungen der anthropologischen Gesellschaften Auch nimmt M. Much an sehr vielen Allgemeinen Versammlungen der Deutschen anthropologischen Gesellschaft sowie an den Gemeinsamen Versammlungen der Deutschen und Österreichischen Anthropologen teil. Im Folgenden habe ich alle mir bekannten Kongresse und Exkursionen der deutschen Anthropologischen Gesellschaft und der Anthropologischen Gesellschaft Wien aufgeführt. Die Kongresse, bei denen die Teilnahme von M. Much eindeutig durch Auffindung in der Teilnehmerliste, durch Vorträge oder durch von ihm aufbewahrte Teilnehmerkarten und andere Dokumente erwiesen ist, sind fett gedruckt. Matthäus Much hat sehr viele Dokumente in einer Dokumentenmappe aufbewahrt, die von K. u. R. Wirthig aufbewahrt und zugänglich gemacht wurde und folgende Überschrift trägt: Beschriftung des Deckblattes der Dokumentenmappe von M. Much, Dokumentenmappe im Privatbesitz von K. u. R. Wirthig Auf interessante Einzelheiten möchte ich immer gleich eingehen. I. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Mainz 1870 II. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Schwerin, 22–23. September 1871 III. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Stuttgart, 8.–11. 08.1872 IV. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Wiesbaden, 15.–17. 09.1873 V. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Dresden, 14.–17.09.1874 VI. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in München, 9.– 11. 8.1875; M.Much hält am 11.08.1875 einen Vortrag über altgermanische Wohnsitze in Niederösterreich63, darin kommt er zu dem Schluss, dass z. Beispiel auch in Hallstatt keine Kelten, sondern Germanen begraben liegen. Er sagt selbst: „Ich weiß, dass ich damit in den heftigsten Streit mit altgewohnten Anschauungen, mit allen 4.1.1 Abbildung 33 63 Correspondensblatt 1875, Beilage 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 37 Keltomanen gerathen werde. Ich scheue diesen Streit nicht und drücke die Hoffnung aus, dass die nächsten Jahre genügen werden, die Kelten ganz von germanischem Boden zu vertreiben, und ich verspreche Ihnen, wacker dabei mitzuhelfen.“64 Rudolf Virchow bemerkt darauf: „Meine Herren! Diese letzte Ausführung und das, was ihr vorausgegangen, ist der Art, dass ich glaube, sagen zu können: Auch Jemand, der nicht nur kein Keltomane, sondern weitmehr ein Gegner derselben ist, würde mit dem Herrn Vorredner in lebhafte Opposition treten müssen. Wir bleiben gewärtig, welche weiteren Beweise Hr. Much für seine Ansicht aufbringen kann, jetzt sind wir nicht in der Lage, diese Angelegenheit discutiren zu können. Ich will aber nicht verschweigen, dass ich von meinem Standpunkte aus mit aller Kraft gegen diese Art von Analogien ankämpfen werde.“65 (Protokoll der dritten Sitzung nach stenografischer Aufzeichnung, Mittwoch, den 11. August 1875, Seite 69–72) VII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Jena, 9.–11. 8.1876 VIII. Versammlung (Generalversammlung) der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Constanz, 24.09. bis 26. 09.1877 IX. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Kiel, 12.–14. 08.1878 Versammlung Österreichischer Anthropologen und Urgeschichtsforscher am 28. und 29. Juli 1879 zu Laibach; Der „Bericht über die Versammlung österreichischer Anthropologen und Urgeschichtsforscher am 28. und 29. Juli 1879 zu Laibach“ wird von Dr. M. Much, „Secretär der anthropologischen Gesellschaft Wien“ erstattet. Er umfasst 124 Seiten und wird im Band X der Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien veröffentlicht.66 Im Zusammenhang mit der Tagung werden folgende Bücher von Dr. M. Much vorgelegt: Über den Ackerbau der Germanen (Zur Hochäckerfrage), Wien 1878; Über die Kosmogenie und Anthropogenie des germanischen Mythus, Wien 1878; Baugen und Ringe, Eine Studie über das Ringgeld und seinen Gebrauch bei den Germanen. Wien 1879. 64 Correspondenzblatt 1875, Beilage, Seite 72 65 Correspondenzblatt 1875, Beilage, Seite 72 66 MAGW, Bd. X, 1880 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 38 Teilnehmerkarte für den Kongress der Anthropologen in Laibach 1879, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig X. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Strassburg am 11.–13. August 187967; In der Teilnehmerliste befinden sich Rudolf Much als Studierender und Dr. jur. M. Much, Sekretär der anthropologischen Gesellschaft in Wien. M. Much hält in der zweiten Sitzung am Montag, den 11. August ab 2 Uhr einen Vortrag über den Kupferbergbau in Noricum in prähistorischer Zeit.68 Er beschreibt seine Forschungsergebnisse zum Kupferbergbau auf dem Mitterberg bei Bischofshofen und auf der Kelchalpe südlich von dem Orte Kitzbü(c)hel und kommt zu dem Ergebnis: „als gesichertes Resultat meiner Untersuchungen darf wohl betrachtet werden, dass schon lange vor der Ankunft der Römer in den norischen Bergen Kupfererze gegraben und Kupfer ausgeschmolzen wurde unter Anwendung von Geräthen und Werkzeugen, aus Stein, Holz und Kupfer und dass insbesondere auf dem Mitterberg, auf der Kelchalpe, auf dem Schattberg bei Kitzbü(c)hel, wahrscheinlich auch im Leogangthale und in den Schladminger Thälern sich prähistorische Kupferwerke befunden haben, deren Bestand zum Theile vielleicht bis in die Zeit der oberösterreichischen Pfahlbauten, zum Theile gewiss bis in die Zeit des Hallstätter Grabfeldes zu- Abbildung 34 67 Correspondenzblatt, 1879, Nr. 9 68 Correspondenzblatt, 1879, Nr. 9, Seite 104–108 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 39 rückreicht.“69 Er „demonstrirte eine vollständige vielbewunderte Sammlung von Gegenständen zu seinem Vortrag … von denen wir erwähnen: ein grosses Stück Kupferschmelze und Schlacken, welche noch das Loch von der Stange erkennen läßt, mit deren Hülfe man sie aus dem Schmelzofen gezogen hat, kupferne und bronzene innen hohle Pickel, Eimer und Schöpfkelle aus Holz, auch zahlreiche Leuchtspähne, grosse Steinschlägel aus Stein mit einer ringförmigen Rinne zur Befestigung der wohl aus Weidengeflecht bestehenden Handhabe, Klopfsteine, Reibsteine mit eingetieften Rinnen zur Zerkleinerung des Gesteins, rohe Töpferwaren zum Teil Schlackenstückchen eingemengt enthaltend u.v.A.“70 Mitgliedskarte für die Teilnahme am Kongress der deutschen Anthropologischen Gesellschaft in Strassburg 1879, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Außerdem hält M. Much vermutlich in der III. Sitzung einen Vortrag zum Thema Mensch und Mammut. Er beschreibt die Funde vom Löss in Joslowitz an der Thaya und Stillfried und deutet sie als Lagerplätze von Mammutjägern. „Die Fundverhältnisse sind ganz rätselhaft denn die Fundgegenstände sind nicht in einer bestimmten, halbwegs erkennbaren Ordnung gelagert, sondern wirr in die ganze, wie oben schon erwähnt, etwa zwei Meter mächtige Schicht zerstreut gewesen. Die Knochen des Mammuth, die Steinartefakte und die Kohlen lagen weder in gleicher Höhe noch Abbildung 35 69 ebenda, Seite 107–108 70 Ebenda; Seite 70 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 40 überhaupt dicht beisammen, namentlich ist meist sehr zerkrümelte und selten die größe einer Haselnuss übertreffende Kohle durch die ganze Masse vertheilt gewesen, so dass es etwa so aussieht, als ob Alles in einen weichen Brei von Löss eingerührt worden wäre.“71 Einladung des Bürgermeisters von Strassburg zu einer geselligen Vereinigung am 12.08.1879, Dokumentenmappe von M.Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig XI. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Berlin vom 5.–12.08.1880; in Verbindung mit der ersten Ausstellung vorgeschichtlicher und anthropologischer Funde Deutschlands; Dr. M. Much ist einer der 15 Teilnehmer aus Österreich von insgesamt 470 Kongressteilnehmern. Die Eröffnung erfolgt im Beisein der kaiserlichen und königlichen Hoheiten. Am Sonntag, dem 8. August findet ein Ausflug in den Spreewald statt. Die Ausfahrt beginnt mit der Abfahrt des Extrazuges vom Görlitzer Bahnhof früh um 5.15 Uhr und endet mit der Ankunft des Zuges abends um 11.30 Uhr. Unter anderem wird eine Kahnfahrt geboten. „Vierstündige Kahnfahrt auf 40 von je einem Schiffer stehend mit einer Ruderstange gestossenen Kähnen, voran ein Musikkahn, durch die schönsten Partien des Spreewaldes an Eicha vorüber über Lehde nach Lübbenau.“72 Es gibt noch weitere Exkursionen nach Abbildung 36 71 ebenda, Seite 138–139 72 Correspondenzblatt, 1880, Nr. 8/9/10 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 41 Treptow, Potsdam, Wannsee und Glienicke und in die verschiedensten Museen Berlins. Die Dokumente von M. Much von diesem Kongress befinden sich auf der folgenden Seite. Teilnahmedokumente für den Kongress der deutschen Gesellschaft für Anthropologie in Berlin 1880, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz k. u. R. Wirthig XII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Regensburg vom am 8. bis 10. August 1881; Unter den zum Kongress vorgelegten Büchern befindet sich das Buch von M. Much, „Über die Zeit des Mammut im Allgemeinen und über einige Lagerplätze von Mammutjägern in Niederösterreich im Besonderen. Sep.Abd. aus Bd. XI Heft I. (Neue Folge I. Band) der Mittheil. d. anthrop. Ges. in Wien 1881“73 Matthäus Much ist einer von neun österreichischen Teilnehmern am Kongress in Regensburg von insgesamt 251 Teilnehmern. Abbildung 37 73 Correspondenzblatt, 1881 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 42 Teilnehmer-Karte für den Kongress in Regensburg 1881, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 38 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 43 II. Versammlung Österreichischer Anthropologen und Urgeschichtsforscher am 12. bis 14. August 1881 zu Salzburg74; Dr. M. Much ist Teilnehmer, Protokollführer und Leiter der Exkursion zum Mitterberg. An dem Kongress nehmen viele deutsche Kollegen teil, darunter die gesamte Führung der deutschen Anthropologischen Gesellschaft, welche schon am Kongress in Regensburg beteiligt war. Man kann sagen, dass mit diesem Kongress die erste gemeinsame Versammlung der Deutschen und Österreichischen Anthropologen statt fand. 1882 erscheint im Selbstverlag der Anthropologischen Gesellschaft Wien der „Bericht über die II. Versammlung österreichischer Anthropologen und Urgeschichtsforscher am 12., 13. und 14. August 1881 zu Salzburg. Erstattet von Dr. M. Much, Secretär der Anthropologischen Gesellschaft in Wien.“ Es war folgendes Programm zu absolvieren: „Donnerstag den 11. August: Gesellige Zusammenkunft zur gegenseitigen Begrüssung in den Localitäten der Gesellschaft für Landeskunde zu St. Peter. Freitag den 12. August: I. Sitzung. Vorträge und Erörterungen über die Cultur und nationale Stellung der ältesten Bewohner der östlichen Alpenlande, insbesondere Noricums. Nachmittags: Besichtigung des Museums. Abends: Gemeinsamer Spaziergang auf den Mönchsberg. Samstag den 13. August: II. Sitzung. Vorträge. Nachmittags: Besichtigung des Domschatzes und anderer Sammlungen. Sonntag den 14. August: Fahrt auf den Dürrenberg bei Hallein und Einfahrt in die schon von den Kelten betriebenen Salzgruben. Nachmittags: Weiterfahrt nach Bischofshofen und Besichtigung der Ringwälle auf dem Götschenberge nebst Versuchsgrabungen daselbst. Montag den 15. August: Fahrt nach Mühlbach, Besuch der prähistorischen Kupfergruben auf dem Mitterberg und Besichtigung der Funde daselbst. – Ersteigung des Aussichtspunktes auf dem Hochkeil.“75 Dr. M. Much hält zusammen mit Dr. August Prinzinger und Dr. Zillner einen Vortrag über die Nationalität der Bewohner Noricums, in dem wieder versucht wird nachzuweisen, dass die Bewohner nicht Kelten, sondern Germanen waren. Dies führt zu einer langen kontroversen Diskussion an der sich Geheimrath Prof. Virchow und Geheimrath Schaffhausen sowie Professor Ohlenschläger beteiligen. Virchow widerspricht der Argumentation Muchs, wogegen Schaffhausen feststellt, dass „Kelten und Germanen ein und dasselbe Volk in Leibesbeschaffenheit, Sitte, Religion und Sprache gewesen“ sind, was „in der Uebereinstimmung des Kelten- und Germanenschädels eine unerwartete Bestätigung“ 76findet. Letzlich wird beantragt, die Debatte zu beenden. Unter den zum Kongress vorgelegten Büchern befinden sich von Dr. M. Much: „Bericht über die Versammlung österreichischer Anthropologen und Urgeschichtsforscher am 28. und 29. Juli 1879 zu Laibach“ und „Über die Zeit des Mammuth im Allgemeinen und über einige Lagerplätze von Mammuthjägern in Niederösterreich im Besonderen“. Zu den Teilnehmern am Kongress zählen neben Dr. M. Much; Much, Marie, Doctorsgattin; Much, Marie, Fräulein; Much, Rudolf, Studierender, außerdem aus der Familie Adolf Wähner, k.k. Forstmeister und Dr. Franz Wähner. Insgesamt gab es 291 74 Much 1882(1) 75 Much 1882(1), Seite 2 76 Much 1882(1), Seite 24 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 44 Teilnehmer. Eine anschauliche Beschreibung der „Excursionen“ rundet den Bericht über die Versammlung ab. XIII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Frankfurt/M vom 14.–16.08.1882 XIV. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Trier vom 9.–12.08.1883 XV. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Breslau vom 4.–7.8.1884 Teilnehmer-Karte für die zweite Versammlung der österreichischen Anthropologen und Urgeschichtsforscher 1881 in Salzburg, Dokumenntenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig XVI. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Karlsruhe 06. bis 08.08.188577 M. Much aus Wien ist einer von 216 Teilnehmern; außer der Besichtigung der Stadt Karlsruhe und der Grossherzoglichen Altertümer und Museen, werden die Städte Baden (und Umgebung), Mannheim und Heidelberg besucht. XVII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Stettin vom 10. bis 12. 08.1886 Abbildung 39 77 Correspondenzblatt 1885, 9/10/11 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 45 XVIII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Nürnberg vom 08. bis 12. 08.188778 Ein Teilnehmerverzeichnis konnte ich nicht finden, da Rudolf Much einen Vortrag über „Die Verbreitung der Germanen vor ihrem Eintritt in die Geschichte“79 hält, gehe ich davon aus, dass M. Much ebenfalls anwesend ist. XIX. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Bonn vom 06. bis 09.08 1888 Gemeinsame Versammlung der Deutschen und der Wiener anthropologischen Gesellschaft zu Wien, zugleich XX.Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Wien vom 05. bis 10.08.1889 mit Ausflug nach Budapest vom 11. bis 14. August; Unter den 211 Teilnehmern befinden sich Dr. M. Much, k.k. Konservator und Ferdinand Much mit Frau, k.k. Hoftheaterarzt; Nach der Tagesordnung gibt es am 6. August eine Dampferfahrt nach Nussdorf, „von da mit der Zahnradbahn auf den Kahlenberg, Besuch des Leopoldsberges. Um ½ 7 Uhr: Festessen im Hotel Kahlenberg. Um 10 Uhr: Rückfahrt nach Wien mit Zahnradbahn und Dampftramway.“ 80 Am Donnerstag ist Excursionstag mit zwei getrennten Excursionen, eine führt „nach Carnuntum, Deutsch-Altenburg und Petronell unter Führung der Herren Professor Dr. E. Bormann, Conservator Alois Hanser und Landgerichtsrath Edmund Schmidel.“81 Die zweite Excursion führt nach „Mistelbach, Schrick, Geiselberg, Obersulz, Spannberg, Ebenthal und Stillfried unter Führung des Herrn Dr. M. Much für die beschränkte Zahl von 30 Theilnehmern.“82 Am Freitag den 9. August „Nachmittags Besichtigung der außerordentlich reichen, altberühmten prähistorischen Privatsammlung des Herrn Dr. M. Much und der hochinteressanten des Herrn Dr. J.N. Woldrich.“83 Es schließt sich eine Fahrt nach Schönbrunn an, abends ist eine Zusammenkunft in Hietzing geplant. „Samstag den 10. August: Von 8–10 Uhr und ½ 3 bis 4 Uhr: Gemeinsame Schlußsitzung. Um 11 Uhr vormittags fand die feierliche Eröffnung des k.k. Naturhistorischen Hofmuseums durch Se. k. und k. Apostolische Majestät statt, zu welcher die auswertigen Theilnehmer am Congresse (nur Herren) eingeladen waren.“ 84 Auf der Tagung hält Dr. M. Much einen Vortrag „über die Aufgaben der „k.k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale und über die in neuester Zeit von ihr eingeleiteten Maßnahmen zum Schutze vorgeschichtlicher Alterthümer“85, in dem er auf die Belange der Denkmalpflege und den neu erstellten Kunsthistorischen Atlas eingeht.86 78 Correspondenzblatt 1887, 9/10/11 79 Correspondenzblatt 1887, Seite 154–158 80 Correspondenzblatt 1889, S. 65 81 Correspondenzblatt 1889, S. 66 82 Correspondenzblatt 1889, S. 66 83 Correspondenzblatt 1889 84 Correspondenzblatt 1889, S. 66 85 Correspondenzblatt 1889, Seite 100 86 Correspondenzblatt 1889, Seite 106–109 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 46 Einladung zur Eröffnung des k.k. naturhistorischen Museums, Dokumappe, Privatbesitz K.u. R. Wirthig Im dem Vortrag von „Herr E. von Tröltsch, k. württ. Major a. D.: Ein Vorschlag zum Schutz der Alterthümer“87 wird die von ihm entworfene „Tafel vorgeschichtlicher Alterthümer“ vorgestellt, von der der erste Probedruck vorliegt. „Vorliegende Tafel mit schwäbischen Fundtypen, zunächst nur für Württemberg bestimmt, ist wegen Übereinstimmung der ersteren auch für Baden, Hohenzollern und die nördliche Schweiz verwendbar.“88 „Sollte mein Entwurf aber auch von Ihnen hochgeehrte Herren, beifällig aufgenommen werden, so würde mir dies zu besonderer Ehre und Freude gereichen. Es würde nicht nur zu der Hoffnung berechtigen, dass ähnliche Wandtafeln auch in den anderen Ländern und Provinzen je mit ihren eigenartigen Typen entstehen, sondern dass der für Württemberg erhoffte Erfolg unserem grossen deutschen und österreichischen Vaterlande zu Theil werde.“89 „Der Congress spricht sich also dahin aus, dass auch in anderen Ländern zum Schutze der prähistorischen Alterthümer solche Tafeln entstehen mögen, wie sie Herr Baron von Tröltsch in Schwaben eingeführt hat.“90 Abbildung 40 87 Correspondenzblatt 1889, S. 104–106 88 Correspondenzblatt 1889, S. 104–106 89 Correspondenzblatt 1889, S. 104–106 90 Correspondenzblatt 1889, S. 104–106 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 47 Teilnehmer-Karte für den "Anthropologen-Congress" in Wien 1889, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig XXI. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Münster vom 11.–16.8.1890 XXII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Danzig vom 3.–5.8. bzw. 14.8.1891 XXIII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Ulm vom 1.–3.8.1892 XXIV. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Hannover vom 6.–9.8.1893 Abbildung 41 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 48 II. Gemeinsame Versammlung der Deutschen und der Wiener anthropologischen Gesellschaft und zugleich XXV. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Innsbruck, vom 24.–28.08.189491; Dr. M. Much hält in der zweiten gemeinschaftlichen Sitzung einen Vortrag: „Vorlegung der von der k. k. Zentralkommission herausgegebenen prähistorischen Wandtafel“92, Außerdem wird auf diesem Kongress über die zusätzliche Periode „Kupferzeit“ diskutiert. M. Much führt aus: „Das Alles sollte genügen, diese Zeit aus der ihr vorangehenden reinen Steinzeit und ihr nachfolgenden reinen Bronzezeit als einen gut charakterisierten Abschnitt herausheben zu dürfen. Tagungsheftdeckblatt, Innsbruck 1894, Dokumentenmappe von M. Much, Frivatbeitz K. u. R. Wirthig Abbildung 42 91 Correspondenzblatt 1894 92 Correspondenzblatt 1894, S. 96–97 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 49 Was ihren Namen betrifft, so würde ich mich gern bescheiden, wenn man sie statt Kupferzeit als Übergangszeit vom Stein zur Bronze bezeichnen wollte; da aber Herr Konservator Montelius durch seine Untersuchungen nachgewiesen hat, dass es zweifellos auch eine Übergangszeit vom Kupfer zur reinen Bronze gibt, so hätten wir zwei Übergangszeiten, die eine – größere- vom Stein zur Bronze und innerhalb ihr eine zweite – kleinere- vom Kupfer zur Bronze, weshalb ich es für zweckmäßiger halte, bei der Bezeichnung Kupferzeit zu verbleiben.“93 Prof. Rudolf Virchow sagt dazu: „Ich möchte Herrn Dr. Much, wie schon neulich, darin beitreten, dass es zweckmäßig ist, eine strengere Unterscheidung zu machen und die Kupferzeit als solche zu bezeichnen. Das stimmt überein mit dem alten Grundsatze der Naturwissenschaften, dass die Unterscheidung für den Fortgang der Forschung nützlicher ist, als die Zusammenfügung. Die Synthese mag ja später kommen, zunächst aber handelt es sich um die Analyse.“94 Ein weiterer Redebeitrag M. Much’s beschäftigt sich mit „Schalensteinen“.95 An dem Kongress in Innsbruck nehmen 284 „selbständig“96 Teilnehmende zuzüglich 112 Damen teil. Unter den selbständig Teilnehmenden finden sich inzwischen auch Damen, z.B. Fräulein Marie Eysn aus Salzburg und ihre Mutter Anna Eysn und Frau Johanna Mestorf. Einladung zum Festabend der Stadt Innsbruck 26.08.1894, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 43 93 Correspondenzblatt 1894, S. 130 94 Correspondenzblatt 1894, S. 130 95 Correspondenzblatt, 1894, S. 116 96 Correspondenzblatt, 1894, S. 76 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 50 XXVI. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Cassel vom 7.–11.08.1895 XXVII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Speier vom 2.8.–7.8.1896 XXVIII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Lübeck vom 3.8.–7.8.1897 (M. Much nicht in der Teilnehmerliste enthalten, obwohl er Dr. Ranke scheinbar eine Zusage gemacht hat.97) XXIX. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Braunschweig vom 4.–6.8.1898 mit Ausflügen nach Elm und dem Harz.98 In der zweiten Sitzung hält Privatdozent Dr. R. Much einen Vortrag „Zur Stammeskunde der Altsachsen.“99 „Herr Regierungsrath Dr. Much -Wien“ hält einen Vortrag „Ueber einen Friedhof aus der Lombardenzeit.“ Er sagt darin: „Mir hat es immer widerstrebt zu glauben, dass die Stätte einer wichtigen römischen Provinzstadt zum Oedland geworden sei, wie es Einige behaupteten. Da dankten wir mit einem Male einer Massregel, welche ich durch die Central-Commission für Kunst und historische Denkmale anzuregen vermochte, ein erwünschtes Licht in diesem unausgefüllten Dunkel. Es kommt nämlich sehr häufig vor, dass man bei der steten Durchwühlung des Bodens auf Skelette stösst, der Polizeiarzt wird gerufen, er erklärt zumeist, das Skelett sei schon länger als 30 Jahre – ein ausreichendes Mass für die Verjährung eines etwaigen Verbrechens – in der Erde gelegen, die Gebeine werden verscharrt und die Wellen amtlicher Thätigkeit ebnen sich wieder über dem Todten. Nunmehr aber sind die Aerzte angewiesen, in derlei Fällen eingehendere Umschau zu halten, und dieser Anordnung danken wir die Kenntnis eines Friedhofes aus eben jener dunklen Zeit. Es fanden sich nämlich bei einem Skelette, das gelegentlich der Strassen-Herstellung auf dem „Mariahilfer Gürtel“ zum Vorschein kam, zwei spangenförmige Gewandnadeln aus Silber und ein Spinnwirtel aus Bergkrystall, womit die Veranlassung zur Aufdeckung von 19 bis 20 Gräbern gegeben wurde.“100 Im Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 57. 2010 wird eine Arbeit über „Das Langobardenzeitliche Gräberfeld von Wien-Mariahilfer Gürtel“ veröffentlicht. Die Autoren Bendeguz Tobias, Karin Wiltschke-Schrotta und Michaela Binder schreiben: „Im Nachhinein könnten wir M. Much als einen Pionier der österreichischen Frühmittelalterforschung bezeichnen, hätte er zur damaligen Zeit seine Ergebnisse vollständig veröffentlicht. Allerdings erschienen von ihm nur zwei kurze Vorberichte zu seinen Ausgrabungen.“101 An dem Kongress in Braunschweig beteiligen sich 249 Personen, 170 Männer und 79 Frauen. Es bleibt anzumerken, dass M. Much im November 1898 einen Vortrag zu diesem Thema im Altertumsverein zu Wien hält. 97 Windischbauer, 2002, S. 159, 123.937 98 Correspondenzblatt 1898 99 Correspondenzblatt 1898, S. 113–116 100 Correspondenzblatt 1898, S. 164–166 101 Bendeguz 2010, S. 279 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 51 Einladung ders Alterthums-Vereine Wien zu einem Vortrag von M. Much über eine Gräberstätte aus der Langobardenzeit, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Teilnehmer-Karte für den Kongress der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in Braunschweig 1898, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 44 Abbildung 45 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 52 III. Gemeinsame Versammlung der Deutschen und der Wiener anthropologischen Gesellschaft, gleichzeitig die XXX. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Lindau vom 4.–7.9.1899 mit Ausflügen nach Bregenz, Wetzikon, Zürich, Biel und Bern102 Rudolf und Matthäus Much sind zwei der insgesamt 385 Teilnehmer der Konferenz und in der Rednerliste erfasst, halten aber keine eigenen Vorträge. Ein Diskussionspunkt ist die Notwendigkeit von chemischen Analysen in der Archäologie. M. Much beteiligt sich als einer von ca. 50 Teilnehmern auch an dem an den Kongress anschließenden Ausflug in die Schweiz. Karte aus der Postkartensammlung, Privatbesitz F. Becker-PellmannAbbildung 46 102 Correspondenzblatt 1899 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 53 Teilnehmer-Karte für den Kongress in Lindau, 3. gemeinsame Versammlung der deutschen und Wiener anthropologischen Gesellschaft, 1899, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Das nachfolgende Foto, aus dem Besitz der Universität Wien, entstand in Bern am 12.09.1899 in einem regenfreien Moment vor der Villa von Prof. Dr. Stein (Prof. für Philosophie), der zu einem zweiten Frühstück geladen hatte. „Eine dort aufgenommene Photographie, welche Wirthe und Gäste vereinigt, bildet eine bleibende Erinnerung an diese schönen, nur zu kurzen Stunden.“103 Folgende Personen konnte ich erkennen: bei der ersten Person links auf dem Erdboden sitzend handelt es sich vermutlich um Josef Szombathy; Matthäus Much an der Treppe stehend an zweiter Stelle von links; Rudolf Virchow stehend unterhalb der Balustrade mit Hut; links neben ihm Johannes Ranke; ganz rechts außen am Rosenstock Oscar Montelius; auf der Treppe stehend als vierter von links wahrscheinlich Monsignore Pfarrer Jacob Stammler; Ehefrau und Tochter von Rudolf Virchow befinden sich direkt über ihm auf der Terrasse. Die vorn sitzende vierte Person von links ist Dr.Theophil Studer aus Bern, der am Vormittag die Gesellschaft durch das historische Museum geführt und „dort eine Sammlung der successiv folgenden Faunen der Pfahlbauten ausgestellt und erklärt“104 hat. Abbildung 47 103 Correspondenzblatt 1899, Seite 174 104 Correspondenzblatt 1899, Seite 172 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 54 Gruppenfoto vor der Villa von Prof. Dr. Stein in Bern am 12.09.1899, im Besitz der Universität Wien, Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Studiensammlung Abbildung 48 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 55 XXXI. Allgemeine Versammlung der Deutschen anthropologischen Gesellschaft in Halle/S., vom 23.09.–27.09.1900105 Herr „Much. Dr. k. k. Regierungsrath, Wien.“106 ist einer von 158 Teilnehmern und wird in der Rednerliste wegen zweier Wortmeldungen geführt. Karte aus Halle, Postkartensammlung, Privatbesitz F. Becker-PellmannAbbildung 49 105 Correspondenzblatt 1900, S. 156 106 Correspondenzblatt 1900, S. 156 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 56 Festkarte für Dr. Much bei der allgemeinen Versammlung der Anthropologischen Gesellschaft in Halle 24.–27.09.1900, Dokumentenmappe von M.Much, Privatbesitz K.u. R. Wirthig Abbildung 50 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 57 Dokumente vom Kongress in Halle 1900, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 51 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 58 Zeitungsartikel aus der Magdeburger Zeitung, vom 22.09.1900, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K.u.R. Wirthig Die Magdeburger Zeitung zählt Dr. M. Much neben Prof. Virchow, Prof. Ranke, Herrn Dr. Montelius und Freiherrn von Andrian zu den „Gelehrten“ des Hallenser Kongresses. Abbildung 52 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 59 XXXII. Allgemeine Versammlung der Deutschen anthropologischen Gesellschaft in Metz vom 4.08.–9.8.1901107 „Herr Regierungsrat Much – Wien:“108 beteiligt sich an der Diskussion über die Salzgewinnung. Anlass sind die Funde „Ziegelbauten (Briquetages) des Seillethales.“109 In der Jahresversammlung der Anthropologischen Gesellschaft in Wien am 11. März 1902 bemerkt der Präsident Andrian-Werbung zur Versammlung in Metz: „Am 7. fand die Excursion nach Vic behufs Besichtigung des Briquetage-Gebietes statt. Die Gesellschaft für lothringische Geschichte und Alterthumskunde hatte für diesen Anlass großartige Ausgrabungen veranstaltet. Die Discussion über die interessante Culturerscheinung des Briquetage, in welche die Herren Szombathy und Dr. Much in sehr wirksamer Weise eingriffen, brachte wichtige Gesichtspunkte, jedoch keinen endgiltigen Abschluss der Frage. Bemerkenswert ist die Theilnahme französischer Altherthumsforscher an der Excursion und an dem von der Stadt Vic veranstalteten Frühstück von 400 Gedecken. Für uns Österreicher war die in ganz spontaner Weise zutage getretene Sympathie der Bevölkerung von Vic für das Habsburgische Herrscherhaus und für Österreich eine wohlthuende Erscheinung.“110 Festkarte für Dr. Much bei den deutschen Anthropologen in Metz 1901, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 53 107 Correspondenzblatt, 1901, Seite 146–147 108 Correspondenzblatt, 1901, Seite 124 109 Correspondenzblatt, 1901, Seite 26 110 Andrian-Werbung, 1902, Seite (34) 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 60 Einladung für Dr. Matthaeus Much zum Festessen durch den Bürgermeister von Metz 1901, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig XXXIII. Allgemeine Versammlung der Deutschen anthropologischen Gesellschaft in Dortmund vom 4.08.–7.8.1902 XXXIV. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Worms vom 10.–13. August 1903 XXXV. Allgemeine Versammlung der Deutschen anthropologischen Gesellschaft in Greifswald vom 04. bis 06. August 1904 mit Ausflügen nach Stralsund und Skandinavien111 Teilnehmer am Kongress sind Dr. Much, Regierungsrat, Wien und Dr. Much, Professor mit Frau. Weitere Teilnehmer Dr. Brukner, Direktor der Zuckerfabrik mit Frau (Schwiegersohn und Tochter von M. Much). Hervorzuheben sind noch Herr „Büchsel, Gewandhausaltermann, Stralsund“112 als Vater der Malerin Elisabeth Büchsel (* 29.01.1867, † 03.07.1957). Die Familien Much und Brukner nehmen an dem Ausflug nach Skandinavien über Sassnitz, Bornholm, Gotland bis nach Stockholm teil. Prof. Dr. Rudolf Much hält einen Vortrag mit dem Titel: „Das Zeitverhältnis sprachgeschichtlicher und urgeschichtlicher Erscheinungen“113. Der „äußere Verlauf der Versammlung“114, im Correspondenzblatt ausführlich beschrieben, ist ein besonderer Genuß für einen Vorpommern! Abbildung 54 111 Correspondenzblatt 1904, S. 65 112 Correspondenzblatt 1904, S. 66 113 Correspondenzblatt 1904, S. 135–138 114 Correspondenzblatt 1904, S. 155–162 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 61 Universitätshauptgebäude in Greifswald 1904, Postkartensammlung M.Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Teilnehmerkarte für die Exkursion nach Skandinavien anlässlich des Kongresses in Greifwald, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 55 Abbildung 56 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 62 Postkarte von der Exkursion nach Skandinavien, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Postkarte von der Exkursion nach Skandinavien, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Abbildung 57 Abbildung 58 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 63 Festkarte für die 35. Allgemeine Versammlung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft in Greifswald 1904, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig IV. Gemeinsame Versammlung der Deutschen und Wiener anthropologischen Gesellschaft in Salzburg, zugleich XXXVI. Allgemeine Versammlung der Deutschen anthropologischen Gesellschaft, vom 28. bis 31 August 1905115 Von den 321 Teilnehmern sind u.a. aufgeführt: „Dr. Much M., Regierungsrat, Vicepräsident d. Wiener anthr. Ges, Wien“116 und „Dr. Much R, Professor, I. Sekretär d. Wien. anthr. Ges., mit Frau, Wien“117. M. Much hält einen Vortrag über die „erste Besiedlung der Alpen durch die Menschen“118. R. Much hält einen Vortrag „Zur vorgeschichtlichen Ethnologie der Alpenländer“.119 Die Exkursion zu den prähistorischen Kupfergruben auf dem Mitterberg bei Bischofshofen am 31. August wird von Dr. M. Much geleitet.120 Näheres zu dieser Exkursion befindet sich unter dem Kapitel „Prähistorischer Bergbau“. Abbildung 59 115 Correspondenzblatt 1905 116 Correspondenzblatt 1905, S. 174 117 Correspondenzblatt 1905, S. 147 118 Correspondenzblatt 1905, S. 71 ff 119 Correspondenzblatt 1905, S. 103 ff 120 Correspondenzblatt 1905, S. 143–144 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 64 Teilnehmerkarte für die 4. gemeinsame Versammlung der Deutschen und der Wiener anthropologischen Gesellschaft in Salzburg 1905, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Postkarte von Salzburg 1905, Postkartensammlung von M. Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Abbildung 60 Abbildung 61 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 65 XXXVII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Görlitz vom 5.–9.8.1906 XXXVIII. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Straßburg vom 4.–9.8.1907 XXXIX. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Frankfurt /M vom 2.–7.8.1908 XL. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Posen vom 1.–5.8.1909 Teilnahme an Ausflügen und Exkursionen Die Teilnahme an den folgenden Ausflügen und Exkursionen kann anhand seiner Postkartensammlung „Selbsterschautes“ und der von ihm angelegten Dokumentationsmappe belegt werden. 07. Juli 1895, Excursion des Alterthumsvereines in Wien nach Horn und Stift Altenburg Einladung des Altertumsvereines in Wien zur Exkursion am 7. Juli 1895 über Sigmundsherberg nach Horn, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz, K. u. R. Wirthig 4.1.2 Abbildung 62 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 66 01. bis 16. September 1895, Excursion der Wiener Anthropologischen Gesellschaft nach Bosnien und der Herzegowina mit Stationen Sarajevo, Jajce, Mostar, Stepangrad, Spalato und Zara; Teilnehmerkarte für die Exkursion der Anthropologischen Gesellschaft Wien nach Bosnien und Herzegowina, Sept. 1895, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz von K. u. R. Wirthig Der Bericht über diese Exkursion befindet sich in den Mittheilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, Band XXV, Nr. 4 von 1895. Die 25 Teilnehmer kamen aus den verschiedensten Ländern. „Unsere lieben Freunde und Gäste aus Nord- und Süddeutschland hatten sich besonders zahlreich eingefunden. Serbien, die Schweiz und England waren durch hervorragende Gelehrte vertreten.“121 Zu den Teilnehmern aus Norddeutschland zählte auch „Dr. Rudolf Virchow, Geheimer Medicinalrath und Universitäts-Professor, Vorsitzender der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.“122 Aus Sarajevo schreibt M. Much einen Brief an seine Frau (ebenfalls in der Dokumentenmappe zu finden): „Sarajevo 2.9.95, Liebe Mama! Nach mehr als 27 stündiger, Tag und Nacht währender Fahrt sind wir glücklich hier angekommen, etwas ermüdet aber frisch im Kopfe, und im ganzen Körper von Ruß und Asche eingezuckert. Nach der langweiligen Fahrt durch Ungarn nun die Fahrt in das grüne Bergland am heutigen Morgen sehr erquickend. Sarajevo ist schon ganz Asien, die fremden Trachten Abbildung 63 121 MAGW Bd. XXV, 1895, Bericht über d. Excursion…, Seite (83) 122 Ebenda, S. (89) 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 67 sind meißtens überwiegend, sowie die fremden Menschen. Heute, ½ Stunde nach der Ankunft muß ich mich kurz fassen; nächstens mehr. Mit besten Grüßen an Dich, Emilie, … usw. und in der Hoffnung, daß Ihr Euch wohl befindet Dein aufrichtiger Gatte Matthae“123 Im Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie in Wien befinden sich zwei Gruppenfotos von dieser Exkursion. Auf dem folgenden Foto sind Rudolf Virchow in der Bildmitte und M. Much am linken Rand unten erkennbar, ebenso in der vorderen Reihe Mitte links auf dem Bild der „Verbasschlucht“. Gruppenfoto, 23 der 25 Teilnehmer an der Exkursion noch Bosnien und der Herzegowina, Foto im Besitz der Universität Wien, Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Studiensammlung Abbildung 64 123 Dokumappe, Nachlass M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 68 Gruppenfoto vor dem Tunnel auf dem Weg zur "Vrbasklamm", 8. September 1895, Foto im Besitz der Universität Wien, Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Studiensammlung Die Reise geht mit der Eisenbahn über Budapest, Sarajewo und Mostar nach Metkovic‘ an der Adria, von dort weiter mit dem Schiff über Spalato und Zara nach Pola und dann mit der Bahn heimwärts. Von Sarajewo, Mostar, Spalato und Pola aus werden Ausflüge in die Umgebung unternommen. Am Abend des 16. September trennen sich die Teilnehmer und besteigen ihre Züge für die Heimfahrt. Abbildung 65 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 69 27.–29.05.1897, Excursion der Wiener Anthropologischen Gesellschaft nach Brünn und Umgebung Teilnehmerkarte für die Exkursion der Anthropologischen Gesellschaft Wien nach Brünn und Umgebung 1897, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz von K. u. R. Wirthig Brünn 28.05.1897, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Abbildung 66 Abbildung 67 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 70 08.05.1898, Ausflug des Wissenschaftlichen Clubs nach Bisamberg an der Nordwestbahn, Klosterneuburg und Korneuburg (Anmerkung auf der Postkarte „unter meiner Führung“) Einladung zum Ausflug auf den Bisamberg und nach Kornneuburg, Dokumentenmappe, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 68 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 71 25.06.1899, Ausflug des Altertums-Vereins nach Melk an der Donau Melk an der Donau, Postkartensammlung M. Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann 09.06.1901, Ausflug der Anthropologischen Gesellschaft und des Wissenschaftlichen Club‘s nach Göttweig Diese Exkursion führt nach Krems und Göttweig, zum Besuch des Kremser Museums und zu den Sammlungen des Benedictinerstiftes Göttweig. Sie wird in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft von 1901 auf der Seite (107) dokumentiert. Da diese Beschreibung sehr interessant ist, möchte ich sie in Auszügen wiedergeben. „Die Teilnahme an der Exkursion war eine ungewöhnlich starke, und auch der Wissenschaftliche Club war durch viele Mitglieder vertreten. Die Führung unserer Gesellschaft hatte Herr Vicepräsident Hofrath Dr. Karl Toldt übernommen; als Vertreter erschienen die Herren Hofrath Dr. Franz Steindachner für die prähistorische Commision der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Vicebürgermeister Dr. Neumayer und Stadtrath Dr. Deutschmann für die Stadt Wien, Regierungsrath Dr. M. Much für den Alterthumsverein, Director Dr. O. Fehringer für das Stift Seitenstetten, Prof. Dr. Katschthaler für das Stift Melk, Gustav Galliano für den Verein der niederösterreichischen Landesfreunde (Baden), Franz Skrinany für die Ortsgruppe Mödling und Militärlehrer Ignaz Hofmann für die Ortsgruppe Fischau dieses Vereins, J. Krahuletz für die Krahuletz-Gesellschaft (Eggenburg), ferner Sectionschef Baron Hohenbruck, Prof. A. Makowsky (Brünn), J. Palliardi (Mährisch-Budwitz), Bür- Abbildung 69 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 72 germeister L. Apfelthaler (Eggenburg), Dr. N. Yamasaki, Custos J. Szombathy u.A. Sehr erfreulich war die rege Theilnahme von Seite der Frauen, deren thätiger Mitwirkung gerade die Urgeschichtsforschung so manche schätzenswerte Unterstützung verdankt. Vor allem sei hier der Gemahlin des Herrn Prof. Strobl gedacht, die mit besonderer Hingabe an der Ordnung der Funde im Kremser Museum gearbeitet hat.“124 Zwei Absätze weiter heißt es: „Nach einem kurzen Frühschoppen wanderten die Teilnehmer, von Prof. Dr. Strobl geführt, nach der diluvialen Fundstätte am Hundssteig, wo der liebenswürdige Führer in einem übersichtlich gehaltenen Vortrage, der mit manchen humorvollen Bemerkungen gewürzt war, die Geschichte der seit dem Jahre 1893 vorgenommenen Grabungen behandelte. Er erläuterte das Aussehen der Örtlichkeit vor Beginn dieser Grabungen, besprach dann die ersten Spuren einer Culturgeschichte, welche im Herbst 1893 aus Anlass der Grabungen zutage traten, und die wenigen unbedeutenden Funde, die dabei gemacht wurden, ferner die größer angelegten Grabungen im Winter 1899–1900, die von der Großfuhrmannsfirma Kößner & Söhne in Wien auf Kosten der Donauregulierungscommission vorgenommen wurden, wobei die meisten Fundobjekte anfangs durch verschiedene ungünstige und widrige Umstände verschleppt wurden, bis von Seiten der Museumsverwaltung energischer auf die Ablieferung der Fundobjekte gedrungen wurde; freilich ohne bedeutenden Erfolg, da die Arbeitsleiter, Aufseher, Arbeiter und die vielen Schüler der Mittelschulen und leider auch verschiedene Herren, von denen man eine Unterstützung der Bestrebungen des Museums hätte erwarten sollen, ganz im Gegentheil Raubbau betrieben. Dagegen haben die Grabungen im Winter 1900/1901, wobei Prof. Strobl energisch alle Unbetheiligten von der Fundstätte fernzuhalten sich bemühte, was ihm freilich verschiedene Anfeindungen eintrug, für das Museum erfreuliche Erwerbungen geliefert. Der Redner betonte die Schwierigkeiten des Sammelns der Fundobjekte für das Museum und legte in überzeugender Weise klar, dass der Museumsausschuss nicht gut mehr thun konnte, als geschehen ist, und in Zukunft nicht leicht wird weiteres thun können, da die Grabungen an dieser Stätte mit bedeutenden Kosten verbunden sind, für welche nicht leicht jemand aufkommen wird, wenn nicht zugleich praktische Interessen damit gefördert werden können. Im nächsten Herbste sollen einige ganz unbedeutende Abgrabungen noch vorgenommen werden; der hiefür präliminierte Betrag (2000 K) ist so gering, dass man kaum auf die Aufdeckung eines kleinen Stückes der Fundgeschichte rechnen kann.“125 Anschließend wurde das Museum besichtigt. Beim Mittagessen verteilten die Veranstalter 60 Stück paläolithische Steinartefakte, die als Uhranhänger gefasst waren und ebensoviele Facsimilereproduktionen des im Museum aufbewahrten Kupferstiches aus dem Jahre 1645, einen in jenem Jahre in Krems gefundenen Mammutzahn darstellend, als Andenken an die Teilnehmer.126 „Um 2 Uhr 45 Minuten fuhr die ganze Gesellschaft nach Furth-Göttweig und stieg, von Pöllerschüssen begrüßt, durch den Wald zu dem Stifte empor. Hier wurden 124 Hein, 1901, Seite 107–108 125 Hein, 1901, Seite 107–108 126 Hein, 1901, Seite 107–108 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 73 sie von dem Herrn Prälaten Generalabt Dungel auf das liebenswürdigste empfangen und nach Besichtigung der Sammlungen, unter welchen eine eigens ausgelegte Reihe von prähistorischen Funden lebhaftes Interesse erweckte, und einer am Stiftsplatze durch Dr. Kulka vorgenommenen photographischen Aufnahme der ganzen Gesellschaft, um den Herrn Abt gruppiert, im großen Speisesaale auf das gastfreundlichste bewirtet. Nachdem Prof. Makowsky in beredten Worten den Dank ausgesprochen hatte, wurde nach Klein-Wien abgestiegen und nach Krems zurückgedampft, wo ein leider nur allzu rascher Abschied genommen werden musste.“127 Das besagte Foto von Dr. Kulka befindet sich auf der folgenden Seite. Göttweig, 9.6.1901, Poskartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Rückseite des folgenden Fotos Abbildung 70 Abbildung 71 127 Hein, 1901, Seite 107–108 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 74 Teilnehmer des Ausfluges des wissenschaftl. Clubs in Wien und der Anthropologischen Gesellschaft nach Göttweig, in der Mitte Abt Dungel, 3. v.r. Dr. M. Much, Foto von Dr. Richard Kulka, Privatbesitz D. Marx Abbildung 72 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 75 09.06.1901, Ausflug der Anthropologischen Gesellschaft nach Krems 05.10.1902, Ausflug des Vereins für Landeskunde nach Eggenburg Stadtturm von Eggenburg, Ausflug des Vereins für Landeskunde, Postkartensammlung von M.Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann 14.06.1903, Excursion der Anthropologischen Gesellschaft nach Herzogenburg zum Prähistorischen Gräberfeld zu Statzendorf Auch diese Exkursion wird in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien von 1903 auf den Seiten (99) bis (102) beschrieben. „Am 14. Juni 1903 unternahm die Anthropologische Gesellschaft einen Ausflug zu dem höchst interes- Abbildung 73 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 76 santen Gräberfelde von Statzendorf bei Herzogenburg. Erfreulicherweise war die Beteiligung eine sehr zahlreiche; besonders hervorheben möchte ich die Anwesenheit des Herrn Baron Drechsel vom k.u.k. Oberstkämmereramte, des Hof- und Gerichtsadvokaten Herrn Robert Deutschmann als Vertreter der Stadt Wien und des Herrn Bezirkshauptmannes von St. Pölten Ritter von Waniek. Schon mit dem Frühzuge fuhr eine kleine Schar nach St. Pölten, wo sie unter Führung Dr. Heins die Zeit bis zum Eintreffen des Eilzuges einem kurzen Rundgange durch die Stadt widmete. Nach einem kleinen, unmittelbar beim Bahnhofe eingenommenen Frühschoppen begab sich die nun sehr stattliche Gesellschaft unter der Leitung ihres Vizepräsidenten Herrn Regierungsrat Dr. M. Much in das Rathaus zur Besichtigung des städtischen Museums.“128 Im Museum wird der Versammlung u.a. eine merowingische Gürtelschnalle „besonderer Schönheit und Seltenheit“ vorgestellt. „… selbst Herr Regierungsrat Dr. Much kennt nur drei gleichartige, und zwar aus der Liebfrauenkirche von Worms, aus der Themse in London und aus einem Grabe in Maxglan bei Salzburg.“129 Zur Herkunft des Fotos (Abb. 67) gibt folgender Satz Aufschluß: „Eine sehr sinnige Überraschung bot Herr Petschka allen Teilnehmern indem er zu jedem Gedecke eine von ihm ausgeführte photographische Ansichtskarte vom Statzendorfer Gräberfelde legen ließ, die allseits sehr erfreute.“130 Fotographische Ansichtskarte vom Statzendorfer Gräberfeld, Postkartensammlung Much, Privatbesitz D. Marx Abbildung 74 128 Hein, 1903, Seite (99) 129 Hein, 1903, Seite (99) 130 Hein, 1903, Seite (99) 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 77 Teilnehmer der Exkursion nach Herzogenburg am Statzendorfer Gräberfeld, 14.06.1903, in der Mitte Dr. M. Much neben Abt Dungel, Postkartensammlung von M. Much, Privatbesitz D. Marx Weiter heißt es in dem Bericht: „Nun ging es zu dem mit Fahnen ausgesteckten Gräberfelde, wo bereits der hochwürdigste Herr Prälat Generalabt Dr. Adalbert Dungl vom Stifte Göttweig wartete. Derselbe hatte in dankenswertester Fürsorge drei Gräber mit ungefähr 18 Urnen in höchst anschaulicher Weise bloßlegen lassen. Herr Kustos Szombathy entnahm dann einem Grabhügel sorgfältig eine Urne und untersuchte deren Inhalt. Zu aller Freude fand sich darin unter anderem auch eine ganz gut erhaltene Bronzefibel. Das Gräberfeld von Statzendorf gehört der Hallstattperiode an, und zwar einer älteren Stufe derselben, also etwa dem VII. oder VIII. Jahrhundert v. Chr. Es ist vorzüglich charakterisiert durch die ungarische Fibel, wenngleich die Funde nicht so alt sein mögen wie die Hadersdorfer und andere Funde Niederösterreichs. Auffällig abweichend sind die oft den größeren Teil der Oberfläche bedeckenden Warzen, wahrscheinlich nur eine lokale Erscheinung. Ein herannahendes heftiges Gewitter trieb leider zu einem raschen Rückzuge, doch wurden auf Anregung des hochwürdigsten Herrn Prälaten Dungl noch die von Hausbesitzer Karl Beinreich aufgestellten Gräberfunde besichtigt. Nach Abfahrt der Gäste sollen dann sehr interessante Gegenstände, wie eine Streitaxt, zwei Dolchmesser mit Griff, zwei Pferdegebisse, drei Ringe, alles aus Eisen, eine gebogene Nadel aus Bronze usw., vom Gräber Beinreich ausgegraben worden sein.“131 Anschließend wurden alle Teilnehmer im Stifte Herzogenburg zu einer Jause empfangen. Am Ende seiner langen Dankesrede im Stifte führt M. Much aus: „Und Abbildung 75 131 Hein, 1903, Seite (100) 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 78 ich wende mich nicht mehr an den hochwürdigen Prälaten von Herzogenburg, sondern an den verehrten Landmarschall von Niederösterreich, an unseren Landmarschall. So wie die Mutter Erde das ihrem Schoße anvertraute menschliche Gerät uns sorgsam bewahrt hat, so haben auch zwei Jahrtausende jene merkwürdigen Stätten unberührt gelassen, und, als ich sie vor dreißig Jahren zum ersten Male betreten, habe ich sie nicht ohne heiligen Schauer zum größten Teile noch wohl erhalten geschaut; doch was die Jahrtausende unversehrt gelassen haben, das sind nun die Menschen, der von ihrer Hand geleitete Pflug und Spaten zu zerstören im Begriffe. Jedes Fleckchen dieser zumeist im Gemeindebesitz befindlichen altehrwürdigen Bauwerke wird seit einigen Jahren um weniger Kartoffel willen bearbeitet, und, wenn es in dieser Weise fortgeht, sind diese geweihten Stätten in zehn oder zwanzig Jahren verschwunden! Ich lege nun unserem verehrten Landmarschall die Erhaltung unserer prähistorischen Baudenkmale mit aller Wärme ans Herz; möge er bei jeder Gelegenheit zu ihrem Schutze eintreten, nicht allein um ihretwillen, sondern – ich sage das wohlbedacht und mit Nachdruck – auch zur Ehre unserer Heimat! Und unsere Heimat verdient es ja. Welches Land hat liebenswürdigere Bewohner; welches gleicht in seinen Landschaften mehr einem Garten als unseres? Welches Land ist reicher an lebendigen geschichtlichen Erinnerungen, welches ist reicher an wertvoller urgeschichtlicher Hinterlassenschaft? Ich bitte Sie, verehrte Anwesende, mit mir in den Ruf einzustimmen: Unsere Heimat, hervorragend durch die Liebenswürdigkeit seiner Landeskinder, reizend durch seine landschaftliche Schönheit, reich an geschichtlichen Erinnerungen, an vorgeschichtlichen Denkmalen und Urkunden, unsere Heimat lebe hoch!“132 07.07.1903 Exkursion des Vereins für Landeskunde In der „Reichspost“ wird am Dienstag, 7. Juli 1903 im Feuilleton begeistert über eine Exkursion des Vereins für Landeskunde in Niederösterreich nach Geiselberg, Schrick und Stillfried berichtet. „Wenn der Tag des Ausfluges durch zeitweise einfallende Regengüsse nicht derart voll befriedigte wie es hätte sein können, so hatten wir doch Gelegenheit, mehrere wertvolle Beobachtungen zu machen, welche jedem Teilnehmer der Exkursion in fortdauernder Erinnerung bleiben werden, nachdem glücklicherweise der Regen gerade dann einfiel, als wir entweder im geschlossenen Wagen oder unter schützendem Dache waren, so daß die eigentliche Besichtigung der alten Bauwerke und Fundstellen anstandslos vorgenommen werden konnte. Wir konnten keinen besseren Leiter der Exkursion gewinnen, als den in weiten Kreisen bekannten Regierungsrat Dr. M. Much, der für alles was zur Paläontologie gehört, als Kapazität gelten kann und der die Gegend, die wir besuchten seit Jahrzehnten durch verschiedene Reisen gründlich kennen gelernt hatte, mithin wie kein Zweiter in der Lage war, die Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf einzelne Punkte zu lenken und auch an den hervorragendsten Stellen durch instruktive Hinweise auf die bestehenden Ueberreste lebendige Vorträge anschloß.“133 „Wenn wir an diese Exkursion anknüpfend noch er- 132 Much, 1903, Seite (101–102) 133 Reichspost, X. Jahrgang, Wien, Dienstag, 7. Juli 1903, Seite 150–151 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 79 wähnen, daß bei der Abschiedsjause dem Wunsche Ausdruck gegeben wurde, die in vielen Händen verstreuten Funde in einem Museum vereinigen zu können, so obliegt uns nur die Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß die Stillfrieder daran denken, ein eigenes Museum zu gründen, wie wir es kürzlich in Eggenburg gesehen haben. Daß es aber Pflicht eines niederösterreichischen Landesmuseums wäre, die sämtlichen Funde des Kronlandes zu vereinigen, ist ebenso evident, als es eine würdige Aufgabe des Landesausschusses wäre, ein solches ins Leben zu rufen und die dann vorbereitenden Arbeiten im Fluß zu erhalten. Sicherlich schlummern noch zahlreiche Fundobjekte dort im Löß und Humus, es bedarf nur der Ausdauer des Forschers um sie zu heben.“134 13.04.1904, Ausflug mit dem Verein für Landeskunde von Niederösterreich nach Hainburg 15.06.1905, Ausflug der Anthropologischen Gesellschaft und des Wissenschaftlichen Clubs nach Leopoldsberg135 18.06.1905, Ausflug der Anthropologischen Gesellschaft und des Wissenschaftlichen Cubs nach Eisenstadt und Ödenburg136 Zusammenfassung der Tätigkeit in der anthropologischen Gesellschaft Wien Die Haupttätigkeit in der Anthropologischen Gesellschaft Wien leistet Dr. M. Much in den Jahren als deren erster Sekretär vom 14. März 1876 bis 1884.137 In dieser Zeit liegt die Organisation der Gesellschaft in seinen Händen. Bemerkenswert ist, dass seine Wahl im Jahre 1876 mit dem Weggang des ehemaligen Vice-Präsidenten F. Freiherrn von Andrian-Werbung zusammenfällt. „Als im Februar 1882 Andrian-Werbung die Präsidentschaft der Anthropologischen Gesellschaft Wien übernimmt, zieht sich Much – nach eigenen Angaben aus gesundheitlichen Gründen – noch im selben Jahr aus den Sekretariatsgeschäften zurück (vgl. Szombathy 1883:148). Die AGW würdigte Muchs jahrzehntelanges Engagement, als sie ihn im Jahre 1902, also im selben Jahr, als Andrian-Werbung als Präsident zurücktrat, zum Ehrenmitglied ernannte.“138 Ganz stimmt das von S. Fatouretchi gesagte jedoch nicht, Much führt die Geschäfte noch bis zum April 1883. Erst dann äußert er in einem Schreiben die Bitte, ihn vom Amte und den Verpflichtungen eines Sekretärs zu entheben. Auf Wunsch des Ausschusses der Anthropologischen Gesellschaft bleibt Much noch „unter gänzli- 4.1.3 134 Reichspost, X. Jahrgang, Wien, Dienstag, 7. Juli 1903, Seite 150–151 135 Dokumappe, Nachlass M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig 136 Dokumappe, Nachlass M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig 137 MAGW, Bd. VI, 1876, Seite 91 138 Fatouretchi, 2009, Seite 62 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 80 cher Enthebung von den Geschäften“139 …. „bis zur Jahresversammlung“140 1884 im Amt, was in der Hoffnung geschiet, dass Much die Geschäfte wieder aufnehmen würde. Bis zur Jahresversammlung am 12. Februar 1884 wird Much von Josef Sombathy vertreten und dann von Herrn Felix Karrer abgelöst und zum „Ausschussrath“ vorgeschlagen. J. Sombathy trägt auch den Jahresbericht vor und beginnt diesen wie folgt: „Meine Herren! Sie werden mit Bedauern bemerken, dass heute nicht unser verehrter Herr Secretär Dr. Much, an dessen schwungvolle Jahresberichte wir uns nachgerade gewöhnt haben, das Amt des Schriftführers versieht, sondern sein Stellvertreter. Herr Dr. Much war durch Unpässlichkeit und Ueberbürdung mit anderen wissenschaftlichen und Berufsgeschäften leider während eines großen Teiles des verflossenen Jahres an der Theilnahme an unseren Arbeiten verhindert, so dass ich tatsächlich seine Stelle vertreten musste …“141 Gründe für das offensichtliche Zerwürfnis zwischen Andrian-Werbung und Much sind nicht bekannt, es kann aber vermutet werden, dass sich ersterer zu sehr in das Tagesgeschäft der Gesellschaft eingemischt hat. In der Sitzung des Ausschusses der Anthropologischen Gesellschaft am 14. März 1882 kommt ein kleiner Meinungsunterschied zwischen beiden zum Vorschein. „Der Präsident Freiherr von Andrian lenkt die Aufmerksamkeit des Ausschusses auf die Nothwendigkeit, dass die Anthropologische Gesellschaft in ihren Schriften auch die Publicationen und Arbeiten verwandter Gesellschaften der österr.-ung. Monarchie zur Kenntnis ihrer Mitglieder bringe und sich deshalb mit jenen Gesellschaften und Personen wegen Bericherstattung ins Einvernehmen setze. Dr. Much anerkennt den grossen Nutzen einer derartigen Berichterstattung, weist jedoch auf die Schwierigkeiten der Durchführung hin, spricht sich gegen eine etwaige Honorierung derartiger Berichte aus, da die Mittel der Gesellschaft zweckmässigere Verwendung für Publicationen von Originalberichten und von Abbildungen fänden, und meint, dass eine derartige Berichterstattung über die anderwärtige Thätigkeit auf anthropologisch-urgeschichtlichem Gebiete im Schosse der Gesellschaft selbst zu organisieren wäre, …)142 In der Ausschuss-Sitzung am 29. Oktober 1901 kommt es zu einer Debatte über die Person des Präsidenten Freiherrn v. Andrian-Werbung. Unter Punkt 7 des Sitzungsprotokolls heißt es: „Der Präsident Freiherr v. Andrian-Werbung sucht in einem an den Ausschuss gerichteten Schreiben um seine Demission an. Nach Schluss der Debatte hierüber beantragt Prof. D. H. Müller ein Vertrauensvotum für den Präsidenten: dasselbe wird mit 10 gegen 4 Stimmen angenommen. Hierauf erklären die Herren Custos J. Szombathy und Prof. Doctor M. Hoernes ihren Austritt aus dem Ausschuss.“143 Am 30.10.1901 schreibt M. Much einen Brief an Hoernes, der folgendermaßen lautet: „Hochgeschätzter Herr Professor! Vielen Dank für Ihren Brief! Mein gestriges passives Verhalten konnte Ihnen recht auffällig erscheinen und ich war auch heute 139 MAGW, Bd. XIV, 1884, Seite (20)–(21) 140 ebenda 141 MAGW, Bd. XIV, 1884, Seite (17) bis (21) 142 MAGW, Bd. XII, 1882, Seit 175 143 MAGW, Bd. XXXI, 1901, Seite (125)–(126) 4.1 Aktivitäten in den Anthropologischen Gesellschaften 81 nach Absendung meiner kurzen Briefe an Sie und Custos Szombathy noch in Sorge, ob Sie es durch den Brief an den Vicepräsidenten von Inama-Sternegg genügend aufgeklärt erachten werden. Ganz abgesehen von dem, was zwischen Freiherrn von Andrian und mir vorgegangen litt ich in peinlicher Weise durch den Hochdruck der Besorgnis, man könnte das, was gestern geschehen ist, als die Explosion einer zum Complote gediehenen Agitation betrachten und die Absicht unterschieben, daß wir selbst uns in das Präsidium eindrängen wollen. Daß ich mich hierbei nicht getäuscht hatte, bestätigte mir der Ausspruch eines der Herren beim Weggehen, welcher sagte: „Ja, die Herren wollen halt selbst ins Präsidium“. Ihr Brief beruhigte mich nun über Ihre Auffassung meines Verhaltens vollkommen, aber auch aus den eben angegebenen Gründen, die ich in meinem Briefe an den Vicepräsidenten nicht berührt habe, werden Sie meine Zurückhaltung begreiflich finden. Hätte auch ich in die Debatte eingegriffen, so hätte es wirklich den Anschein eines losplatzenden Complottes haben können, was durch meine Zurückhaltung verhindert ist. Es ist auch besser, daß es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Es muß Jeder zur Überzeugung kommen, daß sich alles aus dem Gegebenen von selbst entwickelt, daß mein heutiger Schritt beim Vicepräsidenten von Inama-Sternegg nichts Vorbedachtes, nichts Vorbereitetes gewesen, sondern eine logische und nothwendige Folge des nur wenige Stunden vorher Geschehenen ist. Er wird deshalb nicht weniger wirksam sein, als wenn ich gestern mit meiner geringen Beredsamkeit eingegriffen hätte. Ich schließe mit dem Ausdrucke der Freude über Ihre richtige Beurtheilung und mit der Versicherung, daß ich stets an Ihrer Seite stehen werde. Mit hochachtungsvollem Gruß Ihr ergebener M. Much“144 In der Ausschuss-Sitzung am 11. November 1901 wird unter dem Punkt 2 die Demission von Regierungsrat Dr. M. Much als Mitglied des Ausschusses bekannt gegeben.145 Ob M. Much eine der vier Personen war, die gegen Andrian-Werbung gestimmt haben, ist nicht bekannt. Im November 1902 bittet Freiherr von Andrian-Werbung um die Enthebung vom Präsidium. In der Jahresversammlung am 10. März 1903 wird der langjährigen Tätigkeit von Andrian-Werbung gedacht. Er wird neben Hofrat von Hauer als ein Begründer der Wiener Anthropologischen Gesellschaft bezeichnet.146 In derselben Jahresversammlung wird Herr Regierungsrat Dr. M. Much zu einem von drei Vizepräsidenten gewählt.147 Sonja Fatouretchi bezeichnet „Much und Andrian-Werbung als wichtige Verfechter einer Intensivierung der Beziehungen mit Deutschland“148. „Dr. jur. Matthäus Much ….. zählt damals zu den aktivsten Mitgliedern der Wiener Gesellschaft und bemühte sich im ersten Jahrzehnt um den Aufbau der Gesellschaft…“149 144 Windischbauer, 2002, Seite 248–249 145 MAGW, Bd. XXXI, 1901, Seite (126) 146 MAGW, Bd. XXXIII, 1903, Seite (54)–(59) 147 ebenda, Seite (54)–(59) 148 Fatouretchi, 2009, S. 61 149 Fatouretchi, 2009, S. 61 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 82 Sie schreibt weiter: „Aber die eigentliche Annäherung an die Deutsche Anthropologische Gesellschaft (DAG) und die gemeinsam abgehaltenen Versammlungen zwischen der Wiener Gesellschaft (AGW) und der DAG gehen auf die Initiative von Andrian-Werbung zurück.“150 Dieser Meinung möchte ich widersprechen, denn Matthäus Much war es, der mit der Organisation der Zusammenkunft in Salzburg 1881 praktisch die erste gemeinsame Versammlung der deutschen und österreichischen Anthropologen ins Leben gerufen hat. Freiherr von Andrian-Werbung findet man weder in Regensburg noch in Salzburg 1881 unter den Kongressteilnehmern. Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale Dr. Matthäus Much bekleidet seit 1875 das Ehrenamt des Conservators für Niederösterreich (Floridsdorf und Umgebung, Korneuburg, Mistelbach, Ober-Hollabrunn und Untergänserndorf) und wird letztmalig 1905 wiedergewählt. Die Wahl gilt immer für fünf Jahre. 151 (Siehe auch Mitteilungen der k.k. Zentralkommission Dritte Folge, Achter Band, Personalstand vom 15. Juni 1909, Seite XXXI, Wien 1909) Die Liste der Conservatoren, die am 14. September 1875, Z. 9613 vom k. k. Unterrichts-Ministerium bestätigt wurde, enthält den Namen „Much Mathias, Dr., Hausbes. in Wien. (I.)“ 152 Seit 1877 ist M. Much Mitglied der k.k. Zentralkommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und Historischen Denkmale, ebenfalls im Ehrenamt. Im Personalstand 1909 findet sich unter „Mitglieder“ folgender Eintrag: „Reg.-Rat Dr. Matthäus Much, Vizepräsident des Wiener Altertumvereins, Ritter des Ordens der Eis.Krone, Inhaber der Medaille für Wissenschaft und Kunst; Wien XIII Penzingerstraße 84: seit 1877, wiederbestätigt 13. August 1908, Z.34404.“.153 Anmerkung: Im Nachruf der Anthropologischen Gesellschaft wird irrtümlicher Weise festgestellt, dass Much erst 1877 zum Konservator der Zentralkommission und zwei Jahre später zu ihrem Mitglied ernannt wird.154 Much ist über die gesamte Zeit Mitglied der I. Sektion (für prähistorische, antike und völkerwanderungszeitliche Denkmale, außerdem für Münzen aller Zeiten) 155, 1908 Mitglied im Spezialkomitee d) für die Abfassung einer Kunsttopographie der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder156, 1909 Mitglied im Spezialkomitee d) für Denkmalschutzgesetzgebung157, 1908 außerdem Mitglied im Spezialkomitee e) 4.2 150 Fatouretchi, 2009, S. 63 151 M.k.k.C-C, 1908, Seite XXX 152 M.k.k.C-C, 1876, Seite III und IV 153 M.k.k.C-C, 1909, Seite IV 154 Szombathy, 1910 155 M.k.k.C-C, 1909, Seite VI 156 M.k.k.C-C, 1908, Seite VI 157 M.k.k.C-C, 1909, Seite VII 4.2 Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale 83 Redaktionskomitee, f) Budget- und Finanzkomitee, g) Komitee für Denkmalschutzgesetzgebung und im Spezialkomitee d) für Denkmalschutzgesetzgebung158. Im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit in der k.k. Central-Commission entstehen folgende Arbeiten unter seiner Federführung: – 1889 Kunsthistorischer Atlas, I. Abteilung, Sammlung von Abbildungen vorgeschichtlicher und frühgeschichtlicher Funde aus den Ländern der Österreichisch- Ungarischen Monarchie – 1894 Schulwandtafel Vor- und frühgeschichtliche Denkmäler aus Österreich-Ungarn – 1894 Vorschläge von Regierungsmaßregeln zum Schutze der vorgeschichtlichen Altertümer einschließlich der Zusammenstellung der prähistorischen Baudenkmale (1888, 1890) (Veröffentlicht 1897) Diese Arbeiten haben alle das große Ziel, die prähistorischen Funde und Denkmäler durch Information der Bevölkerung vor Zerstörung durch Unwissenheit und Habgier zu schützen. Herausgabe des Kunsthistorischen Atlas Leonhard Franz schreibt in der „Neuen Österreichischen Biographie ab 1815, Große Österreicher, XIII Band“ folgendes zu Much: „In der Kommission veranlaßte und besorgte er 1889 die Herausgabe eines aus 100 Tafeln bestehenden Bilderbuches „Sammlung von Abbildungen vorgeschichtlicher und frühgeschichtlicher Funde aus den Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie“, das erste urgeschichtliche Abbildungswerk; es blieb lange das einzige, erst 1938 hat es in „Österreichs Urzeit im Bilde“ von Rich. Pittioni einen typographisch besseren, allerdings weniger umfangreichen und auf das heutige Österreich eingeschränkten Nachfolger erhalten. Much beabsichtigte mit seinem Bildband ein Hilfsbuch zur Unterrichtung über die urgeschichtliche Vergangenheit, zur Förderung der „Kenntnis der Funde und Fundstätten“, um dadurch „zu ihrer Wertschätzung und Erhaltung“ beizutragen, also eine didaktische Aufgabe mit denkmalpflegerischem Hintergrund. Much verfolgte sie 1894 noch einmal in etwas anderer Form, indem er eine große Wandtafel „Vor- und frühgeschichtliche Denkmäler aus Österreich-Ungarn“ für Unterrichtszwecke herausgab. Mit dieser Tafel und mit seinem Atlas hat er einen für damalige Zeit völlig neuen Weg zur Verbreitung urgeschichtlichen Wissens erschlossen.“ 159 Bei der Vorstellung des Atlas in der zweiten gemeinschaftlichen Sitzung der Deutschen und Wiener anthropologischen Gesellschaft in Wien vom 05. bis 10. August 1889 sagt Much: „Die erste Abteilung dieser neuen Ausgabe des kunsthistorischen Atlasses sollte ausschließlich der Aufnahme prähistorischer Gegenstände dienen. … Der Hauptwert sollte auf die Tafeln gelegt werden und im Wesentlichen nur über die Art des Gegenstandes, den 4.2.1 158 M.k.k.C-C, 1908, Seite VI 159 Franz, 1959, Seite 65 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 84 Fundort, über etwaige vergesellschaftete Funde, über den derzeitigen Verbleib und die literarische Quelle Auskunft geben. Auf diese Weise war es möglich, ein Werk von einhundert Tafeln zu Stande zu bringen, welches die Abbildungen zahlreicher und wichtiger urgeschichtlicher und frühgeschichtlicher Funde aus unseren Heimathländern enthält und welches ich Ihnen hiemit vorlege und Ihrer freundlichen Beachtung und milden Beurtheilung empfehle.“160 Deckblatt des Prähistorischen AtlasAbbildung 76 160 MAGW, Bd. XIX, 1889, S. (74)–(75) 4.2 Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale 85 Überschrift der Seite 3 des Prähistorischen Atlas Gestaltung der Schulwandtafel „Für das Gebiet vor- und früh-geschichtlicher Alterthümer hat der württembergische Freiherr v. Tröltsch eine Wandtafel von vor- und früh-geschichtlichen Alterthumsresten zusammengestellt, die als Behelf für den Anschauungsunterricht bis in die Dorfschule hinab mit Vortheil zu benützen ist. Von der österreichischen Central-Commision wurde dieser fruchtbare Gedanke aufgegriffen, wobei sich mit Rücksicht auf die hierländigen Verhältnisse die Notwendigkeit mehrfacher Änderungen, sowohl was die Auswahl der zu verwendenden Stücke als was deren übersichtliche Anordnung betrifft, herausstellte, eine Aufgabe der sich das Mitglied der Central-Commision Regierungsrath Dr. Matthäus Much und der akademische Maler Ludwig Hans Fischer mit dankenswertem Eifer unterzogen. So wurde im Auftrage und mit Förderung des k.k. Ministeriums für Cultus und Unterricht ein Werk geschaffen, von dem sich in Wahrheit sagen läßt, daß es seinen Meister lobt. Es erscheint im Verlage der Firma Eduard Hölzel und zwar zuerst in deutscher Sprache als „Schulwandtafel der vor- und frühgeschichtlichen Denkmale aus Österreich“ und ist seither in die bömische, polnische, italienische, slovenische und kroatische Sprache übersetzt worden. So jung diese Unternehmung ist, so hat sie bereits auswärtige Beachtung auf sich gezogen, es sind Anfragen aus Deutschland eingelangt, aus Bulgarien wurde eine Anzahl von mehreren hundert Exemplaren verlangt, deren Text die dortige Regierung in die Landessprache übersetzen lassen will.“ 161 In der II. Gemeinsamen Versammlung der Deutschen und Wiener anthropologischen Gesellschaft in Innsbruck vom 24. bis 28. August 1894 stellt Much in der zwei- Abbildung 77 4.2.2 161 Helfert, 1897, Seite 158 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 86 ten gemeinschaftlichen Sitzung am 25. August ab 9.00 Uhr die prähistorische Wandtafel vor.162163 Bereits Ende 1893 zeigt M. Much die Karte in Wien: am 17. November 1893 im Althertums-Verein und am 12. Dezember 1893 auf der Monatsversammlung der anthropologischen Gesellschaft im Vortragsaal des wissenschaftlichen Clubs.164 Einladung des Altertumsvereins in Wien zu einem Vortrag von Dr. Much über eine prähistorische Wandkarte, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig In den Mittheilungen der anthropologischen Gesellschaft Wien Band XXV von 1895 befindet sich auf Seite 185 bis 186 ein Literaturbericht von Josef Szombathy zur Wandtafel. Er kritisiert den hohen Preis der Tafel und meint außerdem, dass sie nicht für den Einsatz in Volks- und Mittelschulen geeignet sei. „Die Einführung unseres Faches an Mittelschulen und an Pädagogien ist gewiss auf das Eifrigste zu befürworten und viele Geschichtsprofessoren haben bereits in den oberen Classen des Gymnasiums ihrem Gegenstande ein prähistorisches Capitel eingefügt. Hier ist die allgemeine Verwendung der Wandtafel als Lehrmittel bestens zu empfehlen, hieher passt sie auch vollkommen. Doch auch für den Mittelschulunterricht gilt natürlich die Forderung, dass er seinen Anfang nehme mit der gehörigen Schulung der betreffenden Lehrkräfte an der Universität.“165 Zur Tafel gehört auch eine Übersicht über die vorund frühgeschichtliche Kulturentwicklung und Verhaltensregeln beim Auffinden von Abbildung 78 162 MAGW, Bd. XXIV, 1894, Seite (86) 163 Correspondenzblatt, 1894, Seite 96–97 164 Wiener Zeitung, 12. Dezember 1893, Vereinsnachrichten, Seite 5 165 Szombathy, 1895 4.2 Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale 87 Altertümern. „Die für die Behandlung neu aufgetauchter Altherthümer wichtigsten Regeln sind in sechs kurze Paragraphe zusammengefasst.“166 „Der erläuternde Text enthält in kurzen und prägnanten Zügen das Wissenwerteste über die vorgeschichtlichen Epochen der Stein-, Bronze-und Eisenperiode, sucht dann ein klares Bild der Römerherrschaft und der anschließenden christlichen Zeit zu entrollen, um mit einigen angebrachten Verhaltensmaßregeln zum Schutze der Alterthümer zu schliessen.“167 Einladung zur Monatsversammlung der Anthropologischen Gesellschaft Wien am 12.12.1893, im Programm: Vorlage der prähistorischen Wandtafel, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 79 166 Szombathy, 1895 167 Prähistorische Blätter 7.1895, Seite 11 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 88 „Der Laie wird gewarnt, selbst eine genauere Untersuchung vornehmen zu wollen, weil dazu ‚Erfahrung und Kenntnisse gehören; man verständige vielmehr den zunächst wohnenden Conservator oder Correspondenten der k.k. Central-Commission oder die Vorstände des k.k. naturhistorischen Hofmuseums oder des Landesmuseums‘ … Den Schluss bildet der Rath, die Funde dem k.k. naturhistorischen Hofmuseum oder dem Landesmuseum geschenk- oder verkaufsweise zu übergeben.“168 Die Erläuterungen bzw. Verhaltensregeln liegen mir im Orginal leider nicht vor. Alle Zeichnungen stammen vom Maler Ludwig Hans Fischer, „der sich selbst mit Urgeschichte befasst und einigen der geehrten Anwesenden durch seinen Vortrag über indischen Schmuck bei der gemeinsamen Versammlung in Wien und durch seinen Bericht über die Mammuthstation in Willendorf in Erinnerung sein dürfte, … Ich glaube, dass Sie mir beistimmen werden, wenn ich seinen Antheil am Werke als vollkommen gelungen bezeichne.“169 Im „Salzburger Volksblatt“ Nr. 277 vom 4. Dezember 1894 wird unter „Literarisches“ die Wandtafel mit den Maßen 78: 98 cm vorgestellt, was jedoch nicht mit den Abmessungen meiner Tafel übereinstimmt (Anhang 4). „Über diese Publikation läßt sich der berühmte Ethnograph F. Kanitz in den „Monatsblättern des Wissenschaftlichen Klubs in Wien“ also vernehmen: Durch Dezenien fortgesetzter ernster Arbeit bedurfte es, bis sich die „Anthropologie“, die Lehre vom Menschen, in stetig sich vergrößernden gebildeten Kreisen wachsendes Interesse eroberte. Mit Freude begrüßen wir daher in den Blättern des „Wissenschaftlichen Klub“, welcher der „Wiener Anthropologischen Gesellschaft“ seine gastfreundlichen Räume öffnete, die jüngste Leistung ihrer verdienten Mitglieder Dr. Matthäus Much und Ludwig Hans Fischer, die vereint, mit Feder und Pinsel, der jungen Wissenschaft nun auch in den breiten Volksmassen warmes Verständniß und thatkräftige Förderung zu gewinnen suchen. Nicht leicht hätte dies besser als durch die vorgenannte große Tafel geschehen können, die durch sorgsam ausgewählte Beispiele die ersten Abschnitte menschlicher Kulturentwicklung illustriert. Wir sehen da, wie der anfänglich hilflose, nur über geringe technische Kenntnisse gebietende „vorgeschichtliche Erdensohn“ allmählig für Geräth, Waffen und Zierrat von Stein, Thon und Knochen in der „neolithischen Zeit“ zu immer vollendeterer Anfertigung solcher aus Bronze, Eisen, Silber, Gold, Bernstein, Glas, Bein u.s.w. fortschreitet, um während der „Römer“ und „christlichen Zeit“ jene vielbewunderten Kunstobjekte zu schaffen, die den Schmuck unserer Museen und Sammlungen bilden. Der populäre Text, mit dem Dr. Much das in Farbendruck prächtig ausgeführte, über 180 meist der Heimat entnommene Gegenstände zeigende Blatt begleitet, begnügt sich nicht damit, dies sachkundig zu erläutern, sondern ertheilt auch geeignete Winke, die den Landmann künftig zu erhöhter Pietät für die unter seinen Pflugeisen zu Tage tretenden, stofflich oft unscheinbaren und werthlosen, für die Wissenschaft aber unschätzbaren Gegenstände erziehen werden. Und so wünschen wir diesem neuesten Werke des für die Volksbildung unermüdet thätigen Hölzel’schen Verlages die umfassendste Verbreitung in Schule und Haus. Bei seinem billi- 168 Szombathy, 1895 169 Much, 1894, Seite 86 4.2 Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale 89 gen Preise von fl. 1.20 (auf Leinwand gespannt mit Holzleisten fl. 2.20) sollte diese inhaltsreiche Tafel in keiner Lehr-, Amts- und Wirthsstube, überhaupt nirgends fehlen, wo unserer aufstrebenden Wissenschaft vom Menschen neue Jünger und Förderer gewonnen werden können.“170 „…, daß ungefähr 3000 solcher Tafeln auf Anordnung des Unterrichtsministeriums in Österreich vorzugsweise an Lehrerbildungsanstalten vertheilt wurden.“171 ergänzt M. Much seinen Vortrag auf dem Kongress 1894 in Innsbruck. Die Wandtafel kann als Beilage am Ende des Buches eingesehen werden. Unterbreitung von Vorschlägen zu gesetzlichen Reglungen Bereits bei der gemeinsamen Versammlung der Deutschen und Wiener anthropologischen Gesellschaft im August 1889 hält M. Much einen Vortrag über die „Aufgaben der k.k. Central-Kommission für Kunst- und historische Denkmale und über die in neuester Zeit von ihr eingeleiteten Massnahmen zum Schutze vorgeschichtlicher Alterthümer“. „Da es sich zunächst darum handelt, möglichst rasch in die Kenntniss neuer Funde zu gelangen, so wurde durch die Central-Commission ein Erlass des Unterrichts- Ministeriums (de dato 21. Januar 1887) erwirkt, welcher den Behörden und Aemtern die Pflicht zur Anzeige vorkommender Funde aufs Neue einschärft. Der Central- Commission war insbesondere die Wichtigkeit der Eisenbahnbauten klar und sie hat deshalb schon seit Jahren für jeden besonderen Fall ministerielle Weisungen an die bauleitenden Persönlichkeiten erwirkt, durch welche dieselben, wenn auch nicht immer mit zufriedenstellendem Erfolge verpflichtet wurden, auf prähistorische Funde zu achten, dieselben anzuzeigen und abzuliefern. Dass hierbei noch manches Vorurtheil, Gleichgültigkeit und selbst Widerwille und Eigennutz zu überwinden sein werden, ist leider richtig; immerhin wird durch derlei Massnahmen die Aufmerksamkeit geweckt und das Bessere angebahnt.“ Desweiteren wurde durch das Unterrichtsministerium darauf eingewirkt, dass urgeschichtliche Funde kein Gegenstand der Lehrmittelsammlungen an Volksschulen sein sollen. „Würden überdies derartige Tafeln, wie sie Freiherr von Tröltsch in so vortrefflicher Weise zusammengestellt und für den Gebrauch an Volksschulen in Vorschlag gebracht hat, wirklich in Verwendung genommen, dann wäre für die so nothwendige Aufklärung über diese Dinge Alles geschehen und die Originale, die anderswo ihren Zweck vollkommener erfüllen, sind für die Volksschule entbehrlich.“ Weiter führt Much aus, dass den Gemeinden eine große Verantwortung beim Schutz von Denkmälern zukommt. Die Zentral-Kommission beantragt deshalb eine Erläuterung bestehender Gemeindegesetze, um klarzustellen, „dass den Gemeinden nicht gestattet werden könne, die in ihrem Besitze befindlichen Bauwerke als: Wallburgen, Ringwälle, Langwälle, Heiden-, Schweden-, Hussiten-Schanzen, Schlacken- 4.2.3 170 1894, Salzburger Volksblatt 4. Dezember, Literarisches 171 1894, Innsbrucker Nachrichten vom 27.08., Seite 4, Anthropologen-Congreß 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 90 wälle, Wachtberge, Leeberge, Hausberge, Steinsetzungen, Steintische, Näpfchensteine, hangende Steine, Wackelsteine u.s.w. aus dem Gemeindebesitz zu bringen, sie durch Sprengen, Niederreissen, Aufgraben, Pflügen, Einbauten oder in anderer Weise zu schädigen, sei es, um Bausteine, Schotter, Lehm, Ackererde oder einen freien Platz zu gewinnen, Ausgrabungen nach Alterthümern vorzunehmen oder vornehmen zu lassen oder einen anderen Zweck zu erreichen.“ Einladung zur Sitzung am 16.10.1894 in Angelegenheit der Erlassung gesetzlicher Normen zum Schutze der Kunst- und historischen Denkmale, Dokumentenmappe von M. Much, Privatbesitz von K.u. R. Wirthig Abbildung 80 4.2 Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale 91 Als sehr problematisch sieht er den Schutz beweglicher urgeschichtlicher Altertümer an, die sich auf Privatgelände bzw. im Privatbesitz befinden, „…allein da man von einem Eingriffe in Privatrechte im vorhinein absehen muss, so erübriget nur die eine Massregel, die Museen mit weitgehenden Mitteln auszustatten, um Raubgräberei zuvorzukommen. Doch bietet sich zuweilen Gelegenheit, ihr unmittelbar zu begegnen. So wurden die zum Behufe bergmännischer Schürfungen ausgegebenen Schurfbriefe dazu missbraucht, Ausgrabungen nach Alterthümern vorzunehmen. Die Central- Commission beantragte deren ausdrückliche Einschränkung auf bergmännische Zwecke und deren Entziehung bei nachgewiesenem Missbrauch.“ Was den Umgang mit Ausstellungsstücken in Museen angeht, findet es die Zentral-Kommission „für notwendig, dem Unterrichts-Ministerium zu empfehlen, dass in die Satzungen der Musealvereine die Bestimmung Aufnahme finde, dass im Falle der Auflösung die angesammelten urgeschichtlichen Funde dem Landes-Museum zuzufallen haben.“ Und so schließt M. Much seinen Vortrag mit folgendem Satz: „Das sind in allgemeinen Umrissen die Massregeln, welche gegenwärtig zum Schutze urgeschichtlicher Alterthümer durchführbar erscheinen; dass sie lückenhaft sind, soll nicht in Abrede gestellt werden, aber es lässt sich überhaupt nicht alles durch Gesetze regeln und schaffen, das meiste liegt an unserer eigenen lebendigen Aufmerksamkeit und die kommende Zeit wird uns darnach beurteilen, wie wir das Erbe unserer Urväter gewahrt haben.“172 Im Buch „Denkmalpflege. Öffentliche Obsorge für Gegenstände der Kunst und des Althertums nach dem neuesten Stande der Gesetzgebung in den Verschiedenen Cuturstaaten von Dr. Joseph Alexander Freiherr von Helfert, Wien und Leipzig 1897“ werden Muchs „Vorschläge von Regierungsmaßregeln zum Schutze von Alterthümern aus vorgeschichticher, römischer und frühgeschichtlicher Zeit, dem hohen k.k. Ministerium für Cultus und Unterricht vorgelegt von der Central-Commision für Kunst- und historische Denkmale“ veröffentlicht. (Wien 1894, Verlag der k.k. Central-Commision für Kunst- und historische Denkmale. Druck von Rudolf Brzezowsky & Söhne in Wien) Anmerkung: Die Arbeit im Umfang von 45 Seiten wurde bereits am 10. Mai 1888 fertiggestellt. 172 Much, 1889 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 92 Deckblatt des Buches von Dr. Joseph Alexander Fhr. v. Helfert 1897Abbildung 81 4.2 Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale 93 Deckblatt der Vorschläge von Regierungsmaßregeln, 1894Abbildung 82 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 94 Seite 3 der Vorschläge von Regierungsmaßregeln 1894Abbildung 83 4.2 Mitarbeit in der k.k. Zentralkommission für Erforschung u. Erhaltung der Kunst- u. Historischen Denkmale 95 Ergänzt werden diese Vorschläge durch „Anträge in der Angelegenheit der Berathung gesetzlicher Bestimmungen zum Schutze der Kunst- und historischen Denkmale die Erleichterung wissenschaftlicher Ausgrabungen bezweckend.“ In den Paragrafen geht es um die Einschränkung der Rechte von Grundstückseigentümern und ihre Verpflichtung Ausgrabungen zu gestatten und die gefundenen archäologischen Gegenstände der Öffentlichkeit zu überlassen. Auf den Seiten 49 bis 56 finden sich weitere Überlegungen Muchs, wie die vorgeschichtlichen Altertümer geschützt werden können. Der Titel lautet: Prähistorische Bauwerke in Österreich, Wien 31. Januar 1890. Ergänzend folgt eine „Zusammenstellung der prähistorischen Baudenkmale auf Grund der Berichte von Conservatoren und Correspondenten“ für die Gebiete Nieder-Österreich, Salzburg, Ober-Österreich, Tyrol, Kärnten, Krain, Küstenland, Istrien, Dalmatien, Böhmen, Mähren, Schlesien und Galizien. Allein 63 Vorschläge von prähistorischen Baudenkmalen in Niederösterreich stammen vom Conservator Much. Im Land Salzburg empfiehlt er den Götschenberg bei Bischofshofen als Denkmal. Einen Erfolg in Bezug auf eine Denkmalschutzgesetzgebung können Matthäus Much und der Präsident der Zentralkommission Josef Alexander Freiherr von Helfert leider bis zu ihrem Lebensende 1909/1910 nicht mehr erleben. Helfert hatte sich bereits 1875 im Dezember in einem Vortrag beim Altertumsverein in Wien ausführlich mit dem Stand der Denkmalschutzgesetzgebung in den europäischen Ländern beschäftigt.173 Im Nachruf auf ihn heißt es: „Einen nicht minder wichtigen Teil seiner reichen geistigen Erbschaft bildet für die Zentral-Kommission die Schaffung eines Denkmalschutzgesetzes, durch welches erst die Organisation das erforderliche Rückgrat erhalten würde. Seit dem Jahre 1898, wo er zuerst einen Entwurf eines Gesetzes zum Schutze der Baudenkmale im Herrenhause einbrachte, hat er bis an sein Lebensende vergeblich mit dem Einsatze seiner ganzen Kraft und Autorität für diesen integrierendsten Abschnitt seines weitschauenden Programmes gekämpft. …. Vor wenigen Wochen hat er diesen Entwurf, der die modernsten Anschauungen enthält und Österreich auf dem Gebiete der Denkmalpflege an die Spitze der Kulturstaaten stellen würde, neuerlich im Herrenhause eingebracht.“174 Erst 1923 nach 72 Gesetzentwürfen wird in Österreich ein Denkmalschutzgesetz beschlossen.175 Teilnahme an Konferenzen Die Zentralkommission organisiert regelmäßige Konferenzen für die Konservatoren, die Postkartensammlung „Selbsterschautes“ zeigt die Beteiligung von M. Much: 4.2.4 173 Helfert, 1876, Seite 1–23 174 Bauer, 1910, S. 53–59 175 https://de.wikipedia.org/wiki/Denkmalschutzgesetz (Österreich), 2017 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 96 29.–30.03.1883 Konservatoren-Versammlung in Klagenfurt/ Maria Saal 12.–13.08.1884 Konservatoren Konferenz in Steyr (Eine Beschreibung der Versammlung befindet sich im Linzer Volksblatt vom 15.08.1884)176 17.–18.09.1888 Konservatoren Konferenz in Krakau 24.02.1903 Inventarisierung von Denkmalen in Salzburg Tätigkeit in der Pfahlbauforschung In seinem ersten Bericht über die Auffindung eines Pfahlbaues im Mondsee berichtet Much, dass er bereits im vorjährigen Sommer, also 1871, einige zweifelhafte Spuren eines Pfahlbaues in der Nähe des Gasthauses „See“ wahrgenommen hat. „Dieselben Prämissen, welche mich einen Pfahlbau bei Seewalchen im Attersee voraussetzen liessen und die sich durch den thatsächlichen Erfolg bewährten, liessen mich auch im Mondsee nächst dem Gasthause „See“ einen solchen mit einiger Sicherheit vermuthen.“177 Am 19.03.1872 entdeckt er am „Abflusse des Sees, zwischen dem Gasthause „See“ und dem Forsthause in der Burgau“ einen Pfahlbau. 178 „Dr. Much, der das Verdienst hat, zuerst auf die im Atterssee gefundenen Pfahlbaustätten die Aufmerksamkeit gelenkt zu haben (s. Mittheil. d. anthropol. Gesellschaft in Wien, Bd. I, S. 108 und S. 148), hat diesen Pfahlbau im März v.J. entdeckt. … so wurde es ihm bei der wundervollen Klarheit des Wassers jenes Sees nicht schwer, die Anwesenheit eines ausgedehnten Pfahlbaues festzustellen.“179 Gasthaus See am Mondsee 1874, Postkartensammlung von M. Much, Privatbesitz D. Marx 4.3 Abbildung 84 176 1884, Beilage zum Linzer Volksblatt Nr. 189, Herausgeber: der katholische Preßverein 177 Much 1872, Seite 203 178 Much 1872 179 Correspondenzblatt, 1873, Seite 30 4.3 Tätigkeit in der Pfahlbauforschung 97 Im Jahre 1872 erwirbt M. Much in der Nähe der Fundstelle See am Mondsee ein Grundstück, errichtet ein Sommerhaus und benennt es nach seiner Frau Maria „Marienau“, das er 1890 wieder verkauft.180 Sommerhaus Marienau, damaliger Besitz der Familie Much 1874, Postkartensammlung von M. Much, Privatbesitz D. Marx Sommerhaus Marienau von Südost 1874, im Vordergrund wahrscheinlich die Kinder Marie und Rudolf Much, Postkartensammlung von M. Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Zehn Jahre lang führt er Ausgrabungen im Mondsee durch. Um von seinem Einbaum aus in bis zu 4 m tiefem Wasser auf dem Grund etwas erkennen zu können, nutzt er jeweils das frühe Frühjahr kurz nach der Eisschmelze und den Herbst. „Manche werden vielleicht auch gerade vor dem Abflusse des Sees und in unmittelbarer Nähe des Abbildung 85 Abbildung 86 180 Windischbauer, 2002, S. 240, 126.092 B München 7.1.1891 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 98 Dampfschiff-Landungsplatzes See einen Mann auf einem verankertem Einbaum beschäftigt gesehen haben, wie er die Baggerschaufel an langer Stange hinauswirft, um sie in den Seegrund zu drücken und nach einiger Zeit gefüllt mit braunem Moder, Topfscherben, Knochen und wenn’s glückt, mit einem wohlerhaltenen Werkzeug oder Schmuckstück aus Stein oder Bein emporzubringen. Das ist die Stelle, wo einst ein ausgedehnter Pfahlbau gestanden ist. Fährt man zeitlich im Frühjahre, wenn das Wasser noch krystallhell und durchsichtig ist und bei Windstille und glatter Oberfläche darüber, so erkennt man bald ohne Mühe kreisförmige Scheiben auf dem Seegrunde, welche die alten Pfähle bezeichnen, die soweit sie ins Wasser reichen, verfault, soweit sie im Grunde stecken, so wohl erhalten sind, dass sie noch die unversehrte Textur, ja selbst die natürliche Farbe des Holzes zeigen, an die Luft gebracht allerdings rasch zerklüften, durch geeignete Präparirung aber erhalten werden können. Solcher Pfähle stehen hier zwischen den beiden Seeufern auf einer Fläche von etwa einem Joche und bei einer Wassertiefe zwischen 2 und 4 Metern nach einer ungefähren Berechnung nicht weniger als zehntausend beisammen.“181 Kinderzeichnung vom Einbaum mit Baggerschaufel von Ortwin Much, entnommen aus Weltkulturerbe „See“ von J. Offenberger182 Diese Kinderzeichnung hat Johann Offenberger nach eigenen Angaben vom Gasthof Reichel in Mondsee erhalten. Abbildung 87 181 Much, 1885, Seite 267 182 Offenberger, 2012, Seite 10 4.3 Tätigkeit in der Pfahlbauforschung 99 In seinem Buch „Die Kupferzeit in Europa …“ schreibt Much: „Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, daß den zwei Bronzesachen aus dem Pfahlbau am Ausflusse des Mondsees 4162 Werkzeuge, Waffen und Schmucksachen aus Stein und Knochen gegenüberstehen. Hierzu kommen 118 ganze Gefäße, 1380 Scherben, soweit sie für Technik, Form, Ornament, Nebenteile und sonstige Eigenschaften von Bedeutung sind, ungerechnet die übrigen tausende, 18 Spinnwirtel, 22 Webstuhlgewichte, 70 desgleichen in Bruchstücken, 3 Löffel nebst Bruchstücken von solchen, 16 Thonfiguren nebst Bruchstücken, zusammen 1661 Gegenstände aus Thon, dann Holzgegenstände, Schnüre und Geflechte aus Bast, Getreide (Weizen und Gerste) ausgedroschen und in Ähren, Brot, Haselnüsse (ganze und in gebrochenen Schalen), Äpfel in Spalten, Samen, Topfscherben mit Speiseresten, Holzschwämme, Tannenzapfen, verkohltes Stroh, Heu, Moos, Tannennadeln, Wandbewurf, Graphit, Rötel, Glimmer, Pechkohle, Kalkspat, Eisenkies, andere Mineralien und Versteinerungen, Tierknochen, zerschlagene, mit Hiebspuren, gebrannt, von Hunden benagt und in der Mehrheit von Haustieren herrührend.“183 „Sehr interessant ist die Ornamentierung kleinerer Gefässe, mit denen namentlich die Krüge versehen worden sind. Sie besteht aus Kreisen oder anderen mannigfaltigen abgeschlossenen geometrischen Figuren, die durch mehrfache concentrische oder parallele kräftige Linien gebildet werden. Die Krüge sind, obwohl aus freier Hand gebildet, von vollendeter Form und dürften kaum durch schönere aus jener Zeit überboten werden. Am bedeutungsvollsten unter den Gebilden aus Thon sind jedoch eigenthümliche löffelähnliche Tiegel von dicker, nicht mit Sand durchmischter Thonmasse, mit einer massiven Handhabe, oder wenn man will, seitlichem Fortsatze, in welchem ein Loch zur Aufnahme eines Stieles angebracht ist. Alle diese Tiegel mussten einem bedeutenden Hitzegrade ausgesetzt gewesen sein, da die Thonmasse ganz verschlackt ist. Wenn nun schon diese Umstände vermuthen liessen, dass diese Gebilde Schmelztiegel seien, so wurde dieses zur Gewissheit durch den Fund des Bruchstückes eines solchen Schmelztiegels, in dessen Ritzen vollständig patinirte Körner von Bronze oder Kupfer stecken. Diese Schmelztiegel scheinen übrigens gar nicht selten zu sein, da es mir gelang, deren fünf in kurzer Zeit emporzuheben. Ohne dass es sonach nöthig ist, noch weitere Funde abzuwarten, lässt sich jetzt schon sagen, dass wir es hier mit einer Pfahlbaustation zu thun haben, welche, obgleich sie zunächst Steingeräthe lieferte, und wahrscheinlich zumeist der Steinzeit angehört, uns deutlich zeigt, dass deren Bewohner wenigstens in der späteren Zeit ihres Bestandes bereits die Bronze kannten und selbst zu verarbeiten verstanden haben.“184 In seinem zweiten Bericht über die Pfahlbauforschungen am Mondsee 1874 gibt er die Auffindung eines zweiten Pfahlbaues im Mondsee am südlichen Ufer bei Scharfling bekannt. „Der Umfang des Scharflinger Pfahlbaues ist übrigens, soweit er durch die auf dem Seegrunde ersichtlichen Pfähle erkennbar ist, kein bedeutender, ein grosser Theil ist wahrscheinlich durch den in unmittelbarer Nähe einmündenden Kien- 183 Much, 1893, Seite 10–11 184 Much, 1872, Seite 203 ff 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 100 bach mit Schutt überdeckt. Doch ist auch der noch nicht überschüttete Theil mit grösseren und kleineren Steinen übersäet, und alle Gegenstände, die aus dem Grunde hervorragen, sind mit einer dicken Schichte von Kalksinter und Schlamm überzogen und unkenntlich gemacht, so dass sich die gewöhnlichen Werkzeuge als unzureichend zur Ausbeutung erweisen dürften. Doch gelang es mir die Existenz des Pfahlbaues nicht blos durch Pfähle selbst, sondern auch durch Scherben alten Töpfergeschirres und durch einen Mahlstein festzustellen.“185 Die Geräte, die Much bei den Ausgrabungen im Mondsee verwendet hat, beschreibt er in einem Brief an Dr. Johannes Ranke (Sekretär der deutschen anthropologischen Gesellschaft) in München wie folgt: „Ich liess mir ursprünglich meine Bagger- Geräthe nach Schweizer Mustern anfertigen, konnte mit ihnen jedoch bei den ausserordentlich ungünstigen Verhältnissen im Mondsee absolut nichts ausrichten. Ich war daher genöthigt, meine Werkzeuge diesen Verhältnissen entsprechend umzugestalten; denn während die Schweizer zum Theile im Moorboden, zuweilen in einer Wassertiefe von 3 bis 5 Fuss arbeiteten, habe ich eine Tiefe von 7 bis 11 Fuss und einen Boden, der dicht mit Steinen überdeckt ist, die mitunter 10 bis 15 kg erreichen, zu überwinden. Ich musste also die Schaufel kleiner machen, aber kräftiger, und mit einer Spitze versehen, welche den schweizer Schaufeln fehlt. Ebenso wenig konnte ich die schweizer Zange für die grossen, bis 15 Kilo schweren Reibplatten gebrauchen, und ersetzte sie daher durch eine andere. Wenn nun auch die Verhältnisse in den bayrischen Seen günstiger sein mögen, so glaube ich doch, dass meine modifizierten Apparate auch für diese passen werden. Der Arbeiter fördert mit einem Schaufelhub allerdings weniger mit einer Schaufel, aber er kann dafür, da er bei seiner anstrengenden Arbeit mehr geschont wird, rascher arbeiten und liefert daher schließlich doch dasselbe. Meine Schaufel (Fig.1.a.b.c.) ist aus etwa 1 ½ mm dickem Eisenblech gemacht, circa 36 cm breit, 40 cm lang, mit 10 cm hohen Seitenwänden an 3 Seiten; an der 4. Seite läuft der Boden der Schaufel in eine c. 20 cm lange Spitze aus; die Seitenwände müssen oben am Rande der Haltbarkeit wegen nach der Innenseite umgebogen sein (2.b). Die Spitze ist, wie sich aus der Seitenansicht (1.a.) zeigt, etwas aufgebogen, u.z. je nach der Wassertiefe mehr oder weniger. Zur Verstärkung der Schaufel ist dort, wo Steine auf dem Grunde liegen oder Pfähle besonders dicht stehen, ein eiserner Grat (1.b.2.a) unerlässlich, welcher von der Spitze an auf der Unterseite des Bodens fortgeht, sich an der mittleren Seitenwand erhebt und sodann in die Dülle zur Aufnahme der Stange übergeht, natürlich alles aus einem Stücke. Ein etwa 2½ mm dickes Eisenband verbindet überdies die Dülle mit den Seitenwänden. Besondere Vorsicht ist dem Schmiede zu empfehlen an den Stellen, wo der Grat gebogen ist und dort, wo sich die Schaufel zur Spitze verjüngt. Die Löcher zum Durchlassen des Wassers sind mit 1 cm Durchmesser nicht zu groß. Die schwarz ausgefüllten Punkte zeigen Nieten an. Die Stange soll die doppelte Länge der Wassertiefe haben, leicht und steif (nicht elastisch) sein; am besten taugt hiezu ein im Walde dürr gewordener Fichtenstamm. Der Winkel der Stange zur Bodenfläche der Schaufel richtet sich nach der Wassertiefe, nöthi- 185 Much, 1874, Seite 296–297 4.3 Tätigkeit in der Pfahlbauforschung 101 genfalls muss also der Schmied auf dem Lande den Grat (bei a der Seitenansicht) entsprechend biegen. Zur Arbeit ist natürlich auch ein Schiff nöthig; wir baggern immer mit dem Einbaum, den wir an zwei in den Seegrund gestossene Stangen befestigen. Die ausgehobene Kulturschichte wird in das Schiff geschöpft, doch schon beim Ausleeren der Schaufel genau untersucht: nach dem Trocknen jedoch noch durch ein Sandgitter geworfen, wobei noch viele übersehene kleine Gegenstände (Pfeilspitzen, durchbohrte Zähne, verkohlte Aepfelspalten u.s.w.) gefunden werden. 186 Einen besonderen Vortheil erheischt die Handhabung der Schaufel bei grosser Wassertiefe; die stärksten Männer waren nicht im Stande, etwas auf die Schaufel zu bringen, bis ich nach langem Bemühen selbst darauf kam. Das Geheimnis besteht darin, dass man die Schaufel soweit als möglich hinauswirft und auf die Spitze stellt, das Ende der Stange auf die Schulter legt, und nun mit beiden Händen die Spitze der Schaufel durch ruckweises Drücken der Stange in den Seegrund zu bohren versucht, jedoch ohne die Schaufel an sich heranzuziehen, was erst geschieht, wenn man spürt, dass die Schaufel Grund gefasst hat. Mit der Zange können wir in unseren Seen nur im Spätherbst, vorzüglich aber unmittelbar nach dem Eisgange, also in den Osterferien, arbeiten. Zu dieser Zeit hat das Wasser eine krystallene Klarheit; freilich ist dabei unerlässlich, dass die Luft schwebstill ist, da das geringste Wellengekräusel den Blick in das Wasser unmöglich macht. Ich will mir übrigens im nächsten Frühjahre dadurch zu helfen suchen, dass ich einen Rahmen von etwa 45 cm zu 45 cm im Gevierte und 40 cm Höhe mache, in 186 Much, 1881 (2) 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 102 dessen Mitte eine Glastafel wasserdicht angebracht ist. Unter der Tafel werden kleine Löcher im Brette sein, damit das Wasser beim Einsenken des Rahmens bis zum Glase, aber nicht weiter gehen kann, so dass man durch den Rahmen auch bei bewegtem See wird klar sehen können. Ausser der schweizerischen Zange, die Sie ja aus Desor kennen, verwende ich noch eine Zange ganz einfacher Form und ohne Feder, da man nur mit einer solchen grosse Steine sicher fassen kann. Fig.3.a.b. Die Zange soll vorne gut schliessen, und sich wenn man Steine heben will, doch 10–12 cm weit öffnen; zu dem Zweck soll sie auch an der Spitze noch ½ cm dick und 2 ½ bis 3 cm breit sein. Zur Verlängerung der Zange verwende ich Fichtenstangen.“187 Beim Sortieren des Baggermaterials helfen auch die Kinder der Familie Much mit. Über die kleine Marie schreibt ihre Tochter Gudrun Dahle geb. Brukner in ihren Erinnerungen: „So hat sie auch dort (am Mondsee) einsam gelebt, ist viel im See geschwommen, hat gerudert, hat dem Vater geholfen Steine zu waschen, die mit dem Bagger heraufgeholt waren vom Seegrund.“188 Johann Offenbergers Untersuchung in der Station „See“ am Mondsee hat ergeben, dass die durch die Baggerungen von M. Much „verursachten Störungen aber meist geringer sind, als ursprünglich angenommen“.189 In seinem Buch „Das Pfahlbauerbe“ schreibt er weiter: „Die großflächigen und tiefgreifenden Störungen in der Siedlung „See“ im Mondsee gehen auf Fundbergeaktionen Salzburger Taucher im Auftrag des Heimatmuseums Mondsee und unter Leitung von J. Reitinger vom OÖ. Landesmuseum zurück.“190 Die Funde aus dem Mondsee sind namengebend für eine ganze archäologische Epoche – die Mondseekultur. In der Welt- und Kulturgeschichte der Zeit schreibt Chr. Strahm 2006: „Von besonderer Bedeutung sind die Metallgeräte der Mondseekultur. In den Seeufersiedlungen wurden ungewöhnlich viele Objekte gefunden, vor allem Flachbeile, Dolchklingen, kleine Spiralen sowie die üblichen Ahlen und Pfrieme. Sie sind genau bestimmbaren, weit verbreiteten Typen zuzuordnen. Da in den gleichen Siedlungen auch Gusstiegel vorkommen, weiß man, dass die Geräte am Ort produziert worden sind. Allerdings war bis vor kurzem nicht bekannt, woher das Erz bezogen und wo es abgebaut wurde. Lange Zeit wurde vermutet, dass schon damals die großen Erzlagerstätten im Ostalpenraum ausgebeutet wurden, daneben unterstellte man Importe aus den fortgeschrittenen Kulturen des Karpatenraumes. Vor kurzem entdeckte man jedoch am Götschenberg im Salzburger Land am Rande des erzreichen Mitterberges in den Siedlungsschichten der Mondseekultur auch Schlacken und Gusstiegel, die den Beweis erbrachten, dass dort auch Erz verhüttet wurde. Neueste Analysen der Kupferobjekte vom Mondsee zeigen zudem, dass nur hier eine bestimmte Kupfersorte verarbeitet wurde, aus der drei Viertel der dortigen 187 Much, 1881 (2) 188 Dahle, 1964 189 Offenberger, 2015, S. 80 190 Offenberger, 2015, S. 81 4.3 Tätigkeit in der Pfahlbauforschung 103 Geräte bestehen. Sie kommt sonst nur noch in Einzelstücken im nordalpinen Raum und im nördlichen Mitteleuropa vor und weist einmal mehr auf die intensive Kommunikation in der damaligen Zeit hin. All dies zeigt, dass die Mondseekultur eine sehr entwickelte Gemeinschaft war. Ihr Reichtum beruhte auf dem offenbar sehr begehrten, da weit verhandelten Kupfer. Was jedoch hierfür eingehandelt wurde, ist unbekannt.“191 Die Vermutung, dass es Handelsbeziehungen zwischen Mitterberg, Götschenberg und Mondsee gegeben hat, spricht schon M.Much aus. „Vielleicht die bedeutsamste Erscheinung im ganzen Thätigkeitsbereiche unserer Pfahlbauleute ist die Thatsache, dass sich dieselben auch schon des Besitzes von Metall, und zwar des Kupfers zu erfreuen hatten, sowie der Umstand, dass sie selbst aus dem ihnen von anderwärts zugekommenen Rohmateriale Werkzeuge, Waffen und Schmuck zu verfertigen im Stande waren. Es fanden sich nämlich nicht nur kupferne Beile, Dolche, Fischhaken, Pfriemen und Zierstücke, sondern auch Schmelztiegel mit Kupferresten in den Fugen, welche zum Giessen gedient hatten. Die Beschaffenheit des verwendeten Kupfers weist auf den Bezug desselben aus den Erdlagern auf der Mitterbergalpe bei Bischofshofen, wo, wie deutlich nachweisbar ist, schon in jener frühen Zeit der Erzgruben- Bau und das Ausschmelzen der Erze in bedeutendem Umfange betrieben wurden.“192 Die Pfahlbauten im Mondsee werden zusammen mit anderen alpinen Pfahlbauten 2011 zum Weltkulturerbe ernannt. Der Mondsee ist und bleibt ein beliebtes Forschungsobjekt. „Nach Matthäus Much ruhte mit Ausnahme einiger Begehungen die Pfahlbauforschung am Mondsee lange Zeit.“193 „1950/51 wurden am Mondsee und Attersee erstmals Untersuchungen mit Hilfe von Taucherbrille und Gummiflossen durch D. Kurt Willvonseder und Amateurtaucher Kurt Schaefer vorgenommen. 1960 stellte sich dem Heimatmuseum Mondsee eine Tauchergruppe aus Salzburg zur Verfügung. Im Vordergrund stand das Bergen von Funden, die zum Teil infolge des Abschwemmvorganges nahe dem Ausfluss der Seeache an der Oberfläche der angegriffenen Kulturschicht lagen.“194 Diese Fundbergungen wurden bis 1963 fortgesetzt. „1970 begann das Bundesdenkmalamt Wien ausgelöst durch Meldungen über unerlaubte Eingriffe, mit der Bestandsaufnahme und Vermessung von Pfahlbaufeldern in den Seen des Salzkammergutes, mit Schwerpunkt Mondsee und Attersee. Unter Leitung von Johann Offenberger und Einsatz von Tauchern wurden neue Vermessungsmethoden entwickelt, die eine genaue planmäßige Aufnahme der Pfahlfelder ermöglichen. Der Mondsee wurde vollständig nach Resten von Siedlungen abgesucht. Dabei wurde das Pfahlfeld Scharfling, das durch Schottergewinnung als zerstört galt, „wiederentdeckt“, und in der Bucht von Mooswinkel ein bisher nicht bekanntes Pfahlfeld gefunden. Aus den drei Mondseer Pfahlfeldern entnommene Holzproben für eine Radiocarbondatierung (C14-Untersu- 191 Strahm, 2006, S. 159–160 192 Much, 1885, Seite 274–275 193 Kunze, 2008, S. 10 194 Kunze, 2008, S. 11 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 104 chung) ergaben für See 2960 v. Chr., Scharfling 2990 v.Chr. und Mooswinkel 2610 v. Chr. Pollenanalysen bestätigen diese Ergebnisse.“195 Diese Arbeiten werden nach 17 Jahren (1986/1987) eingestellt, obwohl sie nicht abgeschlossen waren.196 Mit der Keramik der Pfahlbaustationen des Mondsees beschäftigt sich Michaela Lochner 1997, veröffentlicht im Band 32 der Mitteilungen der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Studien zur Pfahlbauforschung in Österreich. Gegenstand der Untersuchung waren unter anderem auch die Altfunde der Sammlung Much aus dem Naturhistorischen Museum.197 Über die Keramikfunde aus der Sammlung Much, die sich im Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien befinden, schreibt Margit Bachner 2002 ihre Dissertation.198 2013 veröffentlicht Violetta Reiter ihre Arbeit über das Ressourcenmanagement im Pfahlbau. Technologie und Rohmaterial der Steinbeilklingen vom Mondsee aus der Sammlung Much.199 Einen Eindruck von Much’s Funden sollen die folgenden lithographischen Tafeln vermitteln. Tafel I aus der Erklärung einiger Gegenstände aus dem Pfahlbau im Mondsee 1872200 195 Kunze, 2008, S. 11 196 Offenberger, 2015, Seite 277 197 Lochner,1997 198 Bachner, 2002 199 Reiter, 2013 200 Much, 1872 (1), Seite. 322 4.3 Tätigkeit in der Pfahlbauforschung 105 Tafel II aus der Erklärung einiger Gegenstände aus dem Pfahlbau im Mondsee 1872201 201 Much, 1872 (1) Seite 322 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 106 Tafel I, 3. Pfahlbaubericht 1876202 202 Much, 1876 4.3 Tätigkeit in der Pfahlbauforschung 107 Tafel II, 3. Pfahlbaubericht 1876203 203 Much, 1876 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 108 Tafel III, 3. Pfahlbaubericht 1876204 204 Much, 1876 4.3 Tätigkeit in der Pfahlbauforschung 109 Tafel IV, 3. Pfahlbaubericht 1876205 205 Much, 1876 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 110 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) Im Forscherleben von M. Much spielen Niederösterreich und speziell der Ort Stillfried, eine kleine Ortschaft nordöstlich von Wien direkt am Grenzfluss March gelegen, eine große Rolle. Fritz Felgenhauer schreibt 1974 aus Anlass des Einhundertsten Jahrestages der ersten Ausgrabungen: „Die Wehranlage in Stillfried an der March war Schweickhardt schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekannt. Er hielt sie für ein römisches Lager und auch für den Sitz Siegfrieds, des Markgrafen der Ungarnmark des frühen 11. Jahrhunderts nach Chr. Doch erst im Jahre 1874 hat dann Dr. M. Much im Zuge der Erforschung urzeitlicher Grabhügel und mittelalterlicher Hausberge (damals beide von ihm noch als „Tumuli“ zusammengefaßt und als germanische Heiligtümer gedeutet) auch Stillfried wiederentdeckt und der wissenschaftlichen Forschung zugänglich gemacht. Much hat selbst innerhalb der Wehranlage und an den Wällen „Grabungen“ vorgenommen und den ganzen „Raum Stillfried“, also auch das außerhalb der Wallburg liegende Gebiet überwacht. Auf diese Weise sind die Funde des bekannten Gräberfeldes in der „Gans“, der Depotfund, sogenannter „Thrakonimerischer Pferdegeschirrbronzen“ und paläolithische Steinartefakte neben vielen anderen Einzelfunden geborgen worden. Neben Much haben sich um die Jahrhundertwende auch noch L.H.Fischer und J. Spöttel (neben vielen anderen heute nicht mehr bekannten) als „Ausgräber“ in Stillfried versucht. Nach dem Tode M. Muchs wurden dann von R. Böhmker, dem verdienstvollen Begründer und langjährigen Obmann des Stillfrieder Museumsvereines, Grabungen teils selbständig, teils in Zusammenarbeit mit O. Menghin durchgeführt. Als Vertreter der archäologischen Seite hat E. Novotny in Stillfried gegraben. Die Ergebnisse dieser letztgenannten Grabungen sind publiziert worden und bringen zum Teil gut beobachtete Detailergebnisse, sie konnten jedoch eine endgültige Klärung von Alter und Ablauf der Besiedlung, vor allem aber vom Alter der Wehranlagen nicht erbringen. Die beiden Weltkriege und auch die wirtschaftlich ungünstige Zwischenkriegszeit verhinderten eine Weiterführung der begonnenen Ausgrabungen.“206 Ein großer Vorteil für M. Much ist die Lage Stillfrieds an der Strecke der Nordbahn, was die Anreise von Wien doch recht bequem gestaltete. 1875 veröffentlicht er die Ergebnisse seiner archäologischen Untersuchungen aus dem Jahre 1874 in den Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien unter dem Titel „Germanische Wohnsitze und Baudenkmäler in Niederösterreich“207. Denselben Bericht veröffentlicht er 1876 in den Blättern des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich und im Selbstverlag. „Soll ich die Erfolge meiner archäologischen Forschungen im vergangenen Jahre mit wenigen Worten bezeichnen, so kann ich es nicht treffender thun, als indem ich die Worte, mit denen Tacitus von den germanischen Denkmälern an den Rheinufern berichtet (Tacitus, Germania, Kap. XXXVII) auch auf unsere Heimat anwende, in 4.4 206 Felgenhauer, 1974, S. 12 207 Much, 1875 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 111 dem ich sage: „Bis in unsere Zeit haben sich weithin auf beiden Donauufern die Stätten einer ruhmvollen Vorzeit erhalten, jene riesigen Waffenplätze, deren Umfang noch heute den Massstab gibt für jene Volksmassen und deren Kriegshorden, und ein Zeugniss für ihren gewaltigen Auszug.“ Der grossartigste dieser Waffenplätze ist jener von Stillfried an der March. Das Festungswerk. Der innere Theil des unteren Manhartsviertels ist ein sanft gewelltes Hügelland, das bei Stillfried am weitesten gegen Südosten vortritt, hier eine vorspringende Ecke bildet, welche fast die March berührt. Diese Ecke wird am Flusse durch 20 bis 25 Meter hohe, fast senkrechte Lösswände begränzt, im Süden und Norden durch Seitenthäler noch mehr isolirt, so dass sie an der Westseite nur mittels eines fast ebenen Rückens mit der Hochfläche des inneren Hügellandes zusammenhängt. Diese Seite ist indess wieder in anderer Art, nämlich durch einen, noch heute nicht unbedeutenden Eichenwald, dem Reste des einstigen Hochwaldes abgeschlossen. Die steilen Ränder dieser somit gänzlich isolirten Ecke der Hochfläche beherrschen nicht nur die March, sondern die ganze gegen Osten und Süden vorlagernde Ebene; die Aussicht von derselben ist darum fast überraschend schön, es ist aber auch erklärlich, dass ein solcher von der Natur schon geschützter Ort in jener Zeit, wo um’s Dasein in anderer Weise als heute gestritten wurde, zur Anlage eines Wohnsitzes besonders einladend gewesen sein mochte.“208 Stillfried und die Kirche, 1888, Zeichnung von L.H. Fischer, „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Wien u. Niederösterreich“, Fischer 1888 Abbildung 88 208 Much, 1875, Seite 39 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 112 Stillfried, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Lageplan von Stillfried, Much 1875, Seite 41 Abbildung 89 Abbildung 90 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 113 Much bezeichnet die Festungsanlage als Quaden-Festung Stillfried und ordnet sie den Germanen zu. Dr. Walpurga Antl stellt fest, dass der Bau der künstlichen Befestigungswälle bereits im 10. bis zum 9. Jh. v. Chr. begonnen wurde. „Zwischen 950/920 v. Chr. und 800 v. Chr. war die Siedlung durch den zweiten Wall nun noch stärker befestigt.“209 „Die Blütezeit der urnenfelderzeitlichen Befestigung mit der dichtesten Besiedlung und dem stärksten Ausbau des Walles fällt zwischen 800 und 730/20 v. Chr. Es ist die Zeit zwischen der Revitalisierung von Wall II und der endgültigen Zerstörung des Walles. Größe der Anlage und Art der Funde lassen hier ein regionales Zentrum annehmen. Die verkehrsgeographisch günstige Lage an der Bernsteinstraße war wohl eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Entstehung dieses bedeutenden Handelsplatzes. Entlang dieser Handelsrichtung gelangten Güter aus Nord- und Südeuropa in unser Gebiet. Bernstein wurde aus dem Norden gebracht. Kamen entlang der Bernsteinstraße auch die ersten kultivierten Weinreben aus dem Süden hierher? Zwei verkohlte Weintraubenkerne aus einer spätbronzezeitlichen Abfallgrube sind die ältesten Kerne von Kulturwein in Österreich.“210 Stillfried um 1900, vorne rechts die ehemalige Schule, das heutige „Zentrum der Urzeit“, Postkartensammlung von M. Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Abbildung 91 209 Antl, 2007, Seite 27 210 Antl, 2007, Seite 28 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 114 Doch kommen wir wieder zu M. Much: seine Veröffentlichungen illustriert er mit eigenhändig angefertigten Skizzen, wie auch schon bei den Berichten über den Mondsee. Zeichnung von M. Much, Much, 1875, Seite 70Abbildung 92 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 115 Tongewichte, Darstellung von M. Much, Much 1875, S. 68Abbildung 93 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 116 Darstellung von M. Much, Much, 1875, S. 69Abbildung 94 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 117 Die Resultate seiner Untersuchungen stellt er wie folgt zusammen: Auszug aus Seite 114, Much 1875, S. 114 Auszug aus Seite 115, Much, 1875, S. 115 Abbildung 95 Abbildung 96 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 118 Im Punkt 2 hat er Recht behalten, dass nämlich der Ausbau der Wälle in den Ausgang der Bronzezeit fällt. Frau Dr. Antl schreibt 2007:„Die charakteristischen Funde aus dem zeitgleichen Gräberfeld in der Gans, dazu gehören Metall- und Keramikgegenstände, wurden in der Wissenschaft als „Typus Stillfried“ bezeichnet.“211 „Teile des Gräberfeldes sind schon im vorigen Jahrhundert und ohne brauchbare Aufzeichnung ausgegraben worden. Aufgrund dieser Funde hat M. Much auf einer Tafel die Gegenstände des Typus Stillfried zusammengestellt.“212 Vermutlich ist damit die Tafel XXX- VIII aus dem Prähistorischen Atlas von 1889 gemeint. (Es kommen zwei Tafeln aus dem Prähistorischen Atlas in Frage, die Gegenstände aus einem „Urnenfelde in Stillfried N.Öst. d.z. in der Sammlung Much in Wien“213 zeigen.) Unter diesen Funden befindet sich auch die namengebende Tasse vom Typus Stillfried – Hostomice, die zum Beispiel alle Heurigenkalender von Stillfried ziert. Trink- oder Schöpfgefäß aus Bronze, Typus Stillfried-Hostomice, Fig. 24 Tafel XXXVIII des Prähistorischen Atlas, Helfert 1889 Abbildung 97 211 Antl, 2007, S. 33 212 Antl, 2007, S. 33 213 Helfert, 1889, Tafel XXXVIII und Tafel XXXIX 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 119 Tafel XXXVIII des Prähistorischen Atlas, Helfert, 1889Abbildung 98 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 120 Tafel XXXIX des Prähistorischen Atlas, Helfert, 1889Abbildung 99 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 121 Im Jahre 1881 veröffentlicht M.Much im Selbstverlag sowie in den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien XI. Band seine Überlegungen „Über die Zeit des Mammut im Allgemeinen und über einige Lagerplätze von Mammutjägern in Niederösterreich im Besonderen“214. Er erläutert den Stand der Forschungen auf dem Gebiet der voreiszeitlichen Menschengeschichte und berichtet von seinen eigenen Entdeckungen. Besonders interessant ist, dass Much bereits im Jahre 1862 Feldforschungen in Gösing durchgeführt hat und dort auch auf Knochen von Mammuts und Hirschen im Löss gestoßen ist.215 „Von unzweifelhafter Bedeutung sind jedoch die Funde, welche ich im Jahre 1879 zu Stillfried erzielt habe. Schon mehrere Jahre vorher war mir die Mittheilung gemacht worden, dass am Fuße des Steilrandes der merkwürdigen prähistorischen Ansiedlung von Stillfried bei zufälligen Grabungen Mammutknochen zum Vorscheine kommen, was selbstverständlich meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Als ein Bauer daselbst zwei kellerartige Nischen in den Abhang trieb, stiess er damals auf solche Knochen, darunter zwei Backenzähne. Bei einem Grabungsersuche, den ich darauf anstellte, zeigten sich alsbald wieder die gesuchten Knochen, und zwar, wie es schien, der Schädel eines Mammut, doch waren alle Theile so mürb und bröcklig, dass es selbst bei der größten Vorsicht nicht gelang, grössere Stücke zu erhalten, ja es war nicht einmal möglich, dieselben auch nur blosszulegen, da bei dem Abraum grösserer Massen im Innern der Nischen die Gefahr des Einsturzes der circa 17 Meter hohen Lösswand zu befürchten gewesen wäre, aus welchem Grunde ich schliesslich auf die Fortsetzung der angestellten Versuche ganz und gar verzichten musste. Eine Abgrabung der ganzen Steilwand, welche nöthig gewesen wäre, um der Stelle beizukommen, hätte so bedeutende Kosten verursacht, dass sie auch einer ziemlich hochgehenden Begeisterung unüberschreitbare Schranken entgegengesetzt haben würde. Ich behielt indessen die Stelle sorgfältig im Auge, und meine Freude war nicht gering, als mir im vorigen Jahre die Absicht der Nordbahn-Direktion mitgetheilt wurde, in Stillfried einen Bahnhof zu errichten, wozu die grossen Erdmassen, die zur Erhöhung des hiefür bestimmten Terrains nothwendig waren, gerade von der Stelle entnommen werden sollte, wo die Spuren der alten Mammutjäger vermuthet werden konnten. Diese Vermuthung war, wie der Erfolg zeigte, vollständig begründet. Durch die Abgrabung wurde die beiläufig 17 Meter hohe Lösswand fast senkrecht blossgelegt, deren unterster Theil sehr zahlreiche Knochen, Feuersteinwerkzeuge, Kohle und Asche enthielt.“216 M. Much betrachtet Stillfried lange Zeit als sein persöliches Forschungsgebiet. In der „Berichtigung, meine Forschungen in Stillfried betreffend.“217 heißt es: „Ich erkläre demnach, dass ich meine Nachforschungen in Stillfried nicht eingestellt habe; die Funde aus der Mammuthzeit, die ich daselbst in letzter Zeit machte und worüber ich im Monate November an die Anthropologische Gesellschaft umfassenden Bericht 214 Much, 1881 215 Much, 1881, S. 29 216 Much, 1881, S. 32–34 217 Much, 1881 (1), Seite 348 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 122 erstattet habe, dürften zu Genüge darthun, dass ich auch jetzt noch mit Hingebung mich der Untersuchung dieses mir lieb gewordenen Ortes widme, und für Jene, welche etwa dort in meine Fusstapfen zu treten beabsichtigen und jene Notiz als einen ballon d’essai losgelassen haben, sei bemerkt, dass ich dieses Forschungsgebiet noch lange nicht zu verlassen gedenke.“218 M. Much, Funde aus der Mammutzeit bei Stillfried an der March, Much, 1881, Tafel IIAbbildung 100 218 Much, 1881 (1), Seite 349 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 123 In Stillfried trifft M. Much auch auf künstliche Höhlen im Löss, die ihm Rätsel aufgeben. In seinem Aufsatz über künstliche Höhlen in Niederösterreich schreibt er 1879: „Am Fusse der äussersten Südostspitze der Quadenfestung Stillfried, die ich im V. Bande der Mittheilungen der Anthropologischen Gesellschaft beschrieben habe, fand ich im Jahre 1876 ebenfalls künstliche, in den Löss gegrabene Höhlen welche im Wesentlichen mit den sogenannten „Erdställen“ und den bairischen Höhlen übereinstimmen. Auf dem Abfalle des Plateaus, welches die alte Ansiedlung trägt, war damals eine Kammer noch vollständig erhalten, welche beiläufig jener gleicht, die oben im Querschnitte dargestellt ist.“219 Zum wahren Höhlenforscher in Niederösterreich wird aber Pater Lambert Karner, der ebenfalls im Band IX der MAG seine Forschungsergebnisse über künstliche Höhlen in Niederösterreich veröffentlicht. Er beginnt seinen Bericht wie folgt: „Im März l. J. (1879) hatte ich die Freude, den Secretär der anthropologischen Gesellschaft in Wien, Herrn Dr. Much, meinen Gast nennen zu können. Er war auf meine Einladung zu mir nach Roggendorf gekommen, um einerseits meine hier gemachten Ausgrabungen, und die bei denselben gemachten Funde, von denen ich einen besonderen Bericht erstatten werde, zu besichtigen, andererseits um den bei Ober-Stinkenbrunn gelegenen Tumulus zu sehen. Nachdem wir denselben gemeinschaftlich besucht haben, kamen wir auf unserem Rückwege nach Ober-Stinkenbrunn, wo wir nicht nur an edlen, echten Tropfen des Stinkenbrunner Rebensaftes uns labten, sondern auch eine Entdeckung machten, die meinen Gast ausserordentlich erfreute, mich aber ebenso sehr überraschte. Mein Gast, welcher bei seinem Besuche auch nach künstlichen Höhlen, über die er einige Erfahrungen im IX. Bande der „Mittheilungen“ S. 18 publiziert hatte, forschte, war so glücklich in Stinkenbrunn derartige, ich möchte sagen elegant angelegte Höhlen, im Volksmunde „Erdställe“ genannt, auszuspüren. Dr. Much hat seine Entdeckung bereits im Correspondenz-Blatte der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“ Nr. 5, 1879 publiziert. Auf mich machte diese Entdeckung so mächtigen Eindruck, dass ich mir vornahm, nun ebenfalls auf „Erdställe“ zu fahnden, und ich muss sagen, mein Vornehmen wurde ausserordentlich vom Glücke begünstiget, und ich habe in verhältnissmässig kurzer Zeit Entdeckungen gemacht, die nach dem Ausspruche des Herrn Dr. Much, im höchsten Grade überraschend sind.“220 Die künstlichen Höhlen „bestehen im Wesentlichen aus einer 2–3 M. langen, 1.50–2 M. breiten Kammer mit einem durchschnittlich 1.60M. hohen, runden oder spitzbogigen Gewölbe. Der Zugang wird durch eine, wenn sie unversehrt ist, mehrere Meter lange, selten mehr als 0.60 M. hohe und 0.50 M. breite Röhre vermittelt, welche meist horizontal lauft oder sich der Neigung der Bodenoberfläche anschließt, zuweilen aber auch senkrecht wie ein Schacht, aber in den Dimensionen unserer älteren sogenannten schliefbaren Rauchfänge in die Tiefe führt. In den meisten Fällen ist nicht eine Kammer allein vorhanden, sondern deren mehrere, welche durch die eben be- 219 Much, 1880, Seite 26, 220 Karner, 1880, Seite 289, 290 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 124 schriebenen engen Röhren nach einer oder mehreren Richtungen verbunden sind; zuweilen gesellen sich, wie sich aus den folgenden Darstellungen ergeben wird, auch Höhlungen anderer Art und Form dazu und gruppiren sich in solcher Zahl und Mannigfaltigkeit, dass man sie nicht ohne Berechtigung ein unterirdisches Labyrinth nennen kann.“221 An dieser äußerst extremen und waghalsigen Höhlenforschung beteiligt sich M. Much nicht, aber er hat die Ehre, das Vorwort zum Gesamtwerk Pater Karners „Künstliche Höhlen aus alter Zeit“ zu verfassen, das 1903 in Wien erschien. „Was aber Form und Gestalt der künstlichen Höhlen, die Art ihrer Herstellung, ihr Vorkommen, ihre Beziehung zu bewohnten Örtlichkeiten, kurz was ihr ganzes äusseres Wesen betrifft, so hat der Verfasser dieses Werkes alles erschöpft, was sich eben erforschen lässt. Er ist unter Überwindung zahlloser und ganz aussergewöhnlicher Schwierigkeiten in hunderte von künstlichen Höhlen eingedrungen, auf Wegen wie ein Erdwurm sich fortwindend, auf denen ihm zuletzt niemand mehr zu folgen wagte. Man stelle sich die seelischen Empfindungen, beispielsweise in der Lage vor, in der man sich auf den niedergebrochenen Trümmern des Gewölbes einer Kammer befindet, über sich die klaffenden, einsturzdrohenden Spalten, schräg unter sich die dunkle Öffnung einer Schliefröhre, in die man sich, mit dem Kopfe nach abwärts, einzwängen und den Körper nachziehen muss, das Licht langsam vor sich herschiebend, das hier nicht zu leuchten scheint, sondern die unruhigen Schatten nur noch schwärzer werden lässt, dabei immer mit der Vorstellung im Kampfe (Kopfe ?), sich zu verirren, den Rückweg nicht mehr zu finden oder durch nochmals herabbrechende Trümmer versperrt zu sehen. Experto credo! Und unter solchen Umständen mass und zeichnete der Verfasser mit der Sicherheit und Genauigkeit eines Architekten, der den Grundriss eines Baues in der Stube auf dem Papiere festlegt; keine Lichtnische, kein Luftloch, kein Spatenstich, keine Einritzung ist ihm entgangen, Alles fand er der Mühe wert zu verzeichnen und für die Zukunft zu bewahren. So trieb er es ein Vierteljahrhundert lang, unermüdet, begeistert vom Forschungseifer, voll ruhigen Ernstes vor jeder Einfahrt, voll glücklichen Gefühls nach jeder Rückkehr zur Aussenwelt und sofort wieder freudig bereit zu neuen Unternehmungen! Das Ergebnis dieser Untersuchungen liegt nun abgeschlossen vor; möge der Leser selbst sich aus der Beschreibung und den Plänen von dem Muthe, der Ausdauer und dem Fleisse des Verfassers überzeugen, er wird ihm sodann die gebührende Anerkennung im vollen Masse zu Theil werden lassen.“222 In einer Rezension in der Neuen Freien Presse vom 4. Juni 1903 schreibt Prof. Hoernes: „Pater Karner’s Verdienst und Mühe stecken außer dem Text besonders in den zwölf Doppeltafeln mit zahlreichen Höhlenplänen, von denen ich, um etwas auszusetzen, nur gewünscht hätte, daß sie durchgängig Maßangaben und neben dem Grundriß auch den Aufriß enthielten.“223 221 Karner, 1880, Seite 290 222 Much, 1903, Seite XXI–XXII 223 Hoernes, 1903, Seite 17–19 4.4 Forschungen in Stillfried (Niederösterreich) 125 Am 19. Februar 1880 wird in Wien ein „Verein für Höhlenkunde“ gegründet. In der konstituierenden General-Versammlung, die im Vortragsaale des Wissenschaftlichen Club’s stattfindet, werden die Wahlen für den Ausschuss vorgenommen. „Es erscheinen als gewählt die Herren: Hofrath F. von Hauer, Präsident; Hofrath F. von Hochstetter, I. Vice-Präsiden; F. Kraus, II. Vice-Präsident; R. Issler, I. Schriftführer; Prof. J. Woldrich, II. Schriftführer; E. Graf, Archivar; F. Karrer, Cassier; O. Passolt, Zeugwart; und vier weitere Ausschussräthe die Herren: Dr. L. Eger, Dr. M. Much, Prof. J. Wilkens und G. Graf Wurmbrand.“224 Der Verein „stellt sich die wissenschaftliche Durchforschung der Höhlen zur Aufgabe und strebt die Zugänglichmachung derselben an“225. Inwieweit dieser Verein etwas mit dem noch bestehenden „Landesverein für Höhlenkunde in Oberösterreich“ zu tun hat, konnte ich nicht herausfinden. Eine Zeitungsmeldung zu Stillfried aus dem Vorarlberger Tagblatt vom 24. Dezember 1903 möchte ich noch anfügen: „Verschiedenes (Prähistorischer Fund in Stillfried.) Der hiesige Bäckermeister M. Geier fand beim Graben eines Loches in der hinter seinem Hause befindlichen Lößgstetten einen riesig großen, gut erhaltenen Mammutstoßzahn von 165 Zentimeter Länge und 65 Zentimeter Umfang im Grunde. Die Fundstelle ist in nächster Nähe des von dem k. k. Regierungsrate Doktor M. Much entdeckten Mammutjägerplatzes.“226 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen Bereits 1849 bereist der Vereins- Commissär A. v. Morlot Österreich im Auftrage des „geognostisch-montanischen Vereins für Innerösterreich und das Land ob der Enns“227. Im Jahrbuch der k.k. Geologischen Reichs-Anstalt, I. Jahrgang. – II. Vierteljahr. – Seite 197 veröffentlicht Morlot einen Bericht „Über das hohe Alter des Kupferbergbaues am Mitterberg in Salzburg“228. Dieser Bericht wird am 16. April 1850 in der Sitzung der k.k. geologischen Reichsanstalt vorgetragen. „Beiläufig auf dem halben Wege oder eine Meile in gerader Richtung von Werfen, am sogenannten Mitterberg ist in neuerer Zeit im Gebiete der Uebergangsschiefer, aber am Fusse der aus Alpenkalk bestehenden Mantlwand, ein Bergbau auf Kupfer eröffnet worden, der eine befriedigende Ausbeute liefern soll. Man baut da im Uebergangsschiefer auf einen von Ost nach West streichenden und südlich fallenden von 6 bis 12 Zoll mächtigen Gang, der nebst Kupferkies als Gangmasse Spatheisenstein und Quarz mit etwas Eisenkies führt. Der Grubenvorsteher Joseph Madersbacher erzählte, dass man beim Betriebe des Stollens viel Alten-Mann durchfuhr, und dass man in diesem einen eisernen Keil, einen 2–3 Zoll dicken und etwa 8 Zoll langen Knochen mit einem viereckigen Loch in der Mitte und mehrere grosse runde platte Steine gefunden hatte. 4.5 224 Mitteilungen der k.k. – Geographischen Gesellschaft 1880, Seite 88–89 225 Mitteilungen der k.k. – Geographischen Gesellschaft 1880, Seite 88 226 Vorarlberger Tagblatt, Nr. 5368, 24.12.1903, 18. Jahrgang, Verschiedenes 227 Morlot, 1851 228 Morlot, 1851 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 126 Aufgehoben war nichts, allein auf der Halde sollten sich noch von den grossen Steinen finden; ich suchte nach, und fand richtig das in der Hälfte der natürlichen Grösse abgebildete und an das Johaneum in Gratz abgegebene Stück. Es besteht aus einem grünen, sehr zähen Serpentin, der aber nicht massig ist, sondern Gneiss-Structur besitzt. Die Länge beträgt 6 ½, die Breite 5 ½ und die grösste Dicke 2 Zoll; das Gewicht ist nahe an 4 Pfund. Oben und unten ist der sonst ganz geschiebeartig abgerundete und geglättete Stein, der gewiss auch wirklich ein Flussgeschiebe war, deutlich vom Schlagen abgestossen, und unten ist offenbar durch die gleiche Ursache ein grosser Schiefer ausgesprengt. Auf beiden Seiten befinden sich kleine, runde Ausschnitte, welche sehr regelmässig sich verlaufen, und mit einer Schleifvorrichtung, wahrscheinlich mit einem runden, drehenden Steine ausgearbeitet seyn müssen. Die abgestossenen Endkanten verrathen deutlich die Bedeutung des Steines; er wurde als Fäustel gebraucht, um grössere Erzstücke zu zerschlagen, die man mit Keilen und wahrscheinlich, wie es in alten Zeiten natürlich viel häufiger geschah, mit Hilfe von Feuersetzen lostrennte. Die Einschnitte auf beiden Seiten mochten dazu dienen, den Stein in einen hölzernen gespaltenen Griff, vielleicht einen Baumast mit einer Verzweigung durch lederne Schnüre zu befestigen. Uebrigens lässt er sich nicht übel vermittelst des einen Einschnittes mit der freien Hand fassen und regieren, wenn man wenigstens gleichzeitig einen um die Faust gewundenen Riemen über den anderen Einschnitt um den Stein herumzieht. Der Umstand, dass die Einschnitte so glatt ausgerundet sind, spricht sogar für die letztere Vermuthung, da zur Befestigung an einem hölzernen Griff eckige und jedenfalls tiefere Einschnitte vortheilhafter gewesen wären. Zu bemerken ist noch, dass man erkennen kann, wie der Stein eine Zeit lang fortgebraucht wurde, als der grosse Schiefer schon abgesprengt war. Der Stein kann nicht aus der näheren Umgebung des Mitterberges stammen, da hier kein Serpentin vorkommt; dieser findet sich aber ziemlich häufig südlich der Salza in den Thälern von Gastein und Rauris z.B. Von dorther ist also vielleicht das Geschiebe geholt worden;“229 Diesen historischen Bergbau ordnet er in die Übergangszeit von der Bronzezeit in die Eisenzeit ein und zieht Parallelen zu den Hallstattfunden und dem dortigen Salzbergbau. „Da in früheren Zeiten die Erze immer in der Nähe der Baue verschmolzen wurden, so dürfte man leicht bei weiteren Nachforschungen am Mitterberg Ueberreste des alten Hüttenprocesses finden, wodurch sich ein um so interessanterer Beitrag zur Geschichte des Bergwesens in Oesterreich gewinnen liesse, als jener abgelegene Punct seither ganz verlassen gewesen zu seyn scheint, und also Spuren der Vorzeit echt und von späteren Beimengungen rein erhalten zeigen wird.“230 229 Morlot, 1851, II. Abhandlung S. 1–2 230 Morlot, 1851, II. Abhandlung S. 3 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 127 Erste Seite von drei Seiten des Berichtes von A. v. Morlot von 1850Abbildung 101 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 128 Obwohl doch schon so viele richtige Vermutungen durch Morlot formuliert werden, gerät der prähistorische Bergbau auf dem Mitterberg wieder in Vergessenheit. Mitterberg, Bergleute auf dem Weg aus der Grube, Foto von A.v.Scheinecker, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Fast 30 Jahre später, im September 1877 begibt sich M. Much direkt zum Mitterberg, nachdem Mitteilungen des Konservators Pezold aus Salzburg aussagten, dass italienische Arbeiter seit mehreren Jahren Steingeräte unbekannter Herkunft an Touristen verkaufen.231 Die Ergebnisse dieses Besuches werden in zwei Teilen 1878 und 1879 in den Mittheilungen der k.k.Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Abbildung 102 231 Much, 1879, S. III 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 129 Kunst-und Historischen Denkmale IV. und V. Jahrgang veröffentlicht. 1879 wird ein Separatabdruck dieses Berichtes in der k.k. Hof- und Staatsdruckerei herausgegeben, aber bereits am 12. März 1878 hält M. Much in der Plenarversammlung der anthropologischen Gesellschaft einen Vortrag „über den prähistorischen Kupferbergwerksbetrieb auf dem Mitterberg bei Bischofshofen“.232 Rechnung von M. Much 1877, Dokumentenmappe, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Im August 1879 stellt er auf der X. allgemeinen Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft zu Straßburg seine Erkenntnisse zum prähistorischen Kupferbergbau am Mitterberg und auf der Kelchalpe vor233. Ernst Pernicka schreibt 1986 in der Zeitschrift des Deutschen Museums in München: „Mit M. Much beginnt die Bergbauarchäologie, auch Montanarchäologie genannt, die eine wichtige Komponente der Archäometallurgie darstellt.“234 M. Much hat als erster die vom Bergverwalter Johann Rudolf Pirchl zusammengetragenen Funde aus den Bauen des Alten Mannes gesichtet und bewertet und dann der Fachwelt und einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Pirchl und Much waren durch die Zusammenarbeit freundschaftlich verbunden, was eine Postkarte von Pirchl aus Mühlbach an Much vom 23.1.1903 (dem Todesjahr von Pirchl) bezeugt. „Herzlichen Dank für Ihre freundliche Sendung u mein wärmstes Glück Auf! Zum verdienten Erfolg. Glückliches Wiedersehen im obigen Nestchen hoffend Ihr treuer Pirchl“235 (mit dem Nestchen ist Mühlbach gemeint, das auf der Postkarte abgebildet ist.) Abbildung 103 232 Die Presse, Wien, Dienstag den 12. März 1878, Vereins-Nachrichten, S. 11 233 Correspondenzblatt 1879, S. 104–108 234 Pernicka, 1986, Seite 181 235 Dokumappe, Nachlass M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 130 Foto aus der Grube Mitterberg, Foto von A.v. Scheinecker, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann In seinem Werk „Das vorgeschichtliche Kupferbergwerk auf dem Mitterberg bei Bischofshofen“ rekonstruiert Much den gesamten prähistorischen Bergbau- und Hüttenbetrieb.„An der Seite des kundigen Führers (Pirchl) erkennt man nun gar bald den großen Umfang, den die Werke der Alten über Tag allein hatten, und ist das Auge einmal gewohnt, die eigenthümlichen Formen der zum größten Theile von dürftiger Vegetation überdeckten Schutthalden und Haufen von den natürlichen Hügelformen zu unterscheiden, so lassen sich dieselben in ihrer ganzen Ausdehnung leicht verfolgen. Gruben von ungleicher Tiefe und Länge, doch ziemlich gleicher Breite reihen sich mit nur sehr kleinen Unterbrechungen der Länge nach in einer Linie an einander, oder mit anderen Worten gesagt, wir sehen eine einzige tiefe, stellenweise durch kleine stehen gebliebene Querriegel unterbrochene Furche, welche sich vom Berghause angefangen – Südwest und Nordost – über die Wasserscheide des Mitterberges und noch eine geraume Strecke jenseits derselben abwärts in einer Länge von 1600 Metern oder ein Fünftel einer deutschen Meile hinzieht. Diese Furche ist zum Theile auf Abbildung 104 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 131 einer oder auf beiden Seiten durch mächtige Schutthalden gesäumt, so daß sie an manchen Orten eine Tiefe von 12 Metern gewinnt. Neben diese eine lange Furche reiht sich auf eine kürzere Strecke und eine parallele Richtung verfolgend, eine zweite derartige Furche, und außerdem sind hie und da vereinzelte Gruben einer dritten Furche vorhanden, die sich bei meinem Besuche in Folge des wieder schmelzenden Schnees als Wassertümpel bemerkbar machten. Die Hauptfurche stellt jedenfalls den Weg dar, auf dem die Alten den edlen Erzgang verfolgt haben, während die parallele Nebenfurche und die vereinzelten Gruben wahrscheinlich jene Punkte bezeichnen, wo die Alten den Erzgang, wenn er sich durch Verwerfung der Schichten verschoben hatte, wieder gesucht haben. Die Schutthalden, welche die Gruben begrenzen, sind ehemals mit Wald bedeckt gewesen und sind es zu einem geringen Theile noch, tragen jedoch im übrigen eine ziemlich dürftige Vegetation. Noch entscheidender für den Bestand eines uralten Kupferbergbaues auf dem Mitterberg zeugen die „alten Verhaue unter Tage“. Es sind dies im Innern des Gebirges ausgeführte Stollen und Schächte. Erztransprt am Mitterberg, Foto A.v. Scheinecker, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Abbildung 105 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 132 Sie sind nicht mit jener Präcision und in jener Regelmäßigkeit ausgeführt wie die bergmännischen Arbeiten dieser Art in der Gegenwart, sondern gehen unregelmaßig hin und her, steigen und fallen, wie es eben die unmittelbare Verfolgung der Erzader in jener Zeit, in der noch keine weitaussehenden Berechnungen und Pläne festgestellt und ausgeführt werden konnten, momentan als zweckmäßig erscheinen lassen mochte. Obzwar die zu Tage tretenden alten Bergwerksarbeiten bei Beginn des heutigen Bergbaues rasch durchforscht und bekannt wurden, so sind dagegen die alten Gruben unter Tag selbstverständlich erst allmälig durch das Fortschreiten der neuen Arbeiten bekannt und zugänglich geworden, ja es ist sogar wahrscheinlich, daß einzelne Grubenbaue der Alten erst noch des Aufschlusses harren. Der größte Fortschritt in dieser Richtung wurde im Jahre 1865 gemacht. In der Fortführung eines in der Nähe des oberen Berghaues eingeschlagenen Stollens zeigte sich nämlich mit einemmal Wasserzufluß, der anfangs Bergwässern oder eingedrungenen Tagwässern zugeschrieben werden konnte, bei weiterem Vordringen jedoch mächtiger anwuchs, statt allmälig regelmäßiger zu werden, wenn er wirklich von letzterem hergerührt hätte. Dieser Umstand verschaffte dem Verwalter Pirchl die Gewissheit, daß er sich in der Nähe der lange gesuchten Gruben „des alten Mannes“ befinde, die vollständig mit Wasser gefüllt, ihre Nachbarschaft durch das Durchdringen desselben zu erkennen gaben. Es wurde nunmehr mit äußerster Vorsicht weiter gearbeitet, denn eine plötzliche Entleerung der voraussichtlich bedeutenden unter einem riesigen Drucke stehenden Wassermenge würde ein beklagenswerthes Unheil angerichtet haben. Pirchl’s sinnreichem Vorgehen gelang es, dem Wasser allmäligen Abzug zu verschaffen und dadurch endlich die Möglichkeit herbeizuführen, in die alten Gruben zu gelangen. In der That wurde durch diese Arbeiten ein bedeutender Complex der Gruben des alten Mannes erschlossen und zugänglich gemacht, so daß sie durch einen alten Schacht bis an ihr Mundloch verfolgt werden konnten. Dieses Mundloch war mit Holzbalken, deren Fugen mit Moos verstopft waren und über denen noch eine Lage gestampften Lehms sich befand, vollständig verschlossen; darüber war an der Oberfläche Erde ausgebreitet worden, so daß sich alsbald wieder eine Rasendecke darüber bildete, welche das Mundloch von außen vollkommen verborgen und absolut unfindbar machte.“236 „Es unterliegt sonach keinem Zweifel, daß der Theil des Bergbaues, von dem hier die Rede ist, schon kurze Zeit, nachdem die Gegend verlassen worden war, gänzlich vom Wasser angefüllt worden ist. Damit aber wurden die Bedingungen geschaffen, welche es bewirkten, dass die im Innern des Bergwerkes zurückgebliebenen Gegenstände, von denen später bei Fund-Objecten die Rede sein wird, durch so lange Zeit bis auf uns erhalten werden konnten.“237 „Ebenso wenig sind die im Vorstehenden geschilderten Bergbaue über und unter Tag die einzigen Reste der bergmännischen Betriebsamkeit der Alten auf dem Mitterberge. Einmal angeregt durch das bisher Gesehene wird man bei einiger Aufmerksamkeit bald einzelne Stellen gewahren, die eine überaus dürftige Pflanzendecke tragen, während sonst hier in der Hochgebirgswelt das Auge allenthalben eine üppige Vegetation erwartet. Bei näherer Untersuchung 236 Much, 1879, S. VI–VII 237 Much, 1879, S. VII 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 133 findet man, daß es auseinander geworfene Schlackenhaufen sind, die sich durch spärlichen Pflanzenwuchs bemerkbar machen und sowohl nach ihrer äußeren Erscheinung als nach ihrem chemischen Gehalte als Rückstände, Schlacken, aus dem Schmelz-Processe der auf dem Mitterberge gewonnenen Kupfererze erweisen. Es zeigt sich nämlich sofort aus der mit braunem Roste überzogenen Oberfläche dieser Schlacken, daß sie sehr stark eisenhaltig sind.“238 „Selbstverständlich mußte es nun auch das Bestreben der Alten sein, das in den Erzen so reich vertretene Eisen in die Schlacke zu bringen, und es kann daher keinem Zweifel unterliegen, daß die in Rede stehenden Schlackenhaufen von der Ausschmelzung der Erze durch die Alten herrühren, um so mehr als einzelne Schlackenstücke noch Partikelchen oxydirten Kupfers enthalten. Sie liefern somit den Beweis, daß auf dem Mitterberg die Erze nicht nur abgebaut, sondern auch sofort an Ort und Stelle geschmolzen und verarbeitet wurden.“239 Abbildung aus dem Kronprinzenwerk, Österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Oberösterreich und Salzburg, Wien 1889, Charlemont, 1889 Abbildung 106 238 Much, 1879, S. VIII 239 Much, 1879, S. VIII 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 134 „a) Funde in der Grube. Man betritt die Grube „des alten Mannes“ durch einen Stollen, der in der Nähe des oberen Berghauses in das Innere des Berges führt. Hat man sich einmal an den ersten Eindruck, an das still beglückende Gefühl gewöhnt, hier im Schooße der Erde, tief unter dem freudigen Licht eine Stätte zu betreten, zu der vor mehr als zwei Jahrtausenden betriebsame Menschen mit dem Aufwande all ihrer Kraft den Weg gebahnt haben, um die dort von der Natur aufbewahrten Schätze zu heben, so sucht das Auge, von Forscherbegier getrieben, bald nach weiteren Zeugen jener Zeit. Die Wände der Stollengänge sind rauh und uneben, ihre Richtung, Breite und Höhe eine mannigfach wechselnde. Die Sohle ist von einer Schichte feinen Schlammes bedeckt; wo dieser durch die neueren Arbeiten in seiner Lage gestört ist, kann man bei dem Grubenlichte alsbald zahlreiche Kohlenstücke in ihm eingebettet wahrnehmen; zu weilen gelingt es, auch kleinere oder größere Stücke angekohlten Holzes zu finden: keine Frage, daß diese Kohlenreste von der „Feuersetzung“ herrühren, durch deren Anwendung die Alten in den Berg eindrangen und die Erze gewannen.“240 Grube des „alten Mannes“, im Hintergrund sind prähistorische Bühnenhölzer zu sehen, Befahrung über den Arthurstollen mit. Prof. Stöllner 2018, Foto Autor Abbildung 107 240 Much, 1879, S. XII 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 135 „Ein besonders instructives Stück angekohlten Holzes zeigt an der einen Seite die Axthiebe, womit es abgehackt wurde, auf der anderen die Ankohlung. In den Spalten und Höhlungen der Kohle findet sich ein Ansatz kohlensauren Kupfer-Oxyd’s (Malachit) von glaskopfartiger Form, der sich ohne Zweifel aus dem Wasser, welches durch seinen Kohlesäurengehalt einen Theil der Kupfererze löste, niedergeschlagen hat. Andere Holzstücke scheinen dazu gedient zu haben, das Feuer zusammen zu halten, damit es gehörig an den Felsen anschlage, …“241 Prähistorische Funde vom Mitterberg, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F.Becker-Pellmann Abbildung 108 241 Much, 1879, S. XII 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 136 „Das durch die Einwirkung des Feuers zerklüftete Gestein wurde, wie schon bemerkt, wahrscheinlich durch Eintreiben eichener Keile vollends losgebrochen, da sich an den Wänden nirgends Spuren metallener Werkzeuge bemerkbar machen. Solche Spuren zeigen sich nur dort, wo die Alten eines der vielen Verschiebungsblätter abgeschürft, beziehungsweise verfolgt haben, und hier sieht man, daß sie die oft sehr feste Ausfüllungsmasse herausgeschrämmt haben. Diese Arbeit ist nun wahrscheinlich mit kupfernen und bronzenen Pickeln ausgeführt worden. Drei solche Pickel wurden in der Grube gefunden; sie sind einander ganz ähnlich, zwei davon vielleicht aus derselben Form gegossen worden, so daß es genügt, das Bild des Einen zu geben. (Fig.I.) Sie haben ungefähr die Form der Hohlbeile (sogenannte Celte) aus Bronze, nur daß sie in eine stumpfe Spitze statt in eine Schneide ausgehen, und daß sie des bei den Hohlbeilen üblichen Oehres ermangeln.“242 Pickel aus der Grube, Figur 1, Much 1879, S. XII „Zum Herausschaffen der gewonnenen Erze wurde wahrscheinlich auch hier die allerdings sehr primitive, doch selbst heute noch unzähligemal, aber auch schon von Plinius erwähnte Methode angewendet, die darin besteht, daß die Arbeiter, im Finstern stehend, die Last einander weiter reichten. Es scheint aber zu diesem Zwecke auch schon der Haspel in Anwendung gekommen zu sein, da sich ein solcher in der halben Höhe des Schachtes noch in ziemlich guter Erhaltung befindet, so daß über seine Bestimmung kein Zweifel ist. Er läuft mit seiner Achse in zwei in den Felsen eingeklemmten hölzernen Lagern und zeigt noch deutlich die Triebspeichen.“243 „Bei der Bearbeitung des Gesteins brauchte dagegen selbstverständlich jeder Arbeiter Licht. Wo sie dasselbe nicht schon durch die Feuersetzung hatten, bereiteten sie sich dasselbe durch 3 bis 4 Mm. dicke und 6 bis 14 Mm. breite Holzspäne, welche sie bündelweise anzündeten, und nun liegen die bis auf eine gewisse Länge (4 bis 14 Cm.) herabgebrannten Reste von derlei Spänen in Schlamm eingebettet auf der Sohle des Stollens. Diese Weise, sich in der Grube Licht durch Anzünden von Spänen zu verschaffen, entspricht ganz jener in den Salzbergwerken von Hallstatt und Hallein zu Abbildung 109 242 Much, 1879, S. XII 243 Much, 1879, S. XIII 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 137 der Zeit, als dort Bronze-Geräthe bei Gewinnung des Salzes in Anwendung waren. An beiden Orten finden sich in den ältesten Theilen des Salzberges, im sogenannten „Heiden-Gebirg“ ganz gleiche Holzspäne, und zwar ebenfalls in sehr großer Zahl auf der Sohle der alten, wieder verwachsenen Gruben und zum Theile ganz vom Salze eingeschlossen. Dieser Späne gedenkt Freiherr von Sacken in seinem Werke bei Beschreibung der Funde im Hallstätter Salzstocke, und von beiden Orten besitze ich derartige Späne in meiner Sammlung. Ein ferneres Fundstück aus der Grube ist ein zum großen Theile erhaltener Holztrog (Fig.2.) Derselbe ist 0.89 Meter lang, 0.16 Meter hoch und mochte 0.33 bis 0.35 Meter breit gewesen sein. Er besitzt am oberen Rande der erhaltenen Seite zwei topfhenkelähnliche, jedoch horizontal liegende Handhaben, welche die ganze Hand aufzunehmen vermögen. Ueber den Zweck dieses Troges werde ich bei späterer Gelegenheit sprechen. Es mag auffallend erscheinen, daß hier von einer Reihe von Gegenständen aus Holz die Rede ist, welche das hohe Alter des Kupferbergwerkes auf dem Mitterberg erweisen sollen, da man sich das Innere von Bergwerken gewöhnlich dumpf und modrig vorstellt, in welchem Holz unmöglich lange Zeit Widerstand leisten könne, und man möchte daher versucht sein, aus der Erhaltung dieser Holzgegenstände gerade auf ein recht junges Alter des Bergwerkes zu schließen. Wer indess von den vielen Funden oft sehr kleiner und wenigstens in ihrer Form vortrefflich erhaltener Holz-Objekte Kenntnis genommen, welche in den Pfahlbauten der Schweiz gemacht wurden, und denen meine Baggerungen im Pfahlbau im Mondsee in den letzten zwei Jahren eine nicht unbeträchtliche Zahl an die Seite stellen, dem wird diese Erhaltung weniger befremdlich sein. Die Bedingungen zur Conservierung von Holz waren aber in den alten Gruben auf dem Mitterberg noch viel günstiger als in den Pfahlbauten der Seen. Man erinnere sich, daß die alten Gruben, seit sie aufgegeben und verschlossen worden sind, vollständig mit Wasser angefüllt waren, wodurch die erste Bedingung der Conservierung, die Bedeckung der Holzgegenstände mit Wasser hergestellt war. Was aber die Gruben des Mitterberges vor den Seen voraus hatten, war der vollständige Mangel des Lichtes, der Wärme, und des Anstoßes chemischer Zersetzung durch analoge Vorgänge in unmittelbarer Nähe und der äußerst langsame Wechsel des Wassers.“244 „Es ist hier endlich noch einer knöchernen Pfrieme zu gedenken (Fig.3), von einer Form wie wir sie so häufig in den Pfahlbauten der Seen des benachbarten Salzkammergutes finden; sie hat nicht die mehr oder weniger erbsengelbe Farbe der Knochen, welche lang in der Erde gelegen sind, sondern ist braun wie alle Knochen, welche lange Zeit unter Wasser waren.“245 244 Much, 1879, S. XIII 245 Much, 1879, S. XIV 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 138 Teil eines Holztroges, Figur 2, Much 1879, S. XIII „b) Funde auf den Halden der Verbaue über Tag. Wenn man mit einiger Aufmerksamkeit beim Begehen der Schutthalden der alten Tagbaue die zahlreichen aus Moos und Heidekraut herausschauenden Steine durchmustert, so bemerkt man in nicht allzu langer Zeit einzelne abgrundete größere und kleinere Geschiebestücke oder auch Splitter von solchen Geschieben, die sich von den scharfkantigen regellosen Bruchsteinen sofort unterscheiden. Zu dem äußeren Unterschiede in der Form tritt auch noch ein innerer, indem die runden Geschiebestücke, die in Mitten der scharfkantigen Brocken so leicht auffallen, in überwiegender Anzahl Serpentin sind, ein Gestein, das in der Umgebung gänzlich fehlt, während die scharfkantigen Stücke ausnahmslos Grauwacke sind und ohne Zweifel aus den offenen Gruben stammen. Die auffallenste Erscheinung an diesen Serpentin-Geschieben ist jedoch die, daß sie zwei gegenüberstehende künstliche Einkerbungen haben, wie Fig.4 (a und b) zeigt, oder zuweilen eine mehr oder weniger tiefe Rille oder Einschnürung, welche um den größeren Theil des Umfanges herumläuft, so daß manche fast wie eine große indianische Steinaxt aussehen. Fig. 5 stellt ein solches Stück von mittlerer Größe und mittlerem Gewichte dar, welches 21 Cm. lang, 15 Cm. breit und 10 Cm. dick ist und 3.75 Kgr. wiegt; das in Fig.4 wiedergegebene Stück ist 16 Cm. Lang, 13 Cm. breit und wiegt 1.33 Kgr. Ein drittes von der gewöhnlichen Form abweichendes Stück hat sechs Kerben, die einander so gegenüberstehen, daß sich hindurchgelegte Schnüre kreuzweise schneiden, es hat ein Gewicht von 5.45 Kgr.“246 Abbildung 110 246 Much, 1879, S. XIV bis XV 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 139 Schlegel, Figur 5, Much, 1879, S. XIII „Unsere eingekerbten Steine stellen also an Stielen befestigt gewesene Schlägel dar, mit welchen die aus der Grube geförderten größeren Gesteinsbrocken bis zu einer gewissen Größe zerschlagen wurden, um daraus dann die derben Erze zu sondern. Die zu solchen Schlägeln geeigneten Geschiebe holte man ohne Zweifel aus der nahen Salzach herauf, welche sie aus dem Pinzgau herabtriftet und der sie zumeist die Gasteiner Achse zuführt. Man wählte mit Vorliebe den Serpentin zu diesem Zwecke, wohl mehr wegen seiner Zähigkeit als wegen seiner Härte, aus welchem Grunde er ja auch an anderen Orten, wie beispielsweise in den unfernen Pfahlbauten und zwar aus derselben Bezugsquelle zu Aexten und gebohrten Hämmern, verarbeitet wurde.“247 „Einzelne in der Grube zurückgebliebene Stücke zeigen aber, daß die Alten auch an Erz ärmere Stücke abgebaut haben, also auch noch jene Erze zu verarbeiten vermochten, welche sparsamer in das Muttergestein eingesprengt waren. Wäre das nicht der Fall gewesen, so müßten sich diese erzärmeren Gesteinstrümmer, welche die derben Gänge begleiten, in großen Massen auf den Halden der Tagverhaue und noch sicherer in dem Versatze (Ausfüllungsschutt) der bereits abgebauten Gruben finden, was zum lebhaften Bedauern der zeitgenössischen Bergleute nicht der Fall ist.“248 Abbildung 111 247 Much, 1879, S. XV 248 Much, 1879, S. XV 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 140 „Es mußten also auch Werkzeuge zu dieser feineren Arbeit existiert haben, und da wir nach dem bisherigen annehmen können, daß auch sie aus Stein waren, wohl noch jetzt existieren. Wie war ich überrascht, auf den Halden die Klopfsteine, Behausteine, Kornquetscher, oder wie sie sonst heißen mögen, wiederzufinden. Dieselben Gesteinsarten, wie Serpentin, Quarz, Grauwacke, Gneis u.s.w., dieselbe Größe, dieselben durch den Gebrauch und die Abnützung erzeugten charakteristischen rauhen Flächen; kurz der leibhaftige Kornquetscher oder Klopfstein, den wir aus unseren vorgeschichtlichen Ansiedlungen tausendmal hervorgeholt haben, dieses Universal- Werkzeug der Urzeit, ist auch auf den Halden des Mitterberger Kupferbaubaues wieder da. Fig.6 und 7 zeigen zwei hübsche Exemplare.“249 Klopfstein/Kornquetscher, Figur 6, Much, 1879, S. XV Klopfstein/Kornquetscher, Figur 7, Much, 1879, S. XV Abbildung 112 Abbildung 113 249 Much, 1879, S. XV–XVI 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 141 Unterlagsplatte, Figur 8, Much, 1879, S. XVI „In weiterer Verfolgung der bergmännischen Arbeit der Alten gelangen wir auf die Röstplätze. Diese vor allen sind durch den spärlichen Pflanzenwuchs kennbar; die Erde herum und die Rückstände tauben Gesteins sind vom zerfallenen Spatheisenstein, der, wie schon erwähnt wurde, in den Mitterberger Erzen den vorwiegendsten Bestandteil bildet, rotbraun gefärbt. Hier finden sich auch Kohlereste häufiger als auf den Halden oder anderwärts, und man darf daraus schließen, daß eben auf diesen Plätzen die Erze durch Feuer, vielleicht nur in freien, oder allenfalls mit Steinen primitiv eingefaßten Haufen geröstet worden sind, um sie durch Hitze weiter zu zerfallen, oder doch deren weitere Zerkleinerung zu erleichtern, vielleicht auch, um nebstdem den in den Erzen stark auftretenden Schwefel theilweise zu entfernen. Die in dieser Weise zerkleinerten Erze mußten nun, und zwar noch vor dem Schmelzprozesse, so viel es nur möglich war, von dem durch die bisherige Arbeit noch immer nicht ganz beseitigten tauben Gestein noch weiter gereinigt werden, denn davon hing die Güte des schließlich gewonnenen Metalls wesentlich ab.“250 Das Sortieren der kleingepochten Erze konnte unmöglich von Hand vorgenommen werden. „Das Zunächstliegende war nun natürlich, die Kraft des fließenden Wassers, die auch das Kind bald kennen lernt, zu benützen, um so mehr als die Vorrichtungen hiezu sehr einfach sein konnten: eine primitive Röhre, welche das Wasser in einen mit dem gepochten Erz gefüllten Trog leitet, durch dessen Bewegung dasselbe gewaschen werden konnte, in dem das Wasser die leichteren Partikelchen zum Theile fortriss, zum Theile in die oberen Schichten brachte, während die schweren Erze sich am Boden sammelten. Ein solcher Apparat dürfte uns in dem, Seite XXIII (Fig.2) erwähnten, in der Grube zurückgebliebenem Troge erhalten worden sein. Daß derselbe zu einem ähnlichen Zwecke gedient haben müsse, ist deutlich daraus zu ersehen, daß der Boden offenbar durch oftmaliges rasches Hin- und Herschieben ganz zerfasert, eben geschliffen, ja beinahe durchgeschliffen ist. In gleicher Weise scheinen die beiden, auf einer Seite angebrachten Handhaben auf denselben Zweck zu deuten, nämlich mittelst derselben den Trog in jene rüttelnde und stoßende Bewegung zu ver- Abbildung 114 250 Much, 1879, S. XVI 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 142 setzen, wie sie bei der Erzwäsche nöthig ist, um Erz vom Tauben Gestein zu sondern. Ähnliche Tröge werden noch heute in Siebenbürgen bei der Goldsandwäsche gebraucht. Es ist wohl möglich, daß der Schmelzung vielleicht schon vor der Erzwäsche noch eine weitergehende Aufbereitung als die bisher beschriebene vorangegangen ist. Bergverwalter Pirchl fand nämlich nach meiner Abreise noch ein Steingeräth, welches nach seinen Merkmalen wahrscheinlich zum Zerreiben der Erze gedient hat.“251 „Ohne Zweifel ist auch dieser künstlich zubereitete Stein ein beim Bergbau gebrauchtes Werkzeug gewesen.“252 Reibstein, Figur 10, Much 1879, S. XVI „Auf diesem Wege vorbereitet, den wir an der Hand glücklicher Funde heute, nach vielleicht zwei Jahrtausenden, noch so genau verfolgen können, gelangten die Erze endlich in den Schmelzofen. Die Plätze, wo die Schmelzung vorgenommen worden ist, kennzeichnen sich durch Schlackenhaufen, da angenommen werden kann, daß man die Schlacke nicht weit fortgeschafft, sondern in nächster Nähe abgelagert haben wird. Solcher Schlackenhaufen wurden mehrere gefunden, und wahrscheinlich wird sich noch eine große Zahl derselben, vom Walde überwachsen, ergeben, da man bis jetzt in die Kenntnis derselben nur in dem Maße gelangte, wie es eben der Zufall fügte. Selbstverständlich wird ihnen nunmehr größere Aufmerksamkeit geschenkt und es werden, sobald es die Umstände gestatten, mehrere der größeren durchgegraben werden. So viel zeigt sich bis jetzt, daß die meißten Schlackenhaufen abseits, oft ziemlich Abbildung 115 251 Much, 1879, S. XVII 252 Much, 1879, S. XVII 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 143 entfernt vom eigentlichen Bergwerke sind. Da die steinernen Schlägel, Klopfsteine und ausgehölten Unterlags-Platten sich nur bei den Gruben finden, auf den Schmelzplätzen dagegen gänzlich fehlen, so ist das ein Zeichen, daß die Scheidung und sonstige Aufbereitung der Erze bei der Grube vorgenommen wurden, und daß das vorbereitete Erz in den Wald getragen, und in dem Maße, als der Wald durch den bedeutenden Verbrauch des Holzes für die Schmelzfeuer zurückwich, dem Walde nachgetragen wurde. Muthmaßlich werden also die der Grube nächsten Schmelzstätten die ältesten, die von der Grube entferntesten die jüngsten Schmelzstätten sein, und wir werden darnach bei den weiteren Forschungen einen ungefähren Zeitmesser erhalten. Von großen Schmelzstätten sind bis jetzt drei constatirt, und es scheint, daß auf einer der selben die erste Roharbeit ausgeführt worden ist, während Bergverwalter Pirchl von einer zweiten aus der Schlacke und insbesondere aus einem rückständigen Schlackensande schließen zu dürfen glaubt, daß auf ihr verfeinert, das heißt die zweite und dritte Schmelzung vorgenommen wurde. Interessant ist, daß viele Rohschlacken eine gleichförmige Vertiefung zeigen, die durch das Eindrücken einer Holzstange entstanden ist. Da man muthmaßlich eiserne Abhebegabeln nicht anwendete, so wurde die Schlackenmasse mit frischen Holzstangen (vielleicht Birkenstangen, die noch in sehr später Zeit zum Umrühren verwendet wurden) angestochen, abgezogen und dann über die Halde geworfen, darum ist die Sohlenfläche dieser Schlackenklötze platt. Einer derselben ist vollständig erhalten und der Neigungswinkel des unverletzten Eindruckes der Abhebestange zur Sohle entspricht genau der Stellung des Arbeiters bei dieser Verrichtung. Da es mir möglich werden dürfte, im nächsten Sommer mehrere der großen Schlackenhaufen zu durchgraben, so können wir noch manche interessante Aufschlüsse, insbesondere über den noch nicht völlig aufgeklärten Schmelz- Proceß erwarten.“253 M. Much vermutet, dass das Bergwerk bereits zur Zeit der Pfahlbauten im Seengebiet Oberösterreichs und Salzburgs bestand und auch noch bis zur Römerherrschaft bestanden hat.254 Matthäus Much war sich der großen Bedeutung der prähistorischen Funde am Mitterberg wohl bewußt. Auf dem X. Kongress der deutschen anthroplogischen Gesellschaft in Strassburg im August 1879 hält er einen Vortrag mit dem Thema: Über Kupfergruben im Noricum in prähistorischer Zeit. „Als gesichertes Resultat meiner Untersuchungen darf wohl betrachtet werden, dass schon lange vor der Ankunft der Römer in den norischen Bergen Kupfererze gegraben und Kupfer ausgeschmolzen wurde unter Anwendung von Geräthen und Werkzeugen, aus Stein, Holz und Kupfer und daß insbesondere auf dem Mitterberg, auf der Kelchalpe, auf dem Schattberg bei Kitzbüchel, wahrscheinlich auch im Leogangthale und in den Schladminger Thälern sich prähistorische Kupferwerke befunden haben, deren Bestand zum Theile vielleicht bis in die Zeit der oberösterreichischen Pfahlbauten, zum Theile gewiss bis in die Zeit des Hallstätter Grabfeldes zurückreicht.255 „… so kommen Sie zur Ueberzeu- 253 Much, 1879, S. XVIII 254 Much, 1879, S. XXII 255 Much, 1879 (1), Seite 108 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 144 gung, dass in diesem Theile der Alpen vor Beginn der Römerherrschaft eine fleissige, Bergbau verschiedenster Art betreibende Bevölkerung sesshaft gewesen ist, und auf Grund dieses Resultats werden wir wohl auch die prähistorischen Verhältnisse der Nachbarländer beurteilen müssen.“256 Bei der II. Versammlung österreichischer Anthropologen und Urgeschichtsforscher vom 12. bis 14. August 1881, an der auch viele Besucher der XII. Versammlung der deutschen Anthropologischen Gesellschaft zu Regensburg teilnehmen, leitet M. Much die zunächst zum Dürnberg bei Hallein führende Exkursion. Auf der sie „Dank der liebenswürdigen Zuvorkommenheit unseres Führers, des Herrn Bergverwalters, jene Theile der Salzlagerstätten zu sehen bekamen, welche in der That schon von Kelten ausgebeutet wurden, wofür die Unzahl der Holzstücke, Leuchtspäne, eines Beilschaftes u.s.w., die, im Salzgestein fest eingeschlossen, von uns mit Händen gegriffen werden konnten, unwiderlegliches Zeugniss abgaben. Ein eigener Raum bewahrt übrigens, einem unterirdischen Museum vergleichbar, noch eine weitere Anzahl von Fundstücken allerlei Art aus jener frühen Zeit.“257 Salzbergwerk Dürnberg, PostkartensammlungMuch, Privatbesitz D. Marx Rückseitige Beschriftung der obigen Postkarte, Postkartensammlung Much, Privatbesitz D.Marx Abbildung 116 Abbildung 117 256 Much, 1879 (1), Seite 108 257 Much, 1882, Seite 71 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 145 In strömendem Regen geht es dann weiter nach Bischofshofen und zum Götschenberg, um dort eine Versuchsgrabung auszuführen, die leider nicht sehr erfolgreich war. „*) Die Ausgrabungen wurden in den nächsten Tagen fortgesetzt, wobei fast die ganze Oberfläche des Hügels abgehoben wurde; sie ergaben ein ebenso reiches als interessantes Resultat, indem durch sie eine vollständige Werkstätte von polierten Steingeräthen blossgelegt wurde. Es fanden sich nicht nur vollständig fertiggestellte Beile aus Serpentin, sondern auch ganz rohe Serpentinstücke, die hier bodenfremd, ohne Zweifel auf den Schuttbänken der nahen Salzach aufgelesen waren. Zwischen diesen rohen unveränderten Stücken und den auf das Feinste polierten Beilen fanden sich zahlreiche Stücke in allen Stadien der Bearbeitung, grob zerbrochene Stücke, Stücke mit Sägeschnitten, roh zugehauene Beile, die kaum die Form erkennen lassen, bis zu jenen, die nur noch des Schliffes warteten, ja zum Theile bereits angeschliffen waren. Dazwischen lagen Klopf- oder Arbeitssteine, Schleifsteine, vollständige Getreidemühlen und Topfscherben aller Art, darunter die überwiegende Zahl von demselben Typus wie die Gefässe der oberösterreichischen Pfahlbauten, Thierknochen, aber auch Eisen und Scherben von glasiertem modernen Geschirre. Über den ganzen Fund wird nachträglich berichtet werden.“258 Der Götschenberg und seine Funde, Kronprinzenwerk, Österreich-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Oberösterreich und Salzburg, Wien 1889, Charlemont, 1889(1) Abbildung 118 258 Much, 1882, Seite 72 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 146 Gedenktafel unterhalb des Götschenberg 2018, Foto AutorAbbildung 119 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 147 „Eine kleine Schaar von Theilnehmern hatte sich entschlossen, dem Wetter Trotz zu bieten, und folgte muthig der Führung unseres Freundes, des Bergverwalters Pirchl, nach Mühlbach und auf den Mitterberg. Sie berichteten voller Befriedigung über den überaus herzlichen Empfang, welcher ihnen zu Theil geworden, aber uns Allen gegolten hat.“259 „… die Funde welche, im Verlauf der Jahre gesammelt worden, waren in einem eigenen Locale vereinigt und aufgestellt und alle Vorbereitungen zur Besichtigung der prähistorischen Kupfergruben über Tag, sowie zur Einfahrt in die Stollen und Schächte des alten Mannes unter Tag getroffen. Pirchl, wenn gleich auf das Schmerzlichste durch den Umstand berührt, dass nicht Alle an dem Theil haben konnten, was er uns Allen freundlichen Herzens vermeint hatte, war unermüdlich in der Führung auf seinem Terrain, welches zur Kenntniss der Culturgeschichte unserer Länder so wichtige Beiträge geliefert hat.“260 Mitterberg mit Mandlwand, Foto von A.v. Scheinecker, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Abbildung 120 259 Much, 1882, Seite 72 260 Much, 1882, Seite 72 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 148 Gasthof Kirchberger in Mühlbach, in dem bei der Exkursion 1905 die „Teilnehmer beim gemeinsamen Mittagsmahle“261 saßen, Foto von A.V. Scheinecker, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Gebäude auf dem Mitterberg, Foto von A.v. Scheinecker, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Abbildung 121 Abbildung 122 261 Ranke, 1906, S. 144 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 149 Die IV. Gemeinsame Versammlung der Deutschen und Wiener anthropologischen Gesellschaft (August 1905 in Salzburg) ist mit Ausflügen nach Reichenhall, Hallein, Berchtesgaden, Mitterberg, Dalmatien und Bosnien verbunden.262 M. Much hält dort einen Vortrag über die erste Besiedlung der Alpen durch die Menschen, sein Sohn Rudolf referiert zur vorgeschichtlichen Ethnologie der Alpenländer. „Die Vorbereitungen für die Exkursion auf den Mitterberg hatte Reg.-Rat Dr. Much und jene für die Reise nach Dalmatien und Bosnien hatte der zweite Sekretär der Wiener anthrolpogischen Gesellschaft, Dr. L. Bouchal, getroffen.“263 „Der Morgen des 31. August war regnerisch und ließ die geplante Exkursion zu den prähistorischen Kupfergruben auf dem Mitterberg bei Bischofshofen kaum möglich erscheinen, so daß der Führer der Exkursion, Dr. M. Much, seine Bedenken gegen einen die Durchführbarkeit sichernden Bestand des Wetters nicht zu unterdrücken vermochte. Mittags hatte der Himmel sich soweit aufgeklärt, daß Dr. Much, vorläufig allein auf dem Wege zum bezeichneten Ziele, ein Gelingen, wenigstens in der Hauptsache, telegraphisch in Aussicht stellen konnte, und so fanden sich denn die wegen der Schwierigkeit der Unterbringung in den Gasthäusern und der Wagenbeförderung durch das Mühlbachthal auf eine Zahl von fünfzig beschränkten Theilnehmer auf dem Bahnhof in Salzburg vollzählig ein.“264 Zu den Teilnehmern der gesamten Exkursion gehören auch Prof. Dr. Hans Virchow und seine Frau, Pfarrer Lambert Karner nimmt nur bis Bischofshofen teil.265 Die Teilnehmerliste, geführt von Dr. Pilsack, dem Geschäftsführer der Salzburger Abteilung der Anthropologischen Gesellschaft, befindet sich in der schon erwähnten Dokumentenmappe. Bei seinem Kuraufenthalt im Warmbad Villach im Juni 1900 wurde M. Much vom „Curarzt Dr. Anton Pilsack“ eingeladen.266 262 Ranke, 1906 263 Ranke, 1906, S. 137 264 Ranke, 1906, S. 143 265 Ranke, 1906, S. 143 266 Dukomappe, Nachlass M.Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig, Visitenkarte 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 150 Teilnehmerliste für den Ausflug zum Mitterberg vom 31.8. unds 1.9.1905, Seite 1, Dokumentenmappe Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 123 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 151 Teilnehmerliste s.o. Seite 2Abbildung 124 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 152 Teilnehmerliste, s.o. Seite 3Abbildung 125 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 153 „Auf dem Bahnhofe in Bischofshofen wurden die nach 4 Uhr nachmittags Angekommenen von Dr. M. Much und Verwalter Pirchl begrüßt, in ihre Quartiere geleitet und sodann zu dem zweifach umwallten, tumulusförmigen ‚Götschenberg‘ geführt, wo Dr. Much Gelegenheit fand, alles Tatsächliche über diese merkwürdige prähistorische Stätte mitzuteilen…“267 „Der Abend vereinigte sodann die wissenschaftlichen Ausflügler, die Gemeindevorstehung, die Staats-, Eisenbahn- und Gewerkschafsbeamten mit ihren Frauen, zusammen etwa 120 Teilnehmer, im Saale von Böcklingers Gasthof, wo Verwalter Pirchl nach dem Abendbrote die Erschienenen namens der Mitterberger Kupfergewerkschaft auf das freundlichste begrüßte und darlegte, wie die Überreste eines uralten Bergbaues gesammelt und zur wissenschaftlichen Geltung gebracht wurden. Nachdem auch der Bürgermeister Mitmesser die Versammlung begrüßt hatte, ergriff Dr. Much das Wort, um zunächst die Verdienste des verstorbenen Bergverwalters Pirchl hervorzuheben, der zuerst diesen Überresten eine freundliche Pflege zuteil werden ließ. Hierauf erläuterte er an der Hand der vorgezeigten Fundtypen den gesamtem Bergbau- und Hüttenbetrieb und sein prähistorisches Alter, …“268 (Es gab Vater und Sohn Pirchl, die nacheinander Verwalter auf dem Mitterberg waren.) Die Fahrt von Bischofshofen nach Mühlbach erfolgt mit Pferdewagen, wegen der Enge der Straße wird diese für den anderweitigen Wagenverkehr gesperrt. „So gelangten alle wohlgemut und bei angenehmsten Wetter nach Mühlbach, wo man sich sofort zur Drahtseilbahn, sog. „Bremsberg“, begab, die dem Personenverkehr sonst nicht zugänglich, von der Bergverwaltung in bereitwilligster Weise zur Verfügung gestellt wurde und es ermöglichte, zwei Drittel des Weges bis zum 1513 Meter hoch gelegenen Bergwirtshause in ebenso bequemer als eigenartiger und reizender Weise zurückzulegen. Auch die Drahtseilbahnen wurden für diese Zeit zur Erzförderung nicht benützt und für die Gäste vorbehalten. Leider hatte sich inzwischen das Wetter unfreundlicher gestaltet, so daß der hohe landschaftliche Reiz, den die nun erreichte Gebirgswelt hier entfaltet, zum größten Teil verloren ging; doch konnte der Führer der Exkursion ungehindert auf die ersten Spuren des prähistorischen Bergbaues, die Aufbereitungshalden mit ihren vereinzelten Resten von Kupfererz aufmerksam machen und zu dem alten, noch erhaltenen, 80 Meter tiefen Schacht sowie zu den ersten trichterförmigen Einbrüchen (Pingen) der alten Stollen geleiten. Als man das gewerkschaftliche Gasthaus erreichte, rieselte ein zwar feiner, aber trotzdem unangenehmer Regen vom Himmel, was um so bedauerlicher war, als nun gerade der lehrreichste und interessanteste Teil, der Pingenzug, zur Besichtigung gelangen sollte. Indes ließ sich der Eifer der Ausflügler nicht abschrecken, deren überwiegende Mehrzahl nun dem Verwalter Pirchl dorthin folgte. Der Himmel machte es schließlich doch gnädig; er sperrte bald die Schleusen, ließ die gewaltigen Felsmauern der Übergossenen Alm hervortreten und gestattete, den Weg zur Widrachalm ohne Regen zurückzulegen. Unter dieser Alm wurde noch einer der alten Schmelzplätze in Augenschein genommen, wo bei der Abhebung des Rasens vor den Teilnehmern eine 267 Ranke, 1906, S. 143 268 Ranke, 1906, S. 143 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 154 massenhafte Anhäufung von Schlacke und durchgeglüht gewesene Steintrümmer eines Schmelzofens zum Vorschein kamen. Hier sei eingeschaltet, daß die später fortgesetzte Aufdeckung hunderte von Schlackenklötzen, einen Erz- und einen Kohlenvorrat und tierische Knochen zutage förderte.“269 Anhand von auf dem Mitterberg gefundenen Kupfergegenständen weist M. Much nach, dass es sich bei der Aufbereitung und Verhüttung des Kupfers in alter Zeit zwar um ein einfaches Verfahren handelt, dass aber die Zusammensetzung des historischen Kupfers nur sehr gering von der Zusammensetzung des damals neu gewonnenen Kupfers abweicht.270 Nach Matthäus Much beschäftigen sich O. Klose271 und Dr. Georg Kyrle272 mit der Geschichte des Kupferbergbaues am Mitterberg. Ein umfassendes Werk über das urzeitliche Bergbaugebiet von Mühlbach-Bischofshofen verfassen Karl Zoschke und Ernst Preuschen, dieses mit Beiträgen von Richard Pittioni, Franz Firbas, Josef Kisser und Fritz Netolitzky versehene Werk erscheint im Selbstverlag der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 1932. Waschwerk bei Mühlbach, rechts ist der "Bremsberg" mit der Seilbahn zu sehen, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Gewidmet wird dieses Werk Rudolf Much zu seinem 70. Geburtstag. Im Vorwort heißt es: „Wir schätzen uns glücklich, daß wir ihm zu seinem Geburtstage einen Berg- Abbildung 126 269 Ranke, 1906, S. 143–144 270 Much, 1886, S. 106 271 Klose, 1918 272 Kyrle, 1918 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 155 bau-Band darbringen können. Sein Vater schon hat urzeitlichem Bergbaue lebhafte Anteilnahme angedeihen lassen und in seiner Erforschung Bedeutendes geleistet. Wie urgeschichtliches Interesse im allgemeinen ist auch solches für urzeitlichen Bergbau auf den Sohn übergegangen. So erweitert sich die Ehrung für den Sohn unausgesprochen auch zu einer für den Vater, uns um so lieber, als auch Dr. Matthäus Much mit der Anthropologischen Gesellschaft enge verknüpft war.“273 Zu den Vorausbestellern gehören unter anderen P. Radacher, der Besitzer des Arthurhauses auf dem Mitterberg, das Urgeschichtliche Institut der Universität Wien, das Bundesdenkmalamt Wien, die Marktgemeinde Bischofshofen, das Archäologische Institut des Deutschen Reiches in Frankfurt am Main, die Universitätsbibliothek in Halle an der Saale, das Seminar für Urgeschichte der Deutschen Universität in Prag und viele andere.274 Zoschke und Preuschen versuchten, die gesamte Bergbau-, Aufbereitungs- und Verhüttungstechnologie zu ergründen. Arbeitskräfte- und Holzbedarf, die Förderleistung sowie die Kupferproduktionsmenge werden überschläglich ermittelt. Nach ihren Berechnungen wurden auf dem Mitterberg zur prähistorischen Zeit ca. 20.000 t Kupfer produziert.275 Über das Alter des Kupferbergbaus wurde lange Zeit diskutiert. Nach neuesten Erkenntnissen bestehen prähistorische Bronzen seit der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. aus Kupfer vom „Typ Mitterberg“. 276 Weitere Pioniere bei der Erforschung der prähistorischen Kupfergewinnung im Alpenraum sind Richard Pittioni und Heinz Neuninger. „Der Sonderforschungsbereich „HiMAT“ ermöglicht seit 2007 ein neues, auf 10 Jahre angelegtes Projekt zum bronzezeitlichen Haupterzeuger für Kupfer im Alpenraum, dem Mitterberg. HiMAT verband zwischen 2007 und 2011 insgesamt 14 Projekte und wird durch den Fond zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung Österreich (FWF) gefördert. Diverse Nachfolgeprojekte sichern seit 2011 die Fortführung der Forschungsaktivitäten und die Ausweitung auf die Landschaft Südtirol.“277 Am Mitterberg wird diese Forschung von Prof. Dr. Stöllner geleitet. Seine Forschergruppe findet 2010 einen Nassaufbereitungskasten am Troiboden. Die dendrochronologischen Untersuchungen ergeben, dass die Hölzer aus der Zeit von 1614 bis 1375 v.Chr. stammen.278 273 Franz, 1932, S. IV 274 Zschocke, Preuschen, 1932, S. VI 275 Zschocke, Preuschen, 1932, S. 135 276 2017, www.ruhr-uni-bochum.de/archaeologie/forschung/projekte/mitterberg.html.de, 14.10.2017 277 2017, www.ruhr-uni-bochum.de/archaeologie/forschung/projekte/mitterberg.html.de, 14.10.2017 278 Stöllner, 2010 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 156 Deckblatt der 4 Seiten umfassenden Werbung für das Buch "Das urzeitliche Bergbaugebiet…" Privatbesitz Autor Abbildung 127 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 157 Zurück zu Matthäus Much. Dieser hat durch sein Buch „Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältnis zur Cultur der Indogermanen“, 1. Auflage 1886, 2. Auflage 1893 die Grundlage für die Einführung einer zusätzlichen Metallzeit in der Urgeschichte geschaffen. Der Begriff „Kupferzeit“ für die Epoche des Überganges von der Steinzeit zur Bronzezeit geht auf ihn zurück. Er stellt Artefakte aus reinem Kupfer aus ganz Europa zusammen und belegt mit 22 Analysen, dass diese kein Zinn enthalten. Die geringe Anzahl der reinen Kupferwerkzeuge begründet er damit, dass es mit dem Aufkommen der Bronze sehr leicht war, die vorhandenen Kupfergeräte umzuschmelzen, und so gingen sie verloren. „Alle diese Funde veranlaßten mich damals, Umschau zu halten, wie sich die Verhältnisse anderwärts gestaltet haben, und da zeigten sich mir überall dieselben, meist einfachen und ursprünglichen Formen von Gerät aus reinem, d. i. nicht absichtlich gemischten Kupfer neben Werkzeugen aus Stein und Knochen, überall in Europa, ja auch am Hellespont, am Euphrat und Nil das gleiche Kulturbild, das sich mit dem, vielleicht nicht ganz zutreffenden, aber kaum mit einem besseren Namen, als dem der Kupferzeit bezeichnen läßt.“279 Nach Martin Trachsel wird heute in ein Jungneolithikum/ Frühe Kupferzeit (ca. 4300–3300 v.Chr.) und in ein Spätneolithikum/ Späte Kupferzeit (ca. 3300–2200 v.Chr.) unterschieden.280 Weltberühmte Funde wie die Himmelsscheibe aus Nebra und das Kupferbeil des „Ötzi“ bestehen aus Kupfer des prähistorischen Bergbaues am Mitterberg. „Ernst Pernicka schloss mit einer Datenbank von 50.000 vorgeschichtlichen Erzminen in Europa auf die Herkunft des Kupfers der Himmelsscheibe aus Erzminen im heutigen Österreich (Lagerstätte vom Mitterberg bei Salzburg).“281 Bei dem Kupferbeil der Gletschermumie vom Hauslabjoch („Ötzi“) war man sich zunächst ziemlich sicher, dass der Rohstoff im 4. Jahrtausend v. Chr. im Salzburger Land gewonnen wurde. Inzwischen gibt es aber auch Vermutungen, dass das Kupfererz aus der südlichen Toskana stammen könnte.282 279 Much, 1893 280 Trachsel,2008, S. 62–64 281 Wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra, 16.11.2017 282 www.iceman.it/de/ausrüstung, 28.11.2017 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 158 Torfstich auf dem Mitterberg, es wurde Brennmaterial für die Mitarbeiter gewonnen, Foto A.v. Scheinecker, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Anmerkung: Über der Fotographen A. v. Scheinecker konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen. Abbildung 128 4.5 Erforschung des Prähistorischen Bergbaues in den Alpen 159 Die Schaffung der „Sammlung Much“ M. Much in seiner Sammlung, vermutlich in der Josefgasse 6, 1889, Nachlass Gerda Becker 4.6 Abbildung 129 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 160 Matthäus Much legt im Laufe seines Lebens eine wertvolle Sammlung prähistorischer Fundstücke an. In seinem Testament verfügt er unter Punkt 10. „Meine prähistorische Sammlung vermache ich meinem Sohn Rudolf mit der Mahnung. Eingedenk zu sein, dass sie das Lebenswerk seines Vaters ist und daß er sich verpflichtet halte, sie in geeigneter Ordnung zu bewahren und in wohl konserviertem Zustande zu erhalten. Zu diesem Zwecke soll der Raum, in dem sie sich gegenwärtig befindet auch fernerhin und solange es mein Sohn für zweckmäßig erachtet gewidmet bleiben ohne daß es für ihn irgend eine Miete an wen immer zu geben haben soll.“283 „Ich verpflichte diesen meinen Sohn über diese Sammlung nur im Einvernehmen und mit Zustimmung meiner Tochter und im Falle ihres früheren Ablebens des gesetzlichen Vertreters ihrer Kinder zu verfügen, sei es, daß sie einem ihrer Kinder vererbt, oder einer öffentlichen Sammlung geschenkterweise einverleibt oder gegen Entgelt veräußert wird.“284 Bereits zwei Jahre nach dem Tode von M. Much soll es bereits zum Verkauf der Sammlung kommen. Unter dem Titel „Verkauf der Sammlung Much an Deutschland?“ erscheint folgender Artikel 1912 in der Reichspost: „Wie verlautet, besteht die größte Gefahr, daß die prähistorische Sammlung Much, wohl die bedeutendste Privatsammlung ihrer Art in Österreich und Deutschland, den Weg ins Ausland nimmt. Dr. Matthäus Much, ihr Schöpfer hinterließ einen Sohn, der Universitätsprofessor in Wien ist, und eine Tochter, die in Deutschland verheiratet ist. Daß diese beiden die Sammlung nicht behalten würden, war schon lange bekannt. Inzwischen ist von ihnen, da ein Angebot von österreichischer Seite nicht erfolgte, ein solches eines reichsdeutschen Museums angenommen worden unter Wahrung einer halbjährigen Vorkaufsfrist für das Wiener Hofmuseum, die aber mit dem 1. April – wie es scheint – ungenützt zu Ende geht. Von fachmännischer Seite wird uns hiezu mitgeteilt, daß obige Darstellung den Tatsachen entspricht. Dr. Matthäus Much ist einer der Begründer der österreichischen Urgeschichtsforschung und hat in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zumeist durch erfolgreiche Grabungen seine wahrhaft großartige Sammlung zustandegebracht, die neben derjenigen des Wiener Hofmuseums als die bedeutendste für prähistorische Archäologie unserer Alpenländer bezeichnet werden muß; ja, was Reste aus den Pfahlbauten betrifft, steht sie überhaupt bei uns unerreicht da. Schon zu einer Zeit, als die Baggerungen Dr. Muchs im Mondsee noch lange nicht zum Abschluß gekommen waren, wurden die mit außerordentlicher Mühe und Sorgfalt gehobenen Funde von Munro in seinem Buche „The Lakedwellings of Europe“ als eine der instruktivsten Sammlungen von Pfahlbaualtertümern in Europa bezeichnet. Neben Geräten und Waffen aus Stein, Bein, Kupfer und neben Tongefäßen hat Dr. Much aus den Kulturschichten Holzsachen und Speisereste der verschiedensten Art wie Tierknochen, verkohlte Getreideähren, Brote, Äpfel, Haselnüsse u.a.m. geborgen und uns einen tieferen Einblick in die Lebensführung der Pfahlbauleute tun lassen, als man für möglich gehalten hätte. Im übrigen seien aus den Beständen der Sammlung, um nur besonders Wichtiges zu erwähnen, die Grabhügelfunde aus Niederösterreich und die Funde aus den prähistorischen Bergwerken Salzburgs 283 Verlassenschaftsakte von Matthäus Much (WStLA,BG Hietzing: 2a 1825/1909) 284 Verlassenschaftsakte von Matthäus Much (WStLA,BG Hietzing: 2a 1825/1909) 4.6 Die Schaffung der „Sammlung Much“ 161 und Tirols genannt. Der Betrag, um den diese Sammlung jetzt in wenigen Tagen verkauft werden soll, und zwar ins Ausland, wenn von dem Vorkaufsrecht kein Gebrauch gemacht wird, ist gewiß im Verhältnis zu dem Werte der Sammlung kein unerschwinglicher. Alle diese Dinge sind den kompetenten Behörden bekannt; man hat aber nicht bemerkt, daß diese ernste Schritte eingeleitet hätten, um den Abgang der Sammlung ins Ausland, der einen unersetzlichen Verlust für die österreichische Wissenschaft bedeuten würde, zu verhindern. Nach unserer Ansicht hätte in einem solchen Falle einfach der Staat die Pflicht, als Käufer aufzutreten. Wir hoffen, daß diese Mahnung die maßgebenden Herren in letzter Stunde zu einer entscheidenden Tat aufrüttelt.“285 Gerade noch rechtzeitig kauft das Unterrichtsministerium im April 1912 die Sammlung Much. „Das Unterrichtsministerium veranlaßte die Unterbringung der Sammlung im Haus Wasagasse 4, wo das kunsthistorische Institut eine Wohnung gemietet hatte. Die Überführung des Materials von Hietzing wurde dem Prähistoriker des Denkmalamtes G. Kyrle übertragen. Die Sammlung wurde in sechs Räume aufgeteilt. Die Vitrinen des ersten Saales enthielten hauptsächlich Funde aus niederösterreichischen Siedlungsplätzen, wie Stillfried, Buhuberg, Vitusberg bei Eggenburg, Bisamberg, Großweikersdorf, Roggendorf, Kronberg u.a. Außerdem waren noch Artefakte aus Willendorf, Predmost, der Byciskalahöhle und Vergleichsobjekte aus der BRD, Frankreich, Ägypten, Rügen und Dänemark untergebracht. Der zweite Raum, das sogenannte Pfahlbauzimmer, beherbergte Funde aus den Pfahlbausiedlungen Mondsee, Attersee und Laibacher Moor, außerdem noch Stücke aus dem schweizerischen Pfahlbau von Robenhausen und dem italienischen von Peschiera. Im dritten Zimmer befanden sich Bergbaufunde, in der Hauptsache von den Kupfergruben am Mitterberg bei Bischofshofen und von der Kelchalpe bei Kitzbühl. Es fanden sich auch noch verschiedene Funde aus Mähren, Krain, Böhmen, Lengyel, Polen, Zypern, Troja und aus Briquetage in Lothringen ein. Der vierte Raum war das sogenannte Hallstattzimmer mit Objekten aus Hallstatt selbst, die Much vom oberösterreichischen Sammler Ramsauer erworben hatte. Ferner die Inventare der Tumuli von Bullendorf, Bernhardstal und Rabensburg. Der fünfte Raum diente als Arbeitszimmer und barg lediglich ethnologisches Vergleichsmaterial aus der Türkei, Mexiko und Nordamerika. Im sechsten Raum waren jene Objekte untergebracht, die ohne Fundortbestimmung waren. Dieser Standort der Sammlung in der Wasagasse 4 war der aufwendigste, den diese je eingenommen hatte. Bei der vorhergehenden Unterbringung in der Penzingerstrasse 84, in Hietzing, war die Sammlung lediglich in drei Räumen, von denen der mittlere eine Front von acht Fenstern hatte, untergebracht und zumeist in Pultkästen aufgestellt. Hier fand 1899 eine Exkursion des Wissenschaftlichen Klub in Wien unter der Führung von M. Much statt: „Am 12.11.1899 fand sich eine größere Anzahl unserer Mitglieder im Hause des Herrn Dr. Much in Penzing ein und wurde von demselben im Bibliothekszimmer empfangen. Herr Dr. Much begrüßte vorerst die erschienenen Gäste und erörterte hierauf in einem kurzen, klar und präzis gehaltenen Vortrage 285 Reichspost, Nr. 134, Wien, Donnerstag den 21. März 1912, Seite 5 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 162 über die vorgeschichtlichen Perioden die Gesichtspunkte, von welchen aus seine Sammlung zu besichtigen und zu studieren ist, worauf sich die Gesellschaft in die Aufstellungsräumlichkeiten selbst verfügte. Wir verweilten an zwei Stunden in denselben, während welcher Zeit Herr Dr. Much in eingehender, höchst anregender Weise die ausgestellten Gegenstände erklärte“ (N.N, 1900, 6).“286 Seit 1896 bewohnt die Familie Much das Haus in der Penzingerstraße 84, das im Dezember 1894 von Herrn Dr. Carl Habietinek (Präsident des k.k. obersten Gerichtshofes) gekauft wurde.287 Bemerkenswert ist, dass das erworbene Haus abgerissen und anschließend innerhalb eines Jahres neu errichtet wurde. Im Oktober 1895 wird die Planänderung genehmigt, die auf der Gartenseite die Errichtung eines dritten Stockwerkes zur Unterbringung des Museums vorsieht.288 Glückwünsche wurden Much in einem Brief vom 30.01.1897 „für die neu aufgestellte Sammlung“ von Georg Steinmetz vom historischen Verein in Regensburg übermittelt.289 Grundriss Dachboden Penzigerstraße 84 nach Planänderung290, Foto R. WirthigAbbildung 130 286 Krause, 1988, Seite 15–17 287 Windischbauer, 2002, S. 58, 133.977 288 Magistratisches Bezirksamt für den XIII. Bezirk der k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt, G.Z.5948 ex 95 vom 16. März 1895 289 Windischbauer, 2002, S. 191, 134.708 290 MA37 Magistrat der Stadt Wien, Aktensammlung zum Haus Penzingerstr. 84, Baugenehmigung GZ 5948ex95 vom 16. März 1895, abgeändert mit GZ 30828ex95 vom 19. Oktober 1895, die Abänderung betrifft die Errichtung eines 3. Stockwerkes gartenseitig zur Aufnahme der archäologischen Sammlung 4.6 Die Schaffung der „Sammlung Much“ 163 Querschnitt Penzingerstr. 84, im Dachgeschoß rechts der Raum für die Sammlung291, Foto R. Wirthig Dies war allerdings nicht die erste Besichtigung der Sammlung Much durch Fachkollegen. Bei der gemeinsamen Versammlung der Deutschen und der Wiener anthropologischen Gesellschaft in Wien im August 1889 findet sich am Freitag den 9. August die Besichtigung der „außerordentlich reichen, altberühmten prähistorischen Privatsammlung des Herrn Dr. M. Much“292 als ein Tagesordnungspunkt. Im Bericht über den äußeren Verlauf der Veranstaltung heißt es: „Das Hofmuseum wird in wichtiger Weise ergänzt durch die Privatsammlung des hochverdienten Prähistorikers Herrn Dr. M. Much, für welche dieser in seinem Hause ein eigenes schönes Museum eingerichtet hat. Muchs Sammlung gibt durch klassische Stücke z. Th. sehr reich eine Übersicht über die gesamte Vorgeschichte, ihren eigentlichen Grundstock bilden aber Abbildung 131 291 Wie zuvor 292 Ranke, 1889, S. 66 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 164 einerseits die von dem Besitzer selbst gehobenen Schätze aus den Hügelgräbern, namentlich Niederösterreichs, andererseits der Gesamtfund aus dem so überaus reichen Pfahlbau der Stein- und Kupferzeit des Mondsees. Die Aufstellung und Conservierung ist eine nicht genug zu rühmende.“293 Auch der Wiener Alterthums-Verein und ebenso Rudolf Virchow interessieren sich für die Sammlung Much.294 Im Jahre 1903 werden am 14.03. und 30.03. „Wiener Kunstwanderungen“ veranstaltet. Auf dem Programm stehen neben der akademischen Bildergalerie bzw. dem Lustschloss Schönbrunn jeweils auch ein Besuch der Prähistorischen Sammlung des Dr. M. Much in der Penzingerstraße 84.295 Einladung zur Besichtigung der prähistorischen Sammlung, am 28. April 1901, Dokumentenmappe Much, Privatbesitz K.u.R. Wirthig Abbildung 132 293 ebenda, S. 70 294 Windischbauer, 2002, S. 213, 126.094 295 Wiener Zeitung, vom 14. März 1903, Seite 5, und Wiener Zeitung, vom 29. März 1903, Seite 7 4.6 Die Schaffung der „Sammlung Much“ 165 Wohnhaus der Familie Much, Penzingerstraße 84, April 1906, im Fenster unten links Maria Much(Ehefrau), neben ihr Emilie Scheibellauer (Cousine von M.Much), oben drei Mädchen, zwei davon wahrscheinlich Töchter von Marie Brukner, geb.Much und M. Much im Hintergrund; auf dem Dachboden, der zur Gartenseite ausgebaut ist, war die Sammlung untergebracht, die Postkarte war gerichtet an Irmgard Brukner, Nachlass Waltraud Hahn Bis 1896 ist die Sammlung im Stammhaus der Kiendlschen Fabrik im 8. Bezirk, Josefgasse 6, untergebracht. Dr. Julius Naue (München) stellt in „Prähistorische Blätter“ Nr. 5 von 1889 die Sammlung vorgeschichtlicher Fundgegenstände des Herrn Dr. M. Much in Wien vor und verwendet einen von Matthäus Much selbst erstellten Bericht. Naue dankt in einem Brief an Much vom 14.10.1889 „für den Bericht über Muchs Abbildung 133 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 166 Sammlung“.296 Die Sammlung ist „soweit es möglich war, chronologisch und in offenen Kästen aufgestellt, doch reicht der an sich günstige und gutbeleuchtete, 17 m lange und 4 m breite, Raum schon lange nicht mehr aus, alles möglichst bequem sichtbar zu machen, ja selbst nur aufzunehmen, da manches schon anderwärts aufbewahrt werden muss.“297 „… das erste Stück seiner Sammlung ist ein breitnackiges, gut poliertes Steinbeil aus dunkelgrauem Quarzit, welches er aus dem Nachlass des am 24.04.1868 verstorbenen Bildhauers Hans Gasser erwarb. Weitere Erwerbungen durch Ankauf waren Pfahlbaufunde aus Robenhausen (von Messikomer) Schweiz und von Peschiera im Gardasee, weiters nordische Steinwerkzeuge von dem dänischen Altertumshändler Henriquez 1873. In der Folge aber waren seine Aufsammlungen fast nur Begleiterscheinungen seiner Forschungstätigkeit, …“ 298 In der Sammlung befinden sich auch „einige hundert aus der Verlassenschaft Ramsauers herrührende Gegenstände des Hallstätter Grabfeldes selbst“.299 „M. Much übernahm auch urgeschichtliche Gegenstände in Kommission und verkaufte diese wieder;“300 Von diesem Handel mit prähistorischen Gütern zeugt der Schriftverkehr, den Majlath, Bela von Szekhely mit M. Much bzw. mit Anton Kiendl 1870/1871 führt. Danach hat auch ein verpreister Katalog existiert.301 Die 1912 nach Kyrle 24.000 Objekte umfassende Sammlung Much wird 1914 durch zahlreiche nordische Steinbeile aus der Sammlung Rudolf Much ergänzt. „1918 übernimmt Prof. Oswald Menghin nach dem Tod von Moritz Hoernes die Sammlung als Außerordentlicher Professor des Urgeschichtlichen Instituts der Universität Wien, wie es ab 4. Februar 1924 umbenannt worden ist. 1921 wurde die Privatsammlung Rudolf Böhmker, die die Sammlung Hofmann und auch Teile der Sammlung Windischgrätz umfasste, angekauft. Auch die Sammlung K. Hetzer sowie diverse kleinere ausländische Sammlungen werden durch Prof. Menghin in die Bestände aufgenommen. Bis 1945 umfasste die Institutssammlung rund 26.000 Orginalobjekte. Diese wurden allerdings während der Kriegsjahre teilweise stark beschädigt bzw. sogar zerstört. Nicht verlagerte Bestände wurden von Dr. Hancar vor dem Zugriff der Besatzungsmächte geschützt.“302 „1945/46 war man bereits in die Heßgasse 7/II, 1010 Wien, umgezogen, 1953 ging’s in die Hanuschgasse 3, 1010 Wien. Als das Institut 1962 in das Neue Institutsgebäude (NIG) der Universität Wien übersiedelte, benannte man nicht nur ein Jahr später das Institut auf „Institut für Ur- und Frühgeschichte“ um, sondern richtete in insgesamt sieben Räumen die Studiensammlung neu ein. Der derzeitige Vitrinenbestand stammt von dieser Neuaufstellung. Zahlreiche neue Fundbestände wurden vor allem in den Nachkriegsjahren von Prof. Pittioni per Literatur- und Schriftentausch 296 Windischbauer,2002, Korrespondenz Naue, Julius, Seite 137 297 Naue, 1889, Seite 67 298 Krause, 1988, Seite 18 299 Naue, 1889, Seite 67 300 Krause,1988, Seite 18 301 Windischbauer, 2002, S. 98–99 302 www.univie.ac.at/urgeschichte/abt/sammlung.html, 14.03.2006 4.6 Die Schaffung der „Sammlung Much“ 167 in die Studiensammlung integriert und ein umfassender und für Studienzwecke hervorragend geeigneter Lehrapparat geschaffen, dessen Anzahl bislang über 34.000 Objekte umfasst. Die jüngste Übersiedlung fand 1988 ins Archäologie-Zentrum statt. Gezielt wird die Studiensammlung im Rahmen der ur- und frühgeschichtlichen Bestimmungsübungen von Student/-innen genutzt. 1997 konnte eine neue Hintergrundgestaltung sowie eine Vitrinenbeleuchtung installiert werden, die im Rahmen einer Sonderausstellung anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung des West- und Süddeutschen Verbandes für Altertumsforschung und der Österreichischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte im Mai erstmals präsentiert worden ist.“303 Die Sammlung Much bildet weiterhin den Grundstock der Studiensammlung des Instituts für historische Archäologie und Urgeschichte und befindet sich gegenwärtig in der Franz-Klein- Gasse in Wien. Steinwerkzeuge der Sammlung Much, Universität Wien, Foto AutorAbbildung 134 303 www.univie.ac.at/urgeschichte/abt/sammlung.html, 14.03.2006 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 168 Steinwerkzeuge der Sammlung Much, Universität Wien, Foto Autor Steinwerkzeuge der Sammlung Much, Universität Wien, Foto Autor Abbildung 135 Abbildung 136 4.6 Die Schaffung der „Sammlung Much“ 169 Steinwerkzeuge der Sammlung Much, Universität Wien, Foto Autor Funde aus dem Mondsee, links Äpfel, Sammlung Much, Universität Wien, Foto Autor Abbildung 137 Abbildung 138 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 170 W. Krause schreibt, dass nach der Inventarliste des Instituts für Ur- und Frühgeschichte die Sammlung Much noch 17.800 Objekte umfasst.304 Wie groß die Sammlung Much wirklich einmal war ist nicht bekannt. Krause bemerkt dazu: „Auch scheinen Unklarheiten über den Verbleib der Sammlung auf (zutreten). „Anscheinend hat Much oft Stücke seiner Sammlung hergegeben oder eingetauscht, so daß sich Stücke aus der Muchschen Sammlung theoretisch in jedem grö- ßeren europäischen Museum finden können“ (M.Strohschneider, 1980,9). Much gab noch vor seinem Tode Teile seiner Sammlung dem Niederösterreichischen Landesmuseum; auch wurde ein bestimmter Teil der Sammlung nach dem Ersten Weltkrieg durch R. Much und L. Franz an das Museum Göteborg verkauft. Die Ablichtungen der Göteborger Museumsinventare mit entsprechenden Angaben und Verkaufspreisen wurden freundlicherweise Univ. Prof. Dr. F. Felgenhauer durch Doz. Dr. D. Selling übermittelt – Im Inventarbuch des Instituts für Ur- und Frühgeschichte ist bei den Nummern 1937–1984 Dänemark eingesetzt. Weiters befinden sich „Tongefäße, Urnen, Schalen und andere Beigefäße (1898, Dr. M. Much)“ im Römisch-Germanischen Zentralmuseum zu Mainz.“305 „1949 wurden rund 450 Gustostückerl vom Enkel Matthäus Muchs erworben. Heute werden in der Studiensammlung 20.230 Stk. als Bestandteil der Sammlung Much geführt, wovon rund 4500 vermutlich durch Kriegsschäden verloren gingen. Zahlreiche wichtige Fundkomplexe daraus wurden in den vergangenen 100 Jahren wissenschaftlich erforscht und publiziert und bildeten somit die Grundlage weiterer Forschungen.“306 „Die Funde aus Mondsee (6265 Stk.), Stillfried (2432 Stk.) und den Kupferbergwerken Mitterberg und Kelchalm (857 Stk.) nehmen heute noch eine herausragende Stellung in der Forschungsgeschichte ein.“307 Einen Eindruck von der Vielzahl an Artefakten aus der Sammlung Much kann man bei der Durchsicht des Kunsthistorischen Atlas von 1889 gewinnen. Auf 18 von 100 Tafeln sind 186 Gegenstände abgebildet, die sich „d.z. in der Priv. Samml. von M. Much in Wien“308 befinden. (Im Einzelnen sind dies: -auf Tafel I, Niederösterreich: 8 Objekte, darunter ein Stoßzahn vom Mammut; - auf Tafel IX, Niederösterreich: 21 Objekte; -auf Tafel XIII, Oberösterreich: 5 Objekte; -auf Tafel XV, Oberösterreich- Salzburg: 18 Objekte; -auf Tafel XVI, Oberösterreich-Salzburg: 8 Objekte; -auf Tafel XVII, Oberösterreich-Salzburg: 23 Objekte; -auf Tafel XIX, Salzburg-Tirol: 9 Objekte; -auf Tafel XXIV, Mähren-Niederösterreich, 5 Objekte; -auf Tafel XXV, Böhmen, 2 Objekte; -auf Tafel XXXVIII, Niederösterreich, 26 Objekte; -auf Tafel XXXIX, Niederösterreich, 19 Objekte; -auf Tafel LXX, Nieder- und Oberösterreich, ca. 20 Objekte; -auf Tafel LXXII, Niederösterreich, 13 Objekte; -auf Tafel LXXXIII, Salzburg, Götschenberg; -auf Tafel LXXXIX, Böhmen-Mähren-Niederösterreich, 1 Objekt; -auf Tafel XCIII, Niederösterreich-Salzburg, 5 Objekte; -auf Tafel XCIV, Tirol-Krain, 1 Objekt; -auf Tafel XCVI, Oberösterreich, 2 Objekte) 304 Krause, 1988, Seite 19 305 Krause, 1988, Seite 19–20 306 https://ufgsammlung.univie.ac.at/kataloge/kataloge-mitfreiem-zug. 307 https://ufgsammlung.univie.ac.at/kataloge/kataloge-mitfreiem-zug. 308 Helfert, 1889, Tafel I 4.6 Die Schaffung der „Sammlung Much“ 171 Sammlung Much, Foto im Besitz der Universität Wien, Ort u. Datum unbekannt, das Mobiliar scheint das Much'sche von 1889 zu sein, die Schilder nennen Berhardstal und Stillfried, Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Studiensammlung Abbildung 139 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 172 Weitere Forschungsgebiete, Publikationen und Vorträge Konservierung Erwähnenswert ist, dass sich M. Much mit den verschiedenen Möglichkeiten der Konservierung von metallischen und organischen Stoffen beschäftigt. „Von der K.K. Zentralkommission für Kunst- und historische Denkmäler wurde vom 10. bis 12. Oktober 1904 in Wien eine Enquete zur Konservierung von Kunstgegenständen einberufen. Als Tagungsort diente der „Parterresaal der k.k. Akademie der Wissenschaften am Universitätsplatz“, dem heutigen Dr.-Ignaz-Seipel-Platz.“ 309 „Demnach wurde durch die Zentralkommission und die Kustoden des Kunstgewerbemuseums beschlossen, dies Enquete international auszulegen und zahlreiche Vertreter ausländischer Museen einzuladen. So waren unter den 61 Teilnehmern internationale und nationale Experten des Museumswesens und der Denkmalpflege, …“310 Zum Beispiel auch Prof. Dr. Friedrich Rathgen aus Berlin, der seit 1888 bei den königlichen Museen in Berlin als Chemiker angestellt ist und sich dort besonders mit der „Konservierung von Alterthumsfunden“ beschäftigt und 1898 sein Buch mit dem Titel „Die Konservirung von Alterthumsfunden“ veröffentlicht.311 Diese Veranstaltung steht unter Leitung der k.k. Zentral-Kommission und deren Präsidenten Dr. Josef Alexander Freiherr von Helfert. Als sein Stellvertreter fungiert Dr. Matthäus Much.312 „Der knapp fünfzigseitige Tagungsbericht wurde als Manuskript gedruckt und nicht veröffentlicht. Eine Ausgabe davon befindet sich in der Bibliothek des Museums für angewandte Kunst. Die Teilnehmerliste und das Sachverzeichnis dieser Veranstaltung befinden sich als Abschrift im Anhang.“313 Bestandteil der Unterlagen ist ein erweiterter Fragebogen, aus dem eine rege Beteiligung von M. Much hervorgeht. Er beantwortet Fragen zu - Einfluß von Wärme und Feuchtigkeit auf Holz, - Konservierung von Holz, - Aufbewahrung von Musikinstrumenten, - Sprüngen im Holz und -Versand von feuchten Holzgegenständen.314 Er gibt Hinweise zu - Entfernung von Krusten auf Knochen, - Abspringen des Emails bei Zähnen, - Schutz von Eisen, - Patina von Bronze, Kupfer und Messing, - Behandlung von Blei. Auch zur Verpackung von Ton und Porzellan äußert er sich. Desweiteren gibt er Hinweise die Gefährdung von Glas durch Dünger, das Haften von Farbe auf Kalkstein, die Entfernung von Moosen und das Konservieren von Bernstein betreffend.315 Unbeantwortet bleiben einige Fragen die M. Much stellt. 4.7 4.7.1 309 Krack, 2012, Seite 89 310 Krack, 2012, Seite 90 311 Bracchi, 2014 312 Krack, 2012, Anhang, Seite 232 ff 313 Krack, 2012, Seite 90 314 Krack, 2012, Anhang, Seite 240–242 315 Krack, 2012, Anhang, Seite 242–257 4.7 Weitere Forschungsgebiete, Publikationen und Vorträge 173 Teilnehmerlister, Enquete Konservierung von Kunstgegenständen, Dokumentenmappe Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig So z.B.: „75 Wie sind bemalte prähstorische, besonders neolitische Tongefäße, bezw. Tongefäßscherben zu reinigen, da sehr oft schon beim bloßen Waschen auch die Farbe Abbildung 140 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 174 mitgeht, besonders wenn angesintert oder eine Kruste von Kalksinte darauf liegt? Wie die gereinigten Stücke konservieren? (Much)“316 „88 Wie ist antikes, irisierendes Glas zu behandeln, dessen, die Irisierung hervorrufende aus dünnen aufeinander gelagerten Blättchen bestehende Oberfläche schon beim Anblasen wegfliegt oder an den Fingern kleben bleibt? Wie zu reinigen? Wie zu konservieren? (Much)317 Fortsetzung der Telnehmerliste, Enquete, Dokumentenmappe Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig Abbildung 141 316 Krack, 2012, Anhang, Seite 248 317 Krack, 2012, Seite 250 4.7 Weitere Forschungsgebiete, Publikationen und Vorträge 175 Arbeitshilfen Eine von M. Much entwickelte Arbeitshilfe zur Bestimmung der Mischungsverhältnisse bei Bronzen ohne Durchführung einer chemischen Analyse halte ich ebenfalls für sehr erwähnenswert. In der Beschreibung der Grabfunde von Zellerndorf schreibt Much: „Der Farbe nach ist das Metall nicht besonders zinnreich; nach meiner aus Metall-Legierungen zusammengestellten Farbenreihe mag der Gehalt an Zinn 4 vom Hundert betragen.“ 318 „Auffällig ist eine mit rundem Kopfe versehene, im übrigen ganz einfache Nadel, Figur 4, deshalb, weil der Kopf fast senkrecht von oben nach unten durchbohrt ist. Der Zinngehalt mag nach der Farbenreihe 5 bis 6 vom Hundert betragen.“319 Leider konnte ich bisher nicht mehr über diese Farbenreihe in Erfahrung bringen. Gutachtertätigkeit Im legendären „Fälscherprozess“ von Baden wird neben Prof. Hoernes Dr. M. Much von Herrn Szombathy dem Custuos am k.u.k. naturhistorischen Hofmuseum, als Gutachter bestellt.320 In der Gerichtsverhandlung am 25. August 1902 tritt Dr. Much als „Zuseher“, in der folgenden Verhandlung zur Ehrenbeleidigungsklage als Zeuge auf.321 Die „Reichspost“ vom 27. August 1902 veröffentlicht einen längeren Artikel über die „Musealfälschungen in Baden“. „Der Richter verlas sodann das von Dr. Matthäus Much und Professor Moriz Hörnes abgegebene Gutachten in dem es heißt: Es zeigt jedoch von besonderer Schlauheit des Herstellers, daß er sehr alte Knochen verwendete und die fertigen Gegenstände mit einer Tonpatina versah, um ihnen das Aussehen ebenso hohen Alters zu geben. Der Form nach sind die Stücke nur Ergebnisse einer wilden Phantasie. Auch alle anderen Stücke sind Fälschungen und entsprechen nur entfernt oder gar nicht den bekannten Formen. Ein schwerer Nachteil kann durch solche Fälschungen in der wissenschaftlichen Forschung hervorgerufen werden, besonders wenn solche Falsificate mit echten Stücken vermengt sind.“322 Zur Erklärung: In Baden bei Wien sind damals nachweislich Fundobjekte und deren Fundberichte gefälscht worden. Wer die wirklich Schuldigen und wie groß der Umfang der Fälschungen waren, ist auch heute noch nicht eindeutig geklärt. Die damalige Gerichtsverhandlung hat den Fall wenig erhellt. 4.7.2 4.7.3 318 Much, 1898, Seite 76 319 Much, 1898, Seite 76 320 Maurer, 2014 321 Maurer, 2014, S. 101 und 103 322 Reichspost, Mittwoch, 27. August 1902, Wien, Aus dem Gerichtssaale, Die Musealfälschungen in Baden 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 176 Baden bei Wien, Postkartensammlung Much, Privatbesitz F. Becker-Pellmann Trotz der Ungereimtheiten gewährt das Unterrichtsministerium dem Verein der n. ö. Landesfreunde eine Subvention zum Bau eines niederösterreichischen Landesmuseums. Dr. M. Much drückt im Namen der k. k. Zentralkommission seine Befremdung wegen der Subventionsentscheidung aus. In einem Brief vom 28.09.1904 heißt es sinngemäß, dass der Verein n.ö. Landesfreunde gleichzusetzen ist mit Herrn Calliano. „Callianos Namen wurde auch bei den Badener Fälscherprozessen genannt. Sein Gegner, der Herrn Calliano die schwersten Beschuldigungen an den Kopf geworfen hatte, wurde zwar vom Gerichte verurteilt; nachher haben sich aber beide versöhnt, und der Beleidiger blieb ohne Strafe. Gewisse Dinge sind trotz dieser Gerichtsverhandlung nicht aufgeklärt, so z.B. die allerdings ridiculen „Dudamandeln“ oder die viel ernsteren, von Calliano in die Sammlung der n. ö. Landesfreunde gebrachten römischen Inschriftsteine. Die von Seite der Z.K. gewünschte fachmännische Prüfung dieser Inschriftsteine hat Calliano dadurch verhindert, dass er die Sammlung bis auf weiteres für unzugänglich erklärte. Sind die beanstandeten Inschriftsteine echt, so hatte Calliano deren Prüfung nicht zu fürchten. Weshalb verhinderte er sie also? Alle diese Umstände drängen mir die Ueberzeugung auf, dass die Unterstützung Callianos nicht vollkommen begründet war.“323 Abbildung 142 323 Maurer, 2014, S. 111–112 4.7 Weitere Forschungsgebiete, Publikationen und Vorträge 177 Eigenständige Veröffentlichungen Sämtliche Veröffentlichungen von Dr. M. Much sind im Anhang zusammengestellt. Hier möchte ich die separaten Veröffentlichungen und Bücher gesondert hervorheben: – Dritter Bericht über die Pfahlbauforschungen im Mondsee (1875–1876) von Dr. M. Much (Separat-Abdruck aus Nr. 6 u. 7, VI. Band, der „Mittheilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien“.), Wien 1876, Selbstverlag des Verfassers – Germanische Wohnsitze und Baudenkmäler in Niederösterreich. Von Dr. Matthäus Much. Wien 1876. Selbstverlag des Verfassers. – Druck von Carl Finsterbeck in Wien. Separatabdruck aus den „Blättern des Vereins für Landeskunde von Nieder- österreich“. IX. Jahrgang 1875 pag. 94 ff. – Über den Ackerbau der Germanen, (Zur Hochäcker-Frage) von Dr. M. Much. (Separat-Abdruck aus Nr. 7–9, Band VIII, der „Mittheilungen der anthropolog. Gesellschaft in Wien“.), Wien 1878, Selbstverlag des Verfassers – Das Vorgeschichtliche Kupferbergwerk auf dem Mitterberg bei Bischofshofen (Salzburg) von Dr. M. Much. (Mit 15 Text-Illustrationen.) Wien. In Commision bei Karl Gerold Comp. Aus der k.k. Hof und Staatsdruckerei. 1879, Separat-Abdruck aus dem V. Bande der Mittheilungen. N.F. – Baugen und Ringe. Eine Studie über das Ringgeld und seinen Gebrauch bei den Germanen. Von Dr. M.Much (Separat-Abdruck aus Nr. 4–6, IX. Band, der „Mittheilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien“.) (Mit einer Tafel.) Wien, 1879. Selbstverlag des Verfassers – Über die Zeit des Mammut im Allgemeinen und über einige Lagerplätze von Mammutjägern in Niederösterreich im Besonderen von Dr. M.Much. (Mit einer Tafel.) (Separat-Abdruck aus Band XI, Heft I (Neue Folge I. Band), der „Mittheilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien“.), Wien, 1881, Selbstverlag des Verfassers – Bericht über die II. Versammlung österreichischer Anthropologen und Urgeschichtsforscher am 12., 13. Und 14. August 1881 zu Salzburg. Erstattet von Dr. M. Much, Secretär der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. (Separatabdruck aus dem XII. Bande der Mittheilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien.) Mit einer Tafel. Wien. Selbstverlag der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. 1882 – Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältnis zur Cultur der Indogermanen. Von Dr. Matthaeus Much. Wien. Aus der Kaiserlich-Königlichen Hof- und Staatsdruckerei. 1886, Separat-Abdruck aus d. Mitth. d. k. k. Centr.-Comm. Für Kunst- u. hist. Denkm. N. F. Jahrg. 1885 u. 1886. – Kunsthistorischer Atlas. Herausgegeben von der K. K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und Historischen Denkmale unter der Leitung seiner Excellenz des Präsidenten Dr. Joseph Alexander Freiherrn von Helfert. I. Abteilung. Sammlung von Abbildungen vorgeschichtlicher und frühgeschichtlicher Funde aus den Ländern der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Redi- 4.7.4 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 178 giert von Dr. M.Much. Mit 100 Tafeln und zahlreichen Abbildungen im Texte. Wien, 1889. Aus der Kaiserlich-Königlichen Hof- und Staatsdruckerei. – Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältnis zur Cultur der Indogermanen. Von Dr. Matthaeus Much. Mit 112 Abbildungen im Text. Zweite, vollständig umgearbeitet und bedeutend vermehrte Auflage. Jena, Herrmann Costenoble. 1893 – Frühgeschichtliche Funde aus den Österreichischen Alpenländern. I. Die Email- Fibeln von Perau in Kärnten und die verwandten Erscheinungen von Dr. Math. Much. Separat-Abdruck aus den Mittheilungen der k. k. Central-Commission für Kunst- und Historische Denkmale, Jahrgang 1898. Wien. Aus der Kaiserlich-Königlichen Hof- und Staatsdruckerei. 1898 – Die Heimat der Indogermanen im Lichte der urgeschichtlichen Forschung. Von Dr. Matthaeus Much. Verlag von Hermann Costenoble Berlin 1902 – Die Heimat der Indogermanen im Lichte der urgeschichtlichen Forschung. Von Dr. Matthaeus Much. Zweite mit Berücksichtigung der neueren Forschungen vermehrte Auflage. Verlag von Hermann Costenoble Jena 1904 Berlin – Die Trugspiegelung orientalischer Kultur in den vorgeschichtlichen Zeitaltern Nord- und Mittel-Europas. Von Dr. Matthaeus Much. Mit 50 Abbildungen im Texte. Jena. Herrmann Costenoble 1907 – Vorgeschichtliche Nähr- und Nutzpflanzen Europas. Ihr kulturhistorisches Alter und ihre Herkunft von Dr. Matthäus Much. (Sonderabdruck aus Band XXXVIII (der dritten Folge Band VIII) der Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien.) Mit zwei Abbildungen im Texte. Wien. Im Selbstverlage der Anthropologischen Gesellschaft 1908 Vorträge, außerhalb der Generalversammlungen der Anthrop. Gesellschaften Matthäus Much hat sowohl bei den Kongressen der Anthropologischen Gesellschaften als auch bei anderen Gelegenheiten Vorträge über seine Forschungen gehalten. Anhand der Ankündigungen in den verschiedenen Tageszeitungen und der Separatabdrucke von besonderen Vorträgen, konnte ich die folgenden Daten ermitteln. – 28. Juni 1870- Vortrag: „über ein von ihm entdecktes altes Bauwerk bei Eggenburg. Ferner über kegelförmige Hügel in Tirol und Althertümer im Salzkammergute“, Anthropologische Gesellschaft Wien324 – 13. Dezember 1870-: „Bericht über die urgeschichtlichen Ansiedlungen am Mannhardsgebirge“, Anthropologische Gesellschaft Wien325 – 19. Januar 1871-: „Über die urgeschichtlichen Ansiedlungen am Mannhardsgebirge“, Verein für Landeskunde von Niederösterreich326 4.7.5 324 Zeitschrift „die Presse“, 1.7.1870, Vereinsnachrichten 325 Zeitschrift „Neues Fremden-Blatt“. 13. Dezember 1870, Seite 6 326 Zeitschrift „Fremden-Blatt“ 19.1.1871, Seite 4 4.7 Weitere Forschungsgebiete, Publikationen und Vorträge 179 – 12. Januar 1872-: „niederösterreichische Ortsnamen“, Verein für Landeskunde von Niederösterreich327 – 18. Januar 1872-: „niederösterreichische Ortsnamen“ Teil 2, Verein für Landeskunde von Niederösterreich328 – 6. Februar 1874-: „über „Riesenhügelgräber“ (tumuli) in Niederösterreich, Verein für Landeskunde329 – 8. Januar 1875-: „Ergebnisse meiner archäologischen Forschungen im Jahre 1874“, Verein für Landeskunde330 – 12. Januar 1875-: „Über die Ergebnisse seiner archäologischen Untersuchungen im Jahre 1874 und zwar über die Entdeckung einer befestigten Quadenstadt und anderer germanischer Waffenplätze an beiden Ufern der Donau und römischer Castelle jenseits der Donau, Anthropologische Gesellschaft in Wien331 – 9. März 1875-: „Über vorgeschichtliche Grabmale und Tempelstätten in Niederösterreich“, Anthropologische Gesellschaft Wien332 – 13. Juni 1876-: „Vorläufige Mittheilung über prähistorische Ansiedlungen auf Inseln der March in Niederösterreich“, Anthopologische Gesellschaft Wien333 – 14. November 1876-: „über die ältesten Spuren des Ackerbaues in Mitteleuropa, Anthropologische Gesellschaft Wien334 – 23. Februar 1877-: „die ältesten Spuren des Ackerbaues in Mitteleuropa mit besonderer Berücksichtigung Niederösterreichs“, Verein für Landeskunde von Nieder-Österreich335 – 29. Februar 1877-: „die ältesten Spuren des Ackerbaues in Mitteleuropa mit besonderer Berücksichtigung Niederösterreichs“, Verein für Landeskunde von Niederösterreich336 – 12. März 1878-: „über den prähistorischen Kupferwerksbetrieb auf dem Mitterberg bei Bischofshofen“, Anthropologische Gesellschaft Wien337 – 1. Dezember 1879-: „Über den Betrieb prähistorischen Kupferbergbaues in Noricum. (Mit Demonstrationen)“, Wissenschaftlicher Club338 – 9. Dezember 1879-: „Vortrag von Dr. M.Much über die urgeschichtlichen Museen der Schweiz und die Periodenfolge in der Urgeschichte“, Anthropologische Gesellschaft Wien339 327 Zeitschrift „Fremden-Blatt“ 12.1.1872 328 Zeitschrift „Fremden-Blatt“, 18.1.1872 329 Zeitschrift „Neues Fremden-Blatt“ 6. Februar 1874, Seite 3 330 Zeitschrift „Die Presse“ 8. Jänner 1875, Seite 9 331 Zeitschrift „Wiener Abendpost“, 11. Jänner 1875, Seite 2 332 Zeitschrift „Neues Fremden-Blatt“ 7.3.1875 333 Zeitschrift „Neue Freie Presse“ 13.6.1876, Seite 6 334 Zeitschrift „Neue Freie Presse“ 14.11.1876, Seite 6 335 Zeitschrift Nr. 43, Seite 7, 23.2.1877 336 Zeitschrift „Das Vaterland“, 23.2.1877 337 Zeitschrift „Die Presse“ 12. März 1878, Seite 11 338 Zeitschrift „Das Vaterland“, 27.11.1879 339 Zeitschrift „Wiener Zeitung“ 10.12.1879, Seite 6 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 180 – 19. März 1880-: „Niederösterreich in der Urgeschichte“, „Gehalten in der Abend- Versammlung des Alterthums-Vereines zu Wien…“340 Dieser Vortrag wird im Band 19 des Alterthumsvereines veröffentlicht. – 30. März 1881-: „Über Höhlen im Allgemeinen und künstliche in Niederösterreich im Besonderen“, Verein für Höhlenkunde in Wien341 – 6. Dezember 1882-: Die Frauen in der Urgeschichte, Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse. Dieser Vortrag wird vom Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse gedruckt, ist heute unter www.biologiezentrum.at einsehbar und soll wegen seiner thematischen Besonderheit hier kurz zitiert werden: Am Ende richtet Much den Blick auf die Frauen, „die unter uns leben. Ich meine hier jene Frauen, welche sich in erfolgreicher und ruhmvoller Weise an der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiete der Urgeschichte betheiligt haben. Mit aufrichtiger Anerkennung nenne ich die Namen des Fräuleins Buchheim, aus der gräflichen Familie der Buchheim stammend, derzeit Custodin des berühmten grossherzoglichen Museums in Schwerin, der Frau Schliemann, Gattin des Dr. Schliemann, in Athen, des Fräulein Virchow, Tochter des berühmten Gelehrten, in Berlin, des Fräuleins Sophie von Torma in Broos, einer eifrigen Sammlerin; Allen voran aber leuchtet der Name des Fräulein Mestorf, Custos des grossartigen königlichen Museums in Kiel, welche sowohl durch selbstständige geistreiche Arbeiten sich an unseren Forschungen betheiligt, als auch durch Uebersetzung zahlreicher urgeschichtlicher Werke zwischen deutscher und nordischer Gelehrsamkeit in erfolgreichster Weise vermittelt. Mögen sie bald eifrige Nachfolgerinnen finden!“342 – 30. Januar 1884-: „Urgeschichtliches aus Niederösterreich“, Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse343; Auch dieser Vortrag, vom Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse veröffentlicht, ist unter www.biologiezentrum.at einsehbar und trägt dort den Titel „Über die urgeschichtlichen und im besonderen die germanischen Bauwerke in Niederösterreich und ihre Beziehung zum Volkswesen“. – 31. Januar 1884-: „über Uranfänge der Metallurgie, im Besonderen der Bronzetechnik“, Donnnerstags-Vorlesungen im österreichischen Museum344 – 13. Mai 1884-: „Bericht über den Besuch einiger prähistorischer Museen in Oberitalien“, Anthropologische Gesellschaft Wien345 – 28. Januar 1885- Vortrag: „Über Pfahlbauforschung in Österreich“, Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse346 (ebenso veröffentlicht, unter www.biologiezentrum.at einsehbar mit dem Titel „Die Pfahlbauten und die Heimat der Indogermanen“.) 340 Alterthumsverein zu Wien, Band 19, S. 113 ff 341 Zeitschrift „Das Vaterland“ 29. März 1881, Seite 7 342 Much, 1881, Seite 187 343 Zeitschrift „Wiener Zeitung“ 25.10.1883, Seite 3 344 Zeitschrift „Allgemeine Kunst-Chronik“ 27.11.1883, Seite 615 345 Zeitschrift „Das Vaterland“, 12. Mai 1884, Seite 3 346 Zeitschrift „Die Presse“ 27.1.1885, Seite 11 4.7 Weitere Forschungsgebiete, Publikationen und Vorträge 181 Deckblatt "Die Frauen in der Urgeschichte", www.biologiezentrum.at – 25. Februar 1885-: „Über Pfahlbauforschung in Österreich“, Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse347 – 17. September 1888-: „über die nothwendigen Verbesserungen, die zum Schutze jener prähistorischen Baudenkmale einzuführen wären, die sich in den Händen von Privaten befinden.“, Congreß der Conservatoren in Krakau348 – 5. Oktober 1902-: „Zur Vorgeschichte Niederösterreichs“, bei der Exkursion nach Eggenburg, Verein für Landeskunde in Niederöstereich349 Abbildung 143 347 Zeitschrift „Wiener Zeitung“ 1. November 1884, Seite 10 348 Zeitschrift „Wiener Zeitung“ 19.9.1888, Seite 6–7 349 Zeitschrift „Znaimer Wochenblatt, 24.9.1902, Seite 6 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 182 – 21. November 1902-: „Über die Urgeschichte von Niederösterreich“, Alterthumsverein zu Wien350 – 10. März 1903-: „die Heimat der Indo-Germanen“, Anthropologische Gesellschaft Wien351 Deckblatt "Die Pfahlbauten und die Heimat der Indogermanen", www.biologiezentrum.at Anfänge der Experimentalarchäologie Matthäus und Rudolf Much betreiben bereits eine gewisse Art von Experimentalarchäologie. Sie beschäftigen sich speziell mit der Bearbeitung von Feuersteinen und bilden auch Artefakte nach. Die „Brillenfibel“ (folgende Abb.) wurde von Matthäus Much hergestellt und befindet sich im Besitz von D. Marx. Abbildung 144 4.7.6 350 Alterthumsverein zu Wien, Beilage I. Bericht der Geschäftsleitung über die Vereinstätigkeit im Jahre 1902 351 Zeitschrift „Wiener Zeitung“ 10.3.1903, Seite 3 4.7 Weitere Forschungsgebiete, Publikationen und Vorträge 183 "Brillenfibel" Nachbildung von M. Much, Foto Autor Überlegungen zur Kupferzeit in Europa Matthäus Much veröffentlicht 1885 und 1886 seine Gedanken zur Kupferzeit“ in den Mitteilungen der k. k. Zentralkommission unter dem Titel „Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältnis zur Cultur der Indogermanen“, 1886 bringt er diese Arbeit als Buch heraus. Johannes Ranke, der Sekretär der Deutschen Anthropologische Gesellschaft schreibt darüber 1886 eine Rezension im Correspondenzblatt. Die ausführlichere Arbeit dazu stammt von Josef Szombathy und wird in den Mittellungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien veröffentlicht: „Much, Dr. Matthaeus. Die Kupferzeit in Europa und ihr Verhältnis zur Cultur der Indogermanen. Wien 1886. 187 pp. 8. Sep.-Abdr. A. d. Mitth. der k. k. Centr.-Comm. Für Kunst- und histor. Denkm. Jahrg. 1885 und 1886. Diese neueste Arbeit Much’s ist wieder von derselben unerschöpflichen Liebe und Hingebung zu seinem Gegenstande getragen, welche Abbildung 145 4.8 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 184 auch die früheren Arbeiten dieses unermüdlichen Urgeschichtsforschers auszeichnen, und muss, wie wir gleich eingangs erwähnen wollen, in vielen Beziehungen zu den bemerkenswerthesten urgeschichtlichen Publicationen dieses Jahres gezählt werden. Gestützt auf seine eigenen, durch mehr als ein Jahrzehnt fortgesetzten eifrigen Untersuchungen im Pfahlbaue am Ausflusse des Mondsees und in den prähistorischen Kupfergruben und Ansiedlungen bei Bischofshofen, sowie auf eine grosse Schaar aus der Literatur und den Museen direkt zusammengetragener Daten hat der Verf. die bisher in Europa gemachten Funde aus unlegiertem Kupfer einer umfassenden und eingehenden Bearbeitung unterzogen. Er zeigt zunächst, dass diese Funde in Mittelund Westeuropa, auf Cypern und in Troja der neolithischen Periode angehören, in ihren Formen die geschliffenen Steinwerkzeuge nachahmen und überall im Gegensatze zu den Bronzeobjekten der eigentlichen Bronzezeit unverziert sind und die Spuren einer primitiveren Technik tragen, dass sie aber doch (im Gegensatze zu den amerikanischen Kupferobjekten) durchwegs gegossen sind. Ferner weist er die Gewinnung des Kupfers auf der Mitterbergalpe bei Bischofshofen in Salzburg und auf der Kelchalpe bei Kitzbüchel in Tirol mit neolithischen Werkzeugen und die Verarbeitung dieses Metalles (in unlegiertem Zustande) in einer Reihe von neolithischen Pfahlbauten nach und ergeht sich weiterhin in sehr feinsinnigen Untersuchungen über die Wahrscheinlichkeit einer selbstständigen Entdeckung der Kupfergewinnung durch unsere Pfahlbauer, über die Rasse der Steinzeitvölker in Mitteleuropa und über die einschlägigen Resultate der Sprachforschung. Von seinen Schlusssätzen halten wir folgende für die wichtigsten und zugleich bestbegründeten: „Von allen Metallen ist der Bevölkerung Europas einschliesslich der griechischen Inseln und der asiatischen Küste des Hellespontes zuerst das Kupfer bekannt geworden; sein Gebrauch verbreitet sich fast über den ganzen Erdtheil. Die ersten Spuren der Verwendung des Kupfers zeigen sich schon in den frühesten Abschnitten des sogenannten jüngeren Steinalters, sie geht lange Zeit neben dem Gebrauche von Stein- und Knochengeräthen einher und beschränkt sich nicht auf die Benützung des Kupfers als Schmuck, dasselbe findet vielmehr hauptsächlich als Waffe und Werkzeug seine Bestimmung. Es behält hierbei die alten Formen der Steingeräthe, die es nur allmälig weiter entwickelt.“ „Die im Besitze der europäischen Bevölkerung befindlichen Kupfergeräthe sind kein Gegenstand des Waarenaustausches mit fremden Völkern, sondern durchaus eigenes Erzeugnis, wozu das Material aus selbst betriebenen Kupfergruben und Erzschmelzen gewonnen wird. Es lässt sich die Möglichkeit nicht abweisen, dass die Bevölkerung jener Zeit, welche der arischen Rasse angehört, das Kupfer unabhängig von andern Völkern entdeckt hat. Linguistische Ergebnisse verleihen dieser Möglichkeit einiges Mass von Wahrscheinlichkeit.“ „Noch vor dem völligen Aufgeben der Steingeräthe tritt die Kenntnis der Bronzemischung hinzu. Auch diese behält nur mehr kurze Zeit die Formen der Steingeräthe, übernimmt aber sofort auch die schon fortgeschrittenen Formen der Kupfergeräthe, um sodann im raschen Zuge reichen Formenschatz zu entwickeln.“ „Die Ergebnisse der sprachvergleichenden Forschungen bestätigen das hohe Alter des Kupfers und die Bekanntschaft aller Zweige der arischen Völkerfamilie mit demselben in der Zeit, da sie noch ein Volk bildeten und eine Sprache redeten. Wir treffen diese Menschen allerorten als Viehzüchter und Ackerbauer und im Besitze von polierten 4.8 Überlegungen zur Kupferzeit in Europa 185 Steingeräthen und der Töpferkunst…“ Diese Sätze sind so ausgezeichnet formuliert, dass wir sie (mit einer kleinen Abänderung bezüglich des ersten Auftretens des Kupfers) direct in das Brevier des Prähistorikers aufnehmen möchten. Wenn auch nicht in allen ihren Theilen neu, bilden sie doch eine neue und präcise Formulierung wichtiger urgeschichtlicher Erscheinungen. Hingegen scheinen uns andere Punkte, welche der Verf. mit gleicher Sicherheit hinstellt, weniger fest begründet zu sein und noch in mancher Beziehung der Klärung zu bedürfen. Bei dem tiefen Ernste, mit welchem Verf. seine wissenschaftlichen Arbeiten führt, glauben wir, dass er selbst uns für die Namhaftmachung unserer Bedenken erkenntlich sein wird. Er sagt u. A.: „Die Bevölkerung dieser Zeit tritt uns gleich mit einem grossen Schatze von Culturmitteln ausgerüstet vor Augen“ und: „In den Pfahlbauten der Alpen stossen wir schon in ihrem ältesten Bestande auf die Kenntniss des Kupfers…“ Dies steht nun im directen Widerspruch mit den norddeutschen und den nordischen Funden und mit den von Gross1) durch die sehr genaue Untersuchung der Schweizer Pfahlbauten erzielten Resultaten, in welchen dieser Forscher in Uebereinstimmung mit anderen Prähistorikern zur Unterscheidung von drei Entwicklungsstufen der neolithischen Periode gelangt. In deren letzter wurde erst das Auftreten des Kupfers constatirt, was eben Gross veranlasste, dies als „Epoche du Cuivre“ von den beiden vorausgegangenen zu trennen. Dieses Resultat ist auf einer so breiten Basis von Beobachtungen errichtet, dass es durch die gerade über diesen Punkt mehr obenhin gleitenden Ausführungen des Verf. nicht erschüttert wird. Aber selbst wenn es dem Verf. gelungen wäre, die Gross’sche Eintheilung umzustossen, würden wir glauben, dass er viel zu weit geht, wenn er nun den Namen „Kupferzeit“ oder „Kupferperiode“ für die ganze neolithische Periode vorschlägt. Er sagt „… es wird niemand die hohe Bedeutung des ersten Auftretens des Metalles für die Culur des Menschen verkennen, und wie sonst so vielfach, muss auch in diesem Falle nicht von einer ausschliesslichen, es darf von der hervorragendsten Erscheinung die Bezeichnung entlehnt werden.“ Aber das Auftreten des Kupfers ist gerade nicht die hervorragendste Erscheinung der neolithischen Periode, und dieses Metall hat, wie der Verf. selbst nachweist, allein und im unlegierten Zustande auf die Culturentwicklung des Menschen nirgends einen wesentlichen Einfluss geübt. Das Kupfer hat sich in seinen Formen und in seinem Gebrauche enge an die polierten Steine (oder später an andere Muster) angeschlossen und hat die auf die Stein- und Knochenwerkzeuge gegründete Cultur nicht um einen Schritt aus deren Sphäre gelenkt, geschweige denn, dieselben verdrängt. Es hat (mit Ausnahme einer gewissen, wahrscheinlich gar nicht direct in den Kreis dieser Betrachtungen gehörigen Gruppe ungarischer Kupferfunde) kaum eine nennenswerte Zahl von spezifischen Formen gebildet, ja es hat nicht einmal die beinernen Werkzeuge der damaligen Zeit, wie die Nadeln u. dgl. zu deren Ersatz und deren Verbesserung es vollkommen geeignet erscheinen konnte, zu verdrängen vermocht. Dies alles gelang erst der Bronze. Das ist gewiss sehr merkwürdig, und gerade darum glauben wir, dass wir gut thun werden, die neolithische Periode nach wie vor als „die Periode des geschliffenen Steines“ festzuhalten und den Namen „Kupferperiode“ entweder ganz fallen zu lassen oder ihn in dem Sinne von Gross anzuwenden für eine Unterabtheilung der neolithischen Periode, eine Art von Uebergangsstufe zwischen der metalllosen Steinzeit und der Bron- 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 186 zezeit. Wir glauben auch, dass der Verf. zu weit gegangen ist, wenn er, den Beginn der neolithischen Zeit durch das Hereinbrechen arischer Völker erklärend, sagt: „Es fehlen nicht nur alle Uebergangsglieder, welche deren Abstammung von den Mammuthund Renthier-Leuten möglich erscheinen liessen, sondern auch alle Thatsachen, welche ohne Voraussetzung dieser Abstammung es wahrscheinlich machten, dass die Aneignung jener Culturmittel auf dem Boden Mitteleuropas erfolgt sei.“ Die Mammuth-Menschen brauchen wir für den Anschluss an die neolithische Periode nicht herbeizuziehen; die Kluft zwischen dem letzten Abschnitte der palaeolithischen und dem ersten der neolithischen Epoche ist aber nicht gar so gross und wird überdies – von einzelnen vermittelnden Funden abgesehen – durch die in ganz gleichmäßiger Entwicklungsfolge von der einen in die andere Periode hinübergenommenen Beinund Feuerstein-Artefacte ziemlich gut überbrückt. Warum bemüht sich ferner der Verf. im VII. Cap. (p. 135–152) so sehr, uns die Möglichkeit nahe zu legen, dass wir auch den neolithischen Bewohnern der engeren und weiteren Umgebung der Mitterberg-Alpe und Kelch-Alpe die selbstständige Entdeckung des Kupfers zuschreiben können, und nur den sicheren Beweis hiefür noch ausständig zu lassen; wenn er seine Arbeit mit dem nur auf linguistischer Basis fussenden Satze zu schliessen gedenkt, dass „die Bevölkerung der jüngeren Steinzeit im mittleren Europa sich also auf einem anderweitigen Boden in den Besitz dieser Culturmittel und noch einiger anderer, wie z.B. des Spinnens und Webens gesetzt haben und mit diesen hier eingewandert sein musste“. Endlich müssen wir noch fragen: Wie verhält sich der Verf. bei seiner Zuweisung der ganzen neolithischen und der Bronzeperiode unserer alpinen Pfahlbauten an ein einziges sesshaft gebliebenes Volk zu dem Ergebnisse der craniologischen Untersuchung, welches Virchow 1) folgendermassen zusammenfasst: „1. Aus der reinen Steinzeit der Schweizer Pfahlbauten kennen wir mit Sicherheit nur brachycephale Schädel. 2. In der Uebergangszeit von der Steinzeit zur Metallzeit erscheinen ausgezeichnete Dolichocephalen mit Orthognathie, wahrscheinlich auch mit Leptoprosopie und Leptorrhinie. 3. In der guten Bronzezeit finden sich dieselben orthognathen Dolichocephalen mit Leptoprosopie und Leptorrhinie…“ Dies Sätze, auf welche der Verf. leider nicht Rücksicht genommen zu haben scheint, sind für die Gross’sche Eintheilung wohl die stärkste Stütze, welche das heute vorliegende Schädelmateriale überhaupt liefern kann. Demnach glauben wir dasjenige, was in der vorliegenden Abhandlung nicht genügend begründet und noch der Klärung bedürftig erscheint, etwa folgendermassen umschreiben zu können: Die bereits mit der Kenntniss des Kupfers ausgerüsteten Arier, welche aus ihrer ausserhalb Europas (in Asien) gelegenen Wiege über ganz Mitteleuropa hereinbrachen, setzten allenthalben (von Kleinasien an bis nach England und Skandinavien) der palaeolithischen Cultur und Bevölkerung ein Ende, um die neolithische Cultur, in welcher von allem Anfang an der Gebrauch des Kupfers ein wesentliches Ingrediens bildete, zu begründen. Solche Sätze bedürfen zu ihrer Lebensfähigkeit neben dem persönlichen Gewichte ihres Autors doch noch einer viel eingehenderen Beweisführung, als sie ihnen der Verf. hier zu Theil werden liess, weil erstens bei uns schon die Zeit vorüber ist, in welcher wir für jede halbwegs plausible Hypothese dankbar waren und weil sie zweitens jenes heikle und wichtige Grenzgebiet der linguistischen Forschung betreten, auf welchem der Prähistoriker 4.8 Überlegungen zur Kupferzeit in Europa 187 mehr als auf irgend einem anderen jeden Satz, welchen er den Linguisten als begründeten Schluss oder für eine verbürgte Thatsache hinüberreicht, Wort für Wort abwägen muss. Aber wenn wir auch nicht einmal die Erwartung auszusprechen wagen, dass diesen Hypothesen die erwünschte, genauere Begründung je zu Theil werden wird, so bleibt von Much’s Abhandlung doch noch immer genug Gutes übrig, um ihr einen bevorzugteren Platz in der prähistorischen Literatur zu sichern.“352 Trotz oder gerade wegen dieser recht harten Kritik durch Szombathy beschäftigt sich M. Much weiter mit diesem Thema und bringt 1893 eine „Zweite vollständig umgearbeitet und bedeutend vermehrte Auflage“ 353heraus. In seinem wissenschaftlichen Jahresbericht auf der Versammlung der deutschen Anthropologen in Hannover 1893 stellt der Generalsekretär Johannes Ranke die zweite Auflage des „berühmten“354 Werkes vor. „Wir wissen, wie energisch Rud. Virchow für die Priorität des ungemischten Kupfers als erstes Werkmetall in der europäischen speziell deutschen Urgeschichte eingetreten ist. Dr. M. Much hat der Aufstellung einer wirklichen Kupferzeit in Europa als Uebergangsepoche von der Stein- zur Metallkultur – durch Auffindung der prähistorischen Kupferbergwerke, der Schmelz- öfen und Gusseinrichtungen, durch Auffindung zahlreicher aus ungemischtem Kupfer hergestellter Objekte in dem von ihm in so mustergiltiger Weise untersuchten Pfahlbau – die unerschütterliche Grundlage gegeben. Das neugestaltete Werk fasst alle die „erstaunlich zahlreichen“ neuen Funde der jüngsten Zeit mit den älteren Ergebnissen zusammen, aus denen hervorgeht, dass das Kupfer als Werkmetall in Europa eine ganz andere Rolle spielt als in Amerika. In Amerika wurde das gediegen gefundene Kupfer durch Zuschlagen wie ein Stein bearbeitet, ohne dass eine weitere Entwicklung der Metallbenützung daraus hervorging, dort ist die Kupferperiode nur ein Teil der allgemeinen Steinzeit. Dagegen spielte in Europa die Verwendung des gediegenen Kupfers nur eine ganz untergeordnete Rolle, aber es fand von Anfang an die Gewinnung des Metalls aus seinen Erzen, also mittelst Feuers, in geschmolzenem Zustande, statt; auch die weitere Verarbeitung des Metalls erfolgte, wie Much u. A. nachweisen, fast ausschließlich durch Guss.“355 In den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien erscheint 1893 eine Rezension von Moriz Hoernes, die ich wieder komplett vorstellen möchte. „Much’s „Kupferzeit“, eine Arbeit, die sich längst einen sicheren Platz unter den Monographien der urgeschichtlichen Literatur errungen hat, erschien zuerst fortsetzungsweise in den „Mittheilungen der k. k. Central-Commission für Kunst und historische Denkmale“ 1885 und 1886 dann, als Separatabdruck in Buchform, Wien 1886, 187 pp. 8°, und nunmehr ist ein Verlagswerk von mehr als doppeltem Umfange daraus geworden. Wir haben also beinahe ein neues Buch vor uns, dessen Gedankengang und Hauptinhalt schon vor Jahren in einer gleichbetitelten Abhandlung dargelegt wurden. (Ueber die letztere vgl. Szobathy’s kritisches Referat in diesen „Mitthei- 352 Szombathy, 1886, Seite 58–60 353 Much, 1893 354 Ranke, 1893, Seite 80 355 Ranke, 1893, Seite 81 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 188 lungen“, XVI, S. 58 ff.) Den Antrieb zur erweiterten Bearbeitung des Gegenstandes fand Much in der ferneren, „fast erstaunlichen Menge von Gegenständen aus ungemischtem Kupfer“, welche seit seiner ersten Statistik bekannt geworden sind, sowie in dem seither mit höherem Eifer und Erfolg betriebenen Studium der die Kupferfunde begleitenden Erscheinungen, z. B. der becherförmigen Thongefässe, der Schmucksachen aus Stein, welche es ermöglichen, „in das Bild dieser Zeit, das sich anfangs nur in seinen Umrissen zeigte, auch viele einzelne Züge und manche mehr belichtete Theile einzusehen“. In der ersten Auflage konnte Much nur 200 Fundorte von Kupfersachen nennen; jetzt verzeichnet er deren 400, wenngleich die Diagnose auf dieses Metall in vielen Fällen nur vermuthungsweise gestellt wird, da zahlreiche Angaben natürlich nicht weiter geprüft werden konnten und andere auf Schlüssen aus der einfachen Form der Objecte beruhen. Analysen liegen nur in 72 Fällen vor; in 42 Fällen fand sich neben den Kupfersachen Bronze, in vielen anderen allerdings wieder bearbeiteter Stein, der ja aber auch neben der Bronze so häufig auftritt, dass man – allerdings parodistisch – die Benützung der Bronze in gewissem Umfange als Kennzeichen der jüngeren Steinzeit aufstellen könnte. Die Italiener haben, nach meiner Ansicht sehr glücklich, das Beispiel ihres großen Landsmannes befolgt und das Ei auf die Spitze gestellt, indem sie in die Betrachtung ihrer vorgeschichtlichen Denkmäler eine aeneolithische Periode einführten. Eine solche hat es in ganz Mitteleuropa auch gegeben, und dahin gehören die wirklich alten Kupferfunde. Die Pfahlbausachen, von denen Much ausgeht, haben das Missliche, dass sie keine Schichtung erkennen lassen, das sie keinem bestimmten, zeitlich begrenzten Acte entstammen, wie Gräberfunde, sondern einem langwierigen Processe. Was Much eigentlich beweisen will, beweist er nicht; er häuft die Documente, welche dafür sprechen sollen, aber er formuliert es selbst nicht mehr so scharf, wie in der ersten Auflage. In dem abschliessenden Abschnitte „Zeitbestimmung“ sind die Gründe gut entwickelt, aus welchen wir annehmen dürfen, dass der überseeische Orient (Aegypten, Assyrien, Kypros) schon im IV. Jahrtausend vor dem Beginne unserer Acra das Kupfer besass; aber für Europa beweist dies nichts. Im Gegentheile scheint es, dass wir gegen die Aegypter um ein volles prähistorisches Zeitalter zurück sind, wenn beispielsweise dort am Nil um die Mitte des vorletzten Jahrtausendes v. Chr. die Morgenröthe der ersten Eisenzeit aufgeht, während bei uns gleichzeitig die des Bronzealters empordämmert. Ebenso kann es sich mit dem Kupfer verhalten haben, wobei Europa natürlich nicht als Ganzes dem Morgenlande gegenüber erscheint, sondern, nach Massgabe seiner räumlichen Entfernung von diesem, Unterschiede aufweisen muss. Für den Norden hat bereits J. Mestorf ihre ganz bestimmten Vorbehalte gemacht. („Sicher ist, dass im Norden eine hochentwickelte Steinaltercultur ohne jegliches Metall lange Zeit gedauert hat, weshalb ich die Annahme einer Kupferzeit in Europa nicht unbeschränkt anzuerkennen vermag.“ Prähistorische Blätter, V, S. 62.) Wir müssen dasselbe unsererseits für das südliche Mitteleuropa thun; die sogenannte „Kupferzeit“ kann noch so tief in das neolithische Zeitalter herabreichen, nie wird man mit ihr an das Ende der Renthierperiode gelangen, an welches Much sie gerne anknüpfen möchte. Der Beginn der jüngeren Steinzeit, der Eintritt der gegenwärtig herrschenden klimatischen und thiergeographischen Verhältnisse liegt uns zu ferne, um mit sprach- und sachhistorischen Fol- 4.8 Überlegungen zur Kupferzeit in Europa 189 gerungen erreicht zu werden, was so unmöglich ist, „als in den Mond mit einem Pfeil zu schiessen“. Was beweist es, wenn in den einfachen Verhältnissen der urzeitlichen Werkzeug- und Schmuckindustrie auf weite Länderstrecken hin eine gewisse Gleichförmigkeit und eine gewisse Folgerichtigkeit der Entwicklung herrscht, was einem stillen Verharren der Völker in ihren Sitten zu entsprechen und die Bewegungen grösserer Menschengruppen auszuschliessen scheint? Daher hat eben die Prähistorie ihren Namen, dass wir historische Ereignisse in diesen Zeiten nicht zu erblicken vermögen. Was uns die Alterthümer dieser Art nicht offenbaren, das zwingt man ihnen auch mit linguistischen Hebeln und Schrauben nicht ab. In den schwierigsten Fragen erwägt Much den Kreis der Möglichkeiten nur flüchtig, um sich rasch für jene Annahme zu entscheiden, die seiner wohlgegliederten Construction der europäischen Urgeschichte entspricht. Seine Kenntnis und Benützung der einschlägigen Literatur ist ebenso umfassend, wie gründlich; doch hätten wir gewünscht, dass er geraden Schrittes auf Diejenigen losgegangen wäre, die sich klar und motiviert dahin ausgesprochen haben, dass sie seine Ansichten nicht theilen. Eine Streitschrift oder was irgend den Charakter einer solchen an sich trägt, braucht kein Kunstwerk zu sein, aus dem die Polemik nur in Anspielungen durchleuchtet. Unbestritten ist aber die Auffassung einer prähistorischen Kupferzeit, wie sie Much vertritt, doch gewiss nicht geblieben. Bei alledem enthält das Werk eine solche Fülle fleissig gesammelter Daten, die wir nur in einem Register gerne übersichtlich vereint sähen; so Vieles ist mit überzeugender Richtigkeit gesehen, dass wir dem Buche in seiner erweiterten Gestalt nur die Fortdauer und Vermehrung der Gunst des Publicums wünschen können, die es schon in seiner ersten Gestalt gefunden hat.“356 Offensichtlich hat dieses Werk die Fachkollegen besonders in Österreich, wie aus obigem Zitat ersichtlich, nicht überzeugt. Zustimmung kommt jedoch aus Deutschland: Für die zweite Auflage der „Kupferzeit in Europa“ wirbt der Verlag Hermann Costenoble in Jena auf einem Faltblatt unter anderem mit einer Einschätzung der ersten Auflage durch Prof. Rudolf Virchow, erschienen in der Zeitschrift für Ethnologie 1887: „Nachdem vor einigen Jahren Herr von Pulszky durch seine Arbeit über die Kupferzeit in Ungarn die allgemeine Aufmerksamkeit auf die merkwürdigen Funde gelenkt hatte, welche in so großer Zahl in seinem Vaterlande gesammelt worden sind, hat es der Verfasser unternommen, eine zusammenhängende Darstellung der, überhaupt aus Europa bekannt gewordenen, ähnlichen Fundstücke zu liefern. Seine eigenen Forschungen im Mondsee, sowie andere Beobeachtungen aus österreichischen Seen, Mooren, Höhlen u.s.w. gewährten die sichere Unterlage für die Einreihung der Erfahrungen über das Vorkommen von Kupfergerät in den schweizer Pfahlbauten. Mit erstaunlicher Kenntnis der Literatur und mit der, an ihm bekannten, minutiösen Sorgfalt hat der Verf. die Funde in Deutschland, Italien, Frankreich, Portugal, England, Skandinavien, Griechenland, Kleinasien zusammengestellt und so den Beweis geliefert, daß es sich nicht um vereinzelte Erscheinungen, sondern um regelmäßige, zahlreiche und unter einander in Verbindung stehende Vorkommnisse handelt.- - - Auf alle Fälle wird jeder Leser das 356 Hoernes, 1893, S. 216–217 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 190 inhaltreiche Buch mit dem Gefühl aus der Hand legen, daß ein großes und dunkles Gebiet so weit thunlich aufgehellt worden ist, und daß er einem Manne zu danken hat, dessen Anschauung neben einer erstaunlichen Fülle selbst gefundener Thatsachen die Mehrzahl der europäischen Sammlungen umfaßt und dessen sinnender Geist das große Material an Einzelerfahrungen zu ordnen und eine längst verschwundene Welt wenigstens in unseren Gedanken wieder zu beleben weiß.“357/358 Über die Heimat der Indogermanen im Lichte der urgeschichtlichen Forschung M. Much veröffentlicht 1902 die erste und 1904 die zweite Auflage seines Buches „Die Heimat der Indogermanen im Lichte der urgeschichtlichen Forschung“. In seinem Vorwort 1902 führt er aus: „Meine Untersuchungen in den Pfahlbauten der oberösterreichischen Seen und auf den merkwürdigen Stätten unserer Alpen, wo schon in einem frühen prähistorischen Zeitalter ein ausgedehnter Kupferbergbau betrieben worden ist, führten mich zu der Frage, welchem Volke oder welcher Menschenrasse die dort gehobenen Zeugnisse einer frühen und mit Rücksicht auf ihr Alter hoch entwickelten Kultur zugeeignet werden dürfen. Bei dem Vergleiche der Funde von jenen Stätten mit gleichzeitigen Funden aus anderen Gebieten drängte sich mir die Anschauung auf, dass einerseits diese Überbleibsel durch gemeinsame Eigenschaften zu einer deutlichen Einheitlichkeit verbunden werden, welche die Länder von den Alpen bis zur Ostsee und von der Nordsee bis zum ägäischen Meere umschliesst, und dass andererseits bei der Frage, welcher Völkergruppe oder Rasse sie angehören, nur die Indogermanen ernstlich in Betracht gezogen werden können. Ich habe dieser Anschauung schon vor einem Jahrzehnt Ausdruck gegeben; die nachfolgenden Ausführungen sollen sie näher begründen. Wien, im Sommer 1901. M. Much“359 In den MAGW 1902 erscheint eine Rezension zu Much’s Buch von Karl Penka, der Kritik übt und teilweise Plagiatsvorwürfe erhebt. „Und nun finde ich zu meinem größten Befremden, dass der Verfasser des vorliegenden Werkes einerseits meine Lehre als eine neue, erst von ihm aufgestellte Lehre und meine archäologische Begründung als eine neue, erst von ihm gegebene Begründung hinstellt, andererseits mir eine Lehre unterschiebt, die von meiner wesentlich verschieden ist, in dem er S. 2 anführt, dass ich das „südliche Schweden“ als Heimat der Indogermanen betrachte und damit dieselbe „zu eng umgrenze“. Es ist um so befremdender, als sich Much sonst als ein sehr genauer Kenner meiner Schriften erweist und ich noch vor kurzem (1900) in diesen „Mittheilungen“ (XXX, 54) ausdrücklich erklärt habe, dass als Heimat des arischen Urvolkes „nur ein verhältnismäßig sehr kleiner Theil der skandinavischen Halbinsel, die Provinz Schonen, wo die mesolithische Culturperiode vertre- 4.9 357 Faltblatt Die Kupferzeit in Europa, Dokumappe, Nachlass M. Much, Privatbesitz K. u. R. Wirthig 358 Virchow, 1887, S. 97–99 359 Much, 1902 4.9 Über die Heimat der Indogermanen im Lichte der urgeschichtlichen Forschung 191 ten ist, in Betracht kommt““360 Diese Rezension ist im Prinzip ein Duell zwischen Penka und Much. Am Ende sagt er: „Die Bedeutung des Much’schen Werkes liegt weniger in der Aufstellung und Begründung einer neuen Theorie über die Heimat der Indogermanen, als vielmehr in dem dankenswerthen Nachweise, dass eine Reihe von urgeschichtlichen Fragen, die mit der Frage der Heimat der Indogermanen in einem mehr weniger entfernten Zusammenhange stehen, leichter auf Grund der Theorie von der nordeuropäischen Herkunft der Indogermanen ihre Lösung findet, als eine solche vom Standpunkte jeder anderen der früher aufgestellten Hypothesen möglich war.“361 Much versucht nicht sprachwissenschaftlich, sondern „auf Grundlage der archäologischen Forschung die Heimat der Indogermanen zu ermitteln“362. Er schreibt: „Die Heimat der Indogermanen liegt nicht in Asien, sondern im nordwestlichen Europa und umfaßt die Küstenländer und Inseln der westlichen Ostsee; sie wird im Westen von der Nordsee bespült und reicht im Süden bis an den quer durch das heutige Deutschland sich erstreckenden Gebirgszug vom Harz zum Thüringer Walde, zum Fichtel-, Erz- und Riesengebirge bis an die äußersten Ausläufer der westlichen Karpathen; im Osten dürfte die Oder die ursprüngliche Grenze gebildet haben, die früher schon an die Weichsel vorgeschoben worden sein mag, wie denn überhaupt eine strenge Umgrenzung nicht möglich ist, weil sie in einer steten Erweiterung begriffen war; denn schon im weiteren Verlaufe ihres Anwachsens, doch noch innerhalb der Steinzeit überschritten die Indogermanen das deutsche Mittelgebirge und drangen einerseits bis an die Alpen, schifften nach Großbritannien und Irland, und erreichten andererseits etappenweise die mittlere Donau und den Balkan, sowie den Dniester und die südrussische Steppe, endlich die Länder am Schwarzen und Aegäischen Meere.“363 Über die Heimat der Indogermanen wird bis heute gestritten. Durch die Analyse genetischen Materials kommt man heute zu folgendem vorläufigen Schluß: „Das Urvolk der Indogermanen entstand, wie David Reich jüngst in einem Vortrag äußerte (25), durch Vermischung osteuropäischer Jäger und Sammler mit frühneolithischen Bauern des Iran. Nach Ansicht der Erbgutforscher stellt dies die definitive Entscheidung dar zwischen den vielen alternativen Hypothesen zur Entstehung und Ausbreitung der Indogermanen. Es darf gesagt werden, dass die Kurgan-Hypothese von Marija Gimbutas durch diese vollauf bestätigt worden ist.“364 (25) David Reich: Ancient DANN and the new science oft he human pst. Midsummer Nights’Sience, 12. Juli 2017, Broad Institute, https://www.youtube.com/watch?v=pgXYfLkRdJ0 Anmerkung: Zur zweiten Auflage 1904 ist keine Rezension in den Archiven zu finden. 360 Penka, 1902, S. 168–171 361 Penka, 1902, S. 168–171 362 Much, 1904, S. 5 363 Much, 1904, S. 5–6 364 https://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanen, 05.02.2018 4. Hinwendung zur Ur- und Frühgeschichte 192 Die Trugspiegelung orientalischer Kultur in den vorgeschichtlichen Zeitaltern Nord- und Mitteleuropas 1907 veröffentlicht M. Much eine Abhandlung mit dem oben angeführten Titel in Jena bei Hermann Costenoble, die zuvor bereits im XXXVI. Band der MAGW erschien. Im Prinzip stellt diese Arbeit eine Fortsetzung und Untermauerung seiner Ansichten bezüglich der Indogermanen dar. Zusammenfassend stellt er fest: „Die in der vorstehenden Ausführung dargelegten Umstände und Tatsachen bringen mich zu der Überzeugung, daß der übermächtige und allverbreitete Einfluß der orientalischen Kultur auf die materielle und geistige Entwicklung Europas während des älteren und jüngeren Steinalters, wie er von vielen Forschern behauptet wird, nicht besteht, jedenfalls aber eines strengen Beweises durchaus entbehrt. Nach meiner Ansicht zeigt diese Entwicklung ein selbständiges Gepräge und umfaßt anfänglich den südlichen, mittleren und nordwestlichen Teil Europas. Es ist begreiflich, daß ihr Gang nicht immer der gleiche, ihre Richtung nicht überall die nämliche sein konnte, daß sie vielmehr in den verschiedenen Gebieten je nach den Bedingungen der geographischen Gestaltung des Bodens, der Verschiedenheit des Klimas, der Fruchtbarkeit und dessen, was die Natur sonst noch bietet, zur Ausbildung verschieden gearteter Menschengruppen führen mußte.“365 4.10 365 Much, 1907, S. 143–144 4.10 Die Trugspiegelung orientalischer Kultur in den vorgeschichtlichen Zeitaltern Nord- und Mitteleuropas 193

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References

Zusammenfassung

Dr. Matthäus Much war ein Pionier der österreichischen Urgeschichtsforschung. Als finanziell unabhängiger Zitherfabrikant in Wien widmete er sich begeistert der frühen Geschichte seines Heimatlandes. Er entdeckte die Pfahlbauten im Mondsee, untersuchte die Spuren des alpinen prähistorischen Kupferbergbaus und führte in Niederösterreich intensive Ausgrabungen durch. Seine Sammlung prähistorischer Gegenstände war international bekannt. Als Mitglied in den Anthropologischen Gesellschaften von Wien und Berlin setzte er sich für die Zusammenarbeit beider Vereinigungen ein. Aus Kupferfunden in ganz Europa leitete er die Notwendigkeit ab, eine zusätzliche historische Periode einzuführen („Kupferzeit“). In der K.K. Zentralkommission sorgte er für die Bewahrung der Bodendenkmale und arbeitete an einer Denkmalschutzgesetzgebung. Ottfried Becker zeichnet anhand historischer Dokumente, zu denen auch von Matthäus Much selbst gesammelte und bisher unveröffentlichte Unterlagen gehören, sein Leben und Wirken nach.