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10. Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes in:

Ottfried Becker

Dr. Matthäus Much (1832-1909), page 243 - 250

Eine dokumentarische Biographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4350-9, ISBN online: 978-3-8288-7300-1, https://doi.org/10.5771/9783828873001-243

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 42

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes Maßgeblich für die heutige Beurteilung des Lebenswerkes von Dr. Matthäus Much sind die Veröffentlichungen von Prof. Dr. Urban (2002) und die Diplomarbeit von Herrn Luckscheiter (2012). Prof. Dr. Urban schreibt: „Zuerst kurz zu Much als Ausgräber, wo – für das Fach Urgeschichte – unzweifelhaft seine bleibenden Hauptverdienste liegen.“465 Dabei hebt er die Ausgrabungen in Stillfried, Rabensburg, Bernhardstal und Bullendorf hervor. „(in Stillfried gelang der erstmalige Nachweis einer altsteinzeitlichen Fundstelle in Österreich)“466 „Von überregionaler Bedeutung und bleibendem Wert waren Muchs „Pfahlbau- Untersuchungen“ im Salzkammergut, insbesondere im Mondssee. Er förderte die Funde allerdings mittels eines Baggers zu Tage. Außerdem veröffentlichte er 1877 die von J. Pirchl entdeckten Funde aus dem Kupferbergwerk vom Mitterberg (Salzburg). Seine zahlreichen Publikationen gehen nur selten über Fundstellenbeschreibungen und Fundstellenlisten hinaus- sie haben zumeist den Charakter und wissenschaftlichen Wert von Fundberichten; Fundvorlagen erfolgten meistens nur sehr ausgewählt. Sein Vorschlag, zwischen dem Neolithikum und der Bronzezeit eine eigenständige Kupferzeit herauszuarbeiten – ein Terminus, den Much erstmals in Mitteleuropa einführte- blieb lange von der österreichischen Urgeschichte unberücksichtigt; er wurde erst in den letzten Jahren vereinzelt wieder aufgegriffen. Seine naturwissenschaftlichen Interessen zeigten die Untersuchungen der eiszeitlichen Fundplätze sowie die in seiner Zeit gar nicht so übliche sorgsame Aufbewahrung organischer Reste aus dem Mondsee und vom Mitterberg.“467 Hervorgehoben wird auch Much’s Initiative im Verein für Landeskunde zur Gründung eines Niederösterreichischen Landesmuseums in der Generalversammlung am 12. Nov. 1902.468 Im Weiteren betrachtet Urban „Much als Denkmalpfleger“, die Tafel „Vor- und frühgeschichtlicher Denkmäler aus Österreich und Ungarn“ und der „Kunsthistorische Atlas“ finden besondere Beachtung. „Auch für die praktischen Bereiche des Faches brachte er Positives: so setzte er sich, wie bereits gesagt, für die Gründung eines Niederösterreichischen Landesmuseums ein, wies mehrfach auf die Notwendigkeit eines gesetzlichen Schutzes von Bodendenkmalen hin und bemühte sich um die Einbindung der Urgeschichte in den Lehrplan der Schulen. Sein Vorschlag eines „Staatlichen Untersuchungsamtes in physikalisch-chemischer Richtung“ für archäologische Bodenfunde (1892) war seiner Zeit weit voraus (erst rund 100 Jahre später konnte die 10. 465 Urban, 2002, S. 10 466 Urban, 2002, S. 10 467 Urban, 2002, S. 10–11 468 Urban, 2002, S. 11 243 Universität Wien durch die Gründung der IDEA, seit 2000 VIAS, die dringend notwendige Forderung realisieren). Einen bleibenden Wert bildet seine umfangreiche Sammlung, die nach seinem Tode von der Universität Wien angekauft worden ist und als „Prähistorischer Lehrapparat“ einen Grundstock für die heutige Studiensammlung des Institutes für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien bildet.“469 Dass M. Much sich maßgeblich für eine Denkmalschutzgesetzgebung einsetzte, möchte ich in diesem Zusammenhang ergänzen. Das Verhältnis von Moriz Hoernes zu Matthäus Much interpretiert Urban wie folgt: „Die handschriftlichen Bemerkungen von Hoernes im Buch Muchs weisen ebenfalls darauf hin, dass Hoernes Much wohl wenig schätzte; …“470 Ich sehe das vollkommen anders: Hätte Hoernes jemanden darum gebeten, sein Buch zu rezensieren, wenn er denjenigen nicht schätzt? Und genau dies tut Moriz Hoernes 1898, als er M. Much bittet, eine Rezension über sein neues Werk „Urgeschichte der Bildenden Kunst in Europa“ zu schreiben.471 In den Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft erscheint 1898 auf den Seiten 101 bis 104 der Literaturbericht von M. Much über Hoernes‘ „Urgeschichte der bildenden Kunst in Europa von den Anfängen bis um 500 v. Chr.“. Much zweifelt teilweise die Hypothesen von Hoernes an, aber in seinem letzten Absatz schreibt er: „Diese Gegenbemerkungen sollen weiter nichts sein als der Ausdruck persönlicher Ansichten, die bei einem so ausgedehnten Forschungsgebiete und bei der Verschiedenheit der Wege, welche in dasselbe führen, nicht durchaus übereinstimmen können. Diese Meinungsunterschiede hindern mich nicht, dem Werke meine Bewunderung zu bezeigen. Es mag ja vielleicht auf berufener Seite noch auf manche Einwendung stossen, Manches, was darin über Ursprung und Entwicklung über Heimat und Verbreitung der bildenden Kunst gesagt worden, schon andernorts geäussert sein, aber von keiner anderen Hand ist eine so schwere Menge von Thatsachen zusammengetragen und zu einem wohlgefügten einheitlichen Bau gestaltet worden, wie es Hoernes in seinem Werke vollführt hat; in geistvoller Weise unterzieht er die Erscheinungen und ihre gegenseitige Beziehung der Beurtheilung und in klarer, formgewandter, gewinnender Sprache bringt er seine Gedanken zum Ausdrucke. Der Verfasser hat mit seiner „Urgeschichte der bildenden Kunst“ ein Werk geschaffen, das nicht nur ihm selbst, sondern auch der gesammten österreichischen Urgeschichtsforschung zur Ehre gereicht.“472 Unter dem Titel „Much und sein Geschichtsbild“ schreibt Urban: „Much kann als Vertreter einer Generation des 19. Jhs. gelten, die erstmals versucht, die aus den sprachwissenschaftlichen und historischen Quellen gewonnenen Vorstellungen durch Ausgrabungen zu ergänzen. Er wurde allerdings damit auch einer der österreichischen Forscher, die scheinbar wissenschaftlich den Boden für die Ideen eines nordischen Herrenvolkes aufbereiteten.“473 469 Urban, 2002, S. 12 470 Urban, 2002, S. 21 471 Windischbauer, 2002, Seite 248, Korrespondenz von Matthäus Much an Moritz Hoernes 472 Much, 1898 (1), Seite 104 473 Urban, 2002, Seite. 13 10. Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes 244 Auf die Diplomarbeit von Herrn Luckscheiter mit einem Umfang von über 800 Seiten möchte ich hier nicht näher eingehen. Ich bin der Meinung, dass von ihm zu viel „hineininterpretiert“ wurde. Auf einige Fehler bei der Behandlung der Fakten im Schönererprozess habe ich schon an anderer Stelle hingewiesen, ebenso auf den fehlerhaft genannten Geburtsort. Wegen einer Inschrift auf dem Grabstein zu folgern, dass Matthäus Much sich der „Los von Rom“-Bewegung Schönerers angeschlossen hat, finde ich absolut phantastisch. Auf Seite 857 seiner Arbeit ist ein Foto des Grabsteins der Familie Much zu finden und die Abb. 202 wie folgt erläutert: „Aus den Abbildungen 200 und 201 geht hervor, dass die antisemitische Hetze Schönerers, zu welcher Matthäus Much u.a. die legitimierende wissenschaftliche Grundlage geliefert hat, im Gegensatz zu den Körpern ihrer Verfechter, nicht „begraben“ wurde. Auf dem Grabstein von Matthäus Much steht der lateinische Satz „Ego sum via veritas et vita“ (Joh. 14/6), was „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ bedeutet. Häufig wird das erste „und“ wegelassen. Die Luther-Bibel hält sich dagegen enger an das ursprünglich griechische Original. Hierbei könnte es sich somit um einen Hinweis auf einen protestantischen Glauben Muchs handeln. Zwar konnte ich die näheren Umstände nicht eruieren, doch würde ein Konfessionsübertritt für eine ideologische Nähe zur alldeutschen „Los von Rom“-Bewegung sprechen“474 Auf den angesprochen Abbildungen 200 und 201 sind lobende Worte auf Ritter Georg v. Schönerer aus dem Jahre 1940 und ein Plakat für eine Schönererausstellung von 1942 zu sehen. Im Gegensatz dazu muß bemerkt werden, dass Matthäus Much nach einer Abschrift seines Totenscheines aus dem Jahr 1940475 als römisch katholischer Christ gestorben ist. Auch die Todesfallaufnahme stellt bei der Religion „katholisch“ fest.476 Im Kapitel „10 Quellenkritik und Ausblicke“ seiner Arbeit schreibt Luckscheiter: „Ich hoffe die Aufgabe einer „Nabelschau“ von Matthäus Much, so detailliert es bei der Vielfalt der geistigen Strömungen eben ging, bewältigt zu haben und kann zu meiner eigenen Sozialsituation nur so viel sagen, dass es mir selbstverständlich nicht darum ging Muchs anfangs nur in Umrissen bekanntes Theoriengebäude zu bestätigen. Ich habe mich bemüht nicht in jede Äußerung, irgendwelche nationalistischen, germanophilen, antisemitischen oder rassistischen Motive hineinzulesen, wobei ich nicht ausschließen kann, dass mir das dennoch ab und an passiert ist, wo es fehl am Platze war. Mit Sicherheit ist mein Weltbild durch Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus geprägt, so dass ich retrospektiv, ob ich will oder nicht, über die Lage der Dinge „richte“. Allerdings war es nicht besonders schwer offensichtliche Bezüge zu deutschnationalen Diskursen herzuleiten, während die antisemitischen Töne häufig etwas schwieriger ausfindig zu machen waren.“477 Im Internet unter „Deutsche Biographie“ aus dem Jahr 2012 ist folgendes zu lesen: „Die Sammelleidenschaft des seither finanziell unabhängigen M. führte in den 70er Jahren zu umfangreichen Grabungen. So entdeckte er 1874 am Mondsee, wo er 474 Luckscheiter, 2012, Seite 857 475 Totenschein M.Much, Abschrift 1940, Privatbesitz 476 Verlassenschaftsakt (WStLA, BG Hietzing: 2A 1825/1909) 477 Luckscheiter, 2012, Seite 688 10. Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes 245 ein Haus besaß, eine Pfahlbausiedlung und ließ diese freilegen. Er öffnete hallstättische Tumuli und führte Testschnitte in zahlreichen Wehranlagen Niederösterreichs durch. 1877 wandte er sich dem alpinen Kupferbergbau zu und publizierte die von Johann Rudolf Pirchl entdeckten Funde vom Mitterberg. In Kommission verkaufte M. für den dän. Altertumshändler Henriquez prähistorische Funde. 1877 wurde M. aufgrund seiner umfangreichen Grabungsaktivitäten zum Mitglied der k.k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und der historischen Denkmale ernannt, wo er in der Sektion für prähistorische Funde und antike Kunst sowie im Komitee für Denkmalschutzgesetzgebung wirkte. Seine Hauptverdienste liegen in der Feldforschung. Dagegen erschienen viele seiner Interpretationen, besonders der Tumuli und Wehranlagen, bereits seinen Zeitgenossen germanophil. M. führte den Terminus „Kupferzeit“ in Österreich ein. Einige seiner Ideen waren richtungsweisend: die Gründung eines niederösterr. Landesmuseums, der gesetzliche Schutz für Bodendenkmale und die Information über diese sowie über Prähistorie bereits in den Schulen. Durch seine Paläolithforschungen sowie sorgsame Aufbewahrung auch von organischen Fundresten wird sein Interesse für die Umwelt des prähistorischen Menschen deutlich. Sein Vorschlag eines „Staatl. Untersuchungsamtes in physikalisch-chemischer Richtung“ (1892) zur Analyse von Bodenfunden blieb unerfüllt. Von bleibendem Wert ist seine Sammlung; sie bildet seit 1912 den Grundstock der Studiensammlung des heutigen Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Univ. Wien. Galt er lange als „Nestor der Urgeschichte Österreichs“, wird M. heute eher nüchterner betrachtet: er war Autodidakt und fand – persönlich wie in seinen Theorien – kaum Aufnahme in akademische Kreise. Doch dank seines immensen Fleißes entdeckte er zahlreiche prähistorische Fundstätten und beschrieb viele von diesen erstmals.“478 Dazu muß angemerkt werden, dass M. Much die Pfahlbauten am Mondsee bereits 1871/ 1872 entdeckte. Und wenn kritisiert wird, dass Much Autodidakt war, stellt sich die Frage, wo man in Österreich bzw. Europa Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hätte Archäologie studieren können. M. Hoernes gilt als Gründer des Archäologischen Instituts in Wien, „er habilitierte sich 1893 an der Universität Wien als erster im deutschsprachigen Raum für „Prähistorische Archäologie““479 Der Feststellung, dass M. Much persönlich und mit seinen Theorien kaum Aufnahme in akademische Kreise fand, muß ich widersprechen. Seine Wertschätzung als Mensch und als Forscher wird in den zahlreichen Auszeichnungen und Ehrenmitgliedschaften und in den Nachrufen der verschiedenen Gesellschaften deutlich. Ich möchte ein Zitat anfügen, das die Stellung von Matthäus Much in der Gesellschaft treffend widerspiegelt. Bei der Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens des Altertums-Vereines zu Wien am 22. und 23. März 1903, bei der Dr. M. Much als Vice-Präsident anwesend ist, überbringt Herr Professor Montelius aus Stockholm seine Glückwünsche wie folgt: „Hochansehnliche Versammlung! Im Namen der kgl. Akademie der schönen Wissenschaften, Geschichte und Altertumskunde in Stockholm habe ich die große Ehre, dem Altertums-Verein die besten Glückwünsche zu sa- 478 Urban, 1997, S. 249 479 Urban, 2002, Seite 20 10. Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes 246 gen. Der Verkehr zwischen den österreichischen und den skandinavischen Ländern reicht in eine sehr alte Epoche zurück. Wenn heute gesagt wurde, daß 50 Jahre eine sehr kurze Zeit im Leben der Menschheit sind, so ist dies richtig; jener Verkehr stammt aber aus einer Zeit vor mehr als 4000 Jahren. Schon in der Kupferzeit – welche Herr Dr. Much in so glänzender Weise behandelt hat – existiert der Verkehr und wurde derselbe in der Bronzezeit wie in den folgenden Jahrhunderten fortgesetzt. Daher studieren wir in Stockholm alle österreichischen Arbeiten mit großem Eifer und können Sie die Versicherung entgegennehmen, daß die Namen der österreichischen Altertumsforscher bei uns gut bekannt sind, Namen wie: Freiherr von Sacken, Hochstetter, Kenner, Much, Heger, Szombathy, Hoernes und viele andere sind bei uns ebensogut bekannt, wie hier. Der Verkehr, von dem ich jetzt gesprochen habe, war freilich mehr ein indirekter. Im ersten Jahrtausend nach Christus aber können wir eine Verbindung wahrnehmen, die eine mehr direkte war. Damals wohnten in den gegenwärtigen österreichischen Ländern gothische und andere germanische Völker und ist es selbstverständlich, daß diese Völker in direkter Verbindung mit den Stammverwandten im Norden standen. Davon sprechen die damaligen Schriftsteller und in einer Sprache, die nicht mißverstanden werden kann, auch die zahlreichen Funde, die man im Norden und in den Zwischenländern geweckt hat. Im Mittelalter existierte auch diese Verbindung, wenn schon in anderer Weise. Damals kamen schwedische Studenten nach österreichischen Hochschulen, um zu lernen. In letzter Zeit sind wir nach Wien und in andere österreichische Städte gekommen, um die großen Sammlungen von Altertümern kennen zu lernen, die man hier ausgegraben hat.“480 Bei dem abendlichen Festmahl ergreift Prof. Montelius noch einmal das Wort. „Meine sehr geehrten Herren! Die anderen Herren von auswärts haben mich, nachdem ich die weiteste Reise gemacht habe, ersucht, auf die an uns gerichteten so schönen Worte geziemend zu antworten. Als ich das Vergnügen hatte, die Reise von Stockholm nach Wien zu machen, habe ich so maches Merkwürdige erfahren. Zuerst ist mit aufgefallen, daß der Weg von Stockholm nach Wien viel kürzer ist, als von Wien nach Stockholm, obwohl die Entfernung hin und zurück doch dieselbe ist. (Heiterkeit.) Ich habe noch eine andere Erfahrung gemacht. Wenn man heutzutage im Eisenbahnwagen fährt und nicht so glücklich ist, ein Schlafkoupee zu haben, und dabei über eine gewisse persönliche Länge verfügt, so ist man oft gezwungen, selbst einen „liegenden Hocker“ zu machen. Wir in Schweden sagen, wenn zufälligerweise jemand zu viel getrunken hat: – es kommt dies selten vor (Heiterkeit) – „ein Kupferschmied ist in seinem Kopfe tätig“. Daraus kann man ein merkwürdiges Resultat sehen. In der Steinzeit gab es keine Gefahr zu trinken, denn damals gab es noch keine Kupferschmiede, aber mein sehr verehrter Nachbar, Herr Dr. Much, ist dafür verantwortlich, daß es heutzutage so gefährlich ist zu trinken, denn er ist nicht nur der Entdecker der Kupferzeit, sondern auch der Erfinder der Kupferschmiede. (Heiterkeit) Sie sehen, daß man in dieser Weise wirklich die Wissenschaft sehr ernst in meinem Lande studiert und sehen auch, daß man wichtige Resultate durch diese ernste Arbeit 480 Die Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens des Altertums-Vereins zu Wien, Seite 22, Stenographisches Protokoll 10. Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes 247 erringen kann, aber es ist noch viel wichtiger, im Kreise der gelehrten Freunde die alten Fragen zu behandeln, die ich in den Sammlungen des hiesigen Museums und in jener des Herrn Dr. Much zu erkennen Gelegenheit gehabt habe. Ich bin für das Gesehene außerordentlich dankbar, es reut mich nicht, daß ich diese Reise gemacht habe und ich hoffe, daß Sie auch unsere Funde einmal besichtigen werden. Wir haben in Schweden auch Eisenbahnwagen, wo man es wirklich sich recht bequem machen kann. Einer unserer höheren Eisenbahnbeamten, der etwas größere Körperlänge als ich hatte, hat extra dazu gedient, um die Länge der Eisenbahnwaggons zu bestimmen. Er hat alle Waggons probiert und die er akzeptiert hat, kann ruhig die ganze Menschheit akzeptieren. In dem ich für die schönen Worte meinen besten Dank sage, heiße ich Sie willkommen in Stockholm. Es wird uns ein Vergnügen sein, Ihnen die Sammlungen, die wir haben, zu zeigen, und Sie werden daraus erkennen und studieren können, welche Verbindungen zwischen den österreichischen und skandinavischen Ländern in früheren Zeiten bestanden. Also willkommen im Stockholmer Museum! (Lebhafter Beifall)“481 Nachdem Msgr. Prof. Dr. Ortvay geantwortet hatte, sah sich Dr. Much ebenfalls veranlaßt „auf die Rede des Herrn Professors Montelius in folgenden Worten zu entgegnen: Meine hochverehrten Festgenossen! Gestatten Sie, daß ich vom Standpunkt des Prähistorikers die eben gesprochenen Worte des Herrn Prälaten etwas näher ausführe. Mein Nachbar, unser verehrter Gast aus Schweden, Herr Professor Montelius, hat gestern bemerkt, es bestehe schon seit 4000 Jahren ein Band zwischen Schweden und unserem Heimatlande. Dem ist auch wirklich so. Wenn vielleicht auch noch bestritten werden kann, daß Skandinavien die Heimat aller Indogermanen ist, so glaube ich, wird es niemanden mehr geben, der nicht Skandinavien als Heimat aller Germanen anerkennt (Beifall) und insoferne sehen auch wir unsere Heimat, unsere Urheimat in Skandinavien und insoferne müssen wir auch erkennen, daß wir als Angehörige derselben Mutter Germania Brüder sind. (Lebhafter Beifall) Herr Professor Montelius ist jedoch sofort auf die Neuzeit übersprungen und hat bemerkt, daß wir bescheidene Prähistoriker in Wien in seiner Heimat, in Stockholm, sehr gut bekannt sind. Ich danke ihm bestens für diese anerkennenden und ausgezeichneten Worte, aber ich muß das in weitaus erhöhtem Maße von den Prähistorikern im Norden sagen. Es ist ganz eigentümlich, daß nicht nur die Heimat unseres Stammes, sondern auch die Heimat der Urgeschichte des Menschen, also auch der Forschung nach der Urheimat unseres Stammes in Skandinavien liegt. Die Forscher in Skandinavien sind hierin unsre Lehrmeister, die ersten Prähistoriker gewesen, sie setzen das Werk mit einem ausgezeichneten Erfolge fort und einen der vorzüglichsten und vornehmsten Repräsentanten dieser Forschung habe ich die Ehre, an meiner Seite zu sehen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich erinnere Sie weiter an den Schweden Nilsson, der schon vor Dezennien die Steinzeit in so klarer Weise uns beschrieben hat, ich erinnere Sie an den Dänen Tomson, der es zuerst ausgesprochen hat, daß die Menschheit sich anfänglich mit Werkzeugen aus Stein und 481 Die Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens des Altertums-Vereins zu Wien, Seite 57–58, Stenographisches Protokoll 10. Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes 248 Knochen behelfen mußte und daß dann eine Zeit gekommen ist, in welcher die Menschen hier in Europa und wahrscheinlich in der ganzen übrigen Welt zur Entdeckung und zum Gebrauche der Bronze vorgeschritten sind, und daß auf diese Zeit die Periode folgte, in welcher sie auch das Eisen kennen gelernt haben. An dieser Dreiteilung messen wir nun die kulturgeschichtliche Entwicklung der Menschheit überhaupt während der Jahrtausende, die der geschichtlichen Ära vorangegangen sind. Ich will nicht weiter gehen, sondern nur kurz noch einige andere hochverdiente Namen nennen, wie: Hildebrand, Worsaae, Steenstrup, Vinge, Zink, Vedel, Engelhardt, Sophus- Müller usw., welche alle in gleicher Weise zum Weiteraufbau der Urgeschichte Europas und der Urgeschichte der Menschheit überhaupt beigetragen haben. Meine Herren! Es ist nicht allein das Studium der reichen Schätze menschlicher Artefakte, die eine ferne Vergangenheit uns zurückgelassen hat, sondern es ist auch das Studium des Menschen selbst, seiner äußeren Erscheinung, die Anthropologie in engerem Sinne, welches ihren Ursprung in Skandinavien hat. Der Schwede Retzius war es, der uns zuerst die Beschaffenheit und Form des menschlichen Schädels zu erkennen gelehrt hat und sein Sohn hat diese Untersuchungen jüngst durch ein ausgezeichnetes und epochemachendes Werk in bewundernswerter Weise weitergeführt. Meine Herren! Es ist mir ein Herzensbedürfnis, sie aufzufordern, auf das Wohl unseres verehrten Gastes zu trinken, der hier als Repräsentant der hochangesehenen und erfolgreichen nordischen Forschung in unserer Mitte weilt. (Hoch! Hoch! Hoch!)“482 482 Die Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens des Altertums-Vereins zu Wien, Seite 59–60, Stenographisches Protokoll, Berichte und Mitteilungen des Altertums-Vereines zu Wien, Band 38, Wien 1903 10. Heutige Beurteilung seines Lebenswerkes 249

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Zusammenfassung

Dr. Matthäus Much war ein Pionier der österreichischen Urgeschichtsforschung. Als finanziell unabhängiger Zitherfabrikant in Wien widmete er sich begeistert der frühen Geschichte seines Heimatlandes. Er entdeckte die Pfahlbauten im Mondsee, untersuchte die Spuren des alpinen prähistorischen Kupferbergbaus und führte in Niederösterreich intensive Ausgrabungen durch. Seine Sammlung prähistorischer Gegenstände war international bekannt. Als Mitglied in den Anthropologischen Gesellschaften von Wien und Berlin setzte er sich für die Zusammenarbeit beider Vereinigungen ein. Aus Kupferfunden in ganz Europa leitete er die Notwendigkeit ab, eine zusätzliche historische Periode einzuführen („Kupferzeit“). In der K.K. Zentralkommission sorgte er für die Bewahrung der Bodendenkmale und arbeitete an einer Denkmalschutzgesetzgebung. Ottfried Becker zeichnet anhand historischer Dokumente, zu denen auch von Matthäus Much selbst gesammelte und bisher unveröffentlichte Unterlagen gehören, sein Leben und Wirken nach.