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DIE WURZELN in:

Thomas Hanstein, Andreas Ken Lanig

Spirituelle Kompetenz in digitalen Lern- und Arbeitswelten, page 9 - 54

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4349-3, ISBN online: 978-3-8288-7298-1, https://doi.org/10.5771/9783828872981-9

Tectum, Baden-Baden
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9 DIE WURZELN Die Ausgangslage dieses Ratgebers lautet daher: Die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelten verlangt neue Kompetenzen. Diese betreffen Alltagshandlungen, etwa wie wir mit digitalen Geräten umgehen und wie Daten unseren Alltag prägen. Diese explizite Ebene ist jedoch nicht Schwerpunkt dieses Beitrags. Denn diese rationale Ebene scheint im Diskurs zur Digitalisierung bereits sehr gut thematisiert zu sein. In betrieblichen und familiären Gesprächen ist die Digitalisierung eine organisatorische Herausforderung. Wir wollen stärker die implizite Ebene diskutieren – konkret: Inwiefern müssen wir als Menschen unsere Wahrnehmung gegenüber einer digitalen Welt schärfen? Wie können wir dieses Menschsein neu begreifen? Inwiefern verändern virtuelle Welten und die Digitalität – als eben dieses Phänomen der Verschränkung des Analogen und Digitalen – unser Verständnis des Menschseins bzw. stellen sie bisherige Menschenbilder und auch unser Verständnis von menschlicher Kommunikation in Frage? Und schließlich: Wie können wir die Potenziale dieser Veränderungen sinnhaft und nachhaltig spirituell nutzen, insbesondere für die eigene Rekreation des lernenden Subjekts wie aber auch für die bewusste Fokussierung von systemischen Team- und Organisationsprozessen. Ein Schlüsselmoment zu diesem Buch war ein Zitat im Rahmen einer empirischen Forschung zum virtuellen Lernen. Das Gespräch drehte sich um die Frage, an welchen Situationen die Probandin einen persönlichen Entwicklungsschritt feststelle. Sie erzählte: „Ich merke das daran, dass meine eigentliche Erwerbstätigkeit im Gegensatz zu meinem Studium bedeutungslos geworden ist.“ Die anschließende Erörterung dieser starken Aussage hat gezeigt, dass das Studium einen Sinn „aufschließt“, der über eine intellektuelle, aber eben vor allem sinnliche Arbeit zugänglich wird. Das Überraschende dabei ist, dass dieser Aufschluss von Sinn keines institutionellen Rahmens und keiner Hochschule „aus Stein und Beton“ bedarf. Die geradezu – wörtlich verstandene – transzendente Erfahrung stammt aus eigenmächtig geschaffener Umwidmung von Zeit und Raum, über die die Probandin eine neue Stufe des Weltzugangs erreichte. Und dies eben ohne Beteiligung einer physischen Instanz, sondern über digitale Medien. Beobachtungen wie diese lassen uns immer wieder neu darüber nachdenken, inwiefern die digitalen Medien doch eine spirituell-transzendente Rolle einnehmen und sich diese Fragen von den physischen Institutionen lösen. Diese Beobachtung ist insofern nicht selbstverständlich, da die fachwissenschaftliche Befähigung zu beruflichen Kompetenzen im Hauptfokus der Hochschulen steht. Die argumentative Verbindung ist, dass die Ebene der Bedeutung notwendig ist, um eine thematische Aneignung der Inhalte zu bewerkstelligen. Ohne diese sich konturierende Bedeutsamkeit wäre ein Hochschulstudium – gerade im virtuellen Rahmen – kaum gelingend möglich. Interessanterweise spielen sich diese spirituellen Fragen in einem Rahmen ab, der niemals dafür gedacht war: Nämlich in der vernetzten und hochgradig digitalisierten Lebenswelt junger Menschen. Dieser hybride Rahmen ist das Feld, auf dem sich Fragen stellen, die traditionell weltanschaulich konnotiert waren: „Welche Bedeutung hat meine eigene menschliche Entwicklung, ganz unabhängig vom Nutzen meines Einsatzes und der Nutzbarkeit meines Tuns? Welche mentalen und spirituellen Techniken gibt es, die ich für diese Entwicklung einsetzen kann?“ Es sind damit keine großen philosophischen Fragen nach dem Sinn „an sich“, sondern nach dem Sinn „an 10 DIE WURZELN und für sich“. Je vielschichtiger die Bewältigung der beruflichen und persönlichen Herausforderungen geworden ist, umso mehr lässt sich bei der sogenannten „Generation Y“ auch der Drang zur Reflexion solcher Fragen feststellen – und nicht nur die Bereitschaft dazu, sondern auch die Fähigkeit. Und wen es wundert, dass sich zwei Männer dieses Themas stellen, der sei im Besonderen aufgefordert, seine bisherigen „Erfahrungs-Schubladen“ neu zu sortieren. Impulse und auch – im wahrsten Sinn des Wortes – Irritationen liefert dieses Buch dazu hinreichend. Ganz neu sind diese Phänomene der autonomen Bildungsprozesse freilich nicht. Auch ohne Beteiligung digitaler Medien gab es Phänomene der Selbstschulung und Selbsttherapie. In ergreifenden Biografien ist nachzulesen, wie Menschen in Krisensituationen eigenmächtig handeln und etwa über literarisches Schreiben oder andere künstlerische Ausdrucksformen die Krise wenden und in ein neues Gleichgewicht kommen. Wir behaupten aber, dass diese autonomen Bildungsprozesse über die digitalen Medien zu einem breiten gesellschaftlichen Potenzial geworden sind, über das Menschen sich eigenmächtig verändern. Und, dass diese epochale Entwicklung bislang kaum angemessen reflektiert worden ist. Diese Neudefinition des Menschseins über digitale Medien in den vielen kleinen Alltagshandlungen ist möglicherweise das, was in Zukunft mit einer neuen Stufe des Humanismus umschrieben werden könnte. Dieser Hypothese wollen wir weiter folgen. Die Digitalisierung und die intensive Verdichtung der beruflichen wie privaten Kommunikation bewirkt eine tatsächliche Gleichzeitigkeit von Vorgängen. Das damit einhergehende „Multitasking“ ist damit ein Stressfaktor, der stark auf die Konzentration wirkt. Das führt vor allem zu dem Gefühl, etwas zu verpassen oder dieser Gleichzeitigkeit nicht gerecht zu werden. Durch die verschiedenen Zeitrahmen ist es schlicht nicht möglich, angemessen und aus dem jeweiligen Kontext 11 Die Wurzeln rechtzeitig zu reagieren: Eine moderne, dezentrale Institution hat jederzeit Kommunikationsanlässe, die kaum abgestimmt zu strukturieren sind. Das ist eine Herausforderung, das ist nicht unmöglich; dafür gibt es Beispiele (z. B. agile Arbeitsformen) globaler Unternehmen, die funktionsübergreifend Abstimmung und räumliche Trennung überwinden können und müssen. Nun ist dieser Zusammenhang aber nicht direkt auf die digitalen Medien an sich zu beziehen. Denn im ersten Studienjahr eines virtuellen Studiums schaffen sich die Studierenden Zeiträume, die sie für ihr Studium umwidmen. Diese Umwidmung geschieht über die existenzielle Bedeutung, die dieses Lernen für die Studierenden hat. Nur dann macht es „Sinn“, sich auf eine digitales Lern- und Lebenswelt und deren Herausforderungen einzulassen. Das kommt in diesem Zitat zur Geltung: „Das war (…) geschehen, weil privates, also soziales Leben, Hochschulleben und 40 Stunden Arbeit – das war zu viel. Dann erfüllt man gar keine Erwartungen mehr. Ich nehme mich so weit zurück, dass ich eigentlich (…) gar keine Erwartungen erfüllen außer die Erwartungen, die ich an mich selbst stelle. (…) Einfach dahingehend, diese Freiheit auch bewusst zu genie- ßen (…).“ (Lanig, 2019, Anhangsband 3, S. 132) In dieser Entscheidung wird deutlich, wie das Bildungsprojekt des virtuellen Studiums eine Bedeutsamkeit gewonnen hat und deswegen das Leben neu organisiert. Gleichzeitig ist es in den meisten Fällen auch nicht notwendig, direkt zu reagieren – oft wäre Kommunikation qualitativer, wenn die Akteure vor ihrer Reaktion eine Zeit der spirituellen Nichtreaktion einplanen würden. Denn Stille nicht als Nichtstun zu empfinden, sondern als aktiven Prozess der Verdichtung und Sammlung, wäre bereits eine konkrete spirituelle Lernaufgabe, die wir sehen. Im Zeitfaktor liegt im Lichte der Frage dieses Buches nach der spirituellen Kompetenz ein zentraler Zusammenhang. Die Gleichzeitigkeit – eben gerade als eine empfundene Unzulänglichkeit, rechtzeitig reagieren zu können – erzeugt eine Zerstreutheit, eine mentale 12 DIE WURZELN Zerfaserung, die dann als Di-Stress empfunden wird. Daher ist ein Nachdenken über den Umgang mit der Zeit aus unserer Sicht – als erster Schritt – zentral wichtig. „Unsere“ Studierenden müssen sich nolens volens für die „VUCA“- Generation rüsten, sind sie vielmehr bereits in diese „hineingeworfen“ worden. Hier gilt vor allem eine Neo-Tugend, A: agil zu sein. Diese allseits erwartete Fähigkeit beginnt damit, V: zu jeder Zeit eine Vision zu haben, U: Understanding an den Tag zu legen, C: sich durch Clarity auszuzeichnen – und das alles natürlich blitzschnell. Die Digitalisierung hat diese Forderung zusehends und auf atemberaubende Art und Weise beschleunigt, mit entsprechenden Reaktionen auf diese Phänomene. Da ist der Vater, der am Morgen noch am Esstisch saß, seine Kinder in die Schule verabschiedete und ihnen am Abend – jedoch in einer anderen Zeitzone – über Skype einen „virtuellen Gute- Nacht-Kuss“ gibt. Da sind die Kinder, die die Reise ihres Vaters über ihren Schultag bereits vergessen haben und sich nur wundern, wieso er seiner Arbeit von so weit weg aus nachgehen muss. Diese Eindrücke der beschleunigten Informationsverarbeitung hinterlassen Spuren. So hat der Philosoph Byung-Chul Han bereits vor 10 Jahren die „Müdigkeitsgesellschaft“ als Folge der (post-)modernen Leistungsgesellschaft prognostiziert. So wird die Bezeichnung dieser Turbo- Generation heute bereits kritisch umgedeutet, als: Volatile – Uncertain – Complex und – Ambigious (vgl. Erlinghagen/Witzel, 2019). Was ist vor diesem Hintergrund der Nutzen dieses Buches? Effizienz? Ja, diese vermeintlich widersprüchliche zweckrationale Logik geben wir unumwunden zu, um klare Kante zu zeigen gegen alle Formen von „Wellness-Pädagogik“ und „Business-Mystik“. Allerdings eine Effizienz, die an die Komponenten Sinn und Selbst gebunden ist. Durch eine spirituelle Kompetenz schaffen wir über Sinnfragen einen Fokus, über den wir die Endlichkeit unserer Existenz würdigen. Und damit all jene Dimensionen, die zur Endlichkeit gehören. 13 Die Wurzeln Wir alle haben nicht unendlich Zeit: In der seelsorglichen Arbeit ist die Zeitwahrnehmung von Sterbenden immer wieder auf neue Weise beeindruckend. Ohne jede theoretische Reflexion wird die eigene Endlichkeit im Bewusstsein des nahenden Todes mit einem glasklaren Fokus gewürdigt. Was zu sagen ist, wird gesagt. Nichts lenkt ab. Nicht der Schmerz, nicht die Trauer der Angehörigen und schon gar keine Unterhaltungssendung von den wirklich dringenden Fragen. Beachtlich ist, dass in diesen Momenten auch soziale Etikette fallen, schlichtweg eine nachgeordnete Bedeutung bekommen. Ebenso verhält es sich mit dem Schamgefühl, es z. B. unangenehm zu empfinden, in „diesem Zustand“ von anderen gesehen zu werden. Vielmehr ist es dann so, dass durch diese – mitunter auch neu aufkommende Klarheit – des Sterbenden den Angehörigen die Organisation der anstehenden Beerdigung erst ermöglicht wird. Dieses Beispiel mag drastisch sein, zumal wir hier dem Gedanken der Effizienz nachgehen, es verdeutlicht aber, um was es uns geht: Einen effizienten Fokus auf das, was bedeutsam ist. Auf das was das Leben reich und intensiv macht. Ein Fokus, der alles ausblendet, was nicht wesentlich ist, was keine oder nur eine geringe Bedeutsamkeit genießt. Beispiele für eine derart effiziente Fokussierung kann die Seelsorge reichlich bieten. Im Übrigen war der „focus“ der alten Römer die Feuerstelle eines Hauses. Hier geht es also darum, was – auf der persönlichen Ebene – innerlich „brennt“ und – auf der sozialen – wozu man zusammenfindet. Seinen eigenen Fokus zu finden, wieder zu entdecken und sich darauf zu konzentrieren, kann folglich auch für beide Dimensionen öffnen. In der gesellschaftlichen Zeitwahrnehmung ist festzustellen, dass die archaische Gleichzeitigkeit von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang längst abgelöst ist durch eine asynchrone Überlagerung der unterschiedlichen Zeitsysteme und Zeitlogiken. Daher schließt dieses Buch indirekt an die Diskussion zur gesellschaftlichen Zeitwahrnehmung an. Denn die Digitalisierung schafft zum einen zwar eine 14 DIE WURZELN Zeitersparnis. Aber gleichzeitig auch ein Übermaß an Informationen, die – auf Kosten der Zeit – erarbeitet sein wollen. Damit geht paradoxerweise Zeitknappheit einher. Da mutet es unverständlich an, dass diese entstehende „Zeitersparnis“ durch einen massiven Boom der Unterhaltungsmedien es notwendig macht, sich diese Zeit „zu vertreiben“. Durch die Inhalte von Filmen wie „Matrix“ kann man die Einschätzung gewinnen, in diesem Zeitvertreib liegt selbst eine Suche nach Sinn. Die sinnvoll erfahrene Zeit ist also Dreh- und Angelpunkt dieses Buches. Die Strukturierung der Zeit selbst ist als eine gesellschaftliche Kraft zu lesen, die auf die Identität des Einzelnen wirkt. So ist der Bezug auf einen gemeinsamen Tagesstart, die Mittagspause und weitere zeitliche Fixpunkte ein Mittel, um Gruppen organisieren. Das „Stundengebet“, das das Klosterleben im Abendland seit nahezu 2000 Jahren praktiziert, ist nur eine kulturell gewachsene konkrete Antwort darauf. Es verbindet Menschen an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten, gibt dem Einzelnen – in der klösterlichen Gemeinschaft wie als Eremit – Sicherheit und verbindet zusätzlich mit Transzendenz. In buddhistischen Klöstern zum Beispiel gibt es eine Räucherspirale, die den Tag über abbrennt und über den Tagesverlauf verteilt verschiedene Düfte entwickelt. Mit diesem „Duft der Zeit“ werden unter Mönchen unterschiedliche spirituelle Übungen, aber auch alltägliche Verrichtungen organisiert. Byung-Chul Han konstatiert: „Die heutige Zeitkrise hängt nicht zuletzt mit der Verabsolutierung der vita activa zusammen. Sie führt zu einem Imperativ der Arbeit, der den Menschen zu einem arbeitenden Tier (animal laborans) degradiert. Die Hyperaktivität des Alltags nimmt dem menschlichen Leben jegliche Kraft zum Verweilen und zur Kontemplation. Dadurch wird die Erfahrung erfüllter Zeit unmöglich. Notwendig für die Überwindung der heutigen Zeitkrise sind die Revitalisierung der vita contemplativa und das Wiedererlernen der Kunst des Verweilens.“ (Han, 2014, S. 15) 15 Die Wurzeln Doch für den Großteil der modernen Bevölkerung scheinen derartige Formen der „vita contemplativa“ nicht (mehr) lebbar. Insofern ist es aus unserer Sicht nur sachlogisch, eine Zeitstruktur zu thematisieren, die immer stärker atomisiert ist und im Extremfall nur noch für eine einzelne Person relevant ist. Der Blick in vergangene Zeiten wie in aktuell auch noch gelegten Ritualen der Zeit kann aufzeigen, dass eine thematische Widmung der jeweiligen Zeiträume ein organisatorisches Instrument ist, den Tag zu ordnen und zu strukturieren. Es liegt auf der Hand, dass eine analoge Gleichzeitigkeit von virtuell verbundenen Personen völlig unmöglich ist. Das Prinzip der zeitlichen Widmung zeigt aber auch, dass es eine zentrale Praktik der Zeitorganisation ist, die eine Einheit von alltäglicher Arbeit und spiritueller Praxis sucht. Aus diesem Grund sind viele Beispiele in diesem Buch ganz eng an einen zeitlichen Tagesablauf gebunden. Was in der christlichen Tradition zum Beispiel als Harmonie zwischen „vita activa“ und „vita contemplativa“ – einer Lebenszeit der Arbeit und einer der kontemplativen Sammlung – von allen geistlichen Gemeinschaften und Vordenkern gepflegt worden ist, hat in der Moderne und Postmoderne weitestgehend an Plausibilität verloren. Aus unserer Sicht jedoch nicht an Notwendigkeit, ganz im Gegenteil. Die – berufliche wie private – Welt ist schnelllebiger denn je. Virtuelle Räume und Prozesse führen zu zusätzlichen Verdichtungsphänomenen, die diese Dynamiken nochmals verstärken. Die mit den virtuellen Lern- und Arbeitsräumen einhergehende Entgrenzung der Zeit macht es zusätzlich schwer, die traditionell als Kon-Templation bezeichnete Grenzziehung zu praktizieren. In der Kunstpädagogik verläuft diese Grenze zwischen einem hoch individuellen, intimen Können und dem (noch nicht) Können. Im Konzept dieses Lernens ist das sich Zurückziehen hinter diese Grenze ein klassisches Konzept. In anderen Lernbereichen scheint es im Zuge der Bemühungen nach Optimierung verloren gegangen zu sein. Insofern besteht in den vor- 16 DIE WURZELN findbaren Wegen und Tools der Entschleunigung eine Basis, die es gilt, auf heutige Realitäten und Ansprüche hin zu prüfen, auf die virtuelle Dimension hin zu adaptieren und auch ganz neu zu entwickeln. Darin besteht der praktische Anspruch unseres Buches. Transzendenzerfahrungen verstehen wir dabei nicht als (rein) religiöse Phänomene. Wir alle kennen Erfahrungen des Glücks, tief im Inneren spürbarer Sinnhaftigkeit, wenn wir ganz und gar ergriffen sind, wenn alles stimmig ist. Immer dann erfahren – oder zumindest erahnen – wir Transzendenz: wir übersteigen (lat.: trans-cendere) Raum und Zeit, wir spüren gewissermaßen „mehr als alles“. Wir sehen die heutige gesamtgesellschaftliche Herausforderung darin, dass dieses „Mehr“ in aller Regel als quantitatives Mehr gesehen, angepriesen, vermarktet wird. Doch führt dieser Weg – darin dürften sich die meisten ökonomischen Wachstumsgurus im Jahr 2020 mittlerweile einig sein – nicht weiter. Er führt auch nicht ins Glück, schon gar nicht in die Transzendenz. Rausch und Sucht sind – an dieser Stelle nebenbei vermerkt – übrigens ebenso Indikatoren für die Suche nach Erfahrungen des Überstiegs. Gefahren, die in einer digitalisierten Gesellschaft nicht geringer geworden sind. Den Zusammenhang zwischen Phasen der An- und Entspannung haben viele – namhafte – Unternehmen durch Gesundheitstage, mentale Trainingsseminare, Meditationsräume und ähnliche Angebote und Präventionsmaßnahmen schon seit geraumer Zeit erkannt. In Führungskursen wird dies als salutogenetische Führung angeboten und die verbindenden Linien zwischen Leadership und dem, was hier Spiritualität genannt wird, scheinen in Führungsetagen mehr und mehr wahrgenommen zu werden. Denn längst genügt in „Zeiten wie diesen“ Selbstmanagement mit dem Fokus auf Zeit und Organisation nicht mehr. Das dahinter liegende Bedürfnis, seine wenige Zeit effizient zu organisieren, bedeutet nämlich noch nicht, dies auf der Ebene von Zeit, Raum und – äußerer – Struktur bewältigt zu bekommen. Die Wurzeln 17 Sondern die Digitalisierung 4.0 benötigt ein spirituelles Selbstmanagement 4.0, das die Stabilität des eigenen Selbst und des eigenen „inneren Teams“ (Schulz-von Thun) nachhaltig garantiert. Denn ohne Selbstbezug keine Vision, ohne Sinn keine Leistung, ohne Selbstgespür keine Identität, ohne Selbstbestimmung keine Freiheit, und ohne innere Freiheit kein autonomes Handeln. Das Selbst zu spüren und im Kontakt mit dem eigenen Selbst zu bleiben, funktioniert jedoch (noch) nicht digital. Diese Beobachtung erklärt, warum Phänomene der Entfremdung im digitalen Zeitalter so selbstverständlich wie speziell sind. Eine digital beförderte Agilität kann Bedürfnisse überspielen, die tief im Menschen verwurzelt sind. Insofern ist ein erster Schritt die Bewusstmachung. Mit ihrem bekannten Dreischichtenmodell hat die belgische Pädagogin Monique Boekaerts bereits vor über 20 Jahren veranschaulicht, dass die Wahl von Zielen und Ressourcen mit der Regulation des Selbst zusammenhängt (vgl. Boekaerts, 1999). Selbstregulation muss daher als dynamisches Wechselspiel zwischen kognitiven, metakognitiven, mentalen und motivationalen Aspekten des Lernens verstanden werden. Und vor über 10 Jahren hat der Schulforscher John Hattie die affektiven Bedingungen als für Lernmotivation und Lernerfolg entscheidende Faktoren herausgestellt (vgl. Hattie, 2008). Von besonderer Bedeutung für die negative Beeinflussung des Lernens waren hier Angst auslösende Situationen. Und was hierbei nicht vergessen werden darf: Jeder Mensch trägt seine eigene Lerngeschichte mit sich herum – unbewusst freilich, aber effektiv wirksam. Insofern ist die Anknüpfung an das schulische Lernen (und Lehren) kein rein stilistischer Prolog. Eine aktuelle Untersuchung zur Matheangst beispielsweise (vgl. Fritz/Herzog/Orbach, 2019) hat bestätigt, was klassische kognitive Appraisal-Theorien wie die transaktionale Stresstheorie nach Richard Lazarus (vgl. Lazarus, 1984/2001) bereits vor Jahren nachgewiesen haben: Die so genannte state-Angst bewertet eine (Lern-) 18 DIE WURZELN Situation als bedrohlich und evoziert umgehend die Erregung des vegetativen Nervensystems, mit den bekannten psychischen und physischen Reaktionen. Der wesentliche Faktor dabei besteht in „the fear for failure“, denn diese stellt eine Gefahr für das fach- und aufgabenbezogene Selbstkonzept und damit letztlich den Selbstwert dar. Hierin besteht die zeitstabile Seite der Emotion Angst (vgl. Heckhausen/ Heckhausen, 2010). Während nun das primäre Appraisal die Situation hinsichtlich der persönlichen Bedeutung für das Subjekt bewertet, fragt – im Fall, dass es sich rein um eine „state“-Angst und nicht um eine „traite“-Situation (die den Konnex mit Persönlichkeitsmerkmalen herstellen würde) handelt – das sekundäre Appraisal, ob situative Bewältigungsmöglichkeiten vorhanden sind und der Rückgriff auf Ressourcen möglich ist. Das Gespür für diese Innenwelt ist ein wesentlicher Aspekt spiritueller Kompetenz. Spirituelle Kompetenz ist individuell. Ebenso, wie das Stressempfinden und die Bewältigung von Stress individuell sind. Die Persönlichkeits-System-Interaktionen-Theorie (PSI) von Julius Kuhl, welche die wichtigsten Theorien der Psychologie wie auch aktuelle Erkenntnisse aus der Motivations- und Persönlichkeitsforschung und den Neurowissenschaften integriert, arbeitet mit dem Konzept der Handlungsund Lageorientierung (vgl. Storch/Kuhl, 22013). Kuhl geht davon aus, dass die Fähigkeit zur Selbststeuerung des Menschen von seinem Grad der Handlungs- bzw. Lageorientierung abhängig ist. Eine selbstgesteuerte Regulation der Affekte ist demnach nur in der Handlungsorientierung möglich. Menschen indes, die – in bestimmten Situationen – ihre Affekte nicht selbstgesteuert verändern können, verharren in der – ggf. unerwünschten – affektiven Lage, und in den entsprechenden Mustern – weil ihnen der Selbstzugang unter Stress abhanden gekommen ist. Eine so verstandene Handlungsorientierung und spirituelle Selbststeuerungskompetenz im Kontext von 4.0 zu steigern, erscheint daher als vorrangiges pädagogisches Ziel. 19 Die Wurzeln Die Gesellschaft ist längst digital Die These dieses Ratgebers lautet: Die Digitalisierung birgt Potenziale, um kognitive und mentale Möglichkeiten an sich zu entdecken und zu entwickeln. Eben weil die Digitalisierung uns neue Möglichkeiten der Gestaltung von Arbeits- und Lebenswelten eröffnet. In virtuellen Formaten beruflicher Lern- und Arbeitswelten geschieht ebenfalls – dies zu Beginn deutlich festzustellen, erscheint uns wichtig – humanistische und ganzheitliche Bildung. Es wäre sehr stark verkürzt anzunehmen, das Internet ermöglichte lediglich eine Beschleunigung und Vereinfachung der beruflichen Kommunikation. Dies wird exemplarisch nachzuweisen sein. Ebenso benötigt das Einlassen auf diese „neue Welten“ einen grundlegenden anthropologischen Diskurs, um Sinnfragen zu klären – bzw. zur Diskussion zu stellen. Es stellt sich heute eine digitale Kluft dar: Auf der einen Seite sind diejenigen, die eine historische Chance für die Neudefinition des Menschseins (Harari, 2018) selbst sehen. Auf der anderen Seite diejenigen, die den Wirkungen der alles hier weitgehend passiv gegenüberstehen und teilweise auch ausgeliefert sind. Denn bereits jetzt steht fest: Es werden Fragen aufgeworfen, denen wir uns als Gestalter unserer selbst in diesem Ausmaß noch nie stellen mussten. Ein Nachdenken über Sinn, Zweck und ganzheitliche Folgen von Handlungen in digitalen Lebenswelten ist – gerade aufgrund der angesprochenen Beschleunigungen und Gleichzeitigkeiten – notwendig. Dies dürfte dem Leser bereits bei einer wachen Betrachtung seiner alltäglichen Vorgänge im Internet aufgehen. Die Mehrzahl davon dürften – wir reflektieren dies selbstkritisch ebenso – Reaktionen sein: Wir werden aufgefordert, dies oder jenes zu tun, uns hier oder da mit diesem oder jenem Passwort einzuloggen etc. Zeit zum vertieften Nachdenken bleibt da wenig, insbesondere dann, wenn beispielsweise ein Fluganbieter gleichzeitig zur vom Kunden geforder- 20 DIE WURZELN ten Entscheidung einen countdown timer laufen lässt, nachdem das soeben erstellte Angebot nur noch so und so lange gültig ist. Anthropologisch und ethisch käme eine Handlung nur dann zustande, wenn sie zu einem relativ großen Teil der eigenen Freiheit entspringt. Handlungen sind ethisch betrachtet aktive Prozesse. Reaktionen indes, wie das Wort bereits anzeigt, mehr oder weniger reaktiv. Die ethische Qualität einer Handlung – im Vergleich zu einer bloßen Reaktion – verhält sich analog dazu. In diesem Ratgeber muss es darum gehen, einen systematischen Zugang zu seinen Emotionen zu halten. Dazu werden wir konkrete Übungen vorschlagen; denn schließlich sind es die Emotionen, die über das Denken unser Handeln zur Folge haben. Wenn aber die Freiheit zu handeln und die Fähigkeit, freiheitlich Entscheidungen zu treffen, dazu Argumente zu wägen und schließlich – auch dieser Aspekt wird in der Betrachtung nicht auszulassen sein – für das Handeln auch die Verantwortung zu übernehmen, grundlegende Aspekte des Menschen sind, macht dieses einfache Beispiel deutlich, wie einschneidend die Digitalisierung mit ihren angedeuteten neuen Gesichtern anthropologische Fragen aufwirft. Dabei versteht sich dieser Beitrag nicht als philosophischer Diskurs. Vielmehr geht es uns darum, aus der eigenen Reflexion der beobachteten Phänomene Überlegungen anzustellen. Diese beziehen sich auf unsere Arbeit als Hochschullehrer und Seelsorger, als Designer und theologischer Coach. Besonderes Interesse und Augenmerk lagen beim Entstehen des Textes darauf, wie unsere Kunden, Klienten, Schüler und Studierende mit den Herausforderungen der digitalen Welt – und konkret Lehre – umgehen. Dieses Beobachtungsfeld ist die Basis vorliegender Überlegungen. Denn wir gehen davon aus, dass diese Lebens- und Arbeitswelten aus der Hochschule die Blaupause sein werden, aus denen die Zukunft dieser Welten modelliert werden wird. 21 Die Gesellschaft ist längst digital Digitales Leben benötigt ein neues Nachdenken über Sinn Wir gehen davon aus, dass das Menschsein in Zukunft die traditionellen religiösen Fragen fortschreibt. Gleichzeitig sind wir der Überzeugung, dass diese Fragen naturgemäß auch in nicht-religiösen Kontexten relevant werden. Universelle religiöse Prinzipien und spirituelle Praktiken erscheinen dafür als geeigneter Ausgangspunkt. Denn die Anforderungen der zunehmend digitalisierten Arbeits- und Lebenswelten berücksichtigen diese Vielschichtigkeit bislang in nicht ausreichendem Maße. Wir entwickeln Gegenentwürfe mentaler Art. Diese Techniken sollen konzeptionell begründet werden. Um ein Bild zu bemühen: Wenn ich im Möbelhaus einen Schrank kaufe, bekomme ich lediglich die Aufbauanleitung. Hier soll es aber darum gehen, das Konstruktionsschema zu klären. Mit diesem Verständnis kann ich den Schrank dann später auch reparieren. Oder wenn nötig auch so umbauen, dass er eine größere Last beinhalten kann. Dieser Zugang befördert zugleich einen Perspektivenwechsel sowie eine Verbindung der Perspektiven: Das – den Schrank kaufende und ihn später ggf. weiter entwickelnde – Subjekt wird zum handelnden Wesen. Der Kauf und das Aufbauen des Schrankes müssten im anthropologischen Sinne noch nicht als Handlungen verstanden werden. Denn der Käufer verhält sich – relativ eng, soweit ihm dies nach den Papieren möglich ist – entsprechend der Aufbauanleitung. Handlung unterscheidet sich vom Verhalten jedoch durch aktive und bewusste Handlungsschritte. Und erst das Handeln bringt das Subjekt zu neuen mentalen Mustern, die es für eine Problemlösung – z. B., wenn der Schrank an einer Stelle falsch montiert worden ist, seine Funktionalität jedoch nicht in Frage steht – benötigt. Diese wird es nicht mit einer Reaktion auf die Bauanleitung bewerkstelligen, sondern der Käufer wird sich zu einem mehrdimensional handelnden Subjekt entwickeln müssen 22 DIE WURZELN – oder der Schrank wird in Einzelteilen auf dem Speicher verschwinden. Diese Herausforderung und Bewältigung bilden den Ausgangspunkt jedweder Kreativität und Schöpfungsleistung. Das handelnde Subjekt bringt aufgrund der Aufgabenstellung neue Antworten auf neue Herausforderungen hervor. Sein mentales Mindset entwickelt sich weiter, die Neuroplastizität seines Gehirns macht es möglich. Allerdings ist dieser Prozess kein mechanischer, rein produktiver. Auf dem Weg zu einer Strategie – in diesem Beispiel das Aufrichten des Schrankes – gab es auch Momente des Innehaltens, Überlegens, des Grübelns, sicher auch des Verwerfens und Erprobens … Insofern können wir diesen Prozess rein vom Ergebnis her betrachten oder vom Prozess. Der erste Blick wäre die uns kollektiv gleichermaßen vererbte Perspektive des Industriezeitalters. Denn diese ist ja nicht einfach mit neuen Technologien und Begriffen verschwunden. Es ist der Blick der reinen Effizienz, der Quantifizierung und Kostenminimierung, die Erwartung an den homo oeconomicus, das Maximale „rauszuholen“. Wer heute zum Beispiel einen Beruf im Dualen System erlernt, der hat ein wöchentliches Berichtsheft zu führen. In diesem hält er alles fest, was er getan hat – oder was andere mit ihm getan haben (geschult, angeleitet …). Schriftlich fixiert wird nur das, was produktiven Wert hatte, keine Pausenzeiten, keine Erholungsphasen interessieren hier. Es zählt buchstäblich nur das, was geschafft wurde. Ganz im Sinne der Marx’schen Kritik werden die Auszubildenden – wie später als Arbeitnehmer – als „Produktionsmittel“ behandelt. Und wie sieht es im Studium aus? Das klassische Studium an einer Universität oder Hochschule ist mit dem Bologna- Prozess ebenfalls in den Druck der Effizienz gezogen worden. Zeiten des „Nichtstuns“ sind da nicht vorgesehen. Hierbei fällt auf, wie verräterisch schon dieser Begriff im Deutschen ist: eine Negativformulierung in Abgrenzung vom Tun. Da scheint die Jugendsprache mit ihrem „Chillen“ – und mit ihrer positiven Haltung dazu – doch 23 Digitales Leben benötigt ein neues Nachdenken über Sinn bereits einen Schritt weiter zu sein. Den dahinter liegenden Zusammenhang möchten wir nicht im Theoretischen stehen lassen, sondern auch hier konkrete Übungen anbieten. Nehmen Sie sich zum → Einstieg in das Thema doch auch einige Minuten Zeit und überlegen Sie, welche Begriffe und Redewendungen Ihnen einfallen, die die Spannung zwischen Tun und dem vermeintlichen „Nichtstun“ eingefangen haben� Zum Beispiel: „ein Tagedieb (oder extremer: ein Nichtsnutz) sein“, „auf der faulen Haut liegen“, „dem Müßiggang frönen“, „aus seinem Leben etwas machen“, „Erfolg haben“, „sein Schicksal annehmen“ … Selbst im letzten Beispiel ist es nicht aus Zufall ein „Tun-Wort“, das die Aktion der Handlung ausdrückt� Ergänzen Sie → Ihre Beispiele … und spüren Sie nach, was diese Aussagen jeweils in Ihnen auslösen bzw� in einem gewissen Moment in Ihrem Leben ausgelöst haben� Lebenspraktischer Bezug des digitalen Lebens Um die teilweise über Jahrhunderte erlernten und praktizierten Handlungsmuster zu verändern, ist zwar die rationale Durchdringung der Ausgangspunkt. Doch ganzheitlich wird eine Handlung nur Erfolg zeitigen, wenn sich nicht nur Geist und Vernunft (ratio) auf das Unterfangen einlassen, sondern auch Körper (sŌma) und Seele (psyché). Im 24 DIE WURZELN Bild von oben gesprochen: Der Körper muss freilich „Hand anlegen“, damit der Bauplan umgesetzt wird. Und auch der teuerste Schrank wird ein Fremdkörper bleiben, wenn er innerlich keinen Gefallen finden wird, wenn die Seele beim Aufbau nicht „mitschwingt“. Insofern wollen wir hier eine lebenspraktische Übung im Alltag erreichen. Wir werden über kleine Übungen Angebote machen, diese zunächst konzeptionellen Zusammenhänge praktisch zu üben. Das ist nicht nur eine bloße didaktische Besonderheit, sondern trägt die tiefe Überzeugung, wie dieser humanistische Wandel gestaltbar wird: durch eine Rückführung spiritueller Techniken in den professionellen Alltag. Diese Argumentation setzen wir mit der kulturellen Epoche der Aufklärung in Verbindung. Damit wird der Grundstein für unsere gesellschaftliche Entwicklung über wissenschaftlichen Fortschritt gelegt. Dies ist der wesentliche Meilenstein, ohne den wir diese Entwicklung niemals hätten vollziehen können. Gleichzeitig brachte die Aufklärung eine starke Betonung des rationalen Denkens mit sich, das als mentale Muster bis in den heutigen beruflichen Alltag hinein vorrangig ist: Stets sollten wir in höchst möglicher Objektivität Argumente formulieren, um nicht in den Verdacht einer Unvernunft zu fallen. Nicht zuletzt ist unser Bildungssystem durchdrungen vom vorrangig zweckrationalistischen Denken. Doch wissen wir alle auch um Momente im Beruflichen, in denen die „Seele zurückbleibt“, nicht „mitgenommen“ worden ist. Wir kennen diese Leere, die sich dann einstellt, die das – noch so gut geplante – Unterfangen zumindest emotional in Frage stellt. Vielleicht kennen Sie es von dem Flug in den Urlaub. Freilich haben wir in der Beschreibung des Jetlags eine (natur-)wissenschaftliche Erklärung. Doch nützt sie uns bei den Symptomen des Jetlag? An diesem Beispiel wird deutlich, dass es gelegentlich einfach dauern kann, bis „die Seele nachkommt“ – und unser Körper ebenso. 25 Lebenspraktischer Bezug des digitalen Lebens Virtueller Jetlag Während der Jetlag gesellschaftliche Akzeptanz genießt und auch bei Arbeitgebern relativ gut berücksichtigt wird, scheint eine analoge Berücksichtigung hinsichtlich digitaler Lebens- und Arbeitswelten unseres Erachtens noch nicht zu bestehen. Schließlich scheint der „Flug durch Zeitzonen“ virtuell ohne Nebenerscheinungen möglich zu sein – aus unserer Beobachtung heraus aber nur anscheinend. Nein, es gibt ihn, den virtuellen Jetlag. Doch hat er bis heute keinerlei angemessene Würdigung erhalten. Uns geht es daher um einen pragmatischen Kompromiss und eine Synthese dieser beiden – klassischerweise – dualistisch gedachten Zugänge: „entweder“ über die ratio „oder“ über den somatisch-seelischen Bereich. Daher mag unser Appell an manchen Stellen vielleicht ein wenig romantisch oder gar nostalgisch wirken, wenn wir eine Wiedereinführung der Intuition und der sinnlichen „Ahnung“ in das professionelle Handeln fordern. Diese Wirkung stellt sich aber nur deswegen ein, da diese Forderung so grundsätzlich ist und die Wirkung der Aufklärung über die Betonung des rationalen Denkens tief in den gesellschaftlichen Systemen verankert ist. Viele Vortragende und Lehrende haben es sich zur Gewohnheit gemacht, eine → kurze Sammlung zu machen: Diese dient dazu, sich empathisch auf sein Publikum einzustellen, aber sich auch in der Sache zu vergegenwärtigen, an welchem argumentativen Punkt es „abzuholen“ ist� Dazu dient – bevor das Auditorium den Raum betreten hat – das innerliche und tatsächliche Abschreiten der Bühne oder Vorlesungsraumes� Kollegen, die dies in der traditionellen Lehre gewohnt waren, finden den Anschluss nicht, weil dieses innere Bild einer virtuellen Gruppe nicht gebildet wird� Durch eine einfache Übung wird dies möglich: Vergegenwärtigen Sie sich Ihre körperliche Haltung vor dem Computer� Versetzen Sie sich gedanklich in die unterschiedlichen Positionen der Gruppenmitglieder, die Sie in Ihrem virtuellen Meeting oder Ihrer virtu- 26 DIE WURZELN ellen Vorlesung erwarten� Spüren Sie über die Ähnlichkeit der körperlichen Haltungen die Gegenwärtigkeit dieser Personen, unabhängig an welchem Ort sie sich befinden� Über diesen Weg kann ein inneres Bild einer „nur“ virtuellen Gruppe entstehen� Ein weiteres Beispiel aus der Hochschullehre: Im ersten Studienjahr eines Designstudiums geht viel Zeit und Energie in das Bemühen, die assoziative und intuitive Seite des Denkens zu reaktivieren. Es ist deutlich nachzuweisen, dass über die schulische und betriebliche Sozialisation die Intuition als solche mit Tabus belegt wird. In der Folge trainieren wir diese Art des Denkens nicht in dem Maße, wie wir das analytische Denken trainieren. Das Wort des „Trainings“ ist hier in der Tat bewusst gewählt: Denn diese Art des Denkens braucht ähnlich wie sportliche Fähigkeiten eine regelmäßige Übung. Daher ist die spirituelle Praxis der wesentliche Schlüssel, um diese Art des Denkens systematisch zu üben. Aus diesem Grund ist dieses Buch auch eine Anleitung zum Erlernen dieser mentalen Techniken. Als erste Übung in diesem Buch möchten wir die → Selbstreflexion vorstellen� Es geht darum, über das Üben eine Unterscheidung zwischen dem „Ich“ und den Gefühlen zu erreichen� Dies wird sicherlich nicht auf Anhieb geschehen, aber eine wichtige Vorübung ist die Stilleübung: Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, an dem Sie sich wohl fühlen� Sie setzen sich im Schneidersitz auf dem Boden oder mit geradem Rücken auf den Boden� Fixieren Sie etwa einen Meter vor Ihnen auf dem Boden einen Punkt, so dass Ihre Augen nicht im Raum wandern� Konzentrieren Sie sich nun auf Ihren Atem� Achten Sie darauf, wie sie ein- und ausatmen� Zählen Sie dann jeweils die Atemzüge und wiederholen Sie diese Übung einige Minuten� Versuchen Sie nichts Besonderes zu erreichen, sondern versuchen Sie lediglich, sich auf Ihr Atmen zu konzentrieren� Mehr soll diese erste Übung nicht erreichen� 27 Virtueller Jetlag Der zugegebenermaßen große Begriff der „digitalen Gesellschaft“ bedarf einer Definition. Was bedeutet das für unseren Alltag? Wir verstehen darunter den Umstand, dass unsere soziale Umgebung uns zu einem großen Teil digital begegnet und die Äußerungen zum Erleben des Alltags über soziale Medien gefiltert bei uns ankommen. Relevant für das Thema der Subjektivität ist dabei, dass die Sichtbarkeit einen impliziten Vergleich des eigenen Lebens mit dem vermeintlich „vorbildlichen“ Leben schafft. Das ist dann problematisch, wenn unsere Seele diese medialen Äußerungen als tatsächliche Realität interpretiert – wogegen wir uns kaum wehren können. Denn unsere Wahrnehmung kann nicht anders, als diese Gleichsetzung der medialen Bilder und Botschaften für bare Münze zu nehmen – „seeing is believing“ heißt es im Englischen. Unter der Fragestellung der spirituellen Kompetenz ist dies dann ein Handlungsfeld, wenn die medialen Bilder und Botschaften von der eigenen Subjektivität ablenken und in einen Vergleich der Bilder treten. In diesem Moment ist das Risiko groß, den Kontakt zur eigenen Innerlichkeit und zum eigenen Erleben zu verlieren. Denn die Problematik liegt darin, dass die Wertschätzung des eigenen Erlebens und die damit einhergehende Sinnerfahrung stets ein innerlicher, subjektiver Vorgang sein muss. Er kann nicht gelingen über einen Wettstreit der Bilder. Kontemplation und die Rolle des Unbewussten Die traditionelle Spiritualität, die uns die Religionen nahelegen, wirken auf das Reflektieren der eigenen Innerlichkeit und das eigene subjektive Erleben ein. Bleibt dies aus, verselbstständigen sich die Bilder von außen. Der Kontakt zu „meinem“ eigenen inneren Empfinden wird dadurch abstrahiert. Spirituelle Kompetenz hat damit 28 DIE WURZELN die „traditionell“ religiöse Aufgabe, die Kontemplation als funktionale Notwendigkeit neu zu beleben. Hiermit meinen wir sowohl im klassischen religiösen Sinn eine Versenkung, ein Ruhigwerden, ein mystisches Eins-Werden von Körper, Geist und Seele, wie auch im sprachlichen Sinn das Wahrnehmen des inneren „Betrachtungs- oder Andachtsraumes“ (lat.: templum). Wenn der christliche Apostel Paulus schreibt: „Ihr seid ein Tempel des Heiligen Geistes“ (Die Bibel, 1. Korintherbrief 6,19), dann kann diese Aussage in einem mystischen Sinn verstanden werden. Das Konzept der „Gottesschau“ findet sich dabei nicht nur in der christlichen Tradition und Mystik. Grenzwissenschaften beziehen sich auf ein transzendentes „Bewusstsein“, das die Geisteswissenschaft und die Philosophie mit unterschiedlichen Begriffen stark herausfordert: Dieser aus der indischen Philosophie und dem Sanskrit stammende Begriff des „Akasha“ bedeutet so viel wie Himmel, Raum oder Äther. Rudolf Steiner hat in diesem Kontext von einer „Akasha-Chronik“ gesprochen, in denen ein kosmischer Raum Informationen trage und in einer ewigen Chronik aufgezeichnet seien (vgl. Steiner, 2012). Wir können und wollen diese weltanschauliche Theoriediskussion nicht vertiefen. Es sei lediglich angemerkt, dass es einige Gemeinsamkeiten in diesen Überlegungen des Vorbewussten gibt. Um hier nur einen Vertreter der christlichen Mystik zu nennen: Meister Eckhart sprach vom „Seelenfünklein“, das den Menschen – wenn er sich der Kontemplation hingibt – mit dem Urgrund allen Seins – in jüdisch-christlicher Sprache mit Gott – verbindet. Dieser mystische Ansatz ist ebenso alt wie er im Interesse der modernen Wissenschaften up to date ist. Dass mystisches Erleben Wirkungen zeitigt, ist – subjektiv wie in der religiösen Literatur – unbestritten. Die Neurologie bemüht sich seit einiger Zeit, die seelischen Grundlagen dieser Erfahrungen zu erforschen. Insofern steht unser Beitrag auch an dieser Stelle auf der Höhe der Zeit. Freilich könnten wir uns auch auf die Aussagen der Tiefenpsychologie 29 Kontemplation und die Rolle des Unbewussten beschränken. Sigmund Freud sprach seinerzeit von der Dimension des „kollektiven Unbewussten“ und vom „ozeanischen Weltbewusstsein“. Und dessen Schüler Carl Gustav Jung entdeckte auf dieser Basis die „Archetypen“, mit denen er vielerlei innere Bilder meint, die in der Seele des Menschen – überindividuell – zu Hause sind und denen wir uns beim Kontakt mit dem Vorbewussten – etwa im Traum oder der Hypnose – stellen können. Diese Ansätze sind in unserem professionellen Kontext nicht nur für das Design, für Markenforschung und -analyse interessant, sondern sie verdienen auch eine angemessene Berücksichtigung im Kontext der Fragestellung dieses Buches. Wir wollen hier, wie bereits angedeutet, relevante Ansätze und Modelle zwar nicht ignorieren, uns jedoch im Diskurs nur so weit darauf einlassen, wie es unserer Leitfrage dienlich ist. So wäre auch die wissenschaftliche Debatte um die Subjekthaftigkeit des Menschen, seinen Willen und vor allem die Willensfähigkeit seines Geistes und Wesens ein lohnenswerter Exkurs. Zugunsten des praktischen Ansatzes dieses Buches soll darauf hier jedoch nur hingewiesen werden. Nach diesem – zugegebenermaßen etwas holzschnitzartigen – Blick über die Theorie aus Theologie und „Grenzwissenschaften“ nimmt der kunstpädagogische Diskurs eine Zwischenstellung ein. Aus diesem Grund kann er auch die vermeintliche Dialektik zwischen diesen beiden Theoriesystemen überbrücken. Denn der Moment der Ideenfindung weist in seiner literarischen Beschreibung eine Nähe zu religiösen Erfahrungen auf. Mehr noch: Autoren setzen ihre Konzepte bewusst in diese Bedeutungsbereich – in Begriffen wie „Inspiration“ ist dieser geistige und geistliche Moment eingefangen. Als Beispiel dazu sei eine Geschichte zitiert, die in ihrer Metaphorik in den Grundlagenfächern des ersten Studienjahres ganz ohne Theorie und den damit einhergehenden Glaubensfragen vermittelt, welche Rolle das Unterbewusstsein im kreativen Prozess spielt: 30 DIE WURZELN „Die Fledermaus (der erteilte Auftrag, der empfangene Impuls) streift in einem dunklen Raum hin und her, auf der Suche nach verwendbaren oder entfernt verwandten Inhalten, Bildern, Worten (der Auftrag ist vage), und nimmt, unentwegt flatternd, auf, was aus dem immensen Innenraum zu ihrer Mission passt; es gibt unterschiedliche Grade der Verwendbarkeit, über die nicht gleich entschieden werden muss, das geschieht später: um den Bruchteil einer Sekunde später und fast simultan oder in einem bewussteren Stadium, zum Beispiel in der Phase der Fein abstimmung, Reflexion, „Verifikation“� Was die Fledermaus verwenden kann, bleibt an ihr haften und bestimmt während des weiteren Umherflatterns mit, was aufgenommen werden soll und was nicht, anfangs unter der Einschränkung, dass es vom initialen Auftrag nicht zu weit abweicht; in einem späteren Stadium, wenn die Fledermaus prall beladen ist mit Anhaftungen (Assoziationen), sind größere Abweichungen möglich, weil die angesammelten Inhalte eine gewichtigere Rolle zu spielen beginnen oder weil der Auftrag nach Rückkopplung und Reflexion entsprechend korrigiert worden ist� Die Fledermaus fliegt weiter und sammelt Anhaftungen, bis der Raum nach verwendbaren Worten, Bildern, Informationen abgetastet ist: das kann Minuten und auch Stunden oder Tage dauern und ist abhängig vom Umfang und von der Genauigkeit des Auftrags, von der Anzahl der Assoziationsmöglichkeiten, von den Tiefen – oder Entfernungs peilungen der Impulse, von der psychodynamischen Motivation, aber natürlich auch von der verfügbaren Menge an Energie, dem Reichtum an gespeicherten Informationen und der Trainiertheit des Gehirns, der Kraft des Gedächtnisses�“ (Polet, 1996, S� 28–29) Beiden Theoriesystemen ist gemein, dass sich eine Bisoziation ereignet: Durch einen plötzlichen Sprung der schöpferischen Fantasie werden zwei bis dahin nicht verbundene Ideen in einer neuen Synthese verbunden. Ganz unabhängig davon, ob Individualität als Faktum oder als Konstrukt begriffen wird, ist das Subjekt entwicklungspsychologisch bereits im Zuge des Mündigwerdens darauf angewiesen, subjektive Antworten auf Erwartungen der Mitwelt und Umwelt zu 31 Kontemplation und die Rolle des Unbewussten finden. Hierbei unterstützen, soziologisch betrachtet, zwar soziale Normierungen. Die je eigene, authentische und autonome Antwort zu finden, ist indes eine grundlegende Herausforderung, die sich nicht ausschließlich an bereits definierte Normen, Werte und Verhaltensweisen binden lässt. Ansonsten wäre das „Individuum“ (lat. das Ungeteilte) bereits hier keine subjektive Größe mehr, sondern schlichtweg ein reagierendes – und damit relativ berechenbares und somit auch manipulierbares – Etwas. Aktuelle gesamtgesellschaftliche Phänomene, welche mit Begriffen wie „Digitalisierung“ oder „Pluralismus“ eingefangen werden, verweisen auf eine ungleich größer gewordene Spannung zwischen der eigenen „Individualität“ und der in nahezu allen Bereichen pluraler werdenden Welt. Reflexion und Transformation Diese Handlungsmuster des digitalen Menschseins benötigen so etwas wie eine Echtzeitdebatte. Das liegt daran, dass es mit den eben dargestellten Optionen für das Individuum gleichzeitig weniger Rollenvorbilder gibt. Haben zu früheren Zeiten klassische Institutionen wie Hochschule und Kirche eine starke Position in der Vergewisserung vorgegeben, tauchen alltagsweltliche und ethische Fragestellungen heute nicht selten als Verunsicherung auf – zumal klassische Einrichtungen, wie die Kirche, ihre eigenen Probleme mit der Glaubwürdigkeit und damit Lebensrelevanz haben. Diese Spannung spiegelt sich in der Pluralität der Möglichkeiten: So bedeutet dieser Nährboden die Möglichkeit populärer bis populistischer Deutungsangebote auf der einen, wie eine potenzielle Unübersichtlichkeit im „Markt der Möglichkeiten“ auf der anderen Seite. Positiv formuliert: Während das Konzept der „Individualität“ einer Anfrage unterliegt, besteht eine große gesellschaftliche – persönliche wie beruflich relevante – Her- 32 DIE WURZELN ausforderung in der Stärkung der Subjektivität. Diese Notwendigkeit hat die Coachingliteratur unlängst erkannt: „Die Zukunftsfähigkeit lernender Organisationen wird in einer disruptiven VUKA-Welt entscheidend davon abhängen, inwiefern es ihnen gelingt, ihre kontinuierlichen Reflexions- und Transformationsprozesse entsprechend zu gestalten.“ (Kühl/Schäfer/Lampert, 2018, S. 263) Da der Begriff der Reflexion sehr stark individuell ausgerichtet ist, der Begriff der Transformation aber die Prozesse in Unternehmen betrifft, wird die Zusammenführung in der Wortschöpfung des „Transflexings“ vorgeschlagen: Damit sind reale und metaphorische Räume gemeint, in denen über Rückzug und Konzentration neue Ideen entstehen können. Dazu ist es indes wichtig, den Moment auch als etwas Einmaliges wahrzunehmen, ihm gleichsam „Raum zu geben“ (Hanstein, 2014). Denn eine nur auf das Morgen fixierte Gesellschaft ignoriert nicht nur Gegenwart und Vergangenheit, also das „Jetzt“ und das „Woher“, sondern sie idealisiert die Zukunft. Diesem Denken liegt ein lineares Zeitmodell zugrunde, das sich jedoch an einem – ökonomisch logischerweise wenig reflektierten und im Schaffensprozess, darin besteht die crux, wohl auch nicht reflektierbaren – Punkt selbst ad absurdum führt: dem Zustand der Endlichkeit. Im Prinzip würde dieses Denken letztlich nur Sinn ergeben, wenn die Zeit beliebig fortgeschrieben werden könnte. Religiöse Praktiken und mystische Techniken kennen daher seit jeher den Gedanken der Zeitlosigkeit oder – in den abrahamitischen Religionen – Ewigkeit. Allein dieser Zustand ist ohne Zeit – und ohne (physischen) Raum. Ein wenig in die Stille zu gehen, Kontemplation zu üben, Abstand zu bekommen von Zeitdruck und dem Gefühl des immer und jederzeit (!) Leistenmüssens, bedeutet daher in einem philosophisch-theologischen Sinn, in das Ewige eingebunden zu sein. Freilich nie für „ewig“, doch das ist und bleibt der „irdische“ Referenzrahmen. Was nicht bedeutet, ihn hin und wieder zu lüften. Heute bestätigt die Hirnforschung das, was Religion und Mys- 33 Reflexion und Transformation tik schon lange praktizieren: Dass sich durch diesen „Geschmack der Ewigkeit“ die Dinge buchstäblich setzen, das Kopfkino anhält und, wie von selbst, neue Assoziationen kommen. Ganz ohne etwas zu tun, zu machen, zu schaffen. Dabei ist unser Gehirn alles andere als „gechillt“, die entsprechenden Areale feuern auf Hochtouren, neue synaptische Verbindungen entstehen – so dass der meditative Mensch nicht nur gekräftigt – „In der Ruhe liegt die Kraft …“ – aus diesen Momenten hervorgeht, sondern oft auch „geordnet“ und mit ganz neuen „Eingebungen“. Diese beiden Hinweise nur auf die Umgangssprache verweisen auf das kollektive Wissen um die Funktionalität solcher Prozesse. Derartige Welt- und Selbstzugänge haben sich den pluralen Welten einer digitalisierten Postmoderne anzupassen, was für den Kontext der beruflichen Qualifikation bedeuten kann, sich für ein Format der virtuellen Lehre zu entscheiden. Diese Entscheidung wird wiederum Veränderungen mit sich bringen: Die Abgrenzung zwischen der (rein) privaten Welt und der Institution Hochschule wird verschwimmen, Lebensvollzüge – zum Teil im virtuellen Raum erkennbar – aus dem persönlichen und durchaus auch intimen Bereich werden – weitestgehend unbewusst und unreflektiert – in Bewegung geraten. Dieses Phänomen ist vielschichtig: Studierende wie Dozierende erleben – und erlernen – neue Lernräume. Dies bedarf, um es angemessen verantworten zu können, einer adäquaten Begleitung und Reflexion. Gleichzeitig erfahren sie sich – in diesen neuen Formaten und den damit zusammenhängenden kommunikativen Prozessen – neu. Im Falle positiver Erlebnisse – wie einem aussagekräftigen Feedback für den Dozierenden oder einer entsprechenden Prüfungsleistung – erfahren Lehrende wie Lernende vor allem eines: Sinn. Am Beispiel älterer Dozierender, die sich mit Bedenken auf das Feld der virtuellen Lehre eingelassen haben, lässt sich vielfach belegen, dass sich ihre Selbstwahrnehmung, ihr Selbstkonzept und durchaus auch ihr Selbstwertgefühl durch die neuen Erfahrungen nachweislich (posi- 34 DIE WURZELN tiv) verändert haben. Die – bildungstheoretisch – relevante Rolle der eingangs angesprochenen Kompetenzen kann daher letztlich auch für beide Seiten in Anschlag gebracht werden. In virtuellen Lernräumen offenbart die Empirie die zentrale Wichtigkeit des sozialen Gegenübers bei Lernprozessen. Dieser Befund bestätigt die klassische pädagogische Überzeugung, dass das Lernen vom jeweils anderen her geschehen (Arnold, 2012) muss. Der Rolle des Lehrenden fällt damit eine neue Rolle zu: Die Gruppe zu moderieren, die einzelnen Personen als Individuen zu erkennen und entsprechend zu fördern ist eine neue, unvergleichbar komplexere Herausforderung in diesen neuen Räumen. Gleichzeitig zeigt sich, dass dazu ein Mindestmaß an physischem und eben menschlichem Kontakt notwendig ist: In den Formaten unserer virtuellen Hochschule sehen wir ein Verhältnis von einem Tag pro Semester, an denen klassische menschliche Begegnungen im fachlichen Rahmen geschehen. Die restlichen Interaktionen im Lernprozess sind dabei ohne Weiteres zu virtualisieren. In dieser Beobachtung zeigt sich, dass die soziale Interaktion des Lehren und Lernens weit mehr ist als digital virtualisierbare Kommunikation. Diesem „Mehr“ wollen wir weiter auf den Grund gehen. Die Notwendigkeit fortschreitender Kompetenzentwicklung Aus diesen individuellen Erfahrungen lassen sich Bewältigungsstrategien ablesen, die wir in unserem Buch verdichten wollen. Dabei ist der zentrale Ansatz, dass wir in biografischen Gesprächen nach der Kompetenzentwicklung in virtuelle Lern- und Lebenswelten recherchieren. Der Kompetenzansatz spiegelt die bildungstheoretische Erkenntnis wider, dass der – lernende – Mensch mehr ist als ein Sub- 35 Die Notwendigkeit fortschreitender Kompetenzentwicklung jekt, dass sich mit reinen Wissensinhalten weiterentwickelt. Mit der Zunahme komplexerer Arbeitssysteme und der Forderung der Wirtschaft nach flexibleren Antworten wurde Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts der Begriff der „Schlüsselqualifikationen“ geboren, was letztlich die Frage nach einer nachhaltigen Schulung dieser „soft skills“ auslöste. So rückte Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts die Berufspädagogik ab vom reinen Blick auf fachbezogene Fertigkeiten und Kenntnisse – und hin zum Handlungsaspekt. So wurde hier Reinhold Baders Begriff der „Handlungskompetenz“ leitend, mit dem die Wende zur Ganzheitlichkeit innerhalb der Berufspädagogik eingeläutet wurde (vgl. Bader, 1988). Ganzheitlichkeit und Projektansatz stehen beispielhaft für diese pädagogische Entwicklung. John Erpenbeck legte eine wegweisende Definition vor – die hier ebenfalls als Grundlage diesen soll –, indem er von zu bewältigen Handlungen ausgeht, was dem Individuum sowohl im Privaten wie im Beruflichen aufgegeben ist. Dazu verfüge es über gewisse Dispositionen. Diejenigen dieser inneren Voraussetzungen, durch die man sich nun komplexen Handlungen kompetent stellen und diese erfolgreich bestehen könne, nennt er Kompetenzen. Erpenbeck legt den entscheidenden Aspekt dabei auf die Selbstorganisation des – kompetent – handelnden Subjekts. Daher bezeichnet er Kompetenzen auch als „Selbstorganisationsdispositionen des Individuums“, die er unterteilt in: fachlich-methodische, aktivitäts- und umsetzungsorientierte, soziale und personale Kompetenzen, wobei diese durch die selbstorganisiert-handelnde Interaktion mit der Umwelt neue Kompetenzen entwickeln, die dann in die jeweilige individuelle Dispositionsmatrix integriert werden (vgl. Erpenbeck, 1999). Nach diesem Verständnis liegt Kompetenzen ein eigenes Entwicklungspotenzial zugrunde, so dass das Individuum – wie der Volksmund seit jeher weiß – „mit seinen Aufgaben wachsen“ kann. Dieser Hinweis provoziert bereits die übliche Rede von (so etwas wie einer) „Stoffvermittlung“, aber auch der klas- 36 DIE WURZELN sischen Terminologie einer „Vorlesung“. Stattdessen verweisen diverse Kompetenzansätze bis heute auf verschiedene Teilkompetenzen, also Fähigkeiten und Fertigkeiten, deren Aneignung erst eine persönliche wie berufliche Weiterentwicklung ermöglichen. Die digitale Welt, in der wir längst leben und arbeiten, ist dabei unseres Erachtens bislang zu wenig berücksichtigt. Der seit rund vier Jahrzehnten verwendete Kompetenzbegriff hat seinen Ursprung in der Linguistik und wurde hier von Noam Chomsky (vgl. Chomsky, 2001) eingeführt, um die Voraussetzungen für ein adäquates „Sprachhandeln“ einfangen zu können. Jürgen Habermas baute darauf ein Konzept der „kommunikativen Kompetenz“ auf (vgl. Habermas, 1981). Doch obwohl seit Längerem von Kompetenzen gesprochen wird, sind sie im praktischen Vollzug nicht immer selbstverständlich. Ein Blick auf den schulischen Kontext mag dies verdeutlichen: Auch in heutigen Bildungsplänen lässt sich noch beobachten, dass die verschiedenen Kompetenzen – fälschlicherweise – als nichts anderes verstanden werden als handlungsorientiert unterfüttertes Wissen; ebenso, dass sie zuweilen ein relativ statisches, selbständiges Dasein fristen. Diese Beobachtung leitet dazu an, auf vorhandene Verbindungen zwischen bisher definierten und neu erkannten – und weiter zu erkennenden – Kompetenzen zu achten und diese in der wissenschaftlichen Betrachtung und Analyse erkennbar zu machen. So finden sich beispielhaft die „religiöse Kompetenz“ oder auch die „Weltdeutungskompetenz“. Beide wären – für vorliegenden Kontext – unabhängig vom konkreten institutionellen Überbau zu definieren. Am Beispiel der Bildungspläne verantwortet nach Grundgesetz, den Landesverfassungen und dem Schulgesetz nicht der Staat den Inhalt, sondern die Kirchen – die freilich an einer entsprechenden Auslegung ihren eigenen systemischen Interessen folgen. So dies gelingt, lässt sich neutral und historisch an diesen Begrifflichkeiten gut ansetzen. Terminologisch betrachtet, bedeutet dann eine religiöse Kompe- 37 Die Notwendigkeit fortschreitender Kompetenzentwicklung tenz vom Wortsinn her, sich „fest zu machen“, wörtlich: „rückzubinden“, an etwas oder jemand. Wo bewährte (Bildungs-)Traditionen in Bewegung geraten sind, wo es so viele Antworten wie Fragen (und „Individuen“) gibt, da ist das Subjekt – anthropologisch betrachtet – mehr denn je in der Notwendigkeit, diesen buchstäblich religiösen Grundvollzug zu leisten. Die – bis heute geläufige, statistisch durchaus sinnvolle, in der Aussage jedoch vor diesem Ansatz wenig brauchbare – übliche Rede vom „Bekenntnis“ muss dabei jedoch am Kompetenzansatz vorbeigehen. Denn das, wozu sich das Subjekt bekennen kann (und im religiös- konfessionellen Vollzug auch irgendwann, zum Beispiel mit Taufe bzw. Konfirmation/Firmung, muss, um Teil des Systems zu werden), sind – in der Sprache der Theologie – die „fides quae“, Glaubensinhalte. Die erste Kompetenz, die hierbei zu gewinnen ist, ist das Auswendiglernen. Weder eine religiöse noch eine Kompetenz zur Weltdeutung ließe sich daran messen – noch entwickeln. Beide Kompetenzen legen jedoch die Spur für den vorliegenden Kontext der virtuellen Lehre. Es liegt auf der Hand, dass sich bisherige Lernzugänge und neuartige Wege verbinden. Wer sich auf Formate der virtuellen Welt einlässt, wird auch bald den Bedarf an neuartigen „soft skills“ spüren, um auf die ungeahnte Komplexität der Virtualität adäquat reagieren zu können. Vorliegend wird für dieses Phänomen der – noch näher zu konkretisierende – Arbeitsbegriff der „spirituellen Kompetenz“ verwendet. In diesen Bereich gehören zum Beispiel die – in der Virtualität durchaus relevanten und auf neue Weise gefüllten bzw. weiter zu füllenden – Bereiche der Rituale wie Symbole, der Sensibilität für die Spannung zwischen „vita activa“ und „contemplativa“ oder auch authentischer Erfahrungen von Kohärenz im Kontext pluraler Mehrdeutigkeiten. Der Arbeitsbegriff der Spiritualität folgt dabei zwar der Definition religiöser Kompetenz, blendet aber deren inhaltliche – kognitiv erwerbbaren – Kenntnisse aus. Denn diese sind stets an Glaubensvorgaben der jeweiligen Reli- 38 DIE WURZELN gion gebunden. Vielmehr bildet die Ebene der subjektiven Religiosität – im Gegensatz zur formalen Ebene der Religionen – die Schablone für den Erwerb und den Ausbau spiritueller Kompetenz im virtuellen Lebensvollzug. Parallel zur berufspädagogischen Erforschung des Kompetenzbegriffs hat Peter Biehl Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts sieben Kennzeichen religiöser Erfahrung vorgelegt (vgl. Biehl, 1988). Damit gehören religiöse Erfahrungen erstens zu den „unmittelbaren Erfahrungen“, da sie im je individuellen Erfahrungs- und Wahrnehmungsbereich liegen. Ferner werden religiöse Erfahrungen von Biehl als „Grenz-Erfahrungen“ definiert. Neben klassischen Beispielen aus der Seelsorge – wie Angst, Schuld und Tod – berücksichtigt er dabei Momente „kulminierender Erfahrungen der Freude, des Glücks, der Kreativität, des erfüllten Augenblicks (…), die die Alltagspragmatik durchbrechen“. Drittens entstehen religiöse Erfahrungen – dieser Interpretation gemäß – in „Erschließungssituationen“, in welchen „fundamentale Einsichten“ gewonnen werden, wodurch „die bisherigen Lebenserfahrungen (…) in einem neuen Licht erscheinen. Ein – viertens – „Widerfahrnischarakter“, der als „tragender“ erfahrbar wird, führt zu einer Intensivierung dieses Erlebens. Biehl sieht in religiösen Erfahrungen zudem „eine vorwärts- und eine rückwärtsgewandte Struktur“, als das Bestreben nach Geborgenheit und „Ursprungsvergewisserung“ wie gleichermaßen „nach vorne“. Letztlich sieht er in religiösen Erfahrungen „zugleich soziale Erfahrung“. Denn „die religiösen Symbole zur Verarbeitung von Erfahrungen“ müssen „in gemeinsamen „Sprachspielen gelernt“ werden (zitiert nach Hanstein, 2008, S. 39–40). 39 Die Notwendigkeit fortschreitender Kompetenzentwicklung Rituale in entgrenzten digitalen Räumen Konkret am Beispiel der Rituale: Diese kommen in der Seelsorge seit jeher in Übergangssituationen des Lebens zum Einsatz, in Widerfahrnissen, wo das Urvertrauen verletzt worden ist. Da Rituale auf der Ebene des Vorbewussten ansetzen und die Ratio weitestgehend außen vor lassen, kann mit ihrer Hilfe das in der Tiefe der eigenen Seele wieder zusammenwachsen, was ursprünglich zusammengehört, aufgrund des Widerfahrenen aber – im Bild gesprochen – „gerissen“ ist. Insofern können Rituale in der Seelsorge als „Zeichen für das Leben“ (Hanstein, 2017) bezeichnet werden. Wenn Unvorhersehbares hereinbricht, Schicksalsschläge Menschen buchstäblich aus der Bahn werfen und sie sprachlos werden vor Ergriffenheit, dann können Rituale eine Möglichkeit bieten, sich trotzdem auszudrücken, eine Form zu finden das Innere nach außen zu geben. Auch entwicklungspsychologisch lässt sich nachweisen, dass Kinder Rituale brauchen. Sie geben Stabilisierung und Rhythmus. Daher musste nach der jahrzehntelangen Eiszeit in der Frühphase der neu entstandenen Bundesrepublik die Bedeutung von Ritualen in den Sozialwissenschaften erst wieder neu erkannt werden. Seither werden Rituale auch in nicht weltanschaulichen Geistes- und Sozialwissenschaften untersucht, waren sie bis dahin auch weitestgehend im Bereich des Religiösen – und damit als Untersuchungsgegenstand der Praktischen Theologie und Religionspädagogik – beheimatet (vgl. ebd.). Analog verhält es sich mit der religiösen Verwendung von Symbolen. Bereits dieser Aspekt der Rituale besitzt eine große Relevanz für die Digitalisierung: Virtuelle Welten und virtuelles Lehren und Lernen sind von einer neuartigen Mehrdimensionalität gekennzeichnet. Diese führt – anders als in früheren Lernformaten – zu einer permanenten Herausforderung in kognitiver, sozialer, methodisch-didaktischer und emotionaler Hinsicht. Dabei ergeben sich konkrete Fragen aus einer großen Prozesshaftig- 40 DIE WURZELN keit, Dynamik und Geschwindigkeit. Neue Dozierende, auch wenn sie jahrzehntelange Erfahrungen in Unterricht und klassischer Lehre mitbringen, bestätigen dieses Phänomen durchgängig. Dies zeigen die vorliegenden Erfahrungen der Autoren im Schulungsprogramm zum Online-Live-Trainer und im zusätzlich implementierten Kollegialen Coaching. Daher kann die Nutzung von Ritualen – beispielhaft zur Begrüßung, zum Wiederankommen nach der Pause, zum Abschluss einer Lerneinheit … – dieses Phänomen methodisch sinnvoll aufgreifen. Rituale sind kollektiv wie individuell möglich. Unabhängig von der sozialen Funktion würdigen sie die Endlichkeit, denn in der Sprache der Philosophie ist die Zeit ein „Existenzial“. Als zweite Übung in diesem Buch möchten wir die → Ankerübung vorstellen� Jeder Mensch benötigt Halt, hat im Bild gesprochen einen Ankerplatz� Das kann Ihre Erziehung sein, Ihre Freundin, Ihre Familie, Ihr Lieblingshobby oder aber auch ein Ort, an dem Sie sich geborgen fühlen� Setzen Sie sich so, wie es für Sie in der ersten Übung angenehm war� Folgen Sie Ihrem Atem, werden Sie ruhig� Dann schließen Sie die Augen� Spüren Sie nun, an welchen Stellen Ihr Körper auf dem Boden aufliegt� Spüren Sie die Kraft, mit der Ihr Körper auf die Unterlage drückt� Doch bei aller Kraft, die Sie zusätzlich aufbringen könnten, Ihr Körper ruht weiterhin am Boden� Er ruht fest, Ihr Atem geht langsam� Nichts und niemand stört Sie dabei, kann Sie dabei stören� Nehmen Sie nun wahr, wie sich diese Erfahrung auf den Atem auswirkt: Spüren Sie, bis wohin Ihr Atem sich in Ihrem Körper verteilt und auch, wie ruhig er fließt� Diese Übung kann Sie an eine Urerfahrung aus der Kindheit erinnern: Dass Sie geankert sind, dass es einen Ort und dass es Menschen gibt, an dem und bei denen Sie ebenso geborgen und ruhig sein können� Wenn das „Innere“ mit dem „Äußeren“ zusammenfällt, entsteht im elementaren Wortsinn ein Symbol. Der Begriff stammt aus dem Griechischen: Das zusammengesetzte Wort symbállein (griech.: „zusam- 41 Rituale in entgrenzten digitalen Räumen men-werfen“) verdeutlicht den Sinn von Symbolen. In der griechischen Antike wurden Verträge mit dem Symbol einer Tonplatte rechtskräftig geschlossen. Dieses „Sýmbolon“ wurde in zwei Stücke gebrochen und jede Partei erhielt eine Hälfte. Bei weiteren Verhandlungen, späteren Streitigkeiten oder im Falle einer Erbschaft konnten die Vertragsparteien sich und den Vertrag an der einzigartigen Bruchkante identifizieren. Diese Etymologie bedeutet im übertragenen Sinn: In einem Symbol fallen eine innere (im Beispiel: der Kauf) und eine äußere, erkennbare (im Beispiel: zwei Tonscherben) Seite zusammen. Aufgrund ihrer zeichenhaften Mehrdimensionalität haben Symbole einen verbindenden Charakter. Dieser vermittelnde Prozess gehört zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln einer Gemeinschaft. Was zum Symbol geworden ist, ist damit mehr als ein Zeichen. Denn es weist nicht nur auf etwas hin, sondern es bietet methodisch gleichsam einen Weg der Vermittlung an. Ebenso kennt die Psychologie die Symbolisierung als Darstellung zwischen dem „Inneren“ und „Äußeren“ des Subjekts: als Übereinstimmung einer bewussten Erfahrung mit der dazugehörigen adäquaten Empfindung. Denn wir Menschen haben von uns aus das Bedürfnis nach innerer Stimmigkeit – zwischen dem, wie sich etwas von innen her anfühlt, und dem, wie es von außen bewertet wird. Die Psychologie nennt dies Kongruenz. Carl Rogers (Rogers, 1973) sprach von „Inkongruenzen“, die sich ganzheitlich niederschlagen, wortwörtlich „organisieren“, wenn dieses Bedürfnis keine Beachtung findet. Körper, Geist und Seele reagieren dann auf diese Unstimmigkeit zwischen dem Selbsterleben und den aktuell gemachten, aber als unstimmig bewerteten Erfahrungen. Dabei gerät die organische Symbolisierung eines Menschen ins Ungleichgewicht und sein Körper spürt – neben seinen entsprechenden geistigen Reaktionen – dieses Erleben, und die Körpersprache bringt es zum Ausdruck. So wird es aufgrund der Rezeptoren des limbischen Systems auch von anderen wahrnehmbar, ohne allerdings adäquat in Worte gefasst zu sein. 42 DIE WURZELN Dieser Hinweis verdeutlicht die tiefe Bedeutsamkeit der Symbole als Kommunikationsmittel auf einer vorsprachlichen Ebene. Als Impuls möchten wir das → Handelnde Denken aus der künstlerischen Praxis beschreiben� Denn ein Risiko der Forderung nach Stille und Ruhe ist das Grübeln� Als Nachdenklichkeit verstanden ist diese Tätigkeit sicherlich unkritisch� Schwierig ist es, wenn dieses Gedankenkreisen dem Prinzip der Achtsamkeit entgegenwirkt� In der Zen-Praxis unterscheiden sich demnach drei Zeitrahmen: Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft (Warner, 2010)� Ziel ist, über den Fokus auf die Gegenwart ein Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken zu bewirken� Demnach sind die Gedanken an die Vergangenheit und die Zukunft zunächst einmal nur störend� Die künstlerische Praxis kennt hier das „Denken mit der Hand“ (Ten Hoevel, 2017): Es geht darum, die Inhalte des schöpferischen Denkens möglichst ungefiltert körperlich, also zeichnend festzuhalten� Die Idee dabei ist, seinen eigenen Vorstellungen gegenüber wachsam zu sein, obwohl diese in dem Moment des Zeichnens vom Intellekt noch nicht begriffen werden können� Demnach ist das Ziel jeder spirituellen Praxis das Handeln in der Gegenwart� Aus der künstlerischen Praxis können wir lernen, dass die spirituelle Entwicklung darin liegt, die intuitiven Ahnungen durch individuelle Techniken (Tagebuchschreiben, Malerei, Tagträumen, etc�) begreifbar zu machen und diese in ein Handeln zu überführen� Nachdenklichkeit sollte daher nicht als passives Grübeln missverstanden werden, sondern als aktive Technik der → Transflexion geübt werden� Rituale und Symbole entgrenzen also, sie durchbrechen die Gebundenheit an (die jeweilige) Zeit und (den jeweiligen) Raum. Und gleichzeitig gibt es – vermutlich gerade aufgrund dieses Charakters – ein starkes Bedürfnis nach sozialer symbolischer Vergewisserung. Dies zeigen Beobachtungen, die wir bei Studierenden machen können. Die Statuspassage zum Studierenden ist in der Theoriebildung zur Studieneingangsphase bereits gut beschrieben. Im traditionellen Studium 43 Rituale in entgrenzten digitalen Räumen sind es Initiationsriten, die feierlich begangen werden und die ihre traditionellen Wurzeln in der akademischen Welt haben. Die virtuelle Lernwelt kann diesen Bedarf nicht mehr decken. Eine virtuelle Hochschule hat keine Mauern, in die sie ihre Erstsemester feierlich aufnehmen könnte. Als Forscher beobachten wir bei den Studierenden eine hohe Eigentätigkeit: Die kognitive und mentale Tätigkeit des Studierens bewirkt eine tiefe existenzielle Veränderung im Selbstbild. Dies ist ablesbar an vielfältigen Äußerungen der Studierenden in den sozialen Medien, um sich diesen inneren Veränderungen auch äußerlich im sozialen Umfeld zu vergewissern. Es scheint, dass erst im Registrieren des Fremdbildes durch die anderen die Veränderungen im Selbstbild wirksam wird. Virtuelle Selbstsorge Ähnlich verhält es sich mit der Selbstsorge im Kontext virtueller Welten. Am oben angeschnittenen Beispiel: Es ist zu jeder Tag- und Nachtzeit möglich, sich einen neuen Schrank zu bestellen, sich das Download der Aufbauanleitung zu beschaffen, Bewertungen zur Baureihe einzuholen und selbst Kommentare dazu zu posten. Strukturen zum aktiven und passiven Umgang mit der möglichen Omnipräsenz werden in den virtuellen Welten nicht mehr – wie klassischer Weise bereits durch Öffnungszeiten und Zeiten der Nichterreichbarkeit – von außen vorgegeben. Sie sind damit dem Subjekt als Aufgabe aufgegeben. Und diese Aufgabe beschreibt nicht nur die zeitliche Organisation, sondern das grundsätzliche Verhältnis – und Verständnis – von „vita activa“ und „contemplativa“. Von Seiten der christlichen Tradition und Mystik kann bibeltheologisch das Bild des 7. Schöpfungstages als leitendes Motiv herangezogen werden. Nicht die Zahl an sich, sondern deren Bedeutung ist hierbei zentral: Die hebräische Zahl 44 DIE WURZELN Sieben bedeutet terminologisch das „voll-“, „ganz-“, „erfüllt-“, abgeschlossen-Sein. Sprachlich ausgedrückt findet es sich in der Bewertung der Schöpfung so: „Und Gott sah, dass es gut war.“ (Die Bibel, Genesis/1. Buch Mose 1) Was sich gezählt jedoch gut abschließen lässt, kann ohne entsprechende Strukturierung womöglich schnell in den nächsten Schöpfungsprozess umgeleitet werden. Insbesondere im Format berufsbegleitender Studiengänge ist daher diese Kompetenz einer „virtuellen Selbstorganisation“ essentiell. Denn diese Studierenden unterliegen einem dauerhaften Anspruch, allen Lebensbereichen – dem Beruf, der, wenn auch gelegentlich in reduziertem Umfang, weiter ausgeübt wird, dem Anspruch des Studiums, oft ohne klassischen Studienzugang, und bei vielen Studierenden auch der Familie – gerecht zu werden. Wenn auch nicht in dieser Durchdringung, aber parallel kann die Mehrfachbelastung bei – insbesondere neuen – Dozierenden verstanden werden. So sehr hier eine Strukturierung auf zeitlicher und organisatorischer Ebene wichtig wird, so schnell wird auch oft deutlich, dass dies nur der erste Schritt war. Das Handling dieser Mehrfachbelastung kann – analog zur oben benannten Unterscheidung zwischen Lerninhalten und Kompetenzen – nicht befriedigend auf der rational-kognitiven Ebene erfolgen. Sie erfordert eine entsprechende – neuartige – ganzheitliche Kompetenz. Und zwar eine Kompetenz, die als Handlungskompetenz – denn als sich verhaltende Reaktion – zu erwerben ist. Der Anspruch zur Rekreation lässt sich dabei nicht nur theologisch herleiten, auch die Biologie – wo interessanter Weise die Zahl Sieben im Hinblick auf den Zyklus der Zellerneuerung eine Rolle spielt – bietet hierfür eine Reihe von Anknüpfungsmöglichkeiten. Ebenso wäre die Gestaltpsychologie eine wertvolle Ergänzung für den interdisziplinären Zugang. Denn aus „To hu wa bohu“ (Die Bibel, Genesis/1. Buch Mose 1), einem als wörtlich „wüst und leer“ beschriebenen Zustand, heraus gestaltet sich etwas – und nicht ein unbestimmtes Etwas, son- 45 Virtuelle Selbstsorge dern, biblisch verstanden, die gesamte Schöpfung mit allem Leben und aller Materie, allem Sichtbaren und allem Unsichtbaren. Das bedeutet: Das „wüst und leer“ gehört zum Entstehungsprozess dazu. Doch wenn es geworden ist, eine „runde Gestalt“ erkennbar ist, dann kehrt Stille ein – genussvolle Stille, Stille zum Genießen. Dies verlangt freilich eine umso größere innere Achtsamkeit, je intensiver der Flow war. Auch diese Achtsamkeitskompetenz benötigt Raum und Zeit. Im Bild der biblischen Schöpfungserzählung ist es der Segen, den Gott über diesen siebten Tag ausspricht – um nicht nur sich, sondern vor allem seinem Geschöpf Ruhe und innere Einkehr zu gönnen. Kontemplation – innere Sammlung – wäre hier ein Schlagwort aus der christlichen Tradition. Oder in den Worten des Dichters: „Soll das Werk den Meister loben, doch der Segen kommt von oben.“ (Schiller, Die Glocke) Nicht selten führen diese Zeiten der Unterbrechung dazu, dass nachher neue Ideen wie aus dem „Nichts“ vorhanden sind. Neurologisch ist dies mit dem Loslösen vom jeweiligen aktuellen Muster erklärbar (vgl. Hüther, 2006). Erst neue Erfahrungen und Kontexte ermöglichen neue neuronale Verknüpfungen – und damit eine neue Qualität schöpferischer Kreativität. Kritisch ist dabei – naturgemäß – die Krise. Einblicke in die Kunstpädagogik offenbaren ähnliche Konzepte: Über den Begriff der „Diastase“ modelliert Bernhard Waldenfels einen Vorgang, der den Übergang von komplexen kognitiven und seelischen Prozessen aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein darstellt: „Dazwischen ist als Pause zu denken, ohne etwas das aufhört und wieder beginnt – als Differenzierungsprozess, in dem das, was unterschieden wird, erst entsteht.“ (Waldenfels, 2002, S. 174) In der Begleitung von Studierenden ist dieser Vorgang als Spannung, Stress und bis hin zu einer Leidenserfahrung erkennbar: „Ich habe das Gefühl, dass ja, dass (…) irgendwas um mich rum ist, wie so eine Schale quasi und die muss ich zerbrechen, was unangenehm ist, was stressig ist, was anstrengend ist, aber dann habe ich halt mehr Platz wieder, um mich 46 DIE WURZELN eben zu entfalten auf einer kreativen Art und Weise. Ja. Und das ist aber auch wirklich tatsächlich dieses Gefühl, wenn dieser Bruch kommt, es ist wirklich wie so ein Klick, wie so ein Schalter im Kopf, der sich umlegt.“ (Lanig, 2019, Anhangsband 3, S. 324) In diesen beiden Zitaten zeigt sich, dass die Ideegenerierung als solche als eine Zeitphase der unbewussten Sammlung benötigt, die als meist unangenehme Spannung empfunden wird. Statt Religion: Spiritualität Wir reden hier nicht von Religion, auch nicht von Religiosität. Wir verwenden stattdessen die Begriffe Spiritualität und Mystik. Die Metapher des Atems vermag dies zu erklären: Religionen, die an etwas glauben, die etwas „für wahr halten“, stehen auch immer in der Gefahr das Erkannte zu bewahren (hier hat der Begriff des „Konservierens“ seinen Ursprung, aus dem die Beschreibung einer religiösen Richtung eben als „konservativ“ herrührt) oder gar (davon ist die christliche Kirchengeschichte voller Beispiele) zu verteidigen. Während der Begriff der Religion daher eingrenzt, führt nach unserem Verständnis – und unserer Erfahrung – Spiritualität in die Weite. Spirituelles Handeln an sich ist Entgrenzung, ist das Fallenlassen von Raum und Zeit, von Begriffen und Beschreibungen – in einer weiteren Entwicklung auch von Bewertungen. Das Wort Mystik kann freilich als „geheimnisvoll“ falsch verstanden werden. In diesem Sinn verwenden wir diesen Begriff nicht. Wir sehen in der Mystik – in der Tradition vieler Mystiker wie Meister Eckart, Angelus Silesius, Hildegard von Bingen – als Weg, diese offene Form der Spiritualität zu leben, ohne Bekenntnis und Glaubenssätze, interreligiös. Eine so verstandene Mystik eint – im Übrigen auch mit den Ansichten buddhistischer Mystiker – die Überzeugung, dass mit der Vernunft (allein) die Wirklichkeit nicht 47 Statt Religion: Spiritualität fassbar ist. Dazu ist als ausgleichendes Moment die Intuition nötig, um festgefahrene intellektuelle Vorstellungen und die Fixierung auf die eigene Person zu lösen. Zwischenertrag All diese Aspekte einer so verstandenen „spirituellen Kompetenz“ verdichten sich aber letztlich an einem einzigen Brennpunkt: der Frage nach der Sinnstiftung, Sinnhaftigkeit, deren ganzheitlicher Erfahrbarkeit und Sinndeutung auf der subjektiven Ebene, hier im Kontext virtueller Bildungsprozesse. Die Erfahrung von Sinnhaftigkeit lässt sich mit dem philosophisch-theologischen Begriff der Kohärenz in Einklang bringen, einem Gefühl von Stimmigkeit, einem glückenden Lebensgefühl. Ein solches Selbsterleben aber ist erst der Grundstein dafür, sich weiter auf bislang unbekanntes Terrain einzulassen und sich dem – vielfach geforderten – „lebenslangen Lernen“ ganz selbstverständlich zu stellen – wie es hier beschrieben werden soll, auf der Basis einer ausgeglichenen virtuellen Selbstkompetenz. Wie bereits im Rahmen der klassischen Kompetenzentwicklung zu sehen, ist (auch) diese spirituelle Kompetenz nicht kognitiv erlernbar. Als Exkurs: Hier ist eine Analogie zur genuin religiösen Bildung zu sehen. Anstatt Gebete auswendig zu lernen, was am Sinn von Gebeten vorbeigehen würde, wies Hirscher bereits im 19. Jahrhundert darauf hin, dass man „Beten durch beten“ lerne (vgl. Keller, 1969). Das bedeutet, bezogen auf die dritte mentale Übung: Es bedeutet schon viel – das heißt auch, dass nicht jeder diese Herausforderung zu leisten vermag –, verschiedene „Geister“ wahrzunehmen und sich dieser zu stellen. Der bewusste Umgang damit wäre also eine erste Stufe spiritueller Kompetenz. Denn sie führt von der Reaktion – sich mehr oder weniger unbewusst aus einem auch mehr oder weniger 48 DIE WURZELN bewussten Motiv heraus diesem oder jedem „Geist“ hinzugeben – hin zu einer (bewussten) Handlung. Dann bedeutet spirituelle Kompetenz, ein echtes und authentisches Gespür dafür zu haben, was im Moment ganzheitlich „dran“ ist und – auf einer weiteren Stufe – diesem Gespür auch handlungsorientiert nachzugehen. Biblische Texte fangen ebenso wie traditionelle religiöse Lieder spirituelle Bedürfnisse in pittoresken Metaphern ein, wenn sie beschreiben, wie die „Seele dürstet“. Diesen Zugang zum eigenen „Seelengrund“ wiederzuerlangen, steht seit der sogenannten „ersten industriellen Revolution“ an. Für die „Industrie 3.0“ darf sie größtenteils – und wenn, dann lediglich segmentiert in entsprechenden Seminaren für Führungsetagen – bestritten werden. Umso wichtiger erscheint uns dieser Fokus daher für die nächste Etappe, die „Industrie 4.0“ – und für diese eine hinreichende spirituelle Kompetenz, wie wir sie hier verstehen: ein in die tägliche Praxis übergehendes spirituelles Selbstmanagement. Zurück zum Kontext: Die intrinsische Motivation wird früher oder später nach einer weitgehenden Selbststrukturierung verlangen, die ihrerseits nur kompetenzorientiert zu erwerben ist. Gleichzeitig bedarf die Veränderung der bisherigen mentalen Muster der Reflexion – die in den seltensten Fällen „nur“ Selbstreflexion sein kann. Der Lerngruppe kommt hierbei eine neue Bedeutung zu, ebenso aber auch dem (Selbst-)Verständnis der Lehre/des Lehrenden – als Projektbegleiter, der sich in einer entsprechenden Mäeutik („Hebammenkunst“ nach Sokrates) schult und eine „Didaktik vom anderen her“ (Arnold) anregt. Interessant ist im vorliegenden Kontext auch der Begriff des „agilen Lernens“, der sich seit zwei Jahren ausgebreitet hat. Die hier postulierten Kompetenzen ließen sich zudem als virtuelle Agilität näher bestimmen – und mit dem Arbeitsbegriff der „spirituellen Kompetenz“ in Abgleich bringen. Die bisher angesprochenen Stichworte entstammen unseren Erfahrungen mit individuellen Begleitungen und mit Entwicklungen von Zwischenertrag 49 Lern- und Bildungsprozessen. Damit handelt es sich nicht um einen deduktiven Aufbau, sondern einen klassischen induktiv-empirischen Zugang. Basis bildet der Hochschul- und Schulkontext sowie das Business und Personal Coaching. Diesen Entwicklungs-, Erfahrungs- und Anpassungsvorgängen ist gemein, dass sie naturgemäß zum allumfassenden Metathema der Digitalisierung Bezug nehmen. Darin ist der methodische Zugang begründet, aus dieser Erfahrung heraus eine generalisierende Konzeption dieser Entwicklungsprozesse zu zeichnen. 50 DIE WURZELN 53

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Zusammenfassung

Im Frühjahr 2020 wurde der virtuelle Raum plötzlich alternativlos. Die Vorarbeiten auf dem Gebiet der Hochschullandschaft waren eine wichtige Grundlage, um über Nacht umschalten zu können. Selbst einigen Schulen gelang dieser Prozess nach der Aussetzung des Präsenzunterrichts. Digitalisierung und Digitalität lassen sich aber nicht auf technische Aspekte reduzieren. Die sinnvolle Nutzung digitaler Räume will erlernt und begleitet sein. Ebenso verhält es sich mit allen Phänomenen, die die virtuelle Welt neu mit sich bringt. Dieser aktuellen Herausforderung stellen sich die Autoren durch eine interdisziplinäre Herangehensweise. Denn erkannt ist bislang zu wenig, dass die Digitalität alte philosophische Fragen neu aufwirft. Insofern benötigt - so die Autoren - die Digitalisierung 4.0 ein "Spirituelles Selbstmanagement 4.0", das die innere Stabilität des eigenen Selbst nachhaltig garantiert. Das Buch versteht sich als praktischer Ratgeber. Aus dem Blick von Hochschullehrern und Coaches werden die Grundlagen des mentalen Selbstmanagements aufgearbeitet und ganz neuartig in den Kontext spiritueller Alltagsfragen hineingestellt. Damit verfolgt dieses Buch das Ziel, eine tragfähige Resilienz bei fortschreitender Digitalisierung zu gewährleisten. Diese sehen die Autoren in einer humanistisch verstandenen Selbstschulung des - in virtualisierten Lern- und Lebenswelten lernenden und tätigen - Subjekts.