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SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN – 11 meditative Angebote zur spirituellen Kompetenz in:

Thomas Hanstein, Andreas Ken Lanig

Spirituelle Kompetenz in digitalen Lern- und Arbeitswelten, page 161 - 182

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4349-3, ISBN online: 978-3-8288-7298-1, https://doi.org/10.5771/9783828872981-161

Tectum, Baden-Baden
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161 SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN – 11 meditative Angebote zur spirituellen Kompetenz Sie haben sich mit uns bis zur Krone vorgewagt. Hier oben wird unser Baum immer verzweigter und weiter. Schon bereits dieses Bild kann als Metapher dafür stehen, wie wir spirituelle Kompetenz verstehen. Welche Äste des Baumes weiterwachsen und letztlich Früchte tragen, hängt von vielen Faktoren ab. So steht es auch um Ihre spirituelle Kompetenz. Auch wenn wir Ihnen hier Anregungen, Impulse und bewusst auch Irritationen mitgeben konnten, sind und bleiben Sie Ihr eigener Chairman und dafür verantwortlich, was Sie letztlich aus dieser Herausforderung machen. Zum Abschluss finden Sie einige Angebote unsererseits. Wir orientieren uns dabei an Begriffen, die uns im Laufe des Schreibens zu Keywords geworden sind. Sie finden unsere Angebote in alphabetischer Reihenfolge dieser Schlagwörter, was lediglich der Übersichtlichkeit dient. Die Reihung erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf einen abschließenden Charakter. Wenn Sie nach der Lektüre und Meditation unserer Texte den Eindruck haben, dass für Sie noch vieles unausgesprochen ist, dann waren wir mit unserem Ansinnen erfolgreich. Deshalb finden Sie auch nach jeder Meditation ein Angebot zur Visualisierung. Dieser Teil des Buches kann Ihnen so vielleicht zum Erlebnisbuch werden. Wir würden uns freuen, wenn Sie jeweils Ihre Assoziationen, Irritationen, inneren Bilder und weitergehenden Gedanken festhalten – für sich und Ihre Einübung in die spirituelle Praxis. Bewusst entschleunigen Das Phänomen der zunehmenden Beschleunigung bedarf wohl keiner zusätzlichen Worte. Wir haben uns vermeintlich daran „gewöhnt“ und „funktionieren“ entsprechend. Es macht hin und wieder Sinn, die Auswirkungen bei sich – ehrlich zu sich selbst – wahrzunehmen. Gönnen Sie sich in einer freien Minute die Erfahrung, einen Krimi der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts anzuschauen (unter Youtube finden Sie zum Beispiel einige Folgen der ersten Staffel von „Der Alte“). Nehmen Sie wahr, was die Geschwindigkeit und die Effekte bei Ihnen auslösen. Halten Sie Ihre Gefühle und Assoziationen dabei fest. Welche unbewussten Reaktionen haben Sie ggf. bei sich festgestellt, diese „Langsamkeit“ zu überspielen. Versuchen Sie – jedoch ohne sich damit Druck zu machen –, all dieses irgendwann beiseite zu legen und sich ganz auf den Film und seine Wirkung zu konzentrieren. Halten Sie fest, wie viel Zeit dies gebraucht hat (aber bewerten Sie es nicht). ⇒ Vielleicht spüren Sie: Entschleunigung lässt sich nicht verordnen. Wir laufen alle so „gut“ im „Hamsterrad“, dass wir auf vermeintliche Langsamkeit ungeduldig reagieren. Es braucht folglich einen Anker, der als Schalter dienen kann, sich auf andere Geschwindigkeiten einzulassen, sie zuzulassen, auch wenn ein gegenläufiges Gefühl in Ihnen auch Stimmung macht. Dieser Anker kann eine bestimmte Zeit oder ein bestimmter Ort sein und sogar ritualisiert werden. Finden Sie diesen für sich heraus, geben Sie ihm einen Namen, zeichnen Sie ihn. 162 SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN Gewahr werden Es gibt Momente, in denen die Konzentration nachlässt, vielleicht auch die Lust. Wir merken das im virtuellen Kontext daran, dass man unbewusst die Möglichkeiten nutzt, die die Technik bietet. Und ohne sich zu versehen, schweift man nicht nur gedanklich ab, sondern checkt man seine E-Mails oder landet auf Seiten, mit denen die aktuelle Veranstaltung nichts zu tun hat. Meditation: Nehmen Sie den nächsten dieser Momente doch zum Anlass, sich das Lied „Irgendwann“ von Gerhard Schöne (https://www.youtube.com/ watch?v=VL1R5Np4o6I, Zugriff: 08.04.2019) anzuhören und den Text auf sich wirken zu lassen: „Irgendwann siehst du … irgendwann schmeckst du … irgendwann hörst du …“ Versuchen Sie dabei nicht viel nachzudenken, sondern der 163 Gewahr werden Stimmigkeit aus Inhalt, Melodie und Intonation zu folgen. Um dann die letzte Strophe wahrzunehmen: „Irgendwann heißt, es kann morgen gescheh‘n und dass wir uns heut‘ das letzte Mal sehn. Drum, was du erlebst, erleb’ es total, denn alles, alles gibt’s ein letztes Mal … letztes Mal …“ (aus: Schöne, 1992, Die sieben Gaben, Titel 18) Mindmap: Halten Sie spontan Ihre Assoziationen fest: An wen oder was haben Sie gedacht? Welche Emotionen hat das Lied in Ihnen ausgelöst? Hat das Lied etwas mit Ihnen zu tun, und was? Was „macht“ seine Botschaft mit Ihnen? ⇒ Ganz unabhängig davon, wie Sie die letzten Erfahrungen in virtuellen Veranstaltungen bewerten, eines ist ihnen gemeinsam: Sie waren einmalig. Doch das als rationales Wissen zu reflektieren, ist wenig wirksam und nachhaltig. Bedeutsam wird diese Erfahrung erst durch ihr Gewahrwerden in derartigen Aha-Erfahrungen. Diese wollen freilich zugelassen sein. 164 SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN Innere und äußere Gestalten wahrnehmen Sie haben Ihre drei „Walts“ nun kennen gelernt. Wir gehen nun von innen nach außen: Werden Sie sich Ihres Selbstbildes gewahr. Drücken Sie dieses dadurch aus, indem sie lediglich die Formen Kreis, Quadrat und Dreieck benutzen. Stellen Sie durch Größe, Position und Menge dar, wie Sie sich selbst sehen. ⇒ Bitten Sie Personen Ihres Vertrauens darum, dieses Bild als Fremdbild zu visualisieren. Sprechen Sie über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Testen Sie Ihr Fremdbild bei Personen, die Sie hauptsächlich über die virtuelle Ebene kennen. Vergleichen Sie dies auch gern mit analog-physischen Kontakten. Reflektieren Sie. Sich irritieren lassen Wir haben vom „inneren Team“ als Bild für die innere Pluralität des Menschen geschrieben. Aber auch davon, dass es zur ästhetischen Erfahrung und spirituellen Kompetenz gehört, sich und seine gewöhnlichen Muster irritieren zu lassen. Hierzu kann eine Kreativitätstechnik gut anleiten. Innere und äußere Gestalten wahrnehmen „Gewahr weren“ Träumer Realist Kritiker Der Träumer in mir sagt: Der Realist in mir sagt: Der Kritiker in mir sagt: 165 Sich irritieren lassen Einführung: Mit der Walt-Disney-Strategie, die von Robert Dilts entwickelt wurde, lassen sich eingefahrene Gleise irritieren und so neue Perspektiven entdecken. Dilts sah in dem berühmten Kollegen „drei Walts“, die ihn nicht nur sehr erfolgreich gemacht hatten, sondern mit denen er sich immer wieder selbst übertraf: den Träumer („the dreamer“), den Realisten („the realist“) und den Kritiker („the spoiler“). Mindmap: Machen Sie diese drei „Walts“ für sich sichtbar. Schreiben Sie dazu, wann und mit welchen konkreten Gedanken und Bemerkungen diese auftreten. Gehen Sie dann auf oder in eine bestimmte Rolle. Spüren Sie, was dies in Ihnen auslöst. Halten Sie dies ebenfalls auf dem entsprechenden Feld fest. Der Wechsel der einzelnen Positionen kann in der Regel mit drei Stühlen für die drei Rollen entsprechend Walt Disney erleichtert werden. Wer noch unge- übt im Selbstcoaching ist, sollte dies unter Anleitung tun. Und Sie werden sehr schnell sehen: Der bewusste Wechsel zwischen den „Stühlen“ setzt in jedem Fall Assoziationen frei, die bisher unbewusst, verborgen, unausgesprochen waren. In einem weiteren Schritt werden diese nun in einen Austausch zwischen den drei Perspektiven gebracht. ⇒ Übungen wie diese vergrößern Ihren Wahrnehmungsraum. Sie setzen neue Handlungsstrategien mit veränderten inneren Teamkons- Innere und äußere Gestalten wahrnehmen „G wahr were “ Träumer Realist Kritiker Der Träumer in mir sagt: Der Realist in mir sagt: Der Kritiker in mir sagt: 166 SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN tellationen frei. Vor allem kann Irritation auch zu Klarheit durch Fokussierung führen. Innere und äußere Rhythmen Der Körper ist mit dem ihm eingeschriebenen 7-Tages-Rhythmus und dem 24-Stunden-Raster das Maß, an dem wir uns in der folgenden Übung orientieren: In welchen Zeiten sind Sie „für sich“? Welche körperlichen Notwendigkeiten hängen damit zusammen? Und in welchen Zeiten sind Sie „für andere“? Zeichnen Sie sich sieben Tage auf und markieren Sie beide Zeitkategorien mit unterschiedlichen Farben.In erer und äußerer Rhythmus Leicht? Zeit für andere: Zeit für mich: M on ta g D ie ns ta g M it tw oc h D on ne rs ta g Fr ei ta g Sa m st ag So nn ta g Schwer? Think outside the (IN)BOX Mein inneres Bild: 167 Innere und äußere Rhythmen ⇒ Reflektieren Sie: Welche Möglichkeiten der asynchronen Kommunikation sind möglich, diese Zeiten „für andere“ zu einer Zeit „für sich“ werden zu lassen? Welche Zeiten „für sich“ sind so „heilig“ – für andere unantastbar –, dass Sie Ihre eigenen bleiben müssen. Wie können Sie dies – in einer gefühlten Leichtigkeit – erreichen? Formulieren Sie ggf. konkrete Maßnahmen dazu. Think outside the (In)Box Stellen Sie sich noch vor dem Beginn Ihres Tagwerks vor, alle Nachrichten Ihres E-Mail-Postfachs wären Briefe; die WhatsApp-Chats vom Vorabend wären Faxe sowie Telefonate, Telefonkonferenzen und Online-Meetings reale Konferenzen. Machen Sie sich Ihr inneres Bild bewusst, das bei dieser Vorstellung in Ihnen auftaucht. Halten Sie es graphisch fest. Vergegenwärtigen Sie sich nun den Zugewinn an organisationaler Freiheit, die Ihnen die digitalen Medien gewähren. Ergänzen Sie nun Ihre Visualisierung durch das neue Bild. Innerer und äußerer Rhythmus Leicht? Zeit für andere: Zeit für mich: M on ta g D ie ns ta g M it tw oc h D on ne rs ta g Fr ei ta g Sa m st ag So nn ta g Schwer? Think outside the (IN)BOX Mein inneres Bild: 168 SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN ⇒ Meditieren Sie abschließend beide Bilder im Vergleich: Fokussieren Sie sich auf die Ihnen bedeutsamsten Themen, die Sie in diesem Zeitgewinn verwirklichen wollen. Halten Sie diese Themen fest und geben Sie ihnen einen entsprechenden Ort auf Ihrer Visualisierung. Gelingt es Ihnen, aus diesem Reframing sich Ihrer relativen Autonomie gewahr zu werden? Digital-Angst durch Zugewandtheit trösten Wirkungsmechanismen des Interagierens von Gruppen sind auch im virtuellen Raum von zwei Polen geprägt: Die Angst voreinander und die Zugewandtheit der einzelnen. Sind diese Affekte im realen Raum ganzheitlich und körperlich spürbar, müssen wir den Umgang im virtuellen Raum über die Reflexion erlernen. Dabei helfen Fokussierungsfragen: „Welche Potenziale sehe ich, schätze ich an meiner virtuellen Gemeinschaft?” und „Welche Befürchtungen habe ich im Hinblick auf diese virtuelle Veranstaltung?“ Geben Sie diesen Assoziationen einen Begriff, ein Motto oder ein Thema. Halten Sie diese Gedanken in unterschiedlichen Farben fest. Betrachten Sie Ihre Notiz/Visualisierung und lassen Sie sie auf sich wirken. Meditieren Sie nun diese Fragen. Gelingt es Ihnen dabei, Aspekte der Zugewandtheit in sich zu erspüren? Können Sie auf das Vertrauen ihrer Gruppe bauen? ⇒ Finden Sie eine Mehrzahl von Befürchtungen, führt dies erfahrungsgemäß früher oder später zu einer Betonung der Kontrolle und der kleinteiligen, präzisen Anleitung. Welche Art von Selbstführung wollen Sie verwirklichen? 169 Digital-Angst durch Zugewandtheit trösten Geöffnet in die Dehnung kommen Nicht nur von modernen Postern kennt man ihn, den „vitruvianischen Menschen“. Vitruvius war ein Architekt, der bereits in der Antike Forschungen zur Proportionslehre anstellte. Der Maler und Philosoph Leonardo da Vinci fertigte daraus im 15. Jahrhundert eine Skizze an, die berühmt geworden ist. Leonardo bildete in der Skizze gleichzeitig den „homo ad quadratum“ und den „homo ad circulum“ ab. Die darin zur Anwendung kommende Proportionenlehre wurde bis zum heutigen Tage vielfach aufgegriffen. Die Zeichnung verdeutlicht aber nicht nur die Proportionen des Menschen (die sich im Laufe der Jahrhunderte auch leicht verschoben hat), sondern sie gilt als Symbol vollendeter Ästhetik und Harmonie. Der Bauhaus-Lehrer Johannes Itten (der vor allem durch den sogenannten Farbkreis Digital-Angst Pote nziale Befürc htungen Bedürfnisse Gefährdungen Sein Notwendigkeite 170 SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN berühmt geworden ist) zum Beispiel leitete seine Studenten zu einfachen Körperübungen an, bevor diese sich künstlerisch ausdrücken sollten. Für Itten konnte der Künstler erst authentisch wirken, wenn es eine Harmonie zwischen der inneren und äußeren Haltung gab. Besonders für das stundenlang am Rechner sitzende „moderne Arbeitstier“ ist es wichtig, seine Haltung immer wieder zu verändern. Denn Kopf, Arme und Nacken verharren über Stunden in einer eingeschränkten Position. Entsprechende ergonomische Möbel können ein erster Schritt sein, ein Stehpult zum Beispiel ein weiterer. Für die Arbeit am PC bietet sich zum Beispiel die kleinste Variante des denefhoop (www.denefhoop.com, Zugriff: 20.10.2019) an. Sein Entwickler hat sich an der vitruvianischen Vorlage orientiert. Dieser Reifen kann zu einer Größe geformt werden, mit der er bequem seitlich am Schreibtisch angebracht werden kann. 171 Geöffnet in die Dehnung kommen ⇒ Strecken Sie sich mit Hilfe des Reifens und entsprechend der Proportionsstudie. Geben Sie dabei keine übergroße Kraft in Ihre Bewegungen. Besonders Hals, Wirbelsäule und Nacken reagieren schnell auf die Dehnungen. Ihre Muskelketten, die selten beansprucht werden und verspannt sind, werden sich alsbald melden. Atmen Sie ruhig in diese Bereiche hinein. Der Reifen wird Sie auch haptisch dabei unterstützen, „Dehnungspausen“ als Ritual in Ihren Alltag zu implementieren. Gelassen auf sich selbst schauen Wir haben oben auf die verschiedenen Bereiche der Persönlichkeit hingewiesen, mit denen die Transaktionsanalyse arbeitet. Alternativ können Sie natürlich auch andere Modelle zu Hilfe nehmen (beispielsweise das DISG-Modell, vgl. weiterführend Dauth, 2012) und die Anleitung entsprechend darauf anpassen. Zur Erinnerung: Da gibt es das „kritische Eltern-Ich“ in Ihnen, das durch hohe Ansprüche und verantwortbare ad-hoc-Entscheidungen gekennzeichnet ist. Ebenso das „fürsorgliche Eltern-Ich“, das umsorgt, Schutz bietet, Geborgenheit vermittelt. Gleichzeitig gibt es die Bereiche des „hilflosen Kindes“, das überangepasst ist, Angst vor Fehlern hat und daher schnell aufgibt, des „trotzigen Kindes“, das sich stark emotional oder auch stark fordernd zeigen kann, schließlich noch das „natürliche Kind“, das spontan, kreativ, offen, direkt und humorvoll ist. Unter virtuellen Vorzeichen ist es durchaus möglich, dass die bei Ihnen übliche Verteilung sich verschiebt. Das bringt die Frage mit sich, wie Sie überhaupt (authentisch) wahrgenommen werden. Nehmen Sie wertfrei an, alle diese Bereiche sind auch in Ihnen. Verteilen Sie Prozentzahlen (bis insgesamt 100 %), wie Sie die Bereiche grundsätzlich ver- 172 SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN teilen würden. Befragen Sie ggf. auch Ihren Partner/besten Freund. Erstellen Sie nun eine persönliche Abbildung dieser Felder. ⇒ Mit dieser Visualisierung haben Sie nun ein grundsätzliches Bild. Es ist schon eine wertvolle Unterstützung, sagt aber über Ihr kontextuelles Verhalten noch nicht viel aus. Erweitern Sie diese Bild nach und nach mit konkreten Situationen. Reflektieren Sie: Gibt es ähnliche Muster, Emotionen, innere Bilder in vergleichbaren Situationen? Erstellen Sie, ausgehend davon, ein Zielbild, eine Skalierung kann Ihnen in der Umsetzung wieder helfen: Wie viel Prozent dieses oder jenes Anteils wollen Sie in einer vergleichbaren Situation (lediglich) Raum geben? Durch welche Maßnahmen ist dies möglich? Physisches auf Virtuelles fokussieren Die Arbeit in und für virtuelle Gemeinschaften ist für den körperlichen Rhythmus nicht unproblematisch: Denn es fehlt der Ortswechsel. Mit dem fehlenden körperlich-seelischen Impuls kommt es zu 173 Physisches auf Virtuelles fokussieren Gelassen auf sich ... kr iti sc he s E lte rn- Ich trotziges Kind fürsorgliches Eltern-Ich h ilfr eic he s K in d Physisches auf virt elles Mein Beitrag Themen? Projekt? Menschen? Ergebnisse? Virtuelle Blase Physische Blase dem Phänomen, das wir als „virtuellen Jetlag“ bezeichnen. Es fällt dann schwer, sich auf eine neue Situation – wir nannten es Existenzial – einzulassen. Jede virtuelle Arbeit ist auf einer Makroebene eingebettet. In diesen großen Ablauf des Projektes oder Werkes sind wiederum ganz unterschiedliche Personen integriert. Damit gibt es eine Makroebene als Existenzial und eine Mikroebene, die ebenfalls ein Existenzial beinhaltet. Gleichzeitig sind Sie vor einem Termin darin begriffen, das vorherige Existenzial zu verlassen. Stellen Sie sich Fragen wie: „Was ist für die Menschen auf den unterschiedlichen Ebenen wichtig?“, „Was ist mein eigener Beitrag daran und welche Dinge muss ich dabei als gegeben hinnehmen?“ oder „Wenn dieses Existenzial vorüber sein wird, was muss das notwendige Ergebnis dabei sein?“ ⇒ Schreiben Sie es stichwortartig nieder oder visualisieren Sie. Es wird Ihnen helfen, in dieses Thema hinein zu finden. Geben Sie der Visualisierung einen festen Ort und versuchen Sie, sie bei der nächsten Auseinandersetzung mit diesem Thema als Unterstützung heranzuziehen. 174 Gelassen auf sich ... Kr iti sc he s E lte r - Ich trotziges Kind fürsorgliches Eltern-Ich h ilfr eic he s K in d Physisches auf virtu lles Mein Beitrag Themen? Projekt? Menschen? Ergebnisse? Virtuelle Blase Physische Blase SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN 175 In den Wolken ankern In der letzten Übung geht es um die Zusammenführung von zwei hier ausgebreiteten Ideen: Die Reflexionen über mögliche Veränderungen („Transflexion“) und die Ankerübung. Die Kultur der Digitalisierung trägt uns eine grundsätzliche Bereitschaft auf, Diskurse in Frage zu stellen und unsere alltäglichen Praktiken zu reflektieren. Diese Selbstkritik hat zum Ziel, aus der Reaktion heraus in die Handlungsfähigkeit zu gelangen. Darin steckt vor allem der Gedanke, angemessen auf eine unbeständige, unsichere, komplexe und mehrdeutige VUCA-Welt zu reagieren. Auf der anderen Seite verbindet uns die Ankerübung mit unseren individuellen Ressourcen und legt die emotionale Bereitschaft, sich auf die instinktiven Vorbehalte gegen- über Veränderungen emotional einzulassen. Zwei konkurrierende Fragen können uns dabei leiten: A) Welche Veränderung in meinem direkten persönlichen und professionellen Umfeld ist denkbar im „Existenzial“ des heutigen Tages? B) Welche Ressource (welcher „Anker“) gibt mir die Energie, diese Veränderung produktiv und affirmativ anzugehen? ⇒ Beschränken Sie die Antwort auf jeweils einen Themenkontext – lassen Sie damit ruhig zu, weitere denkbare Veränderungen „fallen“ zu lassen und an einem anderen Tag zum Thema zu machen. In den Wolken ankern 176 In den Wollen ankern Wandel Anker ist für mich: sind für mich: SÜSSE FRÜCHTE UND DUFTENDE BLÜTEN 177 Virtuelle Resilienz durch spirituelle Kompetenz – (k)ein Schlusswort Ebenso, wie Sie nun Ihren eigenen „spirituellen Baum“ selbst zum Blüten bringen dürfen, seine Wurzeln nähren, seine Äste auch mal stutzen …, so endet hier vorerst auch ein gemeinsames Projekt. Das gemeinsame Anliegen indes geht weiter: Denn eine „professionelle Spiritualität“ – so die interdisziplinäre Erkenntnis der Autoren – ist ein Bedarf, von dem jede intellektuelle Entwicklung (auch jenseits der Hochschulen) heute profitieren kann. Dazu muss aber der noch immer wirkende – und noch immer richtige – aufklärerische Gedanke der Rationalität wissenschaftstheoretisch relativiert werden. Dazu möge dieses gemeinsame Buch einen Beitrag leisten. Begonnen hat die Arbeit an dieser Fragestellung mit einer gemeinsamen Ringvorlesung der Autoren vor anderthalb Jahren zum Zusammenhang von Stille und Kreativität. Darauf folgten punktuelle, aber im Letzten produktive Gespräche, deren Ertrag hiermit nun auch schriftlich vorliegt. So soll hier am Ende auch kein gemeinsames Schlusswort stehen, sondern für die Autoren gilt dasselbe wie für die Leser: letztlich wieder auf sich selbst „zurückgeworfen“ zu sein. Doch dieser Aspekt ist, wie mehrfach aufgezeigt, auch wesentlicher Bestandteil dessen, worum es beiden ging: Spirituelle Kompetenz. Eine Einschränkung muss aber noch angemerkt werden: Auch wenn dieses Buch durch sein „Ende“ sich auch einem Existenzial stellen muss – dem begrenzten Umfang –, wollen die persönlichen Gedanken beider Autoren zum „Schluss“ keine abschließenden sein. Vielmehr soll damit für Sie als Leser ein Anfang gesetzt werden, Ihre virtuelle Resilienz durch spirituelle Kompetenz weiter auszubauen. Autoren und Verlag hoffen, Ihnen damit ein paar reflexive und praktische Anregungen gegeben zu haben. Die Reihenfolge der „Schlussworte“ orientiert sich übrigens weder am Alter noch am akademischen Rang. Sie ist schlicht eine Notwendigkeit – auch hier wiederholt sich praktisch ein Thema des Buches – und wurde nach dem Alphabet entschieden. Von der Notwendigkeit, über den eigenen Tellerrand (nicht nur) zu schauen Bereits in meiner Studienzeit habe ich es genossen, den philosophischtheologischen Zirkel verlassen zu können. Als Stipendiat und späterer Hochschulsprecher einer nicht theologisch affinen Studienstiftung kam ich hauptsächlich mit Studierenden und Promovenden anderer Fachrichtungen in Kontakt. Die sogenannte Begabtenförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung richtet sich mehrheitlich an Personen, die politisch und gesellschaftlich aktiv sind. Dadurch war in allen Seminaren, Treffen und Gesprächen immer auch eine breite Perspektive präsent, die meinen eigenen Blick auf Dinge, Umstände, Menschen, letztlich auch mich selbst nachhaltig geprägt hat. Diese Interdisziplinarität hat sich mit diesem Buch wiederholt. Es war ein herrlich sprudelnder Prozess, eigene Ideen von einem Fachmann ganz anderer Ausrichtung spiegeln zu lassen. Dabei habe ich wieder das erfahren, was ich bereits damals genossen habe: Dass sich das Eigene nicht verliert, wenn man es einem gemeinsamen Prozess zur Verfügung stellt. Sondern das, was vom Anderen zurückkommt, enthält wieder neue Aspekte und bereichert so die eigenen Assoziationen. Ich durfte erneut erfahren: Der Blick über den eigenen Tellerrand ist in jedem Fall lohnenswert. Doch es sollte 178 Virtuelle Resilienz durch spirituelle Kompetenz – (k)ein Schlusswort auch nicht beim Schauen bleiben. Erst, wenn man in eine echte, ernst gemeinte Bewegung kommt, ist ein Prozess wie unserer möglich. Ich bin Andreas Lanig für diese kreative, wechselseitige – und im Übrigen auch digital unterstützte – „Ping-Pong“-Erfahrung sehr dankbar. Der Mensch gilt (zumindest bis zum gegenwärtigen Stand des Wissens) als Wesen mit dem höchsten Grad an Bewusstheit. Auch ein Hund leidet freilich, wenn es ihm nicht gutgeht. Aber man geht davon aus, dass er sein Sterben und seinen Tod nicht reflektieren, rational und emotional antizipieren kann. Diese dem Menschen zugeschriebene Fähigkeit setzt das Individuum aber auch unter einen gewissen Druck. Es muss mit seiner Endlichkeit umgehen können, aber auch mit unguten Gefühlen, bis hin zu Leid und Tod. Was nach theoretischer Philosophie und Theologie klingen mag, ist aber nicht nur real, konkret und existenziell, sondern auch alltägliche Herausforderung. Denn die Endlichkeit ist uns täglich gesetzt, Zeit, Raum und Begegnungen stehen in konsequentem Bezug zur ihr. Ebenso ist jede einzelne Situation damit nicht nur endlich, sondern folglich einmalig. Und Sterben und Tod sind, systemisch verstanden, Aspekte dynamischer Prozesse, der Umgang mit dem Ende ist die Bedingung Neues beginnen zu können. Die Digitalisierung und die virtuellen Räume haben diese Zusammenhänge beschleunigt und potenziert. Vielleicht gibt es ebenso viele Strategien des Umgangs mit dieser Aufgabe, wie es Menschen gibt. Im Grunde aber kann man sich diesen Bedingtheiten nur stellen, sie verdrängen oder leugnen. Sie so anzunehmen, wie sie sind, ist auch der Ansatz dieses Buches; und das Beste daraus zu machen. Denn, wer sich der Endlichkeit stellt, der lernt Achtsamkeit für den Moment. Wer sich mit seiner Verletzlichkeit konfrontiert, der bekommt einen tiefen Zugang zu seinen inneren Kraftquellen. Die Grundlage dafür bietet eine spirituelle Kompetenz, für die wir sensibilisieren wollten. Dieses Buch ist, nach einer Reihe eigener, das erste gemeinsame. Das Brainstormen und Schreiben war nicht nur 179 Von der Notwendigkeit, über den eigenen Tellerrand (nicht nur) zu schauen ein produktiver Prozess, sondern auch bei uns ein spiritueller. Denn Gedanken und Ideen von zwei – nicht nur fachlich – verschiedenen Menschen zusammen zu binden und am Ende das Gefühl zu haben, dass nichts „Eigenes“ verlorengegangen ist, sondern sich durch die gemeinsame Auseinandersetzung die je einzelnen Fäden nur noch verdichtet und zu einem stimmigeren Gewebe verbunden haben, war eine bereichernde Erfahrung. Sie hat auch bei uns viel von dem vorausgesetzt, was wir mit diesem Buch teilen wollen. Thomas Hanstein Die geistlichen Aspekte geistiger Arbeit Das irritierende Gefühl, einen epistemisch diffusen Raum zu betreten, hat mich zum Beginn dieses Projektes mit der Vorbereitung des gemeinsamen Vortrags „Stille – Ressourcen für kreative Prozesse“ begleitet. Gleichzeitig war es aber eine schwer zu übersehene Ahnung, die sich mit diesem Buch glücklich gefügt hat: Dass die Irritation von Design und Theologie eine höchst fruchtbare ist. Die zentrale Fragestellung, wie virtuelle Gemeinschaften zu strukturieren und zu führen sind und wie die Kommunikation ohne physische Komponenten arbeitsfähig wird, führte uns zusammen. Das Design, das über mögliche Zukünfte nachzudenken hat, hat von der Theologie, die aus einer reichen Historizität schöpft, ein großes Synthesepotenzial gewonnen. Das liegt für mich in jeder hier beschriebenen Meta-Physis, die wiederum über die Effizienz entscheidet, wie Menschen virtuell gemeinsam Neues schaffen. Nicht zuletzt hat dieses Projekt für mich eine persönliche Frage beantwortet: Ob und welche Ähnlichkeiten es zwischen theologischer und designtheoretischer Sicht zur schöpferischen Arbeit gibt. Diese 180 Virtuelle Resilienz durch spirituelle Kompetenz – (k)ein Schlusswort Frage hat sich verifiziert: Der Diskurs zur Innovation und Kreativität tut gut daran, die spirituellen Potenziale der Theologie als theoretischen Zugang wahrzunehmen (dazu gehört sicher ein akademischer Mut) und ernst zu nehmen (dazu gehört eine klassische textanalytische Auseinandersetzung in der Designtheorie). So kann es gelingen, die Denkstrukturen unserer geistigen Arbeitskultur aus ihrer industriellen Prägung zu lösen. Dieses kulturelle Projekt kann dadurch gelingen, indem wir spirituelle Kompetenzen in den professionellen Alltag zurückführen und als Grundlage beruflicher, individueller und wissenschaftlicher Entwicklung begreifen. Für diese Erkenntnis bin ich der Arbeit mit Thomas Hanstein zutiefst dankbar. Andreas Ken Lanig Und wer noch nicht genug hat: Die Autoren bieten maßgeschneiderte Seminare zur spirituellen Kompetenz an, z. B.: „In die Stille gehen“, „Wüstentage für Führungskräfte“, „In der Ruhe liegt die Kraft“, „Der Seele Raum zum Atmen geben“. Sie freuen sich über Ihre direkte Kontaktaufnahme unter: info@coaching-hanstein.de bzw. info@ken.de Nennen Sie dabei möglichst Ihr Anliegen und die Größe Ihrer Gruppe. Auch Einzel- und Paarcoachings sind möglich. 181 Die geistlichen Aspekte geistiger Arbeit

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Zusammenfassung

Im Frühjahr 2020 wurde der virtuelle Raum plötzlich alternativlos. Die Vorarbeiten auf dem Gebiet der Hochschullandschaft waren eine wichtige Grundlage, um über Nacht umschalten zu können. Selbst einigen Schulen gelang dieser Prozess nach der Aussetzung des Präsenzunterrichts. Digitalisierung und Digitalität lassen sich aber nicht auf technische Aspekte reduzieren. Die sinnvolle Nutzung digitaler Räume will erlernt und begleitet sein. Ebenso verhält es sich mit allen Phänomenen, die die virtuelle Welt neu mit sich bringt. Dieser aktuellen Herausforderung stellen sich die Autoren durch eine interdisziplinäre Herangehensweise. Denn erkannt ist bislang zu wenig, dass die Digitalität alte philosophische Fragen neu aufwirft. Insofern benötigt - so die Autoren - die Digitalisierung 4.0 ein "Spirituelles Selbstmanagement 4.0", das die innere Stabilität des eigenen Selbst nachhaltig garantiert. Das Buch versteht sich als praktischer Ratgeber. Aus dem Blick von Hochschullehrern und Coaches werden die Grundlagen des mentalen Selbstmanagements aufgearbeitet und ganz neuartig in den Kontext spiritueller Alltagsfragen hineingestellt. Damit verfolgt dieses Buch das Ziel, eine tragfähige Resilienz bei fortschreitender Digitalisierung zu gewährleisten. Diese sehen die Autoren in einer humanistisch verstandenen Selbstschulung des - in virtualisierten Lern- und Lebenswelten lernenden und tätigen - Subjekts.