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Einleitung in:

Thomas Hanstein, Andreas Ken Lanig

Spirituelle Kompetenz in digitalen Lern- und Arbeitswelten, page 1 - 8

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4349-3, ISBN online: 978-3-8288-7298-1, https://doi.org/10.5771/9783828872981-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einleitung Seit 20 Jahren betreibt die DIPLOMA Hochschule erfolgreich Fernstudiengänge, und dies in wachsender Zahl. Dabei wird größter Wert auf eine permanente Qualitätsentwicklung in der Lehre wie bei den Dozierenden gelegt. Seit Jahren bilden wir mit mehreren Kollegen ein methodisch-didaktisches Schulungsteam für (neue) Dozierende in der virtuellen Lehre und seit einem Jahr wurde dieses Programm um das Format Kollegiales Coaching erweitert. Neben der fachlichen und methodisch-didaktischen Weiterentwicklung ergeben sich jedoch weitere Bedarfe, wie eine aktuelle Befragung von 787 Studierenden (01.04. bis 20.09.2019) gezeigt hat, die wir an der DIPLOMA Hochschule im Sommersemester 2019 durchgeführt haben. Diese Bedarfe im speziellen Kontext der virtuellen Lehren sehen wir eingebunden in die generelle Metaebene digitaler Lern- und Arbeitswelten. Insofern reagieren wir nicht nur auf die Ergebnisse unserer Umfrage, sondern wir stellen diese Betrachtungen als zeitgeistige Schrift zur Diskussion: Nach über 10 Jahren digitaler Revolution – sofern man die Veröffentlichung des ersten iPhones 2007 als Zäsur der mobilen Medien begreifen mag – beobachten wir Phänomene, die uns letztlich zu diesem Buch geführt haben. Denn seit Jahren fallen uns konkrete Phänomene der Sinnsuche im Digitalen auf. Das sind einerseits die zweifelsohne wichtigen Diskurse zum Glück (vgl. Schöler, 2016) als solches, aber auch Alltagshandlungen, die sich etwa in Apps zur Meditation zeigen. In diesen Handlungen und Verhaltensweisen zeigt sich eine spirituelle Sehnsucht. Und dies aus einem guten Grund: Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist in vielen Bereichen auf einem Niveau angekommen, auf dem sich qualitative Fragen der Lebensführung und damit auch spirituelle Fragen stellen. Die Menschen haben eine Sehnsucht nach Sinn und Halt. Zeitgeistig ist dieses Phänomen deswegen, da die Digitalisierung noch immer hauptsächlich als Marktfaktor interpretiert wird. Damit wird auch verständlich, weshalb der Angstfaktor in diesem Diskurs befeuert wird: Weil die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt nicht absehbar sind und wir Menschen auf etwas nicht absehbares Neues instinktiv mit Bedenken reagieren. Dennoch ist dieses Buch ein grundlegend optimistisches, gerade weil wir eine qualitative Stufe der digitalen Gesellschaft kommen sehen, die nunmehr auf mentale und spirituelle Fragen pocht. Darauf wollen wir – unsere – Antworten geben. Wer sind „Wir“? Dieses Buch schreiben wir aus der Perspektive von Lehrern. Ausgehend von dieser Arbeit stellen wir zeitgeistige Phänomene bei Schüler/Innen und Studierenden fest. Damit haben wir Ausgangspunkte für eine tiefergehende Betrachtung. Wir selbst verstehen uns darin nicht als Kritiker der Märkte – als Designer und Coaches ist unsere Arbeit direkt und indirekt auf die Märkte ausgerichtet –, wir stellen jedoch einen Mangel darin fest, dass die eindimensionale, marktorientierte Logik zwar Werte im Wortsinn schafft. Aber in diesem Diskurs fehlt nach unserem Verständnis die im humanistischen Sinne verstandene Wertfrage. In diesem Buch wollen wir somit dem Sinn in der Digitalisierung nachspüren. Dieses Nachspüren fächern wir interdisziplinär auf: Aus philosophisch-theologischer und ästhetischer Perspektive wollen wir eine weltanschaulich übergeordnete Definition von Spiritualität erarbeiten. Ein Buch in einer gemeinsamen Autorenschaft von einem Designlehrer und einem theologischen Coach vereint damit diese beiden Perspektiven der klassischen theologischen Fragestellung und der Begleitung künstlerischer Prozesse; 2 Einleitung beide Herangehensweisen haben die Entwicklung des Menschen im Blick und beschäftigen sich mit existenziellen Fragen. Gleichzeitig ist diesen Prozessen in virtualisierten Studiengängen und online-gestützten Coachingprozessen die prinzipielle Integration der digitalen Welt eigen. Damit wird eine sinnvolle Koexistenz der virtuell-digitalen Sphäre und der real-sinnlichen Welt gleichsam mitgesucht. Wir denken aus der Perspektive der Wissenschaft. Gleichzeitig führen wir mit diesem Buch in den notwendigen theoretischen Diskurs ein; unser Buch will ein Ratgeber sein. Dieser theoretisch fundierte Ratgeber will konkrete Techniken im Umgang mit virtuellen Lern- und Arbeitswelten bieten. Um die Zielgruppe zum Einstieg dieses Buches zu beschreiben, möchten wir eine reale Fallschilderung voranstellen: Die Studierende Frau D� ist 33 Jahre und hat nach ihrem beruflichen Einstieg eine Karriere im Betrieb gemacht� Das tröstet sie darüber hinweg, damals die Schule in der 11� Klasse „geschmissen“ und eine Ausbildung angefangen zu haben� Dennoch ist ihr aufgrund des fehlenden Abiturs und dem damit – damals – nicht möglichen Studium der berufliche Weg zur Designerin mit einem akademischen Grad verwehrt geblieben� In der heute sehr gewandelten Hochschullandschaft haben sich zwischenzeitlich neue Wege im Hochschulzugang ergeben� Ihr Qualifikationswunsch, aber vor allem der Wunsch nach Veränderung existenzieller Art brachte Frau D� zum nebenberuflichen, virtuellen Fernstudium� Zwar ist sie ein „Digital native“, hatte aber naturgemäß Vorbehalte gegenüber dieser hier bislang unbekannten Form der Bildung� Ihr bislang nur vermutetes Entwicklungspotenzial auf intellektueller und schöpferischer Ebene entwickelt sich in diesem Rahmen zusehends – auch abseits klassischer Bildungsinstitutionen� Sie kann über die Digitalisierung außerhalb von den Mauern einer Institution ihrem akademischen Entwicklungswunsch zustreben� 3 Einleitung Entwicklungen wie diese zeigen, wie Digitalisierung im Bildungsbereich klassische humanistische Tugenden ermöglicht: Ein virtuelles Fernstudium ist in erster Linie Selbststudium, das von Selbstorganisation geprägt ist. Daraus ergibt sich fast automatisch ein hohes Maß an Selbstvertrauen. Gleichzeitig steht diesen Entwicklungen eine ganze Reihe von Krisen gegenüber. Diese sind einerseits klassische Komplexitäts- und Progressionskrisen, wie sie in den Studieneingangsphasen auch traditioneller Präsenzstudienformen empirisch nachgewiesen werden. Diese Techniken der Bewältigung im Rahmen eines digitalisierten Alltags sind indessen Ausgangspunkte für diesen Ratgeber: Die Studierende Frau D� gewann im Verlauf des zweiten Studienjahres immer mehr die aus der Krise entstandene Einsicht, die eigene gestalterische Entscheidung ins Zentrum ihres Handelns zu stellen� Nicht die Erwartungen anderer waren leitend, sondern ihre individuellen Wege produktiv und konstruktiv aus den Krisen hervorzugehen� Frau D� gelang es, ihren beruflichen und familiären Alltag neu zu ordnen: In ihrer Wohnung entstanden symbolische Orte des Schaffens� Es entstand einerseits eine symbiotische Beziehung zur digitalen Umwelt und gleichzeitig eine gestärkte Autarkie und Autonomie gegenüber den fallenden Raum- und Zeitgrenzen� Beobachtungen wie diese inspirierten uns als Wissenschaftler, diese Bewältigungsstrategien genauer zu betrachten und zu beforschen. Als theoretisch unterfütterte, aber in erster Linie lebenspraktisch gedachte Empfehlungen bilden sie die Keimzelle unseres „Baumes“, der nun als Ratgeber vor Ihnen liegt. Wir haben uns daher für einen induktiven Aufbau entschlossen: Ausgehend von dem Denken, Fühlen und Handeln unserer Studierenden ordnen wir diese Phänomene in den fachwissenschaftlichen Rahmen der Kulturtheorie ein. Darin befinden sich Philosophie und Einleitung 4 Theologie ebenso wie die Designtheorie. Dieser Bezug auf den Lebenskontext ist uns sehr wichtig. Denn wir sind der Überzeugung, dass die virtuelle Sozialisierung in unserer Hochschule ein Ausblick in zukünftige Lebens- und Arbeitswelten ist. Wir haben diesen konzeptionellen Grundaufbau in die Metapher des Baumes gefasst: Die Wurzeln stellen die aktuell erkennbaren Lebenswelten einer virtuellen Hochschule dar. Im Stamm des Baumes wachsen diese mit den klassischen traditionellen theoretischen Bezügen der Kulturtheorie, Sozialwissenschaft und Kunstpädagogik zusammen. Daraus erwachsen in einem dritten Kapitel die Äste und Früchte, die in unserem Fall die Themen des Ratgebers sind. Die Spiritualität als solche trägt als Kernfrage eine Transzendenz in sich: Diese wollten wir „über“ unseren Baum als Krone platzieren. Im abschließenden Teil des Buches schaffen wir in einem Epilog Ausblicke in Themenbereiche, die als Mystik zu bezeichnen sind. In diesem hierarchischen Aufbau und dem Aufstieg aus der weltlichen, konkreten Ebene hin in die Transzendenz ist es jedem/r Leser/ in überlassen, wie weit wir gemeinsam den Baum erklimmen. Es ist ganz natürlich, dass der eine oder andere eine gewissen „Höhenangst“ verspürt; das ist zu respektieren. Wir glauben aber auch, dass ein jeder den „Drang nach oben“ hat. Einleitung 5 7

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Zusammenfassung

Im Frühjahr 2020 wurde der virtuelle Raum plötzlich alternativlos. Die Vorarbeiten auf dem Gebiet der Hochschullandschaft waren eine wichtige Grundlage, um über Nacht umschalten zu können. Selbst einigen Schulen gelang dieser Prozess nach der Aussetzung des Präsenzunterrichts. Digitalisierung und Digitalität lassen sich aber nicht auf technische Aspekte reduzieren. Die sinnvolle Nutzung digitaler Räume will erlernt und begleitet sein. Ebenso verhält es sich mit allen Phänomenen, die die virtuelle Welt neu mit sich bringt. Dieser aktuellen Herausforderung stellen sich die Autoren durch eine interdisziplinäre Herangehensweise. Denn erkannt ist bislang zu wenig, dass die Digitalität alte philosophische Fragen neu aufwirft. Insofern benötigt - so die Autoren - die Digitalisierung 4.0 ein "Spirituelles Selbstmanagement 4.0", das die innere Stabilität des eigenen Selbst nachhaltig garantiert. Das Buch versteht sich als praktischer Ratgeber. Aus dem Blick von Hochschullehrern und Coaches werden die Grundlagen des mentalen Selbstmanagements aufgearbeitet und ganz neuartig in den Kontext spiritueller Alltagsfragen hineingestellt. Damit verfolgt dieses Buch das Ziel, eine tragfähige Resilienz bei fortschreitender Digitalisierung zu gewährleisten. Diese sehen die Autoren in einer humanistisch verstandenen Selbstschulung des - in virtualisierten Lern- und Lebenswelten lernenden und tätigen - Subjekts.