Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 99 - 106

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-99

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
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Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung Am besagten Sonntag putschte die Republikanische Schutztruppe. Plakate verkündeten gleichzeitig den Sturz der Räteregierung und bestätigten die Rechte der Regierung Hoffmann. Erst jetzt wurden alle, zuvor nur in Aussicht gestellten, aber niemals konsequent durchgeführten, Vorhaben zur Bildung einer Roten Armee in aller Eile begonnen. Die gegenrevolutionäre Aktion konnte zwar vereitelt werden, aber nun übernahmen die Kommunisten die Macht. Das Wort Experiment, wie in der Kapitelüberschrift verwendet, wurde im Übrigen von Max Levien in einer Rede auf dem Rätekongress, allerdings mit dem Zusatz „kommunistisches Experiment“ verwendet, um damit die noch ausstehende Bewährung in der Praxis anzudeuten (STB o. D., S. 36-43). Die KPD rief nun zum „offenen, wenn auch aufgezwungenen Kampf der Arbeiterschaft“ (Hellerer in: Revolution! Bayern 1918/19, 2008, S. 32) auf. Von einer Versammlung auf der Theresienwiese stürmte eine große Zahl von Arbeitern in Richtung Bahnhofsgebäude, wo es mit der Bahnhofswache unter dem Kommando des berüchtigten Emil Aschenbrenner zu schweren Kämpfen kam (Hellerer in: Revolution! Bayern 1918/19, 2008). Am Abend des 13. März wurde das Münchner Hofbräuhaus in gewissem Sinne zu einem Parlamentsgebäude umfunktioniert. In einer von den Kommunisten einberufenen Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte wurde der provisorische Zentralrat für abgesetzt erklärt und Levine rief pathetisch aus: „Heute endlich hat Bayern die Diktatur des Proletariats! (Mitchell 1967, S. 279). Die Stoßrichtung von Levine und Levien wurde im weiteren Verlauf der Rede klar ersichtlich: „Der Rat Revolutionärer Betriebsobleute und Revolutionärer Soldatenvertreter betrachtet sich als die einzig gewählte und einzig berufene Vertretung des Münchner Proletariats und der Münchner Soldaten […] Es wurde ein ‚Revolutionärer Stab‘ von 20 Experiment 3: 99 Personen gewählt, der beauftragt wurde, die ausführenden Maßnahmen zu treffen. […] Der ‚Rat Revolutionärer Betriebsobleute und Revolutionärer Soldatenvertreter‘ betrachtet auch fernerhin die sogenannte Räteregierung als ‚Scheinräteregierung‘, da in ihr die grundsätzliche Forderung der Betriebswahl und der jederzeitigen Abberufbarkeit nicht erfüllt ist. Er betrachtet auch fernerhin den Zentralrat keineswegs als berufenen Vertreter der Arbeiterschaft.“ (Schaupp, 2017, S .187). In den folgenden Aufrufen des Vollzugsrates der Betriebs- und Soldatenräte wurde eine „wirkliche Räte-Republik“ (Ay 1968, Anlage 77) angekündigt. Weiter hieß es gleichsam als Abrechnung mit den Vorgängern, dass diese „Spottgeburt einer Räterepublik“ (Ay 1968, S. 32) aus Schwätzern und unfähigen Elementen bestanden habe. Nunmehr stehe ein Ausschuss selbstgewählter Vertrauensleute an der Spitze der Arbeiterklasse. Doch wie sahen die Räteinstanzen aus, die laut Proklamation, „den Willen zur Macht und zum Handeln“ (Ay 1968, Anlage 77) besaßen? Die Funktion eines Parlaments übernahm nunmehr die allabendlich tagende Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte. Sie wählte einen, aus vier Mitgliedern bestehenden, obersten Vollzugsrat und einen Aktionsausschuss, der wiederum einzelne Kommissionen ernannte. Zum Vorsitzenden des Vollzugsrates wurde Eugen Levine gewählt, Er hatte der in Permanenz tagenden Versammlung ständige Tätigkeitsberichte zu erstatten. Laut Beyer arbeiteten in dem Aktionsausschuss auch Mitglieder der USPD und SPD mit, die nach Niederschlagung der Räterepublik zur KPD übertraten (1957, S. 101). Toller entschloss sich zum Eintritt in den Vollzugsrat, obwohl er kurzfristig von den neuen Machthabern festgenommen worden war (1980). Die restlichen Mitglieder des Vollzugsauschusses bestanden aus dem seit März von der KPD-Parteispitze verdrängten Max Levien und dem russischen Schriftsteller Tobia Axelrod, der im Auftrage Lenins in revolutionär-diplomatischer Mission nach München gereist war. Der Vollzugsrat verkündete umgehend die gesamte Übernahme der Kontrolle und Leitung von Verwaltung und Betrieben durch die Räte-Republik und forderte gleichzeitig zur Neuwahl von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten auf. Danach sollte, so die erklärte Absicht, ein neuer Rätekongress einberufen werden, um der Räterepublik eine endgültige Leitung zu geben. Man war sich also des provisorischen Charakters der Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung 100 obersten Organe durchaus bewusst. Im Gegensatz zu den bloßen Ankündigungen ihrer Vorgänger wurde aber der ernsthafte Versuch unternommen, neue Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Die Kommissionen, die sich durch ihre permanente Rechenschaftspflicht als unmittelbar ausführende Organe des Proletariats begriffen, sollten dabei entscheidenden Einfluss erhalten. Die Wirtschaftskommission stand dabei vor einer schwierigen Aufgabe. Die weiterhin in Bamberg festsitzende Regierung Hoffmann hatte als Folge des gescheiterten Umsturzversuches in Nordbayern Freikorps aufgestellt und zusätzlich Truppen von Seiten des Reichswehrministeriums erbeten. Der Blockadering um München, der Milch und Gemüseprodukte gelegentlich davon ausnahm, wurde immer enger gezogen. Es gab daher nur knappe Lebensmittelvorräte. Auch die Vorräte an Kohle waren nahezu erschöpft, was sich angesichts des langwierigen und ungeheuer strengen Winters fatal auszuwirken begann. Ende April war die Lage schon so angespannt, dass der Verbrauch von Milch für alle verboten wurde, die nicht eine ärztliche Bescheinigung vorweisen konnten (Mitchell 1967). Bereits am 17. April wurde in einem Aufruf „[a]n die Bauernschaft des bayerischen Landes“ (Beyer 1957, S. 111) verzweifelt um Unterstützung für die Münchner Räterepublik geworben. Um den Bauern die Furcht vor der bolschewistischen Gefahr zu nehmen, wurde eindringlich versichert, dass ihre Rechte nicht angetastet würden. Die Mittel- und Kleinbauern wurden aufgefordert, den Großgrundbesitz zu sozialisieren, also unter ihre direkte Kontrolle zu stellen und die Neuwahl von Bauernräten zwecks Übernahme der ländlichen Verwaltung angekündigt. Die Vision einer freien Selbstbestimmung des Bauernstandes rückte daher in nicht mehr weite Ferne, doch zunächst sollte die Bauernschaft tüchtig Lebensmittel in die Landeshauptstadt liefern. Dieser Appell stieß jedoch kaum auf Widerhall. Die nordbayerische Bauernschaft beschloss sogar einen allgemeinen Lieferstopp nach München. Angesichts der allgemeinen politischen Realitäten wären solche Lieferungen, wenn sie tatsächlich erfolgt wären, gewiss nicht in ausreichendem Ma- ße nach München gelangt. Die Räteregierung versuchte der Notlage durch Beschlagnahme von Lebensmittelvorräten zu begegnen. Eine „vorläufige Regelung des Sicherheitsdienstes“ (Ay 1968, Anlage 80) sah eine strenge Reglementierung vor. Alleine die Wirtschaftskommission war als Organ des Vollzugsrates der Betriebs- und Soldatenräte dazu Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung 101 befugt. Ihre Bevollmächtigten hatten dabei zu jeder Zeit einen Ausweis mitzuführen, der ihre Berechtigung bestätigte. Die Wirklichkeit sah freilich anders aus. Gruppen von bewaffneten durchsuchten häufig private Wohnungen und nahmen zumeist alles Brauchbare mit. Obwohl für Plünderungen strenge Strafen angeordnet waren, gelang es nicht, diese Aktionen abzustellen. Ähnliche Vorkommnisse waren auch bei der Beschlagnahme von Wohnraum festzustellen. Der Vollzugsausschuss ließ bei seinen Maßnahmen oftmals wenig Realitätssinn erkennen. So verfügte eine Verordnung, dass die Verarbeitung von Milch zu Butter oder Käse als Sabotage zu werten sei (Mitchell 1967). Zudem wurde ein weiteres Problem offenkundig, nämlich der Mangel an akuten Zahlungsmitteln. Um die benötigten Geldmittel zu erhalten, forderte die Finanzkommission fürs Erste alle Bürger auf, Bargeld gegen Quittung zu hinterlegen. Als nächstes wurden die Öffnung aller privaten Geldschränke und Bankfächer verfügt. Schließlich drohte man sogar mit der gewaltsamen Öffnung aller Stahltresore der Münchner Banken (Beyer 1957). Das Horten von Geld wurde „als kapitalistisches Verbrechen“ (Ay 1968, Anlage 82) bezeichnet. Das Ergebnis dieser Aktion war aber mehr als dürftig und so wurden neue gedruckte Banknoten in Umlauf gebracht. Damit konnte zwar die Zahlungsfähigkeit für den Augenblick wiederhergestellt werden, verfestigte jedoch in der Bevölkerung das Bild eines nahenden Staatsbankrotts. In diesem Zusammenhang wurde den Betriebsräten die Kontrolle der Betriebsfinanzen übertragen. Der Aktionsausschuss erarbeitete darüber hinaus „Provisorische Grundsätze über die Geschäftskontrolle der Betriebsräte“ (Beyer 1957, S. 106). In einer der ersten Proklamationen hatte es ja geheißen „Kontrolle der gesamten Leitung durch eure Betriebsräte“ (Ay 1968, Anlage 77). Nun wollte die Räteregierung freilich aus anderen Beweggründen das angekündigte Vorhaben in die Tat umsetzen. Die Betriebsräte kontrollierten nunmehr die gesamte Betriebsleitung. Dies bedeutete auch die Verfügungsmacht der Betriebsräte über die Einstellung und Entlassung des gesamten Personals, allerdings ohne Zugriff auf die leitenden Beamten. Entscheidung im obigen Sinne war jedoch die strenge Kontrollbefugnis über die betrieblichen Finanzen. Allerdings musste selbst Beyer zugeben, dass diese Konzeption in ihren Ansätzen stehen blieb und nur rudimentär in Erschei- Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung 102 nung trat (1957, S. 108). Auch die Bildung neuer, nur von Räten besetzten, Verwaltungsämter konnte nicht wirklich in Angriff genommen werden. Dazu fehlte zum einen das nötige Fachpersonal, zum anderen hemmten die drückenden „äußeren Bedingungen“ (Beyer 1957, S. 104) deren Realisierung. Während der kommunistischen Räterepublik beteiligte sich die USPD in den verschiedenen Aktionsausschüssen. Der vormalige Leiter des Revolutionären Bankrates Emil Maenner wurde allerdings gegen seinen Willen zur Funktion des Finanzkommissars gedrängt. Er wandte sich dann entschieden gegen die Beschlagnahme der Banktresore. Toller wiederum glaubte eine wachsende negative Stimmung bei den täglichen Versammlungen der Betriebsund Soldatenräte zu erkennen (1980, S. 111 ff.). Gemeinsam mit Klingelhöfer und Maenner führte er Ende April die Opposition an. Die Betriebsräteversammlung im Münchner Hofbräuhaus am 26. April 1919 offenbarte auch das politische Ende des kommunistischen Experiments. Toller erhob dabei drei schwerwiegende Vorwürfe. Erstens habe sich Levine geweigert, mit der Regierung Hoffmann zu verhandeln. Zweitens verschwiegen die Kommunisten bewusst die wahre militärische und wirtschaftliche Lage. Sie wussten nämlich nur zu gut, dass sie militärisch auf Dauer nicht bestehen konnten, hofften aber, durch die eine Radikalisierung der Kämpfe den revolutionären Enthusiasmus weiter steigern zu können. Der dritte Vorwurf aber richtete sich gegen „landfremde Elemente“ (Ay 1968, S. 32), die eine bewusste Sowjetisierung betreiben wollten. Dies galt eindeutig gegen Axelrod, spielte aber gleichzeitig auf die russische Herkunft Leviens und Levines an. Wie ablehnend die Stimmung unter den Räten bereits war, zeigte einen Tag später die Annahme einer Resolution, die dem Vollzugsrat das Misstrauen aussprach. In weiterer Folge trat dieser zurück und die Betriebsräte wählten einen neuen Aktionsausschuss, dem Toller, Maenner und Klingelhöfer vorstanden. Um die allgemeine Verwirrung und Unsicherheit noch zu steigern, gab es nunmehr zwei Räteinstanzen. Die Kommunisten fühlten sich nämlich nach wie vor als die legitimen Machthaber und riefen die Arbeiter auf, den Anordnungen der neuen Regierung nicht zu folgen (Toller 1980). Landauer nahm zwei Wochen zuvor in einem Schreiben an den Aktionsausschuss das Scheitern der kommunistischen Räterepublik vorweg. Für ihn bedeutete Sozialismus die Befrei- Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung 103 ung der Menschen, die alle schöpferischen Kräfte lebendig mache. Im Gegensatz dazu beurteilte er aber das Handeln der Kommunisten kontraproduktiv: „In ihrem Werk aber sehe ich, dass sie auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiet, ich beklage es sehen zu müssen, sich nicht darauf verstehen“ (Toller 1980, S. 109). Was die Bevölkerung gegen die neuen „Machthaber“ in hohem Maße aufbrachte, war die rücksichtlose Requirierungspolitik. So verpflichtete der Vollzugsrat die Bürger Münchens zur Ablieferung der gesamten Bargeldbestände gegen Ausstellung von Schuldscheinen. Aber die Bevölkerung war davon wenig angetan. So wurde der Zwang verschärft, es erging nämlich postwendend der Befehl, sämtliche Schließfächer und Tresore der Banken, aber auch der Privathäuser zu öffnen. Schließlich wurde die Druckerpresse angeworfen und eine Notwährung an die Bevölkerung ausgegeben. Die Ernährungslage wurde immer dramatischer. Das Militär und antirevolutionäre Bauern am flachen Land hatten bereits einen effektiven Blockadering um München errichtet. Aber die Landwirte weigerten sich, die Anweisungen aus der Räteregierung auszuführen und wollten ihre Produkte nicht an die „roten Schweine“ (Large, 2015, S. 150) liefern. Abb. 15 Entscheidende Tage im Münchner Hofbräuhaus Am 28. April tagten die Betriebsräte erneut im Hofbräuhaus, um einen neuen zwanzigköpfigen Aktionsausschuss zu wählen. Jetzt aber Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung 104 waren weder Vertreter der USPD noch der KPD willkommen. Selbst Gustav Landauer musste als Mitglied der Pressekommission den Saal verlassen (Schaupp, 2017). Das zynische Spiel der Kommunisten um Macht und Herrschaft im Namen des Proletariats war damit zu Ende. Während die Betriebs- und Soldatenräte Münchens am 1. Mai zu einer Großfeier für die „… heilige Sache des Proletariats“ (Ay 1968, Anlage 90) aufriefen, zogen die Truppen des Generals von Oeven, bestehend aus Freikorps und württembergischen Einheiten, den Belagerungsring um München immer fester zu und bereiteten für die nächsten Tage den entscheidenden Angriff vor. Auch in der Schaffung einer schlagkräftigen Roten Armee versagte die kommunistische Räteregierung. Zwar hatte der Vollzugsrat bereits am 14. April einen Aufruf erlassen, indem die Bewaffnung der Arbeiter durch die Betriebsräte ankündigt wurde. Tatsächlich verteilte man in den nächsten Tagen rund 20.000 Gewehre an die Mitglieder der Roten Armee. Das Oberkommando beschränkte sich zumeist auf Direktiven und überließ im Übrigen die Organisierung der Selbsttätigkeit der Massen. Aus einer Vielzahl an gut bewaffneten und erfahrenen Arbeitersoldaten aber eine schlagkräftige und zentral geleitete Truppe zu formen, misslang dem Oberkommandierenden Rudolf Eglhofer nicht nur aus Zeitmangel. Dazu bedurfte es auch spezieller militärischer Fachkenntnisse und diese fehlten ihm. Eine andere Tatsache musste zudem die Schlagkraft mindern. Viele Berufsunteroffiziere der Münchner Kasernen weigerten sich, in der Roten Armee Dienst zu tun (Schmolze 1978). Ein weiteres Manko stellte sich im Mangel an zuverlässigem Personal dar. Oftmals musste sich der Oberkommandierende der Roten Armee, Eglhofer, auf Elemente stützen, die ihm von jemand anempfohlen wurden oder sich aus reiner Abenteuerlust gemeldet hatten. Bei den Kämpfen in den Vororten Münchens zeigte sich dann, dass viele dieser zweifelhaften Gestalten einfach davonrannten, oftmals nicht ohne die Löhnung und Verpflegung der Truppe mitzunehmen. Auf diese ernüchternde Tatsache weist Roos hin und stützt sich dabei auf die Berichte unmittelbar Beteiligter (1998, S. 124). Bis zum 3. Mai war die Stadt endgültig von gegenrevolutionären Truppen eingenommen. Allein die Kampfhandlungen in der Zeit vom 30.4. bis 8.5.1919 zur unmittelbaren Beseitigung der Räteherrschaft in München haben 625 Todesopfer gefordert. 252 Personen wurden von den Regierungstruppen und An- Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung 105 gehörigen der Freikorps standrechtlich erschossen, darunter waren nachweislich 21 zu Unrecht als Kommunisten beschuldigte Angehörige eines katholischen Gesellenvereins (Münz/Morenz 1968). Experiment 3: Die 2. Räterepublik – die kommunistische Machtergreifung 106

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Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.