Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 83 - 98

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-83

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ Erich Mühsam notierte in seinen Aufzeichnungen: „Am 21. März [1919] schlug die Nachricht der Ausrufung der Räterepublik in Ungarn wie eine Bombe ein“ (Gerwarth, 2017, S. 166). Dieses überraschende externe Ereignis befeuerte natürlich die Spekulation in München. Den Ausgangspunkt zur tatsächlichen Ausrufung der ersten Räterepublik bildete allerdings nicht München, sondern die Stadt Augsburg. Der Arbeiter- und Soldatenrat hatte den Vorsitzenden des Zentralrates Ernst Niekisch zu einem Vortrag eingeladen. Im Laufe der Veranstaltung wurde plötzlich die Forderung nach Ausrufung der Räterepublik erhoben und ein Streik vorgeschlagen. Sowohl die USPD als auch die MSPD-Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates waren damit einverstanden (Seligmann 1998). Eine Delegation wurde bestimmt, die mit Niekisch nach München zurückreisen sollte. Zur gleichen Zeit beschloss in München der Ältestenrat des Landtages die vorzeitige Einberufung des Landtages. Als konkretes Datum wurde der 8. April genannt. Ein Mitglied des Zentralrates, Ernst Soldmann, war zufällig dabei anwesend und berichtete darüber später im Zentralratsplenum. Die liberal-konservativen „Münchner Neuesten Nachrichten“ veröffentlichten am 4. April die Meldung von der vorzeitigen Landtagseinberufung (Seligmann 1998). Daraufhin versammelten sich die Münchner Kasernenräte und erklärten, dass der Landtagsschutz von ihnen nicht mehr gewährleistet würde. Eine Delegation des Zentralrates sprach beim Innenministerium vor und forderte die Rückgängigmachung der Landtagseinberufung. Ein Generalstreik wurde angedroht. Die Augsburger Delegation mit Niekisch wiederholte bei einem Treffen mit dem Ministerrat ihre Forderungen. Diese vermied eine deutliche Stellungnahme, verurteilte aber die vorzeitige Ein- Experiment 2: 83 berufung und versprach, die Frage der Räterepublik bei nächster Gelegenheit zu diskutieren. Am späten Nachmittag fand eine Sitzung im Außenministerium statt, bei der neben den Mitgliedern des Zentralrates auch namhafte Vertreter von USPD, MSPD sowie einige Führer des Bayerischen Bauernbunds anwesend waren. Wer diese Sitzung einberief, ist weitgehend unklar. Weder bei Seligmann (1998, S. 122-125) bei Beyer (1957 S. 68-69), in Mühsams Rechenschaftsbericht (1978, S. 50-53) oder bei Schaupp (2017) finden sich schlüssige Angaben darüber. Fest steht, dass eine Gruppe um Innenminister Segitz, Sozialminister Unterleitner und Kriegsminister Schneppenhorst sowie Vertreter des BBB, der USPD und der Gewerkschaften dort bereits auf die Eintreffenden warteten (Schaupp 2017). Der sozialdemokratische Stadtkommandant Dürr plädierte überraschenderweise für die Ausrufung der Räterepublik, da sie unter den „obwaltenden Verhältnissen, […] die notwendige Maßnahme sei“ (Mühsam 1978, S. 51). Der RAR forderte eine starke Vertretung im Zentralrat und die Aufnahme von KPD-Mitgliedern, um eine „entscheidende Radikalisierung“ (Mühsam 1978, S. 51) herbeizuführen. Landauer und Mühsam drängten auf eine Verschiebung der Entscheidung, bis sich die Kommunisten offen deklarierten. Ernst Niekisch berief daher für den späten Abend eine Sitzung ins Militärministerium ein. Damit war jetzt klar, dass es sich um eine vom obersten Rätegremium einberufene Tagung handelte (Seligmann 1998). Die Münchner SPD wählte eine neunköpfige Kommission. Der Grundtenor lautete: „Der revolutionäre Zug sollte nicht verpasst werden“ (Seligmann 1998, S. 127). Die SPD-Verhandlungsteilnehmer erwirkten aufgrund der Weigerung der Kommunisten eine Verschiebung der Proklamation um 48 Stunden. Parallel dazu erlebte München zwischen dem 4. und 6. April eine Welle der Massenmobilisierung. Auf einer Versammlung der „Freien Sozialistischen Jugend“ wurde die Meldung von der bevorstehenden Ausrufung der Räterepublik mit großem Jubel bedacht (Seligmann 1998, S. 134). Im Hofbräuhaus berichtete das USPD-Vorstandsmitglied Gustav Klingelhöfer im Rahmen einer Großveranstaltung der Arbeiter- und Angestelltenausschüsse über die bevorstehende Ausrufung der Räterepublik. Dabei zeigte sich große Zustimmung. Einzig der anwesende Levine erklärte sich strikt dagegen, und verurteilte die ganze Sache als reine Schöpfung des Zen- Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 84 tralrates. Soldatenvertreter beschlossen während einer Versammlung im Löwenbräu die Ausrufung der Räterepublik zu verlangen. Auf einer Großkundgebung im Wagnersaal erklärte das Zentralratsmitglied Ernst Soldmann den Rücktritt der bisherigen Regierung innerhalb von 48 Stunden und die baldige Ausrufung der Räterepublik. Gustav Landauer verkündete im Mathäserbräu vor einem aufgewühlten und revolutionär gestimmten Publikum die Ausrufung der Räterepublik. Mögliche Entscheidungsfaktoren für oder gegen eine Räterepublik basierten zunächst auf den Beschlüssen des Augsburger Arbeiter- und Soldatenrates und der unentschlossenen Haltung des Ministerrates. Die Initiative des Zentralrates blieb vorerst ohne Erfolg, da sich die Kommunisten gegen eine Räterepublik aussprachen und damit eine von der SPD gewünschte Vertagung herbeiführten. In den öffentlichen Veranstaltungen der ersten Apriltage mussten alle Redner wiederum den Eindruck gewinnen, die Bevölkerung wolle mit allen Mitteln die Räterepublik. Der Zentralrat setzte am 5. April zwei entscheidende Maßnahmen durch: Zum einen wurde ein Telegramm an alle amtlichen Dienststellen des ganzen Landes gesandt, indem bedeutsame politische Entscheidungen angekündigt wurden. In den Direktiven hieß es weiter: „Staats- und Gemeindebeamte tun weiter ihre Pflicht […] Die Arbeiterund Soldatenräte treten sofort in Fühlung mit der Beamtenschaft […] Regierungsgewalt können nur Beamte ausüben, die sich vorbehaltlos auf den Boden der neuen Verhältnisse stellen“ (Seligmann 1998, S. 142). Die Direktiven beinhalteten damit noch keine direkte Macht- übernahme durch Rätegremien. Zum anderen schickte man Emissäre des Zentralrates in die Städte und Landkreise, um die Arbeiterräte über die Räterepublik aufzuklären und dafür Stimmung zu machen. Die Werbearbeit der Münchner Abgesandten entwickelte sich zu einer Doppelrolle. Sie waren einerseits Agitatoren für eine Ausrufung und andererseits Kundschafter der Stimmungslage. Wie reagierten nun die lokalen Räteorganisationen auf die Münchner Abgesandten? Zumeist waren sie mit einer bestimmten Einstellung der jeweiligen Arbeiterräte konfrontiert. Eine Umstimmung in die eine oder andere Richtung war kaum möglich. Bestenfalls vermochten sie eine bestimmte Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 85 Richtung zu bestätigen oder zu unterstützen. Dies soll an ausgewählten Beispielen gezeigt werden. In Regensburg konnten neben dem Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) auch MSPD-Mitglieder dafür gewonnen werden. In Würzburg wurde vom dortigen Arbeiterrat eine Volksversammlung mit 2.000 Teilnehmer einberufen. Ein Zusammentreffen aller sozialistischen Parteien ließ erkennen, dass die Stimmung auf Einheit programmiert war. In Schweinfurt war die Reaktion der Räte auf das Telegramm des Zentralrates äußerst positiv. In Passau und Fürth sprachen sich Volksversammlungen zu Gunsten einer Räterepublik aus. In beiden Fällen wurde dies zu einer gemeinsamen Sache aller sozialistischen Parteien erklärt (Seligmann 1998, S. 152–153). In Aschaffenburg wiederum lud der ASR zu einer großen Versammlung ein. Hier war die Stimmungslage noch schwankend, denn es gab auch viele Gegenstimmen. In Bayreuth konnte sich der dortige Arbeiter- und Soldatenrat erst nach längeren Diskussionen zur Ausrufung entschließen. Die MSPD sprach sich dagegen aus (Seligmann 1998). Das Verhalten der MSPD insgesamt war also von Widersprüchlichkeiten geprägt. In der Münchner Parteiorganisation hielten sich Gegner und Befürworter die Waage. Noch deutlicher zeigt sich die gespaltene Haltung auf dem südbayerischen Gautag der MSPD, der zwischen dem 5. und 6. April in München stattfand. Einerseits wurde die Räterepublik abgelehnt. Andererseits einigte man sich auf eine Kompromissformel, wonach eine Beteiligung dann erfolgen sollte, wenn alle sozialistischen Parteien darin vertreten seien (Seligmann 1998). Die Landeskonferenz der MSPD in Nürnberg trat als einzige Versammlung entschieden gegen die Räterepublik auf. Die Stimmungslage innerhalb der USPD war ebenso wenig einheitlich. Die Münchner Ortsgruppe wollte gegebenenfalls zur KPD übertreten, um deren Teilnahme zu erwirken (Seligmann 1998, S. 190). Der rechte Flügel hingegen lehnte dies ab, befürwortete jedoch die Räterepublik. Der Landesbauernrat konnte durch die Werbearbeit von Karl Gandorfer zur Zustimmung bewegt werden. Bei der entscheidenden Sitzung am 6. April bekräftigten die anwesenden Kommunisten unverändert ihre Ablehnung. Die SPD zog ihre Teilnahme endgültig zurück und berief sich auf die Beschlüsse ihrer Parteikonferenzen. Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 86 Damit blieben nur mehr USPD und RAR als Träger der Räterepublik übrig (Seligmann 1998). Die Inthronisierung der 1. Räterepublik verlief freilich nicht ohne symbolträchtige Begleitumstände. Am 7. April läuteten um die Mittagszeit alle Glocken der Stadt München, das Wittelsbacherpalais schmückte sich mit einer roten Fahne und ein Aufruf verkündete: „An das Volk in Baiern! Die Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik. Das werktätige Volk ist Herr seines Geschickes. Die revolutionäre Arbeiterschaft und Bauernschaft Baierns, darunter auch all unsere Brüder, die Soldaten sind, durch keine Parteigegensätze mehr getrennt, sind einig, dass von nun an jegliche Ausbeutung und Unterdrückung ein Ende haben muss. Die Diktatur des Proletariats, die nun zur Tatsache geworden ist, bezweckt die Verwirklichung eines wahrhaft sozialistischen Gemeinwesens, in dem jeder arbeitende Mensch sich am öffentlichen Leben beteiligen soll, einer gerechten sozialistisch-kommunistischen Wirtschaft. Der Landtag, das unfruchtbare Gebilde des überwundenen bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters, ist aufgelöst, das von ihm eingesetzte Ministerium zurückgetreten. Von den Räten des arbeitenden Volkes bestellte, dem Volk verantwortliche Vertrauensmänner erhalten als Volksbeauftragte für bestimmte Arbeitsgebiete außerordentliche Vollmachten. Ihre Gehilfen werden bewährte Männer aus allen Richtungen des revolutionären Sozialismus und Kommunismus sein; die zahlreichen tüchtigen Kräfte des Beamtentums, zumal die unteren und mittleren Beamten, werden zur tatkräftigen Mitarbeit im neuen Bayern aufgefordert. Das System der Bureaukratie aber wird unverzüglich ausgetilgt. Die Presse wird sozialisiert. Zum Schutze der baierischen Räterepublik gegen reaktionäre Versuche von außen und von innen wird sofort eine rote Armee gebildet. Ein Revolutionsgericht wird jeden Anschlag gegen die Räterepublik rücksichtslos ahnden. Eine bayerische Räterepublik folgt dem Beispiel der russischen und ungarischen Völker. Sie nimmt sofort die brüderliche Verbindung mit diesen Völkern auf. Dagegen lehnt sie jedes Zusammenarbeiten mit der verächtlichen Regierung Ebert, Scheidemann, Noske, Erzberger ab, weil diese unter der Flagge einer sozialistischen Republik das imperialistisch-kapitalistisch-militaristische Geschäft des in Schmach zusammengebrochenen deutschen Kaiserreichs fortsetzt. Sie ruft alle deutschen Brudervölker auf, den gleichen Weg zu gehen. Allen Proletariern, wo immer sie für Freiheit und Gerechtigkeit, wo immer sie für den revolutionären Sozialismus kämpfen, in Württemberg und im Ruhrgebiet, in der ganzen Welt, entbietet die baierische Räterepublik ihre Grüße. Zum Zeichen der freudigen Hoffnung auf eine glückliche Zukunft für die ganze Menschheit wird hiermit der 7. April zum Nationalfeiertag erklärt. Zum Zeichen des beginnenden Abschieds vom fluchwürdigen Zeitalter des Kapitalismus ruht am Montag, den 7. April 1919 in ganz Baiern die Arbeit, soweit sie Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 87 nicht für das Leben des werktätigen Volkes notwendig ist, worüber gleichzeitig nähere Bestimmungen ergehen. Es lebe das freie Baiern! Es lebe die Räterepublik! Es lebe die Weltrevolution!“ Der revolutionäre Zentralrat Baierns: Niekisch, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Gandorfer (Bauernrat), Dr. Franz Lipp, Albert Schmid Für den revolutionären Soldatenrat: Kohlschmid, Johann Wimmer, Max Mehrer“ (Schaupp, 2017, S. 171 ff.). Allein jetzt war auch eine grundlegende Aufklärung der Bevölkerung über das Wesen der Rätedemokratie vonnöten. Auf fast allen Litfaßsäulen klebten am 9. April 1919 Plakate mit dementsprechenden Erläuterungen und das klang dann so: „Was ist der Unterschied zwischen den Räten und dem Landtag? Die Volksvertreter, welche ehemals von euch in den Landtag gewählt wurden, waren von Parteien und Parteivereinen aufgestellt. Die Partei, welche das meiste Geld hatte, konnte die meiste Reklame machen und gewann den Kampf. So kam es, dass, obwohl das Volk anders dachte oder wenigstens fühlte, wichtige Entscheidungen zugunsten der Riesenvermögen und Riesengewinne getroffen wurden. Das werktätige Volk will selbst durch seine Räte Ordnung schaffen. Alle Kreise des schaffenden Volkes, Bauern, Arbeiter, Handwerker, Kleinbeamte wählen aus ihren Kreisen heraus die tüchtigsten Männer als ihre Vertreter in das Landtagsgebäude. Es kann nicht mehr vorkommen, dass Männer, für jahrelang hinausgewählt, für das Volk Unheil stiften; denn die Wähler können jederzeit einen solchen Vertreter abberufen. Nur durch die Räte können die Tüchtigen mitarbeiten an der Neugestaltung des Staates zu unser aller Wohl. In Fragen der Landwirtschaft werden nur die Bauern mit dem Landwirtschaftsministerium, in Fragen der Handwerker nur diese selbst mit dem Ministerium für Handel und Industrie entscheiden. Niemand denkt daran, den Besitz der Bauern anzutasten und die Existenz der Handwerker zu gefährden.“ (Ay, 1968, Anlage 64). Unterzeichnet war diese Erklärung von Ernst Toller als Vorsitzenden des Zentralrates. Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 88 Abb. 14 Die Aufgaben der Rätedemokratie Die Kommunisten freilich konterkarierten diese „Aufklärungskampagne“ der Räteregierung. In einem in der „Roten Fahne“ erschienenen Artikel von Eugen Levine hieß es nämlich, unter Bezugnahme auf die aktuelle Räterepublik, ganz anders: „Eine ‚Räterepublik‘, die mit einer proletarischen Räterepublik nichts gemein hat. An der Proklamierung einer solchen Scheinräterepublik können sich Kommunisten unmöglich beteiligen. Ist die Arbeiterschaft noch nicht so weit, um einzuse- Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 89 hen, dass nur Kommunisten eine proletarische Räterepublik gründen können, ist ein Teil des Proletariats gewillt, unter der verwirrenden Parole „Einigkeit“, die Noske-Freunde in ihrem Sinne arbeiten zu lassen – nun, so sollen doch auch jene die Verantwortung für ihr Werk tragen. Wir aber werden fieberhaft arbeiten an der Vorbereitung der wirklichen proletarischen Räterepublik, werden das Proletariat aufklären, werden es organisieren in Betriebsräte und kommunistische Gruppen, werden den Klassenkampf aufs Land tragen, werden unter Soldaten agitieren und uns rüsten für den Augenblick, wo es uns vergönnt sein wird, für die wirkliche Räterepublik zu kämpfen und zu siegen“ (Schaupp, 2017, S. 180) Der Vorwurf der „Scheinräterepubik“ wurde von nun an zur ständigen Begleitmusik kommunistischer Versammlungsreden und Proklamationen. Der Zentralrat ernannte einen ihm verantwortlichen und elf Personen umfassenden Rat der Volksbeauftragten, der sich die Fachressorts untereinander aufteilte. Die Handlungsweise und das Erscheinungsbild der Volksbeauftragten bot allerdings in vielen Fällen ein Bild der Ernüchterung. Zum Volksbeauftragten für das Äußere wurde der bis dato unbekannte Schriftsteller Dr. Franz Lipp ernannt. Die meiste Zeit verbrachte Lipp jedoch damit, Telegramme mit schwülstigen und pathetischen Inhalten abzufassen. So versicherte er dem Papst seine „religiöse Ergebenheit“ (Seligmann 1998, S. 401). Ein andermal ergriff er offen die Interessen der Rätegegner. Unmittelbar nach Ausrufung der Räterepublik hatte der Vollzugsausschuss der Arbeiter- und Soldatenräte den österreichischen Konsul in München abgesetzt. Lipp ließ daraufhin den Vorsitzenden verhaften und bestätigte den Konsul wieder in seinem Amt. Obwohl er zum Vorsitzenden des Rates der Volksbeauftragten gewählt wurde, nahm Lipp kaum an keiner Sitzung des Zentralrates teil. Dieses Gremium besaß aber der Konzeption nach die höchste Entscheidungsbefugnis. Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich ein Telegramm an den russischen Volkskommissar des Äu- ßeren, indem Lipp die völlig unsinnige Behauptung aufstellte: “Proletariat Oberbayerns glücklich vereint. Sozialisten plus Unabhängige plus Kommunisten fest als Hammer zusammengeschlossen …“ (Toller 1980, S. 92). Toller vermutete daraufhin, Lipp sei wahnsinnig gewor- Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 90 den und zwang ihn umgehend zum Rücktritt. Er wurde anschließend in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Der Volksbeauftragte für Finanzen, Silvio Gesell, erarbeitete eine Freiland- und Freigeld-Theorie, die als anarchisches und zugleich „utopisches Programm der Zukunft“ (Seligmann 1998, S. 382-384) konzipiert war. Freigeld sollte sich seiner Theorie zufolge in seinem Nominalwert ständig nach einem Plan verringern, um damit die Geldspekulation zu verhindern. Freiland war als jener Grund und Boden gedacht, der allen Werktätigen mittels öffentlicher Versteigerung zur Verfügung gestellt werden sollte. Waren schon diese theoretischen Überlegungen in der Praxis unrealisierbar, so musste vor allem der Arbeitsstil Gesells und seines Beraterstabes nachdenklich stimmen. „Fernab von den politischen Geschehnissen“ (Seligmann 1998, S. 383), wurden im vertrauten Kreis gesellschaftspolitische Luftschlösser diskutiert, wo doch rascher Handlungsbedarf dringend von Nöten gewesen wäre. Die Schaffung einer Roten Armee ging, wenn überhaupt, nur schleppend und zögerlich vor sich. Die Richtlinien des Landessoldatenrates riefen alle „Arbeiter-Soldaten“ (Ay 1968, Anlage 73), die zwischen dem 23. und 45. Lebensjahr standen, zum Beitritt auf. Anstelle konkreter Maßnahmen diskutierte man in den Kasernen heftig über das Ja oder Nein. Die Münchner Truppen wollten nicht ohne Weiteres geschlossen in die Rote Armee eintreten (Roos 1998). Als zweites Instrument der Herrschaftssicherung wurde ab dem 8. April 1919 eine Revolutionsjustiz ins Leben gerufen, um alle reaktionären Gegner unerbittlich zur Rechenschaft zu ziehen. In der Praxis aber galt dieses Tribunal in München als harmlos. „Kein Konterrevolutionär brauchte vor ihm Angst zu haben“ (Seligmann 1998, S. 348) resümierte später der Sozialdemokrat Dr. Löwenfeld. Man sah darin ein taugliches Instrument, vermeintliche oder wirkliche Gegner der Revolution dingfest zu machen bzw. auszuschalten. Kritiker wie Victor Klemperer sahen darin freilich mehr ein Farce als ein seriöses Instrument zur Sicherung der revolutionären Errungenschaften. Er nahm das „Revolutionstribunal in Permanenz“, welches im Münchner Justizpalast residierte am 19. April 1919 persönlich in Augenschein. Im Empfangszimmer des Revolutionstribunals befanden sich Arbeiter mit umgehängten Flinten und roten Binden und Soldaten mit Handgranaten, die in großer Anzahl herumstanden. Im Zuhörerraum, in dem uniformierte und zivile Revo- Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 91 lutionäre rauchend und bewaffnet saßen, befanden sich aber auch Frauen, die sich angeregt unterhielten. Der Gerichtshof bestand an diesem Tag aus einer Frau und vier Männern als Richter und zwei Männern als Sprecher. Sie alle hatten nach Ansicht von Klemperer nichts Proletarisches und gar nichts Blutdürstiges an sich. Klemperer schien es, als seien sie bieder und bürgerlich, ja stilwidrig gutmütig. Der Gerichtshof war allmächtig Strafen zu verhängen und kein Gesetz band ihn. Den Richtern gab freilich keine berufliche Vorbildung irgendeinen „juristischen Halt". Zumeist wurden ihre Urteile aber vom Publikum, „dem souveränen Volk“ lautstark mitbestimmt. Für den amüsierten Beobachter Klemperer war das Walten dieses Gerichts daher durchaus ein Akt unfreiwilliger Komik (Klemperer, 2015). In keinem anderen Bereich war die Räteregierung initiativer als auf dem Gebiet der Pressepolitik und Pressezensur. Sie wurde nicht nur in München verhängt, sondern auch in anderen Städten, die sich der Räterepublik angeschlossen hatten. Der Dichter Ret Marut (alias B. Traven, Anm. des Verfassers) formulierte die Zielperspektive: „Die Presse ist eine der wirksamsten Waffen des revolutionären Proletariats […] Der dauernde Besitz dieser Waffe ist unumgänglich notwendig, um dem Proletariat den Befreiungskampf zu erleichtern …“ (Seligmann 1998, S. 353). Es war daher nur logisch, dass die vormaligen bürgerlichen Zeitungen ihr Erscheinungsbild deutlich ändern mussten. Nun beherrschten Meldungen über die Entwicklung der Räterepublik und Verlautbarungen des Zentralrates die Titelseiten. Das wohl schwierigste Terrain bildete die Wirtschaft- und Sozialpolitik. Vor dem Hintergrund einer katastrophalen Lebensmittelversorgung und einer rapiden Wohnungsnot waren dringliche Maßnahmen erforderlich. Als Sofortmaßnahme wurde die Bekämpfung des Schleichhandels und der Wucherei in Angriff genommen. Arbeiterräte kontrollierten nunmehr Gast- und Warenhäuser. Bei festgestellten Vergehen wurden gehortete Waren zu festgesetzten Preisen an die Bevölkerung verteilt. Zur Linderung der Wohnungsnot wurde die Beschlagnahme von leerstehenden Wohnräumen verfügt. Allerdings konnte in der kurzen Zeit keine spürbare Lösung des Problems erreicht werden, denn oftmals verweigerte die Bürokratie die Zusammenarbeit mit den Räten. Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 92 Lebensnotwendig waren auch die Fragen der Kohleversorgung und des Verkehrswesens. Verhandlungen mit der Reichsregierung blieben jedoch ohne Ergebnis, zumal man seit Eisners außenpolitischer Sonderaktion tiefes Misstrauen hegte. Die Situation verschärfte sich, als am 10. April Preußen alle Kohlelieferungen einstellte. Die einzig wirklich neue Behördeninstitution, die ins Leben gerufen wurde, war der sogenannte „Revolutionäre Bankrat für Bayern“ (Seligmann 1998, S. 371). Seine Hauptaufgabe bestand in der Kontrolle der Banken und ihrer Finanztransaktionen. Dazu wurden kurzfristig gewählte Bankräte geschaffen. Außerdem wurde ein täglicher und wöchentlicher Barabhebungsbetrag fixiert und ein Verbot der Geldüberweisungen ins Ausland verfügt. Die Maßnahmen wurden jedoch dadurch konterkariert, dass die Deutsche Reichsbank den Geldfluss aus Norddeutschland stoppen ließ. Es häuften sich daher die Warteschlangen von besorgten Bankkunden, die um ihre Konten fürchteten. In der Sozialisierungsfrage kam vor allem von der Bauernschaft beträchtlicher Gegenwind. Der Landesbauernrat hatte Zustimmung zur Ausrufung der Räterepublik nur unter der Bedingung gegeben, dass im Rahmen der Sozialisierung der Grundbesitz unter 1.000 Tagwerk nicht vergesellschaftet werden dürfe. Die Furcht vor einer weitergehenden Sozialisierung bewog eine Gruppe des Bayerischen Bauernbundes mit der nunmehr in Bamberg residierenden Regierung Hoffmann zu verhandeln. So trat die kuriose Situation ein, dass der Bauernbündler Martin Steiner gleichzeitig als Volksbeauftragter für Landwirtschaft und als Minister der Regierung Hoffmann amtierte. Bei der revolutionären Umgestaltung der Bildungspolitik sah sich Landauer dabei sofort einem starken Widerstand der bürgerlichen Studenten ausgesetzt. Ein revolutionärer Hochschulausschuss wurde daher ohne Beteiligung bürgerlicher Studenten gebildet und vertrat letztendlich nur eine Minderheit. Der Kontrolle durch Landauers Ressort entzogen sich die Rektoren aufgrund ihrer besseren lokalen und administrativen Kenntnisse. Mit der Drohung, den Geldfluss für bestimmte Hochschulen zu drosseln, sollten „störrische Elemente“ (Seligmann 1998, S. 392) zum Einlenken gezwungen werden. Aber auch diese Maßnahme blieb in seinen Ansätzen stecken, da die Räteregierung gar nicht über die erforderlichen Budgetmittel verfügte. Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 93 Der versuchte Ausbau des Rätegedankens führte bereits unmittelbar vor Ausrufung der Räterepublik zur Konzeption von zwei Rätemodellen, die sich vorrangig auf den Bereich der wirtschaftlichen Räte konzentrierten. Ein Modell wurde dabei von Gustav Klingelhöfer, der als Nationalökonom zum Wirtschaftsfachmann der USPD avancierte, präsentiert. Schwerpunkt seiner Konzeption war der einzelne Betrieb und seine Selbststeuerung. Dies ähnelte in seiner grundsätzlichen Zielrichtung dem Modell des MSPD-Politikers Max Sinzheimer und ging in einzelnen Punkten doch darüber hinaus. Den Ausgangspunkt bildete der Betrieb. Für die Wahl der Betriebsräte wurde Folgendes festgelegt: Die Betriebsräte werden durch alle Werksangehörigen eines Betriebes gewählt, wobei Angestellte und Arbeiter als getrennte Wahlkörper auftreten. Die Wahl vollzieht sich abteilungsweise und ohne Rücksicht auf die Berufszugehörigkeit (Seligmann 1998). Welche Aufgaben, Rechte und Funktionen wurden den betrieblichen Räten in Klingelhöfers Konzeption zugewiesen? Als vorrangige Aufgaben wurden folgende Punkte genannt: Förderung der Produktion im Sinne der Allgemeinheit, sodann Selbstverwaltung aller Arbeiter- und Angestellteninteressen. Die Betriebsräte besaßen das Recht, alle gesetzlichen Vorschriften zu überwachen und durchzuführen sowie alle vertraglichen Vereinbarungen von Arbeitsund Lohnverhältnissen. Ebenso konnten sie die selbständige Wahrnehmung der Betriebsdisziplin und das Recht auf die Entlassung von Werksvorgesetzten fordern. Die Einstellung von Arbeitern und Angestellten hatte im Einvernehmen mit der Betriebsleitung zu erfolgen. Den Betriebsräten oblag auch die weitgehende Verwaltungskontrolle aller sozialen Einrichtungen des Betriebes. Bei den Funktionen der Räte ragte besonders die Prüfungsmöglichkeit in allen Lohn- und Arbeitszeitfragen hervor. Eine weitere Funktion beinhaltete die Mitwirkung in der Werksleitung und die Einsichtnahme in die betriebliche Geschäftsgebarung. Auch das Recht, Delegierte in den Aufsichtsrat zu entsenden wurde den Betriebsräten nicht vorenthalten (Seligmann 1998). Es gab jedoch noch ein zweites Modell, das vom Ökonomen Otto Neurath entwickelt worden war. Es basierte auf betriebsübergeordneten Fachräten. Den Ausgangspunkt bildeten auch hier Betriebe und Betriebsräte. Diese sollten einen Fachrat wählen, der betriebsübergreifend Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 94 lokale Industrie- und Wirtschaftszweige erfasste. Aus diesen Fachräten sollte ein Kontrollrat hervorgehen, der zusammen mit dem bayerischen Zentral-Wirtschaftsamt die geplante Sozialisierung durchführen sollte (Seligmann 1998). Der Ausbau der Räterepublik fiel in den verschiedenen Regionen Bayerns sehr unterschiedlich aus. Hier zeigte sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Während in den nördlichen Landesteilen nur vereinzelt Zentren zu finden waren, bekannten sich im Süden wesentlich mehr Städte und ländliche Regionen zu München. Diese Gefälle galt auch für die Beteiligung von MSPD-Rätefunktionären. In den südlichen Landesteilen stellten sich MSPD-Funktionäre oftmals in den Dienst der Räterepublik und arbeiteten sogar aktiv mit. Zu beachten ist jedoch in diesem Zusammenhang, dass die Zustimmung oder Ablehnung zur Räterepublik fast täglich schwankte. So konnte man nie genau sagen, inwieweit sich das Territorium der Räterepublikaner ausgedehnt oder verringert hatte. Die nachfolgenden Beispiele veranschaulichen die Umstände, unter denen die Proklamation vor sich ging, aber auch die Schwierigkeiten und Grenzen der Räteherrschaft. In Rosenheim wurden am 7. April sofortige Schritte zur Ausrufung der Räterepublik gesetzt. Es bildete sich ein Volks- und Soldatenrat aus acht MSPD-, sechs USPD- und sechs KPD-Vertretern, fünf Soldatenräten und einem Abgesandten der Gemeindebeamten. Dieser wählte einen Vollzugsausschuss und es entstanden zugleich Kommissionen für Wohnungs-, Presse- und Preiskontrolle. Ein Volkstribunal nach Münchner Vorbild wurde gegründet. Die Kommissionen sollten die Verwaltung übernehmen und die Verbindung zu den Betriebsräten herstellen (Seligmann 1998). Anschließend fand am Nachmittag eine große Massenveranstaltung statt, auf der die Räterepublik proklamiert wurde. Im Laufe der nächsten zwei Tage wurden die gebildeten Kommissionen aktiv. Verfügbarer Wohnraum wurde beschlagnahmt, Geschäfte nach gehorteten Waren durchsucht und die Verhaftung von Bürgern wegen angeblichen Schwarzhandels vorgenommen. Um das Ganze noch zu verstärken, verwandelte man das vorläufige Verbot der bürgerlichen Zeitungen in eine scharfe Pressezensur (Seligmann 1988, S. 231). Das Zentrum der revolutionären Bewegung in Schwaben war Kempten im Allgäu. Hier griff der Vollzugsauschuss des Arbeiterrats, mangels geeigneter Kräfte, nicht direkt in die Verwaltung ein. Es wur- Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 95 de lediglich eine eindringliche Bitte an die Beamten ausgesprochen, „ihre Pflicht gegenüber der Räterepublik zu erfüllen“ (Seligmann 1998, S. 265). Nach der Besetzung des Rathauses erfolgte die Kontrolle von Post und Bahn. Die Übernahme der örtlichen Banken wurde zur un- überwindlichen Hürde, nachdem die Filiale der Reichsbank ihre Schalter geschlossen hatte. Ironischerweise zeigte die Regierung Hoffmann erst in der Gegnerschaft zur Räterepublik Handlungsprofil. Unfreiwillig verbündete sie sich dabei mit Monarchisten und rechten nationalen Gruppierungen. Von Bamberg aus wurde der militärische Gegenschlag organisiert. Am 11. April telegrafierte die württembergische Staatsregierung nach Berlin und Bamberg: „Weitere Geduld Räten und auch Rätekongress gegenüber Wahnsinn […] Größtes Unglück für Deutschland, wenn nicht alle Rädelsführer in München und anderwärts unschädlich gemacht werden“ (Seligmann 1998, S. 463). Doch noch weigerte sich Hoffmann, Freikorps, die nicht aus bayerischen Soldaten bestanden, gegen die Räteregierung einzusetzen – und hoffte auf die Schlagkraft der Republikanischen Schutztruppe in München. Diese Formation hatte sich Ende November als freiwillige Sicherheitswache gebildet und wurde als solche von Rosshaupter offiziell anerkannt (Roos 1998). Angesichts der drohenden Lage erklärten sich vielerorts Räteorgane bereit, von der Vollzugsgewalt zurückzutreten. In anderen Fällen stimmten Rätegremien gegen die Aufrechterhaltung der Räterepublik. Es kam auch vor, dass Arbeiterräte ihren Rücktritt anboten und endgültig abdankten (Seligmann 1998). Derweil erreichten die Attacken der Kommunisten auf die Räterepublik einen neuen Höhepunkt. Den Auftakt dazu bildete der Morgen des 9. April 1919, wo sich mehrere Tausend Kommunisten auf der Münchner Theresienwiese zu einer Protestversammlung eingefunden hatten. Man wetterte dort erneut ganz im Sinne von Levien gegen die „Scheinräterepublik“. Tatsächlich besaß die Räteregierung eine entscheidende Schwachstelle, die von Kommunisten immer wieder propagandistisch ausgeschlachtet wurde, nämlich das Legalitätsdefizit. Die am 4. April im Außenministerium anwesenden und späteren Mitglieder des Zentralrates waren lediglich bestimmt und nicht von einer repräsentativen Versammlung gewählt worden. Am Abend des 9. April 1919 erreichte dieser Konflikt dann eine neue Eskalationsstufe. Im Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 96 Münchner Kindlkeller fand eine Versammlung der KPD statt, bei der eine neue kommunistische Regierung gebildet werden sollte. Ernst Toller und Gustav Klingelhöfer begaben sich daraufhin zum Versammlungsort. Als sie in den Saal eintraten, behauptete Levine, dass die derzeitige Räterepublik eine „Scheinräterepublik“ sei, gelenkt durch eine „Handvoll verworrener Führer“ (Schaupp, 2017, S. 182). Die aktuelle Räteregierung müsse gestürzt werden, fuhr er weiter fort, und anstelle des Zentralrates sollte ein kommunistischer Rat installiert werden. Als sich der später erscheinende Erich Mühsam auf das Podium begab, wurde er mit wüsten Beschimpfungen wie „Verräter! Schuft! Volksbetrüger!“ (Schaupp, 2017, S. 182) empfangen und sogar mit Tätlichkeiten bedroht. Toller versuchte zu kalmieren und erklärte sich bereit, die Kommunisten an der Räteregierung zu beteiligen, lehnte aber im selben Atemzug ihren Alleinherrschaftsanspruch ab. Er deklarierte sich zugleich als glühender Anhänger der neu geschaffenen Volksherrschaft. Am Palmsonntag, den 13. April 1919, wurden alle Anhänger dieser Räterepublik jedoch unsanft aus ihren „politischen Träumen“ gerissen. Experiment 2: Die sechs Tage der ersten Räterepublik – Die „Scheinräterepublik“ 97

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.