Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 65 - 74

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-65

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
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Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele „Der Krieg ließ mich zum Kriegsgegner werden, ich hatte erkannt, daß der Krieg das Verhängnis Europas, die Pest der Menschheit, die Schande des Jahrhunderts ist“ (1980, S. 63). So beschreibt Ernst Toller sein Schlüsselerlebnis, das in ihm eine geistige Umwandlung hervorrief und ihn schließlich zu einer zentralen Figur der Bayerischen Revolution werden ließ. Zunächst hatte sich der im polnischen Samotschin geborene Toller als Kriegsfreiwilliger an die Front gemeldet, wurde aber nach einer schweren Magen- und Herzerkrankung 1916 aus der Armee entlassen. Er kam im Zuge der Jänner- Streikbewegung 1918 mit Kurt Eisner in Kontakt, hörte seine Reden und besuchte häufig seine Versammlungen. Er, der zuvor nach eigenem Bekunden mit den Zielen der Arbeiterbewegung überhaupt nicht vertraut war, ja in seiner Umgebung stets vom zerstörerischen Potenzial der Sozialisten gehört hatte, wurde nun zu einem ihrer bedingungslosen Anhänger und musste dafür fürs Erste gleich ins Gefängnis (Toller, 1980). Am 9. November 1918 nahm im Hause Toller in Landsberg die Erregung zu. Nachrichten von einer Revolution in München wurden immer konkreter, denn „auch in Bayern war das Volk kriegsmüde […] Vom Hause Wittelsbach erwarteten sie nichts mehr, der König, sagten die Bauern, hat sich von Berlin einwickeln lassen, würde er sich sonst nicht gegen die bürokratischen Kriegsgesellschaften, die agrarischen Zwangsmaßnahmen gewehrt haben?“ (Toller, 1980, S. 82). Toller eilte nach München und wurde vom Zentralrat der bayerischen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Die Münchner delegierten ihn zum großen reichsweiten Rätekongress nach Berlin, dem er mit gespannter Erwartung entgegensah – und voller Enttäuschung verließ: „Welche Zerfahrenheit, welches Unwissen, Protagonisten 5: 65 welcher Mangel an Willen zur Macht beweist er! Der deutsche Rätekongress verzichtet freiwillig auf die Macht […]“ (Toller, 1980, S. 82). Wie anders erschien im dagegen Kurt Eisner. Er schätzte an ihm sein Eintreten für die Rätedemokratie, wo „von unten her […] der Geist des Lebens und der Wahrheit als kritischer, belebender, anfeuernder Geist das Tagewerk der Gesellschaft durchdringen“ (Toller, 1980, S. 85) sollte. Umso mehr aber störte ihn Eisners Zustimmung zu baldigen Landtagswahlen. Toller wollte das Schicksal der Republik nicht einem Zufallsergebnis fragwürdiger Wahlen und des unaufgeklärten Volkes überlassen (Large, 2018). Es war das sichtbare Zeichen dafür, dass Eisner mit seiner Strategie gescheitert war. Überdies hatte er nach Ansicht Tollers damit die guten Beziehungen zu den Räten aufs Spiel gesetzt. Dass die Stimmung im Bürgertum und innerhalb der MSPD gegen- über Eisner und den linken Revolutionären im Laufe des Februar 1919 immer bedrohlicher wurde, konnte Toller höchstpersönlich selbst erleben. So geschehen, als er mitten in eine Versammlung der Münchner MSPD hineinplatze und erregt rief: „Liebknecht und Luxemburg sind ermordet!“ Die Menge quittierte dies mit Bravo-Rufen und hasserfüllten Kommentaren wie „Recht ist ihnen geschehen, den Hetzern!“ (Schaupp, 2017, S. 109). Am 21. Februar, Toller war auf der Fahrt von St. Moritz nach Bayern, hörte er während einer Fahrtunterbrechung auf einer Bahnstation plötzlich erregtes Rufen eines Schweizer Bahnschaffners. Er verkündete die niederschmetternde Nachricht, dass Kurt Eisner in München ermordet worden war (Toller, 1980). Tollers „ politische Stunde“ sollte nun bald kommen. Nachdem der elfköpfige Zentralrat unter dem Vorsitz von Ernst Niekisch am 23. Februar 1919 seine Arbeit aufgenommen hatte, begann bereits zwei Tage später der mit Spannung erwartete erste gesamtbayerische Rätekongress mit mehr als 300 Delegierten, die aus Stadt und Land angereist waren. Sogleich entstanden zwei sich gegenseitig bekämpfende Lager. Auf der rechten Seite standen MSPD, der rechte Flügel der USPD unter Felix Fechenbach und der Großteil der Bauern- und Soldatenräte. Auf der linken Seite wiederum befanden sich die zehn Delegierten des RAR um Erich Mühsam, Vertreter der Arbeitslosen und der demobilisierten Soldaten, der linke Flügel der Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 66 USPD sowie eine Minderheit der Bauernräte (Schaupp, 2017). Toller zählte sich zum linken Flügel der USPD. Draußen auf der Straße blieb die Atmosphäre während des Rätekongresses aufgeheizt. So wechselten sich in München Demonstrationen und Massenveranstaltungen beständig ab, darunter befanden sich Arbeitslose, Soldaten, Arbeiterinnen und Räteanhänger. Sie marschierten zur Unterstützung der Räterepublik auf die Straßen und besuchten Versammlungen, kritisch beäugt wurden sie dabei von der Stadtkommandantur und der sozialdemokratisch orientierten republikanischen Schutztruppe. Der dritte Sitzungstag hatte es nun allerdings in sich. Gleich zu Beginn nämlich las der Vorsitzende des Landessoldatenrates, Fritz Sauber, aus einem Telegramm aus Nürnberg vor. Darin plädierten ehemalige Minister wie Schneppenhorst und Hoffmann, allesamt MSPD für ein militärisches Vorgehen gegen die Räte in München. Darüber aufs Höchste schockiert, arbeitete man unter Hochdruck einen Kompromissantrag aus. Darin waren folgende Eckpunkte enthalten: – Der Landtag sollte vorerst nicht zusammentreten. – Das Plenum des Gesamtkongresses sollte als Ersatz dafür einen „provisorischen Nationalrat“ berufen. – Dieser Nationalrat sollte aus maximal 250 Mitgliedern bestehen, die von den acht Kreisen gewählt werden sollten. – Diese wiederum sollten einen 33-köpfigen Aktionsausschuss wählen, der sich aus Mitgliedern der Vollzugsausschüsse der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, Vertretern der MSPD, USPD, des RAR und des BBB zusammensetzen würde. – Die Mitglieder des Aktionsausschusses konnten dabei jederzeit vom Nationalrat abberufen werden. – Der Aktionsausschuss sollte seinerseits einen 7-köpfigen Zentralrat wählen. – Alle Delegierten des 1. Gesamtbayerischen Rätekongresses sollten ein Ministerium von Volksbeauftragten wählen, das sich gegenüber dem Nationalrat zu verantworten hätte. Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 67 – Schließlich sollte diese „Verfassung“, unter Annahme der baldigen Konsolidierung der Verhältnisse, dann dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden (Schaupp, 2017). Im Anschluss an die Präsentation kam es aber zu heftigen Debatten, die jäh und unvermittelt unterbrochen wurden. Plötzlich stürmte ein Trupp der republikanischen Schutztruppe in den Saal und verhaftete beispielsweise Max Levien, Erich Mühsam und Gustav Landauer. Die Schutztruppe scheute dabei auch nicht davor zurück, physische Gewalt anzuwenden. Warum veranstaltete man dieses Spektakel? Dem Vernehmen nach sollte mit dieser kuriosen Aktion eine kommunistische Regierung mit allen Mitteln verhindert werden. Soweit so gut. Die ganze Angelegenheit drohte aber mit einem Male brandgefährlich zu werden, da sich die loyale Landtagswache gegen die republikanische Schutztruppe stellte. Heftige verbale Zurufe wogten hin und her, Maschinengewehre wurden vorsorglich in Stellung gebracht und es drohte plötzlich eine gewaltsame Auseinandersetzung. Schließlich befahl Stadtkommandant Dürr im letzten Moment die Freilassung der zuvor Verhafteten. Sie kehrten umgehend in den Sitzungssaal zurück. Wieder ins Plenum zurückgekehrt, forderte Mühsam die sofortige Ausrufung der Räterepublik. Der Kommunist Levien verlangte gar deren Ausrufung am folgenden Sonntag und zwar unter Anwesenheit des Zentralrates, des Aktionsausschusses und des Rätekongresses. Bei der Abstimmung erreichte die Spannung ihren Höhepunkt, wohl auch weil eine draußen vor dem Gebäude inzwischen in beträchtlicher Grö- ße aufmarschierte Menge lauthals skandierte: „Alle Macht den Räten!“ (Schaupp, 2017, S. 128). Das Ergebnis der Abstimmung mit einem eindeutigen Quorum von 234:70 gegen die Räterepublik war eine veritable Niederlage der radikalen Befürworter einer sofortigen Ausrufung und stärkte umgekehrt die rechten bzw. gemäßigten Delegierten des Rätekongresses. Zu einer Zerreißprobe für den Rätekongress wurde jedoch die Annahme oder Ablehnung des sogenannten „Nürnberger Kompromisses“. Worum ging es bei diesem, auf dem Rätekongress so heiß diskutierten, Vorschlag? Am 2. März hatte in Fürth die Landeskonferenz der MSPD stattgefunden. Der wichtigste Punkt auf der Tagesordnung war dabei die Nichtanerkennung der auf dem Rätekongress gewählten Regierung Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 68 unter dem MSPD-Minister Segitz (Merz in: http://www.historischeslexikon-bayerns.de, letzter Zugriff am 21.1.2019). Noch am selben Tag ergingen an die bürgerlichen Parteien und auch an die USPD Einladungen, zu Verhandlungen nach Nürnberg zu kommen. Ernst Toller nahm von Seiten der USPD nicht daran teil, wohl aber Felix Fechenbach. In Nürnberg wurde nun eine Vereinbarung getroffen, die besagte, dass der Landtag als die einzige gesetzgebende Gewalt fungieren sollte und andererseits den Räten eine Mitwirkung an der Regierung zu verwehren sei. Aus Punktum! Drei Tage später, am 5. März 1919, setzte der Rätekongress seine Sitzungen fort. Das MSPD-Mitglied Max Süßheim stellte dabei zur Verblüffung aller Anwesenden und zum besonderen Ärger der Linken, namentlich Mühsam, Landauer und Toller den „Nürnberger Kompromiss“ vor. Er argumentierte dahingehend, dass bei einer Ablehnung durch die Räte die Gefahr bestünde, dass sich der Landtag mit seiner bürgerlichen Mehrheit eine sicher nicht gewünschte, aber dann reaktionäre, Regierung wählen würde. Auch Felix Fechenbach, er hatte bekanntlich in Nürnberg teilgenommen, war auf USPD-Seite für die Annahme, was ihn in scharfem Gegensatz zu Toller brachte. Allerdings konnte auch Toller nicht verhindern, dass mit der Mehrheit der gemä- ßigten Delegierten beschlossen wurde, zwischen dem Rätekongress und den Protagonisten des „Nürnberger Kompromisses“ neu zu verhandeln. Am 8. März 1919 ging es scheinbar ans Eingemachte. Es sollte an diesem Tag im Rätekongress endlich über den „Nürnberger Kompromiss“ abgestimmt werden. Die Linke um Erich Mühsam beantragte zunächst, die Abstimmung vom Tagesordnungspunkt abzusetzen und dafür den Gesamträtekongress zur höchsten Instanz Bayerns zu erklären. Das wurde aber umgehend abgelehnt. Landauer wiederum wollte bei allen Punkten des „Nürnberger Kompromisses“ Änderungen anbringen lassen. In seiner Kritik wetterte er dabei sowohl gegen die rechte MSPD wie auch gegen die linke USPD. Doch es half nichts, denn der „Nürnberger Kompromiss“ wurde bei der folgenden Abstimmung praktisch unverändert angenommen. Obwohl Ernst Toller als letzter Redner noch einmal die Ablehnung der USPD zu diesem Kompromissvorschlag bekräftigte und mit einem leidenschaftlich vorgetragenen Appell alle Sozialisten aufforderte: „Tretet in Opposition! Haltet euch in Bereitschaft und wartet den Augenblick ab, wo wir zur dritten Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 69 und endgültigen Revolution des Sozialismus der Gesinnung […] schreiten können“ (Schaupp, 2017, S. 144) verhallten seine Worte ungehört, denn unmittelbar darauf schritt man zur Wahl eines neuen Ministeriums, bei dem man ganz dem „Nürnberger Kompromiss“ folgend, den MSPD-Politiker Johannes Hoffmann zum Ministerpräsidenten kürte. Während bei den Sitzungen im Landtagsgebäude tagelang um die Form der zukünftigen Rätedemokratie gerungen wurde, kam es abseits davon, während der Sitzungspausen zu wichtigen Entscheidungen. Am 7. März beispielsweise galt es einen Vollzugsausschuss und den Zentralrat neu zu wählen. Das Ergebnis war dann so: Ernst Niekisch wurde neuerlich zum Vorsitzenden des Zentralrates gewählt. Ernst Toller und Max, der Kommunist, Levien wurden neuerlich in den Aktionsausschuss gewählt. Bedeutsamer für Toller aber war ein anderes Ereignis: Am gleichen Tag hatte die Münchner USPD eine Versammlung anberaumt. Dort konnte sich Ernst Toller vom linken Flügel der USPD gegen den ehemaligen Privatsekretär Eisners, Felix Fechenbach, vom rechten Flügel bei der Wahl zum Vorsitzenden durchsetzen. Sofort drängte er seine Partei, sich vom sogenannten „Nürnberger Kompromiss“ abzusetzen. In einer Erklärung hieß es unter anderem: „[…] Die U.S.P. Münchens wendet sich entschieden gegen die Kompromisspolitik der mehrheitssozialistischen Führer, die jetzt noch glauben, mit bürgerlichen Reformen der Sache des Sozialismus zu dienen. Es kommt […] einzig darauf [an], die Ursachen, die im kapitalistischen System liegen, zu beseitigen“ (Schaupp, 2017, S. 140). Damit wollte Toller in Bezug auf Parlamentarismus versus Rätedemokratie den Kurs der USPD klar in Richtung hin zu letzterem signalisieren. Toller erkannte scharfsichtig die damit eingeleitete Selbstentmachtung der Räte. Gleichzeitig offenbarte er die Differenzen innerhalb der bayerischen USPD, da er sich von jenem rechten USPD-Flügel distanzierte, der am Zustandekommen beteiligt war. In einem flammenden Appell forderte er die Einheit der Arbeiterschaft und ihre Selbstorganisierung „über die Köpfe der Parteienvertreter“ (STB o. D., S. 111ff.) hinweg. Knapp zwei Monate später kam es tatsächlich zur Ausrufung der ersten Räterepublik. Toller übernahm nach nur zwei Tagen auch den Vorsitz im Zentralrat, nachdem der bisherige Vorsitzende Ernst Nie- Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 70 kiesch frustriert ob der Haltung der eigenen Partei das Handtuch geworfen hatte. Unmittelbar vor der Ausrufung der Räterepublik mischten sich bei Toller zur Freude und Erleichterung sogleich auch Zweifel: „[…] Als ich das Wittelsbacher Palais verlasse, dämmert der Morgen. Die Revolution hat gesiegt. Hat die Revolution gesiegt? Diese Räterepublik ist ein tollkühner Handstreich verzweifelter Arbeitermassen, die verlorene deutsche Revolution zu retten […] (Toller, 1980, S. 90). Am nächsten Tag freilich war die Zuversicht zurückgekehrt: „Der erste Tag der Räterepublik, Nationalfeiertag. Auf den Straßen festlich gekleidete Arbeiter, scheu und ängstlich drängen sich die Bürger und sprechen über die Geschehnisse der letzten Nacht, Lastwagen mit Soldaten durchfahren die Stadt, auf dem Wittelsbacher Palais weht die rote Fahne […]“ (Toller, 1980, S. 90). Dass aber die Stimmung auf dem flachen Lande gegenüber dem revolutionären Treiben in München aufs Äußerste angespannt, ja feindselig blieb, konnte Toller am eigenen Leib erfahren. Nach einer Bruchlandung humpelte er zusammen mit seinem verletzten Piloten ins nächste Landgasthaus, wo man sie glücklicherweise für Franzosen hielt. Ein kontrollierender Gendarm klärte Toller unmissverständlich auf: „[…] wenn die wüßten, daß Sie einer von die Roten san, die täten Eahna auf der Stell totschlagen“ (Toller, 1980, S. 88). Als sich das Experiment rasch als gescheitert herausstellte, bekannte er freimütig: „Die Räterepublik läßt sich nicht halten, die Unzulänglichkeiten der Führer, der Widerstand der Kommunistischen Partei, der Abfall der Rechtssozialisten, die Desorganisation der Verwaltung, die zunehmende Knappheit an Lebensmitteln, die Verwirrung bei den Soldaten, alle diese Umstände müssen den Sturz herbeiführen und der sich organisierenden Konterrevolution Kraft und Elan geben […] Diese Räterepublik war ein Fehler, Fehler muß man eingestehen und ausmerzen. Schon verhandeln Soldatenräte und Rechtssozialisten auf eigene Faust mit der Gegenregierung, wir dürfen keine Zeit verlieren, die Konterrevolution bedroht uns in den eigenen Reihen“ (Toller, 1980, S. 96). Im Rahmen der zweiten kommunistischen Räterepublik war Toller mehr Getriebener als Gestalter. Nachdem die Betriebsräteversammlung am 13. April einen fünfköpfigen Vollzugsrat unter dem Vorsitz der Kommunisten Levien und Levine und zugleich einen fünfzehnköpfigen Aktionsausschuss installiert hatte, resignierte Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 71 Toller und mit ihm der bisherige Zentralrat. Im von Toller verlesenen Aufruf wurde freilich die Einheit der revolutionären Arbeiterschaft aufs Neue beschworen, wenn es etwa hieß: „Die Sozialverräter haben versucht, im Verein mit der Bourgeoisie und bezahlten Söldnern, die Macht der Arbeiter zu stürzen. Der Versuch ist misslungen! Die Arbeiterschaft, geeint durch das gleiche Ziel und den gleichen harten Willen, hat mit ihren Leibern den Sieg über die Konterrevolution errungen […] Ein neues Stadium der Revolution ist eingetreten. Der alte provisorische revolutionäre Zentralrat, dessen Mitglieder zum größten Teil verhaftet sind, ist durch den Gang der Ereignisse erledigt. An seine Stelle trat der von der Arbeiterschaft Münchens gewählte Aktionsausschuss, der die Macht übernommen hat! […]“ (Schaupp, 2017, S. 200). Bald aber erkennt er die aussichtlose Situation: „Auch die Kommunisten wissen, daß unsere Lage unhaltbar ist, aber sie dringen auf militärische Entscheidung, jede Verhandlung mit der Bamberger Regierung sei Verrat, sie erhoffen von der Niederlage (Niederlage der rechten Freikorps bei Dachau, Anm. des Verfassers) mächtige revolutionäre Antriebe […]“ (Toller, 1980, S. 111). Am 26. April trat er als Kommandeur der Roten Armee zurück. In der entscheidenden Versammlung der Betriebsräte im Münchner Hofbräuhaus am 27. April warb Toller ein letztes Mal für Verhandlungen mit der verhassten „Exilregierung Hoffmann“ und konnte sich nur mit Mühe einer Verhaftung durch die Kommunisten entziehen (Schaupp, 2017). Nach dem raschen Sieg der Gegenrevolution und der darauffolgenden (Hetz)Jagd auf alles Revolutionäre wurde Toller schließlich nach wochenlangem Versteckspiel am 4. Juni 1919 in der Wohnung des Kunstmalers Reichel verhaftet und am 16. Juli 1919 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt (Münz/Morenz, 1968). Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 72 Abb. 12 Ernst Toller, steckbrieflich gesucht im Mai 1919 Protagonisten 5: Ernst Toller – Revolutionär mit Leib und Seele 73

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Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.