Protagonisten 4: Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 57 - 64

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-57

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
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Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker Am 17. April 1919 lernte der den Revolutionären gegenüber durchaus kritisch eingestellte Journalist Victor Klemperer Gustav Landauer höchst persönlich kennen und er vermeinte folgenden Eindruck von ihm gewonnen zu haben: „[…] macht der hagere Mann […] einen völlig kultivierten, weder revolutionären noch proletarischen Eindruck; die großen braunen Augen blicken viel eher gütig als fanatisch, Stimme und Ausdrucksweise sind von geschliffener Milde […]“ (2015, S. 124 ff.). Der hier als völlig kultiviert Beschriebene war in der Tat ein feinsinniger, sprachbegabter Philosoph. In Landauers Schrift „Die Revolution“ finden sich entscheidende Eckpfeiler seiner Geschichtsphilosophie. Darin unterscheidet er zwischen vorwärtsdrängender Utopie und der Topie des Bestehenden. Utopie war dabei die Reinheit der gesamten Bestrebungen hin zur Veränderung. Revolution war für Landauer die Zeitspanne, in der die alte Topie nicht mehr bestehe, die neue Topie aber noch nicht feststehe. Damit näherte er sich den Vorstellungen des italienischen marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, für den die Revolution jener Zustand war, indem das Neue sich schon mächtig am Horizont abzeichnete, aber das Alte noch nicht gänzlich verschwunden war. Jede Utopie bestand gemäß Landauer aus zwei Aspekten: aus der Reaktion gegen die Topie, aus der sie erwächst und aus der Erinnerung an die bekannten Utopien. Ebenso stünden in jeder Topie die siegreichen Ele- Protagonisten 4: Abb. 11 Gustav Landauer 57 mente der vorhergegangenen Utopie, die seiner Ansicht nach aus dem Willen entstanden und tatsächlich auch Wirklichkeit geworden waren. Dazu gesellten sich die erhaltenen Elemente der früheren Topie. Revolution war für ihn in einer pessimistischen Sichtweise bloß das Zeitalter des Übergangs von einer Topie zur anderen, also die Grenze zwischen zwei Topien. Folgerichtig postulierte Landauer auf dem Rätekongress: „Wenn wir jetzt nicht erklären, dass diese Versammlung die souveräne, gesetzgebende Gewalt für den Augenblick ist, dann sind wir nicht einmal Hampelmänner, dann sind wir gar nichts“ (Schaupp, 2017, S. 124). Landauer zeigte aber auch in einem ganz anderen Bereich eine durchaus eigenwillige und zugleich „revolutionäre“ Facette. Während des 1. Gesamtbayerischen Rätekongresses wurde die enge Verbindung zwischen Gustav Landauer und Eisners Witwe, Else Eisner-Belli, offenkundig. Er selbst hatte vor wenigen Wochen seine Frau Hedwig verloren, die an den Folgen einer schweren Lungenentzündung gestorben war. Anfang März 1919 waren sie sich dann anscheinend so nahe gekommen, dass sie beschlossen, den Rest ihrer Tage zusammenzubleiben, dann allerdings ohne Trauschein. In einer schriftlichen Erklärung an ihre Freunde hieß es am Schluss rechtfertigend: „[…] Unseren Freunden sind wir diese Erklärung schuldig, der niederträchtigen Konvention stehen wir nicht Rede“ (Schaupp, 2017, S. 134). Landauer löste sich damit von einer Überzeugung, für die er lange Zeit beharrlich eingetreten war, nämlich die Verteidigung der Institution Ehe. Das war nun freilich ganz im Gegensatz zu seinen anarchistischen Mitstreitern, die ja die freie Liebe predigten und praktizierten und führte auch zu Spannungen zwischen ihm und Erich Mühsam. Während Landauer in der ehelich unterbauten Familie die Voraussetzung der „Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit“ sah, enthielt für Mühsam die Ehe „eine die Natur vergewaltigende, tief freiheitswidrige und reaktionären Interessen dienende Sklavenmoral“ (Mühsam, 2003, S. 190). Allerdings lebte Landauer bereits davor einen eher unkonventionellen Stil seiner Ehe. So hatte er verschiedene Geliebte, unter anderem die Sozialistin Margarethe Faas-Hardegger, die er während einer Vortragsreise in der Schweiz kennengelernt hatte. Um sich nicht von ihr trennen zu müssen, plante er gar, sie in sein Haus nach Krumbach zu holen. Dort sollte eine Art „Menage a Troi“ praktiziert werden, zu Protagonisten 4: Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker 58 der sich seine Frau Hedwig schließlich bereiterklärte. Landauer schwor damit der „institutionellen Seite dieser Doppelmoral“ (Schaupp, 2017, S. 135) ab. Landauers politische Leitidee betonte einen freiheitlichen Sozialismus, der nicht durch starre Gesetzmäßigkeiten und politisches Herumtaktieren bestimmt wurde, sondern als dynamischer Prozess verstanden werden musste. In „Staat und Geist“ definierte er Sozialismus als permanente Option „… zu jeder Zeit und bei jedem Stande der Technik möglich, wenn eine genügende Anzahl Menschen ihn wollen, die vom Geiste der Gerechtigkeit erfüllt sind …“ (1978, S. 8). Landauer deutete den Sozialismusbegriff als ein freiwilliges Wagnis mit keineswegs gewissem Ausgang, der allerdings beim einzelnen Individuum zu beginnen hatte. Den Staat, gleichgültig ob in seiner bürgerlich-kapitalistischen oder sozialistisch-zentralistischen Ausprägung, sah er als größtes Hindernis für die Verwirklichung der Freiheit des Individuums an. Landauer gelangte daher zu einer rigorosen Schlussfolgerung: „Wo Geist ist, da ist Gesellschaft. Wo Geistlosigkeit ist, da ist Staat. Der Staat ist das Surrogat des Geistes“ (Entstaatlichung 1978, S. 22) und zog einen klaren Trennungsstrich zwischen Staat und Individuum. Wodurch sollte aber der von ihm abgelehnte Staat ersetzt werden? Anstelle der entmündigenden Staatsmaschinerie sollte der freiwillige Zusammenschluss freier und selbstverantwortlicher Menschen, die in der Gemeinschaft zum Wohle aller agierten, treten. Landauer wies jedoch den Gedanken einer sozialen Revolution, die schlagartig eine neue Sozialordnung einführen wollte, weit von sich. Erst der unerwartet rasche Zusammenbruch der politischen und militärischen Gewalten im Rahmen der Novemberrevolution bewirkte ein Umdenken. Landauer unterschied sich von Mühsam, der Bakunins Propaganda der Tat durchaus nicht abgeneigt war, in der strikten Ablehnung jeglicher politischer Gewalt als Mittel der Revolution. In seinen „Leitsätzen der Politik“ entwickelte Landauer die idealen Grundlagen einer freien und föderalen Gemeinschaft: Im Rahmen einer selbstverwalteten und basisdemokratisch organisierten Gemeinde regelt jeder erwachsene Mann und jede erwachsene Frau ihre Angelegenheiten selbständig. Als Träger der Gemeindepolitik wirken permanent tagende allgemeine Volksversammlungen. Protagonisten 4: Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker 59 Diese Gemeindeversammlungen ernennen wiederum Beauftragte zu selbständigem Handeln im Dienste der Gemeinde. In den Angelegenheiten, die über den lokalen Bereich hinausgehen, schließen sich die einzelnen Einheiten zu föderalen Bezirks-, Kreis-, Provinz- und Landesverbänden zusammen, um im Geiste der Gleichberechtigung und Gleichrangigkeit ihre Beziehungen zu gestalten. Die Delegierten haben im Sinn eines imperativen Mandats lediglich den Willen der Gemeinden auszuführen. Sie stehen unter ständiger Kontrolle der Gemeinde, die sie wiederum jederzeit abberufen und durch andere ersetzen können. Es gibt keine anderen öffentlichen Gewalten „als die von den Gemeinden eingesetzten und anerkannten“ (Entstaatlichung, 1978, S. 36 ff.). Wenngleich Landauer an keiner Stelle den Rätebegriff direkt verwendet, so verweisen die darin konzipierten Organisationsstrukturen und Prinzipien auf das Grundmuster der rätedemokratischen Modelle, die im Laufe der Novemberrevolution konzipiert wurden. Mit einigen Gleichgesinnten gründete Landauer 1908 den „Sozialistischen Bund“, der sich in Gruppengemeinschaften ohne Zentralinstanz organisierte und in zwölf Artikeln eine kommende, vom Geist des Sozialismus und Anarchismus geprägte, Gesellschaft entwarf. Zentrales Anliegen war die Verbindung von Anarchismus und Sozialismus. Anarchie fungierte hier als Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit, während Sozialismus als Grundform der selbständig wirtschaftenden, untereinander in Gerechtigkeit tauschenden Wirtschaftsgemeinden verstanden wurde. Nun war sich aber Landauer durchaus bewusst, dass die Intentionen des Sozialistischen Bundes erst zur Entfaltung gelangten, „wenn sich ihm größere Massenteile angeschlossen haben. Bis dahin ist seine Aufgabe: Propaganda und Sammlung“ (Staat und Geist, 1978, S. 20). Landauer übersiedelte gegen Ende des Krieges von Berlin nach Krumbach in Schwaben. Mitte November 1918 folgte Landauer dem Ruf von Kurt Eisner nach München, um dort als Redner an der „geistigen Umbildung der Seelen“ (Brandies o. D. S. 47) mitzuwirken. Die gegenseitige Sympathie der beiden Intellektuellen beruhte vor allem auf der gemeinsamen Vorstellung eines geistigen Sozialismus, indem Theorie und Praxis vollkommen übereinstimmten. Protagonisten 4: Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker 60 Im Anschluss an die große Demonstration auf der Theresienwiese am 16. Februar 1919 fand im Deutschen Theater eine Abschlusskundgebung statt. Dort präzisierte Landauer erstmals seine Vorstellungen eines Rätemodells: Die Nationalversammlung für das Deutsche Reich dürfe nur aus Delegierten der autonomen Republiken bestehen. Diese wiederum sollten in besonderen Versammlungen als Delegierte aus den Korporationen, Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte hervorgehen. Wobei Landauer den Begriff Arbeiter sehr dehnbar auslegte. Arbeiter/ Arbeiterin konnte seiner Ansicht nach auch die tüchtige Hausfrau, der tätige Kaufmann oder Fabrikant, der Maler, der Bildhauer, der Musiker, der Schriftsteller und auch der Beamte sein. Das Stimmabgabeverfahren musste gemäß Landauers Vorstellungen radikal geändert werden. Er bezeichnete die direkte und geheime Wahl als Wahlsystem der verflossenen Zustände. An ihre Stelle sollte das korporative (indirekte) und öffentliche Wahlrecht und das imperative Mandat treten. Letzteres bedeute unter negativen Umständen die sofortige Abberufung der Delegierten. Jeder Delegierte war in diesem Rätemodell nicht Volksbeauftragter, sondern Beauftragter der permanent tagenden Korporationen. Damit sollte das „verruchte parlamentarische Parteiherrschafts-System“ (Schaupp, 2017, S. 114) abgeschafft werden. Landauers politisches Wirken kam eigentlich erst nach Eisners Tod zur vollen Entfaltung. Am 23. Februar 1919 nahm der neu gebildete elfköpfige Zentralrat für Bayern unter dem Vorsitz des MSPD- Mannes Ernst Niekisch seine Arbeit auf. Bereits zwei Tage später hatte er seine erste große Bewährungsprobe zu meistern und zwar im Rahmen des 1. Gesamtbayerischen allgemeinen Rätekongresses, der im Gebäude des ehemaligen Landtags, abgehalten wurde. Mehr als 300 Delegierte aus dem gesamten Land waren nach München gekommen. Der Unterschied zum früheren Landtag hätte nicht größer sein können. Die verschiedenen Delegationen wurden unbürokratisch angehört. Auch von den Zuschauertribünen waren nun Interventionen möglich. Relativ rasch kristallisierten sich zwei sich gegenseitig bekämpfende Lager heraus. Auf der rechten Seite die MSPD, der rechte Flügel der USPD unter Felix Fechenbach und der Großteil der Bauernund Soldatenräte. Auf der linken Seite wiederum standen die zehn Delegierten des RAR um Erich Mühsam, Vertreter der Arbeitslosen und Protagonisten 4: Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker 61 der demobilisierten Soldaten, der linke Flügel der USPD um Ernst Toller sowie eine Minderheit der Bauernräte. Die rechte Seite, die in der Mehrheit war, versuchte eine parlamentarische Regierung wiederherzustellen, die sie dann dominieren wollte. Die zahlenmäßige Unterlegenheit der Linken machte sich allerdings lautstark bemerkbar. Das waren vorrangig dauernde Zurufe der Radikalen von der Zuschauertribüne. Überdies gab es ständig Versammlungen vor allem von Vertretern der Arbeitslosen, die nahezu täglich revolutionäre Forderungen an den Kongress stellten (Schaupp, 2017). Der Kongress begann mit einem ausführlichen Bericht des Zentralrates über die Ermordung Eisners und die danach erfolgten Maßnahmen. Dann ergriff Gustav Landauer das Wort und forderte unter stürmischem Beifall, dass der Rätekongress zum obersten Organ der Gesetzgebung erklärt werden müsse. Ziemlich pathetisch rief er: „Was von jetzt an, von Stund’ an, von uns beschlossen wird, das ist Dekret, das ist Gesetz für die Republik Bayern“ (Schaupp, 2017, S. 124). Es schien, als würde mit einem Male aus dem glühenden Antipolitiker Landauer Schritt für Schritt ein überzeugter Politiker (Schaupp, 2017). Während der knapp einwöchigen ersten Räterepublik bekleidete Landauer das Amt des Volksbeauftragten für Volksaufklärung, Unterricht, Wissenschaft und Künste. Bereits am 7. April 1919 setzte er einen revolutionären Hochschulrat ein. Dieses Gremium hatte alle Vollmachten für die Durchführung einer Hochschulreform. Die konservative Professorenschaft, aber auch die konservativen Studenten widersetzten sich vehement diesem Vorhaben. Es kam zu Demonstrationen bzw. Versammlungen, bei denen die Rätebefürworter kräftig ausgebuht wurden (Schaupp, 2017). So beschloss Landauer die vorläufige Schließung der Universität. Der revolutionäre Hochschulrat sollte als allein zuständiges Gremium den Aufbau der neuen Hochschule vorbereiten. Dabei erhielten Bildung und Selbstverwirklichung einen großen Stellenwert und sollten nunmehr die Elitenförderung ablösen. Für kritische Geister wie Victor Klemperer unterlagen die vermeintlichen Reformen einem gewaltigen Trugschluss. Landauer glaubte an zu viel Utopisches: einen revolutionären Umbruch in der Hochschullandschaft eingeführt und eine Erleichterung des Zugangs zur Universität ermöglicht zu haben. Er glaubte, die Professoren gezwungen zu haben, lebensnaher zu unterrichten, indem er ganz die Verzopften abgesetzt Protagonisten 4: Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker 62 habe. Er wollte allen Ernstes die juristische Fakultät abschaffen. Er hätte auf die Freiheit der Wissenschaften gedrungen. Die Lehre der Nationalökonomie müsse nur in einer Übergangszeit zur Erziehung und Zurechtweisung einer Generation noch auf dem Lehrplan stehen. Natürlich durften ausschließlich Sozialisten auf den nationalökonomischen Lehrstuhl gehievt werden. Klemperer gewann den Eindruck, dass Landauer etwas mehr war als Eisner und zwar ernster, etwas gebildeter, etwas idealistischer, etwas radikaler und etwas ungeeigneter als Staatsmann, aber in Summe derselbe hoffnungslose Idealist (2015). Wenngleich er stets einen optimistischen und kämpferischen Impetus vorgab, war er doch innerlich von Zweifeln und Vorahnungen geplagt. So schrieb er am 7. April 1919 an seinen Freund, den Schriftsteller Fritz Mauthner: „Ich bin nun Beauftragter für Volksaufklärung, Unterricht, Wissenschaft und Künste und noch einiges. Lässt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich etwas zu leisten; aber leicht möglich, dass es nur ein paar Tage sind, und dann war es ein Traum“ (Large, 2018, S. 144). Es dauerte weniger als einen Monat, dann wurde Landauer nach der vollständigen Niederlage der Räterepublik verhaftet, von Freikorps- Soldaten im Gefängnis München-Stadelheim zuerst brutal gefoltert und dann erschossen. Protagonisten 4: Gustav Landauer – Philosoph, Anarchist und Politiker 63

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References

Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.