Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 49 - 56

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-49

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
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Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem Der Begriff des Anarchismus leitet sich aus dem Griechischen her und bedeutet nichts anderes als eine herrschaftsfreie Gesellschaft (Nohlen/ Schultze 2002). Als gesellschaftliche Bewegung besitzt der Anarchismus seinen Ursprung im 18. Jahrhundert. Im Zuge der französischen Revolution waren Anarchisten zu den radikalsten Fürsprechern einer sozialen Revolution geworden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts tauchte eine Persönlichkeit auf, die in ihrem Ideengebäude Elemente des Rätegedankens aufnahm: der russische Anarchist Michail Bakunin. Er verband die leidenschaftliche Ablehnung jeglicher Staatsautorität mit konkreten revolutionären Aktionen zur Zerstörung des bestehenden Staates und seiner Institutionen. Als zentrales Motiv tauchte in seinen Schriften immer wieder der Begriff der „qualitativen Umwandlung“ (Brandies o. D., S. 11) auf. In einer vollkommen freien und gleichen Gesellschaft, lösten sich quasi alle Widersprüche von selbst auf. Eine als ungerecht empfundene Staats- und Gesellschaftsordnung musste, seiner Überzeugung nach, durch einen einmaligen revolutionären Akt zerstört werden. In Form einer Propaganda der Tat sollten durch spontane Einzelaktionen nicht nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erreicht, sondern auch der revolutionäre Prozess in Gang gesetzt werden. Da Bakunin nur allzu gut wusste, dass man nach vollbrachtem Umsturz auf halbwegs funktionsfähige Staatsorgane nicht verzichten konnte, schlug er zu diesem Zweck bereits die Bildung von Kommunal-Räten vor, als unterste Verwaltungseinheit und zugleich Repräsentanten der breiten Bevölkerung. Erich Mühsam, prominentester Vertreter der anarchistischen Strömungen innerhalb der deutschen Rätebewegung, berief sich stets auf den aktionistischen Aspekt in Bakunins Schriften. Protagonisten 3: 49 Seit 1909 lebte Erich Mühsam, der in Lübeck geborene Sohn im Münchner Stadtteil Schwabing und stieg dort bald zu einer Zentralfigur der Künstler-Boheme auf. Das Schwabinger Milieu bildete das vorzügliche Ambiente in dem, nach Oskar Maria Graf, Nonkonformismus und überschwänglich gepriesener Freiheitsdrang zwangsläufig zu anarchistischem Denken tendierte (Bollenbeck 1989). Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde er als überzeugter Kriegsgegner zur Zielscheibe wüster Drohungen und stieß dabei sogar in seinem eigenen Umfeld auf Unverständnis (Mühsam, 2003). Anarchismus bedeutete für Erich Mühsam die Lehre von der Freiheit als Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Die Anarchisten waren aus seiner Sicht Maximalisten, „sie wollten alles hier und heute“ (Mühsam 1975, S. 7) und lehnten damit Reformismus und Kompromisse ab. In der als anarchistisches Grundbekenntnis angelegten Streitschrift „Befreiung der Gesellschaft vom Staat“ findet sich unter anderem eine sehr persönliche Definition des Begriffes Anarchismus: „Wer die Freiheit der Gesellschaft gleichsetzt mit der Freiheit aller in ihr zur Gemeinschaft verbundener Menschen, der hat das Recht, sich Anarchist zu nennen“ (1975, S. 9). Mühsam versuchte er allerdings seine anarchistische Definition mit dem Gedanken des Sozialismus zu verbinden. Zentrales Motiv seiner Sozialismusinterpretation war die Verwirklichung von Gleichberechtigung und Gleichheit aller Menschen (Mühsam 1975). So wie Landauer wandte er sich jedoch entschieden gegen einen Sozialismus, der auf Grund von strengen Gesetzmäßigkeiten seine Ziele zu erreichen trachtete, um schließlich in einer Diktatur des Apparats zu münden. Es erscheint aus dieser Sicht durchaus eigentümlich, dass sich Mühsam während der ersten Phase der bayerischen Revolution auf eine enge Zusammenarbeit mit den Kommunisten einließ. Mühsam befürwortet Bakunins Propaganda der Tat, wollte diese Aktionsform jedoch auf den Zustand der Revolution beschränkt wissen, allerdings unter dem Gesichtspunkt der Verantwortlichkeit des Abb. 10 Erich Mühsam Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem 50 Einzelnen für die Gemeinschaft. In den bewegten Monaten der bayerischen Revolution machten Mühsam und seine Gefolgsleute im RAR in diesem Sinne immer wieder durch zahlreiche „revolutionäre Aktionen“ wie etwa Redaktionsbesetzungen auf sich aufmerksam. Erst der blutige Anschlag auf den bayerischen Innenminister durch ein Mitglied des RAR zeigte die tiefen Abgründe einer solchen Strategie. Was aber sollte nach siegreicher Revolution an die Stelle des untergegangenen Staates treten? Dem entscheidenden Moment dieses Entwicklungsganges widmete Mühsam besonderes Augenmerk. Das Rätesystem erschien als ein zuverlässiger Garant zur Verhinderung neuer bürokratischer Verwaltungsund Herrschaftsformen. Mühsam fasste den Rätebegriff als Ausdruck der unmittelbaren Teilhabe aller Volksschichten am politischen und gesellschaftlichen Leben auf, denn „Räte als Träger der sozialistischen Gemeinschaft sind die Beauftragten aller am allgemeinen Werk beteiligten Menschen, durch die sich die Gesamtheit der Tätigen mit jeder einzelnen Person in den Lebensprozess einschaltet“ (1975, S. 78). Im Laufe des Weltkrieges sympathisierte Mühsam offen mit der Spartakusgruppe um Liebknecht und Luxemburg. Er distanzierte sich nach der Russischen Oktoberrevolution von der USPD, die ihm nicht radikal genug erschien. In den ersten Monaten des Jahres 1918 wurde Mühsam wegen anarchistischer Streikaufrufe und Beteiligung an Streikaktionen im oberbayrischen Traunstein inhaftiert und nach wenigen Wochen wieder entlassen. Mit den revolutionären Ereignissen des 7. November hatte Mühsam zunächst noch gar nichts zu tun. Danach allerdings stieg er ziemlich rasch zu einer bestimmenden Figur der revolutionären Linken auf. Eine wichtige Triebfeder war dabei der RAR (Revolutionäre Arbeiterrat) in München. Glaubt man dem in der Festungshaft in Ansbach abgefassten Rechenschaftsbericht Mühsams, so hatte sich dieses Gremium „[…] spontan aus den am Umsturz aktiv beteiligten Proletariern in der Stärke von etwa fünfzig Personen konstituiert, die sich um die damals ungeheuer populäre Person Eisners geschart hatten“ (1920, S. 8). Der revolutionäre Arbeiterrat verstand sich selbst als treibende Kraft der bayerischen Revolution. In einem eigenen Statut wurde festgelegt, dass als unzuverlässig angesehene Mitglieder, höchstwahrscheinlich kritische, sofort ausgeschlossen und andererseits in den Ansichten konfor- Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem 51 me Mitgliedsanwärter vollkommen unbürokratisch aufgenommen werden sollten. Allerdings ging man sofort auf Konfrontationskurs mit dem neuen Ministerpräsidenten, denn schon am zweiten Tag seines Bestehens wurde Mühsam, gegen Eisners Wunsch, in den RAR aufgenommen. Wenig später folgte Gustav Landauer, der inzwischen aus seinem Wohnort Krumbach nach München gekommen war. Aufgrund der Initiative des RAR wurde die Bildung eines Münchener Arbeiterrats nach Betriebswahlen vorgenommen und überdies im ganzen Lande Wahlen von Arbeiterräten organisiert. Schließlich gelang es sogar in Verbindung mit den Soldaten- und Bauernräten, eine Landesorganisation der Räte mit einem Zentralrat an der Spitze auf die Beine zu stellen (Mühsam, 1920). Mühsam und seine Gefolgsleute traten geschlossen in den Münchener Arbeiterrat ein, um kurz darauf an der ersten Tagung der konstituierenden Landesräteversammlung teilzunehmen. Fast zeitgleich gründete Mühsam nach eigenem Bekunden Ende November 1918 die VRI (Vereinigung Revolutionärer Internationalisten). In einem in München kursierenden Flugblatt wurden die Ziele so formuliert: „Das Ende des Weltkrieges bedeutet zusammen mit der Weltrevolution den Zusammenbruch des Kapitalismus. Auf seinen Trümmern wollen wir nicht Altes zu retten suchen, sondern Neues aufbauen […] Das Mittel der Revolution heißt Revolution. Das ist nicht Mord und Totschlag, sondern Aufbau und Verwirklichung. Mit diesem Mittel wollen wir die sozialistische Gesellschaft der Gerechtigkeit und Wahrheit bei uns durchführen […] Wir rufen das bayerische und darüber hinaus das deutsche Volk auf, mit uns gemeinsam die Verbindung mit den Völkern aller Länder herzustellen zu dem Ende, den internationalen Kapitalismus und Imperialismus von Grund aus zu stürzen und die Hand- und Kopfarbeiter zu Nutznießern des eigenen Werks zu machen.“ (Mühsam, 1920, S. 9). Der aktionistische Elan, den Mühsam und seine Mitstreiter an den Tag legten, war nun allerdings ganz dazu angetan, Eisners Geduld und taktisches Geschick das eine oder andere Mal gehörig herauszufordern. Letzterer war ein unbedingter Anhänger der Pressefreiheit, zumal er selbst unter der Zensurwillkür mehrfach gelitten hatte. Diese zwei Fähigkeiten wurden am 6. Dezember 1918 ernstlich auf die Probe gestellt, als Mühsam und seine Anhänger die klerikale Zeitung „Bayri- Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem 52 scher Kurier“ in einem Handstreich besetzten. Eisner forderte Mühsam und seine Mitstreiter auf, die Besetzung rückgängig zu machen. Dann kam es aber zu einer völlig verblüffenden Situation: Die „christlichen Drucker“ wollten die „revolutionäre Ausgabe“ durchaus drucken, schließlich hatten ihnen die Besetzer im Zuge einer Sozialisierungsaktion die Beteiligung am Betrieb zugesagt. Eisner gelang es mit Mühe, er eilte die ganze Nacht lang in München umher, alles wieder rückgängig zu machen. Die „Revolutionäre“ zogen ab und das Blatt erschien am nächsten Morgen in gewohnter Weise. Eine andere Gruppe nahm kurzfristig Innenminister Erhard Auer von der MSPD fest und zwang ihn unter Drohungen, seinen Rücktritt zu verkünden (Large, 2018). Allerdings zeigte Eisner auch Verständnis für Mühsams Aktionismus, den er „vom Geist der Liebe für ihn“ getragen sah (Large, 2018, S. 128ff.). Damit aber ermunterte er erst recht die radikalen Kräfte, denn nur wenig später wurde am 11. Dezember 1918 die Münchner Spartakusgruppe gegründet, die schließlich in die KPD mündete. Mühsam avancierte, obwohl kein offizielles Parteimitglied, zu einem der wichtigsten Redner der Münchner KPD. Diese Funktion endete aber Ende März 1919 abrupt, nachdem die Berliner Parteizentrale Eugen Levine nach München geschickt hatte, um die Partei nach bolschewistischem Muster zu reorganisieren. An der Ausrufung der Räterepublik Anfang April 1919 schien Mühsam jedoch maßgeblich beteiligt, wie seine Schilderungen der entscheidenden Stunden im nachträglich in der Festungshaft Ansbach verfassten Rechenschaftsbericht vermuten lassen: „Am Nachmittag des 4. April (Freitag) hatte ich an einer Betriebsversammlung teilgenommen, um auf Einladung der Betriebsräte ein Gutachten über Differenzen unter den Arbeitern abzugeben. Um sechs Uhr sollte im Wittelsbacher Palais eine Sitzung des RAR stattfinden. In dem Augenblick, als ich das Gebäude betreten wollte, kamen mir im Vorgarten eine Anzahl von Genossen entgegen, darunter mehrere Mitglieder des RAR (auch Landauer), der Vorsitzende des Zentralrats Niekisch und ein paar bekannte USP-Leute. Sie forderten mich auf, sofort umzukehren und mit ihnen zum Ministerium des Äußeren zu gehen, da die Räterepublik in Bayern sofort proklamiert werden solle. Ich glaubte zuerst, man wolle mich mit einem Witz aufziehen, erkannte aber bald, daß die Sache ernst war. Ich erhielt auf dem Wege folgende Aufklärungen: Niekisch war soeben von Augsburg Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem 53 zurückgekehrt, wo er ansässig war. Die Augsburger Arbeiterschaft stehe, wie bekannt war, im Generalstreik und habe die strikte Forderung gestellt, der Zentralrat in München solle sofort die Räterepublik ausrufen, die Regierung für abgesetzt erklären und die Diktatur dem Proletariat übertragen. Die Stimmung der kleinen Schar war sehr gehoben, und ich leugne nicht, daß sie auf mich überging und der Gedanke, daß der heiße Wunsch des Proletariats nun Erfüllung finden solle, mein Herz heftig schlagen machte […]“ (Mühsam, 1920, S. 39 ff.). Allerdings fehlten zunächst die Kommunisten, ihre Mitwirkung galt für Mühsam als essenziell. Nachdem sich der sozialdemokratische Stadtkommandant Dürr bereiterklärt hatte, eine etwaige Räterepublik zu unterstützen bzw. nicht zu verhindern, erhielten Mühsam und Landauer den Auftrag, eine Art Manifest auszuarbeiten, in dem am nächsten Morgen die Räterepublik verkündet werden sollte, und in dem auch schon die Namen der „Regierungsmitglieder“, sie hießen nunmehr Volksbeauftragte, enthalten sein sollten. Die Aufteilung der Funktionen sollte paritätisch erfolgen. Mühsam und die anwesenden Mitglieder des RAR bestanden jedoch nach wie vor darauf, dass endgültige Beschlüsse erst gefasst werden sollten, wenn die KPD mit an Bord war. Dies gestaltete sich nach wie vor schwierig, denn besagter Max Levien war trotz mehrfacher Versuche, mit ihm in Kontakt zu treten, nicht greifbar. So beschloss man am Abend im Kriegsministerium eine neuerliche Zusammenkunft, allerdings in einem etwas größeren Kreis, abzuhalten. Dabei sollten die endgültigen Entscheidungen getroffen werden. In den Abendstunden hatten sich tatsächlich etwa hundertfünfzig Personen im Sitzungssaal des Kriegsministeriums eingefunden. Darunter waren Mitglieder des RAR, unter denen viele gleichzeitig auch der KPD angehörten, dann offizielle Vertreter der MSPD, der USPD, der Gewerkschaften, die Schneppenhorst, Simon und Steiner sowie eine starke Abordnung des Bauernräte, Vertreter der Soldatenräte sowie Stadtkommandant Dürr und Polizeipräsident Staimer. Offizielle Vertreter der KPD fehlten allerdings noch immer. Als man sich endlich den Beratungen widmen wollte, kam es zu einem dramatischen Zwischenfall, der sich laut Mühsam so abspielte: Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem 54 „Während der Verhandlungen erschienen drei mir unbekannte Männer im Saal, und der Vorsitzende teilte mit, daß eine Delegation der KPD das Wort verlange. Zuerst sprach ein Genosse Schuhmann. Er erklärte zur grenzenlosen Überraschung sämtlicher Anwesenden, seine Partei protestiere gegen die Ausrufung der Räterepublik, die dieses Konventikel gar nicht beschließen dürfe, sondern die vom Rätekongreß angenommen werden müsse. Ich übernahm es, ihm sowie den beiden andern Sprechern der Partei zu antworten. Zunächst setzte ich noch einmal die Gründe auseinander, die schleuniges Handeln verlangen, erinnerte daran, daß sich der Rätekongreß als rückständige und willenlose Körperschaft erwiesen habe und daß der Zentralrat es sei, von dem jetzt die Initiative ausgehe, also durchaus die Instanz, die berufen sei, ein Provisorium zu schaffen, zu dem dann ein neuer auf Grund revolutionärer Rätewahlen einzuberufener Kongreß endgültig Stellung nehmen müsse […] Dann erhielt »Genosse Niessen« das Wort, ebenfalls ein allen Anwesenden gänzlich Unbekannter, dessen Identität mit Eugen Leviné erst einige Tage später bekannt wurde. Seine Ausführungen waren weitaus ernster zu nehmen als die seiner Vorredner. Alle Argumente, die er ins Feld führte, richteten sich gegen ein Zusammenwirken mit den Sozialpatrioten. Er verwies auf die verräterische Haltung der Sozialdemokraten in Berlin, in Hamburg, vor allem in Bremen, griff den anwesenden Minister Schneppenhorst und den Stadtkommandanten Dürr persönlich so scharf an, daß unter den Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) großer Unwille entstand und Schneppenhorst selbst beinahe handgreiflich geworden wäre. Die Erregung über diesen unerwarteten Zwischenfall war außerordentlich“ (1920, S. 45 ff.). Levine warnte die Anwesenden „vor den Illusionen eines kampflosen Hinübergleitens in eine Räterepublik“ (Schaupp, 2017, S. 162). Was Mühsam allerdings verschwieg war die Tatsache, dass die Zwischenrufe bei der Rede des „geheimnisvollen Genossen Nissen“, also Eugen Levine, rasch in persönliche Beleidigungen, gepaart mit antisemitischen Beschimpfungen, abglitten. So bezeichnete der MSPD-Minister Schneppenhorst Levine „als Preußen und Juden, der in Bayern nichts zu suchen habe“ (Schaupp, 2017, S. 154 ff.). Trotz der heftigen Kritik und Ablehnung seitens der Kommunisten beschloss die Versammlung, während der nächsten zwei Tage Delegierte ins Land zu schicken, vor allem in die größeren bayerischen Städte, um nicht nur die Stimmung zu testen, sondern auch kräftig Agitation zu betreiben. Am Abend des 6. April 1919 fand dann im Wittelsbacher Palais, und zwar im ehemaligen Schlafzimmer der Königin, die finale Besprechung zur Ausrufung der Räterepublik statt. Da- Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem 55 bei gelang es Mühsam als Sprecher des RAR den Ausschluss aller MSPD-Mitglieder von Ämtern innerhalb der künftigen Räterepublik zu erreichen, nicht aber die Beteiligung der USPD (Schaupp, 2017). Weit schmerzlicher für ihn war aber die Tatsache, dass sich die Kommunisten dem neuen Gebilde standhaft verweigerten, obwohl sie zwar auch eine Räterepublik wollten, aber eben eine zu ihren Bedingungen. In den frühen Morgenstunden des 13. April 1919 wurde Mühsam in seiner Wohnung von Angehörigen der sozialdemokratisch orientierten republikanischen Schutztruppe festgenommen, zum Münchner Hauptbahnhof eskortiert und schließlich im oberfränkischen Ebrach interniert (Schaupp, 2017). Die Ausrufung und den Untergang der zweiten, kommunistischen Räterepublik konnte er daher nur mehr aus der Ferne verfolgen. Protagonisten 3: Erich Mühsam – Anarchismus und Rätesystem 56

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Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.