Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 37 - 48

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-37

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat Karl-Ludwig Ay bezeichnet Eisner als „unendlich problematische Gestalt“ (1968, S. 15). In der Tat lassen sich Eisners Konzeptionen keineswegs in ein gängiges Schema pressen. Sozialismus bedeutete für Eisner vor allem soziale Gerechtigkeit. Er lehnte dabei den rigiden Anarchismus ebenso ab wie den dogmatischen Sozialismus, war also keineswegs ein geborener Revolutionär. In einem durchaus widersprüchlichen Sinne hielt er lange an der Überzeugung fest, dass die Sache des Proletariats durch parlamentarische Arbeit vorangetrieben werden konnte. Dennoch war Eisner kein eigentlicher Revisionist, als der er später von anarchistischer und kommunistischer Seite gleichermaßen etikettiert wurde (Mühsam 1978; Beyer 1957). Er war nämlich zugleich davon überzeugt, dass der Sozialismus auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhte. Der entscheidende Ausgangspunkt des Denkens Eisners war die feste Überzeugung, dass der Sozialismus unvermeidlich sei und dass sein Sieg letztendlich zu einem „goldenen Zeitalter“ (Mitchell 1967, S. 35) der Zukunft führen müsste. Die Beschäftigung mit Kants Philosophie ließ ihn die Sozialdemokratie als direkte Erbin der Aufklärung sehen. Eisner bezeichnete den Sozialismus fast religiös verklärt als „glaubensstarke Hoffnung“ (Mitchell, 1967, S. 36). Als humanistischer Kriegsgegner wandte sich der gebürtige Berliner im Verlauf des Weltkriegs der USPD zu. Als leidenschaftlicher Gegner der autokratischen Herrschaft setzte er sich schließlich an die Protagonisten 2: Abb. 6 Kurt Eisner 37 Spitze der bayrischen Revolution. Die Haltung zu den Räten aber schwankte in dem Maße, wie sich die revolutionären Ereignisse in München fortentwickelten und die realen Machtverhältnisse gegebenenfalls Zugeständnisse und ein Nachgeben erforderlich machten. Eisner war zunächst bemüht, die Arbeiter-, Soldaten-, und Bauernräte als „vorläufig höchste Legislativgewalt“ (Arnold 1985, S. 248) zu etablieren. Aber Eisner sah sich durch Druck von Seiten der Sozialdemokraten ebenso rasch genötigt, der Umwandlung des Vollzugsausschusses in einen provisorischen Nationalrat zuzustimmen. Auch in der Frage des Wahltermins konnte er seinen Standpunkt in der Regierung nicht erfolgreich behaupten. Und doch wollte Eisner keinesfalls die alte Wahldemokratie aufleben lassen. Den Parlamentarismus traditioneller Prägung bezeichnete er als bloß „formale Wahldemokratie“, in der „nach nur sporadisch[en] Wahlen alle 3 oder 5 Jahre“ (Mitchell 1967, S. 142) Volksvertreter zwar die Regierungsgeschäfte übernahmen, jedoch das Volk in der Rolle des ohnmächtigen Zuschauers verharrte. Seine Vision der neuen Demokratie ging in eine andere Richtung, nämlich „dass die Massen selbst unmittelbar ständig mitarbeiten an den Angelegenheiten der Gesamtheit“ (Dorst 1968, S 28). Vor dem Vollzugsrat der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte erklärte Eisner am 26. November, dass eine aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung solange zwecklos sei, bis die Politik von einem neuen Geist durchdrungen sei (Mitchell 1967, S. 125). Doch welche Gegenkonzeption schwebte ihm vor? Am 16. November wurde das Programm der neuen bayerischen Volksregierung veröffentlicht, das die Unterschrift Eisners trug und als „Versuch die Umwandlung des alten Elends in die neue Zeit in vollkommen verbürgter Freiheit und in sittlicher Achtung vor den menschlichen Empfindungen durchzuführen“ (Ay 1968, Anlage 10) gedacht war. Eisner entwarf darin die Form eines besonderen Nebenparlaments, das auf berufsständischer Grundlage organisiert war. Rund um die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte sollten Beamte, Privatangestellte, Vertreter des Handels und Handwerks sowie der freien Berufe gleichfalls Räte bilden und die Grundlagen einer tätigen Demokratie schaffen. In welche Richtung sollte sich diese tätige Demokratie entfalten? Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 38 Eisner forderte also berufsständische Körperschaften, in der jedoch das Proletariat aufgrund seiner zahlenmäßigen Stärke die Majorität besitzen sollte. Räte sollten aber die Werkzeuge des politischen Lebens sein und nicht reine Vertreter von Berufsinteressen. Sie bildeten in dieser Sichtweise die organisatorische Stütze der Demokratie. Ihre Hauptaufgabe lag in der Mobilisierung der Bürger an der Basis, indem die Bevölkerung permanent am demokratischen Willensbildungsprozess von unten her eingebunden war. Eisner leugnete keineswegs die Gefahren einer alleinigen Herrschaft. Räte sollten vielmehr einen basisdemokratischen Schub bewirken, nämlich „auf die Arbeit des Parlaments zu drücken, wenn dieses mit der allgemeinen Stimmung“ (Schade 1961, S. 75) nicht im Einklang steht. Hier werden Räte als direkt-demokratisches Fundament der parlamentarischen Demokratie betrachtet. Solange aber das Rätesystem als organisatorische Basis der politischen Willensbildung der Massen nicht ausgebaut war, konnten bzw. sollten auch keine Parlamentswahlen durchgeführt werden. Darum versuchte Eisner immer wieder, allerdings erfolglos, Wahlen zum Landtag hinauszuzögern. Er konzentrierte sich entsprechend seiner humanistischen Sozialismusidee auf die größtmögliche Selbständigkeit aller mündigen Individuen und maß ihrer ständigen Beteiligung am demokratischen Prozess höchste Priorität bei. Diese Demokratisierung an der Basis stellte die wesentliche Grundlage dar. Dort wirkte seiner Überzeugung nach der wahre Idealismus. Dort gebe es „keine Führer und keine Angeführten“ (Dorst 1968, S. 34), sondern lebe die Masse der Bevölkerung selbst. Die kritischen Einwände, von sozialdemokratischer oder bürgerlicher Seite vorgebracht, wonach Räte als staatspolitische Amateure nicht zum Regieren geeignet seien, wies Eisner entschieden zurück. Er führte in mehreren öffentlichen Reden das Beispiel des einfachen Schlossers und nunmehrigen Ministers für soziale Angelegenheiten Hans Unterleitner an, der seiner Ansicht nach durchaus Weitsicht und Sachkenntnis verbinden konnte, die ansonsten nur Berufspolitikern zugestanden wurde (Dorst 1968). Eisner wollte die Gesellschaft erneuern und war dabei ganz gefangen von den „idealistischen Prinzipien seiner literarischen Bildung“ (Kreiler 1978, S. 38). Räte wirkten dabei als Erziehungsorgane und Grundmauern der Demokratie. Freilich konnte dies alles nur gelingen, wenn Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 39 gleichzeitig eine völlige Umgestaltung des Schul- und Erziehungswesens stattfand, die vom Geist der Freiheit und Mündigkeit getragen sei. In den Vorstellungen Eisners bedurfte es aber dazu einer neuen Staatsform, die er abwechselnd als Freistaat oder als Volksstaat bezeichnete. Heute gilt über alle Parteigrenzen hinweg der Konsens, dass es sein bleibender Verdienst war, den Begriff „Freistaat“ „in die politische Landschaft der Weimarer Republik eingeführt und, vor allem in Bayern, verankert zu haben“ (Timo Nüßlein in: HAMM et al., 2018, S. 323). Das vorläufige Staatsgrundgesetz vom 4. Jänner 1919 verkündete bereits im Punkt 2: „Die höchste Gewalt des Bayerischen Staates liegt beim Volk“ (Gesetz-und Verordnungsblatt für den Volksstaat Bayern 1919 in: www.verfassungen.de, letzter Zugriff am 19.1.2019). Das war nun tatsächlich eine echte revolutionäre Neuerung. Für den aktuellen Eisner-Biografen Bernhard Grau stellten die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte ein bedeutendes machtpolitisches Potenzial dar (2001, Seite 359ff.) und dessen war sich auch Eisner bewusst. Die Räte waren unmittelbar aus der Revolution heraus entstanden und erhoben dadurch auch sofort Anspruch auf politische Teilhabe. Schließlich bildeten die Räte auch den Kern des provisorischen Nationalrates, der am 8. November 1918 erstmalig von Eisner einberufen wurde. Das von Eisner am 15. November 1918 entworfene Regierungsprogramm enthielt wichtige Weichenstellungen bezüglich der Funktion und Aufgaben der Räte. Zwar sollte eine konstituierende Nationalversammlung so schnell wie möglich einberufen werden, aber erst nachdem bestimmte Vorarbeiten geleistet waren. Laut Grau war damit in erster Linie die „Demokratisierung des öffentlichen Geistes wie der öffentlichen Einrichtungen“ gemeint (2001). Für Eisner hatten die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte“ die rascheste Durchführung einer nicht nur formellen, sondern lebendig tätigen Demokratie“ (Grau, 2001, S. 425 ff.) zu bewerkstelligen. Eisner bezeichnete in seinem Programm den provisorischen Nationalrat als Zentralparlament und den Münchner Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat als Nebenparlament. Außerdem schwebten ihm noch weitere berufsständische Rätegremien vor. Auch Beamte, Lehrer, Privatangestellte, die freien Berufe, das Handwerk, der Handel und die Industrie sollten Rätegremien bilden. Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 40 In diesen neuartigen Parlamenten konnten sie ihre Angelegenheiten unabhängig und selbständig erörtern und ihre Wünsche und Anregungen an die nächsthöheren Instanzen formulieren. Halten wir konzis noch einmal die prägnantesten Aspekte in Eisners Konzept, ein eigentlich ausgeformtes Modell lag nie vor, fest: Räte sollten in Form berufsständischer Kammern als eigene Vertretung der Werktätigen in Stadt und Land tätig werden. Neben einer ersten Kammer als gewähltes Parlament sollte ein berufsständisch gegliedertes Rätesystem als gleichberechtigte zweite Kammer in Form eines Nebenparlaments treten. Hierin glichen sich die Vorstellungen mit denen des rechten USPD-Flügels. Eisner war von der tiefen Überzeugung durchdrungen, dass die größtmögliche Selbständigkeit aller mündigen Individuen und Beteiligten am demokratischen Prozess, die bedeutsamste Aufgabe des Sozialismus sei. Die allergrößte Gemeinsamkeit bei den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte bildete zunächst ihr Kampf gegen Hunger und für die Sicherung des Friedens. Große ausgreifende gesellschaftliche Visionen gab es noch nicht. Auch ein doppeldeutiger Aspekt in Eisners Rätekonzeption wurde von Grau ins Treffen eingebracht, der für viel Missverständnis sorgte und darüber hinaus zu ungerechtfertigten Anschuldigungen führte. Eisner begriff Räte und Parlament nicht als sich gegenseitig aufhebende Kraftpole, sondern suchte eine Synthese, um diese an sich unterschiedlichen Körperschaften miteinander wirken zu lassen. Da aber das Miteinander von Eisner nie klar formuliert wurde, bot diese anvisierte „Machtteilung“ von Parlament und Räten seit jeher viel Spielraum für Spekulationen (2001). So war es auch nicht verwunderlich, dass ihm seine Gegner von rechts und links vorwarfen, entweder mit Hilfe der Räte eine Diktatur der Arbeiterklasse etablieren zu wollen, oder andererseits die Räte nur alibimäßig zu unterstützen, um hinter ihrem Rücken den reinen bürgerlichen Parlamentarismus wieder einzuführen. Bei einer geplanten Ausdehnung der Rätemacht durfte Eisner jedoch zwei weitere Machtfaktoren nicht außer Acht lassen, nämlich den nach wie vor intakte und ehedem noch kaisertreue staatliche Behördenapparat und die „konservative“ bayerische Mehrheitssozialdemokratie. Diese hatte sich aus den dramatischen Ereignissen am Abend des 7. Novembers 1918 weitgehend herausgehalten. Von ihrer Massen- Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 41 basis her betrachtet, war die bayerische MSPD ein allerdings entscheidender politischer Faktor (Grau, 2001, S. 359ff.). Das zeigte sich dann auch klar bei den Landtagswahlen am 12. Jänner 1919, wo die MSPD zur eindeutig stärksten Kraft im linken Lager avancierte, während Eisner und seine USPD ein desaströses Ergebnis einfuhren. Ein bayerisches Spezifikum war es allerdings, dass in Bayern neben den Arbeiter- und den Soldatenräten auch Bauernräte geschaffen wurden. Diese Eigentümlichkeit war der ökonomischen Rückständigkeit Bayerns geschuldet, das am Ende des Ersten Weltkriegs noch immer ein weitgehender Agrarstaat war (Grau, 2001). Darum gingen Eisners Bemühungen auch dahin, mit der Einbeziehung des als „links“ geltenden BBB (Bayerischer Bauernbund) unter Ludwig Gandorfer eine Verbindung zur Landbevölkerung herzustellen. Die war für das Gelingen einer Revolution von nicht zu unterschätzender Bedeutung, schließlich galt es die Lebensmittelversorgung dauerhaft zu gewährleisten. Der frühe Unfalltod Gandorfers erwies sich alsbald als großes Handicap. In den Vorstellungen Eisners hatten die Räte auch eine wichtige Erziehungsaufgabe, nämlich hin zu demokratischer Selbständigkeit. Dies wurde von ihm als hervorragendes Mittel angesehen, um einerseits die Konterrevolution zu bannen, andererseits aber gegen den seiner Meinung nach diktatorischen Bolschewismus einen wirksamen Schutzwall und eine Alternative zu bilden (Dorst 1968). Sein zentrales Anliegen blieb “die Umbildung der Geistesverfassung der Massen“ (Arnold 1985, S. 252) und dabei hatten die Räte eine wichtige Aufgabe zu spielen. Die „Provisorischen Richtlinien“ vom 26. November 1918 wiesen genau in diese Richtung (Appel, 2018). Räte fungierten in Eisners Vorstellung in dreifacher Weise: als politische Instruktoren, sprich Lehrmeister der Massen, als Kontrollinstanzen der Regierung und Verwaltung sowie als unmittelbare Ansprechpartner der Menschen vor Ort. Anscheinend war aber doch an eine Art Doppelherrschaft gedacht, denn an anderer Stelle wurde dem Parlament (Landtag) die souveräne Gesetzesgewalt zugewiesen (Eisner, 1996). Eine entscheidende Frage wurde in den auf den revolutionären Umsturz folgenden Monaten aber immer dringlicher: Wann sollten Wahlen für den neuen bayerischen Landtag stattfinden und was sollte dann mit den Räten geschehen? (Grau, 2001) Eisner empfand die von der bayerischen MSPD, den bürgerlichen Parteien und vor allem von Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 42 der konservativen Presse immer vehementer erhobene Forderung nach einem Wahltermin für ein Landesparlament als perfiden Versuch, die revolutionären Räte zu entmachten, ehe sie sich als bestimmende Kraft etablieren konnten. Eisner bediente sich dabei einer Doppelstrategie. Einerseits wies er darauf hin, dass ein solches erst einberufen werden konnte, „[…] wenn es gelungen sei, die Errungenschaften der Revolution unumkehrbar festzuschreiben, zum anderen begann er nun, die Räte als feste Bestandteile der künftigen demokratischen Grundordnung darzustellen […] (Grau, 2001, S. 429 ff.). Die Debatten im Ministerrat wogten hin und her und wurden schließlich vom Führer der bayerischen MSPD, Innenminister Erhard Auer, auf die Spitze getrieben, indem er Eisner mit der Androhung seines Rücktritts erfolgreich zu erpressen versuchte. In der Ministerratssitzung vom 5. Dezember 1918 wurde nämlich der 12. Januar 1919 als Wahltermin festgelegt. Eisners zunächst erfolgreiche Hinhalte- und Verzögerungstaktik war damit endgültig gescheitert (Grau, 2001). Das vorläufige Staatsgrundgesetz vom 4. Jänner 1919 verwies in seiner Präambel zunächst darauf, dass die Grundsätze einer sozialistischen Republik zu einem späteren Zeitpunkt in einem umfänglichen Verfassungswerk dargelegt würden, bestimmte aber gleichzeitig, dass ein aus Wahlen der Staatsbürger hervorgegangener Landtag die Regierung bildete (Gesetz-und Verordnungsblatt für den Volksstaat Bayern 1919 in: www.verfassungen.de, letzter Zugriff am 19.1.2019). Von Räten und deren Aufgaben war freilich nirgends etwas zu finden. Als dann die Wahlen tatsächlich kamen, erbrachten sie ein mehr als deutliches Ergebnis. Obwohl in München die sozialistischen Parteien mit zusammen 52 % Stimmenanteil deutlich vorne lagen, gingen aus dieser Wahl bayernweit die konservativen- und bürgerlichen Parteien, das waren die bayerische Volkspartei (BVP) und die Deutsche Demokratische Partei (DDP), als Wahlsieger hervor. Sie erhielten zusammen im neugewählten Landtag die absolute Mehrheit. Diese Tendenz setzte sich ebenso bei den eine Woche später abgehaltenen Wahlen zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung fort, wenngleich die USPD ihren Stimmenanteil geringfügig verbessern konnte. Die KPD boykottierte gemäß ihrem Beschluss am Berliner Gründungsparteitag auch in Bayern beide Wahlgänge. Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 43 Bei diesen Landtagswahlen erlitt die USPD als deklarierte Rätepartei eine kapitale Niederlage. Sie erreichte landesweit nur 2,52 % der Stimmen. Selbst in der „Revolutionshauptstadt München“ errang sie nur bescheidene 5 %. Der SPD hingegen gelangen im städtischen Bereich, etwa in München mit 47 % der Stimmen sowie in Nürnberg und Fürth, beträchtliche Erfolge. Die USPD verfügte lediglich über einige wenige Hochburgen im oberfränkischen Industrie- und Bergbaugebiet. Charakteristisch war aber, dass der Anteil der Wählerschaft der beiden Arbeiterparteien in den Städten wesentlich höher war als in den ländlichen Regionen. Dort konnte wiederum der Bayerische Bauernbund (BBB) in Niederbayern, Schwaben, aber vor allem in Oberbayern ein starkes Wählerpotenzial mobilisieren. Insgesamt zeigte jedoch das Ergebnis deutlich, dass sich die bayerische Wählerschaft gegen eine sozialistische Republik, in welcher Form auch immer, für den Parlamentarismus entschieden hatte. Abb. 7 Wahlen zum bayerischen Landtag am 12.1.1919 Eisner selbst gelangte übrigens nur deshalb in den Landtag, weil er in allen Wahlkreisen als Spitzenkandidat aufgestellt worden war. Seine Position als Ministerpräsident war damit unhaltbar geworden (Schaupp, 2017). Schon vorher beurteilten radikale Gegner Eisners, wie beispielsweise Erich Mühsam, dessen Haltung gegenüber den Räten äußerst kritisch: „Sein Streben war von Anfang an darauf gerichtet, den Ein- Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 44 fluß der Räte immer mehr einzuschränken und ihre Tätigkeit zu völliger Bedeutungslosigkeit zu verurteilen […]“ (1920, S. 20). Nach den Wahlen verstärkte sich diese Tendenz. Felix Fechenbach, Eisners Privatsekretär, sah die Sache naturgemäß ganz anders. Die Frage der Nationalversammlung wurde in der Öffentlichkeit und in den Räteparlamenten lebhaft diskutiert. Kurt Eisner wollte Wahlen auf einen möglichst späten Zeitpunkt verlegen, um vorher noch zugunsten der Räte „[…] eine Reihe von machtpolitischen Tatsachen schaffen zu können. Ihm war die Nationalversammlung nicht Grundlage, sondern Krönung des neuen Staatsgebäudes […]“ (Fechenbach, 1929, S. 52). Die Linksradikalen bezichtigten ihn auch bezüglich seines Verhaltens rund um die große Demonstration auf der Theresienwiese am 10. Jänner 1919 einer zwiespältigen und inkonsequenten Doppelstrategie. Was die Linksradikalen besonders empörte war die Tatsache, dass Eisner Haftbefehle gegen einige ihrer Agitatoren, darunter Erich Mühsam, Max Levien und Hilde Kramer, persönlich unterzeichnet hatte. Trotz des Verbots fand die Demonstration auf der Theresienwiese mit über 3000 Personen statt. Danach zog die Menschenmenge zu Eisners Amtssitz, um die Freilassung der Inhaftierten zu erreichen. Vor den Toren standen aber bewaffnete Soldaten; Eisner wiederum ließ sich zunächst nicht blicken. Nun startete eine waghalsige Aktion. Der spätere Kommandant der „Roten Armee“, der Matrose Rudolf Eglhofer, kletterte daraufhin an der Fassade des Gebäudes bis zu Eisners Arbeitszimmer im ersten Stock und stieg durchs Fenster ein. Nach einem kurzen Wortwechsel trat Eisner mit Sozialminister Unterleitner heraus zu den Demonstranten und verkündete die Genehmigung der Freilassung. Nach einem Anruf Eisners in Stadelheim wurden die Betreffenden tatsächlich sofort frei gelassen (Schaupp, 2017). Da war es nur logisch, dass Eisner beim nächsten „revolutionären Großereignis“ einer großen Demonstration zur Ausrufung der Räterepublik auf der Theresienwiese am 16. Februar 1919 gänzlich anders reagierte. Die Marschierenden trugen dabei Transparente mit Parolen wie: „Alle Macht den Räten!“ und „Lasst Euch durch Schwätzer nicht vertreten, selbst herrscht das Volk in den Räten!“ sowie „Die Arbeiter-und Soldatenräte tanzen nicht mehr nach der Landtagsflöte!“ (Schaupp, Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 45 2018, S. 112) Organisiert hatte diese Demonstration der RAR in München. Von den öffentlichen Gebäuden wehten rote Fahnen und alle Industriebetriebe waren durch Abordnungen vertreten. Auch Kurt Eisner nahm an der Demonstration teil und fuhr in skurriler Weise in offenem Wagen voraus. Allerdings, so bemerkte zumindest Eich Mühsam, blieben die Ovationen für ihn aus, ja es herrschte eine geradezu feindselige Stimmung. Eisner kam sich rasch fehl am Platz vor und so schwenkte sein Auto auf halbem Weg von der Demonstrationsroute ab, denn bei der aufgeheizten Stimmung konnte sogar ein tätlicher Angriff auf seine Person nicht mehr ausgeschlossen werden. Um eine Krise mit dem Koalitionspartner zu vermeiden, willigte Eisner wie bekannt schließlich ein, in Bayern Wahlen zu einem verfassungsgebenden Landtag sehr bald auszuschreiben. Eine entsprechende Erklärung erfolgte von seiner Seite aus bereits am 2. Dezember 1918 bei der Tagung der bayerischen Soldatenräte. Eisners Gegner von links und rechts warfen ihm häufig vor, er sei ein Anhänger des russischen Bolschewismus gewesen. Für Fechenbach freilich eine böswillige Anschuldigung ohne jede Grundlage, denn: „[…] Er war ein entschiedener Gegner des Bolschewismus und seiner Methoden. Wohl wollte er die Räte erhalten wissen, sie schienen ihm als Kontrollorgane unentbehrlich für die Schaffung einer tätigen Demokratie. Erst seine Ermordung führte zur Ausrufung der Räte-Republik, die er, wäre er am Leben geblieben, verhindert hätte. Kurt Eisner war im Grunde seines Wesens demokratischer Sozialist […]“ (1929, S. 55). Seine demokratische Gesinnung bewies er jedenfalls am Morgen des 21. Februar 1919, als er sich an einem klaren, hellen Wintertag, etwa gegen 10 Uhr, von seinem Ministerium auf den Weg machte, um im Landtag seine Demission als Regierungschef zu verlesen. Kurt Eisner war zusammen mit Felix Fechenbach und seinem Büroleiter Bruno Merkle unterwegs. Obwohl die zum Landtag führende Prannerstraße in beiden Richtungen von Soldaten abgesperrt war, gelang es dem rechtsextremen Offizier Graf Anton von Arco Valley, sich in einem Hauseingang zu verstecken, dem Trio auf seinem Weg zum Landtag verdeckt zu folgen und den Ministerpräsidenten schließlich mit zwei gezielten Schüssen zu töten. Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 46 Abb. 8 Gedenktafel für Kurt Eisner, München Promenadeplatz – Kardinal Faulhaber Straße, an der Stelle des Attentats Abb. 9 Kurt Eisners Begräbnis am 26.2.1919 Protagonisten 2: Kurt Eisner – Idealist, Revolutionär und Rätedemokrat 47

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.