Vorspann 3: Die „Bayerische Räterepublik“ in der zeitgeschichtlichen Forschung in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 17 - 22

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-17

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
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Die „Bayerische Räterepublik“ in der zeitgeschichtlichen Forschung In den 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts sind zunächst eine Reihe von Publikationen, die die „Bayerische Revolution“ und die beiden Räterepubliken aus verschiedensten Blickwinkeln thematisierten. In der Mitte des neuen Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, etwa seit 2015, nahm dann die Beschäftigung mit diesem spannenden Kapitel deutscher, aber auch bayerischer Geschichte neue Fahrt auf. Aber bereits im Jahr der Niederschlagung der Räterepublik, also 1919, beschäftigten sich die Erinnerungen des Münchner Stadtrates Gerstl unter dem Titel „Die Räte-Republik des Zentralrates“ mit den Ereignissen, brauchbar freilich mehr als Quelle denn als analysierende Darstellung (Seligmann 1998). 1929 erschien im Berliner Fanal-Verlag Erich Mühsams Rechenschaftsbericht „Von Eisner bis Levine“. Der Bericht gewinnt in zweifacher Form an Bedeutung. Er ermöglicht einen Einblick in die unmittelbaren Aktionsfelder des Revolutionären Arbeiterrates und bietet zugleich ein anschauliches Stimmungsbild des durch die Radikalen aufgeheizten Klimas. Mühsams Beurteilung der Räterepublik weist ihn zugleich als einen reumütig Bekehrten aus, denn er distanziert sich nachhaltig von der „Zusammenarbeit mit den Parteikommunisten“ (1978, S. 14), deren kontraproduktiver agitatorischer Wühlarbeit er das Scheitern der 1. Räterepublik zuschreibt. Das Eisnerbild Mühsams ist von Brüchen gekennzeichnet. Zwar billigt er Eisner eine von Idealismus und ehrlichem Bemühen getragene Haltung in der Rätefrage zu, doch habe sich dieser von den Auerochsen (MSPD, Anm. des Verfassers) gänzlich über den Tisch ziehen lassen. Er nennt drei Grundfehler, welche der Errichtung der 1. Räterepublik vorausgingen. Sie sei ohne genügende Vorbereitung, ohne genügenden militärischen Schutz und ohne genügende organisatorische Bereitschaft ausgerufen worden. Ganz im Gegenteil, es hätte alles fix und fertig sein müssen. Damit wäre der Hauptfehler einer „überstürzten Pro- Vorspann 3: 17 klamation“ (S. 69) vermieden worden. Allerdings reicht Mühsams Darstellung nur bis zum Ende der 1. Räterepublik, da er im Zuge der gegenrevolutionären Aktion verhaftet wurde. Artur Rosenbergs „Geschichte der Weimarer Republik“, 1935 im Exil veröffentlicht, weist auf die Mitarbeit vieler SPD-Mitglieder im Rahmen der bayerischen Rätebewegung hin, geht aber ansonsten nicht näher auf die Räterepublik ein (Seligmann 1998). Während der nationalsozialistischen Zeit wurden einige Pamphlete gedruckt und veröffentlicht, die vorrangig unter Titeln wie „Rotmord über München“ die Abwehr des Bolschewismus verherrlichten. Aus den 50er Jahren ist im Gegensatz zu einigen Publikationen aus konservativer Sicht Helmut Neubauers Untersuchung über „München und Moskau 1918/19“ von Bedeutung. Der Autor stellt darin die These auf, dass die bayerische Revolution keinesfalls das Machwerk dunkler ausländischer Insurgenten gewesen sei, sondern durchaus aus eigenständigem Antrieb erfolgte (Seligmann 1998). Eberhard Kolb befasste sich im Rahmen seiner Darstellung über die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik aus dem Jahre 1962 mit dem Erscheinungsbild und den inneren Strukturen der bayerischen Räterepublik. Er sieht gleichzeitig die bayerische Entwicklung insgesamt als „Sonderfall“ (S. 332) an, die erst durch den Tod Eisners ihre radikale Hinwendung zur Räterepublik erfahren habe. Im Jahre 1967 erschien dann die deutschsprachige Ausgabe von Allan Mitchells „Revolution in Bavaria 1918/19“, eine auf umfangreichen Quellenrecherchen basierende Gesamtdarstellung in nicht-marxistischer Sichtweise. Dies gilt auch für die heutige Zeit, wenngleich etwa Roos Mitchells amerikanischen Hang zu simplifizierender Darstellung kritisiert. Die Beurteilung Eisners fällt zwiespältig aus. Mitchell billigt Eisner die Absicht zu, die Revolution in maßvollen und friedlichen Bahnen verlaufen zu lassen. Er sei aber schließlich an der Umsetzung illusionärer und wirklichkeitsfremder Konzepte gescheitert. Im Übrigen bezeichnet der Autor den revolutionären Umsturz durch Eisner als „Putsch“ (1967, S. 80). Als Resümee der bayerischen Revolution stellt er drei Alternativen in den Raum: Die Option einer dauerhaften Räterepublik – sie musste scheitern, da Bayern zu stark vom deutschen Gesamtstaat abhing. Die Möglichkeit einer Doppelherrschaft von Räten und Parlament – dies blieb ein großartiger, aber unrealisierbarer Plan, da er die bereitwillige Zusam- Vorspann 3: Die „Bayerische Räterepublik“ in der zeitgeschichtlichen Forschung 18 menarbeit von Radikalen und Gemäßigten, Konservativen und Marxisten voraussetzte. Die Errichtung einer parlamentarischen Demokratie, die unweigerlich zum Ende der Rätebewegung führen musste – das wurde schließlich realisiert und die bayerische Verfassung vom August 1919 erfüllte die zentralen SPD-Forderungen aus der Vorkriegszeit. Etwa zur selben Zeit wurden drei weitere Publikationen veröffentlicht, die vorrangig als Quellensammlung gedacht waren. Gerhard Schmolzes „Revolution und Räterepublik in München 1918/19 in Augenzeugenberichten“, die sich als Rückgriff auf die unmittelbaren Quellenzeugnisse einer hochkomplexen Ereigniskette versteht, Karl- Ludwigs Ays ausführliche Dokumentsammlung „Appelle einer Revolution“ und die von Erwin Münz und Ludwig Morenz 1968 herausgegebene Stadtchronik „Revolution und Räteherrschaft in München 1918/19“. Allerdings tritt hier an die Stelle einer fundierten Bearbeitung, die „sachlich unvoreingenommene Beurteilung jener Zeit“ (S. 5). Sebastian Haffners Opus „Die Deutsche Revolution 1918/19“ (1979) widmet den Vorgängen in Bayern ein umfangreiches Kapitel (S. 169-189 – Ausgabe 1981) und weiß mit scheinbar bestechender Klarheit die wahren Schuldigen am Untergang der Räterepublik zu verorten, nämlich die allzu kompromissbereite Sozialdemokratie. Die voluminöse und 1988 (711 Seiten) in erster Auflage in Buchform erschienene Dissertation von Michael Seligmann „Aufstand der Räte“ will nach den Intentionen des Autors, „die unwichtigen unter den Strukturen der Geschichte zum Verschwinden gebrachten kleinen Einzelheiten als Mosaiksteine für das Gesamtbild verwerten“ (S. 40 – Ausgabe 1998). Sie versucht ferner einen Beitrag zur Erhellung der Radikalisierungsprozesse innerhalb der bayerischen Rätebewegung zu leisten. Die Entwicklungstendenzen vom Ausbruch der Revolution bis zum Ende der 1. Räterepublik werden ausführlich abgehandelt. Von wesentlicher Bedeutung erscheint hierbei, dass die ansonsten häufig zu beobachtende Konzentration auf das Revolutionszentrum München zugunsten einer umfangreichen Darstellung der regionalen und lokalen Gegebenheiten aufgegeben wird. Dies gilt besonders für die Ausrufung der Räterepublik. Folgendes Fazit wird von Seligmann gezogen: Die Räterepublik wurde ausgerufen als letzter verzweifelter Protest der Rätebewegung gegen eine unumkehrbare Entwicklung, die von Berlin ausging (S. 51). Der Entscheidungsprozess für eine Räterepublik Vorspann 3: Die „Bayerische Räterepublik“ in der zeitgeschichtlichen Forschung 19 vollzog sich nicht geradlinig. Die Massenbasis der Befürworter einer Räterepublik ist im städtisch-proletarischen Umfeld zu suchen. Die Ausrufung der Räterepublik war jedoch nicht die Aktion einiger weniger Männer, sondern entwickelte sich aus der radikalisierten Massenstimmung seit Ende Februar (S. 45-50). Damit gelangt Seligmann zu einer ähnlichen Schlussfolgerung wie Kolb. Die 1998 publizierte Darstellung von Walter Roos „Die Rote Armee der Bayerischen Republik“ konzentriert sich hauptsächlich auf die militärische Komponente der bayerischen Revolution, legt aber auch hier das Dilemma der Rätebewegung offen: Revolutionärer Wille und Begeisterung konnten mangelnde fachliche und organisatorische Erfahrung in keiner Weise ersetzen (S. 123-124). Aus dem gleichen Jahr datiert die deutsche Ausgabe von David Clay Large Opus „Hitlers München“, indem er ein ganzes Kapitel dem „Roten München“ widmet. Anlässlich des 90jährigen Gedenkens an die Bayerische Revolution und einer dazu konzipierten Ausstellung in München, wurde 2008 eine Publikation aus der Schriftenreihe des Hauses der Bayerischen Geschichte unter dem Titel „Revolution! Bayern 1918/19“ aufgelegt. Darin wurden nicht nur die führenden Repräsentanten porträtiert, sondern auch die vier Etappen der bayerischen Revolution eingehend analysiert. Ab dem Jahre 2015 kamen dann fast im Jahresrhythmus Bücher zur Bayerischen Revolution auf den Markt. Victor Klemperers (Revolutions)Tagebuch „Man möchte immer weinen und lachen in einem“ ist ein hervorragender Augenzeugenbericht, der die Ereignisse in München zwischen November 1918 und April 1919 ironisch-kritisch kommentiert. Simon Schaupps 2017 veröffentlichtes Tagebuch einer bayerischen Revolution „Der kurze Frühling der Räterepublik“ bietet eine lebendige Chronik Tag für Tag, indem zwei führende Protagonisten der Revolution, Erich Mühsam und Ernst Toller, sowie die junge Sozialrevolutionärin Hilde Kramer im Mittelpunkt stehen. Im abgelaufenen Jahr 2018 erfolgte durch Michael Appel mit „Die letzte Nacht der Monarchie“ eine neue Sichtweise auf die Ereignisse in Bayern vor exakt hundert Jahren. Unter Einbeziehung konservativer, aber auch revolutionärer „Zeitzeugen“ (Josef Hofmiller, Carl-Alexander von Müller und Oskar Maria Graf) entfaltet sich ein eindrückliches Panorama einer aus allen Fugen geratenen Zeit, in der das grandiose Scheitern politischer Verheißungen schließlich in ein dunkles Zeitalter führte. Zeitgleich nimmt Robert Gerwarth in „Die grösste aller Vorspann 3: Die „Bayerische Räterepublik“ in der zeitgeschichtlichen Forschung 20 Revolutionen“ den November 1918 unter die Lupe und zollt dabei den revolutionären Umbrüchen in Bayern die gebührende Aufmerksamkeit. Vorspann 3: Die „Bayerische Räterepublik“ in der zeitgeschichtlichen Forschung 21

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Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.