Glossar in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 113 - 116

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-113

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
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Glossar FREISTAAT Bayern Dieser Begriff war schon seit dem frühen 18. Jahrhundert als Bezeichnung für eine Republik bekannt. Gemeint ist damit ein Staatswesen, in dem die Staatsgewalt vom Volk ausgeht. Unter Kurt Eisner wurde zunächst die Bezeichnung „Volksstaat“ populär. Der Name „Freistaat“ setzte sich freilich erst nach dem Ende der Räterepublik im Mai 1919 durch. Seit der Verabschiedung der Bayerischen Verfassung am 14. August 1919 ist dieser Begriff auch ein Teil des offiziellen Staatsnamens. Parteispaltung: MSPD/USPD/Spartakusbund/KPD Am 21. Dezember 1915 stimmten 20 Abgeordnete der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) gegen eine neuerliche Bewilligung von Kriegskrediten, um damit ein Zeichen gegen den Krieg an sich und gegen die aggressiven Kriegsziele des Deutschen Reiches zu setzen. Sie bildeten eine parlamentarische Gruppe unter der Bezeichnung Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG) und wurden Anfang 1917 aus der SPD ausgeschlossen. Bis zur Wiedervereinigung im Jahre 1922 wurde die SPD nunmehr als MSPD bezeichnet. Im April 1917 gründeten die Ausgeschlossenen daraufhin eine neue Partei, die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands). Kurt Eisner war als Abgesandter aus München vor Ort. Im Rahmen der Novemberrevolution bildete die USPD zusammen mit der MSPD den Rat der Volksbeauftragten als höchstes deutsches Regierungsgremium. Die Linksradikalen des Spartakuskusbundes unter Wilhelm Liebknecht und Rosa Luxemburg verblieben zunächst in der neuen Partei. Sie gründeten aber am 30.12.1918 offiziell die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands). Damit war die Spaltung des linken politischen Lagers zur Gewissheit geworden. 113 Postionen der linken Parteien SPD Politische und gesellschaftliche Neuordnung auf demokratischer Basis, Zusammenarbeit mit bürgerlichen Kräften, keine unmittelbare Regierungsverantwortung für Räte USPD, linker Flügel Gegen eine Nationalversammlung für ein Rätesystem USPD, rechter Flügel Die Nationalversammlung soll zu einem späteren Zeitpunkt kommen, Räte als Kontrollinstanz Spartakusbund/KPD Rätesystem nach sowjetischem Vorbild, absolute Ablehnung des Parlamentariusmus, revolutionäre Agitation auf der Straße. Ihre bayerischen Repräsentanten waren: Max LEVIEN, 1885 in Moskau geboren. Kriegsfreiwilliger im 1.Weltkrieg im Rang eines Vizefeldwebels. Er war Mitbegründer des Spartakusbundes und der KPD in Bayern. Am 20. Dezember 1918 hielt der Spartakusbund in München erstmals eine Versammlung ab, Levien trat dabei als Verfechter eines Bolschewismus nach russischem Vorbild auf. Levien wurde im Februar 1919 wiederholt kurzzeitig verhaftet, so auch am dritten Tag des gesamtbayerischen Rätekongresses. Seit 21. Februar 1919 war er Mitglied des Zentralrates und dann vom 13.4. bis 27.4.1919 Mitglied des Vollzugsrates der 2.Räterepublik. Er verfügte auch die Geiselerschießungen im Luitpoldgymnasium am 30.4.1919. Levien wurde auf seiner Flucht im Oktober 1919 in Wien verhaftet, aber nicht an Bayern ausgeliefert und gilt seither als verschollen. Eugen LEVINE, 1883 in St. Petersburg geboren. Eugen Levine war bereits 1905 als Student an der gescheiterten Russischen Revolution von 1905 beteiligt. Nach einer mehrjährigen Haft in Sibirien, gelang ihm die Flucht nach Europa und unter anderem auch nach Deutschland, wo er beim Studium in Heidelberg Rosa Mayer kennenlernte. Im November 1918 eilten beide sogleich zum revolutionären Hotspot Berlin. Glossar 114 Sein Deckname in München lautete „Genosse Niessen“. Levines klarer Auftrag in München war es, die Kommunistische Partei, der bislang Max Levien vorstand, gänzlich zu einer bolschewistischen Kaderpartei umzuwandeln. Von 13. bis 24.4.1919 war er Vorsitzender des Vollzugsrates der 2. Räterepublik. Nach seiner Verhaftung wurde er am 3. Juni 1919 von einem Standgericht wegen Hochverrates zum Tode verurteilt und hingerichtet. Reichs-Rätekongress in Berlin Dieser erste gesamtdeutsche Rätekongress fand vom 16.12. bis 20.12.1918 in Berlin statt. Er wurde mehrheitlich von MSPD-Delegierten dominiert. Ernst Toller war von der Münchner USPD nach Berlin entsandt worden. Folgende Forderungen wurden dabei erhoben: Sozialisierung von Industrie und Bergbau, Demokratisierung des Militärs, Entwaffung der Konterrevolutionäre. Der folgenschwerste Beschluss betraf aber das Verhältnis von Räten und Parlament. Die Mehrheit der Delegierten entschied sich für die Festlegung eines Termins zur Wahl einer Nationalversammlung. REVOLUTION in BAYERN: 1. Etappe – Das Ministerium Eisner Ministerpräsident und Auswärtige Angelegenheiten: K. Eisner (USPD) Innen: E. Auer (SPD) Unterricht und Kultur: J. Hoffmann (SPD) Finanzen: E. Jaffè (USPD) Justiz: J. Timm (SPD) Militär: A. Rosshaupter (SPD) Soziale Fürsorge: H. Unterleitner (USPD) Verkehr: H. Frauendorfer (parteilos) REVOLUTION in BAYERN: 1. Etappe – Das Ministerium Eisner 115

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Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.