Prolog in:

Ernst Gusenbauer

Dann war es nur ein Traum ..., page 1 - 4

Rätedemokratie und Rätebewegung in Bayern 1918/19

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4348-6, ISBN online: 978-3-8288-7297-4, https://doi.org/10.5771/9783828872974-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 41

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Prolog Wer jüngst die Coverseiten diverser historischer Magazine betrachtete, dem fiel auf, dass das Jahr 2019 auf dem besten Weg ist, zu einem neuerlichen historischen Gedenkjahr zu werden. Diesmal stehen jedoch nicht Beginn oder Ende des Ersten Weltkriegs im Fokus der Betrachtung, sondern die unmittelbaren Folgen dieses langläufig als Urkatastrophe Europas bezeichneten Geschehens. Großreiche verschwanden innerhalb kurzer Zeit und Revolutionen erschütterten den ganzen Kontinent. Im Osten Europas ging der Krieg sogar noch weiter. Die aus den Trümmern der untergegangenen Imperien entstandenen neuen Staatengebilde verstrickten sich sogleich in erbittert geführten Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarn, in denen es um nationalistische Selbstbehauptung, Grenzziehungen und Bevölkerungsgruppen ging. Ein Rückblick auf vergangene Epochen der Geschichte zeigt, dass politische Akteure bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts vor allem darauf abzielten, Verheißungen zu entwickeln, die das Leben, vor allem der unteren Schichten, in elementarer Weise zum Besseren wenden sollten. Von prophetischen Ankündigungen hin zur „Veränderung der menschlichen Bedrängnis“ (Purdy, 1999) genährt, entsprangen daraus Revolutionen als sichtbarer Ausdruck dieser Hoffnungen. Sie waren verbunden mit der Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit und politischer Teilhabe aller Schichten und hatten zugleich ein eindeutiges Ziel, nämlich die vollständige Umwälzung der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse. Der traditionelle Revolutionsbegriff richtet sein Hauptaugenmerk auf einen zugleich elementaren und gewaltsamen Umsturz der bestehenden politischen und sozialen Ordnung und verklärt dabei nur allzu oft die revolutionären Volksmassen in romantischer Weise. (Ay, 1968) Leo Trotzkis Grundmuster revolutionärer Entstehungsbedingungen, vor dem Hintergrund der Russischen Revolution von 1917 entwickelt, geht von der Grundannahme aus, das sich zunächst eine breite 1 Front aller Gegner des alten Regimes formiere. Dies führe zu einer revolutionären Übergangssituation in der, neben revolutionären Organen, eine alte provisorische Regierung ein System der Doppelherrschaft ausübe. Schließlich werden die Radikalen durch den Gang der Ereignisse immer stärker und verdrängen die alten Eliten von der Macht. Am Höhepunkt der Auseinandersetzungen stehe freilich eine diktatorische Phase, die schließlich die neue Herrschaft zu festigen vermag (Neubauer, 1968). Dabei entstehen in Form der Räte ganz neue politische Institutionen von unten als Ausdruck des Volkswillens. Die Geschichte der Rätebewegung in Deutschland zeigt ein eindrückliches Beispiel des Versuches, unmittelbare, aktive und selbstverantwortliche Teilhabe an der politischen Macht zu erringen, aber auch des Scheiterns dieser Bemühungen. Die deutsche Novemberrevolution bildete in der Tat eine tiefgreifende Umwälzung der politischen Strukturen und der Gesellschaft, ohne dass dies aber sogleich in ihrer ganzen Tragweite begriffen wurde (Bracher, 2002, S. 36 ff). Zwar waren in Anlehnung an den Revolutionsbegriff des italienischen Marxisten Antonio Gramsci die Vertreter der alten Ordnung nicht mehr fähig und wohl auch nicht mehr Willens, der Entwicklung Einhalt zu gebieten, doch war andererseits das Neue in Gestalt der Rätebewegung noch nicht in der Lage, ihren Zielvorstellungen eine eindeutige Richtung zu geben. Erst zu einem Zeitpunkt, als die wichtigen politischen Entscheidungen gegen sie schon längst gefallen waren, gelang es ansatzweise, Modelle einer zukünftigen neuen Staats-und Gesellschaftsform zu präsentieren. Die vorliegende Publikation „Dann war es nur ein Traum … Rätedemokratie und Räterepublik in Bayern 1918/19“ basiert auf der im Jahre 2003 am Historischen Institut der FernUniversität in Hagen eingereichten Magisterarbeit „Das Modell der Rätedemokratie und die Münchner Räterepublik 1919“. Allerdings fokussiert die Neufassung ausschließlich den (gescheiterten) Versuch, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten. Einen zweiten Unterschied gibt es gegenüber der ursprünglichen Fassung: Die Bezeichnung Münchner Räterepublik wurde zugunsten von Bayerischer Räterepublik aufgegeben. Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, wurden doch beide Räterepubliken in München ausgerufen, ist dies Prolog 2 aus heutiger Sicht des Autors eine verkürzte Sichtweise. Die revolutionären Ereignisse erfassten auch andere bayerischen Städte und vor allem ländliche Regionen in unterschiedlicher Weise und dies hatte wiederum Auswirkungen auf den Fortgang der Revolution in München. Auch jene Literatur, die sich neuerdings (wieder) diesem Thema widmet, verwendet gleichfalls durchgängig die Bezeichnung Bayerische Revolution bzw. Bayerische Räterepublik. Die vorliegende Publikation behauptet aber nicht, epochale Erkenntnisse hinzuzufügen. Was sie jedoch beabsichtigt ist, anstelle einer „braven“ Chronologie, durch besondere thematische Zugänge, die bewegenden Ereignisse in komprimierter Form neu zu beleuchten. Gewissermaßen im Vorspann wird versucht, Fragen zur Entstehung, zum Erscheinungsbild und zu den Positionen der Parteien, die sich mit der Rätedemokratie auseinandersetzten oder sie lauthals propagierten, zu erläutern. Sodann werden die häufig nur auf dem Papier existierenden Konzepte (Modelle) einer solchen Rätedemokratie vorgestellt und schließlich das Erscheinungsbild der bayerischen Arbeiter-, Soldaten-, und Bauernräte untersucht. Der nur fragmentarische Versuch, Frauenräte zu etablieren wird dabei in die Betrachtung mit einbezogen. Die Ereignisse in Bayern sind aus vielerlei Gründen von besonderer Faszination. Gab es ein spezielles Gesicht der bayerischen Revolution, wie dies in der einschlägigen zeitgeschichtlichen Forschung lange Zeit immer wieder betont wurde (Ay 1968; Kolb 1962; Oertzen 1976)? Man kann diese Frage uneingeschränkt bejahen. Der revolutionäre Umsturz erfolgte bereits vor den entscheidenden Ereignissen in Berlin und besaß außerdem „als bayerische Revolution“ auch eine durchaus „bohemeartige“ Facette, in der vor allem Intellektuelle und Künstler wie Erich Mühsam, Gustav Landauer oder Ernst Toller maßgeblich Akteure waren. Ihre besondere Prägung erhielten sie durch einen weiteren Protagonisten in der Gestalt von Kurt Eisner, des revolutionären ersten Ministerpräsidenten der Republik Bayern. Seine neue Form der revolutionären Demokratie propagierte einen Dualismus zwischen Rätewesen und bestehendem Parlamentarismus, erfüllt von der idealistischen Wunschvorstellung, dass nämlich eine Revolution erstmalig im Laufe der Geschichte Idee und Wirklichkeit zu vereinen vermochte und dabei ohne Gewalt und Blutvergießen auskommen könne. Prolog 3 Die Experimente des Interregnums und der beiden Münchner Räterepubliken wurden zu jenem Zeitpunkt gewagt, als auf Reichsebene die entscheidenden Würfel längst gefallen waren und die Machtverteilung nahezu als unwiderruflich entschieden galt (Ay, 1968). Warum der revolutionäre Impetus in Anlehnung an ein Zitat von Gustav Landauer, „ein Traum blieb“, soll in den folgenden Kapiteln gezeigt werden. Die vorliegende Ausgabe, mit Bilddokumenten ergänzt, richtet sich an ein breites und hoffentlich interessiertes Publikum. Ernst Gusenbauer Ried, im Frühjahr 2019 Prolog 4

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Zusammenfassung

Vor genau 100 Jahren wurden in Bayern kurz hintereinander zwei revolutionäre Räterepubliken ausgerufen. Sie stellten den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die vom November 1918 bis zum April 1919 Bayern, Deutschland und Mitteleuropa mehr als 200 Tage lang in ihren Bann zog.

Obwohl die entscheidenden Etappen der bayerischen Revolution ihren Ausgangspunkt in der Landeshauptstadt München nahmen, kann dennoch mit Fug und Recht von einer bayerischen Revolution gesprochen werden. Die revolutionäre Stimmung erfasste nämlich auch andere bayerische Städte und die ländlichen Regionen. Die vorliegende Publikation beabsichtigt, durch besondere thematische Zugänge die bewegenden Ereignisse neu zu beleuchten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher das Modell der Rätedemokratie, die handelnden Protagonisten sowie das gescheiterte Experiment, einen Staat auf rätedemokratischer Grundlage zu errichten.