Content

Vincent Geilenberg, Sind InsureTechs die besseren Versicherer? Eine ökonomische Analyse aus Sicht verschiedener Verbrauchertypen in:

Tim Alexander Herberger (ed.)

Die Digitalisierung und die Digitale Transformation der Finanzwirtschaft, page 171 - 196

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4345-5, ISBN online: 978-3-8288-7296-7, https://doi.org/10.5771/9783828872967-171

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Sind InsureTechs die besseren Versicherer? Eine ökonomische Analyse aus Sicht verschiedener Verbrauchertypen Vincent Geilenberga* Key Words: Insurance; Start-ups; Finance Inhaltsübersicht: 1 Einleitung 2 Das Versicherungsgeschäft 3 Das Versicherungsgeschäft und Big Data 4 InsureTechs und die Geschäftsmodelle 5 Die Wahl der Verbrauchertypen 6 Fazit und Ausblick Literaturverzeichnis aResearch Student atZeppelin University 'Please address correspondence to Vincent Geilenberger, Zeppelin University, Am Seemoser Horn 20, 88045 Friedrichshafen. 171 1 Einleitung Die Versicherungsbranche steht ein gewaltiger Wandel auf grund der neu geschaffenen technischen Möglichkeiten durch Big Data bevor. Das Prinzip des Risikoausgleichs im Kollektiv wird sukzessive in das Prinzip der Risikoerfassung im Indivi duellen überführt, sodass individuellere Versicherungslösun gen zu individuellen Preisen möglich werden, weil die Quanti tät und Qualität der miteinander verknüpfbaren Daten dies möglich machen wird. Immer mehr Geräte, welche in den Haushalten oder an den Körpern der Verbraucher angebracht sind, werden Daten generieren, welche sich zum oben genann ten Zweck nutzen lassen. Diese Ausnutzung der Möglichkeiten von digitalen Technologien in der Versicherungsbranche wird allgemein InsureTech genannt, wobei man in einem zweiten Schritt zwischen etablierten Versicherern, die diese Möglich keiten ausnutzen und neuen Start-Ups, die ebenfalls durch die Ausnutzung der technologischen Möglichkeiten die Branche revolutionieren wollen, unterscheiden sollte. Diese Arbeit be fasst sich mit den Geschäftsmodellen der InsureTech Start- Ups, indem sie die Frage zu beantworten versucht, wie revolu tionär die Geschäftsmodelle dieser für die Branche tatsächlich sind und dies gerade vor dem Hintergrund, welche Möglich keiten die etablierten Versicherer durch die neuen Technolo gien haben, welche den InsureTech Start-Ups nicht zur Verfü gung stehen. Zwecks der Untersuchung des revolutionären Po tentials der Geschäftsmodelle werden drei unterschiedliche Verbrauchertypen vorgestellt, um an deren Beispiel den Nut zen der jeweiligen Geschäftsmodelle im Hinblick auf deren charakteristische Verbrauchermerkmale ausgiebig zu disku tieren. In dem ersten Kapitel wird die Grundlage des Versiche rungsgeschäfts in seiner klassischen Form beschrieben, um darauf aufbauend im zweiten Kapitel den Wandel durch die neuen Technologien analysieren zu können. Hierbei wird sich zeigen, dass es in der Versicherungsbranche der Zukunft maß geblich darauf ankommen wird, welche Art von Daten und wie viele Daten man als Versicherer miteinander verknüpfen kann, da diese Fähigkeit die Schlüsselkompetenz zur Sicherung und zum Ausbau vom ökonomischen Erfolg sein wird. Im dritten 172 Kapitel wird der InsureTech Begriff definiert und die jeweili gen aktuellen Geschäftsmodelle von InsureTech Start-Ups in den jeweiligen Abschnitten einzeln beschrieben und jeweils die Frage nach der Konkurrenzfähigkeit mit etablierten Versiche rern vor dem Hintergrund der analytischen erschlossenen Er gebnisse des zweiten Kapitels gestellt. Im vierten Kapitel wer den zunächst die Auswahlkriterien für die drei repräsentativen Verbrauchertypen vorgestellt, indem darauf verwiesen wird, dass bei der Auswahl maßgeblich auf möglichst heterogene Merkmale im Verhältnis zueinander geachtet wurde und dass diese Verbrauchertypen für einen nennenswerten Anteil aller Verbraucher stehen. Diese Kriterien erfüllen der l) Erfolgsver wöhnte Unternehmer, der 2) Familienorientierte und der 3) Sparsame Haushälter. Deren charakteristische Merkmale wer den in den daraulfolgenden Abschnitten jeweils zunächst be schrieben, um anschließend für alle Geschäftsmodelle der In sureTech Start-Ups einerseits alle Aspekte der Verbraucher merkmale, die für ein Interesse an dem Start-Up Geschäftsmo dell sprechen und andererseits alle Aspekte, die für ein Desin teresse an dem Start-Up Geschäftsmodell sprechen, diskutiert. Im letzten Kapitel werden die Erkenntnisse aus allen einzelnen Analyseschritten zu einem vereinheitlichenden Fazit zusam mengezogen, um die Frage zu beantworten, ob die Geschäfts modelle der InsureTech Start-Ups die Branche revolutionieren werden oder ob dies eher nicht der Fall sein wird. 173 2 Das Versicherungsgeschäft Die Grundlage des Versicherungsgeschäfts bildet das Prinzip des Risikoausgleichs im Kollektiv, welches darin besteht, dass eine Vielzahl einzelner Risiken aggregiert werden, um dadurch im Aggregat das Gesamtrisiko der einzelnen Versicherungsge schäfte zu reduzieren. Diese Risikoreduktion durch Risikenag gregation ist notwendig, weil im Versicherungsgeschäft Versi cherungsverträge im Hinblick auf eine unbekannte Zukunft abgeschlossen werden, d.h. lediglich mit statistischen Wahr scheinlichkeitsaussagen, welche eine Mehrzahl relevanter Va riablen in Bezug auf die wahrscheinlichkeitsbasierte Beziffe rung des Ausmaßes des Eintretens möglicher Schadensfälle miteinander verknüpfen, gearbeitet werden kann.1 Den Aus gangspunkt der Risikoklassifikation bilden Risikofaktoren also potentielle Schadensursachen, die mit einer gewissen Wahr scheinlichkeit eintreten können.2 Das Ziel dieser Aggregierung von Einzelrisiken ist in erster Linie die Verringerung der Vari abilität des Eintretens von Schadensfällen sowie die Reduzie rung von extremen Schadensfällen.3 Die einer solchen Kalku lation hierzu zugrunde gelegten geeigneten Variablen mit ent sprechenden Daten, die darüber Auskunft geben, mit welcher Wahrscheinlichkeit Schadensfälle in einem bestimmten Versi cherungsgeschäft auftreten, entstammen unumgänglich im mer der Vergangenheit.4 Die Fähigkeit der möglichst genauen Einschätzung des Ausmaßes des Eintrittrisikos von Schadens fällen hängt maßgeblich davon ab, wie umfangreich zeitlich und treffsicher sachlich betrachtet, die dem Versicherer zur Verfügung stehenden Daten sind. Denn es handelt sich bei den Daten um Variablen, die das jeweilige Risiko des Eintritts eines Schadenfalles beziffern.5 Im Versicherungsgeschäft kommt es folglich für die jeweiligen Versicherer vor allem darauf an, dass sie diese Fähigkeit der exakten Bezifferung von Risiken aus bauen, um dadurch optimale Prämien für ihre jeweiligen Ver sicherungsprodukte veranschlagen zu können. Die 1 Vgl. Arisov et al. 2019, S. 9. 2 Vgl. Albrecht 2017, S. 189. 3 Vgl. Cortis et al. 2018, S. 72. 4 Vgl. Lewis 2017, S. 493. 5 Vgl. Arisov et al. 2019, S. 9 174 Festsetzung der Höhe der Prämie auf ein konkretes Versiche rungsprodukt ist von essentieller Bedeutung für den Versiche rer, weil dieser darüber größtenteils seinen Profit erwirtschaf tet.6 Eine zu hoch angesetzte Versicherungsprämie bedeutet eine Abnahme der Konkurrenzfähigkeit mit anderen Versiche rern, weil die potentiellen Versicherungsnehmer aufgrund der geringeren Versicherungsprämie die Versicherungsprodukte der Konkurrenten nachfragen würden. Gleichzeitig bedeutet eine zu niedrig angesetzte Versicherungsprämie wiederum, dass für die Begleichung der zukünftig eingetretenen Scha densfälle potentiell die eingenommene Prämiensumme ver wendet werden muss oder der Versicherer sogar noch zusätz liche Gelder aus anderen Quellen aufgebringen muss. Daher handelt es sich bei der Festlegung der optimalen Prämie um einen “Balanceakt”. Die Höhe der Prämie wird dabei nicht für jeden Versicherungsfall einzeln berechnet, sondern richtet sich nach der Zusammensetzung der Merkmale von Risi koklassen, in welchen jeweils die Individuen von den Versiche rern einsortiert werden.7 Innerhalb dieser Risikoklassen wer den dann für den Einzelfall Gewichtungen vorgenommen, wel che dann die abschließende Prämienhöhe bestimmen.8 Dieses Verfahren der Einsortierung von Versicherungsnehmern in Risikoklassen ist maßgeblich der Unbekanntheit der weiter führenden individuellen Risiken geschuldet, da es für deren Integration und Bezifferung ebenfalls vorliegende Daten geben müsste, die eine veränderte Risikoeinschätzung gegenüber der Risikoklasse rechtfertigen. 6 Vgl. Lewis 2017, S. 493. 7 Vgl. McFall 2019, S. 54. 8 Vgl. Hoy 1982, S. 323. 175 3 Das Versicherungsgeschäft und Big Data Die ehemalige Unverfügbarkeit von persönlichen Daten wan delt sich aktuell aufgrund von Big Data in die Verfügbarkeit derselben um. Dabei bezeichnet der Begriff Big Data nicht ein fach nur die Tatsache, dass immer mehr Daten gesammelt wer den, sondern vielmehr noch, dass diese gesammelten Daten den unterschiedlichsten Quellen entstammen und miteinan der auf neuartige Weisen verknüpft werden.9 Denn durch die Nutzung von intelligenten Smart-Home Geräte lassen sich bei spielsweise Daten von individuellen Verbrauchern sammeln, was zu individuellen Preismodellen führt. Daher bedeutet die zunehmende Verfügbarkeit von persönlichen Daten eine Ver änderung der Beziehung zwischen den Versicherern und Ver sicherungsnehmern in der Hinsicht, dass die Versicherten zu nehmend eigenständig Daten generieren können.10 Diese ei genständig aggregierten Daten werden mit den Versicherern ausgetauscht, sodass diese die Ereignisse an entfernten Orten überwachen und dynamische Versicherungspreise nach Maß gabe der Nutzungsweise der Versicherten anbieten und umset zen können.11 Die Anzahl der miteinander verknüpften elekt ronischen Geräte wie Autos, Fitness-Trackern, Home-Assistenten oder Smart-Watches der Versicherten wird in Zukunft stark zunehmen und noch von anderen Produkten wie Klei dung, Augen-Sensoren oder medizinischen Geräten ergänzt werden. Diese Vielzahl von Datenquellen sowie die instantane Bereitstellung der Daten ermöglicht folglich l) die Servicebe reitstellung der Versicherer in Echtzeit, 2) die Bildung neuer Versicherungsprodukte sowie 3) eine individuellere Preisset zung.12 Big Data wandelt demnach die zuvor durch Passivität ausgezeichnete Rolle der Versicherer zu einer aktiven Rolle der Kontrolle und zielgerichteten Intervention um, da die Versi cherer, die in dem Haushalt und an dem Körper der Versicher ten angebrachten elektronischen Geräte aus der Ferne über wachen können, um beispielsweise bei auftretenden Verände rungen des Wasserdrucks den Versicherten auf einen sich 9 Vgl. Lehrer et al. 2018, S. 428. 10 Vgl. Arisov et al. 2019, S. 7. 11 Vgl. Silvello et al. 2019, S. 4. 12 Vgl. Ramnath et al. 2018, S. 4. 176 möglicherweise anbahnenden größeren Schaden aufmerksam machen können, sodass dieser seinerseits frühzeitig interve nieren kann. 13 Die Versicherer können dank dieser technologi schen Möglichkeiten erstmalig wirklich präventiv aktiv wer den.^ Der größte Effekt auf die Versicherungsbranche durch Big Data besteht jedoch nicht darin, dass die Versicherer 1) ih ren Service in Echtzeit bereitstellen können, 2) neue Versiche rungsprodukte konzipieren können oder 3) eine individuellere Preissetzung erstellen können, sondern viel grundsätzlicher darin, dass sie die heterogenen personenbezogenen Daten mit einander verknüpfen können, also aus der Verknüpfung der unterschiedlichsten Daten ein spezifisches Versichertenprofil gewinnen. Diese Fähigkeit der Verknüpfung heterogener Da tenquellen dürfte voraussichtlich der entscheidende Wettbe werbsvorteil der Versicherungsbranche der Zukunft sein, da es, wie oben herausgestellt, auf die möglichst exakte Erfassung des Ausmaßes des Risikos des Eintretens des Schadensfalles im Versicherungsgeschäft ankommt zwecks der optimalen An setzung der Prämie, weswegen genauere und vor allem indivi duell verknüpfte Daten eine optimalere Ansetzung der Prämie ermöglichen. Denn schließlich gilt im Versicherungsgeschäft: “Je höher die Korrelation der verfügbaren Daten zum Risiko ist, desto höher ist auch die Validität der Risikoeinschätz u n g .”1̂ Und je valider die Risikoeinschätzung ist, desto zielsi cherer kann die optimale Prämie auf ein Versicherungspro dukt bestimmt werden. Das Individuum wird also zunehmend nicht mehr einer Risikoklasse mit vergleichbaren Individuen zugeordnet, sondern tatsächlich aufgrund der Verfügbarkeit heterogener persönlicher Daten mit individuellen Versiche rungspreisen konfrontiert werden.16 Dies ermöglicht folglich den Versicherern eine viel genauere und auf den Einzelfall an gepasste Prämienkalkulation.1? Unter dem Einfluss von Big Data weicht das Prinzip des Risikoausgleichs im Kollektiv dem Prinzip der Risikoerfassung im Individuellen. Die Möglichkeit 1) zur Diversifikation der Versicherungsproduktpalette, 2) der 13 Vgl. Cortis et al. 2018, S. 75. 14 Vgl. Elhage etal. 2006, S. 744. 15 Arisov et al. 2019, S. 12. 16 Vgl. Lehrer 2018, S. 451. 17 Vgl. Maas et al. 2014, S. 24. 177 Servicebereitstellung in Echtzeit sowie die 3) individuell ge staltete Preissetzung basieren maßgeblich auf dem Vermögen des Versicherers individuell zurechenbare Daten einerseits zu aggregieren und andererseits sinnvoll miteinander synchroni sieren zu können, sodass jene über die Steigerung dieser Kern kompetenz die anderen Kompetenzen simultan mitsteigern. Ein weiterer Vorteil der durch Big Data ermöglichten Verknüp fung von personenbezogenen Daten ist derjenige, dass nicht nur die Aggregation und Verknüpfung möglich ist, sondern vielmehr noch die Daten in synchronisierter Fassung instantan abrufbar sind. Aufgrund der Gewährleistung dieser direkten Abrufbarkeit verkürzt sich die Wartezeit bis zum Vertragsab schluss von Versicherungsgeschäften aller Art für die Versi cherten sowie für die Versicherer auf Minuten oder sogar Se kunden.18 Gleichzeitig ermöglicht die direkte Abrufbarkeit der personenbezogenen Daten eine erhöhte Kapazität für die Schaffung von Transparenz bei Versicherungsgeschäften aller Art, da spezifische Gründe für beispielsweise die Ablehnung ei nes Versicherungsgeschäfts aufseiten des Versicherers oder die Gründe für die Höhe der verlangten Prämie für ein solches angegeben werden können.1̂ 18 Vgl. Ramnath et al. 2018, S. 5. 19 Vgl. Greineder et al. 2018, S. 9. 178 4 InsureTechs und die Geschäftsmodelle Die Ausnutzung von Big Data und anderen digitaler Technolo gien in Bezug auf die ökonomische Wertschöpfung in der Ver sicherungsbranche wird allgemein unter dem Begriff Insur- Tech gefasst. Der Begriff InsureeTech ist folgendermaßen de finiert: “A phenomenon comprising innovations of one or more traditional or non-traditional market players exploiting information technology to deliver solutions specific to the in surance industry.”20 InsurTech bezieht sich also nicht darauf, dass es sich um ein kleines Start-Up handelt, welches mit sei nem revolutionären Geschäftsmodell die Versicherungsbran che disruptieren will, sondern auf die schlichte Tatsache, dass ein der Versicherungsbranche angehörendes Unternehmen egal welcher Größe Gebrauch von neuartigen Möglichkeiten der Informationstechnologie macht, um entweder neue Ge schäftsmodelle zu erschließen oder lediglich beispielsweise die Bereitstellung von Serviceleistungen zu optimieren. Inwieweit nun die Gechäftsmodelle der InsureTech Start-Ups tatsächlich revolutionäres Potential für die Branche haben, wird nun im Folgenden analysiert. 4.1 Die Mikroversicherung Einige InsureTech-Start-Ups haben sich auf den Bereich der Mikroversicherung spezialisiert, d.h sie bieten spezielle Versi cherungsprodukte für zeitlich kurzfristige bevorstehende Er eignisse an und für Ereignisse, die zeitlich nur kurz andauern. So kann man beim Start-Up Cuvaa noch kurz vor Reiseantritt eine Flugversicherung abschließen oder einen Autofahrer für den Zeitraum von einer Stunde versichern.21 Dieses Geschäfts modell der Mikroversicherung eröffnet sicherlich einen inte ressanten Nischenmarkt innerhalb der Versicherungsbranche, kann jedoch nicht als wirklich disruptive Innovation für die ge samte Branche gewertet werden, da über dieses Geschäftsmo dell keine relevanten personenbezogenen Daten gesammelt und miteinander verknüpft werden. Schließlich hat das Risiko, ob ein Flug ausfällt oder nicht ausfällt, nichts mit der individu ellen Person zu tun, sondern lediglich mit Variablen wie 20 Stoeckli et al. 2018, S. 289. 21 Vgl. Stoeckli et al. 2018, S. 296. 179 Wetterlage, Flughafenauslastung etc. Im zweiten Fall wären personenbezogene Daten sicherlich hilfreich, doch diese kann sich das Start-Up Cuvaa mit seinem Nischenprodukt nicht be schaffen. Kurzum in dieser Art Start-Ups werden dementspre chend keine nennenswerten interessanten personenbezoge nen Daten erfasst, aufgrund derer Vorhandensein sie sukzes sive ihre Marktmacht ausbauen könnten oder als interessante Übernahmekandidaten für die großen Versicherer gelten könnten. Außerdem könnten die großen Versicherer ihren Wettbewerbsvorteil über Plattformvertriebsstrategien aus spielen, indem sie die Produkte in der Form von eigenen Apps und Webseiten an ihre bestehenden Kunden verbreiten. Bei dem Geschäftsmodell der Mikroversicherung handelt es sich folglich um eine Nische, welche sich durchaus erfolgreich be setzen lässt, mehr aber auch nicht. 4.2 Die vollkommen Digitalen Andere InsureTech-Start-Ups wollen darüber Kunden von sich überzeugen, indem sie alle Vertragsleistungen und Serviceleis tungen in ausschließlich digitaler Form anbieten, also keine ei genen Niederlassungen unterhalten, in welchen Kunden oder potentielle Kunden mit Mitarbeitern vor Ort interagieren. So bietet das deutsche InsureTech Start-Up ottonova alle seine Leistungen ausschließlich digital an. Die Versicherten intera gieren mit dem Unternehmen vor allem über die Smartphone- App, in welcher sie ihre Vertragsdaten einsehen und verwalten können. Außerdem ermöglicht es ihnen die Smartphone-App, beispielsweise Arztrechnungen einscannen zu können, um diese zwecks der Erstattung des Geldes an ottonova digital wei terzuleiten. Diese Rechnungen werden größtenteils bereits au tomatisch überprüft. Die Historie relevanter Ereignisse wie ärztliche Behandlungen erscheint in chronologischer Reihen folge in der Timeline des Versicherten, sodass dieser sich je derzeit mit dem Einloggen in die Ottonova-App über diese re levanten Ereignisse auf einen Blick informieren kann.22 Das Geschäftsmodell der ausschließlich digitalen Bereitstellung von Leistungen ist gleichermaßen wie das Geschäftsmodell der Mikroversicherung keine wirkliche Bedrohung für die etablier ten Versicherer, da sich beide Geschäftsmodelle leicht 22 Vgl. Schmidt et al. 2017, S. 3. 180 kopieren lassen. Jedem großen Versicherungsunternehmen steht es offen, denVersicherten dieselben digitalen Leistungen anzubieten, sofern diese in rein digitaler Form alle für ihre Be dürfnisse relevanten Leistungen in Anspruch nehmen wollen. Darüber hinaus verfügen sie über den Wettbewerbsvorteil, dass sie sowohl den Service vor Ort wie auch den digitalen Ser vice, sowie sämtliche Servicemischformen aus analog und di gital den Versicherten zur Auswahl anbieten können. 4.3 Die Versicherungs-Plug-Ins Eine dritte Gruppe von InsureTech Start-Ups setzt auf Versi cherungsplug-Ins für andere Webseiten. Andere Onlineshops, welche Produkte vertreiben, für welche die jeweiligen Start- Ups Versicherungen im Angebot haben, können entspre chende Versicherungsplug-Ins für die jeweiligen Produkte in ihrer Webseite integrieren.^ Den Kunden der jeweiligen Onli neshops ist es sodann möglich, zu dem gekauften Produkt mit nur wenigen und unkomplizierten Schritten die passende Ver sicherung abzuschließen. Das InsureTech Start-Up Simplelnsurance bietet beispielsweise diese Art von Plugins für Onli neshops an. Dieses Geschäftsmodell richtet sich folglich nicht nur an potentielle Kunden, sondern ebenso an andere Unter nehmen und unterscheidet sich darin von den anderen weiter oben beschriebenen Start-Up-Geschäftsmodellen. Das interes sante hieran ist die Möglichkeit der Ausnutzung von Netzwer keffekten, welche durch die Plug-In Integration von anderen Unternehmen ermöglicht wird. Je mehr Onlineshops Ge brauch von dieser Plug-In Lösung machen und je umsatzstär ker diese sind, desto wahrscheinlicher wird das Abschließen von Versicherungsverträgen aufgrund der immensen Sichtbar keit für Verbraucher. Daher steigert Simple Insurance die Wahrscheinlichkeit seiner Umsatzgenerierung, je mehr undje größer die Onlineshops beschaffen sind, welche die Plug-In Lösung für ihre Produkte integrieren. Dieses Angebot ist für die Onlineshops interessant, weil sie unkompliziert Versiche rungen für ihre Produkte mitanbieten können und die Kunden in ihrem jeweiligen Onlineshop ebenfalls nicht durch ein 23 Vgl. Stoeckli et al. 2018, S. 294. 181 langes Prüfungsverfahren verärgert werden. Allerdings hängt der Erfolg dieses Geschäftsmodells nicht nur davon ab, wie viele und welche Art von Onlineshops den Plug-In integrieren wollen, sondern noch viel grundsätzlicher davon ab, für wie viele Produkte die InsureTech-Start-Ups wie Simple Insurance eigene Versicherungsprodukte im Angebot haben, sodass sich überhaupt erst entsprechende Plug-Ins integrieren lassen. Problematisch ist jedoch, dass sich auch dieses Geschäftsmo dell von etablierten Versicherern leicht kopieren lässt, weil diese bereits seit Langem über eine umfassendes Versiche rungsangebot verfügen und lediglich einen eigenen Plug-In entwickeln müssten, um einerseits viel mehr Onlineshops mit entsprechenden Versicherungsprodukten zu versorgen und andererseits aufgrund der besseren Datenlage dies zu günsti geren Vertragskonditionen bewerkstelligen könnten. Zudem handelt es sich bei den etablierten Versicherern um Unterneh men, die sich bereits eines hohen Bekanntheitsgrades erfreuen und nicht in dem Maße überhaupt erst einmal ein Kundenver trauen aufbauen müssen, sondern auf dieses bereits setzen können, da sie über eine Vielzahl von langjährigen Kunden verfügen. 4.4 Die Versicherungsmanager Eine weitere Gruppe von Start-Ups hat sich darauf speziali siert, die bestehenden Versicherungen von anderen Versiche rern auf einer Plattform zusammenzuführen, sodass diese dort von den Kunden eingesehen und verwaltet werden.24 Die Start- Ups Knip, Clark, WeFox und GetSafe bieten diesen Service auch für den deutschen Versicherungsmarkt an. Alle vier Start-Ups ermöglichen es ihren Kunden alle ihre Versicherun gen auf einer Plattform zu verwalten und darüber hinaus Emp fehlungen zu günstigeren Versicherungskonditionen zu erhal ten. Diese Start-Ups vereinen gewissermaßen in ihrem Ge schäftsmodell die Vorteile eines Vergleichsportals mit den Vorteilen eines Versicherungsmanagers, was dazu führt, dass die Kunden individuelle Optimierungspotentiale zu bestehen den Versicherungen aufgezeigt bekommen und nicht einfach nur allgemeine Versicherungsangebote vergleichen können, wie es bei herkömmlichen Vergleichsportalen der Fall ist. 24 Vgl. Stoeckli et al. 2018, S. 297. 182 Diese doppelte Leistung des Geschäftsmodells hat tatsächlich ein disruptives Potential für die Versicherungsbranche, weil ei nerseits alle einzelnen Versicherungen auf einer Plattform zu sammengeführt werden, was die etablierten Versicherungen nicht kopieren können, weil es nicht sinnvoll wäre einen Ser vice anzubieten, der die Verwaltung von Konkurrenzproduk ten ermöglicht und andererseits alle auf diese Weise zusam mengeführten Versicherungsprodukte mit vergleichbaren Ver sicherungsprodukten verglichen werden können, was aus be sagtem Grund den etablierten Versicherern ebenso nicht mög lich ist. Das bedeutet zugleich auch, dass dieser Service den Kunden gleich zwei miteinander verbundene Vorteile liefert, welche ihnen von den etablierten Versicherern nicht bereitge stellt werden können. 183 5 Die Wahl der Verbrauchertypen Die Auswahl der drei Verbrauchertypen erfolgte einerseits nach dem Prinzip grundsätzlich verschiedener Merkmale und andererseits nach dem Prinzip, dass diese unterschiedlichen Merkmale für einen Großteil aller am Versicherungsmarkt teil nehmenden Verbraucher gelten, also eine allgemeine gesell schaftliche Relevanz aufgrund ihrer Häufigkeit haben. Die drei ausgewählten Verbrauchertypen sind l) der Erfolgsverwöhnte Unternehmer, 2) der Familienorientierte und 3) der Sparsame Haushälter. Insbesondere wurde bei der Auswahl der drei Ver brauchertypen darauf geachtet, dass diese nicht alle derselben Altersgruppe angehören sowie über ein verschieden hohes Haushaltseinkommen verfügen und allgemein unterschiedli che Interessen und Hobbies haben. Schließlich spielt bei zahl reichen Arten von Versicherungen wie Krankenversicherung oder Lebensversicherung das Alter beim Abschluss im Hin blick auf die Beitragshöhe eine große Rolle und beeinflusst da her wesentlich die Vertragsabschlussentscheidung, weswegen das Merkmal Alter explizit bei der Auswahl der drei heteroge nen Verbrauchertypen berücksichtigt wurde. Die Höhe des Haushaltseinkommens hat ebenso einen wesentlichen Ein fluss auf Vertragsabschlussentscheidungen, weil von der Ver fügbarkeit von Einkommen abhängt, ob und wie viele Versi cherungen der Verbraucher abschließen kann bzw. sich für Versicherungen im weiteren Sinne überhaupt interessiert. Zu dem handelt es sich bei den Merkmalen Alter und Haushalts einkommen um zwei wesentliche Merkmale, die einen jeden Verbraucher betreffen und daher von der geforderten gesell schaftlichen Relevanz sind. Darüber hinaus wurde noch darauf geachtet, dass ein Verbrauchertyp ausgewählt wurde, welcher in seinen Entscheidungen nicht nur auf sich selbst achtet, son dern sich am Wohlergehen anderer orientiert. Dies trifft auf den Typen des Familienorientierten im Gegensatz zu den Ty pen des Erfolgsverwöhnten Unternehmers und des Sparsamen Haushälters zu. Schließlich macht es einen Unterschied im Hinblick auf das Haushaltseinkommen und die allgemeine Einstellung zu Versicherungsprodukten, ob man lediglich für sich selbst verantwortlich ist, oder für andere mitdenken muss und auch will. Dementsprechend war es wichtig, dass dieses 184 Merkmal ebenfalls in der Auswahl Berücksichtigung findet. Die Interessen der Verbrauchertypen reichen vom regelmäßi gen Konsum von Luxusprodukten zum gewohnten Konsum von möglichst günstigen Produkten und sind folglich hetero gener Natur. Im Folgenden werden nun die jeweiligen Ver brauchertypen mit ihren Merkmalen vorgestellt. Die Verbrau chertypen entstammen der VerbraucherAnalyse, welche eine der größten Markt-Media-Studien Europas im Auftrag der Axel Springer AG sowie der Bauer Media Group ist und in wel cher 30 000 bevölkerungsrepräsentative Bürger mündlich und schriftlich befragt wurden. Der erste Verbrauchertyp ist der sogenannte Erfolgsver wöhnte Unternehmer. Dieser Verbrauchertyp umfasst vor al lem einen Großteil leitender Angestellter und Selbstständiger. Der Begriff Unternehmer bezieht sich also nicht auf den Beruf, sondern auf die Lebenseinstellung allgemein, weswegen dieser Typ sowohl Selbstständige wie auch leitende Angestellte um fasst. Außerdem verfügt dieser Typ über eine überdurch schnittliche Bildung und über ein sehr hohes Einkommen. Weiterhin ist er männlich dominiert und beinhaltet über durchschnittlich viele 40-59-jährige.25 Der Konsumstil dieses Typs zeichnet sich durch Qualitätsorientierung aus. Die Ange hörigen dieses Verbrauchertyps ernähren sich gesundheitsbe wusst und gönnen sich gerne auch Luxusprodukte, was ihnen aufgrund ihres sehr hohen Einkommens auch möglich ist. Das Interesse dieses Typs reicht von Finanzthemen, Kunst und Kultur bis hin zu Technik und Autos. Sie gehen regelmäßig kostspieligen Hobbies nach, welche beispielsweise Golf, Ski fahren und Segeln sind. In der Geldanlage sind sie versiert, d.h. sie nutzen unterschiedliche Anlageformen und halten sich re gelmäßigen auf den neuesten Stand über neue und weiterfüh rende Anlagemöglichkeiten. Ihr Handeln im Beruf und im All tag zeichnet sich allgemein durch Selbstsicherheit und Ehrgeiz im Verfolgen selbstgesetzter Ziele aus. Aufgrund ihres Ehrgei zes und ihrer guten materiellen Situiertheit sind sie anderen oft einen Schritt voraus und dienen anderen als Vorbilder.26 Der zweite Verbrauchertyp ist der Familienorientierte. Wie es die Namensgebung bereits andeutet, geht es diesem Typ in 25 Vgl. VerbraucherAnalyse 2010, S. 1. 26 Vgl. VerbraucherAnalyse 2010, S. 1. 185 erster Linie um das Wohlergehen der eigenen Familie. Dieser Typ ist weiblich dominiert und in der Regel verheiratet. Außer dem hat er im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt über durchschnittlich viele Kinder. Hauptsächlich 25- bis 45-jäh rige gehören diesem Typ an. Die meisten gehen keinem Beruf nach, doch sofern sie einem Beruf nachgehen, dann arbeiten sie vor allem als Angestellte oder Beamte. Das Haushaltsein kommen ist leicht überdurchschnittlich. Aufgrund der Tatsa che, dass die eigene Familie und der eigene Nachwuchs den Lebensmittelpunkt bilden, interessieren sie sich für Themen wie Kindererziehung, Kochen und Backen wie auch die Ein richtung und Gartengestaltung. Zudem legen sie Wert darauf, dass größere Kaufentscheidungen von allen Familienmitglie dern gemeinsam getroffen werden.27 Der dritte Verbrauchertyp ist der Sparsame Haushälter. Dieser weiblich dominierte Typ verfügt über eine vergleichs weise geringe Bildung und ist älter als 60 Jahre. In der Regel ist dieser Typ nicht mehr berufstätig und hat vor der Rente als einfacher Arbeiter oder einfacher Angestellter gearbeitet. Zu dem verfügen die Angehörigen dieses Typs nur über ein gerin ges bis mittleres Haushaltseinkommen.28 Sie gehen mit Vor liebe eher häuslichen Betätigungen nach, welche vor allem in der Haushaltsreinigung, im Kochen oder der Gartenpflege be stehen. Sofern eigene Kinder existieren, sind diese zumeist schon längst außer Haus. Die Familie ist ihnen wichtig sowie Sicherheit im Allgemeinen. Sie sind empfänglich für Empfeh lungen von Experten und vertrauen auf Marken. In ihren Inte ressen sind sie beständig und gehen Gewohnheiten nach, wes wegen sie sich nicht für moderne Technik und modische Trends begeistern können, weil sie das Vertraute mehr schät zen als alles Neue.29 27 Vgl. Verbraucher Analyse 2010, S. 2. 28 Vgl. Verbraucher Analyse 2010, S. 2. 29 Vgl. Verbraucher Analyse 2010, S. 2. 186 5.1 Der Erfolgsverwöhnte Unternehmer und die InsureTech Geschäftsmodelle Das Geschäftsmodell der Mikroversicherung, wie sie das Start- Up Cuwa anbietet, ist für diejenigen Erfolgsverwöhnten Un ternehmer, welche Selbstständige sind weitaus interessanter als für diejenigen Unternehmer, welche Angestellte sind. Dies liegt daran, dass sämtliche Flüge und Leihwagenfahrten der leitenden Angestellten über das Unternehmen abgerechnet werden, welchem sie angehören. Bei Selbstständigen, welche aufgrund ihres Berufes viel Fliegen und in anderen Städten und Ländern Autofahren müssen, ist dieses Angebot wiede rum ansprechender, weil sie viel unterwegs sind und alle ent stehenden Reisekosten selbst tragen müssen, d.h. die Reise kosten übernimmt kein Unternehmen für sie. Allerdings ist dieses Geschäftsmodell der Mikroversicherung schließlich doch wiederum nicht sonderlich ansprechend für viel reisende Selbständige Erfolgsverwöhnte Unternehmer, weil je mehr sie fliegen, desto eher lohnt sich ein Versicherungsmodell, wel ches einen festen Jahresbeitrag vorsieht, da sie einerseits so die Transaktionskosten umgehen, jedes Mal aufs Neue eine Mikroversicherung abschließen zu müssen und sie darüber hinaus in Summe sicherlich noch günstiger versichert sind, wenn sie nicht jedes Mal aufs Neue eine Mikroversicherung ab schließen müssen. Die vollkomme digitalisierte Versicherung, wie sie in Deutschland das Start-Up Ottonova zur Verfügung stellt, ist sicherlich deswegen für den Erfolgsverwöhnten Un ternehmer interessant, weil er häufig beruflich viel unterwegs ist und er auf diese Weise alle relevanten Versicherungsdaten gewissermaßen immer digital bei sich hat. Vor allem dürfte ihn die Timeline von Ottonova ansprechen, wo alle gesundheitsre levanten Daten aufgelistet sind. Die VersicherungsPlug-Ins wie sie Simplelnsurance für Onlineshops bereitstellt, sind für den Erfolgsverwöhnten Unternehmer ansprechend, weil die ser in seiner Freizeit kostspieligen Hobbies wie Segeln oder Golfen nachgeht und allgemein gerne Luxusprodukte konsu miert. Schließlich macht das Abschließen einer Versicherung auf ein Produkt gerade dann Sinn, wenn es sich um ein teures und für Störungen sensibles Produkt handelt und eben keine Massenware ist. Der Erfolgsverwöhnte Unternehmer verfügt sowohl über ein sehr hohes Einkommen wie auch den Sinn und 187 Geschmack für Luxusprodukte, weswegen die Bereitstellung der Möglichkeit des unkomplizierten Abschließens von zusätz lichen Versicherungen auf hochwertige Produkte wie Kameras, Motorräder etc. ihn im besonderen Maß anspricht. Aufgrund seines materiellen Wohlstandes und seiner vielseitigen Inte ressen und seinem ausgeprägten Sinn für finanzielle Themen dürften viele Erfolgsverwöhnte Unternehmer eine Vielzahl un terschiedlicher Arten von Versicherungen bei unterschiedli chen Versicherern abgeschlossen haben, was das Management all dieser Verträge aufgrund der Vielzahl und der Zerstreutheit erschwert. Daher kommen ihm die Alles-in-einer-Hand Versi cherungsmanager wie sie die Start-Ups Clark und WeFox zur Verfügung stellen, äußerst gelegen, da er auf deren Plattfor men alle seine unterschiedlichen Verträge zusammenführen und verwalten kann. Schließlich sind Versicherungsmanager in dem Maße ansprechend, wie man viele Versicherungsver träge hat. 5.2 Der Familienorientierte und die InsureTech Geschäftsmodelle Die Mikroversicherungen sind für diesen Typ nicht sonderlich ansprechend, weil er in aller Regel mit der gesamten Familie verreist, weswegen der Abschluss nur einer Mikroversicherung für eine Person nicht ausreicht. Allerdings könnten Mikrover sicherungslösungen interessant sein, welche die gesamte Fa milie zu einem annehmbaren Preis versichern, weil dieser Typ kontinuierlich um das Wohlergehen der gesamten Familie be sorgt ist, weswegen er durchaus eine hohe Zahlungsbereit schaft für den Schutz derselben hat. Jedes Familienmitglied einzeln zu versichern ist aber sicherlich rein ökonomisch auf grund des nur leicht überdurchschnittlichen Haushaltsein kommens nicht möglich. Die Zahlung eines festen Jahresbe trags für eine für unbegrenzte Flüge geltende Flugversiche rung, wie sie sich für den Typ des Erfolgsverwöhnten Unter nehmers lohnt, ist im Gegensatz dazu für den Familienorien tierten nicht lohnenswert, weil er in aller Regel lediglich nur dann fliegt, wenn er mit der Familie einen Urlaub gebucht hat, was aufgrund schulischer und finanzieller Limitationen nicht mehr als zweimal im Jahr Vorkommen dürfte. Die vollkommen digitale Versicherungslösung von ottonova dürfte den 188 Familienorientierten dann ansprechen, wenn er nicht nur di gital Zugriff auf seine persönlichen Gesundheitsdaten hat, son dern auch die Gesundheitsdaten der eigenen Kinder überwa chen kann. Ottonova bietet kein Versicherungsprodukt in diese Richtung an, was sicherlich eine Marktlücke darstellt, weil der Familienorientierte eine hohe Zahlungsbereitschaft für ein solches Angebot hat. Obgleich dieser Typ vergleichs weise nur über ein leicht überdurchschnittliches Haushaltsein kommen verfügt, so dürfte dennoch eine Versicherungslösung, welche den Gesundheitszustand aller Familienmitglieder mit nur wenigen Klicks aufrufbar gestaltet, eine hohe Zahlungsbe reitschaft beim Familienorientierten hervorrufen, weil schließ lich die Sicherstellung des familiären Wohlergehens und damit vor allem der familiären Gesundheit und Sicherheit für diesen Typ die oberste Priorität im Leben hat. Es ist sogar wahr scheinlich, dass er persönlich nicht seine Krankenversiche rung wechseln würde, solange seine Kinder nicht ebenfalls die Krankenversicherung zum selben Versicherer wechseln könn ten. Er will in erster Linie seine gesamte Familie schützen und nicht nur sich selbst, weswegen die Versicherungslösung von ottonova für ihn nicht ansprechend sein dürfte. Dementspre chend dürfte es sich bei der Unverfügbarkeit der Verwaltung mehrerer verknüpfter Timelines um eine Marktlücke handeln. Die Versicherungsplug-Ins, die sich in Onlineshops integrie ren lassen, sind für den Familienorientierten nicht sonderlich ansprechend, weil er in der Regel Gebrauchsgegenstände in ei ner eher günstigeren Ausführung kauft, da immerzu die Gefahr besteht, dass die häufig kleinen Kinder im Haushalt diese ka putt machen. Die Alles-in-einer-Hand Versicherungsplattfor men wären wiederum für den Familienorientierten hochgradig interessant, wenn diese es ihm ermöglichen, die Versicherun gen aller Familienmitglieder zusammenzuführen und zu über wachen. Doch diese bieten eine solche Lösung nicht an, was gleichsam wie im weiter oben erläuterten Fall von ottonova eine Marktlücke darstellen könnte, da der Familienorientierte mit einer solchen Lösung maßgeblich sein Hauptanliegen des familiären Wohlergehens und Schutzes befriedigen könnte, so fern ihm dieser Service bereitgestellt würde. Außerdem muss der Familienorientierte tatsächlich immer die Versicherungen der Kinder überwachen, aufgrund der Tatsache, dass diese zu 189 jung sind, um dies selbst zu tun, d.h. der Familienorientierte muss ohnehin tendenziell weitaus mehr Zeit in die Papierar beit investieren, als es andere Verbrauchertypen müssen, die nur für die Verwaltung ihrer eigenen Versicherungsverträge verantwortlich sind. 5.3 Der Sparsame Haushälter und die InsureTech Geschäftsmodelle Aufgrund des mangelnden Interesses an neuen Erfahrungen in anderen Ländern und des eher geringen Budgets des sparsa men Haushälters hat er kein Interesse an Mikroversicherun gen für beispielsweise Flüge oder Leihwagen, weil er Flüge und Leihwagen selbst bereits nicht in Anspruch nimmt. Er fühlt sich in seiner Heimat wohl und verlässt diese nur ungern. Au ßerdem ist es wahrscheinlich, dass er seinen Urlaub im eige nen Land verbringt und dafür sein eigenes Auto oder seinen eigenen Wohnwagen benutzt, um an die Nordsee oder den Schwarzwald zu gelangen. Daher wird der Mikroversicherer mit diesem Verbrauchertyp kein Geld verdienen. Der digitale Versicherer ottonova dürfte ebenso kein Geld mit dem sparsa men Haushälter verdienen, weil der sparsame Haushälter auf seinen Versicherungsberater vor Ort setzt und davor zurück schreckt, von den Möglichkeiten einer rein digitalen Versiche rung Gebrauch zu machen. Aufgrund seiner geringen bis mitt leren Bildung fühlt er sich zudem bei komplexen Versiche rungsangelegenheiten auf externen Rat angewiesen und ver traut diesem. Mit einem Versicherungsberater hat er ein häu fig über Jahrzehnte andauerndes Vertrauensverhältnis aufge baut, was er aufgrund seiner Orientierung am Beständigen und Vertrauten schätzt und ihn allgemein daran hindert, neue Ver sicherungen abzuschließen, sofern ihm ein solcher Berater nicht dazu rät. Darüber hinaus ist es bereits seit Langem eine Strategie der Versicherer hohe Kommissionen für fähige Ver sicherungsberater zu zahlen, anstatt nur um günstigere Prä mien zu konkurrieren, um eben dieses Vertrauensverhältnis für sich ökonomisch zu nutzend0 Über ein solches funktionie rendes Beraternetzwerk verfügt ottonova nicht. Außerdem bie tet ottonova ohnehin keine Versicherungsprodukte für Rent ner an. Abgesehen davon sind die Kosten sämtlicher relevanter 30 Vgl. Cosby et al. 1987, S. 405. 190 Versicherungen im Hinblick auf einen Versicherungswechsel für einen über 6o-jährigen viel zu groß, was insbesondere er sich aufgrund seines geringen bis mittleren Haushaltseinkom mens ohnehin nicht leisten könnte und nicht sinnvoll wäre. Die Versicherungs-Plug-Ins sprechen den sparsamen Haus hälter ebenso nicht an, weil er eine Ablehnung für das Neue und damit allen voran das Digitale hat. Er zieht es vor seine Produkte in den bekannten Ladengeschäften zu kaufen und will nicht von Onlineshops seine Produkte beziehen. Zudem hat er darüber hinaus kein Interesse an Produkten, welche aus schließlich digital verfügbar sind, da er schließlich nur das wertschätzt, was er immer schon analog erwerben konnte. Folglich wird er die Versicherungs-Plug-Ins nicht als Verbrau cher nachfragen. Die Alles-in-einer Hand Versicherungsplatt formlösung ist für ihn ebenfalls nicht interessant, aufgrund dessen, dass er sämtliche Versicherungsverträge bei einem be stimmten Versicherungsberater abgeschlossen hat, mit wel chem er alles bespricht und auf dessen Rat er auch angewiesen ist. Daher spricht ihn keine Versicherungslösung an, welche ihm die Selbstverantwortung erleichtert, weil er diesbezüglich immer schon auf Fremdverantwortung gesetzt hat. Er schätzt es seinen Berater jederzeit anrufen zu können, um alle relevan ten Angelegenheiten telefonisch abzuklären. Zusammenfas send lässt sich sagen, dass wirklich kein Insur-Tech Start-Up Geschäftsmodell für ihn wirklich ansprechend ist insbeson dere aufgrund seiner l) Ablehnung des Neuen, 2) Orientierung am Vertrauten und 3) seines fortgeschrittenen Lebensalters. 5.4 Zusammenfassung der Ergebnisse zu den Verbrauchertypen Die Analyse der Beziehung zwischen den Merkmalen der ein zelnen Verbraucher und den Geschäftsmodellen der Insure- Tech Start-Ups zeigt in Summe, dass diese aufgrund zahlrei cher oben ausgeführter Gründe nicht wirklich ansprechend für die jeweiligenVerbrauchertypen sind. Dieses Analyseergebnis steht damit im Einklang mit dem Analyseergebnis zu den ein zelnen Geschäftsmodellen vor dem Hintergrund des Bran chenwandels insgesamt, weil dieses ebenfalls ergeben hat, dass diese Geschäftsmodelle keine größere Bedrohung für die etab lierten Versicherer darstellen. Vor allem generieren alle 191 Geschäftsmodelle keine nennenswerten Verbraucherdaten, welche ihnen einen maßgeblichen Wettbewerbsvorteil e r bringen würde und sie als Übernahmekandidaten durch etab lierte Versicherer qualifizieren würde. Alles in allem bekräfti gen die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit in Bezug auf die InsureTech Start-Up Geschäftsmodelle folgendes Fazit einer anderen Forschungsarbeit: “Die disruptive Veränderungskraft der digitalen Transformation ist aufgrund fehlender Lösungen in der Assekuranz noch nicht entfacht.”31 31 Bühler et al. 2017, S. 69. 1 9 2 6 Fazit und Ausblick Diese Arbeit ist der Forschungsfrage nachgegangen, ob und in wieweit die Geschäftsmodelle der InsureTech Start-Ups die Versicherungsbranche revolutionieren werden. In einem ers ten Analyseschritt wurde die Grundlagen des klassischen Ver sicherungsgeschäft beschrieben, um darauf aufbauend erfas sen zu können, was sich durch die durch Big Data neu geschaf fenen technologischen Möglichkeiten für das Versicherungs geschäft insgesamt verändern wird. Während im klassischen Versicherungsgeschäft das Prinzip des Risikoausgleichs im Kollektiv Geltung hatte, so wandelt sich unter digitalen Bedin gungen dieses Prinzip in das Prinzip der Risikoerfassung im Individuellen um. Es konnte daraufhin gezeigt werden, dass diejenigen Versicherer, welche dieses Prinzip der Risikoerfas sung im Individuellen durch vernetzte datengenerierende Ge räte in den Haushalten und an den Körpern der Verbraucher zunehmend in das Prinzip der Risikoerfassung im Individuel len transformieren, sich die entscheidenden Wettbewerbsvor teile für das Versicherungsgeschäft der Zukunft erarbeiten. Vor dem Hintergrund der Analyse zum Branchenwandel durch Big Data insgesamt wurde im dritten Kapitel der InsureTech- Begriff definiert und zwischen InsureTech allgemein und In sureTech Start-Ups unterschieden. Auf der Grundlage dieser geleisteten Definition wurden daraufhin in einzelnen Ab schnitten die gegenwärtigen InsureTech Start-Up Geschäfts modelle einzeln und ausführlich mit geeigneten Beispielen be schrieben. Nachdem diese Beschreibung geleistet war, wurden diese Geschäftsmodelle in Beziehung zu dem der Branche be vorstehenden technologischen Wandel gesetzt und analysiert, ob diese den etablierten Versicherern mit ihren Innovationen gefährlich werden können. Im vierten Kapitel wurde schließ lich die Auswahl der drei Verbrauchertypen erklärt, welche ei nerseits im Verhältnis zueinander heterogene Merkmale wie Alter, Haushaltseinkommen oder dergleichen haben und wel che andererseits mit diesen spezifischen Merkmalen für einen großen Anteil der Verbraucher insgesamt in Deutschland ste hen. Beide Auswahlkriterien sind insofern wichtig, als sie eine differenzierte Analyse der Relevanz der unterschiedlichen Ge schäftsmodelle der InsureTech Start-Ups im Hinblick auf die 193 gestellte Forschungsfrage ermöglichten, ob und inwiefern jene Geschäftsmodelle tatsächlich revolutionäres Potential für die Versicherungsbranche haben. Diese drei Verbrauchertypen, auf welche die genannten Auswahlkriterien zutreffen, sind der l) Erfolgsverwöhnte Unternehmer, der 2) Familienorientierte und der 3) Sparsame Haushälter. Deren Merkmale wurden in den darauffolgenden Abschnitten jeweils dargelegt. Im An schluss daran wurden die unterschiedlichen Geschäftsmodelle der InsureTechs in Beziehung zu den jeweiligen Merkmalen der Verbrauchertypen gesetzt, um die Forschungsfrage weiter führend zu beantworten, ob jene neuen Geschäftsmodelle ernsthafte Konkurrenz für die etablierten Versicherer bedeu ten. Die jeweiligen Analysen haben ergeben, dass von keinem der InsureTech Start-Up Geschäftsmodellen eine ernsthafte Bedrohung für die etablierten Versicherer ausgeht, da alle ver wendeten Konzepte und Technologien leicht kopierbar sind und sich auf deren Basis bestenfalls funktionierende Nischen märkte bilden lassen. Dementsprechend lässt sich abschlie ßend festhalten, dass die technologischen Möglichkeiten von Big Data die Versicherungsbranche maßgeblich verändern werden, die Geschäftsmodelle der InsureTech Start-Ups hin gegen gegenwärtig nicht. 194 Literaturverzeichnis: Albrecht, Peter (2017). Bedroht Big Data Grundprinzipien der Versicherung? (II.). In: ZeitschriftfürVersicherungswesen, 68(6), 189-192. Arisov, Elisabeth; Becker, Johannes; Erny, Matthias; Zeier Röschmann, Angela (2019). Individualisierte Versicherungslösungen in einer digitalen Welt: eine Studie des Zentrums für Risk & Insurance. ZHAW School of Management and Law, Winterthur Schweiz. Bühler, Pascal; Maas, Peter; Fleischer, Martin (2017). Digitale Transformation in Märkten mit Versicherung-Von der Verteidigung des Geschäftsmodells bis zur Auflösung der Branche. In: Versicherungsrundschau: Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Versicherungsfachwissen, 1 2, 62-69. Ramnath, Balasubramanian; Libarikian, Ari; McElhaney, Doug (2018). Insurance 2030- The impact of AI on the future of insurance. In: McKinsey& Company, New York. Cortis, Dominic; Debattista, Jeremy; Debono, Johann; Farrell, Mark (2018). InsurTech. In: Lynn, Theo; Mooney, John; Rosati, Pierangelo; Cummins, Mark (editor): Disrupting Finance. FinTech and Strategyin the 2ist Century. Palgrave Studies in Digital Business & Enabling Technologies, 71-84. Crosby, Lawrence; Stephens, Nancy (1987). Effects ofRelationship Marketing on Satisfaction, Retention, and Prices in the Life Insurance Industry, In: Journal of Marketing Research, 24(4), 404-411. Elhage, Bernard; Käslin, Bruno (2006). Funktionen der Versicherung in der Schadenprävention, In: Zeitschrift für Versicherungswesen 22(1), 743-747. Greineder, Michael; Riasanow, Tobias; Böhm, Markus; Krcmar, Helmut (2019). The Generic InsurTech Ecosystem and its Strategie Implications for the Digital Transformation of Insurance Industry. In: 40th Gesellschaft für Informatik EMISA. Hoy, Michael (1982). Categorizing risks in the insurance industry. In: The QuarterlyJournal of Economics, 97(2), 321-336. 195 Stoeckli, Emanuel; Dremel, Christian; Uebemickel, Falk (2018). Exploring characteristics and transformational capabilities of InsurTech innovations to understand insurance value creation in a digital world. In: Electronic Markets, 28(3), 287-305. Lehrer, Christiane; Wieneke, Alexander; vom Brocke, Jan; Jung, Reinhard; Seidel, Stefan (2018). Howbig data analytics enables Service innovation: materiality, affordance, and the individualization of Service. In: Journal ofManagement Information Systems, 35(2), 424-460. Lewis, Samuel (2017). InsurTech: An industry ripe for disruption. In: Georgetown Law Technology Review, 1(2), 491-502. Maas, Peter; Veselina, Milanova (2014). Big Data in der Versicherungswirtschaft, In: Die Volkswirtschaft, 87(5), 23-25. McFall, Liz (2019). Personalizing solidarity? The role of selftracking in health insurance pricing. In: Economy and society 48(1), 52-76. Schmidt, Jan-Philipp; Schulz, Volker (2017). InsurTech. Proceedings zum 12. FaRis & DAV Symposium am 9 Juni 2017 in Köln. Silvello, Andrea; Procaccini, Alessandro (2019). Connected Insurance Reshaping the Health Insurance Industry. In: Smart Healthcare. IntechOpen. Verbraucheranalyse (2010). Konsumstiltypologie, https://www.verbraucheranalyse.de/publikationen/zielgrupp enmodelle; zuletzt abgerufen am 24.06.2019. 196

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Finanzwirtschaft steht im Kontext der Digitalisierung und Digitalen Transformation der Ökonomie als eine der Branchen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wo die damit verbundenen Marktveränderungen von verschiedenen Interessensgruppen erlebt werden können. Die Veränderungen in finanzwirtschaftlichen Geschäftsprozessen, nicht zuletzt durch technologie-basierte Startups (sog. FinTechs) forciert, sind nicht nur innerhalb der Branche, sondern auch beim Endkunden durch konkrete digitale Innovationen spürbar. Dieser Sammelband widmet sich einigen der im Zusammenhang der Digitalisierung und Digitalen Transformation der Finanzwirtschaft entstandenen Geschäftsmodelle und betrachtet diese vor dem Hintergrund der Frage, ob die Finanzwirtschaft sich „nur“ in ein moderneres Kleid hüllt oder ob es sich um tiefgreifende Marktstrukturveränderungen bis hin zu einer möglichen Disintermediation innerhalb der Finanzintermediationsbranche handelt.