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2 Ausgangslage im Gesundheitszentrum Glantal in:

Yvonne Wegner

Pflegeexperten, page 5 - 10

Ein Konzept zur Implementierung hochschulisch ausgebildeter Pflegekräften in der Pflegepraxis

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4335-6, ISBN online: 978-3-8288-7283-7, https://doi.org/10.5771/9783828872837-5

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
5 2 Ausgangslage im Gesundheitszentrum Glantal Das Gesundheitszentrum Glantal ist ein Krankenhaus der Grundversorgung in Rheinland-Pfalz. Das Zentrum erbringt neben den Krankenhausleistungen der Fachbereiche Akutneurologie, Neurologische Rehabilitation, Chirurgie und Innere Medizin auch Therapien zu Kommunikationsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Insgesamt umfasst das Zentrum 207 Betten bzw. Plätze. Eine zukunftsfähige, wohnortnahe Versorgung ist im ländlichen Raum unabdingbar. Um dies sicherzustellen, werden in den Räumlichkeiten des Gesundheitszentrums nicht nur (teil-) stationäre Leistungen erbracht. Durch die Integration des Medizinischen Versorgungszentrums conMedico wurde eine exzellente Verknüpfung mit der fachärztlichen, ambulanten Versorgung gesichert. Sowohl das Gesundheitszentrum, als auch das Medizinische Versorgungszentrum conMedico sind in Trägerschaft des Landeskrankenhauses (AöR) mit Sitz in Andernach. 2.1 Struktur des Pflegedienstes Die Leitung des Pflegedienstes obliegt dem Pflegedirektor, der mit den Direktoren aus dem kaufmännischen, ärztlichen und therapeutischen Bereich das Direktorium bildet. Die Vertretung ist durch den Stellvertretenden Pflegedirektor gesichert. Fachlich Themen werden in der Pflegedirektion durch die Stabsstelle Pflegeentwicklung und Qualitätsmanagement bearbeitet. Der Pflegedirektor und sein Stellvertreter teilen sich die Führung der einzelnen Stationen im Sinne von übergeordneten Abteilungsleitungen. Jede Station verfügt über eine Stati- 6 onsleitung und eine Stellvertretung, die sowohl die organisatorische als auch die fachliche Führung übernehmen (Abbildung 1). Bis Juni 2016 werden im Gesundheitszentrum Glantal ausschließlich schulisch ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger eingesetzt. Diese werden unterstützt durch Gesundheits-und Krankenpflegehelfer. Punktuell sind Fachkräfte mit anerkannten Weiterbildungen wie beispielsweise Wundmanager oder eine Pain Nurse eingesetzt. In der Anästhesie, im Operationsdienst und auf der Intermediate Care Station ist zum Teil Pflegepersonal mit verschiedenen Fachweiterbildungen beschäftigt. Abbildung 1: Schematische Darstellung der Pflegedirektion (bis Juni 2016) 2.2 Problemstellung Die Pflegenden stehen einem immer komplexeren Arbeitsfeld gegenüber. Neben den bereits genannten Herausforderungen der schwer- und mehrfacherkrankten Patienten verschärfen sich die Rahmenbedingungen der Pflege drastisch, der ökonomische Druck steigt. Diese Entwicklung ist nicht nur in der Pflege zu beobachten, sondern betrifft das gesamte Gesundheitswesen. Eine isolierte Betrachtung der Probleme innerhalb der Berufsgruppen wird nicht zielführend angesehen und ein Ausbau der Kooperationen sowie eine Neuordnung 7 der Aufgabenbereiche empfohlen.16 Die Ausweitung des Handlungsfeldes wird im „Modell der gegenwärtigen und künftigen Kompetenzverlagerungen im Umfeld der Profession Pflege“ (Abbildung 2) deutlich. Im Zentrum ist der Kernbereich der professionellen Pflege zu erkennen, welcher sich zwischen Nursing, Caring und dem Case Management bewegt und neue Kompetenzfelder erschließt. Aber auch die Akademisierung der Pflege mit dem damit verbundenen Fortschritt in der Pflegeforschung stellt die Pflegepraxis, speziell die Leitungsfunktionen im Hinblick auf die fachliche Führung vor neue Herausforderungen. Die Notwendigkeit an evidenzbasierter Pflegepraxis wird von den Pflegenden mit rein schulischer Ausbildung allgemein als hoch, die Möglichkeiten diese mit den vorhandenen Kompetenzen anzuwenden als gering eingeschätzt.17 Die fachliche und organisatorische Verantwortung liegt im Bereich der Stationsleitungen. Die Stationsleitungen haben die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflege sowie eine weitere Führungsweiterbildung absolviert. In der Regel handelt es sich hierbei um spezielle Stationsleiterkurse, zum Teil wurde das Führungskolleg des Landeskrankenhauses18 durchlaufen. All diese Kurse haben zum Ziel, die Mitarbeiter auf ihre Führungsaufgabe vorzubereiten und vermitteln Inhalte zur Mitarbeiterführung und Betriebswirtschaft. Die fachlichen Kompetenzen werden durch die pflegerische Ausbildung und die Berufserfahrung in der Pflege abgedeckt. Da auch die Stationsleitungen über keine weiteren fachlichen Kompetenzen verfügen, wurde in der nahen Vergangenheit mehrmals eine fachliche Unterstützung über verschiedene Wege eingefordert. Die Ausgangsstruktur lässt nur in Ansätzen und punktuell eine direkte Unterstützung in der Pflegepraxis durch die Stabsstelle der Pflegedirektion zu. 16 vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007, S. 15 17 vgl. Köpke et al. 2013, S. 170-172 18 vgl. Rhein-Mosel-Akademie 2016, S. 62-63 8 Abbildung 2: Modell der gegenwärtigen und künftigen Kompetenzverlagerungen im Umfeld der Profession Pflege19 Um die Lücke im Theorie-Praxis-Transfer zu schließen, zukünftige Ansprüchen gerecht zu werden und die Entwicklung im Gesundheitswesen aktiv mit zu gestalten, wird von Seiten der Pflegedirektion der Einsatz von Pflegeexperten beabsichtigt. Diese akademisch ausgebildeten Pflegefachkräfte auf Bachelor- und Masterniveau sollen in der direkten Pflege der Patienten eingebunden werden um evidenzbasierte Pflege zu implementieren, die Pflegenden, Patienten und Angehörigen vor Ort zu unterstützen, anzuleiten, zu schulen und unter anderem auch durch Prozessoptimierungen ein verbessertes Outcome der Patienten zu erzielen. 2.3 Strategische Entscheidungen der Pflegedirektion Durch die Pflegedirektion wurde die strategische Entscheidung getroffen, akademisch ausgebildetes Pflegepersonal verschiedener Qualifikationsniveaus als Pflegeexperten in die direkte Patientenversorgung einzubinden. Der Wissenschaftsrat 19 Quelle: Immenroth 2011, S.551 9 empfiehlt eine Akademisierungsquote von 10 – 20%.20 Im Gesundheitszentrum Glantal wird aktuell im Rahmen der Praxisentwicklung eine Quote von ca. 11,5% in der direkten Patientenversorgung angestrebt, welche mit Erweiterung der Aufgabenfelder angepasst werden muss.21 Diese Entscheidung bedarf Veränderungen in der Struktur des Pflegedienstes. Wie in der Abbildung 3: Schematische Darstellung der Pflegedirektion (ab Juli 2016) zu erkennen ist, wird die Stabsstelle Pflegeentwicklung und Qualitätsmanagement in eine Fachabteilung umgewandelt, deren die Pflegeexperten zugeordnet sind. Mit Einführung der Pflegeexperten in den einzelnen Abteilungen und Stationen erfolgt eine Trennung der disziplinarischen und fachlichen Führung. Um eine optimale Verknüpfung von Führungsaufgaben und Expertenkompetenzen zu erreichen, bedarf es einer spezifischen Organisationsform. Die Pflegedirektion folgt dem Prinzip der Matrixorganisation. Hierbei werden vertikale Linienfunktionen mit horizontalen Expertenfunktionen gleichberechtigt zu einer Matrix verknüpft. Die Kommunikationswege sind kurz und nicht an die Einhaltung von Linienfunktionen gebunden. Die Experten sind direkt mit allen Linien der Leitungsebene verbunden. Dies ermöglicht eine höhere Flexibilität und eine kürzere Reaktionszeit auf sich rasch wandelnde Anforderungen. Die unterschiedlichen Ansichten aus dem fachlichen und dem organisatorischen Blickwinkel birgt Konfliktmöglichkeiten, welche jedoch förderlich für ein innovatives Ergebnis sein können.22 Positiv hervorzuheben ist der gegenseitige Austausch und der Einfluss beider Richtungen in Bezug auf die Mitarbeiterführung und Zielplanung der Abteilung.23 20 vgl. Wissenschaftsrat 2012, S.85 21 Ausgenommen von der Berechnung ist die Pflegedirektion inklusive Stabsstelle, die ebenfalls über eine akademische Ausbildung verfügen, jedoch nicht in der direkten Patientenversorgung eingesetzt sind. 22 vgl. Staehle 1999, S. 711 ff.; Deutsches Netzwerk ANP & APN g.e.V. 2011, S. 47 23 Deutsches Netzwerk ANP & APN g.e.V. 2011, S. 47 10 Abbildung 3: Schematische Darstellung der Pflegedirektion (ab Juli 2016) Alle Mitarbeiter des Pflegedienstes sind dem Pflegedirektor unterstellt. Auf Stationsebene wird unterteilt in Führungsund die Fachverantwortung. Die Führungsverantwortung und das disziplinarische Weisungsrecht übernehmen die Stationsleitungen und ihre Stellvertretungen. Hierzu gehören alle organisatorischen Aufgaben wie die Dienstplangestaltung, Urlaubsplanung, die Organisation und Leitung der Teamsitzungen sowie die Stationsorganisation. Die Fachverantwortung wird durch die Pflegeexpertenkommission übernommen und auf Stationsebene durch die Pflegeexperten begleitet. Diese wird durch die Leitung der Fachabteilung Pflegeentwicklung und Qualitätsmanagement geführt. Zu den Mitgliedern gehören alle Pflegeexperten des Gesundheitszentrums. Pflegeexperten auf Bachelorebene sind in die direkte Pflege festgelegter Stationen eingebunden, Pflegeexperten ANP einzelnen Fachbereichen, in denen sie ebenfalls in der direkten Patientenversorgung tätig werden. Kein Pflegeexperte ist fachlich oder disziplinarisch einer Stationsleitung untergeordnet.

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Zusammenfassung

Durch die veränderten Rahmenbedingungen und die höheren Anforderungen erlangt die erweiterte Pflegepraxis auch in Deutschland immer mehr Zuspruch. Seit Jahren werden im tertiären Bildungsbereich Pflegekräfte für die klinische Pflege ausgebildet, diese jedoch nur vereinzelt und oft nicht gezielt in die Pflegepraxis integriert.

In der vorliegenden Arbeit wird geprüft, welche Kompetenzen Absolventen mitbringen, welche Handlungsfelder und Aufgabenbereiche empfohlen werden und welche Wege andere Länder eingeschlagen haben. Im Anschluss wird ein Konzept zur Implementierung von Pflegeexperten auf Bachelor- und Masterniveau vorgestellt. Dieses umfasst Arbeitsdefinitionen, Rollenbeschreibungen und das Kompetenzprofil, welches die Integration der akademischen Pflegenden im pflegerischen Team abbildet. Des Weiteren wird aufgezeigt, wo die Pflegeexperten im Unternehmen verortet sind, mit welchen Methoden sie die Praxisentwicklung forcieren und welche Stolpersteine bei der Implementierung existieren.