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1 Einleitung in:

Yvonne Wegner

Pflegeexperten, page 1 - 4

Ein Konzept zur Implementierung hochschulisch ausgebildeter Pflegekräften in der Pflegepraxis

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4335-6, ISBN online: 978-3-8288-7283-7, https://doi.org/10.5771/9783828872837-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 2

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1 Einleitung Die Akteure1 im Gesundheitswesen stehen zunehmend vor verschiedenen Herausforderungen. Dies betrifft die Pflege als größte Berufsgruppe im deutschen Gesundheitswesen2 im Besonderen. Bedingt durch den demografischen Wandel steigt nicht nur die Anzahl der Pflegebedürftigen im Verhältnis zu den Pflegenden, auch die Komplexität der Fälle nimmt durch das höhere Alter und die mehrfacherkrankten Patienten zu. Um die Versorgung in der Zukunft sicherzustellen, sind ein Umdenken und eine Neustrukturierung der Prozesse nötig. Vorhandene Kompetenzen müssen effizient und effektiv eingesetzt werden. Bereits 2007 hat der Sachverständigenrat in seinem Gutachten festgestellt, dass eine isolierte Betrachtung der einzelnen Berufsgruppen nicht zum erwünschten Ziel führt.3 „Eine Tätigkeitsübertragung von Aufgaben insbesondere auf die Pflege und eine größere Handlungsautonomie derselben ist nicht zu umgehen, wenn die Versorgung aufrechterhalten und verbessert werden soll.“4 Zur Übernahme der geforderten Verantwortung sind eine Prüfung der vorhandenen Kompetenzen innerhalb der Pflegeberufe und eine Festlegung der Aufgabenverteilung not- 1 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht. 2 vgl. Isfort et al. 2010, S. 5 3 vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007, S. 15 4 Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007, S. 23 2 wendig. Hier müssen insbesondere die neueren Berufsbilder, die sich ab den 90er Jahren im tertiären Bereich entwickelt haben,5 berücksichtigt werden. Während zu Beginn der Akademisierung der Pflegeberufe der Schwerpunkt in erster Linie auf der akademischen Qualifizierung der Lehr- und Leitungspositionen lag, verlagert sich der Fokus immer mehr auf die erweiterte Pflegepraxis.6 Seit Umstellung der Studienlandschaft im Rahmen des Bologna- Prozesses haben sich verschiedene Pflegestudiengänge etabliert, die als Ziel die erweiterte Pflegepraxis sehen und nicht den bisher vorherrschenden Richtungen des Pflegemanagements, der Pflegepädagogik oder der Pflegewissenschaft folgen.7 Beobachtet man die Entwicklungen der Studiengänge, lässt sich im Besonderen zu Beginn der Neustrukturierung ein breites Portfolio an Inhalten, jedoch kein klares Profil akademisch ausgebildeter Pflegefachkräfte erkennen.8 Dieser Umstand erschwert es den zukünftigen Arbeitgebern sich auf die Absolventen einzustellen. Im gesamten Bundesgebiet werden jährlich Bachelorabsolventen in die Praxis entlassen, ohne zuvor die beruflichen Perspektiven mit der Berufspraxis zu klären. Die Anpassung der Strukturen an die veränderten und erweiterten Kompetenzprofile geschieht sehr zögerlich.9 Auch seitens der Absolventen bedarf es hier einer Entwicklung. Noch im Jahr 2008 wurde die direkte Pflege von Absolventen verschiedener Pflegestudiengänge kaum als zukünftiges Aufgabenfeld gesehen.10 Mit der Neuausrichtung der Pflegestudiengänge im Rahmen des Bologna-Prozesses hin zu praxisorientierten Studiengängen auf Bachelor- und Masterebene, wird bereits seit längerer Zeit versucht auf die veränderten Herausforderungen und den höheren Bedarf an erweiterten Kompetenzen Einfluss zu nehmen. Durch die höhere gesellschaftliche Aner- 5 vgl. Schaeffer 1998, S. 1 6 vgl. Kälble 2013, S. 1132 7 vgl. DPR und DPG 2014, S.1 8 vgl. Hülsken-Giesler et al. 2010, S. 218; Stemmer und Dorschner 2007, S. 2 9 vgl. DPR und DPG 2014, S. 1 10 vgl. Höhmann, U., Panfil, E.-M., Stegmüller, K., & Krampe, E.-M. 2008, S. 229 3 kennung von akademisch ausgebildeten Berufen rücken mit der Möglichkeit der dualen Studiengänge die Ausbildung und der Beruf der Pflege ins Sichtfeld der Schulabgänger mit Hochschulreife.11 Neben dem Abgleich des Anspruchs wird auch die Zielgruppe des Nachwuchses erweitert. Aufbauend auf die Bachelorstudiengänge wird auch mit den verschiedenen Masterstudiengängen auf die steigende Komplexität der Arbeit eingegangen. Der Fokus der Akademisierung der Pflege liegt aktuell bei der evidenzbasierten Pflegepraxis, deren Ziel eine Steigerung der Versorgungsqualität und eines verbesserten Patientenoutcome ist.12 Trotz dieser Bestrebungen in den vergangenen Jahren ist es im deutschen Gesundheitssystem noch nicht ausreichend gelungen, diesen Grade Mix zu implementieren und damit den gesteigerten Ansprüchen zu entsprechen. Bei einem Blick über die deutsche Pflegeund Krankenhauslandschaft lassen sich nur vereinzelt Absolventen von Pflegestudiengängen finden, die gezielt in der Pflegepraxis eingesetzt werden. Dabei bietet sich die erweiterte Pflegepraxis an, den seit Jahren kritisierten Theorie- Praxis-Transfer zu fördern und die Pflegenden gezielt zu unterstützen. Im Gesundheitszentrum Glantal in Meisenheim (Rheinland-Pfalz) wurde die strategische Entscheidung getroffen, hochschulisch ausgebildete Pflegekräfte als Pflegeexperten in die Pflegepraxis zu integrieren. Als Entscheidungsgrundlagen dienten die hier bereits beschriebenen Entwicklungen. Um ein Profil der Pflegeexperten zu entwickeln, ist es notwendig die Kompetenzen, die zukünftige Stelleninhaber mitbringen, zu beachten. Diese werden in der vorliegenden Arbeit neben den Empfehlungen zum Einsatz akademischer Pflegender sowie einer Auswahl an Praxiskonzepten in die Erarbeitung des Konzeptes mit einbezogen. Es wird der Frage nachgegangen, welche Aufgaben in den Kompetenzbereich der Bachelor- und welche in den der Masterabsolventen fallen, wie und auf welcher Ebene die verschiedenen Akteure sinnvoll vernetzt werden können. Ebenso soll eine Abgrenzung zu anderen Qualifikationen und Funktionen wie z.B. der Stationsleitungen vorgenommen werden. 11 vgl. Reichardt und Petersen-Ewert 2014, S. 247 12 vgl. DPR und DPG 2014, S. 1 4 Aufgrund der Bezeichnung Pflegexperten ist an dieser Stelle eine klare Abgrenzung zu den vielfach bereits eingesetzten Pflegefachkräften mit einer Spezialisierung in einem Themenbereich wie z.B. Wundmanager oder Pain Nurses sowie der Pflegeexperten nach dem Dreyfus-Modell vorzunehmen. Bei dem Begriff Experte wird nach Dreyfus und Dreyfus ein erfahrener Berufsangehöriger verstanden. Diese nach Benner benannten Pflegeexperten handeln aufgrund ihrer Erfahrung intuitiv, wobei das Handeln nicht immer begründet werden kann.13 Pflegeexperten mit hochschulischer Ausbildung handeln hingegen „wissenschaftsorientiert“14 und können das Handeln evidenzbasiert belegen15. In der nachfolgenden Arbeit werden unter der Bezeichnung Pflegeexperten ausschließlich hochschulisch ausgebildete Pflegefachpersonen verstanden. Mit dieser Arbeit soll ein theoretischer Rahmen geschaffen werden, der Pflegedirektoren, Pflegepraktikern, akademischem Pflegepersonal und allen weiteren Berufsgruppen ermöglicht, sich einen Überblick über die Einordnung, Verantwortung und Aufgabenbereiche zu verschaffen. Obwohl der Fokus auf der normativen Ebene liegt, kann und soll dieser nicht isoliert betrachtet werden. Die Konzeptentwicklung fand parallel zur Implementierung der ersten Pflegeexperten statt. Die Entscheidungen der strategischen sowie die Aktivitäten der operativen Ebene wurden ebenso beachtet, um auf mögliche Anpassungsnotwendigkeiten direkt reagieren zu können. 13 vgl. Benner et al. 2012, S. 71-72 14 Hülsken-Giesler und Korporal 2013, S.37 15 vgl. Hülsken-Giesler und Korporal 2013, S. 27

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Zusammenfassung

Durch die veränderten Rahmenbedingungen und die höheren Anforderungen erlangt die erweiterte Pflegepraxis auch in Deutschland immer mehr Zuspruch. Seit Jahren werden im tertiären Bildungsbereich Pflegekräfte für die klinische Pflege ausgebildet, diese jedoch nur vereinzelt und oft nicht gezielt in die Pflegepraxis integriert.

In der vorliegenden Arbeit wird geprüft, welche Kompetenzen Absolventen mitbringen, welche Handlungsfelder und Aufgabenbereiche empfohlen werden und welche Wege andere Länder eingeschlagen haben. Im Anschluss wird ein Konzept zur Implementierung von Pflegeexperten auf Bachelor- und Masterniveau vorgestellt. Dieses umfasst Arbeitsdefinitionen, Rollenbeschreibungen und das Kompetenzprofil, welches die Integration der akademischen Pflegenden im pflegerischen Team abbildet. Des Weiteren wird aufgezeigt, wo die Pflegeexperten im Unternehmen verortet sind, mit welchen Methoden sie die Praxisentwicklung forcieren und welche Stolpersteine bei der Implementierung existieren.