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VI. Anhang in:

Isabell Arnstein

Die Geschichte der Zentralgewerbeschule Buchen, page 99 - 138

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4334-9, ISBN online: 978-3-8288-7281-3, https://doi.org/10.5771/9783828872813-99

Tectum, Baden-Baden
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99 VI. Anhang VI. 1) Übersicht der verantwortlichen Lehrkräfte bzw. Schulleiter im Laufe der Zeit341 1847–1848 Anton Santo, Gewerbelehrer 1848–1856 Erasmus Pfaff, Reallehrer 1856–1864 Georg Scherer, Real- und Gewerbelehrer 1864–1872 Johann Rümmele, Real- und Gewerbelehrer 1873–1877 Karl Seifert, Gewerbelehrer 1877–1885 Josef Frey, Gewerbelehrer 1885–1889 August Straub, Gewerbelehrer 1889–1891 Heinrich Müller, Gewerbelehrer 1891–1893 Jakob Feuerstein, Gewerbelehrer 1893–1898 Anton Dilger, Architekt und Gewerbelehrer 1898–1901 Ferdinand Huber, Gewerbelehrer 1901–1903 Karl Hahn, Gewerbelehrer 341 Übersicht angeben nach: ZGB, 150 Jahre, 1997, mit Ergänzung um OStD Konrad Trabold. 1903–1905 Wilhelm Fink, Gewerbelehrer 1905–1910 Wilhelm Wurzel, Gewerbelehrer 1910–1912 Emil Beurer, Gewerbelehrer 1912–1914 Karl Winkler, Gewerbelehrer 1914–1920 Hermann Mangler, Gewerbelehrer 1920–1938 Karl Englert, Studienrat 1938–1939 August Jacobi, Studienrat 1939–1940 Friedrich Bartholme, Berufsschullehrer 1940–1942 August Jacobi, Studienrat 1942–1943 Friedrich Krust, Studienrat 1946–1947 Heinrich Schaab, Studienrat 1947–1949 Friedrich Krust, Studienrat 1949–1969 Alfons Willax, Oberstudiendirektor 1969–1994 Erhard Brötel, Oberstudiendirektor 1994–2012 Wolfgang Seifert, Oberstudiendirektor seit 2012 Konrad Trabold, Oberstudiendirektor 100 Anhang VI. 2) Zeitzeugenberichte Zeitzeugenbericht Klaus Hofmann – vom Lehrling zum Meister 1961: Besuch der Einjährigen Berufsfachschule Metall in Walldürn und anschließend von 1962 bis 1965 Lehre bei OKW (Odenwälder Kunststoffwerke Gehäusesysteme) in Buchen; Besuch der Meistervorbereitungskurse mit Meisterprüfung 1979. Im Rahmen seiner Lehre zum Werkzeugmacher besuchte Klaus Hofmann die Werkstätten in Walldürn. Eine Zugfahrt von Buchen nach Walldürn kostete 80 Pfennig, sodass er und seine Freunde meist mit dem Fahrrad fuhren, um sich dieses Geld zu sparen und das von der Mutter eigentlich für die Zugfahrt angedachte Geld anderweitig auszugeben. Manch andere Schüler mussten sogar am Vorabend anreisen, um die Gewerbeschule besuchen zu können. So berichtete Herr Hofmann von einer Bekannten aus Krautheim, die bereits am Vorabend hergefahren ist und bei seiner Cousine übernachten musste. Zu jener Zeit dauerte das Schuljahr noch von Mitte April bis Ende März. Klaus Hofmann hatte als Klassenlehrer Herr Jakusch und Dipl-Ing. Katzenmeier. Wirtschaftskunde unterrichtete der Schulleiter Herr Willax. Herr Jakusch unterrichtete nach seinem Wahlspruch: »Wenn der Dümmste es kapiert hat, dann können wir weitermachen.« Allerdings war es damals noch normal, dass dem ein oder anderen Lehrer die Hand gegenüber einem seiner Schützlinge »ausrutschte«. Klaus Hofmann beispielsweise »fing eine«, als er zufälligerweise Herrn Jakusch mit einem Papierkügelchen am Hinterkopf traf, als dieser an der Tafel zugange war. Nachdem sich dieser umdrehte und nach dem zu Bestrafenden gefragt hatte, stellte sich Hofmann zu seiner Tat. »Das tat man so«, meinte Hofmann. Man stand zu seiner Tat, auch wenn man es eigentlich nicht hätte herausfinden können – schließlich stand Jakusch mit dem Rücken zur Klasse. Der Unterricht an der Einjährigen Berufsfachschule in Walldürn war montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr. Sein unterrichtender Meister war Hermann Müller, der eng mit Hofmanns Vater, einem Koch, Konditor und Bäcker, befreundet und somit für diese Schulwahl und Werdegang ausschlaggebend war. Trotz der langen Unterrichtszeiten an der Berufsfachschule Metall und auch der anstrengenden Lehrzeit bei OKW war es üblich, dass man sich am Wochenende noch etwas dazu verdiente. Hofmann arbeitete samstags noch auf dem Bau. Die 70 DM Lehrgeld im ersten Lehrjahr hätten sonst nicht ausgereicht, schließlich musste man alle Lehrmittel selbst bezahlen. Von Direktor Willax wurde Hofmann, bedingt durch seinen zeitweiligen Besuch des Gymnasiums, oft als »verkappter Gymnasiast« bezeichnet, was zur Folge hatte, dass an ihn und drei weitere Schulabbrecher besonders hohe Anforderungen gestellt wurden. »Klaus, Du kannst das besser!«, war deswegen ein oft zu hörender Satz von Meister Müller in der Werkstatt. Deshalb wurde so manches Werkstück zweimal gefertigt. Auf ein vordergründig freundlich gemeintes »Guten Morgen Herr Willax!« vonseiten Klaus Hofmanns antwortete dieser sichtlich genervt mit »Ich bin nicht dein Herr Willax, ich bin dein Direktor!«, was als Antwort »Jawohl, Herr Willax!« als einzig an- 101 Zeitzeugenberichte nehmbare Reaktion erzwang. Dieses Spiel sollte sich des Öfteren wiederholen. Auf die Übergabe des Klassenpreises an Klaus Hofmann hin, zum Abschluss der Ausbildung, lobte Herr Willax Herrn Hofmann, worauf der ihm keck antwortete: »Und ausgerechnet diesem verkappten Gymnasiasten müssen Sie den Klassenpreis überreichen!« Die Maschinenausstattung in Walldürn war besser als in der Lehrwerkstatt im Betrieb, erinnerte sich Hofmann. Insgesamt gab es 20 Arbeitsplätze bei 19 Auszubildenden in seiner Klasse. So hatte jeder seinen eigenen Arbeitsplatz. An der Einjährigen Berufsfachschule war es üblich, dass immer, wenn zum Beispiel einer einen Gewindebohrer kaputtgemacht hat, Werkzeug unordentlich dalag oder sonstige kleinere Unachtsamkeiten passierten, ein paar Pfennige, i. d. R. 10, in die Klassenkasse gezahlt werden mussten. Dieses Geld war eigentlich für die Abschlussfahrt vorgesehen, die mit Klassenlehrer Jakusch auf die Gamburg in Werbach im Main-Tauber- Kreis gehen sollte. Doch als sich 1962 die große Flutkatastrophe in Hamburg ereignete, spendete man den Inhalt der Klassenkasse auf allgemeinen Wunsch der Klasse den Flutopfern. Filme waren eine Seltenheit im Unterricht und erzeugten im Vorhinein eine große Erwartungshaltung. So kündigte der Lehrer dann frühzeitig an, wenn er eine »Filmvorführung« geplant hatte. Den Film dafür holte er von der Kreisbildstelle ab, beispielsweise zum Thema »Gas- und Sauerstoffgewinnung«. Die Vorführung fand dann im Klassenzimmer mit Projektor und Filmen auf Rollen statt. Schulische Veranstaltungen, wie sie heute gang und gäbe sind, waren damals unüblich, höchstens der Gottesdienst zu Schuljahresbeginn konnte darunter gezählt werden. Auch an Weihnachten gab es keine schulische Weihnachtsfeier. Zum Besuch des Meistervorbereitungskurses 1979 war bereits der Bau des D-Gebäudes abgeschlossen und aller Unterricht konnte nun in Buchen stattfinden. Hofmann absolvierte den Teilzeitkurs und erinnerte sich vornehmlich an die Lehrer, die Herren Wolfgang Seifert, Alfred Fischer, Erhard Brötel und Gerald Wanke. Von 33 Schülern zu Beginn des Kurses konnten »nur« 15 die Prüfung mit Erfolg abschließen. Die anderen blieben auf der Strecke, auch da der Unterricht aufgrund seiner Teilzeitkonzeption überaus fordernd war. Diese Phase in seinem beruflichen Leben tituliert Hofmann mit dem Oberbegriff »todmüde«, denn der Abend- und Wochenendunterricht war sehr beanspruchend und fordernd. Nach seiner Meisterprüfung fragte Direktor Brötel Klaus Hofmann, ob er denn Werkstattlehrer an der ZGB werden wolle. Aber Hofmann entschied sich dagegen. Ausschlaggebend war die Verlockung des höheren Gehaltes in der Wirtschaft. Abschließend kann Hofmann sagen, dass aus allen seinen Mitschülern an der ZGB etwas geworden sei und dass eigentlich alle in der Region geblieben sind. Nachfolgende Bilder stammen aus dem Privatbesitz von Klaus Hofmann. 102 Abb. 34: Abschlussjahrgang Berufsschule 1965 Abb. 35: Meisterkurs 1979 Anhang 103 Bericht von Erich Gramlich – vom Lehrling zum Lehrer Von 1971 bis 1974 war Erich Gramlich Auszubildender bei der Fa. Göttfert-Feinwerk- Technik in Buchen, mit dem Ziel den Beruf Elektromechaniker zu erlernen. Der Berufsschulunterricht im ersten Ausbildungsjahr war aus Platzgründen in Walldürn, das zweite und dritte dann im noch jungen Neubau, dem heutigen D-Gebäude der ZGB. »Wir waren in den Räumen D 220 und D 222 untergebracht«, erinnert sich Gramlich noch genau. Natürlich hat er eine ganz andere Verbindung zu den Räumlichkeiten, da er 2004 wieder an die ZGB zurückgekommen ist – als Wissenschaftlicher Lehrer für Elektrotechnik. Sein Werdegang ist beispielgebend. Seine eigene Schulzeit beendete er zu einer Zeit, als Lehrlinge Mangelware waren. Sein damaliger Lehrer an der Realschule gab ihm den Rat mit, doch mal zum Arbeitsamt in Buchen zu gehen, dort hätte man schon etwas für ihn. So geschah es auch. Das Arbeitsamt schickte drei Abt-Bessel-Realschüler direkt weiter in die »Vordere Wanne« zur Firma Göttfert-Feinwerk-Technik. »Eine stattliche Dame«, so Gramlich, war dort Personalleiterin. Sie rief den Produktionsleiter und nicht zögernd führte dieser sogleich die potenziellen Bewerber durch die Firma. Am Ende der Tour gab er ihnen je einen Ausbildungsvertrag mit, der lediglich von den Eltern noch zu unterschreiben war. Keine Bewerbung, keine Zeugnisse. An diesem einen Tag wusste man, wohin es nach der Schule gehen sollte. »Heutzutage seien es ja fast wieder ähnliche Zeiten«, meint Gramlich ergänzend. So lernte Gramlich dann gemeinsam mit seinen zwei Realschulkollegen und einem Hauptschüler drei Jahre lang bei der Fa. Göttfert-Feinwerk-Technik und damit auch an den Schulstandorten Walldürn und Buchen. Als er nach dem ersten Lehrjahr von Walldürn nach Buchen wechselte, »kamen ganz viele junge Lehrer an die Schule«, so Gramlich. Darunter Joachim Götz, Max Fischer und Werner Müller, die auch seine späteren Kollegen werden sollten. »Damals gab es noch keine Ü AB (Überbetriebliche Ausbildungsstätte)«, erzählte Gramlich. »Es gab aber einen Zusammenschluss der Firmen Braun, Göttfert und Feinelektrik Altheim, die führten eine eigene Lehrwerkstatt im ersten Ausbildungsjahr. Von den drei Firmen wurde sogar eine Busverbindung für Mitarbeiter und Auszubildende eingesetzt.« Das sei praktisch gewesen, denn man war ja noch minderjährig. » Aber später fuhr ich dann mit dem Moped in die Schule«, ergänzt Gramlich. Doch Erich Gramlich wollte nach der Ausbildung unbedingt ein Ingenieurstudium an der Ingenieurschule Karlsruhe, der heutigen Fachhochschule (FH), beginnen. Dafür qualifizierte in damaliger Zeit eine erfolgreiche Berufsausbildung. Doch sein Ausbilder bei Göttfert-Feinwerk-Technik war von diesem Plan ganz und gar nicht angetan. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er lautstark argumentierte und fragte, für wen sie denn hier ausbilden würden.« In Karlsruhe konnte man sich für einen Vorkurs an der Fachhochschule einschreiben. An die 250 ehemalige Lehrlinge aus ganz Baden-Württemberg wollten im Studienjahr 1975 an diesem Vorkurs teilnehmen. 150 davon sollten die Prüfung auch bestehen, welche die Fachhochschulreife darstellte, die den weiteren Studienverlauf Zeitzeugenberichte 104 an der FH Karlsruhe ermöglichte. »Das waren die Anfänge des Zweiten Bildungsweges«, meint Gramlich. »Die Fachhochschulreife in den Händen zu halten, das war für uns wie im Himmel!« Im weiteren Verlauf seines Studiums bekam Gramlich aufgrund seiner Berufsausbildung und einschlägiger Berufserfahrung sogar die beiden Praxissemester erlassen, sodass er bereits nach sechs Semestern seinen »Dipl.-Ing. (FH)«-Titel in den Händen halten konnte. Dass alles so gut gepasst hat und Erich Gramlich schneller seinen Ingenieurstitel innehatte, als wenn ein Abiturient diesen Werdegang durchlaufen hätte, war ein glücklicher Umstand. »Durch meinen Realschulabschluss wurde meine Lehre bei Göttfert-Feinwerk-Technik auf 36 Monate reduziert und meine 15 Monate dauernde Wehrdienstzeit wurde wegen ordentlichen Benehmens um 6 Wochen verkürzt.« »Durch das von der ersten sozial-liberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt eingeführte Berufsausbildungsförderungsgesetz (BaföG) und einer Waisenrente war es letztlich möglich, diesen Werdegang einzuschlagen.« Natürlich musste er »trotzdem noch am Wochenende und in den Semesterferien jobben«, so Gramlich. Der Start an der ZGB war eine schöne Zeit, resümiert Gramlich. Es gab damals noch einen Kappenabend für Lehrkräfte samt Gattin bzw. Gatten. Dieser wurde dann in die Soiree umgewandelt, einem musikalischen Abend in der Aula der Schule, den die Kollegen mit ihren eigenen musikalischen Talenten gestalteten. Aber heute ist es hier immer noch schön, so sein Fazit. Bericht von Monika Weigand-Stubenvoll – erste „Frau“ (und nicht „Fräulein“!) an der ZGB Monika Weigand-Stubenvoll kam im Januar 1976 als Studienassessorin an die ZGB. Nach Fräulein Raab, der ersten Lehrerin an der Schule, bestand Monika Weigand, obwohl sie damals unverheiratet war, dennoch auf die Bezeichnung »Frau«, was an der Schule als kleiner Skandal angesehen wurde. Allerdings gab es in den Räumen der ZGB noch andere Frauen, denn die damalige Hauswirtschaftsschule Buchen (HWS) benutzte Räume der ZGB, so war auch »Fräulein« Gertrud Decker, die Schulleiterin der HWS, öfters anzutreffen. Und im Sekretariat waren Hildegard Scholl und Marianne Witt vorzufinden. 1979 hatte Monika Weigand dann geheiratet, einen Lehrerkollegen von der Schule. Eine erste Reaktion von Herr Brötel auf diese Nachricht war die Frage: »Wann hören Sie denn auf?« Woraufhin Monika Weigand-Stubenvoll entgegnete, dass sie ihr Studium nicht finanziert hätte, um jetzt das alles hinzuwerfen. »Problematisch« war wohl auch, dass man nicht wusste, wie man das schulinterne Kürzel nun vergeben sollte: Es gab ja jetzt nun zwei Personen mit dem Namen Stubenvoll an der Schule. Der Vorschlag, dass man beim Kürzel aus der Zeit vor der Heirat bleiben könne, verschaffte Erleichterung: »Wg« für Monika und »St« für Helmut. Nach der damaligen »neuen« Regelung, dass man als Frau den Geburtsnamen behalten und den Familiennamen des Ehemannes anhängen konnte, hieß Monika ab dann Weigand-Stubenvoll. Monika avancierte dann zur ersten Frauenvertreterin an der Schule: Eintreten für Gleichstellung! Der von Monika initiierte Anhang 105 »pädagogische Zirkel« war ein erster Schritt in die Richtung »innere Schulreform«. Auf freiwilliger Basis begann man, sich regelmäßig nachmittags zu treffen und über Probleme mit Schülern, Kollegen und der Schulleitung zu reden. »Eine gute Sache, da man so die Möglichkeit bekam, im kleinen Kreis, der absoluter Verschwiegenheit unterlag, seine Probleme zu besprechen.« Natürlich gab es auch Kaffee, Kekse und … Rotwein. »Der löste die Zunge«, so Frau Weigand-Stubenvoll. »Die Schüler von damals hatten noch eine ganz andere Beziehung zu ihren Lehrern.« Frau Weigand-Stubenvoll fallen dazu besondere Erlebnisse ein: Aprilscherze. Auf dem Gelände des heutigen ALDI gab es damals einen Erdhügel, worauf die Schüler ihren Fiat 850 mit vereinten Kräften hievten. Ein Jahr später, ebenfalls zum 1. April, hoben die Schüler ihren Fiat auf ein Podest zwischen damaliger Landwirtschaftsschule und HWS, sodass das Auto so eingekeilt war, dass nur durch erneutes Hochheben und händisches Wegtragen der Weg wieder freigemacht werden konnte. Daraufhin kaufte sich Monika ein schwereres Auto. Bericht von Anatoli Brishatjuk – Migration und Integration Als studierter Musiker (Tuba), Fachrichtung Blechbläser, machte Anatoli Brishatjuk nach seiner Migration von Kasachstan nach Deutschland im Februar 2003 eine beispielhafte Karriere bis hin zum staatlich geprüften Techniker im mittleren Management. Nach seiner Migration von Kasachstan nach Deutschland konnte er sich zunächst gar nicht vorstellen, »etwas Technisches« zu machen. Sein Herz hing noch zu sehr an seiner musikalischen Ausbildung, die er hier gerne weitergeführt hätte. Zunächst versuchte er, an der Musikhochschule Würzburg die Aufnahmeprüfung zu bestehen, doch vorbereitende Privatstunden waren leider zu teuer. »[…] mit 21 wie ein stummes Kind«, stellt er rückblickend fest, da sein in Kasachstan eingeschlagener Weg verschlossen schien und er über keine Sprachkenntnisse verfügte. Mit diversen Nebenjobs (Pizza ausfahren etc.) hielt er sich über Wasser. In Höpfingen, in der Trachtenkapelle, fühlte er sich dann erstmals heimisch. Hier entstand auch ein erster Kontakt zur ZGB: Studienrat Michael Kaiser nahm Anatoli immer mit dem Auto zu den Proben, da er damals kein Auto hatte. Im Jahr 2006 begann er seinen Job bei der Fa. Seitenbacher und zog mit seiner Freundin (heute Frau) nach Buchen. Bereits zum Jahresbeginn fing er bei der Stadtkapelle Buchen zu musizieren an. Recht bald übernahm Anatoli hier dann die Jugendkapelle. Seine Sprachkenntnisse wurden – nicht zuletzt dadurch – schnell besser. Zwar versuchte er die Aufnahmeprüfung nochmals mit Mitte 20, nahm dann aber doch Abstand von der Karriere als Berufsmusiker. Mit der Stadt Buchen und seinen Bewohnern, nicht zuletzt durch das Praktikum im Rathaus und in der JMK- Musikschule fühlt er sich sehr verbunden. Er habe sich hier sehr schnell eingelebt und viele nette Kontakte aufgebaut, auch dies sei ein wichtiger Parameter für seinen Karriereweg gewesen. Weil er von der Gesellschaft in Buchen, hier vor allem von der Stadtmusik und der ZGB, so viel Kostbares und Wertvolles unentgeltlich erfahren habe, fühle er sich in der Verantwortung, etwas zurückzugeben. Zeitzeugenberichte 106 In einer gemeinsamen Entscheidung mit seiner Frau, rang er sich dazu durch, eine Lehre zum Feinwerkmechaniker anzutreten. Die Firma Fella Maschinenbau GmbH in Amorbach wurde sein Ausbildungsbetrieb. Dass er seine Berufsschule an der ZGB absolvieren durfte und nicht wie durch den Betriebsort Amorbach bedingt in Obernburg, verdankt er dem Einsatz von Christof Kieser, der ihm half, den Schulbezirk zu wechseln. Anatoli Brishatjuk war zu Beginn der Ausbildung schon zum ersten Mal Vater geworden und da war es natürlich vorteilhaft, wenn der Buchener in Buchen die Berufsschule besuchen konnte. Die Länder Bayern und Baden-Württemberg verständigten sich diesbezüglich problemlos. Nach der Ausbildung reifte in ihm der Entschluss, noch den Techniker »draufzusatteln«. Kein halbes Jahr nach Ausbildungsende begann Anatoli dann schon mit der Teilzeittechnikerausbildung (FTMT) an der ZGB. Die Fachschule für Technik an der ZGB bietet als Zusatzqualifikation das Zertifikat der DGQ (Deutsche Gesellschaft für Qualität) an. Diese Ausrichtung auf das »Qualitätsmanagement« war für ihn besonders attraktiv. Er berichtet davon, dass es für ihn wie seine innere Stimme immer wieder zugeflüstert hat: »Nutze Deine Chance …, das ist die Chance fürs Leben.« Seine Erfahrungen an der ZGB beschreibt er als eine Zeit »des gesunden Drucks«. Er wurde gefordert, wobei in der Technikerausbildung in Teilzeit auch immer die Gefahr der Überforderung bestand, aber nur, »wenn man nicht weiß, was man will, und wenn man kein klares Ziel vor Augen hat«. Schließlich ist diese Form der Ausbildung (Montag- und Freitagabend, an Samstagen und in Präsenzwochen, die fast den gesamten Jahresurlaub aufzehren) äußerst zeitintensiv. Er hat im Betrieb vorgearbeitet und Überstunden geschoben, um an der ZGB den Unterricht besuchen zu können. »Diese Zeit ging an die Substanz. Mitunter hatte ich nur drei Stunden Schlaf.« Aber er glaubt, dass stressige Zeiten manchmal notwendig seien, um »dem Druck« standzuhalten und für den Beruf fit zu sein. »Wenn man ein Ziel hat, dann muss man sich einfach dahinterklemmen! […] Die Ausbildung als Teilzeittechniker an der ZGB, »diese ›Schule des Lebens‹ war im Nachhinein nötig für meine jetzige Einstellung, für die Erkenntnis, was wichtig und was unwichtig ist«. Er sei jetzt angekommen und den Druck, der früher von der Ausbildung herkam, den suche er sich mittlerweile selber. Es sei die richtige Mischung aus Herausforderung und Bestätigung gewesen, gemäß dem Motto: »Man wächst mit seinen Aufgaben!« Im Nachhinein stellt er fest, dass er es etwas bereut, dass alles so schnell lief: »Innerhalb von 10 Jahren von null auf hundert, vom Lehrling zum Gesellen, dann zum Verwaltungsmitarbeiter, anschließend zu einer Leitungsposition in einer mittelständischen Firma. Er arbeitet aktuell bei einem Automotive-Unternehmen in Mannheim. Rückblickend deklariert Herr Anatoli Brishatjuk die ZGB-Schule als »persönliches Sprungbrett« und auch als den Grundstein, auf dem alles aufbaut. Anhang 107 Stilblüten aus den Gesamtlehrerkonferenzen – Zeugnisse des Zeitgeistes VI. 3) Stilblüten aus den Gesamt lehrerkonferenzen – Zeugnisse des Zeitgeistes »Der Filmbeitrag in der Höhe von 40 Pfennigen ist wie alljährlich wieder von den Schülern einzukassieren und bald abzuliefern, desgleichen der Betrag für die Kriegsgräberfürsorge. Der Filmbeitrag kann eventuell auch in 4 Raten eingehoben werden.« (GLK-Protokoll vom 13.11.1948) »Pilgerfahrten nach Rom oder Lourdes können als Sonderurlaub genehmigt werden.« (GLK-Protokoll vom 3.4.1954) »Die Schülersammlung für die Geschädigten der Hochwasserkatastrophe in Norddeutschland erbrachte in Buchen 73,85 DM, in Walldürn 235,05 DM.« (GLK-Protokoll vom 21.3.1962) »Nr. AV 517 vom 22. März 1962; Röntgenuntersuchung der Lehrkräfte: Lehrkräfte haben sich vor Übernahme ihrer Tätigkeit und in der Folge jährlich einmal einer Röntgenuntersuchung zu unterziehen. Es kann auch ein privatärztliches Zeugnis erbracht werden, dessen Kosten jedoch der Lehrer selbst zu tragen hat. Im Falle der Weigerung sind Disziplinarmaßnahmen vorgesehen.« (GLK-Protokoll vom 12.4.1962) »Erlass Nr. AV 1696: Die Begriffe ›Bundesrepublik‹, ›bundesdeutsch‹ und die Abkürzung ›BRD‹ sollen möglichst nicht, dagegen die Worte ›Deutschland‹ und ›deutsch‹ häufig gebraucht werden.« (GLK-Protokoll vom 19.1.1966) »Durch Zukauf von Geräten verfügt die Schule nun über 6 Tageslichtprojektoren. Auch ein 2. lichtstarkes Epidiaskop wurde angeschafft.« (GLK-Protokoll vom 15.12.1972) »Wiederholt wurde das Thema ›Verlust des Schlüssels für die zentrale Schließanlage an der ZGB‹ sehr lebhaft diskutiert. Der Schulleiter appelliert an die Vernunft aller, im Interesse eines einwandfreien Schulbetriebs, das Risiko auf sich zu nehmen. Damit die Konferenz nicht bis in die Nachtstunden andauert, geht man zum nächsten Punkt über, obwohl ein großer Teil der Kollegen mit der jetzigen Form des eigenen Risikos nicht zufrieden ist.« (GLK-Protokoll vom 16.5.1975) »Bewerbungen für Saudi- Arabien sind auf dem Dienstweg einzureichen.« (GLK-Protokoll vom 1.7.1980 mit Verweis auf den Erlass U IV 358.15.72/36 vom 13.6.1980) »Hr. Brötel bittet die Kollegen abschließend, den Stundenplan in seinem Zimmer möglichst nur in der großen Pause und/oder am Nachmittag zu frequentieren. Außerdem bleibt es dabei, daß ein Stuhl vor dem Zimmer ›absolute Ruhe‹ bedeutet.« (GLK-Protokoll vom 21.8.1989) »Es soll durch Zeitungsinserat ein neuer Pächter für den Pausenverkauf an der ZGB gesucht werden. Dabei wird das Sortiment ausgewiesen und es werden auch ›Heiße Würstchen‹ angeboten werden. Das Kollegium spricht sich mehrheitlich für einen Probelauf bezüglich ›Heiße Würstchen‹ [aus].« (GLK-Protokoll vom 23.4.1990) 108 »Herr Kress bittet um einen Heckenschnitt am 1. Parkplatz des Schuleingangs.« (GLK-Protokoll vom 30.9.1991) »Herr Seiffert I teilt dem Kollegium mit, daß alle schuleigenen Computer und wahrscheinlich auch die meisten Disketten durch Viren verseucht sind.« (GLK-Protokoll vom 13.11.1991) »»Herr Lenzen gibt zu bedenken, daß es mittlerweile über tausend Computer-Viren gäbe. Die Antiviren-Programme könnten jedoch immer nur einen kleinen Teil bekämpfen.« (GLK-Protokoll vom 16.12.1991) VI. 4) Erfahrungsbericht zur Stundenplanerstellung am Schuljahresbeginn – Aufzeichnungen nach einem Gespräch mit Schulleiter a. D. Dipl.-Ing. Wolfgang Seifert Zu Zeiten von Schulleiter Willax war die Stundenplanerstellung an der ZGB noch relativ einfach. Zunächst wurde am ersten Schultag gewartet, wie viele Schüler sich für welche Berufe meldeten. Nachdem die Schüler aufgenommen waren, wurden die Kollegen vom Schulleiter in den Prinz Carl geschickt. Sie sollten nach dem Mittagessen wiederkommen. In der Zeit von 11 bis 13 Uhr hatte Herr Willax den Stundenplan erstellt. Dieser wurde den Kollegen mitgeteilt und danach wurde im kommenden Schuljahr unterrichtet. Eines Tages, einige Jahre später, kamen die Kollegen wieder aus dem Prinz Carl und statt des fertigen Stundenplans erwartete sie ein völlig aufgelöster Schulleiter, der eingestehen musste, dass er es nicht geschafft hatte, einen Stundenplan zu erstellen, die Lage war komplexer geworden. Herr Brötel kam dann auf die Idee, ein großes Blatt Papier auf den Boden zu legen und hierin die Klassen und die Wochentage einzutragen. Jeder Lehrername wurde dann auf ein Zettelchen geschrieben und zu der entsprechenden Klasse gelegt. Dieses Verfahren wurde im Prinzip längere Zeit beibehalten, nur, dass statt des Blattes später eine Holztafel mit zahlreichen Haken genommen wurde. In die Haken wurden dann entsprechende Lehrernamen gehängt. Später wurde von Herrn Brötel dann eine Magnettafel eingeführt. Auch hier wurden wieder die Klassen den Lehrern, diesmal symbolisiert durch verschiedene farbige Magnete, zugeordnet. Welcher Lehrer sich hinter welcher Magnetfarbe verbarg, erklärte eine Legende. Da im beruflichen Schulwesen Klassen oftmals geteilt werden, andererseits ein Lehrer manchmal auch zwei Gruppen gleichzeitig unterrichtete, beispielsweise das erste Jahr Elektrotechnik und die Einjährige Berufsfachschule Elektro, waren bei manchen Klassen zwei Lehrer eingetragen, bei anderen Stunden hingegen fehlte ein Lehrermagnet. Stattdessen gab es hier einen Hinweiszettel auf die gemeinsame Beschulung. Die Stundenplanmacher waren ständig damit beschäftigt, zu zählen, welchem Lehrer bereits wie viele Stunden zugeordnet wurde und wie viele noch bis zu seinem Deputat fehlten. Eine Zuordnung der entsprechenden Unterrichtsfächer fand nicht statt. Aufgabe des Klassenlehrers war es nun, aus der Lehrerzuteilung einen Stundenplan zu machen, d. h. zu klären, welcher Lehrer welches Fach in der Klasse unterrichtet. Die- Anhang 109 Quellen ses System war vor allem für neue Lehrer sehr gewöhnungsbedürftig, auch weil es in der ersten Schulwoche nur einen Stundenplan gab, der im Zimmer des Schulleiters hing. Oftmals wurde der Plan wieder ge- ändert, weil auf einmal Klassen weggebrochen sind oder neue Klassen gebildet wurden, weil sich dann doch noch ein Schüler ab- bzw. anmeldete. Herr Brötel soll einmal erzählt haben, dass er nachts davon geträumt habe, dass jemand in die Schule eingebrochen sei und das »Magnet-Kunstwerk« verwischt habe. Die Schule wuchs und mit ihr auch die Anzahl der Lehrer und der Klassen. Es musste ein anderes Verfahren gefunden werden. Zum Glück waren mittlerweile auch Kollegen an der Schule, die sich soweit mit Softwarefragen auskannten, dass sie ein entsprechendes Hilfsprogramm schreiben konnten, welches Doppelbelegungen, Stundenanzahl etc. abgleichen konnte. Mittlerweile, heutzutage, unterstützt das Programm Untis die Schulleitung bei der Stundenplangestaltung, doch trotzdem gibt es so viele Abhängigkeiten zu beachten, dass die Stundenplangestaltung meist schon vor den Sommerferien beginnt, dann ein paar Wochen im August ruht, um in den letzten beiden Ferienwochen wieder aufgenommen zu werden. Am ersten Schultag ist der Prozess längst nicht abgeschlossen, da man erst in der ersten Schulwoche, nach Schüleraufnahme, halbwegs genaue Zahlen hat. Aber auch dann kann es passieren, dass sich noch Schüler anmelden oder wieder abmelden. Bei einer beruflichen Schule wird die Stundenplanerstellung noch dadurch erschwert, dass es viel mehr verschiedene Fächer gibt als an einer allgemeinbildenden Schule. Dies hat zur Konsequenz, dass einzelne Fächer nur von einem oder zwei Lehrern unterrichtet werden. Anm.: In der Zeit als Herr Seifert Schulleiter war, forderte er die Kollegen in der ersten Gesamtlehrerkonferenz des Schuljahres immer dazu auf, der Schulleitung etwas zu spenden, falls sie mit dem Stundenplan zufrieden seien. Den Unzufriedenen bot er ein Taschentuch an. VI. 5) Quellen VI.5.1) Quellen zur badischen Gewerbeschulgeschichte Auszüge des Gründungserlasses der badischen Gewerbeschule vom 15. Mai 1834342 Leopold von Gottes Gnaden, Großherzog von Baden, Herzog von Zähringen. Die Nothwendigkeit eines besonderen öffentlichen Unterrichts für jene jungen Leute, welche sich einem Gewerbe oder Handwerke widmen, und in früher Jugendzeit in Arbeit und Lehre treten, wurde bereits in früheren Landes-Verordnungen und namentlich in dem Edikte vom 13ten Mai 1803, über die gemeinen und höheren Lehranstalten, anerkannt. Die zur Befriedigung dieses Bedürfnisses ertheilten Vorschriften haben sich aber theils in Folge der gestiegenen Forderungen an die Gewerbe als un- 342 Angegeben nach: Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 290–293. Er beruft sich bei seiner Quellentranskription auf: Großherzoglich Badisches Staats- und Regierungsblatt Nr. XXVII vom 21. Juni 1834, S. 217–224. 110 genügend erwiesen, theils sind sie aus Mangel an hinlänglichen Fonds zur Bestreitung der Kosten eines solchen Unterrichts unvollzogen geblieben. In dieser Erwägung und nachdem in dem letzten Finanzgesetz zur Verwendung auf diesen Zweig des öffentlichen Unterrichts ein jährlicher Zuschuß aus Staatsmitteln bestimmt worden ist, haben Wir auf den Vortrag Unseres Ministeriums des Innern beschlossen und verordnen wie folgt: Art. I. Errichtung der Gewerbe schulen. § 1. In allen gewerbreichen Städten des Großherzogtums sollen Gewerbschulen errichtet werden. Art. II. Zweck der Gewerbschulen. § 2. Die Gewerbschule hat den Zweck, jungen Leuten, die sich einem Handwerke oder einem Gewerbe widmen, welches keine höhere technische und wissenschaftliche Bildung erfordert, und das sie praktisch zu erlernen bereits begonnen haben, diejenigen Kenntnisse und graphischen Fertigkeiten beizubringen, die sie zum verständigen Betriebe dieses Gewerbes geschickt machen. Art. III. Unterrichtsgegenstände. § 3. Der Unterricht in der Gewerbschule begreift in der Regel: Handzeichnen geometrischer Figuren und Körper und Ornament-Zeichnen, Arithmetik und algebraische Grundbegriffe, Geometrie, mit Einschluss des geometrischen Zeichnens, Industrielle Wirtschaftslehre, mit Anleitung zur einfachen Buchhaltung. Mit dem Unterrichte sind Übungen der Schüler in schriftlichen Aufsätzen und im mündlichen Ausdruck zu verbinden. § 4. Wo das Bedürfnis hierzu vorhanden ist, und soweit die gegebenen Mittel reichen, umfaßt der Unterricht ferner: Naturkunde: einfache Erklärung der wichtigsten Naturerscheinungen und die für einzelne Handwerke und für landwirtschaftliche Gewerbe nützliche Kenntnisse aus der Naturgeschichte und aus der technischen Chemie; Mechanik, angewendet auf die Gewerbe, mit Beschreibung, Konstruktion und Berechnung einzelner Maschinen. § 5. Nach Verschiedenheit der gewerblichen Verhältnisse in einer Stadt und ihren Umgebungen kann ein specieller Unterricht für einzelne Gewerbe oder für einzelne Hauptzweige von Gewerben angeordnet werden. Art. IV. Aufnahme in die Gewerbe schule. § 6. Die Gewerbschule nimmt als ordentliche Schüler alle jungen Leute auf, welche das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt haben, bei einem Meister zur Erlernung eines Gewerbes in die Lehre getreten sind, oder in der nächsten Zeit in die Lehre zu treten beabsichtigen, und die erforderlichen Vorkenntnisse besitzen. Anhang 111 § 7. Die Gewerbschule setzt nur diejenigen Vorkenntnisse voraus, welche die allgemeine Volksschule lehrt. § 8. Lehrlinge, welchen es an hinlänglicher Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen fehlt, sind zum Besuche der Fortbildungsschule anzuhalten, und bis sie sich gehörig befähigt haben, in der Gewerbschule nur zum Zeichenunterrichte zuzulassen. § 9. Der Besuch der Schule ist auch allen in Arbeit stehenden Gesellen gestattet, welche die erforderlichen Vorkenntnisse besitzen und über ihre Sittlichkeit und gute Aufführung günstige Zeugnisse aufzuweisen vermögen. § 10. Ebenso steht der Zutritt Jedem zu, der sich für ein nicht zünftiges Gewerbe durch den Besuch einzelner hiezu dienlicher Vorträge nützliche Kenntnisse erwerben will, wie namentlich für landwirtschaftliche Gewerbe durch den Besuch der Curse über Naturkunde, wo sie stattfinden. § 11. In Städten, wo bei der Volksschule kein Unterricht im Zeichnen ertheilt wird, soll den Stadtschülern ein Jahr vor ihrer Confirmation, nach ihrem zurückgelegten zwölften Jahre, der Besuch des Zeichnungs-Unterrichts gestattet werden. Art. V. Unterrichtszeit. § 12. In der Regel sollen an jedem Sonnund Feiertage (die hohen Feiertage ausgenommen) von Ostern bis November, zwei bis zwei und eine halbe Stunde, und vom 1. November bis Ostern eine bis eine und eine halbe Stunde, sodann an Wochentagen in den Feierabendstunden eine Stunde täglich dem Unterrichte gewidmet werden. Die Lehrer der Gewerbschulen werden darauf wachen, daß die Gewerbschüler den kirchlichen Gottesdienst nicht versäumen. § 13. Nach Vernehmung des Gewerbestandes der einzelnen Städte, bleibt den Kreisregierungen überlassen, durch abändernde Bestimmungen die Wünsche und Bedürfnisse der Arbeitsherren, ohne wesentliche Benachteiligung des Unterrichtszweckes, in der Art zu berücksichtigen, daß in jeder Woche, einschließlich des Sonntags, im Ganzen wenigstens ein sechsstündiger Unterricht ertheilt wird. § 14. Für die Bauhandwerker soll jedenfalls vom 1. November bis 1. März ein täglicher, ein und einhalb- bis zweistündiger Unterricht statt finden. § 15. Die für jede Stadt getroffene Bestimmung über die Unterrichtsstunden wird in dem Anzeigeblatt bekannt gemacht. § 16. Die Bürgermeister und Zunftvorsteher haben darauf zu wachen, daß die Meister die ihnen durch die Verordnung vom 9ten Februar 1808 (Die Wanderschaft der Zunftgenossen betreffend, Regierungsblatt Nro. V.) auferlegten Verpflichtungen gewissenhaft erfüllen, wonach sie ihre Lehrlinge zur Nutzung der vorhandenen Unterrichtsanstalt anhalten sollen. § 17. Die Lehrkurse gehen von Ostern bis Ostern. Quellen 112 § 18. Ferien sind an Ostern drei Wochen, im Oktober vierzehn Tage. Art. VI. Zahl und Einteilung der Curse. § 19. Die Gewerbschule hat in der Regel einen dreijährigen, mindestens zweijährigen Kurs. Die Beschränkung auf einen zweijährigen Kurs tritt nur ein, wo die Mittel zur vollständigen Ausführung des Lehrplans fehlen. § 20. Die Abtheilung des Lehrstoffs soll in der Weise getroffen werden, daß jene jungen Handwerker, welche eine Schule mit zweijährigem Curse durchlaufen haben, und sodann in eine andere Stadt, wo ein mehr umfassender Unterricht ertheilt wird, in Arbeit treten, daselbst den dritten Jahreskurs mit Nutzen besuchen können. § 21. Die Teilnahme der Gewerbschüler an dem gesamten Unterrichte wird nach den Bildungsbedürfnissen der verschiedenen Hauptzweige der Gewerbe, insbesondere der Bauhandwerke und solcher Gewerbe, welche technisch-chemische Kenntnisse erfordern, bestimmt. In dem gesamten Unterrichte sollen die verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen Gewerbe möglichst berücksichtigt werden. § 22. Nähere Vorschriften hierüber, sowie über den Inhalt der Lehrverträge und über den Zeichnungsunterricht, werden theils durch allgemeine Instruktionen, theils durch besondere Bestimmungen für einzelne Schüler ertheilt werden. Art. VII. Prüfungen. § 23. In jeder Gewerbschule sollen jährliche öffentliche Prüfungen, und zwar am Schlusse des Wintersemesters, stattfinden. § 24. Alle Lehrlinge, welche sie als ordentliche Schüler zum Besuche verpflichtet sind, müssen bei der Prüfung erscheinen. Den Gesellen und anderen Schülern ist das Erscheinen bei der Prüfung freigestellt. Art. VIII. Lehrer der Gewerbschule. § 25. In der Regel sollen die Lehrer der Gewerbschulen aus den Angehörigen des Gewerbestandes gewählt werden. § 26. Fehlt es an Gewerbsmännern, welche die erforderlichen theoretischen und praktischen Kenntnisse besitzen und zugleich geneigt sind, ein solches Lehramt zu übernehmen, so können Praktikanten technischer Fächer hierzu verwendet werden. § 27. Die Theilnahme der am Orte der Gewerbsschule bei höheren Unterrichtsanstalten angestellten Lehrer der mathematischen und der Naturwissenschaften, sowie der technischen Beamten, an dem Unterrichte der Gewerbschulen, durch Übernahme einzelner Lehrvorträge oder durch noch helfende Einwirkung auf den Unterricht soll möglichst befördert werden. § 28. Wo der Unterricht auf die in § 3. bezeichneten Lehrgegenstände beschränkt ist, kann die Anstellung eines Lehrers genügen, welcher mindestens diejenigen Kenntnisse in sich vereinigt, die in den beiden mathematischen Classen der polytechnischen Schule gelehrt werden. Anhang 113 § 29. Die polytechnische Schule ist ermächtigt, solchen aus der Bauschule, Ingenieurschule oder höheren Gewerbschule austretenden Zöglingen, welche sich einem bürgerlichen Gewerbe widmen und sich vorzügliche Kenntnisse erworben haben, Fähigkeitszeugnisse auszustellen, welche ihre Tauglichkeit zur Übernahme einer Lehrstelle bei einer städtischen Gewerbschule unter Bezeichnung der Lehrfächer, wofür sie sich vorzugsweise gebildet haben, beurkunden. Diejenigen, welche solche Zeugnisse erlangt haben, können nach dreijähriger praktischer Übung in ihrem technischen Zweige ohne weitere Prüfung als Lehrer angestellt werden. § 30. Alle Anstellungen bei den Gewerbsschulen sind widerruflich. Art. IX. Schulgeld. § 31. Für den Unterricht in den Gewerbschulen soll ein mäßiges Schulgeld entrichtet werden. § 32. Der höchste Betrag dieses Schulgeldes wird auf zwanzig Kreuzer für den Monat festgesetzt. § 33. Minderbemittelte Schüler zahlen die Hälfte oder ein Viertheil des regulierten Schulgeldes. Unvermögliche sind von Entrichtung des Schulgeldes befreit. § 34. Ganz arme Lehrlinge sollen durch unentgeltliche Verabreichung der Zeichnungsmaterialien und der eingeführten Lehrbücher auf Kosten der hierzu geeigneten Local- und Bezirksfonds und, so weit es daran fehlt, aus dem Ertrag der Lehrgelder unterstützt werden. Art. X. Unterhalt der Gewerbschule. § 35. Die Kosten der Gründung des Unterhalts der Gewerbschulen werden von der Gemeinde bestritten, soweit die solchen Anstalten speziell gewidmeten Lokal- Stiftungen, Schenkungen und Vermächtnisse, sodann die bereits bewilligten oder noch auszumittelnden Beiträge aus anderem für Unterrichtszwecke verwendbarem Stiftungsvermögen, specielle Dotationen aus der Staatskasse und der Ertrag des Schulgeldes nicht zureichend sind. § 36. Diejenigen Städte, in welchen die Errichtung von Gewerbschulen als dringendes Bedürfniß erkannt wird, sollen verhältnismäßige Zuschüsse aus den für diese Unterrichtszwecke bestimmten Fonds aus der Staatskasse erhalten. Über die Vertheilung dieser Zuschüsse werden nähere Bestimmungen erfolgen. § 37. Jedenfalls hat die Gemeinde, wo eine Gewerbschule errichtet wird und welche einen Zuschuß erhält, für das Local, für die innere Einrichtung der Schule, für Schulrequisiten (Tische, Bänke), für den Unterhalt und die Reinigung des Locals und für Feuerung zu sorgen. § 38. Sämtliche Zuschüsse aus dem Unterhalt der Gewerbschulen werden an die Gemeindecasse abgeliefert, aus welcher alle Ausgaben bestritten werden. Über die jährlichen Einnahmen und Verwendungen wird jedoch besondere Rechnung geführt. Quellen 114 § 39. Die Zuschüsse jeder Art, sowie die aus den Gemeindeeinkünften bestimmten Beiträge zum Unterhalt der Schule, dürfen unter keinem Vorwand ihrem Zweck entzogen werden. Die Überschüsse eines Jahres werden als Aktivum der Schule für das nächste Jahr übertragen. Art. XI. Aufsicht. Schulvorstand. § 40. Die Gewerbschule steht unter Aufsicht eines besonderen Schulvorstandes. Den Schulvorstand bilden: 1. der Bürgermeister der Stadt; 2. der erste Stadtpfarrer, und in gemischten Orten, die ersten Geistlichen beider Confessionen; 3. mindestens drei Gewerbsmänner, oder andere, durch ihre Kenntnisse im Gewerbewesen oder im Unterrichtswesen, und durch ihren regen Eifer für die Sache ausgezeichnete Ortseinwohner; 4. an Orten, wo sich technische Beamten befinden, wenigstens ein solcher Beamter. § 41. Die Lehrer der Gewerbschulen können zugleich Mitglieder des Vorstandes sein, und wohnen als solche alsdann allen, sie nicht persönlich berührenden, Verhandlungen bei. § 42. Jeder, der bei der Schule unentgeldlichen Unterricht ertheilt, ist Mitglied des Vorstandes. § 43. Der Vorstand empfängt die Anzeigen der Lehrer über den ZUgang und Abgang der Schüler und über Schulversäumnisse. Er entscheidet über die Ausweisung solcher jungen Leute aus der Schule, welche sich ein unsittliches oder ordnungswidriges Betragen zu Schulden kommen lassen. § 44. Der Schulvorstand wacht darüber, daß sämmtliche Meister in jenen Gewerbszweigen, für welche die in der Gewerbschule gelehrten Kenntnisse notwendig oder nützlich sind, ihre gesetzliche Verbindlichkeit, ihre Lehrjungen zum Schulbesuche anzuhalten, gehörig erfüllen; er veranlaßt das Bürgermeisteramt, gegen diejenigen Meister einzuschreiten, welche dieser Verpflichtung auf ergangene Erinnerungen nicht nachkommen, und erstattet nach den Umständen hierüber Anzeige an das Bezirksamt. § 45. Auf gleiche Weise sorgt er dafür, daß Lehrlinge, welche wegen Mangel an der erforderlichen Fertigkeit im Schreiben, Lesen und Rechnen zum Besuche der Gewerbschule nicht zugelassen werden können, zum Besuche der Fortbildungsschulen angehalten werden. § 46. Der Schulvorstand wacht über den Vollzug der genehmigten Unterrichtspläne, ernennt einen oder zwei Schulinspektoren aus seiner Mitte, welche Lehrstunden wöchentlich wenigstens einmal besuchen, um von dem Fortgang des Unterrichts Kenntniß zu nehmen; er berathschlagt über zweckdienliche Verbesserungen unter Zuziehung der Lehrer; beschließt über die erforderlichen Anschaffungen von Vorlageblättern und anderen Bedürfnissen zur Ausstattung der Schule innerhalb der Grenzen der disponiblen Fonds, und erstattet jährlich nach Anhang 115 stattgehabter öffentlicher Prüfung einen Hauptbericht über den Zustand der Schule. § 47. Über Anstellung und Entfernung der Lehrer wird der Vorstand mit seinem Gutachten vernommen. § 48. Er entwirft jährlich in Gemeinschaft mit dem Gemeinderath den Voranschlag über die Einnahmen und Ausgaben der Schule. § 49. Gemeinschaftlich mit dem Gemeinderath schlägt er den Betrag der zu entrichtenden Schulgelder vor. Über ganze oder theilweise Befreiung entschiedet er ausschließlich. Art. XII. Oberaufsicht. § 50. Die Kreisregierungen haben die Oberaufsicht über sämtliche Gewerbschulen ihres Kreises. Sie können anordnen, daß der Vorstand des Bezirksamts oder ein anderer großherzoglicher Beamter den Berathungen des Schulvorstandes als landesherrlicher Commissär regelmäßig oder bisweilen beiwohne. § 51. Sie wachen über die bestimmungsgemäße Verwendung der für die Gewerbschulen ausgemittelten Fonds, und lassen sich von den betreffenden Bezirksämtern jährlich eine Nachweisung hierüber vorlegen. Wo das Bedürfniß hierzu vorhanden ist, werden sie sich die Bildung solcher Schulfonds oder die Vermehrung derselben aus Gemeindemitteln, aus den für Unterrichtszwecke verwendbaren Überschüssen der Sfiftungscassen und durch Benutzung jeder schicklichen Gelegenheit zur Erlangung von Beiträgen, angelegen sein lassen. § 52. Die Kreisregierungen genehmigen die Schulgeldtarife und sorgen für die genaue Vollziehung aller auf diese Lehranstalten bezüglichen allgemeinen und besonderen Vorschriften. § 53. Sie erhalten von den Bezirksämtern die Jahresberichte der Schulvorstände und erstatten jährlich über den Zustand sämtlicher Gewerbschulen des Kreises einen Bericht an das Ministerium des Innern. § 54. Jeder Kreisregierung wird aus der Zahl der bei einer hohem Unterrichtsanstalt angestellten Professoren oder der im Kreise angestellten technischen Beamten ein Sachkundiger zur Berathung in allen den Unterricht, die Vollziehung der Lehrpläne, die Verbesserung derselben und die Wahl der Lehrer betreffenden Fragen beigegeben. § 55. Über die Anstellung der Lehrer entscheidet das Ministerium auf den Vorschlag der Kreisregierung, nach erhobenem Gutachten einer aus Lehrern der polytechnischen Schule für das Gewerbschulwesen gebildeten Commission. § 56. Die Commission für das Gewerbschulwesen hat über die Festsetzung und Abänderung der Lehrpläne, über die Wahl der Lehrbücher und über die Anschaffung der Hülfsmittel des Unterrichts zu berathschlagen und ihre Vorschläge hierüber dem Ministerium des Innern vorzulegen. § 57. Es werden derselben jedes Jahr sämtliche eingekommene Jahresberichte zugestellt, um die zweckmäßig erachteten Verbesserungen in Antrag zu bringen. Quellen 116 § 58. Mit der Commission für das Gewerbschulwesen können die Kreisregierungen in Allem, was den Vollzug der über den Unterricht und dessen Hülfsmittel ertheilten Vorschriften betrifft, in unmittelbare Correspondenz treten. § 59. Unser Minister des Innern ist mit dem Vollzug dieser Verordnung beauftragt. Gewerbeschulverordnung von 1840343 Zum Vollzug des § 44 der höchsten Verordnung vom 15. Mai 1834 (Regierungsblatt Nr. XXV, und nach Ansicht der §§ 20, 21 und 23 des Gesetzes über die Wanderschaft der Zunftgenossen vom 9. Februar 1808, Reggs.-Bl. Nr. V wird in Gemäßheit höchster Entschließung aus Großh. Staatsministerium vom 5. November 1840, Nr. 1890, verordnet: »§ 1. Die Kreisregierungen sind ermächtigt, den Lehrlingen einzelner Gewerbe, bei welchen die Kenntnisse, welche durch den Unterricht in den Gewerbeschulen verschafft werden sollen, weniger nothwendig oder nützlich sind, die Befreiung von dem Besuche der Gewerbeschule, oder von der Theilnahme an dem Unterrichte über einzelne Lehrgegenstände zu bewilligen. § 2. Diese Befreiung von dem Besuche der Gewerbeschule ist bei denjenigen, welche sich einem Baugewerbe widmen, nicht zulässig, also namentlich nicht hinsichtlich der 343 Zitiert nach Rothe, Gewerbeschulen, 2011, welcher Einsicht genommen hat in: Großherzoglich Badisches Staats- und Regierungsblatt 1840, Nr. 37, S. 296–298. Lehrlinge der Maurer, Steinhauer, Zimmerleute, Schreiner, Schlosser, Blechner, Glaser, Hafner und Anstreicher. Auch soll sie nur aus besondern und dringenden Gründen gestattet werden für die Brunnenmacher, Buchbinder, Büchsenmacher, Dreher, Gold- und Silberarbeiter, Graveure, Gürtler, Instrumentenmacher aller Art, Kammmacher, Lackierer, Mechaniker, Müller aller Art, Pflasterer, Possamentiere, Sattler, Schiffbauer, Schmiede aller Art, Schornsteinfeger, Sesselmacher, Steindrucker, Stukkateure, Tapezierer, Uhrenmacher, Wagner, Weber aller Art und Zinngießer. § 3. Einzelne Lehrlinge kann der Gewerbeschulvorstand von dem Besuch der Gewerbeschule befreien, wenn sie die vier ersten Jahreskurse einer gelehrten Schule oder einer höheren Bürgerschule mit Erfolg besucht haben, oder sich durch eine bei dem Schulvorstande zu erstehende Prüfung ausweisen, daß sie die Kenntnisse besitzen, welche in dem vierten Jahreskurse der höheren Bürgerschule erworben werden. § 4. Die sogenannten Handlanger sind zum Besuche der Gewerbeschulen nicht anzuhalten. § 5. Kein Lehrling der von dem Besuch der Gewerbeschule nicht befreiten Gewerbe, der seine Lehrzeit ganz oder theilweise an einem Orte zubrachte, an welchem sich eine Gewerbeschule befindet, kann als Geselle aufgenommen werden, wenn er sich nicht durch ein Zeugnis des Gewerbeschulvorstandes ausweist, daß er die Gewerbeschule, so lange er sich an einem solchen Orte als Lehrling aufhielt, regelmäßig und mit Er- Anhang 117 folg besucht hat, oder in Gemäßheit des § 3 von dem Besuche der Schule befreit war. In der Urkunde über die Aufnahme als Geselle ist dieser Zeugnisse ausdrücklich Gewährung zu thun. § 6. Zunftvorstände, welche gegen die Bestimmung des vorhergehenden Paragraphen einen Lehrling als Gesellen aufnehmen, verfallen in eine vom Bezirksamt zu erkennende Strafe von 5 bis 30 Gulden. Die geschehende Aufnahme wird für ungültig erklärt. § 7. Die Bezirksämter sind angewiesen, nur auf Vorlage des Gewerbeschulvorstandes über den Besuch der Gewerbeschule während der im § 5 bezeichneten Zeit und auf Vorlage der Urkunde über die Aufnahme als Geselle (§ 5) einem zu den vom Besuch der Gewerbeschule nicht befreiten Gewerbe gehörenden Gesellen ein Wanderbuch auszustellen. § 8. Gegen Lehrmeister, welche ihre Verbindlichkeit, ihre Lehrjungen zum Schulbesuche anzuhalten, nicht gehörig erfüllen, hat der Bürgermeister und beziehungsweise das Bezirksamt nach den Bestimmungen der §§ 14 und 15 der höchsten Verordnung vom 15. Mai 1834, Regierungsblatt Nr. XXV, strafend einzuschreiten. Verordnung vom 16. Juli 1868: »Die Einrichtung und Leitung der Gewerbeschulen betreffend«344 Im Hinblick auf die Bestimmungen des Gewerbegesetzes und des Gesetzes vom 29. Januar d. J., den Besuch der Gewerbeschulen betreffend, haben Wir unter der Aufhebung der landesherrlichen Verordnung vom 15. Mai 1834 über die Errichtung von Gewerbeschulen, sowie Unserer Verordnungen vom 26. Mai 1857 und vom 10. Juni 1863, die Errichtung des Gewerbeschulraths beziehungsweise die Leitung der Gewerbeschulen betreffend, auf den unterthänigsten Vortrag Unseres Ministeriums des Innern beschlossen und verordnen wie folgt: § 1. Die Gewerbeschule hat den Zweck, jungen Leuten, die sich einem Gewerbe widmen, welches keine höhere technische oder wissenschaftliche Bildung erfordert, diejenigen Kenntnisse und graphischen Fähigkeiten beizubringen, die sie zum verständigen Betriebe dieses Gewerbes geschickt machen. § 2. Der Unterricht in der Gewerbeschule begreift in der Regel: Handzeichnen geometrischer Figuren und Körper und Ornamentenzeichnen, Arithmetik und algebraische Grundbegriffe, Geometrie mit Einschluß des geometrischen Zeichnens und der Projektionslehre, 344 Zitiert nach Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 294– 297. Dieser beruft sich auf Originaleinsicht in: Großherzoglich Badisches Regierungs-Blatt 1868, Nr. 48, S. 732–731. Quellen 118 Fachzeichnen, Industrielle Wirtschaftslehre und Anleitung zur einfachen Buchhaltung. Mit dem Unterrichte sind Übungen der Schüler in schriftlichen Aufsätzen und im mündlichen Ausdruck zu verbinden. § 3. Wo das Bedürfnis hierzu vorhanden ist, und soweit die gegebenen Mittel reichen, umfaßt der Unterricht ferner: Naturkunde: einfache Erklärung der wichtigsten Naturerscheinungen und die für einzelne Gewerbe oder auch für die Landwirtschaft nützlichen Kenntnisse aus der Naturgeschichte und aus der technischen Chemie; Mechanik, angewendet auf das Gewerbe mit Beschreibung und Berechnung einzelner Maschinen; Übungen im Modellieren. § 4. Die Gewerbeschule nimmt als ordentliche Schüler alle jungen Leute auf, welche das 14. Lebensjahr zurückgelegt haben, sich bereits einem Gewerbe widmen oder in nächster Zeit sich einem solchen widmen werden, und die erforderlichen Vorkenntnisse besitzen. § 5. Die Gewerbeschule setzt nur diejenigen Vorkenntnisse voraus, welche die allgemeine Volksschule lehrt. § 6. Für solche jungen Leute, welchen es an den zu sofortiger Theilnahme an den geordneten Unterricht der Gewerbeschule erforderlichen Vorkenntnissen fehlt, oder welche sich erst während des Schuljahres anmelden, kann, wo das Bedürfnis hierzu vorhanden ist, eine besondere Vorbereitungsklasse eingerichtet werden, deren Schüler aber sofort am Unterricht im Freihandzeichnen Theil nehmen. § 7. Die Aufnahme des Schülers erfolgt auf schriftliche Anmeldung desselben durch seine Eltern oder Fürsorger bei dem Hauptlehrer der Gewerbeschule. Der Aufgenommene ist zum ordnungsmä- ßigen Besuch der Unterrichtsstunden verpflichtet und der Schulordnung unterworfen. Schulversäumnisse, welche der Gewerbeschüler selbst verschuldet, werden mit den geordneten Schulstrafen (§ 8) bestraft. Ergibt sich, daß der Arbeitgeber den Schüler an dem Besuche der Gewerbeschule verhindert oder davon abgehalten hat, so ist die Bestrafung des Ersteren nach Maßgabe des Gesetzes vom 29. Januar 1868 (Regierungsblatt Nr. 17) bei dem Bezirksamte zu beantragen. § 8. Als Disziplinarstrafen sollen zur Anwendung kommen: Verweise, Schularrest, Carcerstrafe und Ausweisung aus der Anstalt. Die beiden letzten Straftaten können nur von dem Gewerbeschulrath ausgesprochen werden. Die Carcerstrafe wird, wo ein Schülercarcer nicht besteht, auf Ersuchen des Gewerbeschulraths durch das Bürgermeisteramt mit Benützung des Ortsarrestes vollzogen. § 9. Älteren Personen, welche das regelmäßige Alter für den Besuch der Gewer- Anhang 119 beschule, vom vollendeten 14. bis zum vollendeten 17. Lebensjahr (§§ 4 und 15) überschritten haben, kann der Besuch der Gewerbeschule oder einzelner Unterrichtstunden gestattet werden. § 10. Auch Schüler anderer Anstalten können, wenn die Gewerbeschule den erforderlichen Raum bietet, nach zurückgelegtem 12. Lebensjahr die Erlaubnis zum Besuch des Zeichnungs-Unterrichts erhalten. § 11. Jede Klasse einer Gewerbeschule erhält einschließlich des Zeichnens und ausschließlich des Modellierens, wöchentlich wenigstens sechs Stunden Unterricht, wovon zwei auf den Sonntag fallen können. An Feiertagen – hohe Festtage ausgenommen – wird stets derselbe Unterricht und zu derselben Zeit gegeben, wie an Sonntagen. Bei der Anordnung der sonntäglichen Unterrichtsstunden ist darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Schüler durch dieselben nicht am Besuche des öffentlichen Gottesdienstes gehindert werden. § 12. Für die Bauhandwerker soll jedenfalls vom 1. November bis 1. März ein täglicher 1- bis 1 1/2stündiger Unterricht stattfinden. Wo immer thunlich, soll die Einrichtung getroffen werden, daß auch außerhalb der Unterrichtsstunden das Gewerbeschullokal für solche bereit gehalten werde, welche unter geeigneter Aufsicht des Lehrers dasselbe zu Schularbeiten, z. B. zum Zeichnen und Modellieren, benützen wollen. § 13. Die Lehrkurse gehen von Ostern bis Ostern. § 14. Die Dauer der Ferien beträgt in der Regel sechs Wochen, deren Vertheilung nach örtlichen Verhältnissen auf den Vorschlag der Lokalbehörden dem Oberschulrathe zusteht. § 15. Die Gewerbeschulen haben in der Regel einen dreijährigen, mindestens aber einen zweijährigen Kurs. Die Beschränkung auf einen zweijährigen Kurs tritt nur ein, wo die Mittel zur vollständigen Ausführung des Lehrplans fehlen. § 16. Die Abtheilung des Lehrstoffs soll in der Weise getroffen werden, daß jene jungen Leute, welche eine Schule mit zweijährigem Kurs durchlaufen haben, und sodann in einer anderen Stadt, wo ein umfassenderer Unterricht ertheilt wird, in Arbeit treten, daselbst den dritten Jahreskurs mit Nutzen besuchen können. § 17. Die näheren Vorschriften über Ausdehnung des Unterrichts in den einzelnen Unterrichtszweigen ertheilt der Oberschulrath. § 18. In jeder Gewerbeschule sollen alljährlich und zwar am Schlusse des Wintersemesters öffentliche Prüfungen stattfinden, wobei alle ordentlichen Schüler (§§ 4 und 6) zu erscheinen verpflichtet sind. § 19. Der Unterricht an der Gewerbeschule wird in der Regel durch Lehrer ertheilt, welche sich hierfür besonders ausgebildet und in den in §§ 2 und 3 dieser Verordnung bezeichneten Lehrgegenstände eine Prüfung bestanden haben. Quellen 120 § 20. Wo das Bedürfnis es erfordert, können auch Lehrer an einer Volksschule, oder einer höheren Bürgerschule, oder auch dazu geeignete Gewerbetreibende und Künstler für einzelne Fächer als Nebenlehrer beigezogen werden. Ebenso können den Lehrern der Gewerbeschulen mit Genehmigung des Oberschulraths auch einzelne Unterrichtsgegenstände an anderen Lehranstalten übertragen werden. § 21. Zu der in § 19 bezeichneten Prüfung werden in der Regel nur diejenigen zugelassen, welche vorher schon als Volksschulkandidaten aufgenommen worden sind. § 22. Die näheren Bestimmungen über diese Prüfung werden von dem Oberschulrath mit Genehmigung des Ministeriums des Innern getroffen werden. § 23. Die Ernennung der Hauptlehrer an der Gewerbeschule geschieht durch den Oberschulrath, welcher da, wo der Staatsbeitrag weniger als die Hälfte der Gehalte beträgt, die Gemeindebehörde und den Gewerbeschulrath des Ortes vorher hören und deren Wünsche nach Thunlichkeit berücksichtigen wird. § 24. Als Hauptlehrer sollen in der Regel nur Solche ernannt werden, welche die in § 19 der Verordnung erwähnte Prüfung bestanden und sich mindestens 3 Jahre im Ertheilen von Unterricht als Gewerbeschullehrer geübt haben. Bezüglich der Rechtsverhältnisse der nicht mit Staatsdienereigenschaft angestellten Gewerbeschulhauptlehrer (Gesetz vom 4. Juni 1864) ist das Gesetz vom 11. März 1868 (Regierungsblatt Nr. 17) maßgebend. § 25. Die Praktikanten technischer Fächer können ohne weitere Prüfung als Gewerbeschulhauptlehrer angestellt werden. § 26. Nebenlehrer sind jeder Zeit entlaßbar und werden nach dem Vorschlag des Gemeinderaths und Gewerbeschulraths von dem Oberschulrath ernannt. § 27. Für den Unterricht in der Gewerbeschule wird ein mäßiges Schulgeld entrichtet. Der höchste Betrag desselben wird auf 20 Kr. für den Monat festgesetzt. Der wirkliche Betrag wird nach dem Vorschlag des Gewerbeschulraths und des Gemeinderaths der Stadt vom Obernschulrath bestimmt. § 28. Minder bemittelte Schüler bezahlen die Hälfte oder ein Viertheil des festgesetzten Schulgeldes. Unvermögliche sind von der Entrichtung des Schulgeldes befreit. Die Entscheidung hierüber steht dem betreffenden Gewerbeschulrath zu, vorbehaltlich des Rekurses an das Bezirksamt. § 29. Ganz arme Schüler sollen durch unentgeltliche Verabreichung von Zeichenmaterialien und der eingeführten Lehrbücher auf Kosten der hiezu geeigneten Lokal- und Bezirksfonds und, soweit es daran mangelt, aus dem Ertrage des Schulgeldes unterstützt werden. § 30. Die Kosten der Gründung und des Unterhaltes der Gewerbeschulen werden von den Gemeinden bestritten, soweit die solchen Anstalten besonders gewidmeten Anhang 121 Ortsstiftungen, Schenkungen und Vermächtnissen, sodann die bereits bewilligten oder noch auszumittelnden Beiträge aus anderen für Unterrichtszwecke verwendbaren Stiftungsvermögen, besonders Dotationen aus der Staatskasse und der Ertrag des Schulgeldes nicht zureichend sind. § 31. Diejenigen Städte, in welchen die Errichtung von Gewerbeschulen als dringendes Bedürfnis erkannt wird, sollen besondere dauernde oder vorübergehende Zuschüsse aus den für Unterrichtszwecke bestimmten Fonds der Staatskasse erhalten. Die Vertheilung der Zuschüsse auf die einzelnen Gewerbeschulen geschieht durch das Ministerium des Innern. § 32. Gemeinden, deren Gewerbeschulen Staatszuschuß erhalten, haben mindestens für das Lokal, für die innere Einrichtung der Schule, für Schulbedürfnisse (Tische, Bänke), für den Unterhalt, die Reinigung, Beleuchtung und Heizung des Lokals selbst zu sorgen. Die hierfür erforderlichen Mittel sind jedoch ebenfalls im Voranschlag der Gewerbeschule aufzuführen. § 35. Sämtliche Zuschüsse zu dem Unterhalt der Gewerbeschulen werden in die Gemeindekasse abgeliefert, aus welcher alle Ausgaben bestritten werden. Über die jährlichen Einnahmen und Verwendungen wird jedoch besondere Rechnung geführt. § 34. Die Zuschüsse jeder Art, sowie die aus den Gemeinde-Einkünften bestimmten Beiträge zum Unterhalt der Schule dürfen unter keinem Vorwand ihrem Zwecke entzogen werden. Die Überschüsse eines Jahres werden als Guthaben der Schule für das nächste Jahr übertragen wenn die Gemeinde es nicht vorzieht, dasjenige, was nach Abzug des Staatsbeitrags, des Schulgeldes, der Stiftungsbeiträge und der sonstigen Einkünfte der Schule noch fehlt, als Gemeindebeitrag in den Voranschlag aufzunehmen und nach dem Rechnungsergebniß beizuschießen. § 35. Keine Gewerbeschule soll errichtet werden, ehe für den mittleren Gehalt der erforderlichen Lehrer der erforderlichen Lehrer, sowie für die Schulbedürfnisse hinreichende Deckung vorhanden ist. Solange der mittlere Gehalt nicht erforderlich ist, wird derselbe zu einem besonderen Reservefonds angesammelt, der für höhere Gehaltsbedürfnisse wieder aufgezehrt werden kann. § 36. Die Gewerbeschule eines jeden Orts steht unter der Aufsicht eines besonderen Gewerbeschulraths. Den Gewerbeschulrath bilden: 1. der Bürgermeister als Vorsitzender; 2. der erste Pfarrer und in gemischten Orten der erste Geistliche jeder Konfession; 3. mindestens drei von dem Gemeinderath zu bestimmende Gewerbsmänner oder andere im Gewerbswesen oder im Unterrichtswesen bewanderte und durch ihren regen Eifer für die Sache ausgezeichnete Einwohner; Quellen 122 4. an Orten, wo sich technische Beamte befinden, mindestens ein solcher Beamter, welcher auf den Vorschlag des Gemeinderaths von dem Oberschulrath nach vorhergegangenem Benehmen mit der vorgesetzten Dienstbehörde bestimmt wird; 5. der Hauptlehrer, oder, wo deren mehrere angestellt sind, der erste Hauptlehrer der Schule. Letzterer ist zu den Sitzungen nicht einzuladen, wenn ihn persönlich betreffende Gegenstände zu verhandeln sind. § 37. Der Gewerbeschulrath empfängt die Anzeigen der Lehrer über den Zugang und Abgang der Schüler und über Schulversäumnisse. Er entscheidet über die Ausweisung solcher jungen Leute aus der Schule, welche sich unsittliches oder ordnungswidriges Betragen oder zahlreiche Versäumnisse zu Schulden kommen lassen. § 38. Der Gewerbeschulrath veranlaßt die betreffenden Behörden zur Bestrafung der Schüler und Arbeitgeber wegen ungerechtfertigter Schulversäumnisse, beziehungsweise er spricht gegen Erstere die geordneten Strafen (§ 8). § 39. Der Gewerbeschulrath bestimmt im Einverständniß mit dem Gemeinderath (§ 12) die Unterrichtszeit; er beräth mit den Lehrern die Vertheilung der Unterrichtszeit auf die einzelnen Gegenstände, sowie den Lehrplan, und legt beide dem Oberschulrath zur Genehmigung vor; er entscheidet über die Gesuche um Befreiung von Schulgeld; er ernennt einen oder zwei Schulinspektoren aus seiner Mitte, welche die Lehrstunden wenigstens einmal wöchentlich besuchen, um von dem Fortgang des Unterrichts Kenntniß zu nehmen; er berathschlagt über zweckdienliche Verbesserungen unter Zuziehung der betreffenden Lehrer; er beschließt über die Anschaffung der Schulbedürfnisse innerhalb der Grenzen des Voranschlags und dekretirt die betreffenden Rechnungen auf die Gewerbeschulkasse unter Beisetzung der Rubrik des Voranschlags; er erstattet jährlich nach der öffentlichen Prüfung einen Hauptbericht über den Zustand der Schule an den Oberschulrath unter Vorlage der Schülerlisten, der Prüfungsarbeiten und ein bis dreier Zeichnungen von jedem Schüler, welche letztere nach den Schülerlisten geordnet sein müssen. § 40. Der Gewerbeschulrath entwirft jährlich gemeinschaftlich mit dem Gemeinderath den Voranschlag über Einnahmen und Ausgaben der Schule. § 41. Wo mehrere Lehrer an einer Gewerbeschule angestellt sind, führt derjenige, welcher Mitglied des Gewerbeschulraths ist, die nächste Aufsicht über Einhaltung der Schulordnung, des Stundenplans und der Disziplin; er übermittelt die Versäumnißlisten an den Gewerbeschulrath. § 42. Die oberste Aufsicht und Leitung der Gewerbeschulen steht dem Oberschulrath zu. § 43. Zur Befugniß des Oberschulraths gehört: 1. die Vollziehung der auf die Gewerbeschulen bezüglich Gesetze und Verordnun- Anhang 123 gen; die Ertheilung der hiezu nötigen Instruktionen und Verfügungen; die Berathung und Entwerfung neuer allgemeiner auf diese Schulen bezüglichen Verordnungen; 2. die Genehmigung der Schulgeldtarife, der Lehr- und Stundenpläne, sowie der eingeführten Hilfsmittel des Unterrichts; 3. die Prüfung der Voranschläge der Schulen; 4. der Oberschulrath verbescheidet die Hauptjahresberichte der Gewerbeschulräthe und ordnet von Zeit zu Zeit außerordentliche Visitationen einzelner Gewerbeschulen an; 5. er bestimmt die Prüfung der Gewerbeschulkandidaten und rezipirt dieselben; 6. er führt die Dienstpolizei über die Gewerbeschullehrer und entscheidet, soweit nicht die Staatsdiener-Eigenschaft in Frage kommt, über deren Anstellung, Besserstellung, Versetzung und Entlassung. Soweit hiebei außer den einer Schule bewilligten ständigen Staatsbeiträgen noch weitere Staatsmittel in Anspruch genommen werden, stellt er die erforderlichen Anträge bei dem Ministerium des Innern. § 44. Der Oberschulrath kann bei dem Ministerium des Innern veranlassen, daß der Vorstand des betreffenden Bezirksamtes oder ein anderer Beamter als Regierungskommissär bestellt werde, um den Berathungen des Gewerbeschulraths entweder regelmäßig oder von Zeit zu Zeit beizuwohnen. § 45. Der Verkehr des Oberschulraths mit den Gewerbeschulräthen wird in Anstellungssachen und in allen finanziellen Angelegenheiten, sowie bei Prüfungsbescheiden durch das Bezirksamt vermittelt. Landesherrliche Verordnung vom 20. Juli 1907: „Die Gewerbeschulen betreffend“345 § 1. Die Gewerbeschulen haben die Aufgabe, die gewerblichen Arbeiter – Gesellen, Gehilfen und Lehrlinge – beiderlei Geschlechts in unmittelbarer Fühlung mit der Meisterlehre theoretisch auszubilden und ihnen tunlichst diejenigen praktischen Kenntnisse und Fertigkeiten für die Ausübung ihres Gewerbes zu vermitteln, zu deren Aneignung in den Gewerbebetrieben nach den allgemeinen oder örtlichen Verhältnissen nicht genügend Gelegenheit geboten ist. Neben der beruflichen Ausbildung der Schüler hat die Schule auch auf die Stärkung des Charakters sowie auf Hebung des Standesbewußtseins der Schüler hinzuwirken. § 2. Die Gewerbeschulen sind befugt, ihre Wirksamkeit auf andere der Ausbildung des Handwerkerstandes dienende Einrichtungen auszudehnen. Insbesondere steht ihnen zu, Veranstaltungen zur Weiterbildung der Gehilfen und selbständigen Gewerbetreibenden sowie zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung zu treffen. 345 Angegeben nach Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 297–300, welcher sich auf die Quelle bezieht: Großherzoglich Badisches Gesetzes- und Verordnungsblatt 1907, Nr. XXIII. Quellen 124 § 3. Die Verpflichtung zum Besuch der Gewerbeschulen bemißt sich nach den auf Grund des Gesetzes vom 13. August 1904, den gewerblichen und kaufmännischen Fortbildungsunterricht betreffend, zu erlassenden statuarischen Bestimmungen. Von der Verpflichtung zum Schulbesuch tritt Befreiung in dem Umfang ein, in welchem durch Vorlage von Zeugnissen der Besuch einer anderen vom Landesgewerbeamt als gleichwertig anerkannten Schule nachgewiesen wird. § 4. Der Besuch der Gewerbeschule kann solche Personen, die nach dem Statut dazu nicht verpflichtet sind, gestattet werden. Diese Schüler sind mit ihrem Eintritt in die Schule für die Dauer des Besuchs derselben den Bestimmungen des Statuts und der Schulordnung unterworfen. § 5. Das Mindestmaß des Unterrichts an einer Gewerbeschule (Pflichtunterricht) umfaßt folgende Fächer: A. Berufskunde: 1. gewerbliches Rechnen, 2. angewandte Geometrie, 3. Materialien- und Werkzeuglehre, 4. Naturlehre, 5. Freihandzeichnen, 6. Projektionslehre, 7. technischen Fachunterricht: a) Zeichnen, b) Modellieren, c) Werkstattunterricht, soweit hierfür ein Bedürfnis und die Möglichkeit seiner Einrichtung besteht. B. Geschäftskunde: 1. Geschäftsrechnen, 2. Geschäftsaufsatz, 3. Buchführung, 4. Kostenberechnen, 5. Wirtschaftslehre, 6. Bürgerkunde. Schülerinnen ist auch Unterweisung in Haushaltskunde unter entsprechender Kürzung ihres sonstigen Schulbesuchs zu erteilen. Ist mit der Gewerbeschule eine Handelsabteilung verbunden, so finden auf die Unterrichtserteilung an dieser die Bestimmungen über Handelsschulen Anwendung. § 6. In den Unterrichtsgegenständen der Berufskunde soll der Schüler soweit gefördert werden, daß er bei der Entlassung aus der Schule nicht nur den Anforderungen, die in seinem Beruf an ihn gestellt werden, gewachsen ist, sondern auch der fortschreitenden Entwicklung der Technik mit Verständnis zu folgen vermag. In der Geschäftskunde soll die Grundlage gelegt werden zur Erlangung derjenigen Kenntnisse, die zum selbständigen, sachgemäßen und erfolgreichen Betrieb eines Geschäfts erforderlich sind. § 7. Soweit die gewerblichen Verhältnisse am Sitz der Schule oder in dessen Umgebung es wünschenswert erschienen lassen, soll ein gesonderter Unterricht für einzelne oder verwandte Gewerbe eingerichtet werden (Fachabteilungen). § 8. Der Gewerbeschulrat bestimmt, ob der Unterricht für Schüler und Schülerinnen gemeinsam oder getrennt zu erteilen ist. § 9. Für solche Schüler, welchen es an den zur sofortigen Teilnahme an dem geordneten Unterricht der Gewerbeschule erforderlichen Vorkenntnisse fehlt, oder welche erst während der letzten zwei Drittel des Schuljahres in eine Gewerbeschule eintre- Anhang 125 ten, können nach Bedürfnis Vorbereitungsklassen eingerichtet werden. § 10. Der Pflichtunterricht (§ 5) hat sich, abgesehen von der Vorbereitungsklasse, auf drei Jahre zu erstrecken und ist in der Regel in drei getrennten Klassen mindestens neun, in den beiden übrigen Klassen mindestens je acht Stunden in der Woche. Der Unterricht ist ganzjährig; jedoch kann für Angehörige solcher Berufsarten, die regelmäßig nur während einer bestimmten Zeit des Jahres Beschäftigung haben, der Unterricht in dieser Zeit unter Erhöhung der Stundenzahl während der beschäftigungslosen Zeit beschränkt werden. Sämtliche Angehörige einzelner Gewerbe können unter Zustimmung des Landesgewerbeamts von dem Besuche des Zeichenunterrichts befreit werden, falls dieser für ihr Gewerbe nicht unbedingt nötig ist. Werden für solche Schüler besondere Fachabteilungen mit entsprechender Ausgestaltung eingerichtet, so ist die Beschränkung des Pflichtunterrichts auf zwei Jahreskurse zulässig. § 11. Der Unterricht findet Werktags statt und soll nicht vor morgens 6 Uhr beginnen und darf nicht über die neunte Abendstunde ausgedehnt werden. Für die Pflichtunterrichtung sind vorzugsweise die Vormittagsstunden zu wählen. § 12. Die Arbeitgeber haben die zum Besuche der Gewerbeschule verpflichtende Arbeiter – Gesellen, Gehilfen, Lehrlinge – beim Eintritt in die Arbeit oder Lehre binnen drei Tagen und, wenn der Eintritt während der Schulferien geschieht, alsbald beim Wiederbeginn des Schulunterrichts bei dem mit der Leitung der Schule betrauten Lehrer anzumelden sowie spätestens am dritten Tage nach der Entlassung aus der Arbeit abzumelden. Probezeit oder Beginn der Arbeit oder Lehre im Geschäft der Eltern entbindet nicht von der Anmeldepflicht. § 13. Der Arbeitgeber beziehungsweise die Eltern oder deren Stellvertreter haben den Schüler, der durch Krankheit am Besuch des Unterrichts verhindert war, bei dessen Wiedererscheinen in der Schule und, falls der Schüler durch die Erkrankung voraussichtlich an mehr als zwei Schultagen vom Besuche des Unterrichts abgehalten sein wird, alsbald beim Schulvorstand zu entschuldigen. Soll ein Schüler aus dringenden Gründen vom Besuch der Schule für einige Stunden oder längere Zeit entbunden werden, so haben der Arbeitgeber beziehungsweise die Eltern oder deren Stellvertreter vorher unter genauer Angabe der Gründe rechtzeitig, wenn möglich durch den Schüler selbst, beim Schulvorstand um Befreiung nachzusuchen. Das im Unterricht Versäumte, insbesondere die schriftlichen und zeichnerischen Arbeiten, sind sobald als möglich nachzuholen. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, dem Schüler hierzu die erforderliche Zeit zu gewähren. § 14. Einzelne Schüler können, wenn triftige Gründe vorliegen, durch den Gewerbeschulrat vom Besuche einzelner Unterrichtsfächer auf Ansuchen befreit zu werden. Die Befreiung eines einzelnen Schülers von der Verpflichtung zum Schulbesuche über- Quellen 126 haupt, die nur ausnahmsweise aus besonderen Gründen erfolgen darf, ist nur mit Zustimmung des Landesgewerbeamts zulässig. § 15. Die Arbeitgeber haben dafür zu sorgen, daß die Schüler die erforderlichen Bücher und sonstigen Unterrichtsmittel besitzen. § 16. Das Schuljahr geht von Ostern zu Ostern und wird für Erteilung von Zeugnissen und Schulentlassungen (§ 17) entsprechend den durch die Hauptferien bewirkten Unterbrechungen in Dritteljahre (Ostern, Herbst und Weihnachten) eingeteilt. § 17. Die Entlassung aus der Schule erfolgt nach ordnungsmäßigem Besuch derselben in der Regel am Ende des Schuljahres; Schüler, die im Laufe eines Schuljahres die im Statut für die Schulpflicht festgesetzte Altersgrenze erreichen, sind auf Verlangen am Schlusse des diesem Zeitpunkt vorangehenden Dritteljahres zu entlassen. § 18. Als Schulstrafen können zur Anwendung kommen: Verweise, Schularrest, Karzer und Ausweisung aus der Anstalt. Die Ausweisung kann nur bei fortgesetzter Unbotmäßigkeit oder wegen unsittlichen Verhaltens eines Schülers mit Zustimmung des Landesgewerbeamts verfügt werden. Ist der Schüler nach seinem Alter noch zum Besuche der allgemeinen Fortbildungsschule verpflichtet, so ist er dieser zu überweisen. § 19. Die Gewerbeschule steht unter der Aufsicht des Gewerbeschulrats. Dem Gewerbeschulrat sollen mindestens angehören: 1. der Bürgermeister als Vorsitzender; 2. ein weiteres Mitglied des Gemeinderats (Stadtrats); 3. der Schulvorstand; 4. an Schulen mit mehr als sechs Lehrern ein weiterer Lehrer der Gewerbeschule, welcher auf Vorschlag der Lehrerversammlung aus der Zahl der etatmäßig angestellten Lehrer durch das Landesgewerbeamt jeweils auf drei Jahre ernannt wird; 5. je zwei Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer. Vor deren Ernennung ist hinsichtlich der ersteren die zuständige Handwerkskammer und wegen der letzteren deren Gesellenausschuß zu hören; 6. an Gewerbeschulen, mit denen eine Handelsabteilung verbunden ist, noch je ein Vertreter der kaufmännischen Arbeitgeber und Angestellten. Vor deren Ernennung sind hinsichtlich des ersteren die zuständige Handelskammer und wegen des letzteren die in der betreffenden Gemeinde bestehenden Vereinigungen von kaufmännischen Angestellten zu hören; 7. an Schulen, zu deren Besuch Schülerinnen verpflichtet oder zugelassen werden, eine mit den einschlägigen Verhältnissen vertraute Frau. Im Ortsstatut kann bestimmt werden, daß noch andere Personen, insbesondere geistliche, technische Beamte und Ärzte sowie Anhang 127 weitere Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem Gewerbeschulrat angehören. Die Ernennung dieser sowie der unter Ziffer 2, 5, 6 und 7 bezeichneten Mitglieder erfolgt durch den Gemeinderat (Stadtrat) jeweils auf drei Jahre. § 20. Dem Gewerbeschulrat liegt außer den ihm durch besondere Bestimmungen vorbehaltene Angelegenheiten ob: 1. die Beratung der auf die Organisation der Anstalt, Ausgestaltung des Unterrichts und Veränderungen im Lehrkörper bezüglichen Fragen und Stellung der in dieser Hinsicht beschlossenen Anträge; 2. die Beratung über die hinsichtlich baulicher Beschaffenheit und innerer Einrichtung der Unterrichtsräume nebst Zubehör zu stellenden Anträge; 3. die Aufstellung des Entwurfs zum Voranschlag über Einnahmen und Ausgaben der Anstalt; 4. Schulgeldbefreiungen; 5. die Behandlung der Gesuche um Befreiung vom Schulbesuch oder von einzelnen Unterrichtsfächern in den dem Gewerbeschulrat zur Beratung oder Entscheidung zugewiesenen Fälle, Festsetzung des Stundenplans, Beschlüsse über besondere Regelung der Ferien, Ausweisung von Schülern und Verhängungen von Karzerstrafen über zwölf Stunden; 6. Beratung über die Art und Weise der Handhabung der Schulzucht im alllgemeinen und Stellung hierauf bezüglicher Anträge; 7. die Erlassung der örtlichen Schulordnung, die dem Landesgewerbeamt zur Genehmigung vorzulegen ist; 8. Verhandlungen über Maßnahmen, welche sich auf die Fürsorge für die Gesundheit der Schüler beziehen; 9. die Beratung aller übrigen, auf die Schule bezüglichen Fragen, die der Vorsitzende wegen ihrer Wichtigkeit zur Verhandlung stellt. § 21. Wo mehrere Lehrer angestellt sind, liegt in unmittelbarer Leitung der Anstalt dem Vorstand der Schule ob. Dieser hat dafür zu sorgen, daß der Unterricht in den einzelnen Klassen und Abteilungen stetig und gleichmäßig fortschreitet, und daß die die Gewerbeschulen berührenden Gesetze und Verordnungen, die Verfügungen der zuständigen Behörden und die Schulordnung in allen Teilen genau befolgt werden. Endlich hat er darüber zu wachen, daß die Lehrer ihre Pflichten erfüllen und die Würde des Amtes wahren. Er beobachtet die sittlichen Zustände an der Anstalt und sorgt für wirksame Schulzucht. § 22. Der Schulbetrieb wird durch eine vom Landesgewerbeamt zu erlassende allgemeine Schulordnung geregelt. Nach Bedürfnis wird das Landesgewerbeamt außerdem besondere Dienstweisungen erlassen. § 23. Für Schüler, welche den lehrplanmä- ßigen Unterricht einer Gewerbeschule be- Quellen 128 suchen (Vollschüler), kann ein Schulgeld erhoben werden, das, falls sie durch statuarische Bestimmung zum Besuche der Schulen verpflichtet sind und letztere am Orte ihrer Beschäftigung errichtet ist, den Betrag von 10 Mk. für das Jahr nicht übersteigen darf. Das jährliche Schulgeld für solche Schüler, die zum Besuche einer in einer benachbarten Gemeinde bestehenden gewerblichen Schule verpflichtet sind, darf den Betrag von 15 Mk. nicht überschreiten; leistet die Gemeinde des Beschäftigungsortes derjenigen Gemeinde, welche Kosten der Errichtung und Unterhaltung der Schule trägt, einen Beitrag, so darf das Schulgeld den Betrag von 10 Mk. nicht übersteigen. § 24. Von Vollschülern, welche eine gewerbliche Schule besuchen, zu deren Besuch sie nicht verpflichtet sind, darf ein Schulgeld erhoben werden bis zum Höchstbetrag von 15 Mk., wenn die Schule am Orte ihrer Beschäftigung errichtet ist, andernfalls im Höchstbetrag von 20 Mk. Leistet die benachbarte Gemeinde einen Beitrag zu den Kosten der Errichtung und Unterhaltung der Schule, so beläuft sich der Höchstbetrag auf 15 Mk. § 25. Von Schülern, welche nur in einzelnen Gegenständen am Unterricht teilnehmen (Gäste), kann ein Schulgeld bis zu 5 Mk., von auswärtigen Gästen bis zu 10 Mk. angefordert werden. § 26. Vollschüler, welche an Unterrichtskursen teilnehmen, die über den allgemeinen Lehrplan hinausgehen, können zur Entrichtung eines Schulgeldes von 4 Mk., Gäste zur Entrichtung eines solchen von 8 Mk. für jeden Unterrichtskurs verpflichtet werden. § 27. Für Schüler der mit einer Gewerbeschule verbundenen Handelsabteilung finden die Vorschriften über die Erhebung von Schulgeld an Handelsschulen Anwendung. § 28. Unvermögende sind von Zahlungen des Schulgeldes je nach dem Grade der Unvermöglichkeit ganz oder zu bestimmten Teilen zu befreien (§ 20 Ziffer 4), § 29. Verlassen Schüler während eines für die Erhebung des Schulgeldes bestimmten Zeitabschnittes die Anstalt, so erwächst hieraus kein Anspruch auf Rückersatz des für den betreffenden Zeitabschnitt bezahlten Schulgeldes. Für neu eintretende Schüler ist das Schulgeld für den Zeitabschnitt zu entrichten, in welchem ihr Eintritt erfolgt. Aus Billigkeitsgründen können in beiden Fällen Ausnahmen vom Gewerbeschulrat bewilligt werden. § 30. Die Festsetzung des Schulgeldes erfolgt auf Vorschlag des Gemeinderats und des Gewerbeschulrats durch das Landesgewerbeamt. Die Erhebung eines besonderen Eintrittsgeldes ist nicht zulässig. § 31. Gewerbeschulen können errichtet werden in Gemeinden, welche sich verpflichten, für den Aufwand jeder Art aufzukommen, der für die ordnungsmäßige Einrichtung und für einen dem Lehrplan und der Schulordnung entsprechenden Betrieb Anhang 129 der Anstalt erforderlich ist, soweit nicht dieser Aufwand a) von der Staatskasse übernommen, b) durch den Ertrag des Anstaltsvermögens oder aus anderen für derartige Schulen besonders gestifteten oder sonst verwendbaren Fonds aufgebracht, c) durch das Schulgeld gedeckt wird. Durch Satzungen, welche zwischen dem Landesgewerbeamt und der Gemeinde für jede Gewerbeschule mit Genehmigung des Ministeriums des Innern zu vereinbaren sind, wird im einzelnen bestimmt, unter welchen Voraussetzungen, in welcher Weise und in welchem Umfang eine Beteiligung der Staatskasse an dem Aufwand für Unterhaltung der Anstalt stattfindet. § 32. Die Voranschläge über Einnahmen und Ausgaben der Gewerbeschulen bedürfen bezüglich der Verwendung der Staatsbeiträge und hinsichtlich der satzungsmäßigen Leistungen der Gemeinden der Genehmigung des Landesgewerbeamts, das für die Erlassung näherer Vorschriften über die Rechnungsführung zuständig ist. § 33. Sowohl der Gemeinde als auch dem Staate steht das Recht zu, die vereinbarten Satzungen zu kündigen. Die Kündigung wird mit dem Schluß des auf den Zeitpunkt derselben folgenden Schuljahres wirksam. VI. 5.2) Quellen zur Geschichte der Zentralgewerbeschule Buchen Satzung der Bezirksgewerbeschule Buchen vom 20. März 1924346 Auf Grund des Gesetzes vom 13. August 1904, in der Fassung des Notgesetzes vom 6. März 1924, über den gewerblichen und kaufmännischen Unterricht, (Ges. u. V. O. Bl. 1904 Seite 395 und 1924 Seite 43) und der landesherrlichen Verordnung vom 20. Juli 1907 über die Gewerbeschule (Ges. u. V. Bl. 1907 Seite 293) wird für die Gemeinden Buchen, Bödigheim, Eberstadt, Götzingen, Hainstadt, Hettigenbeuern, Hollerbach, Rinschheim und Unterneudorf durch den Bezirksrat Buchen bestimmt, was folgt: § 1. Die in den Gewerbe- und Handelsbetrieben der Gemeinden Buchen, Bödigheim, Eberstadt, Götzingen, Hainstadt, Hettigenbeuern, Hollerbach, Rinschheim und Unterneudorf beschäftigten gewerblichen und kaufmännischen Arbeiter beiderlei Geschlechtes (Gesellen, Gehilfen, Lehrlinge) sind verpflichtet, den Unterricht in der Gewerbeschule in Buchen nach Maßgabe der landesherrlichen Verordnung vom 20. Juli 1907 über die Gewerbeschulen und der vom Landesgewerbeamt unterm 3. August 1907 erlassenen allgemeinen Schulordnung für die Gewerbe- und Handelsschulen (Verordnungsblatt des Gr. Oberschulrats 346 Transkribiert und angegeben nach der Archiveinsicht Brötels, in: ZGB, 150 Jahre, 1997, S. 31, Abb. 7. Quellen 130 1907, Seite 154), sowie nach Maßgabe der örtlichen Schulordnung und des Lehr- und Stundenplanes, zu besuchen. Freiwillige Schüler werden zu den gleichen Bedingungen wie Pflichtschüler aufgenommen. § 2. Die Schulpflicht umfaßt den erfolgreichen Besuch der drei Jahresklassen, dauert jedoch nicht über das vollendete 18. Lebensjahr hinaus. § 3. Dem Gewerbeschulrat gehören au- ßer den in § 19 Absatz 2 der landesherrlichen Verordnung vom 20. Juli 1907, über die Gewerbeschulen bezeichneten Personen gemäß § 19 Absatz 3 der genannten Verordnung weiter an: je ein Vertreter der Gemeinden Bödigheim, Eberstadt, Götzingen, Hainstadt, Hettigenbeuern, Hollerbach, Rinschheim und Unterneudorf. § 4. Die Schulräume werden von der Stadt Buchen gestellt. Der durch ordentliche Einnahmen nicht gedeckte Jahresaufwand der Gewerbeschule wird alljährlich auf Jahresabschluss auf die beteiligten Gemeinden verhältnismäßig, d. h. nach der Schülerzahl der betreffenden Gemeinden umgelegt. Schulumbauten und sonstige notwendige bauliche Veränderungen werden bei dieser Berechnung n i c h t in den sachlichen Aufwand genommen. § 5. Diese Satzung tritt sofort in Wirksamkeit. Buchen, den 20. März 1924. Abschiedsrede von Schulleiter StD Erhard Brötel am 5. Juli 1994347 »In dieser Stunde am Ende meiner aktiven Dienstzeit an der Zentralgewerbeschule Buchen habe ich zu allererst das herzliche Bedürfnis, ›Danke‹ zu sagen! Beginnen darf ich mit dem Dank an alle Vorredner für Ihre guten Wünsche, für die anerkennenden Worte, für die zahlreichen Geschenke und für die ehrende Auszeichnung – und für das freundliche Übergehen bzw. Umschreiben meiner weniger pflegeleichten Seiten und meiner persönlichen Unzulänglichkeiten. Rückblickend darf ich feststellen, daß ich in meinem bisherigen Leben sehr viel Glück erfahren durfte. In einem mit irdischen Gütern nicht gerade gesegneten, aber rundum intakten Elternhaus aufgewachsen, fiel meine schulische und berufliche Entwicklung direkt in die Zeit des Wiederaufbauens unseres Landes nach dem 2. Weltkrieg. Nach dem Motto ›Wenn man etwas tut, tut man es mit ganzem Herzen und so gut man es kann! Halbheiten zählen nicht!‹ wurde ich von Kindheit an zu eigenverantwortlichem Handeln erzogen. Meine Eltern hatten weder eine psychologische noch eine pädagogische Ausbildung! Da mein Berufsziel – Lehrer an einer Gewerbeschule werden – schon etwa 1 Jahr vor dem Abitur feststand, galt es – getreu dem vorgenannten Motto – den Weg dorthin konsequent zu verfolgen. 1/2 Wochen 347 Siehe Kreisarchiv Mosbach, J3/17. Anhang 131 nach dem mündlichen Abitur begann meine Maurerlehre. Wenn ich auf meinen Gesellenbrief mindestens so stolz bin wie auf das Abitur, dann hat dies mehrere Gründe: • Er war mein ›Bafög‹ in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, als für das Studium noch Semestergebühren erhoben wurden! • Ich lernte während der Ausbildung und später als Geselle und Student in den Semesterferien gründlich, wie es ist, wenn man seinen Lebensunterhalt mit den Händen verdient. • Ich sah beim Tiefbau mit der Schaufel in der Hand die Welt aus 5 m Grabentiefe! • Ich lernte viele sogenannte ›einfache‹, aber menschlich ganz hervorragende › Arbeiter‹ kennen. • Und ich lernte den Geruch des eigenen Schweißes kennen! • Das prägt! In allen Phasen meines bisherigen Lebens durfte ich – oft und gerade in entscheidenden Augenblicken – Menschen begegnen, die mir mit Rat und Tat zur Seite standen, die mir Mut machten, die mich anspornten, die mich aufrichteten, die mir auch in Freundschaft zugetan waren und – wie ich hoffe – es heute noch sind. Manche von ihnen sind leider schon nicht mehr am Leben. Dies waren oder sind Menschen aus allen Ebenen amtlicher, institutioneller oder behördlicher Hierarchie, die mir mehr als nur ›pflichtgemäß‹ halfen, eben menschlich bei der Sache waren und mich ihre Unterstützung, ihr Verständnis spüren ließen. Dies waren bzw. sind Menschen, die im politischen und administrativen Bereich durch ihre Entscheidungen nicht nur Mitverantwortung trugen, sondern die mich auch durch ihr persönliches Vertrauen in einem sehr positiven Sinne in die Pflicht nahmen. Dies waren und sind aber auch ungezählte Menschen, denen ich in und außerhalb der Schule begegnen durfte und deren menschliche Begegnung mein Leben in hohem Maße bereichert hat. So bitte ich Sie alle um Verständnis, wenn ich meinen namentlichen Dank auf 2 Erwähnungen beschränke. Ich danke meinem Schöpfer dafür, daß mein bisheriges Leben so verlaufen ist und ich diesen Tag bei brauchbarer Gesundheit erleben darf! Und ich danke meiner Familie, im besonderen meiner Frau für ihr immerwährendes› von mir oft arg überstrapaziertes› Verständnis als Ehefrau und in ihrer unfreiwilligen Rolle als alleinerziehende Mutter! Ihnen allen und vielen vielen anderen Menschen, die heute nicht bei uns sind – danke ich von Herzen für alles, was ich durch sie persönlich oder durch Ihre tätige Mithilfe bewußt – oder auch von mir unbemerkt – habe Gutes erfahren dürfen! Ich danke dem Lehrerkollegium unserer Schule, das mich in all den Jahren nicht nur ertragen, sondern durch seine Einsatzbereitschaft und Begeisterungsfähigkeit zeitweise Quellen 132 auch getragen hat. Und ich danke herzlich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die diese Feierstunde mit vorbereitet haben, die sie mitgestalten, besonders dem ›Trio musicale‹ und allen, die sich für das ›Danach‹ als gute Geister zur Verfügung stellen. Als nächstes ist es mir ein ehrliches Bedürfnis, all jene um Entschuldigung zu bitten, denen ich jemals – als Lehrer, als Schulleiter, als Mensch – Unrecht zugefügt oder die ich gekränkt haben sollte. Ich versichere all jenen, daß dies nicht mit Absicht geschehen ist. Und schließlich gibt es da noch mein Naturell, das auch mir mit den 62 Lebensjahren nicht verborgen geblieben ist. Als relativ spontaner Mensch trage ich mein Herz auf der Zunge. Wenn man dann noch dazu neigt, sich die Sorge anderer zu eigen zu machen, äußert man sich – eben spontan – auch zu Fragen, die einem gar nicht gestellt sind. Man ›mischt sich ein‹ – noch dazu manchmal ›mit spitzer Zunge‹. Auch hierfür bitte ich um Vergebung, ehe ich mich nachher noch ein letztes Mal ›einmische‹. In der Vorbetrachtung zum heutigen Tag hielt ich es einmal für reizvoll, die Entwicklungen zu resümieren, die sich in den 25 Jahren meiner Schulleitertätigkeit vollzogen haben. Dieses Unterfangen überlasse ich den Historikern! Stattdessen werde ich mich auf einige wenige Entwicklungen beschränken, die sich m. E. einem effizienten Schulbetrieb nicht gerade als förderlich erwiesen haben und die mich deshalb ein wenig bedrücken. Dies geschieht aus der Sicht meiner persönlichen Erfahrungen an einer gewerblichen Berufsschule, nämlich an der ZGB. Bei meiner Einführung als Schulleiter habe ich 1969 wörtlich gesagt: ›So wie ein Vermögen an Wert verliert, wenn es nur verwaltet wird, so wird es erst recht mit einer Schule gehen, die nicht weiter entwickelt wird, um mit der Zeit Schritt zu halten.‹ Getreu dieser Grundüberzeugung habe ich immer versucht, die ZGB nicht nur zu verwalten, sondern als einen Dienstleistungsbetrieb zu führen. Jede Schule ist zunächst eine Stätte menschlicher Begegnung und als solche ein Dienstleistungsbetrieb gegen- über der nachwachsenden Generation und damit für das Gemeinwohl unserer Gesellschaft. Eine gewerbliche Berufsschule hat sich darüber hinaus zunehmend auch zum Transferzentrum für technisches Know-how auf dem jeweils neusten Stand entwickelt. Um diesem hohen Anspruch gerecht werden zu können, bedarf ein solcher Dienstleistungsbetrieb: 1) entsprechenden Geld- bzw. Sachkapitals, 2) entsprechend ausgebildeten und motivierten Personals, 3) entsprechenden Entscheidungs- bzw. Gestaltungsspielraumes für die ›Geschäftsleitung‹. Anhang 133 Was das Geld- bzw. Sachkapital betrifft, konnten wir uns in der hiesigen Region noch nie wie ein verwöhntes Einzelkind reicher Eltern fühlen. Trotzdem – und darauf sind wir stolz – darf ich feststellen, daß sich die Anerkennung unserer Schule sehen lassen kann und daß wir jederzeit in der Lage waren und sind, auch die jeweils neuesten Lehrpläne aller in der ZGB vereinten Schularten zu erfüllen. Daß dies dem Schulträger gewaltige Anstrengungen abverlangte und allen dort politisch und in der Verwaltung tätigen Verantwortlichen nicht immer leichtgefallen ist und in Zukunft leichtfallen wird, wird von mir umso dankbarer registriert. Dafür sehr herzlichen Dank, meine Damen und Herren! Nicht zu vergessen sind hierbei die erheblichen finanziellen Anstrengungen des FV [Förderverein] der ZGB, der immer in sogenannte ›neue Technologien‹ investiert und der damit unsere Schule in die Lage versetzt hat, neueste Bildungsinhalte in der beruflichen Erwachsenenbildung vermitteln zu können, bevor diese Inhalte offiziell in die Lehrpläne der Schulen Eingang gefunden hatten – aber dem Schulbetrieb jederzeit zur Verfügung standen. Auch hierfür besten Dank an alle, die zu dieser beispielhaften Einrichtung und deren segensreichen Entwicklungen beigetragen haben. Bei der Versorgung mit Lehrkräften hat das dafür zuständige OS A [Oberschulamt] Karlsruhe alles in seiner Macht Stehende getan; und das war nicht immer leicht! Dies gilt auch für die Unterstützung bei der Einrichtung neuer Schularten und damit in der Erweiterung des beruflichen Bildungsangebotes im hiesigen Raum. Dem OS A ganz herzlichen Dank dafür! Ich erinnere mich noch lebhaft an die Anfangszeit meiner Schulleitertätigkeit und den damals herrschenden Lehrermangel in Buchen. Kaum ein Lehrer wollte damals in den Odenwald – meistens unter dem Vorwand, weil es dort kein staatlich subventioniertes Schauspielhaus gibt und man sich statt dessen an der Gestaltung des kulturellen noch selbst beteiligt – was man Gott sei Dank auch heute noch gerne hier tut und dies sogar als Bereicherung des kulturellen Angebots empfindet. Zahlreiche inzwischen zu uns gestoßene Kolleginnen und Kollegen entstammen der hiesigen Gegend oder sie wurden Wahlbuchener, fühlen sich heute mit ihren Familien hier zu Hause und bilden als prozentual hohen Anteil gleichzeitig das Rückgrat des hiesigen Kollegiums. Für so manchen Lehrer, der als Dipl.-Ing. aus der freien Wirtschaft zu uns gekommen ist, ist allerdings eine Entwicklung in Bezug auf seine Hoffnungen auf berufliches Weiterkommen im Schuldienst zur persönlichen Enttäuschung geraten. Diese Entwicklung begann schon, bevor die Kassen so leer waren wie heute. Ich meine damit die pauschalen Wartezeiten, bis persönliche Leistung honoriert wird. Anfang der 70er Jahre gab es eine kurze Zeitspanne, wo jeder StR nach exakt 1 Jahr zum OStR befördert wurde (sog. Regelbeförderung). Ich enthalte mich einer Wertung dieser damaligen Realität. Wer 1994 zum StR ernannt wird, hat bis zu seiner Beförderung zum OStR z. Zt. mindestens 8 Jahre (Jahr 2002) – Tendenz eher steigend – Quellen 134 zu warten, bis sein Ernennungsjahrgang zum StR (1994) für die Beförderung zum OStR überhaupt ›geöffnet‹ wird. Vor Ablauf dieser Frist hat ein StR – egal, wie alt er ist, und egal, wie lange er sich im Schuldienst bereits bewahrt hat – derzeit keine Chance zum OStR befördert zu werden, selbst wenn er seine Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft dadurch dokumentiert, daß er täglich im einarmigen Handstand durch die Schule turnt! Und wenn er dann nach 8 Jahren bei den ersten sein und nicht noch weitere 5–6 Jahre warten will, dann nur mit herausragender dienstlicher Beurteilung (einarmiger Handstand)! Wenn Leistung sich lohnen und nicht demotivieren soll, dann könnte hier leicht mit einem Kontingent von OStR-Stellen abgeholfen werden, von Stellen, die schon vor Öffnung des Jahrgangs ›für herausragende Leistungen‹ zur Verfügung stehen. Und sei das Kontingent auch noch so klein, es würde schon dadurch motivieren, daß der besonders Leistungsbereite hoffen darf, ›getroffen‹ zu werden. So leer können die Kassen nie sein! Genau in dieser Phase der länger werdenden Wartefristen wurde die Regelbeurteilung eingeführt, wo der Schulleiter alle 5 Jahre die Aufgaben hatte, den Lehrer an sein Schicksal zu erinnern, ohne daran – am Schicksal nämlich – etwas ändern zu können. Nun ist ja geplant, die Regelbeurteilung durch den ebenfalls alle 5 Jahre zu erstellenden ›Dienstbericht‹ zu ersetzen. Der Dienstbericht soll auf Beratung beruhen, auf alle Lehrer bis zur Pensionierung ausgedehnt werden, er soll keine Note enthalten, dafür aber eine ›verbale Würdigung der Leistung und des pädagogischen Wirkens der Lehrkraft‹. Gleichzeitig sollen dabei die ›künftige berufliche Entwicklung‹ sowie die › Arbeitsbedingungen und die Arbeitszufriedenheit‹ bei gleichzeitiger Steigerung der Motivation des Lehrers erörtert werden. Eine gigantische Aufgabe für einen Schulleiter, zu deren Bewältigung er eher seelsorgerische Fähigkeiten braucht. Ob Regelbeurteilung oder Dienstbericht: Hinsichtlich der zu erwartenden Wirkung auf die Betroffenen vermag ich keinen motivationsfördernden Unterschied zu erkennen. Der elektrische Stuhl verliert seine Wirkung ja auch nicht dadurch, daß man ihn polstert. Ich will damit keineswegs einem laissez faire das Wort reden! Dienstaufsicht muß sein! Dienstaufsicht über möglichst motivierte Mitarbeiter! In vielen Betrieben wird derzeit erwogen, bisher übliche Kontrollmechanismen gegenüber den Mitarbeitern abzubauen. Man investiert Vertrauenskapital, um die Eigenverantwortlichkeit des Humankapitals zu stärken! Kontrolle ist gut! Vertrauen erschient besser! Ich würde solchem Vertrauenskapital – auch in den Schulen – einen hohen Zinsgewinn prophezeien! Ein Vertrauensvorschuß verursacht für den Gebenden keine Kosten! Allerdings verbleibt dem Gebenden ein gewisses ›Restrisiko‹. Aus credit wird credo. Dies kostet bestenfalls ein wenig Selbst- überwindung, ein wenig Mut, nennen wir es Großmut! Anhang 135 Doch Vertrauen wird geschenkt! Ein Geschenk verpflichtet – und ist deshalb eher geeignet, Motivation, Berufsfreude und das Selbstvertrauen des Beschenkten zu fördern. Der Lehrer würde vom Behandelten zum Handelnden! Nun haben doch die Lehrer aller Schularten aufgrund der veränderten gesellschaftlichen und vor allem familiären Strukturen, aufgrund des Wertewandels bis hin zum Werteverlust wahrhaftig keine leichten Arbeitsbedingungen. Nun haben doch besonders die Lehrer an Gewerbeschulen aufgrund der immer kürzer werdenden ›Halbwertzeit‹ technischen Wissens darüber hinaus alle Hände voll mit ihrer persönlichen Weiterbildung zu tun. Dies schon allein deshalb, weil ständig neue technische Bildungsinhalte aus Aktualitätsgründen in das tägliche Unterrichtsgeschehen einfließen müssen, bevor diese in die offizielle Lehrplanfortschreibung Eingang finden können. Nun ist die überwiegende Mehrzahl der Lehrerschaft entgegen der öffentlichen Meinung nicht so uneinsichtig und geldgierig, um nicht ihrerseits Verständnis für die derzeit leeren Kassen zu haben. Lehrer ›bearbeiten‹ nicht irgendein Material, wo am Ende des Vorgangs, durch Maßtoleranzen festgelegt, die Leistung als gut oder schlecht bewertet werden kann. Ein ›Urmaß‹ für die präzise Messung pädagogischer Leistungen gibt es nicht! Es gibt auch keine Produktions- und Verkaufszahlen wie in der freien Wirtschaft, es sei denn, wir verwechseln die Statistik damit. Deshalb hat ein Lehrer kurzfristig auch keine Erfolgserlebnisse aus seinem täglichen Bemühen zu erwarten. Aber er muß sich täglich einer sehr kritischen ›Öffentlichkeit‹ stellen, nämlich jungen Menschen mit sehr feinfühligen › Antennen‹ für Sein und Schein, für echt und unecht, für vorgelebte Glaubwürdigkeit oder Heuchelei. Allein davon geht schon eine nicht zu unterschätzende disziplinierende und motivierende Wirkung auf den Lehrer aus. Der Lehrer soll junge Menschen formen, damit diese nicht nur in die Welt von morgen passen, sondern diese – unsere – Welt morgen ihrerseits wieder formen, gestalten können. Nicht Verzagtheit, Verkrampfung oder gar Resignation sind da gefragt, sondern Gelassenheit, Zuversicht, eine gewisse innere Fröhlichkeit. Wer unter Druck und nicht mit dem Herzen bei der Sache ist, entbehrt der Spontanität und der Kreativität, von denen die Pädagogik lebt. Sonst gerät in Vergessenheit, daß Lehren und Lernen – daß Erziehen – für beide Teile auch Spaß machen, Freude bereiten können. Noch eine letzte Bemerkung zum Entscheidungs- bzw. Gestaltungsspielraum für die ›Geschäftsleitung‹ des Dienstleistungsbetriebes Schule: Was mir beim Rückblick auf 25 Jahre Schulleitertätigkeit als erstes auffiel, ist die Tatsache, daß ich in den Anfangsjahren dieser Tätigkeit noch sehr viele Entscheidungen persönlich treffen durfte – und natürlich auch verantworten mußte. Es lag in meinem ›pflichtgemäßen dienstlichen Ermessen‹. Seit es den Organisationserlaß und andere Verwaltungsvorschriften gibt, ist von vielem leider nur noch die Verantwortung geblieben. Quellen 136 Gerade als Leiter einer Gewerbeschule mit einer Vielzahl von Berufsfeldern und mit einer Vielzahl von Schularten mit sehr unterschiedlichen Bildungszielen, mit den unterschiedlichsten Verflechtungen theoretischer und praktischer bzw. Laborausbildung, mit ihrer Vielzahl jährlicher Prüfungen hätte auch ich mir manchmal mehr persönlichen Gestaltungsspielraum und deshalb das vorhin über Lehrer gesagte gewünscht: Kontrolle ist gut! Vertrauen wäre besser! Ende der Einmischung! Meine Zuversicht und meine Hoffnung auf eine von Vertrauen und Toleranz getragene Entwicklung zu einem gedeihlichen Miteinander in allen Bereichen menschlichen Zusammenlebens – nicht nur in den Schulen – sind ungebrochen. Ungebrochen ist vor allem meine Zuversicht, daß die kollegiale bzw. partnerschaftliche Zusammenarbeit aller hier am Schulleben Beteiligten fortdauern wird. An jedem neuen Tag wird die Sonne aufgehen, auch wenn wir ihre erwärmenden Strahlen nicht immer sehen, hoffentlich aber spüren. So wünsche ich meinem Nachfolger in der Schulleitung, meinem Kollegen Wolfgang Seifert, allzeit frohes Schaffen und dazu die nötige Gesundheit, Kraft, Nervenstärke, ein fröhliches Herz und viel viel Vertrauenskapital von allen hier Anwesenden. Möge Ihre Kraft, lieber Herr Seifert, auch immer noch zum zwischenmenschlichen Ausgleich und zu einem Schuß Gelassenheit ausreichen.« Anhang 137 Abbildungsverzeichnis VI. 6) Abbildungsverzeichnis S. X: Oberer Schulhof mit Gebäuden A und D., 6.8.2018, Fotografie von Daal18, https://commons. wikimedia.org/wiki/File:Zentralgewerbeschule_ Buchen.jpg Abb. 1: Abgangszeugnis der Winterlandwirtschaftsschule Tauberbischofsheim von 1895, Privatbesitz der Familie Pietschmann aus Hardheim Abb. 2: Skizze Asiens, Privatbesitz der Familie Pietschmann aus Hardheim Abb. 3: Schulbeginn 1873 nach der neuen Selbstständigkeit, Buchener Anzeiger vom 24.3.1873, entnommen der Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Schule Abb. 4: Gewerbeschüler vor dem Gebäude in der Schüttstaße um die Jahrhundertwende, Bildarchiv Karl Weiß Abb. 5: Lehrlingsgesuch aus dem Buchener Anzeiger vom 14. Mai 1892, Buchener Anzeiger im Privatbesitz Abb. 6: Zimmermann um die Jahrhundertwende in typischer Kleidung, Bildarchiv Karl Weiß Abb. 7: Stand der Schülerzahl der Gewerbeschule in Buchen im Dezember 1920, Stadtarchiv Buchen H AB H A 207 Abb. 8: Gewerbeschule Herrenschneider, Archiv der ZGB Abb. 9: Gewerbeschule Elektrowerkstatt, Archiv der ZGB Abb. 10: Gewerbeschule Friseur, Archiv der ZGB Abb. 11: Gewerbeschule Gipser, Archiv der ZGB Abb. 12: Gewerbeschule Maler, Archiv der ZGB Abb. 13: Gewerbeschule Maurer, Archiv der ZGB Abb. 14: Gewerbeschule Maschinenkurs Holz, Archiv der ZGB Abb. 15: Gewerbeschule Vorlehre Metall, Archiv der ZGB Abb.: 16: Gewerbeschule Zimmerleute, Archiv der ZGB Abb. 17: Gewerbeschule von Norden, Kreisarchiv Mosbach: K A MOS J 18.704 Abb. 18: Gewerbeschule Südostansicht, Archiv der ZGB Abb. 19: Gewerbeschule Haupteingang, Kreisarchiv Mosbach: K A MOS J 18.717 Abb. 20: Konferenzzimmer im A-Gebäude, Kreisarchiv Mosbach: K A MOS J 18.712 Abb. 21: Luftbild des Schulzentrums Ende der 1950er-Jahre, Stadtarchiv Buchen BFS 9-027 Abb. 22a/b: Direktorenzimmer im A-Gebäude Mitte der 1950er-Jahre, Archiv der ZGB Abb. 23: Umzug des Maschinenparks 1974 von Walldürn nach Buchen in Eigenregie der Lehrkräfte, Archiv der ZGB Abb. 24: Honoratioren erkundigen sich nach dem Stand der Bauarbeiten, Archiv der ZGB Abb. 25: Gebäude A und D mit dem Brunnen im Vordergrund, Archiv der ZGB Abb. 26: Konrad Henn mit dem »Wilden Konrad«, Archiv der ZGB Abb. 27: Der »Wilde Konrad« mit Heinz Mann, Klaus Leitz, Konrad Henn, Edwin Mackert, Archiv der ZGB Abb. 28: Übergabe des DGQS-Zertifikats an Schulleiter Dipl.-Ing. Wolfgang Seifert, Archiv der ZGB Abb. 29: Das Schulleitungsteam im Jahr 2006, Archiv der ZGB Abb. 30: ISO-Zertifizierung 9001 – Zertifikats- übergabe im Jahr 2018, Archiv der ZGB Abb. 31: Besuch der Kultusministerin Eisenmann, Archiv der ZGB Abb. 32: Das Schulleitungsteam im Jahr 2018, Archiv der ZGB Abb. 33: Kollegium der ZGB im Jahr 2018, Archiv der ZGB Abb. 34: Abschlussjahr der Berufsschule Metall 1965, Privatbesitz Klaus Hofmann Abb. 35: Meisterkurs 1979, Privatbesitz Klaus Hofmann

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Zusammenfassung

Isabell Arnstein geht auf die Entwicklung des Gewerbeschulwesens in Baden ein und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Entwicklung der heutigen Zentralgewerbeschule Buchen (ZGB). Die Ausführung beginnt in mittelalterlicher Zeit und beschreibt die zunehmende Verzahnung des schulischen Unterrichts mit der Ausbildungsordnung der Zünfte bis hin zur Etablierung eines verbindlichen gewerbeschulischen Systems in Baden im Jahr 1834. Ab 1847, dem Gründungsjahr der ZGB, wird das Hauptaugenmerk auf die Historie der Schule gelegt, und deren Bedeutung als Verbindungsglied zwischen schulischer Bildung und Arbeitswelt bis in die Gegenwart wird aufgezeigt. Zahlreiche Quellen ermöglichen dem Leser einen Blick sowohl in die Entwicklungsgeschichte des badischen Gewerbeschulwesens als auch in die abwechslungsreiche Historie der ZGB.