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II. Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen in:

Isabell Arnstein

Die Geschichte der Zentralgewerbeschule Buchen, page 7 - 22

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4334-9, ISBN online: 978-3-8288-7281-3, https://doi.org/10.5771/9783828872813-7

Tectum, Baden-Baden
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7 In der Erkenntnis des Zusammenhanges zwischen Bildsamkeit und Bildungsbedürftigkeit als Natur des Menschen legte Erasmus von Rotterdam 1529 einen der Grundsteine des neuzeitlichen Erziehungsdenkens. »Bäume wachsen vielleicht von selbst, wenn sie auch steril sind oder gewöhnliche Früchte tragen; Pferde werden geboren, wenn auch unbrauchbare – aber Menschen, das glaube mir, werden nicht geboren, sondern gebildet. Die ältesten Menschen, welche ohne Gesetz und Ordnung in wilder Ehe ihr Leben hinbrachten in den Wäldern, glichen in Wahrheit mehr Thieren als Menschen. Die Vernunft macht den Menschen; […] Die Natur, indem sie dir einen Sohn gab, übergab sie nichts andres, als eine rohe Masse; es ist deine Sache, der fügsamen und zu Allem bildsamen Materie die beste Form zu geben: wenn du es unterlässt, erhältst du eine Bestie, wenn du sorgsam bist, erhältst du so zu sagen einen Gott.«11 11 Zitiert nach: Schiffler/Winkeler, Schule, 2011, S. 54. Dort zitiert nach der Ausgabe von A. Israel und J. Müller (Hrsg.): Sammlung selten gewordener pädagogischer Schriften früherer Zeiten I–XIII, Zschopau 1879–1886 (Reprint Leipzig 1973), hier: Band 2, S. 7 f. II. Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen Schule und Bildung hatten nach Ende des Mittelalters eine neue Wertigkeit bekommen: Es geht nicht mehr um eine rein religi- öse Perspektive, sondern um die Verantwortung für sich selbst als Individuum und im Rahmen des gesellschaftlichen Miteinanders. Das vorgefertigte Weltbild der mittelalterlichen Theologie gerät im Zuge der humanistischen Weltanschauung und schließlich der vor dem Beginn der Neuzeit um sich greifenden Aufklärungsbestrebungen zunehmend ins Wanken. Die Folgen für Bildung, Erziehung und das Schulwesen sollten weitreichend sein. Das gedruckte Buch markierte den Beginn des neuzeitlichen Schulwesens, womit es seine Aura als kultischer Gegenstand verlor. Das Buch wurde zum Gebrauchsgegenstand und auch zunehmend in der Volkssprache, also auf Deutsch und nicht auf Latein, zu einem für immer mehr Menschen erschwinglichen Betrag erwerbbar. Infolgedessen entwickelte sich auch die Fähigkeit des Lesens weg von der theologischen Handhabung, also der Auseinandersetzung mit den religiösen Schriften und der Bibel, hin zum Bildungsgut der bürgerlichen Schichten und zur Bewerkstelligung 8 Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen des Alltags, besonders in Handel und im Gewerbe. Schulen mussten mehr und mehr für alle und abseits der klerikalen Oberhand zugänglich sein. »Erzieht, lehrt und bildet euch und eure Kinder«, war der Aufruf der Humanisten. Auch Luther rief die Eltern und die Obrigkeiten in seiner »Predigt, daß man die Kinder an die Schule halten solle«, (1530) auf, die Jugend, egal ob Mädchen oder Jungen, mit schulischer Erziehung zu bedenken.12 So brachte die neue Theologie der Reformatoren den Ansatz einer Idee der generellen schulischen Bildung auf, einer Art »Schulpflicht« unter Einbeziehung der Verantwortung des Staates. Jedoch stand dahinter natürlich durchaus auch der eigennützige Hintergedanke einer religiösen Laienbildung zur Festigung des »neuen« reformatorischen Glaubens. Des Grundsatzes »sola scriptura« willens sollte der »neue Christenmensch« natürlich zum Lesen der Heiligen Schrift in der Volkssprache gebildet sein. Nichtsdestotrotz war die Idee einer »Schule für das Volk« geboren und manche utopischen Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhunderts schrieben bereits von »Handwerkerakademien.13 Für das einfache Volk verbreiteten sich die auf das Primarschulsystem aufbauenden Schulen in deutscher Sprache ab dem 16. Jahrhundert über die Dörfer bzw. die ländlichen Gebiete, meist angegliedert an die Ortspfarrei.14 Als Sonntagsschulen wurden diese Schulen bezeichnet, die im Anschluss an die Volksschulen besucht werden 12 Zitiert nach: Schiffler/Winkler, Schule, 2011, S. 62. 13 Siehe Grüner, Berufsschule, 184, S. 63. Siehe hierzu auch den Verweis auf: Arzt, Frederick: The development of Technical Education in France 1500– 1850, Cambridge/London 1966, S. 136. 14 Siehe Schiffler/Winkler, Schule, 2011, S. 64. konnten. Derlei gab es in Deutschland vier verschiedene:15 kirchliche Sonntagskatechisationen, Ersatzschulen für Werktagsschulen, Ergänzungsschulen für Werktagsschulen und gewerbliche Unterrichtsveranstaltungen. So rührt der Name »Sonntagsschule« lediglich vom Wochentag her und eine genauere Bestimmung, zu welchem Zweck die einzelne Sonntagschule eingeführt wurde, ist oftmals nicht ganz eindeutig zu klären. Demnach können nicht alle Sonntagschulen als Vorläufer unserer heutigen Berufsschule bzw. des Gewerbeschulwesens gelten. Da man die Unterrichtsinhalte nichtsdestotrotz für diese Schulen bereits kontrolliert haben wollte, wurden oftmals sehr genaue Vorschriften aufgestellt, wie der Lehrinhalt auszusehen hatte. Einen Einblick gibt die Württembergische Schulordnung aus dem Jahr 1559: »So dann der Schulmeister die Schulkinder mit nutz leeren will, So soll er die in drey Heüfflin theilen. Das ein, darinn die jhenigen gesetzt, so erst anfahen zu Buchstaben. Das ander, die, so anfahen, die Syllaben zusamen schlahen. Das dritt, wölche anfahen lesen und schreiben […] Und dieweil die Kinder vor allen dingen, zu der forcht Gottes gezogen werden sollen, so wöllen wir hiermit auch, das die Schulmeister keinem Kind gestatten, einige ergerliche, schandtliche, sectische Bücher, oder sonsten unnütze Fabel Schrifften, in jrem lernen zugebrauchen, sonder daran sein, wa sie getruckte Bücher gebrauchen wurden, damit sie in Christlichen Büchlin, als der Taffel, darinn der Catechismus, Psalmenbüchlin, das Spruchbüchlin Salomonis, Jesus Syrachs, newen Testaments, und dergleichen, lernen. […] Die Schulmeister sollen auch 15 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 13. 9 Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen schuldig sein, nach dem Catechismo Sommerszeit in der Kirchen, Winters zeit in der Schulstuben, mit der andern Jugent in den Flecken, so nit seine Schulkinder seien, den Catechismo und gemeine Gesang zuüben, und die darinn mit Fleiß zuunderrichten, wie sie des jeder zeit von den Pfarrherrn bescheiden, und jnen bevohlen würdt.«16 Es dürfte sich hier wohl teilweise auch um einen katechetischen Unterricht gehandelt haben, der aber durchaus auch Lese- Schreib- Unterricht beinhaltet hat und für diejenige Kinder bestimmt war, die nicht in die Werktagsschule gingen, weil sie da wahrscheinlich auf dem Feld oder Hof helfen mussten bzw. bei den »Hauß- und Feldgeschäfften«17, wie man damals sagte. Doch die in den deutschsprachigen Landen durch das reformatorische Zeitalter angestoßenen Bestrebungen eines geordneten überall präsenten Schulwesens wurden durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges wieder beinahe zum Erliegen gebracht. Dies gestaltete sich so sowohl in Bezug auf die Weiterentwicklung der Lateinschule für Kinder der mehr elitären großstädtischen Bürger oder auch des klerikalen Nachwuchses als auch in Bezug auf die einfachen, volkssprachigen Schulen des Primar- und Sekundarbereichs für die Kinder von Bauern, Handwerker, dem einfacheren Volk des ländlichen Raumes. Solche Dorfschulen beiderlei Typs konnten unter anderem auch in 16 Zitiert nach: Schiffler/Winkler, Schule, 2011, S. 64, welcher sich in seiner Quellenangabe beruft auf: Reinhold Vormbaum (Hg.): Evangelische Schulordnungen, 3 Bde., Gütersloh 1860/1863/1864, hier: Bd. 1, S. 160 und 162. Ebenfalls zitiert bei Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 16, welcher mit dieser Schulordnung die Begründung »berufsschulischer Frühformen« verbindet. 17 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 16. Scheunen untergebracht sein oder in Räumlichkeiten, die man zufälligerweise gerade zur Verfügung hatte und welche für umsonst oder mit nur ganz wenig Geld zu haben waren. Schlecht ausgestattete Schulstuben waren somit gang und gäbe und hielten sich bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Im Jahr 1739 ging Württemberg einen großen Schritt im Bereich der beruflichen Schulentwicklung, indem eine »neue Art von Schule […] an die Stelle der Sonntagsschule, die Ersatz für die fehlende Werktagsschule war«, eingeführt wurde.18 Der Zweck dieser Schulen sollte sein: »Die Sonn- und Feiertagsschulen sollen eine gute Schulanstalt und Kontinuation der in der Schul gefaßten Lehre sein, da diejenigen jungen Leute, welche schon zur Konfirmation und Gottestisch gelangt sind, bis zu ihrer Verheiratung in der Schule, und zwar alternatim das einemal die ledigen Manns-, das anderemal die ledigen Weibspersonen an Sonn- und Feiertagen nach verrichtetem öffentlichen Gottesdienst zusammenkommen und damit sie das in der Schule Erlernte nicht so leicht wieder vergessen noch die übrige Zeit an Sonn- und Feiertagen sonst liederlich oder gar sündlich zubringen, unter der Anleitung des Schulmeisters oder der Schulfrau ein geistlich Lied singen, in der Bibel lesen, ihre Sprüch und Psalmen repitieren, auch jedesmal ein Hauptstück aus dem Katechismo recitieren, ihre Schriften aufweisen, einen Brief lesen 18 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 22, welcher sich beruft auf: Schmid, Eugen: Geschichte des Volksschulwesens in Altwürttemberg, Stuttgart 1927, S. 186. 10 Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen und sodann mit Gebet und Segen schlie- ßen sollen.«19 Hier liegt nun also eine Ergänzungsschule für Volksschulentlassene vor, die eine Kontinuität im Lernen gewährleisten möchte und – nach damaligem Verständnis – »für das Leben« qualifizieren will. Im benachbarten Baden folgte man zuerst dem Beispiel Württembergs und gründete in den Diözesen Pforzheim und Stein im Jahr 1755 Sonntagsschulen, die abwechselnd an einem Sonntag von den ledigen jungen Männern bis zum 18. Lebensjahr und am anderen Sonntag von den ledigen jungen Damen bis zum 20. Lebensjahr besucht werden konnten.20 Ein Jahr darauf, 1756, wurde die Einrichtung von Sonntagsschulen in allen Landesteilen Badens angeordnet, die zuerst nur im Sommer Unterricht erteilen sollten, aber ab 1766 auch im Winter.21 Diese Sonntagschule hatte ganz klar die Funktion einer Ergänzung der Volksschule für junge Erwachsene. 19 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, welcher sich beruft auf: Reyscher, A. L.: Vollständige, historisch und kritisch bearbeitete Sammlung der Württembergischen Gesetze, Bd. XI (1839), S. 23 und Bd. VIII (1834), S. 607. 20 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S, 24. 21 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 24. Thyssen verweist bezüglich des badischen Sonntagsschulwesens auch weiter auf: Stocker, August: Das allgemeine und fachliche Fortbildungsschulwesen in Baden in seiner geschichtlichen Entwicklung, Lahr/ Baden 1916. II. 1) Die Entwicklung der gewerblichen Sonntagsschule Jeder solle den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, so Kant mit seinem umseitig gerichteten Appell »Sapere aude!« in der Hochphase der Aufklärung. Sich wechselseitig unterstützend, entwickelten sich alle Kulturbereiche, die sich aus der Vernunft und der kritischen Hinterfragung heraus entwickelten, rasch weiter: Naturwissenschaften und Technik allen voran. Für neue Schulgründungen ein äußerst fruchtbares Zeitalter, auch für die Errichtung von Schulen mit berufsbezogener Zielsetzung für die Ausbildung von jungen Menschen in Handwerk, Gewerbe, Landwirtschaft wie auch die Weiterentwicklung der Volks- und Realschulen gerade im Bereich praktischer und experimenteller Lern- und Lehrbereiche.22 Ein Beispiel des realitätsbezogenen Fächerkanons, der die Jahrhunderte überdauerte, zeigt das folgende Abgangszeugnis der Winterlandwirtschaftsschule Tauber bischofsheim aus dem Jahr 1895:23 22 Vgl. Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 13. 23 Das Zeugnis stammt aus Privatbesitz der Familie Pietschmann aus Hardheim. 11 Die Entwicklung der gewerblichen Sonntagsschule Abb. 1: Abgangszeugnis der Winterlandwirtschaftsschule Tauberbischofsheim von 1895 12 Handlungsfähigkeit bei der späteren Berufsausübung rückte in allen Schulen in deutschen Landen, die nicht für ein universitäres Studium vorbereiten wollten, im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts deutlich in den Mittelpunkt. Es gab Volksschulen, die ihre Schüler neben der Vermittlung der elementaren Fähigkeiten auch Unterricht in manchen Handfertigkeiten aus dem Bereich der Manufakturen, des Verlagswesens, der Heimindustrie und Landwirtschaft lehrten.24 In diesen sog. Industrieschulen (Industrie im Sinne des lateinischen »industria«, auf Deutsch »Fleiß, Betriebsamkeit«) wollte man die Kinder zu gewisser Arbeitstüchtigkeit erziehen. Zudem verwandte man den Erlös ihrer Arbeiten, um das benötigte Schulgeld zu bezahlen bzw. auch um Schulmaterial zu kaufen.25 Industrieschulen sollten sich finanziell selbst tragen, so war Lernen und Arbeiten im Wechsel die favorisierte Organisationsform bzw. auf jeden Fall die produktive Komponente dieser Schulform. Auch im Bezirk Buchen gab es im 19. Jahrhundert eine Industrieschule für Handarbeiterinnen, wie ein Zeitungsartikel aus »Der Odenwälder – Buchener Anzeiger« am 14. Mai 1892 berichtet:26 »Die Industrieschulen in Baden und die Ausstellung im Bezirk Buchen Gegen Ende des Monats findet erstmals in Buchen unter der Leitung der Kreisschulvisitatur eine Ausstellung von Arbeiten der Industrieschulen des Bezirks Buchen statt. In richtiger Würdigung der hohen Bedeu- 24 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 18. 25 Ebd. 26 Zeitung entstammt Privatbesitz. tung der weiblichen Handarbeiten für das spätere praktische Leben widmet die Unterrichtsverwaltung unseres Landes diesem Zweige des Unterrichts der Mädchen ganz besondere Aufmerksamkeit. […] Auch das neue Schulgesetz, dessen Verkündigung in den nächsten Tagen zu erwarten ist, setzt für diesen Unterrichtszweig weitergehende Normen fest und bestimmt auch die höheren Anforderungen an die Lehrerinnen eine wesentlich höhere Vergütung für dieselben, so daß sie in diesem Punkte nicht mehr von dem guten Willen der Gemeindeverwaltung abhängig sind. Eine ganz besondere Förderung erhielten die Industrieschulen des Landes durch die Fürsorge und Bemühung Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin. […] Auch die Ausstellung in Buchen wird sie wahrscheinlich mit Ihrem hohen Besuche beehren, und somit dem ganzen Unternehmen einen weihevollen Glanz verleihen und das Interesse für die gute Sache in hohem Maße steigern.« Die deutschen Länder wurden bei ihren individuellen Entwicklungen im Bildungsbereich stark von Preußen inspiriert, das im Laufe des 18. Jahrhunderts zum Symbol eines neuen allgemeinen Bildungswesens wurde. Mit seiner Entstehung und seinem territorialstaatlichen Ausbau nach dem Dreißigjährigen Krieg betraf dieses streng organisierte Staatengebilde auch den Ausbau des Schulwesens. Um sich junge Menschen für das eigene Militär, die preußische Bürokratie und für neue Arbeitsplätze heranzuziehen, war es die allgemeine Bestrebung, die Jugend im Schreiben und Lesen zu unterweisen. So wurde das Schulsystem ausgebaut, indem viele neue Lehrer ausgebildet bzw. Kriegsveteranen dafür umgeschult wurden. Ein Fächerkanon wurde angelegt und das Schulwesen insgesamt systematisiert. Das 18. Jahrhundert kann man durch- Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen 13 aus als schulische Umbruchszeit für Gesamtdeutschland bezeichnen. Kulturkampf und eine Neuordnung der Gesellschaft bzw. eine Ablösung von der seit dem Mittelalter vorherrschenden ständischen Gesellschaft lassen neue Lehrorganisationen und nie dagewesene Bildungschancen für das Volk entstehen. Die höfische Kultur neigte sich ihrem Ende zu – samt den jahrhundertelangen Vorrechten des Adels. Das Besitz- und Bildungsbürgertum begann zu erblühen, bestärkt durch festgesetzte Leistungsprinzipien bei der Vergabe von Arbeitsstellen und zum Beispiel bzw. gerade auch bei der Einführung des Abiturs im Jahr 1843 als verpflichtende Studienvoraussetzung an einer Universität. Die beginnende Industrialisierung trug ebenfalls ihren Teil zu dieser Bildungsentwicklung bei. Durch die fortschreitende Technisierung ergaben sich ganz neue Aufgaben für die Menschen und damit auch für die Schulen. Der Adel, dessen Nachkommen in der Regel durch einen Hauslehrer unterrichtet wurden, geriet zunehmend unter Druck, die geforderten Leistungsprinzipien, hauptsächlich das Abitur, zu erreichen. Man hatte immer noch das Standesbewusstsein, dass man als Adelsangehöriger seine Kinder nicht auf öffentliche Schulen schicken wollte. Im staatlichen schulischen Bereich kristallisierten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aber eine Vielzahl von unterschiedlichen Unterrichtsanstalten heraus, jede mit unterschiedlicher Zielsetzung, darunter zum Beispiel auch die ersten Mädchenbildungsinstitute. Die Zielgruppe dieser neuen Lehranstalten war vorwiegend das Bürgertum, für welches die (Dorf-)Schulen des einfachen Volkes und auch die Lateinschulen der Städte für den akademischen Nachwuchs an Pfarrern, Medizinern, Juristen etc. nicht die passenden Inhalte lieferten. Die Forderung für diese Klientel, diese gesellschaftliche Mittelschicht, war eine lebensnahe Bildung für den beruflichen wie den privaten Alltag als Bürger, was eine weitere Untergliederung bzw. Spezialisierung einzelner Schul typen nach sich zog: Realgymnasien, Bürgerschulen, Oberrealschulen, Sekundarschulen, Lyceen und viele mehr. Als wohl wichtigstes Konstrukt ist aber der Umstand anzusehen, dass hinter den vielfältigen neuen Schulen nun der Staat stand und man sich von der kirchlichen Dominanz im Bildungsbereich wegbewegen konnte, dessen Verfall im Prinzip bereits zu Beginn des Jahrhunderts mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1803 begann. Der Gedanke kommt nun auf, dass man auch im Handwerksbereich zusätzlich zur Ausbildung im Betrieb beim Meister einen ergänzenden Unterricht benötigen könnte, um den handwerklichen Nachwuchs für die Erfordernisse der Zeit besser auszubilden. Die Idee der gewerblichen Sonntagsschule war geboren. Die noch vorherrschenden Zünfte konnten bei ihrer Heranziehung des Nachwuchses den neuen Anforderungen der Gesellschaft im Hinblick auf die zunehmende Industrialisierung, neue Maschinen und ein Streben nach höherer Leistung in allen Bereichen kaum mehr nachkommen. Das Modell des Abschauens allein beim Meister und den Gesellen, die sog. »imitatio«, und des Lernens aus Erfahrung wurden fragwürdig und auch ineffektiv. Forderungen nach Verbesserung der Lehrlingsausbildung wurden laut, auch um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nach vorne zu treiben. Man wollte die Handwerker mit soliden Die Entwicklung der gewerblichen Sonntagsschule 14 Kenntnissen beruflicher Art beschulen, die auch von der neuen Zeit immer stärker gefordert wurden. Die Zunftautonomie im Südwesten wurde dieser Tage mehr und mehr durch die Landeshoheit beschnitten. Georg Heinrich Zincke27 setzte bereits 1752 ein Reformprogramm zur Neuordnung der Lehrlingsausbildung auf,28 welches ergänzenden Unterricht in den Bereichen der Fachkunde und Berufspraxis erforderlich machte.29 Darin schrieb er: »Wie lange muß […] ein Lehrling lernen, was muß er wissen, wenn er angenommen und losgesprochen wird, womit muß er seine ersten Jahre zubringen, und wie wird er unterrichtet? Dieses alles verdienet untersucht und besser eingerichtet zu werden. Die Lehr-Jahre werden gemeiniglich zu lang und gar zu schlecht zugebracht. Der Lehr-Junge wird in der ersten Zeit zu allerley niederträchtigen Verrichtungen gebraucht […]. Der Lehrling wird nicht nach einer gewissen vernünfftigen 27 Siehe Stratmann, Quellen, 1969, S. 77: Georg Heinrich Zincke (1692–1768) studierte Theologie und Jurisprudenz und war Hofrat von Herzog Ernst August von Weimar. Leider wurde er in einem Prozess wegen Schädigung des Landes zu mehrjähriger Haft verurteilt. Nach Entlassung hieraus ging er nach Leipzig und war dort literarisch sehr produktiv tätig, bekam 1745 einen Ruf ans Braunschweiger Collegium Carolinum. Seine »Gedancken von Verkürtzung und besserer Einrichtung der Lehr-Jahre bey Handwerckern und Profeßions-Verwandten« erschien in: Leipziger Sammlung von Allerhand zum Land-Stadt-Wirtschaftlichen, Policey- Finanz- und Cammer-Wesen dienlichen Nachrichten, Bd. IX, Stück 100 (1752), Leipzig 1753, S. 335–340. 28 Siehe Stratmann, Quellen, 1969, S. 77 f. 29 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 28, mit seinerseits Verweis auf: König, Karlheinz: Zur Reform der Lehrlingsausbildung im Handwerk von den Anfängen bis zum Jahre 1806, Alsbach 1985, S. 212 ff. (Darmstädter Beiträge zur Berufspädagogik, Bd. 9). Lehr- Art unterwiesen (und das schlimmste ist, daß die wenigsten Meister dazu so wenig Willen als Verstand haben), die ihm von dem leichten zu dem schweren fortführete, und bald geschickt machen würde: Sondern er muß es nach und nach ohne Ordnung auch nur von den Gesellen absehen, und indessen ein allgemeiner Junge, oder gar ein Fußschemel seyn. […] Man müste wohl zu sehen, ob der Meister auch sowohl seiner Wissenschaft und Geschicklichkeit, als auch seinem Fleisse und gütigem Gemüthe nach, im Stande sey, Knaben zu lehren, und acht haben, ob er auch seine Pflicht treulich erfüllet, und zu dem Ende zu weilen mit den Lehrlingen nach Statuten ein Examen anstellen. Geschieht das in Schulen, warum nicht jährlich bey den Gilden, und ihren Zusammenkünfften. Da denn widrigenfalls der Lehrer in Strafe fällt, wenn er nicht tauget, sich der Lehrlinge gar begeben muss.«30 Auch an dem humanistischen Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt gingen diese Entwicklungen nicht vorüber. Im Jahr 1809 äußerte er sich wie folgt zu beruflicher Bildung, die seiner Meinung allgemeiner und umfassender Art sein solle:31 »Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnung und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter 30 Siehe Stratmann, Quellen, 1969, S. 78 f. 31 Zitiert nach: Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 72, welcher sich beruft auf die Quelle: Wilhelm von Humboldt: Gesammelte Schriften, Bd. X, 205 ff. Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen 15 Die Spätzeit der Zünfte vs. moderne Bildungsansätze Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hiezu erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschiehet, von einem zum andern überzugehn. Fängt man aber von dem besonderen Beruf an, so macht man ihn einseitig, und er erlangt nie die Geschicklichkeit und Freiheit, die nothwendig ist, um auch in seinem Berufe allein nicht bloss mechanisch, was Andere vor ihm gethan nachzuahmen, sondern selbst Erweiterungen und Verbesserungen vorzunehmen.« In etlichen badischen Städten wurden ab Ende des 18. Jahrhunderts, Beginn des 19. Jahrhunderts Lehrgänge angeboten, zum Beispiel im Zeichnen, für die die jeweilige Stadt meist ein sog. Schullokal zur Verfügung stellte.32 Aus diesen Initiativen gingen die öffentlichen und staatlich getragenen, zuerst nur sonntags stattfindenden Gewerbeschulen hervor. Die Zünfte verloren zunehmend ihre Autonomie, die sie bis dato innehatten. Die Tendenz war, dass der Besuch dieser Teilzeit-Gewerbeschulen für den Lehrabschluss mehr und mehr verpflichtend wurde. Das Zunftwesen sei »in öden, inhaltslosen Formen und Formeln«33 erstarrt, wie man treffend bemerkte, und die Gewerbeschule sollte von nun an Abhilfe schaffen. Ein Zunftwesen, das seit dem Mittelalter zur Wahrung gemeinsamer Interessen und der Ausbildung des handwerk- 32 Vgl. Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 29. 33 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 24, welcher hier zitiert nach; Stocker, August: Das allgemeine und fachliche Fortbildungsschulwesen in Baden in seiner geschichtlichen Entwicklung, nebst einer Sammlung der maßgebenden gesetzlichen und verordnungsmäßigen Bestimmungen, Lahr/Baden 1916, S. 39. lichen Nachwuchses Bestand hatte, sollte nun im Bereich der Berufsausbildung seine Macht einbüßen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgte als Konsequenz der Industrialisierung eine Entprivatisierung der Berufsausbildung, da nun der Staat anstelle der Zünfte die Organisation der Berufsbildung regeln sollte. Man darf behaupten, dass auf der Basis der Ausbildungsnormierung traditionell-handwerklicher Berufe ein staatlich geregeltes Berufsbildungssystem etabliert wurde, das sich dann auf andere Schulsysteme übertrug. II. 2) Die Spätzeit der Zünfte vs. moderne Bildungsansätze »Das 12. Jahrhundert erweckte die Zünfte. Die Zünfte und Innungen beruhen auf dem ganz natürlichen Bedürfnisse, daß Genossen ein und desselben Gewerbes, die innerlich verbunden sind durch ganz gleiche Verpflichtungen, durch gleiche Rechte, durch einen ganz ähnlichen Bildungsgang und durch ganz ähnliche Schicksale, sich auch äußerlich als Zusammengehörigkeit darstellen, sich gegenseitig schützen und beaufsichtigen.«34 Die Berufsausbildung innerhalb der Zunftordnung war ein fast tausend Jahre beständiges Konstrukt mit einem Schwerpunkt in der Städtegründungsphase des Hochmittelalters. Die Integration des jungen Auszubildenden in den jeweiligen Berufsstand war eines der Ziele innerhalb der Zunftgemeinschaft und nur in der Einbindung in die jeweilige Zunft konnte der Arbeiter seiner 34 Siehe Schürmann/Windmöller, Lehr- und Lesebuch, 1907, S. 83. 16 Tätigkeit nachgehen. So kontrollierte bzw. nahm die Zunft auch Einfluss auf Felder des privaten Lebens. Zum Beispiel sicherte die Zunft, im Bereich der sittlichen Lebensführung, das Zunftmitglied gegen Notfälle ab. Die Zunft setzte im Bereich des Gewerbes die Qualitätsstandards der Produkte fest, die Arbeitszeiten und die Betriebsführung. Nach dem Tod eines Zunftmitglieds betete die Zunft für das Seelenheil des Verstorbenen und gab der Witwe bzw. den Hinterbliebenen ein Sterbegeld. Folglich konnte man durchaus auch von einer Sorge bis über das Lebensende hinaus sprechen. Die Beerdigung des Verstorbenen bezahlte auch die Zunftgemeinschaft. In der Summe übernahm die Vereinigung in Zünften eine allgemeine Überwachungs-, aber auch Sicherheitsfunktion und gab dem Menschen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit demnach auch eine gewisse moralische und gesellschaftliche Sicherheit, die unverkennbar bedeutsam in der religiös dominierten Gesellschaft im Rahmen der Befolgung des göttlichen Heilsplanes der damaligen Zeit war: das Erstreben eines gottgefälligen, tätigen Daseins als Sinn der Existenz des Menschen. Ein Lehrling bestritt seine Ausbildung beinahe in Übereignung seiner Person in eine fremde Familie, nämlich in die des Meisters. In gemeinsamer Tätigkeit in der Werkstatt des Meisters begab sich der Lehrling auf den Weg in den zu erlernenden Berufsstand der jeweiligen Zunft. So stand auch die erzieherische und pädagogische Funktion im Zusammenleben mit der Familie des Meisters im Vordergrund bzw. nahm einen recht großen Platz ein. Beinahe die Funktion eines »Ersatzvaters« hatte der Meister für seinen Lehrling und so gestalteten sich auch die Erziehungsziele im Bereich Sitte und Anstand, Tugend und Fleiß. Verdeutlicht werden diese Aufnahme und Erziehung des Lehrlings im Hause des Meisters an einer Passage aus einem Lehr- und Lesebuch für Gewerbeschulen von 1907:35 »Der Meister nahm den Lehrling, ›Kind‹ genannt, nicht wie einen Mietling, sondern als Glied der Familie in sein Haus. Zwar gab es mancherlei Entbehrungen zu ertragen, die Teilnahme an öffentlichen Lustbarkeiten war untersagt, der Meister forderte unbedingten Gehorsam; aber auf die Erziehung des jungen Handwerkers wirkte diese strenge Zucht nur fördernd.« Nicht jeder durfte Lehrling werden. Zu den persönlichen Voraussetzungen gehörte u. a. der ehrliche Beruf der Eltern und Angehörigen wie auch die eheliche Geburt des Lehrlings. Im Bereich des Alters des Lehrlings bei dessen Aufnahme war man nicht festgelegt. Die Lehrlinge sollten jedoch nicht zu alt sein, »da sie dann leicht störrisch werden könnten« und nicht zu jung, »weil sie sonst dem Meister keinen Nutzen brächten«36: Zwischen 12 und 18 Jahren schwankte die Altersgrenze der Lehrlinge bei einer durchschnittlichen Lehrzeit von drei Jahren. Von anderen Lehrmeistern entlaufene Lehrlinge durften eigentlich nicht beschäftigt werden.37 Zu Beginn musste vonseiten des Lehrlings ein Lehrgeld an den Meister entrichtet werden. Wenn sich arme Eltern dies nicht leisten konnten, 35 Siehe Schürmann/Windmöller, Lehr- und Lesebuch, 1907, S. 87. 36 Siehe John, Handwerk, 1987, S. 95. 37 Ebd. Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen 17 dann wurde die Lehrzeit verlängert, sodass der Lehrling sein Lehrgeld quasi abarbeiten konnte. Letztlich waren die jeweiligen Zunftordnungen maßgebend, die genauere Bestimmungen für die einzelnen Handwerkszweige vorschrieben, zum Beispiel die Höchstzahl der Arbeitskräfte pro Meister, die Ausbildungsinhalte, Produktqualität, Produktionsmenge, Verhinderung neuer Betriebsorganisationsformen (zum Beispiel Zusammenschlüsse mit Nicht-Zünftlern, neue Einkaufs- und Verkaufsmethoden, Werkstattvereinigungen von zwei Meistern etc.) und zahlreiche weitere Bestimmungen, von denen man behaupten könnte, dass sie vielen Fortschrittsbestrebungen entgegenstanden. Am Ende der Lehrjahre wurde der Lehrling losgesprochen und erhielt einen Lehrbrief. Hiernach ging es zumeist auf Wanderschaft. Aus einem Lehr- und Lesebuch von 1907 wird hierzu Folgendes beschrieben:38 »Nach beendigter Lehrzeit trat der Lehrling wiederum vor die Zunftlade und wurde, falls seine Führung während der Lehrzeit eine gute gewesen war, vom Lehrburschenverhältnis feierlich losgesprochen. Mit dem darüber ausgestellten Zeugnis, dem ›Lehrbrief‹, versehen, begab sich nun der junge Handwerker als ›Knecht‹ auf die Wanderschaft […] um neue Arbeitsweisen in seinem Geschäft kennen zu lernen und Welt- und Menschenkenntnis aus eigener Anschauung zu erwerben. […] Hatte nach jahrelangem Umherwandern (manche Gewerbe schrieben eine bestimmte Wanderzeit vor) der Geselle das Verlangen, in der Heimat oder an einem fremden Orte sein Hand- 38 Siehe Schürmann/Windmöller, Lehr- und Lesebuch, 1907, S. 87. werk selbständig zu betreiben, so unterwarf er sich der Meisterprüfung. Er machte sein ›Meisterstück‹ und wurde, wenn dies tadellos ausfiel, in feierlicher Sitzung als Meister in die Zunft aufgenommen. Mit Erlangung der Meisterschaft hatte der Handwerker den sichern Boden für sein weiteres Fortkommen gefunden. Er mußte sich zwar den Zunftgesetzen fügen, mußte sich die Beaufsichtigung seiner Arbeiten seitens der Zunft gefallen lassen; aber er war auch vor unbefugtem Wettbewerb geschützt und konnte mit Aussicht auf Erfolg für sich und die Seinen wirken und schaffen.« Archaisch ist die Grundvorstellung, dass der Meister dem Gesellen als Typus obsteht, den es zu imitieren bzw. ständig zu reproduzieren gilt: Damit entspricht diese Art des Lehrens überhaupt nicht der Art, wie ein Lehrer im heutigen Sinne anleiten soll. Eher stellt der Meister der damaligen Zeit einen Lehrer dar, der ein in meist autoritärer Form anleitendes Idealbild ist, das den Lehrling nicht zu bestmöglicher Leistung im Rahmen seiner individuellen Fähigkeiten hilft, sondern zur Erlangung eines Ebenbild des Meisters in bewährten Fähig- und Fertigkeiten. Somit war in der zünftigen Ausbildung das didaktische Konzept ein geschlossenes Konstrukt. Doch nun wurde das Prinzip der Imitatio zunehmend und bald unumkehrbar fragwürdig. Bereits im 18. Jahrhundert wurden die ersten kritischen Stimmen an der zünftigen Ausbildung laut. Durch die neueren Produktionsweisen im Gewerbe, ebenso in Bergbau und in der Landwirtschaft, wurde eine bessere Vor- und Ausbildung der nachwachsenden Arbeitergeneration nötig, ebenso eine Lockerung der Vorschriften aus der Zunftzeit hinsichtlich Betriebsgröße und Produktionsverfahren. Als Die Spätzeit der Zünfte vs. moderne Bildungsansätze 18 überkommene und überholte Fesseln wurden die zünftigen Vorschriften vielfach erachtet und so war es kein Wunder, dass sich im Zuge einer fortschreitenden Industrialisierung und generellen Verstaatlichung auch die kritischen Stimmen an den Zünften und deren Ausbildungssystem häuften. Die Zünfte ihrerseits versuchten sich gegen die Symptome des Niedergangs insofern zu wehren, als dass sie ihre Zunftbestimmungen noch strenger auslegten als früher und zum eigenen Vorteil nutzten. So wurde zum Beispiel die Voraussetzung der Ehrbarkeit und Sittlichkeit eines Lehrlings beinahe nach Belieben ausgelegt. Schon eine kleine Verfehlung konnte der Aufnahme zum Lehrling entgegenstehen. Oder es wurde das Lehrgeld erhöht und die Lehrzeit ungebührlich verlängert. Willkür machte sich breit, die man von staatlicher Seite zunehmend bestrebt war zu verhindern. In dem neuen Reichsgesetz von 1731, das die Autonomie des Handwerks prinzipiell in großem Maße beschneiden sollte, wurde für die Ausbildung eines Lehrlings unter anderem festgehalten, dass dieser zu Ausbildungsbeginn einen Geburtsbrief einzureichen habe und ihm am Ende der Lehrzeit der Meister ein Lehrbrief auszustellen hatte. Ein Attestat diente dem Gesellen zum Nachweis über die Inhalte seiner Gesellenzeit. Darin fand sich auch eine Personenbeschreibung, die Bestätigung der abgelegten Lehrzeit wie auch ein Leumundszeugnis. Das Attestat musste von zwei Obermeistern und dem individuellen Lehrmeister unterschrieben werden. An jedem Ort, an dem der Geselle während seiner Wanderschaft war, wurden dann weitere Attestate aufgesetzt, die über die Tätigkeiten und den Einsatz des Gesellen, wie auch seiner zeitlichen Verweildauer Auskunft gaben.39 Aus einem Lesebuch für Gewerbeschulen von 1907 heißt es über die Wanderschaft früherer Tage:40 »In früherer Zeit konnte kein Handwerker Meister werden, wenn er nicht eine gewisse Zeit in der Fremde zugebracht hatte. In der Gegenwart, in der man mit der Eisenbahn in 24 Stunden halb Europa durchfahren kann, würde diese Bestimmung allerdings nicht am Platze sein; aber immerhin gilt auch in der Jetztzeit der Mann noch etwas bei seinen Genossen, der in der Fremde viel gesehen und gelernt hat. […] Hast Du, lieber Schüler, deine Lehrzeit beendet, so bleibe nicht an der Scholle haften, sondern gehe in die Welt hinaus, dich in deinem Berufe zu vervollkommnen!« Weitere Neuerungen des Reichsgesetzes von 1731 waren:41 • Handwerkszusammenkünfte dürfen nur im Beisein von Vertretern der Obrigkeit abgehalten werden; • ohne obrigkeitlichen Konsens beschlossene Innungsartikel sind ungültig; • interne Gerichtsbarkeit des Handwerks wird untersagt; 39 Die Inhalte des Absatzes angelehnt an: Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 26. Rothe merkt auch an, dass die Legitimation mittels Attestat völlig neuartig war, da sich bisher der Geselle auf der Wanderschaft lediglich durch nur den Angehörigen eines Handwerkes bekannten Losungsspruches ausgewiesen hatte. 40 Siehe Schürmann/Windmöller, Lehr- und Lesebuch, 1907, S. 40 f. 41 Liste getreu der Auflistung von Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 27. Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen 19 • ungebührliche Bräuche bei der Lossprechung von Lehrjungen werden verboten;42 • überzogene Forderungen bezüglich der Herstellung des Meisterstücks sind unzulässig;43 • willkürliche Vorschriften betreffend die Zulassung von Jungmeistern werden untersagt, zum Beispiel das Erfordernis des Einkaufens in die örtliche Zunft; • Preisabsprachen werden verboten. Der Reformwillen griff um sich und auch von Einzelpersonen kamen Anregungen zur Neuordnung des Handwerks. Das Reformprogramm von Georg Heinrich Zincke, das dem Jahr 1742 entstammt und somit durchaus durch das neue Reichsgesetz inspiriert sein konnte, lautete wie folgte:44 • Sicherstellung der fachlichen Qualifikation des Meisters; • Forderung nach einer pädagogischen Eignung des Meisters; • Gewährleistung des Vorhandenseins von Gesellen; • Schaffung eines handwerklich-zünftigen Standesbewusstseins im Geiste 42 Ungebührliche und mitunter boshafte Hänseleien waren vielerorts zu verzeichnen. 43 Mitunter war das Meisterstück aus so teurem Material und unter enorm großem Zeitaufwand anzufertigen, dass der Anschein aufkam, mittels des Meisterstücks dem jungen Meister lediglich Fehler nachweisen zu wollen und deshalb Strafgelder auferlegen zu können. 44 Liste (gekürzt auf das Wesentliche) entnommen aus: Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 28, welcher sich bezieht auf: König, Karlheinz (Hg.): Zur Reform der Lehrlingsausbildung im Handwerk von den Anfängen bis zum Jahre 1806. Darmstädter Beiträge zur Berufspädagogik, Bd. 9, Alsbach 1985, S. 212 ff. der Verpflichtung zur redlichen Aufgabenerfüllung; • Begünstigung einer Elitebildung unter den Lehrlingen durch Auswahl und spezielle Förderung besonders befähigter Bewerber. Problematisch bei der Umsetzung der neuen von Reformern geforderten und im Reichsgesetz von 1731 aufgesetzten Regelungen war der Umstand, dass manche Privilegien der Zünfte unmittelbar vom Kaiser zugesprochen waren. Nichtsdestotrotz wollte der Staat nun seine Autoritätsansprüche auch im Bereich des Handwerks ausweiten, entsprechend seinen generellen Bestrebungen während des 18. Jahrhunderts im Sinne eines mehr und mehr absolutistischen Staatsdenkens. Kurz nach Gründung des Großherzogtums Badens wurde im Jahre 1808 eine neue Verordnung über die Wanderschaft innerhalb der Zunftausbildung aufgestellt.45 Es wurde festgesetzt, dass nur derjenige auf Wanderschaft gehen darf, der auch lesen, schreiben und rechnen auf elementarem Niveau konnte. So sollen Meister darauf achten, dass ihre Lehrlinge diese Fähigkeiten besitzen bzw. sie auch dazu anhalten, in örtlichen schulischen Anstalten diese Kenntnisse zu erlernen. Diese Verordnung unterstützte natürlich die gewerbeschulische Entwicklung der bereits existierenden Sonntagsschulen. Eine weitere Förderung der Gewerbeschulidee kommt von einer Kritik eines Heidelberger Ökonoms an der Unfähigkeit 45 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 44, der sich bezieht auf: Kuhn, Karl Friedrich: Die Gewerbeschule der Landeshauptstadt Karlsruhe in Vergangenheit und Gegenwart, hg. v. der Stadt Karlsruhe, Karlsruhe 1927, S. 8 f. Die Spätzeit der Zünfte vs. moderne Bildungsansätze 20 der Handwerker: Karl Heinrich kritisiert in einer Preisschrift aus dem Jahre 1816 die gegenwärtige Handwerkerschaft und moniert, dass die Art der gegenwärtigen Ausbildung im Handwerk nicht mehr zeitgemäß sei und man lediglich handwerklich unfähige Arbeiter ausbilden würde.46 Auch er sprach vom Vorteil einer teilschulischen Ausbildung ergänzend zum Unterricht durch den Meister. Von Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg, einem Theologen und späteren Bistumsverweser des Konstanzer Bischofs, gingen weiterhin wichtige Bestrebungen zum Ausbau der beruflichen Bildung aus.47 Ihm war es wichtig, dass dem Gewerbestand zugunsten des Gesamtwohls des Landes eine größere staatliche Aufmerksamkeit zukommt.48 Es sollten spezielle Schulzweige gegründet werden, die sich auch mit realistischen Unterrichtsinhalten befassten.49 Wessenberg erstellte einen groß angelegten Plan zur Umgestaltung des gewerblichen Ausbildungswesens und brachte diesen 1831 als »Motion« in die erste Kammer der Badischen Landstände ein. Er wollte Gewerbeschulen in Vollzeit und in Verbindung mit bereits bestehenden Sonntagsschulen für Lehrlinge einrichten lassen.50 Sein Sinn und Trachten war, dass diese Gewerbeschulen zu Polytechnischen Schulen bzw. auch Polytechnischen Hochschulen schließlich so 46 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 43. 47 Siehe hierzu auch: Gutman, Gewerbeschule, 1930, S. 142–155. 48 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 56. 49 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 57, der sich hier beruft auf: Müller, Johann Baptist: Ignaz Heinrich von Wessenberg, ein christlicher Pädagoge. Ein Beitrag zur Geschichte der Pädagogik im 19. Jahrhundert, Paderborn 1916, S. 134. 50 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 57. stark in Verbindung stünden, wie die Gymnasien zur Universität, also eine klare Alternative zum »klassischen Weg zur höheren Bildung« darstellten. Wessenberg hatte auch schon ausgearbeitete Vorstellungen einer stufenförmigen Gliederung der gewerblichen Bildung, was ihm nach der Meinung Rothes gerechtfertigterweise zum »Fürsprecher des beruflichen Schulwesens« machte.51 Ein Auszug aus Wessenbergs Forderungen zeigt den progressiven Ansatz deutlich:52 »Für verschiedene Klassen im Volke hat die fortschreitende Civilisation allmählich eigene Bildungsanstalten veranlaßt. Nur die große, zahlreiche und höchst schätzbare Klasse des Gewerbe- und Handelsstandes entbehrt noch mehrentheils solcher Anstalten, wo die jungen Leute, die sich in Zukunft dem Handel oder irgend einem Gewerbe widmen sollen, die ihrem Berufe angemessene Vor- und Grundbildung zu erhalten Gelegenheit finden. […] Dazu sind durchaus eigene Anstalten nothwendig, wo an allen Werktagen ein fortlaufender und zusammenhängender Unterricht erteilt wird. […] Ohne solche Anstalten können die Gewerbe nicht wohl bedeutende Fortschritte machen, und auf den gebührenden Grad von Vollendung gehoben werden, indem die Lehrjahre und die Wanderjahre dies nur dann bewirken können, wenn die Lehrlinge vorher mit guten Realkenntnissen ausgerüstet wurden.« Fast zeitgleich zu Wessenbergs Bestrebungen publizierte der Offenburger Lehrer Matthias Trefzer seine Vorstellungen von einer 51 Ebd., S. 59. 52 Zitiert nach: Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 61, der sich beruft auf die Quelle: Ignaz Heinrich von Wessenberg: Über die Bildung der gewerbetreibenden Volksklassen überhaupt und im Großherzogthum Baden insbesondere, Konstanz 1833. Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen 21 Zukunft mit Gewerbeschulen.53 Nach ihm sollten die Lehrlinge aber tendenziell allumfassend auf die Erlernung eines Gewerbes vorbereitet werden und noch nicht ganz speziell auf einen Beruf hin. Nichtsdestotrotz stand das für eine Gewerbeausübung Nützliche im Vordergrund. Der badische Beamte und späterer Staatsminister Carl Friedrich Nebenius, Autor der badischen Verfassung von 1818, hegte auch dezidierte Pläne zur Reformierung des Bildungswesens im Großherzogtum, vornehmlich auch im Rahmen seiner Wirtschaftspolitik, um die Industrie zu stärken.54 Seine Ideen fanden durchaus Umsetzung bei der Gestaltung der Gewerbeschulen. Durch einen Aufenthalt in Frankreich von den dortigen bereits bestehenden Ausbildungsoptionen im gewerblichen Bereich inspiriert, verfasste er 1833 eine Denkschrift, die sich mit der kritischen Hinterfragung des beruflichen Unterrichtswesens auseinandersetzte. Ihr Titel lautete: »Über technische Lehranstalten in ihrem Zusammenhang mit dem gesammten Unterrichtswesen und mit besonderer Rücksicht auf die Polytechnische Schule zu Karlsruhe«.55 In Kapitel II befasst 53 Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 60, der hier folgende Literatur angibt: Trefzer, Mathias: Die Gewerbeschulen im Großherzogthum Baden. Versuch einer auf die Natur der Sache gegründeten Darstellung der Lehrgegenstände und des Unterrichts an diesen Anstalten, Offenburg 1833. 54 Siehe hierzu tiefgründiger auch: Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, S. 59–64. Siehe in kompakterer Form unter: Grüner, Berufsschule, 1984, S. 53 f. 55 Die Schrift ist erschienen im Verlag Müller, Karlsruhe 1833. Digital verfügbar unter: https://books. google.de/books?id=DLNR A A A AM A AJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false, abgerufen am 25. Januar 2019. sich Nebenius mit dem »Bedürfnis technischer Unterrichtsanstalten und dem Nutzen derselben« (S. 34 ff.) und kommuniziert eindeutig, dass es – bezogen auf die veränderten Produktionsbedingungen im Zuge der Industrialisierung – vonnöten sei, die Schicht der Gewerbetreibenden besser zu bilden. »Es sind dies aber gerade solche Ver- änderungen der Hervorbringsarten, welche eine höhere Bildung der gewerbetreibenden Classen erfordern« (S. 43). Zum Zunftwesen bezieht Nebenius ganz klar Position, indem er konstatiert: »Die fortschreitende Bildung der gewerbetreibenden Classen wird insbesondere auch da, wo die Vorurtheile des Zunftwesens noch ihre Herrschaft behaupten, wohltätige Früchte tragen. Sie wird allmälig unter allen Classen der Gewerbetreibenden die Ueberzeugung verbreiten, daß es besser sey, durch Tüchtigkeit und Geschicklichkeit und durch Vervollkommnung der Gewerbe, als durch Zwangsmaßregeln gegen lästige Concurrenz sich zu sichern« (S. 58). Auf derselben Seite bemerkt Nebenius zudem, dass er eine Entwicklung der Regierung in die Richtung, welche »die Zunfteinrichtungen vollends hinwegräumt« als eine »Wohlthat« bezeichnen würde und bezeichnet die Zünfte hier sogar als »Ruine der Vorzeit«. Nebenius ging immer von der Polytechnischen Hochschule Karlsruhe aus und unterstreicht deren Bedeutung für die Verbesserung der Bildung im technischen Bereich, geht aber auch auf die niederen technischen Anstalten ein und misst diesen große Bedeutung bei. Er skizziert für die Ausbildung der gewerbetreibenden Klasse ein modernes System im aufeinander aufbauenden Stufenformat mit den all- Die Spätzeit der Zünfte vs. moderne Bildungsansätze 22 gemeinen Inhalten im Bereich Mathematik und Mechanik: »Der Unterricht würde in zwei- oder dreijährigem Curse die Elementargeometrie und Mechanik mit ihren Anwendungen auf die Gewerbe, Zeichnen, Modellieren, sodann etwa eine angemessene Anleitung zur industriellen Geschäftstüchtigkeit umfassen, und ebenso in seinem Umfange auf das Nothwendige und im Leben häufiger vorkommende beschränkt, wie die Unterrichtsmethode der Fassungskraft der Zöglinge und dem Maaß der Vorbildung, welche die allgemeine Volksschule gibt, angepaßt werden« (S. 79). Nebenius gibt auch Empfehlungen über zu verwendende Lehrbücher für die Lehrer, die oftmals dem französischen Sprachraum entstammen.56 Jeder, sowohl Jugendliche als auch fortbildungswillige Erwachsene, sollten Zugang zu den Gewerbeschulen haben. Und auch in Bezug auf finanziell weniger gut gestellte Personen meint er, dass der Unterricht »für die Minderbemittelten unentgeltlich seyn« solle (S. 85) Die Kosten der Schulen wären von den Städten zu tragen (S. 85), auch mit der Begründung, dass »solche städtischen Handwerksschulen zugleich den auf dem platten Lande zerstreuten Handwerkern die erforderliche Bildungsgelegenheit verschaffen« (S. 85). Im Prinzip finden sich fast alle von Nebenius’ Ideen und Ausführungen im Gründungserlass57 der badischen Gewerbeschulen von 1834 wieder, deren Gestaltung er 56 Siehe Grüner, Berufsschule, 1984, welcher sich mit dem Bezug Nebenius’ auf die französischen »écoles des arts et métiers« auseinandersetzt. 57 Der Gründungserlass von 1834 befindet sich im Quellenteil dieses Buches. demnach maßgeblich beeinflusste, vor allem den Grundgedanken von einem dualen Ausbildungssystem mit betrieblicher praktischer Bildung und schulischem begleitenden Unterricht. So entwickelten sich nach 1834 in Baden nun auch einheitlich als Gewerbeschulen bezeichnete Anstalten, teilweise aus bereits bestehenden Vorläuferanstalten, wie zum Beispiel Zeichenschulen und Spinnschulen. Die Schulstandorte befanden sich erst an größeren, gewerbereicheren Orten wie Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Bruchsal, Pforzheim oder auch Sinsheim. Doch durchwegs fehlte es dem neuen Schultypus an Akzeptanz durch die Handwerksbetriebe.58 Mit Strafandrohungen wollte man gegen das Schwänzen des Schulbesuchs der Lehrlinge bzw. deren Abhaltung vom Schulbesuch durch die Meister vorgehen, doch zeigte dies wenig Erfolg. Im Jahr 1840 wurde dann aber eine Verordnung59 erlassen, die den erfolgreichen Besuch einer Gewerbeschule für den Erhalt des Wanderbuchs während der Gesellenjahre zur Bedingung machte.60 Lehrmeistern, die ihre Lehrlinge vom Besuch der Gewerbeschule abhielten, drohte man mit Strafe durch den Bürgermeister bzw. das Bezirksamt (§ 8). Zunftvorständen, die einen Lehrling ohne Gewerbeschulnachweis einstellten, drohte ebenfalls eine Strafe (§ 6). Damit etablierte sich der Typus der Gewerbeschule als allseitig anerkannte Schulart. Schließlich erfolgten Schulgründungen in immer mehr Städten, so auch in Buchen. 58 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 87. 59 Die Verordnung von 1840 findet sich im Quellenteil dieses Buches. 60 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 87. Die Bildung des Volkes auf dem Weg in die Neuzeit – Berufsbildung in der Zunft und in Schulen

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Zusammenfassung

Isabell Arnstein geht auf die Entwicklung des Gewerbeschulwesens in Baden ein und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Entwicklung der heutigen Zentralgewerbeschule Buchen (ZGB). Die Ausführung beginnt in mittelalterlicher Zeit und beschreibt die zunehmende Verzahnung des schulischen Unterrichts mit der Ausbildungsordnung der Zünfte bis hin zur Etablierung eines verbindlichen gewerbeschulischen Systems in Baden im Jahr 1834. Ab 1847, dem Gründungsjahr der ZGB, wird das Hauptaugenmerk auf die Historie der Schule gelegt, und deren Bedeutung als Verbindungsglied zwischen schulischer Bildung und Arbeitswelt bis in die Gegenwart wird aufgezeigt. Zahlreiche Quellen ermöglichen dem Leser einen Blick sowohl in die Entwicklungsgeschichte des badischen Gewerbeschulwesens als auch in die abwechslungsreiche Historie der ZGB.