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I. Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und der Neubeginn im deutschen Südwesten in:

Isabell Arnstein

Die Geschichte der Zentralgewerbeschule Buchen, page 3 - 6

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4334-9, ISBN online: 978-3-8288-7281-3, https://doi.org/10.5771/9783828872813-3

Tectum, Baden-Baden
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3 Das Gebiet des 1806 endgültig aufgelösten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erfuhr wie kein anderes Gebiet Europas in der Umbruchphase zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert einen enormen Ver- änderungsdruck. Die hohe Zahl an territorialen Herrschaftsgebilden strukturierte sich infolge von Revolutionskriegen, der Herrschaft Napoleons und dem Wiener Kongress zu größeren Flächenstaaten. So auch im deutschen Südwesten. Hier gestaltete sich als Folge von Napoleons Bündnispolitik bis zum Jahre 1806 das Königreich Württemberg und das Großherzogtum Baden. Die Politik dieser Jahre in den süd- und südwestdeutschen Staaten orientierte sich infolgedessen und aufgrund der räumlichen Nähe auch sehr an Frankreich. Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803, nach welchem Baden von der Markgrafschaft zum Kurfürstentum wurde, also eine erste Rangerhöhung erfuhr, und sich »explosionsartig vergrößerte«2, zog nach sich, dass aus den zersplitterten Territorien ein geschlossenes Staatsgebiet vom Bodensee 2 Siehe Kohnle, Baden, 2007, S. 194. I. Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und der Neubeginn im deutschen Südwesten bis zum Main wurde. Es erweiterte sich das badische Gebiet um:3 • Gebiete der rechtsrheinischen Kurpfalz (mit Mannheim und Heidelberg), • den rechtsrheinischen Besitz der Bistümer Konstanz, Basel, Straßburg und Speyer, • die Reichsstädte der Ortenau (Offenburg, Gengenbach, Biberach, Zell am Harmersbach) und des Linzgaus (Überlingen und Pfullingen) sowie Wimpfen, das jedoch bald darauf an Hessen- Darmstadt abgetreten wurde, • die Gebiete vieler Abteien und Stifte, wie zum Beispiel das Reichsstift Petershausen. Mit Gründung des Rheinbundes 1806 wurde Baden dann Großherzogtum4, wie- 3 Aufzählung entnommen aus: Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 7. 4 Entgegen der bayrischen und württembergischen Rivalen erhielt Kurfürst Karl Friedrich leider nicht ebenfalls den Königstitel, sondern »nur« den Titel eines Großherzogs. Doch es wurde ihm gestattet sich mit »Königliche Hoheit« anreden zu lassen. Siehe Kohnle, Baden, 2007, S. 195. 4 Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Neubeginn im Südwesten derum eine Rangerhöhung, und Württemberg wurde Königreich. So entstanden im deutschen Südwesten zwei zusammenhängende Großflächenstaaten: Baden verdoppelte dieser Tage Einwohnerzahl und Gebietsfläche. Baden verfügte dabei über eine Fläche von 15 070 km², Württemberg über 19 500 km². Die Bevölkerung Badens betrug um 1803 ungefähr 175 000 Menschen,5 wobei sich Baden 1810 weiter um württembergische Gebiete im mittleren Schwarzwald (Hornberg, Schiltach, Gutach) und Stockach am Bodensee vergrößerte.6 Ebenso kamen die bisher reichsunmittelbaren Fürstentümer Fürstenberg, Leiningen und Löwenstein-Wertheim zum Großherzogtum. Auf den Staatsumbau betreffende Reformen wurde dieser Tage großen Wert gelegt. Nach Niedergang der napoleonischen Herrschaft konnte Baden auf dem Wiener Kongress (1815) seine Gebiete bewahren. Bis auf kleinere Ausnahmen entstand zu dieser Zeit das Gebiet, welches Baden bis 1945 behalten sollte. Eine Neuordnung der Verwaltungsstrukturen in Baden wurde von Sigismund von Reitzenstein angestrebt.7 Vermehrte staatliche Integration und die Förderung einer zu- 5 Zahlen entnommen aus: Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 7. 6 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 7 Fußnote 8. 7 Siehe Hippler/Stier, Europa, 2012, S. 151. verlässigen Beamtenschaft8, die nicht mehr an Standesprivilegien gebunden sein sollte, waren unter anderem die erklärten Ziele. Zudem strebte er die Aufhebung der vielen Binnenzölle, die infolge der jahrelangen Kleinstaaterei entstanden waren, sowie eine Vereinheitlichung der Maßeinheiten und den Ausbau der Verkehrswege an. Modernität im Staatsaufbau waren sowohl das Streben der Rheinbundstaaten als auch erklärtes Ziel in Baden. Nur schlüssig war, dass die Reformansätze dieser Phase des beginnenden 19. Jahrhunderts auch das Bildungssystem umfassen sollten, gerade auch im Bereich der beruflichen Bildung von Gewerbetreibenden. Das Großherzogtum Baden war bestrebt, das gewerbliche Bildungswesen langfristig auszubauen, um den Mittelstand zu stärken und damit das Land insgesamt ökonomisch zu festigen. Damit war Baden durchaus Vorreiter in der Hebung des Bildungsniveaus im Bereich des Gewerbes, was die im Gewerbschulgesetz von 1834 mündende detailreiche Planung zur Errichtung von Gewerbeschulen im Lande erklärt. In den 1830er-Jahren war Baden, genau wie alle deutschen Länder im Vergleich zu England, das sich aufgrund der Textilindustrie schon weiter in der industriellen Phase befand, wirtschaftlich und gewerblich eher rückständig. Die Existenz von Fabriken war noch immer mehr eine Ausnahmeerscheinung denn eine 8 Gerade ein gegenüber dem Staate loyales Berufsbeamtentum, für deren Berufung – zumindest formell – die standesrechtliche Herkunft des Anwärters nicht mehr ins Gewicht fallen sollte, sondern für deren Zugehörigkeit die Absolvierung gewisser standardisierter Prüfungen und einer vorgeschriebenen normierten Ausbildung vonnöten waren, sollte dem Bildungsbereich einen Moder nisierungsschub geben. 5 Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und Neubeginn im Südwesten Regel in Baden und die Zünfte beherrschten das Gewerbewesen noch durchaus fast zur Gänze. Mit dem Ausbau eines Eisenbahnnetzes nahm der Industrialisierungsgrad in Baden ganz allmählich zu. Insbesondere der Beitritt zum Deutschen Zollverein 1835 führte dann zum allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung des Landes. Der Eisenbahnbau ab 1840 und die Rheinkorrektur nach Tulla optimierten die Infrastruktur. Vom Jahr 1847 an stieg in Baden zum Beispiel die Anzahl der Dampfmaschinen von anfänglich 24 auf 223 Stück im Jahre 1861, im Jahre 1869 waren es 489 und 1875 bereits 923 Stück.9 Aufgrund der guten Verkehrslage und der ausgebauten Verkehrswege durch Schiff und Bahn, zudem durch erhaltene Auslandsinvestitionen von Frankreich und Schweiz, stand Baden im Jahr 1858 im Bereich der Textilindustrie dann auf Platz 4, einen Platz vor Württemberg.10 Insofern waren die wirtschaftlichen und industriellen Voraussetzungen gegeben, dass sich auch entsprechender Bedarf an in diesen Bereichen gebildeten Fachkräften auftat, den schließlich das sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelnde badische Gewerbeschulwesen zu decken gewillt war. 9 Siehe Stratmann, Lehrlingserziehung, 2003, S. 113. 10 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Baden_ (Land)#Gro%C3%9Fherzogtum_Baden_im_19._ Jahrhundert; angerufen am 15.03.2019.

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Zusammenfassung

Isabell Arnstein geht auf die Entwicklung des Gewerbeschulwesens in Baden ein und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Entwicklung der heutigen Zentralgewerbeschule Buchen (ZGB). Die Ausführung beginnt in mittelalterlicher Zeit und beschreibt die zunehmende Verzahnung des schulischen Unterrichts mit der Ausbildungsordnung der Zünfte bis hin zur Etablierung eines verbindlichen gewerbeschulischen Systems in Baden im Jahr 1834. Ab 1847, dem Gründungsjahr der ZGB, wird das Hauptaugenmerk auf die Historie der Schule gelegt, und deren Bedeutung als Verbindungsglied zwischen schulischer Bildung und Arbeitswelt bis in die Gegenwart wird aufgezeigt. Zahlreiche Quellen ermöglichen dem Leser einen Blick sowohl in die Entwicklungsgeschichte des badischen Gewerbeschulwesens als auch in die abwechslungsreiche Historie der ZGB.