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III. Geschichte der Buchener Gewerbeschule in:

Isabell Arnstein

Die Geschichte der Zentralgewerbeschule Buchen, page 23 - 92

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4334-9, ISBN online: 978-3-8288-7281-3, https://doi.org/10.5771/9783828872813-23

Tectum, Baden-Baden
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23 III. 1) Die Gründungsphase der Höheren Bürgerschule in Buchen mit Erweiterung um eine Gewerbeschule Mit der Konstituierung des Großherzogtums Baden begannen ersichtlicherweise die zahlreichen Bestrebungen, das Schulwesen zu reformieren. Vor allem im gewerblichen und technischen Bereich lag das Augenmerk der gewollten schulischen Neuerungen. Schon im Jahr 1825 wurde die Technische Universität Karlsruhe gegründet, damals noch bezeichnet als Polytechnische Hochschule Karlsruhe.61 »Die Großherzogliche Regierung hat aus Gründen, die jedem Sachkundigen einleuchtend sind, die Organisation der polytechnischen Schule der Gründung der niederen technischen Lehranstalten vorausgehen lassen; sie hat […] mit Recht die wesentlichen Bedingungen einer gehörigen Befriedigung der Bedürfnisse der niedern Gewerbe erblickt, indem sie die polytechnische Schule als eine Pflanzschule für die 61 Siehe Borchardt-Wenzel, Geschichte, 2016, S. 88: Mit der Gründung des Polytechnikums entstand die älteste technische Hochschule Deutschlands. Die Bezeichnung als Hochschule wurde jedoch erst ab 1885 geführt. Lehrer an den niederen technischen Anstalten ausdrücklich bezeichnete.«62 Nach der Gründung der Karlsruher Hochschule wurde alsbald auch der Typ der Gewerbeschulen im sog. »niedern Bereich« etabliert, um die betriebliche Lehre zu ergänzen. Die Gewerbeschulen sollten im Format einer Teilzeitschule strukturiert werden. Der maßgebliche Gründungserlass entstammt dem 15. Mai 1834:63 »Leopold von Gottes Gnaden, Großherzog von Baden, Herzog von Zähringen [erklärt hiermit] Die Nothwendigkeit eines besonderen öffentlichen Unterrichts für jene jungen Leute, welche sich einem Gewerbe oder Handwerke widmen, und in früher Jugendzeit in Arbeit und Lehre treten, […] haben Wir auf den Vortrag Unseres Ministeriums des Innern beschlossen und verordnen wie folgt: […] In allen gewerbreicheren Städten des Großherzogtums sollen Gewerbschulen errichtet werden. […] Die Gewerbschule hat den Zweck, jungen Leuten, die sich einem Handwerke oder einem Gewerbe widmen, welches keine höhere technische und wissenschaftliche Bildung erfordert, und das 62 Siehe Gutman, Gewerbeschule, 1930, S. 103. 63 Der Gründungserlass befindet sich in voller Länge im Quellenteil dieses Buches. Siehe den Text auch in: Gutman, Gewerbeschule, 1930, S. 167–178. III. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 24 Geschichte der Buchener Gewerbeschule sie praktisch zu erlernen bereits begonnen haben, diejenigen Kenntnisse und graphischen Fertigkeiten beizubringen, die sie zum verständigen Betriebe dieses Gewerbes geschickt machen.« Die Zielgruppe der Gewerbeschule waren insbesondere »alle jungen Leute […], welche das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt haben, bei einem Meister zur Erlernung eines Gewerbes in die Lehre getreten sind, oder in der nächsten Zeit in die Lehre zu treten beabsichtigen, und die erforderlichen Vorkenntnisse besitzen. […] Die Gewerbschule setzt nur diejenigen Vorkenntnisse voraus, welche die allgemeine Volksschule lehrt.« Aber darüber hinaus waren auch andere Schüler gestattet, zum Beispiel auch nur um einzelne zusätzliche Fertigkeiten, im Speziellen das Zeichnen, zu erlernen. Die Verordnung des Landes vom 15. Mai 1834 eröffnete folglich zahlreichen Städten die Möglichkeit, diesen neuen Schultypus zu gründen. So auch in Buchen. Der Schlossermeister Valentin Kieser legte infolgedessen am 29. Juli 1843 dem Buchener Gemeinderat und dem kleinen Bürgerausschuss einen Antrag zur »Errichtung einer höheren Bürgerschule« vor,64 der man in der Zukunft auch eine Gewerbeschule angliedern konnte. Für den Herbst desselben Jahres wurde eine Versammlung aller ansässigen Zunftmeister angesetzt: Bei dem Treffen am 8. Oktober 1843 sagten 204 selbständige Handwerker ihre finanzielle Unterstützung bei der Errichtung der Höheren Bürgerschule zu.65 Der Antrag auf Genehmigung der Schule ging bei der Regierung in Karlsruhe im Februar 1844 ein, darin hieß es: 64 Siehe Hummel, Geschichte, o. J. , S. 11. 65 Ebd. »Welch nachteilige Folge die Hemmung der geistigen, das Lebensglück befördernden besonderen Ausbildung eines großen Teiles der hiesigen Einwohnerschaft gehabt hat, zeigt der gesunkene Wohlstand der bürgerlichen Einwohner und insbesondere der gewerbetreibenden Klasse.«66 Doch aufgrund von Unstimmigkeiten mit dem Oberkirchenrat, der seinen Finanzierungszuschuss verwehrte, da der zur Verfügung stehende Kreuzkapellenfond »in Buchen eine kirchliche Stiftung [ist] und es kann derselbe weder ganz noch teilweise für die Höhere Schule verwendet werden«, so versagte der Großherzogliche Studienrat seine Zustimmung zur Errichtung der Höheren Bürgerschule.67 Am 22. April 1844 hieß es: »Unter den obwaltenden Verhältnissen könne auf Errichtung einer höheren Bürgerschule nicht eingegangen werden.«68 Die Buchener aber blieben hartnäckig in ihrem Wollen. Oberamtmann Felleisen, der im September 1844 als Vorstand des Bezirksamts nach Buchen kam, trieb die Bestrebungen der Schulgründung schließlich voran, indem wenige Monate später desselben Jahres ein weiteres Schreiben an die Regierung gesandt wurde, mit einer erneuten Bitte um Errichtung, wie auch eine Bitte um 600 Gulden.69 Die Kirche hatte mittlerweile auch ihre, zumindest personelle, Unterstützung bestätigt, indem der Benefiziat die Leitung der Schule und auch ein Deputat von 20 Wochenstunden verantworten wollte.70 66 Ebd. 67 Ebd., S. 11 f. 68 Ebd., S. 12. 69 Ebd. 70 Ebd. 25 Die Gründungsphase der Höheren Bürgerschule in Buchen mit Erweiterung um eine Gewerbeschule Im Jahre 1845, am 28. April, konnte dann dem Bezirksamt Buchen mitgeteilt werden, »daß Seine Königliche Hoheit der Großherzog […] gnädigst geruht haben, die Errichtung einer höheren Bürgerschule in Buchen mit einem fünfjährigen Cursus in drei Classen zu genehmigen.«71 Ein Jahr darauf, am 3. August 1846, wurde vom Gemeinderat ein weiterer Antrag gestellt, in welchem darum gebeten wurde, zusätzlich einen Lehrer anzustellen, der – neben dem Unterricht an der Höheren Bürgerschule – an einer neu zu errichtenden Gewerbeschule, die bis dahin in der Gegend noch ganz fehlte, lehren sollte.72 Man wünschte sich in Buchen demnach ganz deutlich eine Erweiterung der Höheren Bürgerschule um eine Gewerbeschule. Nach der Einreichung des Gesuchs mit detailreichem Bericht durch Oberamtmann Felleisen am 9. August 1846 an das Ministerium des Innern in Karlsruhe, kam von dort am 21. Oktober die Bitte, dass vor etwaiger Entscheidung dafür oder dagegen folgende Punkte noch zu klären seien: Ob der vierte (für beide Schulen) anzustellende Lehrer »aus der Classe der wißenschaftlich gebildeten Philologen oder der aus der politechnischen Schule für die mathematischen und naturhistorischen Fächern gebildeten Volksschullehrer genommen werden [solle]?«73 Man entschied sich für einen wissenschaftlich gebildeten und evangelischen Philologen, entsprechend des Wunsches der Höheren Bürgerschule, die sich durch einen solchen mehr Schülerzugänge aus den Ge- 71 Ebd. 72 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 15. 73 Zitiert nach: ebd. meinden Bödigheim, Eberstadt, Bofsheim und Sindolsheim erhoffte.74 Das Gros des Unterrichts sollte Herr Anton Santo übernehmen, ein bereits an der Höheren Bürgerschule tätiger Lehrer. In den sog. Realfächern (Geschichte und Naturwissenschaften) waren die Inhalte der Höheren Bürgerschule und der Gewerbeschule identisch. Nachdem dann die Stadt Buchen die Bedingungen aus dem Erlass von 1833 – betreffend die Finanzierung des Schullokals, der Schulrequisiten, der Reinigung sowie der Feuerung – versicherte,75 stand der Gründung der Gewerbeschule prinzipiell nichts mehr im Wege. Der Genehmigungserlass des Ministeriums für eine Gewerbeschule erfolgte am 19. April 1847. Der Wortlaut dieses Schreibens:76 »Ministerium des Innern Carlsruhe, den 19. April 1847 Nr. 5527 Die Erweiterung der höhern Bürgerschule in Buchen und Errichtung einer Gewerbeschule daselbst betr. Der Oberstudienrath erhält unter Rückgabe seiner erhobenen Acten und jener des Unterrheinkreises im Anschluße Abschrift der allerhöchsten Staatsministerial Entschlie- ßung vom 3ten d. Mts. Nr. 668 mit dem Bemerken: Nachdem sich die Gemeinde Buchen verbindlich gemacht hat, für das Local der Gewerbeschule, deßen Unterhaltung, Reinigung und Feuerung, sowie für die innere Einrichtung und die Schulrequisiten Sorge zu tragen, wird zur Errichtung einer Ge- 74 Ebd. 75 Siehe vor allem § 30, § 32 und § 34 des Gründungserlasses von 1834, der im Quellenteil des Buches zu finden ist. 76 Orientiert an: Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 17. 26 werbeschule in Buchen in Verbindung mit der dortigen höhern Bürgerschule hiermit die dießeitige Genehmigung ertheilt, und zu diesem Behufe [=Zwecke] außer dem durch obige allerhöchste Entschlie- ßung bewilligten aus dem Fond für höhere Bürgerschulen zu schöpfenden weiteren Zuschuße von 200 fl [ Anm: florin] der Gemeinde Buchen noch ein Zuschuß von 300 fl aus der Budgetposition für Gewerbeschulen vom 1. Januar ds. Js. An bewilligt. Der Oberstudienrath hat sich nun mit der Direktion der polytechnischen Schule und mit der Kreisregierung wegen Verbindung der zu errichtenden Gewerbschule mit der höhern Bürgerschule und Entwerfung des für die letztere nun zu erweiternden Lehrplans zu benehmen und dafür zu sorgen, daß ein tüchtiges Subjekt als vierter Lehrer, welcher wißenschaftlich gebildet und nach dem Wunsche der Gemeinde und des Amts aus der Classe der evangelischen Theologen ernannt werden soll, angestellt wird, vorüber man weiterem Vortrage entgegen sieht. Der Gemeinde ist zu bemerken, daß das neue Schulgebäude so einzurichten ist, daß der Vorstand der höhern Bürgerschule eine angemeßene Wohnung in derselben erhält, was man zur Aufrechterhaltung der Disziplin dringend wünschen muß. II. Nachricht der Regierung des Unterrheinkreises mit dem Anfügen, daß sie ihre Acten vom Oberstudienrahte zurückerhalten wird. A. A. d. R. v. Stengel Zur Beglaubigung Ahlers R. S.« So konnte die neu errichtete Gewerbeschule am 6. Dezember des Jahres 1847 er- öffnet werden und den Unterricht aufnehmen: 70 Lehrlinge sind im ersten Schuljahr (1847/48) zu verzeichnen.77 Der erste gewählte Schulvorstand der Gewerbeschule Buchen setzte sich, nach einer Wahl am 16. Oktober 1847, aus folgenden Herren zusammen: Bürgermeister Franz Sebastian Herth, Stadtpfarrer Erbacher, Alois Perino (Steinhauer), Jakob Blatz (Schreiner) und Alois Heilig (Chirurg). Dies entsprach den aufgestellten Statuten, gemäß dem »Gewerbeschulgesetz von 1834«78, § 40, 1–4, das besagt, dass die Gewerbeschule unter der Aufsicht eines Schulvorstandes stehen solle, dessen Mitglieder unter anderem auch die Überwachung des Schulbesuches wahrnehmen sollten. Das Gewerbeschulgesetz gibt ebenso ganz klar vor, dass das erhoffte Ziel der Errichtung von Gewerbeschulen die fachliche Höherqualifizierung des gewerblichen Nachwuchses darstellt, der zunehmend mit theoretischen Inhalten während der Ausbildung vertraut werden solle, welche die Ausbildung allein beim Meister nicht (mehr) leisten könne. In Art. II. Zweck der Gewerbschulen, § 2 heißt es: »Die Gewerbschule hat den Zweck, jungen Leuten, die sich einem Handwerke oder einem Gewerbe widmen, welches keine höhere technische und wissenschaftliche Bildung erfordert, und das sie praktisch zu erlernen bereits begonnen haben, diejenigen Kenntnisse und graphischen Fähigkeiten beizubringen, die sie zum verständigen Betriebe dieses Gewerbes geschickt machen.« Bezüglich der Lehrinhalte hat das Gesetz von 1834 ebenfalls klare Vorgaben, so in Art. III. Unterrichtsgegenstände. Hier 77 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 18. 78 Der komplette Wortlaut des Gewerbeschulgesetzes von 1834 befindet sich im Quellenteil. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 27 steht in § 3 und § 4 geschrieben, dass der Unterricht in der Gewerbeschule Folgendes umfassen soll: »Handzeichnen geometrischer Figuren und Körper und Ornament-Zeichnen, Arithmetik und algebraische Grundbegriffe, Geometrie, mit Einschluß des geometrischen Zeichnens, Industrielle Wirtschaftslehre, mit Anleitung zur einfachen Buchhaltung.« Ebenso seien »Übungen der Schüler in schriftlichen Aufsätzen und im mündlichen Ausdrucke« vorgesehen. Aber von den heute in den Schulcurricula sich befindenden Fächern wie Deutsch und Geschichte oder Politik ist dereinst noch nicht die Rede. Bei entsprechendem »Bedürfnis« solle der Unterricht fernerhin auch beinhalten: »Naturkunde: einfache Erklärung der wichtigsten Naturerscheinungen und die für einzelne Handwerke und für landwirtschaftliche Gewerbe nützliche Kenntnisse aus der Naturgeschichte und aus der technischen Chemie.« Ebenso das Gebiet der »Mechanik, angewendet auf die Gewerbe, mit Beschreibung, Konstruktion und Berechnung einzelner Maschinen«. Als Aufnahmekriterium sieht das Gesetz ( Art. IV, § 6) vor, dass »alle jungen Leute, welche das vierzehnte Lebensjahr zurückgelegt haben, bei einem Meister zur Erlernung eines Gewerbes in die Lehre getreten sind, oder in der nächsten Zeit in die Lehre zu treten beabsichtigen, und die erforderlichen Vorkenntnisse besitzen« in die Gewerbeschule eintreten dürfen. Dabei wird ganz klar im darauffolgenden § 7 erklärt, dass die genannten »Vorkenntnisse« lediglich die Inhalte der Volksschule sind, aber dass der eine oder andere Lehrling, wenn es ihm an Expertise im Schreiben, Rechnen und Lesen fehlen sollte, durchaus schon beim Zeichenunterricht an der Gewerbeschule teilnehmen kann, ist aber doch »zum Besuche der Fortbildungsschule79 anzuhalten« (§ 8). Darüber hinaus wurde der Besuch der Schule auch »allen in Arbeit stehenden Gesellen gestattet, welche die erforderlichen Vorkenntnisse besitzen und über ihre Sittlichkeit und gute Ausführung günstige Zeugnisse aufzuweisen mögen (§ 9), […] Ebenso steht der Zutritt Jedem zu, der sich für ein nicht zünftiges Gewerbe durch den Besuch einzelner hiezu dienlicher Vorträge nützliche Kenntnisse erwerben will«. (§ 10) Als verbindliche Unterrichtszeit an der Gewerbeschule wurde in Art. V § 12 festgesetzt: »In der Regel sollen an jedem Sonn- und Feiertage (die hohen Festtage ausgenommen) von Ostern bis November, zwei bis zwei und eine halbe Stunde, und vom 1.November bis Ostern eine bis eine und eine halbe Stunde, sodann an Wochentagen in den Feierabendstunden eine Stunde täglich dem Unterrichte gewidmet werden.« Trotz der zunehmenden »Weltlichkeit« der Gewerbeschulen ist der Passus zu finden: »Die Lehrer der Gewerbschule werden darauf wachen, daß die Gewerbschüler den kirchlichen Gottesdienst nicht versäumen.« Es konnte sein, dass örtlich die eine oder andere Abweichung zu den geforderten Unterrichtszeiten geduldet wurde, doch insgesamt war die Intention, dass pro Woche 79 Die Abgrenzung von »Fortbildungsschule« gegen- über »Gewerbeschule« war in den deutschen Ländern schwierig und oftmals nicht klar festgelegt. Baden ging in dem Bereich seinen eigenen Weg und unterteilte mit dem Gewerbeschulgesetz von 1834 diese beiden Schultypen deutlich, die Fortbildungsschule wurde damit unterhalb der Gewerbeschule angesiedelt. Die Gründungsphase der Höheren Bürgerschule in Buchen mit Erweiterung um eine Gewerbeschule 28 ein mindestens sechsstündiger Unterricht bestritten werden sollte.80 In Buchen wurde die Gewerbeschule bis 1872 mit zwei Jahrgangsstufen,81 sprich einem »zweijährigen Kurs« ( Art. VI § 19) geführt, der als Minimum vorausgesetzt wurde. Die Regel war ein dreijähriger Kurs. Ein »zweijähriger Kurs tritt nur dort ein, wo die Mittel zur vollständigen Ausführung des Lehrplans fehlen«, was demnach in Buchen der Fall gewesen sein muss. Zu den Prüfungen war festgelegt, dass »jährliche öffentliche Prüfungen, und zwar am Schlusse des Wintersemesters, stattfinden« sollten ( Art. VII. § 23). Als Schulgeld setzte man ein Maximum von 20 Kreuzern pro Monat an ( Art. IX § 32), das aber bei »minderbemittelten Schüler[n]« reduziert werden konnte, um »die Hälfte oder ein Viertheil«. In den Statuten ist sogar vermerkt: »Unvermögliche sind von der Entrichtung des Schulgeldes befreit« (§ 33). Von einer generellen Schulpflicht bzw. Gewerbeschulpflicht spricht das Gesetz aber noch nicht. Das war zum Teil auch dem Umstand geschuldet, dass es bis zum Jahr 1871 im deutschsprachigen Raum keine Reichsgewalt gab und die Länder im Prinzip Autonomie besaßen. Die Gewerbeschulpflicht sollte erst im Jahre 1872 eingeführt werden.82 Auch bestand für die Gewerbeschulen bis zum Jahre 1881 noch kein verbindlicher Lehrplan. Die Richtlinien für 80 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 74. 81 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 20. 82 Nach Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 171, gab es in Baden im Jahr 1872 eine Gewerbeschüleranzahl von 2 767 Personen. den zu erteilenden Unterricht waren eher allgemeiner Natur. Im Zeichenunterricht der Gewerbeschulen wurden vielfältige Zeichnungen angefertigt, zum Beispiel auch Zeichnungen geografischer Gegebenheiten, wie ein Beispiel aus dem Ende des 19. Jahrhunderts verdeutlicht. Man beachte die Genauigkeit und Sorgfalt in der Anfertigung, die der Schüler an den Tag gelegt hat. III. 2) Die Anfangsjahre der Gewerbeschule Buchen Das Gesetz von 1834 gestattet der Stadt Buchen aufgrund eines fehlenden verbindlichen Lehrplanes für die Gewerbeschule folglich noch eine große Freiheit bei der Organisation des Lehrbetriebs. Dies war auch dem Umstand geschuldet, dass das Gesetz nach § 35 die Gründungskosten der Schule wie auch die laufenden Unterhaltskosten an die Stadt zur Verantwortung gegeben hatte und somit der Logik nach auch die Stadt entscheiden konnte, wie der Schulbetrieb aufgebaut werden soll. Selbst die Lehrergehälter, die heutzutage natürlicherweise Kostenpunkt des Landes sind, mussten damals von der Stadt getragen werden. Die Zuschüsse, die man unter gewissen Voraussetzungen vom Land erhalten konnte, waren nicht im Vorhinein kalkulierbar. Im Falle Buchens jedoch kann man dem Genehmigungserlass entnehmen, dass die Zuwendung jährlich 300 fl (florin) betrug.83 Die so gesehene Kombination der Gewerbeschulgründung mit der Höheren Bürgerschule war eine glückliche Fügung, da hier doch der 83 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 21. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 29 Die Anfangsjahre der Gewerbeschule Buchen ein oder andere Synergieeffekt hinsichtlich des Unterrichts genutzt werden konnte. Die Lehrkräfte der Gewerbeschule dieser Tage waren Anton Santo (der sog. »Polytechniker«) und Erasmus Pfaff, welcher auch an der Höheren Bürgerschule unterrichtete. Am 27. November 1851 gab es einen Erlass des Großherzoglichen Ministeriums des Innern, Nr. 16, 138, welcher verordnete, dass Gewerbeschulen von den Höheren Bürgerschulen getrennt werden sollen.84 Wenige Monate später leistete man in Buchen diesem Erlass Folge und setzte die Lehrer Pfaff und Stadtmüller so ein, dass Ersterer ab derzeit 17 und Letzterer 3 Wochenstunden an 84 Ebd. der Gewerbeschule unterrichten soll. Wenn nötig, so darf hierzu durchaus eine Reduzierung der Lehre an der Höheren Bürgerschule erfolgen.85 So kam es ab dem Jahre 1853 zu einer ersten Trennung der beiden Schularten, wenngleich die Lehrer der Gewerbeschule durchaus noch mit der Höheren Bürgerschule verbunden waren. Die Haushaltsführung war aber von nun an getrennt. Vollends selbstständig wurde die Gewerbeschule Buchen erst im Jahre 1872. Von 1847 bis 1872 erfolgte der Unterricht an Werktagen ab 8 Uhr, im Sommer auch ab 7 Uhr. An zwei Halbtagen pro Woche hatte jede der beiden Klassen bzw. Kursjahre 85 Ebd. Abb. 2: Skizze Asiens 30 Unterricht, wobei im Winterhalbjahr auch manchmal Ganztagsunterricht erteilt wurde. Man hatte derzeit noch keine 45-minütigen Unterrichtsstunden, sondern 60-minütige.86 Sonntags gab es Zeichenunterricht, der im Sommer von 7 bis 9:30 Uhr und im Winter von 8:30 bis 11 Uhr erfolgte. Auch Externe, wie zum Beispiel Gesellen, Schüler der Höheren Bürgerschule oder Schüler aus den oberen Klassen der Volksschule, konnten auf freiwilliger Basis daran teilnehmen und taten es auch rege. So sind im Schuljahr 1854/55 zu den 34 Gewerbeschülern zusätzlich 13 freiwillige Schüler zu verzeichnen, worunter sich 4 Gesellen befanden.87 Auf der Stundentafel von 1854/55 standen in der 1. Klasse 11,5 Wochenstunden und in der 2. Klasse 9,5 Wochenstunden. Darunter entfielen in der Klasse 1 auf das Fach Deutsch 2 Stunden, Rechnen 2 Stunden, Geometrie 1 Stunde, Naturlehre 2 Stunden, Geometrisches Zeichnen 2 Stunden und Zeichnen von Ornamenten (sonntags) 2,5 Stunden. In der 2. Klasse entfielen auf Rechnen 1 Stunde, Geometrie 1 Stunde, Industrielle Wirtschaftslehre 1 Stunde, Technische Chemie 2 Stunden, Fachzeichnen und geometrische Projektionslehre 2 Stunden und den sonntäglichen Zeichenunterricht von Ornamenten 2,5 Stunden.88 Dennoch gab es auch damals schon Klagen seitens der Lehrer, dass manche Schüler sich doch eher anderweitig vergnügten, einer Tagelöhnertätigkeit nachgingen bzw. vom Meister nicht zur Schule gelassen wurden, um deren Arbeitskraft zu nutzen, 86 Die Unterrichtszeiten sind entnommen: Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 22. 87 Ebd. 88 Ebd. statt dem Schulunterricht beizuwohnen. So klagte Gewerbelehrer Pfaff im Jahre 1854 über unregelmäßige Unterrichtsbesuche von vielen Schülern.89 Und so wurde bei einer Sitzung vom 10. Dezember 1854 beschlossen, dass den Meistern eine Strafe von 6 kr (Kreuzer) pro unentschuldigtem Fehltag auferlegt werden soll, welche durch den Polizeidiener eingezogen werden sollte. Ab dem Jahr 1865 wurde dieser Satz sogar auf 30 kr Strafe erhöht.90 Die Leitung der Jahresprüfung 1855 übernahm der Großherzogliche Regierungscommissär Prof. Dr. Wiener persönlich in Gegenwart von Mitgliedern des Gewerbeschulvorstandes, des Leiters der Höheren Bürgerschule und mancher interessierten Einwohner Buchens.91 Es wurden 22 Schüler der 1. Klasse und 12 Schüler der 2. Klasse geprüft, die sich von ihrer Ausbildung her wie folgt zusammensetzten: 2 Bäcker, 1 Glaser, 1 Häfner, 1 Küfer, 2 Maurer, 1 Metzger, 2 Ölmüller, 1 Sattler, 3 Schneider, 1 Schmied, 1 Schreiner, 7 Schuhmacher, 1 Seifensieder, 1 Steinhauer, 5 Tüncher, 4 noch ohne Beruf.92 Man sieht hieran sehr gut, dass verschiedene Berufe bzw. Berufsfelder noch zusammen unterrichtet wurden. Die Herausbildung von sog. Fachklassen entwickelte sich erst viel später. Im Jahr 1856 erfolgte dann zum ersten Mal eine eigene Rechnungslegung der Gewerbeschule, doch, wie bereits erwähnt, wurden die Gewerbelehrer bis zum Jahr 1872 über die Höhere Bürgerschule zugeteilt, was bedeutet, dass diese mit ih- 89 Ebd. 90 Ebd. 91 Ebd. 92 Ebd. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 31 rem Deputat immer auch Teil der Höheren Bürgerschule waren.93 Zur ersten eigenen Jahresrechnung der Gewerbeschule schreibt Brötel in der Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der ZGB:94 »In der ersten getrennten Jahresabrechnung des ›Gewerbeschulfonds‹ für das Jahr 1856 heißt es dann, daß nach dem Erlaß der Großh. Regierung vom 22. Jan. 1856, Nr. 1680 erstmals für das Jahr 1856 ein Schulgeld zu erheben sei. Dies beträgt a. für ganz zahlungsfähige Schüler monatlich 12 Kreuzer b. für halb zahlungsfähige Schüler monatlich 6 Kreuzer c. für zahlungsfähige freiwillige Zeichenschüler monatlich 4 Kreuzer Armen Schülern wird das Schulgeld erlassen.« Eine Jahresrechnung des Gewerbeschulfonds legt für das Jahr 1865 beispielhaft dar: » Als Lehrer der Anstalt wurde nach Erlaß Gr. Oberschulraths resp. Gr. Ministerium des Innern v. 18. Okt. 1864 Nr. 12298 Johann Rümmele bestimmt. Außerdem hat Lehrer K. Bansbach Unterricht an der Gewerbeschule zu geben. Beide Lehrer wirken gleichzeitig an der höheren Bürgerschule dahier.«95 So wäre es möglich, dass Gewerbelehrer Georg Scherer von 1863 bis 1864 zugleich Schulleiter der Höheren Bürgerschule war.96 Die Gehaltsauszahlung erfolgte aus einem 93 Ebd, S. 23. 94 Ebd. 95 Ebd. 96 Ebd. gemeinsamen Fonds beider Schultypen, dem auch der jährliche Staatszuschuss für die Gewerbeschule von 300 fl zukam.97 In den beginnenden 1860er-Jahren liegen auch die Wurzeln der Gewerbelehrerorganisation in Baden, deren Anfang die Landeskonferenz der Gewerbelehrer im September 1861 darstellt.98 1880 sollte sich dann in Mannheim der Verband badischer Gewerbe- und Zeichenlehrer gründen.99 Ab dem Jahr 1865 wurde im Bereich des Schulgeldes dann nochmals bei den freiwilligen Schülern unterschieden, ob es sich um einen Gesellen oder Gehilfen handelt oder um einen Volks- oder Bürgerschüler. Erstere Gruppe musste 6 Kreuzer im Monat bezahlen, letztere nur 3 Kreuzer. Diese Einteilung und Zahlungsmodalität blieb bis zum Jahr 1872 bestehen.100 Seit dem badischen Gewerbegesetz vom 20. September 1862 lag der Besuch der Gewerbeschule in der Entscheidung der Eltern bzw. der Erziehungsberechtigten des Lehrlings.101 Dem Meister oblag dieses Recht nun nicht mehr, doch er solle dafür sorgen, dass der Lehrling die Gewerbeschule besuchen kann, während der Unterrichtszeit also vom Arbeiten bei ihm freigestellt wird. Mit der von nun an geltenden Gewerbefreiheit in Baden konnte nun jeder Mensch ein 97 Ebd. 98 Siehe Gramlich, Gewerbeschulmänner, 1982, S. 3. 99 Ebd., S. 4. 100 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 23. 101 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 170, welcher sich beruft auf: Großherzoglich-Badisches Regierungs-Blatt, Nr. XLV vom 1. Oktober 1862, S. 417– 432: Nach § 43 galt hier: »Die Dienstherren sind verpflichtet, ihrem schulpflichtigen Hilfspersonal und ihren Lehrlingen stets die nötige Zeit zu gestatten, um die im Orte eingeführten Unterrichtsanstalten nach Maßgabe der allfälligen Schulvorschriften vollständig benützen zu können.« Die Anfangsjahre der Gewerbeschule Buchen 32 Gewerbe in jedem Produktionszweig und mit selbst gewählter Produktionstechnik betreiben. Damit einhergehend bedingte sich die Aufhebung der Zünfte und deren Zunftvorschriften in ihrer alten Form. Das Gesetz hatte eine weitere Stärkung der Bedeutung von Gewerbeschulen zur Folge, wenngleich in direkter Folge die Schülerzahlen an solchen Schulen erst einmal etwas rückläufig waren. Die Umstrukturierung und der neue Geist im Unternehmertum mit der vielfach aufkommenden Konkurrenzsituation musste in der Gesellschaft erst einmal angenommen werden. Die Schülerzahlen schwankten in Buchen bis zum Jahr 1872 zwischen 47 und 88 Schülern, worunter auch die freiwilligen sonntäglichen Zeichenschüler mitgezählt sind, die mitunter eine höhere Zahl als die eigentlichen Gewerbeschüler darstellten.102 Manch geringe Anzahl an Schülern gefährdete sogar in dem ein oder anderen Jahr den Fortbestand der Gewerbeschule Buchen.103 So zum Beispiel im Jahr 1870, als erst durch allgemeine Aufrufe und Aufklärungsarbeit die Bedeutsamkeit eines Schulbesuchs der Allgemeinheit vor Augen geführt wurde und sich so die Anzahl der Schüler wieder etwas erholte.104 Der Buchener Anzeiger veröffentlichte am 1. Mai 1869 folgenden Aufruf zum Unterrichtsbeginn im neuen Schuljahr: 102 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 23. 103 Siehe Willax, 100 Jahre, 1949, S. 7. 104 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 24. »Die Wiedereröffnung der hiesigen Gewerbeschule findet statt: Montag, den 3. Mai, an welchem Tage sämmtliche Schüler, sowie Neueintretende mit der schriftlichen Einwilligung der Eltern zum Schulbesuche versehen, Morgens 8 Uhr in der Gewerbeschule sich einzufinden haben. Indem wir dies im öffentlichen Interesse damit zur Kenntniß bringen, ersuchen wir Eltern, Vormünder und die Meister der Lehrlinge, dem ernsten Mahnrufe der Zeit zu folgen, ihrer Verpflichtung gegen die ihnen anvertraute Jugend, dieselbe zum fleißigen Gewerbeschulbesuche anzuhalten, doch gewissenhaft nachzukommen; denn nur bei allseitiger Unterstützung kann diese Anstalt ihre Aufgabe vollständig lösen. Wir geben uns der freudigen Hoffnung hin, daß bessere Einsicht von der Nothwendigkeit und dem Nutzen des Gewerbschulunterrichts für den Gewerbestand im kommenden Schuljahre eine größere Anzahl Schüler als im verflossenen Jahre zuführen werde.« Insgesamt gingen in den zehn Jahren von 1861/62 bis 1871/72 die Schülerzahlen in ganz Baden drastisch nach unten. Schließlich sollte sich das Gewerbeschulwesen durch zwei Gesetze neu gestalten, was für die Gewerbeschule Buchen bedeutete, dass sie sich ab dem Jahr 1872 als eigenständige Schule neu organisieren konnte. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 33 1872 – die Gewerbeschule Buchen wird komplett selbständig III. 3) 1872 – die Gewerbeschule Buchen wird komplett selbständig Zwei Gesetze waren für die Selbständigkeit der Gewerbeschule maßgebend: »Die Einrichtung und Leitung der Gewerbeschulen betreffend« vom 16. Juli 1868 und »Die Gewerbeordnung« vom 1. Januar 1872. Mit der Gewerbeordnung wurde die Gewerbefreiheit in Baden aufgehoben. Die Zünfte standen demnach dem freien Wettbewerb nicht mehr entgegen. Dies ist gemäß dem heutigen Grundsatz »Bundesrecht schlägt Landesrecht« einzuordnen, da das Reichsgesetz (des seit 1871 bestehenden Deutschen Reichs) die vorher herrschende weitgehende Selbstbestimmtheit der einzelnen Länder aufheben konnte. Eine wichtige Bestimmung der Gewerbeordnung sind nun verbindliche Regularien über die Gesellen- und Meisterprüfung. Dadurch wird bestimmt und der allgemeinen Einsicht zuträglich, dass die Gewerbeschulen im Prinzip eine sehr gute Vorbereitung auf die entsprechenden Prüfungen bieten. Die Gewerbeordnung war im Norddeutschen Bund, also in den deutschen Ländern nördlich des Mains und in den preu- ßischen Gebieten südlich dessen, bereits seit 1869 in Kraft. Da man den Norddeutschen Bund in gewisser Weise als »Vorläuferkonstruktion« des Deutschen Reiches betrachten kann, übertrug sich die Geltung dieser Gewerbeordnung sodann ab 1871 auf das gesamte Reichsgebiet. Allerdings sollten die Zuständigkeit und die Überwachung der schulischen Ausführung der aufgestellten Statuten in der Obhut der Länder bleiben. Dass dieses Thema von großer Wichtigkeit war, sieht man beim Blick in ein für das Deutsche Reich maßgebliches Lehrund Lesebuch für Gewerbeschulen. Unter der Rubrik »Gesetzeskunde« wurde als Eingangstext dieses Gesetz erklärend aufgeführt:105 »Während in früherer Zeit der Gewerbebetrieb vielfachen Beschränkungen unterworfen war, hat die Gewerbeordnung, die 1869 für den Norddeutschen Bund erlassen und 1871 auf das ganze Deutsche Reich ausgedehnt wurde, grundsätzlich, soweit dies mit Rücksicht auf das öffentliche Wohl nur irgend geschehen konnte, die Freiheit des Gewerbes von allen Schranken, von Bann- und Zwangsrechten, vom dem Ausschließungsrecht der Zünfte und Innungen und sonstigen Zwangsmaßnahmen ausgesprochen. Der Betrieb eines Gewerbes ist jedermann in jeder deutschen Gemeinde gestattet, soweit nicht durch die Gewerbeordnung Ausnahmen und Beschränkungen vorgeschrieben oder zugelassen sind. Auch das Geschlecht begründet in Beziehung auf die Befugnis zum selbständigen Betriebe eines Gewerbes keinen Unterschied. […] Jeder kann sein Gewerbe ausüben, wo und wann es ihm beliebt, mit Handarbeit und Maschinen, allein oder mit einer beliebigen Anzahl von Gehilfen, Lehrlingen und Arbeitern. Es wird auch nicht danach gefragt, wo und wie lange jemand sein Gewerbe gelernt hat, sondern das kaufende Publikum soll die Ware der Gewerbetreibenden prüfen. Ist sie gut, so wird sie gekauft; ist sie schlecht, so bleibt sie liegen. Jeder einzelne Gewerbetreibende muss sich den Absatz seiner Waren in Wettbewerb mit seinen Gewerbegenossen erobern; niemand verbürgt ihm Käufer oder Kunden.« 105 Siehe Schürmann/Windmöller, Lehr- und Lesebuch, 1907, S. 362 f. 34 Der Buchener Anzeiger vom 24. April 1873 kündigte an, dass die Gewerbliche Schule Buchen ihren Betrieb am 28. April 1873 ab morgens um 5 Uhr aufnehmen kann.106 Der erste Lehrer der nun komplett selbstständigen Schule war Gewerbelehrer Karl Seifert.107 Der zeitliche Versatz von einem Jahr ist mit dem Umstand zu erklären, dass ein erst vorgesehener Lehrer seinen Dienst 106 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 26, Abb. 5. 107 Ebd, S. 26. wegen Krankheit nicht antreten konnte und es auch nicht möglich war, einen Ersatz für diesen Lehrer zu bekommen. Doch hier sind die Akten nach den Aussagen Brötels108 widersprüchlich, er verfasste die erklärende Passage in der Festschrift von 1997 folgendermaßen: 108 Ebd. Abb. 3: Schulbeginn nach der neuen Selbstständigkeit Geschichte der Buchener Gewerbeschule 35 »Mit dem Erlaß vom 16. Dezember 1872 teilt der Großh. Oberschulrath dem Bezirksamt Buchen ›zur weiteren Eröffnung‹ mit, ›daß es uns vorerst unmöglich ist, eine Lehrkraft für die dortige Gewerbeschule verfügbar zu machen‹. Über die Dauer des Unterrichtsausfalls vor dem 28. April 1873 (Schuljahresbeginn) enthalten die Schulakten – auch offizielle Erlasse – widersprüchliche Aussagen. Aus der Tatsache, daß Reallehrer Rümmele als bisheriger Gewerbelehrer im Schuljahr 1872/73 mit vollem Deputat von 28 Std/Wo an der höheren Bürgerschule eingesetzt ist und daß im Gewerbeschulfonds die Liste über Schulgeldzahlungen mit dem 30. April 1872 abschließt, darf der Unterrichtsausfall für das ganze Schuljahr (ab Mai 1872) angenommen werden. Nach der völligen Trennung der beiden Schulen unterrichtete Reallehrer Rümmele künftig nur noch an der höheren Bürgerschule.«109 Das Schulgeld ab 1872 betrug mit 2 fl weniger als im Jahre 1856 bzw. wurde ab dem Jahre 1875 das Schulgeld dann in Mark erhoben, was einem Betrag von 4 Mark pro Jahr entsprach, und zwar für Vollschüler, also diejenigen, die am gesamten Unterricht teilnahmen.110 Diejenigen, die nur den Zeichenunterricht besuchten, bezahlten die Hälfte. Genannte Sätze sollten bis zum Jahr 1909 beibehalten werden.111 Der Unterricht wurde in Buchen ab 1873 von einem bisher zwei Jahrgangsklassen umfassenden Betrieb auf drei Jahrgangsklassen ausgeweitet, auf die sich ungefähr durchschnittlich 70 Schüler verteilten. Eine vorbereitende Klasse, wie auch in der neuen Gewerbe- 109 Ebd. 110 Ebd, S. 27. 111 Ebd. schulordnung112 gefordert, wurde ebenfalls eingerichtet, damit diejenigen Schüler, denen manche Vorkenntnisse fehlten, auf einen geeigneten Kenntnisstand gebracht werden konnten.113 So schreibt das Gesetz von 1868 fest: »§ 6. Für solche jungen Leute, welchen es an den zu sofortiger Theilnahme an den geordneten Unterricht der Gewerbeschule erforderlichen Vorkenntnissen fehlt, oder welche sich erst während des Schuljahres anmelden, kann, wo das Bedürfnis hierzu vorhanden ist, eine besondere Vorbereitungsklasse eingerichtet werden, deren Schüler aber sofort am Unterricht im Freihandzeichnen Theil nehmen.«114 Es trug sich in diesen Gründerjahren zu, dass auch zunehmend auswärtige Schüler umliegender Gemeinden zum freiwilligen Unterricht nach Buchen an die Schule kamen. Einer Statistik von Gutman ist zu entnehmen, dass im Schuljahr 1883/84 in Buchen 52 Gewerbeschüler waren.115 Im Jahr 1895 zum Beispiel zählte man an der Gewerbeschule in Buchen 75 Schüler.116 Im Jahr 1897 waren dann von insgesamt 91 Schülern 15 sog. »Hospitanten«, also auswärtige Schüler, verzeichnet.117 Es kamen in diesen Tagen verstärkt Sorgen bezüglich ausreichen- 112 Der vollständige Text befindet sich im Quellenteil. 113 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 27. 114 Siehe Quellenteil in dieser Ausführung. 115 Siehe Gutman, Gewerbeschule, 1930, S. 246. 116 Siehe Willax, 100 Jahre, 1949, S. 7. Willax gibt hier auch die zusätzliche Information an, dass diese 75 Schüler dereinst in 3 Klassen unterrichtet worden sind und zwar an Wochentagen von halb 6 bis vormittags um halb 10. Sonntags morgens kamen hierzu noch zwei Stunden offener Zeichenunterricht, allerdings auf freiwilliger Basis. 117 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 27. 1872 – die Gewerbeschule Buchen wird komplett selbständig 36 der Räumlichkeiten auf, die zum Neubau neben der bisherigen Schule in den Jahren 1897 bis 1899 führten. Leiter dieser Neubaumaßnahme war der damalige Gewerbelehrer und Architekt Dilger.118 Das Jahr 1897 brachte schließlich auch wichtige Neuorganisationen im Handwerk: Die Inkraftsetzung des Handwerkerschutzgesetzes war die Bestrebung, eine Mitte zwischen Zwangsorganisation und Gewerbefreiheit im Handwerksbereich zu finden. Durch dieses Gesetz konnten Handwerkskammern zur gewerblichen Selbstverwal- 118 Siehe Willax, 100 Jahre, 1949, S. 7. tung eingerichtet werden119 Damit manifestierte sich die wichtige Stellung des Handwerks bzw. der Handwerkskammern (ab den 1940er-Jahren der Industrie- und Handelskammer) bei der gewerblichen Lehrlingsausbildung. In der Gesamtschau ist zu erwähnen, dass in Baden im Jahr 1872 insgesamt 49 Gewerbeschulen errichtet wurden. In den nachfolgenden vierzig Jahren sollten nur noch zehn weitere hinzukommen.120 Seit Mitte der 1890er-Jahre stieg die Zahl der Gewerbeschüler in ganz Baden schnell an: 119 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 177. 120 Siehe Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, S. 347. Abb. 4: Gewerbeschüler vor dem Gebäude in der Schüttstraße um die Jahrhundertwende Geschichte der Buchener Gewerbeschule 37 Der Schülerdurchschnitt lag in den 1880erund 1890er-Jahren bei plus/minus 3 000 Gewerbeschülern und stieg dann bis zum Jahr 1890 rasant auf beinahe 8 000 Schüler, 1895 auf über 11 000 und zur Jahrhundertwende auf den Spitzenwert von über 12 000 Schüler an. Hiernach ist ein leichter Abfall bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges zu verzeichnen.121 Ein gravierendes Problem war stets ein Mangel an Gewerbeschullehrern, auch deswegen, weil im Verhältnis etwa zu den Volksschullehrern das Gehalt durchschnittlich niedriger war, obwohl die Ausbildung bei Gewerbelehrern länger dauerte.122 Im Jahr 1887 zum Beispiel lag das Anfangsgehalt eines Volksschullehrers im Jahr durchschnittlich 250 Mark über dem eines Gewerbelehrers.123 Zwar wurden die Gewerbelehrer schließlich durch das Beamtengesetz im Juli des Jahres 1888 gehaltsrechtlich bessergestellt, doch blieb das Problem des Lehrermangels bestehen.124 Durch Hermann Gesell, den Präsidenten der Pforzheimer Handelskammer, gab es 1891 einen neuen Impetus zur Verbesserung des Gewerbeschulwesens in Baden. Darin kritisierte er 121 Zahlenbasis entnommen aus: Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, S. 347 und Abb. 8 auf S. 470. 122 Die Ausbildung von an Gewerbeschulen lehrenden Personen ist aber seit jeher recht komplex und es gibt hier viele verschiedene Möglichkeiten des Einstiegs in dieses Lehramt. Natürlich müssen gewisse Standards erfüllt werden, doch weisen Gewerbeschullehrer im Schnitt eine facettenreichere Vita auf als Volks-, Gymnasial- oder sonstige Lehrer im allgemeinen Bildungsbereich. 123 Siehe Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, S. 347, welcher verweist auf: Gutman, Emil: Die Gewerbeschule Badens 1834/1930. Ihre Entwicklung und ihr gegenwärtiger Stand, im Zusammenhang mit der Geschichte ihres Lehrerstandes und des Verbandes badischer Gewerbeschulmänner dargestellt, Bühl 1930, S. 289 f. 124 Siehe Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, S. 348. nicht nur, dass es zu wenige Gewerbelehrer gäbe,125 sondern sein Hauptanliegen war auch eine Vereinheitlichung der ministeriellen Unterstellungsverhältnisse der gewerblichen Bildungsanstalten: Manche waren dem Innenministerium, manche dem Kultusministerium unterstellt.126 Somit käme es zu wenig Erfahrungsaustausch. Eine Gesamtorganisation des Gewerbeschulwesens war sein Ansinnen, ebenso hauptamtliche Inspektoren wie auch eine Änderung in der Gewerbelehrerausbildung. Durch die Einführung der Gewerbefreiheit war die Bindung zwischen Meister und Lehrling immer loser geworden, die Qualität der Ausbildung litt zwangsläufig darunter und so wollte man diesem Missstand durch eine Neuorganisation des Gewerbeschulwesens nachhaltig entgegenwirken und den Mittelstand der Gewerbetreibenden und des Handwerks damit dauerhaft stärken. 1905 gelang eine organisatorische Vereinigung von Innen- und Kultusministerium bezüglich der Gewerbeschulorganisation, als das Landesgewerbeamt eingerichtet wurde:127 In dieses wurde der bereits 1892 geschaffene Gewerbeschulrat integriert, der zur Leitung und Beaufsichtigung des gewerblichen Schulwesens dienen sollte, da sich die Zuständigkeitsbereiche von Innenund Kultusministerium nicht ganz deckten. Der Gewerbeschulrat legte besonderes Augenmerk auf die nebenberufliche Tätigkeit 125 Siehe Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, der auf S. 348 auf das Statistische Jahrbuch für das Großherzogtum Baden für die Jahre 1882 bis 1914/15 verweist, welches als Zahlenbasis folgendes angibt: Auf einen Lehrer sollen über 40 Schüler gekommen sein. 126 Ebd. 127 Ebd, S. 351. 1872 – die Gewerbeschule Buchen wird komplett selbständig 38 der Gewerbelehrer. Auch die Zusammenarbeit mit den Interessen der Gewerbevereine und die Förderung des lokalen Gewerbes wurden immer mehr zu den dienstlichen Pflichten der Gewerbelehrer, erfuhren aber keine finanzielle Berücksichtigung.128 Unter diese Nebentätigkeiten der Gewerbelehrer zählten: das Abhalten von gewerblichen Weiterbildungskursen, Vortragsarbeit, Kurse in Buchhaltung, Veranstaltung von Ausstellungen, Mitwirkung bei Gesellenprüfungen oder auch Vorstandschaften von Gewerbevereinen.129 Das hehre Ansinnen dieser Nebentätigkeitsbestrebungen seitens des Gewerbeschulrats zeigt sich jedoch in der Realität anders. Durch die Verweigerung einer finanziellen Zuwendung dieser Nebentätigkeiten dienten – so eine Studie von 1903 – nur 41 Prozent aller Gewerbelehrer freiwillig den Zielen einer Förderung des örtlichen Kleingewerbes.130 Der »Gewerbeschulrath« als Aufsichtsgremium bestand an der Gewerbeschule Buchen im Jahr des selbstständigen Unterrichtsbeginns 1873 aus:131 • Alois Schmitt, Bürgermeister und Vorsitzender des Gewerbeschulrats • Heinrich Rochels, Stadtpfarrer 128 Ebd. 129 Im Prinzip liegt hier der Grund- und Leitgedanke des »Fördervereins der ZGB« mit seinen vielfältigen Weiterbildungskursen, die sich an das regionale Gewerbe wie auch an interessierte Privatpersonen richten. 130 Siehe Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, S. 351, der sich auf die Zahlen des Statistischen Jahrbuchs für das Großherzogtum Baden aus dem Jahr 1904/5, S. 504, bei welchem 166 Gewerbelehrer im Jahr 1903 ausgewertet wurden, beruft. 131 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 26. • Adam Friedrich Herth, Bürger und Weinhändler • Eduard Stetter, Bürger und Sattler • August Manger, Bürger und Werkmeister • Karl Seifert, Gewerbelehrer Abb. 5: Lehrlingsgesuch vom 14. Mai 1892 Seit der » Anleitung für die Erteilung des Unterrichts in den Lehrfächern der Gewerbeschulen des Großherzogtums« vom 16. Mai 1881 wurden die Lehrpläne von den Gewerbelehrern selbst ausgearbeitet, je nach lokalen Bedürfnissen und Gegebenheiten.132 Drei Jahreskurse waren Standard, pro Klasse gab es bzw. sollte es im optimalen Falle drei Fachabteilungen geben: für Metallhandwerk, für Bauhandwerk und für das Ausstattungsgewerbe. Die Unterrichtsdauer betrug zwischen 8 und 12 Wochenstunden und an den Sonntagen gab es, wenn überhaupt, nur Zeichenunterricht.133 So kann man sagen, dass der Unterrichtsschwerpunkt nun ganz klar auf den Werktagen lag. Nach einem Landesgesetz vom 13. August 1904 wurde der Besuch einer gewerblichen oder kaufmännischen Fortbildungsschule bzw. Gewerbeschule für weib- 132 Siehe Haverkamp, Gewerbeschulförderung, 1979, S. 353. 133 Ebd. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 39 liche und männliche Arbeiter und Lehrlinge bis zum vollendeten 18. Lebensjahr verpflichtend.134 Gewerbliche Fortbildungsschulen konnten mit diesem Beschluss in selbständige Schulen umgewandelt werden, je nach örtlichen Begebenheiten bzw. Nachfragebedarf.135 Mit dem Gesetz vom 20. Juli 1907136 fand diese Phase der Reorganisation der Gewerbeschulwesens vor den Kriegswirren erst einmal einen Abschluss: Es wurde darin der dreijährige Schulbesuch allgemein verpflichtend, zudem der Lehrstoff an den Gewerbeschulen neu festgelegt und auch die Bestimmungen auf beiderlei Geschlechter ausgedehnt. Im zugehörigen § 1 heißt es somit: »Die Gewerbeschulen haben die Aufgabe, die gewerblichen Arbeiter – Gesellen, Gehilfen und Lehrlinge beiderlei Geschlechts – in unmittelbarer Fühlung mit der Meisterlehre theoretisch auszubilden und ihnen tunlichst diejenigen praktischen Kenntnisse und Fertigkeiten für die Ausübung ihres Gewerbes zu vermitteln, zu deren Aneignung in den Gewerbebetrieben nach den allgemeinen oder örtlichen Verhältnissen nicht genügend Gelegenheit geboten ist. Neben der beruflichen Ausbildung der Schüler hat die Schule auch auf die Stärkung des Charakters sowie auf die He- 134 Ebd, S. 355, welcher verweist auf das Gesetz von 13.08.1904, Ges. u. Vo. Bl. 1904, Nr. 24, S. 395. 135 Die Grenzen zwischen den Begriffen »Gewerbliche Fortbildungsschule« und »Gewerbeschule« sind in dieser Zeit fließend. Um die Jahrhundertwende bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts gingen manche gewerblichen Fortbildungsschulen in Gewerbeschulen über, andere verschwanden mangels Nachfrage. Der Begriff einer »Vollgewerbeschule« taucht auch mitunter auf. 136 Siehe Gewerbeschulverordnung von 1907 im Quellenteil. bung des Standesbewußtseins der Schüler hinzuwirken.«137 Als Pflichtunterricht waren von nun an die beiden großen Bereiche Berufskunde und Geschäftskunde vorgesehen, welche sich nochmals untergliederten. Bei Berufskunde in gewerbliches Rechnen, angewandte Geometrie, Materialien- und Werkzeuglehre, Naturlehre, Freihandzeichnen, Projektionslehre und technischer Fachunterricht. Im Bereich der Geschäftskunde in Geschäftsrechnen, Geschäftsaufsatz, Buchführung, Kostenberechnung, Wirtschaftslehre und Bürgerkunde.138 Bürgerkunde, ein neues Unterrichtsfach, sollte sich der charakterlichen Entwicklung der Schüler widmen. Diese neue Gewerbeschulverordnung stellte die Gewerbeschulen auf eine neue Grundlage. Gerade die praktische Unterweisung wurde durch diese Verordnung den Gewerbeschulen aufgetragen. Baden gilt als erstes Land, das den Werkstattunterricht komplementär zur Lehre im Betrieb allgemein einführte.139 Die Errichtung einer Gewerbeschule bedeutete rein von der Erhöhung der fachlichen Expertise der jungen Generation in Handel und Gewerbe für jeden Ort sicherlich einen großen Gewinn, bedingte aber auch hohe Kosten, sodass sich in der Regel nur größere Städte eine solche Bildungsstätte leisten konnten. Der jährliche Staatszuschuss betrug ab dem Jahr 1875 für die Gewerbeschule Buchen 514 Mark,140 also ein eher geringer Zuschuss. Die Jahres- 137 Ebd. 138 Siehe Haverkamp, Gewerbeförderung, 1979, S. 355. 139 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 128. 140 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 27. 1872 – die Gewerbeschule Buchen wird komplett selbständig 40 miete für das Schulgebäude lag allein um ein Vielfaches höher. Gerade auch die geforderten Schulwerkstätten bedeuteten einen großen Kostenfaktor, wie Emil Gutman in den 1930er-Jahren kommentierte:141 »Die Frage der Errichtung von Schulwerkstätten war durch die Verordnung vom 20. Juli 1907 durch die Stellung der den Gewerbeschulen zufallenden Aufgaben entschieden. Die Schule sollte den gewerblichen Arbeitern auch praktische Kenntnisse und Fertigkeiten für die Ausübung ihres Gewerbes vermitteln. Doch sollte die handwerksmäßige Ausbildung nicht der Meisterlehre, deren Sache sie ist, abgenommen werden. Die Schulwerkstätte sollte diese nur ergänzen und dazu dienen, in seltener vorkommenden Arbeiten, die der Lehrling in der Meisterwerkstatt zu erlernen keine Gelegenheit hat, oder in neuen Techniken den Schüler zu unterweisen und zu üben. Unter dem Begriff ,Modellieren‹ war dieser Unterricht für einzelne Berufe seit langem gepflegt worden, doch standen dem systematischen Ausbau von Schulwerkstätten als Ergänzung der Meisterlehre die damit verbundenen hohen Kosten hindern im Wege.« Buchen hatte natürlich auch das Bedürfnis nach einer Schulwerkstatt, doch trat der Umstand erst im Jahr 1953 ein. Geldmangel und zu geringe Schülerzahlen bei zu vielen Einzelberufen standen bis 1953 der Einrichtung in Buchen entgegen.142 141 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 129, welcher sich beruft auf: Gutman, Emil: Die Gewerbeschulen Badens 1834/1930. Ihre Entwicklung und ihr gegenwärtiger Stand, im Zusammenhang mit der Geschichte ihres Lehrerstandes und des Verbandes badischer Gewerbeschulmänner dargestellt, Baden-Baden 1930, S. 542. 142 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 29. Die neuen gesetzlichen Bestimmungen der landesherrlichen Verordnung von 1907 führten zu einer Erhöhung der Anzahl an Gewerbeschulen und damit auch der Anzahl an Schülern. »War die Zahl der Schulen im Jahre 1905 noch 47 gewesen, so betrug sie im Jahre 1912 bereits 60. Die Gesamtschülerzahl hat sich im gleichen Zeitraum nahezu verdoppelt (im Jahr 1905: 10 433 Schüler, im Jahr 1912: 19 524 Schüler).«143 In Buchen betrug die jährliche Schülerzahl in den Jahren von 1907 bis 1914 zwischen 50 und 75, aufgeteilt in drei aufsteigende Klassen.144 Innerhalb der Klassen bzw. des Unterrichts ist der jeweilige Gewerbelehrer ein Alleinlehrer, nun genannt »Schulvorstand«, mitunter aber von einem Gewerbeschulpraktikanten unterstützt.145 So muss man sich die damaligen Gewerbeschulen auch eher als »Ein Mann-ein Raum«-Schulen vorstellen und darf diese keineswegs mit den heutigen großen Schulzentren vergleichen. Der Aufschwung im Gewerbeschulwesen, speziell in Buchen als auch in Baden generell, bzw. dieser vorherrschende Entwicklungstrend sollte durch den Ersten Weltkrieg gebremst werden und erfuhr einen herben Rückschlag. Viele Maschinen aus den Schulwerkstätten wurden in die Rüstungsindustrie abgezogen und kamen auch nach Kriegsende nicht mehr zurück.146 Noch vor 143 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 129, welcher sich beruft auf: Gutman, Emil: Die Gewerbeschulen Badens 1834/1930. Ihre Entwicklung und ihr gegenwärtiger Stand, im Zusammenhang mit der Geschichte ihres Lehrerstandes und des Verbandes badischer Gewerbeschulmänner dargestellt, Baden-Baden 1930, S. 540. 144 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 29. 145 Ebd. 146 Siehe Rothe, Gewerbeschulen, 2011, S. 135. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 41 den Kriegsjahren fand in Buchen aber der erste Vorbereitungskurs zur Meisterprüfung statt, der 13 Teilnehmer umfasste: Er dauerte vom 16. November 1906 bis zum 8. Februar 1907 und wurde von dem Gewerbelehrer Wilhelm Wurzel geleitet.147 Die Etablierung von Meistervorbereitungskursen erklärt sich aus dem Umstand, dass die Aufgabe der Gewerbeschulen auch zu einem großen Teil so verstanden wurde, als dass man sie zur Ergänzung der Meisterlehre auffasste. Von diesem Jahr an sollten an der Gewerbeschule in Buchen regelmäßig Meistervorbereitungskurse abgehalten werden – ausreichende Teilnehmerzahl vorausgesetzt. Die Schulgeldsätze erfuhren mit 1910 eine Neufestsetzung:148 » Ab dem Schuljahr 1910/11 gelten folgende Schulgeldsätze: a. für die durch Ortsstatut verpflichteten Schüler jährlich 6 M b. für einheimische Gäste jährlich 5 M c. für alle übrigen Schüler ( Auswärtige) jährlich 10 M.« Am 15. Dezember 1913149 beschlossen die Gemeinden Bödigheim, Eberstadt, Götzingen, Hainstadt, Hettigenbeuern, Hollerbach, Rinschheim und Unterneudorf durch Ortsstatut, dass die sich dort befindlichen ausbildungspflichtigen gewerblichen und kaufmännischen Jugendlichen die Gewerbeschule in Buchen besuchen müssten.150 Die Gemeinden müssten dabei ein Schulgeld von 10 Mark pro Jahr und pro Schüler 147 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 27. 148 Ebd, S. 30, zitiert nach den Archiveinsichten Brötels. 149 Siehe Willax, 100 Jahre, 1949, S. 7. 150 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 30. an die Stadt Buchen bezahlen. Ab Schuljahr 1914/15 wurde dieses Ortsstatut wirksam.151 Damit erlangt Buchen einen zunehmend bedeutenderen Stellenwert als maßgeblicher Schulort der Region. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der Gewerbelehrer Hermann Mangler zum Heer eingezogen, der Unterrichtsbetrieb ruhte bis September 1916.152 Abb. 6: Zimmermann um die Jahrhundertwende in typischer Kleidung 151 Ebd. 152 Ebd. 1872 – die Gewerbeschule Buchen wird komplett selbständig 42 III. 4) Erster Weltkrieg und die Zeit danach – die Gewerbeschule Buchen wird zur Bezirksgewerbeschule In Buchen wurde der Unterricht nach Entlassung von Herr Mangler und seiner Rückkehr in die Heimat zum Oktober 1916 wieder aufgenommen.153 Natürlicherweise waren die Schülerzahlen rückläufig in der ersten Zeit nach dem Krieg. Auch kehrte sich das Verhältnis zwischen Gelernten und Ungelernten im Laufe des Krieges vielerorts zugunsten der ungelernten Arbeiter um.154 Dafür besuchten jetzt in Buchen auch zunehmend Mädchen den Unterricht an der Gewerbeschule. Ein nach dem Krieg abgehaltener Stenografiekurs zählte 20 Mädchen, dazu kam ein Kurs in Buch- und Rechnungsführung mit 17 Mädchen.155 Die gesamte Schüleranzahl sollte in den Nachkriegsjahren rasch ansteigen: für das Jahr 1918 sind 38 Schüler verzeichnet, im Krisenjahr 1923 dann 157, die in 6 Klassen mit je 2 nach Berufsgruppen gegliederten Parallelklassen pro Jahrgangsstufe unterrichtet wurden.156 Die stete Zunahme an Schülerzahlen zog nach sich, dass die Gewerbeschule im Jahr »1919 vorübergehend in das Ackermann’sche Anwesen in der Hollerbacherstraße übersiedelte«.157 Im Jahr 1923 wurde die Gewerbeschule in den damaligen Neubau der Volksschule verlegt, welche dann 1978 zum Rathaus umgebaut wurde.158 Dies bedingte schließlich die Ein- 153 Ebd. 154 Siehe Greinert, Erwerbsqualifizierung, 2015, S. 44. 155 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 30. 156 Ebd. 157 Siehe Willax, 100 Jahre, 1949, S. 7. 158 Ebd. setzung eines weiteren hauptamtlichen Gewerbeschullehrers, Dipl.-Ing. Ernst Schäfer, wie auch einer Nebenlehrerin, Hermine Theobald.159 In dieser Phase von 1923 bis 1926, der sog. Stabilisierungskrise der Weimarer Republik, hatte die Gewerbeschule bzw. die nun vielerorts auch Berufsschule160 genannte berufsbezogene Bildungseinrichtung auch die Aufgabe, die allseits vorhandene Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen. So konnten ab November 1923 jugendliche Arbeitslose, wenn sie älter als 16 Jahre waren, zum Schulbesuch gezwungen werden. Schließlich wurde diese Maßnahme ab 29. November 1926 dann auf alle arbeitslosen Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren ausgedehnt.161 Man sieht, dass sich die Idee von einer beruflichen Fortbildungsschule, die nur bestimmte Jugendliche zum Besuch verpflichtete, stark veränderte, hin zu einer Berufsschule als Pflichtschule, die alle berufstätigen Jugendlichen einschließt. Dies bedeutete aber gleichzeitig auch eine nicht unproblematische Entwicklung, da man sich schulisch nun auch um die Gruppe der Arbeitslosen zu kümmern hatte, denen es teilweise mitunter an Motivation zum Lernen mangelte. Dies ging sicherlich auch auf Kosten der tendenziell eher lernwilligen anderen Schüler. Für die Jugendlichen 159 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 30. 160 Der Begriff »Berufsschule« wurde erstmals amtlich in Preußen, im »Gewerbe- und Handelslehrer-Diensteinkommensgesetz« vom 10. Juni 1921 verwendet, siehe: Grüner, Berufsschule, 1984, S. 13. Der Begriff schlich sich dann allmählich in den allgemeinen Sprachgebrauch ein, bis er von den Nationalsozialisten dann allgemein definiert wurde. Siehe hierzu auch die Gesetzesquelle in: Kümmel, Klaus: Quellen und Dokumente zur schulischen Berufsausbildung 1918–1945, Köln/Wien 1980, S. 92. 161 Siehe Greinert, Erwerbsqualifizierung, 2015, S. 69. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 43 Erster Weltkrieg und die Zeit danach – die Gewerbeschule Buchen wird zur Bezirksgewerbeschule Abb. 7: Stand der Schülerzahl der Gewerbeschule in Buchen im Dezember 1920 44 über 18 Jahre waren aber auch damals schon die Arbeitsämter zuständig. Die Begrifflichkeit der Bildungseinrichtung hatte in den Jahren von 1919 bis 1925 eine unterschiedliche Bedeutung. In Baden sprach man fast ausschließlich von Gewerbeschule, wenn die Ausbildung in drei Lehrjahren gemeint war. Davor gliederte man die Fortbildungsschule ein. Manch andere Regionen jedoch grenzten die Bezeichnungen »Fortbildungsschule« und »Gewerbeschule« nicht genau voneinander ab, verwendete sie sogar synonym. Ab 1925 nannte man diesen Schultypus vielerorts »Fachschule« und als eine solche konnten Gewerbeschulen, Höhere Gewerbeschulen, aber auch Handelsschulen und Höhere Handelslehranstalten errichtet werden. Fachschulen durften dann auch Schulgeld verlangen, was manches finanzielle Problem entspannen konnte. Die Verordnung von 1925 lautet im Auszug:162 »Nachdem im Jahre 1922 die Ausbildung der Lehrer der badischen Gewerbeschulen der höheren Aufgabe dieser Anstalten entsprechend neu geregelt worden war, erfolgte der zweite Schritt in der Richtung einer Höherentwicklung der Gewerbe- und Handelsschulen, die sich nämlich zu vollständig selbständigen fachberuflichen Bildungseinrichtungen umgewandelt hatten dadurch, daß sie von den Fortbildungsschulen losgelöst und amtlich zu ,Fachschulen‹ erklärt wurden. […] Daß wir es bei dem hochentwickelten badischen Gewerbe und Handelsschulen nicht mehr mit Fortbil- 162 Zitiert nach Rothe, Gewerbeschule, 2011, S. 191 f., welcher sich bezieht auf Gutman, Gewerbeschule, 1930, S. 578 f. dungsschulen163 im landläufigen Sinn zu tun haben, ist unbestreitbar.« Baldigst nach dem Krieg war man in Baden generell bestrebt, die Ausbildung von Lehrern für den gewerblichen Bereich voranzutreiben. Hauptamtliche und eigens für diese Schulart vorgebildete Lehrer (zum Beispiel Absolventen der Technischen Hochschule Karlsruhe) lösten die bisherigen nebenamtlichen Lehrer ab. Noch 1910 waren es ca. 3 000 hauptamtliche Lehrkräfte an den gewerblichen Fortbildungsschulen in Deutschland,164 1938 waren es 18 000 hauptamtliche Lehrkräfte, die etwa 83 Prozent des gesamten beruflichen Schulunterrichts erteilten.165 Es entwickelte sich dieser Tage die Tendenz, dass der Unterricht von den Abendstunden auf die Vormittage verlegt wurde und sich die wöchentliche Pflichtstundenanzahl erhöhte. Im Durchschnitt kann man in den 1920er-Jahren von einer Wochenstundenanzahl von sechs bis acht Stunden ausgehen.166 Auch begann hier die Tendenz, dass man nicht nur in den grö- ßeren Städten, sondern auch in den kleineren und in ländlichen Bezirken eigene Schulgebäude für das gewerbliche Schulwesen herrichtete, die auch mit Werkstät- 163 Hier kann man unterschwellig deutlich die Differenzierung zwischen »Fortbildungsschule« und »Gewerbeschule« erkennen. So konnte man in Baden durch das Gesetz von 1834 gegenüber anderen deutschen Ländern viel früher von dem eigenen Typus »Gewerbeschule« sprechen. 164 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 169, der sich beruft auf die Hochrechnung von Alfred Kühne: Die Fortbildungsschule. Schriften der Gesellschaft für Soziale Reformen, Heft 40/1912, S. 54. 165 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 170, der sich bezieht auf den: Wegweiser Schuljahr 1938, 1941, S. XI. 166 Siehe Thyssen, Berufsschule, 1954, S. 170. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 45 ten, Küchen und dem Unterricht gemäßen Inventar eingerichtet worden sind. Gerade der Werkstattunterricht, dem es kriegsbedingt noch vielerorts in Baden an Maschinen bzw. Ausstattung mangelte, sollte wieder zu neuer Blüte gelangen. Die Handwerkskammer in Karlsruhe äußerte sich wertschätzend zum Werkstattunterricht als Standbein des Gewerbeschulunterrichts:167 »Soweit wir in gewerblichen Organisationen feststellen konnten, legt man den größten Wert auf die Erhaltung des Werkstättenunterrichts, ja man wünscht allgemein dessen weiteren Ausbau, um die Lehrlinge zu vielseitig ausgebildeten Qualitätsarbeitern heranzuziehen; denn nur hochwertige Qualitätsarbeit kann der deutschen Wirtschaft zur Eroberung des Weltmarktes und zur Erlangung neuen Absatzes im Auslandes helfen.« Mit dem Ministerialerlass vom 12. Juni 1924 wurde die Wichtigkeit und Notwendigkeit des Werkstattunterrichts wie auch die Einführung der Fächer Deutsch, Staatskunde und Religion an Gewerbeschulen dann allgemeingültig manifestiert. Willy Hellpach, von 1924 bis 1926 badischer Staatspräsident und Namensgeber der kaufmännischen Gewerbeschule in Heidelberg, war es ein Anliegen, diese bisher tendenziell vernachlässigten Fächer in Zukunft zu stärken.168 Damit war den Gewerbeschulen im Vergleich zu den Jahren vor dem Krieg eine deutlich stärkere Erziehungsfunktion auferlegt worden. In der Gewerbeschulverordnung vom 167 Siehe Rothe, Gewerbeschule, 2011, S. 137, der sich hier bezieht auf Kuhn, Karl Friedrich: Die Gewerbeschule der Landeshauptstadt Karlsruhe in Vergangenheit und Gegenwart, hg. v. d. Stadt Karlsruhe, Karlsruhe 1927, S. 166. 168 Siehe Rothe, Gewerbeschule, 2011, S. 138. 6. März 1925 legte das badische Ministerium des Kultus und Unterrichts dann folgende Unterrichtsfächer fest:169 Religion, Deutsch mit Schriftverkehr, Staatskunde, Werkstofflehre mit technischer Chemie, Werkzeugund Maschinenlehre, Naturlehre, Geometrie, Projektionslehre, Freihandzeichnen, Technisches Zeichnen und Skizzieren, Modellieren, Werkstattunterricht (soweit hierfür Bedürfnis und Möglichkeit seiner Einrichtung besteht), Rechnen mit Preisbildung sowie Buchhaltung. Eventuell, je nach örtlichen Gegebenheiten und Bedürfnissen der gewerblichen und industriellen Ausbildung, konnten noch Gesang, Turnen und Kochunterricht für die Mädchen hinzugefügt werden. Generell blieb in vielen Schulen, auch in Buchen, der Werkstattunterricht weiterhin ein Diskussionspunkt, vor allem wegen der enormen finanziellen Belastung, obwohl es grundsätzlich eine positive Grundhaltung zu Schulwerkstätten gab. Eine Schulordnung für die Buchener Gewerbeschule vom 28. Oktober 1922, aufgesetzt durch den Gewerbeschulrat aus den 1920er-Jahren, regelt das Schulleben in acht Paragrafen:170 »Schul-Ordnung § 1. Die Schüler der Gewerbeschule haben sich in- und außerhalb derselben eines anständigen Benehmens zu befleißigen, die Anordnungen ihrer Lehrer, sowie des Bürgermeisters, der solche im Einvernehmen mit diesen und dem Gewerbeschulrat erläßt, pünktlich zu befolgen. 169 Ebd, S. 138 f., welcher zitiert nach: Gutman, Gewerbeschule 1930, S. 584 f. 170 Quelle siehe Stadtarchiv Buchen OT A BDH A 316. Erster Weltkrieg und die Zeit danach – die Gewerbeschule Buchen wird zur Bezirksgewerbeschule 46 § 2. Jeder Schüler muss mit dem [sic] vorschriftsmässigen Zeichen- und Schreibmaterialien, sowie den vorgeschriebenen Lehrbüchern versehen, nach Maßgabe des Stundenplanes pünktlich in den Lehrstunden erscheinen; zu spät kommende Schüler haben am Schluss des Unterrichts das Versäumnis nachzuholen. § 3. Die Schüler haben anständig und reinlich gekleidet mit sauberem Schuhwerk in der Schule zu erscheinen. Beim Eintritt in das Schulgebäude sind die Schuhe gut zu reinigen. § 4. Jeder Schüler hat beim Eintritt in den Lehrsaal sofort seinen Platz einzunehmen. Der Lehrsaal darf während des Unterrichts ohne Erlaubnis des Lehrers nicht verlassen werden. § 5. Der Aufenthalt auf den Treppen ist verboten, auf den Gängen nur mit Genehmigung des Lehrers erlaubt. Das Betreten sämtlicher nicht zur Gewerbeschule gehörigen Räumlichkeiten ist den Schülern ebenfalls untersagt171. § 6. Das Rauchen im Schulhaus ist den Schülern verboten, ebenso außerhalb desselben, solange sie das 17.te Lebensjahr nicht erreicht haben. § 7. Für alle an Schulgerätschaften, wie am Schulhaus selbst, angerichteten Beschädigungen oder Verunreinigungen ist der Täter wie seine Eltern haftbar. Ist dieser nicht ausfindig zu machen, so haften sämtliche Schüler für den Fall, daß sie durch schuldhaftes Verschweigen die Ermittlung des Täters verhindern. § 8. An Strafen werden neben etwaigem Schadensersatz ausgesprochen: höchstens 171 An dieser Stelle ist ein maschinengeschriebenes »verboten« mit Stift durchgestrichen und es wurde handschriftlich das Wort »untersagt« hingeschrieben. 2maliger Verweis, Karzer und Ausschluß aus der Schule.172 Buchen, den 28. Oktober 1922. Der Gewerbeschulrat.« Mit dem Bezirksgewerbestatut vom 20. März 1924173 schritt die Zentralisierung der Schullandschaft im Landkreis Buchen schließlich voran. Es vereinigten sich durch dieses Statut die Gemeinden Buchen, Bödigheim, Eberstadt, Götzingen, Hainstadt, Hettigenbeuern, Hollerbach, Rinschheim und Unterneudorf zu einem Schulverband. Buchen wurde damit zur Bezirksgewerbeschule. Die Kostenverteilung war nun natürlich ein zentraler Fragepunkt und bedurfte einiger Regelungen und Kompromisse. Hettingen hingegen wollte eine eigene kleine Schule aufrechterhalten und konnte erst 1933 durch ministeriellen Erlass zum Besuch der Buchener Schule verpflichtet werden.174 Immer wieder gab es Bestrebungen – mit augenscheinlichen Gründen – Hettingen in den Schulverband miteinzugliedern, wie einem Dokument aus dieser Zeit zu entnehmen ist: »Der Fortbestand der dortigen [in Hettingen] gewerblichen Fortbildungsschule ist bei dem für den dortigen Schülerstand (26) gänzlich unzureichenden Schulraum mit nur 1,90 m Höhe in Frage zu stellen. […] 172 Die hier erwähnte Vollziehung von Schulstrafen geht zurück auf die Schulordnung vom 8.8.1907, welche bis in die Nachkriegsjahre des Zweiten Weltkrieges noch Gültigkeit besitzen sollte. Siehe das GLK-Protokoll vom 18.12.1948. Hier werden 4 mögliche Strafen aufgelistet: Verweis, Schularrest bis 6 Stunden, Karzerstrafen bis zu 6 Stunden am Samstagnachmittag und solche bis zu einer Dauer von 2 Tagen, die aber dann unter Mitwirkung der Polizei erfolgen sollte. 173 Die komplette Quelle findet sich im Anhang. 174 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 31. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 47 wird der Gemeinde Hettingen nahegelegt, für die dortigen schulpflichtigen Lehrlinge den Anschluß […] der nur 3,46 km entfernten Bezirksgewerbeschule Buchen anzustreben.«175 In den Schuljahren 1924/25 gab es an der Gewerbeschule in Buchen 166 Schüler (davon 88 auswärtige), im darauffolgenden Jahr 172 Schüler (davon 111 auswärtige). An den Kreisrat mussten regelmäßig Kostenübersichten übersandt werden, auch um etwaige Bezuschussungen zur Förderung des Handwerks zu erzielen. Im Rechnungsjahr 1924/25 betrug der ungedeckte Aufwand am Schulbetrieb 2 946 Reichsmark, im Folgejahr 3 562 Reichsmark. Hiervon musste die Stadt Buchen allein zwei Fünftel tragen, die übrigen Gemeinden den Rest. So ist der hohe Kostenaufwand einer Gewerbeschule deutlich ersichtlich.176 Im Jahr 1925 wurde die Bezirksgewerbeschule Buchen gemäß der bereits erwähnten »Fachschul-Verordnung« dann eine sog. »gewerbliche Fachschule«, was bedeutete, dass man durchaus Schulgeld für den Unterrichtsbesuch verlangen durfte und womit sich die finanzielle Lage der Stadt Buchen etwas entspannte. Diese so bezeichnete »Fachschulreform« kam mit der »Fachschulordnung« des badischen Staatsministeriums vom 18. April 1925 zur Durchführung. Damit wurden die badischen Gewerbe- und Handelsschulen den allgemeinausbildenden höheren Schulen als Fachschulen zur Seite gestellt.177 So bewegten sich die Gewerbe- 175 Siehe Quelle Stadtarchiv Buchen H AB H A 207. 176 Siehe Brief vom Buchener Bürgermeister an den Kreisrat aus dem Jahr 1926, Stadtarchiv Buchen H AB H A 207. 177 Siehe Archivalie vom 14.8.1948, GL A-Bestand 481, Nr. 1656. schulen nun offiziell im Sekundarbereich II. Das Schulgeld betrug für Schüler aus den Verbandsgemeinden 21 Mark pro Jahr, für andere Schüler lag es bei einem höheren Betrag von 36 Mark im Jahr.178 Der Name des Gewerbeschulrats änderte sich auf »Beirat«. Im Jahr 1926/27 wurde in Buchen der Medizinalrat Dr. Baumann und im Dezember 1927 die »sachverständige Frau«, wie es in den Statuten heißt, Frau Luise Bernhard in den Beirat aufgenommen.179 Durch die Erhebung von Schulgeld kann man von einer gewissen verpflichtenden Motivation der Schüler zum Schulbesuch und zum aufmerksamem Verfolgen des Unterrichts ausgehen, doch dass es auch in den strengen 1920er-Jahren Disziplinprobleme mancher Schüler gab, verdeutlicht folgende Notiz vom 14. Juli 1924:180 »Beschluss. 1. Gegen den Gewerbeschüler Wörner wird eine Schulstrafe von 4 Stunden Arrest erkannt. Dieselbe ist am Sonntag den 20.ds. Mts. im Schullokal der Gewerbeschule von 10 bis nachm. 2 Uhr zu verbüssen. Die Ueberwachung wird dem Schuldiener Perino übertragen. 2. Nachricht dem Vater des Bestraften. 3. Auftragen an Schuldiener Perino.« Der ab 1925 neu geltende Lehrplan für die Gewerbeschulen ist für alle Unterrichtsfächer sehr detailliert ausgearbeitet:181 Wöchentlich 178 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 32. 179 Ebd. 180 Siehe Beschluss vom 14. Juli 1924, Stadtarchiv Buchen H AB OT A UD A 142. 181 Die Informationen bezüglich dieses Lehrplans werden den Ausführungen Brötels in: Brötel, 150 Jahre, 1997, Seite 32–34 entnommen. Erster Weltkrieg und die Zeit danach – die Gewerbeschule Buchen wird zur Bezirksgewerbeschule 48 sind 10 Stunden veranschlagt, die pro Klasse in 3 aufsteigenden Jahrgängen und bestenfalls in Parallelklassen durchzuführen sind, fachlich gegliedert. Neues Pflichtfach ist Religion. Deutsch mit Schriftverkehr und Staatskunde wird mit insgesamt zwei Wochenstunden zusammen unterrichtet. Als Karlsruher Gewerbelehrer und späterer Bürgermeister von Buchen und dann Landrat des Kreises Buchen konzipierte Franz Xaver Schmerbeck das erste Lehrbuch für Gewerbeschulen im Bereich Staatskunde. Es ist in der Entwicklung dieses Schultypus dieser Tage ersichtlich, dass die Umwandlung von gewerblichen Fortbildungsschulen in Gewerbeschulen allerorten eine zunehmende Zentralisierung und fachliche Spezialisierung nach sich zieht. Ab dem Schuljahr 1926/27 wurden die kaufmännischen Lehrlinge an die Handelsschule nach Walldürn geschickt.182 Doch kamen aufgrund der nicht sonderlich guten Verkehrsverbindungen in dieser Region dadurch auch individuelle Transportprobleme bei manchen Schülern auf. Ein fürsorglicher Vater schreibt im Sommer 1929 in folgendem Brief ans Ministerium nach Karlsruhe:183 »Mein Sohn Walter Metz, geboren am 29. Dezember 1914, besuchte bisher die Fortbildungsschule in Buchen. Am 24. Ds. Mts. Ist er in die Lehre getreten bei Architekt B o n n in W a l l d ü r n184 und ist daher nun gewerbeschulpflichtig. Seine eigentliche Lehre beginnt nach Ableistung einer vierwöchigen Probezeit. 182 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 32. 183 Siehe Quelle Stadtarchiv Buchen. 184 In der Archivalie gesperrt geschrieben. Mein Sohn Walter wohnt bei mir und fährt jeden Morgen mit dem Zug 7, 12 Uhr hier ab, trifft in Walldürn um halb 8 Uhr ein und würde auf diese Weise immer zu spät zum Unterrichtskurs in Walldürn eintreffen. Der Herr Gewerbeschulvorstand hier sagte mir, dass Walter gehalten wäre, die Gewerbeschule in Walldürn zu besuchen, wenn ihm nicht der Besuch der hiesigen Schule höheren Orts gestattet würde. Wenn mein Sohn die Gewerbeschule in Buchen besuchen dürfte, könnte er dann des Mittags hier am Familientisch sein warmes Mittagessen einnehmen und könnte nach diesem mit dem hier um 13 Uhr abgehenden Zug noch halbtägig zum Besuch seiner Lehrstelle gelangen, andernfalls müsste er ja, um nicht zu spät in die Schule in Walldürn zu kommen, am Abend vorher nach Walldürn fahren, dort übernachten und noch sein Morgenfrühstück mit Mittagessen dort einnehmen, was für mich mit schweren Unkosten verbunden und für die Dauer nicht ausführbar wäre. Aus den oben angeführten [sic] bitte ich, meinem Sohn zu gestatten, die Gewerbeschule in Buchen zu besuchen und die einschläglichen Stellen hiervon zu benachrichtigen. Mit Hochachtung Ergebenst! Gez. Hermann M e t z« In Buchen wurden im Schuljahr 1926/27 insgesamt 160 Schüler, 158 schulpflichtige und 2 freiwillige, in 6 Klassen mit je 2 nach Berufsgruppen gegliederten Parallelklassen pro Jahrgang unterrichtet.185 Ein Meistervorbereitungskurs mit 11 Teilnehmern ist auch zu verzeichnen.186 185 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 32. 186 Ebd, S. 32/33. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 49 Die Zeit des Nationalsozialismus Der allgemeine Aufschwung und auch die Tendenz zur Erweiterung der Bezirksgewerbeschule, auch im Hinblick auf die Etablierung eines neuen Zweiges, der Kfz- Abteilung, welche durch eine Schenkung eines Viertaktzylinders des Schlossermeisters J. Reinhard im Jahr 1928/29 in greifbare Nähe rückte,187 blieb aber in Anbetracht der Weltwirtschaftskrise und der geburtenschwachen Jahrgänge während des Ersten Weltkriegs nicht konstant. Die Schülerzahlen sanken in den Jahren 1928 bis 1932 auf 66 Schüler (53 davon aus Buchen).188 Das Schulgeld stieg zu einer immens hohen Summe von 137 Reichsmark im Jahr 1933 an, sodass sich der Gemeinderat der Stadt Buchen entschloss, das Schulgeld auf 32 Reichsmark zu senken, um die Eltern zu entlasten und den Besuch der Gewerbeschule wieder zu fördern.189 Man könnte behaupten, dass die Entwicklung der Berufsschule in der Weimarer Zeit zu einem Instrument der Arbeitsmarktregulierung geworden ist: Es wurde versucht, die Massen an jungen Arbeitslosen irgendwie unterzubringen, und zwar ohne dass die Arbeitsmoral zu sehr abflachte. Eine innere Reform bzw. eine Modernisierungstendenz des Berufsschulwesens stand in diesen Tagen nicht wirklich zur Diskussion. Doch man darf sagen, dass das badische Gewerbeschulsystem auch schon derzeit den Ansätzen der dual-alternierenden Ausbildung entsprach, die erst 1979 von der EU ihren Mitgliedsstaaten empfohlen wurde. Die Gewerbeschule bzw. der Teil der fachpraktischen Ausbildung (in den Schulwerkstät- 187 Ebd, S. 33. 188 Ebd. 189 Ebd. ten, falls vorhanden) verstand sich auch zu Weimarer Zeit schon als Partner der Ausbildungsbetriebe. Durch die Gleichschaltung im Dritten Reich, welche gezwungenerma- ßen auch das Schulwesen betraf, stagnierte jedoch die vielversprechende Weiterentwicklung der badischen Gewerbeschulen. III. 5) Die Zeit des Nationalsozialismus Mit dem Jahr 1933 radikalisierten sich auch in Buchen manche Gruppen im Rahmen der deutschen nationalsozialistischen Bewegung.190 Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Mai wird der Beirat des Bezirksgewerbeschule Buchen durch ministerielle Verfügung aufgelöst, die Bildung eines neuen Beirats mit dem Regime getreuen Personen wurde befugt.191 Es war Aufgabe des Gemeinderats, den Beirat neu aufzustellen: »Von dem Gemeinderat wird dabei erwartet, daß er […] nur national und social zuverlässige Personen arischer Abstammung als Mitglieder des Beirates bestimmt. Das ärztliche Beiratsmitglied muß nachweislich deutschrassig und national zuverlässig sein.«192 Das bisher gemeinsam im Stundenplan verankerte Fach Deutsch und Staatskunde wurde nun zum Fach »Deutschkunde«. Au- ßerdem wurde im Stundenplan eine weitere Stunde für »Spiel, Sport und Jugendpflege« wie auch ein Sporthalbtag, der für 190 Siehe über Buchen im Dritten Reich weiterführend: Ebersold, Buchen, 2012. 191 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 33. 192 Ebd. 50 jeden Jahrgang einmal pro Monat abzuhalten war, eingeplant.193 Um der Notlage auf dem Arbeitsmarkt mit 1,3 Millionen jugendlichen Arbeitslosen entgegenzusteuern,194 rückte natürlich auch das Gewerbeschulwesen bei den nationalsozialistischen Machthabern in den Fokus. Das am 1. Mai 1934 gegründete Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung richtete auch ein Amt für Erziehung mit einer gesonderten Abteilung für berufliches Ausbildungswesen ein, dem damit auch alle Berufs- und Fachschulen unterstellt waren.195 Darin sollten die Geschicke der Gewerbeschulpolitik gelenkt werden. Man orientierte sich aber im Bereich der curricularen Unterrichtsmaterialien immer noch hauptsächlich an den Ausbildungsunterlagen der Weimarer Zeit.196 Es entstanden zur Zeit des Nationalsozialismus verhältnismäßig wenige »Reichslehrpläne«.197 Die beiden übergeordneten Ziele der NS-Berufsschulpolitik lassen sich mit »deutscher Mensch und Fachmann« zusammenfassen.198 Man war bestrebt, die nationalistische Gesinnung im Unterrichtsgeschehen einzubauen und dabei die fachliche Expertise auszuweiten, gerade auch um die Industrie zu stärken. Die bis heute nachwirkenden Maßnahmen des Dritten Reichs im Gewerbeschulbereich sind aber zum Beispiel die ab dato vorherrschenden klaren und einheitlichen Bezeichnungen Berufsschule, 193 Ebd. 194 Siehe Greinert, Erwerbsqualifizierung, 2015, S. 70. 195 Siehe Grüner, Berufsschule, 1984, S. 14. 196 Ebd., S. 15. 197 Ebd. 198 Ebd., welcher verweist auf: Federle, S.: Reichseinheitliche Benennungen im Berufs- und Fachschulwesen des deutschen Reiches, Schuljahr 1938, Langensalza/Berlin/Leipzig 1941, S. V. Berufsfachschule und Fachschule. Die Begrifflichkeiten waren in der Historie bisher oft uneinheitlich und deswegen auch missverständlich angewandt worden. Man denke nur an den Begriff der Sonntagsschule mit seinen diversen Ausformungen. Mit dieser Beschränkung auf diese genannten drei Schultypen setzte man definierte und allseits verständlichen Grenzen, was unter dem »beruflichen Schulwesen« zu verstehen ist und was nicht. Jedoch kann man, bedingt durch das Dritte Reich, hier durchaus von einer Degradierung der Gewerbeschule sprechen. Erst Mitte der 1920er-Jahre in den Bereich des Höheren Schulwesens, den Sekundarbereich II, erhoben, spricht man nun nur noch umgangssprachlich von »Berufsschule«, ohne dies oftmals fachlich genauer zu unterschieden. Am 7. Juli 1938 wurde das »Reichsschulpflichtgesetz« und damit im beruflichen Schulbereich eine allgemeine Berufsschulpflicht eingeführt, um alle Jugendlichen sowohl ideologisch als auch im Hinblick auf das Voranbringen der militärischen Rüstung zu erfassen.199 Zu diesem Gesetz der Auszug einer Nachkriegsquelle von 1948 des badischen Gewerbelehrerverbandes:200 »Die Auswirkungen dieser schulreformerischen Massnahme [ Anm.: das Reichsschulpflichtgesetz] der volksbildungsfreundlichen Badischen Regierung, die bereits ein Teilstück der heute in den Ländern der Bizone erstrebten Schulreform vorwegnahm, wurde aber leider durch die rückschrittliche Schulpolitik des Dritten Reiches völlig zunichte gemacht. 199 Siehe Greinert, Erwerbsqualifizierung, 2015, S. 71. 200 Siehe Archivalie vom 14.8.1948, GL A-Bestand 481, Nr. 1656. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 51 Die mit dem Reichsschulpflichtgesetz vom 7. Juli 1938 verfügte Niveausenkung der badischen Gewerbeschule, die dadurch zur ›Berufsschule‹ degradiert wurde, machte sich auch auf dem Verwaltungssektor geltend; der verminderten Bedeutung des Gewerbeschulreferates für den Gau Baden und der Einschränkung seines Geschäftskreises entsprechend, dessen Schwerpunkt im Reichserziehungsministerium in Berlin lag, wurde auch die Zahl der Referenten herabgesetzt.« Für das gesamte deutsche Reichsgebiet liegt im 1941 erschienenen »Wegweiser durch das gewerbliche201 Berufs- und Fachschulwesen des Deutschen Reiches« der Reichsstelle für Schulwesen folgendes Zahlenmaterial über das berufsbildende Schulwesen vor:202 »3.199 Berufsschulen mit 1.825.686 Schülern, 18.357 hauptamtliche und 15.804 nebenamtliche Lehrkräfte. 1.233 Berufsfachschulen mit 138.055 Schülern, 5.173 hauptamtlichen und 2.630 nebenamtlichen Lehrern. 303 Fachschulen203 mit 53.613 Schülern, 2.759 hauptamtlichen und 1.634 nebenamtlichen Lehrern.« Die Bezirksgewerbeschule Buchen ist in diesem Wegweiser unter der Nummer B 2421 der sog. »Laufenden Reichsnummer« 201 Zum Bereich »gewerblich« zählte man damals – und noch in der Zeit nach dem Krieg – auch die kaufmännischen Schulen. 202 Siehe Wegweiser Schuljahr 1938, 1941, S. V. – Stichtag war der 25. Mai 1938, aber die in dem Jahr neu dazugekommenen Reichsgebiete wurden nicht mit eingerechnet. 203 Zu den Fachschulen zählte man auch die Ingenieur- und Bauschulen. Aber deren Nachfolgeorganisationen gehören heutzutage nicht mehr zum beruflichen Schulwesen. geführt.204 Erstaunlicherweise ist das Gründungsdatum der Buchener Gewerbeschule falsch: Hier wird irrtümlicherweise das Jahr 1848 angegeben. In aufgelisteter Form enthält der Wegweiser für Buchen folgende Informationen: • Zahl der verbindlichen wöchentlichen Unterrichtsstunden:10,5 • Zahl der Klassen für Pflichtunterricht: 6 • Zahl der Klassen für Wahlkurse: 2 • Gesamtzahl der Wochenstunden in Pflichtklassen: 63 • Gesamtzahl der Wochenstunden in Wahlkursen: 6 • Von den Wochenstunden der Pflichtklassen werden erteilt: • in der Zeit von 7 bis 13 Uhr: 58 • in der Zeit von 13 bis 20 Uhr: 5 • Zahl der Lehrer im Hauptamt: 2 männliche Lehrer • Zahl der Lehrer im Nebenamt: 3 männliche Lehrer • Gesamtzahl der Schüler: 111 Jungen und 7 Mädchen In dem Wegweiser wird sogar eine Geburts- übersicht der einzelnen Schüler aufgelistet. So ist daraus ersichtlich, dass an der Bezirksgewerbeschule Buchen von den insgesamt 118 Schülerinnen und Schülern 10 Jungen im Jahr 1924 geboren waren, 30 Jungen und ein Mädchen im Jahr 1923, 34 Jungen und 4 Mädchen im Jahr 1922, 32 Jungen und ein Mädchen im Jahr 1921, 5 Jungen und ein Mädchen im Jahr 1920. Älter als 1920 war dereinst niemand.205 Von den Pflichtschülern lebten 27 Jungen und 4 Mädchen 204 Siehe Wegweiser Schuljahr 1938, 1941, S. 182–185. 205 Ebd., S. 184. Die Zeit des Nationalsozialismus 52 am Schulort, also in Buchen, 84 Jungen und 3 Mädchen lebten außerhalb des Schulortes. Der Hitlerjugend gehörten nach dem Wegweiser 106 Jungen an, dem Bund Deutscher Mädel 5 Mädchen. In der S A und der SS waren 2 männliche Pflichtschüler. Vom Krieg dann letztlich in seiner endgültigen Durchsetzung verhindert, war im Nationalsozialismus der Plan eines »Reichsberufsschulgesetzes« aufgesetzt, der sich im Essenziellen folgendermaßen zusammenfassen lässt:206 »Dreijährige Berufsschulpflicht mit 8 Wochenstunden Unterricht, Beschulungspflicht der Schulträger, reichseinheitliche Lehrpläne, engste Anlehnung der Berufsschule an die betriebliche Ausbildung, Schulträgerschaft im Wesentlichen durch die Stadtoder Landkreise, Berufsschulbeiräte aus Wirtschaftsvertretern zur Beratung der einzelnen Berufsschulen, Berufsschullehrer als reichsunmittelbare Beamte.« Eigentlich war mit diesem Modell die Idee der sich ab 1945 überall in Westdeutschland etablierenden Pflicht-Berufsschule festgeschrieben – natürlich dann unter anderer politischer Gesinnung. Schulleiter an der Bezirksgewerbeschule in Buchen war während des Dritten Reichs bis zum Jahr 1939 Studienrat Karl Eng- 206 Zitiert nach Greinert, Erwerbsqualifizierung, 2015, S. 72, der sich bezieht auf Grüner, Gustav: Das berufliche Schulwesen, in: Jeserich, G. A. u. a. (Hrsg.): Deutsche Verwaltungsgeschichte, Bd. V: Die Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart 1986, S. 643– 653, hier: S. 651. lert207, August Jacobi war sein Nachfolger. Ab dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 kam es zu Kriegseinberufungen mancher Lehrer und somit zu mehreren Wechseln bei der Schulleitung und Lehrern, bis schließlich ab dem 1. Juli 1941 Friedrich Krust von Walldürn nach Buchen abgeordnet wurde und von 1942 bis zur kriegsbedingten Schließung der Schule ein Jahr später die Schulleiterrolle übernahm.208 Die Walldürner Gewerbeschule wurde schließlich mit der Buchener daselbst vereinigt. Bis Mai 1946 sollte die Gewerbeschule Buchen geschlossen bleiben. Der Landkreis Buchen war ab 1939 Schulträger für alle sich im Kreisgebiet befindlichen Gewerbeschulen und trug damit auch alle Sachkosten für die Schulen Adelsheim (gegründet 1900), Buchen (gegr. 1847), Eubigheim (gegr. 1913), Hardheim (gegr. 1926), Mudau (gegr. 1878) und Walldürn (gegr. 1864).209 Somit wurden die Aufgaben für diese Schulen auf Kreisebene übertragen. 207 Siehe Willax, 100 Jahre, 1949, S. 8, der nahezu ein Loblied auf Englert anstimmt: »Von den an der Schule tätigen Gewerbelehrern sei besonders erwähnt: Studienrat Karl Englert, der in nahezu 20-jähriger unermüdlicher Tätigkeit von 1920– 1939 seine ganze Arbeitskraft in den Dienst der Erziehung des handwerklichen Nachwuchses gestellt hat. Das Amt eines Schriftführers im Gewerbeverein, in der Schreinerinnung, ebenso in der Schmiedeinnung, die ihn später zu ihrem Ehrenmitglied ernannte, gab ihm die Gelegenheit, mit seinen reichen Erfahrungen das Handwerk jederzeit zu unterstützen und zu fördern.« 208 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 34. 209 Ebd., S. 40. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 53 Nach den Kriegsjahren – die Bezirksgewerbeschule wird zur Zentralgewerbeschule III. 6) Nach den Kriegsjahren – die Bezirksgewerbeschule wird zur Zentralgewerbeschule »Infolge der politischen Säuberung der Verwaltung nach Kriegsende hatten die badischen Gewerbeschulen zunächst überhaupt keine Vertretung bei der Unterrichtsbehörde.«210 Um den nordbadischen Wiederaufbau des Gewerbeschulwesens voranzutreiben, wurde aus drei Gewerbeschulvertretern auf ehrenamtlicher Basis eine Kommission zur Bearbeitung grundsätzlicher Fragen des Gewerbeschulwesens gegründet, welche durch Erlass des Herrn Präsidenten der Landesverwaltung Baden, Abteilung Kultus und Unterricht, am 6. Dezember 1945 ins Leben gerufen wurde.211 Gleich in diesem ersten Dezember nach Kriegsende erfolgte am 10. des Monats eine Besichtigung der Gewerbeschule Buchen bzw. der dortigen leerstehenden Gebäude. Der Wortlaut des Besuchsberichts bezeugt einen sehr guten Zustand der Gewerbeschule:212 »Das Gebäude der Gewerbeschule in Buchen befindet sich in einem sehr guten Zustand. Die in Buchen anwesenden Studienräte Joachim Rathmann und August Jacobi haben trotz ihrer Entlassung in vorbildlicher Weise dafür gesorgt, daß die Schule jederzeit eröffnet werden kann. Die Lehrer wurden durch den dortigen Bürgermeister Schmerbeck auf das Nachdrücklichste unterstützt.« 210 Siehe Archivalie vom 14.8.1948, GL A-Bestand 481, Nr. 1656. 211 Ebd. mit Verweis auf den Erlass Nr. D 1307. 212 Siehe Archivalie vom 22.12.1945, bezogen auf die Besichtigung am 10.12.1945, GL A-Bestand 235 Nr. 36549. Im Mai 1946 erfolgte die Wiederaufnahme des Unterrichts an der Bezirksgewerbeschule Buchen.213 Die allgemeinen Denazifizierungstendenzen waren überall im Gange, wie durch die amerikanische Besatzung gefordert und durchgeführt.214 Erst nach politischer Überprüfung der Lehrkräfte durfte der Unterrichtsbetrieb wieder aufgenommen werden. Die amerikanischen Besatzer waren von der badischen Gewerbeschulidee beeindruckt, wie man einer Bestandsaufnahme des Verbandes der Lehrkräfte an badischen Gewerbeschulen entnehmen kann:215 » Auch die Vertreter der amerikanischen Erziehungsbehörde waren von dem verhältnismäßig wenigen, was ihnen nach Kriegsende in den besichtigten badischen Gewerbeschulen noch vorgeführt werden konnte, stark beeindruckt.« Man knüpfte personell und konzeptionell schließlich wieder an den Schulbetrieb der 1920er- und 1930er-Jahre an. Die Bildungspolitik betrachtete die Berufsschule aber wieder bzw. weiterhin eher nur marginal, war sie doch fokussiert auf das dreiglied- 213 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 40. 214 Die Denazifizierungsmaßnahmen, auch politische Säuberungen genannt, zogen sich natürlich deutschlandweit über mehrere Jahre hin. Für die ZGB findet sich im Protokoll der GLK vom 3.6.1948 der Verweis: »Der Referent des nordbadischen Gewerbeschulwesens Herr Studienrat Heiß sprach über […] die Durchführung der politischen Säuberung in den Gewerbeschulen [in Nordbaden] und wieß unter anderem darauf hin, daß wohl ein Teil der durch Gesetz betroffenen Lehrkräfte nach Vorhandensein eines rechtsgültigen Spruchkammerentscheides wieder in Dienst gestellt werden, daß dies aber je nach Art der Belastung nicht für alle Lehrkräfte der Fall sein könne. Besonders vor 1933 in der Partei tätigen Lehrer werden einer scharfen Kontrolle unterzogen.« 215 Siehe Archivalie vom 14.8.1948, GL A-Bestand 481 Nr. 1656. 54 rige System mit Volksschule, Mittelschule und Oberschule. Entsprechend der allgemeinen Zeitumstände waren die äußeren Bedingungen im gesamten Schulbetrieb in Buchen und im Kreis generell schwierig. So erschien am 19. Oktober 1946 in den Fränkischen Nachrichten ein Zeitungsartikel216 mit dem Titel » Allgemein erschwerter Schulbetrieb« wie folgt: »Nach einer Mitteilung des Kreisschulamtes beträgt die Zahl der eingetragenen Schüler im Landkreis Buchen nach dem Stande vom 15. Oktober 10.441. Augenblicklich sind 177 Lehrkräfte beschäftigt, jedoch werden zu einer normalen Schultätigkeit noch weitere 29 Lehrer benötigt. Lese- und Rechenbücher fehlen in manchen Klassen vollständig. Außerdem mangelt es an Schiefertafeln; zumal die Beschaffung von Heften seit einigen Monaten nahezu unmöglich ist. Ein geordneter Schulbetrieb ist unter diesen Umständen nicht gewährleistet. Die Belegung von Lehrerwohnungen mit Neubürgern macht sich insofern ungünstig bemerkbar, da zurzeit die Möglichkeit besteht, eine normale Besetzung der Lehrstellen vorzunehmen, jedoch bereits in den Landkreis eingewiesene Lehrkräfte mangels Wohnmöglichkeit wieder zurück geschickt werden müssen. Ohne eine durchgreifende Regelung ist weiterhin mit den größten Schwierigkeiten zu rechnen.« Dem Kreis Buchen wie auch dem Kreis Mosbach wurden nach Kriegsende Abertausende Flüchtlinge zugeteilt:217 Innerhalb von acht Monaten kamen in den Landkreis Buchen 216 Siehe Fränkische Nachrichten, 19.10.1946. Quelle eingesehen im Archiv der FN in Tauberbischofsheim. 217 Siehe Kieser/Fuchs, Neckar – Odenwald – Bauland, 1980, S. 17. 22 000 Heimatvertriebene, sodass die Einwohnerzahl im Vergleich zum Jahr 1939 um über 50 Prozent gestiegen ist. Eine Neuorganisation des Gewerbeschulbetriebs wurde angestrebt. Ein Brief vom 8. Januar 1947 ins Ministerium nach Karlsruhe gibt Aufschluss über die damalige Situation:218 »Die Unterrichtsverwaltung befaßt sich auf Anregung des Herrn Landrats des Landkreises Buchen mit der Frage der Neuorganisation des Gewerbeschulwesens im Landkreis Buchen. Vor Kriegsende bestanden dort folgende Gewerbeschulen: Gewerbeschule Buchen (3 Lehrkräfte), Gewerbeschule Mudau (1 Lehrkraft), Gewer beschule Walldürn (1 Lehrkraft), Gewerbeschule Adelsheim (1 Lehrkraft), Gewerbeschule Hardheim (1 Lehrkraft) und Gewerbeschule Eubigheim (1 Lehrkraft). Die Ergebnisse der gewerblichen Schulung in diesem Landkreis waren schon in der Vergangenheit nicht befriedigend, weil die Gewerbeschulen mit Ausnahme von Buchen in der Regel nur einen Gewerbelehrer beschäftigt haben, der die verschiedenen gewerblichen Berufe in einer Sammelklasse (Mischklasse) zusammenfaßte und unterrichtete. Die Ergebnisse solchen Unterrichts können nicht verglichen werden mit dem Ergebnis des Unterrichts in zusammengefaßten Fachklassen. Auch kann die Schulaufsicht nicht genügend durchgeführt werden, wenn Gewerbeschulen mit nur einem Lehrer direkt der Unterrichtsverwaltung unterstehen. Das Gewerbeschulwesen im Landkreis Buchen bedarf aber anderseits schon deswegen besonderer Förderung, weil die Zuwanderung von vielen tausenden von Flüchtlingen ein starkes Bedürfnis nach neuen gewerblichen Berufen erweckt. 218 Siehe Archivalie vom 8. Januar 1947, GL A-Bestand 481 Nr. 1656. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 55 Es wird daher vorgeschlagen die Gewerbeschule in Buchen zu einer Zentral-Gewerbeschule des Kreises zu machen und dieser die Gewerbeschulen in Mudau, Walldürn, Adelsheim, Hardheim und Eubigheim dienstlich zu unterstellen. Wesentlich neue Kosten – außer den Reisekosten, die durch auswärtige Schulaufsicht durch den Direktor der Gewerbeschule in Buchen erwachsen – entstehen dadurch der Staatskasse nicht; zudem trägt der Landkreis in allen Fällen den ganzen sachlichen Aufwand und einen hohen Prozentsatz des persönlichen Aufwands. Der Landrat hat zugesagt, daß der Zentralgewerbeschule ein Sekretariat und eine Schreibkraft zur Verfügung gestellt werden sollen. Neu an der vorgeschlagenen Organisation ist nur, daß die Gewerbeschulen des Landkreises nicht mehr direkt der Unterrichtsverwaltung, sondern dieser nur noch indirekt über die Zentralgewerbeschule in Buchen unterstehen. Die vorgesehen Maßnahme ist eine Behelfsmaßnahme, deren Bewährung abgewartet werden sollte. Zweifellos erscheint sie aber geeignet die Schulaufsicht besser durchzuführen und außerdem die Bildung von Fachklassen zu ermöglichen.« Mit diesem Schreiben zeigt sich eine deutliche Tendenz, die sich auch in den kommenden Jahren bewähren sollte: Man legte den Fokus auf das Fachklassenprinzip, um den Unterricht effektiver zu gestalten. Auch suchte man nach einer Maßnahme, dem großen Flüchtlingsstrom bzw. Strom Heimatvertriebener gerecht zu werden, die auch ins Schulsystem drängen sollten. Eine zentrale Organisation der vielen kleinen Schulstandorte erschien die beste Maßnahme, um die Region im Gewerbeschulbereich wieder »in geordnete Bahnen« zu bringen. Landrat Schmerbeck ersuchte den Präsidenten des Landesbezirks Baden, Herrn Dr. Köhler, in einem Brief vom 15. Januar 1947, mit seinen persönlichen Organisationsvorschlägen für die Gewerbeschulen in seinem Kreis.219 Er verlangte: »[…] es müssen auch Hilfskräfte eingestellt werden, deren unterrichtliche Tätigkeit einer ständigen Überwachung bedarf«. Wahrscheinlich dachte er hier auch an die nach dem Krieg vielerorts eingesetzten »Notlehrer«, die mittels Kurzausbildung für das Unterrichten mehr oder minder fit und direkt einsetzbar gemacht worden sind. »Heute fehlen aus den verschiedensten Gründen die geschulten und befähigten Lehrkräfte, um überall den normalen Pflichtunterricht für die Lehrlinge aufnehmen zu können«, so Schmerbeck. An anderer Stelle gibt er Aufschluss über die Lehrsituation in Buchen: »Die Schule Buchen ist z. Zt. mit einer tüchtigen voll ausgebildeten Lehrkraft besetzt.« Schmerbeck setzt sich auch ganz klar für eine Zentralisierung in Buchen ein. Die Nebenschulen sollten sich an Buchen orientieren: »Die mit Hilfskräften besetzten weniger gegliederten Nebenschulen sind auf die Unterrichtshilfe und stete Führung der Kreisgewerbeschuldirektion angewiesen.« Der Erlass des Präsidenten des Bezirks Baden, Abt. Kultus und Unterricht, Nr.: D 1101 vom 24. März 1947 betr. »Organisation der Gewerbeschulen im Landkreis Buchen« erhob die Gewerbeschule in Buchen dann rechtskräftig zu einer Zentralgewerbeschule des Landkreises Buchen, aber immer noch mit dem Passus »Versuchsmaßnahme«:220 219 Siehe Archivalie vom 15. Januar 1947, Brief Schmerbeck an Köhler, GL A-Bestand 481 Nr. 1656. 220 Zitiert nach: Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 41. Nach den Kriegsjahren – die Bezirksgewerbeschule wird zur Zentralgewerbeschule 56 » Auf Anregung des Landrats [ Anm.: Herr Schmerbeck221] des Landkreises Buchen wird mit Zustimmung des Herrn Präsidenten des Landesbezirks Baden die Gewerbeschule in Buchen, zunächst als Versuchsmaßnahme, zu einer Zentralgewerbeschule des Landkreises Buchen in der Weise umgestaltet, daß ihr die Gewerbeschulen Mudau, Walldürn, Hardheim und unter vorläufiger Aufhebung des Gewerbeschulverbandes Adelsheim die Gewerbeschulen Adelsheim und Eubigheim dienstlich unterstellt werden. Der jeweilige Leiter der Gewerbeschule in Buchen ist der unmittelbare Dienstvorgesetzte der Lehrer an den obengenannten Gewerbeschulen […]. Der ordentliche Dienstweg geht über die Gewerbeschule in Buchen. Mit der Organisation und dem Neuaufbau des Gewerbeschulwesens im Landkreis Buchen ist der derzeitige vorläufige Leiter der Gewerbeschule in Buchen, Studienrat Schaab, beauftragt.« Somit war nun die ihrem heutigen Namen nun entsprechende Zentralgewerbeschule Buchen, mit den beiden Kern-Schulstandorten Buchen und Walldürn, entstanden, deren Kürzel sich im Laufe der Jahre mit »ZGB« einprägen sollte, heutzutage in roter Schrift auf blau-weißem Grund mit dem Zusatz »traditionell-fortschrittlich«. Durch eine Erkrankung des Studienrates Schaab und dessen anschließender Versetzung nach Heidelberg wurde Studienrat Friedrich Krust im Juli 1947 erst als Krankheitsvertretung und schließlich ab Oktober desselben Jahres erneut zum Schulleiter in Buchen ernannt, wie bereits im Schuljahr 221 Herr Franz Xaver Schmerbeck war vor dem Krieg Gewerbelehrer an den Gewerbeschulen in Karlsruhe, Schopfheim und Mannheim. 1942/43.222 In diesem Jahr hätte auch das 100-jährige Jubiläum der Schule gefeiert werden sollen, aufgrund der Kriegsnachwirkungen und der Neustrukturierung wurden die Feierlichkeiten jedoch erst zwei Jahre später – man hatte in den ersten Nachkriegsjahren ganz andere Sorgen, als eine Feierstunde abzuhalten – im Rahmen der Buchener Heimattage angesetzt. Allmählich lief der reguläre Schulbetrieb wieder seinen geordneten Gang. Auch die Meistervorbereitungskurse wurden wieder aufgenommen. Einer Ankündigung der Fränkischen Nachrichten vom 14. Februar 1948 ist zu entnehmen:223 »In den Gewerbeschulen Buchen und Walldürn laufen augenblicklich Vorbereitungskurse für die Meisterprüfungen, die im Landkreis Buchen zum ersten Male nach Berufsgruppen gruppiert sind. Trotz des Mangels an Lehrkräften konnten vorerst vier Kurse für die Berufsgruppen Metall, Holz und Bau eingerichtet werden. Leider konnte eine größere Anzahl von Antragstellern nicht zugelassen werden, da hierfür nicht das Lehrpersonal zur Verfügung steht. Außerdem fehlt es an Heften, Blocks, Zeichenpapier und anderem Unterrichtsmaterial. Die Schulleitung hofft, wenigstens in einigen Monaten den Unterricht einigermaßen normal gestalten zu können.« Die Anmeldezahlen für diesen Meistervorbereitungskurs lagen im Bereich Metall bei 27 Schülern, Bau bei 24 Schülern, Holz bei 19 Schülern und Ausstattung bei 53 Schülern.224 Diese große Anzahl konnte derzeit 222 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 41. 223 Siehe Fränkische Nachrichten vom 12.2.1948, eingesehen im Archiv der Fränkischen Nachrichten in Tauberbischofsheim. 224 Siehe GLK-Protokoll vom 29.11.1947. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 57 von der Schule nicht aufgenommen werden, jedoch zeigt sie, dass vonseiten der Schüler durchaus Interesse an beruflicher Weiterqualifikation besteht bzw. viele Jugendliche höher qualifiziert ins Berufsleben gehen wollten. Bestärkt wurde diese Entwicklung auch durch die vielen Neubürger: Schule und ( Aus-)Bildung bedeutet auch immer auch eine Integrationsmöglichkeit. Doch nach wie vor mangelte es an Lehrpersonal. Die Region war eben nicht so reizvoll wie die Metropolen Mannheim, Heidelberg und Karlsruhe mit ihren zahlreichen Zerstreuungsangeboten und so blieben Personen aus den akademischen Berufsgruppen, die jahrelang das Leben in Universitätsstädten genossen haben, generell eher fern. Dafür kann das Gewerbe bzw. die gewerbliche Struktur Buchens auf eine langjährige prosperierende Entwicklung zurückblicken, in deren Tradition man sich mit der Ausweisung eines neuen Industriegeländes in Buchen stellte. Ein positiver Umstand, der in der Folgezeit auch der ZGB viele neue Schüler und Kooperationen mit Firmen zutragen sollte. Die Fränkischen Nachrichten berichten in ihren »Streiflichtern aus Buchen« in der Ausgabe vom 7. August 1948 über »Unsere Kreisstadt Buchen in Handel und Wandel«:225 »Handel und Gewerbe Buchens waren schon im Mittelalter weithin bekannt. Die Garn- und Tuch-, sowie Roßmärkte des Odenwaldstädtchens erfreuten sich neben den vier Jahrmärkten (an Fastnacht, im Mai, an Jakobi und Martini) eines regen Zuspruchs. Kaiser Maximilian verlieh der Stadt 225 Siehe Fränkische Nachrichten vom 7.8.1948, eingesehen im Archiv der Fränkischen Nachrichten in Tauberbischofsheim. außerdem das Recht, jeden Montag einen Wochenmarkt abzuhalten. Heute noch hat der Schützenmarkt, alias Bleckermarkt, neben der Fastnacht der zweite ›Nationalfeiertag‹ der Buchener, eine besondere Bedeutung. Hoffen wir, daß auch bald der ›grüne Markt‹ wieder eingeführt werden kann. Aus [sic] das Buchener Handwerk konnte sich sehen lassen. Vor 100 Jahren noch hatte das Talerstädtchen 27 Rotgerber, 47 Schuster, 10 Hutmacher, 2 Säckler, 2 Lichterzieher, 3 Kübler, 3 Drechsler, 3 Schönfärber, 3 Strumpfwirker, 5 Bierbrauer und 7 Sattler. Besonders bekannt war die Gerberzunft, an die heute noch der Lohplatz erinnert. Der große Buchener Theologe Konrad Wimpina war beispielsweise ein Gerbersohn. Auch die Märzgasse verdankt ihren Namen einem Handwerk, nämlich den Mangern, d.h. den Färbern. Schon dieser kleine Rückblick beweist, daß Buchen eine alte handwerkliche und geschäftliche Tradition besitzt. Das Wort vom ›rückständigen Hinterland‹ darf nur dann zitiert werden, wenn man gleichzeitig die verkehrs- und geländemä- ßigen Schwierigkeiten berücksichtigt, wie sie gerade heute besonders hemmend zu Tage treten. Anlässlich eines Gesprächs bezeichnete Bürgermeister Kaiser, der sich sehr um die industrielle und gewerbliche Entwicklung der Kreisstadt bemüht, die Geländebeschaffung als größte, jedoch nicht unlösbare Schwierigkeit. Die Stadtgemeinde besitzt innerhalb des Ortsetters zu wenig geeignetes Gelände, um freizügig industriellen Planungen Raum geben zu können. Als erster Schritt wurde das ehemalige R AD-Gelände an einige interessierte Betriebe und ein Barackenbau am Krankenhaus an die Rauchwarenfirma Keskari & Co. vergeben. Östlich der Stadt, in unmittelbarer Nähe der Holzwarenfabrik Fertig, ist das Gewann ›Bei den Dill- äckern‹ als künftiges Industriegelände in städteplanerisch einwandfreier Lage vor- Nach den Kriegsjahren – die Bezirksgewerbeschule wird zur Zentralgewerbeschule 58 gesehen. Die Firma ›Nordbadische Rohprodukte‹ hat dort bereits mit dem Bau einer Anlage begonnen. Für weiteres Gelände an den ›Dilläckern‹ interessierten sich die HEP AG, die Firma Hietzker & Sohn, das Transportunternehmen Basse226 & Wanke, die Wagnerei Kaiser, ein Holzverarbeitungsbetrieb sowie die Süddeutsche Kettenfabrik, um nur einige wenige zu nennen. Das Gelände soll durch eine [sic] Gleisanschluß und eine Straßenverbindung verkehrstechnisch erschlossen werden. Außerdem beabsichtigt eine Bettfedernfabrik ihren Betrieb nach Buchen zu verlegen. Zur Bereitstellung des Geländes will der Bürgermeister die bisherigen Grundstückseigentümer zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen, damit die Geländeveräußerung an die einzelnen Firmen in einer allen Teilen gerecht werdenden Weise abgewickelt werden kann. […]« Wenn die Gemeinde frei von Fürsorgeempfängern und Arbeitslosen sein soll, so auch die Ansicht Bürgermeister Kaisers, dann müsse man sich für den Ausbau eines neuen Industriegebietes einsetzen, denn Buchen brauche nach wie vor eine florierende Industrie und Geschäfte. Effektiver in der Klasseneinteilung bei größerer Schüleranzahl ist nun das Zusammenfassen von nur einer bzw. von eng verwandten Berufsgruppen in einer Jahrgangsklasse. Das auch von Schmerbeck bereits geforderte Fachklassenprinzip gelang somit zur Umsetzung und machte den Unterricht damit definitiv qualitativ hochwertiger. In Buchen und Walldürn werden die Abteilungen ab 1947 wie folgt zusammenge- 226 Bei diesem Wort liegt eine verderbte Stelle in der Archivalie vor und macht die Rekonstruktion des Wortes schwierig. fasst:227 In Buchen zum einen die Abteilung Bau mit den Maurern, Gipsern, Bautechnikern und Malern/Tünchern; die Abteilung Holz mit den Schreinern, Wagnern und Zimmerern; das Textilgewerbe mit Berufen wie Schneider oder Modist; die Lederberufe wie Sattler oder Schuhmacher in der Abteilung Ausstattung. Die Friseure sind ebenfalls in der Abteilung Ausstattung, womit nun alle angehenden Friseure des gesamten Landkreises gemeinsam unterrichtet werden.228 In Walldürn gab es die Abteilung Metall mit den Maschinenschlossern, Bauschlossern, Schmieden, Elektrikern und Kraftfahrzeughandwerkern sowie eine Abteilung Nahrung mit den Bäckern und Metzgern. Die Beschulung in Fachklassen sollte auch das Wohl der Lehrer stärken, wie der Bestandsaufnahme vom Juli 1948 zu entnehmen ist: »Durch diese Anordnung [ Anm.: die Einteilung in Fachklassen] ist eine klare für den Landkreis seither nie möglich gewesene weitgehende fachliche Ausrichtung der Berufe erfolgt. Gleichzeitig wurde damit eine beruflich zu vielseitige Beanspruchung der Lehrkräfte vermieden, womit eine Steigerung der Arbeitsfreude der Lehrkräfte verbunden ist.« Um den noch kriegsbedingten Mangel an Anschauungsmaterial zu kompensieren, überlegte man sich, »[…] eine Reihe von Wandbildern im Lichtpausverfahren zur Überbrückung des augenscheinlichen Mangels an Anschauungsmaterial [anzuschaffen]«. Das Schulle- 227 Information entnommen aus: Archivalie vom 30. Juni 1948, einer sechsseitigen Bestandsaufnahme des Schulwesens in Buchen-Walldürn, GL A- Bestand 481 Nr. 1656, wie auch aus: Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 42. 228 Siehe auch GLK-Protokoll vom 6.3.1948. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 59 ben sollte auch nach Prinzipien der Transparenz und Verfolgbarkeit logisch und in Zusammenarbeit mit dem ganzen Kollegium organisiert werden. Man wünschte sich eine »übersichtliche Registratur mit Hängeordnern für die Aufnahme von Personalakten, Lehrgängen und Stoffplänen, lichtpausfähigen Lehrgängen etc.«. Insgesamt schließt die Bestandsaufnahme mit folgenden Worten und einem verheißungsvollen Ausblick in die Nachkriegsjahre: »Zusammenfassend ist die Schulleitung der Auffassung, daß die Neuorganisation der Gewerbeschulen des Landkreises einen bedeutenden Fortschritt in der Entwicklung der Gewerbeschulen dieses Gebietes darstellt und daß ein weiterer systematischer Ausbau der jetzt geschaffenen Schulen diese in die Lage versetzt, den gesteigerten Anforderungen auf dem Gebiete der Lehrlingsausbildung gerecht zu werden. […] Sollte es gelingen (auf dem Weg über den Verband der nordbadischen Lehrkräfte) den Kreis der rückhaltlos zusammenarbeitenden Schulen zunächst des ›Frankenlandes‹ und dann ebenso der gesamten Badischen Gewerbeschule zu erreichen, dann wird diese in kürzester Zeit die heutige Notlage überwunden haben und allgemein befruchtend auf die Erziehung der gesamten deutschen Jugend wirken können.« Die Bildung der Fachklassen bzw. auch Fachgruppenklassen wurde auch vonseiten der handwerklichen Organisationen im Kreis Buchen begrüßt. So schreibt der Vorsitzende der Kreishandwerkschaft Buchen hierzu im Jahr 1949: »Besonders wird von uns [ Anm.: der Kreishandwerkschaft Buchen] die Einrichtung von reinen Fachklassen begrüßt, wodurch ein seither bestehender Rückstand gegenüber den Großstadtschulen verschwindet.«229 Zum gegenwärtigen Stand des Handwerks in den Nachkriegsjahren und zum Verhältnis zwischen der Gewerbeschule und den regionalen handwerklichen Institutionen hält Stalf aufschlussreich fest:230 »Die Handwerker in unserem Landkreis sind überwiegend Klein- und Kleinstbetriebe, d. h. Alleinmeister oder solche mit 1 bis 2 Lehrlingen. Vielfach stehen sie durch die Art ihres Gewerbes in engster Verbindung mit dem größten Berufsstand des Kreises, der Landwirtschaft. Sie betreiben oft selbst noch eine kleine Landwirtschaft, oder besitzen wenigstens Grundstücke, durch die sie gleich dem Bauern, mit der Heimat verwurzelt sind. Ungefähr 1800 Handwerksbetriebe setzen sich aus etwa 40 verschiedenen Berufen zusammen. 17 Handwerkszweige sind es, die in größerer Zahl im Landkreis vertreten und in Innungen organisiert sind, die den Kreis umfassen. Diese Innungen haben zusammen 1525 Mitglieder mit ca. 800 Gesellen, 669 Lehrlingen und 18 Umschülern. Bei den übrigen Berufen erstrecken sich, je nach ihrer Stärke, die Innungen auf mehrere Kreise oder auch auf das ganze Land. Die Vertretung des Gesamthandwerks des Kreises liegt bei der Kreishandwerkschaft. Sie ist vor allem deren Willensträger gegenüber dem Landrat und hat durch Gutachten und Auskünfte die Behörde zu unterstützen. Außerdem führt sie die Geschäfte für die 17 angeschlossenen Innungen und die Lehrlingsrolle im Auftrag der Handwerkskammer. Anordnungen der Behörde und der Kammer leitet sie weiter an die Innungen oder einzelne Interessen- 229 Siehe Ausstellungsführer des Verbandes zur Förderung von Kultur und Wirtschaft im Landkreis Buchen anlässlich der Heimattage 1949 in Buchen/ Odenw., Buchen 1949, S. 10. 230 Ebd. Die Quelle wurde hier in Gänze transkribiert, um dieses wohl nur singulär vorhandene Zeitzeugnis festzuhalten. Nach den Kriegsjahren – die Bezirksgewerbeschule wird zur Zentralgewerbeschule 60 ten des Handwerks. Da der Kreishandwerksmeister gleichzeitig Vorstandsmitglied der Handwerkskammer ist, kann in allen handwerklichen Fragen Auskunft erteilt werden. Im Frühjahr und Herbst jeden Jahres fordert die Kreishandwerkerschaft auf Grund der Lehrlingsrolle die Lehrlinge, welche ihre Lehrzeit beendet haben, zur Gesellenprüfung auf. Die Gesellenprüfungen werden von den Prüfungsausschüssen der Innungen abgenommen. Im Frühjahr 1949 waren es 148 Prüflinge, zur Herbstprüfung haben auch 138 Lehrlinge gemeldet. Meisterprüfungen werden einmal im Jahr durch vom Landesgewerbeamt bestellte Prüfungskommissionen durchgeführt. 61 Junghandwerker unseres Kreises haben sich 1948 mit Erfolg der Meisterprüfung unterzogen. Als Vorbereitung zur Meisterprüfung werden an den Gewerbeschulen Kurse abgehalten. In diesem Zusammenhang sei auch bemerkt, daß zwischen den Gewerbeschulen und den handwerklichen Organisationen bestes Einvernehmen und Zusammenarbeit besteht. Besonders wird von uns die Einrichtung von reinen Fachklassen begrüßt, wodurch ein seither bestehender Rückstand gegen- über den Großstadtschulen verschwindet. Die Förderung des handwerklichen Nachwuchses wird als eine unserer dringendsten Aufgaben erkannt und mit allen Mitteln unterstützt. Den Heimattagen des Landkreises Buchen mit seinen Ausstellungen wünschen wir vollen Erfolg und bitten alle Besucher um Nachsicht, wenn sie vom Handwerk nicht alles finden, was sie erwarten. Die wirtschaftliche Not ist hier besonders groß. Der Handwerker hat zu jeder Zeit, auch vor der Währungsreform, gearbeitet, sein Material verschafft und das nicht mehr hereingebracht, was er hinausgab. Warenhortungen waren hier nicht möglich. Am 21. Juni 1948 standen die meisten Handwerker vor einem Nichts und mußten wieder ganz von vorne anfangen, was sie heute noch belastet. Haben Sie Vertrauen zu Ihren Handwerkern! Auch das Handwerk hat sich und seine Betriebe den technischen und wirtschaftlichen Erfordernissen der neuen Zeit angepaßt. Fördert das Handwerk! Als das deutsche Handwerk blühte, blühte deutsches Land!« Abgesehen von den Friseuren, Elektrikern und den Kraftfahrzeughandwerkern besuchten alle Lehrlinge anderer Berufe auch nach 1947 noch die Gewerbeschulen in Adelsheim231, Mudau232, Hardheim233 und Eubigheim, je nach Einzugsgebiet dieser Schulen. Die Schule in Eubigheim sollte dann aber im Jahr 1948 aufgelöst werden, wie ein Artikel aus den Fränkischen Nachrichten vom 29. September 1948 mit dem Titel »Gewerbeschule wird aufgelöst« für die Gemeinde Eubigheim berichtet:234 »Die hiesige Gewerbeschule [ Anm.: in Eubigheim], die im April vorigen Jahres wieder eröffnet worden war, dürfte nun, nachdem zwischen Bürgermeister und Handwerksmeister darüber beraten wurde, aufgelöst werden. Ihre Schüler sollen in Zukunft in Buchen und Adelsheim ihre Ausbildung in Fachklassen (das sog. Fachklassenprinzip) erhalten. Die Schüler der hiesigen Gewerbeschule hatten in einer sehr gut besuchten Ausstellung im Gewerbesaal Lehrlingsstücke gezeigt, die fast durchweg die Qualität von Gesellenstücken besa- ßen. Schulleiter Keßler hatte an der hiesigen 231 Auch in Adelsheim war der Fachklassenunterricht möglich. Dort gab es zwei Berufsschullehrer. 232 Zum Zeitpunkt Juni 1948 stand die Schließung der Gewerbeschule Mudau bereits fest. 233 In Hardheim konnte ab dato durch die Zuweisung einer weiteren Lehrkraft auch der Unterricht in Fachklassen erfolgen. 234 Siehe Fränkische Nachrichten vom 29.9.1948, eingesehen im Archiv der Fränkischen Nachrichten in Tauberbischofsheim. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 61 Schule altersmäßig gestufte Mischklassen unterrichtet, nachdem sich die Einteilung in Fachklassen als undurchführbar erwiesen hatte. Trotz der erzielten Resultate bestehen bei dem geplanten Fachklassenunterricht in Zentralschulen die Möglichkeiten zur gründlichen Spezialausbildung. Allerdings werden viele Lehrlinge einen langen Schulweg in Kauf nehmen müssen.« Die seit 1947 andauernde »Probephase« einer Zentralgewerbeschule in Buchen wurde mit dem Erlass Nr. D 6475 vom 18. August 1949 als dauerhafte Entwicklung verankert, womit alle Gewerbeschulen des Landkreises Buchen sowohl dienstlich als auch verwaltungsmäßig der Zentralgewerbeschule Buchen unterstellt und der Direktor derselben auch als Dienstvorgesetzter gegen- über allen anderen Schulleitern bestimmt worden waren.235 Damit wird Buchen-Walldürn zur, wie im Erlass bezeichnet, »Kernschule«. Die Schülerzahl wurde derzeit mit ca. 1 150 Schülern angegeben.236 Schulleiter Friedrich Krust wurde im März 1949 als Regierungsschulrat an die Landesbezirksdirektion für Kultus und Unterricht nach Karlsruhe berufen bzw. befördert – eine Entwicklung, die in seiner beruflichen Karriere 1960 in der Stelle eines Regierungsschuldirektors und Leiter der Abteilung U IV für berufliche Schulen mündete.237 Nachfolger sollte Studienrat Alfons Willax werden, der ab 1950 die Geschicke der ZGB leitete. Derzeit gab es in Buchen 239 Schüler, in Walldürn 329.238 Willax verfasste auch die erste kurze Abhandlung zur 100-jährigen Jubiläumsfeier der Schule, 235 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 42. 236 Siehe Willax, 100 Jahre, 1949, S. 8. 237 Siehe Brötel, 150 Jahre 1997, S. 43. 238 Ebd. die im Jahr 1949 schließlich mit zwei Jahren Verspätung im Rahmen der Buchener Heimattage vom 17. bis 18. September stattfand und feierlich in der Schützenhalle er- öffnet wurde.239 Bürgermeister Dr. Schmitt begrüßte das interessierte Publikum zu den Heimattagen, in dessen Rahmen neben dem Jubiläum der Schule auch eine Kreisgewerbeschau präsentiert wurde. Künftiger Direktor Willax hielt den Eröffnungsvortrag »100 Jahre Gewerbeschule Buchen«. Hiernach eröffnete Landrat Schmerbeck die » Ausstellungen im Gebäude der Volks- und Gewerbeschule (Kirchplatz), im Wimpinasaal (Kirchplatz) und auf dem Ausstellungsgelände an der Bödigheimerstraße (ehem. R AD-Gelände240)«. Es erfolgte auch eine »Besichtigung des Einfamilienhauses Nr. 6 der Siedlung der Baugenossenschaft ,Neue Heimat‹ oberhalb des Gaswerks«.241 Weitere Programmpunkte des Wochenendes waren am Samstag, dem Eröffnungstag, eine Handwerker-Obermeistertagung, ein Treffen ehemaliger Schüler des Realgymnasiums Buchen sowie abschließend Tanz und gemütliches Beisammensein. Am Sonntag gab es den »Tag des Sports«, welcher mit Leichtathletikwettkämpfen und einer Landesgeflügelzuchtausstellung begann und schließlich um 13 Uhr in die feierliche Er- öffnung des Schützenmarktes mündete. Am Montag, 19. September wurde dem Volk dann noch ein einzelner weiterer Programmpunkt geboten: um 15 Uhr ein sog. » Allgemeiner Tanz« in der Schützenhalle. 239 Das Programm der Heimattage ist dem Ausstellungsführer des Verbandes zur Förderung von Kultur und Wirtschaft im Landkreis Buchen anlässlich der Heimattage 1949 in Buchen/Odenw., Buchen 1949, S. 3, entnommen. 240 R AD-Gelände = Reichsarbeitsdienst-Gelände. 241 Beide Sätze wurden gemäß des Ausstellungsführers zitiert. Nach den Kriegsjahren – die Bezirksgewerbeschule wird zur Zentralgewerbeschule 62 Abb. 8: Gewerbeschule Herrenschneider Abb. 9: Gewerbeschule Elektrowerkstatt Abb. 10: Gewerbeschule Friseur Abb. 11: Gewerbeschule Gipser Geschichte der Buchener Gewerbeschule 63 Abb. 12: Gewerbeschule Maler Abb. 13: Gewerbeschule Maurer Abb. 14: Gewerbeschule Maschinenkurs Holz Nach den Kriegsjahren – die Bezirksgewerbeschule wird zur Zentralgewerbeschule 64 Abb. 15: Gewerbeschule Vorlehre Metall Abb. 16: Gewerbeschule Zimmerleute Geschichte der Buchener Gewerbeschule 65 Aufschwung ab den 1950er-Jahren Berufe an der Gewerbeschule Die Abbildungen 8 bis 16 zeigen etliche der an der Gewerbeschule vertretene Ausbildungsberufe. Das Fotomaterial entstand im Zuge der Neubaumaßnahmen des A-Gebäudes und entstammt dem Besitz der Schule. III. 7) Aufschwung ab den 1950er-Jahren Die administrativen Geschehnisse ließen die Schüleranzahl zunehmen, wobei man 1950 immer noch in den Gebäuden aus der Zeit vor dem Krieg untergebracht war. In Buchen war dies das Dachgeschoss des 1978 zum heutigen Rathaus umgebauten Gebäudes. Die Veränderung der räumlichen Gegebenheiten sollte sich bereits 1953 mit der Errichtung des heutigen A-Gebäudes erfüllen, dessen Bau sich sehr rasch gestaltete, was zum einen dem »dringenden schulischen Bedürfnis« und der »Entlastung der angespannten Arbeitsmarktlage in dem Förderbezirk [Buchen]«« geschuldet war,242 zum anderen erst durch eine Darlehenszusage aus dem Landeswohlfahrtsfonds ermöglicht wurde. Der Ministerrat des Landeswohlfahrtsfonds hatte vor dem Hintergrund der »besondere[n] finanzielle[n] und wirtschaftliche[n] Notlage des Landkreises Buchen und in Anbetracht der Schwierigkeiten der Kapitalbeschaffung sich ausdrücklich damit einverstanden erklärt, dass eine einmalige Ausnahme von den haushaltsrechtlichen Bestimmungen bewilligt wird, sodass der 242 Siehe Archivalie vom 4. Juni 1951, GL A-Bestand 481 Nr. 1606 den Neubau einer Gewerbeschule Buchen betreffend; Bewilligung eines Darlehens. Badische Landeswohlfahrtsverband – Unterabteilung Berufsfürsorge für Schwerbehinderte – ermächtigt wird, dem Landkreis Buchen zur Finanzierung des Neubaus der Gewerbeschule ein Darlehen von 200.000 DM zu geben«.243 Die gesamte Finanzierungssumme wurde auf in etwa 1 250 000 DM kalkuliert, wobei diese Darlehenszusage beim Verband der Kriegsbeschädigten (VdK) erboste Reaktionen hervorrief. Der Landesvorsitzende Müller sah in dieser Darlehensverwendung keine Hilfe für die Kriegsversehrten und meinte, dass man den Betrag durchaus in Karlsruhe besser einsetzen könnte als zu diesem Schulneubau in Buchen. Sein Wortlaut aus dem Brief vom 15. August 1951 ans Arbeitsministerium Stuttgart, in welchem er »mit aller Schärfe Einspruch erhebt« gegen die 200 000 DM für den Schulhausneubau:244 » Anstatt nun die aus der Ablöse stammenden Mittel zum Wohnungsbau und zur Umsiedelung, also zur Berufsfürsorge für Schwerbeschädigte, zu verwenden, werden diese Beiträge entgegen den Bestimmungen des Gesetzes Nr. 96 zu anderen Zwecken verwendet. Vielen hunderten von Schwerbeschädigten könnten mit den angesammelten Mitteln, die in Karlsruhe vorhanden sind, Wohnungen beschafft und damit Arbeit gegeben werden, wenn man die Beschädigten in industriereichere Gegenden umsiedeln würde.« 243 Siehe Archivalie vom 20. Juni 1951, GL A-Bestand 481 Nr. 1606, den Neubau einer Gewerbeschule in Buchen betreffend. 244 Siehe Archivalie vom 15. August 1951, GL A-Bestand 481 Nr. 1606. 66 Diesem Einwurf des VdK gab die Landesbezirksdirektion am 19. September 1951 folgende Antwort:245 »Im übrigen ist durch diese Darlehenszusage weder eine Entziehung der Mittel des Landeswohlfahrtsfonds, in den die Ablösungsbeträge, welche die Industrie nach dem Schwerbeschädigtengesetz von 1923 und dem Ergänzungsgesetz Nr. 96 vom Jahre 1947 sowie der Durchführungsverordnung Nr. 920 vom Jahre 1948 zu bezahlen hat, fliessen, gegenüber der Schwerbeschädigtenfürsorge beabsichtigt noch tatsächlich zu erwarten; denn nach den obengenannten Bedingungen der Darlehensgewinnung wird das Darlehen von der Landkreisselbstverwaltung Buchen mit 4 % verzinst. Die Zinsbeträge fliessen selbstverständlich wiederum in den Landeswohlfahrtsfonds. Da die Landeshauptkasse bezw. die Staatsschuldenverwaltung für die im Landeswohlfahrtsfonds zusammenfliessenden Beträge nur 1 % Zins zu unseren Gunsten zahlt und das Darlehen mit 12-monatlicher Kündigung jederzeit zurückgefordert werden kann, stellt die Darlehensgewährung an die Landkreisselbstverwaltung Buchen eine rücklagenähnliche, wirtschaftlich vorteilhafte Vermögensanlage dar, auf die im Bedarfsfall zu Gunsten der Schwerbeschädigtenfürsorge jederzeit zurückgegriffen werden kann.« Alle Bedenken und Einwände dürften mit diesem Schreiben vom Tisch »gefegt« worden sein. So konnten die Bauarbeiten beginnen. Ab Schuljahr 1952/53 wurden auch die seit Jahrzehnten ersehnten Werkstätten eingerichtet: in Buchen für die Holz- und Bauberufe, in Walldürn für die Metall-, Elektro und Ausstattungsberufe. Damit konnten an 245 Siehe Archivalie vom 19.09.1951, GL A-Bestand 481 Nr. 1606. beiden Standorten die »Vorlehre für Holzberufe«246 sowie die »Vorlehre für Metallberufe«247 eingerichtet werden.248 Hierbei handelte es sich um eine einjährige Vollzeitausbildung, die quasi die Inhalte des 1. Lehrjahrs mit allen nötigen theoretischen und praktischen Kompetenzen vermittelte. Die beiden ersten Technischen Lehrer in Buchen wurden Hermann Müller (Maschinenbaumeister) und Rudolf Männig (Schreinermeister).249 In den 1950er-Jahren waren die Berufsschüler eigentlich ausschließlich Volksschulabgänger. Um dieser Gruppe auch einen Weg in Richtung Ingenieursschulen bzw. andere höhere Fachschulen eröffnen zu können, wurden schon seit Ende der 1940er-Jahre zunehmend Stimmen für die Einrichtung eines »zweiten Bildungsweges« laut, was dann eines der großen berufspädagogischen Themen der Zeit wurde.250 Man wollte den zweiten Bildungsweg251 bevorzugt als berufsbezogenen Bildungsgang einrichten, allerdings wurde der zunehmend zum »gymnasialen Nachholweg« und keine echte Alternative zum traditi- 246 Die »Vorlehre Holz« sollte aber 1955 wieder aufgelöst werden. 247 Die »Vorlehre Metall« sollte sich im Laufe der Zeit hin zur »Einjährigen Berufsfachschule Metall« entwickeln, die auch im Schuljahr 2018/19 noch existiert. 248 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 43. 249 Ebd. 250 Siehe Greinert, Erwerbsqualifizierung, 2015, S. 73. 251 Weiterführend zur Diskussion um den Ausbau des zweiten Bildungswegs, in dem die Berufsschule als »Drehscheibe« gelten sollte, siehe: Stratmann, Karlwilhelm: Die Berufsschule als »Drehscheib«» des beruflichen Bildungswesens. Zur berufsschulpolitischen Diskussion in der BPZ (1952–1965). Heinrich Abel zum 20. Todestag, in: Zeitschrift für Berufsund Wirtschaftspädagogik 81 (1985), S. 677–691. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 67 onellen Gymnasium.252 Doch vor diesem Hintergrund ist es erklärbar, dass an der ZGB ab 1954 freiwillige Förderklassen bzw. ab 1957 Aufbaulehrgänge eingeführt worden sind,253 welche neben der Berufsausbildung immer jeden Samstag für fünf Unterrichtsstunden stattfanden, fünf Semester insgesamt umfassten und die Fächer Mathematik, Physik, Chemie, Deutsch, Geschichte und Erdkunde überspannten.254 Die Absolvierung dieses Extraunterrichts war eine Befähigung für den Besuch des 1. Fachsemesters einer Ingenieursschule 252 Siehe Greinert, Erwerbsqualifizierung, 2015, S. 73/74. 253 Siehe GLK-Protokoll vom 20. Juni 1953. 254 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 48. bzw. ein Zeitgewinn beim Besuch einer Berufsaufbauschule. Die nächstgelegenen Berufsaufbauschulen gab es in Heilbronn und Wertheim; eine Berufsaufbauschule in Mannheim wurde aufgrund der Entfernung von den Absolventen der ZGB eher nicht besucht. In einem feierlichen Akt konnte im Jahr 1953 das neue Schulgebäude der ZGB in Buchen, das heutige A-Gebäude, eingeweiht werden. Am 30. April 1953 gab es eine große Feierstunde, in deren Zuge nachfolgendes Bildmaterial entstanden ist. Abb. 17: Gewerbeschule von Norden Aufschwung ab den 1950er-Jahren 68 Abb. 18: Gewerbeschule Südostansicht Abb. 19: Gewerbeschule Haupteingang Geschichte der Buchener Gewerbeschule 69 Neue politische und gesetzliche Grundlagen ab 1952, dem Gründungsjahr Baden-Württembergs In Walldürn konnte drei Jahre später, am 7. November 1956, das neue Gebäude er- öffnet werden. Hier sollte dann auch die Handelslehranstalt, die heutige Frankenlandschule, untergebracht werden. An vielen Schulstandorten Baden-Württembergs erfolgten in den ersten Nachkriegsjahren Neubauten. Das berufsbildende Schulwesen erlangte einen ungeahnten Aufschwung und es wurden vielerorts respektable Schulhäuser errichtet. Manch einer sprach geradezu von »Gewerbeschulpalästen«.255 255 Siehe Grüner, Berufsschule, 1984, S. 16. III. 8) Neue politische und gesetzliche Grundlagen ab 1952, dem Gründungsjahr Baden-Württembergs Im Jahr 1952 kam es zur Gründung des Bundeslandes Baden-Württembergs und damit auch zu neuen gesetzlichen Grundlagen im Bereich des beruflichen Schulwesens. Durch die Handwerksordnung (HwO) von 1953 und dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) von 1969 trat der Staat als zentraler Akteur in der Berufsausbildung neben die Wirtschaft, vereinheitlichte dann auch rechtlich die Regelung zwischen dem Ausbildungsbetrieb als dem einen Lernort und der staatlichen Berufsschule als dem anderen Lernort. Im Wesentlichen entspricht dieses gegenwärtig immer noch als »duales System«256 bezeichnete Konstrukt der zugrunde liegenden Idee der Gewerbeschule im 19. Jahrhundert, also der Aufgabenverteilung zwischen Betrieb und Gewerbeschule; damals war es jedoch noch keine feststehende Begrifflichkeit wie heutzutage. So genießt das deutsche duale Ausbildungssystem heute durch die Kombination von theoretischem wie praktischem Lernen und Berufserfahrung international einen exzellenten Ruf. Das BBiG spricht nun nicht mehr von einem Lehrling, sondern von einem » Auszubildenden«, vulgo » Azubi«. Das Wort sollte sich von nun an fest im deut- 256 Die Wortschöpfung »duales System« geht nach allgemeiner Annahme wohl auf Heinrich Abel zurück. Siehe hierzu: Grüner, Berufsschule, 1984, S. 19, Fußnote 44: Heinrich Abel (1908–1965) war Professor für Berufspädagogik an der Technischen Hochschule Darmstadt. Er hat die berufsbildungspolitischen Diskussionen der 1950er- und 1960er-Jahre sehr beeinflusst. Den Begriff »duales System« gibt es demnach erst seit dem Jahr 1964. Abb. 20: Konferenzzimmer im A-Gebäude 70 schen Sprachgebrauch verankern. Mit dem BBiG »ging ein 50jähriger Traum in Erfüllung«257, nämlich der Wunsch nach gesetzlicher Regelung der gesamten Lehrlingsausbildung in Deutschland. Die Berufsschuldidaktik stand in diesen Jahren unter den Zielsetzungen: Vorbereitung der Berufsschüler auf realistische Aufgaben, Erkennen der individuellen politischen Verantwortung, humanistische Bildung und musisch-gesellige Empfänglichkeit sowie die Vermittlung einer religi- ösen Dimension.258 Es war die Tendenz, zu verspüren, dass auch in der Berufsschule mehr theoretisches Wissen vermittelt werden müsse, um einerseits eine Gleichwertigkeit gegenüber der allgemeinen Schule und gegenüber der Außenwelt deutlich zu machen, andererseits um aus den schrecklichen Kriegserfahrungen heraus auf die Entwicklung eines kritischen Kopfes und selbständigen Denkens Wert zu legen. In der ersten Gesamtlehrerkonferenz im neuen A-Gebäude am 16. Mai 1953 werden auch die sich verändernden Themenstellungen und Herausforderungen für Gewerbeschulen deutlich. Es gab klare Anweisungen für das Unterrichten politischer demokratischer Strukturen der Schüler im neugegründeten Baden-Württemberg im Fach Staatskunde wie auch für Bezeichnungsklärungen: Es bestand Vorsicht bei der Verwendung von Benennungen, die die neuen politischen Verhältnisse betrafen. So zum Beispiel »Ostzone«, »Sowjetzonenregierung«, »Deutsche Ostgebiete unter fremder Besatzung« 257 Siehe Grüner, Berufsschule, 1984, S. 22. 258 Siehe die Berufsschuldidaktik nach Fritz Blättner, 1947 veröffentlicht unter dem Titel »Menschenbildung und Beruf«. etc. Jeder Schüler solle eine Broschüre über die »Bundesrepublik Deutschland« erhalten. Die Spaltung der beiden deutschen Staaten wie auch die Gründung Baden-Württembergs zeichneten sich im schulischen Alltag deutlich ab. Am 10. Dezember des Jahres 1953 fand an der ZGB der »Tag der Menschenrechte« statt, zu Ehren der 1948 von den Vereinten Nationen erlassenen allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Hierbei wurden an die Schüler die entsprechenden Gesetzespassagen in Vervielfältigung ausgegeben.259 Jeder Lehrer erhielt dieser Tage auch ein Heft »Wissenswertes aus den US A« vom amerikanischen Konsulat.260 Von der derzeitigen Situation der Schülerzahl berichtet Brötel nach seinen Akteneinsichten: »Im Schuljahr 1955/56 besuchen 1180 Schüler in 51 Klassen die ZGB! Davon 486 Schüler (22 Klassen) in Buchen, 397 Schüler (17 Kl.) in Walldürn, 179 Schüler (8 Kl.) in Adelsheim, 119 Schüler (4 Kl.) in Hardheim.«261 Mudau als Schulort wurde 1955 aufgelöst. Im Jahr 1955 fand in Stuttgart die »Landesausstellung Baden-Württemberg« statt. Hierzu waren insbesondere Schüler der höheren Klassen willkommen. »Die Landesregierung wünscht vor allem den Besuch der Jugend ab der 7. Klasse, da die Ausstellung einen großen unterrichtlichen Wert aufweise. Durch Bereitstellung von stark verbilligten Sonderzügen sollte der Besuch ermöglicht werden. Zur Vorbereitung der teilnehmenden Schüler er- 259 Siehe GLK-Protokoll vom 12.12.1953. 260 Siehe GLK-Protokoll vom 3.4.1954. 261 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 45. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 71 hielt jeder Lehrer eine kleine Schrift über die Ausstellung.«262 Man sieht hieran, dass die Identifikation mit der noch jungen Bundesrepublik besonders gefördert wurde. In einem Erlass des Jahres wurden die Lehrkräfte zu besonderer Aufmerksamkeit gegen die »Infiltration kommunistischen Schrifttums«, besonders auch in Schulbüchern aus der Ostzone, aufgefordert.263 Im Jahr 1957 wurde die Wiederanerkennung der Abschlussprüfung an Gewerbeschulen als schriftlicher Teil der Gesellenprüfung der Innungen beschlossen. 262 Siehe GLK-Protokoll vom 4.6.1955. 263 Siehe GLK-Protokoll vom 8.5.1955. »Ergänzend zum Rundschreiben 2/1957 vom 7.3.1957 teilt der Deutsche Verband der Gewerbelehrer – Landesverband Baden – im Rundschreiben 3/1957 vom 27.3.1957 mit, daß sich die Handwerkskammer von Baden-Württemberg über den zwischen Kultusministerium und Wirtschaftsministerium ausgearbeiteten Kompromissvorschlag geeinigt haben. Danach soll künftig die Gesellenprüfung aus 2 Teilen bestehen, einem praktischen und einem theoretischen. Letzterer soll in einen fachtheoretischen und einen allgemeintheoretischen Teil gegliedert sein, wobei für den allgemeintheoretischen Teil die Abschlußprüfung an Gewerbeschulen bis zur Note ›befriedigend‹ anerkannt wird.«264 264 Siehe GLK-Protokoll vom 24.4.1957. Abb. 21: Luftbild des Schulzentrums Ende der 1950er-Jahre Neue politische und gesetzliche Grundlagen ab 1952, dem Gründungsjahr Baden-Württembergs 72 Mit dem Erlass U IV 1067 wurde die an der Schulabteilung in Walldürn bestehende »Vorlehre Metall« für das Schuljahr 1959/60 in eine Berufsfachschule für das Metallgewerbe umgewandelt.265 Mit dem Erlass U 3112 vom 20. März 1962 wurde festgesetzt, dass die Zulassung der Absolventen der Technischen Oberschule auch zum Studium an der Technischen Hochschule Karlsruhe gültig ist.266 Im Jahr 1963 kam es im Landkreis Buchen mit dem Ruhestand von Gewerbeschulrat Heiner Hemberger im April 1963 zur Auf- 265 Siehe GLK-Protokoll vom 20.3.1959. 266 Siehe GLK-Protokoll vom 12.4.1962. lösung der Schulabteilung in Adelsheim.267 Die dortigen Schüler sollten von nun an auch in Buchen und Walldürn beschult werden. Nun hatte man nur noch drei Schulstandorte: Buchen, Walldürn und Hardheim, deren Organisation aber dennoch ein beachtliches Maß an Überblick verlangte. Gerade die stark schwankenden Schülerzahlen und die dadurch bedingte Raumfrage waren problematisch. Das neu gebaute A-Gebäude platzte schon kurz nach seiner Erbauung 267 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 49, sowie Kreisarchiv Mosbach die Archivalie C7/229: Besprechung über Berufsschulfragen am 11.10.1963. Hier heißt es durch Landrat Schmerbeck, dass man in Adelsheim aus Rücksichtnahme den Unterricht bis zur Pensionierung der Lehrkräfte so belassen habe. Der Weiterbestand in Hardheim sei aber aufgrund der geringen Schülerzahlen auf Dauer nicht vertretbar. Abb. 22a und b: Das Direktorenzimmer im A-Gebäude Mitte der 1950er-Jahre Geschichte der Buchener Gewerbeschule 73 wieder aus allen Nähten. Über Lehrermangel klagte man auch Mitte der 1960er-Jahre. So besagt der Erlass AV 1827: »Wegen des Lehrermangels werden pensionsberechtigte Lehrkräfte gebeten, auch nach Vollendung des 65. Lebensjahres ihren Dienst weiterhin zu versehen, sofern dies aus gesundheitlichen Gründen möglich ist.«268 Im Jahr 1965 erteilte der Kreistag, mit dem Landrat des Kreises Buchen Hugo Geisert, den Beschluss, die ZGB noch mehr zu erweitern,269 also einen weiteren Neubau anzustreben. Als Folge davon wollte man die Räumlichkeiten in Walldürn der dortigen Handelsschule übertreten und dann alles in Buchen an einem einzigen zentralen Standort vereinigen. Logische Konsequenz war dann auch, dass der Schulstandort Hardheim zum 31. Juli 1969 aufgehoben werden sollte. Der dortige Lehrer, Oberstudienrat Albert Katzenmaier ging praktischerweise auch seinerzeit in den Ruhestand.270 Ebenfalls verabschiedete sich Alfons Willax zum Ablauf des Schuljahres 1968/69 in den Ruhestand. Er lud im Kreissitzungssaal des Landratsamtes Buchen am 18. Juli 1969 zu einer Feierstunde ein.271 Nachfolger im Amt war von nun ab für das kommende Vierteljahrhundert Erhard Brötel. Der Beginn der Neubauarbeiten in Buchen vollzog sich 1970 und damit in einer Phase, in der auch die Kreisreform bevor- 268 Siehe GLK-Protokoll vom 11.12.1964. 269 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 50. 270 Ebd. 271 Es spielte bei dieser Feierstunde das Schülerorchester des Burghardt-Gymnasiums Buchen. stand,272 welche eine Zusammenlegung der Gewerbeschulen beider Landkreise in eine einzige Schulträgerschaft bedingte. Der Plan war, Schüler favorisiert zusammenzulegen und damit mehrzügige Jahrgangsfachklassen zu ermöglichen. So kam es zu größeren Schülerbewegungen, was für den einzelnen Schüler mitunter einen viel größeren Anfahrtsweg als zuvor bedeutete. Zwischen der ZGB und der Gewerbeschule Mosbach kam es schließlich zu folgendem Beschluss:273 Die Lehrlinge des Bauhauptgewerbes, Maler und Bauschlosser, werden aus beiden Landkreisen in Mosbach zusammengefasst. Die Lehrlinge der Berufe Schreiner, Holzmechaniker, Bäcker, Fleischer274, Fachverkäuferinnen der Bereiche Bäckerei und Fleischerei, Friseure und Textilberufe sollen an die ZGB kommen. Der Neubau, das heutige D-Gebäude, musste den neuen Anforderungen entgegenkommen, was mehrere Umplanungen noch während der Bauphase nach sich zog und letztlich zu einer Umplanung hin zur Vollunterkellerung und der Schaffung zusätzlicher Werkstattflächen führte, die man eingangs gar nicht angedacht hatte.275 Man errechnete sich den gesamten Raumbedarf der Schule aus der Annahme einer maximalen Schüleranzahl von 1 400 bis 1 500 Personen mit durchschnittlich 25 Schülern pro Klasse. Somit brauchte man durch 272 Siehe Kieser/Fuchs, Neckar – Odenwald – Bauland, 1980: Nach der Verwaltungsreform gibt es im dann errichteten Neckar-Odenwald-Kreis 27 Gemeinden. Er umfasst 112 580 Hektar mit derzeit 130 000 Einwohnern, davon 4,2 Prozent Ausländer. 273 Informationen über den Austausch entnommen aus: Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 51. 274 Vor dem BBiG war hier die Bezeichnung »Metzger« üblich. 275 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 51. Neue politische und gesetzliche Grundlagen ab 1952, dem Gründungsjahr Baden-Württembergs 74 den Neubau die räumlichen Gegebenheiten, um insgesamt mindestens 58 Klassen beschulen zu können, was 15 Räumen entsprach, da man pro Schulsaal vier Klassen beschulen konnte.276 Dazu bedurfte es weiterhin mindestens 7 Sammlungsräumen, eines Physiksaals für 60 Schüler, eines Vorbereitungsraums für die chemischen und physikalischen Ausstattungen, 6 Lehrerzimmern und eines Aufenthaltsraums für Schüler mit Kantine. Abzüglich der bereits vorhandenen Räume des A-Gebäudes benötigte man im Neubau folglich zusätzlich an die 1 578 Quadratmeter: 12 reguläre Räume (12 x 7 Meter), 2 kleine Räume (9 x 7 Meter), 1 Physiksaal (12 x 7 Meter), 2 Vorbereitungsräume (6 x 7 Meter), 4 Leh- 276 Berechnung entstammt der Archivalie: Kreisarchiv Mosbach C7/229. rerzimmer (6 x 7 Meter) und einen Aufenthaltsraum für Schüler. An Baukosten kalkulierte man inklusive der Werkstätten (mit 4 000 Quadratmetern) über 2 500 000 DM. Am 27. August 1976 konnte der Neubau schließlich eingeweiht werden mit einer groß angelegten Feierstunde und alle Honoratioren von nah und fern wurden hierzu eingeladen. Im Bereich der Schreiner und Fleischer gaben die Schreiner- und Fleischerinnung hohe Eigenmittel zu, durften die Einrichtung dann aber auch zu Innungszwecken als überbetriebliche Ausbildungsstätte verwenden.277 Das Landesgewerbeamt bezuschusste ebenfalls die Einrichtung dieser Abteilungen.278 Architekt des Neubaugebäudes war Dipl-Ing. Rolf Ackermann 277 Siehe Brötel, 150 Jahre, 1997, S. 53. 278 Ebd. Abb. 23: Umzug des Maschinenparks 1974 von Walldürn nach Buchen in Eigenregie der Lehrkräfte Geschichte der Buchener Gewerbeschule 75 Abb. 24: Honoratioren erkundigen sich nach dem Stand der Bauarbeiten Abb. 25: Gebäude D mit dem Brunnen im Vordergrund Neue politische und gesetzliche Grundlagen ab 1952, dem Gründungsjahr Baden-Württembergs 76 aus Mosbach, der sich mit seiner Kombination aus niedriger Deckenhöhe und abgesenktem Boden in der Aula, der Verwendung von viel Beton – auch im Rahmen der Bodenverkleidung mit Waschbeton- Kiesel-Platten – und dem quadratisch praktischen Bau ganz dem Geschmack der Zeit verschrieb. Das Kollegium vollzog den Umzug in das neue Gebäude in gemeinschaftlicher Aktion in der letzten Sommerferienwoche, siehe Abbildungen 24 und 25 zum Neubau des D-Gebäudes. Fast zeitgleich mit der Neubauinbetriebnahme wurde in Baden-Württemberg ein neues Schulgesetz verabschiedet, welches am 1. August 1976 in Kraft trat und das berufliche Schulwesen in seiner Wertigkeit ganz besonders heraushebt. Es ebnete damit auch den Weg für die zukünftige Etablierung verschiedener Schultypen:279 »Die Erkenntnis, daß bildungspolitische Entscheidungen von heute gleichbedeutend sind mit gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen für morgen, gilt in besonderer Weise für die berufliche Bildung […]. Die berufliche Bildung ist deshalb ein gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Faktor ersten Ranges […]. In Baden-Württemberg werden frühzeitig die Weichen für eine Weiterführung der allgemeinen Bildungsgänge im Bereich der beruflichen Schulen gestellt und damit dem Verfassungsauftrag des Artikel 11 LV entsprochen, jedem jungen Menschen eine seiner Begabung und seine Neigungen entsprechende Ausbildung zu gewährleisten.« 279 Zitiert nach : Brötel, 150 Jahre 1997, S. 53. III. 9) Die Phase der Expansion – neue Schularten ab den 1970er-Jahren Eine Reihe an neuartigen speziellen Schulsparten wurde ab den 1970er-Jahren neben dem Typus Berufsschule sowohl in Baden- Württemberg als auch im gesamten Bundesgebiet eingerichtet, was die gesellschaftlich geforderte und benötigte Vielfalt an berufsbezogenen Schulgängen recht gut verdeutlicht. So verwandelten sich die nach dem Krieg als Berufsschule begonnenen Schulen immer mehr hin zu ganzen Schulzentren bzw. Berufsbildungszentren. Die Namen sind berechtigt und durchaus verständlich ist, dass man nicht mehr »nur« von dem Typ Berufsschule sprechen möchte, schon gar nicht, wenn dieser als Totum pro parte für alle sich in den neuen gewerblichen Bildungszentren befindlichen Schultypen verwendet wird. Auch an der ZGB begann ab den 1970ern eine Zeit permanenter Expansion, die erst nach der Jahrtausendwende ihren Abschluss finden sollte. Viele verschiedene Schularten und eine stetig steigende Schülerzahl kennzeichneten von nun ab die Entwicklung der Schule und bestätigten die zentrale Stellung der ZGB im Landkreis als eine Schule, die jedem einzelnen Schüler gerecht wird, indem sie einen schulischen Anschluss ermöglicht, der zu höherer Bildung qualifizieren kann. Zum Schuljahr 1971 wurde die ZGB als »Elektronik-Schule« anerkannt.280 Sie durfte von da ab Elektronik-Pässe ausstellen. Das Heinz-Piest-Institut281 hatte den Elektro- 280 Siehe GLK-Protokoll vom 25.5.1971. 281 Das Heinz-Piest-Institut (HPI) für Handwerkstechnik war an der Universität Hannover eingegliedert. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 77 Die Phase der Expansion – neue Schularten ab den 1970er-Jahren nik-Pass im Jahr 1969 als bundeseinheitliches Fortbildungssystem für Handwerksberufe konzipiert. Die ZGB ist damit eine von bundesweit 200 Schulungsstätten, welche diese kostenpflichtige Fortbildung durchführen darf. Das Jahr 1972 war an der ZGB geprägt von der Einführung der Zweijährigen Berufsfachschule mit der Fachrichtung Metall. Diese Schulart sollte sich zu einer wichtigen Stütze für die ZGB entwickeln, an der die Absolventen der umliegenden Hauptschulen reges Interesse fanden. Seit der Einführung des 9. Schuljahres als Pflichtschuljahr in Baden-Württemberg282 konnte die Berufsfachschule nur noch hiernach im Anschluss besucht werden. Vorher konnte man das 9. Schuljahr noch durch den Besuch der Berufsfachschule ersetzen, dem war ab dann nicht mehr so. Es kamen im Zuge dieser neuen Schulart nun auch etliche neue Kollegen, vornehmlich aus der Allgemeinbildung, an die Schule, die aber auch an der Hauswirtschaftlichen Schule eingesetzt werden sollten. Im Schuljahr 1973/74 wurden stolze fünf neue Lehrkräfte vom Oberschulamt angekündigt.283 Bereits 1971 zum Antrag gestellt, wurde 1973 die Einjährige Berufsfachschule Körperpflege an der ZGB etabliert, im Folgejahr zudem die Einjährige Berufsfachschule Holztechnik. In beiden Bereichen werden durch diese Schulart für das jeweilige Berufsfeld grundlegende Kenntnisse, die Inhalte des ersten Lehrjahres, unterrichtet, welche in einem Lehrvertrag dann anerkannt werden können. Im Schuljahr 1975/76 begann keine neue Schulart. Dafür 282 Siehe Erlass U IV 1137 vom 4.4.1966. 283 Siehe GLK-Protokoll vom 29.6.1973. stand die Erwachsenenbildung in Form von Kursen im Vordergrund.284 1976 wurde die Berufsfachschule für Jungarbeiter und die Einjährige Berufsfachschule Elektrotechnik gegründet. Im Jahr 1980 folgte dann die Einjährige Berufsfachschule Metalltechnik mit Schwerpunkt Fahrzeugtechnik. Die Bestrebung, dass ab 1980/81 ein Berufskolleg zustande kommt, wurde vorerst zurückgestellt.285 In diesen Tagen ereignete sich auch die Umstellung der Lehrpläne hin zu »Lernzielorientierten Lehrplänen«. Von 1972 an hatte man bisher einen »Rahmenstofflehrplan«, den es nun umzustellen galt.286 Diese neuen Lehrpläne sind wesentlich umfangreicher und detaillierter. Die Lehrplaneinheiten sind in drei didaktische Kategorien unterteilt: Ziele, Inhalte und Hinweise. Es werden neuerdings die gewünschten didaktischen Schwerpunkte aufgeführt, ebenso Zeitrichtwerte der einzelnen Themen und auch methodische Hinweise für den Lehrer. Damit wird eine bessere Orientierung für Lehrer, Schüler, Eltern und Ausbilder gewährleistet. Auch stellt dies eine bessere Grundlage für gerechtere und chancengleichere Prüfungsaufgaben dar, die in der Folge eine standardisiertere Ausbildungsbzw. Bildungsqualität mit sich brachte. In der Umsetzung des neuen Lehrplanes stehen konsequenterweise eine komplette Neuerstellung aller Stoffverteilungspläne an. Aus den Grobzielen des Lehrplanes müssen nun für jede Lehreinheit die Feinziele abgeleitet und übersichtlich dargestellt werden. 284 Siehe GLK-Protokoll vom 27.6.1975. 285 Siehe GLK-Protokoll vom 18.4.1980. 286 Siehe Vortrag des Referenten StD Meier, aufgeführt im GLK-Protokoll vom 1.7.1980. 78 Die Karl-Tschamber-Straße wird dieser Tage bis zum Schafstallweg durchgebaut. All die Jahre am Rande der Stadt liegend, wird die Lage der ZGB zunehmend zentraler. Im Schuljahr 1981/82 nahm Wolfgang Schäfer, ab 1992 promoviert und späterer stellvertretender Schulleiter, seinen Dienst an der ZGB auf.287 Ab dem neuen Schuljahr 1981/82 wurde gemäß dem neuen Schulgesetz anstelle der Jungarbeiterklasse das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) eingeführt.288 Der erfolgreiche Abschluss dieser Schulart enthält den Hauptschulabschluss. Nach der Ausgabe von Kultus & Unterricht Nr. 25/81 solle auch bis zum 15. Januar des Jahres 1982 je eine Lehrkraft pro Schule benannt werden, die sich bei Drogenfragen auskennt bzw. sich in diesem Bereich weiterbilden möchte, um den Schülern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Großstädtische Probleme werfen ihre Schatten voraus.289 Das Gründungsdatum des Fördervereins sollte auch in diesem Schuljahr liegen. Am 30. Juni 1982, mit 35 anwesenden Personen, wurde der Entschluss hierzu gefasst, sodass die Anmeldung zur Eintragung in das Vereinsregister schon bald, am 13.8.1982, erfolgen konnte.290 Der Ausspruch Brötels sollte auf viele weitere Jahre des Fördervereins vorauswirken, indem er zur Gründung konstatierte: »Das Kind ist geboren, aber es liegt noch nackt und bloß in der Krippe. Jetzt geht es darum, für Stroh und Bekleidung zu sorgen.« Über den Förderverein sollten in der Folgezeit viele Firmenkurse laufen, Weiterbildungen im Rahmen der 287 Siehe GLK-Protokoll vom 21.1.1981. 288 Siehe GLK-Protokoll vom 11.12.1981. 289 Siehe GLK-Protokoll vom 11.12.1981. 290 Siehe GLK-Protokoll vom 23.3.1982. neuesten technischen Erfordernisse, aber auch Sprachkurse wie Technisches Englisch; des Weiteren von Gerald Wanke initiierte C AD-Kurse und auch CNC-Kurse, um die neuen Technologien voranzutreiben. Die meisten Unterrichtsstunden aber bilden die Meistervorbereitungskurse. In Baden werden die Meisterkurse durch Fördervereine organisiert, in Württemberg sind hierfür die Handwerkskammern zuständig. Das durch den Förderverein erwirtschaftete Geld kommt der Schule zugute. Aus diesen Mitteln werden Lernmittel wie zum Beispiel Maschinen angeschafft, die der Schulträger, d. h. der Landkreis bei manch angespannter Finanzsituation nicht in der Lage ist anzuschaffen. Die Mitgliedschaft im Förderverein der ZGB war zu Beginn ohne Mitgliedsbeitrag, mittlerweile liegt er bei zehn Euro. Vor der Existenz des Fördervereins wurden derartige Kurse über die Volkshochschule (VHS) abgewickelt, die dann aber auch den Geldüberschuss vereinnahmte. Der Förderverein hatte und hat aber nicht nur monetären Mehrwert für die Schule, sondern wurde hierdurch auch eine Plattform zur Kontaktpflege geboten. Teilnehmer, die sich selbstständig machen wollten, konnten wichtige Kontakte zu Betrieben knüpfen. Man darf den Förderverein mit Recht als »Dienstleister für die Betriebe«291 bezeichnen, der im Prinzip die alte Idee der Gewerbeschule lebt, dass durch angebotene Kurse das Handwerk und die Industrie in der Region gestärkt werden soll.292 Für Fortbildungswillige hat der Förderverein 291 Ausspruch Dipl-Ing. Wolfgang Seifert. 292 Informationen entnommen aus: Artikel von Martin Strittmatter zum 30-jährigen Jubiläum des Fördervereins 2012, Privatquelle. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 79 insofern einen großen Stellenwert, um sich den stetig wandelnden Anfordernissen der Berufswelt anzupassen. Bis zum 30-jährigen Bestehen des Vereins im Jahr 2012 wurden 53 000 Unterrichtsstunden über den Förderverein gehalten, an denen über 4 600 Personen teilgenommen haben. Im Jahr 1983 lief das Einjährige Berufskolleg Technik an der ZGB an, was zum Erwerb der Fachhochschulreife führt. Der Hintergrund des Gründungsbestrebens dieser neuen Schulart liegt in einer veränderten Prüfungsmodalität. » Ab dem Schuljahr 1983/84 ist der Erwerb der Fachhochschulreife an allgemeinen und beruflichen Gymnasien nicht mehr möglich und ab ebenfalls 83/84 finden an Fachhochschulen keine Vorsemester mehr statt. Das bedeutet, daß die FH-Reife künftig nur noch über 1, 2 oder 3jährige Berufskollegs erreicht werden kann, diese dann aber bundeseinheitlich anerkannt wird.«293 Diese Maßnahme ist natürlich eine Aufwertung der ZGB und damit gewissermaßen ein Schritt zurück zur alten Gewerbeschulidee der Weimarer Zeit. In der Schulkonferenz vom 9. November 1982 wurde dann der Einrichtung eines Einjährigen Berufskollegs mit der Fachrichtung Technik zugestimmt. Im gleichen Zuge entschied man sich gegen die Einrichtung eines 3-jährigen Berufskollegs, was stellenweise auch zur Diskussion stand. Der Kreistag beriet und stimmte dieser Bestrebung schließlich am 22.12.1982 zu.294 Im Jahr 1984 gewann die Klasse 2BFM1 bei einem Aufsatzwettbewerb mit dem 293 Zitat Brötel in der GLK vom 15.10.1982. 294 Siehe GLK-Protokoll vom 9.11.1982. Siehe auch den Erlass UIV 032.72 MOS/25. Schreibanlass »Osteuropäische Themen« den ersten Preis: eine Fahrt an die Zonengrenze. Monika Weigand-Stubenvoll,295 Initiatorin und Fachlehrerin, leitete die Fahrt. Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 hätte eine solche Fahrt in Richtung Osten wohl nicht mehr so stattgefunden, wäre sogar in bestimmten Fällen untersagt worden. Im Erlass OS A 6502. 9/1 wurde nach der Katastrophe im Juni des Jahres 1986 bestimmt: »Der Reisestopp für Schulklassen in die DDR aufgrund des Reaktorunfalls in der Sowjetunion ist aufgehoben. Reisen in andere Länder des Ostblocks (z. B. Prag) erst dann, wenn gesicherte Ergebnisse über den Rückgang der Kontamination vorliegen.«296 Im Jahr 1987 sollte dann den neuen Entwicklungen im Bereich des Computers Rechnung getragen werden und an der ZGB wurde das Fach Informatik am Berufskolleg eingeführt.297 Auch die technische Ausstattung im Bereich der Telefonanlagen sollte sich in diesem Jahre modernisieren. »Demnächst erhält die Schule eine neue erweiterte Telefonanlage«, heißt es in einer GLK. Das Besondere an ihr wird sein, dass »häufig benötigte Anschlüsse […] dann ohne Vermittlung des Sekretariats direkt angewählt werden [können]«.298 Ab dem Schuljahr 1988 richtet man Deutschkurse für die Schüler deutscher Aussiedler ein.299 Die große Anzahl der jugend- 295 Siehe Zeitzeugenbericht Monika Weigand-Stubenvoll im Anhang des Buches. 296 Siehe GLK-Protokoll vom 2.6.1986. 297 Siehe GLK-Protokoll vom 25.2.1987. 298 Siehe GLK-Protokoll vom 11.12.1987, doch es wird gleich festgestellt: »Während des Unterrichts darf nicht telefoniert werden. Gespräche sollen auf das Nötigste beschränkt werden.« 299 Siehe GLK-Protokoll vom 26.9.1988. Die Phase der Expansion – neue Schularten ab den 1970er-Jahren 80 lichen Aussiedler, die Mitte der 1990er-Jahre aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Buchen kamen, wurden im Rahmen der BVJ-Klassen beschult, um ihnen innerhalb eines Schuljahres die nötigen Sprachkenntnisse zu vermitteln. Hiernach schloss sich bei den meisten Lebensläufen ein Ausbildungsvertrag in einem hiesigen Handwerksbetrieb oder Unternehmen an, was für den ein oder anderen ein großes Karrieresprungbrett darstellte und die Integration in die Region förderte.300 Im Jahr 1989 wird der ZGB ein Versetzungsgesuch des ehemaligen Schülers und späteren Schulleiters Konrad Trabold vorgelegt.301 Dieser Tagen sind aber keine Ver- änderungen des Kollegiums geplant bzw. möglich.302 Es zeichnet sich ein schleichender Schülerrückgang ab, dem man durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, zum Beispiel in Form eines »Tags der offenen Tür« (1988), diverser Ausstellungen (zum Beispiel vom 3. bis 8. Oktober 1989 an der Frankenlandschule in Walldürn, um die Einjährige und Zweijährige Berufsfachschule vorzustellen) und von Berufsinformationstagen (zum Beispiel an der Volksbank Franken vom 17. bis 19. Oktober 1989 mit einem Informationstisch und Beratungsangeboten), begegnen wollte.303 Recht zu Beginn der 1990er-Jahre kamen Bestrebungen auf, an der ZGB eine Technikerschule zu gründen:304 300 Siehe hierzu den Bericht von Anatoli Brishatjuk in Kapitel V. 301 Siehe GLK-Protokoll vom 4.7.1989. 302 Konrad Trabold sollte aber dennoch recht bald, ab dem Schuljahr 1989/90. als neuer Kollege an der ZGB willkommen geheißen werden, s. GLK-Protokoll vom 21.8.1989. 303 Siehe GLK-Protokoll vom 4.7.1989. 304 Siehe GLK-Protokoll vom 17.12.1990. »In Zusammenhang mit der ungewissen Zukunft der zweijährigen Berufsfachschule und dem Trend im Berufskolleg zu zwei Klassen teilt Herr Brötel mit, daß an der ZGB die Einrichtung einer Technikerschule Maschinentechnik mit dem Schwerpunkt Qualitätswesen305 oder Qualitätssicherung geplant sei. Dies sei vor dem Hintergrund zu sehen, daß ein Bewerberstau für die Technikerausbildung von 10.000 Bewerbern in Baden-Württemberg besteht.« Die Errichtung dieser Schulart wurde für das Jahr 1991/92 angestrebt und auch bewilligt. Die Stundenverteilung des ersten Semesters der Technikerschule im Schuljahr 1991/92 sah in Stunden wie folgt aus:306 Deutsch 2; Englisch 3; Wirtschaft, Sozialund Rechtskunde 3; Mathematik 7; Physik 3; Werkstofftechnologie 2; Technische Kommunikation 2; Technische Mechanik 4; Elektrotechnik 4; Computertechnik 2; Industriebetriebstechnik 1; Fertigungstechnik 2 und Qualitätslehre 1. Im Zuge der Etablierung der Technikerschule kam auch der Gedanke einer Zertifizierung auf, wie es in Wirtschaftsunternehmen der Fall ist. Man ist bestrebt, in Zukunft eine transparente Schulstruktur an der ZGB schaffen, die in u. a. Kennzahlen, Strukturbildern und Verlaufsanalysen eine Optimierung der Schule in allen erfassten Bereichen ermöglicht. Bis zur DIN-Zertifizierung im Jahr 2003 sollte es aber noch einige Jahre dauern. Im frühen Sommer des Jahres 1992 sollte die ZGB ihre neue und heute noch gültige Telefonnummer bekommen: 5300.307 305 Hier gab es einen Lizenzvertrag mit der DGQ, um öffentliche Lehrgänge durch ausgebildete Kollegen für die Technikerausbildung zu nutzen. 306 Siehe GLK-Protokoll vom 9.7.1991. 307 Siehe GLK-Protokoll vom 11.5.1992. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 81 Im Weiteren dachte man im Schuljahr 1992/93 in der längerfristigen Planung an eine Überbauung des überdachten Ganges beim Altbau, also im stadtseitigen Erdgeschoss des A-Gebäudes. Als der Haupteingang noch Richtung Stadt gelegen war, konnte man bei Schlechtwetter hier die Pausen schön verbringen. Doch durch die Ausrichtung der Schule Richtung D-Gebäude und damit dem neu geschaffenen Innenhof und der Brunnenanlage wurde dieser Wandelgang eigentlich nicht mehr benötigt. Mehrere kleinere Räume könnten hierdurch entstehen, die man dann als Sozialräume für die Hausmeister und die Raumpflegerinnen, als Bibliothekszimmer (diese Tage untergebracht im Saal 127), Räume für die Fachleiter bzw. auch als ein Besprechungszimmer nutzen wollte und nach Vollendung dieses Vorhabens auch so umsetzte.308 Eine Neuerung in diesem Schuljahr stellte die Einführung eines sog. »Betriebstages« dar. In den Einjährigen Berufsfachschulen sollte alle 14 Tage ein solcher verankert werden.309 Ab diesem Schuljahr sollte auch an der ZGB die ab da erforderliche Mülltrennung eingehalten werden: Wertstoffe (gelber Sack), Papier (ohne Vesperpapier), Glas und Restmüll.310 Man berät sich zu diesem neuen Verfahren eingehend. Im Zuge des Wertstoffsystems müssten für die Schule 83 x 3 Gefäße zur Mülltrennung angeschafft werden, plus einige wenige für Glas. Die Behälterfrage wurde komplex. Man konnte sich nicht einigen, denn die Vorschläge aus den Reihen des Kollegiums waren vielfältig, ebenso die Kritiken. Die Müllbehälter 308 Siehe GLK-Protokoll vom 20.3.1992. 309 Siehe GLK-Protokoll vom 29.6.1992. 310 Siehe GLK-Protokoll vom 5.11.1992. würden in den Klassenzimmern nur schwerlich zur Verschönerung beitragen. Gelbe Säcke könnten auch zum Fußball umfunktioniert werden. Man beäugte mit Vorbehalt die sich drohenden anbahnenden »Mülltrennungsprobleme«. Mit dem Schuljahr 1994/95 ging Erhard Brötel in den Ruhestand.311 Zu seiner Verabschiedung am 6. Juli 1994 werden alle Klassen abbestellt.312 Zur Feierlichkeit wurden über 240 Gäste von auswärts erwartet. Sein Nachfolger sollte Dipl.-Ing. Wolfgang Seifert werden. Er übernahm ein Lehrerkollegium mit 54 Lehrkräften und sechs verschiedene Schularten.313 Man kann von einer dauerhaften Expansions- und Erfolgsgeschichte seit den Anfangstagen Brötels als Schulleiter bzw. seit seinem Schuleintritt im Jahr 1954 sprechen. Mit Brötels Leitmotiv »Die Schule ist für die Schüler da, und nicht umgekehrt« wird er in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Seine Grundüberzeugung, dass jedes Vermögen an Wert verliert, wenn es nur verwaltet werde, und man 311 Siehe Mosbacher Kreisarchiv J3/17: Erhard Brötels Werdegang ist beispielgebend im Rahmen der Idee der gewerblichen Bildung. Nachdem er nach dem Abitur erst eine Maurerlehre absolviert hatte, bildete er sich auf dem BPI in Stuttgart zum Diplom-Gewerbelehrer weiter. Mit erst 37 Jahren wurde er schließlich Schulleiter. Seine Rede zur Pensionierung befindet sich in ihrer vollen Form im Anhang. 312 Siehe GLK-Protokoll vom 26.6.1994. 313 Nochmals im Überblick die Gründungsdaten: 1972/73 die Zweijährige, gewerblich-technische Berufsfachschule Metall; 1973/74 die Einjährige Berufsfachschule Körperpflege; 1976/77 die Einjährige Berufsfachschule Elektrotechnik; 1979/80 die Einjährige Berufsfachschule Metall mit dem Berufsfeld Fahrzeugtechnik; 1983/84 das Einjährige Berufskolleg Technik und 1991/92 die Fachschule für Technik mit der Fachrichtung Maschinentechnik mit dem Schwerpunkt Qualitätstechnik. Die Phase der Expansion – neue Schularten ab den 1970er-Jahren 82 deswegen auch eine Schule nicht nur verwalten, sondern als Dienstleistungsbetrieb führen solle, sollte den Geist der Schule weiterhin prägen.314 Mit dem Rundschreiben der Handelskammer Mannheim vom 6. März 1995 wurde eine allgemeinverbindliche Besuchspflicht der Einjährigen Berufsfachschule Metall für alle zukünftigen Auszubildenden der Berufe Metallbauer, Maschinenbaumechaniker, Dreher und Werkzeugmacher im Bezirk der Metall-Innung Buchen festgesetzt. Für das 150-jährige Schuljubiläum im Jahr 1997 wurde eine Feier angedacht, die am Wochenende des 21./22. Juni stattfinden sollte. Vorgesehen waren allgemeine Darbietungen und eine von den jeweiligen Abteilungsleitern organisierte Präsentation der Schule. Auch die entsprechenden Innungen beteiligten sich an der Gestaltung der Feier. Eine Festschrift wurde hierzu angefertigt, welche insbesondere den historischen Werdegang der Schule und die Darstellung der einzelnen Fachabteilungen präzise und anschaulich darstellt.315 Für die Schüler war eine Party in der Buchener Music-Hall am Freitagabend vorgesehen. Studienrätin Monika Weigand-Stubenvoll begann im Jahr 1996 mit der sog. »Inneren Schulreform«. Darunter war die Optimierung einzelner Handlungsfelder zu verstehen, wie zum Beispiel themenorientiertes Arbeiten, neue Unterrichtsformen und Gruppenarbeit. In einem von nun ab regelmäßig stattfindenden »Pädagogischen Zirkel« war das Forum geboten, sich mit Kollegen über etwaige Probleme im Schulbetrieb auszutauschen und Rat einzuho- 314 Siehe Abschiedsrede Brötels in: MOS J3/17. 315 Siehe ZGB, 150 Jahre, 1997. len.316 Auf Angebot von Dr. Wolfgang Schäfer wurde ab dem Schuljahr 1996/97 das Fach Technisches Englisch und EDV als Erweiterungsunterricht angeboten. 29 Schüler haben sich für ersteres, sogar 48 für letzteres angemeldet. Der Unterricht war für samstags vormittags im Fach Technisches Englisch angedacht. Der EDV-Unterricht sollte werktags abends stattfinden.317 Ebenfalls in diesem Schuljahr wurden erste Evaluationsmaßnahmen aufs Tableau gebracht. Schulleiter Seifert regte einen Beurteilungsbogen für Entlassschüler an.318 Ab Schuljahr 1997/98 erfolgte die Einrichtung einer Zweijährigen Berufsfachschule mit der Fachrichtung Elektro.319 Ab diesem Schuljahr verfügt die ZGB auch über eine Homepage.320 Ein Passus aus einem Konferenzprotokoll hält fest:321 »Herr Ihrig präsentiert unsere homepage [sic] im Internet, er benutzt dazu eine Neuanschaffung: den ›beamer‹, mit dem die Projektion der Bildschirmanzeige des Monitors bei Tageslicht möglich ist ( Anschaffungspreis ca. 9.000, - DM). Dieses Projektierungsgerät steht künftig, nach Absprache mit Herrn Ihrig, allen Kolleginnen und Kollegen zum Einsatz im Unterricht zur Verfügung.« 316 Siehe hierzu auch den Bericht von Monika Weigand-Stubenvoll im Anhang. 317 Siehe GLK-Protokoll vom 9.12.1996. 318 Siehe GLK-Protokoll vom 9.12.1996. 319 Siehe GLK-Protokoll vom 12.3.1997. 320 Doch das als ersten Einfall genommene Motto wurde zu einer größeren Diskussion um ein dauerhaftes Motto für die ZGB. Es standen mehrere Aussprüche zur Auswahl, von denen die drei mit den meisten positiven Stimmen lauteten: »ZGB – o.k.«; »ZGB – Zentrum guter Bildung«; »ZGB – Partner guter Bildung«. Das Finden eines allgemeinverbindlichen Mottos sollte sich noch eine Zeit lang hinziehen. 321 Siehe GLK-Protokoll vom 6.6.1997. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 83 Die Planung der Errichtung einer Teilzeit- Techniker-Fachschule im Schuljahr 1997/98 nimmt konkrete Formen an,322 ebenfalls hegt man in diesem Schuljahr bereits Pläne für die Erneuerung des Werkstattbaus zwischen ZGB und der Hauswirtschaftsschule, heute: Helene-Weber-Schule(HWS). Der Errichtung eines Zweijährigen Berufskollegs in kooperativer Form wurde ebenfalls vom Kreistag zugestimmt.323 Damit ist das Berufskolleg Technik und Medien gemeint. Diese Schulart hat, nach erfolgreichem Besuchen beider Jahre, die Fachhochschulreife zum Abschluss. Ebenso bekamen die Absolventen die Berufsbezeichnung eines »Kommunikationstechnischen Assistenten« verliehen. In Buchen wurde das erste Schuljahr eingeführt. Die Verkabelung des Verwaltungsnetzes wurde dieser Tage bis in das D-Gebäude erweitert. Bisher waren nur die Schulverwaltung, der Lehrerrechenraum324 und das Lehrerzimmer Holz verbunden.325 Ein Besuch der Schulleitung in der Partnerschule im ungarischen Szombatheley erfolgte Mitte Mai 1998.326 Der Unterrichtsausfall wird ab diesem Schuljahr an der ZGB engmaschig dokumentiert.327 Ab dem Schuljahr 1998/99 waren die Regeln der neuen Rechtschreibung um- 322 Siehe GLK-Protokoll vom 29.7.1998. Die Genehmigung des Kultusministeriums, eine Fachschule für Technik in Teilzeitform anzubieten, liegt vor. Gefordert ist jedoch eine Mindestschüleranzahl von 24. 323 Siehe GLK-Protokoll vom 15.6.1998. 324 Wahrscheinlich ist hier der kleine Raum vor dem Konferenzzimmer im A-Gebäude gemeint. 325 Siehe GLK-Protokoll vom 15.6.1998. 326 Siehe GLK-Protokoll vom 16.6.1998. Die Schule in Szombatheley ist eine Berufsschule mit der Ausrichtung in den Bereich Metall- und Elektrotechnik. Dort gibt es ebenfalls eine Art Berufskolleg. 327 Siehe GLK-Protokoll vom 9.12.1998. zusetzen.328 Ab 1999/2000 trat eine neue Technikerverordnung in Kraft, durch welche der Abschluss der Technikerschule zum Studium an einer Fachhochschule berechtigte.329 Im Schuljahr 1999/2000 wurde ein Computer im Wert von 14 000,– DM angeschafft, der die Eigenschaften eines PCs mit denen eines Overhead-Projektors vereinigte.330 Am 23. Juli 1999 wurden der Stadt Buchen das von Konrad Henn und Edwin Mackert geleitete Projekt »Wilder Konrad« und »Karussell« übergeben, Projektierung und Bau zweier großer Kinderspielgeräte für Buchens Innenstadt. Das Projekt erfährt in der Öffentlichkeit höchst positive Resonanz und dokumentiert das Engagement und die Flexibilität der ZGB. In Zukunft sollten weiterhin kleinere Spielgeräte für die Stadt Buchen in Projektarbeit gefertigt werden. Der Schulhausneubau (F-Gebäude) in Richtung HWS begann im Mai 2001. Dort soll die Kfz-Werkstatt und nicht, wie ursprünglich geplant, die Elektroabteilung eingerichtet werden. Die alte Werkstatt wurde kurz vor Beginn des Neubaus abgerissen.331 Die Fertigstellung samt Bezug wurde für das Frühjahr 2003 geplant und durchgeführt.332 Auch die Friseurabteilung wurde im Jahr 2002 neugestaltet. Mit einem finanziellen Aufwand von 180 000 Euro kam es zu grundlegenden Renovierungen.333 Fünf Räume wurden hierbei neu geschaffen: zwei 328 Bis zum 31.7.2005 ist jedoch neben der neuen Rechtschreibung noch die alte gültig (Erlass Nr. 31/ 99). 329 Siehe GLK-Protokoll vom 9.12.1998. 330 Siehe GLK-Protokoll vom 26.2.1999. 331 Siehe GLK-Protokoll vom 6.12.2000. 332 Siehe Artikel in den Fränkischen Nachrichten vom 7.5.2002. 333 Ebd. Die Phase der Expansion – neue Schularten ab den 1970er-Jahren 84 Abb. 26: Konrad Henn mit dem „Wilden Konrad“ Abb. 27: Der „Wilde Konrad“ mit Heinz Mann, Klaus Leitz, Konrad Henn, Edwin Mackert Geschichte der Buchener Gewerbeschule 85 Praxisräume und ein Theorieraum, der damit zum ersten multimediafähigen Raum der Schule wurde, zudem ein Lehrerzimmer und ein weiterer multifunktioneller Unterrichtsraum für den theoretischen und den fachpraktischen Unterricht. Die wohl größte Neuerung nach der Jahrtausendwende stellt die Einführung des Informationstechnischen Gymnasiums (TGI) dar. Durch die gute Schulführung, insbesondere durch die Zertifizierungsbestrebungen, kam die ZGB in die Auswahl der infrage kommenden Schulstandorte. An acht neuen Standorten in Baden-Württemberg sollte diese Schulart aufgemacht werden, einer davon sollte ab dem Schuljahr 2002/03 Buchen sein. Durch das Technische Gymnasium stieg die Schülerzahl auf 1 134 Personen.334 Die Fränkischen Nachrichten berichten am 15. Januar 2002: »Technische Gymnasien – Zweiter Standort in Buchen. Für naturwissenschaftlich-technisch interessierte Schüler Seit 30 Jahren gibt es in Mosbach das Technische Gymnasium, im kommenden Schuljahr kommt mit Buchen ein zweiter Standort hinzu. Den Bemühungen auf kommunal- und landespolitischer Ebene ist es zu verdanken, dass diese bewährte und innovative Schulart nun wohnortnah auch den Schülerinnen und Schülern des Altkreises Buchen offensteht. Zusammen mit den beiden Wirtschaftsgymnasien in Mosbach und Walldürn verfügt 334 Siehe Artikel in den Fränkischen Nachrichten vom 6.11.2002. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 1 045 Schüler. 55 neue Schüler kamen durch das TG an die Schule, die restlichen in anderen Schularten. der Neckar-Odenwald-Kreis nun über vier berufliche Gymnasien, die das Bildungsangebot prägen. Ein Jahr nach den allgemeinbildenden Gymnasien werden zum kommenden Schuljahr auch an den beruflichen Gymnasien die Neuerungen der Oberstufe eingeführt. Neben einer Neubestimmung des Pflichtbereichs wird es zu einem weitgehenden Wegfall des bisherigen Kurssystems kommen, und im Abitur werden künftig fünf statt bisher vier Fächer geprüft. Den Schulen eröffnen sich weitere Möglichkeiten, ihr spezifisches Profil zu stärken. […]« Die Gründung eines Technischen Gymnasiums bedeutete die Erweiterung des Kollegiums um zahlreiche neue Lehrer. Das ZGB-Motto wird in diesem Schuljahr nun definitiv mit »traditionell - fortschrittlich« festgelegt.335 Die ZGB wird ebenfalls in diesem Schuljahr die erste Schule in öffentlicher Trägerschaft, die nach DIN EN ISO 90001:2000 zertifiziert wurde.336 Konrad Trabold, späterer Schulleiter, war die maßgebliche treibende Kraft bei dieser Neuerung und bemühte sich seit 1998 um systematische Qualitätsentwicklung an der ZGB. Ab Schuljahr 2004/05 wurde – auch bedingt durch die Zertifizierung – das von Gebhard Herkert programmierte schulische Verwaltungssystem SIS (Schul-Informations-System) eingeführt, welches bis zum Schuljahr 2016 in Verwendung war und dann von WebUntis abgelöst wurde. Seit 2006 ist die Schule zudem nach OES (Operativ Eigenständige Schule) zertifiziert, was ein umfassendes System schulinterner Qualitätsentwicklungen bescheinigt.« 335 Siehe GLK-Protokoll vom 4.12.2002. 336 Siehe GLK-Protokoll vom 29.4.2003. Die Phase der Expansion – neue Schularten ab den 1970er-Jahren 86 Abb. 28: Übergabe des DGQS-Zertifikats an Schulleiter OStD Dipl.-Ing. Wolfgang Seifert Abb. 29: Das Schulleitungsteam im Jahr 2006: (vorne links) Wolfgang Seifert, (vorne rechts) Dr. Wolfgang Schäfer, (hinten v. l. n. r.) Konrad Trabold, Alfons Pföhler, Joachim Breunig Geschichte der Buchener Gewerbeschule 87 Ab dem Schuljahr 2005/06 gibt es an der ZGB ein neues Berufskolleg, die Schulart BK1MFE, Jahrgang 1 und darauffolgend in 2006/07 auch das zweite Jahr mit der Fachrichtung Feinwerkmechanik im Verzahnungsmodell.337 Schüler, die diese Schulart besuchen, haben die Möglichkeit, die Schulzeit auf ihre praktische Ausbildungszeit anrechnen zu lassen. Voraussetzung zum Besuch ist die Mittlere Reife und während jedes Schuljahrs finden vier Wochen Praktikum im Betrieb statt. Gleichzeitig wird die Fachhochschulreife vermittelt. Im Schuljahr 2007/08 investierte der Neckar-Odenwald-Kreis in neue Maschinenausstattungen für den Metallbereich im stattlichen Wert von über 1,2 Millionen Euro. Das Geld für neue CNC-Ma- 337 Siehe GLK-Protokoll vom 29.11.2005. schinen, Dreh- und Fräsmaschinen wurde aus einem Sonderhaushalt heraus bestritten. Erprobt wurde das V AB (Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf) in Baden-Württemberg, welches das BVJ (Berufsvorbereitungsjahr) ersetzt hat, ab dem Schuljahr 2009/10. Verbindlich wurde das V AB dann ab dem Schuljahr 2011/12 überall eingeführt. Durch die Flüchtlingskrise bedingt wurden in Baden- Württemberg auch ab dem Jahr 2015 verstärkt einjährige V ABO-Klassen eingerichtet: Das »O« bezeichnet den Umstand »ohne Deutschkenntnisse«, doch es wird hier kein Schulabschluss angestrebt, der Schwerpunkt liegt eher auf einer Vermittlung von Deutschkenntnissen, die sich am Ende des Schuljahres bestenfalls auf B1- Niveau befinden. Abb. 30: ISO-Zertifizierung 9001 – Zertifikatsübergabe im Jahr 2018. Von der Schule sind folgende Personen abgebildet: (v. l. n. r.) Konrad Trabold, Inge Hornbach und Heiko Ihrig Die Phase der Expansion – neue Schularten ab den 1970er-Jahren 88 Im Schuljahr 2017/18 kam es auch zu einem erneuten Zyklus der Zertifizierung nach der ISO-Norm, siehe Abbildung 30. III. 10) Die Gegenwart Das Schuljahr 2018/19 war geprägt von einem Besuch der Kultusministerin Susanne Eisenmann, die am 22. März 2019 unter dem Titel »Klassentreffen – unterwegs in Sachen Bildung« zu Gast an der ZGB war und sich vor Ort informierte, was an der Schule passiert und wie sich die Bedürfnisse der am Lehr- und Lernprozess Verantwortlichen bildungspolitisch umsetzen lassen. Vor allem die besondere Herausforderung, vor denen berufliche Schulen im ländlichen Raum stehen, war Thema. Der seit Kurzem angeschaffte 3D-Drucker und der 3D-Scanner wie auch die neu eingerichtete Lernfabrik 4.0, waren ein besonderes Highlight beim Rundgang der Ministerin. Die Erhaltung eines breiten Bildungsangebotes – auch in der Zukunft – und die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung waren aktueller Gesprächsanlass. Gegenwärtig besuchen die ZGB ungefähr 1 100 Schülerinnen und Schüler in den unterschiedlichsten Schularten, mit vielfältigen Abschlussmöglichkeiten. Die folgende Auflistung, orientiert am Schuljahr 2018/19, gibt einen Überblick über das aktuelle schulische Leistungsspektrum:338 338 Informationen entnommen von der Homepage der Schule: www.zgb-buchen.de/schularten, abgerufen am 10.3.2019. Berufsvorbereitende Einrichtung (BVE) Das BVE, eine Schulart, die im Rahmen einer Kooperation mit der Alois- Wißmann- Schule und der Helene-Weber-Schule Buchen, organisiert wird, fördert die Kompetenzentwicklung von jungen Menschen mit wesentlichen Behinderungen nach Abschluss der allgemeinbildenden Schulzeit. Die Schüler sind Absolventen der hiesigen Förder- und Sonderschulen. Ziel ist die Eingliederung in den Arbeitsmarkt nach Erfüllung der Berufsschulpflicht. Innerhalb der BVE gibt es Differenzierungen gemäß den besonderen Bedürfnissen der Schüler. Einjährige Berufsfachschule (1BFS) Diese Schulart entspricht ihrem Inhalt gemäß dem ersten Ausbildungsjahr der anerkannten Ausbildungsberufe der entsprechenden Fachbereiche Metalltechnik, Fahrzeugtechnik, Holztechnik, Elektrotechnik und Körperpflege. Ziel ist die Einführung der Schüler in den Beruf sowie die Vermittlung einer beruflichen Grundausbildung im entsprechenden Berufsfeld. Vorqualifizierung Arbeit/Beruf (V AB) Diese Schulart dient dem Erwerb des Hauptschulabschlusses bzw. der Erfüllung der Berufsschulpflicht wie auch dazu, die Berufs- und Ausbildungsreife grundlegend zu fördern. Kompetenzen in den Fachbereichen Metall, Holz, Nahrung und Körperpflege werden erworben. Das V AB stellt ein Pflichtschuljahr dar, in welchem die Jugendlichen für den Eintritt in das Erwerbsleben die nötige Hilfe angediehen wird. Geschichte der Buchener Gewerbeschule 89 Zweijährige Berufsfachschule (2BFS) Die Zweijährige Berufsfachschule richtet sich an Schüler mit einem Hauptschulabschluss und führt sie innerhalb von zwei Jahren zum Erwerb des mittleren Bildungsabschlusses, der sog. Fachschulreife, vulgo Mittlere Reife. Aufgeteilt in die zwei Fachbereiche Metall oder Elektro qualifiziert die 2BFS die Schüler besonders für die Aufnahme einer Lehre in eben diesen Feldern. Nach diesem Schulabschluss kann durchaus auch die berufliche Oberstufe, zum Beispiel am Technischen Gymnasium, angestrebt werden. Technisches Berufskolleg mit Verzahnung (BKMFE) Diese Schulart ist eine zweigeteilte Schulart in Vollzeitform: das Berufskolleg I und das Berufskolleg II, die aufeinander aufbauen. Der erfolgreiche Besuch des Berufskollegs I ist Voraussetzung zum Besuch des Berufskollegs II. Jugendliche, die Interesse am gewerblich-technischen Bereich haben, können diese Schulart aufbauend auf einen mittleren Bildungsabschluss besuchen. Der Schwerpunkt an der ZGB liegt im Bereich der Feinwerkmechanik. Eine Verzahnung mit ausbildungsrelevanten Inhalten bildet den Kern dieser Schulart. Sie ermöglicht eine etwaige Verkürzung der Lehrzeit in entsprechenden Ausbildungsberufen. Die Schulart endet mit der Fachhochschulreife, Abb. 31: Kultusministerin Eisenmann zu Gast in der Nahrungsabteilung der ZGB. Mit auf dem Bild (v. l. n. r.): Patrick Weber, Roland Burger, Konrad Trabold Die Gegenwart 90 die landesweit in Baden-Württemberg Gültigkeit besitzt. Nach zusätzlichem 5-monatigem Praktikum wird dieser Schulabschluss auch bundesweit anerkannt. Einjähriges Berufskolleg Technik (1BKFHT) Schüler, die sowohl einen mittleren Bildungsabschluss als auch eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen, können das Einjährige Berufskolleg mit der Fachrichtung Technik an der ZGB besuchen. Ziel dieser Schulart ist eine Qualifizierung für ein Studium an Hochschulen für angewandte Wissenschaften oder eine Berufsausbildung in einem Beruf, für welchen die Fachhochschulreife Voraussetzung ist. Diese Vollzeitschulart dauert ein Jahr. Technisches Gymnasium (TG) Im Bereich des Technischen Gymnasiums haben sich an der ZGB drei Schwerpunktbereiche herauskristallisiert: Informationstechnik (TGI), Technik und Management (TGTM) und Mechatronik (TGM). Diese Schulart richtet sich an Schüler mit einem bereits erworbenen guten mittleren Bildungsabschluss und dem Bestreben, sich auf den Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife hinzubewegen. Diese Vollzeitschulart dauert drei Jahre und schließt mit dem allgemeinen Abitur. Fachschule für Technik Maschinentechnik (FTM) Diese Fachschule richtet sich an Fachkräfte aus der Praxis, die sich entweder in Teilzeit- Abb. 32: Das Schulleitungsteam (v. l. n. r.) mit Joachim Breunig, Heiko Ihrig, Michael Link, Konrad Trabold und Alfons Pföhler im Schuljahr 2018/19 Geschichte der Buchener Gewerbeschule 91 form oder in Vollzeit weiterqualifizieren möchten und als Abschlussziel den Staatlich geprüften Techniker anstreben. Funktionen im mittleren und höheren Management stehen den Absolventen hiernach offen. Die Anfertigung einer sog. Technikerarbeit ist für den Abschluss Voraussetzung und entspricht dem Bachelor-Niveau im Rahmen des Europäischen Referenzrahmens. Abschließend eine Übersicht über alle im Schuljahr 2018/19 an der ZGB unterrichtenden Stammlehrer339, der Reihenfolge ihrer internen Auflistung im DokWeb nach: 339 An die ZGB abgeordnete Lehrer sind in dieser Übersicht nicht erfasst. Trabold, Konrad Hilbert, Rainer Schäfer, Ralf Ihrig, Heiko Högerl, Thomas Schäfer, Dr. Ralf Allin, Daniela Juschkat, Renate Scherer, Michael Arnstein, Dr. Isabell Kaiser, Michael Schmiedel, Christina Banschbach, Thomas Keller, Wolfgang Schölch, Michael Bauer, Stefan Kirchgeßner, Rainer Schulz, Michael Becker, Rolf-Werner Kleiser, Christoph Schwab, Barbara Beeser, Alfons Knoll, Marcus Schweitzer, Dr. Wolfgang Breunig, Joachim König, Frank Stange-Grüneberg, Dr. Bernd Breunig, Michael Leitz, Klaus Storch, Martin Donath, Berno Link, Michael Strittmatter, Martin Ehler, Stephanie Mitschke, Josef Trabold, Martin Eiser, Joachim Mohr, Hans-Peter Trunzer, Dominic Gallego Outon, Fernando Müller, Christian Ufert, Liane Galm, Stefan Ostertag-Smith, Marina Ulbricht, Dieter Gehring, Ulrich Pfeiffer, Uwe Veith-Wähler, Silvia Götz, Carlo Pföhler, Alfons Vering, Benedikt Gramlich, Erich Rapp, Sebastian Weber, Jasmin Heiß, Karsten Repp, Holger Weber, Patrick Henn, Konrad Rittmann-Minninger, Dorothee Weinmann, Ralf Herber, Peter Saur, Hubert Wörmann-Lehr, Gabriele Herth, Adrian Schad, Marco Zin, Andrea Die Gegenwart

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References

Zusammenfassung

Isabell Arnstein geht auf die Entwicklung des Gewerbeschulwesens in Baden ein und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Entwicklung der heutigen Zentralgewerbeschule Buchen (ZGB). Die Ausführung beginnt in mittelalterlicher Zeit und beschreibt die zunehmende Verzahnung des schulischen Unterrichts mit der Ausbildungsordnung der Zünfte bis hin zur Etablierung eines verbindlichen gewerbeschulischen Systems in Baden im Jahr 1834. Ab 1847, dem Gründungsjahr der ZGB, wird das Hauptaugenmerk auf die Historie der Schule gelegt, und deren Bedeutung als Verbindungsglied zwischen schulischer Bildung und Arbeitswelt bis in die Gegenwart wird aufgezeigt. Zahlreiche Quellen ermöglichen dem Leser einen Blick sowohl in die Entwicklungsgeschichte des badischen Gewerbeschulwesens als auch in die abwechslungsreiche Historie der ZGB.