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1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema in:

Michael Gaßner

Illusionen und Irrwege?, page 1 - 30

Wettbewerbliche und regulatorische Herausforderungen und Chancen von Stadtwerke-Kooperationen - eine kritische Analyse

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4331-8, ISBN online: 978-3-8288-7278-3, https://doi.org/10.5771/9783828872783-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 90

Tectum, Baden-Baden
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Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema Fragestellung Als Stadtwerke durch wettbewerbliche oder regulatorische Herausforderungen mit Beginn der Liberalisierung der Energiemärkte nach 1997 an Grenzen stießen, allein nicht weiterzukommen glaubten, sahen sie sich veranlasst, ihre Geschäftsmodelle zu verändern und über Kooperationen nachzudenken. Hatte man sich bislang als Erbringer von Leistungen der Daseinsfürsorge, d.h. über die Sicherstellung der Infrastruktur für die Versorgung von Unternehmen und Haushalten im eigenen Gemeindegebiet definiert, so sah man sich jetzt der Situation ausgesetzt, dass der Markt liberalisiert, Gebietsschutz nicht mehr vorhanden und damit jedem Wettbewerber der Zugang zu den bislang versorgten Abnehmern im eigenen Netzgebiet möglich war; Abnehmer wurden zu Kunden, welche die Wahl hatten, sich ihren Lieferanten frei zu wählen. Die Stadtwerke waren insbesondere mit Blick auf ihre größten industriellen Abnehmer bzw. Kunden in großer Sorge, diese an die jeweiligen „Verbundunternehmen“, ihre damals regelmäßig festen Vorlieferanten zu verlieren. Das zur Gewährleistung einer sicheren Versorgung notwendige Erzeugungsportfolio war ebenso in der Hand dieser „Verbundunternehmen“, wie diese beste Kenntnisse von den Bedarfen der größten Kunden der Stadtwerke und deren Abnahmestruktur hatten. Man war also in den Squeeze zwischen Vorlieferant und Kunde geraten, hatte regelmäßig wenig Zugriff auf eigene Erzeugungskapazitäten und sah sich der Erwartung der Kunden ausgesetzt, Preise zu senken – „Liberalisierungsgewinne“ waren der Wirtschaft von Seiten der Politik versprochen worden. Keinesfalls wollte man seitens der Stadtwerke auf das Geschäft verzichten, so dass als Alternative nur gesehen wurde, in bestimmten Feldern mit anderen zu kooperieren. Zwei grundsätzlich verschiedene Arten zu kooperieren wurden gewählt, wobei in dieser Arbeit nur gesellschaftsrechtlich verankerte Kooperationen analysiert werden sollen: – Die Aufnahme eines Partners in den eigenen Gesellschafterkreis. – Die Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft mit anderen Stadtwerken, der Kooperation also unterhalb der eigenen Gesellschaft. Stadtwerke-Kooperationen entstanden so reaktiv aufgrund dieser wettbewerblichen und regulatorischen Herausforderungen bestehender Stadtwerke. Damals nur selten entstanden solche Kooperationen durch eine gemeinsame Entscheidung von Städten und Gemeinden, bislang über Konzessionen vergebene energiewirtschaftliche Aktivitäten gemeinsam in eigene Hände zu nehmen, „Rekommunalisierung“ also nicht allein, sondern in Kooperation anzugehen; dies war einer späteren Phase vorbehalten. 1. 1.1 1 Politik, Verbände und Berater haben die Stadtwerke in der Vergangenheit und in der Gegenwart mehr oder minder stark ermutigt, Kooperationen miteinander einzugehen; häufig getrieben in der Abgrenzung zu den Geschäftsmodellen der großen „Verbundunternehmen“, aus denen sich die damals dominanten Energieversorger E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall entwickelten. Kollektiv sollten die Stadtwerke energiewirtschaftliche Alternativmodelle entwickeln: „ökologisch“, „dezentral“, „basisdemokratisch“. Politische Motive vermischten sich dabei wild mit neuen, ökonomisch angeblich besseren Geschäftsmodellen oder überlagerten diese sogar. Stadtwerke-Kooperationen wurden also in der Erwartung eingegangen, dass zusammen bessere politische und kommerzielle Ergebnisse für den jeweiligen Kooperationspartner entstünden, als in einer Alleinstellung des jeweiligen Stadtwerks. Wenigstens gab es die Erwartung, über Kooperationen ließen sich Chancen nutzen, die einem alleine verschlossen blieben. In dieser Arbeit soll die Frage geklärt werden, ob sich diese Erwartungen nach „besseren“ oder wenigstens nach ökonomisch „mehr“ Ergebnissen für Stadtwerke in Kooperation erfüllt haben. Es ist also zu analysieren: Welche Faktoren waren für den Erfolg bzw. Misserfolg von Stadtwerke-Kooperationen entscheidend? Welche Kooperationstypen haben sich weshalb herausgebildet? Haben sich die Erwartungen nach „besseren“ oder wenigstens ökonomisch „mehr-" Ergebnissen für Stadtwerke in Kooperation erfüllt? Welche Erfolgsfaktoren waren es in der Vergangenheit, welche werden es künftig sein? Diese Forschungsziele sollen also behandelt werden. Die Erfolge oder Misserfolge von Stadtwerke-Kooperationen wurden bislang kaum übergreifend gemessen; die Erfolgsfaktoren wurden häufig nur zum Zeitpunkt des Eingehens der Kooperation abstrakt beschrieben, selten aber nachträglich „controlled“. Dies gilt auch für die Arbeit von Carsten Sander, der eine umfassende und systematisch empirische Erhebung der Kooperationsaktivitäten von Stadtwerken im deutschen Energiemarkt vornimmt, nachdem in dieser zuvor deren Kooperationspotenziale analysiert wurden.1 Sanders theoretische Konzeptualisierung und empirische Überprüfung der zentralen Erfolgsfaktoren von Kooperationen kommunaler Energieversorgungsunternehmen bleibt sehr stark im Theoretischen verhaftet – und dies ist die Stärke seiner Arbeit. Auf einen Abgleich mit den sich aus den Gewinn- und Verlustrechnungen der befragten Unternehmen ergebenden tatsächlichen Erfolgen oder Misserfolgen oder auf eine Betrachtung der Analyse der Entscheidungsprozesse von außen hat er verzichtet. 1 Carsten Sander, Kooperationen in der Energiewirtschaft. Eine empirische Analyse kommunaler Energieversorgungsunternehmen, Aachen 2011. Vgl. dort Ziele S. 4f. 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 2 Insoweit bewegt sich die jetzt vorgelegte Arbeit nicht nur in den Feldern, in denen Sander selbst künftigen Forschungsbedarf sah2, sondern geht erheblich tiefer, als nicht nur die Draufsicht der Beteiligten, also deren Selbstbild abgefragt wird, sondern einzelne Unternehmensgruppen von den Entscheidungsprozessen und Entwicklungen her tiefer analysiert und wirtschaftliche Ergebnisse und deren Ursachen gegeneinandergestellt werden. Fast mystisch wurden von Verbands- wie Beraterseite und auch von Teilen der Politik die kooperativen Modelle als ideal beschrieben, um eine positive Veränderung der Energiewirtschaft, um die Energiewende zu bewirken. In der Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die Erfolgsfaktoren von Kooperationsformen zwischen Stadtwerken ohne Festlegung auf ein Modell zu analysieren. Im demokratischen Rechtsstaat gilt das Primat der Politik, gerade auch in der bzw. für die Energiewirtschaft. Eine Stadtwerke-Kooperation als unternehmerische kommunalwirtschaftliche Aktivität muss sich daran orientieren. Dies bedeutet, dass die Geschäftsführung einer kooperativ gehaltenen Gesellschaft gefordert ist, in dem vom Gesetzgeber vorgegebenen Rahmen, der legislativer Umsetzung der Politikziele, möglichst hohe Ergebnisse für die Kooperationspartner zu generieren. Dies bedeutet also auch, dass man gefordert ist, weder selbst Politik machen zu wollen, noch sich an allgemeinen politischen Zielen zu orientieren, wenn sich aus diesen keine wirtschaftlich sinnvollen Ergebnisse für die Gesellschaft generieren lassen; ein allgemeines Politikziel, und sei es noch so edel, begründet noch keine unternehmerische Handlungspflicht. Wenn eine tiefer gehende Analyse von Stadtwerke-Kooperationen gelingen soll, muss sie die vielfältigen Kräfte einbeziehen, die auf das Branchensegment wirken, d.h. interdisziplinär ausgerichtet sein. Folgende Teilfragen sind deshalb bei jeder der in dieser Arbeit behandelten Kooperationen zu stellen: – Gibt es historisch bedingt typische Phasen für bestimmte Kooperationen? – Vor welchem politischen, ökonomischen und rechtlichen Hintergrund wurde die jeweilige Kooperation angebahnt? – Wie sah das historische Umfeld aus und welche Gründe gab es für die spezielle Kooperationsart? – Welches waren die Treiber oder die Hemmnisse für die Kooperation? – Wurde das Modell von den Beteiligten zu Ende gedacht? – Wer von den Beteiligten profitiert mehr von der Kooperation? – Wer verdient das Geld in einer Kooperation oder wo entsteht der Profit? – Welches Kooperationsmodell erweist sich als das erfolgreichste? – Wie sehen künftige Kooperationsmodelle aus? – Wie „kommunal“ können diese trotz oder wegen der Rekommunalisierung noch sein? 2 Sander, Kooperationen in der Energiewirtschaft a.a.O. S. 228ff. 1.1 Fragestellung 3 – Welche Prioritäten sind bei den Stadtwerken derzeit zu erkennen? Welche Kooperationsfelder rücken stärker in den Vordergrund (Erzeugung, Handel, Vertrieb, Netz, Services/IT etc.)? Die vorliegende Arbeit will versuchen, Antworten darauf zu geben. Sie nimmt deshalb einen anderen Ansatz; sie geht davon aus, dass Kooperationen in der Energiewirtschaft nicht abstrakt für sich betrachtet werden können. Vielmehr verlaufen sie in typischen Zyklen und unterliegen dem jeweiligen Einfluss des Marktes, politischen Trends oder wesentlichen politischen Akteuren, technologischem Wandel, dem regulatorischen System und oft auch zeitlichen Zufällen (wie der Vielzahl gleichzeitig auslaufender Konzessionsverträge). Wenn man den Zeitpunkt, in dem eine Kooperation entstanden ist, kennt, dann kann man deshalb in der Regel auch sagen, aus welchen Beweggründen diese Kooperation eingegangen wurde. So eindeutig lassen sich typische Erscheinungsformen und Wellen von Kooperationen festmachen: 1. In der Frühphase der Liberalisierung des Strommarktes bis zur Eschwege-Entscheidung des Bundeskartellamts 2003 2. In der Phase der vorübergehenden „Restauration des Oligopols“ 2003-2008 3. In der Phase des Strukturwandels ab 2008 4. In der sich teilweise mit Phase 3 überlagernden Phase der „Rekommunalisierung“ (neu erwachtes Selbstbewusstsein der Stadtwerke, „stand-alone“, aber dann, von Markt und Regulierung überfordert, nach neuen Kooperations-Anbindungen suchend) 2008-2012 5. In der aktuellen „Phase der Desorientierung“ und der wenig zielgerichteten Suche nach neuen Geschäftsmodellen. Ausgewählte Kooperationen Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Kooperationen in der Energiewirtschaft ist es nötig, eine Auswahl zu treffen und diese zu begründen. Für diese Untersuchung werden typische Kooperationen ausgewählt. Auf der Basis von ausführlichen Recherchen, statistischen Erhebungen, Geschäftsberichten und gestützt auf Interviews wird das jeweilige kooperative Geschäftsmodell analysiert. Geht man aus von der Kooperationsstruktur, so gibt es zwei grundlegend unterschiedliche kooperative Konstellationen im Stadtwerkebereich: 1. Kooperationen auf der Gesellschafterebene des einzelnen Stadtwerkes. 2. Kooperationen auf der Ebene unterhalb des einzelnen Stadtwerks, also in Form von gemeinsam gehaltenen Beteiligungen. – sei es als Projektgesellschaft, um Assets z.B. an Kraftwerken zu halten – sei es als Servicegesellschaft, um gemeinsam Synergien zu heben, z.B. im Handelsbereich oder in vertriebsnahen Bereichen, etc. Die häufig vorkommenden lediglich vertraglich vereinbarten Formen der Zusammenarbeit von Stadtwerken, die gesellschaftsrechtlich nicht hinterlegt sind, werden in 1.2 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 4 dieser Arbeit nicht analysiert; sie im Einzelnen zu identifizieren und zu beschreiben, erschien als nicht leistbar. Zur Konstellation 1 gehören die „klassischen“ Kooperationen mit ehemaligen Verbundunternehmen, also zwischen Stadtwerken und ehemaligen Oligopolisten aus der vorgelagerten Wertschöpfungsstufe. Hier werden vor allem Beteiligungen der „gro- ßen Vier“ im Strombereich betrachtet. Auch die Großkooperation zwischen großen und kleinen Mitgliedern am Beispiel der Thüga AG mit ihrem großen bundesweiten Netzwerk von lokalen und regionalen Energieversorgern wird hier einbezogen. Zur Konstellation 2 gehören z.B. die Kooperationen mit Schwerpunkt in der Erzeugung: – Die Trianel GmbH und die beiden von Trianel initiierten „Kraftwerksgesellschaften“ Hamm und Lünen – Das Steinkohlekraftwerksprojekt Brunsbüttel der Südwestdeutschen Stromhandels GmbH – Die Kooperationsprojekte „GEKKO“ und „Green GECCO“ der RWE – Die Kooperation des Stadtwerke-Konsortiums Rhein-Ruhr als Gesellschafter der STEAG GmbH. – Die Kooperation unter regional nahen Gesellschaften: Südwestdeutsche Stromhandels GmbH (SüdWestStrom), in der 30 überwiegend baden-württembergische Stadtwerke verbunden sind. Es werden in der vorliegenden Arbeit beide Kooperationsformen in ihren jeweiligen Ausprägungen und Beispielen dargestellt und anschließend miteinander verglichen. Vorgehen und Quellenbasis Zunächst untersucht diese Arbeit den politischen, energiewirtschaftlichen und kartellrechtlichen Hintergrund, in den die verschiedenen Kooperationstypen eingebettet sind. Dabei wird auch die historische Bedingtheit einzelner Typen herausgestrichen. Sie sind jeweils verbunden mit einer konkreten Situation, die auch erklärt, warum die Branche fast im „Geleitzug“ vorzugehen pflegte und ein angesichts der historischen Bedingungen angesagter Kooperationstyp sofort viele Nachahmer fand. Danach werden die unterschiedlichen Typen von Stadtwerke-Kooperationen beschrieben und analysiert. Es wird hierbei auf folgende Datenbasis zurückgegriffen: – Geschäftsführern von Stadtwerken in Kooperation (nach Konstellationen 1 und 2; bei Konstellation 1 Thüga, bei Konstellation 2 Trianel) wurden umfangreiche Fragebögen zur Beantwortung übersandt. Darin wird detailliert nach Kennzahlen, Zielgrößen, Kosten usw. in der Kooperation und dem Nutzen derselben gefragt. – Die Geschäftszahlen von Stadtwerke-Kooperationen und Stadtwerken wurden über den Zeitraum von 10 Jahren analysiert. Dabei wurde auf eine möglichst breite Datenbasis geachtet und es wurden in zwei Phasen verschiedene Datensätze mit statistischen Methoden analysiert. Es wurden Umsatz, Rohertrag und Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit nach einzelnen Stadtwerke-Klassen erhoben 1.3 1.3 Vorgehen und Quellenbasis 5 und verglichen, wobei zum Vergleich auch Stand-Alone-Stadtwerke herangezogen wurden. Aus diesen Daten wurden Vergleichsgruppen gebildet – nach dem Muster Stadtwerk mit Thüga, mit E.ON, mit RWE, mit EnBW oder im Vergleich mit „Stand Alone“, um eine hinlänglich objektivierbare Basis zu erhalten. So soll herausgefunden werden, welchen Einfluss Kooperationen auf die Entwicklung der Kennzahlen von Stadtwerken haben. – In einem Workshop mit 12 Geschäftsführern baden-württembergischer Stadtwerke wurde nach den Ergebnissen und Zukunftsaussichten von Stadtwerke-Kooperationen gefragt. Dieses in mehreren Fragebögen erhobene Material wurde statistisch ausgewertet. – Der Verfasser hat Telefoninterviews mit Branchenkennern geführt, die er aus seinem in der Branche entstandenen Netzwerk gut kennt. Ein großer Vorteil liegt dabei im Zugang zu „Insiderwissen“ und einer Perspektive, die ein Außenstehender selten erlangen kann. Reicht dies aus, um als hinreichend belastbare Datengrundlage zu dienen? Ein weiterer persönlicher Aspekt kommt hinzu: Der Autor dieser Arbeit verfügt über eine jahrzehntelange Erfahrung in der Energiewirtschaft und der öffentlichen Verwaltung oder als Berater, hat den kaufmännisch-energiewirtschaftlichen Bereich eines sehr großen Unternehmens der Energiewirtschaft geführt und Entscheidungen maßgeblich mitverantwortet. Er bringt daraus persönliche Erfahrungen und Kenntnisse mit, die über das aus veröffentlichten Quellen und hinterlegtem Zahlenmaterial Verfügbare hinausgehen. Der Autor ist sich der Gefahr bewusst, dass privilegierte Einsichten vordergründig nur subjektive Erkenntnisse liefern, die häufig interessengeleitet sind und auf normativen Vorannahmen beruhen mögen. Deshalb sind hier einige methodische Vor- überlegungen angebracht. Theoretischer und methodischer Bezugsrahmen für die Analyse Die Arbeit ist bewusst interdisziplinär angelegt.3 Sie analysiert die Stadtwerke-Kooperationen sowohl über die Auswertung von Kennzahlen wie auch über die Analyse sozialer Phänomene. Darüber hinaus betrachtet sie typische zeitliche Entwicklungen der Unternehmen der Branche und Verhaltensformen ihrer Entscheider. Die Analyse sozialer Phänomene erfordert einen theoretischen Bezugsrahmen, der die beschriebenen empirischen Sachverhalte ordnet und erklärt, aber auch erläutert, nach welchen Kriterien ausgewählt und geurteilt wurde. Daraus lassen sich die zu untersuchenden Variablenkomplexe ableiten, um schließlich die Faktoren, die den Erfolg bzw. Misserfolg von Stadtwerke-Kooperationen begünstigen, herauszuarbeiten. 1.4 3 Zur Interdisziplinarität in öffentlichen Organisationen vgl. Eberhard, Bohne; Verwaltungswissenschaft. Eine interdisziplinäre Einführung in die Grundlagen, Wiesbaden 2018, S. 23f., 34f. 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 6 Akteurzentrierter Institutionalismus Der Akteurzentrierte Institutionalismus ist ein Theorieansatz, der die Schwäche des Neo-Institutionalismus – das ist die Ausblendung von Akteurvariablen – überwinden soll.4 Der Akteurzentrierte Institutionalismus, den die Soziologen Renate Mayntz und Fritz Scharpf5 Mitte der 1990er Jahre am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung entwickelt haben, hilft, analytische Kategorien zu bilden und die Akteurkonstellationen in einem breiteren, komplexeren Spektrum zu untersuchen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass „die Analyse von Strukturen ohne Bezug auf Akteure“ genauso defizitär bleibe wie die „Analyse von Akteurhandeln ohne Bezug auf Strukturen“.6 Der Akteurzentrierte Institutionalismus ist kein Erklärungsmodell, sondern nur eine „Forschungsheuristik“7. D.h. sie bietet einen Ordnungsrahmen, der relevante Fragestellungen und Vaiablenkomplexe zu identifizieren hilft sowie unterschiedliche „Partialtheorien“ (z.B. Ansätze der Neuen Insitutionenökonomik, des Neo-Institutionalismus, der Systemtheorie etc.) und Kausalmechanismen kombiniert, die als Theoriemodule zur Erklärung sozialen Handelns herangezogen werden. Beispielsweise wird in der energiewirtschaftlichen Kooperationsforschung auf die Transaktionskostentheorie, die Agenturtheorie und auf spieltheoretische Ansätze zurückgegriffen8. Das Mittel, um Strukturen und Akteure in Bezug miteinander zu setzen, ist die „kausale Rekonstruktion“. Dies ist eine, so Renate Mayntz, aus der Empirie erwachsende Analyse: „Diese sucht keine statischen Zusammenhänge zwischen Variablen, sondern eine Erklärung des fraglichen Makrophänomens durch die Identifikation der an seinem Zustandekommen beteiligten Prozesse und Interdependenzen.“9 An anderer Stelle erläutert sie diesen Vorgang genauer: „Nicht Abstraktion und maximale Vereinfachung sind dabei das Ziel, sondern Konkretisierung und hinreichende Komplexität der Erklärung.“10 „Die kausale Rekonstruktion wählt deshalb die Strategie der empirischen Identifikation von Kausalzusammenhängen auf der Basis einer möglichst breiten Erfassung der an der ‚Bewirkung einer Wirkung‘ beteiligten situativen Gegebenheiten und Handlungen korporativer und kollektiver Akteure.“11 1.4.1 4 Bohne; Verwaltungswissenschaft a.a.O. S. 153 5 Zur Theorie des akteurzentrierten Institutionalismus: Renate Mayntz u. Fritz Scharpf, Der Ansatz des akteurzentrierten Institutionalismus, in: dies. (Hg.): Gesellschaftliche Selbstregelung und politische Steuerung, Frankfurt/M 1995, S. 39-72 6 ebd. S. 46 7 ebd. S. 39 8 vgl. Sander 2011, S. 113f 9 Renate Mayntz, Zur Theoriefähigkeit makro-sozialer Analysen, in: dies. (Hg.), Akteure –Mechanismen – Modelle: Zur Theoriefähigkeit makro-sozialer Analysen. Frankfurt a.M. 2002, S. 7–43, hier S. 13. 10 Renate Mayntz, Kausale Rekonstruktion: Theoretische Aussagen im Akteurzentrierten Institutionalismus, in: dies. (Hg.), Sozialwissenschaftliches Erklären. Probleme der Theoriebildung und Methodologie, Frankfurt a.M. 2009, S. 83-95, hier S. 84 11 ebd. S. 85 1.4 Theoretischer und methodischer Bezugsrahmen für die Analyse 7 Die „kausale Rekonstruktion“ ist Voraussetzung und methodischer Kern dessen, was Renate Mayntz und Fritz Scharpf mit dem Begriff des Akteurzentrierten Institutionalismus bezeichnen. Dieser macht es sich zur Aufgabe, einen analytischen Rahmen zu definieren, der das Verständnis komplexer sozialer Makrophänome in ihrem institutionellen Zusammenhang erlaubt. Verständnis bedeutet bei einem solchen Vorhaben nicht, einen subjektiven oder objektiven Sinn nachzuvollziehen, sondern das Aufzeigen eines jeweiligen Verursachungszusammenhanges.12 Institutionen beschränken auf der einen Seite die Handlungsmöglichkeiten der Akteure, schaffen auf der anderen Seite aber auch erst die Bedingungen für soziales Handeln, setzen soziale und rechtliche Normen. Ein zentraler Punkt des Akteurzentrierten Institutionalismus liegt in dem Postulat, dass Akteure nicht als Individuen verstanden werden, sondern in erster Linie als kollektive Akteure. Wie können wir die Abläufe in Stadtwerken, Stadtwerke-Kooperationen und den sie umgebenden Institutionen und das Handeln der in ihnen tätigen korporativen Akteure analysieren? Es handelt sich um gesellschaftliche Teilsysteme – unterhalb eigentlicher politischer Institutionen. Sie sind hochorganisiert, mehr oder minder staatsnah und staatlich reglementiert und organisieren sich doch selbst. Sie nehmen damit eine Zwitterstellung ein, die sich zumindest vordergründig einer eindeutigen politischen Zuordnung entzieht. Als Institutionen werden in diesem Sinne Stadtwerke, ihre Kooperationen und andere Unternehmen der Energiewirtschaft verstanden, sowie die Gremien und Organe, die sie führen, d.h. die sie auf vielfältige Weise managen, beeinflussen und kontrollieren. Dieser institutionelle Rahmen dient, soweit dies für die Beurteilung der einzelnen Kooperationsmodelle erforderlich ist, als Grundgerüst der Analyse im Hinblick auf die – Konstellation der Akteure und ihre Interaktionsformen – Konfliktart und Problemsituation – Konfliktlösungsfähigkeit und Entscheidungen – Bewältigung von zukünftigen Herausforderungen. Die Betrachtung aus den Perspektiven dieses Ansatzes soll helfen, „bereits vorhandenes wissenschaftliches und vorwissenschaftliches Wissen“ prüfend zu strukturieren, um die wesentlichen Erklärungsfaktoren herausarbeiten zu können.13 Er stellt damit eine Brücke zur Teilnehmenden Beobachtung dar. Schlüsselbegriffe sind der institutionelle Rahmen, der Zugriff auf die Akteure, die Akteurkonstellationen und die Interaktionsformen. Ein Vorteil des Ansatzes ist, dass es sich hierbei um einen offenen Theorierahmen handelt, der für alle Konstellationen und auf allen Ebenen des Komplexes Stadtwerke- Kooperationen einsetzbar ist und die Akteurs- mit der Institutionsperspektive verbindet. Der Ansatz verbindet zwei eigentlich heterogene Faktoren miteinander: Den „Eigennutz der Akteure, der ihr Handeln antreibt und Institutionen (rechtliche und so- 12 ebd. S. 84 13 So Fritz W. Scharpf, Interaktionsformen. Akteurzentrierter Institutionalismus in der Politikforschung, Wiesbaden 2000, S. 64 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 8 ziale Regeln), die das Akteurhandeln beeinflussen, lenken und begrenzen“.14 Vergegenwärtigt man sich das Modell des Akteurzentrierten Institutionalismus anhand eines Schaubildes, so wird deutlich, dass innerhalb des institutionellen Kontextes die internen Bedingungen und Möglichkeiten des Interaktionsraumes wichtig sind. Analytisches Modell des Akteurzentrierten Institutionalismus Analytisches Modell des Akteurzentrierten Institutionalismus Quelle: Mayntz / Scharpf, Der Ansatz des Akteurzentrierten Institutionalismus S. 45 Dieses Modell lässt sich auf die inneren Strukturen und internen Abläufe der Stadtwerke-Kooperationen bzw. der an ihnen beteiligten Stadtwerke beziehen. Hier bieten sich konkrete Anknüpfungspunkte. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der Geschäftsführung eines Stadtwerks und seinem Gesellschafter/seinen Gesellschaftern? Ist diese Zusammenarbeit eine andere, wenn in der Kooperation auf der Gesellschafterebene ein weiterer Gesellschafter hinzu tritt? Mindert eine solche Kooperation den politischen Einfluss, den Kommune(n) auf ein Stadtwerk ausübt/ausüben? Wie sieht dies bei einer Kooperation auf Gesellschaftsebene aus? Sicher ist: Ein Stadtwerk, das eine Kooperation auf Gesellschafterebene eingeht, hat eine anderes Verhältnis zu seiner Kommune als ein Stadtwerk, das z.B. als Eigen- Abbildung 1, 14 Christian Bauer, Die Energieversorgung zwischen Regulierungs- und Gewährleistungsstaat. Die Gasnetzzugangs- und Gasnetzentgeltregulierung durch Bundesnetzagentur und Landesregulierungsbehörden, Berlin 2014, S. 35 sowie Eberhard Bohne/Christian Bauer, Ansätze einer verhaltens- und vollzugsorientierten Regulierungstheorie unter besonderer Berücksichtigung der Energiemarktliberalisierung, in: Jahrbuch des Umwelt- und Technikrechts 2011, S. 209-317, 264. 1.4 Theoretischer und methodischer Bezugsrahmen für die Analyse 9 betrieb des „Gesamtkonzerns Stadt“ geführt wird. Im ersteren Fall sorgt der Mitgesellschafter spätestens über den Aufsichtsrat der Gesellschaft dafür, dass der Einfluss der Kommune einen anderen Charakter erhält, handels- und gesellschaftsrechtlichen Regeln unterworfen wird. Die Geschäftsführung des Stadtwerks wird gegenüber den Vertretern der Kommune darauf verweisen; dies ist anders, als wenn die Vertreter der Kommune im jeweiligen Gremium, einem Werkausschuss oder einer Gesellschafterversammlung, alleine das Sagen haben und vorrangig Kommunalwirtschaftsrecht gilt. Mitglieder eines Gemeinderats, die im Aufsichtsrat ihres Stadtwerks sitzen, sind regelmäßig „Diener zweier Herren“. Sie stehen in einem Konflikt zwischen der Verpflichtung, das Wohl des Unternehmens zu fördern, und dem, was sie glauben, aus ihrem Mandat heraus, ihren Wählern gegenüber tun zu müssen. Auch ihre Interaktion mit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat ist von ihrer politischen Herkunft und ihren Zielsetzungen nicht unbeeinflusst. Im Aufsichtsrat eines öffentlichen Unternehmens finden sich verschiedene Akteure mit jeweils sehr unterschiedlichen Interessenlagen: „Im Gemeinderat ist man Mitglied einer kommunalen Vertretung, um bei der Verwaltung der eigenen Gemeinde zu helfen und für die Bürgerinnen und Bürger am Ort zu wirken. Im Aufsichtsrat steht dies zwar auch im Hintergrund, aber hier ist man Mitglied eines Unternehmensorgans und prinzipiell dem Wohl des Unternehmens verpflichtet. Im ersteren Fall befinden wir uns in der Welt von Politik und Verwaltung, im letzteren Fall hingegen in der Welt der (öffentlichen) Wirtschaft. Das ist auch rechtlich ein erheblicher Unterschied: Auf der einen Seite gilt öffentliches Recht, auf der anderen Handels- und Gesellschaftsrecht.“15 Die Gemeinde ist schließlich kommunalrechtlich dazu verpflichtet, auf ein in einer privatrechtlichen Organisationsform betriebenes öffentliches Unternehmen mit geeigneten Mitteln so einzuwirken, dass die Einhaltung der durch das öffentliche Recht bestimmten besonderen rechtlichen Bindungen jederzeit sichergestellt werden kann.16 Die Zusammenarbeit zwischen der Geschäftsführung eines Stadtwerks und dem Gesellschafter funktioniert bei kooperierenden Stadtwerken anders als bei „Stand- Alone“-Stadtwerken. Eine Pluralität von Gesellschaftern hat andere Motive, als es diese bei „Stand-Alone“-Stadtwerken gibt. Im Gegensatz zum Eigenbetrieb bietet die Rechtsform der GmbH einen gewissen Schutz gegen den Direktdurchgriff der kommunalen Ebene. Es sind die Regeln des GmbH-Rechts einzuhalten und auch die des Körperschaftsteuergesetzes, d.h. eine Gewinnausschüttung darf nur auf Grund eines Gesellschafterbeschlusses erfolgen und nicht freihändig. Verträge zwischen dem Stadtwerk und der Stadt müssen „at arm’s length“ (wie zwischen fremden Dritten) geschlossen werden. Aufgaben, die gesetzlich der Stadt zugewiesen sind, dürfen vom Stadtwerk zwar erbracht werden, aber nur gegen angemessenes Entgelt, wie es zwischen „fremden Dritten“ üblich ist. Ein di- 15 Plötzlich Aufsichtsrat – was nun? Das Taschenbuch für Aufsichtsräte in öffentlichen Unternehmen, Institut für den öffentlichen Sektor e.V., Berlin 2016 S. 8 16 Tobias Faber, Gesellschaftsrechtliche Bindungen für Aufsichtsratsmitglieder von kommunalen Eigengesellschaften im Spannungsfeld zum hessischen Kommunalverfassungsrecht, Frankfurt/M usw. 2010, S. 162 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 10 rekter Zugriff des Oberbürgermeisters auf sein Stadtwerk, dessen Aufsichtsrat er in der Regel vorsitzt, wäre formal untreu, weil er sich nicht – auch nicht für seine Stadt – mit freier Hand bedienen darf. Dies ist anders als beim Eigenbetrieb, wo es zwar einen eigenen Buchungskreis, aber keine verschiedenen Rechtspersönlichkeiten gibt. Natürlich gibt es in der GmbH die direkte Weisungsmöglichkeit des Gesellschafters an die Geschäftsführung, aber dies ist nur in formalisierter, gesetzlich begründeter Weise möglich. Dies stärkt die Geschäftsführung, versachlicht die Beziehung und verobjektiviert durch den Drittvergleich die Leistungsbeziehungen. In der Kooperation kommt ein wichtiger Gesichtspunkt hinzu. Die Gesellschafter haben in ihrer Pluralität den Anspruch an die Geschäftsführung, im gesellschaftsrechtlichen Sinne gleich behandelt zu werden. Die Geschäftsführung des Stadtwerks wird im eigenen Interesse als Advokat des Minderheitsgesellschafters auftreten, auch wenn das Stadtwerk weiterhin im Mehrheitseigentum der Stadt ist. Dies stärkt den Geschäftsführer vor einer „Ausplünderung“ seiner Kasse ohne Gesellschafterbeschluss und macht ihn stark gegenüber eventuell geschäftswidrigen politischen Wünschen der Stadt. Eine Kooperation auf Gesellschafterebene bedeutet für den Geschäftsführer zwar mehr Abstimmungsbedarf und eine hohe sowie arbeitsintensive Komplexität, schafft aber zugleich ein Korrektiv, das es ihm ermöglicht, sich gegen- über fachfremden Anmutungen der städtischen Funktionsträger zu behaupten. Über diese internen Strukturen und Abhängigkeiten hinaus höchst unterschiedlich sind die Konstellationen, mit denen die Akteure im Entscheidungsumfeld der Stadtwerke und ihrer Kooperationen zu tun haben. Vielfältig sind die Einflüsse: – Eigennutz der Akteure, einzeln oder für die jeweilige Gruppe, d.h. egoistische oder machtpolitische – Eigennutz der Institutionen, vertreten durch die Geschäftsführung oder durch Mitarbeiterinteressen oder auf der Gesellschafterebene – Externe: – aus dem Wettbewerb kommende (horizontal und vertikal) – andere marktökonomische – politische, auch geopolitische – energiewirtschaftliche, regulatorische – kartellrechtliche – technologische, informationstechnische – fiskalische – ökologische – gesellschaftliche, soziale und solche aus Kundenverhalten – verbandliche, gruppendynamische. Das nachfolgende Schaubild soll die Problemsituation, die einzelnen Akteure, ihren institutionellen Kontext und die daraus resultierenden Interaktionsformen beleuchten. Für die empirische Analyse der Stadtwerke-Kooperationen ist es wichtig, diese integrierenden Zusammenhänge im Auge zu behalten. 1.4 Theoretischer und methodischer Bezugsrahmen für die Analyse 11 Einflussnehmer und Einflussfaktoren Kooperationsgesellschaft Oberbürgermeister Finanz-/Baubürgermeister Gemeinderäte, Kommune(n) Fiskalinteresse ⇔ Bürgerinteressen Stadtwerk als Haupt- bzw. Minderheitsgesellschafter Aufsichtsrat Wettbewerber Lieferanten (Dienstleistung, Technologie) Vorlieferanten Strom und Gas Politik Regulierungsbehörden öffentliche Meinung Medien Kunden Mode/Zeitgeist? Berater Verbände Arbeitsgemeinschaften Fachbruderschaften informelle Zirkel Geschäftsführung(en) Mitarbeiter Gremien auf Gesellschafterebene Betriebsräte Arbeitnehmervertretungen Gewerkschaften Wissenschaft Basis- und Informations- Technologien Einflussfaktoren von Stadtwerke-Kooperationen Die Kooperationsgesellschaft wird von außen von ihren Gesellschaftern, deren Geschäftsführern und Gesellschaftern und den dahinter stehenden Institutionen und Personen beeinflusst. Daneben sind Einflüsse u.a. aus dem politisch-rechtlichen, bürokratisch-regulatorischen, wettbewerblichen, mitarbeiterbezogenen, verbandlichen Bereich zu nennen. Viele dieser externen Faktoren sind von den Akteuren nicht direkt beeinflussbar, denkt man nur an geopolitische und andere makroökologische Er- Abbildung 2, 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 12 eignisse, an technologische Sprünge, gesellschaftlichen Wandel und verändertes Kundenverhalten durch Lebensumstände wie durch Informationstechnologien. Die Vielfalt der Einflüsse erklärt noch nicht, warum Kooperationen eingegangen werden und ob sie überhaupt wirtschaftlich erfolgreich sind. Einflüsse sind nicht selbsterklärend, sie müssen analytisch gewichtet werden. Selbst wenn viele Stadtwerke über einen bestimmten Zeitraum nach ähnlichem Muster Kooperationen eingegangen sind, lässt sich daraus nicht ableiten, dass diese Kooperationen dann wirklich langfristig erfolgreich sein werden. Das breite Geflecht an Einflussfaktoren ist zudem nicht statisch. Die institutionellen Rahmenbedingungen für Stadtwerke und Stadtwerke-Kooperationen haben sich in den letzten ca. 20 Jahren laufend verändert, zunächst durch die Liberalisierung des Strommarktes, dann durch die Restrukturierung des Oligopols der großen vier Energieversorgungsunternehmen mit ihren damals mächtigen Erzeugungssparten und schließlich durch den beschlossenen Vorrang der erneuerbaren Energien. Vorgaben seitens der Politik befanden sich im Fluss, oder besser im Strudel; man kann und konnte sich nie sicher sein, ob auf politischer Ebene getroffene Grundsatzentscheidungen wirklich dauerhaft Bestand hatten oder haben. Auch aus dieser Verunsicherung heraus entstand ein Antrieb, eine Kooperation mit einem Großen oder untereinander einzugehen. Auch dieser Aspekt der grundlegenden Veränderung des regulatorischen Fundaments sollte bei der Frage nach dem Erfolg von Stadtwerke-Kooperationen beleuchtet werden. „Die Versorgungswirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig verändert. Als ursächlich hierfür erweisen sich ökonomische, politische und rechtliche Handlungszwänge. Inmitten dieser Umbrüche befinden sich die Stadtwerke als kommunale Versorgungsunternehmen. Positionieren müssen sie sich heute zwischen öffentlichem Auftrag und marktwirtschaftlichem Wettbewerb, kommunaler Kundennähe und internationalen Strommärkten, unternehmerischer Eigenverantwortung und politischer Instrumentalisierung.“17 So resümierte dies eine Gesamtdarstellung über Stadtwerke, die im Umkreis einer ihrer Lobbyorganisationen, dem Bundesverband Öffentliche Dienstleistungen, veröffentlicht wurde. Es ist auch eine Frage der normativen Wertung, welchen Stellenwert man Stadtwerken und ihren Kooperationen zuweist. Ist eine Kooperation per se gut oder ist ein unabhängiges Stadtwerk auch Ausweis kommunaler Selbständigkeit? Sind kommunale Stadtwerke ein höheres Gut als privatisierte? Wer soll überhaupt profitieren, wenn es dem Stadtwerk gut geht – der Gesellschafter, der kommunale Haushalt, die Kunden, das Erdklima …? 17 Dietmar Bräunig u. Wolf Gottschalk (Hg,), Stadtwerke. Grundlagen, Rahmenbedingungen, Führung und Betrieb, Schriftenreihe Öffentliche Dienstleistungen, Band 56, Baden-Baden 2012, S. 11 1.4 Theoretischer und methodischer Bezugsrahmen für die Analyse 13 Variablenkomplexe Die nachfolgende Abbildung zeigt die Variablenkomplexe für die empirische Analyse von Stadtwerke-Kooperationen, die aus den genannten theoretischen Überlegungen zum Akteurzentrierten Institutionalismus und den gezeigten Einflussfaktoren abgeleitet werden können. unabhängige Variablen organisatorische, wirtschaftliche, rechtliche, wettbewerbliche, zukunftsorientierte Merkmale von Stadtwerke- Kooperationen abhängige Variablen - Vergleich der Ergebnisse gewöhnlicher Geschäftstätigkeit (EGT) von Stadtwerken mit mehreren Gesellschaftern gegenüber „stand alone“ - Erfolgskennzahlen von Gesellschaftern, die von Stadtwerken gemeinsam gehalten werden. Variablenkomplexe für die empirische Analyse von Stadtwerke-Kooperationen Die unabhängigen Variablen, d.h. die bereits mehrfach angesprochenen Einflussgrö- ßen, stellen solche dar, mit deren Hilfe eine abhängige Variable erklärt werden soll. Die unabhängigen Variablen sind die organisatorischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, wettbewerblichen, zukunftsorientierten Merkmale von Stadtwerke-Kooperationen. Die Struktur der Kooperationen soll – insoweit kongruent mit der Abfolge der einzelnen Kapitel – historisch, auf der Gesellschafterebene, der Gesellschaftsebene, im wirtschaftlichen Ergebnis, in den internen Spannungsfeldern und in ihrer Reaktion auf neue Herausforderungen und veränderte Geschäftsmodelle untersucht werden. Als Ergebnis erhalten wir als abhängige Variablen die Antwort auf die Frage, ob und wie Stadtwerke-Kooperationen erfolgreich sind: – Vergleich der Ergebnisse gewöhnlicher Geschäftstätigkeit (EGT) von Stadtwerken mit mehreren Gesellschaftern gegenüber „stand alone“ 1.4.2 Abbildung 3, 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 14 – Erfolgskennzahlen von Gesellschaften, die von Stadtwerken gemeinsam gehalten werden; gemessen an der Rentabilität des eingesetzten Kapitals im Vergleich zwischen neuer, gemeinsamer Gesellschaft und einer Investition im „Stammgeschäft“. Um eine abhängige Variable messen zu können, muss sie zunächst operationalisiert werden. Dies geschieht zum einen, indem neben der Hauptgruppe Stadtwerke in Kooperation eine Vergleichsgruppe gebildet wird aus Stadtwerken, die keine Kooperation auf Gesellschafterebene eingegangen sind. So soll festgestellt werden, wie wirksam die Maßnahme „Kooperation“ (unabhängige Variable) ist. Zum anderen muss gemessen werden, ob sich der Einsatz des Kapitals in einer neuen gemeinsamen Gesellschaft besser verzinste, als im Stammgeschäft des investierenden Stadtwerks. Darüber hinaus ist auch der Begriff Stadtwerke-Kooperation zu operationalisieren und die einzelnen Kooperationsmodelle sind zu hinterfragen in Bezug – auf ihren Zeithintergrund – auf ihre kartellrechtliche Relevanz – auf ihre energiewirtschaftliche Tauglichkeit – auf ihre innere Widersprüchlichkeit – auf ihre ökonomische Tragfähigkeit – auf ihre Zukunftstauglichkeit. Dies wird im Einzelnen Aufgabe der vorliegenden Arbeit sein. Teilnehmende Beobachtung Die Soziologin Renate Mayntz hat sich in ihrer Erkenntnistheorie immer wieder intensiv mit dem Verhältnis von Erfahrung und Wissen und deren Theoriefähigkeit auseinandergesetzt. Sie hat damit Orientierungspunkte gegeben, subjektive Erfahrung wissenschaftlich adäquat nutzbar zu machen. Mit Renate Mayntz lässt sich konstatieren, dass sich die Sozialwissenschaften gerade als Erfahrungswissenschaft verstehen. „Der Begriff Erfahrung spielt in der Wissenschaftstheorie eine zentrale Rolle, die ganze Methodologie der Sozialwissenschaften bezieht sich darauf.“18 Erfahrung ist ein Teil dessen, was gemeinhin als Lebenswelt beschrieben wird. Das bedeutet, dass Wissen auch aus der Alltagserfahrung und aus dem sozialen Kontext heraus schöpft. Die „Teilnehmende Beobachtung“ ist eine Methode aus der Feldforschung. Sie ermöglicht dem Wissenschaftler Teilhabe an seinem Forschungsgegenstand. Voraussetzungen für eine Beobachtung sind Absicht, Selektion und Auswertung.19 1.4.3 18 Gespräch mit Prof. Dr. Renate Mayntz, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, http://www. rfh-koeln.de/forschung-projekte/metis/presse/gespraech_mit_prof_dr_renate_mayntz/index_ger.ht ml 19 Schöne, Helmar; Die teilnehmende Beobachtung als Datenerhebungsmethode in der Politikwissenschaft. Methodologische Reflexion und Werkstattbericht, in Historical Social Research, Vol. 30 – 2005 – No. 1, 168-199, S. 171 1.4 Theoretischer und methodischer Bezugsrahmen für die Analyse 15 „Das Verfahren der empirischen Beobachtung […] richtet sich auf soziale Prozesse und Verhaltensabläufe, also auf Gegebenheiten, die während des Beobachtens, des ‚Identifizierens der Elemente der Beobachtungssituation‘ ablaufen und sich dabei ständig verändern.“20 Das Ergebnis der Beobachtung ist nur eingeschränkt nachprüfbar, es fußt überwiegend auf der Analyse des Beobachters. Die Beobachtung wird dabei wie folgt systematisiert: 1) verdeckt – offen 2) nicht teilnehmend – teilnehmend 3) systematisch – unsystematisch 4) natürlich – künstlich 5) selbst – fremd21 Bei der langen beruflichen Erfahrung des Autors im Beobachtungsfeld, d.h. dem Wissen über die Branche und deren Arbeitsweise, bzw. ihre typischen Entscheidungsund Erkenntnisfindungsprozesse handelt es sich nicht um klassische wissenschaftliche Beobachtung. Der Autor wusste zum damaligen Zeitpunkt weder, dass er dieses Wissen wissenschaftlich verarbeiten würde, noch lag damals schon eine Forschungsfrage zu Grunde, gleichwohl können diese Erkenntnisse in die Arbeit einfließen. Der Vorteil der „unbeabsichtigten“ Beobachtung ist der ungehinderte Zugang zu den Akteuren, während bei einer teilnehmenden Beobachtung, bei der die Akteure vom Beobachter wissen, der Zugang zu bestimmten Bereichen verwehrt bleibt und nur Informationen geteilt werden, die der Beobachtete wirklich teilen will. Mit „teilnehmender Beobachtung“, durch die „Teilnahme an face-to-face-Interaktionen bzw. die unmittelbare Erfahrung von Situationen“22 werden Aspekte des Handelns und Denkens beobachtbar, die ansonsten nicht oder nur schwer zugänglich wären. Um der Gefahr einer zu großen Nähe zum Untersuchungsgegenstand zu entgehen, wird der Interpretation der oben beschriebenen umfangreichen Datenbasis eine zentrale Rolle zukommen. Die in langjähriger Erfahrung erworbenen Einsichten müssen so im Vergleich ihre Qualität beweisen. Mag die individuelle Erfahrung auch auf den ersten Blick singuläre und zufällige Züge aufweisen, so ist wissenschaftliche Objektivität doch möglich, wenn sich die Beobachtungen nicht in der Beschreibung erschöpfen, sondern wenn sie auch erklärend sind. „Die Möglichkeit, einen Sachverhalt so darzustellen, dass er mit gebotener Genauigkeit nachvollziehbar ist und somit intersubjektiv nachprüfbar wird“, so wird Objektivierbarkeit definiert.23 20 Kromrey, Helmut; Rosse, Jochen; Strübing, Jörg; Empirische Sozialforschung – Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung mit Annotationen aus qualitativ-interpretativer Perspektive, 13. Aufl. München 2016, S. 341 21 Jürgen, Friedrichs; Methoden empirischer Sozialforschung, 10. Aufl. 1982 22 Christian Lüders, Teilnehmende Beobachtung, in: Ralf Bohnsack et al. (Hg.), Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Opladen 2001, S. 151-153. 23 Universal-Lexikon, Objektivierbarkeit, http://universal_lexikon.deacademic.com/279917/Objektivier barkeit 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 16 Kennzahlenvergleiche Über Kennzahlenvergleiche soll versucht werden, zahlenbasiert nachzuweisen, ob, ggf. welchen Einfluss Kooperationen auf die Entwicklung des wirtschaftlichen Erfolgs von Stadtwerken haben. Dies ist bisher in der Kooperationsforschung noch nicht geschehen; Kooperationen wurden wohl noch nie einer ex post Bewertung unterzogen. Zunächst waren die Geschäftsberichte von ca. 70 Stadtwerken für die Jahre 2005 – 2014 analysiert worden (Phase 1).24 Dann entstanden Zweifel daran, ob diese Auswahl wirklich hinreichend repräsentativ sei. Deshalb wurden in einer Phase 2 für die Jahre 2007 – 2015 (2016) die Geschäftszahlen aus einer Unternehmensdatenbank herangezogen, um so eine breitere Basis des Vergleichs zu erzielen.25 Auf diese Weise wurden knapp 650 Unternehmen der kommunalen Energiewirtschaft identifiziert. Aus diesem Sample wurden diejenigen eliminiert, die nicht überwiegend im Strombereich tätig sind, z.B. als reine Gasversorger agieren oder als Regionalversorger nur schwächere kommunale Wurzeln aufweisen. Der in dieser Phase 2 betrachtete Datensatz umfasst so die Daten von 491 deutschen Stadtwerken. Von diesen Stadtwerken sind 187 als einer Kooperation zugehörig zu klassifizieren und 304 als „Stand Alone“-Stadtwerke, d.h. diese weisen als Gesellschafter ausschließlich ihre Kommune auf. Die Stadtwerke in Kooperation sind zu spezifischen Gruppen von Kooperationen zugeordnet worden. Dass einzelne Unternehmen auch in Kooperationsgesellschaften miteinander verbunden sind, wird in diesem Sample nicht berücksichtigt. Hier interessieren nur die Kooperationen auf der Ebene der Gesellschafter. Die erhobenen Daten sind insoweit repräsentativ, da sie – mit den geschilderten Ausnahmen –wohl einen Großteil der in öffentlichen Quellen verfügbaren relevanten Stadtwerke abbilden. Für die ausgewählten Stadtwerke wurden umfangreiche Datenreihen, die Einblick in die Performance der betreffenden Stadtwerke bieten, ermittelt und verglichen. Die Kennzahlen sind zumeist allgemeingültige Kennzahlen aus der Praxis, die jedoch zur besseren Vergleichbarkeit in Quoten betrachtet werden, um nicht aufgrund von Größeneffekten die Vergleichbarkeit zu verlieren. Der Fokus liegt auf Performancekennzahlen und Personalkennzahlen. Die Analyse der Kennzahlen erfolgt in der Phase 2 unter Verwendung der Statistiksoftware IBM SPSS Statistics 25. Dabei werden Tests auf Normalverteilung und andere nicht-parametrische Testverfahren angewandt, Testverfahren, die zum Standardrepertoire von SPSS Statistics gehören, wie z.B. der Kolmogorov Smirnov Test auf Normalverteilung, die Unterschiedlichkeitstestverfahren Mann-Whitney-U-Test und Kruskal-Wallis-Test.26 1.4.4 24 Zur Vorgehensweise in dieser „Phase 1“ s. unten S. 240f. 25 Zur genaueren Vorgehensweise in der „Phase 2“ s. unten S. 242f., 261f. 26 Achim Bühl, SPSS 16. Einführung in die moderne Datenanalyse, 11. Aufl. München 2008, S. 317ff.; Peter P. Eckstein, Angewandte Statistik mit SPSS. Praktische Einführung für Wirtschaftswissenschafter, 8. Aufl. Wiesbaden 2016, S. 99f., 133f., 149f. 1.4 Theoretischer und methodischer Bezugsrahmen für die Analyse 17 Das empirische Material wird anhand verschiedener Hypothesen zu Erfolgsfaktoren von Stadtwerke-Kooperationen strukturiert. Diese Hypothesen werden anhand der Kennzahlen verifiziert, die in verschiedenen Gruppen in Relation zueinander gesetzt werden. Hypothesen zu Erfolgsfaktoren von Stadtwerke-Kooperationen Generelle Fragestellung bzw. Forschungsthema dieser Arbeit sind die Erfolgsfaktoren von Stadtwerke-Kooperationen: Welche Faktoren sind es, die hier über den Erfolg bzw. Misserfolg entscheiden? Haben sich die Erwartungen nach „besseren“ oder wenigstens ökonomisch „mehr-" Ergebnissen für Stadtwerke in Kooperation erfüllt? Zur Erfolgskontrolle werden, wie erläutert, umfangreiche Daten zu Jahresabschlüssen erhoben, auf deren Basis mit statistischen Methoden Erkenntnisse gewonnen werden sollen. Diese werden mit den Methoden der Teilnehmenden Beobachtung und des Akteurzentrierten Institutionalismus kombiniert und systematisiert. Eingangs werden auf Basis der Beobachtungen und Erfahrungen des Verfassers Hypothesen zur Wirtschaftlichkeit von Stadtwerke-Kooperationen aufgestellt. Sie werden bereits hier in diesem Methodenteil vorgestellt. Dies hat verschiedene Motive: Zum einen soll die innere Logik der Arbeit dadurch nachvollziehbarer und anschaulicher gemacht werden und zum anderen sollen die forschungsleitenden Annahmen, die auf den methodischen Ausführungen beruhen sowie auf der Operationalisierung der Variablen, besser kenntlich gemacht werden. Hypothesen sind schließlich empirisch zu prüfenden Annahmen über den Zusammenhang von Variablen. Die abhängigen Variablen (Erfolgsfaktoren von Stadtwerke-Kooperationen) stellen somit die Zielgröße dar, über die in der Hypothese eine Prognose aufgestellt wird. Die Hypothesen sollen im Fortgang der Untersuchung verifiziert werden. 1.4.5 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 18 Hypothesen zur Wirtschaftlichkeit von Stadtwerke-Kooperationen 1. Stadtwerke-Kooperationen zeigen im Vergleich zu „Stand-Alone“-Stadtwerken im Verlauf der Jahre 2007-2015 üblicherweise eine bessere Performance. 2. „Stand-Alone“-Stadtwerke haben typischerweise eine deutlich höhere Personalausstattung und zahlen je Mitarbeiter weniger. Ihre Personalkostenquote zeigt, dass der Effekt der höheren Beschäftigung die schlechtere Bezahlung überkompensiert. 3. Nur die wettbewerbsrechtlich unerwünschten Kooperationen mit ehemaligen vorgelagerten Oligopolisten zeigen geringe Vorteile gegenüber „Stand-Alone“- Stadtwerken. 4. Es sind bei Umsatz und Ergebnisentwicklung eher Gesamt-Stadtwerketrends, die beobachtet werden können, als Einflüsse unterschiedlicher Kooperationsmodelle. 5. „Stand-Alone“-Stadtwerke, die nicht in Großkraftwerksprojekten investiert haben und Stadtwerke mit „Oligopolpartner“ performen besser als solche, die in Großkraftwerksprojekte investiert und sich damit vom Netzgeschäft stärker entfernt haben. 6. Der Gesellschafterwechsel der Thüga ab 2010 von E.ON zu zwei Stadtwerke- Konsortien hat die Performance der Thüga nicht verbessert. Die kleineren Thüga-Stadtwerke haben spezifisch bessere Roherträge als die drei großen aus Frankfurt/M, Hannover und Nürnberg. Die drei großen leben letztlich von den Ergebnissen der kleineren, die sie via ihrer Gesellschafterrolle in der Thüga zugewiesen erhalten. 7. Eine Mindestgröße eines Stadtwerks war bislang nicht erforderlich, um ausreichende Ergebnisse zu erwirtschaften. Ob künftig gilt, „wer zu klein ist, hat es schwer; kleine sollten deshalb besser kooperieren“, bleibt zu prüfen. Stadtwerke-Kooperationen: Forschungsübersicht Genauso heterogen wie die Stadtwerke-Landschaft mit über 800 kommunalen Energieversorgern27 sind auch die Kooperationen, die Stadtwerke untereinander oder mit anderen Partnern eingehen. Nach den Daten von Carsten Sander sind rund 72% dieser Unternehmen Teil mindestens einer Kooperation, 40,1% sind zwei oder noch mehr Kooperationen eingegangen (s. nachfolgendes Diagramm):28 1.5 27 So das Resultat der umfangreichen Datenbank von Carsten Sander, Kooperationen in der Energiewirtschaft. Eine empirische Analyse kommunaler Energieversorgungsunternehmen, Aachen 2011 und ders., Kooperationen kommunaler Energieversorger – eine empirische Bestandsaufnahme, März 2009 (Arbeitspapiere des Instituts für Genossenschaftswesen der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster) S. 8 28 Carsten Sander, Kooperationen kommunaler EVU -Verbreitung & Erfolgsfaktoren. Konferenz Kommunales Infrastruktur-Management Berlin, 11. Juni 2010, S. 8 1.5 Stadtwerke-Kooperationen: Forschungsübersicht 19 Kooperationserfahrung von kommunalen Energieversorgern Quelle: Carsten Sander, Kooperationen kommunaler EVU – Verbreitung & Erfolgsfaktoren, 2010, Konferenz Kommunales Infrastruktur-Management Berlin, 11. Juni 2010, S. 8 Kooperationen werden gewählt, um den großen Herausforderungen des sich wandelnden Energiemarktes, den neuen gesetzlichen Anforderungen und dem regulierungsbedingten Kostendruck gemeinsam besser begegnen und gegebenenfalls neue Geschäftsfelder erschließen, aber zugleich die Eigenständigkeit als kommunales Unternehmen bewahren zu können. In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Studien auf unterschiedlicher Datenbasis mit Stadtwerke-Kooperationen befasst. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young GmbH (in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. – BDEW) ermittelt in jährlichen Befragungen unter den Vorständen und Geschäftsführern von ca. 100 Stadtwerken ein kontinuierliches Stimmungsbild. Dadurch kann Ernst & Young gut langfristige Entwicklungen abbilden und Trends ermitteln. Diesen Umfragen kann man entnehmen, dass für die Stadtwerke-Chefs das Thema Kooperationen und strategische Allianzen von Jahr zu Jahr immer wichtiger wurde. Die Studie des Jahres 2014 über „Nachhaltige Geschäftsmodelle für Stadtwerke und EVU. Stadtwerkestudie Juni 2014“29 urteilt dementsprechend: „Deutlich mehr Vorstände und Geschäftsführer deutscher Stadtwerke als in den vorausgegangenen Studien haben den Veränderungsbedarf in ihrer Branche erkannt. Nur noch je- Abbildung 4, 29 Helmut Edelmann, Summary der Stadtwerkestudie „Nachhaltige Geschäftsmodelle für Stadtwerke und EVU“, Ernst & Young GmbH, 2014 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 20 der vierte geht davon aus, dass er sein Geschäftsmodell in den kommenden fünf Jahren weitestgehend unverändert fortführen kann. Mehr als 40 Prozent dagegen rechnen mit starken oder sehr starken Veränderungen. Im Vordergrund des erwarteten Wandels stehen Kooperationen und die Erschließung neuer Geschäftsfelder.“ Ernst & Young weist aber auch darauf hin, dass es vielen Stadtwerken noch schwer fällt, sich auf die veränderte Lage einzustellen. Einsicht in die künftigen Notwendigkeiten und das tatsächliche Handeln klafften noch weit auseinander: „‚Abwarten und schauen, wie es die anderen machen ist offenbar eine weitverbreitete Haltung.“30 In der nachfolgenden Erhebung des Jahres 2015 über „Gewohnte Wege verlassen. Innovation in der Energiewirtschaft. Stadtwerkestudie Juni 2015“ sieht Ernst & Young sich in dieser Einschätzung bestätigt. Strategische Themen wie das Eingehen von Allianzen und Kooperationen würden hinter die Erfordernisse des Tagesgeschäfts und die Umsetzung der „Energiewende“ in die zweite Reihe zurücktreten.31 Über Jahre hatte das Thema Kooperationen ganz vorne auf der Agenda der Geschäftsführer von Stadtwerken gestanden. Langfristige Perspektiven werden angesichts aktueller Herausforderungen nun wohl zweitrangig, ein Indiz dafür, dass derzeit eher Ratlosigkeit und Unsicherheit den Blick über die weitere Zukunft verstellen. Ungleich differenzierter hat sich ein anderes Beratungsunternehmen mit dem Thema Stadtwerke und Kooperationen befasst. PricewaterhouseCoopers AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (PwC) befragte in seiner 2011 erschienen Studie über „Kooperation von Stadtwerken heute noch ein Erfolgsmodell“32 149 Geschäftsführer von Stadtwerken und bündelte diese Ergebnisse systematisch in der im Folgejahr erschienenen 3. Auflage des Handbuchs zur „Entflechtung und Regulierung in der Energiewirtschaft“.33 Dort beschreibt PwC detailliert die unternehmensübergreifenden Strategien, die Erfolgsfaktoren für Kooperationen, die einzelnen Kooperationsformen und –felder und die möglichen Synergieeffekte von Kooperationen. Damit versucht PwC auch, umfassende Antworten auf die Entflechtung und Regulierung zu geben und detaillierte Handlungsanweisungen zu formulieren. Diese Handlungsanweisungen erscheinen dann aber doch sehr interessengeleitet. Das Beratungsunternehmen zielt damit auf potentielle Kunden und möchte ihnen die fundierte PwC-Expertise für Kooperationen auf dem Energiemarkt nahebringen. Im Endeffekt werden so viele Aspekte dargestellt, eine breite „Werkzeugpalette“ wird präsentiert, ohne zu erläutern, wie die Werkzeuge im Einzelfall anzuwenden sind und wo 30 ebd. Fazit 31 Helmut Edelmann, Stadtwerkestudie „Gewohnte Wege verlassen, Ernst & Young GmbH, 2015, S. 3, https://www.bdew.de/internet.nsf/id/20150819-pi-neue-stadtwerkestudie-von-ey-und-bdew-de/$file /Stadtwerkestudie_2015.pdf 32 PricewaterhouseCoopers AG WPG (Hg.), Kooperation von Stadtwerken- heute noch ein Erfolgsmodell?, Ergebnisse einer Befragung von Stadtwerke-Geschäftsführern (2011), https://www.pwc.de/de/ energiewirtschaft/assets/kooperation-von-stadtwerken-heute-noch-ein-erfolgsmodell.pdf 33 PricewaterhouseCoopers AG WPG (Hg.), Entflechtung und Regulierung in der deutschen Energiewirtschaft. Praxishandbuch zum neuen Energiewirtschaftsgesetz, Freiburg u. München, 3. Aufl. 2012, Kapitel 13.3 Stadtwerke-Kooperationen als unternehmensübergreifende Strategie (S. 618-667) 1.5 Stadtwerke-Kooperationen: Forschungsübersicht 21 sie mit welchen Konsequenzen umsetzbar sind. Die tatsächlichen Kooperationsaktivitäten können so nur wenig erhellt werden. Carsten Sander vom Institut für Genossenschaftswesen an der Universität Münster stammt nicht aus der Beraterbranche und hat dafür einen wissenschaftlichen Zugang zu dem Thema der Kooperationen. Er hat für den Zeitraum bis 2009 eine umfangreiche Datenbank aufgebaut, in der insgesamt 820 kommunale Unternehmen erfasst wurden. Davon sind 202 reine Elektrizitätsversorger (24,6%) und 131 reine Gasunternehmen (16,0%), während 487 Unternehmen beide Sparten aufweisen (59,4%) und damit wohl typische kommunale Querverbundunternehmen sind. 430 (52,4%) der Unternehmen sind zu 100% im Besitz der Kommune, 240 weisen eine private Konzernbeteiligung von über 25% auf.34 Damit hat Carsten Sander einen Großteil der kommunalen EVU35 Deutschlands erfasst. Für diese Unternehmen wurden von ihm zu diesem Zeitpunkt insgesamt 277 Kooperationen identifiziert. Hierbei besteht ein Spektrum von Kooperationen zwischen zwei Unternehmen bis hin zu Netzwerken, in denen über 60 Mitglieder zusammenarbeiten. Er hatte sich 4 Ziele gesetzt: – Analyse der Kooperationspotentiale in den verschiedenen Bereichen der unternehmerischen Wertkette – Umfassende und systematische empirische Erhebung der Kooperationsaktivitäten von Stadtwerken im deutschen Energiemarkt – Theoretische Konzeptualisierung und empirische Überprüfung der zentralen Erfolgsfaktoren von kommunaler Energieversorgungsunternehmen – Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für das Kooperationsmanagement in der kommunalen Energiewirtschaft.36 Aus seinen Erhebungen zieht Carsten Sander folgende Schlussfolgerungen: Kooperationen37 seien in der Energiewirtschaft ein weit verbreitetes Phänomen. Nahezu drei Viertel aller kommunalen EVU wiesen mindestens eine Kooperation auf. Über 40 Prozent seien in mehr als einer Kooperation engagiert. Wichtig sei hierbei die Unternehmensgröße: Die Wahrscheinlichkeit zu kooperieren und die Anzahl der Kooperation nehme mit der Größe des Energieversorgers zu. 34 Sander, Kooperationen in der Energiewirtschaft (2011); ders., Kooperationen kommunaler Energieversorger (2009) 35 Als kommunale EVU werden Unternehmen verstanden, die zwei Eigenschaften erfüllen: sie müssen im Vertrieb von Elektrizität und/oder Gas aktiv sein bzw. ein entsprechendes Energieversorgungsnetz betreiben, zum anderen muss der kommunale Anteil am Nennkapital mindestens 50 Prozent betragen oder die Direktionsgewalt der Kommune über andere rechtliche Regelungen sichergestellt sein. 36 Sander, Kooperationen a.a.O. (2011), S. 6 f. 37 Kooperation bezeichnet, so die Definition von Theresia Theurl, alle Formen der nicht auf einmalige Transaktionen angelegten, vertraglich abgesicherten und freiwilligen, intensiven Zusammenarbeit mit anderen rechtlich und wirtschaftlich selbständigen Unternehmen, die einzelne Unternehmensaktivitäten betreffen. Theurl, Die Kooperation von Unternehmen: Facetten der Dynamik, Ahlert, D. (Hg.): Handbuch für Franchising und Kooperation, S. 73-91 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 22 Kommunale EVU, die sowohl im Strom- als auch im Gasmarkt vertreten seien, kooperierten häufiger als Unternehmen, die nur über eine der beiden Sparten verfügten. Am wenigsten kooperierten die reinen Gasversorger. Unternehmen mit einem Minderheitsgesellschafter hätten dann weniger Kooperationen, wenn dieser einen starken Einfluss auf die Geschäftspolitik habe. Wenn diese EVU kooperierten, hätten sie in der Mehrzahl der Fälle auch eine Kooperation mit diesem Gesellschafter. Ein erheblicher Anteil dieser Gruppe setze sogar ausschließlich auf Kooperationen, an denen auch der eigene Minderheitsgesellschafter beteiligt sei. EVU im Alleinbesitz der Kommune kooperierten hingegen nur zu einem geringen Anteil mit den großen privaten Energiekonzernen. Sie bevorzugten stattdessen Kooperationen mit anderen kommunalen Unternehmen.38 Carsten Sander geht von dem aus der Regulierung der Strom- und Gasnetze resultierenden Wettbewerbsdruck aus, der dazu führte, effizientere Unternehmensstrukturen zu schaffen und neue Aufgaben zu bewältigen. Da oftmals mangelnde Unternehmensgröße ein Problem darstelle, müsste man mehrere Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen diskutieren: Den Verkauf von Unternehmensanteilen an einen Investor, die Fusion mit anderen Stadtwerken sowie das Eingehen bereichsspezifischer Kooperationen. Sander sagt,39 Kooperationen hätten sich als vorteilhaft erwiesen. Denn einerseits könnten die notwendigen Skaleneffekte durch eine Zusammenarbeit mit Partnern erzielt werden, andererseits blieben die Eigenständigkeit und somit auch die politischen Steuerungsmöglichkeiten der Kommune sowie der lokale Bezug als Alleinstellungsmerkmal im Wettbewerb gewahrt. Sander geht davon aus, dass in nahezu allen Wertschöpfungsstufen Kooperationen eine sinnvolle Möglichkeit darstellen könnten. In den meisten Fällen gehe es um die Bündelung von Ressourcen, um Kosten zu senken oder bestimmte Aktivitäten wie die Stromerzeugung oder den Einstieg in den Energiehandel überhaupt erst realisieren zu können. Differenzierter seien die Aktivitäten der Stadtwerke in den Kernbereichen Vertrieb und Netz zu beurteilen. So erschienen Kooperationen mit anderen EVU im Vertrieb innerhalb der eigenen kommunalen Grenzen nicht als adäquat die Option, da hierdurch die eigene Marke gefährdet werden kann und ggf. auch kartellrechtliche Probleme entstehen. Im Bereich Netz würden bislang zwei Modelle diskutiert. Typischen Kooperationsfelder sind für Carsten Sander auch die unterstützenden Funktionen wie Mess- und Zählerwesen, Abrechnung oder IT. Diagonale Kooperationen mit branchenfremden Unternehmen existierten insbesondere im Bereich der energienahen Dienstleistungen, der IT sowie bei der Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien. Insbesondere in den Bereichen Energiebeschaffung und –handel, Marketing und Vertrieb sowie den Shared Services gebe es tendenziell eher große Netzwerke. Bei den Netzaktivitäten, den energienahen Dienstleistungen, bei Projekten im Bereich Gas- 38 Sander, Kooperationen a.a.O. (2011), S. 13 ff. 39 ebd. S. 225 1.5 Stadtwerke-Kooperationen: Forschungsübersicht 23 speicher und Gas Upstream sowie der Stromerzeugung kooperierten hingegen meist weniger Partner. Insgesamt seien 77 Prozent der Kooperationen als Joint Venture organisiert. Dies gelte vor allem für die Bereiche Stromerzeugung und Netz. Vertriebs- und Marketingkooperationen seien weniger verbindlich gestaltet.“40 Diese Befunde sagen aber nichts darüber aus, wann, wie und ob solche Kooperationen wirklich erfolgreich sind. Carsten Sanders Ansatz zur Analyse der zentralen Erfolgsfaktoren des Kooperationsmanagements ist komplex. Er arbeitet mit Mitteln der Transaktionskostentheorie, des Prinzipal Agentenansatzes sowie der Spieltheorie. Er versucht dann, die daraus aufgestellten Hypothesen einer empirischen Überprüfung zu unterziehen. Dabei seien die strategische Kompatibilität hinsichtlich der Kooperationsziele sowie eine ähnliche Organisationsstruktur der Partner wichtig für den Erfolg. Überraschenderweise ergebe sich, dass eine gemeinsame Historie der Partner nicht immer vorteilhaft sein müsse. Auch ein Erfolgszusammenhang der Einbindung von Anteilseignern und Mitarbeitern konnte von ihm nicht nachgewiesen werden. In der operativen Phase der Kooperation habe sich der Aufbau gegenseitigen Vertrauens sowie kontinuierliche Erfolgskontrolle als wichtige Erfolgsfaktoren ergeben. Die Autonomie des Joint Venture Managements gegenüber den kooperierenden Partnerunternehmen lieferte hingegen nach seinen Untersuchungen keinen eigenen Erklärungsbeitrag für den Kooperationserfolg. Des Weiteren habe sich gezeigt, dass die Bedeutung der Überprüfung der Zielerreichung besonders für kleinere Stadtwerke und in Kooperationen mit Beteiligung vieler Partner groß ist. In großen Netzwerken würde die Erfolgsrelevanz des gegenseitigen Vertrauens abnehmen. Für das Kooperationsmanagement stellt Sander Handlungsempfehlungen auf. Neben einer strukturierten Partnerselektion spielten ähnliche Unternehmensgrößen, Kulturen sowie Führungsstile eine Rolle. Man dürfe nicht darauf beharren, eigene Kompetenzen behalten zu wollen. Abgabebereitschaft sei erforderlich. Die eigenen Kooperationsziele müssten soweit möglich messbar gemacht werden, kontinuierlich hinsichtlich ihrer Erreichung geprüft und auf Gesellschafterebene korrigierend in die strategische Ausrichtung eingegriffen werden. Sander nennt sodann die Notwendigkeit, in künftigen Forschungen das Thema der Kooperationen wegen des dynamischen Umfelds aus Politik, Recht und Ökonomie zu vertiefen. Er regt die Einbeziehung der Wärmeversorgung und der Dienstleistungen an. Zunehmend praxisrelevant ist für ihn die Zusammenarbeit mit anderen Partnern, insbesondere außerhalb der Branche. Eine wichtige Erweiterung sieht er auch in der Analyse der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Kooperationen. Abschließend stellt er fest, angesichts der zunehmenden Wettbewerbsintensität und der zunehmenden Regulierung werde eine Effizienzsteigerung essenziell. Die Anzahl der Bereiche, in denen ein Stadtwerk weiterhin alleine agieren könne, werde zurückgehen. Während bisher Kooperationen primär zur Bewältigung neuer Aufgaben eingegangen worden seien, werde langfristig die Erzielung von Synergien in den traditionellen Kernbereichen an Bedeutung gewinnen. Daher sei es nicht un- 40 Sander, Kooperationen kommunaler Energieversorger (2009), S. 37f. 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 24 wahrscheinlich, dass es gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen zu mehr Fusionen komme. Er räumt ein, deren Umsetzung sei nicht nur eine kommunalpolitische Herausforderung. Bereichsspezifische Kooperationen könnten insbesondere im Netz womöglich eine Vorstufe zu einer Fusion darstellen. Auch heute existierende Kooperationsgesellschaften müssten sich weiter entwickeln. Nicht alle von ihnen würden dauerhaft am Markt bestehen können.41 Die Arbeiten von Carsten Sander verharren auf dem Erkenntnisstand der Phase bis 2010. Neuere Entwicklungen und Tendenzen sind demzufolge nicht abgebildet. Die VKU-Stadtwerkestudie (2010) Die VKU-Stadtwerkestudie beruht auf einer kleineren Datengrundlage als die Studie von Carsten Sander. Sie umfasst nur die Daten aus einer Mitgliederbefragung zu Kooperationen aus dem Jahr 2009.42 Sie kann deshalb keine so umfassenden und systematischen Erkenntnisse vermitteln und lässt nur begrenzte Rückschlüsse zu. 62 Kooperationen werden in dieser Verbandsstudie namentlich identifiziert. Die Studie dient in hohem Maße auch der verbandsinternen Orientierung und Mitgliederbindung und soll zeigen „wie Entscheider in kommunalen Energieversorgungsunternehmen aktuell die Schließung von Kooperationen“ beurteilen.43 Positiv hervorzuheben ist, dass die Studie die große Bedeutung des Themas Kooperation bei ihren Mitgliedsfirmen im Untersuchungszeitraum belegen kann. Der Kooperationsgrad der befragten Mitgliedsunternehmen nahm im Vergleich zur Umfrage des Jahres 2007 von 59% auf 84% zu. Somit war die übergroße Anzahl der Unternehmen in Kooperationen mit einem oder mehreren (bis zu 90) Partnern eingebunden. Die befragten Unternehmen schätzten – unabhängig von ihren eigenen unternehmensindividuellen Überlegungen – zu 93 % Kooperationen als eines der Megathemen der nächsten 5 Jahre ein. Bezogen auf einzelne Geschäftsbereiche dominierten die Beschaffungskooperationen mit 49%, dicht gefolgt von den Kooperationen im Bereich Marketing/Vertrieb mit 40%. „Dieser zunächst überraschend anmutende hohe Kooperationsgrad im Bereich Marketing/Vertrieb ist u.a. darauf zurückzuführen, dass einzelne große Beschaffungskooperationen in einer Art „Doppelfunktion“ auch vertriebliche Aufgaben als Geschäftszweck verfolgen (z.B. Vertrieb in fremde Netze außerhalb der Marktgebiete der Partner).“44 41 ebd. Sander, (2009), S. 38 42 Verband kommunaler Unternehmen e.V. (Hg.), „Stadtwerk der Zukunft II – Perspektiven kommunaler Kooperationen im Energiesektor“, 2010 43 ebd. S. 5 44 ebd. S. 9 1.5 Stadtwerke-Kooperationen: Forschungsübersicht 25 Aufschlussreich sind die Motive, die in der VKU-Studie für die Kooperation ausschlaggebend waren. Die Kooperationen sollten vorrangig der Erreichung folgender Ziele dienen:45 – Erreichung gemeinsamer Ziele unter Ausnutzung von finanziellen und prozessualen Synergieeffekten – Erreichen „kritischer Größen“ / Stärkung der Wettbewerbsposition – Schnellere, rechtssichere Bewältigung regulatorischer Vorgaben – Know-how/Wissenstransfer / gemeinsamer Einsatz von qualifiziertem Personal – Ausbau/Verbesserung der strategischen Position – Ergänzung des Aufgaben- und Leistungsspektrums – Generierung von Wachstumszielen – Grundsteinlegung für weitere Kooperationen Umfrage der Unternehmensberatung Rödl & Partner aus dem Jahr 2013 Schwerpunkt der Umfrage der Unternehmensberatung Rödl & Partner war die Frage, ob kleine und mittlere Versorgungsunternehmen / Stadtwerke aktuelle und zukünftige Herausforderungen alleine oder besser mit einem Partner bewältigen können.46 Welche Gründe sprechen dafür, welche dagegen? In welchem Umfang und wie kann eine mögliche Kooperation umgesetzt werden? Was sind die größten Hürden? Welche Faktoren sind ausschlaggebend für eine erfolgreiche Kooperation? Den Erhalt der Eigenständigkeit (88 Prozent), die Verteilung der Kooperationslasten auf die Partner (49 Prozent) sowie die Sicherstellung des beherrschenden Einflusses der jetzigen Gesellschafter (36 Prozent) bewerten die Befragten als wesentliche Voraussetzung für eine Kooperation. Auch bei den Erfolgsfaktoren für eine gelungene Kooperation zeichnet sich ein deutliches Meinungsbild ab: Die Teilnehmer nennen hier eine vergleichbare Unternehmensstrategie (72 Prozent), Synergieeffekte (62 Prozent) und vergleichbare Unternehmenskulturen (59 Prozent) als wichtigste Faktoren. Klare Erwartungen werden auch an mögliche Kooperationspartner gestellt. Dieser sollte ein Partner auf Augenhöhe (80 Prozent), regional verbunden (72 Prozent) und Know-how-Träger (54 Prozent) sein. 45 ebd., S. 12 46 Rödl & Partner, Gemeinsam stärker – Kooperationsstudie Energie, September 2013, http://www. roedl.de/themen/kursbuch-stadtwerke/september-2013/kooperationsstudie-energie 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 26 Die Studie Kommunale Netzwerke am Beispiel von Stadtwerke-Kooperationen im Kontext der Energiewende des Kompetenzzentrums Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e. V. gemeinsam erstellt mit der HypoVereinsbank und der Vi-Strategie GmbH47 aus dem Sommer 2013 Im Rahmen dieser Studie wurden im Juli/August 2013 insgesamt 600 Stadtwerke befragt, von denen sich 90 Versorger beteiligt haben. In der Analyse der erhobenen Daten bleibt die Studie leider oberflächlich und urteilt wenig differenziert. Sie stellt beispielsweise das Kriterium privater Beteiligungsverhältnisse heraus, aber unterscheidet nicht, um welche Art der Beteiligung es sich im Einzelnen handelt. Auf einer viel kleineren Datenbasis als Carsten Sander kommt diese Studie zu ähnlichen Ergebnissen, es erfolgt dann aber keine Einordnung in einen größeren analytischen Zusammenhang. Aus der Studie wird zitiert: Kooperationserfahrung nach Unternehmensbereichen, n = 90 Quelle: Studie Kommunale Netzwerke am Beispiel von Stadtwerke-Kooperationen im Kontext der Energiewende, 2013, S. 35 Abbildung 5, 47 Studie Kommunale Netzwerke am Beispiel von Stadtwerke-Kooperationen im Kontext der Energiewende, erstellt vom Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e. V., HypoVereinsbank und Vi-Strategie GmbH, 2013 1.5 Stadtwerke-Kooperationen: Forschungsübersicht 27 Die an der Untersuchung beteiligten Stadtwerke berichteten über Kooperationserfahrungen in den Bereichen Erzeugung (vor allem im Bau und Betrieb erneuerbarer Anlagen) und im Handel (besonders in der Strom- und Gasbeschaffung), jedoch auch im Vertrieb, was wettbewerbsrechtlich durchaus interessante Fragen aufwerfen könnte. Studie Herausforderungen von Stadtwerken aus der Energiewende, Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft Thomas Lenk et al. haben für die Commerzbank über das Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e.V. an der Universität Leipzig48 eine Studie mit Stand 09/2014 erstellt, in der zwar weniger Aspekte der Kooperation behandelt sind, jedoch viele Einschätzungen von Verantwortlichen in Stadtwerken erfragt werden, welche Herausforderungen sich aus deren Sicht aus der Energiewende ergeben (Marktveränderung durch Dezentralisierung, eigenes Geschäftsmodell, Anforderungen an Verteilernetzausbau, Auswirkungen von Bürger- EEG- Projekten auf Stadtwerke, Chancen und Risiken eines neuen Marktdesigns, EEG 2014 und Bereitschaft zu entsprechenden Investitionen sowie Finanzierungsmodelle, Versorgungssicherheit). Die Studie untersucht den Einfluss dieser energiepolitischen Rahmenbedingungen auf betriebliche und strategische Ziele von Energieversorgern, das entsprechende Marktdesign und mögliche Folgen für Erzeugung, Verteilung und Versorgungssicherheit. Insbesondere steht die Frage im Vordergrund, ob eine dezentrale Energieerzeugung zu mehr Eigenerzeugung beispielsweise durch Kommunen und ihre Gesellschaften führt und ob diese damit unabhängiger von größeren Energieversorgungsunternehmen werden. Weiterhin ist von Interesse, ob die dezentrale Energieerzeugung gegebenenfalls Rekommunalisierungsmaßnahmen verstärken kann. Außerdem wird beleuchtet, wie sich die Energiewende auf die Energieversorgungsunternehmen selbst und deren Marktumfeld auswirkt. Hierbei sind vor allem mögliche Folgen für die Gesellschafterstruktur, für Investitionsmaßnahmen und Unternehmenstätigkeit von Interesse. Abschließend soll gezeigt werden, welche möglichen Risiken sich aus der Energiewende für die Stromversorgung ergeben. Dabei standen Aspekte wie Versorgungssicherheit, Sicherstellung von Grundund Spitzenlast und Netzstabilität im Mittelpunkt. 48 Thomas Lenk,/Oliver Rottmann/André Grüttner: Herausforderungen von Stadtwerken aus der Energiewende, Stand 09/2014, Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e.V. an der Universität Leipzig 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 28 Studie „Die Energiewirtschaft im Wandel – Herausforderungen und Strategien der Energieversorgungsunternehmen, Köln, August 2015 Die Studie „Die Energiewirtschaft im Wandel – Herausforderungen und Strategien der Energieversorgungsunternehmen Auswertung der Ergebnisse einer Branchenumfrage im Rahmen des vom BMBF geförderten Projekts: „Die Energiewende im Spannungsfeld zwischen Regionalisierung und Dezentralisierung (ENERGIO)“ Köln, August 2015“ zeigt die Energiewirtschaft in ihrem Transformationsprozess zu einem zum Großteil auf erneuerbaren Energien basierenden Gesamtsystem. Der politisch forcierte Ausbau Erneuerbarer Energien sowie der schrittweise Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 stelle Energieversorgungsunternehmen (EVU) vor neue Herausforderungen.49 PwC-Studie (Dezember 2017): Herausforderungen der Zukunft in der Energieversorgung meistern. Stadtwerke 2030 – eine empirische Studie zu den strategischen Perspektiven eines Energieversorgers Die Studie basiert auf einer Umfrage von 10 Entscheidungsträgern (Vorstände oder Geschäftsführer) von EVUs; aus den Inhalten diese Interviews wurde dann ein Fragebogen entwickelt, der rund 300 Mitgliedsunternehmen des VKU zugeleitet wurde, von denen rund ein Drittel dann an der Befragung teilnahmen. Die Rolle von Kooperationen wurde als vierter Schritt in der Studie abgefragt. Die Frage lautete: „Wo entstehen Kooperationsfelder, um neue Wertschöpfungsbereiche zu erschließen?“ Zuvor wurde(n) erfragt – Risiken in den Wertschöpfungsstufen und Sparten (Marktüberblick) – mögliche Veränderungen in der integrierten Wertschöpfungskette (Strategische Optionen im Gesamtunternehmen) – mögliche Veränderungen in der Wertschöpfungstiefe oder -breite (Strategie für die Wertschöpfungsbereiche).50 Die Studie geht davon aus, dass durch zunehmende Regulierung, fortschreitende Digitalisierung und steigenden Wettbewerb die Ergebnisse der Energieversorger in der Zukunft voraussichtlich sinken werden. Sie sieht die Notwendigkeit, deshalb stärker in Infrastruktur, Informationstechnologie, neue Geschäftsmodelle und -abläufe und in Personal zu investieren. Sodann stellt sie die These auf, um künftige Chancen zu nutzen, böten sich Kooperationspartner an, die möglicherweise bisher noch nicht Teil der Energiebranche seien. Im Management Summary wird zum Ausdruck gebracht, dass trotz fortschreitender Energiewende und Digitalisierung neue Geschäftsmodelle bislang nur in Ansätzen erkennbar seien und neue Geschäftsfelder noch nicht gefunden wurden. 49 Lenk et al. a.a.O. S. 2 50 Herausforderungen der Zukunft in der Energieversorgung meistern. Stadtwerke 2030 – eine empirische Studie zu den strategischen Perspektiven eines Energieversorgers, PwC GmbH Dezember 2017, S. 10 1.5 Stadtwerke-Kooperationen: Forschungsübersicht 29 Aus den Interviews wird die überwiegende Meinung der Befragten wiedergegeben, die bislang bestehende integrierte Wertschöpfungskette bleibe wesentlicher Erfolgsfaktor; man sieht zwar Rationalisierungsnotwendigkeiten, will aber vom bisher gepflegten Geschäftsmodell nicht abweichen; allerdings sehen 49 % der Teilnehmer in der Fokussierung auf die reine Infrastrukturdienstleistung rund um die Netze eine sinnvolle strategische Alternative, wogegen eine ähnlich große Gruppe ihre Zukunft als Digitaler Service Provider sieht.51 Eingehend wird die besondere Rolle von Kooperationen in der Bewältigung der Herausforderungen beleuchtet. Die Erschließung neuer Geschäftsfelder lasse sich aufgrund der Risikoteilung und des beidseitigen Know-how-Transfers am effektivsten in Kooperationen bewältigen, wobei gemeinderechtliche und regulatorische Hürden bestünden. So scheiterten Kooperationen im Netzbereich regelmäßig am Regulierungsrahmen, da dieser Effizienzsteigerungen nicht langfristig vergüte oder bei der Auslagerung von Netzpersonal aufgrund der Nicht-Anerkennung von dauerhaft nicht beeinflussbaren Kostenanteilen Nachteile biete.52 Forschungsstand – Fazit: Die bisher vorliegenden bedeutenden Stadtwerkestudien von Carsten Sander, Ernst & Young GmbH, PricewaterhouseCoopers AG sowie des VKU verharren auf dem Erhebungsstand der Phase vor 2010. Wichtige Kooperationen, wie die heutige Thüga und die „rekommunalisierte“ STEAG können deshalb beispielsweise in der VKU-Studie nicht auftauchen. Sie folgen einem Paradigma des Energiemarktes, das heute so nicht mehr uneingeschränkt gültig ist. Die Studien sind eher deskriptiv und suchen den kleinsten gemeinsamen Nenner der heterogenen Kooperationslandschaft, auf den hin sie ihre mehr oder weniger großen Datenbanken abfragen. Ihre Schlussfolgerungen bleiben damit der Querschnittsperspektive verhaftet, sind oft nur Stimmungsbarometer und bieten darüber hinaus nur allgemeine Handlungsanweisungen ohne die notwendige Differenzierung und Tiefenschärfe. Sie unterscheiden nicht zwischen den extern für die Kooperation maßgeblichen Faktoren, den Motiven oder den spezifischen Kooperationsformen. Die zeitlich nachfolgenden Studien sind eher „Akquisitionspapiere“ von Beratungsunternehmen oder Banken; sie gehen in ihrer Analyse nicht hinreichend tief und beleuchten nicht, welche konkreten Vor- oder Nachteile sich aus Kooperationen ergeben könnten. Die Studie von Lenk über Herausforderungen von Stadtwerken aus der Energiewende, behandelt das Thema der Kooperationen nur am Rande; dabei wird der Unterschied zur Situation der Branche nicht wirklich substanziell analysiert. 51 ebd. S. 14 52 ebd. S. 5 1. Stadtwerke-Kooperationen als Forschungsthema 30

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References

Zusammenfassung

Kooperationen zwischen Stadtwerken wurden seit Beginn der Liberalisierung des Energiemarktes von vielen Beteiligten als adäquate Antwort auf neue Herausforderungen angesehen. Politische und ökonomische Kooperationsziele wurden dabei bunt vermischt.

Haben sich die Erwartungen nach „besseren“ oder wenigstens nach ökonomisch „mehr“ Ergebnissen für Stadtwerke in Kooperationen erfüllt?

Diese Studie analysiert nicht nur betriebswirtschaftliche Kennzahlen einzelner Gruppen von Stadtwerken, sondern auch die politischen, energiewirtschaftlichen und kartellrechtlichen Rahmenbedingungen unterschiedlicher Modelle vor ihrem jeweiligen Zeithintergrund. Dabei zeigt sich, dass längst nicht alle Stadtwerke-Kooperationen das erreichten, was zuvor angestrebt war.

Michael Gaßner verfügt über profunde Branchenkenntnis und hat in Führungsfunktion und als Berater lange in der Energiewirtschaft gearbeitet. Was für die zukünftige Ausrichtung von Stadtwerken Erfolgsfaktor sein kann, hat er kenntnisreich herausgearbeitet.