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Lucas Schoppe, Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 87 - 102

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-87

Tectum, Baden-Baden
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Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? Lucas Schoppe Der Vorwurf, Männerhasserinnen zu sein, begegnet Feministinnen schon seit dem Beginn politischer Frauenbewegungen. Der Vorwurf ist ressentimentgeladen – aber zugleich gibt es reihenweise Belege dafür, dass er auf viele zeitgenössische Feministinnen zutrifft. Nicht jeder Feminismus aber ist von Männerhass geprägt, und nicht jeder Männerhass ist feministisch. Was ist denn nun das Verhältnis zwischen beiden? Wieso eigentlich dürfen Männer bei irgendetwas mitentscheiden? Da stolpert die SPD durch eine historische Krise, was das Ende dieser alten Partei bedeuten könnte, die doch in ihrer langen Geschichte schon so vieles überlebt hatte. Wenn der Partei noch etwas helfen kann, dann wohl eine Rückbesinnung auf den vormals sozialdemokratischen Wert der gegenseitigen Solidarität, und auf eine offene, sachbezogene Diskussion. Spitzenpersonal der Partei aber rückt etwas ganz anderes in den Vordergrund. „Wenn es einfach wäre, könnte es ja auch ein Mann machen,“ erklärt Andrea Nahles zum von ihr angestrebten Parteivorsitz.153 Dass Frauen klüger seien als Männer, hatte schon kurz zuvor Mecklenburg-Vorpom- 153 Vgl. Bericht aus Berlin, 18. Februar 2018. 87 merns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig betont154, die in der Bevölkerung noch niemals eine Wahl gewonnen hat und deren schnelle Karriere ohne die Förderung wichtiger Parteimänner niemals möglich gewesen wäre.155 Es wird nicht recht deutlich, warum es die beiden Spitzenfrauen für eine gute Idee halten, ausgerechnet in der verzweifelten Krisensituation der Partei den 67,5 % männlichen Mitgliedern156 und den verbliebenen männlichen Wählern ohne Not etwas „auf die Fresse“ (Nahles, bei anderer Gelegenheit157) zu geben. Statt diese Frage zu stellen, jubeln auch Qualitätsmedien über Nahles’ Geschlechtszugehörigkeit158, als ob damit die großen Probleme der SPD schon weitgehend überwunden wären. Die seltsame Verwandlung von Sachfragen in Ressentiments ist so normal geworden, dass sie kaum noch auffällt. Wer weiß denn beispielsweise, dass der Bundesgerichtshof schon 2017 eine richtungweisende Entscheidung zur Kindessorge getroffen hat, die der Doppelresidenz einen Vorteil gegenüber dem gewöhnlichen Residenzmodell, der 154 Vgl. Schmidt, Tobias im Interview mit Manuela Schwesig: „Wir sind klüger als die Männer“. In: Schweriner Volkszeitung vom 15. Februar 2018, online unter https:// www.svz.de/regionales/mecklenburg-vorpommern/wir-sind-klueger-als-diemaenner-id19087186.html. 155 Vgl. Müller, Ann-Katrin: „Obwohl ich blond bin“. In: Der Spiegel Nr. 36 vom 29. August 2015, online unter http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-138379335 .html. 156 Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/192247/umfrage/frauenanteilin-den-politischen-parteien/. 157 Natürlich bezog sich die Äußerung nicht auf die Männer der eigenen Partei, sondern auf den eigenen Kioalitionspartner, als Nahles sich nach der Bundestagswahl noch als Oppositionsführerin sah. Vgl z.B. Caspari, Lisa und Otto, Ferdinand: „Ab morgen kriegen sie in die Fresse“. In: Die Zeit vom 27. September 2017, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-09/andrea-nahles-spdopposition-bundesregierung. 158 Vgl. z.B.Hensel, Jana: Übrigens, sie ist eine Frau. In: Die Zeit, vom 14. Februar 2018 , online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-02/andrea-nahles-spd-vorsitz-feminismus-bedeutung sowie Porsche, Ulrike: An alle Machos da draußen: Diese Frau ist das Herz der SPD. Über einen längst verdienten Triumph. In: Stern vom 13. Februar 2018, online unter https://www.stern.de/politik/deutsc hland/andrea-nahles--sie-ist-das-herz-der-spd--ueber-einen-verdienten-triumph -7861582.html. Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? 88 sogenannten „Alleinerziehung“ einräumt159? Entgegen der vorherigen Rechtssprechung könne sie auch gegen den Willen eines Elternteils gerichtlich angeordnet werden. Obwohl der BGH sich auf Studien bezieht, nach denen die Doppelresidenz für das Kindeswohl deutliche Vorteile hat160, blieb die Entscheidung in Parteien und Qualitätsmedien fast ohne Widerhall. Eine Ausnahme ist allein die FDP. Dabei ist das Modell der „Alleinerziehung“ europaweit das größte Armutsrisiko für Kinder161: Dass einer der beiden Elternteile bei der Kindessorge fehlt, lässt sich eben auch nicht durch soziale Unterstützungssysteme auffangen. Statt aber im Sinne der Kinder Modelle zu entwickeln, mit denen politische und soziale Institutionen die BGH-Entscheidung unterstützen können, setzt die Bundespolitik im Gleichklang mit Aktivistinnen auf Ressentiments. Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig machten schon 2016 Stimmung gegen Väter, die zu wenig Unterhalt zahlen162 – anstatt zu realisieren, dass das Modell der „Alleinerziehung“ Familien eben auch ökonomisch in unlösbare Probleme stürzt. Den Vorschlag, solchen Vätern den Führerschein zu entziehen, griff im August 2018 die Familienministerin Franziska Giffey wieder auf: ein Versuch, Sündenböcke zu präsentieren, anstatt die Mängel der eigenen Politik anzugehen.163 Noch härter wird in sozialen Netzen diskutiert. Antje Schrupp, Redakteurin einer evangelischen Kirchenzeitung und von der Süddeutschen Zeitung einmal als eine der wichtigsten Feministinnen Deutsch- 159 Entscheidung des BGH Karlsruhe vom 28. Februar 2017, Aktenzeichen: XII ZB 601/15 160 Vgl. Witte, Markus: Im Zweifel für die Doppelresidenz, online abrufbar seit dem 1. März 2018 auf der Seite doppelresidenz.org › Fachinformationen › Downloadbereich 161 Vgl. Böhmer, Michael et.al: Dossier Armutsrisiken von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Juni 2008, S. 22, online abrufbar unter https://www.bmfsfj.de/blob/100792/ 20d27c7bf88a9fd745cfe05b7c58065c/kinderarmut-dossier-data.pdf. 162 Vgl. z.B. N.N.: Keinen Unterhalt gezahlt? Gabriel will Rabenvätern den Führerschein wegnehmen. In: Der Westen vom 9. August 2016, online unter https://www.derwesten.de/politik/gabriel-will-fahrverbote-fuer-saeumige-unterhaltspflichtige-id2 08028457.html. 163 Vgl. z.B. Müller-Neuhof, Jost: Fahrverbote für Unterhaltspreller sind nur Gerede. In: Der Tagesspiege vom, 23. August 2018, online unter https://www.derwesten.de/ politik/gabriel-will-fahrverbote-fuer-saeumige-unterhaltspflichtige-id208028457. html. Wieso eigentlich dürfen Männer bei irgendetwas mitentscheiden? 89 lands herausgestellt164, forderte 2011, Väter einfach ganz aus den Entscheidungen zu Geburt und Kindessorge herauszuhalten.165 Sieben Jahre später twitterte sie mit Bezug auf den Paragraphen 219a, der die Werbung für Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt: „Es ist eigentlich wirklich krass, dass Personen, die mit Sicherheit nicht schwanger werden können, überhaupt bei diesem Thema mitentscheiden dürfen. #wegmit219a“166 Das basiert nicht auf einer Abwägung, inwieweit Frauen stärker von Fragen der Reproduktion betroffen sind als Männer, sondern schlicht auf der Überzeugung, dass die Fortpflanzung eigentlich Frauensache wäre. Als würden sich alle Probleme von selbst lösen, wenn nur die Männer endlich ihre Klappe halten würden. Das ist ein seltsames Doppelspiel. Männer werden als Ursachen aller möglichen Übel präsentiert, als Dummerchen, als Egoisten, als Gewalttäter, in jedem Fall als machtbesessen. Zugleich haben ausgerechnet diese trotteligen und gewaltnahen Egoisten in jedem Fall die Verantwortung für die Lösung der sachlichen Probleme einer Situation. Ein fast putziges Beispiel lieferte 2018 die Designerin und Aktivistin Myriam Chalek, die bei einer Fashion-Show in New York Männer als Gewalttäter mit Schweinemasken präsentierte.167 Die Männer, die diese Schweine darstellten und die Show so erst ermöglichten, hatte sie kurzfristig durch eine kleine Anzeige gefunden. Sie bekamen für ihre Beteiligung nicht einmal Geld: Chalek hatte keinen Zweifel gehabt, auch kurzfristig genügend Männer zu finden, die sich an der Diffamierung von Männern als gewalt- und sexgeilen Schweinen gutwillig und kostenfrei beteiligen würden. 164 Vgl. Vorsamer, Barbara: Feministinnen, die sie kennen sollten. In: Süddeutsche Zeitung vom 26. April 2016, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/ die-recherche-feministinnen-die-sie-kennen-sollten-1.2931536. 165 Vgl. Schrupp, Antje: Väter-Recht abschaffen, Kindererziehung steuerfinanzieren, in ihrem Blog Aus Liebe zur Freiheit. Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz, online seit dem 8. März 2011 unter https://antjeschrupp.com/2011/08/03/vaterrecht-abschaffen-kindererziehung-steuerfinanzieren. 166 Vgl. https://twitter.com/antjeschrupp/status/966759092881588225 167 Vgl. Szekeley, Peter und Jacquez, Yahaira: #MeToo fashion show opens with angel wing models, pig faced men, Reuters vom 9. Februar 2018, online unter https:// www.reuters.com/article/us-fashion-new-york/metoo-fashion-show-opens-withangel-wing-models-pig-faced-men-idUSKBN1FT1VC. Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? 90 Männer im Niemandsland zwischen Mensch und Affe In dem 2018 erschienenen Buch DAMN (Destroy a Man Now – Zerstöre einen Mann jetzt)168 gibt eine pseudonym agierende Psychologin Frauen Ratschläge dafür, wie sie durch gezielte Anschuldigungen sexueller Übergriffe die Reputation und Stellung eines Mannes nachhaltig zerstören können. „Frauen besitzen mehr Macht als Männer, während die Gesellschaft immer noch so operiert, als wären wir machtlose Opfer. Auf diese Art und Weise profitieren Frauen sowohl von den Tugenden des Opferdaseins als auch von der Macht des Unterdrückers. Wir tun dies auch offen, auf offener Bühne und trotzdem unsichtbar durch die selektive Blindheit des Patriarchats für Frauen. (…) Der Begriff ‚Männer‘ ist zum Synonym geworden für ‚Vergewaltiger‘, ‚Pädophile‘, ‚Raubtiere‘, ‚Belästiger‘ und ähnliches.“ (Übersetzung von mir, LS.) Es spricht einiges dafür, dass der Text eine bittere Satire ist. Schon im Titel, dem Akronym DAMN, spielt er auf einen düsteren Klassiker des Feminismus an – auf Valerie Solanas’ SCUM, Society For Cutting Up Men (auf Deutsch bekannt als „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“). Anders als bei Solanas aber ist das Ziel der Satire deutlich. Jeder Mensch hingegen, der auch nur ein, zwei Seiten des „Manifests“ gelesen hat, merkt, dass Solanas damit an den Nationalsozialismus anknüpft – und zudem an den furchtbarsten seiner vielen furchtbaren Aspekte: den industrialisierten Massenmord. Sie stellt diese Bezüge nicht subtil und versteckt her, sondern offen, klar und drastisch. Selbst das wäre kaum der Rede wert, wenn dieser neo-nationalsozialistische Text nicht bis heute in einem linksliberalen, feministisch inspirierten Bürgertum einen heimlichen Kultstatus genösse. Jasmin Tabatabai, die dabei laut ihrer Homepage „zwischen Vergnügen und Entsetzen“ schwankte169, las daraus in Alice Schwarzers öffentlich ge- 168 Der Blogger „djadmoros“ zitiert und analysiert das Buch im Blog Geschlechterallerlei: Die Geister von #metoo: „Destroy a man now“, online seit dem 23. Februar 2018 unter https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2018/02/23/die-geistervon-metoo-destroy-a-man-now. 169 Vgl. https://frauenmediaturm.de/philosophischer-kongress-50-jahre-nach-dasandere-geschlecht-von-simone-de-beauvoir/. Männer im Niemandsland zwischen Mensch und Affe 91 förderten FrauenMediaTurm vor170. Das Deutsche Theater Berlin führte daraus seit 2017 Ausschnitte unter dem Titel „Feminista, Baby!“ auf. Mounia Meiborg jubelte darüber in der Süddeutschen Zeitung, der Text über den Massenmord sei „ein bisschen männerfeindlich“, aber Männer würden im Stück einiges über sich lernen: „Etwa, dass sie im Niemandsland zwischen Mensch und Affe stehengeblieben sind.“171 Im ZDF konnte die Sängerin Christiane Rösinger, die an der Aufführung beteiligt ist, Solanas wegen ihrer „Radikalität“ würdigen – die „fehlt uns heute“.172 Ihre Verteidiger – bis hin zur Bundeszentrale für politische Bildung, wo das Buch als Beitrag zur feministischen Geschichte empfohlen wird173 – erklären gern, Solanas bezöge sich bloß mit satirischer Absicht auf die nationalsozialistische Politik des industrialisierten Massenmords. Das ist eine Schutzbehauptung, für die es keine Belege gibt. Die Sprache entwickelt durch ihre Drastik und Skrupellosigkeit in den Augen einiger offenbar eine gewisse wilde Komik – aber der Text enthält überhaupt keine Ironiemarker. Zudem hat die Autorin auf der Basis ihres Textes ganz unironisch tatsächlich versucht, Männer zu ermorden, unter ihnen Andy Warhol. Und wenn schon – was genau sollte denn hier satirisch überspitzt werden? Faschistoide Aspekte im Feminismus? Die Verwandlung der Holocaust-Erinnerung in Popkultur? Eine allgemeine Männerfeindlichkeit der Gesellschaft? Das ist alles ganz unwahrscheinlich. Oft wird von Verteidigerinnen des Textes Jonathan Swifts berühmtberüchtigter Text „Modest Proposal“ als Vergleichstext herangezogen: Swift schlägt darin vor, irische Kinder zu essen, um Probleme der Armut und Überbevölkerung zu lösen. Bei Swift allerdings ist die ungeheuer bittere Ironie den ganzen Text hindurch deutlich, so wie auch zweifelsfrei klar ist, wogegen sich die Überspitzung des Textes richtet, nämlich gegen den technokratischen, und empathielosen Umgang der 170 http://frauenmediaturm.de/category/veranstaltungen/ 171 Vgl. Meiborg, Mounia: „Feminista Baby!“ In: Süddeutsche Zeitung vom 23. Oktober 2017, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/kurzkritik-feminista-baby-1.3720471. 172 Vgl. Rösinger, Christine im Interview mit ZDF-aspekte: „Diese Radikalität fehlt uns heute“. Online seit dem 3. November 2017 unter https://www.zdf.de/kultur/ aspekte/christiane-roesinger-im-interview-100.html. 173 Vgl. Margret, Margret: Feminismus. Bonn 2016, S. 119. Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? 92 Engländer mit den sozialen Problemen Irlands. Eben das fehlt bei Solanas völlig. Ich habe öfter Äußerungen genervter Feministinnen gelesen, die sich nicht schon wieder mit Solanas auseinandersetzen wollten, mit der sie doch gar nichts zu tun hätten. Ich habe jedoch noch niemals eine dieser Auseinandersetzungen gefunden. Die Frage, wie eine offen an den Nationalsozialismus anknüpfende, gewaltverliebte Schrift zum feministischen Kultbuch werden konnte, ist für den heutigen Feminismus irrelevant. Der Dinosaurier im Wohnzimmer des Feminismus Zur Beschreibung von Alkoholikerfamilien wird manchmal die Metapher vom „Dinosaurier im Wohnzimmer“ verwendet.174 Der Alkoholismus eines Familienmitglieds (oder gar mehrerer) bedroht und zerstört zwar beständig die Familienstrukturen, aber alle sitzen mit diesem Dinosaurier angestrengt und angstvoll friedlich gemeinsam im Wohnzimmer und tun so, als ob alles in Ordnung wäre. Der Männerhass, der sich in Veranstaltungen wie der oben erwähnten #MeToo-Fashionshow oder im Solanas-Text zeigt, ist gleichsam der Dinosaurier im Wohnzimmer des Feminismus. Natürlich sind nicht alle Feministinnen Männerhasserinnen, so wie ja auch nicht alle Mitglieder von Alkoholikerfamilien Alkoholiker sind. Aber alle nehmen diesen Männerhass wahr und tun so, als wäre damit alles in Ordnung, zivil und nett. Und falls sie doch mal auf den Dinosaurier angesprochen werden, erklären sie schnell, der wolle doch nur spielen und meine es gar nicht so. Oder sie fragen unschuldig „Welcher Saurier denn? Siehst du hier einen Saurier?“ Trotzdem ist nicht jeder Feminismus männerhassend, und nicht jeder Männerhass ist feministisch. Zumindest eine tiefe geschlechtsbezogene Missachtung drückt sich beispielsweise in einer Bundeswehr- Politik aus, die ja keineswegs dem Feminismus verpflichtet ist und die Soldaten in Krisengebiete auf der ganzen Welt schickt – leider aber 174 Vgl. z.B. Forward, Susan: Vergiftete Kindheit. Elterliche Macht und ihre Folgen, München 1993, S. 94ff. Der Dinosaurier im Wohnzimmer des Feminismus 93 ganz uninteressiert daran, diese Soldaten dabei auch mit halbwegs funktionsfähigem Material auszustatten.175 Die 108 Bundeswehrsoldaten, die seit 1992 bei Auslandseinsätzen ums Leben kamen, waren fast ausschließlich Männer176 – was niemanden wundern kann, da die Last dieser Einsätze schließlich weit überwiegend von Männern getragen wird. Wir können wohl davon ausgehen: Wären es vorwiegend Frauen, und nicht vorwiegend Männer, die unter den Ausrüstungsmängeln der Bundeswehr zu leiden hätten: Diese Zustände wären längst als sexistischer Skandal herausgestellt worden. Das ist nicht allein die Verantwortung von Feministinnen. Wo aber heute überhaupt eine institutionelle Geschlechterpolitik betrieben wird, da ist sie in aller Regel feministisch inspiriert. Die Bundeszentrale für politische Bildung, die auch schon Michael Kimmels ressentimentgeladene Polemik „Angry White Men“177 verlegt hatte, vertreibt auch mit großem Erfolg Margarete Stokowskis „Untenrum frei“178. Für mich selbst war ein Text Stokowskis Grund, alle Hoffnung aufzugeben, dass mit dem heute dominierende Feminismus schließlich doch zu irgendeinem offenen Dialog bereit sein könnte. Nach den massenhaften sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht waren natürlich auch Männer in Deutschland erschrocken. Anstatt diesen Schock als Beleg für eine selbstverständliche zivile Empathie zu werten, schrieb Stokowski in ihrer wöchentlichen Spiegel- Kolumne: 175 „Marodes Gerät, Mängel überall“ titelt beispielsweise Thorsten Knuf in der Frankfurter Rundschau vom 20.2.2018 und beschreibt mit Bezug auf den Jahresbericht des Wehrbeauftragten das „Bild einer verwahrlosten Bundeswehr“. Online unter http://www.fr.de/politik/materialprobleme-marodes-geraet-maengelueberall-a-1452400. 176 Der Wikipedia-Eintrag „Todesfälle bei Auslndseinsätzen der Bundeswehr“ führt 107 Tote auf, nach den Vornamen zu schließen ist eine Frau darunter, in zwei weiteren Fällen ist die Geschlechtszugehörigkeit anhand der Vornamen nicht eindeutig zuzuordnen – es sind aber mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Männer. 177 Vgl. Kimmel, Michael: Angry White Men: Die USA und ihre zornigen Männer, Bonn 2016. 178 Vgl. Stokowski, Margarete: Untenrum frei, Bonn 2016. Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? 94 „Die eigenen Frauen will der gute Deutsche immer noch selbst belästigen dürfen.“179 Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Um eigenen männerfeindlichen Ressentiment festhalten zu können, nimmt Stokowski – und mit ihr einer Reihe anderer Feministinnen – es gern in Kauf, alles feministische Engagement der letzten Jahrzehnte pauschal für wirkungslos zu erklären. Jahrzehnte erregter Diskussionen und verbissener Debatten, Frauenministerien in allen Regierungen, Tausende von Gleichstellungsbeauftragten, eine entschlossen geförderte Frauen- und Geschlechterforschung, eine unverkennbare Sympathie für diese Politik bei fast allen Massenmedien – aber für Stokowski et.al. kann der deutsche Mann auch nach Jahrzehnten feministischer Anstrengungen selbstverständlich nichts anderes sein als der Repräsentant einer „Rape Culture“, die nicht nur frauenfeindlich, sondern zu allem Überfluss auch noch fremdenfeindlich ist. Dieser Feminismus hat längst das Interesse an einer Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten verloren und kreist um die eigenen Ressentiments und, ja, auch Hassgefühle. Warum aber protegiert die Bundeszentrale für politische Bildung ausgerechnet eine solche Feministin, die doch im „Spiegel“ ohnehin schon wöchentlich die Gelegenheit hat, vor einem Millionenpublikum um ihre Ressentiments herum weltvergessen Schnörkel zu laufen? Warum nicht eine Feministin, deren Beispiel zeigt, dass es auch einen Feminismus gibt, der nicht von Hass beschädigt ist? Die anarchistische Feministin Wendy McElroy zum Beispiel, oder die liberale französische Feministin Elisabeth Badinter oder auch die Equity-Feministin Christina Hoff Sommers? Ganz ohne unbedingt Ally sein zu wollen, hatte ich mich schon in der Jugendzeit und dann immer wieder mit allen möglichen feministischen Themen, Texten oder Positionen beschäftigt. Es interessiert mich, und ich wäre froh, heute feministische Positionen in politischen Debatten zu finden, die offen, interessiert und human sind. Stattdessen agieren etliche Feministinnen ganz so, als würden sich beliebige soziale Probleme zuverlässig von selbst lösen, wenn sie nur 179 Vgl. Stokowski, Margarete: Des Rudels Kern. Online seit dem 7. Januar 2016 unter http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/margarete-stokowski-uebersexualisierte-gewalt-a-1070905.html Der Dinosaurier im Wohnzimmer des Feminismus 95 mit dem immergleichen Ressentiment beschreiben würden. Ein Credo, das sich ebenso in der AfD finden lässt. Warum also trägt die Bundeszentrale nicht zur politischen Bildung bei, indem sie Beispiele für andere Feministinnen zeigt? Ich jedenfalls wäre daran sehr interessiert. Könnte es vielleicht sind, dass die Bundeszentrale für politische Bildung – zumindest in Deutschland – solche Beispiele selbst nicht findet? Über den Umgang mit Menschen, die andere Menschen als Müll bezeichnen Im August 2018 kondensierte männerfeindliche Hate Speech im Hashtag #MenAreTrash, „Männer sind Müll“. Einer meiner Leser hatte daraufhin eine Mail an den Präsidenten der Freien Universität in Berlin geschrieben und sie auch mir zur Info zukommen lassen. Mit seiner Erlaubnis zitiere ich sie: Sehr geehrter Herr Präsident, die Freie Universität hat das Selbstverständnis, für Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten und insbesondere Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. Bedauerlicherweise hetzt ein Professor Ihrer Universität aktuell öffentlich auf Twitter gegen eine Gruppe von Menschen, deren pauschale Bezeichnung als Müll er ausdrücklich gut heißt. Es ist (noch) nicht „Andersdenkende sind Müll“, sondern „Männer sind Müll“. Ich möchte Sie höflich dazu einladen mit diesem Herren, Prof. Anatol Stefanowitsch, das Gespräch zu suchen und ihn darauf hinzuweisen, dass derartige Hasskampagnen gegen bestimmte Menschengruppen mit einer Tätigkeit an der „Freien Universität Berlin“ unvereinbar sind. Über eine Rückmeldung Ihrerseits würde ich mich sehr freuen. Vielen Dank! Mit freundlichen Grüßen Anatol Stefanowitsch, Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie, der zuletzt ausgerechnet das Buch „Warum wir eine politisch korrekte Sprache brauchen“ veröffentlicht hat, hatte sich auf Twitter den Hashtag #MenAreTrash ausdrücklich zu eigen gemacht und bekundete: „Trash wer ein Mann ist und ein Hashtag wie Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? 96 #MenAreTrash nicht zum Anlass nehmen kann, einmal still über sich und seine Rolle in der Gesellschaft nachzudenken.“180 Wer als Müll bezeichnet wird, soll nicht meckern, sondern die Klappe halten: Das gefällt über tausend der zahlreichen Follower. Auffällig ist hier nicht nur die Ignoranz des Sprachwissenschaftlers gegen- über der deutschen Grammatik. Der Berliner Professor formuliert eine radikal autoritäre Position: Menschen, die ihre eigene Entmenschlichung und Entwürdigung nicht verinnerlichen und bejahen, hätten sie erst recht verdient. Ob ihm das nun klar ist oder nicht, reproduziert er damit die Männerfeindlichkeit des extremsten Feminismus. Valerie Solanas träumt beispielsweise in ihrer Vernichtungsfantasie SCUM von Männern, die sich aus Einsicht in ihre Wertlosigkeit selbst umbringen.181 Da die Selbstmordquote von Jungen und Männern ja tatsächlich um ein Mehrfaches höher ist als die von Mädchen und Frauen182, ist solch eine faschistoide Logik der genüsslich exerzierten Entmenschlichung ganz besonders furchtbar. Der Brief an den Präsidenten ist angesichts dieser offenen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sehr maßvoll. Er fordert keineswegs kraftmeierisch, Stefanowitsch aus dem Amt zu entfernen, sondern lädt dazu ein, das Gespräch mit dem Professor zu suchen. Das ist auch gleich aus zwei Gründen wichtig. Erstens sind Professoren üblicherweise Beamte, und für die gilt das „Mäßigungsgebot“. Natürlich können sich auch Beamte politisch betätigen, doch auch außerhalb des Dienstes müssen sie dabei „diejenige Mäßigung und Zurückhaltung zu wahren, die sich aus ihrer Stel- 180 Vgl. Stefanotisch Anatol unter https://twitter.com/astefanowitsch/status/1029777 417710260225 sowie https://twitter.com/astefanowitsch/status/102974231063925 1456. 181 Vgl. Solanas, Valerie: Solanas, Valerie: Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer. Augsburg 1996. Das Buch mit seinen Vergasungsphantasien über „genetisch minderwertige“ Männer wurde seitdem unter verschiedenen Titeln von mehrere feministischen deutschen Verlagen immer wieder neu aufgelegt. Vgl. kritisch dazu Schoppe, Lucas: In aller Unschuld alle Männer töten. Online seit dem 21.5.2013 unter https://man-tau.com/2013/05/21/in-aller-unschuld-allemanner-toten/. 182 Vgl.N.N.: Geschlechterunterschiede bei Suizid und Suizidalität/Fachartikel. Online unter https://gendermedwiki.uni-muenster.de/mediawiki/index.php? title=Geschlechterunterschiede_bei_Suizid_und_Suizidalit%C3%A4t/Fachartikel. Über den Umgang mit Menschen, die andere Menschen als Müll bezeichnen 97 lung gegenüber der Allgemeinheit und aus der Rücksicht auf die Pflichten ihres Amtes ergeben“. Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit öffentlich pauschal als „Müll“ zu bezeichnen und sich dabei sogar ausdrücklich an eine entsprechende Kampagne anzuhängen, wird diesem Gebot offensichtlich nicht gerecht. Die Leitung der Universität hat also eigentlich gar nicht die Möglichkeit, das Verhalten ihres Professors unkommentiert zu lassen, sondern ist dienstrechtlich zum Eingreifen verpflichtet. Andernfalls könnten wir das Mäßigungsgebot auch streichen: Ein Rechtsgebot, dessen Übertretung keine Folgen hat, ist keines mehr. Zweitens, und noch wichtiger: Stefanowitsch ist als Professor sowohl für Studentinnen als auch für Studenten verantwortlich. Mehr noch, das Fach Englisch bzw. Anglistik wird zu einem großen Teil von Menschen studiert, die damit einmal in den Schuldienst gehen und die dann sowohl für Mädchen als auch für Jungen gleichermaßen verantwortlich sein werden. Die Angehörigen eines ganzen Geschlechts pauschal und genüsslich als „Müll“ hinzustellen, ist eine offenkundige Demonstration der Missachtung dieser Verantwortung, sogar der Verachtung für sie. Warum aber reagiert der Leser in seiner Mail so maßvoll? In der Debatte um die feministische Hate Speech unter dem Banner #MenAreTrash gab es einige Äußerungen, die darauf drängten, sprachlich härter zu antworten. Auch wenn ich das nicht so sehe, ist es wichtig, zunächst kurz zu klären, welchen Sinn ein solches Bedürfnis nach einer heftigeren Sprache eigentlich hat. Es beruht nämlich nicht bloß auf Wut und mangelnder Selbstkontrolle, sondern lässt sich spieltheoretisch gut erläutern. In der Spieltheorie nämlich ist schon lange deutlich, dass die sogenannte Tit-for-Tat-Strategie oft sehr sinnvoll ist. Damit wird auf des Verhaltens des anderen Spielers reagiert: Wenn dieser kooperiert, kooperiert man auch selbst – wenn er sich der Kooperation verweigert, zieht man sich ebenfalls aus der Kooperation zurück. Besonders gute Folgen hat diese Strategie, wenn man selbst mit einem Signal der Kooperation beginnt. Der Sinn ist leicht nachzuvollziehen. Kooperation wird mit Kooperation belohnt, und dadurch können sich dann Strukturen eines Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? 98 gemeinsamen Handelns ausbilden. Demjenigen aber, der die Kooperation verweigert, werden sofort die Vorteile der Kooperation entzogen. Würden wir hingegen unsere Kooperationsbereitschaft einfach aufrecht erhalten, obwohl der andere sichtbar nicht kooperiert – dann würden wir dessen Verweigerung sogar noch belohnen. Er könnte die Vorteile der Kooperation einstreichen, ohne die Investitionen für sie leisten zu müssen. Wer also blind für das Verhalten des anderen stur weiter kooperiert, richtet damit auf lange Sicht sogar Schaden an, weil er ein destruktives Verhalten fördert. Daher sind Menschen in spieltheoretischen Experimenten bereit, sogar eigene Opfer in Kauf zu nehmen, wenn das die Bedingung für die Bestrafung eines anderen ist, der die gemeinsamen Regeln gebrochen hat.183 Das kurzfristige Opfer lohnt sich, weil damit langfristig gesichert wird, dass andere nicht einfach ungestraft die Strukturen der Kooperation ausnutzen können. Das zeigt übrigens nebenbei auch, wie groß insgesamt der Gewinn der Kooperation auch für Einzelne ist. Wer aber nun Menschen offen, und gar allein aufgrund biologischer Zugehörigkeiten, als „Müll“ beschimpft, der signalisiert so deutlich wie nur möglich, dass er zu keiner Kooperation mit ihnen bereit ist. Er ist demonstrativ nicht einmal bereit, ihre basale Menschenwürde zu respektieren, nimmt also für die Beschimpfung sogar unverhohlen in Kauf, gemeinsame und grundlegende moralische Regeln zu brechen. Es ist völlig nachvollziehbar, wenn Menschen auf solch ein destruktives Verhalten verbal scharf reagieren. Das ist keineswegs seinerseits verroht. Eine solch harte Reaktion auf massive Regelbrüche haben wir eben deshalb trainiert, weil wir kooperative Wesen sind und weil wir die Spielregeln der Kooperation verinnerlicht haben. Warum ist die Reaktion dann aber trotzdem nicht sinnvoll? Wenn ich einen Text veröffentliche, dann bewege ich mich nicht im Privatgespräch mit Leuten wie Anatol Stefanowitsch oder der Feministin Sibel Schick, die #MenAreTrash hierzulande an erster Stelle 183 Einschlägig ist der Essay „Altruistic Ounishment in Humans“ von Ernst Fehr und Simon Gächter, erschienen in der Zeitschrift „Nature“ von Februar 2002. Online ist er verfügbar unter https://www.researchgate.net/publication/11552998_Altruistic_Punishment_in_Humans Über den Umgang mit Menschen, die andere Menschen als Müll bezeichnen 99 propagierte. Ich reagiere also nicht nur auf sie, davon bekommen vermutlich sie ja meist gar nichts mit. Ich äußere mich gegenüber anderen Menschen, die zu einem großen Teil zwar still bleiben, die aber ganz anders agieren als die brutalisierten Akteure, die einen großen Teil der Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn ich von meinen eigenen Erfahrungen – immerhin mit ganz unterschiedliche Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft – hochrechne, dann haben sicherlich achtzig Prozent der Menschen den Wunsch, grundsätzlich mit anderen zu kooperieren und halbwegs friedlich zu kommunizieren. Das schließt die Schaulust bei kommunikativen Totalschäden wie dem #MenAreTrash-Hashtag nicht aus. Diese Schaulust ist aber keine Zustimmung. Wenn ich also sprachlich ebenso verroht gegenhalte, dann kann flüchtigen Betrachtern nur der Eindruck entstehen, dass auf allen Seiten Bekloppte agieren und dass sich eine weitere Beschäftigung mit dem, worüber ich schreibe, nicht lohnt. Das wiederum ist für mich selbst – und für andere, die ähnlich denken wie ich – sehr viel schlimmer als für Akteure wie Stefanowitsch oder Schick. Die nämlich sind institutionell privilegiert, Stefanowitsch noch einmal deutlich stärker als die „taz“– und „Missy“-Autorin, die aber ihrerseits auch eine deutlich größere Reichweite hat als viele andere im Netz. Selbst noch solche feministischen Positionen, die Verachtung für Väter artikulieren oder die explizit männerfeindlich sind, werden institutionell abgesichert: in Parteien, in der Gleichstellungsbürokratie, in Universitäten, in Gewerkschaften, in großen Medien. Wer so agiert, hat es also gar nicht nötig, einen großen Teil der Leser oder Zuhörer zu überzeugen – er, bzw. sie, muss lediglich darauf achten, die eigene institutionelle Position nicht zu riskieren. Wenn also der Eindruck entsteht, dass auf allen Seiten nur Bekloppte agieren würden – dann haben brutalistische Akteure wie Stefanowitsch oder Schick schon gewonnen. Sie nämlich können sich das leisten. Tatsächlich wirkt die wegwerfende Betitelung anderer als Müll eben dadurch, dass sie gängige Regeln so frontal wie unverstellt bricht. Seht her: WIR können ohne Folgen für uns zivile Regeln brechen, an die IHR euch sorgfältig zu halten habt. So ist dieser Hashtag denn auch Wie sollten Männerrechtler mit Männerhass umgehen? 100 vor allem eine offene, schambefreite Demonstration eben derjenigen Privilegien, die zugleich projektiv den Beschimpften untergeschoben werden. Es ist ganz illusorisch zu glauben, gegen solch eine institutionell gestützte Brutalität wäre etwas auszurichten, wenn man nur in den Kommentarspalten irgendeines Blogs besonders kräftig vom Leder zöge. Das kratzt Stefanowitsch oder Schick gar nicht – es schreckt aber zivilere Leser ab, die sonst vielleicht interessiert wären, und es behindert den Aufbau kleiner, ziviler Foren unterhalb und außerhalb der etablierten Institutionen. In den ersten Jahren meines Lebens als Trennungsvater war es für mich besonders bedrückend zu merken, wie allein ich damit dastand. In den Medien – den Massenmedien wie den sozialen Medien – wurde die Ausgrenzung von Vätern fast rundweg entweder begrüßt oder ignoriert, und dort, wo sich Widerstand regte, wurde manchmal so hart, bitter und stellenweise auch verroht argumentiert, dass ich mich auch dort nicht wiederfand. Durch das Verdienst vieler – Arne Hoffmann, Christian Schmidt, der Autoren der Website „Cuncti“, dem Forum Sozial Inklusion und vieler anderer Publizisten und Aktivisten – hat sich das geändert. Wenn daher jemand das Gefühl hat, gegen die #MenAreTrash- Hetze müsse eine klarere Kante gefahren, also deutlich schärfer und wütender formuliert werden, kann er das gern machen. Aber bitte nicht auf Plattformen auf denen andere viel Arbeit investieren, um zivile Dialoge zu ermöglichen. Akteure wie Schick oder Stefanowitsch sind nämlich gar nicht so sonderlich wichtig. Wichtig aber finde ich, dass es außerhalb der institutionell gestützten, hierarchiefixierten verbalen Gewaltsamkeiten Foren der zivilen Verständigung gibt, die prinzipiell möglichst vielen offenstehen. Eine neue APO, sozusagen. Über den Umgang mit Menschen, die andere Menschen als Müll bezeichnen 101

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.