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Anhang   Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte in:

Arne Hoffmann (ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 445 - 454

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-445

Tectum, Baden-Baden
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Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte552 Eine Ideengeschichte jenes Konzeptes, das wir als „Integraler Antisexismus“ bezeichnen, kann hier nur anrissartig dargestellt werden. Es bleibt späteren Forschungen überlassen, die folgenden Darstellungen zu vertiefen sowie über den westlichen Kulturraum hinaus zu erweitern. Beim Integralen Antisexismus handelt es sich um eine geschlechterphilosophische und geschlechterpolitische Perspektive, die Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen bezüglich Frauen UND Männern (sowie in einem erweiterten Sinne auch Inter- und Transsexuellen) in wissenschaftlicher und politischer Hinsicht berücksichtigt, ohne ein Geschlecht auszugrenzen oder zum „Unterdrückergeschlecht“ beziehungsweise „Opfergeschlecht“ zu erklären. Der Integrale Antisexismus, wie linke Männerrechtler im deutschsprachigen Raum ihn verstehen, ist unter anderem von Erkenntnissen der Systemischen Psychologie553 geprägt sowie von einem Verständnis von Macht und Diskriminierung, das diese nicht schematisch, sondern ergebnisoffen und kontextspezifisch zu erforschen und zu verstehen sucht. Ein solches Verständnis von Macht ist mit allen freiheitlich-linken Theorie-Traditionen kompatibel, wurde aber am prägnantesten im französischen Poststrukturalismus (bzw. französischen Postmodernis- 552 Für die Zusammenarbeit bei der Erstellung dieses Anhangs danke ich einem anderen linken Männerrechtler und Experten für die Ideengeschichte der Linken, der nicht genannt werden möchte. 553 Vgl. von Schlippe, Arist & Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2016. (Auch andere Richtungen und Schulen der Psychologie werden aber natürlich in einer integral-antisexistischen Perspektive einbezogen.) 445 mus) ausformuliert, insbesondere bei Michel Foucault.554 Dieser sagte 1976 in einem Vortrag: „Ich glaube – jedenfalls ist das der Sinn der Analysen, die ich vornehme (…), dass wir Machtbeziehungen nicht schematisch betrachten dürfen, auf der einen Seite jene, die Macht haben, und auf der anderen jene, die keine haben. (…) Dieser Dualismus findet sich bei Marx niemals, wohl aber bei reaktionären und rassistischen Denkern wie Gobineau, (…). Die Machtbeziehungen sind überall. Allein schon die Tatsache, dass Sie Studentin sind, versetzt sie in eine bestimmte Machtposition. Andererseits bin ich als Professor gleichfalls in einer Machtposition. Ich bin in einer Machtposition, weil ich keine Frau bin, sondern ein Mann. Und als Frau sind Sie gleichfalls in einer Machtposition, nicht in derselben, aber wir beide sind gleichermaßen in einer Machtposition. (…) Interessant ist (…) wie die Maschen der Macht in einer Gruppe, einer Klasse, einer Gesellschaft funktionieren, das heißt, wo sie jeweils im Netz der Macht lokalisiert sind und wie sie Macht ausüben, sichern und weitergeben.“555 Diese Bezugnahme auf eine poststrukturalistische Machttheorie bedeutet jedoch nicht, dass linke Männerrechtler sich hinsichtlich ihrer politisch-philosophischen Orientierung auf den französischen Poststrukturalismus beschränken. Vielmehr sind linke Männerrechtler offen für die vielfältigen Teilwahrheiten und Errungenschaften aller freiheitlich-linken Theorie-Traditionen. Hierzu zählen unter anderem der egalitäre Liberalismus, die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, die Diskursethik, libertärer Marxismus und Neomarxismus, Sozial- Anarchismus und Individual-Anarchismus sowie linker Kommunitarismus. Hinsichtlich philosophischer Themen wie Erkenntnistheorie, philosophische Anthropologie und Ethik nehmen linke Männerrechtler meist auf andere philosophische Traditionen Bezug als den französi- 554 Passagen, in denen ein allzu schematisches Verständnis von Macht kritisiert wird, finden sich aber auch in Werken anderer französischer Poststrukturalisten, z.B. bei Jean-François Lyotard, Roland Barthes und Jacques Derrida. Da die französischen Poststrukturalisten den heutigen Forschungsstand bezüglich Diskriminierungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind, nicht kannten/kennen, wurde von ihnen zwar keine explizit integral-antisexistische Perspektive erarbeitet, aber das nicht-schematische Machtverständnis, das im französischen Poststrukturalismus entwickelt wurde, ist für integral-antisexistische Analysen gut geeignet. 555 Vgl. Foucault, Michel: Die Maschen der Macht, in: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften, Vierter Band 1980 – 1984, Suhrkamp, 2005, S. 244 Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 446 schen Poststrukturalismus. So sind linke Männerrechtler oft Anhänger der Korrespondenztheorie der Wahrheit, akzeptieren oft die Idee einer Natur des Menschen in einem ähnlichen Sinne, wie dies von dem bekannten Sprachwissenschaftler und linken Philosophen Noam Chomsky vertreten wird556 und sind oft Anhänger eines universalistischen Moralverständnisses, das ideengeschichtlich in kantianischer Tradition steht (wie dies in der zeitgenössischen philosophischen Diskussion u.a. von John Rawls, Jürgen Habermas und Karl Otto Apel vertreten wurde). Freilich ist der linke Maskulismus aber auch bei den genannten philosophischen Themen für verschiedene Positionen offen. Tendenzen, die in eine integral-antisexistische Richtung weisen, finden sich während der ersten Welle der Frauenbewegung insbesondere in der sozialistischen Frauenbewegung, weniger in der bürgerlichen Frauenbewegung.557 Die sozialistische Frauenbewegung der ersten Welle der Frauenbewegung beruhte wesentlich auf der Idee der Klassensolidarität zwischen den Frauen und Männer der Arbeiterklasse. Sozialistische Frauenrechtlerinnen setzten sich in diesem Sinne auch für Anliegen der Männer der Arbeiterklasse ein. Dieser Aspekt wird auch in zeitgenössischen Standardwerken zur Geschichte der Frauenbewegung erwähnt (leider meist ohne daraus angemessene Schlüsse hinsichtlich der Fehler des heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Feminismus zu ziehen). Die Politologin Michaela Karl bemerkt hierzu in ihrem Buch zur Geschichte der Frauenbewegung: „Die Frauenfrage war für Clara Zetkin immer Teil der Klassenfrage. Dies war in ihren Augen auch das trennende Element zur bürgerlichen Frauenbewegung. Die proletarische Frauenbewegung war in erster Linie sozialistisch. Aus diesem Grund lehnte sie eine Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Frauenbewegung ab. Hauptgegensatz war ihrer Ansicht nach die Tatsache, dass die bürgerlichen Frauen gegen die Männer der eigenen Klasse 556 Vgl. Chomsky, Noam: Reflexionen über die Sprache, Suhrkamp, 1977, S. 159 f.. 557 Die erste Welle der Frauenbewegung wird in der historischen Literatur grob unterteilt in die bürgerliche Frauenbewegung und die sozialistische Frauenbewegung. Beide bestanden natürlich des Weiteren aus mehreren Unterströmungen. Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 447 kämpften, während die Proletarierinnen Seite an Seite mit den Männern ihrer Klasse gegen den Kapitalismus für die Revolution eintraten.“558 Die Historikerin Gisela Notz beschreibt diesen Aspekt in ihrem Einführungsbuch zur Geschichte der Frauenbewegung folgendermaßen: „Die sozialistische Frauenbewegung Deutschlands”, so Ottilie Baader (…) sei ‚von der Überzeugung durchdrungen, dass die Frauenfrage ein Teil der sozialen Frage sei und nur zusammen mit ihr gelöst werden kann.‘ Ihr ging es um den ‚Kampf aller Ausgebeuteten ohne Unterschied des Geschlechts gegen alle Ausbeutenden ebenfalls ohne Unterschied des Geschlechts‘. Deshalb war es ihr Anliegen, ‚mit dem Mann ihrer Klasse gegen die kapitalistische Klasse Seite an Seite mit den Männern zu kämpfen‘“.559 Ein exemplarisches Beispiel für eine integral-antisexistische Position innerhalb der sozialistischen Frauenbewegung der ersten Welle der Frauenbewegung war ihre Einstellung zum Wahlrecht. In einer Zeit, in der auch die Männer der unteren Klassen zum Teil noch kein Wahlrecht besaßen, setzten sich bürgerliche Frauenrechtlerinnen oft lediglich für ein Frauenwahlrecht analog dem der Männer ein, bei dem die Männer und Frauen der unteren Klassen, die kein Wahlrecht besaßen, davon ausgenommen blieben, während die sozialistische Frauenbewegung ein allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht für alle Männer und Frauen forderte. Auch wenn die sozialistische Frauenbewegung der ersten Welle der Frauenbewegung in diesem Sinne ein ideengeschichtlicher Vorläufer des Konzepts des Integralen Antisexismus darstellt, wie dieses im linken Maskulismus vertreten wird, sind jedoch zwei wichtige Unterschiede zu berücksichtigen. Die sozialistische Frauenbewegung der ersten Welle der Frauenbewegung war in ihrer Praxis zum Teil integral-antisexistisch, es gelang ihr aber leider nicht, eine integral-antisexistische Position auch in theoretischer Hinsicht ausreichend zu fundieren. So wurden weibliche soziale Problemlagen oft sowohl geschlechtsbezogen als auch klassenbezogen analysiert, während männliche soziale Problemlagen primär klassenbezogen, aber nicht geschlechtsbezogen, betrachtet wurden. Schon damals gab es in progressiven Kreisen eine einseitige Konzepti- 558 Vgl. Karl, Michaela: Die Geschichte der Frauenbewegung, Reclam, 2011, S. 97. 559 Vgl. Notz, Gisela: Feminismus, PapyRossa Verlag, 2011, S. 52. Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 448 on von Patriarchat. Andererseits wurden geschlechtsbezogene Problemlagen oft als Nebenwiderspruch zum Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit betrachtet. Das Konzept des Integralen Antisexismus, wie es im linken Maskulismus verstanden wird, beinhaltet hingegen, dass sowohl weibliche als auch männliche Diskriminierungen und soziale Problemlagen gleichermaßen analysiert werden sollten. Bei dem Konzept des Integralen Antisexismus geht es des Weiteren explizit nicht um eine Rückkehr zu klassischen Haupt-/Nebenwiderspruchstheorien. Die Position ist hier vielmehr, dass weder Frauenrechte, noch Männerrechte als „Nebenwidersprüche“ betrachtet werden sollten. Übereinstimmung besteht mit jener Sichtweise der klassischen sozialistischen Frauenrechtlerinnen, einer Spaltung der Solidarität zwischen Frauen und Männern entgegenzuwirken. Eine solche Spaltung geht inzwischen stark von heute vorherrschenden einseitigen „Feminismen“ (Radikal-, Gender-, Staatsfeminismus) aus. In den 60er Jahren formierte sich die zweite Welle der Frauenbewegung, und es bildeten sich anfangs drei konkurrierende Hauptströmungen heraus: liberaler Feminismus, sozialistischer Feminismus und Radikalfeminismus, wobei der Radikalfeminismus leider zunehmend an Einfluss gewann. Die Politologin Michaela Karl bemerkt hierzu in ihrem Buch zur Geschichte der Frauenbewegung: „Während es sozialistische und liberale Positionen schon in der alten Frauenbewegung gegeben hatte, brachte der in den USA entstandene Radikalfeminismus neue Denkanstöße in die Debatte mit ein. Dieser ging von einer generellen Unterdrückung der Frau durch den Mann aus. Alle Männer würden alle Frauen unterdrücken. Radikalfeministinnen forderten deshalb die psychologische und bewusstseinsmäßige Befreiung vom Mann und die gleichzeitige Hinwendung zu weiblichen Leitfiguren. (…) Der Kampf gegen das Patriarchat sollte auf der Ebene der Sexualität begonnen werden. (…) Radikale Feministinnen sahen den Fehler nicht im ökonomischen System, sondern im Patriarchat oder in der männlichen Psyche und deren Willen zu herrschen. Sie waren nicht der Ansicht, dass die Frauenbefreiung Teil eines langen Kampfes für den Sozialismus sein sollte, sondern sahen in der Frauenpolitik das wichtigste und einzige Anliegen der Frauenbewegung.“560 560 Vgl. Karl, Michaela: Die Geschichte der Frauenbewegung, Reclam, 2011, S. 138 f.. Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 449 Der zunehmende Einfluss des Radikalfeminismus innerhalb der Frauenbewegung drängte den liberalen Feminismus und den sozialistischen Feminismus in den Hintergrund. Dies hatte zur Folge, dass die integral-antisexistischen Ansätze, die es innerhalb der sozialistischen Frauenbewegung der ersten Welle der Frauenbewegung gab, im Mainstream der Frauenbewegung leider nicht aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Stattdessen etablierte der Radikalfeminismus die Sichtweise von Frauen und Männer als verfeindete Gruppen, von denen die eine (Männer) als privilegiert, Täter und Unterdrückergeschlecht und die andere (Frauen) als diskriminiert, Opfer und unterdrücktes Geschlecht konstruiert wurde. 561 Dieses Paradigma des Radikalfeminismus wurde ab den 80er Jahren zum vorherrschenden geschlechterpolitischen Paradigma innerhalb der zweiten Welle der Frauenbewegung, Aspekte dieses Paradigmas wurden in unterschiedlichen Ausprägungen auch in den meisten anderen feministischen Strömungen übernommen und prägen bis heute stark die vorherrschende feministische Theorie und die feministisch inspirierte Geschlechterpolitik. Obwohl der klassische Radikalfeminismus und der postmoderne Gender-Feminismus in ideologischer Hinsicht bei vielen Themen zerstritten sind, beruhen sie doch beide wesentlich auf dem genannten einseitigen geschlechterpolitischen Paradigma. Aus Sicht linker Männerrechtler ist das Paradigma des Radikalfeminismus nicht nur einseitig und wissenschaftlich unhaltbar, sondern auch reaktionär und steht im Widerspruch zu klassisch-linken Werten und Prinzipien. Es untergräbt den klassisch-linken moralischen Universalismus, führt dazu, dass reale Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind, aus dem Blickfeld geraten, und begünstigt eine Spaltung der Solidarität innerhalb der lohnabhängigen und erwerbslosen Teile der Bevölkerung, indem Frauen und Männer gegeneinander gestellt werden, was nur den ökonomischen und politischen Herrschaftseliten nutzen kann. 561 Vgl. hierzu die kritische Analyse aus liberal-feministischer Perspektive von Wendy McElroy in: Wendy McElroy: Sexual Correctness. The Gender-Feminist Attack on Women, McFarland & Company Inc, 2001, S. 3 – 16. Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 450 Mit Etablierung des Paradigmas des Radikalfeminismus als vorherrschender feministischer Strömung, gerieten integral-antisexistische Tendenzen bei größeren Teilen der zweiten und dritten Welle der Frauenbewegung in Vergessenheit. Wieder aufgegriffen wurden integral-antisexistische Bestrebungen innerhalb der Frauenbewegung jedoch ab den 90er-Jahren, diesmal jedoch schwerpunktmäßig von einigen Vertreterinnen des liberalen Feminismus.562 In einer Reihe wegweisender Bücher563 und Artikel zeigten liberal-feministische Autorinnen, u.a. Christina Hoff Sommers, Cathy Young, Daphne Patai und Wendy McElroy auf, dass viele radikalfeministische und gender-feministische Behauptungen wissenschaftlich nicht haltbar sind, und setzten sich für einen zeitgemäßen Feminismus ein, der eine integral-antisexistische Perspektive einnimmt und auch männliche Diskriminierungen anerkennt. Im angloamerikanischen Raum wird diese liberalfeministische Strömung auch als Equity-Feminismus bezeichnet. Im europäischen Raum vertritt die französische liberale Feministin Elisabeth Badinter seit der Jahrtausendwende eine ähnliche Position.564 1993 begründete der Sozialwissenschaftler Warren Farrell mit dem Buch „The Myth of Male Power“565 den linken Maskulismus als geschlechterphilosophische und geschlechterpolitische Strömung. Von Anfang an vertrat er dabei eine integral-antisexistische Sicht. Farrell schrieb: 562 Es ist ein interessantes Phänomen, dass integral-antisexistische Tendenzen während der ersten Welle der Frauenbewegung eher im linken (sozialistischen) Flügel der Frauenbewegung beheimatet waren, während sie aktuell eher im liberalen Flügel der Frauenbewegung zu finden sind. Wünschenswert fände ich es natürlich, dass sowohl linke als auch liberale Feministinnen sich eine solche ganzheitliche geschlechterpolitische Perspektive zu Eigen machen, (ebenso natürlich wie sowohl linke als auch liberale Männerrechtler dies m.E. tun sollten). 563 Vgl. hierzu unter.anderem: Hoff Sommers, Christina: Who Stole Feminism? How Women Have betrayed Women, Simon & Schuster, 1994; Young, Cathy: Ceasefire. Why Women And Men Must Join Foces To Achieve True Equality, The Free Press, 1999; Patai, Daphne: Heterophobia: Sexual Harassment and the Future of Feminism, Rowman & Littlefield, 2000; McElroy, Wendy: Sexual Correctness. The Gender-Feminist Attack on Women, McFarland & Company Inc, 2001. 564 Vgl. Badinter, Elisabeth: Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer, Ullstein, 2004 565 Vgl. Farrell, Warren: The Myth of Male Power, Berkley Trade, 1993, (dt.: Farrell, Warren: Mythos Männermacht, Zweitausendeins, 1995). Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 451 „Ich bin Männerrechtler (oder Maskulist), wenn Männerrechte und Männerbefreiung mit gleichen Chancen und gleicher Verantwortung für beide Geschlechter definiert werden. Ich bin ein Frauenrechtler, wenn Feminismus gleiche Chancen und Verantwortung für beide Geschlechter propagiert. Ich stehe im Widerspruch zu beiden Bewegungen, wenn eine sagt, unser Geschlecht ist das unterdrückte Geschlecht, deswegen „haben wir Anspruch auf bestimmte Vorrechte“. Das ist nicht die Befreiung, sondern die Machtergreifung eines Geschlechtes. Schließlich bin ich weder für eine Frauenbewegung noch für eine Männerbewegung, sondern dafür, dass sich die Geschlechterrollen verändern. Trotzdem bin ich dagegen, die Männerbewegung zu überspringen, solange nicht auch Männer ihre Sicht formuliert haben. Dann erst werden wir bereit sein für eine Synthese.“566 Warren Farrell entwickelte das für den linken Maskulismus wichtige Konzept einer bisexistischen Rollenverteilung, die beide Geschlechter diskriminiert, und er widerlegte auf Grundlage einer Vielzahl von sozialwissenschaftlichen und psychologischen Forschungsergebnissen den Mythos von Männern als privilegierter Klasse. Dieser Ansatz erwies sich als äußert konstruktiv und ergiebig. Weitere lesenswerte Bücher sowohl von Warren Farrell als auch von anderen linken Männerrechtlern folgten. Meine eigenen männerrechtlichen Bücher haben sich zur Aufgabe genommen, die links-maskulistische Tradition im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen und weiterzuentwickeln. In jedem meiner zentralen männerrechtlichen Bücher567 bekannte ich mich dabei unmissverständlich zu jenem Leitbild meiner geschlechterphilosophischen und geschlechterpolitischen Auffassungen, für die mein Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ schließlich den Begriff Integraler Antisexismus prägte.568 Besonders erwähnenswert unter den lesenswerten Büchern, die wichtige Beiträge zu diesem Integralen Antisexismus leisten, sind das bahnbrechende Werk des Soziologen Christoph Kucklick „Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie“,569 das sich 566 Vgl. Farrell, Warren: Mythos Männermacht, Zweitausendeins, 1995, S. 29. 567 Vgl. Hoffmann, Arne: Sind Frauen bessere Menschen, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2001, S. 556 f.; Hoffmann, Arne: Männerbeben, Lichtschlag, 2007, S. 72 f & S. 256., Hoffmann, Arne: Plädoyer für eine linke Männerpolitik, 2014, S. 7 & S. 12. 568 Hoffmann, Arne: Plädoyer für eine linke Männerpolitik, 2014, S. 7 & S. 12 569 Kucklick, Christoph: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie, Suhrkamp, S. 2008. Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 452 aus integral-antisexistischer Perspektive mit der kritischen Analyse negativer Männlichkeitsbilder und deren gesellschaftlichen Funktionen in historischer Hinsicht beschäftigt, sowie das Buch des Analytischen Philosophen David Benatar „The Second Sexism. Discrimination Against Men and Boys“570, das moralphilosophisch begründet, warum Diskriminierungen, die Jungen und Männer treffen, genauso ernst genommen werden sollten wie Diskriminierungen, von denen Mädchen und Frauen betroffen sind. Benatar erläutert seine Erforschung des „zweiten Sexismus“ – also jenes Sexismus, der Jungen und Männer trifft – folgendermaßen: „Es sollte klar sein, dass ich die Geschlechterrollen nicht konservativ betrachte. Während es im Schnitt durchaus Unterschiede in einigen psychologischen Merkmalen zwischen den Geschlechtern geben kann, denke ich nicht, dass diese unterschiedliche Behandlung der Geschlechter insgesamt rechtfertigen, die Gender-Rollen-Konservative unterstützen. Da ich der Meinung bin, dass der zweite Sexismus zusammen mit dem allgemein anerkannten Sexismus bekämpft werden sollte, plädiere ich für Veränderungen – Dinge anders zu machen als sie historisch gesehen gemacht wurden. Außerdem ist die Änderung, die ich empfehle, ziemlich radikal.“571 All diese skizzierten Konzepte bieten einen fruchtbaren Untergrund, auf dem antisexistische Maskulisten (oder meinethalben Maskulist*innen) ebenso wie antisexistische Feministen (Feminist*innen) eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zur Reife bringen können, bis sie reiche Frucht trägt. 570 Benatar, David: The Second Sexism. Discrimination Against Men and Boys, Wiley-Blackwell, 2012. 571 Benatar, David: The Second Sexism. Discrimination Against Men and Boys, Wiley-Blackwell, 2012, S. 16. Anhang Integraler Antisexismus – ideengeschichtliche Aspekte 453

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References

Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.