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Arne Hoffmann, Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? in:

Arne Hoffmann (Ed.)

Gleichberechtigung beginnt zu zweit, page 41 - 86

Können Feminismus und Maskulismus für eine ganzheitliche Geschlechterpolitik zusammenwirken?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4330-1, ISBN online: 978-3-8288-7277-6, https://doi.org/10.5771/9783828872776-41

Tectum, Baden-Baden
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Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? Arne Hoffmann „Gesellschaftliche Veränderungen lassen sich nicht im Kampf von Frauen gegen Männer, sondern nur miteinander erreichen. Wer Frauen gegen Männer ausspielt, festigt überholte Bilder von Mann und Frau.“ Der Leipziger Sexualwissenschaftler Kurt Starke im „Neuen Deutschland“77 „Der Radikale des einen Jahrhunderts ist der Konservative des nächsten.“ Mark Twain Als ich auf der Frankfurter Buchmesse 2017 einen großen Publikumsverlag fragte, ob ich dort ein Buch herausbringen könne, das sich mit dem Feminismus auseinandersetzt, wurde das sehr kritisch beurteilt – aber aus anderen Gründen als erwartet: „Wir haben das im Lektorat besprochen und fanden eigentlich alle, dass Feminismus heute nur noch nervt“, erklärte mir die junge Lektorin. „Und wir glauben, dass der Großteil der Bevölkerung das genauso sieht. Das war ein Thema der älteren Generation. Heute ist es eigentlich durch.“ Diese Reaktion überrascht zu Zeiten, wo der Feminismus in den Leitmedien sehr präsent ist, zuletzt etwa bei der #MeToo-Kampagne gegen Sexismus und sexuelle Übergriffe. Das heißt aber nur, dass Feminismus bei Journalisten noch ein beliebtes Thema ist – was nicht überrascht, nachdem die Parteipräferenz der meisten Journalisten, die überhaupt eine Partei bevorzugen, bei den Grünen liegt.78 Aber ein ähnlicher Erfolg beim Leser bleibt aus: Das Stern-Magazin etwa, des- 77 Vgl. Starke, Kurt: Gegen den männerfeindlichen Anstrich: In: Neues Deutschland vom 29.11.2017, online unter https://www.neues-deutschland.de/artikel/1071588. metoo-debatte-ueber-sexismus-gegen-den-maennerfeindlichen-anstrich.html. 78 Vgl. beispielsweise N.N.: Jeder dritte Journalist liebäugelt mit den Grünen. Online seit dem 29.10.2012 unter https://meedia.de/2012/10/29/jeder-dritte-journalist-liebaugelt-mit-grunen. 41 sen Titelgeschichte sich mit dem Thema Sexismus beschäftigte, sorgte für einen historischen Minus-Rekord, was die Käufer der Ausgabe am Kiosk anging.79 Die Schauspielerin Emma Watson erklärte schon vor ein paar Jahren in einer Rede vor den Vereinten Nationen, sie habe zum Thema Feminismus recherchiert und festgestellt, dass er vor allem mit Männerhass gleichgesetzt werde. Autoren feministischer Artikel erwähnen dieses Problem immer wieder. Auf dem angelsächsischen Buchmarkt erklären derweil Veröffentlichungen wie Ella Whelans „What Women Want. Fun, Freedom and an End to Feminism“ (Connor Court 2017) und Joanna Williams „Women vs. Feminism. Why We All Need Liberating from the Gender Wars“ (Emerald 2017), warum der gegenwärtige Stand des Feminismus nicht zuletzt Frauen schade. Das Buch „The F-Bomb“ (Benbella 2018) der Feministin Lauren McKeon beschäftigt sich damit, warum sich Frauen scharenweise vom Feminismus abwenden. Infolgedessen stellt das Buch „Daughters of Feminism“ (Take2- Now 2018) 30 Frauen vor, die sich von einer gynozentrischen Sicht aus aufgemacht haben zu einer „Gender Balance“, bei der die Anliegen von Männern als ebenso legitim angesehen werden wie die Anliegen von Frauen. Ihre eigene Sicht fasst die Journalistin Annett Meiritz in dem Artikel „Warum ich keine Feministin sein will“ auf Spiegel-Online so zusammen: „Leider wirkt der moderne Feminismus zunehmend wie eine Bewegung, die nicht überzeugen, sondern mit dem Vorschlaghammer bekehren will. (…) Das Ergebnis vieler Diskussionen über Männer und Frauen scheint von vornherein fest zu stehen: im Zweifel für die Frau. Wer eine Gegenrede wagt, ist automatisch ein Gegner des Feminismus, ein Gegner aller Frauen. (…) Im Alltag führt das zu einer Tabuisierung bestimmter Meinungen, so harmlos sie auch sein mögen. (…) Es gibt dann richtig und falsch, und viel zu wenig Raum für alles, was dazwischen liegt. (…) Feministinnen, die ständig 79 Vgl. Schröder, Jens: Stern fällt mit Sexismus-Titel auf neuen historischen Kiosk- Minusrekord, auch Focus und Spiegel unter Soll. Online seit dem 12.12.2017 unter http://meedia.de/2017/12/12/stern-faellt-mit-sexismus-titel-auf-neuen-historischen-kiosk-minusrekord-auch-focus-und-stern-unter-soll. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 42 und überall den ‚Kampf gegen die Maskus‘ ausrufen – dazu möchte ich nicht gehören.“80 Selbst jemand wie Donald Trump konnte seiner Gegnerin Hillary Clinton bei der Wahl zum US-Präsidenten den Rang ablaufen. Seine Selbstinszenierung war erfolgreicher als Clintons Behauptung, unsere Gesellschaft führe einen „Krieg gegen die Frauen“. Nachdem Clinton eine dezidiert feministische Kampagne geführt hatte, stimmten 53 Prozent der weißen Frauen für Trump. Feministinnen reagierten darauf mit der These, all diese Frauen seien offenbar von einer „internalisierten Frauenfeindlichkeit“ beherrscht, also von ihren patriarchalen Unterdrückern praktisch gehirngewaschen.81 So an das Problem heranzugehen könnte Trump eine zweite Amtszeit sichern. Zumindest hilft diese Abwertung von Andersdenkenden nicht, in den USA eine Situation zu überwinden, wo sich große Teile der Bevölkerung geradezu wütend gegenüberstehen und konstruktive Kommunikation zwischen den Lagern kaum noch möglich erscheint – eine gesellschaftliche Spaltung, die auch hierzulande immer stärker wird. Vielleicht sollte man stattdessen Konzepte entwickeln, um diese Situation zu überwinden, die einen Donald Trump zum Präsidenten gemacht hat. Das neue Denken in der Krise Einen solchen Ansatz versucht der US-amerikanische Philosoph Ken Wilber, der unter anderem an Theorien des deutschen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas anknüpft82, in seinem Buch „Trump and a Post-Truth World“ (Boulder 2017). Grundlage dieses Buches ist 80 Vgl. Meiritz, Annett: „Warum ich keine Feministin sein will“. Spiegel-Online vom 19.12.2014, online unter http://www.spiegel.de/politik/deutschland/feminismuswarum-aggressivitaet-nicht-funktioniert-a-1008804.html. 81 Vgl. ausführlicher zu den Deutungsversuchen von Trumps Sieg im feministischen Lager Whelan, Ella: What Women Want. Fun, Freedom and an End to Feminism. Connor Court 2017, S. 77-80. 82 Zum Einfluss von Jürgen Habermas auf das Denken von Ken Wilber vgl.: Wilber, Ken: Das Wahre, Schöne, Gute. Geist und Kultur im 3. Jahrtausend, Fischer Verlag, 2002, S. 118 sowie Visser, Frank: Ken Wilber – Denker aus Passion. Eine Zusammenschau, Via Nova Verlag, 2002, S. 137 f.. Das neue Denken in der Krise 43 Wilbers entwicklungspsychologisch fundierte Theorie kultureller Evolution. Wilber macht die Stufen in diesem Modell leicht unterscheidbar, indem er ihnen die Namen von Farben gibt. So herrschte beispielsweise im Mittelalter und den Jahrhunderten danach „Purpur“, eine Ebene, die sich auszeichnete durch Aspekte wie „konformistisch“, „mythisch“, „Recht und Ordnung“, „Zugehörigkeit“, „traditionell“, „ethnozentrisch“, „militaristisch“, „patriarchal“ und „homophob“. Im Zeitalter der Moderne, also beginnend im 18. Jahrhundert, setzte sich Wilber zufolge eine Geisteshaltung durch, die er als „Orange“ kenntlich macht. Dieses Denken war geprägt durch Werte wie „Verstand“, „Leistung“, „Profit“ und „Fortschritt“. Aus heutiger Perspektive mag man die Nase rümpfen und vor allem an Kolonialismus, Ausbeutung und Raubtierkapitalismus denken, aber im historischen Gesamtblick war es ein evolutionärer Schritt nach vorne: Beispielsweise wurde in den sich zunehmend modernisierenden Kulturen die Sklaverei abgeschafft, die menschliche Lebenserwartung erhöhte sich deutlich, und es gab immer neue wegweisende Erfindungen, die es schließlich sogar erlaubten, dass ein Mensch den Mond betrat. In unserer Gegenwart, manchmal als Postmoderne bezeichnet, hat in Wilbers Lesart die Bewusstseinsstufe „Grün“ an Einfluss gewonnen. Zu ihr gehören Aspekte wie „Selbstverwirklichung“, „Gleichheit“, „Pluralismus“, „Diversität“ und „Inklusion“. Zu den positiven Aspekten dieser Stufe gehörten die Bürgerrechtsbewegung(en), die Umweltschutzbewegung, die Frauenbewegung und die Orientierung an einer Politik der Nachhaltigkeit. Der Einzelne ist heute ebenso wichtig wie ein umfassender Blick auf die gesamte Welt. Viele, die auf dieser Stufe leben, dürften ganz automatisch davon ausgehen, dass damit die höchste Bewusstseinsstufe erreicht ist – was sie zuletzt dadurch deutlich machen, dass Menschen, die diese Bewusstseinsstufe hinterfragen, allesamt als reaktionäre Dumpfbacken, zum Beispiel „Antifeministen“, abgekanzelt werden. Sie ernten den Vorwurf, auf vorherige Stufen zurückzugehen oder dort verbleiben zu wollen. Tatsächlich gibt es in diesem Modell, da sich der von Wilber geschilderte Evolutionsprozess nicht nur auf globaler, sondern auch auf individueller Ebene abspielt, in jedem Zeitalter auch Menschen, die einer anderen Bewusstseinsstufe zugehören. Ohne Frage gibt es auch heute noch viele Rassisten, Sexisten und Fundamentalisten. Diese Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 44 Menschen sind aber nicht die einzigen, die Kritik an jener Weltsicht der Stufe „Grün“ äußern, die zum Teil in Politik und Medien herrscht. Manche hinterfragen die kulturell dominierende Weltsicht auch, weil sie den nächsthöheren Gipfel erreichen möchten. Auch ihnen wird häufig vorschnell vorgeworfen, tief unten im Tal steckengeblieben zu sein. Wenn man den eigenen Gipfel für den höchsten hält, während andere Menschen dort nicht bleiben möchten, scheint das für viele die einzig denkbare Deutung der Abweichler zu sein. Wilber selbst spricht davon, dass die kulturelle Herrschaft von „Grün“ inzwischen zusammengebrochen sei, was durch den Wahlsieg Donald Trumps nur besonders deutlich geworden sei. Anzeichen für diesen Zusammenbruch ist Wilber zufolge das Umkippen der ursprünglichen egalitären und gemeinschaftlichen Orientierung von „Grün“ in eine von Narzissmus infizierte Weltsicht. Beispielhaft erwähnt er die Kultur der Selfies, der Filterbubbles und der dazugehörigen Fake News im Internet, aber auch Dinge, die sich vor allem im akademischen Sektor der USA und Großbritanniens abspielen: An einer Universität etwa gab es einen Sitzstreik, weil ein Dozent Klausuren hinsichtlich Rechtschreibung und Grammatik benotet hatte und damit eine „Kultur der Furcht“ befördert habe. Bei einer feministischen Versammlung setzte eine Teilnehmerin durch, dass nicht mehr applaudiert werden durfte, weil der laute Beifall bei ihr Angst auslöse. (An der Universität Manchester wurde das Klatschen inzwischen komplett untersagt, weil es Angst auslösen könnte.83) Weltbekannte Stand-up-Comedians wie Chris Rock und Jerry Seinfeld treten an Colleges nicht mehr auf, weil sich irgendjemand durch einen ihrer Witze immer gekränkt, ausgegrenzt und beleidigt fühlt.84 Das sind nur einzelne Schlaglichter – über derartige Entwicklungen, die auch Wilber als „madness“ bezeichnet, berichte ich seit Jahren mit fast täglich neuen Beispielen in meinem Blog Genderama. Natürlich hat mir das bei den überzeugtesten Predigern des „grünen“ Lager den Ruf des frauenfeindlichen Antifeministen eingebracht. Viele andere, die mit der aktuellen Situation unzufrieden sind, werden mit ähnlichen Diffamierungen 83 Vgl. eine Meldung der britischen BBC unter https://twitter.com/BBCNWT/status/ 1046729798519848960. 84 Näheres dazu siehe unter Flanagan, Caitlin: That’s Not Funny! In: The Atlantic vom September 2015, online unter https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2015 /09/thats-not-funny/399335/. Das neue Denken in der Krise 45 belegt.85 Hier liegt, um mit Wilbers Skala zu sprechen, „Grün“ durchmischt mit einem ordentlichen Schuss „Purpur“ vor: Ausgrenzung und Fundamentalismus. Womöglich funktionieren die Diskursstrategien einer übertriebenen Politischen Korrektheit86 deshalb so gut, weil sie dazu neigen, bei vielen Menschen urtümliche psychologische Mechanismen zu aktivieren, die noch aus dieser „Purpur“-Ebene stammen – oder aus noch früheren Zeiten: den Zeiten, als Menschen in kleinen Stämmen zusammen lebten. Die Argumentationsstrategien der Politischen Korrektheit dürften bei vielen Menschen eine archaische Angst vor Ausschluss aus dem eigenen Stamm aktivieren. Wir leben zwar heute nicht mehr in kleinen Stämmen und sind nicht mehr auf deren Kooperation angewiesen, aber die entsprechenden Mechanismen existieren noch. Deshalb empfinden viele Menschen irrationale Angst, wenn ihnen durch die Rhetorik der Politischen Korrektheit – auch wenn diese weitgehend argumentfrei erfolgt – symbolisch der Ausschluss aus der Gemeinschaft angedroht wird. Der deutsche Philosoph, Soziologe und frühe Kritiker jeder Form von Politischer Korrektheit Theodor W. Adorno hat vermutlich an etwas Ähnliches gedacht, als er die negativen Auswirkungen argumentfreier politisch korrekter Diskursstrategien (die freilich in allen politischen Lagern in spezifischen Varianten auftreten) einmal folgendermaßen kritisch analysierte: 85 Solche Zustände an Universitäten stellen das Gegenteil jenes Ideals eines durch Dogmen unbehinderten akademischen Forschens und Lernens dar, dessen Bedeutung der französische Philosoph Jacques Derrida mit folgenden Worten hervorhob. „Der Titel dieses Vortrags (‚Die unbedingte Universität‘) bringt zunächst zum Ausdruck, dass die moderne Universität eine unbedingte, dass sie bedingungslos, von jeder einschränkenden Bedingung frei sein sollte. (…) Was diese Universität beansprucht, ja erfordert und prinzipiell genießen sollte, ist über die sogenannte akademische Freiheit hinaus eine unbedingte Freiheit der Frage und Äußerung, mehr noch: das Recht, öffentlich auszusprechen, was immer es im Interesse eines auf Wahrheit gerichteten Forschens, Wissens und Fragens zu sagen gilt. (…) Die Universität müsste also der Ort sein, an dem nichts außer Frage steht (…).“ Vgl. Derrida, Jacques: Die unbedingte Universität, Suhrkamp, 2018, S. 9-14. 86 Zur Entstehung der politischen Korrektheit in den USA siehe das wissenschaftliche Standardwerk des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt: Hildebrandt, Mathias: Multikulturalismus und Political Correctness in den USA, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 46 „Nicht wenige Fragen gibt es, über die ihre wahre Ansicht zu sagen fast alle mit Rücksicht auf die Folgen sich selbst verbieten. Rasch verselbständigt sich eine solche Rücksicht zu einer inneren Selbstzensurinstanz, die schließlich nicht nur die Äußerung unbequemer Gedanken, sondern diese selbst verhindert.“87 An anderer Stelle führt Adorno aus: „Das Überich, die Gewissensinstanz, stellt nicht allein dem einzelnen das gesellschaftlich Verpönte als das An-Sich-Böse vor Augen, sondern verschmilzt irrational die alte Angst vor der physischen Vernichtung mit der weit späteren, dem gesellschaftlichen Verband nicht mehr anzugehören, der anstatt der Natur die Menschen umgreift.“88 Viele andere Linke, die ich kenne, bezeichnen sich wegen der oben skizzierten Entwicklungen inzwischen als ehemalige Linke oder Linke in der inneren Emigration. Tatsächlich besteht die aktuelle Herausforderung darin, die geschilderten totalitären Mechanismen zu überwinden, ohne ähnlich unschöner Rhetorik aus dem rechten Lager anheim zu fallen.89 Auch dazu, diese Herausforderung zu bestehen, soll dieses Buch beitragen.90 Ein weiteres Problem des narzisstischen Kollapses von „Grün“ ist, dass damit die Unterstützer eines Mannes wie Donald Trump die Oberhand gewinnen. Häufig fühlen sich diese Menschen als Verteidiger des „gesunden Menschenverstandes“, die aber von einer abgehobenen Elite unten gehalten werden. Wenn also Hillary Clinton die Trump- Anhänger und damit fast die Hälfte des Landes als „basket of deplorables“ (soviel wie: „beklagenswerter Haufen“) herabsetzte, war das der sicherste Weg, diese Menschen derart fuchsig zu machen, dass sie, obwohl den meisten von ihnen Trumps Fehler bewusst waren, diesen Mann erst Recht ins Weiße Haus wählten. 87 Vgl. Adorno, Theodor: Auf die Frage: Was ist deutsch. In: Gesammelte Schriften Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft II. Eingriffe. Stichworte., Suhrkamp, 2003, S. 692. 88 Vgl. Adorno, Theodor: Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie. In: Gesammelte Schriften Band 8: Soziologische Schriften, Suhrkamp, 2003, S. 47. 89 Wie etwa bei der AfD, die sich gerne als Vorkämpfer für die Meinungsfreiheit inszeniert, selbst längst ein rechte Form des autoritären Meinungsdrucks entstanden ist, schildert Franziska Schreiber in ihrem Buch „Inside AfD“ (Europa 2018). 90 Im Folgenden sei auf zwei interessante Werke zur Kritik der Politischen Korrektheit von linken Autoren, geschrieben aus linker Perspektive, hingewiesen: Michaels, Walter Benn: The Trouble with Diversity. How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality, Picador Verlag, 2016; Pfaller, Robert: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur, Fischer Verlag, 2017. Das neue Denken in der Krise 47 Wenn sich die Strategie des „grünen“, also auch des feministischen Lagers nicht ändert, wenn es weiter auf Herabsetzung und Ausgrenzung statt auf Gespräche setzt, wird das nicht nur für Trump eine zweite Amtszeit bedeuten, sondern jeden stärken, der sich auf Trumps Bewusstseinsebene befindet: auch entsprechende deutsche Politiker und Parteien. Und Menschen, die eigentlich eine höhere statt eine niedrigere Ebene anpeilen, können lediglich verzweifelt dabei zusehen – während sie sich von der einseitigen und extremen Variante von „Grün“ in Sippenhaft nehmen und mindestens als Reaktionäre beschimpfen lassen müssen. Wilber erläutert nun, wie „Grün“ seine derzeitige Krise überwinden könne: „Nur mit einem fundamental mitfühlenden Kontakt“ zu Menschen mit anderen Auffassungen, der von „echtem Wohlwollen statt tiefsitzender Verachtung“ geprägt sei, könne Grün die gesellschaftliche Führung wieder übernehmen.91 Einer der Gründe, warum die Vertreter des „grünen“ Denkens damit große Probleme haben, so Wilber, ist, dass sie Menschen mit abweichenden Auffassungen als Unterdrücker wahrnehmen: „Grün wird sich zum Beispiel die Weltgeschichte anschauen und überall, wo es eine Gesellschaft mit einem deutlichen Mangel an grünen Werten findet, nimmt es an, dass diese Werte naturgegeben vorhanden wären, wenn sie nicht von der herrschenden Ordnung dieser Gesellschaft bösartig unterdrückt würden.“92 Beispielsweise werden Schwarze nur als Opfer der Sklaverei, Weiße hingegen als Täter betrachtet. Wilber widerspricht dieser Sicht auf die Weltgeschichte und argumentiert, dass es der Stand der Bewusstseinsentwicklung ist, der Sklaverei hervorbringt: „Sklaverei wurde zuerst von Schwarzen mit Schwarzen praktiziert, einfach weil deren Lebensraum der Ort war, wo die Menschheit entstanden ist und sich dann überallhin und durch sämtliche ethnischen Gruppen verbreitet hat, beginnend mit den frühesten Stämmen selbst, die, wenn immer sie einander begegneten, Krieg und Versklavung initiiert haben. Das haben sie getan, weil eine höhere Bewusstseinsstufe der Menschheit noch nicht im ausreichenden Ausmaß entstanden war. Die Unfreiheit war also nicht Folge 91 Wilder, Ken: Trump and a Post-Truth World. Boulder 2017, S. 88. 92 Wilder, Ken: Trump and a Post-Truth World. Boulder 2017, S. 59. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 48 einer unterdrückerischen Macht sondern des Fehlens einer höheren Entwicklung.“93 In Wilbers Sichtweise haben alle Menschengruppen das gleiche Potential sich zu den höheren Bewusstseinsstufen zu entwickeln. Alle beginnen ihre kulturelle Evolution aber auf den gleichen niedrigeren Stufen. In diesem Zusammenhang weist Wilber auf Carol Gilligans feministischen Klassiker „In a Different Voice“ hin. Der erste Teil dieses Buches, dem zufolge Frauen und Männer unterschiedliche Konzepte von Moral aufweisen (Männer betonen eher Autonomie, Rechte und Gerechtigkeit, Frauen hingegen eher Beziehungen, Sorge und Verantwortlichkeit), sei von der feministischen Bewegung breit aufgenommen worden. Einen großen Bogen schlugen die meisten Feministinnen aber um den zweiten Teil des Buches, dem zufolge sich auch das weibliche Denken über vier Bewusstseinsstufen hinweg entwickelt habe, beginnend mit einer egozentrischen und ethnozentrischen Stufe.94 Den „weißen Mann“ zum weltgeschichtlichen Sündenbock und Feindbild zu erwählen führt demnach in die Irre. Vermutlich hat Wilber Recht. Auch die beliebte These eines „Frauen unterdrückenden Patriarchats herrschender Männlichkeit“ dürfte mehr ein ideologischer Popanz als sachlicher Analyse geschuldet sein. Die zentralen Denkfehler dieser These hatte der Bürgerrechtler Warren Farrell schon in den neunziger Jahren mit seinem Buch „The Myth of Male Power“ (Berkeley 1993) aufgezeigt. Und der Soziologe Christoph Kucklick konnte in seinem Buch „Das unmoralische Geschlecht: Zur Geburt der Negativen Andrologie“ (Suhrkamp 2008) durch Quellen belegen, dass die diskursive Abwertung von Männern bereits Jahrhunderte alt ist. Wilber bezieht sich bei diesem Thema auf Forschungsergebnisse und Theorien der feministischen Soziologin Janet Chafetz, die diese in ihrem Buch „Sex and Advantage“ (Roman & Allaheld 1984) ausbreitet. Wie Wilbert darlegt, nennt Chafetz ein Dutzend von Faktoren jenseits des Biologischen, die für den „Geschlechterstatus“ von Männern und Frauen in verschiedenen Gesellschaften eine Rolle spielen, so etwa der Entwicklungsstand der Technik in einer Gesellschaft, Umweltgefahren, 93 Wilder, Ken: Trump and a Post-Truth World. Boulder 2017, S. 63. 94 Vgl. Wilber, Ken: Trump and a Post-Truth World. Boulder 2017, S. 64-66. Das neue Denken in der Krise 49 Familienstruktur, Produktionsweisen, Bevölkerungsdichte, Organisation der Arbeit sowie Grad der Trennung zwischen Arbeits- und Wohnstätte. Von all diesen Variablen hänge es (außer von den biologischen Konstanten) ab, wie egalitär eine Gesellschaft sei beziehungsweise wie stark sie „aus Gründen der Zweckmäßigkeit und Effizienz zu einer Beherrschung der öffentlich-produktiven Sphäre durch die Männer“ neige: „Anhand von umfangreichem empirischem Material belegt Chafetz nun, dass ausgewogene Verhältnisse immer dann aus dem Gleichgewicht geraten, wenn bei diesen Variablen starke Schwankungen auftreten, wenn also bedrohliche oder katastrophale Umweltverhältnisse entstehen, wenn es zu Nahrungsknappheit oder Krieg, zu sozialer Bedrohung oder starkem Stress kommt. Dann nämlich wird die Körperkraft und Mobilität der Männer besonders wichtig, und es kommt zu einer drastischen Polarisierung der Geschlechter. Wenn das geschieht, und das ist der entscheidende Punkt, geraten beide Geschlechter unter enormen Druck. Chafetz meint sogar, dass die Männer es in dominant männlichen Gesellschaften schlechter haben als die Frauen, angefangen bei der Tatsache, dass sie allein zur Verteidigung herangezogen werden. Unterdrückung jedenfalls ist als kausale Erklärung in fast jeder Hinsicht ungenügend, schon allein deshalb, weil die Daten etwas ganz anderes sagen. ‚Diese Unterdrückungstheorien‘, sagt Chafetz, ‚fußen auf unscharf definierten Begriffen, die sich häufig nicht operationalisieren lassen, etwa ‚Patriarchat‘ oder ‚weibliche Unterordnung‘ (…). Der Gebrauch solcher emotionsbefrachteter, aber unklarer Begriffe, meist im Zusammenhang eines durchwegs normativen Umgangs mit dem Thema der Ungleichheit der Geschlechter, erzielt ein Maximum an verbalem Aufwand und ein Minimum an klarer Einsicht.“95 Wilbers These, dass die Menschheitsgeschichte nicht sinnvoll als Geschichte der Unterdrückung einer Gruppe durch die andere erzählt werden kann, lässt sich anhand zahlreicher Einzelbeispiele belegen. Ja, es gab eine Welle der „Hexenverbrennung“ im ausgehenden Mittelalter, aber sie traf auch viele männliche Opfer (mancherorts sogar überwiegend Männer).96 Ja, das Frauenwahlrecht ist eine relativ junge Errungenschaft, aber ein großer Teil der männlichen Bevölkerung bekam das 95 Vgl. Wilber, Ken: Eros, Kosmos, Logos. Eine Jahrtausend-Vision, Fischer, 2001, S. 466 f. 96 Vgl. Bechold, Christina: Männer als Opfer der Hexenverfolgung. Didaktische Hausarbeit, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 2007, online unter https://www.historicum.net/themen/hexenforschung/thementexte/unter- Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 50 Wahlrecht erst zur gleichen Zeit wie die Frauen gewährt,97 und Männer setzten sich ebenso früh und engagiert für das Frauenwahlrecht ein wie Frauen.98 Ja, die beschränkte Geschäftsfähigkeit für Frauen wurde in der Bundesrepublik Deutschland erst 1977 aufgehoben – aber umgekehrt blieb auch die männliche Versorgungspflicht, die vom Mann erwartete, seine Ehefrau finanziell zu unterhalten, selbst wenn sie vermögend oder berufstätig war, ebenfalls bis 1977 in Kraft.99 Ja, Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit 1997 strafbar, aber erst im selben Jahr wurden auch Männer als Opfer von Vergewaltigungen juristisch anerkannt.100 Viele Feministinnen glauben heute noch, dass häusliche Gewalt ein Machtinstrument der Männer sei, das die Existenz eines Frauen unterdrückenden Patriarchats beweise. Tatsächlich belegen seit Jahrzehnten hunderte von Studien eine Gleichverteilung der Opfer und Täter bei häuslicher Gewalt zwischen den Geschlechtern,101 und auch bei sexueller Gewalt liegt die Rate der Opfer bei den Geschlechtern sehr viel näher zusammen als viele bislang glaubten.102 Die These vom richtsmaterialien/bechold/. Eine gute Übersicht zu diesem Thema mit weiterführenden Quellenangaben liefert auch das Blog „Maskulismus für Anfänger“ unter http:// maninthmiddle.blogspot.com/p/feministische-falschaussagen.html#hexen. 97 Vgl. Kunz, Gunnar: Was nicht im Geschichtsbuch steht. Online seit dem 17.8.2016 unter https://alternativlos-aquarium.blogspot.com/2016/08/was-nicht-imgeschichtsbuch-steht.html. Weiterführende Quellenangaben siehe dort. 98 Vgl. Lyndon, Neil: Henry Fawcett and the forgotten men of the suffragette movement. Im Telegraph vom 11.4.2017, online unter http://www.telegraph.co.uk/ men/thinking-man/henry-fawcett-forgotten-men-suffragette-movement. 99 Vgl. Kunz, Gunnar: Was nicht im Geschichtsbuch steht. Online seit dem 17.8.2016 unter https://alternativlos-aquarium.blogspot.com/2016/08/was-nicht-im-geschic htsbuch-steht.html. Weiterführende Quellenangaben siehe dort. 100 Vgl. Dörr, Julian: Wir müssen erst lernen, über sexuelle Gewalt zu sprechen. In: Süddeutsche Zeitung vom 8.7.2016, online unter https://www.sueddeutsche.de/ kultur/sexualstrafrecht-wir-muessen-erst-lernen-ueber-sexuelle-gewalt-zu-sprech en-1.3068867. 101 Eine gute Übersicht bietet die Website https://frauengewalt.wordpress.com. 102 Vgl. hierzu beispielsweise Stemple, Lara und Meyer, Ilan: The sexual victimization of men in America: new data challenge old assumptions. In: Am J Public Health, Vol. 104, Nr. 6/2014, S. e19–e26. Online unter https://www.ncbi.nlm.nih. gov/pmc/articles/PMC4062022 sowie Stemple, Lara und andere: Sexual Victimization Perpetrated by Women: Federal Data Reveal Surprising Prevalence. In: Aggression and Violent Behavior vom 11. Januar 2016, online unter https://www. researchgate.net/publication/308844135_Sexual_Victimization_Perpetrated_by_ Das neue Denken in der Krise 51 Unterdrückergeschlecht Mann lässt sich bei sachlicher Betrachtung nicht aufrechterhalten.103 Speziell im Bereich der Genderstudien, derzeit primär eine Hilfswissenschaft bezüglich der feministischen Weltsicht, existieren hier indes schwere Mankos. So erklärte der in diesem Fachbereich tätige Forscher Professor Stefan Hirschauer in einer Talkrunde des SWR: „Man kann das wissen aus der kriminologischen Forschung, dass bei den unter-27jährigen in Europa es fast ebenso viele junge Männer wie Frauen sind, die schon einmal Opfer sexueller Übergriffe gewesen sind, inklusive Drohung und Einsatz körperlicher Gewalt, inklusive sexueller Ausnutzung von Widerstandsunfähigkeit. Man weiß das seit Jahren. In den Gender Studies würden Sie das nie erfahren. Und die Thematisierung dieses Umstands würde unter politischen Verdacht geraten. Für diese Dinge muss man Forschungen außerhalb der Gender Studies aufsuchen. Das finde ich außerordentlich bedauerlich.“104 Ich meldete daraufhin Professor Hirschauer zurück, wie begeistert ich über sein Aufbrechen der sexistischen Einseitigkeit in den Genderstudien war – allerdings nur um von ihm in seinen ressentimentgeladenen Antworten herablassend belehrt zu werden: Männer litten im historischen Rückblick lediglich unter Wehleidigkeit, auf die sie ebenso Women_Federal_Data_Reveal_Surprising_Prevalence sowie Stemple, Lara: Sexual Victimization by Women Is More Common Than Previously Known. In: Scientific American vom 10.10.2017. Online unter h t t p s : / / w w w . scientificamerican.com/article/sexual-victimization-by-women-is-more-common-thanpreviously-known sowie Salcuni, Erica: Rape Happens Almost Just as Often to Men. Online seit dem 30.4.2014 unter http://guardianlv.com/2014/04/rapehappens-almost-just-as-often-to-men sowie Schleim, Stephan: Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern. Online seit dem 13.10.2016 unter https://www.heise.de/tp/features/Sexue lle-Gewalt-Neue-Studien-belegen-geringe-Unterschiede-zwischen-maennlichenund-weiblichen-Opfern-3347411.html. 103 Vgl. hierzu ausführlich: Hoffmann, Arne: Plädoyer für eine linke Männerpolitik. CreateSpace 2014. 104 Vgl. die Sendung „Das akademische Geschlecht – Wie ideologisch ist die Genderforschung?“, in der Reihe SWR2-Forum, ausgestralt am 5. Oktober 2018, online als Podcast unter https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/ swr2-forum-das-akademische-geschlecht/-/id=660214/did=22300912/ n i d = 6 6 0 214/1qi700u/index.html. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 52 wenig ein Recht besäßen wie Deutsche nach dem Holocaust. Hier verböte sich jegliche weitere Diskussion.105 Was das von Hirschauer gezeigte Denken angeht, spricht Dr. John Barry, Mitbegründer des Netzwerks für männliche Psychologie der British Psychological Society, von „einer Art kognitiven Verzerrung, bei der Beispiele männlicher Privilegien vergrößert werden und weibliche Privilegien ignoriert oder wegerklärt werden. Tatsächlich haben jüngste Erkenntnisse ergeben, dass Männer in vielen Ländern weltweit benachteiligt sind, insbesondere in Ländern mit mittlerem bis hohem Entwicklungsstand.“106 Der Fehler, der Hirschauer und anderen Genderforschern hier unterläuft, wird in der Psychologie inzwischen als ‚Gamma Bias‘ bezeichnet. Das lässt sich veranschaulichen, indem man das Denken bei diesem Thema in verschiedene Zellen unterteilt, wie es die Psychologen Martin Seager und John Barry tun: „So werden beispielsweise innerhalb der Zelle ‚Feier‘ die positiven Leistungen von Frauen routinemäßig als Geschlechterfrage gefeiert. Innerhalb derselben Zelle in der Tabelle werden die positiven Handlungen und Leistungen 105 Mail von Professor Stefan Hirschauer vom 7. Oktober 2018. Allerdings erklärte Hirschauer in unserem Mailwechsel kurz zuvor, er betrachte Männerrechtler als Sonderform von Menschenrechtlern als unproblematisch. Meines Erachtens ging es ihm insofern vor allem darum, im historischen Rückblick die These vom Patriarchat zu schützen – ein zentrales Dogma in der vorherrschenden feministischen Ideologie, die gerne suggeriert, dass erst der Feminismus den Mann zu einem sozial akzeptablen Wesen gemacht habe: eine Mischung aus Größenphantasie und Sexismus. Die Frage, warum sich erwachsene Männer einem derart narzisstischen Entwertungs-Diskurs unterwerfen, lässt sich wohl nur auf psychologischer Ebene beantworten. (Siehe zum Mythos vom „Patriarchat“ und seiner politischen Instrumentalisierung auch den Beitrag des Soziologen Ingbert Jüdt in der vorliegenden Anthologie.) 106 Vgl. Barry, John: Is there an alternative to the new APA guidelines for working with men and boys? Online seit dem 10.1. 2019 unter https://malepsychology.org. uk/2019/01/10/is-there-an-alternative-to-the-new-apa-guidelines-for-workingwith-men-and-boys. Vgl. zu der Erkenntnis, dass in vielen Ländern nicht Frauen, sondern Männer benachteiligt sind, Stoet, Gijsbert und Geary, David: A simplified approach to measuring national gender inequality, online seit dem 3.1.2019 unter https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0205349. Vgl. zu dem Begriff „Gamma Bias“ Seager, Martin und Barry, John: Can we discuss gender issues rationally? Yes, if we can stop gamma bias. Online seit dem 4.12.2018 unter https://malepsychology.org.uk/2018/12/04/why-are-there-somany-disagreements-about-gender-issues-its-usually-down-to-gamma-bias. Das neue Denken in der Krise 53 der Männer aber nicht ähnlich gefeiert oder geschlechtsspezifisch behandelt. Als zum Beispiel eine Gruppe von Jungen kürzlich aus gefährlichen Unterwasserhöhlen in Thailand gerettet wurde, wurde sie nicht als Geschlechterthema oder als positives Beispiel für Männlichkeit gemeldet, obwohl alle Retter männlich waren. In der Zelle ‚Opferrolle‘ wird beispielsweise häusliche Gewalt gegen Frauen als Geschlechterproblem hervorgehoben, während häusliche Gewalt gegen Männer trotz der großen Zahl männlicher Opfer heruntergespielt oder völlig ignoriert wird. Wenn Männer die Mehrheit der Opfer ausmachen (z.B. Selbstmord, Schlaflosigkeit, Todesfälle am Arbeitsplatz, Sucht), werden die Themen nicht hervorgehoben oder als Geschlechterfragen dargestellt. Innerhalb der Zelle ‚Privileg‘ werden männliche Privilegien in unseren Medien und unserer Politik als ‚Patriarchat‘ vergrößert, während weibliche Privilegien (z.B. in Bezug auf Kinder und Familienleben) als Geschlechterfragen heruntergespielt oder ignoriert werden. Die Gesamtauswirkung der Gamma-Bias ist daher nach dieser Hypothese, dass die Männlichkeit so gestaltet wird, dass sie deutlich schlechter aussieht, als sie wirklich ist, während gleichzeitig die Weiblichkeit so gestaltet wird, dass sie deutlich besser aussieht, als sie wirklich ist. Welche Auswirkungen hat die routinemäßige Vergrößerung der schlimmsten Männer und die Minimierung der schlimmsten Frauen? Nun, zunächst einmal müssen wir die ‚Krise der Männlichkeit‘ als Krise in unserer Einstellung zu Männern und Männlichkeit neu begreifen.“107 Die von Hirschauer verteidigten Dogmen erläutern noch besser als der große Wissenschaftsskandal, der die Genderstudien im Jahr 2018 ereilte108, warum dieser Fachbereich von so vielen als skurrile Ideologie statt als sachbezogene Wissenschaft betrachtet wird. Selbst wenn wir 107 Vgl. Seager, Martin und Barry, John: Can we discuss gender issues rationally? Yes, if we can stop gamma bias. Online seit dem 4.12.2018 unter https://malepsychology.org.uk/2018/12/04/why-are-there-so-many-disagreements-about-genderissues-its-usually-down-to-gamma-bias. 108 Mehrere Kritiker hatten Fachjournalen unter anderem aus der Genderszene reihenweise pseudowissenschaftliche Artikel grotesken Inhalts zugeschickt: von einer feministisch umgeschriebenen Passage von Hitlers „Mein Kampf “ über den Vorschlag, die „sexistische“ Astronomie durch eine genderfeministische Astrologie abzulösen, bis zu den Forderungen, männliche Studenten während des Unterrichts in Ketten zu halten sowie Männer wie Hunde zu dressieren, damit sie nicht zu Vergewaltigern werden. Ein Großteil dieser Artikel wurde von den Mitarbeitern der Gender-Journale gepriesen, empfohlen und veröffentlicht. Wie dieser Streich zeigte, ist es oft nur eine Frage der richtigen Buzzwords, ob man in den Genderstudien akzeptiert wird oder nicht. „Maskulismus“ ist, wie ich in der Kommunikation mit Hirschauer erfahren durfte, keines dieser Buzzwords, sondern hat (ähnlich wie Verweise auf Biologie) den gegenteiligen Effekt. Mit diesem Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 54 einmal den Irrwitz beiseite lassen, das historische Verhältnis von Männern gegenüber Frauen mit Deutschen gegenüber Juden beim Holocaust zu vergleichen, fällt auf, dass die Leiden unzähliger Männer aus der privilegierten Position eines Universitätsprofessors empathielos als eine Form von Wehleidigkeit denunziert werden. Die Genderstudien tappen hier in ihre eigene Falle: Sie beschäftigen sich ausgiebig mit dem Leiden von Frauen, blenden das der Männer weitgehend aus, und verwechseln dann das so entstandene Zerrbild mit der Wirklichkeit. Wenn Männer jedoch zu hunderttausenden in die Schützengräben etlicher Kriege verfrachtet wurden, haben die dort ertragenen Torturen mit Weinerlichkeit nichts zu tun. Als beim Bau des Panamakanals circa 25.000 Männer ihr Leben verloren und ziemlich genau null Frauen,109 kamen diese Männer nicht durch Selbstmitleid ums Leben. Oft genug zerschindeten sich Männer im übrigen deshalb bis zum Tod, weil sie mit dem verdienten Geld auch ihre Frauen ernähren wollten – statt sie wie Nazis die Juden massenweise industriemäßig zu vernichten. In den Genderstudien ballen sich aber lediglich männerfeindliche Ressentiments, die auch im Rest der Gesellschaft existieren und als geradezu selbstverständlich betrachtet werden, solange man sie nicht gezielt hinterfragt. Dies wird in einem Interview erkennbar, das ich 2012 mit der Sozialpädagogin, Eheberaterin und Publizistin Dr. Barbara Kiesling führte. Anlass für dieses Interview war Kieslings Buch „Sie küssen und sie schlagen sich“, das über das überholte Modell vom Täter Mann und Opfer Frau hinausgeht. Hier ein Auszug aus diesem Gespräch: einfachen Reiz-Reaktions-Schema und der damit verbundenen ideologischen Inzucht machen es sich die „Genderstudien“ schwer, als Wissenschaft ernst genommen zu werden. – Vgl. zu dem geschilderten Streich etwa Stöcker, Christian: Hitler, feministisch gelesen, online seit dem 7.10.2018 unter http://www.spiegel.de/ wissenschaft/mensch/sozialer-konstruktivismus-forschungsstreich-in-den-usa-a- 1231820.html sowie als ausführlichen Grundlagentext zu dieser Aktion Pluckrose, Helen und andere: Academic Grievance Studies and the Corruption of Scholarship. Online seit dem 2.10.2018 unter https://areomagazine.com/2018/10/02/ academic-grievance-studies-and-the-corruption-of-scholarship. 109 Vgl. McCullough, David: The Path Between the Seas: The Creation of the Panama Canal 1870-1914. Simon & Schuster 1977, S. 610. Das neue Denken in der Krise 55 „Arne Hoffmann: Warum ist vielen Menschen, die vorgeben, häusliche Gewalt bekämpfen zu wollen, das Feindbild Mann so viel wichtiger als eine Ursachenanalyse anhand wissenschaftlicher Grundlagen? Dr. Barbara Kiesling: Die Ressentiments gegen Männer sind wohl ursprünglich aus vielen verschiedenen, zum Teil auch begründeten Aspekten hervorgegangen. Männer haben in den vergangenen Jahrhunderten die Welt regiert, sie haben Kriege geführt und die Frauen unterdrückt. Unabhängig von den dafür ausschlaggebenden psychologischen Hintergründen wird das zunächst einmal niemand bestreiten können. Arne Hoffmann: Moment … Verzeihen Sie bitte, wenn ich Sie hier unterbreche, aber dieses Bild vom kriegerischen und unterdrückerischen Mann wird doch inzwischen von so einigen bestritten. Nur ein Beispiel: Vor dem ersten Weltkrieg wurden Männer, die sich weigerten, an die Front zu ziehen und ihr Heimatland zu verteidigen, von höhnischen Feministinnen und Suffragetten öffentlich mit weißen Federn ‚beschenkt‘, die ausdrücken sollten, wie feige und unmännlich diese Männer doch waren, die sich nicht trauten, ihre daheimgebliebenen Lieben gegen den Feind zu verteidigen. Die meisten auf diese Weise beschämten Männer haben sich so von den armen unterdrückten Frauen in den Tod schicken lassen. Kaum hat sich die Weltsicht gedreht und Pazifismus wird schick, sind Männer schon wieder minderwertig, jetzt weil sie angeblich so furchtbar kriegsgeil sind oder waren. Prompt erscheinen Bücher wie von Alice Schwarzer ‚Krieg: Was Männerwahn anrichtet und wie Frauen Widerstand leisten‘. Diese Zuordnung von Gut und Böse nach Geschlechtern wird meines Erachtens nicht besser, wenn man sie lediglich auf die Vergangenheit projiziert. Wie können denn Ressentiments gegen eine Gruppe von Menschen, die nichts anderes gemeinsam haben als das y-Chromosom, aus ‚auch begründeten Aspekten‘ hervorgegangen sein? Haben wir mit dem y-Chromosom endlich einen genetischen Marker gefunden, mit dem sich Menschen Ressentiments ‚zum Teil‘ verdient haben? Dr. Barbara Kiesling: Zugegeben … Sie haben Recht. Gleichzeitig ist es mir etwas peinlich, dass das gerade mir passieren muss – gerade Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 56 weil ich sonst immer betone, dass es BEIDE sind, die an einem Geschehen beteiligt sind … Arne Hoffmann: Ich weiß nicht, ob Ihnen das besonders unangenehm sein muss. Wenn ich mich nicht jahrelang mit solchen Themen beschäftigt hätte, würde ich heute noch genauso denken, wie Sie das gerade dargestellt haben. Bestimmte Dinge nimmt man einfach als gegebene Wahrheit hin – man kann schlecht ALLES hinterfragen, was als ‚Allgemeinwissen‘ gilt. Genau das macht es uns Männerrechtlern aber auch erst mal schwer, unsere Position Menschen zu vermitteln, denen dieses Thema neu ist. Dr. Barbara Kiesling: Ich bin sehr angetan von Ihren Worten. Es stimmt; wenn man sich mit einer Materie nicht intensiv beschäftigt, dann übernimmt man unhinterfragt das ‚Allgemeinwissen‘. Ich könnte Ihnen momentan niemanden aus meinem Bekanntenkreis nennen, der meine Aussage kritisch hinterfragen würde. Das heißt aber noch nicht, dass diese deshalb ‚richtiger‘ ist. Während meiner Forschungen bin ich natürlich auch auf Widersprüche hinsichtlich dieses ‚Allgemeinwissens‘ gestoßen. Aber offenbar hat es nicht ausgereicht, hier das alte Männerbild, welches sich bei mir eingraviert hatte, zu revidieren. Allerdings fühlte ich mich ja sofort ‚ertappt‘. Denn heute weiß ich, dass dies nicht haltbar ist. Ist das nicht ein besonders gutes Beispiel, wie diese festgefügten Weltbzw. Männerbilder in den Köpfen sitzen? So auch in meinem Kopf! Ich, die ich davon überzeugt bin, dass in der Partnerschaft immer BEIDE Partner gleichermaßen die Verantwortung für alle Geschehnisse tragen, projiziere ein völlig anderes Bild in die Vergangenheit.“110 Barbara Kiesling war also dort für Argumente ansprechbar und schaffte es, sich ihrer eigenen Projektionen bewusst zu werden, wo der Genderforscher Hirschauer mir erklärte, erst gar keine Diskussion zulassen zu wollen. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Eine denkbare These bietet Lucas Schoppe: 110 Das Interview steht in Gänze online unter https://cuncti.net/geschlechterdebatte/ 28-barbara-kiesling-qviele-frauen-haben-kein-bewusstsein-fuer-die-eigeneaggressionq. Das neue Denken in der Krise 57 „Die Vorstellung einer ‚Patriarchats‘ ist eine der letzten Möglichkeiten für Männer, sich mächtig zu fühlen. Sie können dann mit großer generöser kritischfeministischer Geste auf Macht verzichten und müssen nicht einmal mehr merken, dass sie diese Macht nie hatten. Wer so redet, kann ignorieren, wie sehr er auch selbst von Frauen abhängt und geprägt wurde. Abhängig und schutzbedürftig sind in seiner Perspektive immer nur die Frauen. Das ist eben die herablassende, größenwahnsinnige Haltung, die er dann projektiv ALLEN Männern unterstellt.“111 Eine andere denkbare Erklärung für diesen unterschiedlichen Umgang mit Ideologiekritik wäre, dass Kiesling sich in keiner Echokammer wie den „Genderstudien“ eingekapselt hat – mit all deren teils bizarren Dogmen, die nur Bestand haben, weil sich einem Gespräch darüber entzogen wird. Eine Annäherung der beiden Lager und ein Gespräch zwischen ihnen statt einer zunehmenden Radikalisierung wird durch diese Verbunkerung erschwert. Stattdessen bestärkt der Mythos vom Mann als Frauenunterdrücker etliche Radikale darin, dass Mitleid nicht angebracht und stattdessen Hass auf das andere Geschlecht und ein Bestreben nach „Rache“ gerechtfertigt ist. Auf einem derart vergifteten Boden kann nichts Gutes gedeihen. Den Geschlechterkampf überwinden Einer der evolutionären Schritte, die das von Ken Wilber als „Grün“ bezeichnete (und damit auch das feministische) Lager noch tun muss, um nicht selbstwidersprüchlich zu werden oder sich in unnötigen Debatten zu verrennen, ist, das Leiden aller Menschen einschließlich der Männer anzuerkennen und auch deren Anliegen in eine zukunftsorientierte Politik einzubeziehen. Der Blick allein auf die geschlechtsbezogenen Probleme des weiblichen Geschlechts sollte überwunden werden. Nun gibt es Feministinnen, die diesen Entwicklungsschritt begonnen haben. Es sind einzelne, und sie gehören weit eher zum Rand als zu den Wortführern ihrer Bewegung. Erwähnenswert ist hier etwa Ja- 111 Vgl. Schoppe, Lucas unter https://twitter.com/LucasSchoppe1/status/1055820051 155243008 sowie https://twitter.com/LucasSchoppe1/status/10558200528370810 88. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 58 net Halley, lesbische Feministin und Juraprofessorin an der Harvard Law School, die sich in ihrem Buch Split Decisions (Princeton University Press 2006) mit den blinden Flecken der vorherrschenden feministischen Ideologie auseinandersetzt. Sie problematisiert als Kernstück dieser Ideologie die von ihr so bezeichnete Verletzungstriade, ein Dreieck, welches sich zusammensetzt aus „weiblicher Verletztheit“ plus „weiblicher Unschuld“ plus „männlicher Unverletzbarkeit“. Ausgeblendet werden in diesem Dreieck weibliche Unverletztheit, weibliche Schuld sowie männliche Verletzbarkeit. Kern des heute vorherrschenden Feminismus ist, wenn man Halley konsequent folgt, mithin ein Ausblenden von vielem, was in der Realität zwischen beiden Geschlechtern geschieht. Fragwürdig ist das Halley zufolge deshalb, weil weibliche Emanzipation somit auf einem Berg ignorierter männlicher Opfer erwächst, was kaum als wahrhaft befreiend und moralisch akzeptabel betrachtet werden könne. Die britische Feministin Rosalind Coward, Professorin für Journalistik und ehemalige Direktorin der britischen Sektion von Greenpeace, unterzog in ihrem 1999 erschienenen Buch Sacred Cows den Feminismus einer Neubewertung und sprach ebenfalls dessen blinde Flecken an: Manchmal seien es inzwischen die Männer, die benachteiligt werden, nicht die Frauen.112 Statt sich diesen Tatsachen zu stellen, versuche der Feminismus, die veränderte Landschaft in die alten Denkmodelle zu zwängen und die Klagen der Männer lächerlich zu machen („male tears“), als ob es sich nur um das Gejammer von Menschen handele, die ihre einstige Vormachtstellung bedroht sehen: „Das war typisch für den Unwillen des Feminismus, grundlegende Glaubenssätze loszulassen: das Beharren auf dem Vorrang von Geschlecht, eine Abneigung dagegen, Machtstrukturen neu zu überdenken und sich von den alten Vorannahmen über Unterdrückung zu verabschieden.“113 Dabei sei diese Haltung, wie Coward durch eine Vielzahl von veröffentlichten Texten belegt, nicht auf eine winzige Schar von männerfeindlichen Personen beschränkt, sondern inzwischen Allgemeingut der Mainstreamkultur.114 Dort werden einerseits Frauen als das überlegene Geschlecht gefeiert, jeglicher Protest von Männern anläss- 112 Vgl. Coward, Rosalind: Sacred Cows. Harper Collins 1999, S. 3. 113 Vgl. Coward, Rosalind: Sacred Cows. Harper Collins 1999, S. 10. 114 Vgl. Coward, Rosalind: Sacred Cows. Harper Collins 1999, S. 11. Den Geschlechterkampf überwinden 59 lich ihrer gegenwärtigen Probleme hingegen als Backlash gegen die Emanzipation verunglimpft, was Coward durch eine Äußerung der britischen Kolumnistin und Bürgerrechtlerin Polly Toynbee belegt: „Wenn Sie Männer vor Schmerz aufschreien hören, dann hören Sie gar nicht erst hin.“115 Genau das ist seit Jahrzehnten der vorherrschende Umgang der Leitmedien mit jenen Bürger- und Menschenrechtlern, die sich als „Männerrechtler“ oder „Maskulisten“ bezeichnen. In ihrer Rede vor US-amerikanischen Männerrechtlern, die im vorliegenden Sammelband enthalten ist, fordert die liberale Feministin Wendy McElroy von anderen Feministinnen ähnliches ein, was Ken Wilber als unabdingbar erklärt hatte, wenn das „grüne“ Bewusstsein Relevanz als führende Kraft zurückgewinnen wolle: einen „fundamental mitfühlenden Kontakt“ zu Menschen mit anderen Auffassungen, der von „echtem Wohlwollen statt tiefsitzender Verachtung“ geprägt ist. Natürlich stellt sich hier die Frage, ob und wie ein solcher Austausch überhaupt sinnvoll möglich sein kann. Schließlich werden Männerrechtler in den feministisch geprägten Leitmedien als rückwärtsgewandte, frauenfeindliche Machos und Einfaltspinsel dargestellt. Schauen wir uns Vertreter und Vertreterinnen dieser Gruppe einmal mit dem Blick darauf näher an, wie eine solche Kommunikation gelingen könnte: – Der Sozialpädagoge Wolfgang Wenger weist darauf hin, dass ein linker Maskulismus den Feminismus durchaus als Gesprächspartner anerkennen würde, „wenn dieser aufhören würde, Männer als Gegner und Feinde zu sehen und sich selbst aufzuwerten, indem er Männer abwertet“.116 – Warren Farrell, Wegbereiter und Stammvater der internationalen Männerrechtsbewegung, stellt klar: „Ich bin ein Männerrechtler (oder Maskulist), wenn Männerrechte und Männerbefreiung mit gleichen Chancen und gleicher Verantwortung für beide Geschlechter definiert werden. Ich bin ein Frauenrechtler, 115 Vgl. Coward, Rosalind: Sacred Cows. Harper Collins 1999, S. 65. 116 Vgl. mein Interview mit Wolfgang Wenger: „Der linke Maskulismus ist eine Revolution“. In: Genderama vom 14.3.2012, online veröffentlicht unter http://genderama.blogspot.de/2012/03/wolfgang-wenger-der-linke-maskulismus.html. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 60 wenn Feminismus gleiche Chancen und Verantwortung für beide Geschlechter propagiert. Ich stehe im Widerspruch zu beiden Bewegungen, wenn eine sagt, unser Geschlecht ist das unterdrückte Geschlecht, deswegen haben wir Anspruch auf bestimmte Vorrechte. Das ist nicht die Befreiung, sondern die Machtergreifung eines Geschlechtes.“117 – Die feminismuskritische Bloggerin „Anne Nühm“, die durch gegenseitiges Verlinken, Zitieren und Kommentieren mit der maskulistischen Bloggerszene eng vernetzt ist, erklärt in ihrem Beitrag „Zeit für einen Neuen Feminismus“: „Ich würde einen neuen Feminismus befürworten und unterstützen, der im Wesentlichen die folgenden Positionen vertritt: Ein Feminismus, der Frauen als mündige Menschen begreift, die fähig sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und selbst die Verantwortung für deren Konsequenzen zu übernehmen. Ein Feminismus, der Frauen nicht als stets unterdrückte, benachteiligte und diskriminierte Opfer darstellt. Ein Feminismus, der Männer nicht als Gegner, sondern als komplementäre Partner sieht, deren Bedürfnisse und Belange ebenfalls eine Berechtigung haben. Ein Feminismus, der konstruktive Konzepte bietet, die das Miteinander von Männern und Frauen erleichtern, und Verständnis füreinander propagiert. Ein Feminismus, der keine ungerechtfertigten Vorteile für Frauen auf Kosten der Männer fordert. Ein Feminismus, der die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht als Ärgernis, sondern als Freude sieht. Ein Feminismus, der jedem individuellen Menschen Respekt entgegenbringt. Ein Feminismus, der sich von anderen Feminismen distanziert, sofern sie sich nicht mit den o.g. Punkten vereinbaren lassen. Man wird doch mal träumen dürfen.“118 – Ein Blogger, der sich selbst als „Masculist Feminist“ bezeichnet, weil er ähnlich wie Warren Farrell die Notwendigkeit für beide Be- 117 Vgl. Farrell, Warren: Mythos Männermacht. Zweitausendeins 1995, S. 29. 118 Der Beitrag steht online unter https://auschfrei.wordpress.com/2015/10/11/zeitfuer-einen-neuen-feminismus. Den Geschlechterkampf überwinden 61 wegungen sieht, stellt seine Position in dem Text „Warum sind so viele Menschen gegen den Feminismus?“ so dar: „Die Welt braucht eine legitime Frauenrechtsbewegung. Ja, das kommt von einem Männerrechtler. Ich sorge mich um die Menschenrechte meiner weiblichen Verwandten und Freunde genauso wie um die Männer in meinem Leben. Ratet mal? Jeder Mann tut das, und wir haben das immer getan. Männerrechtler haben kein Problem mit einem legitimen und transparenten Einsatz für Frauenrechte. Wir haben ein Problem mit Scheinheiligkeit, Heuchelei und Größenwahn. Männerrechtler wie ich wünschen uns eine Partnerschaft mit einer legitimen Frauenbewegung. Der moderne Feminismus ist keine solche Bewegung. Er könnte mit den richtigen Anführern aber in eine solche Bewegung umgewandelt oder durch etwas Echtes ersetzt werden. (…) Viele der Probleme, die Männer und Frauen betreffen, sind miteinander verbunden.“ Der Blogger führt aus, was Feministinnen tun können, um eine Gemeinsamkeit herzustellen: „Werdet die Theorie vom Patriarchat los. Sie steht euren Zielen im Weg und lässt sich mit der Wirklichkeit nicht in Einklang bringen. Hört auf, Männer als Schurken und Frauen als Opfer zu zeichnen und dadurch zu Hass anzustiften. Bleibt nicht still und tatenlos, wenn andere Feministinnen sich in Männerhass ergehen oder Diskriminierungen von Männern unter dem Vorwand der Gleichberechtigung befürworten. Umarmt Fakten und nicht das Dogma. Seid bereit, nicht nur die Gesellschaft, sondern auch eure Kernüberzeugungen bezüglich eurer eigenen Bewegung in Frage zu stellen. Sind sie immer noch oder waren sie jemals wahr? Trennt Feminismus von eurer Identität. Erlaubt eurer Individualität aufzublühen, statt sich dem Gruppendenken zu unterwerfen. Sucht eine kooperative Partnerschaft mit der Männerrechtsbewegung.“119 – Die männerfreundliche Equity-Feministin Cathy Young legt in ihrem Artikel „How to Build a Gender Equality Movement“ dar, welche Kategorien eine Bewegung erfüllen sollte, die beiden Geschlechtern gerecht wird: 119 Der ausführliche und in Gänze lesenswerte Text steht online unter https:// hubpages.com/politics/Why-So-Many-People-Are-Against-Feminism. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 62 „Es ist kein Wunder, wenn die meisten Amerikaner und Briten erklären, dass sie gleiche Rechte unterstützen, sich aber nicht als Feministen bezeichnen oder dass einige der besten und klügsten jungen Frauen diese Bezeichnung scheuen. Die College-Studentin Toni Airaksinen, die aus einer armen Familie stammt, hat das Gefühl, sie ‚sollte eine Feministin sein‘, sieht den modernen Feminismus aber als einen ‚Kult des Opfer- Seins‘, der ‚die Traumatisierung von Frauen begünstigt und ihnen beibringt, dass sie zum Opfer werden, nur weil sie weiblich sind‘, während er das Eindreschen auf Männer begünstigt und eine Intoleranz gegen- über abweichenden Meinungen. Diese Intoleranz ist denjenigen von uns, die für einen gesünderen, inklusiveren Feminismus plädieren, auf traurige Weise bekannt.“ Auf die Frage, wie eine Bewegung für wahre Gleichberechtigung, Freiheit und Fairness für beide Geschlechter aussehen könne, nennt Young einige Wegweiser, die ich wegen der Länge ihres Artikels nicht sinnvoll übersetzen, sondern nur schlaglichtartig zusammenfassen kann: – Stellt ein großes Zelt auf, in dem von Feministinnen bis zu Männerrechtlern alle zusammen kommen können, die Menschenrechte und Gleichbehandlung unabhängig vom Geschlecht als Werte teilen. Filtert darüber hinaus nicht ideologisch aus. Intellektuelle Diversität ist eine Stärke. – Bezieht eine Stellung gegen die Gedankenpolizei, die die Debatte von „ketzerischen“, also abweichenden Argumenten sauber halten möchte. – Lasst euch nicht auf eine Unterdrückungsolympiade ein, welches der beiden Geschlechter schlimmer dran ist. Notwendig ist ein Feminismus, der Menschen als Individuen beurteilt und nicht anhand ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen entscheidet, wer jeweils „privilegiert“ ist. – Weist kulturelle Entschuldigungen für Frauenfeindlichkeit zurück. Übergeht keine Opfer echter Unterdrückung, weil ihr nicht „islamophob“ erscheinen möchtet. – Hört auf, die Schlachten vergangener Zeiten zu schlagen. Dem „Patriarchat“ die Schuld an den Entscheidungen von Frauen in einer freien Gesellschaft zu geben, beleidigt Frauen. Den Geschlechterkampf überwinden 63 – Kümmert euch ebenso sehr um Männer und Jungen. Wenn es dem Feminismus um die Gleichheit der Geschlechter geht, sollte er auch die Probleme des männlichen Geschlechtes ernst nehmen, statt sie herunterzuspielen und zu belächeln. – Haltet euch an die Fakten statt mit Slogans zu arbeiten wie beispielsweise „Frauen erhalten 23 Prozent weniger Lohn für dieselbe Arbeit“. – Erschießt nicht den Boten, der gute Nachrichten bringt. (Young nennt hier einige Beispiele, in denen Menschen, die über fehlende Frauenfeindlichkeit berichteten, von Feministinnen verhöhnt oder als Verräter bezeichnet wurden.) Young schließt mit der Prognose, der Feminismus könne noch immer viel für unsere Gesellschaft bedeuten, solange er nur aufhören würde, sein eigener schlimmster Feind zu sein.120 Integraler Antisexismus Bei den bis hierhin zitierten Personen kann man große Überschneidungen feststellen, was ihre Kritik am Feminismus angeht. Dabei wurden und werden sie immer wieder als „antifeministisch“, wenn nicht „frauenfeindlich“ gegeißelt, einzig und allein weil sie der feministischen Bewegung ein dringend notwendiges Modernisierungsprogramm vorschlagen. Ein Teil dieses Modernisierungsprogramms kann auch der sogenannte „Integrale Antisexismus“ darstellen, der zu den zentralen Bausteinen des maskulistischen Denkens, also dem Denken der Männerrechtsbewegung, gehört. In meinem Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ definiere ich Integralen Antisexismus so: „Die Bekämpfung von Sexismus gegen beide Geschlechter statt, wie es bislang häufig geschieht, gegen Frauenfeindlichkeit allein. Da der bisherige An- 120 Der Artikel steht online unter https://arcdigital.media/how-to-build-a-genderequality-movement-25d26dee4500. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 64 satz selbst sexistisch ist, verspricht er bei der Bekämpfung von Sexismus nur begrenzten Erfolg.“121 Ich muss es noch einmal mit anderen Worten wiederholen, um das Risiko eines Missverständnisses zumindest ein wenig zu senken: Es geht nicht darum, dass „jetzt statt den Frauen die Männer Opfer sind“, wie es häufig verzerrend dargestellt wird, sondern es geht darum, Benachteiligungen beider Geschlechter zu sehen. Da viele Menschen aber nicht einmal wissen, wie vielfältig auch Männer diskriminiert werden, war es in den vergangenen Jahrzehnten erst einmal nötig, das in eigenen Büchern, Blogs und Artikeln zu erklären, um dem Integralen Antisexismus die männliche Perspektive beizufügen. Ziel des Integralen Antisexismus ist es, so fundiert wie möglich festzustellen, von welchen Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen beide Geschlechter (einschließlich Trans- und Intersexuelle) betroffen sind, und diese Probleme anzugehen, ohne dabei ein anderes Geschlecht pauschal abzuurteilen („Männer unterdrücken Frauen“, „Frauen beuten Männer aus“ und so weiter.) Meine bisherigen Veröffentlichungen haben vielfach gezeigt: Wo immer auf der Welt ein Geschlecht von Diskriminierung betroffen ist, gibt es auch Diskriminierungen des anderen Geschlechts. Vereinfacht gesagt: Die Frau wird in die Küche gezwungen, der Mann an die Front. Solche bisexistischen Rollenverteilungen, wie Warren Farrell dies nennt, scheinen kulturübergreifend zu existieren. Insofern ist das Konzept des Integralen Antisexismus eine realistische und differenzierte Alternative zur einseitigen These vom Frauen unterdrückenden Patriarchat. „Integraler Antisexismus“ versucht, geschlechtsbezogene Diskriminierungen schnellstmöglich und auf sozialverträgliche Weise zu beseitigen, ohne dabei in die Verteufelung eines der Geschlechter zu verfallen – oder in die Vorstellung, dass eines der beiden Geschlechter stets Akteur und das andere immer Objekt ist. Geht es z.B. um solche vormodernen Familienkonstellationen, welche Feministinnen gerne als „patriarchalisch“ im Sinne von Väter-/Männerherrschaft bezeich- 121 Vgl. Hoffmann, Arne: Plädoyer für eine linke Männerpolitik. CreateSpace 2014, S. 12. Wie ich in meinem Buch klarstelle, gehört dort, wo Intersexuelle oder Transgender von Diskriminierung betroffen sind, die Bekämpfung dieser Diskriminierungen natürlich ebenfalls zum Programm des Integralen Antisexismus. Integraler Antisexismus 65 nen, so versucht eine integral-antisexistische Perspektive stattdessen herauszufinden, welche spezifischen Nachteile durch die jeweiligen starren traditionellen Geschlechterrollen beide Geschlechter in dieser Kultur haben, was beide Geschlechter zur Aufrechterhaltung eines solchen archaischen Repressionsgefüges jeweils beitragen und wie man beide Geschlechter dazu motivieren kann, sich von autoritären Werten, Normen und Praxen zu emanzipieren. Die integral-antisexistische Perspektive ist also stärker systemisch geprägt, differenzierter und ganzheitlicher. Sie verzichtet auf einseitige Schuldzuweisungen an ein bestimmtes Geschlecht und strebt die Befreiung aller Menschen aus geschlechtsbezogenen repressiven Zwängen an. Entsprechend sind weder Frauen, noch Männer als „soziale Klassen“ die Gegner. Gegner im personalen Sinne sind eher jene Männer UND Frauen, die allen anderen ein bestimmtes „Rollengefängnis“ aufzwingen wollen. Einige Beispiele, wie Integraler Antisexismus aussehen kann: – Genitalverstümmelung von Frauen findet in globaler Perspektive überall dort statt, wo auch Genitalverstümmelung von Männern stattfindet, weshalb in diesem Bereich aktive Menschenrechtler (etwa Terre des Femmes) längst erkannt haben, dass man beide Probleme nur gemeinsam lösen kann. – Die Kritik an traditionellen Geschlechterrollen sollte Nachteile beider Geschlechter umfassen, jeder Mensch sollte von klein auf als Individuum respektiert und behandelt werden und jedes Individuum sollte so traditionell oder nicht-traditionell leben können, wie es will. – Häusliche und sexuelle Gewalt sind häufig Teil eines wechselseitig eskalierenden Systems122. Opfer beiderlei Geschlechts benötigen Hilfe. Bei der Forschung zu diesen Themen müssen immer beide Geschlechter anhand derselben Kriterien nach Opfer- und Tätererfahrungen befragt werden. 122 Siehe meinen Beitrag dazu in der vorliegenden Anthologie. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 66 – Die Kritik daran, dass unsere Gesellschaft Frauen unter Schönheitsdruck setzt, ist berechtigt, sollte aber nicht unabhängig davon kritisiert werden, wie Männer unter Statusdruck gesetzt werden. – Die Forderung, die Arbeits- und Lebenssituation von Sexarbeiterinnen zu verbessern, ist berechtigt, aber dabei dürfen die Probleme männlicher und transsexueller Sexarbeiter nicht ausgeklammert werden. – Die Kritik an der Ausbeutung von Frauen durch die Pornographie- Industrie ist berechtigt (siehe z.B. den Film „Hot Girls Wanted“ als Dokumentation zu diesem Thema), aber es gibt auch Ausbeutung von Männern in der Pornographie-Industrie.123 – Die Forderung nach besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist berechtigt, betrifft aber beide Geschlechter. – Kritische Thematisierung von sogenannten „Ehrenmorden“ ist berechtigt, sollte aber auch männliche Opfer einbeziehen.124 – Kritik an Vergewaltigungsmythen ist berechtigt, von Vergewaltigungsmythen sind aber auch männliche Opfer sexueller Gewalt sowie weibliche und männliche Opfer sexueller Gewalt durch Frauen als Täterinnen betroffen. Man könnte Dutzende weiterer Beispiele aufführen. Sehr oft dürfte man bei der Problemanalyse zu der Einschätzung gelangen, dass nicht ein Geschlecht Opfer des irgendwie bösartigen oder zurückgebliebenen anderen Geschlechtes ist, sondern dass Grundstrukturen der menschlichen Psychologie sowie Ausprägungen der jeweiligen Gesellschaftsform für diese Probleme verantwortlich sind. Der Feminismus sei als Emanzipationsbewegung der Frau angetreten und daran gescheitert, „dass er sich nicht von seinem Feindbild (dem Mann als Unterdrücker) zu lösen vermochte“, postuliert Gunnar 123 Vgl. hierzu etwa http://www.sfweekly.com/exhibitionist/2012/02/01/considerthis-the-porn-industry-exploits-men-too. 124 Vgl. hierzu etwa http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bka-studie-ein-drittel-aller-ehrenmord-opfer-sind-maennlich-a-778249.html. Integraler Antisexismus 67 Decker im Neuen Deutschland.125 Aber die Gegenwart ist ja nicht das Ende der Geschichte, und das Scheitern des Feminismus ist insofern etwas, das sich verhindern beziehungsweise überwinden lässt, sobald das feministische Lager die reflexartige Abwehr maskulistischer Ansätze aufgibt. Bei näherer Betrachtung lassen diese sich nicht so leicht von der Hand weisen. Beispielsweise postuliert der maskulistische Blogger Lucas Schoppe zur #MeToo-Debatte über sexuelle Belästigung, die sich an den Übergriffen des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein entzündete: „Wer (…) Männer pauschal in die Verantwortung für Weinstein nimmt, betreibt Täterschutz und verschleiert das Problem. Täterschaft von Frauen nämlich wird damit geleugnet oder heruntergespielt, männliche Erfahrungen von Grenzverletzungen werden ignoriert – und männliche Täter können ihre eigene Verantwortung in einer diffusen Schuldzuweisung an eine generalisierte Männlichkeit auflösen. Anstatt Solidarität von Frauen und Männern gegen ein gewaltsames Verhalten zu pflegen und zu erweitern, wird eben gerade diese wichtige Solidarität gezielt untergraben. ‚Der moderne Feminismus braucht sein Feindbild dringender als Verbündete,‘ schreibt [der maskulistische Blogger] Christian Schmidt.“126 Wäre eine gemeinsame Front von Frauen und Männern gegen sexuell übergriffige Menschen beiderlei Geschlechts nicht tatsächlich sinnvoller als eine pauschalisierende Generalanklage an die Männerwelt?127 Ein anderes Beispiel ist die leidige Debatte um den angeblichen Gender-Pay-Gap, die, wie die Dozentin und Publizistin Joanna Williams in ihrem Buch „Women vs. Feminism“ ausführt, bei Feministinnen inzwischen „den Rang eines Glaubensbekenntnisses“ angenom- 125 Vgl. Decker, Gunnar: Militanz macht Spaß. in: Neues Deutschland vom 28.5.2017. Online unter https://www.neues-deutschland.de/artikel/1068339.feminista-baby-militanz-macht-spass.html. 126 Vgl. Schoppe, Lucas: Die Sexismus-Debatte verhindert Gewalt nicht (sondern fördert sie). Online seit dem 28.10.2017 unter https://man-tau.com/2017/10/28/ sexismus-debatte-gewalt/. 127 Vgl. zu der überraschenden Häufigkeit sexueller Belästigung durch Frauen beispielsweise Vgl. Zaslawski, Valerie: Auch Frauen sind Täter. In: Neue Zürcher Zeitung vom 4.12.2013, online veröffentlicht unter http://www.nzz.ch/aktuell/ schweiz/jeder-zweite-wird-belaestigt-1.18197847. Vgl. Freitag, Lin: Männer häufiger von Übergriffen im Job betroffen als Frauen. In: Wirtschaftswoche vom 3.3.2015, online unter http://www.wiwo.de/erfolg/ beruf/sexuelle-belaestigung-maenner-haeufiger-von-uebergriffen-im-job-betroffen-als-frauen/11450472.html. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 68 men habe: „Seine Existenz in Zweifel zu ziehen kommt inzwischen der Gotteslästerung gleich.“128 Auch im Bundestagswahlkampf der SPD 2017 spielte er mit dem Slogan „Wer als Frau 100 % leistet, darf nicht 21 % weniger verdienen“ eine Rolle, was viel Kritik auf sich zog.129 Joanna Williams fasst die inzwischen fast unüberschaubare Fülle an Material, die eine Gehaltslücke zwischen den Geschlechtern in dieser Höhe überzeugend anzweifelt, treffend zusammen: „Wenn man die Gehälter von Frauen und Männern, die in denselben Berufen dieselbe Anzahl von Stunden auf derselben Ebene und über dieselbe Zahl an Jahren vergleicht, gibt es überhaupt keinen Gender Pay Gap. Wenn wir die Bezahlung von Männern und Frauen in ihren Zwanzigern vergleichen, wie auch immer wir die Statistiken dabei anlegen, erweisen sich die Frauen als die Besserverdiener.“130 Diese Erkenntnis allein hat natürlich noch nichts mit Integralem Antisexismus zu tun. Dorthin führt uns erst eine weitere Beobachtung Joanna Williams und anderer Menschen, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben: Es gibt viele Faktoren, die eine größere Auswirkung auf Gehaltsunterschiede haben als das Geschlecht. Dazu gehört zum Beispiel die ökonomische Klasse, aus der die Betreffenden stammen. Wer Kind armer Eltern war, wird später mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst wenig verdienen, und wer in der Oberschicht aufgewachsen ist, wird zu den Großverdienern gehören.131 Wer wie die SPD diesen Mechanismus, dessen Überwindung tatsächlich sinnvoll wäre, mit einer längst nicht mehr haltbaren These von einer riesigen Gehaltskluft zwischen Frauen und Männern überdeckt, unterbindet in Wahrheit soziale Gerechtigkeit: 128 Vgl. Williams, Joanna: Women vs. Feminism. Why We All Need Liberating from the Gender Wars. Emerald 2017, S. 49. 129 Vgl. etwa den Beitrag „SPD-Wahlplakat übertreibt Lohnlücke für Frauen“ vom Bayerischen Rundfunk, online unter http://www.br.de/nachrichten/faktencheck/ spd-wahlplakat-uebertreibt-lohnluecke-fuer-frauen-100.html. 130 Vgl. Williams, Joanna: Women vs. Feminism. Why We All Need Liberating from the Gender Wars. Emerald 2017, S. 58. 131 Vgl. hierzu Michaels, Walter Benn: The Trouble with Diversity. How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality. Metropolitan 2007. Integraler Antisexismus 69 „Alle Frauen in einer einzigen Gruppe zusammenzufassen verwischt diese Unterschiede und beutet infolgedessen die ärmsten Frauen aus, um Gehaltserhöhungen für die bereits gut bezahlten Frauen durchzusetzen.“132 Auch hier wäre einkommensschwachen Frauen mehr geholfen, wenn sie sich mit Männern verbünden würden, statt sich in die Lager von Unterdrückern und Ausgebeuteten aufspalten zu lassen. Ein letztes Beispiel: Im Jahr 2016 zeigte sich die feministische Geschlechterforscherin Lara Stemple überrascht über ihre Erkenntnis, dass beide Geschlechter in etwa gleichem Ausmaß Opfer sexueller Gewalt werden.133 Solchermaßen überrascht sind feministische Forscherinnen, die zu dieser Erkenntnis gelangen, seit Jahren immer wieder. Wenn man allerdings weiß, wie sehr die Opfererfahrungen beider Geschlechter bei sexueller und anderweitiger häuslicher Gewalt einander bedingen134, ist das eine Information von immenser Bedeutung. Ich selbst hatte über Studien, die zu diesem Ergebnis kamen, bereits im Jahr 2001 in meinem Buch „Sind Frauen bessere Menschen?“ berichtet.135 Während die Underground-Filmemacherin Maria Nicoli befand, dieses Buch sollte als „Argumentationsgrundlage in universitären Geschlechterstudienkursen eingesetzt“ werden136, blieb das eine Einzelstimme, und die Wortführer des feministischen Lagers machten sich lieber einen Spaß daraus, mich als rechten Zausel hinzustellen und gegen Männerrechtler insgesamt zu polemisieren. Sie nehmen offenkundig nicht einmal im Ansatz wahr, wie sehr sie den Gewaltopfern auch des eigenen Geschlechts damit einen Bärendienst leisten. Lara Stemple selbst nennt ein weiteres Argument: „Die Vergewaltigung von Männern zu ignorieren vernachlässigt aber nicht nur Männer, es schadet auch Frauen“, schreibt sie, „indem es eine Perspektive 132 Vgl. Williams, Joanna: Women vs. Feminism. Why We All Need Liberating from the Gender Wars. Emerald 2017, S. 57. 133 Vgl. Friedersdorf, Conor: The Understudied Female Sexual Predator. Online seit dem 28.11.2016 unter https://www.theatlantic.com/science/archive/2016/11/theunderstudied-female-sexual-predator/503492. 134 Hierzu gibt es im vorliegenden Buch ein eigenes Kapitel. 135 Vgl. Hoffmann, Arne: Sind Frauen bessere Menschen? Schwarzkopf und Schwarzkopf 2001, S. 327-333. 136 Vgl. Nicoli, Maria: Sind Frauen bessere Menschen? Rezension für das Kulturmagazin „Ikonen“, online ohne Datum unter http://www.ikonenmagazin.de/rezension/ Frauen.htm. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 70 verstärkt, die ‚weiblich‘ mit ‚Opfer‘ gleichsetzt und dadurch unsere Fähigkeit behindert, Frauen als stark und machtvoll wahrzunehmen. Auf dieselbe Weise bestärkt das Schweigen über männliche Opfer ungesunde Erwartungen über Männer und ihre vermutete Unverwundbarkeit.“137 Soviel zu all dem, was der Maskulismus dem Feminismus beziehungsweise der Geschlechterdebatte insgesamt anzubieten hätte. Dabei steht das Konzept des Integralen Antisexismus sicherlich noch in den Kleinkinderschuhen. Ich halte es auch für außerordentlich vermessen und letztlich eine Spiegelung der feministischen Fehler, wenn wir Männerrechtler alleine ein Konzept entwickeln und prägen sollten, das beiden Geschlechtern zugute kommen soll. Einer der Gründe für dieses Buchprojekt war, immer mehr Feministinnen für eine konstruktive Zusammenarbeit gewinnen zu können. Aber wie gut stehen die Aussichten, dass es tatsächlich zu einer solchen konstruktiven Kommunikation zwischen den beiden Lagern kommt? Die Probleme, vor denen wir stehen Der Umgang mit Monika Ebeling könnte die Chancen und Hindernisse der gegenwärtigen Situation veranschaulichen. Ebeling hatte ihr Amt als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar – und später ihren Beruf als Kindergärtnerin dort – verloren, weil sie sich in ihrer Arbeit auch um Jungen und Männer zu kümmern begann. Dieses Engagement war den etablierten Instanzen alles andere als Recht gewesen. Beispielsweise hatten die Goslarer Grünen einen offenen Brief auf ihre Website gestellt, in dem sie beklagten, Ebeling wolle „Benachteiligungen von Männern aufzeigen und beseitigen – das ist nicht unser politischer Wille“. Aber auch in den Jahren nach ihrer Entlassung versuchte und versucht Ebeling, Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Politik für beide Geschlechter zu schaffen. 137 Vgl. Storr, Will: The rape of men. In: The Guardian vom 17.7.2011, online veröffentlicht unter http://www.guardian.co.uk/society/2011/jul/17/the-rape-of-men. Die Probleme, vor denen wir stehen 71 Als angekündigt wurde, dass Ebeling im Zuge dieser Aufklärungsarbeit auch an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg einen Vortrag zum Thema „Können Jungen und Männer in unserer Gesellschaft benachteiligt werden?“ halten sollte, gab sich der dortige AStA in einem auch online gestellten offenen Brief „schockiert“. Zwar, beteuerten dessen Verfasser, sei man „für viele kritische Debatten offen“, insbesondere wenn es um Themen wie Ungleichheit und Benachteiligung gehe. Allerdings sei es ein Unding, dass Ebeling „ein Podium für ihre frauenfeindlichen und antifeministischen Positionen gegeben“ werden solle. Es folgten mehrere Absätze teils kurioser Vorwürfe; auch die Schlagworte „Rassismus“ und „Sexismus“ fehlten nicht, wobei insbesondere der Vorwurf des „Rassismus“ gar nicht erst weiter begründet wurde. Allgemein, so der Nürnberger AStA, revidierten Ebelings Ansichten „Jahrzehnte von Frauenbewegung“. Da ein Beschluss des Studierendenparlaments wünsche, dass Hochschulen ein Vorbild für ein tolerantes Miteinander sein sollten, fordere man das Dekanat der Fakultät Sozialwissenschaften dazu auf, Ebelings Vortrag abzusagen. Der für Ebelings Vortrag zuständige Dozent, Professor Dr. Wolfgang Tischner, Mitherausgeber eines Handbuchs zur Jungenpädagogik, ging mit den Protesten des AStA indes sehr souverän um. Er forderte zunächst einmal ein faires Miteinander und einen höflichen Umgang am Veranstaltungstag. Monika Ebeling ihrerseits gestattete den Mitgliedern des AStA, sich nach ihrem Vortrag ebenfalls zu dessen Thema zu äußern. Dem AStA gingen hierfür die Thesen Ebelings zur Vorbereitung zu. Am Tag der Veranstaltung war der Saal sehr gut gefüllt: Es befanden sich neben dem Dekan und seiner Frau etwa 50 Studenten im Publikum, außerdem um die 15 Männerrechtler und andere betroffene Männer, mehrere in Frauennetzwerken arbeitende Frauen sowie die Frauenbeauftragte des Fachbereichs Sozialwesen. In den ersten 30 Minuten Redezeit präsentierte Monika Ebeling ihren Vortrag, in einer weiteren halben Stunde legten drei Studenten (zwei Frauen, ein Mann) ihre eigene Position mithilfe einer Powerpoint-Präsentation dar. Anschließend fand eine ungewöhnlich lange und lebhafte Diskussion über das strittige Thema statt. Während Ebeling der Vorwurf angeblicher „Unwissenschaftlichkeit“ gemacht und ihre Verwendung des Begriffes „Geschlechterapartheid“ bemängelt wurde, äußerten sich zwei Soziologinnen, die die Argumentation Ebelings stützten. Im Verlauf Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 72 der Debatte war es den Angehörigen aller Lager möglich, ihre Ansichten zu äußern, und auch die Anliegen der betroffenen Männer fanden Gehör. In einem abschließenden Fazit erklärte Professor Tischner, dass in den zehn Jahren, in denen er bereits Gastvorträge organisiere, dieser der bei weitem intensivste gewesen sei. Er zeigte sich erstaunt darüber, wie nah sich die Positionen der beiden Lager zuletzt gekommen waren, da schließlich auch der AStA und das Publikum mit mehreren Thesen Ebelings konform gehen konnten. In seinem Schlusswort formulierte der AStA den durch diese Veranstaltung erzeugten Wunsch, zukünftig eine Sicht auf beide Geschlechter zu formulieren. An die Stelle der bisherigen Polarisierung war an diesem Abend erstmals ein echter Dialog zwischen den Vertretern beider Geschlechter getreten – etwas, das nach all dem Theaterdonner zuvor unmöglich erschienen war.138 Ein anderes Beispiel für eine Öffnung der Geschlechterdebatte liefert die US-Filmemacherin Cassie Jaye, die einige Bekanntheit durch Dokumentationen aus einer feministischen Perspektive erlangt hatte („The Right to Love“ über die Homo-Ehe und „Daddy I Do“ über den Kult um Jungfräulichkeit), bevor sie bei ihrer Recherche auf extrem negative Darstellungen der Männerrechtsbewegung stieß, die von einigen als „Hassbewegung“ gebrandmarkt worden war. Jaye beschloss, ihre neueste Dokumentation diesen Männerrechtlern zu widmen und dabei auch Feministinnen aus Jayes eigenem Lager zu Wort kommen zu lassen. Im Verlauf dieser sehr gründlichen Recherche erkannte Jaye, dass die Männerrechtler und ihre tatsächlichen Ansichten mit deren öffentlicher Dämonisierung nicht in Übereinstimmung zu bringen waren. Sie überprüfte zahlreiche Behauptungen der Männerrechtler und stellte fest, dass diese zutreffend waren, auch wenn sie in den Leitmedien selten bis gar nicht vorkamen. Darüber hinaus zeigte sich, dass die interviewten Männerrechtler keine Fanatiker waren, sondern lediglich dafür plädierten, dass die Geschlechterdebatte beiden Seiten gerecht 138 Vgl. ausführlicher Hoffmann, Arne: Fachhochschule Nürnberg: Redefreiheit für Monika Ebeling durchgesetzt. Online veröffentlicht am 3.5.2012 unter http://cunc ti.net/machbar/158-fachhochschule-nuernberg-redefreiheit-fuer-monika-ebelingdurchgesetzt. Monika Ebelings Vortrag steht online unter https://geschlechterdemokratie.files.wordpress.com/2012/05/vortrag-ebeling-ohm.pdf. Siehe hierzu auch mein Interview mit Monika Ebeling in der vorliegenden Anthologie. Die Probleme, vor denen wir stehen 73 werden solle. Die interviewten Feministinnen hingegen waren an den Anliegen der Männer komplett desinteressiert. Die Positionen der Männerrechtler taten die interviewten Feministinnen erst recht in Bausch und Bogen ab und vertraten die Auffassung, dass man diese Menschen auf keinen Fall zu Wort kommen lassen sollte. „Cry me a river!“ (in etwa: „Heult doch!“) höhnte eine Redakteurin des Ms.-Magazins und Direktorin der Feminist Majority Foundation als Reaktion auf die Anliegen männlicher Opfer und der Aktivisten, die sich für sie einsetzten. Die Fertigstellung von „The Red Pill“, so der Titel des Films, drohte zunächst zu scheitern, als die feministische Fraktion erkannte, dass Jaye sich dazu durchgerungen hatte, statt der erhofften Propaganda gegen die Männerrechtsbewegung eine faire Darstellung beider Lager zu erzielen, worauf sie dem Film finanzielle Unterstützung versagten. Jaye war allerdings nicht bereit, ihre journalistische Integrität aufgrund finanziellen Drucks zu opfern. Sie startete eine Online-Spendenkampagne, bis eine hochwertige Produktion des Films gesichert war. Zu den zahlreichen männerpolitischen Anliegen, die der Film behandelt, gehören die hohen Raten an Selbsttötung unter Jungen und Männern, die fehlende Unterstützung für männliche Opfer von häuslicher Gewalt, die hohe Rate an Männern, die durch ihren Beruf zu Tode kommen, der Zwangseinzug zum Militär, Falschbeschuldigungen sexueller Gewalt, Benachteiligungen beim Erhalten des Sorgerechts, die Vernachlässigung von Männergesundheit durch verantwortliche Stellen, höhere Strafen für Männer vor Gericht bei gleichem Vergehen, gesellschaftlich akzeptierte Männerfeindlichkeit, Genitalverstümmelungen bei Jungen und vieles andere mehr. „Es gibt da draußen einen Ozean des Leidens“ erklärte einer der von Jaye befragten Aktivisten. Als Cassie Jayes Dokumentation schließlich in den ersten Kinos vorgeführt wurde, bestand die Reaktion vieler Kritiker darin, ihn entweder totzuschweigen oder zu verreißen. Die New Yorker „Village Voice“ weigerte sich, auch nur eine kleine Anzeige für den Film zu drucken. Jaye wurde vorhergesagt, dass sie mit diesem Film „Karriereselbstmord“ begangen hätte. Dem unbenommen erntete die Dokumentation aber auch mehrere sehr positive Rezensionen. In einem Beitrag der Huffington Post etwa heißt es: „Wir werden hier Zeuge von massiven Fehlinformations- Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 74 Kampagnen, die über traditionelle Medien und die Plattformen der sozialen Medien geführt werden. ‚The Red Pill‘ ist eine bahnbrechende Dokumentation, die unser eigenes Maß an Mitgefühl für Männer und Jungen ergründet und sachkundig die allgemein akzeptierte Erzählweise von der Geschlechterkluft in Frage stellt, an der einige von uns so verzweifelt festhalten möchten.“ Im populärwissenschaftlichen Magazin „Psychology Today“ berichtet Marty Nemko über eine Vorführung dieses Films: „Sie fragen sich vielleicht: Warum berichten Männer nicht öfter über all diese Dinge? Meine Antwort: Das versuchen wir. Als Warren Farrell etwa noch zu den Direktoren der National Organization for Women in New York City gehörte, wurden seine Kommentare und Artikel unter anderem von der New York Times veröffentlicht. Aber sobald er Beiträge zu schreiben begann, die die Perspektive von Männern zeigen, geschieht das kaum noch. Meine eigenen Versuche wurden ebenso zurückgewiesen. All die angesehenen Menschen, die ich kenne und die versuchen, Fairness für Männer zu erreichen, berichten von allgegenwärtiger Zensur und einer geschlechtsbezogenen Doppelmoral. (…) Das Publikum erhob sich von den Sitzen, um dem Film einen langen Beifall zu spenden und viele blieben in der Lobby des Kinos, um sich, oft unter Tränen, mit ihren eigenen Problemen zu öffnen. Wieder und wieder habe ich Männer ihre Dankbarkeit dafür ausdrücken hören, dass jemand dem Schmerz, dem sie fühlten, endlich eine Stimme verlieh.“ Ein Autor der Website „Acculturated“, die sich mit Popkultur beschäftigt, urteilte: „Intellektuelle Bescheidenheit – das Eingeständnis, dass die Wahrheit wichtiger ist als die eigene Version davon – erfordert nicht nur die Bereitschaft, sich Argumente der Gegenseite anzuhören, sondern auch, den eigenen Standpunkt zu ändern, wenn man erkennt, sich zu irren. Es gibt nur einen knappen Vorrat dieser Eigenschaft, und sie wird in unserem Zeitalter der Arroganz leider unterbewertet. Die Filmemacherin und frühere Feministin Cassie Jaye besitzt diese Eigenschaft nicht nur, sondern wagte es sogar, den tiefgreifenden Wandel ihrer Sicht der Welt zu dokumentieren.“ Jayes Dokumentation wurde auf dem Internationalen Idyllwild-Filmfestival zum besten Film gewählt sowie für seine exzellente Produktion und Regie mit zwei Mary Austin Awards gekrönt. Bei dem DigiFest 2017 wurde er in der Kategorie „Women in Film“ preisgekrönt. Dem unbenommen gab es weltweit immer wieder Versuche von feministischen Aktivisten, die Kinovorführung des Films zu unterbinden. Im australischen Melbourne etwa überzeugte eine Online-Petiti- Die Probleme, vor denen wir stehen 75 on das dortige Palace Kino, eine Vorführung abzusagen. Als der Film einen anderen Ort fand, wo er gezeigt werden konnte, ging eine neue Petition mit der Forderung online, einer so offenkundigen Frauenhasserin wie Cassie Jaye die Einreise nach Australien zu verweigern. Im kanadischen Calgary zeigte ein Kino den Film zwar, rief aber gleichzeitig zu einer Protestveranstaltung dagegen vor seinem Eingang auf. In Deutschland machten die „Netzfrauen“ Stimmung gegen den Film. Aus vielen dieser Proteste gegen den Film geht hervor, dass die feministischen Kritiker ihn nie gesehen hatten – ihnen fehlte oft schlicht die Möglichkeit dazu –, sondern sich lediglich an Gerüchten über „Frauenhass“ orientierten, der von diesem Film ausgehe. Dabei wurden sie Opfer und zugleich Träger einer Propaganda, die sich schon seit Jahren gegen die Männerrechtsbewegung insgesamt richtet (womöglich auch, weil manche befürchten, es handele sich bei dieser Bewegung um ein komplementäres Spiegelbild des radikalen Feminismus mit seinen vielfältigen Abwertungen von Männern). Ironischerweise sorgte gerade diese Propaganda gegen den Film für eine größere Aufmerksamkeit von Journalisten, die Cassie Jaye zu ihrem Film interviewten und dabei dieselbe Erfahrung machten, die Jaye zuvor mit der Männerrechtsbewegung gemacht hatte: dass all die ätzenden Verunglimpfungen, die über sie ausgekippt wurden, mit der Wahrheit nicht in Einklang zu bringen waren. Aufschlussreich ist ein Vortrag, den Cassie Jaye unter dem Titel „Meeting the Enemy. Coming to Terms With the Men’s Rights Movement“ über die Entstehung ihres Filmes hielt.139 Jaye schildert darin, mit welchen immensen Vorurteilen sie ihre ersten Interviews mit Männerrechtlern geführt habe, weil diese in den Medien so nachdrücklich als Frauenfeinde diffamiert worden waren. Als sie jetzt den Männerrechtlern zuhörte, habe sie regelmäßig auf entsprechende Herabsetzungen gewartet und konstant erwartet, Kontra geben zu müssen. Da sie aber wusste, wie wichtig es für professionelle Interviews sei, den Redefluss des Befragten nie zu unterbrechen, habe sie lange Zeit einfach nur zugehört. Beim Verschriftlichen dieser Statements habe sie sich automatisch noch 139 Eine Aufzeichnung der Rede, die Jaye auf dem TEDx-Panel hielt, steht online unter https://www.youtube.com/watch?v=3WMuzhQXJoY. Eine sehr ähnliche Rede hatte Jaye zuvor beim Institute of Noetic Sciences gehalten, vgl. https://www.youtube .com/watch?v=iCgQAiy21dA&t=1s. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 76 intensiver damit auseinandergesetzt, so dass sie schließlich feststellen musste, dass die angeblich so virulente Frauenfeindlichkeit durchgehend fehlte. So habe sie gelernt, Männerrechtler immer weniger als Feind und immer mehr als Menschen wahrzunehmen. Bei den Reaktionen auf ihren Film sei es ihr selbst dann exakt so gegangen wie den interviewten Männerrechtlern: Statt dass man sie gefragt habe, wie man Jungen und Männern am besten helfen könne, ging sämtliche Zeit immer wieder darauf verloren, dass sie sich gegen die Unterstellungen gegen sie verteidigen musste: „Ich wurde Opfer einer gezielten Schmierenkampagne nur weil ich zugehört habe und weil ich anderen Menschen erlaubt habe zuzuhören.“ Weiter führt sie in ihrem Vortrag aus: „Wenn ich diesen Film nicht gemacht hätte und hören würde, dass es eine Dokumentation über Männerrechtler gibt, die sie nicht als Monster darstellt, hätte ich auch gegen die Vorführung des Films protestiert oder eine Petition dagegen unterzeichnet. Weil man mir erzählt hat, dass sie meine Feinde wären. Man hat mir erzählt, sie wären gegen die Gleichberechtigung von Frauen. Aber alle Männerrechtler, die ich getroffen habe, unterstützen Frauenrechte. Sie fragen nur: Warum schert sich unsere Gesellschaft nicht um die Rechte von Männern?“ Die größte Herausforderung, der sie im Zusammenhang mit ihrem Film begegnet sei, seien allerdings nicht ihre Verunglimpfungen durch Journalisten gewesen, obwohl auch diese mitunter widerwärtig wurden. „Die größte Herausforderung, die sich mir stellte, war, die Schichten meiner eigenen Vorurteile abzutragen. Wie sich herausstellte, hatte ich meinen Feind getroffen. Es war mein Ego, das mir sagte, dass ich Recht hatte und diese Leute Untermenschen waren. (…) Wenn wir Geschlechtergerechtigkeit ernsthaft diskutieren wollen, müssen wir alle Stimmen an den Tisch einladen. Aber das ist nicht das, was passiert. Männergruppen werden kontinuierlich verunglimpft, als Hassgruppen verleumdet, und ihre Stimmen werden systematisch zum Schweigen gebracht. Glaube ich, dass eine der beiden Bewegungen sämtliche Antworten hat? Nein. Männerrechtler sind nicht ohne Fehler. Feministinnen auch nicht. Aber wenn eine Gruppe zum Schweigen gebracht wird, ist das ein Problem für uns alle. Wenn ich irgendjemandem in unserer Gesellschaft einen Ratschlag geben darf: Wir müssen aufhören zu erwarten, dass wir beleidigt werden. Und wir müssen beginnen, wahrhaftig, offen und ernsthaft zuzuhören. Das wird dazu führen, dass wir ein größeres Verständnis für uns selbst und andere entwickeln, mehr Mitge- Die Probleme, vor denen wir stehen 77 fühl füreinander und dass wir zusammen an Lösungen arbeiten. Es fängt damit an, dass wir einander zuhören.“ Jaye bezeichnet sich ihrer Rede zufolge inzwischen nicht mehr als Feministin – und zwar nicht etwa, weil sie bei ihrer Recherche so viel über die Probleme von Männern gelernt hat, sondern weil sie bei ihrer Beschäftigung mit Feministinnen so viel über den Feminismus lernte: Die Verächtlichkeit, mit der feministische Wortführerinnen das Leiden von Männern in den Interviews mit Cassie Jaye beiseite wischten, schreckte Jaye zuletzt von dieser Bewegung ab: „Denn wie könnte ich Teil einer Bewegung sein, die nicht bereit ist zuzuhören, die nicht möchte, dass ich zuhöre und die nicht möchte, dass andere Menschen zuhören?“ Diese Entwicklung, die Jaye machte, ist vergleichsweise häufig. Nicht wenige Männerrechtler einschließlich mir selbst sind ehemalige Feministen. Auch in meinen Büchern setze ich mich immer wieder auch für Frauen ein. Beispielsweise ging ein Viertel des Autorenhonorares meines 2006 erschienenen Buches „Die Sklavenmädchen von Wiesbaden“ an die Organisation Solwodi, die Opfer von Zwangsprostitution unterstützt. In meinem Buch „Nummer Sicher“ erkläre ich bezugnehmend auf Fachliteratur, wie sich Frauen vor sexueller Gewalt schützen können, wie Männer vermeiden können, zum Täter zu werden, oder wie sie einer Frau, die Opfer geworden ist, am besten beistehen können. In meinen Ratgebern „Das Gesetz der Eroberung“ und „Das Kamasutra am Arbeitsplatz“ befinden sich ausführliche Passagen mit Hinweisen zur Vermeidung von sexueller Belästigung. Aber sobald ich etwa in einer Talkshow wie „Anne Will“ zur Sexismusdebatte sehe, wie leichtfertig dort die berechtigten Anliegen von Männern beiseite gewischt werden, sinkt manchmal meine Motivation, mich auch für das andere Geschlecht einzusetzen. Die emotionale Reaktion „Dann macht euren Scheiß doch allein“ liegt nahe. Ich muss mir dann immer wieder erst willentlich ins Bewusstsein rufen, dass die Opfer sexueller Gewalt nichts für die narzisstische Egozentrik deutscher Journalistinnen können. Das führt zu einer zentralen Frage: Inwiefern unterbinden Aktionen wie „Aufschrei“ und „MeToo“ Empathie mit den Opfern und wie kann man diesem Prozess entgegenwirken? Meines Erachtens ließe sich dieses Problem beheben, wenn, um mit Ken Wilber zu sprechen, Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 78 die in selbstgerechtem Narzissmus kollabierte Bewusstseinsstufe „Grün“ ihre Heilung zulässt und beispielsweise aufhört, ideologisch nicht opportune Opfer gesellschaftlicher Missstände auszugrenzen. Der Weg dorthin ist sicher noch holprig und übersät mit Hindernissen, aber immer mehr Menschen sind trotzdem bereit, die Strapazen dieser Reise auf sich zu nehmen. So stellt ein Artikel aus dem Jahr 2017 die Frauen in der Männerbewegung von Denver vor, darunter die Feministin „Gloria“, die zugleich Mitglied bei einer Männerrechtsgruppe ist, sowie die radikale linke Transsexuelle „Lexie“. Gloria betrachtet Feminismus und Maskulismus nicht als gegeneinander gerichtete Bewegungen, sondern glaubt, dass sie beim Thema Gender erfolgreich zusammenarbeiten können. Lexie weist darauf hin, dass Männer eher als entbehrlich betrachtet werden als Frauen, dass unsere Gesellschaft sie weniger ernst nimmt, wenn sie missbraucht oder verletzt werden, während Frauen größeren Schutz genießen. Sie vergleicht die jetzige Phase der Männerrechts- mit der frühen Phase der Schwulenbewegung, beispielsweise was Victim Blaming angeht: „Wenn man den Menschen Statistiken über die hohe Zahl an Selbstmorden unter Schwulen gezeigt hat oder die hohe Zahl von Homosexuellen, die von sexuell übertragbaren Krankheiten betroffen waren, hieß es, die Betroffenen seien selbst daran schuld. Und heute sagen das die Leute, wenn man über die hohe Rate von Männern unter den Selbstmördern oder den Häftlingen spricht.“ Alexis de Coning, eine weitere dieser männerpolitisch aktiven Frauen, findet, dass Feministinnen und Männerrechtler sehr ähnliche Themen beackern, auch wenn sie sich diesen Themen von unterschiedlichen Ecken nähern.140 Noch wird der maskulistische Ansatz, beiden Geschlechtern gerecht werden zu wollen, von Feministinnen vielfach als „antifeministisch“, „antiemanzipatorisch“ und „frauenfeindlich“ angegriffen. In seiner regelmäßigen taz-Kolumne „Dumme weiße Männer“ etwa sortiert Lalon Sander Männerrechtler mit Verschwörungstheoretikern, Klimawandelleugnern und Onlinetrollen zu jenen Menschen ein, die „Sand 140 Vgl. Schlossberg, Josh: The Women of Denver’s Emerging Men’s Rights Movement. Online seit dem 19. September 2017 unter https://303magazine.com/2017/09/ women-denvers-emerging-mens-rights-movement/. Die Probleme, vor denen wir stehen 79 im Getriebe des Fortschritts der Welt“ seien.141 Eine Begründung dafür hat er nicht nötig; es scheint für ihn eine Selbstverständlichkeit zu sein. Veranstaltungen von Männerrechtlern werden von feministischer Randale bis hin zu gewaltsamen Übergriffen begleitet. Sogar als im April 2013 die Geschichtswissenschaftler Paul Nathanson und Katherine Young an der Universität Toronto ihren Vortrag „Von Frauenfeindlichkeit und Männerfeindlichkeit zum Dialog zwischen den Geschlechtern“ hielten, war es zuvor zu Gewaltdrohungen von militanten Mitgliedern der feministischen Bewegung gekommen und die beiden Wissenschaftler konnten nur unter dem Schutz von über einem Dutzend Polizisten die Veranstaltung durchführen.142 Die Richtlinien, die von Männerrechtlern als Reaktion auf die Gewaltdrohungen herausgegeben wurden, lauteten, falls man als Besucher einer solchen Veranstaltung angegriffen werde, solle man sich auf keinen Fall zu körperlicher oder verbaler Gegenwehr verleiten lassen, sondern sich lediglich schützen und zurückziehen sowie nötigenfalls die Polizei verständigen. Jeder, der Gewalt provoziere oder zu ihrer Eskalation beitrage, werde augenblicklich und für immer aus den Reihen der beteiligten Männerrechtler ausgeschlossen.143 Ich selbst habe an zwei Genderkongressen in Deutschland teilgenommen, die zum Ziel hatten, die Geschlechterdebatte ganzheitlich anzugehen und die Anliegen beider Geschlechter in den Blick zu nehmen. Beim ersten Kongress, ausgerichtet 2015 in Nürnberg, verwüstete ein Trupp Feministinnen die Vorhalle des Veranstaltungsraums, warf Tische um, zerriss Flyer und stahl eines meiner ausliegenden Bücher. Beim Zweiten Deutschen Genderkongresses, am 13. Mai 2017 eben- 141 Vgl. Sander, Lalon: Das Jahr des weißen Mannes: In: tageszeitung vom 5.1.2016, online unter http://www.taz.de/!5266052. 142 Vgl. Elam, Paul: Militants threaten violence at University of Toronto Thursday. In: A Voice for Men vom 2.4.2013 unter http://www.avoiceformen.com/university-of-toronto-and-men/militants-threaten-violence-at-university-of-torontothursday sowie Hembling, John: Did You Know Women Hold Up the Sky? In: A Voice for Men vom 5.4.2013 unter http://www.avoiceformen.com/university-oftoronto-and-men/did-you-know-women-hold-up-the-sky/ 143 Vgl. Elam, Paul: Militants threaten violence at University of Toronto Thursday. In: A Voice for Men vom 2.4.2013 unter http://www.avoiceformen.com/university-of-toronto-and-men/militants-threaten-violence-at-university-of-torontothursday/. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 80 falls in Nürnberg, ging es ähnlich zu: Gerade als wir auf der Terrasse der Meistersingerhalle dem Vortrag einer Referentin zuhörten, erschien eine Gruppe randalierender Feministinnen und Feministen, die in hoher Lautstärke Musik spielten und begannen, den Boden hinter der Halle mit der Parole „FUCK ARNE HOFFMANN“ zu besprühen. Sowohl die betroffene Referentin als auch ich selbst versuchten, mit den Protestlern ins Gespräch zu kommen, erhielten aber nur als Antwort, dass sie sich mit uns nicht unterhalten wollten. Die Protestler lieferten sich Rangeleien mit dem Sicherheitspersonal, bei denen ich deeskalierend einzuwirken versuchte. Etwas später feierten die Randalierer auf einer Internetseite ihren Triumph. Entsprechende Übergriffe gibt es inzwischen immer wieder, wenn sich Autoren oder Redner nicht ausdrücklich feministisch positionieren. Über ein solches Vorkommnis berichtete Mitte 2018 die Schriftstellerin Tina Übel in der Zeit: „Ich veranstalte mit einer Kollegin Lesungen, zu Gast unlängst Harald Martenstein mit seinem aktuellen Kolumnenband. Alarmiert davon, dass ein solches Buch inzwischen als Vorwort eine Gebrauchsanweisung für Ironie braucht, bestelle ich wohlweislich für den Abend einen Freund ein, der Kung-Fu kann. Ich weiß schon, warum: Inmitten der Lesung spaziert eine Gruppe schwarz uniformierter junger Menschen, vier Frauen, ein Mann, in den Saal – identische schwarze Bomberjacken, jeweils ein silbernes Emblem auf der linken Brust. Setzt sich in die letzte Reihe, beginnt zu pöbeln und Parolen zu schreien. Martenstein lädt höflich dazu ein, auf die Bühne zu kommen und zu diskutieren. Zurückgebrüllt wird ‚Frauenfeind‘ oder Ähnliches, ich stehe auf und sage, ich, Frau, und meine Kollegin, Frau, sähen das anders, und wir hätten Martenstein eingeladen, man spreche bitte nicht in unserem Namen, gehe aber gern auf die Bühne und spreche im eigenen. Der Minimob zieht pöbelnd ab, mein Kung-Fu-Beauftragter hat die richtige Ahnung: Im Vorraum, dort, wo sich die Leute nach der Lesung ihre Zigarette anzünden, steht des Winters ein Heizofen mit einer großen Gasflasche, und, ja, natürlich, unsere sympathischen Social-Justice-Warriors haben die Flasche aufgedreht und das Ventil rausgerissen, damit Gas ausströmt.“144 Solchen Taten wird auch der Weg bereitet, wenn eine meinungsbildende Feministin wie Antje Schrupp in der Frankfurter Rundschau darüber 144 Vgl. Übel, Tina: Der große Verlust. Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt. In: Zeit Nr. 25/2018, online seit dem 13.6.2018 unter https://www.zeit.de/2018/25/politische-korrektheit-einflussschriftstellerin-tina-uebel/komplettansicht. Die Probleme, vor denen wir stehen 81 spekuliert, ob der Feminismus mehr „Militanz“ benötige, um beispielsweise einer „antifeministischen Agenda“ zu begegnen.145 Mit der Ethik einer liberalen Demokratie lässt es sich indes nicht vereinbaren, abweichenden Meinungen mit Gewalt zu begegnen. Selbst wenn man aber Aspekte der politischen Moral übergehen würde, tut der Maskulismus gut daran, wenn er derartige feministische Tendenzen nicht spiegelt: So arbeiteten Erica Chenoweth und Maria Stephan in ihrem aktuellen Buch „Why Civil Resistance Works“ (Columbia University Press 2012) heraus, dass etwa drei Viertel der gewaltfreien Bewegungen etwas oder alles von dem erreichten, was sie wollten, verglichen mit nur etwa einem Drittel der gewalttätigen Bewegungen. Eine Abkehr von der vorbildlichen Haltung klassischer linker Vordenker wie Adorno, Chomsky und Foucault stellt die Unterdrückung missliebiger Meinungsäußerungen ohnehin dar.146 Insofern ist es längst überfällig, dass feministische Wortführerinnen den aus den eigenen Reihen ausgehenden Terror gegen An- 145 Vgl. Schrupp, Antje: Darf ’s ein bisschen militanter sein? In: Frankfurter Rundschau vom 9.11.2018, online unter http://www.fr.de/politik/gender/feminismus/frauenrechte-darf-s-ein-bisschen-militanter-sein-a-1617222. 146 Einige Beispiele: – Als im Jahr 1968 eine Gruppe von Studenten mit extremen Ansichten und geringer Wertschätzung für die Meinungsfreiheit die Lehrveranstaltung eines anderen Dozenten gestört hatte, den sie für politisch rechts hielten, indem sie diesen niederbrüllten und daran hinderten seine Vorlesung zu halten, nutzte Adorno die nächste Gelegenheit um in seiner eigenen Vorlesung, bei der einige Leute dieser studentischen Gruppe anwesend waren, den Vorfall anzusprechen, dieses Verhalten zu kritisieren und die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Daraufhin begannen einige Studenten aus dieser Gruppe auch bei ihm Lärm zu machen. Adorno beharrte auf der Meinungsfreiheit und dem Prinzip der rationalen Diskussion: „Ich möchte aber doch noch ein Wort in einer akademischen Angelegenheit Ihnen sagen. Das bezieht sich auf die Vorgänge im Zusammenhang mit meinem Kollegen Stern. Ich möchte dem vorausschicken, dass Herr Stern vor Jahren mich selbst als marxistischen Literaturkritiker scharf angegriffen hat Ich möchte dem hinzufügen, dass dann Herr Stern in voller Freiwilligkeit sich für diese Angriffe bei mir entschuldigt hat (…). Ich möchte weiter sagen, dass selbstverständlich zwischen den Auffassungen von Herrn Stern und mir fundamentale Gegensätze bestehen, die völlig unverschleiert sind (…). Aber dies vorausgeschickt, finde ich doch dass die Methode dass man einem akademischen Lehrer nicht mehr die Möglichkeit gibt, ungestört seine Lehrmeinung zu vertreten und in Freiheit seine Gedanken auszudrücken, etwas ist, was mit Freiheit von Repression, mit Mündigkeit und mit Autonomie nicht zu vereinbaren ist. Und ich glaube, dass ich gerade wegen der sachlichen Differenzen, die in diesem Fall bestehen, besonders dazu legitimiert bin, Ihnen zu sagen, und (…) auch Sie darum zu bitten, dass diese Art des Kampfes in dem Kampf um die Reform der Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 82 dersdenkende anprangern, statt ihn stillschweigend hinzunehmen oder sogar noch weiter Öl ins Feuer gießen. Über Fälle, bei denen Feministinnen Einrichtungen und Anlaufstellen unterbunden haben, die Männern zugute kommen sollen, gibt es inzwischen lange Listen.147 Anstatt das Angebot zum Dialog aufzunehmen, geben sich feministisch geprägte Parteien wie der SPD und den Grünen sowie ihre Stiftungen verbalen Attacken auf Männerrechtler hin. Auch deshalb sind viele linke Männer Universität und auch in dem Kampf um gesellschaftliche Veränderungen vermieden wird. (…) Ich kann unmöglich mit diesen Dingen mich identifizieren, und mein Standpunkt ist darin mit dem ganz und gar identisch, wie Habermas ihn in seinen berühmt gewordenen Thesen auch entwickelt hat (starkes Zischen). Ich glaube, ich wäre … ja, meine Damen und Herren (anhaltendes, starkes Zischen), meine Damen und Herren, es tut mir … es tut mir außerordentlich leid, aber ich glaube, dass, wenn man Ansichten, die einem aus irgendeinem Grund nicht behagen, wenn man diese Ansichten niederzischt, dass das dem Begriff der Diskussion widerspricht, und ich glaube, immerhin mir ein Recht erworben zu haben, mit Ihnen über solche Dinge zu diskutieren und nicht mich solchen Mitteln des Protests auszusetzen. Sie wissen, dass ich mich – nun weiß Gott – der Diskussion über alle diese Dinge niemals entzogen habe, ich werde mich dem auch weiter nicht entziehen, aber dann muss man wirklich auch diskutieren und darf nicht versuchen, durch bloße Bekundungen der Mißbilligung diese Dinge abzuschneiden.“ Vgl. Adorno, Theodor: Einleitung in die Soziologie, Suhrkamp, 2015, S. 257 f. – Noam Chomsky erklärte: „Wenn man an die Redefreiheit glaubt, dann ist das eine Redefreiheit für Meinungen, die einem nicht gefallen. Goebbels war auch für die Redefreiheit – bei Ansichten, die ihm passten. Stimmt´s? Stalin genauso. Wenn Sie also für Redefreiheit eintreten, dann bedeutet das die Freiheit, eine Meinung zu äußern, die Sie widerlich finden. Andernfalls wären Sie überhaupt nicht für Redefreiheit. Zur Redefreiheit kann man nur zwei Haltungen einnehmen, und jeder trifft seine Wahl.“ Vgl. Chomsky, Noam: Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung. Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens, Marino, 1996, S. 184. – Michel Foucault befand in diesem Zusammenhang: „Ich will keine Kritik vorbringen, welche die anderen daran hindert zu sprechen, ich will nicht in meinem Namen einen Terrorismus der Reinheit und der Wahrheit ausüben. Ich will auch nicht im Namen der anderen sprechen und mir anmaßen, das, was sie zu sagen haben, besser zu sagen. Meine Kritik hat das Ziel, es anderen zu ermöglichen zu sprechen, ohne dem Recht zu sprechen, das sie haben, Grenzen zu setzen.“ Vgl. Foucault, Michel: Die Antworten des Philosophen, Gespräch mit C. Bojunga und R. Lobo, 1975. In: Michel Foucault – Dits et Ecrits. Schriften 1970 – 1975, Zweiter Band, Suhrkamp, 2002, S. 1016. 147 Vgl. beispielsweise Schmidt, Christian: Wie Feministen und andere Frauenorganisationen aktiv zu verhindern versuchen, dass eine Hilfe für Männer aufgebaut wird. Online seit dem 16.12.2017 unter https://allesevolution.wordpress.com/ 2017/12/16/wie-feministen-und-andere-frauenorganisationen-aktiv-zu-verhinde rn-versuchen-dass-eine-hilfe-fuer-maenner-aufgebaut-wird. Die Probleme, vor denen wir stehen 83 zu anderen Parteien abgewandert, und gerade die SPD musste lernen, dass Hochmut oft vor dem Fall kommt. Die Kritik des französischen Literaturnobelpreisträgers, Existenzphilosophen und freiheitlichen Sozialisten Albert Camus, die dieser seinerzeit an den dogmatischen Teilen der französischen Linken übte, erscheint auch für den zeitgenössischen Anteil dogmatischer Linker angemessen: „Der Konformismus findet sich heutzutage bei der Linken, das lässt sich nun einmal nicht abstreiten. Es stimmt, dass die Rechte nicht eben ein leuchtendes Vorbild gibt. Aber die Linke ist ausgesprochen dekadent, gefangen in Worten, nur noch stereotyper Antworten fähig, sie klebt auf der Leimrute der Formeln, und versagt unablässig angesichts der Wahrheit (…). Die Linke ist schizophren und muss Heilung suchen – in unerbittlicher Kritik, Übung des Herzens und Festigkeit der Überlegung und auch ein wenig Bescheidenheit.“148 Auch der französische Philosoph Jacques Derrida betonte stets die Wichtigkeit einer undogmatischen und diskussionsoffenen Haltung: „Wenn man beleidigt, denunziert, und Petitionen unterschreibt, wo es eigentlich darum ginge, Vorschläge zu diskutieren oder Gegenvorschläge zu machen, irrt man nicht nur im Ziel, und ist nicht bloß unfähig den Stellenwert eines Textes herauszulesen und anzuerkennen. Man gibt vielmehr ein katastrophales Beispiel, egal, ob es sich dabei nun um Philosophie oder Politik handelt.“149 Schon vor fast zwanzig Jahren, im Oktober 1999, brachte die berühmte US-amerikanische Feministin Susan Faludi ihr Buch „Männer – das betrogene Geschlecht“ heraus. Darin stellt Faludi auch Männer als Opfer einer Konsumkultur dar, in der sie nach Einkommen und Aussehen beurteilt werden. Aber der feministische Beifall blieb diesmal aus, und das Buch wurde kein Bestseller. „Viele Frauen sind unversöhnlicher, als ich dachte“, zitierte damals die Frauenzeitschrift Amica Faludi. „Sie wollen den Mann als Allzweckfeind behalten, dem sie die Faust ins Gesicht schütteln können.“150 Dieses Bedürfnis und seine politische Instrumentalisierung scheint ein zentrales Hindernis dabei dazustellen, 148 Vgl. Camus, Albert: Der Sozialismus der Galgen. In: Albert Camus: Verteidigung der Freiheit. Politische Essays, Rowohlt, 2016, S. 119. 149 Vgl. Derrida, Jacques: Nochmals: Vom Recht auf Philosophie. In: Jacques Derrida: Auslassungspunkte: Gespräche. Passagen Verlag 1992, S. 333. 150 Vgl. Winnemuth, Meike: Wisch und weg. In: Amica Nr. 3/2000, S. 81 -86. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 84 sich auch Männern empathisch zuzuwenden. Braucht der Feminismus dieses Feindbild? „Massenbewegungen können ohne den Glauben an Gott entstehen und sich ausbreiten“, befand einmal der Moralphilosoph Eric Hoffer, „aber niemals ohne den Glauben an einen Teufel.“ 151 Momentan nehmen wir Männerrechtler im Auge vieler Feministinnen diese Teufel-Rolle ein. Das wiederum erzeugt bei manchem Männerrechtler Unmut, und so kommt es statt zu Zusammenarbeit zu Konflikten – zumal sich die Aggressionen gegen Männerrechtler auf der Basis von Aggression gegen Männer im Allgemeinen entwickelt hat. In einem Forenkommentar schilderte ein Männerrechtler kürzlich, welche Reaktion diese unaufhörlichen Angriffe bei ihm auslöse. Er sehe nämlich keinen Grund, sich unbedingt sachlich zu verhalten in einer Gesellschaft, die ihn unentwegt mit so inhumanen und monströsen Slogans bombardiere wie „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden“, „Eine Krankheit namens Mann“ und „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“ und in der selbst das faschistische „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung für Männer“ als Theaterstück für Schulkinder vorgeführt werde. Sobald aber vereinzelte Männerrechtler unter diesem Dauerfeuer verbal die Contenance verlieren, wird das sofort als Munition für die Propaganda verwendet, dass die gesamte Bewegung für Geschlechtergerechtigkeit des Teufels sei. Vielleicht könnte man die skizzierten Einstellungen aber auch entspannter sehen und im Sinne Ken Wilbers als evolutionären Prozess wahrnehmen. Wilber weist darauf hin, dass etwa auch Trump-Wähler nicht wirklich „böse“ sind, sondern dass es ihnen oft selbst am schlechtesten geht, wenn sie in ihrer Angst, ihrer Wut und ihrem Selbstmitleid gefangen sind. Während man Trumps Politik natürlich entgegen treten müsse, sei es nicht sinnvoll seine Anhänger mit demonstrativer Verachtung zu strafen und so nur noch aufgebrachter zu machen. Ein liebevoll-empathischer Vorgang trotz aller Meinungsverschiedenheiten sei zielführender. Kann man diese Gelassenheit auf die Geschlechterdebatte übertragen? 151 Vgl. Hoffer, Eric: The True Believer. Thoughts on the nature of mass movements. Harper 1951, S. 19. Die Probleme, vor denen wir stehen 85 Vermutlich sind die meisten Frauen heute genauso wenig Männerhasserinnen wie die Männer frauenunterdrückende Patriarchen, und es prägen nur immer jene Akteure das Gesamtbild der jeweiligen Gruppe, die unangenehm auffallen, weil ihre Entwicklung noch nicht so weit ist, wie man sich das wünschen würde. Wir könnten den Fundamentalisten beider Lager, die eine Kommunikation mit ihrem jeweiligen Gegenpart strikt ablehnen, auch einfach die Zeit lassen, die sie benötigen, während man mit den Personen die Zusammenarbeit aufnimmt, die ansprechbar sind. Was bleibt als Fazit? Sicherlich kann man es sich so wie bisher weiter einfach machen und bei Geschlechterpolitik vor allem darauf achten, was Frauen nutzt. Man kann sich das auch schönreden mit Rechtfertigungen wie „Nach Jahrtausenden der Frauenunterdrückung haben die Kerle das gar nicht anders verdient.“ Aber wäre eine solche Herangehensweise nicht vor allem ein Zeichen extremer intellektueller Faulheit? Wäre es nicht eine viel lohnendere und spannendere Herausforderung, politische Ansätze zu entwickeln, die beiden Geschlechtern gerecht werden, die also Frauen wie Männern nutzen? Der gesellschaftliche Wandel vollzieht sich in winzigen Tippelschritten, aber stetig. Während die vorliegende Anthologie fertig wird, erhalte ich einen Hinweis auf die Veranstaltung „Twogether: Men for Women, Women for Men“, die am 18. und 19. Oktober 2019 in Wien stattfinden soll.152 Die Veranstaltung transzendiert den sexistischen Slogan „He for She“ der Vereinten Nationen; stattdessen setzen sich dort zehn renommierte Frauen für Männer- und Jungenthemen sowie zehn renommierte Männer für Frauen- und Mädchenthemen ein. Mit an Bord sind drei Autorinnen der vorliegenden Anthologie. Das ist die Umsetzung von Integralem Antisexismus in der Praxis. Gemeinsame Lösungen entwickeln statt Geschlechterhass schüren: So sieht eine erwachsene Geschlechterpolitik der Zukunft aus. 152 Vgl. die Website der Veranstaltung unter https://twogether.wien/?fbclid=IwAR1f- Pqc6OXEAkzn8dXtvualhGlnrl6xocn7wYSjEk2QYPDUntWX1ADENuJI. Feminismus und Maskulismus: Feinde oder Partner? 86

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Zusammenfassung

Wie können Feminismus und Maskulismus zusammenwirken, um beide Geschlechter voranzubringen? Welche Chancen und Vorteile würden so entstehen? Warum stehen sich die beiden Bewegungen bislang oft als verfeindete Lager gegenüber, statt gemeinsam Synergien zu erzeugen? Und wie kann man als Frauen- oder Männerrechtler sein soziales Engagement beibehalten, ohne die immer stärker werdende Polarisierung unserer Gesellschaft noch zu fördern? Statt wie bisherige Bücher ein Plädoyer nur für die Anliegen eines Geschlechts zu führen, stoßen Feministen und Maskulisten sowie Mediatoren, Konfliktforscher und Paartherapeuten hier einen zukunftsweisenden, ganzheitlichen Ansatz an. Dabei reichen die facettenreichen Beiträge thematisch von der Berliner Regierungspolitik über Konflikte in den sozialen Medien bis zu Menschenrechtsverletzungen wie geschlechtsbezogener Gewalt. Auf dieser Grundlage entsteht konstruktive Diversität in einer Debatte, in der auch interkulturelle Blickwinkel nicht zu kurz kommen. Mit Beiträgen von Arne Hoffmann, Lucas Schoppe, Mithu Sanyal, Gerd Riedmeier, Sandra Hermann, Ingbert Jüdt, Maike Wolf, Wendy McElroy, Robin Urban, Dr. Hanna Milling, Monika Ebeling, Eilert Bartels, Professor Christina Hoff Sommers, Astrid von Friesen, Elinor Petzold, Dr. Katja Kurz und Jeannette Hagen.